Chapter 3

Warum fallen nicht die Güter des Adels, warum fallen nicht die erworbenen Vermögen der Reichen,warum fallen nicht die Geschäfte verstorbener Handelsherren nach dreißig Jahren der Nation zu?

Richard Wagner wünschte, daß sein „Parcifal“ nur in Bayreuth gespielt würde. Welche Kämpfe hat es jetzt der Familie Wagners gekostet, ihr Eigentumsrecht nach dreißig Jahren verlängert zu erhalten! Dieser Künstler wurde bei Lebzeiten von seinen Gläubigern von Stadt zu Stadt gejagt. Er mußte sich verstecken, wurde in seinen Arbeitsjahren mit Schande und Spott beworfen und steht jetzt als der Herold eines neuen deutschen Musikgeistes, von ganz Europa gefeiert, an der Spitze der deutschen Musikwelt und brachte seinem Volk vor anderen Völkern Ruhm und Ehre.

Und ging es Beethoven anders? Verkannt und versorgt plagte er sich sein Leben lang. Nichts schenkte ihm die Nation. Aber er schenkte seinem Volk seine Kraft, so daß es sich nach seinem Tod das musikstolzeste Volk nennen durfte. Die Nation selbst aber hat nichts für Beethoven getan, als er lebte.

Für die Wehr des Landes sorgt man. Es kommt mir aber vor, als ob wir dicke Gartenmauern bauen, indessen drinnen im Garten die besten Bäume und die besten Pflanzen hungern. Und was nützen die Mauern, was nützt das Heer, wenn die Gartenleitung, wenn die Regierung die besten jungen Pflanzen und jungen Bäume nicht zu pflegen weiß.

Neulich erst hat sich eine ausgezeichnete polnische Malerin, die, tüchtig und anerkannt, von den besten französischen Malern gerühmt wurde, und deren Bilder von verschiedenen Museen angekauft wurden, nachjahrelanger Mühseligkeit, verzweifelt gemacht von Nahrungssorgen, in Warschau vor einen Eisenbahnzug auf die Schienen geworfen.

Die unglückliche Künstlerin war zu einem Besuch nach Hause nach Polen gereist. Vielleicht hoffte sie bei ihren Verwandten Hilfe zu finden oder in der Heimat überhaupt. Aber es scheint, Enttäuschung dort hat ihr den letzten Mut genommen. Und statt in den Zug zu steigen, der sie wieder nach Paris, in die bittere Mühseligkeit fern von der Heimat zurückführen sollte, hat die arme verzweifelte Frau den Tod gewählt und sich vor die Lokomotive geworfen.

Und diese Malerin war kein halbes Talent. Es war ein großes Talent, das mit ihr untergegangen ist. Und die Stadt Warschau hätte stolz sein dürfen, eine solche Künstlerin geboren zu haben. Wenn die Nationen stolz sind auf Völkersiege, so sollten sie noch stolzer sein auf Geistessiege.

In meiner Wohnung hängt ein Bild, das jene Frau gemalt hat. Sie war in Paris Schülerin Carrières gewesen, und sie hatte sogar selbst mit Carrière und einem anderen bedeutenden Pariser Maler eine Malschule eröffnet. Ich kannte sie gut, schon vom Tage an, an dem sie zum erstenmal nach Paris kam, bis zu ihrem Tode, und ich weiß genau, daß keine andere Sorge als die Sorge um den Lebensunterhalt jene Künstlerin in den Tod getrieben hat.

Die arme bedeutende Frau bewohnte ein großes Atelier, und dieser Raum war ihre Lebensstätte. Sie schlief auf einem kleinen Liegestuhl in einem Winkel dieser Werkstatthalle. Aber man soll nicht denken, daßjenes Atelier bunt aufgeputzt war mit weibischem Schmuck. Der große Raum war nur ernste Werkstatt, war die echte Arbeitsstätte eines echten Künstlergeistes. Mit Ausnahme von einigen notwendigen Hausgeräten standen da nur noch eine alte Kommode, ein Klavier und ein paar Tische und Stühle. Außerdem befanden sich nur Unmassen von Bilderrahmen, aufgespannte Leinwanden, Staffeleien und ein kleiner eiserner Ofen in dem arbeitsnüchternen Raum.

Die zarte Gestalt dieser Künstlerin, deren großer Kopf auf einem gebrechlichen lautlosen Körper lebte, sehe ich noch immer mit der Palette in der Hand vor mir. Eine große Palette, hinter der die schmächtige Dame fast verschwand.

Ein paar armselige Tassen ohne Untertassen und ein einziger Teelöffel, der, wenn Besuch da war, herumgereicht wurde, machten ihre wenigen Haushaltungsgegenstände aus. Sie aß täglich kaum mehr als ein Ei oder einen Zwieback und sie trank Tee in der Abendstunde und Tee in der Morgenstunde und Tee in der Mittagsstunde. Manchmal nur besuchte sie mittags eine kleine Arbeiterspeisestube, wo sie einen Teller Suppe aß und ein Brot.

Sie war tief gebildet. Polnische Dichter und polnische Künstler und französische Dichter und französische Maler füllten an Sonntagabenden die ärmliche pariser Malerwerkstatt, wenn die Polin Empfang hatte. Dann reichte die Künstlerin in ihren wenigen Tassen den Tee herum, schlicht und anspruchslos zwischen ihren Gästen sitzend. Das Echo aller europäischen Kunstbestrebungen und das Echo aller europäischenDichtergeister lebte in den klugen Meinungen, die an jenen Sonntagabenden in dem wenig erleuchteten riesigen Glasraum zwischen jener Frau und ihren Gästen lebhaft ausgetauscht wurden.

Eine Schwester dieser Malerin studierte in Paris Chemie. Und ich erinnere mich, daß mir eines Tages die Künstlerin, als sie mich malte, mit außergewöhnlich lebhaften Augen erzählte, ihre Schwester sei jetzt in jener chemischen Abteilung in Paris beschäftigt, in welcher man auf künstlichem Wege Diamanten herzustellen versuchte.

„Ach,“ sagte sie lächelnd, halb ernst, halb spaßhaft, „wenn meine Schwester es lernen wird, Diamanten zu machen —“ und sie vollendete den Satz nicht und malte weiter und sah mich nicht an, weil sie schon erschrocken war, sich vielleicht verraten zu haben. Denn sie wollte niemand wissen lassen, wie schlecht es ihr gehe. Sie sagte zu jedermann, daß ihr Vater sie unterstütze. Aber später erfuhr ich, daß sie dieses nur sagte, um nicht bemitleidet zu werden. Sie hoffte auf die künstlichen Diamanten, träumerisch und belustigt!

Nie klagte sie in Worten, aber ihr demütig stilles feines Wesen klagte, ohne daß sie es selbst wußte. So sagte sie einmal an einem eisigen Wintertag lachend zu mir:

„Das große Atelier heizt sich so schwer, und deshalb muß ich mich nachts, um nicht zu frieren, in alle möglichen Teppichlappen und Jacken und Schals einwickeln. Sie würden mich gar nicht wiedererkennen, wenn Sie mich einmal morgens so sehenkönnten, wie vermummt ich da bin. Und ich muß immer lachen, wenn ich mich morgens beim Aufstehen zufällig im Spiegel sehe.“

Die arme Künstlerin kehrte jeden Morgen ihre Werkstatt eigenhändig mit den zierlichsten Händen der Welt und heizte selbst den kleinen groben Ofen, um das Geld für die Bedienung zu sparen. Und dabei hingen von ihr unsterbliche Werke im Luxembourgmuseum, und sie hatte bereits verschiedene goldene Medaillen in londoner und pariser Kunstausstellungen erhalten.

Ich finde, das polnische Volk hätte weinen und trauern müssen tagelang, nachdem sich jene begabte Frau in Warschau verzweifelt auf die Schienen geworfen hatte. Die Lokomotive, die den zarten und von Entbehrungen geheiligten Körper dieser Künstlerin rasch unter ihren Eisenrädern zermalmt hat, sie, scheint mir, war barmherziger als das Volk, das eine seiner besten Künstlerinnen hat hungern und darben lassen.

Haben denn die Künstler nicht genug mit der Bewältigung ihres Gefühlslebens zu tun, mit der Bewältigung ihrer Weltbetrachtung, mit der Erringung eines ruhigen Künstlerstandpunktes, von dem aus sie nie dagewesene Werke aufbauen müssen! Warum sollen Künstler auch noch die Nahrungssorgen bewältigen, sie, die von der Natur geboren sind zu schenken, Höchstes und Erdentrücktes. Sie, die nicht wie die Beamten und Offiziere in Wiederholungen und vorgeschriebenen Richtungen ihr tägliches Amt erfüllen können. Sie, die nach jedem vollendetenWerk ein neues, ganz anderes, niedagewesenes Werk beginnen müssen. Sie, die tiefste Sammlung, tiefste Verinnerlichung der Arbeitskräfte vom Gedanken des Geldverdienens trennen muß, weil sonst das Künstlerwerk unrein, unkünstlerisch wird und nicht Ewigkeitswert erreicht und nicht erhebende Kraft spenden kann.

Sie, denen das entstehende Kunstwerk sogar verbietet, an Ruhm und Ehre zu denken, sie, die also nur auf sich hingewiesen, ohne Rücksicht auf ihren Vorteil oder Nachteil, schaffen müssen und auch von der Natur so geboren sind, um nur so schaffen zu können, sie, die nie den Geldverdienst im Auge haben dürfen, damit ihr Auge rein bleibt wie das Auge eines Heiligen und eines Helden; sie, die so veranlagt sind, so hilflos dem Verdienst gegenüber — ihnen sollte nicht die ganze Nation, die später jene künstlerischen Werke genießt und deren Eigentumsrecht beansprucht und die durch die Künstler mit Ruhm bedeckt wird — ihnen sollte nicht die Nation einen würdigen Platz in ihrer Mitte bei Lebzeiten einräumen können?

