Damals, im Jahre 1896, lebten und arbeiteten in Paris immer noch Zola, Huysmans, Mallarmé, von denen für die Literatur tonangebende Neuerungen ausgingen. Wie ich schon sagte, Verlaine war eben gestorben. Auf dem Boulevard St. Michel lief ein älterer, etwas komischer, halb verhungerter Literaturstudent im Gehrock und Zylinder umher, der den Spitznamen Bibi hatte, und der unversehends mitten im Menschengewühl zu einem herantrat, aus seiner hinteren Gehrocktasche eine Stiefelbürste zog, den Zylinder höflich lüftete und mit ernster Mieneum die Erlaubnis fragte, einem den Staub von den Stiefeln und vom Hosensaum bürsten zu dürfen.
Man ließ es sich gefallen und gab ihm eine Geldmünze dafür. Denn jedermann wußte, daß Bibi bitterarm war. Aber außerdem wußte man auch, dieser dürftige, dürre Mensch, der nur flüsterte und der im Menschengedräng wie ein Schatten kam und schwand, er war der treueste Anhänger Paul Verlaines gewesen. Und man behauptete später, daß er noch zehn Jahre nach Verlaines Tod das letzte Hemd des Dichters an seinem Leib trage und es, aus Verehrung für den toten Meister, niemals ablege.
Gestalten von solch rührender, wandelnder Lächerlichkeit lebten viele im Gedränge des Boulevards St. Michel. Zur Mitternachtsstunde tauchten sie auf, und es war dann, als verkörperten sich in ihnen vergangene Zeiten.
Man sah da auch ein altes Mütterchen. Sie verkaufte Oliven in Öl oder gekochte rote Krebse, je nach der Jahreszeit, und man sagte, sie sei eine Freundin des Dichters Musset gewesen. Sie war wohl neunzig Jahre alt, und ihr Kopf wackelte, und manchmal machte sie einen Luftsprung, wenn ihr auf einer Kaffeehausrampe von einem Studenten Geld zugeworfen wurde. Dieser Hopser der Alten war die letzte Erinnerung aus ihrer Tänzerinnenzeit, die sie einst am Ballett der Großen Oper erlebt hatte.
Diese Spukgestalten der Vergangenheit wurden von den Studenten sowohl wie von ihren Freundinnen, die die nächtlichen Straßen füllten, geachtet und geliebt, man schätzte sie. Sie bildeten diePatina der Straße. Alte Kenner des Lebens sahen ihnen ehrfürchtig und behaglich schmunzelnd zu. Und die jungen Lebensneulinge betrachteten diese Überbleibsel toter Zeiten mit Scheu und mit leisem Anflug von Selbsterkenntnis: das Leben vergeht, darum wollen wir es festlich nehmen. Mehr Erkenntnis aber lebte noch nicht in den jungen Nachtschwärmern des lateinischen Viertels.
In diesem Stadtteil von Paris verbrachte ich vom Februar 1896 bis Ende April die letzten Wintertage. Im Betrachten der großen fremden Stadt und im Betrachten der nächsten Umgebung meiner Gasse, in der ich wohnte, vergingen die Stunden schnell.
Und eines Sonntags, im Parke von Versailles, erstaunte ich, daß in den hohen Baumgängen und in den künstlichen Wasserläufen dort schon die Frühlingssonne warm spielte.
Als ich über die endlose Baumreihe, die sich von der Schloßrampe beinahe bis an den Erdrand hinzuziehen scheint, hinsah und mich die frische, freie Luft ferner Äcker und Felder anwehte, knickte mein Herz ein. Denn ich wurde plötzlich erinnert, daß es außer dem künstlichen Stadtleben, das ich bis jetzt in diesen pariser Wintertagen und in den letzten Monaten in Stockholm fern von freier Natur gelebt hatte, auch noch Wiesen, Wälder, Länder, Erdteile und Meere zum Aufatmen gab.
Und die Luft sagte weiter, daß über dem Meer fern im Norden ein Mädchen, das ich ersehnte, lebte, und daß die Frische, die hier in den stadtfernen VersaillerSchloßgarten über Äcker hergekommen war und nicht über Hausdächer, mich an das ferne Land im Norden erinnern wollte, an Bohuslän, wo ich zuerst ohne Herz gedichtet hatte, und an Stockholm, an meine Wohnung am Tegnerlund, wo ich meine ersten Liebesgedichte herzlich gedichtet hatte.
Hier in Frankreich war ich bisher vor dem Neuen wie ein Schlafwandelnder gegangen, und es war mir oft, als ob ich meine Dichtung und meine Liebesgefühle zu jenem Mädchen in einem fern vergangenen Leben erlebt hätte.
Aber nun kam vom Erdrand junge Luft durch den langen Baumgang, über den langen Wasserlauf, zu den Treppen der Schloßrampe von Versailles, und eine große Sehnsuchtswelle rührte mich an. Die Vögel, die Amseln und Finken, die da in den blätterleeren hohen Bäumen des Parkes aufsangen, wollten auch mich zum Aufsingen überreden. Und das Wasser blitzte unter dem dunklen Geäst, die Frühlingssonne glitzerte in den laubleeren Kronen der Bäume, und die weißen großen Götterbilder, die da am Fuß der breiten Treppe stehen, sprachen von der Göttlichkeit des Menschenleibes und von der Festlichkeit, mit der die Heiden ehemals Himmel und Erde herzlich und selbstverständlich genossen haben.
Der große leere Frühlingsgarten, der bereit stand zu erwachen, der Knospen und Blätterschwärme bringen wollte und zu grünen Sälen werden wollte, darinnen sich die Menschen in Paaren ergehen sollten, dieser Garten sagte: „Geh, hole dir dein Mädchen und komme wieder mit ihr. Meine festlichen Wege sindnicht für Einsame gedacht. Ich bin ausgedacht zur Feier der Liebesgefühle. Auf meinen Wegen will ich der Menschen Liebesgeplauder hören und will Menschen sehen, deren Herzen nicht einknicken vor Weh und Einsamkeit, wenn sie an das Ende meiner langen Baumgänge blicken.
Wenn es die kleine Amsel dort fertig bringt, sich ein Weibchen zu finden und diesem ihr Lied zu singen, warum sollst du, junger Mensch, es nicht fertig bringen, wie eine Amsel dein Weibchen zu finden und ihm deine Lieder zu singen.“
Alles dieses hörte ich laut in meinem Blut reden. Bei jedem Schritt, den ich über den feinen Sand in dem ebenen Garten tat, schluchzte mein Herz und klagte meinen Verstand an und sagte:
„Sieh und höre, was der Garten spricht. So wahr als die Sonne, die jetzt hier das leere Wasser in weißes glänzendes Feuer verwandelt, die Gartenbäume und den Rasen täglich anruft, daß sie blühen sollen, und so wahr es ist, daß dieser Garten der Sonne folgen muß und Blätter und Knospen treiben wird, so wahr ist es, daß ich dich anrufe und flehe: höre auf dein Herz. Du kannst es nie betäuben!
Ich rufe dich an wie die Sonne. Und dein Geist und dein Leib müssen mir folgen. Du kannst die Liebe nicht ersticken. Das ferne Gesicht jenes Mädchens, das du liebst, spiegelt sich in mir, in deinem Herzen, wie die Frühlingssonne hier im Wasserlauf und verwandelt mich in weißes Feuer. Geh heim jetzt und liebe und singe.“ —
Und am Abend in Paris im hellgrauen Frühlingsabend,in dem kleinen stillen Gasthof, schrieb ich mein erstes Gedicht seit Monaten und wünschte inbrünstig wie nie diejenige herbei, von der heute im leeren Versailler Schloßgarten den langen Nachmittag das ganze Weltall zu mir gesprochen hatte.
Seit drei Tagen aber befand sich die, die ich fern in Schweden glaubte, in derselben Stadt wie ich. Das erfuhr ich am nächsten Tag, als ich ihr, die mir wie vom Himmel gefallen schien, mitten in Paris begegnete. —
Ich ging meistens nach dem Frühstück, das ich zwischen elf und zwölf Uhr einnahm, und das mein Mittagessen bedeutete, aus dem Gasthaus fort, um dann im Luxembourggarten zu lesen, und trat gegen zwei Uhr in ein Kaffeehaus ein, wo ich immer einige mir bekannte Künstler traf. Manchmal saß ich im CaféFrancois premieram Boulevard St. Michel. Da war Verlaines Stammplatz gewesen, der jetzt auf dem Ledersofa unter den mit Blumen bemalten Spiegeln für immer leer blieb.
Der Kellner dort, der den Dichter noch vor einigen Monaten bedient hatte, erzählte, wenn er mir die Zeitungen brachte, gern von seinem toten Dichtergast. Von ihm hörte ich auch über den seltsamen kindlichen Goldhunger, der den verarmten Bohêmepoeten kurz vor seinem Tode noch befallen hat.
Freunde hatten Verlaine ein kleines Zimmer gemietet, und dort fanden sie ihn eines Tages, als er seine wenigen Tische, Stühle und Geräte und alles, was in dem dürftigen Stübchen sich um ihn befand,liebevoll mit einer ganz gemeinen Goldbronzenfarbe bemalte.
Er, der selten Gold in die Hände bekommen hatte, den der Hunger an die Türen der Armenspitäler getrieben hatte, und der in seinem Geist sich so viele goldfeurige Leidenschaftshimmel in die Welt geträumt hatte, wollte auch einmal die irdische Armseligkeit — in der ihn seine stolze reiche Nation darben und verkommen ließ —, ehe er sterbend von ihr schied, sichtbar vergoldet sehen.
