Doch diese Ergründungen, wenn sie auch fern vom Wirklichkeitssinn der heutigen Wissenschaft zuliegen scheinen, sind einst mit nicht minder hohem Wirklichkeitssinn erforscht und zusammengetragen worden.
Ein Mensch, der sich abends zu Bett legt, weil er am Tage Geld verdient hat und müde wurde, und der dann fest schläft und morgens wieder aufsteht und wieder Geld verdient und abends wieder einschläft — er würde zum Beispiel nie beobachten können, daß die Sternstellungen sich nachts verändern. Und so werden ihm viele tausend andere Beobachtungen entgehen, die ihm nicht zufällig auf dem Weg seines Geldverdienens begegnen und sich ihm aufdrängen.
Deshalb aber darf dieser Mensch doch nicht behaupten wollen, weil er tausend Beobachtungen nicht selbst erlebte, die es außerhalb seines Berufsweges gibt, und die von anderen beobachtet werden können, welche sich das Weltergründen und Weltbeobachten zum Beruf gemacht haben, daß diese Dinge, die er nicht gesehen hat, überhaupt nicht bestehen.
Es wäre wohl ein Unsinn, zu behaupten, daß es keine Sterne gibt, weil einer, welcher mit den Hühnern schlafen ginge, niemals den Sternhimmel gesehen hätte.
Und so darf auch ein kluger Mensch und ein Mensch, der sich Schöpfer und Geschöpf zu gleicher Zeit fühlt, nicht blindlings nur auf sein Gegenwartsleben pochen, sondern er muß auch die Werte der Vergangenheit beobachten. Die Geheimwerte, die fremde Völker, fremde Jahrhunderte ergründeten, müssen auch bei jedem klugen Geiste Beachtung und Aufnahme finden. So wie wir die Taten der Geschichtewürdigen, müssen wir auch die Gedanken der okkultistischen Überlieferungen würdigen lernen, die nichts anderes sind als die Geschichtsereignisse des Denkens, Werte aus der Geschichte stiller, geheimer Beobachtungen, aus der Geschichte jener geheimen Wirklichkeiten, die scheinbar im Unwirklichen liegen und immer wiederkehren und immer weiterleben.
Ich meine natürlich nicht, daß jedermann sich in den Okkultismus vertiefen kann. Aber diejenigen, die sich zum Geistesadel der Nation zählen wollen, sollten doch, ehe sie rasche Urteile fällen, für die sie keine Vorkenntnisse haben, erst selbst den alten Überlieferungen nachdenken, ehe sie tiefste Natürlichkeiten für unsinnige Unnatürlichkeiten ausgeben.
Wie weit diese Geheimlehren nützlich sind und anwendbar aufs heutige Leben, dieses soll jeder sich selbst beantworten. Wer die Astrologie zu Rate ziehen will, dem sollte das unbeirrt und unbelacht freistehen. Dann erst ist unsere Zeit, die sich so gern die aufgeklärte nennt, wirklich würdig, aufgeklärt genannt zu werden, wenn sie durch keinen Spott mehr die Wege verstellt, die der jahrhundertalte Menschengeist gegangen ist.
Bei allen Gesprächen über Mystik, die ich mit den beiden Amerikanern pflegte und nach dem Tagesstudium im Lesesaal der britischen Sammlungen, fühlte ich mich doch oft recht einsam. Und das Glockenspiel einer Kirche, die in der Upper Wooburn Straße in jeder Stunde dieselbe Melodie anschlug und abspielte,kam oft süßlich und fad in mein stilles Zimmer und war wie in meinem Mund der langweilige Geschmack des Oatmealbreis, den ich morgens zu meinem Tee aß.
Ich sehnte mich sehr nach deutschem Wort und deutscher Laune, als mir eines Tages das Dienstmädchen bei meiner Heimkunft vom Lesesaal eine Visitenkarte reichte und sagte, der Herr, der die Karte abgegeben, wünschte, daß ich ihn besuche. Dieser Besucher war der deutsche Dichter Frank Wedekind.
Von Frank Wedekind waren damals erst nur wenige Werke erschienen. Ich hatte in München zwei Jahre vorher sein Drama „Frühlingserwachen“ gelesen. Die Schilderung einer grausigen Tragik, die heranreifende Kinder in Schule und Haus von törichten Lehrern und kaltblütigen Eltern erdulden müssen, hatte mich sehr erschüttert. Wedekind selbst kannte ich noch nicht. Als ich ihm dann meinen Gegenbesuch machte, sagte er mir, er habe meine londoner Adresse durch Otto Julius Bierbaum aus Berlin erhalten, die dieser wieder von Richard Dehmel erfahren hatte.
Wedekind und ich trafen uns danach öfters im Piccadillyhaus, das damals das einzige Kaffeehaus in London war, da es sonst nur Stehschenken, Tee- und Likörstuben gab.
Wedekind war eben nach einem längeren pariser Aufenthalt nach London gekommen. Seine Launen, so schien es mir, schwankten zwischen Weltbegeisterung und Weltverachtung.
Wenn ich aus den britischen Sammlungen kam oder von den neuidealistischen Gesprächen der beiden Amerikaner und Wedekind traf, war das ein seltsamer Gegensatz. Nachts in der Unionschenke, wo er zu finden war, bekam man nur Einlaß, wenn man in einer bestimmten Weise auf die Tür klopfte. Von außen war diese Schenke ein lichtloses Haus, und innen fand man in einem langen Gastraum eine sehr gemischte Kundschaft, Zirkus- und Varietékünstler, und Wedekind bei einem Toddy. Wenn er mir dann von seinen pariser Erlebnissen erzählte, indessen manches Mal neben uns eine Zirkustänzerin übermütig auf den Tisch sprang und unter dem Hallo der Gäste Cancan tanzte, dann war mir, als sei ich vor ein lebendes höllenbreuglsches Bild geraten.
Die Hölle hier war eigentlich harmlos. Aber der Gegensatz zwischen der nächtlichen Umgebung und meinen amerikanischen Freunden am Upper Wooburn Platz war kraß genug. Und ich, der ich bald ein Jahr lang in Skandinavien nur stummes Meer und stumme Steinwelt gewöhnt gewesen, war etwas verwundert über den überraschenden Szenenwechsel.
Der Frühling kam. Man merkte ihn aber in der Weltstadt nur erst an den Schaufenstern und an den Kunstausstellungen und an den über Nacht von den Gärtnern hingezauberten Tulpenbeeten im Regentpark und Hydepark. Jene Großgärten besuchte ich manchmal an den Konzerttagen, als eben die londoner Geselligkeitszeit eröffnet wurde. —
James hatte mich auf einen englischen Dichterkreis aufmerksam gemacht, der sich um den mir damals unbekannten Dichter Oscar Wilde versammelte. Der Amerikaner erzählte mir, Oscar Wilde hielte täglich zur Teestunde Empfänge ab in einem vornehmen Ausschank der Hydeparkstraße. Dieser Dichter habe in diesem Frühjahr die Mode der grünen Rose aufgebracht und trüge immer eine solche im Knopfloch. Der Amerikaner selbst kannte ihn nicht.
Aber da ich nichts von Oscar Wildes Dichtungen wußte, dachte ich nicht daran, ihn aufzusuchen, auch nicht, als ich im britischen Lesesaal Wildes „Salome“ gelesen hatte, die mir wie eine lüsterne Entwürdigung der alten guten Bibellegende vorkam. —
Ehe die Frühlingstage kamen, gab es noch ein paar schwere finstere Nebeltage, wobei der londoner Nebel wie ein dicker gelber Qualm die Mittage zur Nacht machte und in mir starke Sehnsucht nach Deutschland erweckte.
In diesen Nebeltagen stellte mir das amerikanische Ehepaar den irländischen Dichter Yeats vor, der damals in London lebte und der, wie sie, jenem Geheimbund angehörte. Auch dieser Mann hatte Verlangen nach neuen Idealen.
Yeats glaubte fest an verschiedene Geisterreiche zwischen Himmel und Erde, an Himmelsabteilungen, die von verschiedenen Geistergrößen bewohnt seien. Ähnlich, wie der Dichter Blake sie in seinen Dichtungen und Bildern dargestellt hatte. Yeats sagte mir: so wie es auf der Erde Könige, Beamten, Kaufleute und Tagelöhner gibt, so gibt es auch unter den unmittelbarenKräften, unter den Astralleibern, die ihre Körper nach dem Tod verlassen haben, Rangordnungen. Und die verschiedenen Geister, die in verschiedenen Körpern gewohnt haben, werden nicht plötzlich ein und derselbe Geist, sondern sind nach dem Tode ebenfalls in verschiedene Rangordnungen eingeteilt.
Es gibt in den Geisterreichen, sagte Yeats, Kraftunterschiede so gut wie in den Körperreichen. Er meinte, er habe das sichere Gefühl, daß die Geister seiner alten irischen Heimatgötter, die vor dem Christentum hatten zurückweichen müssen, noch in der Luft über Irland lebten und zurückgerufen werden könnten. Im irischen Landvolk lebten noch viele der alten Lieder und Sagen und wurden in den Winternächten vor den Feuern der Kamine vielfach erzählt und gesungen. Und Yeats hatte sich mit einem anderen irischen Dichter verabredet, sie wollten als Landsleute gekleidet von Dorf zu Dorf ziehen und den Glauben an die alten irischen Götter wieder erwecken, indem sie die irischen Heldengeschichten und die Götterlehren den Bauern erzählten. —
Im Drury Lane Theater in London wurde in derselben Zeit ein Yeatssches Stück gespielt, zu dessen Erstaufführung der Dichter das amerikanische Ehepaar und mich eingeladen hatte. Ich erinnere noch, daß das Stück die ganze literarische Welt von London anzog, und daß Aubrey Beardsley, der damals bekannt gewordene englische Maler, der eben sein „Yellow Book“ herausgegeben, den Theaterzettel gezeichnet hatte, und daß also das Stück ein künstlerisches Jahresereignis war.
