Chapter 5

Mein Schrecken war aber groß, als ich in Petersburg hören mußte, daß die Schwester meiner Mutter, die ich besuchen wollte, in einem der letzten Monate gestorben war. Auf ihre Hilfe hatte ich gehofft, denn die anderen Verwandten standen mir nicht so nah und hatten für sich selbst zu sorgen.

Ich hatte die weite Reise unternommen, weil ich wußte, daß langes Briefschreiben meine Lage nicht so gut würde auseinandersetzen können. Und nun war diese Reise umsonst! Man hatte mich vom Tod meiner Tante nicht benachrichtigen können, da man meine Adresse nicht gewußt. Ich erfuhr nun den Tod der mirlieben Verwandten erst bei meiner Ankunft in Petersburg. Damit war aber auch alle Hoffnung auf Hilfe tot.

Ich blieb kaum zwei Tage in Rußland. Dann fuhr ich wieder von einem Ende Europas nach dem anderen Ende, nach Paris zurück.

Sehr niedergeschlagen reiste ich nochmals durch Deutschland, als wäre es ein fremdes Land. Eilig flog ich durch deutsche Meilen und durfte nirgends aussteigen. Und es war mir seltsam, sowohl in Königsberg, als auch in Berlin und Köln, überall auf jedem Bahnsteig, wieder denselben Gesichtern der Schaffner, der Zeitungsverkäufer, der Kellner zu begegnen. Dieselben Menschen standen da, überall, wo ich zwei Tage vorher vorübergekommen war, in ganz Europa noch wie am selben Fleck. Aber ich war nicht mehr derselbe. Ich hatte die fremde russische Welt in mir, den Schrecken der Todesnachricht, die Qualen der Enttäuschung, die Angst vor der Zukunft und fremde Petersburger Bilder. Ich war drei Tage durch drei große Völkerheimaten gereist, zuerst hoffnungsfröhlich, und kam nun verzweifelt denselben Weg zurück. Der Weg war derselbe. Auch ich als Wanderer war äußerlich derselbe. Aber mein Herz hatte auf diesem riesigen europäischen Weg noch mächtigere Wege durch viele innere Welten zurückgelegt und war nicht bei mir.

Ich hatte zuerst die Heimatsehnsucht erfahren, das Heimatentzücken. Ich hatte dann ferne Verwandte wiedergesehen, Vergangenheiten besucht, war Toten begegnet. Ich hatte in neuen Familien Neugeborene gefunden, die eben erst ihr Leben anfingen,die harmlos und hoffnungsvoll anzusehen waren, wie ich es auf der Hinreise gewesen. Ich hatte auch gealterte, enttäuschte Gesichter gesehen, sowie ich selbst jetzt gealtert und enttäuscht geworden.

Als ich in Paris wieder auf dem Bahnhof ankam, waren für die große Stadt auch nur ein paar Tage vergangen. Hier hatte sich nichts am Stadtbild geändert. Dieselben Zollbeamten, dieselben Gesichter überall, dieselben Gewohnheiten und derselbe Lärm auf den Straßen.

Doch ich kam von neuen Gesichtern umgeben in diese Stadt zurück, mit Gesichtern von ganz Europa, die aus mir heraussahen, die aus mir sprachen, und die doch niemand an mir bemerken konnte. Ich schien mir dabei, als ich ein paar Stunden später am Abend mit meiner Frau und den Amerikanern über die Straße ging, gar nicht von dieser äußeren Welt hier fortgewesen zu sein.

Ich war auch nur äußerlich in Paris angekommen. Innerlich war ich noch lange nicht da. Und ich wußte auch, daß ich innerlich nie wieder ganz ankommen würde. Erfahrungen und innere Erlebnisse verwandeln einen Menschen rasch und gründlich. Und man verwandelt sich nie wieder zurück. Bei manchen Erlebnissen reist das Blut schneller als Sonne und Erde, und das Herz eilt beiden im Altwerden voraus.

Oftmals habe ich später dasselbe wieder erlebt, aber nie so auffallend wie bei dieser Blitzfahrt, bei der ich binnen einer knappen Woche zweimal Europa durchquerte. Trotz aller persönlichen Enttäuschungbewunderte ich aber die Kraft unserer heutigen Zeit, die es einem einfachen Menschen ermöglicht, solche Reisestrecken in Kürze zurückzulegen.

Wenn man bedenkt, welche Zeitdauer früher ein Reisewagen zu Goethes oder Luthers Zeit nahm, so war diese meine Europafahrt, äußerlich angesehen, nur ein Reisespiel. Innerlich waren aber die Entfernungen mit solcher Schnelle fast unmöglich zu bewältigen. Ich war noch wochenlang nach dieser Blitzfahrt wie betäubt und fürchtete noch nachträglich an einem Gehirnfieber von den Folgen der äußeren und inneren Erschütterungen zu erkranken. —

Jetzt kamen bittere Tage. Ich erinnere, daß wir uns einmal nur aus etwas Stärkemehl, mit heißem Wasser aufgebrüht, und mit dem Zusatz von ein paar Krumen Kakao, die wir als Rest in einer Kakaobüchse fanden, zum Mittagessen einen braunen Brei in einem kleinen Töpfchen über einer Spiritusflamme anrührten. Wir versuchten dabei zu lachen und zu singen, trotzdem unser Blut ganz dünn vor Lebensangst war. Und als die Spiritusflamme ausging, weil der Spiritus nicht mehr gereicht hatte, konnte dieser braune Kleister, der nicht fertig gekocht war, nicht einmal unsere Nahrung werden. Es wurde uns übel, als wir davon versuchen wollten, und wir hungerten lächelnd weiter, immer hoffend, daß die Türe aufgehen müsse. Wenn wir auch nicht einen lieben Gott erhoffen konnten, der uns persönlich Hilfe brächte, und wenn auch kein Abgesandter des deutschen Volkes zu erwarten war, so glaubten wir doch, es müsse irgend ein lieber Mensch hereinkommen, und hofften dieses gern.

In dieser Not kam aber auch wirklich ein unerwarteter Helfer. Wir bekamen ein Telegramm aus Havre, daß mein Freund, der junge Philosoph, der eben als Schiffsarzt aus Japan zurückkam, nachdem er vorher in Brasilien gewesen war, in einer Stunde in Paris ankommen würde.

Er kam und half dann, ohne sich zu verwundern. Und als er am nächsten Tag wieder abreiste, weil sein Schiff von Havre weiterfuhr, hatten wir wenigstens für einige Zeit wieder das Hungergespenst verschwinden machen können.

Einige Wochen später, im Herbst 1896, sagte uns eines Tages ein Telegramm, daß mein Vater gestorben sei, und nun reiste ich zum erstenmal mit meiner Frau nach Deutschland.

Ich muß aber noch berichten, daß in jenen schweren pariser Sorgentagen sich in mir immer mehr und mehr der Gedanke entwickelte, daß ich mich mit meiner jungen Frau vor der so anstrengenden und kostspieligen und, wie mir immer schien, unnützen europäischen Kultur zurückziehen wollte, um irgendwo als Landmann oder Gärtner, in der Natur, in einer Landschaft, meinen Unterhalt zu suchen. Und ich machte jetzt oft mit dem amerikanischen Ehepaar Pläne dieser Art.

Die beiden Amerikaner hatten öfters im Sommer in weltentlegenen Bretagnedörfern gewohnt, hatten dort manches Mal ein kleines leeres Fischerhäuschen gemietet und waren genügsam mit wenigem Hausrat ausgekommen. Sie fanden, daß Fischnahrung und Brot zum Leben vollkommen ausreichend wären. Mankönne vielleicht nebenbei Geflügelzucht als ständige Erwerbsquelle anlegen und wäre dann nicht angewiesen auf Kunsthändler und Verleger und auf Bitten um Unterstützung bei Freunden und Verwandten.

Der Gedanke leuchtete mir ein. Es schien mir, als müßte es nicht so unmöglich sein auf diese Weise, wenn auch bescheiden, so doch endlich sorgenfreier zu leben. Ich wollte den Aufenthalt am Meer und die Einsamkeit in großer Landschaft, auch bei anspruchsloser Nahrung, mit Freuden wählen, wenn ich dadurch sorgenfrei werden würde und künstlerisch unabhängig arbeiten könnte.

Wir sagten uns, wir könnten mit Büchern und Zeitschriften, die wir uns kommen lassen wollten, in einer Fischerhütte geistig an der Welt beteiligt bleiben und würden körperlich frisch bleiben durch einige Landarbeit, und würden dann freie stolze Künstler sein können, die nicht mehr von Gnaden leben müßten und dann auch nicht unter Demütigung der geldverdienenden Kreise zu leiden hätten.

Früher, wie ich noch nicht meine Lebensgefährtin gefunden, hatte ich nur vorübergehend die Landeinsamkeit vertragen. Herzunzufriedenheit und Blutunruhe hatten mich immer wieder zum Suchen nach Menschen in die Städte und unter Menschen zurückgetrieben. Jetzt aber, da mein Herz und mein Blut zufrieden waren, fehlte mir nichts als Ruhe vor äußeren Sorgen, damit ich meine volle Kraft der Dichtung widmen konnte; denn die Heimatsehnsucht glaubte ich überall überwinden zu können.

Nach langen Besprechungen schlug ich den Amerikanernvor, nicht nach der rauhen Bretagne zu gehen, sondern in ein wärmeres Klima, wo die Früchte der Erde uns unter leichterer Landarbeit den Lebensunterhalt geben würden, und wo wir dann mehr Zeit für die künstlerischen Arbeiten behalten würden.

Wir dachten an den Genfersee, wo es üppige Gärten gibt und Weinland. Aber die Erdarbeit schien dort zu hart für uns Künstler zu sein und zu viel Zeit zu beanspruchen. Dann dachten wir an die Riviera, an Korsika, Spanien oder Sizilien. Und der Amerikaner schlug amerikanische Südstaaten vor, und seine Frau, Theodosia, die in der Nähe von San Franzisko geboren war, schlug Kalifornien vor als das leichteste Arbeitsland und als bestes Land für Gartenfrüchte.

