Er berichtete: am Nachmittag des Nationalfestes habe der Präsident der Polizei neunzehn neue Messer kaufen lassen, habe neunzehn der zuverlässigsten seiner Polizisten zu sich ins Zimmer gerufen und ihnen erklärt,sie wüßten doch von jeher, daß der Präsident der Republik nur ungern ein Todesurteil unterschreibe, und daß sie Diaz einen Gefallen täten, wenn sie ein Todesurteil an dem Attentäter vollstrecken würden. Er, der Präsident der Polizei, wolle das Ganze so anordnen, daß der Mord einem Lynchverfahren, von Volksmännern ausgeführt, ähnlich sehen sollte.
Den Bedenken der neunzehn Polizisten setzte er entgegen, daß sich der Präsident der Republik den neunzehn Beamten erkenntlich erweisen würde, wenn sie Porfirio Diaz das Unterschreiben des Todesurteils über jenen Anarchisten ersparen würden. Da jener Mann doch zum Tode verurteilt werden müsse, fiele keine Mordschuld auf die Beamten. Denn sie würden nur mit dieser Tat dem Gesetz zu seinem Recht verhelfen und zugleich dem Präsidenten der Republik eine Gefälligkeit erweisen.
Nachdem die Zeitungen diese Enthüllungen des einen mitschuldigen Polizisten gebracht hatten, war die ganze Bevölkerung der Hauptstadt Mexiko von Entsetzen erfüllt. Der Polizeipräsident wurde verhaftet, ebenso die neunzehn Polizisten. Allmählich kam auch heraus, warum jener getötete Mann dem Polizeioberhaupt im Wege gewesen war, und daß außer der Vergiftung des Abbé der Polizeipräsident noch viele Schändlichkeiten begangen hatte.
Seine Freunde aber sandten ihm in einem ausgehöhlten Kuchen einen geladenen Revolver ins Gefängnis, und er erschoß sich dort, ehe man ihn richten konnte. Die neunzehn Polizisten wurden alle zum Tode verurteilt. Die Zeitungen brachten dieBilder der neunzehn Verurteilten, und Ansichtspostkarten mit den neunzehn Gesichtern der Mörder wurden während meines Dortseins noch überall auf den Straßen verkauft.
In atemlosester Spannung hatte die ganze Stadt vierzehn Tage lang die Enthüllungen über diesen außergewöhnlichsten Mord verfolgt. Auch ich las die Berichte über diese unerhörten, schauderhaften Polizeizustände, und ich verstehe recht wohl, daß manche, die meinen Roman „Raubmenschen“, darin ich diese Schreckenstat erzähle, gelesen haben, die Wirklichkeit dieses nie dagewesenen Schreckens bezweifeln mochten. Aber diese Ungeheuerlichkeit ist tatsächlich wahr und hat sich während meines Aufenthaltes in Mexiko ereignet und sozusagen vor meinen Augen abgespielt.
Daß Mexiko das Land der mörderischsten Möglichkeiten ist, wurde mir klar. Sobald ich von Juli bis Dezember genügende Eindrücke gesammelt hatte, so daß ich für alle Zeiten wissen konnte, daß ich dort niemals ländlichen Frieden und künstlerische Ruhe finden würde, reiste ich, nachdem ich noch mit meiner Frau eine Rundreise durch den Golf von Mexiko nach Neu-Orleans gemacht hatte, von dort über den Ozean zurück nach Europa, wo wir wieder Anfang Februar in Havre landeten.
Die Rückreise war so stürmisch gewesen, daß unser Schiff überfällig war und in Havre als verloren galt und bereits auf der Verlustliste stand. Von vier Dampfkesseln waren zwei im Sturm unbrauchbar geworden, so daß wir nur mit halber Fahrt vorwärts kommen konnten und statt zwei Wochen sechs Wochenzwischen dem mexikanischen Golf und Frankreich in unendlichen Ozeanstürmen zubrachten.
Einige unserer Freunde in Paris, junge deutsche Maler, erwarteten uns bei unserer Rückkunft am Bahnhof Saint Lazare. Und als sie meiner Frau zum Willkommgruß Blumen reichten und wir wieder durch das vornehme bewegliche Paris fuhren, atmete ich tief auf. Hier war doch wieder Gesittung! Hier war doch nicht mehr offensichtliche Räuberwillkür! Mochten auch noch so viele Verbrecherleidenschaften im Dunkeln dieser Weltstadt hausen, das äußere Stadtgesicht war jedenfalls menschenwürdig.
In dieser Stadt herrschte vor allem das Lächeln der Frauen, das gnädig oder ungnädig die Willen der Männer lenkte, und die Frauenlust stand hier höher als die Goldlust.
Von der göttlich künstlerischen Herrschaft der Liebe in all ihren Sehnsüchten, vom wildesten und lüsternsten Sinnentrieb an bis zum zärtlichsten Sehnen nach dem Gunstblick der geliebten Frau, sprechen Straßen und Menschen in jedem Augenblick in Paris.
Paris trägt den Namen jenes Hirten, der den Apfel als Schönheitspreis der Venus reichte, und der sich dadurch einstmals Juno und Pallas Athene zu Feindinnen gemacht haben soll. Und es ist wohl kein bloßer Zufall, sondern ein dichterischer Einfall des Lebens, daß diese Stadt das schönste Venusbild der griechischen Liebesgöttin zu sich in den Louvre gerettet hat, das Bild der Venus von Milo, zu welcher jährlich Tausende von Europäern gewallfahrtet sind und noch wallfahrten.
Die Reise nach Mexiko hatte mir aber doch nicht bloß Verluste gebracht. Es war eine große innere Erkenntnis über mich gekommen, die, daß der Erdteil Europa, in dem ich geboren war, mich lebenslänglich nicht loslassen wird. Nirgends anders, in keinem anderen Weltteil, durfte ich mir als Künstler Haus und Heim schaffen. Dies war mir ganz klar geworden, und ich hegte nun keine überseeischen Niederlassungsträume mehr.
Aber Überlandträume konnte ich doch nicht aufgeben. Der unkünstlerischen Großstadtgeschäftigkeit und dem neuzeitlichen Maschinenwesen, das über Europa herrschte, glaubte ich nur entgehen zu können, wenn ich mich in einen, an edelsten Überlieferungen reichen Winkel Europas zurückzog und dort vielleicht doch ein Hirtendasein führen konnte.
Es müßte aber ein Land sein, sagte ich mir, wo ich Eichen, Buchen und heimatliche Flora finden konnte. Kein Land der Palmen. Und ich glaubte, daß Griechenland, von wo wir Europäer edelste Dichtung und herrliche Kunstwerke und unsere Menschlichkeitslehre im reinsten künstlerischen Sinn empfangen hatten, das rechte Land für mich wäre, um dort, ungestört vom Weltgetriebe, der Dichtung leben zu können.
In Athen und draußen vor Athen oder an irgendeiner griechischen Meerbucht müßte es möglich sein, einen Weinberggarten zu kaufen, dachte ich mir, und dort wollte ich in einem bescheidenen Haus, unter mildem Himmel, bei europäischen Eichen und Wiesen wohnen.
Ich hatte schon in Schweden in den letzten Jahren mit Vorliebe griechische Dramen gelesen, und ich fand sie viel festlicher und feierlicher als die Gesellschaftsspitzfindigkeiten und die Nervenlust der Ibsenschen Dramen, die damals die Begeisterung der Welt für sich hatten.
Als ich mit meiner Frau nach der Beerdigung meines Vaters im Jahr 1896 vor der Mexikoreise nach Sizilien gereist war, war ich auch durch Karlsruhe gekommen. Richard Dehmel hatte mir brieflich von einem jungen Dichter Mombert erzählt, den ich doch kennen lernen sollte, und der auch in Süddeutschland wohne. Ich sah dann A. Mombert in Karlsruhe einen Nachmittag, und als ich ihm sagte, ich wollte mir auf die Reise nach Sizilien Homers „Ilias“ und „Odyssee“ mitnehmen, da hatte er die Liebenswürdigkeit, mir diese beiden Bücher anzubieten und sie mir beim Abschied auf die Reise mitzugeben.
Auf dem Schiff zwischen Genua und Neapel las ich dann zum erstenmal in der „Ilias“, die ich noch nie gelesen hatte, und die ich nur öfters vorher in großen Prachtausgaben in der Hand gehabt und durchblättert hatte. In den früheren Jahren war mir Homers Sprache viel zu lebensfestlich gewesen, weil ich selbst noch vom Alleinsein bedrückt und ohne Liebe lebte. Jetzt aber hatte ich in mir Herzensfestlichkeit durch eine geliebte Frau gefunden, und Homers „Ilias“ und „Odyssee“ wurden mir so leicht verständlich, wie es nur sonst das deutsche Nibelungenlied uns Deutschen ist.
Die sonnige Schiffbank auf dem kleinen österreichischen Lloyddampfer, der uns damals von Genua durch das Mittelmeer nach Sizilien trug, war auch ein geeigneterer, um Homer zu lesen, Platz als die Schulbank. Das Schiff, das zwischen blauem Wasser und blauem Himmel, einer weißen Sommerwolke ähnlich, hinschwebte, ließ mir beim Lesen die unermeßlichen Rhythmen der „Ilias“ so lebendig und kräftig werden, daß es mir vorkam, als trüge mich Gesang um Gesang durch die Bläue. Das Rauschen der Meereswellen vermengte sich mit dem Rauschen des Geistes und dem Rauschen der Bilder und der edlen Gefühle, die Zeile um Zeile aus der „Ilias“ dringen.
Bei der Hinreise nach Mexiko aber las ich dann auf dem großen Ozean die „Odyssee“. Und die Abenteuer des männertötenden Odysseus und die festlichen Schrecken, die der Held erlebte, hielten mich kräftig und aufrecht, als ich mich zwischen Neuyork, Havanna und Vera-Cruz auf dem Goldsucherschiff von Abenteurergesindel umgeben fand. Unter den Verbrecherblicken und Verbrechergedanken, die mich dort und nach meiner Ankunft in Mexiko stündlich auf allen Straßen umgaben, war mir das Lesen Homers Bedürfnis geworden.