Ich verstand aber von dem Schauspiel nichts und schrieb es der Frühlingsluft zu, daß meine Augen, während auf der Bühne gespielt wurde, zufielen. Ich sehe nur noch in der Erinnerung eine Dame vor einem großen Kaminfeuer in einem dunklen Gemach und hinter ihr ein mondscheinblaues Fenster. Was die Dame mit Geistern und lebenden Menschen sprach, kam aber nicht zu meinem Bewußtsein.
Als ich wieder aufwachte, wurde geklatscht. Vorher, ehe wir zu jener Vormittagsaufführung ins Theater gegangen waren, hatte die Sonne geschienen, und wir hatten einen Kreis der Yeatsschen Bekannten in einer Frühstückstube neben dem Theater getroffen, wo vom „Yellow Book“ Aubrey Beardsleys das erste Exemplar herumgereicht worden war.
Dann nach dem Theater war es grauheller Spätnachmittag draußen auf der Straße. Aus Frühlingswolken fiel Frühlingsregen, der mit lauwarmem Wasser über das londoner Pflaster lief.
Der Geist dieses eintönigen Frühlingsregens war neben mir in der Loge gesessen und hatte mich eingeschläfert. Ich schämte mich ein wenig, als der lange, blaßgesichtige, schwarzhaarige, irische Dichter uns fragte, wie uns sein Stück gefallen habe. Ich wußte ihm nichts zu antworten. Als wir dann zu Hause im schlichten Zimmer der Amerikaner am Kamin saßen und auf das Kochen des Teewassers warteten, fingen wir wieder an von den Geistern zu sprechen.
Hatte mich schon der Nebel herzschwach gemacht, der sich plötzlich unerwartet wie ein dunkler Knebelins Fenster steckte und mir den Atem beklemmte, so taten dies der Frühling und die Gespenstergespräche noch viel mehr. Und ich sehnte mich fort nach Deutschland, heftiger und heftiger. Ein paar kleine Zufälle trieben mich dann ganz plötzlich zur Abreise.
Eines Nachmittags war ich im Hydepark. Ich saß auf einem der Pfennigstühle am Rotten Row; viele Zuschauer hatten sich beim Nachmittagskorso niedergelassen. Leichte Landauer und schwere Kutschen, gelenkt von schmucken Herrn oder Damen, und bespannt mit rassigen Pferden, zogen ununterbrochen, als wäre ein allgemeines Wettrennen, vorüber.
Ich hatte eine Zeitung gelesen und sah auf und bemerkte ein sehr hübsches Gefährt aus hellem Holz, dessen lebhafte Pferde von einer jungen, sehr schönen Dame geführt wurden, die neben ihrem Stallburschen auf hohem Kutscherbock saß. Dame, Wagen und Pferde schienen zusammengehörig wie ein Geiger und seine Geige. Blitzend jagte das schöne Bild an mir vorbei. Ich bedauerte, daß es so schnell verschwunden war, und daß ich die Dame nicht nochmals sehen konnte.
Da höre ich ein Knattern, ein unheimliches Rasseln. Zugleich springen alle Leute, die neben mir sitzen, auf und steigen auf ihre Stühle, um über die Köpfe der Menschenmenge fortsehen zu können. Einen Augenblick schauten alle gespannt nach einer Richtung. Ich konnte mich nicht vor- und nicht rückwärtsbewegen, so schnell hatte sich eine Menschenmauer gebildet. Aber an den Gesichtern der Kutscher, die an der entgegengesetzten Seite des Rotten Rows inlangen Reihen anhielten, sah ich, daß sich etwas sehr Schlimmes ereignet haben mußte.
Da eilte auch schon durch die Menschenmenge von Mund zu Mund das Gerücht: ein Wagen sei an einem Prellstein aufgestoßen und umgestürzt. Die Dame, die gelenkt hatte, sei auf die Steine geschleudert worden. Und einige Minuten später wandten sich bleiche Gesichter um, und einer sagte es dem anderen knapp und bestimmt: „Die junge Dame und ihr Diener sind tot!“
Allmählich wurde ich vom Menschenstrom nach jener Stelle gedrängt. Man hatte die Leichen der Dame und des Stallburschen bereits fortgefahren. Die Pferde an dem zertrümmerten Wagen wurden eben ausgespannt und fortgeführt. Die schönen Tiere zitterten noch und waren in ihrer Erregung kaum zu bändigen. Das dünne, leichte Gefährt aber lag zersplittert wie ein Spielzeug bei den Prellsteinen. Dann wurden die Trümmer rasch fortgeschafft und die Wagenreihen, die von den Polizisten zurückgehalten worden waren, bewegten sich wieder mit ihren tänzelnden Pferden festlich heran, und das Wagenschauspiel glitt von neuem aufglänzend an mir vorüber und über die Unglücksstelle fort.
Ahnungslose Damen grüßten und nickten sich aus den Wageninnern zu und wußten nicht, daß soeben eine aus ihren Reihen verschwunden war wie eine Geistererscheinung. Und ich fragte mich: welcher Unterschied ist da zwischen Geistern und Wirklichkeit? Sind wir nicht alle ein unwirklicher Spuk, da wir so schnell kommen und so schnell verschwinden können?Warum soll einem dann die Geisterwelt nicht glaubwürdig sein? Unser Erdenleben selbst ist doch nur eine flüchtige Geisterwelt!
Und ich wurde sehnsüchtig, Ruhe zu finden von dem vielen Erleben und vor den vielen Gedanken, die mir hier mein Leben zu denken aufgab. —
Dann kam ein Sonntag, an dem die beiden Amerikaner und ich bei einer englischen Dame zum Frühstück geladen waren. Dieselbe wohnte weit von uns in einem der entferntesten londoner Stadtteile. Wir sollten nur bei schönem Wetter dorthin kommen, damit wir dann auch den kleinen Hausgarten genießen könnten. Es war aber leicht nebelig am Upper Wooburn Platz und es regnete auch ein wenig. Wir zögerten deshalb, auszugehen. Dann aber entschlossen wir uns doch und gingen.
Groß war unser Erstaunen, als wir nach einigen Untergrundhaltestellen aus der Erde ans Tageslicht stiegen, blauen Himmel fanden und bei jener Dame hören mußten, daß es in ihrem Stadtteil den ganzen Vormittag über schönes Wetter gewesen wäre und es dort keinen Tropfen geregnet habe.
London ist also so groß, daß jedes Ende ein anderes Wetter haben kann, sagten wir uns lachend. Und das Frühlingswetter jenes Stadtteils tat es mir an. Ich kehrte nur in unser graues Viertel zurück, um bald darauf meinen Koffer zu packen und dem grauen London und den amerikanischen Freunden Lebewohl zu sagen.
Dann reiste ich über Harwich und Hook of Holland nach Deutschland und vorerst nach Berlin.
Es war der erste Juni, als ich durch Holland fuhr, wo die Kornfelder schon hoch standen. Hie und da sah man kleine Segel über den Halmspitzen auftauchen. Das sah seltsam aus, Segelboote im Korn! Die Kanäle lagen von den Ähren verdeckt, und die Schiffe kamen lautlos mit den weißen Segeln über den noch grünen Halmen daher.
Am liebsten wäre ich aus dem Eisenbahnzug ausgestiegen und hätte mich hier an den Rand eines Kornfeldes gesetzt und in die rundgeballten silbersonnigen Wolken gestarrt, die über dem flachen Holland lebhafter wirken als irgendwo. Und ich hätte gern den Sommer hier verträumt und den Segelbooten nachgesehen. Denn ich war sehr stadtmüde. Die vielen Gespräche der letzten Monate und das künstliche Gedankenleben im britischen Lesesaal und am Kamin der Amerikaner hatten mich naturhungrig gemacht.
Und seit ich das junge amerikanische Künstlerehepaar bescheiden und doch glücklich auf ihrem Pensionszimmer hatte hausen sehen, war der Drang und die Sehnsucht, ein Mädchen zu finden, mit dem zusammen ich den Frühling hätte jetzt genießen können, den Sommer, den Herbst, den Winter, — so stark in mir geworden, daß mich das leere Ansehen der Landschaft ungeduldig machte und mir jeder Tag qualvoll vorkam, der mich so ziellos der Weltbetrachtung preisgab, statt der Weltumarmung. Und ich sehnte mich nach Weltwärme und sehnte mich nach der Nähe einer geliebten Frau.
Ich hatte den Wunsch, mich verheiraten zu wollen, in London einmal zu den Amerikanern ausgesprochen,und sie hatten mir geantwortet: „Wer stark wünscht, zieht durch Wünsche die Wirklichkeit herbei. Aber,“ fügten sie hinzu, „Sie müssen sich ununterbrochen Ihren Wunsch klar machen und ihn immer wieder wünschen. Dann gestalten Sie sich damit die Zukunft, und Sie werden den Weg zu der Frau ganz von selbst finden, zu der Frau, die Sie lieben. Denn diese ist ja bereits geboren und geht irgendwo auf der Erde herum, unbewußt sehnsüchtig nach Ihnen, so wie Sie sich unbewußt nach ihr sehnen. Richten Sie Ihr ganzes Denken auf Ihren Wunsch, und Sie müssen jener Frau bald begegnen.“
Und die beiden guten Menschen bedauerten lebhaft, daß mir gar nicht anders zu helfen wäre als durch Geduld und starkes Wünschen. Und sie wollten mit mir wünschen, daß ich recht bald glücklich werden sollte.
Aber es ging auch in meinen Ohren immer die Rede mancher anderen Menschen um: „Ein Dichter soll frei bleiben. Ein Dichter soll sich an keine Frau binden. Der Dichter gehört der Welt, und er zerstört sich als Dichter, wenn er einen Hausstand gründet.“
Diese Aussprüche erregten in mir manchen Zweifel gegen mein Wünschen. Und die Zweifel, ob ein Dichter glücklich werden würde, wenn er eine Frau fürs Leben an sich gebunden hat, bedrängten mich in jenem Frühjahr, nachdem ich von London in Berlin angekommen war, so stark, daß die Zweifel kräftiger wurden und mit dem Herzenswunsch täglich zu ringen begannen. Und aus diesem Ringen zwischen Liebessehnsuchtund Zweifel entstand in jenen Monaten ein kleines Versdrama „Sun“, das ich in Berlin schrieb.