Er konnte das Zimmer schon nicht mehr verlassen vor Entkräftung und von stetem Elendsfieber gepeinigt, das seinen Körper zerrüttet hatte. Seine Freundin, die ihn zuletzt pflegte, kaufte ihm einige Flaschen Goldbronze, seinen letzten Wunsch erfüllend. Und halb kindlich, halb spöttisch schmunzelnd, vergoldete er in seiner Stube das graue und abgestorbene Holzgerät, die Stuhlbeine und die Tischbeine. Die blanke Goldbronze mußte dem kranken Dichter den fehlenden Sonnenschein in den dunklen pariser Dezembertagen vortäuschen, die Frühlingssonne hat der Arme nicht mehr wiedersehen dürfen.
Verlaine starb, und die pariser Bürger bemerkten seinen Tod kaum. Nur das Studentenviertel, nur die Künstler, erlitten bewußt einen tiefen Verlust mit seinem Hinscheiden.
Sollte man es für möglich halten, daß große Geister so unbemerkt von einer gebildetseinwollenden Bürgerschaft und so ungefühlt leben und gehen können? Das war doch nie bei den Griechen und Römern der Fall, daß ein großer Mann in ihrer Mitte lebte,den nicht auch die ganze Nation gekannt hätte. Die Jagd nach dem Gold heute macht die Bürger geistesblind, blind gegen sich selbst, blind gegen ihre eigenen tiefsten heiligsten Forderungen.
Der arme Dichter rief jenes Gold, das die Bürger von ihm fernhielt, in sein Sterbezimmer, und er zwang den Goldschein, ihm in sein leidendes, abschiednehmendes Auge zu sehen. Und als ihn das Gold ungerührt ansah, lächelte er ihm im Sterben zu und versöhnte sich auch mit ihm, seinem Lebensfeinde. Das Gold, nach welchem Verlaine nie gestrebt, hatte ihn vielleicht deshalb, weil der Dichter es nicht verehren wollte, gehaßt. Das Gold, das über alle bürgerlichen Menschen Macht hat, hatte nicht über diesen Helden der Dichtung Macht bekommen, und nur in seiner Sterbezeit spielte Verlaine mit dem Glanz des Goldes wie ein Kind. —
Da ich an jenem Tage, nach dem versailler Sonntag, keinen von meinen Bekannten im CaféFrancois premiergetroffen hatte, ging ich in das Kaffeehaus Lilas, das auf der Höhe des Studentenviertels am Boulevard Montparnasse liegt. Dort war immer ein Kreis des jüngsten künstlerischen Frankreichs und des jüngsten künstlerischen Auslandes, nachmittags und abends, anzutreffen.
Ich befand mich auch nicht lange dort, da kam Eduard Munch und setzte sich zu mir. Ich fragte ihn sogleich nach der Adresse einer norwegischen Freundin jener jungen stockholmer Dame, die Munch ebensogut wie ich kannte. Ich ließ mir dann vom Kellner eine Postkarte geben und schrieb an jene Dame nachNorwegen, denn bei ihr hielt sich jetzt, wie ich erfahren hatte, die junge Stockholmerin zu Besuch auf.
Ich hatte noch nicht zwei Zeilen und noch nicht die Frage an die Norwegerin, ob die junge Schwedin schon nach Stockholm zurückgekehrt sei, ausgeschrieben, als sich die Glastüre des Kaffeehauses öffnete und Munch neben mir erstaunt ausrief: „Nein, sehen Sie, da kommt sie ja schon selbst.“
Verblüfft sah ich auf und sah wirklich sie, zu der ich so ungeduldig in diesem Augenblick nach Skandinavien hingedacht hatte, unter der Tür eintreten. Ihr Gesicht, das ich gestern ganz fern am Ende der versailler Baumgänge im Frühlingswinde in meinem Geist hatte aufwachen sehen, kam mir nun vervielfacht aus den breiten Spiegelwänden, aus allen Ecken und Enden der Glaswände des pariser Kaffeehauses beweglich und lebend entgegen.
Ich sah mich mit einemmal wie umringt von allen den Sehnsuchtsbildern, die ich mir von jenem Mädchen gemacht hatte. Und es stand in der Mitte aller dieser Spiegelgesichter wie der warme Kern aller meiner Sehnsüchte, und erstaunt reichte es mir über den Marmortisch die Hand zur Begrüßung.
Die junge Schwedin war mit ihrer norwegischen Freundin kurz entschlossen nach Paris gekommen. Sie war nach der raschen Verlobung und Entlobung dieses Winters unruhig, müde und fliehend vor sich selbst und ratlos geworden.
Sie kannte schon Europa von früheren Reisen. Ihr Vater hatte sie, als sie achtzehn Jahre alt war, nach der Schweiz gebracht, in ein Pensionat, wo siefremde Sprachen gelernt hatte. Ein Jahr später war sie mit mehreren Freundinnen durch Italien gereist, nach Rom und Neapel, und sie war dort eifrig durch die Bildersammlungen gewandert, teils weil sie dieses unterhalten hatte, teils weil sie ihren Vater beim Heimkommen mit dem Gesehenen unterhalten wollte. Auch Paris hatte sie besucht und dann London. Und später war sie in England auf dem Lande einige Zeit in einem Pfarrhaus in Pension gewesen. Alles dieses wußte ich, und ihr plötzliches Erscheinen in Paris war mir erklärlich, da ich auch wußte, wie gern und leicht sie reiste. —
Am dritten Tage unseres Wiedersehens schien es mir endlich an der Zeit zu sein, ihr zu erzählen, warum ich ihr die Gedichte, welche meine Liebe erklärt hätten, in Stockholm nicht gegeben hatte. Ich wollte ihr sagen, daß ich nicht gewagt hatte, um sie zu freien. Aber jetzt hätte ich eingesehen, daß mir nichts Schlimmeres begegnen könnte, als von ihr getrennt zu leben.
Wenn ich ihr auch noch nichts zu bieten hätte als meine Liebe und meine Lust, ihr zeitlebens Liebeslieder zu schreiben, so meinte ich doch, es würde der Kampf gegen die Armut das kleinste Übel sein.
Durfte doch der Amselmann das Amselweibchen besingen! Und wurden sie nicht beide satt dabei und konnten ans Nestbauen denken?
Und diesen Mut wollte ich mir jetzt nehmen, und das Mädchen, das ich liebte, wollte ich mir nicht mehr entgehen lassen, wollte nicht mehr getrennt von ihm leben.
Ich stieg deshalb am dritten Tage mittags in einen Wagen und fuhr in das entfernte Stadtviertel, wo die junge Dame in einer Pension wohnte, und wo sie für einen Monat ein Zimmer genommen hatte.
Ich holte sie dort ab, und wir gingen miteinander fröhlich plaudernd zum Frühstück, und darnach schlenderten wir durch die Louvresammlungen und kamen zuletzt auch vor die große Bildsäule der Venus von Milo, die im Erdgeschoßgewölbe des Louvreschlosses einen Raum für sich hat.
Der heilige wunderbare marmorne Frauenleib, der da hochaufgerichtet, stolz und göttlich allen Menschen zum Wohlgefallen geschaffen schien, machte uns beide verstummen. Ich mußte an den Dichter Heinrich Heine denken, der sich als Totkranker vor dieses Bild hatte hintragen lassen und der mit den Fingern sein Augenlid öffnen mußte, das schon gelähmt war, um nur nochmals vor seinem Tod die Venus bewundern zu können, für die er so viele Strophen gesungen hatte. Den kranken Dichter, den halbtoten, erquickte noch einmal die Schönheit, die ein griechischer Künstler vor mehr als zweitausend Jahren geschaffen hatte!
Nach zweitausend Jahren ist jene Kraft heute noch wirksam, mit der die Künstlerhand den Marmor geformt, mit der ein menschlicher Geist, mit der ein Mensch einen Göttinnenleib und eine Götterkraft geschaffen hatte!
Sind wir Menschen dann nicht Schöpfer, Schöpfer am Weltall, wenn wir nach zweitausend Jahren noch mit unserer Hände Werk und mit dem Werk unseres Herzens ferngeborene Geister begeistern können undihnen Lebensmut und Lebensherzlichkeit einflößen können, ihnen sogar noch Götterkraft in der Todesstunde geben können? — Die griechischen Götter vergingen, aber der griechische Künstler lebte fortwirkend über seine Götter!
Ich schickte ein kurzes Stoßgebet zum Liebesgeist, der vor zweitausend Jahren den Marmor geschaffen hatte. „Segne mein Vorhaben!“ bat ich. „Großer Geist, wenn du ewig des Lebensfestes höchster Festgeist gewesen bist, steh mir bei. Laß mich nicht mutlos werden. Segne uns beide!“
Oft habe ich später an den seltsamen Zufall denken müssen, daß uns unser Weg ganz absichtslos in den Louvre und vor die Venus geführt hatte. Der Anblick der starken Liebesgöttin und die starke Künstlerkraft, die aus dem Marmor jahrtausendestolz zu uns redete, beschleunigte mein Vorhaben, und ich sagte der lang Begehrten meinen Herzenswunsch.
Einige Stunden später stellte ich bei einem Abendbesuch bei James und Theodosia, den Amerikanern, meine Braut vor. Diese freuten sich und triumphierten, weil sie mir vorausgesagt hatten: das, was man stark und aufrichtig, im Innersten seines Wesens wünscht, zieht man zu sich heran und schafft so selbst seinem Wunsch die Erfüllung.
Die tatkräftigen Amerikaner schlugen uns vor, daß wir, wie sie es getan hatten, gleich nach England reisen sollten, um uns dort trauen zu lassen. Das taten wir auch und reisten am nächsten Tage; und am fünften Tage nach dem Besuch bei der Venus im Louvre waren wir schon vermählt.
Bei unserer Trauung herrschte aber eine babylonische Sprachverwirrung. Die junge Schwedin verstand wohl deutsch, konnte es aber noch nicht sprechen. Ich verstand schwedisch, konnte es aber nicht sprechen. Und von einem englischen Geistlichen, der weder schwedisch noch deutsch verstand, wurden wir in der französisch sprechenden Stadt St. Helier, auf der Insel Jersey, in einer wunderbaren alten englischen Kapelle in französischer Sprache getraut.