Auch hatte ich für die Künstlerniederlassung nach Mexiko einige Abgüsse griechischer Reliefs, Verkleinerungen vom Parthenonfries und eine Masse guter Photographien der besten griechischen Bildhauerwerke der Louvresammlungen, in Kisten eingepackt, mit mir. Und griechische Bilder und griechische Dichtung trösteten mich oft drüben über dem Atlantischen Ozeanin dem wilden Vulkanland Mexiko, wenn ich vor Heimweh nach Europa zu verzweifeln meinte.
Durch den deutschen Konsul in Mexiko war mir auch ein Lehrer der deutschen Schule bekannt geworden, der mir und meiner Frau in jenen mexikanischen Monaten einigen griechischen Unterricht gab. Denn nachdem ich Homer in deutscher Sprache gelesen hatte, wollte ich gern dieselben Verse in griechischen Lauten nochmals hören. Aber der Unterricht war nur kurz und wurde durch die Rückreise nach Europa bald abgebrochen.
Am Abend des Karnevaldienstages waren wir, von Mexiko zurückkehrend, wieder in Paris eingetroffen. Bei der Vorüberfahrt am Opernplatz bliesen vom ersten Stockwerk des Opernhauses über die Menschenmenge die Fanfaren, die die Eröffnung des Maskenballes anzeigten. Es war mir aber, als verkündeten die Trompeten zugleich das Ende des Winters, den Beginn und den Einzug des Vorfrühlings und einen Willkomm für uns in Europa.
Ich verabredete mit meiner Frau, die von der langen ozeanischen Sturmreise sehr erschöpft war, daß sie sich in ihrem Vaterhause in Schweden ausruhen und sich dort aufhalten sollte, bis ich in Griechenland Haus und Garten gefunden hätte. Sollte ich aber dort auch keinen geeigneten Platz entdecken, so wollten wir uns dann beide in Würzburg, in meiner Heimatstadt, treffen und wollten dort einstweilen wohnen.
Wir waren dann noch einige Wochen bis Mitte April 1897 in Paris.
Am Tage, da ich meine Fahrkarte nach Griechenland bei der „Schiffsgesellschaft des Mittelmeeres“ in Paris bestellt hatte und meine Frau eben nach Schweden abgereist war, begegnete mir auf dem Boulevard St. Michel der Schriftsteller Karl Vollmöller, den ich kurz vorher kennen gelernt hatte. Als er hörte, daß ich in zwei Tagen nach Griechenland reisen würde, sagte er mir, er würde gern auch nach Griechenland fahren. Er wolle nur an seinen Vater nach Hause telegraphieren, und wenn dieser zustimmende Antwort gäbe, würde er mit mir reisen. Wir fuhren dann einige Tage später von Marseille nach dem Hafen Piräus und machten die griechische Reise zusammen.
Bei der Fahrt um den Peloponnes entzückte mich besonders die rhythmische Berggestaltung dieses griechischen Landteiles. Die Berge waren dort, als ob eine Hand die Berglinien in der Luft vorgezeichnet hätte, als wären die Wellen der Erde einst bezwingenden rhythmischen Handbewegungen gefolgt und dann als zur Erde gewordener Rhythmus stehen geblieben.
In zarten Morgensonnenfarben, in einem kühlen Grün, das wie bereift aussah, und in einem fleischigen goldigen Rosa erschienen auf ätherblauem Meer diese ersten griechischen Landlinien des Peloponnes vor meinen Augen. Und ich hoffte bei ihrem Anblick bestimmt, daß hier der Boden für glücklichsten Dichterfrieden sein könnte, denn ich war beglückt vom Anschauen der rosigen Küste.
Ich saß, vom tönenden Meer getragen, auf demsauberen silberweißen Schiffsverdeck, halb hinhorchend auf den Arbeitstakt der Schiffsmaschine, und baute mir in Gedanken ein Haus dort hinüber an eine der stillen weltverlassenen Meeresbuchten.
Vom Schiff aus gesehen, sprach jenes griechische Land keine andere Sprache als meine Heimatlaute, die ich in der Brust trug, und kein anderes Leben lebte an der nahen Küste als das Traumleben und die Traumgeschichten, die ich vom stillen Schiffsdeck hinüberschickte unter die Ölbäume dort.
Von jenen frühesten Morgenstunden an, als wir um den Peloponnes fuhren, bis zum Abend und bis zum nächsten Morgen, solange die Reise bis Piräus währte, füllte sich mir das leere Schiffsdeck, auf welchem wir nur vier Passagiere waren, mit allen Helden der „Ilias“, mit allen großen Geistern Athens.
Das Schiff war dann nicht mehr nur ein gewöhnliches Dampfschiff; es wurde hoheitsvoll ein Argonautenfahrzeug voll herrlich gerüsteter Männer, voll festlicher Götterfrauen. Sie kamen in hellen Zügen wie aufsteigender Meerschaum über das türkisenblaue Meerwasser. Sie kamen aus den fernsten Ölbaumhainen. Und als spät am Tage der Berge lange Abendschatten sich dunkelgrün in das Meer hinaus bis an unseren Schiffsbord hinlegten, da kamen immer mehr griechische Helden und Heldinnen, griechische Götter und Göttinnen, gefolgt vom frohen singenden Volk, auf den Abendschatten, wie auf Brücken, über die Meerflut heran.
— Nur wieder neun Jahre später erlebte ich ähnliches Entzücken, als ich in einem ähnlichen silberblauenVorfrühlingslicht in der japanischen Inlandsee fuhr, zwischen japanischen Ufern, in der Heimat des naturseligsten Volkes der Erde. —
Als ich die Uferbilder und Meeresbuchtenlinien Griechenlands zum erstenmal zwischen den Wimpern meiner Augen in mein Herz einziehen fühlte, schienen sie unwirkliche Gefilde zu sein. So verklärt schimmerte das Tageslicht von den melodisch geschweiften Bergen, als wäre die Küste von dem Licht einer geistigen, unirdischen Sonne beschienen.
Jene Erde, die so viele Schritte ernster Helden einst gehört hatte und sich von Homer besungen fühlte, lag da vor mir, als hätte sie sich unter Homers Gesang verklärt — wie eine Frau, die lautlos ein Liebeslied immer wieder singt, das ihr der gestorbene Geliebte einst gedichtet hat.
Und wie das Antlitz eines Menschen, der ein Gedicht wiederholt, das er liebt, und dessen Auge zwischen irdischem und unirdischem Ausdruck geteilt, verklärt in den Tag sieht, so sah Griechenland — das Lied Homers lautlos vor sich hinsingend — mit seinen feierlichen Höhen an jenem Tage, an dem ich vom Morgen bis zum nächsten Morgen im Meer an der Küste vorüberfuhr, in meine Augen und war eine heilige Geisterwelt, eine heilige Dichterwelt.
Es schien keine Stunde nüchterner Alltag an jenen Ufern zu sein. Eine köstliche Festlichkeit begleitete mich an dieser Küste entlang bis zur nächsten Morgenstunde, bis zum Augenblick, da das Schiff in Piräus anlegte.
In Piräus, im Hafengetriebe, zwischen Hafenhallenund Haufen von Fischerbooten, bei schmutzigen Fischerkneipen, bei den Kähnen, die, beladen mit gelben Orangen und grünen Zitronen, fremdartig leuchteten, wußte ich nicht mehr, als ich den Fuß ans Land gesetzt, daß ich in Griechenland war. Es lag vor mir ein kleinstädtischer lebendiger Mittelmeerhafen mit dem üblichen Hafenlärm, mit Zollbeamten, Fuhrleuten, Fischern. Nur die griechische Lebhaftigkeit, das fliegende Verständnis für jeden Augenblick des Lebens, eine gewandte Eile und eine bestrickende Gefälligkeit, die den Nordländer argwöhnisch macht, in ihnen war griechischer Geist zu fühlen.
Wir fuhren dann bald mit einem Wagen auf der alten Heerstraße hin, die in einer geraden Linie, wie mit einem Lineal gezogen, nach Athen führt. Ich hatte geglaubt, daß hier Ende März schon Frühlingsgrün zu finden wäre, und war nun erstaunt, daß die Weingärten an den Wegseiten nur braune Rebenstrünke und noch kein grünes Blatt zeigten.
Während der Fahrt sah ich immer geradeaus und wunderte mich, daß ich nirgends den Felsen der Akropolis entdecken konnte. In der breiten Ebene, die sich zwischen zwei Bergzügen von Athen nach Pyräus ans Meer zieht, hätte ich geglaubt, den Berg und die Akropolis am Ende des Tales, groß gegen den Himmel gezeichnet, sofort erkennen zu müssen. Aber erst nah bei der Einfahrt in Athen sah ich, umgeben von höheren Hügeln und verschwindend klein neben dem mächtigen Hymettosbergwall, die Anhöhe der Akropolis mit den Tempelresten. Ausder Ferne ließ diese Tempelruine noch nichts von ihrer Großartigkeit ahnen.
Das neue Athen, in das wir einfuhren, mit seinen bürgerlichen Häusern der Neuzeit, mit seinen Schaufenstern, Straßenbahnen, seinem Kaffeehausleben, mit dem Getriebe unseres Jahrhunderts in der langen Stadionstraße, war mir vom Anfang an im Wege. Ich wäre am liebsten draußen vor der neuen Stadt heimlich aus dem Wagen gestiegen und durch die Felder in weitem Bogen um das neuzeitliche Athen gegangen, hinauf zur Akropolis.
Am Tage vorher auf dem Meer war ich im Geist in einer stillen Ruinenwelt angekommen, die sich Athen nannte. Ich hatte in Gedanken nebenbei ein paar Gasthäuser oder ähnliche Häuser in ehrfurchtsvoller Entfernung, den Ruinen bescheiden Platz machend, gesehen und hatte geglaubt, daß die Fenster jener neuen Häuser, so wie die Augen der neuen Menschen dort, den ganzen Tag andachtsvoll träumend und vom Bewundern der großen Vergangenheit der Ruinen bewegt, keine Zeit zu eigenem Leben finden könnten.