Eindrücke, die ich noch von Bohuslän in mir trug, und die Seereise nach England mit dem Blick auf die Fischerboote bei der Mündung der Themse verdichteten sich zu einem Seebild. Und ich wollte in dem Drama Menschen schildern aus dem Anfang der christlichen Zeit, da Christentum und Heidentum noch im Volksgeist schwankend lebten.
Ich verlegte die Handlung an einen See in ein Pfahlbaudorf. Der junge Fischer, den ich „Sun“ nannte — der Name ist das englische Wort für Sonne —, war ich selbst, und ich verkleidete mich in die Vorstellung, ein Skalde, ein Volkssänger, in jenem Pfahlbaudorf zu sein.
Die Brüder hassen Sun, weil sie glauben, daß er ein Zauberer sei. Sie sagen, er könne den See, die Fische und das Wasser behexen. Denn Sun spricht mit allen Dingen. Auch nachts, wenn er im Mond auf der Altane des Pfahlbaues sitzt, spricht er mit dem Mond, mit den Wellen und mit den Mondschatten. Und am Tag neigt er sich zu den Gräsern und spricht mit dem Grase, spricht mit dem Holunderbaum, spricht mit der Morgensonne. Und wenn er draußen im Boot liegt, über den Bootsrand gebeugt, fängt er keine Fische wie die anderen Leute, aber er spricht mit den Fischen und mit den Wasserpflanzen.
Man sagte, er lege sich auch oft ins Boot zurück und spräche mit den Wolken und berede den Wind. Aberes sind nicht Reden, wie sie andere sprechen, die er da hält. Er summt und singt, als wäre er der Herr aller Dinge oder, als gehöre er mit allen Dingen zusammen. Lautlos kann er stundenlang so still liegen. Dann hört er allen Dingen zu und hört alles, behaupten seine Brüder.
Und seine Brüder beredeten den Mönch, der mit anderen Mönchen vor Jahren an den See gekommen war und das Pfahlbaudorf bereits bekehrt hatte, er, der Christenpriester solle Sun aus seiner Sippe austreiben. Damit der Zauberer nicht die Fischzüge störe und das Wetter nicht nach Belieben bestimme.
Aber in der Zeit, da die Brüder fortgegangen waren, um den Mönch zu holen und die Sippe, schlich sich in Suns Haus die junge Tochter eines anderen Pfahlbauers. Und sie traf den Skalden, der heimgekommen war vom See, und sie verstand plötzlich, geweiht von ihrer Liebe zu ihm, den Holunderbaum, der im Abend sang, und die Wellen und die Sonnenlichter. Aller Dinge Sprache verstand sie vom Augenblick an, als der junge Skalde seinen Arm um sie legte und sie an sich zog. Denn Sun liebte das Mädchen seit langem.
Sie aber war gekommen, um ihn vor seinen Brüdern zu warnen. Sie sagte ihm, während heute die Hagelwolke über den See niedergeprasselt sei und er ungestört auf dem See im Kahn weitergesungen habe, ohne sich von Hagel und Sturm stören zu lassen, hätten seine Brüder ihn laut für einen Zauberer erklärt. Denn die Brüder seien von Haß und Neid erfüllt über seine Friedlichkeit und Ruhe.
Sie hätten jetzt die Sippe aufgestachelt und waren fortgegangen, um den Mönch zu holen, der das Zauberwesen aus Sun austreiben sollte. Und wenn Sun nicht die Zauberei aufgeben wolle, sagten sie, würde ihn die Sippe hinaus in den Urwald zu den wilden Tieren jagen, und er dürfe nicht mehr unter christlichen Menschen wohnen. Das Mädchen bangte sehr für Suns Leben.
Während sie noch zu dem Geliebten so sprach, ging die Sonne vor dem Hause unter, und eine Amsel sang. Und der junge Skalde lächelte nur und sagte ihr, er fürchte seine Brüder nicht. Er treibe kein Zauberwesen.
Sie aber, die er umarmt hielt, und die in ihrer Liebe jetzt die Abendröte ins Haus hereinsingen hörte, und die das Lied der Amsel nicht bloß als einen Ruf, sondern in Suns Nähe als ein Liebeslied verstand, begriff, daß der junge Skalde kein Zauberer war. Sie sah, daß er friedlich und festlich zu horchen verstand, und daß alle Dinge friedlich und festlich sangen, weil er sie ungestört singen ließ, wie es seine lärmenden Brüder nicht verstanden.
Als es rasch dunkel geworden war und die Ängstliche nochmals den Geliebten überreden wollte, daß er freiwillig fliehen sollte, damit ihm der Mönch und die Brüder und die Sippe nichts Böses tun sollten, Sun sich aber furchtlos weigerte und den herangehenden Leuten entgegenging, blieb das Mädchen in seiner Nähe, um zu sehen, ob man ihm etwas antun könne.
Mit Fackelbränden in den Händen kam das Volkim Abend heran und in ihrer Mitte der Mönch. Der hob ein Holzkreuz in seiner rechten Hand auf und trat vor den jungen Skalden hin und forderte Sun auf, er solle ihm die bösen Geister nennen, mit denen er bei Tag und Nacht, im Mond, im Sonnenschein und im Sturm Zwiesprache führe. Denn man wisse, sagte der Mönch, Sun spräche mit der Luft und mit dem Wasser, mit der Sonne und mit den Bäumen, mit lauter unvernünftigen und toten Dingen, die ihm doch nicht antworten können. Es müßten also Geister sein, die er aus dem Nichts zu beschwören verstünde. Aber der Gottesgeist dulde keine Götter neben sich, und er, der Gottespriester, müsse die unsauberen Geister aus Sun austreiben.
Das ganze Volk aber stand schweigend und nickte zu der Rede des Mönches und wartete darauf, daß der junge Skalde sich nun öffentlich erklären und sein geheimnisvolles Tun verantworten sollte.
Der junge Skalde sah friedlich lächelnd, still und ernst in alle Gesichter der Leute, die ihn da alle aus Unverstand haßten. Und Sun sagte zum Mönch einfach, daß er den Holunderbaum und die Wellen des Sees und den Wind und die Wolken und die Sonne singen höre, und daß er auch allem Leben Lieder zusinge, denn sein Herz sei glücklich und festlich. Und wie könne man das Lied der Blüte und das Lied einer Welle und das Lied einer Amsel als bösen Geist ansehen, da aller Leben Sprache doch Lebensfreude sei, die er überall höre und die wohltuend und glücklichmachend wäre. Und er sagte noch, er antworte den Lebensgeistern der Dinge in Liedern, die sein Herzihm vorsingt. Und er trage nichts Böses gegen die Sippe im Herzen und nichts gegen den Mönch.
Da fuhr der Christenpriester wütend auf und schrie, der junge Skalde wäre bereits so besessen von bösen Geistern, daß er nicht mehr die bösen Geister von den guten unterscheiden könne. Denn nur Dämonen wohnten in den toten Dingen der Natur. Und wenn der Skalde nicht versprechen könne, die Zaubergespräche beim Hause und auf dem See einzustellen, dann müsse er die Sippe verlassen und würde aus dem Dorf zu den bösen Geistern des Waldes gejagt.
Da sagte Sun zu dem Mönch, daß er das Singen niemals unterlassen könne. Daß er die Leben, die da um ihn leben, singen höre, und er es nie lassen könne, die Lieder zu singen, die ihm von seinem Herzen eingegeben würden.
Nachdem der junge Sun so gesprochen, richtete er sich auf und schritt aus der Hütte und band sein Boot von dem Altan los und ruderte auf den See in die Nacht hinaus. Der Mönch und das Volk verstanden nun, daß Sun sie freiwillig und für immer verlassen hatte.
Und wie die Leute noch staunten und Suns Ruderschlägen nachhorchten, die draußen in der Nacht vom See hereinhallten, da sprang aus der dunklen Herdecke ein junges Mädchen hervor. Das drängte sich zwischen den Leuten durch und sprang aus der Hütte. Und alles Volk rief den Namen des Mädchens. Und die Leute schrien auf, weil das Mädchen in den See gesprungen war und nun dem fortrudernden jungen Manne nachschwamm.
Aber der Vater des Mädchens stürzte aufgeregt auf den Altan hinaus und rief zornig seine Tochter zurück. Doch nur das Echo der Berge antwortete ihren Namen. Das Mädchen kehrte nicht um und folgte dem Ausgestoßenen. Da hob der Vater beide Fäuste in die Luft und verfluchte sein Kind und schleuderte hinter den Fliehenden her laut Fluch um Fluch durch die Nacht.
Der Schauplatz des zweiten Teiles des Dramas ist dann ein Platz im Urwald, in derselben Sommernacht. Im Wald leuchten ein paar verfaulte Riesenstämme phosphorfarben, und Scharen von Leuchtkäfern ziehen durch die dunklen Büsche. Ein wenig Mond scheint durch die Baumwipfel, und Sun und das Mädchen tasten flüchtend vorwärts. Das Mädchen ist scheu geworden im unheimlichen Dunkel des Waldes, und als Sun auf eine Eiche steigt, um beim Mondschein über den Wald fortzusehen und zu erfahren, ob sie verfolgt werden, steht es zitternd und angstvoll bei der Wurzel des Baumes. Der junge Mann, als er keine Verfolger sieht, deutet oben in der Eiche auf die Sterne und auf den Mond und fragt hinunter, ob seine Geliebte den Gesang der Sterne höre und das Lied der Mondnacht.
Das Mädchen aber hört in seinen Ohren nur die wilden und drohenden Flüche, die sein Vater ihr nachgeschleudert, und es hört im Walde überall die Stimme seines Vaters. Als Sun von der Eiche steigt und den Arm um die Geliebte legen will und sie zu sich ins Moos ziehen will, da wehrt sich diese und flieht einige Schritte von ihm fort. Sie glaubt ihrenVater hinter jedem Busch zu hören, überall ist sein Fluchen.
Da überredet Sun die Furchtsame nicht länger, und er sagt nur, sie solle sich bei der Birke niedersetzen. Er wolle dann, einige Schritte von ihr entfernt, sich niederlegen, und er wolle ihr erzählen, damit sie sich nicht mehr fürchte.