Im Seebad Gorey auf derselben Insel, in dem schmucken englischen Fischerdorf, das am Fuße einer alten Normannenburg liegt, wohnten wir während des Monats Mai bis Anfang Juni, von wo wir dann nach Paris zurückkehrten. Denn ich bemerkte mit Schrecken, wie schnell man im Glück das Geld ausgibt.
Ich war einige Wochen vorher, ehe die junge Schwedin in Paris erschien, noch in der schrecklichsten Notlage gewesen. Zwei Tage hatte ich fast nichts zu essen gehabt und hatte kein Geld und keine Aussicht, welches zu bekommen. Ich hatte Brief um Brief nach Hause geschrieben, aber mein Vater wußte nichts davon. Man wollte ihn mit meinen Briefen nicht verstimmen und man legte dieselben, da er nicht wohl war und zu Bett lag, ungeöffnet auf seinen Schreibtisch, einen Brief zum anderen.
Das amerikanische Ehepaar streckte mir endlich das Heimreisegeld vor, nachdem ich schon halb verhungert war. Ich hatte an einem Tag nur für einen Sou eine halbe Semmel gegessen und am anderenTag nur ein Ei für meine letzten zwei Sous verzehrt und die Hälfte der Semmel vom Tage vorher, die ich aufgehoben hatte. Um meine Kräfte zu schonen, hatte ich mich zuletzt tagsüber aufs Bett legen müssen, weil ich mich nicht durch Gehen im Straßenlärm hungrig machen wollte.
Am dritten Tag konnte ich nicht mehr länger in dieser elenden Weise auf den Postboten warten, und als mich zufällig die beiden Amerikaner besuchten und mich fragten, warum ich nicht ausgehen wollte, gestand ich ihnen meine Hungersnot. Noch am selben Abend begleiteten sie mich, nachdem sie mich gestärkt hatten, zum Bahnhof, und ich reiste zu meinem Vater.
Dieser war müde von den dreijahrelangen Unterstützungen, die er mir gegeben hatte. Er bedachte nicht, daß die Schriftstellerei und die Dichtung mehr Studienjahre in Anspruch nehmen als die Medizin und die Jurisprudenz. Ich erlangte aber dann doch von ihm, nach einer eindringlichen Auseinandersetzung, daß er mir noch einmal einige tausend Mark gab, wofür ich ihm dann versprach, wenn dieses Geld verbraucht wäre, für mich selbst zu sorgen, so daß mein Vater sich darnach nicht mehr um mich kümmern sollte. Mit dieser Summe wollte ich sparsam leben und hoffte auf baldige Büchereinnahmen. Ich wollte jetzt in einem Winkel von Paris eifrig schreiben.
Aber weder mein Vater, noch ich, ahnte bei diesem Wiedersehen — das unser letztes war —, daß ich sechs Wochen später verheiratet sein würde. Ich hatte damals keine Ahnung, daß das junge Mädchen,das ich im stillen liebte, nach Paris kommen würde. Und mit nur viertausend Mark in der Tasche hätte ich nicht gewagt, nach Stockholm zu reisen und im Hause des Großkaufmanns um die Tochter zu bitten.
So war ich nach Paris zurückgekehrt und hatte mich ein wenig bei den Spaziergängen im Luxembourggarten von dem letzten Hungerschrecken erholt, als die junge Schwedin erschien und ich nun, ermutigt durch die paar Banknoten in meiner Tasche, mich nicht lange besann und für mein Herz ein Weib wollte, da es ja auch der ärmste pariser Straßensperling sich erlaubte, ein Weib von der Natur zu fordern. —
Von der Englandreise nach Paris zurückgekehrt, mieteten wir jungen Eheleute dann in der Rue Boissonnade, die eine Atelierstraße ist, von einem Amerikaner, der zum Sommer aufs Land gezogen war, ein großes ausgestattetes Maleratelier und ein Schlafzimmer.
Noch einige Zeit konnte ich meiner jungen Frau verbergen, daß die Sorge bald vor unserer Tür stehen würde, und daß ich nicht ahnte, wovon wir dann weiterleben sollten.
Da unsere meisten pariser Bekannten jetzt im Hochsommer auf dem Lande waren, war unser einziger Verkehr das amerikanische Ehepaar James und Theodosia, die in der Nähe des Eiffelturmes an einer Avenue ein hoch im Himmel gelegenes Atelier mit Küche und Schlafzimmer bewohnten.
Die alten okkultistischen Gespräche wurden bei den Amerikanern wieder aufgenommen. Denn James und Theodosia hatten ihre kabbalistischen und okkultistischen Studien nicht aufgegeben. Beide standen immer noch im regen Briefverkehr mit ihren londoner Freunden. Eines Tages besuchten wir auch in ihrer Gesellschaft in Neuilly den letzten Abkömmling eines schottischen Königs, der in Paris als Ägyptologe lebte und mit seiner Frau ein hübsches Gartenhaus bewohnte, wo er Sonntags eine Unmenge Damen und Herren empfing.
Ich sah bei ihm die Papyrusrollen des ägyptischen Totenbuches, das jener Gelehrte aus den Hieroglyphen ins Englische übersetzte.
Derselbe Gelehrte führte später in Paris den alten Isiskultus wieder ein, und seine Frau wurde Isispriesterin. Ich ersah das viele Jahre später aus illustrierten Zeitungen, die das Bild der beiden mit der Nachricht von der Auffrischung des Isiskultus brachten.
Mit James und Theodosia besuchten wir in jenen Sommermonaten auch öfters die Gewölbe des Louvres, die die großen ägyptischen Sammlungen enthalten. Ich lernte dabei wieder viel Neues aus den Geheimlehren der Okkultisten kennen. Sie erklärten mir, daß es falsch sei, wenn man die großen Porphyrbildsäulen jener ägyptischen Götter, die Tiergestalt zeigen, immer für Tiergottheiten ansehen will.
Diese Steinbilder, halb Menschen, halb Tiere, die da in steifer feierlicher Haltung aufrecht stehen oder sitzen, tragen nur Tiermasken vor den Gesichtern:die Maske eines Ibisvogels oder die eines Schakals oder die einer Tigerkatze. Die Ägypter stellten die Götter gern mit Tiermasken dar, um anzudeuten, daß Tier und Menschen die gleichen menschlichen Regungen besitzen, daß alle Erdenleben ein und dasselbe göttliche Leben erleben, und daß das Unergründliche hinter verschiedenen irdischen Masken auftritt; und daß nicht bloß in der Gestalt des Menschen, sondern auch in den Tieren alle ewigen Gefühle des Weltalls sich vereinigten.
Auch wenn wir die Maske wechseln und im anderen Leben Katze, Schakal oder Ibis werden, haben wir dieselben ewigen Gefühle in uns. Deshalb wurden bei den Ägyptern Tiergesichte von Menschengestalten getragen und umgekehrt. Die Sphinx zeigt einen Menschenkopf auf einem Tierleib. Menschen und Tiere gehen im wechselnden Weltalleben ineinander über.
Da ist keine Grenze gezogen zwischen dem Empfindungsvermögen der beiden. Mensch und Tier, beider Körper, leben vom Hunger und von der Liebe, sie erleben beide die höchsten Weltallfestlichkeiten Geburt, Liebe und Tod. Und beide erleben Weltunergründlichkeit.Mensch und Tier erschaffen sich aus der gleichen Wirklichkeit und der gleichen Unwirklichkeit.Mensch und Tier gehören der Endlichkeit und der Unendlichkeit an, da sie dem Weltalleben angehören, das ein festliches Verwandlungsspiel aus unendlicher Kraft bedeutet, worin sich alles mit unendlichem Geist erschafft. Deshalb ist kein Tier von Natur geistloser als der Mensch. —
Ich hörte sehr gern solchen Erklärungen über die ägyptischen Kunstwerke zu, den Erklärungen über das Symbol der Schildkröte, über das Symbol des Skarabäuskäfers und über viele andere Gestalten des Tierreiches, die der Ägypter tausendfach nachgebildet hat, um sie immer als Gleichnisbild der Ruhe oder als Gleichnisbild der Seelenwanderung vor Augen zu haben. Ähnlich wie die Christen sich das Lamm und die Taube als Lebensgleichnisse in den Kirchen dargestellt haben.
Nicht bloß hoher Geist sprach aus den ägyptischen Kunstwerken; es wirkte ebenso erhebend die edle vereinfachte Linie, in der die ägyptischen Künstler Menschenkörper und Tierkörper in Porphyr, Granit und Alabaster dargestellt hatten. Mit kluger Beherrschung arbeiteten einst ägyptischer Meistergeist und Meisterhände ernst und mit gemessener Ruhe, so wie der Strahl der senkrechten Sonne, die steil über dem Nil steht und nur des Menschen wichtigste Lebenslinie an Körper und Seele groß beleuchtet. Bei solcher Feierlichkeit der Lebensauffassung verstummen alle nebensächlichen Fragen des Alltags, und nur der reine stolze Weltallfestlichkeitsgedanke strömt von den Kunstwerken auf den Beschauer. —
Wenn ich dann von den Louvregewölben wieder hinaus auf die pariser Straßen kam, nachdem wir uns lange in die ägyptischen Bildwerke vertieft und uns an ihnen ergötzt hatten und die Festlichkeit unseres eigenen Daseins bestätigt erhalten hatten vom festlichen Lebensgefühl ferner Jahrtausende, so konnte ich mich mit meiner jungen Frau, die sich gern mitmir in alles vertiefte, was mich künstlerisch erregte, zuerst nicht gleich zurechtfinden in den Gegenwartsstraßen von Paris.
Wie läppisch kamen mir zum Beispiel an den Möbeln, die da in den Schaufenstern standen, die Rokkokolinien vor. Flüchtig wirkend wie Straßengeschwätz im Vergleich zu den ägyptischen monumentalen Hausgeräten. Im Vergleich auch zu den edlen griechischen Geräten, die strengen Zweck und zarte, nur angedeutete Grazie und eine leichte kluge natürliche Ausschmückung gezeigt hatten, und die wir ebenfalls vorher im Louvre bewundert hatten.