Nun aber lärmte da eine sich selbständig dünkende junge Stadt, eine mit Trambahnen, elektrischen Maschinen, Telegraphen und Telephonen und mit Motoren arbeitende, zeitgemäße, laute, ehrgeizige Stadt.
Diesen Zeitlärm konnte ich noch nicht mit meinen, nur feierliche Ruinen suchenden Wünschen vereinigen. Und ich war enttäuscht und wünschte mich wieder aufs griechische Meer zurück. Die Zeitungsverkäufer und die Lotterieverkäufer, die auf unserem Wagentrittbrettgeschäftig schreiend emporkletterten, während wir in die lebendigen, gewerbetreibenden Morgengassen von Athen einfuhren, machten mich endlich lachen. Und Humor stellte sich ein, und ich freute mich, doch allmählich von der Meeröde wieder unter zappelnde Menschenkinder gekommen zu sein.
Das unterhaltende südliche Straßenleben, die Kupferschmiede, die Seiler, die Korbflechter, die Töpfer und das viele andere Kleingewerbe, das da zusammengepackt in den Gassen nistet, war in seiner herzlichen Irdischkeit reizvoll zu betrachten, und der Lärm, der mich zuerst abstieß, lockte bald vertraulich meine Ohren an. Eine arbeitende starke Gegenwart, meine Gegenwartswelt, erfüllte mich wieder, und ich ließ die feierlichen Träume weit zurück und fühlte mich trotzdem wohl.
Mein Reisegefährte hatte von seinem Vater einige Empfehlungen an griechische Geschäftsleute, an den deutschen Konsul und an den deutschen Archäologen Professor Dörpfeld mit sich. Von dem letzteren erhielten wir bei einem Besuch einige gute Ratschläge für unseren Ritt durch den Peloponnes, den wir von Olympia aus nach Sparta unternehmen wollten. Zuerst aber wollten wir vorher noch Delphi, Apollos heilige Stätte, am korintischen Meerbusen sehen. Französische Gelehrte hatten dort kürzlich das große Ruinenfeld der Heiligtümer wieder aufgedeckt. —
Morgens von sechs bis neun Uhr herrschte schon das lauteste Leben zwischen den blendend weißgetünchten Häusern von Athen. Keine Stadt ist mir je wieder so hell vorgekommen wie diese lichtdurchtränkteweiße Neustadt Athen. Und trotzdem herrschte Düsterkeit in den Straßen.
Denn in keiner Stadt sah ich jemals wieder so wenig Frauen, wie am Nachmittag dort auf dem Schloßplatz, während die Musik spielte. Nirgends war eine griechische Dame, nirgends ein griechisches Mädchen zu sehen. Nur manchmal fuhr ein weibliches Wesen in einem Wagen vorüber. Aber auf dem Schloßplatz standen wie eine einzige schwarze Masse, Schulter an Schulter, plaudernde Männer von allen Altern.
Nie wieder sah ich ein ähnlich einseitiges Dasein. Man könnte glauben, es würde hier Börse abgehalten unter freiem Himmel. Oder man konnte denken, es sei eine Verschwörung im Gang. Während im heutigen Rom zur Musikzeit in den Gartenanlagen des Monte Pincio die Römerinnen aller Gesellschaftskreise, zu Fuß und zu Wagen, plaudernd mit und zwischen den Herren erscheinen, sind in Athen zu den Musikstunden nur einige Ausländerinnen am Rand des Platzes bei den Kaffeehäusern zu sehen. Es entsteht deshalb hier kein fröhliches Gemisch, keine festliche gesellige Woge. Wie eine zusammengepferchte Stierherde stauen sich die Männer stumpf und stolz um die Musik.
Ich habe ähnliches nur im Hyde-Park in London gesehen, wenn ein politischer Redner auf einen Stuhl gestiegen war und sich Hunderte von Männern um ihn gesammelt hatten. Dort sah ich ähnlich viel schwarzbekleidete Rücken wie auf dem Schloßplatz von Athen.
Eine gähnende Langweile ging von dieser Musik aus. Denn die plaudernden und politisierenden eifrigen griechischen Männer ließen die Musik, wie esschien, nur in ihren Ohren verhallen. Die Frauen, die im Gehen und im Lächeln wandelnde Musik sein können, fehlten hier den Augen der Männer, und das machte, daß die Männerohren nur halb hinfühlten, und daß nur eine halbe Festlichkeit aufkam.
Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, sagt die Bibel. Und ich möchte hinzufügen: es ist nicht gut, daß der Mann ohne eine Frau Musik hört, daß der Mann ohne eine Frau ein Gedicht liest, daß der Mann ohne eine Frau ein Bild betrachtet, daß der Mann nur mit Männern spaziert. Ohne die Frau kommt nur die halbe Welt der Kunstwerte und die halbe Welt allen Lebens zum Mann. Ebenso können die Frauen die Welt und die Künste nicht allein ohne den Mann ganz verstehen und ganz genießen.
Als ich allein um die Erde reiste ohne meine Frau, merkte ich es zuerst gar nicht, wie wenig ich eigentlich sah. Ich merkte es aber gleich, wie viel ich sah, als ich heimkam von der Weltreise und meine Frau in meinen Erzählungen mit mir zusammenreiste.
Da erst wachten viele Blicke auf, von denen ich nicht gewußt, daß ich sie aufgenommen hatte, und Bilder und Landschaften und Begebenheiten kamen mir aus dem Unterbewußtsein ins Bewußtsein, als ich vor ihren Augen noch einmal die Weltreise zu Hause in Gedanken dichtete.
Was ich für mich allein erinnert hätte, das wäre kaum die Hälfte der Eindrücke gewesen. Für sie aber erinnerte ich noch eine Fülle, die ich im Unbewußtenbeim Reisen mit ihren Augen aufgenommen hatte, und die verloren gegangen wären, wenn nicht ihr Auge mir dann zu Hause das unbewußt Gesehene geweckt hätte.
Ich hatte auf der Weltreise unterwegs keine Notizen gemacht, was ich niemals auf Reisen tue, hatte mich auch durch keine Bücher auf die Reise vorbereitet, las auch nach meiner Heimkehr nicht die Briefe durch, die ich unterwegs geschrieben hatte, sondern hielt mich nur an mein und ihr Auge, an unsere inneren und äußeren Augen, mit denen ich die große Reise nochmals nachreiste, so wie ich heute nach sechzehn Jahren die griechische Reise wieder nachreise.
Von der Weltreise kam ich im Juli 1906 zurück, und erst im Juli 1907 begann ich mein Buch „Die geflügelte Erde“, das jene Reise in Versen beschreibt. Nur einige Photographien und Ansichtspostkarten und nur kleine Geschenkerinnerungen, die ich von jedem Ort unterwegs für meine Frau mit nach Hause genommen hatte, nur diese winzigen Stückchen Wirklichkeit halfen mir zwei Jahre lang nochmals die sieben Meere und ihre Wunder in einer Dichtung aufleben zu lassen.
Ich fühlte mich während der Reise um den Globus auch keinen Augenblick als Schriftsteller reisen. Wohl hatte ich jene Fahrt mit dem Gedanken angetreten, später einmal eine Dichtung über die Wunder der Erde schreiben zu wollen. Aber während der Reise enthielt ich mich jedes Gedankens an das künftige Buch. Und ich glaube, ich bewahrte mirdadurch einen möglichst unbefangenen innerlichen Blick, indem ich jedes übertriebene berufsmäßige Schauen, jedes berufsmäßige Aufnehmenwollen beim Reisen ausschaltete, wie ich das auch bei Erlebnissen immer zu tun versuche.
Nur dann lassen sich die Empfindungen und die Gefühle breit und tief in einem nieder, wenn man ihnen allmenschlich und zwecklos entgegenkommt. Jeder Zweck macht die künstlerischen Gefühle taub und öffnet nicht die Tiefen des Innenlebens im Menschen.
Aber ich habe gefunden, daß es für einen Schriftsteller einer jahrelangen Selbstzucht bedarf, einer immer wieder erneuten Zucht des Willens und einer immer wieder erneuten Zucht zur Ruhe und Geduld bedarf, um das Leben mit offenem Gefühl täglich von neuemin heiliger Zwecklosigkeitempfangen zu können. Nur jenen Zweck soll der Dichter hochhalten, den, dem Weltalleben nachzufühlen und nicht nur sein eigenes Leben, sondern alle Lebenserscheinungen in das Herz einmünden zu lassen.
Nur dann wird dem, der sich durch solches Weltallempfinden, durch das gerechte und empfindende Betrachten aller Leben bereichert hat, nicht bloß das geistige, sondern auch das leibliche Gefühl der Lebensunendlichkeit zu teil.
Die Lust an der Unvergänglichkeit der einzelnen Atome des Leibes überbietet dann das leise Weh über die Vergänglichkeit der Leibesform. Denn das Gefühl der leiblichen Unsterblichkeit ist für uns alle erreicht, sobald wir das Weltall als unseren Leib und Besitz fühlen lernten.
Als ich am Spätnachmittag des ersten Tages in Athen, am Theseustempel vorbei, dessen ehemals weiße Säulen jetzt wie gelbes Bienenwachs leuchten, auf dem Weg bei den alten Amphitheatern zur Anhöhe der Akropolis hinaufwanderte und dann über die breiten zerbrochenen Freitreppen, auf dem mit Quadern bepflasterten Platz beim kleinen Erechtheiontempel vor den ungeheueren Säulen des Parthenontempels stand, da, schien es mir, waren das keine Ruinen, was ich vor mir sah. Es waren Bauwerke noch im Aufbau begriffen.