Das Mädchen aber hört immer deutlicher die Flüche und des Vaters Stimme. Es wird immer unruhiger, und immer mehr Zweifel tauchen in ihm auf, ob Sun nicht doch ein Zauberer sei. Und als sich die Zweifel in ihm immer mehren, hört es des Vaters Stimme lauter und verdammender und hört dazwischen des Mönches Stimme aus allen Büschen. Angstgepeinigt springt die Erschrockene auf und stürzt, den Skalden verdammend, zurück auf dem Weg den sie gekommen, zurück zu den andern.
Sun aber glaubt nicht gleich an die Flucht des Mädchens. Doch als er am Morgen den Platz leer findet und das Gras noch warm findet, wo die Geliebte vorher geruht, ruft er und ruft. Aber er scheucht nur das Wild im Walde auf. Als sein Herz dann bitter klagt, taucht die rote Scheibe der Morgensonne in der Ferne bei den Wurzeln der Eichen auf, und der Gesang der Morgensonne und der Gesang der Amsel versuchen Sun zu trösten.
Er horcht und wird ernst und stark, und die Eichenstämme im Morgenwind singen, und Sun gehorcht den Eichen und macht sich hart wie ihre Stämme. Dann singt er vor sich hin, daß er die Eichen verstanden habe, daß er, der Skalde, ewig einsam seinmüsse, einsam wie die Eichen im Urwald. Und er geht aufrecht weiter in den Urwald und kehrt nicht mehr zu seiner Sippe zurück. —
Dieses Drama dachte ich mir mit Musikbegleitung gespielt.
Nachdem ich es in Berlin niedergeschrieben hatte und dann zu einem kurzen Besuch zu meinem Vater nach Würzburg gereist war, kam ich mir in der Heimat unverstanden, wie Sun im Pfahlbaudorf vor. Und ich sehnte mich wieder heftig von den Menschen fort, da ich nicht wußte, wo ich das Mädchen finden sollte, das ich mir vorstellte. Ich sehnte mich wieder nach der Urwelt Schwedens zurück, wo mir die Natur, die unberührte, mit ihren Wäldern wohlgetan, wo keine Forstzählung den Wald kleinlich und zum Holzgeschäft machte, wo die Welt ursprünglich und herzlich war, so daß ich mich an ihr vergessen konnte. Während ich unter vielen Menschen meine Einsamkeit immer an mir nagen fühlte.
Der junge Schwede, der sich in Stockholm befand, schrieb mir, daß er auf Dalarö bei Stockholm einen schönen Sommeraufenthalt wisse. Dorthin reiste ich dann und wohnte auf einem Hof, der tief im Walde lag, und dort schrieb ich einige der Landschaftsgedichte, die sich in meinem kleinen Band „Reliquien“, meinem ersten Gedichtbuch, finden. Das Buch ließ ich bei meinem späteren Aufenthalt in Mexiko drucken, und noch später, im Jahre 1900, kam es dann durch einen deutschen Verlag in Neudruck an die breitere Öffentlichkeit.
Ich sollte unbeirrt wünschen, hatten die Amerikanergesagt, und würde dadurch in die Nähe des Mädchens kommen, das für mich geboren an irgendeinem Fleck der Welt lebte. Ich wünschte heftig. Und es hat dieser Wunsch, der unbewußt hinter allen meinen Wünschen stand, mich in jenem Sommer nach Schweden geführt, wo ich im selben Herbst die Bekanntschaft jenes Mädchens machte, die dann meine Lebensgefährtin wurde und es heute noch ist. Und viel später, als ich die Amerikaner in Paris wiedersah und ihnen dann meine Frau vorstellte, erinnerten sie mich oft an die Stunden in London, da ich ihnen geklagt hatte — wenn ich sie beide glücklich sah —, daß ich doch bald die Frau finden möchte, die für mich bereits an irgendeinem Ende der Erde lebte und wartete.
Und nie hätte ich damals in London glauben können, daß einige Monate später der Wunsch schon die Erfüllung finden sollte.
Mein Leben an der schwedischen Ostküste in diesem Sommer 1894, auf einem Hof in den Wäldern auf der Insel Dalarö, war durchaus nicht eigenartig und reizvoll, nicht mächtig und nicht erschütternd, nicht so, wie ich es im Granitland Bohuslän gefunden hatte. Wenn man diese beiden schwedischen Küsten miteinander vergleicht, drücken sich ihre Landschaftsunterschiede am besten mit den Worten aus: die Westküste zeigt eine männliche Haltung, schroff, unerbittlich, trotzig. Die Ostküste Schwedens dagegen wirkt weiblich, mit sanften Stränden, mit ebenengroßen Waldungen, mit Wiesen und vielen sanften bewaldeten Inseln.
Meist grünen dort Tannen und Birken, dazwischen hier und da starke Eichen. Auch viele Steinblöcke sind in den Wäldern verstreut, aber nicht vergleichbar mit dem Granitpanzer Bohusläns. Das Meer ist an der schwedischen Ostküste schmeichelnder. Es hat den schwachen Wellenschlag eines Sackgassenmeeres. Es wirkt gezähmt und hat nichts von dem titanenhaften Fluten, von den frischen, schaffenden und vernichtenden Kräften, die das Meer im Skagerak beleben. Die Ostküste ist ein Land der Gutsbesitzer, und statt der Fische im Meer sind es dort die Kühe auf den Wiesen, die den Menschen versorgen müssen.
Diesen Unterschied fand ich zuerst reizlos. Aber die schwedische Güte und Treuherzigkeit, die überall im Lande zu Hause ist, gefiel mir auch in Dalarö, und so blieb ich bis spät in den Herbst dort und saß noch, als es regnete, draußen im Wald und machte Waldspaziergänge mit dem Lehrer einer Schnitzereischule. Das Schulhaus lag mitten im Dickicht und hatte viele Schüler, welche da eifrig wie Waldwichtelmänner in einem Holzhaus an Hobelbänken und Schnitztischen in Scharen arbeiteten. —
Als die Tage dann kurz und dunkel wurden, zog ich Anfang Oktober nach Stockholm. Ellen Key, die schwedische Philosophin, hatte damals einen literarischen Salon in Stockholm, wo sich Sonntags die bekanntesten schwedischen Schriftsteller trafen. Ich verkehrte gern bei der liebenswürdigen Ellen Key, und an einem Sonntagabend lernte ich bei ihr den jungennorwegischen lyrischen Dichter Sigbjörn Obstfelder kennen.
Ellen Key hatte in ihrem Salon zwischen den verschiedenen Sesseln ein kleines Stühlchen stehen, das war einst ihr eigenes Kinderstühlchen gewesen. Auf diesem kleinen Stuhl saß Obstfelder an jenem Abend, umgeben von einem Kreis von Herren und Damen. Er sprach so leise, daß sein Sprechen wie ein Wimmern war. Und als ich ihm ein wenig lebhaft in irgendeiner Frage widersprechen mußte, meinte Ellen Key, Obstfelder in Schutz nehmend: man dürfe das Lamm, wie sie ihn nannte, nicht so heftig anreden.
Ich erzähle diese kleine Begebenheit nur, um den jungen Dichter zu zeichnen, der sehr ernst, aber auch sehr empfindsam war, zugleich aber kräftig genug und eigentlich des Schutzes der Damen entraten konnte. Aber sein Hang zu großer Traurigkeit gab ihm den Schein von Hilflosigkeit. Und es war sehr gütig von Ellen Key gemeint, daß sie dem immer sorgenvollen und einem tiefen Weltschmerz nachhängenden, jungen Norweger schützend zu Hilfe kam.
Das Wesen dieses Dichters aber war das gerade Gegenteil von meinem Wesen. Während ich allen Lebensregungen die festliche Seite abgewinnen wollte und den festlichen Kern des Lebens immer betont haben wollte, war Sigbjörn Obstfelder von einem wollüstigen Nachhängen der Traurigkeiten des Lebens beherrscht.
Diese Art stieß mich ab, aber erregte zugleich immer wieder mein Erstaunen, weil ich es kaum für möglich halten konnte, daß jene Traurigkeit ernsthaftwar. So kam ich fast auf den Gedanken, dieses Traurigsein für Einbildung zu halten, und es fesselte mich, zu ergründen, wie dieser junge Mann sich im Leben zurechtfinden konnte bei all dem Leid, das er freiwillig aufsuchte.
Als man Obstfelder fragte, ob er sich in Stockholm wohl fühle, wisperte er an jenem Abend etwas Unverständliches. Dann erklärte einer in der Gesellschaft, der ihm zunächst saß und die Worte verstanden hatte, der junge Dichter habe gesagt, er fühle sich nirgends wohl. Als wir beim Heimweg zusammen durch die Straßen Stockholms gingen, erzählte mir Obstfelder, daß er eine Witwe liebe, die rotverweinte Augen habe und einen großen schwarzen Kreppschleier am Hut trage. Und er sagte mir, daß ihn die Trauer der Dame angezogen habe. Sie hätten beide gestern einen schönen Nachmittag verlebt. Er habe sie auf den Kirchhof begleitet, an das Grab ihres Mannes, und habe den Kranz tragen dürfen. Das sagte er tieftraurig, einfach und ungesucht, als wäre das Traurigste das Begehrenswerteste für alle Menschen. Mir wurde unheimlich bei der Vorstellung, daß ein Mann mit jungem warmen Blut sich gern trauernden Menschen anschloß und Damen in Trauerschleiern bevorzugte und am liebsten Spaziergänge zu Kirchhöfen machte. Obstfelder sagte mir weiter, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, er liebe es, in Stadtvierteln zu wohnen, wo ganz arme Leute hausen, versorgte Gesichter armer Leute. Er suche sich als Wohnung gern Häuser aus, die so bekümmert aussehen wie ihreelenden Bewohner, Häuser, wo auf den Fensterbrettern ein paar kümmerliche Blumen stehen, dürftige Geranienstöcke, die in alte Scherben und Porzellantassen gepflanzt sind, wo Wäschestücke vor den Fenstern zum Trocknen aufgehängt sind und wo die grauen engen Treppenhäuser, die nach Kalk und Keller riechen, ausgetretene Treppenstufen haben. In solcher Umgebung, die nie frei aufgeatmet hat, in der das Leben bedrückt aus den Winkeln winselt, dort fühle er sich am wohlsten und zu Hause.