Wir wollten uns nun eine kleine Reisesumme verschaffen, dann Land in Pacht nehmen und fleißig sein. Sowohl wir zwei Männer als die beiden Frauen dachten mit Garten-, Haus- und Künstlerarbeit in einer schönen Landschaft, wo Wald, Wasser und gutes Klima wären, unsere Lebenstage ruhig verbringen zu können, fern von überreizter Kultur, fern von der die Kunstarbeit so störenden Geschäftsgier unserer Zeit.

Der Amerikaner hatte in Neuyork zwei kleine Häuser, von deren Rente er bisher knapp leben konnte, so daß er wenigstens nicht mit der äußersten Not zu kämpfen hatte. Er wollte nun versuchen, diese Häuser verkaufen zu lassen. Sein Großvater, mütterlicherseits, hatte die Tiffany Glasfabrik in Neuyork gegründet und war ein reicher Mann, und von ihm erwartete James später ein größeres Erbe.

Ich selbst war hauptsächlich dieser Landankaufspläne wegen, um zu ihrer Ausführung eine größere Geldsumme von meinen russischen Verwandten zu erhalten, nach Petersburg gereist. Wir hatten dann nach dem Fehlschlagen dieser Reise von neuem wochenlang darüber nachgedacht, wie wir die Anlagesumme für einen dauernden Landaufenthalt erlangen sollten, als wir plötzlich die Nachricht vom Tode meines Vaters erhielten.

So sehr mich die Todesnachricht erschütterte, so war doch ein Aufatmen in mir, das ich damals aber nicht gleich bewußt fühlen wollte. Denn ich fand es häßlich und gemein, daß der Tod meines, mir so lieben alten Vaters mich in meiner bedrängten Lage aufatmen machen sollte.

Heute nach so langer Zeit weiß ich es aber, wenn ich auch als Sohn vom Verlust tief getroffen wurde, als Künstler fühlte ich, daß das Schicksal auf irgendeine Weise mir zu meinem weiteren Weg hatte verhelfen müssen. Aber es schaudert mich doch heute noch, daß mein Schicksal mir, der ich so sehr an meinem Vater gehangen hatte, nur durch seinen Tod helfen konnte.

Ich frage das deutsche Volk, dem ich angehöre, in dessen Land ich geboren bin, und in dessen Sprache ich meine Bücher schreibe: ist es nicht erschütternd, daß ein Künstler nicht auf gütigem Wege, nicht auf staatlichem und auf dem Gemeindewege, die Erleichterung seines Lebensunterhaltes erhalten kann. In einer Nation, wo so viele tausend Beamte das Brot des Staates essen und auf Kosten der Nation leben können,weil sie ihre Arbeit im Dienste der Nation tun, sollen auch die Künstler leben können.

Die Künstler, die ihrer Nation dienen, werden nur manches Mal mit Ehren und Geschenken belohnt, wenn sie alt geworden sind. Aber wie viele junge Künstler, die in den nächsten hundert Jahren unter den Ehrennamen des deutschen Volkes genannt werden können, wie viele werden, im Augenblick während ich dieses niederschreibe, in ähnlicher Weise wie ich es vor fünfzehn Jahren erlebte, aufatmen müssen, wenn der Vater oder die Mutter stirbt. Und sie müssen es als schändlich fühlen, daß sie erst durch den Tod der liebsten Angehörigen, erst durch eine Erbschaft, in die Lage versetzt werden, weiter leben zu können.

Im wilden Hohn, der mich damals über solche Tragik befiel, nannte ich das Erben Menschenfresserei. Denn als ich mein Erbe erhielt, war es mir grauenhaft zu denken, daß ich mich von der Kraft meines toten Vaters nähren mußte, und daß der Dichterberuf mich unter den jetzigen Gesellschaftsgesetzen nicht ernähren konnte. Der Vaterlandsgeist läßt doch seine Kriegsoffiziere nicht hungern, wie darf er die Friedensoffiziere, die Künstler, vernachlässigen und übersehen. Dienen sie ihm nicht erst recht, indem sie dem Geist und der Schönheit dienen, das heißt dem innersten Leben, dem innersten Vaterland, dem Herzen der Nation dienen?

Solange diese Einsicht einem Volk fehlt, ist eine Nation noch unentwickelt und soll sich nichts auf ihre Kulturhöhe einbilden.

In den Tagen, während ich dieses schreibe, werden die hundertjährigen Geburtsfeste zweier deutscher toter Dichter gefeiert. Der eine ist Otto Ludwig, der andere Friedrich Hebbel, und beide lebten in bitterster Not und Verzweiflung.

Wen feierten wir Deutsche, als jene Dichter hungerten? —

Als ich mit meiner Frau zum erstenmal nach Deutschland, nach Würzburg kam, im September 1896, fragte ich mich, ob ich nicht jetzt für immer in der Heimat bleiben sollte. Aber wenn auch mein Erbe zum Lebensunterhalt für eine Person ausgereicht hätte, für zwei reichten die Zinsen nicht.

Und außerdem, so lieb ich meine Vaterstadt auch immer gehabt hatte, konnte ich mir nicht vorstellen, jetzt schon in meinen jungen Jahren mich in der Provinz niederzulassen, in einer Stadt, wo kein neuzeitliches Kunstleben gepflegt wurde.

Mit Ausnahme von der Musik, die es in Würzburg gut hatte, wurden damals Malerei und Dichtung ernstester Art in den gebildeten Kreisen ziemlich nebensächlich behandelt. Vom neuzeitlichen Geist Ibsens, Gerhart Hauptmanns, Björnsons, Strindbergs war in jenen Jahren in meiner Vaterstadt so gut wie nichts zu spüren. Es gab dort keine jungen Schriftsteller, keine strebenden Literaturkreise, keine sezessionistischen Maler wie in München und Berlin.

Die deutschen Provinzstädte lebten hauptsächlich von Viktor v. Scheffels altdeutscher Romantik. Sieglaubten schon Äußerstes zu tun, wenn sie im Theater ein Sudermannsches Stück aufführten. Auch muß man bedenken, daß Zeitschriften wie die „Jugend“ und der „Simplizissimus“ im Jahre 1896, von dem ich hier spreche, eben erst gegründet wurden. Ihr Geist, der die breiteren Volksmassen in künstlerischer Hinsicht, später auch in der Provinz, auf neuzeitliche Literatur, Zeichner und Maler aufmerksam machte und ihnen etwas neuzeitliches Stilgefühl beibrachte, war noch nicht tätig.

Die Provinzstädte Deutschlands, auch die, welche Universitätsstädte waren, lebten damals von den Klassikern, und ihre Kenntnisnahme von moderner Literatur hörte bei Paul Heyse auf. Es herrschte noch kein geistigkünstlerischer Gegenwartspulsschlag im Leben der kleinen Universitätsstädte.

Es hatten sich auch noch keine literarischen Gesellschaften in den akademischen Kreisen gebildet. Und deshalb mußten die jungen Künstler sich in den großen Städten in Paris, München, Berlin zusammenhalten, um im neuen Geist zusammen zu stehen gegen die bürgerlichen Vorurteile, die neben dem sogenannten Klassikergeist keine neuzeitlichen Lebensschönheiten aufkommen lassen wollten.

Die jüngsten Künstler jener Zeit waren verraten von ihrer eigenen Nation. In den Schulen und in den meisten Zeitungen, in allen Bürgerkreisen, selbst beim Adel, der sonst immer zu den Künstlern gehalten hatte, war man aufgebracht gegen den Wirklichkeitssinn, der sich in der Kunst der neunziger Jahre ausdrückte, der die Stirn hatte, auch das Häßlichelebensbedeutend zu finden, der auch den Armenstand, den Arbeiterstand künstlerisch verehrungswürdig fand und ihn mit Liebe in Bild und Wort schilderte.

Der zuerst unter den Künstlern lautgewordene, alles umarmende neue Weltgeist, der die Arbeit und den Arbeiter nicht mehr verächtlich, nicht mehr ekelerregend, nicht mehr abstoßend finden konnte, verblüffte alle sogenannten gebildeten Kreise jener Tage. Sie spotteten, lachten, schimpften auf die jungen, von neuer Weltinbrunst aufgeklärten Künstlerherzen, die stürmisch und mit Recht forderten, daß auch der verachtete Lebensstand, der der Arbeiter und der Armen, der Kunstwürdigung teilhaftig werden sollte. Die Künstler behaupteten, daß eine Schönheit in der Arbeit liege, eine ernste Schönheit in jedem Arbeiter, und daß Schönheit auch bei den Kranken, Armen und Elenden zu finden sei.

Die Jungen wollten das Volk auf diese inneren Schönheiten des Lebens aufmerksam machen. Man wollte ernstlich zeigen, daß hinter äußerer Häßlichkeit sich tiefe Ergriffenheiten verbergen, die künstlerische Erschütterungen hervorrufen können.

Die jungen Künstler wollten das Innenleben der Nation bereichern. Aber die Bürgerkreise, die im Geldverdienen und im Tagesgetriebe der Annahme dieser neuen Kunstideale noch nicht gewachsen waren, wollten sich nicht von ihren alten Schönheitsgrundsätzen, die sie für unerschütterlich hielten, trennen, wollten sich nicht innerlich vertiefen und sich nicht von schmerzlichen Schönheiten der Welt bereichern lassen.

Und doch hatten dieselben Bürgerkreise ihr Leben lang immer ein schmerzliches Ideal, Christus, den Gekreuzigten, vor Augen gehabt. Aber vielleicht gerade deswegen, weil ihnen von Kindheit an gepredigt wurde, daß das Leben ein Jammertal sei, wollten jene Kreise bei den Künstlern eine Erlösung aus dem Jammertal finden.

