Es war in den letzten Tagen des August ... Der Herbst hatte bereits seinen Einzug gehalten.Die Sonne ging unter. In plötzlichen, heftigen Güssen, doch ohne Donner und Blitz, war eben ein starker Regenschauer über unsere weite Ebene hinweggezogen. Der Garten vor dem Hause glühte und dampfte, ganz überflutet vom flammenden Abendrot und dem Naß des Regens.Sie saß am Tisch im Wohnzimmer und blickte in starrem Nachdenken durch die halboffene Tür in den Garten hinaus.Ich wußte, was damals in ihrer Seele vorging; wußte, daß sie nach einem kurzen, aber schmerzlichen Ringen sich in diesem Augenblick einem Gefühle ergab, das sie nicht länger zu bemeistern imstande war.Plötzlich erhob sie sich, ging schnell in den Garten hinaus und verschwand.Es verging eine Stunde ... und noch eine Stunde: sie kam nicht wieder.Da stand ich auf, trat aus dem Hause und wandte mich nach der Allee, durch welche – wie ich bestimmt voraussetzte – auch sie gegangen war.Rings war alles in Dunkel gehüllt; die Nacht war schon hereingebrochen. Trotzdem war auf dem feuchten Kieswege, selbst durch den dichten Schleier der Finsternis hindurch noch rötlich schimmernd, ein rundlicher Gegenstand erkennbar.Ich beugte mich herab. Es war eine junge, kaum aufgeblühte Rose. Noch vor zwei Stunden hatte ich dieselbe Rose an ihrem Busen gesehen.Behutsam hob ich die in den Schmutz gefallene Blume auf, kehrte zum Wohnzimmer zurück und legte sie vor ihren Stuhl auf den Tisch.Endlich kam auch sie zurück – durchmaß mit leichten Schritten das Zimmer und setzte sich an den Tisch. Ihr Antlitz war jetzt blasser, aber auch belebter; unstet, mit einem Anfluge lächelnder Befangenheit, irrten ihre gesenkten, scheinbar verkleinerten Augen umher. Da bemerkte sie die Rose, ergriff sie, betrachtete ihre zerdrückten, beschmutzten Blätter, blickte dann auf mich – und nun, plötzlich innehaltend, erglänzten ihre Augen in Tränen.»Warum weinen Sie?« fragte ich.»Um diese Rose da. Sehen Sie doch, was aus ihr geworden ist.«Da versuchte ich es mit einer leisen Anspielung. »Ihre Tränen werden diese Flecken abwaschen,« bemerkte ich mit vielsagender Betonung.»Tränen waschen nicht ab, Tränen versengen,« entgegnete sie, wandte sich zum Kamin und warf die Blume in die ersterbende Flamme.»Feuer versengt noch besser als Tränen,« rief sie mit einer gewissen Entschlossenheit, – und ihre schönen Augen, indenen die Tränen noch schimmerten, strahlten in mutvollem und beglücktem Lächeln.Da wußte ich, daß auch sie versengt war.
Es war in den letzten Tagen des August ... Der Herbst hatte bereits seinen Einzug gehalten.
Die Sonne ging unter. In plötzlichen, heftigen Güssen, doch ohne Donner und Blitz, war eben ein starker Regenschauer über unsere weite Ebene hinweggezogen. Der Garten vor dem Hause glühte und dampfte, ganz überflutet vom flammenden Abendrot und dem Naß des Regens.
Sie saß am Tisch im Wohnzimmer und blickte in starrem Nachdenken durch die halboffene Tür in den Garten hinaus.
Ich wußte, was damals in ihrer Seele vorging; wußte, daß sie nach einem kurzen, aber schmerzlichen Ringen sich in diesem Augenblick einem Gefühle ergab, das sie nicht länger zu bemeistern imstande war.
Plötzlich erhob sie sich, ging schnell in den Garten hinaus und verschwand.
Es verging eine Stunde ... und noch eine Stunde: sie kam nicht wieder.
Da stand ich auf, trat aus dem Hause und wandte mich nach der Allee, durch welche – wie ich bestimmt voraussetzte – auch sie gegangen war.