Ich hatte darnach geglaubt, daß Obstfelder hilfsbedürftig sei, und da ich in einer angenehmen Pension wohnte am Tegnerlund, in einem schönen, reinlichen und geräumigen Hause, mit Aussicht über die grüne freundliche Tegneranlage, so dachte ich, ich würde dem jungen Dichter etwas Gutes tun, wenn ich die liebenswürdige alte Dame, bei der ich wohnte, bäte, ihm einen billigen Mittagstisch zu geben. Aber Obstfelder fand es dann viel zu sonnig, viel zu schön, viel zu hell und viel zu freundlich bei jener Dame und sagte mir dieses, was ich ganz unbegreiflich fand.
Und ich sagte ihm: „Sie finden genug Traurigkeit auch in hellen freundlichen Häusern. Glauben Sie doch nicht, daß die reinlichen Menschen, die in schönen Häusern wohnen, nicht viele Traurigkeiten und viele ungeweinte Tränen verbergen müssen. Die Dame zum Beispiel, die jene Pension hat, in der ich wohne, ist von Kindheit an halb taub; sie hört nur, wenn man durch ein Hörrohr zu ihr spricht. Sie hat sich ihr Leben lang nur mit Büchern unterhalten müssen, und sie ist zart und vornehm und lautlos.Und wenn sie auch nicht einen Kreppschleier trägt, so umgibt sie doch immer ein dunkler Schleier von Lebenswehmut. Er ist nicht für die Augen zu sehen, aber für das Gefühl.“
Während ich dieses sagte, ärgerte ich mich dabei, daß ich dem Dichter der Traurigkeit mein freundliches helles Haus, in dem ich wohnte, von der innersten Seite erklärte, und daß ich ihm erst sagen mußte, was ich als etwas Selbstverständliches empfand, daß die Menschen, die zu lächeln suchen, während sie trauern, nicht minder stark empfindende Menschen sind als die, welche da offensichtlich weinen und traurig den Kopf hängen lassen. Aber Obstfelders Drang zu Traurigkeiten hin mag auch wohl darin begründet gewesen sein, daß sein Vater, der einst ein tüchtiger Bäcker war, in seiner Armut im Bürgerspital in Stavanger Unterkunft gefunden hatte. Vielleicht wollte der Sohn nicht besser wohnen als der Vater.
Sigbjörn Obstfelder war früher Ingenieur in Amerika gewesen und hatte dann, zurückgekehrt von dort, den ihm verhaßten Beruf aufgegeben. Er erhielt, als ich ihn kennen lernte, vom norwegischen Staat ein Jahresgeld, das aber so wenig war, daß er nie richtig aufatmen konnte. Der Fluch der meisten jungen Dichter ist es, daß sie die weite Welt erleben möchten und sich vertiefen möchten in die Leben ringsum, und in Lebensnot wie vom Leben Ausgestoßene jahrelang neben dem Lebensstrom herschleichen müssen, von bitterer Armut erniedrigt.
Auf meiner Weltreise, als ich fern in Asien inHongkong und Schanghai und in Japan großen deutschen Kriegsschiffen begegnete, die auf dem Weg zu den Kolonien nach der Südsee waren oder dort in asiatischen Gewässern nach China beordert lagen, dachte ich oft beim Anblick der kostbaren Staatsfahrzeuge bei mir: wie wäre es doch so einfach, wenn auf diesen mächtig schwimmenden Staatskolossen, für die das Volk Millionen bezahlt hat, einige Kabinen für Gelehrte, Künstler und Dichter eingerichtet wären, um diesen freie Hin- und Rückfahrt nach fernen Ländern zu ermöglichen!
Und wie wäre es einfach, wenn neben den Kasernen oder in den Regierungsgebäuden in unseren Kolonien, die doch auch vom deutschen Volk bezahlt werden, ein Unterkunfthaus, eine Herberge für Gelehrte, Künstler und Dichter vom Staat eingerichtet würde! Welche Unsummen werden vom deutschen Volk an Beamte aller Art verwendet! Welche Unsummen für Kasernen und Schiffe! Es würde bei den Millionen, die dafür ausgegeben werden, nicht darauf ankommen, wenn der Staat den jungen Künstlern des Landes auf den Panzerschiffen freie Fahrt und in den Kolonien Unterkunftshäuser mit freiem Aufenthalt zum Studium der fremden Länder gewähren würde.
Und es würde auch nicht große Summe kosten, ein Taschengeld, ähnlich einem Beamtensold, den Studierenden zu jenen Reisen mitzugeben. Man dürfte aber nichts von ihnen fordern und nichts von ihnen erwarten nach dieser Reise. Man müßte ihnen Vertrauen und Glauben schenken, daß das, was manfür sie täte, sich zum Vorteil für das Vaterland erweisen würde.
Denn manche Künstler, die gereist sind, konnten aus der Ferne nichts mit nach Hause bringen als ein gründliches Heimweh und ein echtes und tiefes Heimatserkennen. Es ist genug, wenn nur dieses erreicht wird, daß einer, indem er den richtigen Abstand von der Heimat bekommen hat und beim Vergleich mit anderen Völkern, die er besuchte, seine Heimat aufrichtig beurteilen lernte, durchdrungen wird vom Bewußtsein, daß niemals äußere Schönheit ferner Weltteile dem echten Mann die Heimatsscholle ersetzen kann. Ein Volk, das sich solch echte Heimatkünstler züchtet, tut sich selbst wohl, indem es immer den Dank und die Gedanken dieser Künstler an sich fesseln wird. Und die Werke dieser weitgewanderten Künstler werden tiefe, nutzvolle Arbeiten werden, da sie dann aus tiefen Heimwehlebensströmen geschöpft sind.
Während jetzt viele der jungen Künstlerkräfte aus Lebenshunger das Nachtleben der Großstädte und in ihrer Armut und Ratlosigkeit das Herumsitzen in Kaffeehäusern pflegen müssen, um wenigstens vor den Schaufenstern des Weltlebens zu bleiben, da ihre Geldmittel nicht zum Einhandeln großer Welteindrücke reichen, so würden dagegen freie Kriegsschiffsreisen die jungen Künstler reich befruchten können.
Man soll nicht spotten über die Kaffeehauspoeten der heutigen Zeit, die sich meistens aus jungen heranwachsenden, dichtenden Lebensanbetern zusammensetzen.Man soll helfen, statt zu spotten. Das Volk, jede Nation hat die Pflicht zu helfen. So gut wie ein Land seine Landesgrenzen erweitert, indem es ferne Kolonien gründet, im selben Verhältnis muß es auch die Weltblicke derer erweitern, die berufen sind, das Leben künstlerisch festzuhalten in allen Zeitläuften. Denn nur die Künstler können die fernen Länder dem Heimatland innerlich nahebringen.
Es sollten auch die Staatseisenbahnen allen angehenden jungen Künstlern, Gelehrten und Dichtern freie Fahrt durch ganz Deutschland geben, und ebenso sollten die Nationen untereinander den Künstlern diese freie Fahrt durch alle Länder ermöglichen.
Die schwedische Nation hat durch einen Schweden, der den Nobelpreis stiftete, die Bewunderung ganz Europas geerntet. Dieses Volk geht auch in der freien Eisenbahnreise der Künstler den Kulturvölkern mit großem Beispiel voran. Die stockholmer Eisenbahnverwaltung erteilt jedes Jahr einigen Künstlern, inländischen wie ausländischen, freie Reise erster Klasse vom südlichsten bis zum nördlichsten Grenzpunkt in Schweden. Ich selbst erhielt vor einigen Jahren für mich und meine Frau auf Anfragen diese freie Fahrt durch ganz Schweden, und ich weiß, daß freies Reisen auch anderen deutschen Schriftstellern gewährt wurde.
Warum ist die deutsche Nation sich nur ihrer Pflicht bewußt, ihre Minister, ihre Offiziere, ihre Geistlichen besolden zu müssen? Warum ist dieselbe Nation sich nicht ihrer Pflicht bewußt, ihre Künstler besolden zu müssen, die neue Seelenwerte hinterlassen?Neue Seelenwerte schaffen die Geistlichen, die immer wieder die Bibel erklären, nie, und die Geistlichen erhalten doch Besoldung und Pfarrhäuser vom Staat.
Die Städte, die einen Künstler geboren haben, sollten es als eine Ehre ansehen — wenn sie es nicht als Pflicht betrachten — dem Künstler, der die Erdscholle, der den Menschenstamm, aus der er hervorgeht, in seinen Werken verherrlichen wird, Haus und Garten zu bauen und ihn zu erhalten.
So wie die Städte Kasernen, Kirchen, Spitäler, Rathaus, Post, Bahnhof bauen können und sich Parke, Theater, Konzertsäle hinstellen, so sollten die Städte doch zuerst bei dem jungen Künstler Heimatschutz und Heimatsorge anwenden, der bei ihnen durch seine Geburt Heimatrecht erlangt hat.
Ein bescheidenes Haus, ein bescheidener Garten, eine bescheidene Einrichtung, gesundheitlich und sauber im Stand gehalten, eine bescheidene Küchenkost sollte jeder Künstler in seiner Heimat für sich finden, neben dem freien Reisen durch die Länder. Und laßt dann bei ihm seine Frau oder seine Familie, seinen Vater, seine Mutter, oder eines seiner Geschwister weilen, die um ihn sorgsam sein wollen. Denn bedenkt, daß der Künstler immer im Geiste weltfern leben muß, um echt im Geist und Gefühl zu schaffen. Und bedenkt, daß ein Künstler ein wenig Schutz um sich braucht, weil der Geist immer leichter zu gefährden ist als der Körper.
Ihr erlaubt doch euren Generälen und Offizieren, euren Ministern und Beamten, euren Lehrern undprotestantischen Geistlichen, daß sie ihre staatliche Wohnung haben, worin sie mit ihrer Familie hausen. Seid nicht engherzig und gönnt euren Künstlern dasselbe, was ihr diesen Männern, die der Staat benötigt, bietet.