Und als die Künstler auf die Leiden der Armen und der Arbeiter und auf die Schönheit der Arbeitskraft selbst, wie Uhde, Meunier, Zola und Gerhart Hauptmann es taten, aufmerksam machen wollten, da rief der ganze Bürgerstand entrüstet: „Wir haben keine Kunst und keine Künstler mehr! Die Jungen sind verrückt geworden. Sie wollen uns weismachen, daß Häßlichkeit schön sei. Wir aber wollen uns an der Schönheit erholen. Wir sehen genug Elend im Leben, wir wollen Erlösung vom Elend bei den Künstlern finden.“

Und jene Entrüsteten bedachten nicht, daß die Schönheit und die Festlichkeit des Lebens überall im Weltall zu Hause ist, in den Leiden und in den Freuden, im Schönen und im Häßlichen, beim König und beim Arbeiter und beim Bettler.

Jene Leute jener Jahre lebten das Leben nicht in dem Sinne, wie es gelebt sein soll, mit großem Weltgeistumarmen. Sie hatten sich nur ein Mitleid angezüchtet, womit sie allen Elenden künstlich begegneten. Und dieses Mitleid war ihnen nur Pflicht geworden. Ihr Mitleid war ihnen nicht Natur und Natürlichkeit und nicht Weltallfestlichkeit.

Die Bürger jener Tage ließen nur dashalbeLeben gelten. Nur derlichtenSeite konnten sie Festlichkeit abgewinnen. Sie sehnten sich nur, vom Leben auszuruhen, wenn sie Kunst genossen. Aber der Ernstseite des Lebens, der Arbeit im Leben, der Arbeitsheiligkeit und der Arbeitsfestlichkeit konnten die Massen der Gebildeten damals keinen künstlerischen Reiz abgewinnen.

Sie haßten das Müssen und die Notwendigkeit der Arbeit. Sie sprangen nicht lebensfroh zu bei der Arbeit. Arbeit war ihnen noch erniedrigend und war ihnen nicht voll Weihe und Lust und war ihnen nicht etwas Selbstverständliches, Natürliches. Sie wußten nicht, wie es dem ganzen Weltall natürlich ist, zu arbeiten.

Die Menschen von damals hatten sich ausgedacht, daß die Arbeit eigentlich ein Fluch wäre, eine Plage, eine Qual, eine Demütigung. Und sie hatten sich furchtbar geschädigt durch diese falsche Auffassung dieses wichtigen Lebenspulses.

Arbeitet nicht die Sonne und dreht sie sich nicht immer und kommt und geht ununterbrochen? Arbeiten nicht alle Sterne immer, die da kreisen und seit Millionen Jahren ohne auszuruhen arbeiten? Arbeiten nicht alle Pflanzen, die sich aufbauen und blühen und sich nähren müssen? Arbeiten nicht die Bäume, die da Früchte hervorbringen, vom Frühling bis zum Herbst? Arbeiten nicht alle Tiere? Arbeiten nicht die Meere, die ihre Strömungen haben, die Flüsse, die unaufhaltsam vorwärts treiben?

Arbeitet nicht der Menschenleib stündlich mit seinem Herzen, mit seinen Lungen, mit seinem Blut? Und warum wollt ihr Menschen eure Hände lahmliegen lassen und eure Füße nicht rühren, eure Gehirne nicht anstrengen, euer Herz nicht fühlen lassen, da es dem ganzen menschlichen Körper wohl tut, wenn er arbeitet.

Jeder Mensch soll natürlich nur nach seiner Veranlagung arbeiten. Nur dann wird er der Menschheit nützlich sein können, nur dann, wenn er das tut, wozu er sich befähigt fühlt. Nichts soll er versuchen, was außerhalb der Grenzen seiner Fähigkeiten liegt.

Aber im Kreis seiner Fähigkeiten wird er die Arbeit immer festlich und glücklichmachend empfinden müssen. Das Märchen, das die Arbeit als einen Fluch ansieht, das ist ein irreführendes Märchen. Denn ein festliches Dasein ohne Arbeit gibt es nicht im Weltall.

Nur ein Mensch, der das Leben nie vollständig ergründet hat, nur die Menschheit der früheren Jahrhunderte, die nicht wie wir bis zur Erkenntnis der Festlichkeit des arbeitenden Daseins, der Festlichkeit des arbeitenden Weltallebens durchgedrungen war, konnte sich nach Himmeln ohne Arbeit sehnen. Himmel ewiger Ruhe sind Todeshimmel.

Hat es uns jemals geschmerzt, daß wir atmen dürfen? Wenn wir gesund sind, wollen dann nicht Glieder, Blut und Geist tätig sein? Daß kranken Menschen Arbeit schwer ankommen mag, ist selbstverständlich. Ihnen kommt vielleicht auch das Atmen schwer an und das Leben überhaupt. Den Gesunden aber wird immer das Leben ein Weltfest sein, ebenso wird ihnen die Arbeit ein Fest sein, die ein Teil des Lebensfestes ist.

In meiner Jugend war in den reichen Kreisen die Ansicht maßgebend, daß Nichtstun höchste Lebensweisheit und Lebensschönheit sei. Niemand hatte zwar jemals versucht, ewiges Nichtstun zu erleben, aber alle träumten von diesem unmöglichen Ideal, das ein falsches und blödes Ideal war. Denn im fortgesetzten Nichtstun, das fühlt jeder bald, siechen Körper und Geist dahin, und der Mensch verdirbt und verfault und wird Unrat.

Auch die Künstler wollte man damals zwingen, die Schönheit des Nichtstuns in den Kunstwerken zu feiern. Das heißt, man verlangte, daß sie eine ganz platte unmögliche Schönheitsharmonie in Farben und Linien ausklügeln sollten und Ideallandschaften, Idealporträts schaffen sollten, künstliche, unnatürlich ausgedachte Bilder voll verlogener Schönheiten, die ähnlich den wehleidigen Seelenschwärmereien waren, in denen sich in Versen die Dichter einer süßlich romantischen Zeit ergingen.

Bei diesen Kunstwerken künstlichster und ganz unkünstlerischer Natur wollten dann die vom Nichtstun schwärmenden Bürgerherzen vom Alltag, wie sie sagten, bei der Kunst ausruhen.

Daß es aber für den gesunden Menschen keinen Alltag gibt, daß der vernünftige Mensch von der Festlichkeit der Arbeit spricht wie von der Festlichkeit des Genießens, dieses war erst nur den Künstlern jener neunziger Jahre bewußt geworden. Die Bürger litten noch unter dem eingeredeten Fluch der Arbeit.

Es war damals nicht daran zu denken, daß Künstler und Volk, die sich in ihren Forderungennicht verstanden, sich gegenseitig achten könnten. Der Bürger verachtete den Künstler als nicht ernst zu nehmend, weil der Künstler nicht vom Fluch der Arbeit jammerte, weil er die Arbeit verehrte und seine eigene Arbeit festlich nahm.

Der Künstler wieder verachtete den Bürger, weil dieser von den Kunstwerken nur künstliche, ausgedachte Schönheit ersehnte und nicht die tiefe aufrichtige Weltfestlichkeit nachfühlen wollte, die auch auf der Ernstseite des Lebens, auch bei den Elenden, bei den Armen, bei den Häßlichen und bei den in Ruß und Qualm Arbeitenden, das Menschenherz bereichert und künstlerisch erschüttert.

Innere Schönheit der Lebensernstseite wiedergeben zu können, das war die Errungenschaft der Künstler der neunziger Jahre, die sich verächtlich von althergebrachter Schönheit fort der Wiedergabe neuer Schönheitsoffenbarungen zugewendet hatten.

Ich konnte also nicht daran denken, mich in meiner Vaterstadt niederzulassen, weil ich noch bei meiner Jugend des künstlerischen Verkehrs und der Anregung bedurfte und eines Gedankenaustausches, den ich dort nicht gefunden hätte. Und da sich weder die Stadt- und Gemeindeverwaltung, noch der Staat damals um junge Dichter und Künstler kümmerten, konnte ich auch nicht in Deutschland und nicht in der Heimat auf Unterstützung rechnen und mußte weiter den Plänen nachhängen, einen Landaufenthalt zu suchen in einem günstigen, möglichst warmen Klima, wo die Gartenarbeit für mich nicht zu hartsein würde, und wo ich von meinem Erbe Erde kaufen wollte.

Ich reiste deshalb vierzehn Tage nach dem Tode meines Vaters mit meiner Frau nach Sizilien. Wir wohnten einige Wochen in dem berühmten schönen Felsenstädtchen Taormina, das der ganzen Welt durch das besterhaltenste griechische Theater bekannt ist.

Dort unter freiem Himmel in der Theaterruine saß ich grübelnd und sah auf die Rauchsäulen des nahen Ätna, aber ich fühlte mich nicht zufrieden. Der alte Kulturboden Siziliens, auf welchem einem überall die Spuren griechischer und normannischer Menschengeschlechter begegneten, gab der Gegend rundum etwas Greisenhaftes, trotz aller südlicher Kraft. Alle Wege schienen dort ausgefahren zu sein. Aus den Gesichtszügen des Menschenschlages, dem ich da begegnete, sprachen einem verwischte afrikanische, europäische, arabische Rassen an.

Ich sehnte mich nach Paris zurück.

Auch manche schöne Hauskatze ägyptischer Rasse, die auf den Türschwellen und in den Gäßchen des Felsennestes Taormina im Sonnenschein still und klug saß und mich vorübergehen ließ, ohne sich zu rühren, ohne sich zu ducken, erinnerte mich an das pariser Leben. Diese Haustiere kauerten wie eingewachsen an den sizilianischen Türschwellen, als wollten sie sagen: hier hat kein Fremder das Recht, sich niederzulassen. Hier wirst du immer ein Fremder bleiben, und nur als Gast darfst du kommen und gehen.

Es schien mir auch ganz unmöglich, daß ich hierauf dem sizilianischen Kulturboden, der seit Jahrtausenden unter vielen Menschengeschlechtern aufgeteilt war, einen Fleck für mich finden könnte, und daß ich als Fremder die Sitte des eingeborenen Bauers nachahmen könnte. Hier war kein künstlerischer Unternehmungsgeist mehr in der Luft. Nur wenn man hätte Fabriken gründen wollen und Großindustrie, wäre es vielleicht möglich gewesen, fortzukommen in diesem Lande. Aber auch das wäre sicher sehr schwer gewesen.