Die Handwerksleute und die Architekten schienen den jungen Bauplatz des herrlichen Zukunftbaues eben zur Abendstunde verlassen zu haben und waren hinunter in die Stadt gegangen. Da lagen Säulen und Quadern, die scheinbar noch am Mittag den Hammer und den Meißel der Steinmetzen gespürt hatten. Und die steinernen Frauengestalten, die das Sims des Erechtheion auf ihren Köpfen stützen, waren von den jungen Bildhauern vorhin erst mit den lebenden Frauen verglichen worden, die dazu Modell gestanden hatten, vor dem inneren und äußeren Auge der Künstler.
Jung, lebensvoll, wunderbar zeitlos waren die Formen und die künstlerischen Linien der behauenen Steine. Die gerillten Säulen standen jung aufrecht, als wäre in ihren tiefen Rinnen nur erst ein Mal ein Frühlingsregen herabgerieselt.
Nichts sprach hier von jahrtausendaltem Regen, von jahrtausendalten Winden und Sonnenbränden, die diese Steine erlebt hatten. Nur neuzeitliche und zukünftigste Weltfestlichkeit tönte bei jedem Schrittauf den Fließen des Parthenons in mein innerstes Ohr. Diesem Bauplatz fehlten nur die Gerüste; man mußte annehmen, die Baugerüste seien zu früh abgenommen worden, ehe die Bauten noch ganz fertig waren. Einen andern Eindruck empfing ich nicht. Das Wort Ruine kam nicht in meinen Gedanken auf.
Welche stümperhafte Bauten waren dagegen die alten römischen Backsteinbauwerke des Forums in Rom! Welche stümperhafte, geistesbeschränkte, unharmonische Linien trugen nicht alle anderen Steinbauten Europas! Hier an der Akropolis waren nicht bloß geschickte Menschenhände und klug berechnende Gehirne an der Arbeit gewesen. Hier hatten weltfestliche Herzen die Pläne gezeichnet, weltfreudige Hände und Augen Meißel und Hammer walten lassen. Die aus den Gehirnen eines Volkes von Dichtern geborenen menschenherrlichen Götter hatten, ähnlich wie sie beim Kampf um Ilion die Krieger aneiferten, so hier die Künstler bei ihrer Arbeit beseelt. Diese Tempel waren gedichtet, waren jahrtausendalte Steingedichte. Und so wie jedes echte Gedicht kein Alter, keine Zeit, keine Vergänglichkeit kennt, so standen auch diese Bauten alterlos jugendlich in ihrer unvergänglichen Selbstverständlichkeit da.
Auch die Säulen, die gestürzt waren, sie wurden nicht zu Ruinenstücken. Sie blieben Vollkommenheiten. Sie schienen in jedem Augenblick neu aufwachsen zu wollen, da jeder einzelne Stein, jede Meißellinie Unsterblichkeit ausstrahlte und überzeugendste Weltallfestlichkeit.
Wenn ich mir heute vorstelle, daß dort auf derAnhöhe der Akropolis, um den freien Platz bei dem Parthenontempel, Flieger mit ihren Flugmaschinen landen und wieder aufsteigen sollten und um jene sogenannten Ruinen kreisen würden, und wenn ich mir dieselben Luftfahrzeuge aufsteigend und kreisend um alte deutsche Burgen denke oder um das Schloß von Versailles, um den Londoner Tower, um das Potsdamer Lustschloß Sanssouci — nirgends in Europa würden die Flugmaschine und der Motor in ihrer edlen stählernen Gelenkigkeit und gestaltet von neuzeitlichem Erfindungsgeist sich so klar und gleichberechtigt dem Geist der Baumeister anpassen als bei der Akropolis. Hier könnte man glauben, die Ururenkel jener Bauleute haben von ihren Vätern mit den Plänen der Tempel auch die Pläne zu den neuzeitlichen Flugmaschinen, die Pläne zu den stählernen Motoren, ebenso wie die Pläne der drahtlosen Telegraphie, die Pläne zu den Markoniapparaten und die Pläne zu allen heutigen technischen und elektrischen Erfindungen erhalten.
Wenn ich an Gotik-, Renaissance- oder Rokokobauten denke, selbst wenn ich an den arabisch-maurischen Stil mit seiner weiblichen Märchenhaftigkeit denke, — bei keiner dieser an sich harmonischen Stilarten tritt das Geistige und das Körperliche in so klarer, edler und einfacher Einheit auf. Dieser Baustil ist der Brudergeist unserer sich in Arbeit und Festlichkeit und Selbstzucht übenden Zeit. Jung tritt einem dieser Neuzeitgeist entgegen aus allen alten Bauten Griechenlands und besonders aus den alterlosen athenischen Bauten der Akropolis und des Theseustempels.
Es scheint mir oft, als hätten unsere Architekten in ihren neuesten Bauten noch nicht dem aufgeklärten festlichen Zeitgeist voll Rechnung getragen. Wohl wirkt die große Vereinfachung in der heutigen Architektur befreiend. Aber es fehlt noch die Selbstverständlichkeit der Formen.
Zu viel geschultes Wissen, zu wenig innerliche Freiheit gestalten den heutigen Baustil. Es sind noch nicht alle Dumpfheiten alter Weltanschauungen vollkommen überstanden. Es herrscht noch nicht in der Architektur die selbstverständliche einfache Weltallfestlichkeit, die angeboren in uns lebt.
Den meisten unserer Bauwerke fehlt in der Linie noch die natürliche Beherrschung, mit welcher zum Beispiel ein Vogel von Baum zu Baum fliegt, mit der ein Reh aus dem Waldsaum tritt, mit der die Biene arbeitet und die Forelle gegen den Bachstrudel schwimmt, mit der das Buchenblatt sich aus seiner braunen Schutzkapsel entfaltet, mit der jede Baumart ihre verschiedenen zackigen Blätter naturgefällig hervorbringt.
Bauformen müssen so körperlich klug wie geistig klug sein und Nutzen und Schönheit in unzertrennlicher klarer Einheit vereinigen.
Aber ich will nicht damit sagen, wenn ich die alten griechischen Baudenkmale lobe, daß man, wie man es zu Anfang des neunzehnten Jahrhunderts getan, zu Napoleon des Ersten Zeit und später, die griechische Säulenwelt nachgeahmt bei uns aufstellen soll.
Ich möchte nur darauf hinweisen, daß, wennwir eine befreite festliche Innerlichkeit, mit der der Grieche das Alltagsleben in jedem Augenblick auffaßte, auch bei uns wirken lassen wollen, so werden wir dann auch zu geistig freieren Bauwerken, unserem Klima angepaßt, zu einem edlen, unveränderbaren feststehenden Stil kommen.
Eine festliche Weltanschauung wird alle Künstler verinnerlichter und vereinfachter arbeiten machen. Sobald das Leben von den europäischen Völkermassen nicht bloß als eine Pflicht oder gar als sündiges Jammertal oder als ein Durchgangsaufenthalt zu einem besseren Leben aufgefaßt wird, wird sich alles Menschenleben natürlicher und künstlerischer gestalten als jemals.
Wenn die Völker von der zweckmäßigen, daseinsklugen Weltfestlichkeit aller Leben, also auch von der Festlichkeit der Menschenleben, durchdrungen und überzeugt worden sind, wird der Kunstsinn festlich befreit sein.
Ebenso wie die Griechen, so hat man auch lange Zeit die Japaner nur vom Standpunkt einer schmachtenden Schönheitsschwärmerei aus bewundert. Man verstand nicht, wie herrlich nützlich in erster Linie alle Gebilde sind, die diese beiden Völker hervorbrachten, und die zuerst den Zweck erfüllen und bei wunderbarer Zweckdienlichkeit eine selbstverständliche Schönheit bieten.
Eine Bauernfrau im schlichten Arbeitskleid und jeder Arbeiter in seiner Arbeitstracht, die zweckdienlich erfunden wurde, wirken künstlerisch und zeitgemäß und sind nicht stimmungsstörend für den Künstler.
Zweck und Geist verhöhnend aber sind die heutigen, zerstückelten und zusammengenähten, sinnlosen Modekleider der europäischen Frauen. Grauenhaft verirrt ist das europäische Frauenkleid von heute und ist nicht mehr die kluge nützliche, schöne irdische Hülle für den schönen irdischen Frauenleib.
Die Japanerin, die Chinesin, die Araberin sehen ihr Kleid noch mit gesundem und klugem Natursinn als eine feierliche, zweckmäßige Umhüllung an.
Das europäische, zweckwidrige, schönheitswidrige, unedle, unsinnig zusammengestellte Modenungeheuer, das man nicht mit dem edlen Namen Frauengewandung benennen darf, ist ein Ergebnis dumpfer, verjährter und überwundener Weltanschauung.
Und auch die europäische Männerkleidung beengt den Körper, wirkt zerstückelt und ist zeitraubend beim Anlegen. Sie besteht aus viel zu viel einzelnen Teilen und Teilchen.
Der Menschenkörper aber soll eingehüllt und nicht eingezwängt werden.
Wie man ein einziges Einpackpapier um einen Gegenstand wickelt, den man einhüllen und so geschützt heimbringen will, so wird von Chinesen und Japanern der Körper des Menschen bei der Kleiderfrage behandelt.
Man preßt den Leib nicht ein und behängt ihn nicht mit zehnerlei Lappen und Läppchen, nicht mit drückenden Knöpfen und mit überflüssigen Litzen, Kragen, Krawatten. Der Asiate hüllt den Leib wie einen kostbaren Gegenstand weit und reichlich und doch sorgfältig ein, ohne die Glieder herauszuschraubenoder sie zu beengen. Der Asiate läßt seinem Leib in der Hülle Bewegungsfreiheit, er behandelt seine Glieder gütig und selbstverständlich verständig und liebevoll.
Man betrachte nur die Bilder der Japaner und Chinesen, die seit Jahrhunderten die Frauen immer im gleichen Kleide zeigen. Jene Völker sind nicht müde geworden, dieses selbe Kleid immer wieder zu sehen.