Ich hätte am liebsten die Augen geschlossen und wäre mit meiner Frau durch die Jahrtausende zurückgeeilt und hätte mit ihr am liebsten das untergegangene Theben am Nil und das verschwundene Athen Homers aufgesucht. Denn wir nahmen die Liebe, die wir jetzt erlebten, hoch, festlich und feierlich, und das Glück des Körpers wünschte auch das Glück des Geistes.
Aber der Geist unserer Jahrhunderte, sagte ich mir, der Geist der alten Weltanschauung heutzutage, verfolgte, haßte und beschimpfte den Körper, da er sich ihn mit einer Erbsünde belastet vorstellte. Der Menschenleib war wegen seiner Vergänglichkeit vom christlichen Geist immer verächtlich und herablassend behandelt worden. Aber die Glückseligkeit, die der liebende Körper geben konnte, schien mir vollkommen glücklichmachend zu sein. Wogegen man das nicht vom Zeitgeist sagen konnte, der immer hochmütig mit zukünftiger Seligkeit handelte.
Man war in meiner Jugendzeit in den Bürgerkreisen noch argwöhnisch gegen die selbstverständlichsten Forderungen des lebenden Körpers. Und man schämte sich in den Familien seiner natürlichen Liebesforderungen. Man gestand sich wohl ein, daß das Herz liebebedürftig sei, man sprach von der Zusammengehörigkeit der Seelen. Aber man wollte gern die Regungen des Körpers bei der Liebe übersehen wissen. Man fand aus falscher Scham des Leibes natürliche Lebensbedingungen sündhaft.
In meiner Jugendzeit waren fast alle Mädchen bleichsüchtig. Und ich erinnere mich, daß man sie mit den verschiedensten Medizinen gesund machen wollte. Aber das gesündeste Mittel, das darin besteht, dem gereiften Körper die unerbittlichen Forderungen der Sinne zu befriedigen, indem man die jungen Menschen so früh wie möglich, sobald es ihre körperliche Sehnsucht fordert, sich verheiraten läßt, dieses kam gar nicht in Frage. Man tat, als wäre der Körper nur ein Seelenquäler.
Wenn der Körper sich nicht krank meldete, wußte man von seiten der Erzieher damals während der Erziehungsjahre gar nichts von ihm. Man sprach nur eindringlich zu dem jungen Menschen von der Seele, vom Gemüt und vom Herzen. Und diese an und für sich erhabensten Dinge wurden durch die übertriebene Anrufung dem Heranwachsenden so lästig gemacht, daß ein junger, körperlich reif werdender Mensch die Worte Seele, Gemüt und Herz zu verachten begann, ehe er noch ihren Sinn begriffen hatte.
Denn diese Worte, die eigentlich erst dem reifenzufriedengestellten erwachsenen Körper in aller Innigkeit und Erhabenheit beim Erleben verständlich werden, wurden den Kindern, sowohl in der Religion von den Lehrern, als in der Familie von den Eltern, so reichlich zugeteilt, daß ihnen die Ohren damit vom Schall dieser schönen Worte übel vollgestopft waren.
Und wurden jene Menschen dann älter und reif, so steckten ihnen die Ohren immer noch voll vom leeren Wortschwall, und sie wollten keinen Anschluß an den Inhalt dieser Worte haben. Sie verlachten oder wichen allen tieferen Werten des Lebens, allen tieferen geistigen Erkenntnissen aus und fanden es überflüssig, davon zu sprechen. Denn man hatte von der Schulbank her und von der Familie her den Menschen mit zu frühem Hinweisen auf geistige Lebenswerte vor hohen Worten Ekel eingeflößt. Der verachtete Körper rächte sich später und griff stürmischer und rücksichtsloser und, aus dem Gleichgewicht gebracht durch langes Darben, heftig nach dem Wirklichkeitsleben, und fern von geistiger Vertiefung entschädigte man sich für die zu frühe und überüppige Seelenlehre der Schul- und Erziehungsjahre.
Die Jahre, die man, eingesperrt in den Gefängnissen der Schule beim Auswendiglernen geistestötender Plappereien, fern von den vier belebenden Jahreszeiten, beinahe unterirdisch eingekerkert, hatte verbringen müssen und die weiteren Jahre, die da in gemütstriefenden Familienkreisen bei falscher Scham fortgesetzt werden mußten, entnervten die heranwachsenden jungen Männer und jungen Mädchen meiner Zeit.
Nervenkrankheiten aller Art brachen in Massenaus. Das Wort Hysterie tauchte auf, und wie ein Aussatz fraß diese Krankheit der Nerven um sich und befiel viele gesundgeborene Menschengeister. Die natürlichen Sinnentriebe des herrlichen und klug durchdachten Menschenkörpers, die die Erzieher bei übertriebener Seelenzucht und übertriebener Mast des Geistes einfach ableugneten und für sündige, menschenunwürdige teuflische Triebe erklärten, die nagten, von falscher Weltanschauung vergewaltigt, verzweifelt in der Einsamkeit am klaren Geist vieler junger Menschen.
Und die vorher herzlichen und natürlichen Triebe arteten dann in herzlose Sinnensucht aus, die doppelt heftig in der Unterdrückung wucherte. Und die Unschuld der Natürlichkeit und der Empfindung, in der jeder Mensch und jedes Lebewesen sich im Weltall geschaffen hat, und die Gesundheit der jungen Menschen wurden durch die Sinnenunterdrückung angegriffen.
In allen Großstädten fand ich, daß die Entnervung in schreckenerregendster Weise in jenen Jahren unter den jungen Menschen aller Stände überhandgenommen hatte. Viele Männer, die mit siebzehn, achtzehn Jahren körperlich männlich entwickelt waren, ebensoviele Mädchen, die schon mit sechzehn und siebzehn Jahren reif zur Mütterlichkeit waren, und die eine natürliche kluge einfache Freude zum Leben mitbrachten, wurden auf den ewigen Schulbänken und in verlogener Familienunterdrückung matt gemacht und übermüdet vom Warten.
Ihre Körper welkten bleichsüchtig, weil ihr körperlicher Liebessinn hungern mußte. Und weder nützteden jungen Mädchen die Sorgfalt der Familie, noch den jungen Männern die Pflicht des Berufes, diese konnten nicht die seelische Überreiztheit von den körperlich darbenden jugendlichen Naturen abwenden.
Das Drama „Jugend“ von Max Halbe wurde deshalb in den neunziger Jahren mit so großer Begeisterung aufgenommen, weil es eines der echtesten Zeitdramen war. Die einander begehrenden jungen Leute sahen sich in diesem Drama in ihren natürlichsten Forderungen und in ihrem unnatürlichen Leid widergespiegelt.
Und noch grimmiger und beinahe in grotesker Tragik bedichtete damals die Seelen- und Körperqualen der reifwerdenden jungen Menschen in seinem Drama „Frühlingserwachen“ Frank Wedekind. Nur war man in den Bürgerkreisen jener Jahre noch nicht an Selbsterkenntnis so weit vorgeschritten, daß man das Erwachen des jugendlichen Körpers zur Liebe und die daraus entstehende Tragik zwischen Schulzwang und Körperdrang begreifen und ernst nehmen wollte.
Wedekinds tragischstes Drama fand erst zehn Jahre später die große Anerkennung, die ihm gebührte. Beschränkte Polizeiverbote, die dem starken Künstler Wedekind soviel grimmiges Unrecht getan haben, wurden dann endlich aufgehoben, und das erschütterndste Schulkinderdrama, das erschütterndste Erzieher- und Schülerdrama, das jemals geschrieben worden ist, durfte endlich seine aufklärende Wirkung von der Bühne auf die Öffentlichkeit ausüben. —
Im Mittelalter hat man vielen Erwachsenen das Leben zur Hölle gemacht, indem man viele unschuldigeMenschen in Massen für Hexen und Zauberer erklärte, weil man Körperlichkeit haßte und verfolgte. Und in meiner Zeit hatte man der Jugend die Jugend zur Hölle gemacht. Die Erwachsenen hatten sich mehr oder weniger zu Sinnennatürlichkeit befreit, und die Menschen verbrannten nicht mehr Unschuldige als Hexen und Zauberer. Aber die ermüdenden Schulen, die man eingerichtet, der Schulzwang und der Erzieher Unverständnis aller jugendlichen sinnlichen Regungen gegenüber, sie waren eine Hölle für die Jugend geworden.
Das Grauenhafte an der heutigen unvollkommenen Lebensfestlichkeit wurde mir stärker bewußt, wenn ich so mit meiner jungen Frau durch Paris ging und wir sehr zufrieden und glücklich waren. Wie erstaunt sieht der Alltag den Glücklichen und Festlichen an, der Alltag, den die europäischen Menschen sich künstlich geschaffen haben.
In der natürlichen festlichen Weltalleinrichtung aber gibt es niemals einen Alltag. Da ist auch jede Arbeit eine Lebensfestlichkeit. Es gibt da nur lautere und stillere Festlichkeiten im Weltall, aber nirgends einen Alltag. Der Schlaf noch ist eine stille Festlichkeit und das Sterben auch.
Seht die Vögel an, wenn sie ihre Nester bauen. Seht die Tiere im Walde an, wenn sie ihr Futter suchen, die Rehe und Hasen, wie vergnügt sie es tun, wie leicht und lächelnd und doch wie tiefernst dabei, ernster als der gezüchtetste Mensch und lächelnd wie nur der wohlerzogendste Mensch.
Sagt nicht, daß nicht das wildeste Tier lächeln kann. Das Wildschwein, das mit seinen Jungen spaziert, grunzt behaglich und plaudert mit seinen Kleinen, und das zwinkernde Behagen seiner Augen ist sein Lächeln, das so herzlich aus des Wildschweins Lebensfestlichkeit kommt, wie das Menschenlächeln einer Menschenmutter, die ihre Kinder spazieren führt.