Als zu Ende Oktober an jedem Morgen die Meernebel weiß vor den Gasthausfenstern standen und mich an den grauen Norden erinnerten, verstärkte sich in mir das starke Heimweh nach dem nördlicheren Europa und ebenso geschah das durch ein lebendes Bild, das ich immer vor Augen hatte.

Wir wohnten in Taormina in einem sehr hübschen kleinen Gasthof an der Hauptstraße, der viel von Künstlern besucht wurde, und dessen Speisesaal bemalt war mit den Einfällen durchreisender junger Maler. Von diesem Saal aus, dessen zwei Fenster auf die Straße sahen, bemerkten meine Frau und ich täglich gegenüber auf dem Altan des ersten Stockwerks eines einfachen Hauses eine neunzigjährige graue Alte. Die saß dort, solange tags die Sonne schien, und hielt eine Kunkel in der Hand und drehte vom Flachs zwischen ihren gekrümmten Fingern immer fleißig den Faden.

Sie saß da schlicht und sah kaum von ihrer Arbeit auf. Um sie her auf dem Geländer der Altane trockneten Weintrauben. Täglich war die Sonne amHimmel über den Häusern der Gasse, und täglich saß unter der Sonne am Altan uns gegenüber die arbeitende Alte, die nie von der Arbeit aufsah. Wie die Altane fest an der Hauswand klebte, so lebte die alte graue Frau in diesem Hause und an ihre Arbeit angeklebt.

Jene Arbeiterin schickte mich durch ihr ununterbrochenes, schlichtes und bescheidenes ernstes Tun schweigend aus Sizilien fort. Ich sehnte mich bei ihrem Anblick zurück nach dem stillen Atelier in Paris, dahinter der unsichtbare Garten rauschte, und wo ich im Sommer fleißig wie die Neunzigjährige gearbeitet hatte, und ich sehnte mich auch nach dem künstlerischen und fleißigen Paris, dessen große Emsigkeit mir immer eine innerliche Freude gewesen.

Mir fehlte hier in der Meer- und Felsenlandschaft das Gesumm des großen Menschenbienenstockes der Weltstadt von dem Augenblick an, da ich erkannt hatte, daß ich hier nie in dem überlieferungsreichen Land den Eingeborenen ähnlich werden könnte, und nie unter ihnen würde als Fischer oder Landmann leben können. Nach dieser Erkenntnis trieb es mich von Sizilien fort, vorläufig nach Paris zurück, wo ich vorher so gut gearbeitet hatte.

So fuhren wir bald nach Neapel und nahmen ein Schiff nach Marseille und waren zu Anfang November wieder in Paris.

Der Amerikaner und die Amerikanerin waren erstaunt, daß wir schon zurückkamen, denn sie hatten nach Sizilien nachkommen wollen. Aber ich erklärte ihnen traurig, daß wir den Plan, uns irgendwo in einem Lande mit Landarbeit beschäftigen zu wollen, aufgebenmüßten. Denn ich hätte eingesehen, daß man nirgends der Bauer eines Landes werden könnte, nur vielleicht in dem Lande, in dem man geboren war.

Und ich sagte: „Wir müssen uns ins Leben finden. Wenn die europäische Kultur uns auch quält, wir müssen uns einordnen in die europäische Art und Weise.“

Da sich mein Gehirn auf der Sizilienreise an vielen neuen Landschaftsbildern gesättigt hatte, waren mir die Wünsche nach Landeinsamkeit vorläufig zurückgedrängt worden, was aber die beiden Amerikaner gar nicht begreifen wollten.

Sie hatten ihr Atelier aufgegeben, und James verhandelte bereits über seinen Häuserverkauf in Neuyork. Sie ließen mir beide deutlich durch Ausdruck und Worte verstehen, daß sie glaubten, das väterliche Erbe, das ich erhalten, habe mich bequem gemacht. Und ich fühlte, daß die Freunde mich nicht mehr als Freund achten könnten, wenn ich nicht festhielte an dem in den armen Tagen gefaßten Entschluß, einer falschen Kultur den Rücken zu kehren und von der Hände Arbeit auf dem Lande zu leben und so, bei Gartenarbeit und Geflügelzucht, ein von Verlegern und Zeitschriften unabhängig arbeitender Dichter zu werden.

Sie hatten beide als Amerikaner keine Ahnung vom echten Bauernstand, der aus den Unergründlichkeiten des Heimatbodens aufgewachsen und mit den Eigenarten des Erdstrichs, den er Jahrhunderte bearbeitete, dem Schoß seiner Heimaterde angehört, und dessen Lebensart nicht von jedem beliebigen Fremden nachgeahmt werden kann.

So wie die eingestammten Pflanzenarten, Steinarten, Tierarten eines Landstriches nicht beliebig verpflanzt werden können, so stellt der Bauer auf dem angestammten Boden eine erdgeheiligte Menschenart dar. Der Fremde, der sich neben dem Bauer eines Landteiles niederlassen will und von einer anderen Bodenart geboren wurde, er wird ewig dem Bauer des Landes fremd bleiben. Und es müssen erst Jahrhunderte vergehen, bis Kinder und Kindeskinder, vielleicht durch vielfache Blutmischung mit den Eingeborenen, ihre fremde Art verloren haben und von dem betreffenden Erdstrich als Zugehörige anerkannt werden können. Da hilft kein Wille und kein Geist, die Anpassung wird nie künstlich erreicht. Aber dieses begriffen die Amerikaner nicht.

Als Künstler brauchte ich die Heimat und die Zugehörigkeit zu meinem angestammten Land. Das hatte mir die alte Kultur in Sizilien eingegeben, sowohl die sizilianischen Katzen auf den Türschwellen, als die alte arbeitende Frau auf der Altane in Taormina.

Das sagten mir auch jetzt in Paris die uralten Kleingewerbe, die auf hundertjährige Überlieferungen zurückschauten, das sagten mir die steinernen Königinnen am Teich des Luxemburgparkes, das sagte mir das uralte Schloß, der Louvre, und die Schlösser der pariser Umgebung, aus deren ehrwürdigen Steinen mich die Geschichte des französischen Volkes und sein Alter und seine Arbeitstätigkeit immer als den Ausländer und den Fremden ansahen, und mir begreiflich machten, daß ich als Deutscher nach Deutschland gehörte.

Auch wenn ich meine blonde Frau betrachtete, redeten ihr Haar und ihre helle Haut von germanischen Ländern und germanischer Heimat. Ihr Haar war goldgelb wie das Tannenharz und ihr Auge silbrig grün wie leichte Birkenblätter und ihre Haut weiß rosig wie Birkenrinde, beschienen vom Sonnenaufgang.

Es war nichts Romanisches in ihrem Wesen und an ihrem Aussehen, und an ihrer Seite blieb das große Paris für mich immer wie ein großes Gasthaus, in dem ich nur auf der Durchreise lebte. Denn germanische Art verbindet sich in nichts mit der romanischen Art des französischen Volkes. Auch das war gut für mich zu erfahren. So konnte ich nie ernstlich daran denken, nur zu versuchen, in Paris festen Fuß zu fassen und vom ausländischen Wesen beeinflußt zu werden.

Aber meine Jugend spielte mir doch noch manchen Streich. Wäre damals das Vaterland dem heranwachsenden Künstler ein wenig entgegenkommend gewesen, so hätte ich nicht in Jugendunerfahrenheit und Lebensangst noch große, umständliche, überseeische Umwege machen müssen, bis ich endlich in der Heimat seßhaft wurde. —

In jenem Winter 1896/97, als ich mit meiner Frau am Boulevard Montparnasse wohnte, hatten wir mehrere Zimmer in einem Gasthof gemietet. Dabei war ein größerer Salon mit Klavier. Meine Frau studierte bei einem der besten pariser Musikprofessorenein wenig Harmonielehre, da sie gern aus alten Musikwerken Melodien alter Völker, die sie sich abschrieb, sammelte und mir vorspielte, nachdem sie dieselben für Klavier umgesetzt hatte.

In unserem Salon sahen wir in jenem Winter des Abends viele Menschen bei uns, meistens ausländische Maler und Schriftsteller, Skandinavier, Polen, Russen und Russinnen, außer den beiden Amerikanern.

Wir hatten aber sonst unsere einfachen Lebensgewohnheiten nicht aufgegeben und aßen in der „Crémerie“ der Madame Charlotte in der Rue de la Grande Chaumiere, die unserem Hotel gegenüberlag. Dieses war damals die echteste Künstlerwirtschaft des Stadtviertels Montparnasse.

Dort waren auch Strindberg und Munch jeden Tag. Im Strindbergschen Drama „Rausch“ spielen ein paar Akte in jener urechten französischen Künstlergarküche, über deren Eingang geschrieben stand: „Rotschild ist der Eintritt verboten. Wer nicht Schulden machen kann, bleibe draußen“, und ähnliches.

Die Wände des kleinen Raumes hatten keine Tapeten nötig. Sie waren dicht behangen mit Hunderten von eingerahmten Ölbildern. Da fand sich aber selten eine Anfängerskizze darunter, denn die eigenartigsten Künstler, die besten von Paris, hatten hier gegessen und Schulden gemacht und in jungen Jahren die Madame Charlotte mit einem guten Ölbild bezahlt. Da waren selbst Bilder von van Gogh und Gauguin zu sehen.

Zur Frühstücksstunde zwischen elf und zwei Uhrwar dort bei Madame Charlotte kaum ein Platz zu bekommen. Auf dem steinernen roten Backsteinboden standen an zwei Wänden zwei einfache lange ungedeckte Holztische, an denen ungefähr fünfundzwanzig Menschen Platz hatten. Im Hintergrunde des Raumes war neben dem flaschenreichen Kredenztisch die dunkle Küche. Durch die immer offene Küchentüre sah man die vom Herdfeuer beleuchtete starke Lothringerin „Madame Charlotte“, die selbst kochte und die ihren Sohn, einen späteren Kunsthändler, und die Magd mit den Tellern zu den Gästen schickte.