Man nahm an dieser Kleidung nur kleine Abwechslungen in den Stoffmustern vor, von Jahrhundert zu Jahrhundert kaum merkbar. Unsere Frauenwelt aber ist von einer Kleiderkrankheit, von einer Kleiderverwandlungssucht besessen. Teils bewirkt dieses die kaufmännische Gewinnsucht der Männer, teils hysterische Eigenliebe der Frauen, die sich gegenseitig zu unsinnigsten gehetzten Formen anspornen.
Wenn aber einmal Frau und Mann sich nicht mehr belügen und sich nicht mehr als den Gipfel der Schöpfung betrachten, sondern sich als Weltallmitglieder sehen, dann wird die Eitelkeit edlere Wege gehen. Diese aufgeklärten Menschen werden den Modeirrsinn verschmähen, und die Körper mit natürlichen Gewändern zweckdienlich, vornehm und freudig verhüllen, statt den Leib mit Stückwerk überreizt, unbequem, unschön einzupressen oder zu behängen.
Das chinesische Kleid, das weite Beinkleid, der ärmelweite, hemdartige chinesische Rock, könnte auch für uns Europäer eine Zukunftskleidung werden. — Die künftige Frau wird zugleich wie der künftige Mann die Schöpferkraft des ganzen Weltalls inihrem Herzen als ewigen verantwortlichen Besitz und als unendlichen festlichen Widerhall fühlen. Diese dann nicht nur persönliche, sondern weltallfestlich gestimmte Zukunftsfrau, die im Garten und in der Natur, in der Gesellschaft, im Haus und bei der Arbeit, bei den Künsten und bei den Weisheiten ihres Volkes freudig und befreit aufgewachsen ist, diese wird sich ganz von selbst scheuen, sich unedler zu kleiden als die Griechinnen es taten, unedler als die Frauen der sinnenweisen Völker Asiens es tun.
Ich erlaubte mir die griechische Reise mit dieser Betrachtung zu unterbrechen, da ich, wie ich nochmals wiederholen möchte, in diesem Buch Gedankengut aus meinen Wanderjahren geben will und nicht nur Ereignisse. Ich möchte im Anschluß an die europäische Kleidungsfrage daran erinnern, welches Aufsehen in den neunziger Jahren Tolstois „Kreuzersonate“ machte. Der Dichter eiferte in diesem Werk gegen die Schamlosigkeit unserer Frauenkleidung, gegen die das Fleisch ausstellenden Ballkleider und gegen das Stahlgerüst, das damals den Frauen die Rippen einpreßte und die Brüste und Hüften herausdrückte.
Wie recht hatte der große Mann! Wie werden die europäischen Frauen von allen asiatischen Völkern verachtet, weil sie der Öffentlichkeit Reize enthüllen, die nur der Liebesstunde und dem Geliebten gehören sollen.
Das ist nicht Festlichkeit des Lebens, eine schamloseAusstellung der Reize. Das ist hurenhafte Festlichkeit. Und sie mag gut sein auf dem Sinnenmarkt, dort wo die Frau ihren Körper verkaufen will, in den Häusern und Stadtvierteln der Freudenmädchen. Aber nicht einmal auf den japanischen Mädchenmärkten wagt die Dirne Japans mehr als ihr Gesicht und ihre Hände öffentlich zur Schau zu stellen.
Würden wir alle nackt gehen und würden alle Sinnenverrichtungen wie die Tiere unter freiem Himmel und vor allen Menschen ausüben, das wäre unschuldiger und schamvoller als es diese berechnende, halbe Enthüllung auf den heutigen Bällen der Europäer ist. Gebietet es die Sonnenhitze, das Baden im Meer, die Hitze im heißen Süden, daß die Frauen ähnlich den Indierinnen nur halb verhüllt gehen, so ist dann dieses Sichenthüllen natürlich und dort durch Zweckmäßigkeit geheiligt und unschuldig zu nennen.
Aber in unserem kalten, kühlen Klima, in unserer nüchternen Winterwelt, ist es Wahnsinn und Schamlosigkeit, wenn die Männer sich gegenseitig ihre Frauen in den Gesellschaften mit entblößten Brüsten und nackten Armen zuführen.
Ich meine nicht, daß die Frau ihr Gesicht verhüllen soll wie die Mohammedanerin. Das Gesicht soll niemand verstecken, aus dem Geist sprechen soll und das Herz.
Die Chinesinnen und Japanerinnen gehen seit Jahrhunderten schlicht und vornehm mit offenem Gesicht und schön frisiertem Kopf, ohne Hutaufputz, auf ihren Straßen umher und in ihrem Hause. Nurdie Tänzerinnen und die öffentlichen Mädchen kleiden sich in schreiende Farben.
Da dieses Volk in seinen nördlichen Provinzen in ähnlichem Klima lebt wie wir, und wie wir bei Regen, Sonne und Schnee aufgewachsen ist, soll man nicht glauben, daß wir uns nicht auch an jenen Kleidertrachten ein Beispiel nehmen dürften. Denn jene Tracht der Chinesen und Japaner eignet sich auch für unsere europäischen Witterungsverhältnisse und ist für unsere Männer und Frauen nützlicher und zweckdienlicher, als die heutige europäische Tracht es ist.
Wer es nur einmal in seinem Leben versucht hat, ein japanisches oder chinesisches Kleid anzulegen, der wird den wunderbaren Genuß nicht vergessen können, den ihm diese schöne, vornehme, kleidsame, gesunde und behagliche Umhüllung bereitet hat.
Sowohl die Anzüge für die Männer als die Trachten für die Frauen sind in jenen Ländern für beide Geschlechter aufs Sinnvollste ausgedacht. Kein Druck eines Hakens oder Hornknopfes, keine Beengung und Ermüdung fühlt der Körper in dieser einfachen harmonischen und lebensfestlichen Gewandung. In diesen Hüllen bleibt der Mensch ein unbeengter Mensch.
Diese Kleider treiben den, der sie trägt, nicht an, mit sich selbst in eitlem Unfrieden, in eitler Wechselsucht und unnützer Unbequemlichkeit zu leben. Diese weiten Kleider in ihrer einfachen Schönheitslinie bedeuten, weil sie zweckmäßig sind, beim Tragen und Anlegen eine Kraftersparnis für den Körper und für das Leben eine Zeitersparnis.
Ich bin mir in Japan und China in meiner europäischen Kleidung, die beengend, ermüdend und von den Schneidern unfrei ausgetüftelt ist, mit ihren vielen Knöpfen und Knopflöchern, mit der unmännlichen Krawatte und den vielen anderen Unbequemlichkeiten, belastet und ungeheuerlich vorgekommen unter den schlicht und zweckmäßig, bequem und vornehm umhüllten Chinesen und Japanern. Ich erschien mir unfreudig und unsinnig gekleidet.
Wir belächelten bisher nur das Fremde an der aus der Fremde kommenden Tracht der Chinesen und Japaner. Aber wir versuchten niemals diese Trachten auf ihren Lebenssinn, auf ihre Bequemlichkeit, Sparsamkeit, Einfachheit und Zeitersparnis hin genau zu prüfen. Man könnte sehr wohl bei uns zur allgemeinen Erleichterung und zum allgemeinen Wohlbefinden sowohl jene Trachten der asiatischen Männer als die der asiatischen Frauen zur Grundlage für eine neue europäische Tracht annehmen und einführen.
Schnelle Zeitungsschreiber verbreiten bei uns fortgesetzt die Nachrichten, in Japan und China kleide sich jetzt die Bevölkerung europaähnlich. Dieses ist nur insoweit wahr, als es sich auf das Militär, auf die Beamtenwelt und die mit Europa verkehrenden Diplomaten bezieht. Das chinesische und japanische Volk aber, der chinesische Handwerkerstand und der Bauernstand, von denen Millionen in Japan und China leben, diese denken nie daran, ihre Kleidung, die ihre Urväter ihnen so bequem, gefällig, sparsam und zweckdienlich erdacht haben, aufzugeben.
Mein japanischer Reiseführer, ein gebildeterJapaner, trug europäische Kleidung. Aber wenn er abends das Hotel betrat, so vertauschte er gleich die ihn belästigende europäische Tracht mit seiner schönen unauffälligen, schlafrockartigen Gewandung.
Als ich ihn einmal fragte, warum er das tue, sagte er höflich: zum Billardspielen würde er auch zu Hause im Hotel die europäische Tracht anbehalten. Dazu sei sie sehr bequem, da der weite japanische Ärmel das Billardspielen erschweren würde. Aber sonst sei ihm die japanische Tracht bequemer.
Ich mußte lachen und ihm recht geben, wie ich in so vielem den Asiaten recht geben mußte, ihnen, die wir Europäer in unserem grünen Schuldünkel so oft mißverstehen und ungefühlt und ungerecht und unverständig beurteilen. —
Eines Abends bestiegen wir in Piräus ein Schiff, das uns in der Nacht durch die Schleusen des Isthmus von Korinth und durch die korinthische Meerenge am nächsten Morgen nach Itea bringen sollte. Itea ist eine Landungsstelle am Fuße der Bergmasse, auf welcher die Ruinenfelder des heiligen Delphi ausgebreitet liegen.
In dieser Nacht schlief ich nur wenige Stunden und träumte wachend, am Schiffsgeländer sitzend. Griechische und türkische Kaufleute, mit ihren Familien, hockten schlafend, in Mäntel und Decken eingewickelt, in der warmen Frühlingsnacht auf dem Verdeck. Von der friedlich schlummernden Menschenherde sah man im Mondschein nur Knäule, und das Schiffglitt mit den Schlafenden wie ein großes schwimmendes Bett durch das mondglänzende Wasser.
Ich saß am Schiffsgeländer und beobachtete unseren Weg, der, als der Schiffskörper in die hochgemauerten Schleusen kam, einer Fahrt durch gemauerte Kellerräume glich. Der Mond ging treu am Himmel über dem Schiffsmast mit, es war auch, als sänke er mit dem Schiff von Schleuse zu Schleuse tiefer.