Als ich um die Erde reiste, erstaunte mich immer wieder an Asien, daß ich dort keinen Sonntag fand. Zuerst war mir das seltsam. Aber welcher Gebildete in Europa hat nicht das Gähnen gelernt am Sonntag, weil ihm eine Ruhe aufgezwungen wird, nach der sein Körper nicht verlangt hat. Man hat Arbeitslust, und man soll alle sechs Tage an einem Tag plötzlich nicht arbeiten. Man fühlt oft gerade den Drang und den Geist, am Sonntag glückliche Geschäfte abzuschließen, und man darf sich nicht beschäftigen.
Dieses verblödende Sonntagsfeiern, das eigentlich nur eine Angewohnheit, aber kein Festbedürfnis ist, fällt auf der anderen Erdhälfte bei den buddhistischen Asiaten in Indien, China und Japan weg. Und wenn ich mir vorstelle, jeder Mensch bei uns dürfte die Ruhe unserer europäischen zweiundfünfzig Sonntage, die Ruhestunden dieser Tage, in Minuten oder Stunden nach eigenem Gutdünken über das ganze Jahr hingestreut genießen, dann würden viele Nervenkrankheiten, viel Hast und Übereilung, die Europa an den Abgrund früher Entnervung führen werden, und die jetzt schon einzelne Völker vor die Frage der Entvölkerung gestellt haben, fortfallenund einer ruhigeren Einsicht, einer ruhigeren Beschaulichkeit und einer ebenmäßigeren sanfteren und stündlich festlicheren Daseinsfreude Platz machen.
Etwas anderes ist es, wenn die Menschen, um ihre Gemeinschaft untereinander zu spüren und ihre Gemeinschaft mit der Natur zu genießen, natürliche Jahresfeste feiern wollen. Es gibt genug natürliche Jahresfeste: Vaterlandsfeste, das Fest der Sonnenwende, die Feste der Frühlingswiederkehr, das Fest der Wiederkehr des Lichtes, die Feste verschiedener Blütezeiten in Wald und Feld, Vollmondfeste und Feste bei der Stellung besonderer Sterne, Feste bei gewisser Planetennähe und Erntefeste. Diese Feste, davon sich auch einige in der alten Weltanschauung finden, bieten genügende natürliche Ruhetage im Jahr, genügende im Weltalleben begründete Feste.
Ich besuchte in jener pariser Zeit 1896/97 auch öfters das eben erst eröffnete Museum Guimet, das beim Trocadero liegt, und darin ein reicher Franzose ungeheure Schätze asiatischer Kunst angesammelt hat. Chinesische und japanische Kunstgewerbegegenstände waren da und große Götterbronzen, viele vergoldete Buddhas, auf riesigen vergoldeten Lotosblumen sitzend, und wunderbares asiatisches Lackgerät für Haus und Tempel, ebenso eine reiche asiatische Bilder- und Porzellansammlung.
Hier erwachte die Lust zu meiner späteren Weltreise zum erstenmal, als ich mich sehnte, des Friedens jener Völker teilhaftig zu werden, die da im kleinsten nicht bloß Nützliches tun, sondern nützlich Schönes,die als Buddhisten mit allem Weltalleben festlicher verkehren, weil sie sich nicht höher stellen wollen und sich nicht hochmütig besser zu sein dünken als die mitlebenden Lebewesen des Alls.
Ich sehnte mich, jene Völker aufzusuchen, die so gesittet und klug denken und sich jahrhundertelang künstlerisch geschult und bereichert haben und künstlerischen Verkehr übten mit allen Weltalldingen durch beschauliches Sichvertiefen in die Natur. Jene Völker waren nicht bloß den Menschen, sondern auch den Pflanzen und den Tieren vor ihren Fenstern und Türen vertrauliche Kameraden geworden, da sie herzliche Bewunderer sind allen Lebens.
Die Volksmassen der Europäer haben es hingegen hauptsächlich nur zu wissenschaftlichem Ergründen und Bewundern des Lebens gebracht. Über die Wissenschaft hinaus, zur Kunst, zur künstlerischen Vertiefung, wohin alle Leute in Japan und China durch ihre buddhistische Weltauffassung gekommen sind, davon sind unsere breiten Volksmassen noch weit entfernt.
Nur eine Schar von künstlerisch Gebildeten und nur die Künstler weisen in Europa von Jahr zu Jahr mehr darauf hin, mit dem Weltalleben künstlerischen festlichen Verkehr zu pflegen, was seit der Heidenzeit bei uns nicht mehr der Fall gewesen ist.
Das Atelier in Paris, in dem meine Frau und ich wohnten, lag in einer Sackgasse, in welcher sich viele Ateliers befanden, und wo fast nur Künstler und Künstlerinnen hausten, Amerikaner, Franzosen,Deutsche und Skandinavier. Dieser glasbedeckte Raum lag in einem freundlichen sauberen Gartenhof und grenzte mit der Rückwand an einen großen Klostergarten, dessen Bäume wir nachts durch die Wand rauschen hörten, und dessen singende Vögel uns morgens beim Erwachen ihre frohen Gedanken gaben.
Die Mauer jenes Klostergartens lief außen am Boulevard Raspail entlang. Sie war hoch, und ich habe nie in diesen Garten hineinsehen können. Er ist für meine Augen unsichtbar geblieben und baute sich nur vor meinen Ohren in der Sonnenstille des Tages und in der Sommerstille der Nächte auf.
Im Atelier war hoch oben unter der Decke ein kleines Luftfenster, das nicht größer war als die Blätterhand einer Kastanie, und durch dieses handgroße Viereck leuchtete die Sonne durch das Kastaniengrün herein zu uns und gab einen Schimmer der Gartenwelt.
Nur draußen auf der Straße konnte man die Laubkronen der uralten hohen Ulmen über der langen Mauer sehen und die Singvögel, die von Krone zu Krone flogen. Dieser Garten hinter jener Mauer war in jenem Sommer, den wir in dem heißen Paris verbrachten, nur eine Sommerfrische für unsere Ohren.
Manchmal stand ich frühmorgens um fünf Uhr auf, von dem Rauschen des unsichtbaren Gartens aus dem Bett gelockt, und ging allein auf dem leeren breiten morgenfreundlichen Boulevard Raspail nach dem eine halbe Stunde von unserer Wohnung entfernt liegenden Park Montsouris. Dieser lieblicheMäusebergpark ähnelt sehr einer japanischen kunstvollen Gartenanlage.
Es befindet sich dort ein großer glänzender künstlicher See von künstlichen Hügelwegen, sprudelnden Quellen und kleinen Schluchten umgeben. Auf dem pflanzenreichen Wasser tummeln sich viele hundert verschiedene Wasservögel, bunte chinesische Enten, afrikanische rosa Flamingos, schwarze australische Schwäne und silberblaue Möwenarten der Polarmeere. Der Garten hatte damals nur wenig hohe Bäume, aber viel blühendes Buschwerk.
Eines Morgens bemerkte ich dort ein vornehmes Gefährt, das am Gitter stand, aber ich beachtete es nicht besonders. Als ich dann hoch oben auf den Hügelwegen spazierte, sah ich auf der gegenüber liegenden Seite des Sees zwei Frauen auf einer Bank mit heraufgezogenen Beinen nebeneinander sitzen. Ich stand halb verdeckt hinter einem Goldregenstrauch und blieb erstaunt stehen, um durch mein Hervortreten auf den offenen Weg nicht die Aufmerksamkeit der seltsam kauernden Frauen auf mich zu richten.
Ich war um diese frühe Stunde gewöhnlich der einzige Spaziergänger im Garten. Außer dem alten grauen Invaliden, in dessen Obhut die Parkbewachung lag, der mich schon kannte und dem ich öfters beim Füttern der Wasservögel zusah und mit dem ich manchesmal plauderte, war sonst kein Mensch zu sehen.
Die beiden Frauen hatten keine Hüte auf und waren so schlicht und schmucklos gekleidet, daß ich sie im ersten Augenblick für junge Fabrikarbeiterinnenhielt, die da frühmorgens auf dem Wege zur Fabrik, mit häuslicher Näharbeit beschäftigt, eine Weile den blühenden Park genießen wollten.
Dann sah ich aber mit Erstaunen, daß die Frauen, die dort lautlos, wie zwei graue Mäuschen, mit hochgezogenen Beinen auf der Bank saßen, zwei vornehme Japanerinnen waren. Und der Invalide erzählte mir später, es seien Damen der japanischen Gesandtschaft, die mit ihrem Wagen zur frühen Morgenstunde den Park öfters aufsuchten, und die lautlos, jede mit einer Seidenstickerei in der Hand, ein Stündchen hier verbrachten. Die Kleidung einer jeden von ihnen war ein unauffälliger japanischer Kimono aus schiefergrauer Seide. Die Köpfe der Frauen waren schön frisiert, und außer dem schwarzen glänzenden Haarknoten trugen sie keinen Kopfschmuck.
Hätten sie nicht nach asiatischer Sitte mit heraufgezogenen Beinen auf der Bank gesessen, sie wären mir gar nicht aufgefallen, und ich hätte sie von weitem für zwei schlichte Frauen aus dem Volk gehalten. Unauffällig verschmolzen diese stillen Wesen mit dem Morgenleben der Gartenwelt.
Diese vornehmen Damen aus der hohen japanischen Aristokratie waren nicht auffälliger in ihrer Kleidung und in ihrem Gebaren als die Amseln oder die Tauben, die im Rasen ab- und zuflogen. Eine zufriedene vornehme Einheit trennte bei ihnen nicht Körper und Kleidung voneinander. Ihre schlafrockartigen Kimonos waren für die Körper schlichte Behälter, wie das Federkleid es für die Vögel, wie das Fell es für die Tiere ist.