Beim Eintritt in die „Crémerie“ war jeder darüber erstaunt, welch buntgewürfelte Gesellschaft man dort antraf. Außer den Malern, die da in Joppen schlicht von der Atelierarbeit kamen und schnell ihr Essen schluckten und vorerst wenig Lust zum Sprechen hatten, waren da auch viele Malerinnen, Damen der besten Gesellschaftskreise.

Ich kannte dort zwei russische Fürstinnen aus Moskau, die ihre Freundinnen mitbrachten. Einige hatten ihre Wohnung im Champs-Elysée, und sie kamen öfters mittags aus dem vornehmsten Stadtviertel angefahren, den neuesten Pariser Frühlingshut auf dem Kopf. Manche jener vornehmen Ausländerinnen kam gegen den Willen ihrer Verwandten, wie man mir sagte. Sie aßen einen Teller der wässerigen Suppe und tranken ein Glas des sauersüßen Weines und wagten sich auch an eines der rätselhaften Fleischgerichte, die Madame Charlotte auftischte. Von denen man nie genau wußte, ob sie frisch oder alt, vom Pferdeschlächter, Hundeschlächter oder Katzenschlächter kamen.

Ein paarmal wurden wir krank nach diesem Essen. Aber wir gingen doch immer wieder zu Madame Charlotte, weil die anderen spiegelglänzenden Wirtschaften der Boulevards weder dem Geldbeutel noch dem Geist zusagten.

Der Zigarettenrauch, der gegen zwei Uhr in dem kleinen kellerartigen Raum schwebte, hing über manchem Kopf, der einige Jahre nachher aus diesem unbekannten Winkel hinter den zwei Tischen der Madame Charlotte hervor in die Öffentlichkeit trat und weltbekannt wurde.

Hier bei der kargen Mahlzeit wurden große Träume geträumt, künstlerische Pläne entworfen, und die Augen in manchem sorgengrauen Gesicht kämpften hier schweigend, in den Teller starrend und innerlich schwere Lebensfragen betrachtend.

Da war kein gitarrenklimperndes Künstlertum in diesen vier Wänden zu finden. Auch keine schwüle lüsterne pariser Luft drang hier ein. Es kamen keine der pariser Straßenmädchen zu Madame Charlotte herein. Auch kein Modell wagte dort zu essen, wo die jungen Meister und Meisterinnen aßen.

Nur ausländische Damen der Bürger- und Adelskreise, kluge Amerikanerinnen, lebhafte reizvolle Russinnen, Polinnen, Rumäninnen, Irländerinnen, Schweizerinnen und Österreicherinnen traf man an, von denen manche mutig die Künstlerarmut dem reichen weichen Familienleben vorgezogen hatten, und die nach Paris gekommen waren, um Welt und Kunst zu erleben. Teils malten sie in Museen, teils in eigenen Ateliers,und die jungen Maler begegneten ihnen mit Achtung und Höflichkeit.

Manche Künstlerehe wurde auch in dieser Garküche — die Rotschild nicht betreten durfte — in ihren ersten Anfängen geschlossen. Und wie der Feuerschein aus der dunklen Küche manchmal hellauf bis zur Decke schlug und uns alle wie ein Blitz beleuchtete, so schlug das Blut manchem heiß über dem Gehirn zusammen. Und es entstanden dort Tragödien, die später ihren erschütternden Abschluß an irgendeinem Weltende fanden. —

Als im Frühjahr 1897 meine Erbschaftsangelegenheiten so weit geordnet waren, daß ich mein Vermögen erhalten konnte, befiel mich von neuem der Schrecken vor der Zukunft. Von den Zinsen meines Erbteils konnte ich mit meiner Frau nicht leben, und wenn das Kapital aufgezehrt war, hätte ich wieder der Not entgegensehen müssen. Und dieses wollte ich doch verhindern.

Ich hörte wieder aufmerksamer dem immer noch pläneschmiedenden Amerikaner zu. Diesem hatte ich erklärt, daß ich seit jener Reise nach Petersburg und seit der Heimfahrt zur Beerdigung meines Vaters mir klar gemacht habe, daß ich niemals ohne meine Muttersprache, ohne Deutsch sprechen zu hören, mich auf die Dauer irgendwo fest niederlassen könnte. Es sei mir bewußt geworden, daß ich nicht lange mehr im Ausland leben könne und nicht daran denken könne, Deutschland für immer zu verlassen und mich in anderssprechenden Ländern anzukaufen.

Da schlug der Amerikaner mir vor, wir sollten alle nach den Südstaaten Nordamerikas ziehen, nach Neukarolina. In diesen Ländern gäbe es überall Deutsche, und es würde mir nicht schwer fallen, öfters Deutsch sprechen zu hören, wenn ich Sehnsucht danach hätte. Das Klima wäre dort äußerst günstig für leichte Gartenarbeit.

Aber mir wollte der Vorschlag immer noch nicht gefallen. James aber sagte, er würde jedenfalls nach den Südstaaten Amerikas reisen und sich dort mit seiner Frau niederlassen. Er wollte zugleich in London und Neuyork in Zeitschriften einen Aufsatz veröffentlichen, der den Vorschlag enthalten sollte, daß junge verheiratete Künstler aller Nationen sich auf einem Stück Land zusammenfinden sollten.

Sie sollten zusammen eine Arbeitsteilung vornehmen, wie es in Ordensniederlassungen früher der Brauch gewesen. Jedes Künstlerehepaar sollte ein kleines Arbeitshäuschen erhalten, und man sollte den halben Tag über mit den Händen arbeiten und die andere Hälfte des Tages künstlerisch tätig sein. Es sollten sich so Maler, Musiker und Dichter zusammenfinden. Des Abends sollten die, welche Lust nach Geselligkeit hatten, im Sommer auf einem Rasenplatz, im Winter in einer Halle zusammenkommen, Sportspiele spielen, Musik hören, Theateraufführungen und Vorträgen und Vorlesungen von Dichtungen beiwohnen.

Der Amerikaner wollte amerikanische Mäzene ausfindig machen, die Geld zum Bau von Bibliotheken und zum Bau nützlicher bescheidener Gebäulichkeiten,zum Bau von Werkstätten und so weiter, hergeben würden. Die Gedichtwerke sollten in der Vereinigung jener Künstler auf kleinen Handpressen selbst gesetzt und selbst gedruckt werden und unter den Mitgliedern zur Verteilung kommen. Bei Jagd, Fischerei und Gartenarbeit sollte der Körper Tätigkeit finden, und damit sollte zugleich auch von allen Künstlern für den gemeinsamen Unterhalt gesorgt werden.

Es war eine selbstverständliche Gewissenhaftigkeit vorausgesetzt, eine gewisse Lebensreife und die Bedingung, daß nur verheiratete Frauen und Männer, also nur Paare mit ihren Kindern, Aufnahme finden könnten. Wie das gemeinsame Leben einer solchen Künstlervereinigung sich dann entwickeln würde, das sollte man der Zukunft überlassen. Es sollte kein Zwang im Zuziehen und Fortziehen herrschen, und man wollte mit frohen Hoffnungen das beste für Kunst- und Körperleben erwarten.

Es war aber dabei nicht geplant, daß die Künstler alle zusammen in einem Dorf wohnen sollten. Man hoffte, daß die amerikanische Regierung ein größeres Stück unbewohntes Land zur Verfügung stellen würde, und daß einige Millionäre sich finden könnten, die das amerikanische Kunstleben heben wollten, indem sie dort den Künstlern Heimstätten schaffen würden.

Jeder Künstler sollte entfernt von den anderen wohnen, der eine an einem Fluß, der andere an einem Wald, der dritte auf einem Berg. Nur am gemeinsamen Versammlungsplatz sollte man sich sprechen und sich uneingeladen nie im Arbeiten stören.

Dieser Plan war von dem Amerikaner ausführlich ausgearbeitet worden. Und er veröffentlichte dann auch in Neuyork und London den Aufsatz über die amerikanische Künstlerkolonie, den ich ins Deutsche übersetzte und einer deutschen Monatsschrift schickte.

Viele Künstler suchten damals Neuland, und in jenen Jahren gründete sich die Worpsweder Vereinigung, die aber nur ein Zusammenwohnen in derselben Landschaft, aber nicht, um freie Lebensmöglichkeit zu erlangen, ein Zusammenarbeiten kennt.

Der Drang nach Vertiefung und Abwendung von der Geschäftshast und Geschäftsgier und vom geschmacklosen bürgerlichen Unverstand ging als tiefe Sehnsucht damals unter den jungen Künstlern Europas um. Und so war das eigentlich gar nicht so absonderlich, was der Amerikaner vorschlug.

Ich hatte nur den einen Einwand, der war, daß ich am liebsten die Künstlervereinigung auf deutschem Boden gesehen hätte. Aber ich verstand auch, daß übervölkerte Länder wie Deutschland für den Plan nicht geeignet waren, weil man nicht so leicht in unserem verkehrsreichen Lande eine verkehrsfreie Landschaft hätte finden können.

Ein zweiter Grund, der für Amerika sprach, war der, daß amerikanische Millionäre freigebiger sind und leichter ideale Bestrebungen unterstützen würden als deutsche reiche Leute.

Nur hatte ich von jeher einen Widerwillen gegen Nordamerika. Das große Land, in dem die Einwanderer in dem letzten Jahrhundert die eingeborenenStämme zurückgedrängt oder ausgerottet hatten, und auf dem meine Phantasie keine anderen geschichtlichen Träume fand als die Knabenträume aus dem Buch „Lederstrumpf“, dieses Land, das nie große alte Baudenkmäler, nie große geschichtliche Ereignisse aus dem Mittelalter oder der frühesten Vergangenheit für uns aufzuweisen hatte, gab meiner Einbildungskraft, wenn ich mich dort hinversetzte, nur leere unbekannte Wälder und leere ungeschichtliche Grasflächen zu sehen, auf denen sich nichts abspielte als das Geschäftsleben der Eisenbahnzüge, die durchs Land hinliefen.