Wie wissen die Neuzeitmenschen sich die Wege zu kürzen! Wie sind sie unglücklich von der Endlichkeit aller Wege durchdrungen! Tausende und tausende Jahre lang nahmen die Menschen das Leben breit, machten auch Umwege, weil sie immer am Anfang und Ende der Wege zugleich waren. Wir aber sehen heute nur das Ende aller Wege vor uns. Der Anfang ist abhanden gekommen, der Weganfang fehlt, der sich immer wieder dem Ende anschließt.
Eine Eintagsfliege lebt nicht kürzer als ein Mensch, der hundert Jahre alt wird. Die Fliege erlebt ihr Leben, das für die Form des kleinen Wesens so unendlich viel ist, wie es die hundert Jahre Menschenleben für die Form Mensch sind. Den Menschen fehlt das Köstlichste heute: die Zeitlosigkeit. Das Gefühl fehlt, das uns sagt, daß nicht bloß das Leben, nicht bloß das Vorwärtsrennen erlebt werden soll, sondern daß Lebensbetrachtung ebenso wie Tätigkeit ein Allestun bedeutet, wenn sie im Geist und im Herzen gepflegt wird.
Ein Europäer von heute braucht eine Zeitung, wenn er nicht arbeitet. Und wenn er die Zeitungfortlegt, braucht er einen Mund oder mehrere Münder, die ihn anreden. Und er braucht um sich Ohren, in die er wieder hineinredet. Und die Europäerin braucht Augen, die sie betrachten, umschwärmen, beneiden. Sie braucht auch auf dieselbe Weise ihre eigenen Augen.
Aber sich selbst brauchen wenige Europäer und wenige Europäerinnen. Und von der Allwelt sind sie überzeugt, daß mit ihr sich die Wissenschaft genügend beschäftigt; und von der Schönheit der Allwelt, von der Innigkeit des Allebens wissen sie, daß diese die Künstler beschäftigt, so wie sie wissen, daß die Schuster sich mit dem Leder und die Schreiner sich mit dem Holz beschäftigen.
Wenn die Europäer Stiefel anziehen oder Möbel hinstellen, tragen sie den Stiefel nicht an ihrer Person, sie lieben sich das Möbelstück nicht an wie ein Kind, das man adoptierte. Die neuen Stiefel sind für die anderen angezogen, die Möbel sind für die anderen hingestellt, so wie die Augen für die anderen da sind.
Sich selbst haben jene, die so tun, nie gefunden. Darum kann man nicht sagen, daß sie sich verloren haben. Nur die wenigsten von ihnen wissen heute, wersiesind und wassiewollen. Sie wissen aber immer, wasallewollen.
Und sie verwechseln den Willen des anderen mit dem eigenen und halten die Wünsche der anderen für ihre eigenen. Sie hören nicht mehr mit ihren eigenen Ohren, sie redeten niemals mit ihrem eigenen Munde. Sie hören mit geliehenen Ohren, und mit geliehenem Mund reden sie.
Sie sind nur Schattenleben aller jener, die wie sie nur ein Schattenleben führen. So wie der Schatten hastiger dem Körper vorausgleitet, spurlos, bald rechts, bald links, bald vor, bald zurück, am Wege hinstreift, ohne eigentlich den Weg zu sehen, so sind die Herzen jener Europäer heute, die die Hast und die Eile lieben, wenn sie auf den Wegen, an den Dingen vorüberfliegend, achtlos hinflüchten.
Immer sind sie wie Menschen, die, statt vom Berg mit den Füßen herunterzugehen, statt das Land mit den Füßen zu fühlen, sich von den Bergen auf dem kürzesten Weg durch die Luft herunterstürzen. DieEile, derkürzesteWeg, das ist ihrLebenszweck. Und sie glauben ihr Leben zu bereichern, indem sie sich eilig mit Endlichkeitsgefühlen anfüllen und anpeitschen, da sie das Größte am Leben, das Wirklichste, das dem Menschen angeborene Unendlichkeitsgefühl, nicht als Wirklichkeit empfinden können.
Sie halten die Ewigkeit, die in uns ebenso wirklich liegt, wie sie in jeder Minute draußen das Weltall unbegrenzt macht, für eine billige Einbildung. Sie bedenken dabei aber, kurzsichtig, nicht, daß ihre Endlichkeit, ihre Wirklichkeit, erst recht eine Einbildung wird, sobald das Menschenleben nicht den unendlichen Widerhall in dem uns angeborenen Unendlichkeitsgefühl findet.
Aber bei der Jagd nach Eile erhält keine Gebärde, kein Erlebnis Widerhall und gibt kein Wesen dem anderen Wesen den Rahmen der Unendlichkeit. Statt einer Musik, statt einer Lebenshymne, die das Schicksal jedes Menschen, zusammengesetzt aus Leid-und Freudetönen, dem inneren Ohr, dem ewigen Ohr vorsingt; statt der ewigen Bilder, die dem inneren Auge, dem ewigen Auge, des Menschen sich täglich hinmalen wollen, bleibt dem Eiligen nur ein Tonlärm und ein Farbenfleckengefühl im Sinn.
Die Menschen von heute haben die Lebensruhe eingebüßt, die jedem Menschen die Erkenntnis gibt, daß er im Innersten zugleich Herr und Diener der Schöpfung ist. Die Lebensruhe hat sich in eine Lebensflucht verwandelt, und die meisten fühlen sich deshalb nur als Lebensknechte.
Einige glauben ihr Ich erst nach dem Tode in einem Himmel oder in einer Hölle wiederzufinden, in einer ausgedachten Peinlichkeit oder in einer erdachten Überschwenglichkeit, für die das Weltalleben keinen Raum hat, und die ein weises Weltschöpfertum nie ausklügelt.
Oder die, die sich aufgeklärt vorkommen, erwarten, daß sie nach dem Tode spurlos verschwinden. Und sie werden spurlos verschwinden, da sie nie waren. Denn ihr Schattenleben ist noch kein Leben gewesen. Und sie waren nur fliegende, hastige, fahrige Schatten auf Erden. Sie erkennen dieses selbst, da sie finden, daß sie spurlos verschwinden werden.
Diese Leben sind so verschieden von wirklichen Menschenleben, wie die Zuckungen eines toten elektrisierten Frosches verschieden sind von den Bewegungen eines lebendigen. Die hastigen Zuckungen der Eile jener Gehirne geben jenen Menschen kein herzliches Leben, und es gehen von ihnen auch keine herzlichen warmen Lebenswirkungen aus.
Nur durchSichzeitnehmen, nur durch dasVerweilenkönnen, durch das zeitloseSichvertiefenkönnen, nur durch geduldigesUmwegemachenkönnengelangt der Mensch zu seinen innersten Augen, zu seinen innersten Ohren, zu seinem innersten Mund und auch zu seinen innersten Händen.
Aufnehmen und Wirken geschieht dann im Rahmen zeitloser Ruhe, im Rahmen der dem Menschen angeborenen innersten Ewigkeit. Jede andere Art zu leben, erzeugt gekünsteltes Dasein. Warmblütiges Leben will Weile, Geduld und Vertiefung.
Ein Mensch, der zu langsam ist, der wird nicht soviel Schaden unter den Menschen anstiften als der Mensch, der zu schnell ist.
Betrachtet die Ruhe, die in jedem Kinde wohnt. Wenn der Erwachsene ein Kind nicht erschreckt durch ungeduldiges Antreiben zur Eile, und das Kind noch nicht verdorben ist durch die verderbliche Eilelust der heutigen Menschen, so handelt jedes Kind aus der Weltunergründlichkeit heraus, ruhig vornehm, bedächtig, sich Zeit lassend.
So wie ein würdiger Greis, der zur Weisheit und zum weisen Rückblick des Lebens gelangt ist, Ruhe verbreitet, trägt jedes Kind in sich ein weises stilles Vorwärtsschauen, das sich nicht anders ausdrücken kann als durch Ruhe. Ruhe, die ergründen will und die mit vorsichtigen Tastversuchen zu den ewigen Lebensregeln kommen will, die das Kind innerlich unbewußt als richtig erkennt. Zu diesem Erkennen will jedes Kind seinen noch ungelenken Körper und das noch ungelenke Gehirn mit Ruhe hinführen; sobaldes nicht durch Eile und Antrieb verwirrt wird, gelingt jedem in Ruhe geleiteten Kinde die Lebenserkenntnis von selbst.
Immer habe ich gefunden, daß die Schulknaben mehr innere Ruhe und dadurch mehr innere Weisheit besaßen, mehr innere Klugheit als der vom heutigen Leben ungeduldig gemachte, gepeitschte und in seinem Innenleben bereits zerrüttete Lehrer.
Darin besteht die Heiligkeit der Jugend, daß sie noch ein unzerrüttetes Innenleben kennt, das noch nicht schattenhaft geworden ist, wie das Innenleben der Erwachsenen es heute ist. Ich glaube, innerlich können die jetzigen erwachsenen Menschen, die durch den Wahlspruch: Zeit ist Geld und Geld ist Leben, innerlich kurzsichtig und innerlich schwerhörig geworden sind, von den Kindern leichter tiefer sehen und tiefer hören lernen als von ihren eigenen, bereits verdorbenen Augen und Ohren.
Und wie die Ruhe des Kindes aus des Menschen Urkraft kommt, so ist die Ruhe des echten Künstlers aller Zeiten gewesen. Und wie die Ruhe dieser beiden ist die Ruhe der Tiere, ist die Ruhe der Pflanzen, ist die Ruhe aller Weltalleben einem ewigen Weisheitszustand unergründlich angeschlossen. Diesen natürlichen Weisheitszustand verjagt sich der heutige, hastige, nach Zeit und Wegabkürzung und Endlichkeit gierige Europäer. —
Das griechische Volk, das eine so große und edle Vergangenheit hat, hat zwischen Athen und Sparta im Peloponnes, also um den Isthmus von Korinth, seinen Handel jahrhundertelang walten lassen,und seine Schiffahrt bedurfte nicht der Schleusen und des Durchschneidens einer Landenge. Dieses Künstlervolk lebte festlich in Göttermenschenlust und nahm sich Zeit zu seiner Festlichkeit. Den Griechen war ein rascher kluger Blick eigen, ein rasches lebendiges Handeln, aber keine jämmerliche überstürzte Eile. Keine jämmerliche, nervenzerrüttende Lebensjagd störte das große Volk in seiner künstlerischen Hoheitszeit beim Weltallfest. Darum, weil es Zeit zum künstlerischen Genießen hatte, hatte es sich auch in Delphi und in Olympia große Festplätze geschaffen, dieses kleine unsterbliche Volk.