Wenn es bis heute nicht in dem Maß geschehen ist, wie es geschehen muß, so sind daran schuld der unaufgeklärte Zeitgeist und eine veraltete Weltanschauung. Aber mit der Anerkennung der Festlichkeit des Lebens werden die Völker nicht anders können — wenn sie ehrlich sein wollen —, als dem nicht nach Geld streben dürfenden Künstlertum freie Entwicklungswege und freie Pflege zu bieten.

Das Volk hatte bisher die falsche Meinung, daßdas Künstlertum mit der Leichtlebigkeit, dem Leichtsinn, der Verschwendung und der Unzuverlässigkeit unzertrennlich zusammenhängen müsse, ebenso wie mit der Launenhaftigkeit. Die Leute zucken die Schultern über den Künstler, wenn sie manche seiner Handlungen nicht begreifen, und sagen zwar entschuldigend: „Es ist eben ein Künstler. Der darf das tun. Ein wenig leichtsinnig, ein wenig leichtlebig, ein wenig verschwenderisch, ein wenig launisch, ein wenig unzuverlässig darf er schon sein. Es ist ein Künstler.“ Aber man verachtet trotzdem die künstlerische Sorglosigkeit.

Ich frage: in welchem Stande fänden sich nicht obige Eigenschaften? Wer kann mir einen Stand nennen, in welchem nicht leichtlebige, leichtsinnige, verschwenderische, unzuverlässige und launenhafte Leute zu finden wären? Gibt es nicht unter den Offizieren Schuldenmacher, Spieler? Gibt es nicht unter den Kaufleuten, unter den Handwerkern leichtlebige, unzuverlässige, verschwenderische Menschen?

Ich habe am Eingang dieses Buches gesagt, daß dem Künstler, als sechster Sinn, die Sorgenblindheit angeboren ist. Das will aber nicht sagen, daß er die Sorgen nicht sieht und von ihnen nicht mehr geplagt wird wie jeder andere Mensch. Der Künstler hat von der Natur die Kraft bekommen, über die Sorgen hinweg in geistige Erhebung kommen zu können, und so scheint es denen, die das nicht vermögen, als wäre der Künstler bei allen Sorgen leichtsinnig und sorgenlos. Aber da sein Beruf in der Erdentrücktheit liegt, wird derKünstler doppelt schwer betroffen, wenn er von seiner Arbeit, der weltentrückten, zur Wirklichkeit zurückkehrt und statt des Lohnes die Nahrungssorge neben sich sitzen sieht.

Das Volk besoldet seine Priester. Warum? Weil man sagt, sie dienen einem Wesen, das sie nicht bar bezahlt; sie dienen einem Ideal. Und was tun die Künstler anderes? Dienen sie nicht alle dem Kunstideal? Schöpfen sie nicht täglich aus der Unwirklichkeit neue Gefühls- und Hoheitswerte? Und verdienen sie darum nicht, daß ihr ihnen wenigstens denselben Lohn gebt wie euren Priestern, wie euren Bischöfen? —

Ich habe einmal einer Verschwendungsszene in einem Künstlerhaus beigewohnt. Jener Künstler ist jetzt ein vielgefeierter Mann, und sein Name ist berühmt. Aber dieses trug sich vor zwanzig Jahren zu, als er noch jung war und erst an der Schwelle zur Berühmtheit stand.

Er hatte damals noch einen Brotberuf und konnte sich nur nebenbei mit seiner Kunst beschäftigen und litt sehr unter diesem Doppelleben. Eines Abends, als ich sein Haus besuchte, fand ich seine Frau allein mit dem jüngsten Kinde auf dem Arme, und sie klagte mir, halb lachend, halb weinend:

„Sehen Sie, was er wieder gemacht hat! Ist das nicht ein toller Mensch? Gestern hat er seinen Monatsgehalt bekommen, und auf dem Heimweg kam er an einer Teppichhandlung vorüber, in welcher dieser kleine Teppich ausgestellt war. Und denken Sie, dieser Teppich reizte ihn durch seine Farbenzusammenstellungso sehr, daß er sich nicht enthalten konnte, in den Laden einzutreten und den Teppich zu kaufen. Und drinnen im Laden fällt ihm ein wunderbares venezianisches Kelchglas, ein rubinfarbenes, auf, und auch dieses mußte er haben.

Und er legte für beides seinen ganzen Monatsgehalt auf den Tisch. Er ließ sich dann den Teppich zusammenrollen und nahm das Rubinglas dazu und kam vergnügt, als wenn er das große Los gewonnen hätte, zu mir nach Hause. Dann rollte er den Teppich hier mitten im Zimmer auf und ging am Abend stundenlang jubelnd und entzückt, die Augen auf den farbigen Teppich gerichtet, auf und ab, hin und her. Und dazwischen hielt er den venezianischen roten Rubinkelch gegen das Lampenlicht und freute sich wie ein Kind, dem man eine Blume geschenkt hat.

Warten Sie nur, er wird gleich nach Hause kommen. Dann werden Sie selber sehen, wie er sich benimmt. Aber ich kann ihm nicht einmal böse sein. Er freut sich zu sehr. Ach, sagen Sie nur, was macht man mit solchem Menschen? Sie können sich vorstellen, daß in einem Haushalt, wo Kinder sind, der ganze Monatsgehalt nicht für Teppichfreuden und für ein venezianisches Glas verwendet werden darf.“ So klagte die junge ratlose Künstlerfrau.

„Sind Sie ohne Sorge,“ sagte ich, „es wird ein schönes Kunstwerk, irgendeine künstlerische Eingebung aus dem Teppich und aus dem Rubinglas Ihrem Manne gegeben werden.“

„Ja, das sage ich mir auch,“ meinte die junge Frau aufatmend, „und das tröstet mich auch. Esist ja eigentlich auch keine Verschwendung von meinem Manne, da sich solche Ausgaben immer wieder bei ihm künstlerisch umsetzen. Aber augenblicklich hätten wir den Monatsgehalt nötiger gehabt als den Teppich und das venezianische Glas.“

Die Frau des Künstlers hatte verständig als Künstlerfrau und verständig als junge Mutter gesprochen. Die Liebe zu ihrem Mann hatte ihr tiefes Verständnis für seine Handlungen gegeben, und die Liebe zu ihren Kindern gab ihr aber auch zugleich die laute Klage auf die Lippen. Man hörte ihr aber an, sie wußte nicht recht, durfte sie klagen oder nicht. —

Tritt die Verschwendung in anderen Gesellschaftsklassen nicht in wilderer Art auf? Die Verschwendung des Künstlers setzt sich stets in neue Eingebungen um. Die Verschwendung aber in anderen Kreisen bleibt barer Schaden, ohne daß er sich in Gewinn umsetzt. Und wie klein sind im Grund die Verschwendungen, die sich ernste Künstler leisten oder geleistet haben, im Verhältnis zu dem Aufwand, den Offiziere, Beamte und Kaufleute über ihre Verhältnisse wagen!

Auch ist ein ernster Künstler immer mehr von seinem Gewissen geplagt als irgendein anderer Mensch. Und die meisten Künstler, die ich traf, haben weniger Luxusschulden gemacht als Schulden, die den Lebensunterhalt betrafen.

Ich habe aber nie einen ernsten Künstler getroffen, der das Leben nicht schwer genommen hätte. —

Man könnte falscherweise annehmen, ich hätte, wenn ich von ehrender Versorgung sprach, die demKünstler die Heimatstadt und der Staat bieten sollten, gemeint, man sollte die Künstler äußerlich auffallend ehren. Dieses aber wäre das schrecklichste Leid, was man dem stillen Künstler antun könnte. Es gibt zum Beispiel nichts Störenderes für den echten Künstler, als wenn er mit Nachfragen, Aussprüche zu fällen, Vereinen beizutreten, Bild und Autogramme zu liefern und ähnlichen Verlangen geehrt wird. Möglichst unauffällig, möglichst unsichtbar und möglichst unbeobachtet will und soll der ernste Künstler seine Werke schaffen.

Wohl sehnt jeder Künstler sich nach Beifall und Widerhall und freut sich, wenn seine Arbeiten ihm die Herzen seines Volkes zuführen. Aber nicht in auffallender Ehrung und nicht auf seine Person soll und will der echte Künstler die Anerkennung hingelenkt wissen.

Der Künstler will und soll immer hinter seinen Werken zurücktreten. Nur auf diesem bescheidenen Platz wird er sich ewig fruchtbar fühlen. Darum sichert ihm sein Leben, sichert ihm Wanderfreiheit, nehmt ihm die Alltagssorge ab! Aber krönt ihn erst nach seinem Tode, zerrt ihn nicht bei Lebzeiten aus seiner Verinnerlichung heraus in die verflachende Öffentlichkeit.

In alter Zeit, wenn in Japan der Kaiser in seiner Sänfte durch die Straßen getragen wurde und reiste, da war es bei Todesstrafe verboten, daß ihn das Auge eines seiner Untertanen ansah, ihn, den Sohn des Himmels. Die Menschen mußten sich alle mit der Stirn auf die Erde neigen, undniemand im Volk hatte je den Kaiser gesehen, und nirgends durfte ein Bildnis von ihm hergestellt werden.

Der leitende Gedanke dabei war wohl der, daß das Idealbild, das sich das Volk von einem Sohn des Himmels im Geist gemacht hatte, nicht zerstört werden sollte, und auch der Kaiser selbst mochte nicht von tausend Gaffern in seiner kaiserlichen Ruhe und Würde gestört werden. Und dieses letztere wird jeder echte Künstler dem japanischen Kaiser am besten nachempfinden können.

Wie störend sind heutzutage die Zeitungsumfragen, mit denen die Künstler geplagt und gestört werden. Nur eines Augenblicksreizes wegen, nur um einen leeren Neugierreiz der Masse zu befriedigen, soll der Künstler antworten. Der Künstler sollte immer ein unsichtbarer Schöpfer bleiben dürfen. Und ich denke mir, der allerschönste Nachruhm für einen echten Künstler ist der, daß sein Kunstwerk namenlos groß bestehen bleibt, daß er auf viele Zeiten und Völker befruchtend mit seinem Werke wirkt, aber daß sein Leben hinter dem Werk verschwindet. So daß man in späten Zeiten nichts von ihm weiß und sich über seine Herkunft streitet, da er so bescheiden und unauffällig gelebt hat, daß sein Leben verschwinden konnte hinter seiner starken Arbeit, hinter seiner starken Schöpfung, die erst sein eigentliches Leben, sein unsterbliches, ewiges Dasein bedeutet.