Als ich von dieser meiner Unlust gegen Nordamerika zu dem Amerikaner sprach, so hatte er einen neuen Vorschlag bereit. Er meinte, wir sollten nach Mexiko. Dort würden wir genug Stimmung finden. Dort gäbe es alte Baudenkmäler der Azteken, wunderbare Ruinen verlassener Indianerstädte in tiefen Wäldern. Auch sei das Klima, das halbtropische, der Gartenarbeit günstig. Man könnte dort leicht Gärten pachten und diese billig von Indianern bearbeiten lassen, wenn unsere Kräfte nicht ausreichen sollten.

Das alte Gold- und Abenteuerland Mexiko, mit der gewaltigen Vergangenheit des Aztekenreiches, fesselte meine Einbildungskraft und Aufmerksamkeit sofort. Und da ich mein geerbtes Geld in Paris leicht und schnell schwinden sah und in der Heimat mir kein Vaterhaus mehr stand, so sagte ich mir, ich müsse für einige Jahre meine Heimatsehnsucht schweigen lassen. Ich hatte früher in Schweden und in London gelebt und dort gedichtet, ich würde also auch inAmerika dichten können. Es würde mir sicher gut tun, meinte ich, einige Jahre ganz zurückgezogen vom alten Europa — das ich, wie ich glaubte, auswendig kannte —, in einem schönen tropischen Lande zu wohnen, mir durch einen Garten Verdienst zu verschaffen und zugleich neue Dichtungen zu schreiben.

Dann, wenn ich mal Heimweh bekäme, könnte ich mit leicht verdientem Gelde später zurückkehren oder auch wollte ich, wenn ich die Heimat vergessen könnte, in der Fremde bleiben.

Jedenfalls war jetzt, als der Frühling kam, meine Reiselust wieder wach, und es wurde beschlossen, daß wir nach Amerika, das heißt nach Mexiko reisen sollten.

Gedrängt von der unsicheren Zukunft, die mich in Europa erwartete, getrieben von den schlimmen Erfahrungen der Not, die ich erlebt hatte, redete ich mir trotz meiner unstillbaren Sehnsucht nach Deutschland, die mich im geheimen plagte, die Notwendigkeit ein, Europa verlassen zu müssen. Aber ich ertappte mich oft dabei, nachdem ich dem Amerikaner die Mithilfe bei der Gründung seiner Künstlervereinigung zugesagt hatte, daß ich an einer glücklichen Ausführung des Planes stark zweifelte.

Wir machten dann für diese Reise wochenlang Einkäufe in Paris, und die Hundertfrankenscheine flogen aus meinen Händen wie welke Blätter. Es war kein Leichtsinn, der mich zu diesen vielen Einkäufen hinriß. Es war die innerste Sehnsucht vom angeborenen Europa Andenken und künstlerische Werte mitzunehmen hinaus in die riesenhafte Fremde derTropenwelt, vor der mir eigentlich im stillen bereits graute.

Mit großen Koffern und Kisten, die all mein Hab und Gut enthielten, reisten wir von Paris zu Anfang Mai 1897 ab. Wir nahmen noch einen Aufenthalt von vier Wochen in der Bretagne, wo wir auf Nachricht von den Amerikanern warteten, welche bereits nach Neuyork vorausgeeilt waren, um ihren Hausverkauf zu ordnen, und welche uns von dort telegraphieren sollten, sobald sie nach Mexiko abreisten.

Anfangs Juni erhielten wir das Telegramm und fuhren von der Bretagne nach Southampton, wo wir am nächsten Tag einen Dampfer des Norddeutschen Lloyd bestiegen, der uns nach Neuyork brachte. Dort wechselten wir das Schiff und fuhren mit einem kleineren Dampfer nach Vera-Cruz im Golf von Mexiko.

Ich habe diese Mexikoreise in ihren landschaftlichen Reiseeindrücken in meinem Roman „Raubmenschen“ so eingehend geschildert, daß ich mir die nochmalige Wiedergabe hier ersparen kann, um dem Leser, der den Roman bereits kennt, nicht mit Wiederholungen lästig fallen zu müssen.

Ich will nur in kurzen Zügen meine Gefühle wiedergeben, die mich nach einigen Monaten zur Rückkehr nach Europa antrieben.

Kaum hatte ich im Golf von Mexiko in Vera-Cruz nach einer langen Seereise das tropische Festland unter den Füßen, kaum sah ich die ersten Kokospalmen in einem Baumgang der kleinen Hafenstadt,da wurde mir mit einem Schlage klar: hier werde ich nie ein deutsches Lied schreiben.

Aber du hast doch in England, Dänemark und Schweden gedichtet, meinte der törichte Verstand, der beim Menschen immer das ursprüngliche Gefühl bevormunden will, und der dem Gefühl gegenüber doch immer der beschränktere ist.

Des Verstandes Vorsicht läßt den Menschen nie so tief und innig mit dem Weltallfest verschmelzen, wie es das Gefühl will. Und nur den stärksten Menschen gelingt es, sich gegen den Verstand im Gefühl zu behaupten, und dieses sind dann auch die künstlerischsten Menschen. Das unklare Gefühl greift in seiner Unbewußtheit immer sicherer zu und handelt immer ehrlicher und glücklicher, als der sich brüstende zielbewußte und von seiner Klarheit geblendete Verstand.

Sicher ist, daß das Gefühl bei jedem Künstler die Oberhand behalten muß, und daß der Künstler nur deshalb der schöpferischste unter den Menschen ist, weil er immer das zielbewußte dunkle Gefühl bei seinen Schöpfungen für sich handeln läßt und mit dem Verstand nicht dem Gefühl dreinredet.

Aber, dieses zu tun, kann nur ein Künstler wagen; nur er ist reiner Gefühlsheld. Nur ihm ist ein harmonisches Weltgefühl angeboren, mit dem er, ohne den Verstand zu fragen, festlichere Harmonie erzeugen kann, als sie jemals der größte ausklügelnde Verstand mit aller Berechnung zuwege bringen könnte. Nie sollte deshalb der Verstand nichtkünstlerischer Menschen an Kunstwerken des Künstlers Urteile übendürfen. Jene Nichtkünstler können mit allem höchsten Verstand nie das harmonische Weltgefühl des Künstlers erfassen, das sein Werk geschaffen hat. Nur wenn jene vertrauend und treu glaubend ihr Gefühl einem Kunstwerk hinhalten, können sie allmählich, mit Selbstbeherrschung und Ausschaltung des unkünstlerischen Verstandes, den Hoheitsgefühlen künstlerischen Schöpfungen nahekommen.

So antwortete damals auch mein Gefühl in Mexiko meinem Verstand: er habe unrecht zu verlangen, daß ich in Mexiko dichten sollte, weil ich in England, Dänemark und Schweden gedichtet hätte.

„Du verstehst aber auch gar nichts,“ so sagte das Gefühl zu ihm. „Begreifst du denn gar nicht, daß Skandinavien und England germanische Länder sind, Deutschland ähnliche Länder. Tannen, Birken und Buchen wachsen dort. Die Landschaft und die Sprache jener Länder spricht germanische Laute, hat schlichte germanische Farben. Wolken, Winde und Erde sind sich ähnlich in jenen nordischen Ländern.

Aber in Mexiko riecht es nach Kaffee, Zucker und nach allerhand Drogen, nach Zimt und Pfeffer; die ganze Landschaft riecht wie ein Kaufmannsladen. Und dann, sieh die Formen der Palmen! Sieh diese kopfgroßen Kokosnüsse! Kannst du dir diese Nüsse vergoldet am Weihnachtsbaume vorstellen?

Ach — und Weihnachten! Die schönen lautlosen Schneenächte! Die langen dunklen Wintermorgen! Die ernste dunkelgrüne Tanne! Und die Tannenzapfen daran! Ich hasse diese schwindelnden Kokospalmen, die da gespreizt zum Himmel ragen, alswären sie Pfauenfächer, aufgespannt über dem Haupt eines Großmoguls.

Glaubst du denn, daß ich ohne Singvögel, ohne Rotkehlchen, ohne Finken und Stare, ohne Lerchen dichten kann! Du verstandloser Verstand, der mich hierher gelockt hat. Hier soll ich dichten! Hier, wo über den Dächern statt blinkende Schwalbenscharen ungeheuere Aasgeier die Gassen umjagen, Aasgeier, die ich nur aus den zoologischen Gärten kenne. Bin ich je in einen zoologischen Garten gegangen, um über Papageien, Jaguare und Alligatoren zu dichten?

Du hast mir immer von warmer Luft und schönen Blumen erzählt, die ich in den Tropen finden würde. Und ich bin dir gedankenlos gefolgt, denn du wolltest nicht darauf hören, wie ich in meinen Herzkammern schluchzend Tag und Nacht in Paris bettelte: geh nicht aus Europa fort! Es gibt ein Unglück, du verlierst nur dein Geld! Es kostet dich dein Vermögen, und du hast nichts davon.

Aber du natürlich, du warst der Verstand, der mich zurückwies, und nanntest mich gefühlsduselig und sagtest, man muß sich im Leben hart machen. Man muß nützlich sein können und muß nicht immer das Gefühl reden lassen. Nur dann kommt der ganze Mensch vorwärts, wenn der Verstand das Gefühl beaufsichtigt. So sagtest Du, Verstand, zu mir.

O, hätte ich nur den Mut gehabt und dir diese Reise verboten, wie ich immer dir gebiete, wenn du mir ins Dichten hineinreden willst. Das weißt du, beim Dichten durftest du mir noch nie hineinreden.Beim Leben ließ ich dich manches Mal mitsprechen. Eigentlich aber traute ich dir auch da niemals recht.