Jede Stadt sollte eine Jahressumme aussetzen für jeden ihrer Künstler, der Geburtsrecht in ihr hat. Jede Stadt wird so die Heimatkunst und dadurch die nationale Kunst bereichern helfen.
Der Künstler soll in seiner Heimatstadt seinen Erdfleck haben, sein Stück Vaterland und sein Heimatdach, wo er zu jeder Zeit, wenn er, bereichert von Wissen und Erleben, sich zurückziehen will, für kurz oder lang einen Ruheplatz zum Ergründen und Ausarbeiten seiner Eindrücke finden kann; einen Ruheplatz, wenn er krank ist, und einen Ruheplatz, wenn er alt ist.
Die flüchtige Hast, die viel unreifes Schreiben erzeugt und einen Wust von Büchern gebiert, durch die das Volk kaum den Weg aus nebensächlichen Werken zu hauptsächlichen Werken finden kann, wird wegfallen, sobald der Künstler immer wieder weiß, daß seine Stadt und zugleich die ganze Welt frei vor ihm liegt. Wenn er weiß, daß er frei, kostenlos wandern und zurückkehren darf, sobald er es verlangt, und überall standesgemäße Unterkunft findet.
Jeder Künstler muß wissen, daß er unermeßliches Vertrauen genießt, weil er mit dem kleinsten Buch, mit einem einzigen Gemälde, mit einem einzigen Musikstück Unermeßliches, Hoheitsvolles seiner Heimat gebenkann, Höheres, als jemals Pfarrer, Lehrer und Beamte ihrer Heimat und ihrem Volke zu geben vermögen.
Dann wird mancher Künstler nicht gezwungen werden, manchem erniedrigenden bürgerlichen Zeitgeschmack zu huldigen, des täglichen Brotes und des Lebens zuliebe. Er wird stark werden durch die Heimat, die er bis zu seinem Lebensende als sicheren Lebensgrundstein spürt.
Es sollten sich Vereine bilden, die Einzelhäuser und Atelierhäuser und Unterkunftshäuser den wandernden Künstlern bauen.
Die Echtheit eines solchen mit Bewußtsein gepflegten Künstlertums wird das nationale Leben eines Volkes so verinnerlichen, daß davon die Völker, geistig gekräftigt und geistig erfrischt, sich in jeder Beziehung tatkräftiger fühlen werden. Denn durch die Würdigung des Künstlers wird die höchste nationale Geist- und Gefühlsentfaltung gepflegt. So wie Nationen bis jetzt für ihre körperliche Erhaltung sorgten, indem sie Handelsministerien, Kriegsministerien, Ministerien der Kolonien und andere Ministerien gegründet haben, müßten sie auch ein Künstlerministerium aus tätigen Künstlern gründen, das an Bedeutung zum mindesten der Nation so wichtig sein müßte wie die Schulangelegenheiten, die kirchlichen und die militärischen Angelegenheiten.
Aber zuerst müssen die Städte und Orte beginnen, ihre schöpferischsten Söhne, die Künstler, die in ihnen geboren sind, heimatlich und in allen Ehren zu verpflegen. Die Städte sollen sich aber nicht einfallen lassen, dabei in einen Wetteifer zu verfallenund zu protzen mit dem Wohltun, denn damit schädigen sie die künstlerische Ruhe ebensosehr wie mit der Vernachlässigung der Künstler. Die Städte sollen nicht künstlerische Schlemmer und künstlerische Verschwender erziehen. Die Städte sollen den in ihren Mauern geborenen Künstlern unveräußerliches Hab und Gut auf Lebenszeit zur Verfügung stellen. Aber die Heimat soll den Künstler nicht durch verderbliche Üppigkeit verwöhnen und vernichten. —
Ich sprach diese Gedanken aus, die mir oft auf Reisen und zu Hause im Herzen umgingen. Ich hatte die Künstlernot nicht bloß bei Hunderten von jungen heranwachsenden Künstlern in vielen Städten Europas vor Augen, auch meine eigenen Notstunden vergangener Jahre gaben mir diese Gedanken ein. Hunderte von Gesprächen habe ich gehört und hundertmal rastloses Fragen, wie den jungen heranwachsenden Künstlern am besten geholfen werden könne, damit sie die Welt in Tiefen und Weiten erleben und doch, in der Heimat festwurzelnd, ihrer großen Lebensaufgabe, die an sich mühevoll genug ist, ohne Armutsleiden gerecht werden könnten.
Ich will nicht sagen, daß alle Künstler das Reisen nötig haben. Manche werden zeitlebens ihre Scholle nicht verlassen wollen. Aber das werden die wenigsten sein. Ich glaube, daß jedem Künstler in der Jugend der Drang innewohnt, wenn nicht alle Weltteile, so doch die Heimat auf freien Reisewegen und die äußerste Heimat, die Kolonien, ebenfalls auf freien Reisewegen erleben zu wollen.
Und die Mittel, dieses zu erreichen, sind nichtso ungeheuerlich und nicht so unmöglich unerschwinglich für ein Volk, wenn man den Plan verfolgen würde, für die Künstler freie Reise auf den Staatsschiffen und freie Reise auf den Staatseisenbahnen einzurichten, und wenn man es durchsetzen würde, mit Errichtung von Unterkunftshäusern in den Großstädten und mit Errichtung von Heimathäusern in den Heimatsorten den betreffenden Künstlern das Wandern und das Wohnen und die Verpflegung zu erleichtern. —
Der arme Sigbjörn Obstfelder starb schon bald. Er wurde nur einige dreißig Jahre alt. Not, Gram, Unterernährung machten, daß er hinsiechte und lebenswiderstandslos wurde, und die erste größere Krankheit, die ihn traf, raffte ihn fort. Nachdem der Arme noch die Schrecken einer unglücklichen Ehe erlebt hatte und von der Frau, die er liebte, tägliche Verachtung ertragen mußte, weil er sie nicht ernähren konnte, wurde er todkrank und starb. Die Norweger sehen Obstfelder heute noch als einen ihrer tiefsten Lyriker an, die die Neuzeit hervorgebracht. Der Dichter des Elends und der Traurigkeit ist er gewesen und geworden durch das Elend, das heutzutage jeden armgeborenen Dichter verfolgt. —
Die meisten Völker haben ein Gesetz gemacht, das die Nutznießung der Werke eines Künstlers nur bis dreißig Jahre nach seinem Tode den Nachkommen des Künstlers gewährt. Die Nationen, die sich also ein Nationalrecht auf das Lebenswerk ihrer Künstler zugesprochen haben, haben das Eigentum eines Menschennach dreißig Jahren als vogelfrei erklärt und als der Nation zugehörig. Die Völker, die dieses Gesetz gemacht und dieses Recht sich zueigneten, haben damit öffentlich kundgetan, daß der Künstler kein außer der Nation und außer dem Volksinteresse stehender Mensch ist.
Und es ist darum nicht bloß anständig, sondern gerecht, zu fordern, daß das Volk, das sich durch den Künstler später auf Jahrhunderte bereichert fühlt, eine Vorausvergütung auf diese zu erwartende Nationalbereicherung dem Künstler bei Lebzeiten zukommen läßt. Und zwar in der Weise, daß die Nation dem Künstler die Arbeit und die Aufnahme von Lebenseindrücken erleichtert. Jedes Künstlers Heimatstadt soll angewiesen sein, den Künstler, der ihr einst Ruhm bringt und ihr einen geistigen Besitz hinterläßt, nicht bloß gnädig zu besolden, sondern diese Stadt soll dem Künstler einen Ehrenunterhalt bieten. Denn angeborenes Künstlertum berechtigt den jungen Künstler, einen Ehrensold zu erwarten und zu empfangen.
Der Einwand, daß soundso viele junge Kräfte vielleicht der Nation keinen Reichtum zurücklassen, indem nach ihrem Tode ihre Werke vielleicht nicht einmal von dreißigjähriger Bedeutung sind, dieser Einwand wird dadurch hinfällig gemacht, daß ein einziger großer Künstler jene hundert und mehr umsonst vom Staate ernährte Künstler aufwiegen würde.
Goethes Geist ist in der deutschen Nation so selten wie Bismarcks Geist und Moltkes Geist. Aber deshalb ernährt man doch viele Offiziere und Staatsbeamte,wenn diese auch keine Bismarcks und Moltkes werden, und bietet ihnen Ehren und Unterhalt, Wohnung und Altersversorgung. Und soviel wie diese Beamtenschar, die der Staat heute ernährt, Versorgungsgelder beansprucht und Würdegelder, soviel wird im Verhältnis nie der Künstler dem Staat kosten. Denn die echten Künstler werden von der Natur vereinzelt geboren und können nicht durch Schulen gezüchtet werden wie Beamte und Offiziere! Also werden sie nie in Massen da sein. Aber die Werte, die hundert von tausend Künstlern hinterlassen, sind immer unschätzbarer und unbezahlbarer als die Werte, die hundert Beamte von tausend Beamten auf Hunderte von Jahren der Zukunftsentwicklung des Nationalgeistes schenken können.
Außerdem soll der Künstler — und jeder echte Künstler wird es so wollen — nicht in Protzerei und Großtuerei vom Staate großgepflegt werden. Sondern es soll ihm verholfen werden zur Bewegungsfreiheit und Heimatsruhe, und es soll ihm Schutz vor Nahrungs-, Gesundheits- und Verpflegungssorgen gewährt werden. Dieses Wenige aber soll ihm in gediegenster und ehrendster Weise zugesprochen werden. Denn des Künstlers Leben, auch des jüngsten künstlerischen Anfängers, bedeutet, sowohl wie seine Werke nach seinem Tode, ein Ehrengut für die Nation.