Rings war alles in Dunkel gehüllt; die Nacht war schon hereingebrochen. Trotzdem war auf dem feuchten Kieswege, selbst durch den dichten Schleier der Finsternis hindurch noch rötlich schimmernd, ein rundlicher Gegenstand erkennbar.
Ich beugte mich herab. Es war eine junge, kaum aufgeblühte Rose. Noch vor zwei Stunden hatte ich dieselbe Rose an ihrem Busen gesehen.
Behutsam hob ich die in den Schmutz gefallene Blume auf, kehrte zum Wohnzimmer zurück und legte sie vor ihren Stuhl auf den Tisch.
Endlich kam auch sie zurück – durchmaß mit leichten Schritten das Zimmer und setzte sich an den Tisch. Ihr Antlitz war jetzt blasser, aber auch belebter; unstet, mit einem Anfluge lächelnder Befangenheit, irrten ihre gesenkten, scheinbar verkleinerten Augen umher. Da bemerkte sie die Rose, ergriff sie, betrachtete ihre zerdrückten, beschmutzten Blätter, blickte dann auf mich – und nun, plötzlich innehaltend, erglänzten ihre Augen in Tränen.
»Warum weinen Sie?« fragte ich.
»Um diese Rose da. Sehen Sie doch, was aus ihr geworden ist.«
Da versuchte ich es mit einer leisen Anspielung. »Ihre Tränen werden diese Flecken abwaschen,« bemerkte ich mit vielsagender Betonung.
»Tränen waschen nicht ab, Tränen versengen,« entgegnete sie, wandte sich zum Kamin und warf die Blume in die ersterbende Flamme.
»Feuer versengt noch besser als Tränen,« rief sie mit einer gewissen Entschlossenheit, – und ihre schönen Augen, indenen die Tränen noch schimmerten, strahlten in mutvollem und beglücktem Lächeln.
Da wußte ich, daß auch sie versengt war.
Wir waren einst Freunde, enge, treue Freunde ... Doch es kam ein verhängnisvoller Augenblick – und wir entfremdeten uns, wurden Feinde.Viele Jahre vergingen ... Da kam ich eines Tages auf der Durchreise in die Stadt, in der er wohnte, und erfuhr, daß er hoffnungslos darniederliege und mich wiederzusehen wünsche.Ich ging zu ihm, trat in sein Zimmer ... unsere Blicke begegneten sich.Kaum erkannte ich ihn wieder. Gott! Wie hatte das Leiden ihn entstellt!Gelb, vertrocknet, mit vollständig kahlem Kopf und dünnem, ergrautem Bart, saß er in bloßem, eigens für ihn gefertigten Hemde da ... Er vermochte den Druck selbst des leichtesten Gewandes nicht mehr zu ertragen. Hastig streckte er mir seine erschreckend hagere, gleichsam abgenagte Hand entgegen und brachte mühsam einige unverständliche Worte hervor – ob es ein Gruß, ob es ein Vorwurf war – wer mag es wissen? Seine entkräftete Brust geriet in krampfhafte Bewegung – und über die verengerten Pupillen seiner entzündeten Augen glitten zwei kümmerliche, leidensschwere Tränenperlen.Mir blutete das Herz ... Ich setzte mich neben ihn auf einen Stuhl und reichte ihm, während ich unwillkürlichden Blick vor dieser furchtbaren Entstellung senken mußte, auch meinerseits die Hand.Allein mich überkam das Gefühl, als wäre das nicht seine Hand, die die meine umschlossen hielt.Mir war, als säße zwischen uns ein hohes, stilles, bleiches Weib. Ein langer Schleier hüllt sie von Kopf bis zu Füßen ein. Ihre tiefliegenden, matten Augen schauen ins Leere, stumm sind ihre bleichen, strengen Lippen.Dieses Weib schloß unsere Hände zusammen ... Sie versöhnte uns auf immer.Ja ... der Tod hatte uns versöhnt ...
Wir waren einst Freunde, enge, treue Freunde ... Doch es kam ein verhängnisvoller Augenblick – und wir entfremdeten uns, wurden Feinde.
Viele Jahre vergingen ... Da kam ich eines Tages auf der Durchreise in die Stadt, in der er wohnte, und erfuhr, daß er hoffnungslos darniederliege und mich wiederzusehen wünsche.
Ich ging zu ihm, trat in sein Zimmer ... unsere Blicke begegneten sich.