Du, Verstand, mußt es noch lernen, mehr schweigender Teilhaber in meinem Menschenleben zu sein. Sonst zerstörst du uns beide.“ —

Nach diesem Gespräch meines inneren Lebens öffnete ich meinen Mund und sagte zu meiner Frau:

„In diesem Lande bleibe ich nicht lang. Ich möchte schon am Ende der Woche abreisen. Am liebsten möchte ich gleich aufs Schiff zurückkehren. Denn dieses hier ist kein Land um deutsch zu dichten. Das sagt mir mein Gefühl.“

Es war mir, als hätte ich nun schon meine Pflicht getan, indem ich mit Amerika einen Versuch gemacht und gelandet war und Europa den Rücken gekehrt hatte, wie ich es dem Amerikaner versprochen. Und es kam mir schon nach den ersten hundert Schritten am Land vor, als wäre ich nun ledig aller heiligen Verstandespflichten und dürfte nun wieder meinem Gefühl gehorchen und gleich nach Europa umkehren.

Wir fuhren aber doch noch von Vera-Cruz nach der Hauptstadt Mexiko. Ich erwartete dort auf der Post Briefe mit der mexikanischen Adresse des amerikanischen Ehepaars zu finden. Aber es war keine Nachricht da, und ich wußte nicht, was ich nun im fremden Erdteil tun sollte.

Ich wendete mich an den deutschen Konsul und erkundigte mich über die Landesverhältnisse. Er meinte, das Innere des Landes sei sehr gefährlich für Fremde. Es lebe da spanisches Gesindel inIndianerdörfern, und wenn die bei einem etwas Geld vermuten, könne man bei jedem Spaziergang leicht aus dem Hinterhalt erschossen werden. In diesem ordnungslosen Lande krähe kein Hahn nach einem Toten. Den Mörder fände man niemals. Es gäbe zu viel Morde hier. Und die Polizei hätte zu viel zu tun, wenn sie alle Morde verfolgen wollte, die sich draußen in abgelegenen Gegenden ereigneten.

Würden wir aber trotzdem im Lande Gärten bebauen und unbehelligt leben wollen, so müßten wir wenigstens zusammen zehn Männer und zehn Frauen sein, und auch dann wäre es sehr gefährlich, wenn wir die Landessprache nicht sprächen und nicht der katholischen Religion angehörten. Denn die Spanier wären in Religionsfragen sehr streng und fanatisch.

Ich mußte für mich lachen, als ich diese Aufklärung auf dem Konsulat empfing. Der Gedanke war uns vor der Reise nicht gekommen, erst schriftlich anzufragen. Die ganze Reise war nun umsonst. Es war mir aber doch angenehm, daß der Amerikaner noch nicht angekommen war, denn nun würde ich schnell wieder abreisen können, dachte ich.

Ich hatte es auf einmal so eilig, nach Europa zurückzukehren, als erwarteten mich dort die hellsten Freuden. Meine Frau aber meinte, wir sollten doch erst ein wenig in Mexiko Ausflüge machen, das Land betrachten und die Ankunft der Amerikaner abwarten.

In den nächsten Tagen begegneten wir James und Theodosia auf der Straße. Sie waren schon lange da und hatten uns überall gesucht. James hatte sogar einen Empfehlungsbrief an den PräsidentenPorfirio Diaz mit sich. Als meine Frau ihnen sagte, wir dächten wieder an die Abreise, waren sie sehr erstaunt. Nachdem ich ihnen dann erzählt hatte, wie sehr der deutsche Konsul mir vom Bleiben abgeraten, fanden sie die Warnungen übertrieben. Ich aber blieb dabei und sagte:

„Lieber bin ich Steinklopfer, Straßenkehrer und Bettler an den Kirchentüren in Europa, als daß ich in einem Land bleibe, dessen Natur, dessen Palmen und Vulkane, dessen Agavenpflanzungen, Zuckerrohr und Kaffeebäume mir niemals ein deutsches Lied geben werden.“

Da verstanden sie, daß ich nicht bleiben würde und gingen geärgert von uns. Ich war aber erstaunt, daß sie sich ärgern konnten, wo ich doch als Künstler gefühlsehrlich zu Künstlern zu sprechen glaubte. Sie aber maßen mich mit ihrem Verstand, nannten mich launenhaft und begriffen mich nicht.

Sie hatten mir, ehe sie fortgingen, noch das Versprechen abgenommen, daß ich mich wenigstens erst einige Wochen überzeugen sollte, ob ich dem Lande keine Reize abgewinnen könnte. Ich sagte, das sei ganz unnütz. Aber ich versprach ihnen, mich einige Zeit umzusehen, trotzdem ich wußte, daß es keinen Sinn hatte. Denn ich hatte beim ersten Blick, bei der Landung in Vera-Cruz, begriffen, daß ich meinem Gefühl recht geben mußte, das sich beim Anblick der ersten Kokospalme aufgelehnt hatte, und das mir gesagt hatte, daß ich hier niemals ein deutsches Gedicht schreiben würde.

Ich kaufte mir dann ein Pferd und ritt jeden Tagin die Umgebung der Hauptstadt auf Meilen über die Hochebene hin, wo es nur ausgetrocknete Staubflächen, einige Maisfelder und nur vereinzelte Bäume gab.

Mexiko teilt sich klimatisch in drei Zonen: in das glühende Tropenland am Meer, wo Vera-Cruz liegt, in das Halbtropenland, das auf halber Höhe, auf dem Weg nach der Hauptstadt, sehr fruchtbar einen reichen Landstrich voll Plantagen und Haziendas bildet, und dann, als dritter Teil, in die Hochebene, auf welcher die Hauptstadt Mexiko liegt. Diese Ebene wirkt leer im Vergleich zu den beiden anderen tiefer gelegenen Zonen, sie hat zwar auch ein warmes, aber nicht so glühendes Klima und ist nicht so fruchtbar. Diese Hochebene ist staubig und trostlos öde, und ihr Landschaftsreiz besteht nur im gewaltigen Rundblick auf die Vulkanberge am Horizont.

Ich besuchte bald auch die reichen Gärten und Plantagen der Halbtropen, fand dort viele spanische Klöster umgewandelt in neuzeitliche Zuckerfabriken und durchwanderte die Pflanzungen, die üppigen Bananengärten, die Ananasgärten, die Kaffeegärten, die Zuckerrohrfelder und die Baumwollenfelder.

Aber immer begleitete mich auf allen Wegen, mitten in der Tropenüppigkeit, der Gram, daß es nirgends Wiesen mit heimatlichen Blumen gab, nirgends Wälder, die da rauschten. Denn die Urwälder rührten sich nicht. Wie aus Leder geschnitten hingen die schweren Blättermassen in der Luft, und die Bäume standen in der Treibhausschwüle aufgebläht. Da war kein liebliches Geflüster von Halmen und Gräsern. Kreischende Vögel mit grellen Lautennannte man mexikanische Nachtigallen. Ihre Pfiffe waren wie Lokomotivenpfiffe gellend, so daß einem bei diesem Gejohl die Ohren schmerzten.

Die weißschaftigen Königspalmen standen zwar prächtig da, wie Säulen aus Marmor und Alabaster. Sie verblüfften mich erst; dann aber wußte ich nichts mit den fremdartigen Eindrücken und mit der Verblüffung in meinem Herzen anzufangen.

Jeden Morgen, wenn ich aufgestanden ans Fenster trat — nachdem ich im Schlaf in Europa gewesen war —, schnürte sich mein Herz zusammen, sobald ich statt Europäer draußen Indianer in ihren weißen Hemden und ihren weißen Hosen lautlos durch die Straßen eilen sah. Und die Dunkelgesichter und die fremden Bäume und die spanisch-mexikanische Architektur, alles erzählte mir immer wieder: du bist viele Wochen weit durch einen ungeheuren Ozean von deinem Heimaterdteil getrennt.

Ich hatte Ländlichkeit und tropische Lebensfreude gegen das geschäftliche Europa, gegen den Warenhaussinn europäischer Weltstädte eintauschen wollen und hatte nicht dabei an Abenteuerlust, nicht an die Befriedigung wilder Instinkte, wilder roher Goldgier und nicht an Jagd nach fabelhaftem Glück gedacht.

Aber schon auf dem Schiff von Neuyork nach Vera-Cruz war mir das Gesindel, das von der ersten bis zur letzten Klasse das Schiffsdeck füllte, aufgefallen. Da waren nur Glücksjäger, Goldschmuggler, Männer, die sich der harten Arbeitsordnung in Neuyork und den nördlichen Staaten nicht unterwerfenwollten, und die sicher nicht vor falschem Spiel, betrügerischen Geschäften, ja sogar nicht vor Raub und Mord zurückscheuten. Das sah man ihren frechen herausfordernden Gesichtern an, daß sie wie überhitzte Spieler ihren letzten Lebenseinsatz auf Abenteuerreisen gewagt hatten.

Da war keine Ruhe bei ihnen und natürlich auch von künstlerischem Lebenssinn und inniger Lebensbetrachtung kein Gedanke in ihrer Nähe.

Denselben Gesichtern und Gesellen begegnete ich dann zwischen Vera-Cruz und Mexiko auf der zweitägigen Eisenbahnfahrt, auf dem Weg nach der Hochebene und in der Hauptstadt Mexiko überall. Die Gold- und Silberminen Mexikos, die in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Hunderttausende angezogen hatten, aber jetzt reichlich geplündert waren, lockten immer noch die goldlüsternen ordnungslosen Geister aus dem Norden Amerikas.

Wenn auch viele von jenen Männern das Goldsuchen aufgegeben hatten und Besitzer von kleinen Haziendas geworden waren, so waren die Landesverhältnisse nicht friedlicher geworden. Das sah man der Ausrüstung aller Männer an, daß sie immer noch gegen Mord, hinterlistige Überfälle, heimtückischen Todschlag und gegen Raubgier nicht bloß in entlegenen Winkeln des Landes, sondern auf den offenen Hauptstraßen, sogar mitten in der verkehrsreichen Hauptstadt Mexiko, anzukämpfen hatten.