In den achtziger und neunziger Jahren, in jener Zeit, von der ich hier in meinem Buch „Gedankengut“ spreche, waren die Selbstmorde unter den jungen Künstlern in schreckenerregender Weise an der Tagesordnung. Das neue Großstadtleben, das da zum erstenmalvon der Maschinenwelt urplötzlich aufgebaut, im Glanz des neuen elektrischen Lichtes, in der Eile des Reiseverkehrs und mit dem Einsetzen des blendenden Nachtlebens, dastand, verwirrte manchen jungen Geist. Ebenso kam dazu die öffentliche Unverhülltheit des bisher unterdrückten Geschlechtslebens, das aus der Verkümmerung und Unterdrückung in einen Geschlechtstaumel umschlug, der nichts mehr mit heiliger, selbstverständlicher, aus der Natur geborener Geschlechtsliebe zu tun hatte.
Dieses Großstadtleben überreizte jährlich viele aufwachsende und ins Leben tretende junge künstlerische Talente mit seinen neuen schwindelnden Freiheiten. Es riß die jungen Künstler aus dem Heimatboden in nervenerschütterndes Getriebe, erweckte maßlose Weltgier und Sinnenbegierde und erfüllte die Künstlerherzen nur mit viel Blendwerk und mit viel krankhaftem Verlangen aufgestachelter Erwartungen.
Der Alkohol spielte dann als Hauptbetäubungsmittel eine große Rolle. Die käufliche Straßenliebe und die herzloseste Abenteuerjagd, die das innerste Verlangen nicht stillen konnten, trieben die zerrütteten Geister junger Künstler entweder ins Irrenhaus oder zur Alkoholvergiftung an oder zum Selbstmord.
Würden aber die jungen Künstlerkräfte, die da welthungrig in den Weltstädten zusammenkamen, freie Wege, von Staat und Nation gebotene freie Weltwanderwege gefunden haben, und würden sie auch die Versicherung gehabt haben, daß bei der Rückkehr aus der Fremde ihnen die Heimat immer einen Ehrenruheplatz zu bieten hatte, so wären nicht die Verzweiflung,die Verirrung, der Selbstmord damals so alltäglich geworden.
Ein verrückter Maler, ein verrückter Dichter, ein Malerlump, ein Dichterlump, ein armer Musikernarr — so hörte man und hört man noch heute im Volk die jungen Künstler verächtlich nennen, sie, die vielleicht nicht immer welterschütternde Werke hinterlassen werden, die aber doch meistens alle ehrlich streben und auch mit dem kleinsten Werk Festlichkeit verbreiten können und einen Hauch von seliger Unwirklichkeit in die sich sonst heißlaufende Wirklichkeit des Lebens zu bringen vermögen.
Es ist nicht wahr und es ist eine Selbsttäuschung, wenn eine Nation behauptet, sie könne das Heer der jungen Künstler nicht ernähren. Sie muß es können. So gut wie sie das Muskelheer, das Kriegsheer, vaterlandsfreudig ernährt, muß sie das Geistesheerjunger schöpferischerKünstler ernähren.
Die Nation muß die geistigen Förderer, die zur Erhöhung der Lebensfestlichkeit und zur Erhöhung des Lebensmutes und zur geistigen festlichen Erhebung dem Volk geboren sind, mit allen Kräften und allen Ehren von allen Sorgen des Alltagslebens befreien, damit jeder Künstler sein ihmangeborenesfestliches Innere, seine ihmangeborenegeistige Schöpferkraft in erschöpfendstem Maße betätigen kann. Nur dann darf sich eine Nation vollkommen lebenswürdig nennen, wenn sie sich aufrafft und sorgt, daß ihre Künstler, deren Werke sie später als Nationaleigentum beansprucht, bei Lebzeiten Anspruch haben dürfen auf würdigste nationale Förderung.
Und wennHeimatgemeindeundStaatsgemeindeHand in Hand gehen bei der Förderung der Lebensfrage ihrer Künstler, so wird eine Hilfe gar nicht so schwer sein und unmöglich, wie das bis zum heutigen Tag allgemein angenommen wurde. Der Staatalleinkann nicht helfen. Er hat auch nicht den Einblick in jede einzelne Künstlernatur. Die Stadtgemeinde aber, die den Künstler geboren hat, trägt die erste Verpflichtung zur ehrenvollen Erhaltung des Künstlerlebens, das in ihren Mauern geboren wurde. Der Staat aber soll das Reisen der Künstler zu Wasser und zu Land durch Reiseerleichterung und Einrichtung von Unterkunftshäusern ermöglichen.
Wie schnell werden dann jene Kaffeehausliteraten ihre Arbeitswege finden und nicht mehr, brütend und zeitvergeudend, ihre Jugend vertrauernd, sich dem Spott des Publikums preisgeben müssen. Wenn jene jungen Künstler frei reisen können, werden sie nicht mehr in ihrer Traumseligkeit bloß die Kaffeehäuser aufsuchen müssen. Ihre Träume werden durch weites Reisen großzügige Weltnahrung erhalten, und später dann, von der Weltwanderung zurückgekehrt, werden sie ihre Heimat doppelt lieben können, werden mehr als in jedem anderen Land die Schönheit der engen Heimat entdecken und werden herzliche Dichter und weise Berater ihrem Volke sein können.
Wenn man aber sagen würde, daß es Jahrhunderte den Künstlern schlecht gegangen ist und Jahrhunderte ihnen ohne Stadt- und Staatshilfe weiter schlecht gehen soll, so ist das eine liederliche undunwissende Antwort. Es ist, als wollte einer sagen: wir sind Jahrhunderte ohne Eisenbahnen und ohne Telegraphie ausgekommen, wir haben uns Jahrhunderte nicht gegen die Pocken impfen lassen müssen, und die Menschheit hat doch gelebt, jede Neuerung ist ein Unsinn, weil die Menschheit sich ohne Neuheit von selbst durchschlägt oder verdirbt!
Kein ernstes Gehirn und kein ernstes Herz wird einer so menschenunwürdigen Antwort zustimmen können.
Natürlich ist nicht jeder, der einen Reim schreiben kann, ein Dichter. Nicht jeder, der eine Zeichnung nachzeichnen kann, ist ein Maler, und nicht jeder, der ein Instrument spielen kann, ist ein Komponist. Aber jeder Stadt wird es mit der Zeit nicht schwer fallen, in ihren Mauern ihre wirklich schöpferischen Künstler zu entdecken und diese in den Stadthaushalt aufzunehmen.
Bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr, vielleicht auch noch früher, wird es jedem Künstler möglich sein, den Beweis zu liefern, daß er etwas Eigenartiges schaffen kann. Von dann ab sollte er in die Stadtobhut aufgenommen werden. Wenn nicht der Beweis so auffallend ist, daß er schon mit zwanzig Jahren die Aufnahme erlangen kann. Mit der Aufnahme in den Stadtschutz müßte dann zugleich die Aufnahme in den Staatsschutz verbunden sein.
Und kann ein junger Künstler nicht mit fünfundzwanzig Jahren den Beweis seiner Fähigkeit bringen, so bringt er vielleicht mit dreißig, mit fünfunddreißig, mit vierzig Jahren den Beweis, daß sein Leben eingeistiges Heimatgut und damit ein geistiges Staatsgut bedeutet.
Der Gedanke, nicht ewig dem Elend preisgegeben zu sein, wird einem jungen Künstler, wenn er auch noch nicht den Stadtschutz erlangt hat, mutig und lebenszuversichtlicher machen und ihn vor den großen Bekümmernissen schützen, die seine geistigen Arbeiten benachteiligen. Denn es ist eine traurige Niederträchtigkeit, wenn unverständige Menschen den jungen Künstlern nachsagen, daß, je mehr Not sie leiden müssen, desto besser die jungen Geister arbeiten können.
Das ist gerade so unsinnig und roh gesprochen, als wollte ich sagen: je weniger ich einen Garten pflege, desto mehr Blumen blühen und desto mehr Früchte tragen die Bäume dort.
Die Blumen und die Früchte, die sich unter Mühseligkeiten, ohne Pflege im verwahrlosten Garten durchschlagen müssen durch Unkraut, Insektenfraß und auf vernachlässigtem ungedüngtem Boden, die werden recht kümmerlich ausfallen im Vergleich zu denen die auf einem gut gepflegten Gartenstücke aufwuchsen.
Der junge Künstler, der sich zum Stadt- und Staatsschutz hin entwickelt, wird in seiner Familie, bei seinen Verwandten und Freunden Achtung erhalten! Und bis zu seinem fünfundzwanzigsten Jahr wird die Familie nicht abstehen wollen, den jungen Künstler wie einen Studenten, den sie danach versorgt weiß, nach Kräften zu unterstützen. Der junge, sonst von seinen Verwandten unverstandene und beargwöhnteKünstler wird der Verachtung enthoben werden durch die Aussicht, daß er nach seiner ersten stärkeren Arbeit dann für die weiteren Arbeiten den Schutz und die Ehrenversorgung der Nation finden wird.
Und sollte es wirklich vorkommen, daß unverdientermaßen einige halbe Talente Unterkunft gefunden hätten, so wäre das Unglück nicht zu groß, denn wie viele halbe Beamte und halbe Offiziere ernährt nicht der Staat seit Jahren. Größer ist das Verschulden der Nation, wenn sie die Gesamternte der Kunst nicht heben und steigern will. Denn dadurch wird die Lebensfestlichkeit, der Lebensmut und die Lebenskraft eines ganzen Volkes und seine Weisheit und seine Gefühlswelt niedergehalten.
Was nützt ein stehendes Heer, was nützen alle Offiziere und Beamte, die zum Kulturschutz da sind, wenn in dem Schutzwall, den das Heer und das Beamtentum um die Geisteskraft des Volkes bilden soll, diese Geisteskraft nicht zu gepflegtem Blühen gebracht wird. Denn die höchste Blüte der nationalen Geisteskraft war nie allein das Gelehrtentum eines Volkes, sondern vor allem war es das Künstlertum.
Seht zurück auf die Jahrtausende, was von dem Leben der toten Völker heute noch fruchtbringend zu uns gekommen ist. Es sind das meistens nur die künstlerischen Werke toter Nationen. Mit den Wissenschaften vergangener Jahrtausende können wir nicht allzuviel mehr anfangen, und nur einiges davon wirkt noch befruchtend, während die Dichter und die Künstler untergegangener Nationen heute nochin ihren Werken immer gefühlbefruchtend ewig unter uns weiterleben.