Kaum erkannte ich ihn wieder. Gott! Wie hatte das Leiden ihn entstellt!
Gelb, vertrocknet, mit vollständig kahlem Kopf und dünnem, ergrautem Bart, saß er in bloßem, eigens für ihn gefertigten Hemde da ... Er vermochte den Druck selbst des leichtesten Gewandes nicht mehr zu ertragen. Hastig streckte er mir seine erschreckend hagere, gleichsam abgenagte Hand entgegen und brachte mühsam einige unverständliche Worte hervor – ob es ein Gruß, ob es ein Vorwurf war – wer mag es wissen? Seine entkräftete Brust geriet in krampfhafte Bewegung – und über die verengerten Pupillen seiner entzündeten Augen glitten zwei kümmerliche, leidensschwere Tränenperlen.
Mir blutete das Herz ... Ich setzte mich neben ihn auf einen Stuhl und reichte ihm, während ich unwillkürlichden Blick vor dieser furchtbaren Entstellung senken mußte, auch meinerseits die Hand.
Allein mich überkam das Gefühl, als wäre das nicht seine Hand, die die meine umschlossen hielt.
Mir war, als säße zwischen uns ein hohes, stilles, bleiches Weib. Ein langer Schleier hüllt sie von Kopf bis zu Füßen ein. Ihre tiefliegenden, matten Augen schauen ins Leere, stumm sind ihre bleichen, strengen Lippen.
Dieses Weib schloß unsere Hände zusammen ... Sie versöhnte uns auf immer.
Ja ... der Tod hatte uns versöhnt ...
Ich saß am offenen Fenster ... morgens, frühmorgens am ersten Mai.Noch war die Morgenröte nicht erschienen; aber die dunkle, laue Nacht war schon einer kühleren Dämmerung gewichen.Noch war kein Nebel aufgestiegen, kein Lüftchen regte sich, alles lag noch in einfarbigem, stummem Schweigen ... aber schon kündete sich das nahe Erwachen an, und in der morgenfrischen Luft schwamm feuchter, stärkender Taugeruch.Plötzlich flog durch das offene Fenster mit leisem Schwirren und Rauschen ein großer Vogel zu mir ins Zimmer herein.Ich fuhr zusammen und blickte empor ... Es war kein Vogel, es war eine geflügelte, kleine, weibliche Gestalt, in einem schließenden, langen, schillernden Gewande.Alles war grau an ihr, mit perlmutterartigem Schimmer;bloß die Innenseite ihrer Flügelchen zeigte den zarten roten Hauch einer erblühenden Rose; ein Kranz von Maiglöckchen umschloß die flatternden Locken ihres rundlichen Köpfchens, und gleich Fühlern eines Schmetterlings wiegten sich zwei Pfauenfedern anmutig auf ihrer lieblichen gewölbten Stirn. Sie flatterte einige Male an der Zimmerdecke umher; ihr winziges Antlitz lächelte; es lächelten auch ihre großen, schwarzen, glänzenden Augen.Die mutwillige Lebhaftigkeit ihres launenhaften Fluges machte sie funkeln und blitzen gleich Diamanten. In der Hand hielt sie eine langgestielte Steppenblume: »Kaiserzepter« nennt sie das russische Volk, – auch ähnelt sie wirklich einem Zepter.Und rasch über mich hinfliegend, berührte sie mit dieser Blume mein Haupt.Ich haschte nach ihr ... Doch schon war sie zum Fenster hinausgeflattert – und fort war sie ...Im Garten, aus dem Verdeck eines dichten Fliederbusches, rief ihr eine Turteltaube girrend den ersten Frühgruß zu – und in der Ferne, wo sie verschwand, begann der milchweiße Himmel sich langsam zu röten.Ich erkannte dich, Göttin der Phantasie! Ein Zufall führte dich zu mir – du flogst davon zu den jungen Dichtern.O Poesie! Jugend! Frauen- und Mädchenschönheit! Nur noch auf Augenblicke erscheint ihr in all eurem Glanze vor meiner Seele – frühmorgens bei Frühlings Erwachen!
Ich saß am offenen Fenster ... morgens, frühmorgens am ersten Mai.