Am frühen Morgen, als das Schiff kurz vor Sonnenaufgang im schattigen Wasser an der Küste entlangglitt, stand das Parnaßgebirge, mit silbrigem Schneeglanz am Gipfel, morgengrau in der frischen Aprilluft. Auf diese Berge hatte ich die lange Nacht gewartet. Hier hatten die griechischen Dichter den Sitz des Dichtergottes Apollo und den Sitz der Freundinnen der Künstler, der neun Musen, hingeträumt. Und was die Künstler träumten, das glaubte ehemals ihr Volk, und es träumte es nicht bloß nach, sondern es lebte es nach. —
Der heilige Ort Delphi liegt auf der halben Berghöhe, den Blick gerichtet zum Musensitz, den Blick gerichtet zum Parnassos, zum Sitz des Dichtergottes.
In Itea, wo morgens das Schiff landete, fanden wir Maultiere und einen Führer. Und wir ritten durch den kleinen Ort, der, weltverloren, vergessen und unberührt, von keinem Reisenden besucht werdenwürde, wenn nicht die Anziehung der großen Reste großer Künstlerträume, die Anziehung der Ruinen Delphis, einzelne Freunde Griechenlands nach Itea bringen würde.
Außer kleinen Eidechsen am Wege und Ölbaumanpflanzungen begegneten wir, im Morgen hinreitend, nichts als Steinen. Das Klettern unserer bepackten Maultiere schien kein Ende zu nehmen. Und der alte graubärtige Führer, der den Weg in allen seinen Lebensjahren hier geklettert war, hatte uns Fremden nichts zu sagen und auch nicht seinen Tieren, die er nur mit einem Zungenschnalzen manchmal aufmunterte.
So ritten wir denn in diesem Schweigen, das zwanglos und natürlich war, nicht bloß den Berg hinauf, sondern wir kamen mit den hufeklappernden Tieren und mit dem verwitterten Alten unmerklich in die Jahrhunderte zurück. In den zwei, drei Stunden, die der Ritt beanspruchte, legten wir die Wegstrecke von zwei- bis dreitausend Jahren zurück, mühelos und einfach.
Auf der breiten gepflasterten heiligen Wallfahrtsstraße, am Bergabhang, bei Felsblöcken vorbei, bei Aprilwolken, die unter uns hinschwebten, waren wir dann, als das neue Dorf Kastri oben mit unscheinbaren Hütten auftauchte, längst nicht mehr in unserem Zeitalter. Und in der dünnen Bergluft schien das Blut in uns zarter und war in den Adern mehr Lebensgeist geworden als Lebensblut.
Am Wege sahen wir einige Schachte in den Felsen. „Felsengräber,“ sagte der Führer. Und er zog aus seiner Tasche einen kleinen Ring aus Eisenbronze,der mit Plattgold vergoldet war. Es war ein Fingerring, den er in einem Grabe dort gefunden hatte.
Wer hatte ihn getragen? Ein Apollopriester? Oder eine der liedersingenden Frauen im Dienste des Gottes der Dichtung?
Ich kaufte dem Alten den Ring ab. Ein zweitausendjähriges Körperchen war in meine Hand gekommen, auf dem weiten Wege der Vergangenheit eine erste körperliche Begegnung mit der Vergangenheit. Und ich sah das alte Ringlein als einen Willkommgruß Delphis an.
Das Bergdorf Kastri, das da oben liegt, war erst kürzlich, vor einigen Jahren, aufgebaut worden. Die Leute hatten früher auf entfernteren Felsen gewohnt, auf den grün umwachsenen Schutthügeln, unter denen das von verschiedentlichen Erdbeben und Bergstürzen zerstörte und verschüttete alte Delphi gelegen, ehe man die Ausgrabungen begonnen.
Wir hatten eine Empfehlung an den griechischen Vorsteher der Ausgrabungsarbeiten. In seinem Hause bekamen wir dann gegen Bezahlung Wohnung und Beköstigung wie in einem Gasthaus. Er führte uns am Nachmittag zum neuen Dorf hinaus auf der breiten heiligen Straße hin, die früher mit Tausenden von Bildsäulen geschmückt war. Die Kunstwerke waren dann von den römischen Kaisern geraubt und nach Rom und nach Byzanz fortgeschafft worden.
Nach einem Weg von zehn Minuten kamen wir an einen gewaltigen, sanft ansteigenden Berghang, und vor uns lag auf der ansteigenden Ebene, unterhalb einer mächtigen Bergwand, das neuausgegrabeneungeheure Trümmerfeld der vielen delphischen Tempelruinen. Da lagen auch aufgedeckt und gut erhalten mit ihren ansteigenden Sitzreihen die Amphitheater. Da standen noch die weißen marmornen Sessel der delphischen Priesterinnen im Theater; sie waren mit feinen weißen Löwenklauen und mit feinen kleinen Löwenköpfen geschmückt.
Der Rundtempel, in welchem die Pythia, auf dem Dreifuß sitzend, in tiefer Betäubung übersinnliche Gesichte hatte und Orakelworte sprach, war eingestürzt wie die anderen Tempel. Aber in der Mitte des guterhaltenen Tempelrundsteines starrte noch der rötliche Felsenstein aus dem weißen Marmorrund. Und da waren noch die Erdspalten phosphorgrün, aus welchen einst die Schwefeldämpfe gestiegen, die die Priesterin in den Götterschlaf versetzt hatten.
Und viele Dinge, die ich längst vergessen hatte, waren wie selbstverständlich dort noch am Leben. Da war auch noch die eisige heilige Quelle, und ihr Eishauch, aus der Felswand kommend, war noch wie vor Tausenden von Jahren belebend, und das Quellwasser tropfte auf die Steine wie flüssiger Kristall.
Da war, gut erhalten, das große Stadion, viele hundert Fuß lang, mit den Sitzreihen am Berg an der Felswand hingedehnt.
Wie muß es hier einst den jungen Kämpfern hochgemut zu Sinn gewesen sein, wenn sie mit gepflegtem Körper und gepflegtem Geist, mit leiblichem und geistigem Mut den Lorbeer Apollos errungen haben. —
Von der Höhe des Stadions hat man bergabwärtseinen vollständigen Überblick über das ungeheure, von silbrig weißen und bläulich grauen Steinmassen dicht bedeckte Trümmerfeld, welches vom alten Delphi einen immer noch gewaltigen Eindruck gibt.
Man stelle sich im bayerischen Gebirge, vielleicht bei Partenkirchen oder Mittenwald, auf einer mehrere Kilometer großen, hoch gelegenen Bergmatte eine eingestürzte Tempel- und Theaterwelt vor. Nirgends sind Städte oder Dörfer rund um diese Bergeinsamkeit sichtbar, nur die Wolken des Himmels steigen aus den Schluchten auf, am Rande dieser verlassenen Trümmerwelt.
So einsam, weltentrückt liegt Delphi. Nur aus einem Taleinschnitt blinkt in der Tiefe, wie eine große Silberbarre, ein Stück des Meeres aus den Abgründen herauf. Vor den fernen und vor den nahen Bergen stehen Wolken wie weiße Marmorrampen und lassen über sich neue Berghöhen im Himmel erscheinen. Höhen, die, von der Erde durch Wolkenfelder abgeschnitten, im Sonnenhimmel wie Erdinseln schweben. Aber die Stufen der Luftrampen der Wolken verschieben sich langsam, und die Nähe verschwindet, und neue, unsichtbar gewesene Berge enthüllen sich, wie herbeigetragen auf neuen Wolkenfeldern. Unmögliches und Wirkliches arbeitet in der Höhe um Delphi vor dem Menschenauge. Erdstreifen werden zu Himmeln, und Luftreiche werden Erdreiche.
Aus dem großen Bergschlund, in welchen die Delphimatte am Rande des Ruinenfeldes, zwischen Ölbaumwäldern, Kastanien, Platanen, Eichen undBirken abstürzt, aus diesem dunkelgrünen Abgrundkessel ziehen die Wolken in Ballen wie ein gärender Urschaum weiß aus dem Talschlund.
Diesen Abgrund nannten die Griechen einst den Nabel der Erde. Hier, sagten sie, hing einst die Erde bei ihrer Geburt mit dem Mutterleib des Himmels eng zusammen, und hier am Rande des Nabels der Erde war deshalb den Menschen das Mutterweltall näher als irgendwo auf der Erde.
Ich konnte mir beim Anblick der sich immer verwandelnden, die Berge verzaubernden und die Berge erscheinen lassenden dampfenden Wolkenwelt gut vorstellen, daß hier das Volk sich einst fortgerückt fühlte, und daß es sich bei den Wolkenstufen fernen Leben, fernen Zukunftsdingen nahefühlen mußte.
Denn das auf- und niederwogende Wolkenheer, in welchem unsichtbare Hände zu arbeiten scheinen, wie Hände von tausend Künstlern, die da im Himmel Heerscharen von schimmernden Kunstwerken gestalten, dieses immer arbeitende Gewölk um Delphi entzückte die phantasievollen Griechen so sehr, daß sie weiße Massen Marmor über Marmor jahrelang herbeischleppten, und daß sie silberweiße Tempel und Schatzhäuser und silberweiße Amphitheater und die silberweiß gepflasterte, breite, heilige Straße auf dem Meilenfeld des Bergabhangs wie ein weißes Wolkenfeld entstehen ließen.
Nur die Erdbeben und die herabstürzenden Bergwände und die Raubgier fremder Eroberer konnten die ragenden, weißen Tempel und diese leuchtenden Tempelstraßen in ein Trümmerfeld verwandeln, dasjetzt hell aufgelöst vor mir lag wie ein Bergnebel, der sich verflüchten wollte.