Wir wissen von den Gesängen der „Edda“ nicht mehr die Namen der Dichter. Wir wissen vom„Nibelungenlied“ nicht mehr, wer es gedichtet hat. Wir wissen von vielen schönen alten Volksliedern nicht mehr, wer sie gesungen hat. Kümmern wir uns darum, wenn wir die Märchen von „Tausend und eine Nacht“ lesen, nach den Namen der arabischen Dichter zu fragen? Wunderbare Werke reißen uns so fort, daß wir darüber den Dichternamen vergessen.

Und dieses, dünkt mir, ist die allerhöchste Anerkennung für einen Dichter, wenn seine Werke so blind hinreißend die Menschen packen können, daß seine Werke selbständige Welten wurden, und daß nur des Dichters Nation, daß nur ihr Name an Stelle des Künstlernamens tritt.

Dieses Vergessen des Künstlers darf aber nicht aus Vergeßlichkeit, aus Rücksichtslosigkeit, aus Geistesbeschränktheit seines Volkes entstehen. Sondern die Kraft seiner Schöpfung muß den Künstler vergessen machen, die Kraft der Hingabe an das Kunstwerk, die Kraft, die das Kunstwerk so überwältigend gestaltet hat, daß man den Dichter deutlich zu kennen, zu sehen, zu hören glaubt und dabei ganz vergißt, nach seinem Namen zu fragen.

Nur so soll diese höchste Anerkennung entstehen. Man ist dann dem toten Künstler viel näher und ist ihm näher noch als sein eigener Name ihm gewesen ist. Man wird eins mit ihm in Körper und Geist, als wäre man selbst der Schöpfer jener Kunstwerke.

Die Persönlichkeitsvergötterung, die heutzutage getrieben wird mit lebenden Künstlern, ist, so wohlgefällig sie im Augenblick für beide Teile sein kann,im letzten Grunde kunstfeindlich. Nur die Kunstwerke sollten gefeiert werden. Für das Leben des Künstlers aber soll in unauffälliger, ehrerbietiger Weise von Heimat und Staat gesorgt werden. Des Künstlers Person aber soll nur dadurch geehrt werden, daß man den Künstler ungestört, unbelästigt von vergötternder Neugierde, unbelästigt von äußerlichen, persönlichen Ehrungen sein Lebenswerk vollenden läßt. Denn der Widerhall, die Nachricht wie seine Werke wirken, wird immer zu ihm dringen, und dies wird und soll ihm genügende Befriedigung sein. Und das Bewußtsein, daß er stillschweigend, mehr und mehr, als der Stolz seiner Stadt und als der Stolz seines Landes mit anderen Künstlern zugleich gepriesen wird, muß ihm genügen, wenn er sich ernst nimmt.

Heutzutage leben fast die meisten Künstler, aus ihrer Heimat entwurzelt, einer Großstadtkunst ergeben. Denn ihr Weltdrang wurde in den jungen Jahren nicht genügend befriedigt. Und statt daß sie von aller Welt Lebenseindrücke aufnehmen können, müssen sie in den Kaffeehäusern der Großstadt oder im Großstadtgetriebe Kreise bilden und sich dort zusammenhalten, um sich leben zu fühlen.

Da die Nation den Heranwachsenden keine Hand zum Vorwärtskommen, zum Weltbetrachten bot, nicht durch Reiseerleichterung, nicht durch Unterkunftshäuser, nicht durch Heimatsverpflegung, so bildeten sich in den Großstädten unter den entwurzelten Künstlern jene kommenden und gehenden, hastigen, neuheitswütigen Kunstrichtungen aus. Denn die jungen Männer wurden unruhig, angepeitscht vom beirrendenGroßstadtgetriebe, hastig im Ausdenken neuer Kunstwerte. Ich erlebte eine ganze Reihe solcher kommender und schwindender Kunstrichtungen in den jetzt bald fünfundzwanzig Jahren meiner Erfahrung.

Die Zeitbetrachtung aber wird in späteren Jahrhunderten nur feststellen, daß um die Wende des zwanzigsten Jahrhunderts, ähnlich wie um die Wende des achtzehnten Jahrhunderts, eine sich neubildende Weltanschauung die Künstler zu neuen Formen in der Dichtung, wie in der Malerei und der Musik kommen ließ.

Und dann wird auch dieses einmal vergessen werden, und es werden nur einzelne Lieder, einzelne Kunstwerke dastehen, und man wird, um ihre Entstehungszeit zu bezeichnen, sich kurz fassen, wie man von diesen und jenen Volksliedern heute sagt: „Sie sind aus dem zehnten oder zwölften Jahrhundert entstanden,“ oder, „sie sind um die Zeit Karls des Großen entstanden.“ Dieses wird dann die reinliche Ausscheidung des Bleibenden von dem Nebensächlichen sein. Von den Geburtswehen verschiedener Kunstrichtungen wird man nichts mehr wissen oder nicht viel darnach fragen. Das Kunstwerk allein soll wie ein kleiner oder großer Stern am Himmel der Vergangenheit stehen.

Das Sichzusammenschließen der Künstler, das Richtungen hervorbrachte, die schnell auftauchten und schnell von neuen Richtungen abgelöst wurden, trat wohl niemals so stark auf als in den neunziger Jahren. Die Wichtigsten aller dieser Richtungen aber blieben der Naturalismus und die Neuromantik, die sichgegenseitig den Rang streitig machen wollten. Zwei große Gegensätze kämpften damals unter den Künstlern.

Der Naturalismus hat das Wirklichkeitserleben der Dichter geschult, und dann kam später wieder Schulung der Gedanken- und Phantasiewelt hinzu, die man zu Anfang der neunziger Jahre vor lauter Schwelgen im Wirklichkeitserkennen versäumt hatte.

Ich glaube aber, daß literarische Richtungen nie mehr so hastig auftauchen werden wie damals, keine sich überstürzenden Richtungen mehr einander ablösen werden, sondern daß ein selbstverständliches, geistvolles Erzählen und ein ganz selbstverständliches Liedersingen, jedem Land angepaßt und jeder Provinz angepaßt, im ganzen Reich einsetzen wird, sobald Dichter und Volk wiedereinefeststehende Weltanschauung bekommen haben.

Die christliche Weltanschauung war einmal ein künstlerisch befruchtendes Ideal und hat einmal Künstler und Volk eng zusammengeführt. Und auch in heidnischer Zeit, als die Götterideale bestanden, sind Künstler und Volk einheitlich begeistert worden.

So wird auch die Anschauung von der natürlichen Festlichkeit des Lebens, von dem Bewußtsein, daß wir alles besitzen und alle uns besitzen, zugleich mit der Erkenntnis, daß wir im tiefsten Grunde Schöpfer und Geschöpf, unwirklich und wirklich sind und Festgeber und Gast des Lebensfestes sind, ein einheitliches künstlerisches Ideal werden können.Denn diese Weltanschauung wird in einem Volke oder in allen Völkern der Erde, wenn sie Fußgefaßt hat, die Herzen und die Gehirne des Menschen festlich kunstfreundlich erwärmen und erleuchten. Dann werden nicht mehr nach zwei, drei Jahren Kunstrichtungen auftauchen, Künstler und Volk verwirrend.

Dann werden Künstler und Volk sich nicht mehr entfremdet sein. Dann wird wieder stillschweigendes Einverständnis zwischen Künstler und Volk herrschen, wenn die Menschen — welche die Festlichkeit des Weltallebens und ihres eigenen Lebens anerkannt haben — nicht mehr nur die Welt als ein Jammertal oder als ein Durchgangsaufenthalt zum besseren Leben betrachten, sondern Zeit zum Kunstgenuß finden, und Zeit haben werden zurkünstlerischenVertiefung in alles Weltalleben.

Jedes so aufgeklärte Volk wird mit der dem Künstler angeborenen Festlichkeit Schritt halten können, wenn es sich zu dem Standpunkt aufschwingt, daß alle Leben sich selbst belohnen und selbst bestrafen, daß alle Leben teilhaben an der Allmacht, an der Allwissenheit und an der Unsterblichkeit des Weltallfestes, und daß alle Leben, zu festlichem Dasein zusammengekommen, Festlichkeit schaffen wollen. —

Wie es ein Schaden für das Land ist, wenn Bauern und Landleute in großen Massen die Dörfer verlassen und, statt Landbau zu pflegen, einen Stadtberuf wählen, so ist es ein Schaden für die Kunst und für das Künstlertum, wenn Künstler in Massen ihre Heimatorte verlassen und sich in den Großstädten ansammeln, weil sie glauben, dort ihren Welthunger befriedigen zu können.

Gebt den Künstlern kostenlos Reisefreiheit zuWasser und zu Land, gebt dem Künstler sein Heimathaus in der Vaterstadt oder in ihrer Umgebung und gebt ihm Unterkunftshäuser — in der Art von Klubwohnhäusern in den Weltstädten —, wo jeder Künstler freie Verpflegung findet. Und er wird bei freier Reisemöglichkeit gar nicht den Drang haben, in den Weltstädten, die ihm im letzten Grund nur vorübergehend zusagen, sich für das ganze Leben dort niederlassen zu wollen. Das heißt, wenn er nicht selbst in einer der Großstädte geboren und dort zu Hause ist.

Die Möglichkeit, verschiedenste Länder und Weltstädte kostenlos besuchen zu können, und die Möglichkeit, kostenlos zur Bereicherung des Weltüberblickes große Seereisen machen zu können, alles dieses wird den Künstler nicht mehr heimatentwurzelt, sondern heimatsansässig machen, wenn er, heimgekehrt von den Reisen, die Arbeitsruhe ersehnt.

Wir leben in einer Zeit, die mehr von überzüchteter Großstadtdichtung lebt als von wohlgepflegter Heimatdichtung, welche in verschiedenen Landesteilen aus den verschiedenen Landschaften und verschiedenen Landschaftseelen aufblühen könnte, die aber nichts mit beschränkter Lokaldichtung gemein haben soll.