Diese asiatischen Kleider waren gütige und selbstverständliche Hüllen für den Leib, die in großzügiger Linie die Gestalt nur andeuteten, die Glieder schützten, aber nicht allen Körperlinien nachliefen. Es war nur Selbstverständlichkeit und keine Selbstgefälligkeit in dieser klugen Kimonokleidung, die, wie es schien, sowohl auf der Straße als hier im Garten, sowie im Hause, vor allem Schlichtheit, edle Nützlichkeit und vornehme Haltung betonte.
Ich habe dann jene Damen nicht wiedergesehen. Vielleicht hat es sie verscheucht, daß sie sich im Park nicht mehr allein wußten, aber ich habe dasselbe Bild später oft in Japan wiedererlebt. Sowohl in der Eisenbahn dort als im Geschäftsleben war es die Unauffälligkeit, die die wohlanständige japanische Frau kennzeichnet. Nur die Teehaustänzerinnen, die das Bürgerstadtteil verlassen haben und ein eigenes Stadtteil in Japan bewohnen, das abends für die Besucher geöffnet wird, nur diese tragen auffallende feuerbunte Kleider, die mit Blumen in Gold und Purpur bestickt sind. Und auch die kleinen Kinder läßt man in kunterbunten Kleidern eine äußerliche Lebensfreude öffentlich zur Schau tragen.
Der gebildete Mensch, der das innere Leben reich in Gemüts- und Seelenfarben erlebt, wird den äußeren Farbenbehang gern vermeiden.
Nur das Kind, das noch nicht reif für das Innenleben ist, und jene Frauen, die ihr Leben daran setzen, allein den Sinnen zu schmeicheln, die sollen zu den Farben greifen. Aber die häusliche und im Gleichgewicht zwischen Geist und Körper lebendeFrau wird immer die Schlichtheit dem grellen Auftreten vorziehen. —
Damals, nach meinen häufigen Besuchen in den Louvresammlungen und in der asiatischen Sammlung Guimet, kam mir die Sehnsucht, Ägypten und Griechenland zu besuchen, Indien, China und Japan. Griechenland bereiste ich dann im zweiten Jahr meiner Verheiratung. Die anderen Länder sah ich erst zehn Jahre später. Aber es war mir in allen diesen zehn Jahren, bis ich die Weltreise in meinem achtunddreißigsten Lebensjahre ermöglichen konnte, ein stetes Bedürfnis, von asiatischen Ländern zu hören. Von den Ländern, aus denen wir alle unsere Weisheit und künstlerische Kultur erhalten haben, von jenen Ländern, die von jeher ihren Hunger nach Kunst so selbstverständlich befriedigt haben wie den Hunger ihres Magens. Künstlerische Schönheit gehört bei den Asiaten zum Leben wie das tägliche Salz, ohne das der Mensch nicht leben kann. —
Teils angeregt durch die Kraft der Liebe, teils angeregt durch die Gespräche kabbalistischer und okkultistischer Art schrieb ich in jenem Sommer 1896, wo ich, eben verheiratet, in jenem Atelier in Paris wohnte, das Epos „Phallus“. Auch diese Dichtung zähle ich noch zu meinen Jugendschriften.
Dieses Gedicht schildert, wie der Riese Zeit und die Riesin Leben, nachdem sie neun Jahre sich geliebt hatten, den jungen Gott Phallus schufen, den Gott der männlichen, lebenfortpflanzenden Kraft. Der junge Gott, von den Menschen verkannt, wandertdurch die Straßen der Städte der menschenüberfüllten Welt und findet die Menschen in Kleidern aus Sorgengarn gekleidet und mit Mützen aus Maulwurfsfellen über den Ohren. Und sie wohnen in Backsteinhäusern, deren Steine aus dem Staub untergegangener Völker gebacken sind, und die Menschenasche der Jahrhunderte, die sich auf den Wegen der Erde angesammelt hat, erstickt die Geister und Gedanken der kommenden Geschlechter.
Da tritt Phallus, nackt und herrlich geformt, unter diese im Menschenstaub lebenden sorgengrauen Menschen. Die frische Weisheit der Quellen, die starke Kraft der Wurzeln aller Bäume, die Härte aller Metalle der Erde, die Brunst der Tiere und der Geist des Himmels haben den jungen Gott großgezogen, als ihn Vater und Mutter liegen gelassen, wo sie ihn geboren.
Er kommt in der Stadt in das höchste Haus, dessen Wände nach allen vier Windrichtungen sehen. Auf den Treppen und Gängen des Hauses findet er Hunderte von Leichen junger Männer, in deren leeren Augenhöhlen Schwärme von Fliegen nisten.
Phallus steigt über die Leichen der Jugend und tritt in den größten Saal jenes Hauses ein. Dieser Saal ist in der Mitte durch eine Glaswand geteilt, und hinter dem Glase leben die letzten Töchter der Menschen, von den Männern getrennt, in einem Spiegel.
Scharen sterbender junger Männer, die sich die Stirn an der harten Glaswand eingerannt haben, liegen vor diesem Spiegel verblutend auf den Fliesen des Saales.
Phallus sieht staunend die Scharen der Sterbenden, die nicht zu den Töchtern des Landes gelangen konnten, und er sieht auf die letzten Töchter der Menschen, die hinter der Glaswand lächeln und sich schmücken und unberührt bleiben vom Massentod der jungen Männer.
Da schüttelt ein ungeheures Mitleid das Herz des jungen Gottes Phallus, und da er nicht die unzerbrechliche eisige Glaswand zerschlagen kann, die die jungen Männer von den Frauen trennt, so stemmt er seine Arme gegen das Dach des Saales, zerbricht die Decke und ruft die Sonne herein, die dann mit ihrem Weltfeuer den großen Spiegel, in dem die letzten Töchter der Menschheit wohnen, zerschmilzt.
Aber die jungen Mädchen lassen sich nicht durch des jungen Gottes Gewalt fangen. Sie lachen höhnisch auf, und sie machen sich alle unsichtbar. Denn sie hatten das Unsichtbarmachen erlernt, das der Gott Phallus nicht kannte.
Der junge Gott, der schon glaubt, die Töchter des Menschen zu fassen, steht allein im leeren Saal, wo das geschmolzene Glas seine nackten Sohlen verbrennt. Er aber achtet nicht der Brandwunden. Er ruft laut die Töchter der Menschen. Aber diese bleiben unsichtbar und fliehen ihn.
Doch die lebenskräftigen Rufe des Gottes erwecken die Scharen der jungen toten Männer, die auf den Treppen aufstehen und erstaunt den weltkräftigen Gott vor sich sehen. Aber auch sie flüchten alle erschrocken vor seiner Kraft.
Phallus legt sich am Abend auf einen Berg zum Schlafen nieder. Der Berg erglüht von des Gottes Hitze und speit Rauch und Feuer und wird ein Vulkan.
Die Männer beschlossen, den schlafenden Gott zu binden und zu töten. Doch Phallus schläft tief und glühend in glühenden Wolken, und keiner der Menschen kann sich ihm nahen.
Der junge Gott wandert fort über die Erde und besucht alle Geschöpfe. Und er schafft den Wolken Töchter, den Adlern Söhne und den Eichen Töchter, und die Sturmfrau gebiert von ihm Söhne. Er bevölkert mit seinen sagenhaften Gestalten die Erde, und allen seinen Geschöpfen gibt er silbernes klares Blut. Und mit Wohlgefallen begegnet er überall auf den Bergen und in den Wäldern seinen Geschöpfen, die sich vermehren und sich lieben.
Nur die letzten Menschentöchter konnte Phallus nicht zur Liebe bewegen. Das Menschengeschlecht ist am Aussterben. Die letzten Männer der Menschen schlafen einsam an trüben Seen, und einsam in hohlen Bergen liegen die Töchter der Menschen. Aber sie sind alle mit Kleidern aus Sorgengarnen bekleidet und wissen nichts mehr vom nackten Menschenleib.
Einmal liegt Phallus in einer Nacht schlafend auf jenem rostigen Berg, in dessen Innern die letzten Menschenfrauen wohnen. Sie, die kaltblütig Denkenden, fühlen, wie sich der Berg erwärmt, und denken alle sofort, daß es nur der Gott Phallus sein könne, der in der Nähe ist und die Steine erwärmt.
Sie erschrecken und teilen sich gegenseitig ihre Furcht mit. Phallus aber hört, auf dem Berg liegend, durch den erwärmten Felsen ihre feigen Reden. Zugleich hört er auch über sich das Gespräch eines Adlerknaben, der um die Tochter einer Wolke wirbt, und er hört, wie jeder von beiden stolz erzählt, daß sein Vater der Gott Phallus ist.
Als der Adlerknabe erfährt, daß die Wolkentochter silbernes Blut besitze wie er, will er, daß sie ihm das Blut in ihren Adern zeigen soll. Sie soll mit ihm hinunter ins Tal an den Salzsee kommen, wo die finsteren Männer der Menschen, die letzten, um ein Feuer schlafen. Dort soll sie sich vor das Feuer stellen, damit sie, durchleuchtet, ihm das silberne Blut in ihrem Leibe zeige. Dann wollte er sie immer lieben, immer küssen, wenn sie vom selben Stamme sei wie er.
Und Phallus sieht sich um und sieht, wie überall unter den Geschöpfen, die er geschaffen, rund auf der Erde die Liebe herrscht, nur nicht bei den letzten Menschen.
Und wie der Gott noch auf dem Berge liegt und horcht, stürzt plötzlich einer der Götterboten, mit Namen Hilferuf, herauf vom See und erzählt Phallus, indessen vor Schrecken die Wolken erstarren, daß die metallgierigen letzten Menschen unten am See zwei seiner Geschöpfe, den Adlerknaben und die Tochter der Wolke, getötet haben, um das Silber aus ihren Adern zu fangen.