Ein Revolver genügte ihnen nicht in der Gürteltasche. Auf der Juwelierstraße und Hauptstraße der Stadt Mexiko standen die schwer bewaffneten Gruppenmorgens, mittags und abends zusammen, als wäre die Straße ein Räubermarkt. Die Männergürtel waren bepackt mit Revolvern und Waffen aller Art. Die großen breitrandigen Filzhüte, die Sombreros, die die Gesichter halb verdeckten, gaben jedem einzelnen das Aussehen von einem Rinaldo Rinaldini.

In den Trambahnwagen und in den Eisenbahnwagen, abends auf dem Korso und beim Billardspiel in den Kaffeehäusern begegneten einem die mit Revolvern und Waffen bespickten Gestalten überall. Sie waren immer mit Waffen drohend beladen, als kämen sie eben von Raubzügen zurück oder als hätten sie sich zu einem Raubplan verabredet.

Wir, die wir von dem lebhaften, aber doch gesitteten pariser Boulevardleben, nur mit Sonnenschirm und Spazierstock bewaffnet, friedvoll und natursehnsüchtig in jenem Lande angekommen waren, verwunderten uns nicht wenig über die abenteuerliche Haltung der Leute hier und über ihr räuberisches Aussehen.

Mit dem Totschläger in der einen Hand, den Revolver im Gürtel und eine brennende Laterne in der anderen Hand, so standen nachts in Gruppen die Polizisten an den Straßenkreuzungen. Und jeden Donnerstag war unter den Bäumen der „Avenue des Columbus“ Musterung über das Heer der Polizisten.

Eine der aufregendsten Polizeigreueltaten ereignete sich während meines Aufenthaltes.

Ich erlebte es, daß neunzehn Polizisten, bestochen und überredet vom verbrecherischen Polizeioberhaupt selbst, einen Häftling, der im Nationalpalast eingesperrtwar, am Nachmittag des Nationaltages in seiner Zelle mit neunzehn Messerstichen niederstießen.

Das Polizeioberhaupt war mit jenem verhafteten Mann verbrecherisch verbunden gewesen. Jener Gefangene hatte dem Polizeipräsidenten früher einmal Gift verschafft, damit dieser einen Abbé aus dem Wege schaffen konnte. Jener Abbé, der auch wirklich von ihm vergiftet wurde, war der Beichtvater einer reichen jungen Mexikanerin gewesen, die der Polizeipräsident hatte heiraten wollen. Aber der Abbé, der auch der Beichtvater des Polizeipräsidenten gewesen, hatte jene Dame vor der Heirat gewarnt. Auf diese Warnung hin hatte sie ihre Verlobung mit dem Polizeipräsidenten gelöst.

Jener Mann, der dem Polizeipräsidenten das Gift zu jenem Mord verschafft hatte, erpreßte danach von ihm unausgesetzt große Schweigesummen. Als der Polizeipräsident nicht weitere Erpressungsgelder zahlen wollte oder konnte, drohte jener, den Mord an dem Abbé dem Präsidenten der Republik mitzuteilen und den Polizeipräsidenten durch diese Enthüllungen zu vernichten.

Am Vormittag des mexikanischen Nationalfestes, im September, als der Präsident der Republik, Porfirio Diaz, an der Tribüne vorfuhr, von welcher er die Truppenschau abhalten sollte, drängte sich jener Mann, der das Polizeioberhaupt beim Präsidenten der Republik anzeigen wollte, durch die Zuschauermasse und hielt, um die Aufmerksamkeit des Präsidenten und seiner Generäle auf sich zu lenken, einen faustgroßen Stein in der gehobenen Hand, als wolle er Porfirio Diaz erschlagen.

Ein General warf sich dem Heranstürmenden entgegen, ebenso taten andere Herren der Umgebung und die Polizisten. Man fesselte den Mann, welcher laut rief, er habe große Enthüllungen über die Polizei zu machen. Man sah den Polizeipräsidenten selbst, der den Mann fortschleppen ließ, rasch mit dem Gefangenen in einen Wagen steigen und nach dem Nationalpalast fahren. Der Polizeipräsident hatte seine Wohnung im Nationalpalast, wo der Häftling eingesperrt wurde.

Nach der Truppenschau kehrte Porfirio Diaz unter dem Jubel der Menschenmassen und von den Leuten von allen Balkonen herab begeistert begrüßt, durch die Hauptstraße, die Calle San Francisco, an der Spitze der Truppen in die Stadt zurück. Die Zeitungen brachten in Extrablättern noch mittags, während des großen Nationalfestessens, die Nachricht von dem glücklich abgewendeten anarchistischen Anschlag eines Verrückten auf den Präsidenten der Republik.

Ich selbst war bei der Truppenschau gewesen und hatte mit eigenen Augen an dem beflaggten Platz der Stadt den Überfall auf den Präsidenten mit angesehen.

Am Abend war großes Feuerwerk vor dem Nationalpalast, wo Musikbanden spielten. Hunderttausende von Indianern, die auf dem Platz vor der Kathedrale Bananen brieten und Maiskuchen buken und dort auf dem Rasen um kleine Kohlenfeuer hockten, sangen während der ganzen Nacht zu ihren Mandolinen alte wehmütige Indianerweisen, Überlieferungen aus der Aztekenzeit.

Ich ging mehrere Stunden auf dem Festplatz umher, saß unter den Bäumen und freute mich an den malerischen Gruppen, an den sanften friedlichen Liedern und an der Schlichtheit und Einfachheit des Eingeborenenvolkes. In weißen Leinwandkleidern, in weißer Hose und weißem Hemd die Männer und in blauen Leinwandröcken und in schwarze Tücher gehüllt die Frauen, so lagerten die Indianerscharen auf dem Rasen und vergnügten sich sanft und harmlos. Sie waren wie Gazellenherden, die in einer Nacht im Mondschein vergessen dürfen, daß sie von Jägern, Hunden, tödlichen Gewehren und eisernen Waffen am Tage umringt, gehetzt und mitleidlos gejagt dahinleben müssen.

Gegen Mitternacht, als ich heimging, hörte ich einige Schüsse fallen. Der Schall kam von der Richtung des Nationalpalastes, welcher ein langes einstöckiges Gebäude im spanischen Jesuitenstil ist. Ich kümmerte mich aber nicht um das Schießen und ging nach meinem spanischen Hotel. Ich sah noch, als ich den Platz verließ und in die Seitenstraße bog, daß Scharen von Polizisten aus allen Straßen nach dem Nationalpalast liefen, und daß auch die Massen der auf dem Rasengarten des Platzes friedlich gelagerten Indianer sich erhoben hatten und sich gegen den Nationalpalast hinbewegten, angezogen, wie es schien, von den Schüssen, deren Echos ich noch in den Ohren trug.

In jenem Lande aber, wo man den ganzen Tag mit Pistolen bewaffneten Männern begegnet, schien es mir nichts Absonderliches zu sein, wenn ein kleinerStreit ausgebrochen war, bei welchem geschossen wurde, oder daß ein kleiner Überfall statthatte. Und da es nicht weise ist, sich unter Streitende zu mischen, vermied ich es, neugierig zu werden, und schlenderte nach Hause.

Am nächsten Morgen hatte ich das kleine Ereignis vergessen und dachte erst daran, als alle Zeitungen berichteten, daß in der Nacht jener Anarchist, der den Präsidenten bei der Truppenschau angefallen hatte, in dem Haftzimmer im Nationalpalast von einer eindringenden Menschenmenge gelyncht worden sei. Neunzehn maskierte Männer wären in das Gebäude eingedrungen, gefolgt von tobenden Menschenmassen, und die neunzehn Maskierten hätten mit neunzehn Messern — die sie in dem Leichnam stecken ließen — den Verhafteten im Haftraum niedergestoßen. Auf einem Zettel, den sie zurückließen, stand das Wort „Lynchjustiz“ geschrieben.

Die Pistolenschüsse aber, die ich gehört hatte, waren um Mitternacht vom Polizeioberhaupt selbst vom Balkon des Nationalpalastes abgegeben worden. Man sagte, als die neunzehn maskierten Mörder in den Palast drangen, hätten sie den Polizeipräsidenten, der noch allein spät in seinem Amtszimmer tätig gewesen, aufgefordert, ihnen den Weg zum Haftzimmer zu zeigen, da sie im Namen des Volkswillens, im Namen der Nation, den Häftling, der am Morgen bei der Truppenschau das Leben ihres geliebten Präsidenten der Republik bedroht habe, lynchen wollten.

Der Polizeipräsident habe auf dieses Ansinnen nicht eingehen wollen. Doch als sich die Mördernicht hatten abhalten lassen und selbst den Weg zum Haftlokal gesucht und gefunden hatten, sei das Polizeioberhaupt auf den Balkon gesprungen und habe seinen Revolver in die Nachtluft abgefeuert, um die auf dem Platz das Nationalfest feiernde Volksmasse aufmerksam zu machen und sie zur Hilfe herbeizurufen.

Nach einigen Tagen aber stellte sich zum größten Erstaunen der Stadt Mexiko heraus, daß der Polizeipräsident selbst diesen Mord an dem Verhafteten beauftragt hatte. Aber man wußte noch nicht, welcher Grund den obersten Polizeiherrn zu dieser Mordtat gezwungen hatte. Der Beweggrund wurde erst später enthüllt.

Die Leute, die auf des Polizeipräsidenten Pistolenschüsse in den Hof des Nationalpalastes geeilt waren, einige hundert Menschen, hatte er durch die Schüsse herbeilocken wollen, und er hatte hinter ihnen die Palasttore schließen lassen. Das Ganze sollte den Anschein bekommen, als wäre der geheimnisvolle Mord vom Volk erzwungen worden und die Polizei selbst überrascht worden vom Volkswillen.

Aber ein Polizist jener neunzehn Polizisten, die von ihrem Oberhaupt überredet waren, erklärte an einem der nächsten Tage, von Gewissensbissen gepeinigt, den ganzen Vorgang auf dem Geschäftszimmer einer der größten Zeitungen der mexikanischen Hauptstadt.


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