Man stelle sich vor: eine Provinzbevölkerung wohnt um einen Fluß oder um einen See. Eine andere Bevölkerung ist hauptsächlich auf Wald- und Wiesenland angewiesen. Eine dritte Provinz ist eine Heidelandschaft. Eine vierte liegt an der Meeresküste, eine fünfte liegt im Binnenland, in Bergen bei Bergseen, eine sechste kennt nur Gruben, Bergwerke,Fabriken, eine siebente treibt Ackerbau und hat Weinland und Hügellandschaft.

Wie verschieden ist die eine Bevölkerung von der anderen in jedem Landkreise! Wie verschieden müssen die Männer jeder Provinz denken und arbeiten! Und wie verschieden wird die Frauenschönheit, die im verschiedenen Menschenschlag, im verschiedenen Landeskreis auftritt, vom Künstler besungen und wiedergegeben werden müssen.

Es haben wenige Künstler ihre Heimat so geliebt wie zum Beispiel Fontane seine Mark liebte, und wie der Maler Hans Thoma sein badisches Land liebt. Wie jeder weise Mensch seine Eltern und seine nächste Familie näher fühlt als die Fremden, so wird in jedem Dichter die Heimatliebe zugleich mit der Liebesleidenschaft zu dem Weib, das er sich von irgendwo aus der Welt nach Hause geholt hat, am besten die innigsten und herzlichsten Stimmungen und Bilder aus seiner Dichterkraft auslösen.

Von allen großen Künstlern wissen wir, daß sie gerne gewandert sind. Ich erinnere nur an die Deutschen Walter von der Vogelweide, Dürer, Goethe. Und wie fruchtbar blühte Geist und Herz des Künstlers nach der Wanderzeit. Denkt an Richard Wagner, denkt an Nietzsche. In den jungen Jahren zogen sie alle hinaus und wechselten Ort um Ort. Aber der war nie ein großer Künstler, der nicht endlich seßhaft werden konnte. Und glücklich der, der dann die Seßhaftigkeit wieder in der Heimat finden durfte. —

Über meinen Lebenslauf in meinen Wanderjahren berichtete ich zuletzt von Stockholm, vom Winter 1894, von den Sonntagsbesuchen bei Ellen Key, wo ich den norwegischen Lyriker Sigbjörn Obstfelder, den Dichter der Traurigkeit, kennen gelernt hatte.

Eines Tages erzählte mir Obstfelder, er habe bei seiner letzten Sommerwanderung, als er mit seinem Geigenkasten durch die Berge Norwegens zu Fuß gereist war, eine junge schwedische Dame mit ihrer Mutter kennen gelernt. Der Vater der jungen Dame sei ein Großkaufmann. Obstfelder war jetzt öfters im Winter in dem Landhaus jener Familie draußen vor Stockholm zu Gast.

Im Laufe des Winters ergab es sich dann, daß ich jene junge Dame durch Obstfelder kennen lernte. Ich traf sie einige Male in einem stockholmer Lesesaal, wo man für zwanzig Öre stundenlang in einem lautlosen Zimmer Zeitungen aus aller Welt lesen konnte, und wo auch Bücher zu leihen waren. Später war ich dann in ihrem Hause eingeladen und hatte die Familie kennen gelernt.

Gleich nach der ersten Begegnung hatte ich, was mir sonst so schnell noch nie vorgekommen war, ein Gedicht über das schöne Goldhaar jenes Mädchens geschrieben. Ich merkte aber auch dabei, daß ich zum erstenmal in meinem Leben mehr als nur flüchtig verliebt war. Ich fühlte erstaunt, daß die ernsteste Seite meines Gefühls angeschlagen war.

Ungläubig und verwundert kämpfte ich zuerst gegen den befremdeten Liebesernst an, der beinahe schmerzlichin mir wach geworden war. Ich mußte mir immer wiederholen: nur mit diesem Mädchen, bei welchem scheuer, starker Geist und gesunder, keuscher Körper zusammenlebten und mir nicht bloß vom süßen Verlieben sprachen, sondern vom tiefen Zusammengehören, würde ich gern täglich meine Zukunft teilen.

Und bei ihr, sagte ich zu mir, kann ich mir den Begriff Ehe vorstellen. Vielen lieblichen, reizvollen, unterhaltenden und brennend berückenden Frauengeschöpfen war ich vorher begegnet. Manche hatte meine Sinne gefesselt, manche meine Gedanken unterhalten, manche hatte mir schöne Träume gegeben. Und verschiedenste Liebesgefühle konnte ich mir bei all den verschiedensten Mädchen vorstellen, jede war wie eine Farbe oder eine Farbenabstufung gewesen. So wie man einmal ein schönes Blau liebt, einmal ein feuriges Rot, einmal ein erfrischendes Grün, einmal ein stolzes Goldgelb, so wie einzelne Farben belebend und entzückend wirken können, so waren mir verschiedene Mädchen vorher nahe gekommen. Aber wie man nicht nureineFarbe sein Leben lang ansehen möchte, so war ich immer bei jeder Frau früher oder später dem Gedanken ausgewichen, eine von ihnen meinem Leben für immer verbinden zu wollen.

Aber dieses schwedische Mädchen jetzt war die erste, die keiner einzelnen Farbe ähnlich war. Sie war, wie jeder Lebenstag, eine Vereinigung aller sieben Farben. Ich konnte erschütterndes Rot in ihr finden und besänftigendes Blau, das erquickende Grün und das machtvolle Goldgelb. Ihr Herz war von der Natur warm und verständig gebildet, so daß es nichtwie ein einfarbiges bengalisches Feuer mein Herz nur festlich blendete, sondern ich fühlte mich in jenes Mädchens Nähe festlich befriedigt und wußte, nachdem wir uns kaum einige Stunden gesehen hatten, daß ihr Leben mir gehörte, und daß das meine ihr gehören müßte.

Eigentlich wäre es das Einfachste gewesen, wenn ich ihr dies alles gleich gesagt hätte. Aber die neue Liebeserkenntnis war, wenn ich die Lippen öffnen wollte und sie zu ihr aussprechen sollte, mir selbst noch so ungeheuerlich überraschend, daß ich zauderte und immer schweigend hinhorchte, ob ich nicht den Schall und die Aufregung dieses Ereignisses in und um mich laut werden hören könnte.

Ich war bestürzt dumm wie Hans im Glück. Eines nur bestätigte mir den Hall des Ereignisses. Das war die Tatsache, daß ich über diese Frau in den nächsten Tagen wieder ein Gedicht machen mußte und wieder ein Gedicht — und so fort bis auf den heutigen Tag. Und dieses Besingen ihrer Erscheinung war natürlich der Schall des laut gewordenen ernsten Gefühles, das mich erschütterte.

Es war im Frühjahr 1895. Niemand außer dem jungen Schweden hatte ich es gesagt, daß ich mir meine zukünftige Frau in jenem jungen Mädchen vorstellen konnte, das ich öfters, bei verschiedenen Gelegenheiten, bald in Gesellschaft anderer, bald zufällig allein im Lesesaal wiedergesehen hatte. Der jungen Dame selbst hatte ich keine Andeutung gemacht. Denn ich fand es ganz lächerlich, daß ich junger Fremdling, der ich nur von meines Vaters Gnadeleben durfte und mich hilflos vor einer ganz unklaren Zukunft befand, wagen sollte, an die Möglichkeit zu denken, vor den Vater dieses Mädchens hinzutreten, um seine Tochter als Frau zu verlangen.

Meine Verhältnisse hatten sich nicht geändert. Und in den Bürgerkreisen rechnete man es einem jungen Mann, der nicht Universitätsstudent war, übel an, wenn er in meinem Alter von siebenundzwanzig Jahren noch keine anderen Einnahmen hatte als die Unterstützung von zu Hause.

Täglich fühlte ich mich gedemütigt von dieser Lebenseinrichtung, die den jungen Dichter oder jungen werdenden Schriftsteller lieblos und gedankenlos behandelt und ihm keine staatliche Lebensvergünstigung, keine staatliche Fürsorge für sein weiteres Fortkommen und für seine Entwicklung bietet. Von Monat zu Monat mußte ich in ausführlichen und eindringlichen Briefen immer wieder meinen weiteren Unterhalt von meinem Vater erbitten.

Wie hätte ich da wagen sollen, in einem fremden Land in ein reiches Kaufmannshaus einzutreten und um die Hand der Tochter zu freien! Wenn ich auch auf ein späteres Erbteil von zu Hause rechnen konnte, so lag mir das doch ganz fern, solange mein Vater lebte, etwas von seinem Tod erhoffen zu wollen. Dieser Gedanke hätte mir nicht geschmeckt, und ich hätte nicht gewagt, mich auf diesen Gedanken zu stützen und den Vater des Mädchens darauf hinzuweisen.

Im Frühjahr 1895 begegnete ich eines Tages, als ich in Stockholm in einen offenen Trambahnwagenaufsprang, der jungen Dame, die bereits eingestiegen war. Und ich saß neben ihr, sehr vergnügt darüber, sie einmal ganz allein und nicht in dem lautlosen Lesesaal zu sehen, wo man sich neben anderen Lesern immer nur ein geflüstertes „Guten Tag“ und „Lebewohl“ hatte zunicken können.

Es war elf Uhr vormittags, und die Sonne schien freundlich, als hätte sie uns beide zusammengeführt, und als freue sie sich jetzt mit uns. Draußen eilten während der Fahrt die sonnenbeleuchteten Häuser vorüber und Stockholms Brücken, die Bildsäulen der Könige, die Schiffe im lebhaften Mälarenwasser und das vornehme Stockholmer Schloß, das wie eine einzige Terrasse über das stahlblaue Stromwasser herschaut.

Mir schien, ich hatte die schwedische Hauptstadt nie so glänzend und frühlingsbewegt gesehen als jetzt an der Seite des jungen Mädchens, die einen gütigen Hauch von Familienunschuld mit einer frischen, neuzeitlichen Weltart in ihrem sicheren und freundlichen Wesen vereinigte.