Phallus springt auf, und unter ihm schreit die erschrockene Erde. Er flucht den letzten Menschen,und sein gewaltiger Götterfluch erschlägt die letzten unsichtbar fliehenden Männer und Frauen. Das Unsichtbarwerden nützt ihnen nichts mehr. Die Menschheit verzehrt eine rächende Nacht.
Dann steht Phallus auf der menschenleeren Erde allein. Sein Fluch hat alles Leben vernichtet. Auch seine Geschöpfe sind zu Asche verbrannt unter dem furchtbaren Fluch.
Phallus weint sechs Tage, sechs Nächte. Seine Träne steht still am siebenten Tag, und Phallus ruht auf verwitterter Erde.
Die Erde gibt ihm ihren weisen Rat. Der Einsame soll sich nach seiner Herzlust ein Weib wünschen, wie es ihm sein Herz befiehlt. Denn einem Herzwunsch müssen die Sonnen gehorchen.
Und Phallus wünscht und ruft seinen Herzschrei ins Weltall. Die beiden Riesen Urklang und Urlicht, die die Sonnenfeuer schüren und die Sterne rollen, und die dem Urleib der Welt dienen, hören am Feuerherd den Schrei, den Phallus auf Rat der Erde, die mit großer Weisheit zu ihm gesprochen hatte, zu den Sonnen gerufen hat. Unter diesem Schrei stürzen betäubt die ältesten Riesen des Weltalls, Urlicht und Urklang, geblendet nieder. Und das Feuer der Sonne schrumpft ein, so daß die Sonne verdunkelt und die Erde aufschreit, weil ihre Tierherden und ihre Wälder sterben.
Phallus bittet die Riesen, ihm das Weib zu geben, nach dem seine Sehnsucht ruft.
Da beraten alle Sonnen, denn sie müssen zittern vor einem echten Herzschrei, und sie müssen antworten.Und sie versprechen Phallus einen neuen Stern zu bauen. Auf diesem wollen sie sein Weib, das sie ihm erschaffen wollen, wandeln lassen. Dort auf dem rundesten Stern soll er sie besuchen. Und sein Weib, geboren aus Himmel und Erde, werde ihm heiter drei Söhne gebären. Die Namen der Söhne sind Bildner, Pfeifer und Träumer.
Und die Sonne verspricht, Phallus Söhnen drei Bräute zu senden. Die Namen der drei Bräute sind: Lichtlust, Klanglust, Mär.
Die drei Söhne des Phallus und die drei Töchter der Sonne sollen dann der Erde neue Menschen schaffen, Menschen nach heiligen Maßen, nach Linien der Mutter.
„Und nun, Phallus, freue dich und entzünde die verdunkelte Sonne mit deiner Freude. Komm in den heiligen Garten, wohin alle Straßen der Erde münden, und finde das Ende der schmerzlichen Welt. Dort unter Lauben aus seltenem Laub finde dein Weib.
Ihre Brüste sind wie ein Paar Honigäpfel, und ihre Augen sind wie zwei dunkle Teiche, auf deren Tiefe das Alter der Erde und das Alter der Sonne geschrieben steht. Ihr Leib aber ist wie ein Garten, und ihre Adern sind heiße Bäume. In ihrem Herzen münden feurig alle Straßen der Erde. Bei ihr findest du das Ende der schmerzlichen Welt.“
Und Phallus betrachtet sein Weib und nennt sie Herzfreude und umarmt sie. Sie gebiert ihm drei Söhne. Als die Söhne heranwachsen, hören sie ein Seufzen und ein Schluchzen im Schlaf in jeder Nacht. Sie klagen dies dem Vater. Er erzählt ihnen,daß das die Erde sei, die sie klagen hören. Die Erde wolle Menschen.
Da verlangen die Söhne, daß der Vater sie zur Erde bringe. Sie wollen der einsamgewordenen Erde wieder neue Menschen erschaffen.
Der Vater aber sagt ihnen: „Wenn ihr einmal zur Erde gekommen seid, könnt ihr nie mehr das Auge eurer Mutter fassen. Nie seht ihr wieder solch rundes Auge.“
Aber die Söhne bestehen darauf, daß der Vater sie zur Erde führe.
Darauf erzählt ihnen Phallus, daß sie dort drei Jungfrauen der Sonne finden werden. Diese Jungfrauen sollen sie zu Bräuten nehmen.
Auch die Mutter umarmt ihre Söhne zum Abschied und gibt ihnen Ratschläge. Sie sagt ihnen, daß auf Erden der Wurm Tod wohnt und die Schlange Unheil. Und sie müßten diesen beiden göttliche Gestalt geben und müßten dem Tod ein Lächeln und die eisernen Sohlen der Notwendigkeit geben und das Unheil als einen in Ketten wandernden Schattenkönig ansehen. Sie werden auch auf der Erde die Mutter Erdlust und ihre vier Töchter finden: Erdfeuer, Fleischlust, Blutbrand und Gürtellos. Sie sollen mit den Töchtern der Erde drei Nächte im Maimond tanzen und drei Nächte im Herbstmond, und weiter ratet die Mutter den Söhnen:
„Und seid ihr auf Erden angekommen, nie backt dort Ziegel vom Staub eurer Brüder, nie näht von Maulwurffellen euch Mützen. Schneller geht nie als im Takt eurer Herzen, aber schaut tiefer als euer Auge.“
Phallus führt die Söhne zur Erde. Dort gibt er ihnen drei Hengste, stählerne Hengste, die vom Urblau geworfen wurden. Sie heißen Eifer. Und Phallus füttert sie mit Blitzen. Auf diesen Hengsten sollen Phallus’ Söhne die Töchter der Sonne erjagen, die auf goldenen Stuten vor ihnen fliehen.
Zwölf Monde jagen die Söhne des Phallus hinter den Jungfrauen her, bis sie sie erreichen und die Frauen ihnen fürs Leben in Liebe zu Willen sein wollen.
Und dann wird später geboren: Rundherz, der erste rundherzige Mann, und Rundherz, die erste rundherzige Frau. Und Goldklang und Goldwort. Diese leben bei Bäumen und Tieren glücklich wie Mutter Herzfreude im Urblau. —
Ich gab den Inhalt dieser Dichtung deshalb hier an, um an die Gedankengänge zu erinnern, die durch jenes Buch gehen. Man wird erkennen, wie sehr dieses Gedicht aus den Gefühlen und Gedanken jenes Lebensabschnittes hervorgegangen ist, aus dem Leben meiner jungen Ehe und aus dem Verkehr mit dem okkultistischen amerikanischen Ehepaar. Aber im tiefsten Grunde natürlich war das Epos von meiner festlichen Weltanschauung beeinflußt worden.
Dieses Epos „Phallus“, ebenso wie die „schwarze Sonne“, deren Entstehung ich schon früher beschrieb, das Buch „Ultraviolett“, das Drama „Sun“ und das Drama „Sehnsucht“, waren Arbeiten, die ich vom fünfundzwanzigsten bis zu meinem dreißigsten Jahre schrieb.
Außerdem hatte ich in jenem Jahre 1896 von Gedichten einen kleinen Band liegen, den ich teils im Herbste 1894 geschrieben hatte, teils stammen die meisten dieser Gedichte aus dem Jahr vor meiner Verheiratung. Dieses Bändchen von ungefähr hundert Gedichten war mir ein kleines Heiligtum. Es waren darin meine ersten Liebeslieder, und ich hatte mir vorgenommen, sie nie zu veröffentlichen. Ich schämte mich, meine innigsten Gefühle anderen zum Lesen zu geben, und ich sagte zu meiner Frau, daß diese Liebesgedichte erst nach meinem Tod erscheinen dürften.
Ich wünschte Dichter zu sein, aber wollte nicht nach der öffentlichen Anerkennung streben, da die Anerkennung von ihr, der ich meine Gedichte schrieb, mich reichlich zufriedenstellte. Die bedichtete Liebe gehört nicht in die Öffentlichkeit, so dachte ich damals. Liebe ist jedes Menschen innerste Herzensangelegenheit, meinte ich. Und wenn ich aufgefordert wurde von Zeitschriften und Zeitungen, eines der Liebesgedichte zu senden, antwortete ich nicht.
Denn meine Liebe hatte noch die Schamhaftigkeit des jugendlichen Alters. Sie war noch nicht die Liebe des ausgereiften Mannes. Ich glaubte, daß meine Liebesinnigkeit von der Welt belächelt werden könnte. Ich hatte noch nicht die Weisheit im Fleisch, daß man die Welt in sich besitzt, und daß das Echte, das einen bewegt, alle Echten auch bewegt, und daß alle in der großen Welt von der gleichen Innigkeit der Freuden leben und von den gleichen Qualen der inneren Leiden.
Wer seine Freuden oder Leiden in einem Kunstwerk wiedergeben kann, in einem Musikstück, in einem Bild oder in einem Gedicht, der gibt damit im letzten Grunde nicht sich, nicht seine Innigkeit, nicht seine Erschütterungen, sondern er gibt die Gefühlswelt aller. Darum ist es eine falsche Schamhaftigkeit, Gedichte oder Kunstwerke, die aus dem Liebesinhalt eines Lebens stammen, vor der Öffentlichkeit verbergen zu wollen.
Damals war meine Zurückhaltung nur insofern gerechtfertigt, als der Band Gedichte, den ich „Reliquien“ nannte, zu meinen Jugendgedichten zu rechnen ist. Ich versuchte bei diesen Gedichten in den ersten Anfängen eine neue Form und Kürze, die ich erst später sicherer handhaben konnte. Und ich wollte weder die Innigkeit, noch die Neuheit belächeln lassen.
Wieviel muß ein junger Künstler mit sich selbst durchkämpfen! In der Dichtung kann nicht einmal ein Freund den Freund beraten. Keinen Freundesweg, keinen Schulweg, keinen Staatsweg, nur den eigenen Lebensweg, nur den eigenen Verantwortungsweg kann der junge Künstler beim Schaffen gehen.