Ich fand da Säulenreihen, die sahen von der Höhe des Stadions wie Reihen hingezählter Mühlsteine aus. Denn die Säulen jener Tempel waren nicht aus einem langen Stein gebildet, sondern aus Rundsteinen, die, ähnlich wie Münzen aufgebrochener Geldrollen, jetzt nach dem Umstürzen auseinandergerollt waren. Säulen, die zwei Männer kaum umfassen könnten, lagen zu Dutzenden auf den Treppen und auf den entblößten, noch schön geglätteten Steinfußböden der einstigen Tempelhallen.
Der Glaube an den Gott der Dichtung, an Apollo und an die neun Musen hatte hier Tausende von Händen von Geschlecht zu Geschlecht bei atemloser Arbeit rege gehalten. Der Glaube an die Notwendigkeit der Dichtungskraft, Glaube an die menschenfreundlichste Kunst und an die erhebendste Lust schuf diese Marmorbauten.
Keinem anderen Gotte als dem der Dichtkunst hatte man in dem griechischen Lande eine so mächtige Stätte bereitet, eine Stätte weltfern und himmelnah, bei den Füßen der Wolken, bei den Füßen der Sonne, bei den Wangen des Äthers und beim Nabel der Erde.
Herrlicher als alle Tempel und Theater, herrlicher als die dreißigtausend Bildsäulen, die Delphi geschmückt haben sollen, war hier in Delphi auf der Berghöhe für die Menschen die Himmelsnähe gewesen, und die Erdtiefe, die sich ins Unbegrenzte, ins innere und äußere Leben der Welt, dem Menschenherzen zu öffnen schienen.
Diese Bergmatte, die zweitausend Fuß über dem Meere liegt und hinter der das Parnaßgebirge noch viele tausend Fuß höher mit senkrechten Bergwänden ansteigt, sie horcht wie eine gewaltige Muschel zum Himmel, als horche hier ein ungeheures Ohr zu den fernen Planeten und Sonnen.
Die nahe graue Silbermasse des getürmten Parnaßgebirges konnte den Gebeten und den Inbrünsten der Pilger ein inneres Echo geben. Diese sonnenbeleuchtete hohe Gesteinwelt führte den Blick zu überirdischen Festigkeiten und gab den Herzen der Delphiwallfahrer Vertrauen auf die jedem Leben eigenen überirdischen Kräfte.
Das Menschenherz, das auf der Höhe in Delphi schneller schlug und in der klaren Luft leichter atmete, kam sich unbebürdet vor und war, den Verwandlungen der Wolken nachträumend, eigenen Verwandlungen, Kräftigungen und Lebensstärkungen leichter zugänglich.
Und die Augen der Menschen, die einst hier zwischen tausend marmornen Kunstwerken wandeln durften, und die Ohren, die die feierliche Musik der Apollohymne — deren Text man, auf Steinen eingegraben, vor kurzem erst wiedergefunden hatte — genießen durften, diese Augen und Ohren fühlten sich unwillkürlich glücklich. Frieden und Schönheit, von Künstlern geschaffen, walteten einst hier und wurden vom Landschaftshintergrund ins Unendliche gesteigert.
Die Wanderer, die einst auf den heiligen Tempelstraßen von Unwirklichkeit erfüllt und erschüttert wurden,stärkten hier beim Sitz der neun Musen ihr Herz, das mit Sorgen der Endlichkeit gekommen war. Und von Apollo verwandelt und verwandelt von der Hoheit der neun Kunstfreundinnen, kamen die Menschen zurück von Delphi, als stiegen sie verjüngt und bürdelos vom Himmel nieder zu ihren Menschengeschäften zurück.
So können Kunst und Natur gewaltig trostreich und lebensbestärkend Menschen und ganze Völker innerlich erhöhen.
In einem Schuppen sah ich auch den kegelförmigen Marmorblock, der den Nabel der Erde darstellte und der in einem Tempelinnern gestanden. Dieser fast mannshohe Block war schön geglättet und zugespitzt, und rundum befanden sich in seinen Marmor eingemeißelt Vögel, Blumen, Trauben, die fröhlichsten Dinge, die, von der Erde erzeugt, dem Menschenherzen Genuß bereiten.
Mein Reisegefährte und ich, wir waren im Jahr 1898 zwei der wenigen Deutschen, die das neuausgegrabene Delphi zu sehen bekamen. Wir durften aber mit unseren Taschenapparaten noch nichts photographieren und keine Zeichnungen in unsere Skizzenbücher machen. Alles das war untersagt. Am ersten Tag hatte uns der Leiter der noch nicht beendeten Ausgrabungen selbst durch die Ruinen geführt.
An den anderen Tagen, als wir das Ruinenfeld allein besuchten, folgten uns griechische Soldaten, die jeden Fremden als Wache begleiten und streng darauf achten mußten, daß nicht photographiert undnicht gezeichnet wurde. Die Franzosen, die das Geld zu den Ausgrabungen gegeben hatten, und die das alleinige Grundrecht über die Ruinenfelder noch einige Jahre besaßen, ließen damals Fremde nur ungern zur Besichtigung zu. Sie wollten zuerst die ersten Berichte über das neu ans Tageslicht zurückgekehrte Delphi herausgegeben haben. —
In der Nacht in Delphi lag ich auf meinem Kopfkissen mit offenen Augen fast ununterbrochen wach und starrte zu dem weit offenen Fenster meines Zimmers hinaus, wo der Mond wie ein goldener Gott im Himmel saß und die Wolkenfelder, die zu ihm heraufzogen, wie weißen Ton in große Formen zu kneten schien, und der dann diese Bilder zerbrach und zerstreute und unaufhörlich wieder neue Wolkenbilder auftürmte.
Es war heute nicht anders als in den Mondnächten vor zweitausend Jahren, da die Priester und die Pilger zu dem Mond geschaut haben mögen, der da über dem Weltschlund, über dem Nabel der Erde schwebte wie ein Gedanke, der aus der Unergründlichkeit glänzend auftaucht und leuchtet.
Mein Reisegefährte hatte mich am Abend gefragt, ob ich mir hier bei Delphi ein Bauernhaus im Dorfe Kastri bauen oder mieten wollte. Ich hatte nicht gewußt, was ich antworten sollte. Innerlich war ich ergriffen von der Landschaftsherrlichkeit, aber zugleich auch erschüttert von der Fremdheit.
Und als ich jetzt in der Nacht schlaflos und überlegend in die wühlenden Wolkengebilde sah, die draußen wie eine Wolkenvölkerwanderung über denfinsteren Bergtälern bald senkrecht zum Mond aufstiegen, bald seitlich vom Mond fortflüchteten, da wurde ich von einem Weinkrampf geschüttelt.
Ich grämte mich, weil ich nicht wußte, wo ich mich niederlassen sollte. Ich war todunglücklich, weil ich auch hier an dem weihevollsten Ort Griechenlands, bei dem Gedanken des immer Bleibensollens auf dieser weltfernen Berghöhe, bei einer toten gestürzten Säulenwelt, bei den Resten einer toten gestürzten Idealwelt, mir heimatlos vorkam.
Es war mir, als wenn ich mir zugemutet hätte, ich sollte mein Haus mitten in einen fremden Friedhof zwischen Grabsteine hinstellen und dort mit meiner Frau dann Liebe und Dichtung pflegen.
Hier in Delphi waren zwar keine äußeren Schrecken wie in Mexiko. Hier waren herrliche Vergangenheitsträume. Hier waren keine Räuber wie in Mexiko, keine goldgierigen. Aber die Vergangenheit war hier gegen mich räuberhaft. Gegen die Größe und die Hoheit der ungeheuren griechischen Traumreste, gegen das Geschaffene, das hier bereits aus dem Erdboden alle Kräfte gezogen hatte, hätte ich hier stündlich ankämpfen müssen, dabei hätte ich aber nicht Frieden finden können für mich selbst, nicht Frieden und Kräfte für neue Wege.
Es war hier, als sollte ich in den Grüften bei den Särgen großer Ahnherren frische Luft suchen. Die Erinnerungen waren hier zu stolz und zu selbstherrlich. Der Stolz und die Herrlichkeit jener künstlerischen Ahnen unserer heutigen europäischen Kunstwelt beklemmten mir die Luft und die Lebenslust meiner Gegenwartund meiner Zukunft. Meine Gedanken wollten auf diesen Wegen hier nichts vom Morgen und nichts vom Werdenden und Zukünftigen wissen. Sie wurden immer zurückgerollt statt vorwärts, und sie weilten in verklärter tausendjähriger Vergangenheit und befanden sich dort wie in einem hypnotischen Zustand.
Ich war verzweifelt, da ich einsah, wenn Delphi mich nicht zum Bleiben locken könne, dann würde mich wahrscheinlich kein anderer Platz in Griechenland zum Niederlassen locken.
Der künstlerische Lebensernst, der einst hier gelebt hatte, gab mir aus den delphischen Ruinen deutlich eine Offenbarung: nur in deiner engsten Heimat wirst du künstlerische Kraft finden! Nicht im Auswandern, sondern im Heimkehren liegt dein Heil! —
Und als der Morgen kam und meine verzweifelte Gedankenwelt in meiner Stirnhöhle stiller wurde, so wie der Wirbel von Hell und Dunkel da draußen im Wolkenhimmel stiller wurde, sagte ich mir: ich will jetzt nur noch nach Arkadien auf die andere Seite des korinthischen Meeres hinüberreisen. Vielleicht finde ich dort in einer schönen Landschaft, wo keine Ruinen den Geist ablenken, ein Landhäuschen, wie ich es mir immer, in ländlicher Stille fern von der Kultur, erträumt habe.
Nach jener durchkämpften Nacht konnte ich dann zu meinem Reisegefährten sagen, daß ich nicht in Delphi bleiben könne, und daß ich mich nicht weiter mit der Hausfrage und Niederlassungsfrage hier in Delphi abgeben wolle.