Ich war beglückt, daß sie einiges über mich wissen wollte, wenn es auch nur kleine unbedeutende Fragen waren, die sie an mich richtete. Einen Augenblick war es mir, als führen wir beide ganz allein durch die Welt. Und da kam es mir leicht über die Lippen, ihr zu erzählen, daß ich ein paar Gedichte über sie geschrieben hatte.

Sie sah erstaunt und erfreut aus und fragte, ob sie die Gedichte lesen dürfte. Da aber wurde mir klar, daß diese Gedichte die innerlichste Liebeserklärungenthielten, der ich je in meinem Leben Wort gegeben hatte. Und ich wußte nicht recht, ob ich ja oder nein antworten sollte. Indessen hielt der Trambahnwagen, und die junge Dame mußte aussteigen. Und im Aussteigen sagte sie nochmals:

„Bitte, bringen Sie doch die Gedichte in den Lesesaal mit.“

Ich sagte rasch: „Nein, ich werde sie Ihnen mit der Post schicken.“

„Ich bitte, tun Sie es bald,“ rief sie mir noch zu und reichte mir die Hand.

Aber kaum war ich im Wagen allein und kehrte wieder zu meinem nüchternen Sorgendasein zurück, da sagte ich mir: sie hat keine Ahnung, was diese Gedichte sagen. Sie glaubt vielleicht, es sind nur ein paar spöttische oder schelmische Reimereien. Und ich nahm, als ich nach Hause kam, die Gedichte und las sie noch einmal durch. Und während ich las, war es mir, als säße die junge Dame wieder neben mir, wie vorher in dem Trambahnwagen.

Und da überströmte mich ein warmes zukunftsgläubiges Gefühl, und ich sagte mir: mag werden, was will. Mag sie mich verlachen oder mag sie erschrecken — ich werde ihr die Gedichte schicken. Und ich schrieb dieselben auf schöne saubere weiße Blätter. Aber schon während des Schreibens schämte ich mich wieder, und mein Zimmer und ich selbst wurden mir unheimlich.

Mein Blut wogte dann auf und nieder, als ich die Blätter in einen Briefumschlag getan. Und als ich meinen Mantel anzog, um zum Briefkasten zugehen, war mir jede meiner Bewegungen fremd und neu. Es wurde mir klar, die nächsten Tage mußten etwas ganz Ungewohntes bringen. Ich konnte mir aber nicht ausdenken, wie sich jenes Mädchen benehmen würde, wenn es die Gedichte empfangen hatte.

Entweder, sagte ich mir, war ich, wenn es die Gedichte gelesen hatte, sein erklärter Bräutigam vor meinem und seinem Herzen oder, wenn es sich ablehnend und erschrocken benahm, müßte ich gleich fort aus dieser Stadt. Denn nach dem Überreichen der Gedichte würde es mir nicht möglich sein, in denselben Straßen zu gehen, wo die Geliebte täglich ging, und in diesen Straßen unter ihren Augen meine ihr offenbarte Sehnsucht kalt zu machen und zu begraben.

So lange sie nichts von meiner Neigung wußte und kein Wort, kein Blick, kein Gedicht mich ihr verraten hatte, konnte ich in ihrer Nähe alle meine Träume und meine Hoffnungen entstehen, kommen und gehen lassen und war immer noch mein eigener Herr über mein inneres Leben. Aber wenn ich diesen Brief mit den Gedichten dem Briefkasten übergeben hatte, war ich der Knecht einer Aufrichtigkeit geworden, die vielleicht verfrüht war oder vielleicht niemals jener Frau zu Bewußtsein kommen sollte.

Ich ging dann am ersten Briefkasten vorüber und sagte mir: es gibt mehr Briefkästen. Und ich ging an dem zweiten Briefkasten vorüber und sagte mir: du hast ja den ganzen Tag Zeit, den Brief in den Briefkasten zu werfen. Und so kam ich zur Straße, in der dieStadtwohnung der Familie jenes Mädchens war. Und da war wieder ein Briefkasten. Dieser war der verführerischste von allen Briefkästen.

Ich ging dort ein paarmal auf und ab; aber während ich von weitem das Haus ansah, wo jene junge Dame ahnungslos in ihrem Familienkreis, bei ihrem tüchtigen Vater und bei ihrer tüchtigen Mutter, von Sitte und Würde umgeben, wohnte, da befiel mich wieder die Scham vor meiner Armut.

Nein, niemals, sagte ich mir, werde ich mich lächerlich machen, und ich werde in einem fremden Land nicht um ein fremdes reiches Mädchen werben, ehe ich nicht genug besitze und frei und unbefangen das Vertrauen der Eltern fordern kann.

Es war mir darnach nicht schwer, den Briefkasten zu meiden. Und ich eilte, so schnell ich konnte, zu meiner Straße zurück. Und wenn es mir auch unterwegs öfters noch einen Ruck gab, und ich schnell einen hastigen Griff in die Tasche tun wollte, um den knisternden Briefumschlag mit den ehrlichsten Liebesgedichten in den nächsten Briefkasten zu werfen, so kam ich doch glücklich in mein Zimmer zurück, und dort verbrannte ich sofort in meinem Ofen den Briefumschlag mit den Gedichtabschriften.

„Gottlob, welcher Torheit bist du entgangen!“ sagte mein Verstand. „Aber nein,“ weinte mein Herz, „nun ist es wieder alltäglich um mich, und alle Festlichkeit, die da hätte entstehen können, ist im Ofen zu Asche verbrannt. Warum quälst du mich so lange? Warum hast du nicht mutig gewagt, was gewagt werden muß?“

„Oh,“ lachte mein Verstand roh. Und er schickte mir eine schamheiße Blutwelle ins Gesicht. „Wie lächerlich wärest du morgen vor dir dagestanden, sowohl, wenn jene ‚nein‘, als wenn sie ‚ja‘ gesagt hätte.“

„Nein, nein, nein, Liebe ist nie lächerlich,“ schluchzte mein Herz. Und ich lief aus dem Zimmer fort, um Luft zu schnappen. Denn ich wußte mir nicht mehr zu sagen, hatte ich vernünftig oder unvernünftig gehandelt.

Am nächsten Tag war ich aber doch zufrieden, daß ich mich nicht verraten hatte, denn ich hatte Herz und Verstand Frieden schließen lassen. Sie waren beide mit mir zu folgender Überzeugung gekommen: Ist diese Frau wirklich mein Schicksal, wie ich es so sehr ersehne, dann wird mir dieses Schicksal nicht entgehen. Ich werde dann, wie ich auch in bezug auf sie handle, immer recht handeln. Wenn ich auch meine Gedichte vor ihr nicht enthüllen darf, wird sie doch mit der Zeit ahnen müssen, was ich für sie empfinde.

„Habe Geduld und überlasse alles der Zeit und deinem Schicksal,“ sagten Herz und Verstand zu mir, friedlich geworden.

Es war an diesem Tag der erste Mai, und die Sonne schien so fröhlich wie am Tage vorher, da ich der heimlich geliebten begegnet war. Und an die fröhliche Vormittagsonne, die in meinem Zimmer die Leere wärmte, war seit der Begegnung der gestrigen Vormittagfahrt im Trambahnwagen an dieses Vormittagsonnenlicht die Erscheinung des jungen Mädchens gebunden. Es war mir, als säße es jetztwieder zwischen elf und zwölf Uhr vormittags neben mir. Aber heute saß es an meinem Schreibtisch.

Nach dem Mittagessen sagte die liebenswürdige, aber halb taube, gütige Pensionsdame zu mir, es müsse mir etwas ganz besonders Angenehmes begegnet sein, da ich heute einen so glücklichen Ausdruck hätte. Und eine ältere Freundin, die mit ihr, nachdem die Tischgäste gegangen waren, noch allein im Eßsaal geblieben war, drohte mir, schelmisch lächelnd, mit dem Finger, als wollte sie sagen: Sie haben wohl ein kleines Herzensabenteuer erlebt.

Durch die Balkontüre, die gegen den Tegnerplatz hinsah und breit offen stand, fiel der Maiensonnenschein glänzend in das große Eßzimmer, und der lange Balkon vor den Fenstern lockte hinaus in die sonnige Luft. Da bekam ich einen scherzhaften Einfall; ich drehte meinen Ring am Finger um, so daß der Stein des Ringes an die Handinnenseite kam und der Ring dann nur als Goldreif wirkte. Ich deutete lachend auf den glatten Goldreif und sagte halb ernst, halb scherzend zu den beiden älteren Damen: „Ich habe mich heute verlobt.“

Dieser Satz lag, seit der letzten Begegnung mit jenem jungen Mädchen so sehr oft vorgesagt, in meinem Herzen und meinem Verstande da, daß die festliche Stimmung, der Sonnenschein und die auf ein Liebesereignis hindeutenden Fragen der Damen mir spielend den Satz entlockten: „Ich habe mich heute verlobt.“

„Ach,“ riefen die beiden Damen fröhlich erstaunt, für Scherz und für Ernst bereit, „heute am erstenMai haben Sie sich verlobt? Und das erfahren wir jetzt erst?“

„Ja, es bleibt einstweilen noch Geheimnis,“ sagte ich lachend weiter.

„Das müssen wir feiern,“ meinte die Hausdame. Und sie ließ gleich den Kaffeetisch, an den wir uns eben setzen sollten, auf den Balkon hinaustragen und ließ eine auf Eis gestellte Flasche schwedischen Punsch bringen.

Als wir in der Sonne saßen, wollten aber die Damen wissen, wer jene Dame sei, deren Ring ich an der Hand trüge. Aber der Scherz wurde mir nun beinahe zu ernst, und, in die Enge getrieben von der fröhlich festlichen Stimmung der Fragenden, die mit den Punschgläsern auf das Wohl meiner Braut anstoßen wollten, wenn ich ihren Namen genannt hätte, blieb mir nichts übrig, als lachend zu erklären, indem ich mit der Hand auf die Sonne deutete, die mir so warm aufs Herz schien und so frühlingshaft erregt zu uns über das Balkongeländer sah: „Ich habe mich heute mit der Maiensonne verlobt.“

Die Damen, die gern Scherz liebten, waren über den zahmen Einfall nicht böse. Und sie glaubten vielleicht auch heimlich, ich wollte den Namen meiner Herzensdame nicht nennen. Sie stießen dann fröhlich mit den Punschgläsern auf das Wohl meiner Braut, der Maiensonne, an.