Wir können fast gar nicht daran glauben, wenn wir zum Beispiel ein altes chinesisches Gedicht, ein indisches Lied, ein griechisches Drama, eine ägyptische oder griechische Bildsäule nachempfinden, daß diese Geschlechter, aus deren Zeit diese Werke uns überliefert wurden, vom Erdboden verschwunden sind. Diese Geschlechter haben nur ihren Körper, aber nicht ihren Geist aufgegeben. Denn ihr Geist lebt in den überlieferten Kunstwerken fruchtbringend und unüberwindlich, alle kommenden Zeiten zur Achtung zwingend und an die tote Zeit erinnernd.
Die Künstler sind die unsterblichen Atome der Völker. Was diese Atome taten oder sagten, behält ewige Lebenswärme, wenn es echt gewesen. Denn die Werke der Künstler bilden den Unsterblichkeitsbestand untergegangener Völker.
Und wenn der einzelne Mensch gern an ein Fortleben seines eigenen Lebens und des Lebens seiner Lieben denken möchte, so wird er, wenn er ein ernstes Wesen ist, auch an dem Fortleben seines Volkes, in dessen Mitte sein Leben sich abspielte, beteiligt sein wollen und sich daran beteiligen müssen.
Darum wird es Ehrenpflicht jedes Bürgers sein, daß er mit der Erhaltung des Künstlertums und mit ehrenvoller Verpflegung der Künstler zur Unsterblichkeit der Nation beisteuert. Ebenso, wie jeder tüchtige Bürger zur nationalen Verteidigung mit seinem gesunden Körper und seinen Steuern willig beiträgt. Es wird eine Steuer, zum Nutzen der Künstler denverschiedenen Ständen des Volkes, der Arbeiterklasse, der Beamtenklasse und der Kaufmannsklasse angepaßt, das ganz selbstverständliche und natürliche Mittel sein, zu dem die veredelte und sich selbst achtende Nation greifen muß, um festliche Daseinsberechtigung und künstlerische Unsterblichkeit zu erlangen.
Als eines der vielen tausend Beispiele, die ich bringen könnte, um dem deutschen Volk zu berichten, wie bitter und grausam ein junger Künstler von der Verpflegungssorge gequält werden kann, will ich nur einen der unglücklichsten Fälle aus meinem eigenen Leben erzählen.
Es war eines Tages in Paris. Meine Frau und ich waren schon wieder von Mexiko zurückgekehrt, wo wir gehofft hatten, unter billigen Lebensverhältnissen und fern von dem anspruchsvollen europäischen Leben uns niederzulassen und uns durchzuschlagen. Es war ein Rettungsversuch gewesen, ein Fluchtversuch fort von der Überkultur. Mit dem Rest meines Vermögens hatte ich mir in Mexiko einen Tropengarten kaufen wollen, dessen Ertrag uns ernähren sollte.
Diese und viele andere verzweifelte Versuche, Dichtung und Lebensverdienst zu vereinigen, waren gescheitert, und mittellos befanden wir uns wieder, nach Paris zurückgekehrt, in einem bescheidenen Künstlerhotel im Stadtviertel Montparnasse. Wir wohnten in einem kleinen Zimmer, das wirklich für nicht mehr als fünf Schritte Raum hatte. Aber wir waren verhältnismäßig unbesorgt, und ich dichtete,und wir hofften auf die Hilfe von Verwandten, denen wir geschrieben hatten.
Aber die Antwort blieb aus. Und eines Tages hatte ich kein Kupferstück mehr in der Tasche. In Paris war es uns unmöglich, in eine Wirtschaft zu gehen und auf Stundung zu essen, und es blieb uns auch keine Aussicht, von irgendwelcher Seite Hilfe zu bekommen.
Tonlos und die Verzweiflung einander nicht zeigen wollend, saßen wir, meine Frau und ich, in unserem kleinen Zimmer und hatten nicht gefrühstückt und wußten, daß wir weder Mittag- und Abendessen erhalten würden, und daß wir wahrscheinlich auch, wenn wir nicht vorher verhungert sein würden, das Gasthaus bald verlassen müßten, da wir die Miete des winzigen Zimmers nicht zahlen konnten.
Wir hatten natürlich unzählige Briefe geschrieben nach verschiedenen Seiten, aber entweder abschlägige Antworten oder gar keine Antwort erhalten. Und doch hatte ich viele Bekannte und viele Verwandte in aller Welt und hatte auch mehrere Bücher veröffentlicht, und man wußte, daß ich kein zweifelhafter Anfänger mehr war, denn mein Name war bereits unter die Namen der neuzeitlichen Literatur als bekannt aufgenommen worden. Und doch war dieses Mal, wie so oft vorher und nachher, keine Hand da, die uns Schutz bieten wollte. Denn niemand fühlt einem Künstler gegenüber, auch wenn dieser schon bekannt ist, eine Verpflichtung, bevor derselbe nicht gestorben ist. Dann erst setzt die Verpflichtung, ihn als Nationalgut zu ehren, die Häuser, in denener gewohnt hat, mit Tafeln zu versehen, seine Notbriefe zu veröffentlichen, mit rührender und leider mit recht nutzloser Sorgfalt ein.
An jenem grauen Sorgentag, an dem die große Stadt Paris mir wie ein menschenleeres Meer vorkam, auf dem meine Frau und ich vergeblich hilfesuchend hintrieben, fand ich, als ich gegen Abend die Gasthaustreppe hinunterstieg, am Schlüsselhalter neben der Hausmeisterstube bei meiner Zimmernummer ein Telegramm für mich angesteckt.
Ich will das gefaltete Papier öffnen, als meine Frau im selben Augenblick durch die Haustüre von der Straße hereinkommt, da sie auf der Post gewesen und meine Briefe fortgeschickt hatte. Sie sieht das noch ungeöffnete Telegramm in meiner Hand, erschrickt und bittet mich dringend, es nicht zu lesen. Ich verstehe, daß sie irgendeinen Verwandten, von dem es mir peinlich wäre, Hilfe anzunehmen, telegraphisch um Hilfe angegangen hat, und daß dieses nun die Antwort sein muß, der meine Frau mich aber nicht aussetzen will, im Fall dieselbe abschlägig ist.
So deutete ich mir den Schrecken in ihrem Gesicht. Und um sie nicht zu quälen, gab ich ihr das Telegramm ungeöffnet. Wir verließen dann zusammen das Gasthaus und gingen auf dem stillen Boulevard Raspail hin. Und hier erzählte sie mir unter Tränen, daß ihr, nach all den abschlägigen Antworten, nichts anderes übriggeblieben war, als einen ganz außergewöhnlichen, aber notwendigen Ausweg zu wählen. Sie hatte am Nachmittag ihrem Vater, der nicht mehr helfen wollte, nach Stockholm telegraphiert,daß ich plötzlich an einem Hirnschlag gestorben sei! Und sie hatte ihn umBeerdigungsgeldgebeten! — Nun war es uns ganz schauerlich zumute, als wir das Telegramm öffneten, das meines Schwiegervaters Beileid enthielt und zugleich die Meldung, daß tausend Franken für die Beerdigungskosten telegraphisch folgen würden. Ich war tief erschüttert. Niemals ist mir eine Hilfe so schauerlich und grauenhaft erschienen wie diese. Und doch mußte ich meiner Frau recht geben, als sie diesen einzigen Ausweg, den es für uns gab, gewählt hatte.
Wir gingen zum Gasthaus zurück und warteten unter unheimlicher Bedrückung und empfingen eine Stunde später von der Post mein Beerdigungsgeld. Und noch unheimlicher wurde dann die kleine Mahlzeit, die wir in einer kleinen Künstlerwirtschaft, schweigend und mit Tränen kämpfend, einnahmen. Wir waren von der Sorge schon so ernst gemacht worden, daß wir dieses Mal nicht mehr die Kraft hatten, uns von dem empfangenen Geld mit jugendlicher Leichtigkeit zu sättigen.
Als wir zu unserem Gasthaus zurückkehrten, fanden wir dort andere Beileidstelegramme von anderen Familiengliedern meiner Frau aus Stockholm vor. Wir weinten, als läge wirklich ein Toter im Zimmer, so sehr quälte uns noch der Schrecken und die Schmach der Not. Dann mußten wir, um die Sorge der Angehörigen nicht zu lang auszudehnen, zurücktelegraphieren und melden, daß ich wieder am Leben sei, und zugleich schickten wir erklärende Briefe ab.
Aber mein Begräbnisessen, an dem ich selbst teilgenommenhatte, und jene Notstunden, die meine Frau zu dieser verzweifelten Notlüge gezwungen hatten, stehen mir heute noch schaudervoll im Gedächtnis. Nur die tausend jungen Künstler, die sich in ähnlicher Lage befunden haben, werden mir nachfühlen können. Aber den Fluch, der sich einem auf die Lippen drängt, den man erbittert jener Generation zurufen möchte, die nie ihre ganze Kraft eingesetzt hat, um sich der Kunstwerke, die ihr ihre Künstler schenkten, würdig zu erweisen — diesen Fluch verschluckt man am besten. Denn immer ist noch die Annahme möglich — wenn auch die Zeit zur Erkenntnis nationaler Pflichten bei den Völkern damals noch nicht reif war — daß eine bessere Zeit jetzt anbricht, die dem Stand der Künstler gerecht werden muß. Diese Hoffnung tröstet mich und macht mir vergangene Schmerzen allmählich vergessen.
Vorläufig, finde ich, benehmen sich die Nationen dem Künstlerstand gegenüber im Großen und Ganzen wie Räuber einem Wehrlosen gegenüber. Sie raubten einfach dreißig Jahre nach dem Tod des Künstlers den Nachkommen das Eigentumsrecht der Arbeit des Verstorbenen. Dem sie im Leben nichts gegeben haben, den sie in seiner Jugend bezweifelt und verachtet haben, dem sie in seiner Jugend keine hilfreiche Hand gereicht haben, keine Mittel und Wege geschenkt — dem nehmen sie auch noch das, was seinen Kindern und Enkeln gebührt, das Eigentumsrecht der väterlichen Arbeit.