Bei all dieser Verantwortung des innerlichsten Berufes wird dem jungen Dichter nicht einmal äußere Hilfe zuteil, keine Erleichterungen, die ihm der Staat auf Reisewegen verschaffen könnte, keine Erleichterungen durch Staat und Vaterstadt. Den jungen Dichtern, auf die später einmal nach Hunderten von Jahren die Nation angewiesen ist zurückzuschauen,und die sie als die Förderer ihrer Geistesschätze und ihrer Herzensbildung den Kindern und Kindeskindern nennen, wird von ihrer Nation bei Lebzeiten keine Sorgfalt zuteil.
Keine Hand rührt sich im Staatshaushalt, die heranwachsenden Dichter zu pflegen, die innerlich ganz aufgenommen sind von ihrer geistigen Entwicklung und von ihrem vertiefteren Empfindungsleben, in dem sie untertauchen müssen, von der Oberfläche des Alltags fort. Niemand bedenkt, daß Dichter nicht daran denken können und auch nicht daran denken dürfen, Geld mit ihrer Kunst zu verdienen, um ihrer künstlerischen Entwicklung nicht zu schaden.
Viele jener jungen Männer müssen deshalb die verzweiflungsvollsten Stunden und Tage durchmachen. Sie werden bitter davon gepeinigt, mitten in der Welt des Verdienens verdienstlos dastehen zu müssen, trotzdem sie unausgesetzt arbeiten, trotzdem es für sie keine Ruhetage gibt. Ich möchte auch sagen, keine Ruheaugenblicke gibt es für sie, denn des Künstlers Leben ist ein stündliches unausgesetztes Ringen, der inneren Welt schöpferischen Ausdruck zu geben.
Nie sind Künstler in einem Augenblick ihres Lebens ganz frei von diesem Schöpfungsfieber. Denn das Leben des Künstlers bewegt sich im Verhältnis zum Leben der Gelehrten, Kaufleute und Handwerker in fieberhaftem gesteigerten Zustand, und dieser ist viel gesteigerter als der Fieberzustand, in dem ein Erfinder lebt.
Der Erfinder kämpft mit der Gestaltung neuerWirklichkeit, die Künstler aber müssen neueUnwirklichkeitgestalten.
Verleger und Zeitschriften können einem jungen Dichter nicht viel nützen. Sie sind Geschäfte, die für ihren Vorteil arbeiten müssen. Gedichte werden mit Kleinigkeiten bezahlt und nicht nach ihrer Güte und nicht nach ihrem Inhalt und innerem Wert, nicht wie man Juwelen abschätzt, für die man nach Feuer, Glanz und Schliff die Preise bestimmt.
Und doch benötigt jedes Volk Gedichte und Dichter, wie es Heldentaten und Helden benötigt. Weil der Lebensgeist, die Lebensfreude und der Lebenssinn erst im Kunstwerk seine Krönung findet. Und weil der Nachwelt im Gedicht die Gefühlswelt der Vergangenheit übermittelt werden soll. Kein Volk sollte es vernachlässigen, seinen jungen Künstlern breiteste Lebenserleichterung zu bieten. Das Volk, das dieses tut, bietet sich dann selbst ein höheres Leben.
Nachdem ich einige Monate verheiratet war, kam das, was ich schon vorausgesehen hatte, daß das Geld, das mein Vater mir im Frühjahr gegeben hatte, rasch zur Neige ging. Denn ich hatte damit Hochzeitsreise und den Sommeraufenthalt in Paris bestreiten müssen. Und als ich das Gedicht „Phallus“ beendet hatte, wußte ich genau, daß jetzt noch niemand dasselbe kaufen würde, und daß das, was man mir vielleicht dafür böte, so wenig sein würde, daß man sich davon nicht viel Lebenstage kaufen könnte. Erst fünf Jahre später nahm dieses Gedicht die Zeitschrift „Insel“ für einige hundert Mark.
Diese Ohnmacht, nichts verdienen zu können unddoch die Zeit bei unausgesetzter Arbeit zugebracht zu haben, zu wissen, daß ich mich zugleich in fortgesetzter geistiger Weiterentwicklung befand und eine neue Weltanschauung verkörpern wollte, die täglich meine Gedanken und mein Empfinden beschäftigte — alles dieses hätte mich verfinstern müssen.
Wohl wurde ich oft verdüstert. Aber die junge Liebe, die ich erlebte, war zu süß und ließ keine Verbitterung in mich dringen. Ich fühlte nur, daß die Welt nicht in Ordnung war. Und wenn ich mich auch schämte, Freunde und Verwandte um Weiterhilfe immer wieder von neuem angehen zu müssen, so sagte doch mein Inneres: es wird sich ganz von selbst eines Tages beweisen, daß die Hilfe, die man mir gab, nicht schlecht angewendet war.
Im letzten Grund gab ich die Schuld, daß ich bitten mußte, der ungenügenden Gesellschaftsordnung, in der ich heutzutage lebte, und die jeden jungen, sich entwickelnden Dichter ganz aus dem Auge ließ und ihn zum Bitten und Betteln zwang und ihn dem Mitleid und zufälliger Unterstützung aussetzte. Sowie man früher nicht auf das Volk- und Arbeiterwohl bedacht gewesen war, so war man jetzt noch nicht auf das Künstlerwohl bedacht; aber diese Erkenntnis war schmerzlich, je klarer sie mir wurde.
In Petersburg lebten noch Verwandte meiner Mutter und alte Freunde meines Vaters. Und da ich meinem Vater hatte versprechen müssen, als er mir die letzte Geldsumme gegeben, ihn nicht wieder um Unterstützung anzugehen, so dachte ich an meine Verwandten in Rußland.
Traurig war es mir, meiner Frau jetzt erzählen zu müssen, daß ich schon lange Sorgen für die Zukunft in mir trug. Sie hatte stillschweigend angenommen, daß meines Vaters Unterstützung nicht ausbleiben würde, und begriff, als das nicht der Fall war, daß ich nach Petersburg reisen müsse, um von dortigen Verwandten vielleicht eine dauernde Unterstützung zu erhalten. Ich reiste dann nach Rußland, nachdem das amerikanische Ehepaar meine junge Frau aufgefordert hatte, während meiner Reisetage in ihrem Atelier Aufenthalt zu nehmen, wo ich sie also in gutem Schutz wußte.
Diese Reise, bei der ich nur fünf Tage von Paris abwesend war, war eine der eigentümlichsten, die ich je erlebt habe. Es war mir ganz bunt und seltsam zumute, aus Frankreich zu kommen, über den Rhein, nach Deutschland, mich verheiratet zu wissen und doch meine Frau, welche Schwedin war, bei Amerikanern im Französisch sprechenden Lande zurückgelassen zu haben.
In Berlin, am Bahnhof Friedrichstraße, als ich dort kurzen Aufenthalt hatte, umarmten mich von allen Seiten aufs stürmischste deutsche Erinnerungen. Meinem Ohr, das so lange Schwedisch, Französisch und Englisch gehört hatte, war die geliebte deutsche Muttersprache wie Musik. Jedes Wort am Bahnhof der deutschen Hauptstadt schmeckte mir wie Honig und Milch, schmeckte nach Süße und Einfachheit.
Mein Gehirn war nicht bloß von Sorgen, sondern auch von der Fremde übermüdet. Das fühlte ich jetzt erst, wo die Heimatlaute ohne Gehirnanstrengungin mein heißes, von der Fremde gerädertes Herz wie Tau fielen.
Du hast ein Land, sagte mein Blut. Du hattest vergessen, daß du ein Volk besitzt, Heimatgebräuche, Heimattraulichkeit, Heimateinfachheit voll Selbstverständlichkeit, ein Volk, dem du angeboren, angewachsen bist, das du nicht abschütteln kannst, das du bis in den Tod als deinen Besitz fühlen sollst. So wie dein Körper dir gehört, gehört nur das deutschsprechende Volk, nur das deutsche Wesen dir. Nur auf deutschem Boden gehen deine Füße sicher. Nur in deutscher Luft atmet deine Brust frei auf. Nur bei deutscher Landschaft wirst du echt dichten können.
Aber so klar, wie ich dieses heute schreibe, wurden mir damals die auf mich einstürmenden Gefühle nicht bewußt. Ich hegte noch den Wahn, soweit Eisenbahnen, europäische Sitte und europäische Gedanken reichen, müßte auch ich mich als Künstler überall zu Hause fühlen können, überall dichten können. Denn die früheren Jahre der Familienenge lagen noch in meiner Erinnerung wie ein Zellengefängnis, in das ich noch nicht wieder hätte zurückkehren können. Die weite Welt schien für mich noch das Notwendigere zu sein und das Nützlichere für meine Weiterentwicklung.
Aber ich war doch erstaunt, daß ich solche Süßigkeit in meinem Blut empfand, als ich auf dieser Reise von der französischen Sprachgrenze fort nach Deutschland gekommen war. Und es tat mir weh, daß ich allein war und meiner Frau nicht Deutschland und Berlin und deutsches Wesen zeigen konnte.
Doch der schöne Heimatrausch war kurz. Der Zug flog noch in der Nacht von Berlin nach Königsberg. Und am nächsten Mittag, als in Eydtkuhnen an der Grenze struppige russische Packträger, mit roten Hemdblusen, weiten Pluderhosen und schweren Stulpstiefeln angetan, meine Koffer durchs Zollamt trugen und ich den großen kupfernen Samowar in der Bahnhofwirtschaft dampfen sah und ich auch der mir bereits aus einer früheren Reise und aus Familienerinnerungen bekannten russischen Art wieder begegnete, konnte ich nur schwer aus der alten Heimathaut in die russische neue Haut schlüpfen und mich anderen Gebräuchen anpassen.
Doch sagte ich mir dabei, alle die wechselnden Bedrängnisse wollte ich gern ertragen, wenn ich dann danach, mit Zukunftsunterhalt versorgt, von Petersburg nach Paris beruhigt zu meiner Frau zurückkehren könnte. Und ich hielt mich nur an diesen Gedanken.