Mein Herz aber und mein Geist waren während dieses Vorgangs weit von dem Balkon abwesend. Meine Hand spielte zwar mit dem Ring, mein Gesicht lachte mit den Damen, meine Augen vergnügtensich an der Maiensonne, aber es fehlte mir mein Kern. Es fehlte meinem äußeren Dasein in jenem Augenblick mein innerstes Dasein. Und heute erst beim Rückblick weiß ich, wo in jener halben Stunde damals mein innerstes Leben geweilt hat.

Es war nicht in die Wohnung zu jenem jungen Mädchen gegangen. Mein innerstes Leben war von jenem Balkon fort, allwissend gegen den Strom der Zeit angeschwommen und hatte hellsehend ein Jahr vorausgeschaut und war frei und fröhlich geworden, weil es gerade über ein Jahr am nächsten ersten Mai jenes junge Mädchen und mich zusammen in einer der Straßen von Paris fand, wo wir eben unseren Verlobungstag feierten.

Und mein Herz wollte in mir aufjubeln, aber mein Leben durfte nicht jenen Damen, die da so fröhlich ahnungslos am weißgedeckten Tisch bei mir saßen, zulachen, denn es sah allwissend noch anderes. Es sah, daß die Hausdame, die mich zuerst gefragt hatte, welches Glück mir begegnet wäre, nicht mehr am Tische saß, und daß ihre Freundin in Trauer gekleidet umherging.

Denn jene, die da vor mir lachte, sah nicht mehr die Maiensonne des nächsten Jahres. Sie starb im Vorfrühling, und meine inneren Augen sahen bereits ihren Platz am Tisch leer. Und mein innerer Jubel über meine Verlobung durfte nur scheu in mir antönen.

In diesem zweigeteilten Gefühl stand ich vom Kaffeetisch auf und verabschiedete mich von den beiden Damen, auf deren Verlangen ich mich auch zum Abschied vor der Maiensonne verbeugen mußte. —

Als der Sommer kam und sich alle Welt aus der Stadt fort, auf Reisen, aufs Land und in alle vier Windrichtungen zerstreute, reiste ich, um mein Vaterhaus zu besuchen, nach Deutschland. Und zu Hause angekommen, erzählte ich dann meinem Vater, daß ich mich gern in Schweden mit einem jungen Mädchen verheiraten möchte. Er fand das gut, aber als er mich fragte, wovon ich mit meiner Frau leben wollte, wurde es mir wieder klar, daß man als junger Dichteranfänger der Wirklichkeit schutzlos und hilflos gegenübersteht.

Der Dichtergeist sagte zu mir: „Du darfst nicht ans Geldverdienen denken, darfst nie mit der Dichtung Geld verdienen wollen, sonst helfe ich nicht beim Dichten mit. Wenn dir deine Werke von selbst Geld einbringen werden, so ist das gut und schön. Aber um des Geldes willen dir zu dienen, dazu gebe ich mich nicht her. Ich will nicht Knechtdienst tun.“

„Denn ein Dichtergeist,“ fuhr die Stimme in mir selbstbewußt fort, „arbeitet nicht für Taglohn. Er läßt sich nicht rufen, er läßt sich nicht Kanzleistunden vorschreiben. Da er aus dem Reich der Unwirklichkeit kommt, kann er sich nicht mit deiner Wirklichkeit, mit deiner Hungerfrage, mit deiner Zeitfrage, mit deinen körperlichen endlichen Lebensfragen beschäftigen und nicht Rücksicht auf deine Endlichkeit nehmen.

Der Dichtergeist ist der Hall deiner Ewigkeit, der in dir laut wird; lauter im Dichter als in den anderen Menschen. Er erhebt deine Gefühle ins Unendliche und will deinen Worten Rhythmen geben,nicht Zeitmaße der nützlichen Zeit. Unwirkliche Zeit, Ereignisse der Vergangenheit und Zukunft können dir in der Dichtung Gegenwart werden, wenn du den Dichtergeist in seiner Unendlichkeit aus dir singen läßt.

Willst du ihn aber zum Lastknecht, zum Gegenwartsknecht machen, der deinen Magen ernähren soll und deinem Körper Behaglichkeit bringen soll, dann treibst du diesen Geist aus dir aus. Dann bleiben nur Reste von ihm in dir, und die werden nur halbe Werke leisten, Endlichkeitswerke. Mit ihnen wirst du kein Glück machen, denn der unbefangene Leser wird sie immer als Reste erkennen, und die Welt hat das Recht, deinen ganzen Dichtergeist zu fordern.“

„Aber ich kann mein begehrendes Herz nicht verstoßen,“ sagte ich zum Geist der Dichtung, der so zu mir sprach. „Ich liebe und will die Geliebte ernähren können.“

„Nimm dir Geduld,“ sagten Herz und Geist zu mir, „denn wir sind unzertrennlich aneinander gebunden. Ohne Herz gibt es keinen Dichtergeist. Er ist die Flamme, die nur vom liebenden Herzen gespeist wird.“ —

Da mir mein Vater nicht raten und nicht helfen konnte und mir ebenfalls von Geduld und Zeit sprach, und daß ich die Hoffnung nicht sinken lassen sollte, beschloß ich, nicht mehr nach Schweden zurückzukehren, und war müde gemacht von der Aussichtslosigkeit, von der ich kein Ende sah.

Und ich nahm mir vor, um meine Gedanken von meiner innersten Sehnsucht abzulenken, eine Reise zu Fuß nach Italien zu machen.

Ich wollte von München nach Rom wandern. Und da ich immer gern Landschaften zeichnete, kaufte ich mir frische Farben und Papierblocks und wollte unterwegs zeichnen und malen und diese Malereien am Weg verkaufen und so bis nach Rom kommen.

Aber mein Schicksal ließ mich von München nur bis Schliersee kommen. In Schliersee wohnte damals in einem kleinen Bauernhause am Bergabhang über dem See der schwedische Schriftsteller Ola Hanson mit seiner Frau. Und es kam mir die Lust an, diesen zuerst zu besuchen und dann erst die Fußreise nach Italien anzutreten.

Ich stieg in einem Schlierseer Gasthaus ab und suchte Ola Hansons Haus auf. Die beiden alten Bekannten waren erfreut, mich nach so langer Zeit wiederzusehen. Wir hatten uns seit meinem ersten Aufbruch nach Bohuslän nicht mehr gesehen, da jene von Friedrichshagen nach Oberbayern gezogen waren und nicht mehr in Berlin lebten, als ich später mehrmals dort durchreiste.

In ihrer weißgetünchten Bauernstube saß ich nun Abend für Abend bei den schwedischen Schriftstellersleuten, und mein Herz war glücklich, daß es von Stockholm erzählen durfte, von Obstfelder und Ellen Key, von Heidenstam und Geijerstam und Levertin und Josephson. Und während Tür und Fenster der Bauernstube weit in die Sommernacht offen standen und von den dunklen Matten ein paar Kuhglockenlaute antönten, wenn dort schlafende Kühe sich regten, erstaunte ich mitten im Erzählen immer wieder, daß vor den Fenstern meine deutsche undbayerische Heimat lag, da ich mich doch eben deutlich auf den stockholmer Straßen hatte gehen gefühlt.

Ich dehnte den Aufenthalt in Schliersee länger aus, als ich mir vorgenommen hatte. Je mehr ich mit Ola Hanson von Stockholm sprach, desto mehr schwand Rom, das ich sehen wollte, und ich sah zuletzt wieder als Reiseziel Stockholm vor mir liegen.

Aber dann sprach doch der Verstand dazwischen und sagte barsch: „Du wirst nicht mehr Vermögen als vorher in den Taschen haben, um in Schweden eine Frau heiraten zu können, wenn du jetzt wieder dorthin umkehrst. Du bist von dort abgereist, weil dir das Vermögen fehlte, mit dem du die zukünftige Frau ernähren sollst. Erinnere dich doch, wie du im Mai in der stockholmer Straße an dem Briefkasten standest. Da war es dir doch ganz bewußt, daß du ohne Geld nicht freien darfst.“ —

Eines Abends ging ich mit Herrn und Frau Hanson von ihrem Berghaus hinunter nach Schliersee in den Garten des Gasthauses „Zur Post“. Sie hatten mir gesagt, daß Hermann Bahr, der sich eben auf der Hochzeitsreise befände, mit seiner jungen Frau dort abgestiegen wäre, und daß sie ihn treffen und mich ihm vorstellen wollten.

Ich sah und sprach dann auch Hermann Bahr an jenem Abend. Und am nächsten Vormittag fuhr ich mit ihm und seiner jungen Frau in einem Ruderboot auf den Schliersee hinaus. Als wir danach, er und ich, nachdem seine Frau zum Gasthaus gegangen, um sich umzukleiden, ein wenig auf der Landstraße spazierten, erinnere ich, daß ich, auf Bahrs Befragen,ihm eine lebhafte Schilderung meiner Eindrücke von Bohuslän gab und ihm erzählte, wie mich das Leben in dem einsamen schwedischen Pfarrhaus und meine Spaziergänge dort im schwedischen Granitland dazu gebracht hätten, die Dichtungen meines Buches „Ultraviolett“ zu schreiben.

Er verstand sehr wohl, daß man den Regenduft und den Mondaufgang, den Amselschlag und alle Naturerlebnisse lebhafter und bilderreicher aufnehmen müsse, wenn man an einer steinernen, weltfernen Küste, in einem Land, dessen Sprache man nicht versteht, mit feingewordenen Ohren und Augen nichts anderes erlebte als das wenige, das sich in dem steinernen Rahmen jener fremden Natur abspielte.

Und während ich so sprach, und Hermann Bahr mein Leben in Schweden in Gedanken mitlebte, wurde mir mit einem Male klar, daß mein ganzes Buch „Ultraviolett“ kein Herz besaß; daß alle diese Lieder herzleer wirkten im Vergleich zu den wenigen Versen, die ich jetzt über das junge schwedische Mädchen gedichtet hatte.

Wie anders wären jene Lieder geworden, die ich in Bohuslän aus meiner Einsamkeit heraus gedichtet hatte, wenn damals schon jenes Mädchen mit mir über die Steine der schwedischen Westküste gegangen wäre! Die Gedichte wären nicht bloß Farbenbilder und Tonbilder geworden, sondern Lieder voll Liebesgeist. So sagte ich zu mir.

Der Inhalt des Buches „Ultraviolett“ erschien mir jetzt wie eine durch Natureinsamkeiten hingleitende Irrlichtflamme, die nur eine blaue Luftflammewar, aber die kein Feuer hatte, das einen Körper verzehrte.

Mein Herz hatte damals noch nicht gebrannt, als ich nur der Dichterlust zuliebe dichten wollte.

Nun war mir völlig klar: ich mußte umkehren, nach Stockholm zurück und nicht nach Italien wandern. Dieses Mädchen, das ich im Norden wußte, war mir so notwendig zum Atmen wie meine Lunge. Mein Herz war an ihr entzündet worden und konnte auch nicht in der Ferne mehr verlöschen. Es verfolgte mich jetzt ebenso sehr die Sehnsucht nach der Liebe jenes Weibes als die Sehnsucht nach den Dichtungen, die sie mir eingeben würde.

Als ich dann am nächsten Tag Hermann Bahr mit seiner jungen Frau glücklich lachend abreisen sah, und als ich am Abend wieder oben auf dem Berg in dem Bauernhause Ola Hanson und seine Frau besuchte, sprach dort in ihrer Häuslichkeit der Geist der Ehe, der Geist der Lust, einen Hausstand zu gründen, stark auf mich ein, und ich erzählte beiden, daß ich eine Stockholmerin liebte, die ich heiraten wollte. Die beiden waren sehr erstaunt und freuten sich und wünschten mir Glück. —

Kaum aber nach Stockholm zurückgekehrt, wurde mir noch deutlicher als vorher bewußt — da ich durch das viele Reisen mich wieder in Not gebracht hatte —, wie unmöglich es mir sein würde, da ich nur von meines Vaters Gnade lebte, mich mit einer Frau durchzuschlagen. Aber doch fand ich nicht die Kraft, die Sehnsuchtsgedanken an das junge Mädchen aufzugeben. In Stockholm angekommen, erfuhr ich,daß sie verreist sei, aber ich war glücklich, wenigstens in ihrer Vaterstadt umherzugehen. Eines Tages aber hörte ich dann plötzlich von ihrer Verlobung.

Ich wollte sofort aus Schweden abreisen. Doch die Mittel zur raschen Reise fehlten für mich, und eine mir grauenhafte Verkettung der Umstände zwang mich sogar, am Verlobungsessen im Hause der jungen Dame teilzunehmen. Danach hätte ich aber am liebsten meinem Leben ein Ende gemacht.

Wie ich noch voll Gram und Unentschiedenheit mit mir zu Rate ging, meldete mir eines Tages das Dienstmädchen, daß ein unheimlicher Mann vor der Türe stünde, der mich zu sprechen wünsche. Es war der polnische Schriftsteller Stanislaus Przybyszewski, dessen leise Stimme und fremdländisches Äußere dem Dienstmädchen Furcht eingejagt hatte. Przybyszewski war mit seiner Frau, welche Norwegerin war, von Kristiania nach Stockholm gekommen, und ich war nun glücklich, durch den geistig lebendigen Polen auf andere Gedanken gebracht zu werden. Er arbeitete in dieser Zeit eben an seinem Roman „Satans Kinder“.

Bei irgendeinem Bekannten saßen wir nun immer, bei starken Alkoholgetränken und im Zigarettenqualm, er, seine Frau, Freundinnen und Freunde, fast Nacht für Nacht bis in die Vormittagstunden, unendliche Reden führend und unendlich schweigen könnend, halb schlafend, halb wachend, zusammen, immer neue Grogs brauend, immer neue Zigarettenschachteln öffnend. Und mein Hirn tanzte bald, überreizt vonNikotin- und Alkoholvergiftung, und ich fühlte mich in jenen Winterwochen weder körperlich noch geistig lebend. Es war mir in jenen Nächten oft, als wären wir alle Spukgestalten geworden, die Frauen wie die Männer jenes Kreises. Wenn sie lachten, wenn sie sprachen, wenn sie schwiegen, waren sie mir wie eine Gespenstergesellschaft, die erst der anbrechende dunkle Wintermorgen scheuchte.

Aber sobald wieder nachmittags die Straßenlaternen angezündet waren und überall künstliches Licht war, fand sich auf der Alkoholwolke und auf den Tabakswolken die Spukgesellschaft wieder zusammen, mit wirren geistblitzenden verzerrten Gelächtern die lange Nacht ausfüllend.

Przybyszewski spielte Chopin, wenn er bei Laune war. Das sonst so öde Klavier wurde dann zu einer Hölle, die er mit wild tastenden Händen öffnete. Und die Töne fraßen Ordnung und Gesetze und Gedanken blindlings aus den Hirnen aller Zuhörer fort, und Töne, Menschen und Zeiten wurden zum Chaos. Kein Leben behielt mehr seine Form und seinen Sinn. Nur der Einsturz alles Lebens und die Vernichtungsfreude schien in den Tönen zu funkeln, wie der glühende Alkohol in den Gläsern und wie die Feuerpunkte der Zigaretten zwischen den Lippen der Menschen, die da in Sesseln und Sophas auf den Teppichen herumlagen und herumhockten.

Und da war kein stilles Kreisen der Gestirne, kein geordnetes Planetenleben mehr an dem Nachthimmel draußen, der zu den Fenstern auf uns und auf den spielenden Polen sah. Es war, als schossenvor meinen Augen alle Sterne, Kometen geworden, wild und regellos durch den Nachtraum.

Die Töne klirrten unter den weißen gelenkigen Fingern des Spielenden, und die Herzen klirrten in der Brust der Zuhörer. Und wie die Scherben der zerbrochenen Groggläser am Boden, sahen die Augen der Frauen und Männer, Glassplittern ähnlich, aus dem Tabakrauch. Der Geist, der sekundenweise aus ihnen aufschoß, hatte keine Geistesgewalt mehr, sondern war nur ein Zucken und Verenden des Geistes. Des Morgens war mein Herz voll Mattigkeit, und abends sehnte es sich doch wieder nach dem Untertauchen in den Hexensabbat.

Endlich raffte ich mich im Januar auf, die Stadt zu verlassen, wo die wirren Nächte mich für die bekümmerten Tage betäuben mußten. Denn ich schlief in diesen Wochen nicht einmal tagsüber, sondern sehnte mich unnütz. Ich lag und dachte an mein Herz und stand erst zur Abendstunde auf, gedankenmüde und verquält.

Aber als ich das Geld zur Abreise bereit hatte, fehlte mir der Mut zur Abreise, und ich gab das Reisen wieder auf. Denn auch in der dunkelsten Zeit, in dem Wirrwarr jener Nachtstunden, stand wie der Geist meiner guten Stunden, wie der gute Genius meiner Gedichte, hinter dem Tabaksqualm, hinter den Betäubungen, das Gesicht jenes Mädchens, das ich liebte.

Und wenn ich morgens über die menschenleeren Pflastersteine nach Hause ging, sagte ich mir: über diese Steine wird sie am Tage gehen! Und dieserGedanke gab mir ein wenig Befriedigung. Doch ich getraute mich nicht, von den Steinen aufzusehen. Denn dann konnte ich sie, wenn sie auch nicht auf der Straße war, im Geist deutlich am Arme ihres Verlobten daherkommen sehen.

„Wir wollen alle reisen,“ sagte eines Tages Frau Przybyszewski. Und ich sagte, ich wollte meinem Vater um Geld telegraphieren. Wir gingen dann alle zusammen zum Telegraphenamt. Aber wie ich das Telegrammpapier vor mir liegen hatte, sagte ich: „Ich werde niemals Geld erhalten, wenn ich nicht einen triftigen Grund angebe.“

Ich schrieb deshalb auf das Papier: „Bitte telegraphiere mir tausend Mark wegen einer Frau.“ Aber dann wußte ich nicht mehr weiter. Ich meinte, mein Vater würde vielleicht annehmen, daß ich einen Ehrenhändel hätte. „Schreiben Sie dazu,“ sagte eine der Frauen, „werde sonst verhaftet.“ Und ich schrieb dieses und schickte das Telegramm ab und erhielt auch am Abend das Geld von meinem erschrockenen Vater, der natürlich briefliche Aufklärung verlangte. So wildes Wesen trieb die Verzweiflung mit mir, daß ich nichts mehr bedachte, was ich tat.

Wir reisten am nächsten Tag von Stockholm ab. In Kopenhagen trennte ich mich dann von Przybyszewski und seiner Frau und fuhr nach Paris.

Vorher hörte ich schon, daß jene junge Schwedin in Stockholm ihre Verlobung wieder gelöst hatte, und ich atmete auf und durfte nun wieder hoffend und frei an sie denken; doch wagte ich es kaum noch. —

In Paris hatte ich das amerikanische Ehepaar James und Theodosia, die von London zurückgekehrt waren, in ihrem Atelier bald nach meiner Ankunft aufgesucht und hatte ihnen von meiner Herzensnot erzählt und von meiner Hoffnung, daß der Himmel mich vielleicht doch noch einmal mit der jungen schwedischen Dame, die ich liebte, zusammenführen würde.

Die beiden Amerikaner machten mir großen Mut und sagten immer wieder, mein Wünschen würde sicher so stark wirken, daß ich eines Tages noch glücklich würde.

Und Paris war die geeignete Stadt, in der ich am stärksten meinem Liebeswunsch nachhängen konnte, denn das Straßenleben, die Vergangenheit und die Gegenwart dieser Stadt sprechen ununterbrochen von der Liebe, die diese Stadt erlebt, erlebt hat und erleben will.

Als ich im Februar 1896 nach Paris kam, war vier Wochen vorher Frankreichs bester Dichter, der Lyriker Paul Verlaine, gestorben. Und die Zeitungen erzählten täglich Züge aus seinem Leben. Man erfuhr, daß er sich von Krankenhaus zu Krankenhaus durchgeschlagen hatte. Aber er war nicht so sehr krank gewesen als notleidend. Er hatte keinen anderen Ausweg gesehen, um sich zu helfen, als daß er sich bei den verschiedenen Spitälern in der Armenabteilung krank meldete, nur um Unterkunft und Verköstigung zu erhalten.

Ich wohnte auf der Höhe des „Quartier Latin“ in einem Gasthof in der Straße de l’Abbé de l’Épée, einer friedlichen kleinen Seitenstraße des Boulevards St. Michel, die, wie man weiß, die Hauptstraße des pariser Studentenviertels ist.

In der stillen, freundlichen Gasse, durch welche fast nie ein Wagen fuhr, waren auf der einen Seite sonnenbeschienene, helle, hohe Gartenmauern, und am Gassenende stand eine alte Kirche, die mit Abend- und Morgengeläut die klösterliche Friedlichkeit noch erhöhte. Das Gäßchen war sehr still. Man sah nur immer das menschenleere, sonnenbeschienene, saubere Pflaster unter den Fenstern. Die Häuser waren ein- und zweistöckige, kleine, helle, vornehme, weltabgeschlossene Einzelhäuser. Manchmal verirrte sich einer der Straßenverkäufer, mit singender Stimme ausrufend, unter die Fenster der sauberen Gebäude, aber sonst flogen dort nur die Sperlinge durch den Sonnenschein.

In dem ruhigen Gasthof stiegen meistens ausländische Künstler ab und einige ältere französische Studenten, die Prüfungsarbeiten machten. Zur Frühstücks- und Abendessensstunde sah man kluge, ernste, gedankenvolle Köpfe in dem schmalen Eßsaal. Dieser Saal war schmal wie ein Hausflur. Durch die Verglasung seiner einen Längsseite sah man in den kleinen dreieckigen Hausgarten, der mit hohen, dichtverwachsenen Efeumauern und einem grünen Rasen eine wohltuende Oase für das Auge war, wenn man ermüdet vom Weltstadtlärm und aus der wüsten pariser Lebensjagd, aus der Innenstadt, heimkehrte und sich zur Mahlzeit niedersetzte.

Da sah man manchmal auch im Gartengrün eine Katze kauern und sich bei der Efeuwand sonnen, oder es flog eine Amsel herbei und spazierte auf dem Rasen und flog dann über die Mauer in einen Nachbarsgarten, von wo sie, auf hohem Ahornzweige schaukelnd, ein Lied jubelte. Man wußte nicht mehr, lag dieses Stück grüne Erde da draußen vor dem schmalen Speisesaal in der Stadt Paris oder in einem friedlichen Kirchhof. Denn dieses stille, kleine Gasthaus hatte die Macht, starken Frieden um sich zu verbreiten, so wie Öl, das man auf stürmende Wellen träufelt, das Meer im Umkreis sanft macht.

Wenn ich nicht diese Stille in Paris täglich erlebt hätte, ich hätte es nicht für möglich halten können, daß man solche Lautlosigkeit schaffen kann mitten in einer Millionenstadt. Aber dieses ist die Kunst der Pariser, vornehme Ruhe zu schaffen. Indem sie mit kluger Ausnützung des kleinsten Erdflecks grüne Gartenwinkel anlegen, in welche man mit Einfachheit und Bescheidenheit nur Rasen und Efeu pflanzt und so dem Auge ländliche Ruhe zuführt. Man schachtelt also ins laute Paris Ruhe in Ruhe ein. Und man gelangt so dort mitten in dem kochenden Leidenschaftsherd, der die ganze Stadt wie einen ewig arbeitenden Krater wogen und wallen läßt, trotz aller überhitzter und gesteigerter Lebenslust, zu einer fast unschuldigen Ruhe mit sich selbst.

In keiner Weltstadt sah ich auch jemals soviel Kleingewerbetätigkeit. Neben den großen, spiegelglänzenden, gläsernen pariser Läden nistet ein bescheidener und traulicher Kleinhandel. Alles darfund alles soll leben können hier in dieser lebenswarmen Stadt! Es kommt einem vor, als stünden diese Worte als Spruch am Eingang der meisten Straßen. Wie jahrhundertalte Wohnungen und Häuser Raum für viele Andenken haben, Andenken an verschiedene Geschlechter, die hier lachten und starben, so ist das pariser Straßenleben durchwebt und durchlagert von Versteinerungen verschwundener Zeitschichten.

Dieses gibt der Stadt etwas innig Rührendes, etwas innig Rückständiges und künstlerisch Gedankenvolles neben der wahnwitzigen Vorwärtsjagd, dem Vorwärtsstreben und dem lauten Dasein.

Nirgends sah ich noch soviel Katzen auf der Welt als in Paris. Daß die Ägypter die Katzen heilig sprechen konnten, wurde mir nirgends verständlicher als in Frankreich. Die pariser Katzen gehen wie die Geister vergangener Geschlechter lautlos und gepflegt, geliebt und geschützt in allen Häusern herum, in allen Läden, in allen Gasthäusern. Kein Mensch erschrickt vor ihnen, kein Mensch jagt sie, und sie werden nicht bloß geduldet, sondern gefeiert, weil der lebendige und lebenssüchtige Pariser im letzten Grunde auch am Tier die Ruhe des Benehmens als die höchste Lebenskunst feiert.

Der alte schwedische Maler Josephson, den ich auf Veranlassung von Ellen Key noch vor meiner Abreise in Stockholm besucht hatte und der fünfzehn Jahre seines Lebens in Paris verbracht hatte, sagte beim Abschied zu mir:

„Also, Sie wollen nach Paris! Grüßen Sie diegroße, starke Stadt von mir, die große, ruhige, vornehme Stadt.“

„Ruhig?“ fragte ich. „Die Stadt, in der man sich seit Jahrhunderten betäubt, innerlich und äußerlich, die Stadt kann doch nicht ruhig sein?“

„Glauben Sie mir,“ meinte der alte Maler, „Paris ist die ruhigste Stadt in Europa. Und wenn Sie dort hinkommen, rate ich Ihnen, nehmen Sie es sich als ersten und letzten Grundsatz vor: bewahren Sie sich immer Ihre Ruhe dort. Machen Sie mit Ruhe die Hast mit. Aber geben Sie Ihre Ruhe nie auf. Dann wird Sie der Pariser schätzen, er, der so verächtlich auf die unruhigen Fremden herabsieht.“

Und als ich nun die Katze, das Symbol häuslicher Ruhe, überall in Paris gepflegt fand, mußte ich immer an diese Worte des alten schwedischen Malers denken. —

Draußen vor meiner sonnenstillen Gasse stand man, wenn man die breite, sonnige Straße St. Michel kreuzte, vor den großen Eisengittern des weiten Luxembourgparkes, dem Garten der Bildsäulen der Königinnen von Frankreich und der Dichter.

Auf den Terrassen rund um den Platz eines großen Wasserbeckens stehen die Bildsäulen der hohen Frauen, und unter den Augen der steinernen Königinnen und in einem Kreis von Zuschauern lassen die pariser Kinder dort im Frühlingsnachmittag ihre handgroßen Segelschiffchen auf dem Wasserspiegel kreuzen.

Aber auf einer anderen Seite des Schloßgartens, im lauschigeren Teil, wo die Singvögel in blühendenBüschen nisten und grüner Rasen mit Blumenhügeln und Zwergobstbäumen abwechselt und unter schattigen, alten Kastanien- und Ahornbäumen noch Lauschigkeit und Heimlichkeit herrscht, findet der Spaziergänger die Denkmäler der Dichter.

Im Nebenflügel des Lustschlosses selbst, das näher zur Stadt hin liegt, und darin jetzt die Senatoren von Paris ihre Sitzungen abhalten und ihre Schreibstuben haben, ist die neuzeitliche Bildersammlung mit ihren Kunstschätzen lebender oder erst jüngst gestorbener Zeitgenossen.

Die Luxembourgsammlung wird als die Vorhalle zum Allerheiligsten, zur Ewigkeitssammlung, dem Louvre, angesehen. Ein Kunstwerk, das eine gewisse Anzahl von Jahren in der Luxembourgsammlung ausgestellt ist, wird, wenn sein Kunstwert nach Jahren noch als ein Bleibender anerkannt ist, dann erst der Louvresammlung einverleibt.

So sind der Luxembourggarten und seine Bildersammlung eigentlich das Besitztum der französischen Jugend. In den Vormittagsstunden sieht man im lauschigen Teil des Parkes manchen bücherlesenden Studenten. Am Nachmittag gehört der Baumschatten den Kindern, den Kinderfrauen und den Tierfreunden, die die Vögel füttern und sich die Sperlinge so zähmen, daß diese ihnen die Brotkrumen von den Lippen picken.

Der Spätnachmittag aber lockt die Studenten und jungen Künstler mit ihren zierlichen Freundinnen in Scharen von der Seite des Boulevards St. Michel her auf den großen Musikplatz des Gartens, und beiMusikspiel lebt das Liebesspiel in den Augen, in den Worten und Gelächtern der Spazierenden. —

Jedem Fremden flößt die große Ordnung Achtung ein, die sowohl in London als in Paris die Tagesarbeit und das Vergnügen in bestimmte Zeitabschnitte abteilt. Man muß das Uhrwerk dieser Städte als Fremder verstehen lernen und sich ihm anpassen. Das Leben dort wird von der Ordnung wie ein Konzert von einem Kapellmeister geleitet. Es haben sich bestimmte Ordnungsbegriffe gebildet, die von Geschlecht zu Geschlecht festgehalten werden. Man spricht von der Stunde vor „der Spazierfahrt ins Gehölz“. Dann kommt die Stunde „der Erfrischungsgetränke“, die Stunde vor dem „Gang ins Theater“ und so weiter.

Die Strenge, mit der an althergebrachter Sitte festgehalten wird, macht den Pariser stolz und ruhig mitten im Neuzeittrubel.


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