Noch war die Morgenröte nicht erschienen; aber die dunkle, laue Nacht war schon einer kühleren Dämmerung gewichen.
Noch war kein Nebel aufgestiegen, kein Lüftchen regte sich, alles lag noch in einfarbigem, stummem Schweigen ... aber schon kündete sich das nahe Erwachen an, und in der morgenfrischen Luft schwamm feuchter, stärkender Taugeruch.
Plötzlich flog durch das offene Fenster mit leisem Schwirren und Rauschen ein großer Vogel zu mir ins Zimmer herein.
Ich fuhr zusammen und blickte empor ... Es war kein Vogel, es war eine geflügelte, kleine, weibliche Gestalt, in einem schließenden, langen, schillernden Gewande.
Alles war grau an ihr, mit perlmutterartigem Schimmer;bloß die Innenseite ihrer Flügelchen zeigte den zarten roten Hauch einer erblühenden Rose; ein Kranz von Maiglöckchen umschloß die flatternden Locken ihres rundlichen Köpfchens, und gleich Fühlern eines Schmetterlings wiegten sich zwei Pfauenfedern anmutig auf ihrer lieblichen gewölbten Stirn. Sie flatterte einige Male an der Zimmerdecke umher; ihr winziges Antlitz lächelte; es lächelten auch ihre großen, schwarzen, glänzenden Augen.
Die mutwillige Lebhaftigkeit ihres launenhaften Fluges machte sie funkeln und blitzen gleich Diamanten. In der Hand hielt sie eine langgestielte Steppenblume: »Kaiserzepter« nennt sie das russische Volk, – auch ähnelt sie wirklich einem Zepter.
Und rasch über mich hinfliegend, berührte sie mit dieser Blume mein Haupt.
Ich haschte nach ihr ... Doch schon war sie zum Fenster hinausgeflattert – und fort war sie ...
Im Garten, aus dem Verdeck eines dichten Fliederbusches, rief ihr eine Turteltaube girrend den ersten Frühgruß zu – und in der Ferne, wo sie verschwand, begann der milchweiße Himmel sich langsam zu röten.
Ich erkannte dich, Göttin der Phantasie! Ein Zufall führte dich zu mir – du flogst davon zu den jungen Dichtern.
O Poesie! Jugend! Frauen- und Mädchenschönheit! Nur noch auf Augenblicke erscheint ihr in all eurem Glanze vor meiner Seele – frühmorgens bei Frühlings Erwachen!
Ein Basrelief
Eine lange, knöchrige Greisin mit eisenhartem Antlitz und unbeweglich-stumpfem Blick kommt mit großen Schritten und stößt mit ihrer stockdürren Hand ein anderes Weib vor sich her.Dies Weib ist von mächtigem Wuchs, kräftig, voll, mit Muskeln gleich einem Herkules, aber einem winzigen Köpfchen auf einem Stiernacken, – ist blind – und stößt ihrerseits ein kleines, schmächtiges Mädchen vor sich hin.Dies Mädchen allein hat sehende Augen; sie sträubt sich, versucht sich umzuwenden, hebt ihre zarten, schönen Hände empor; ihr lebensvolles Antlitz hat den Ausdruck der Ungeduld und Entschlossenheit ... Sie möchte nicht willenlos gehorchen, nicht dahin gehen, wohin sie gestoßen wird ... und dennoch muß sie sich unterwerfen und gehen.Necessitas – Vis – Libertas.Wer Lust hat – mag es übersetzen.
Eine lange, knöchrige Greisin mit eisenhartem Antlitz und unbeweglich-stumpfem Blick kommt mit großen Schritten und stößt mit ihrer stockdürren Hand ein anderes Weib vor sich her.
Dies Weib ist von mächtigem Wuchs, kräftig, voll, mit Muskeln gleich einem Herkules, aber einem winzigen Köpfchen auf einem Stiernacken, – ist blind – und stößt ihrerseits ein kleines, schmächtiges Mädchen vor sich hin.
Dies Mädchen allein hat sehende Augen; sie sträubt sich, versucht sich umzuwenden, hebt ihre zarten, schönen Hände empor; ihr lebensvolles Antlitz hat den Ausdruck der Ungeduld und Entschlossenheit ... Sie möchte nicht willenlos gehorchen, nicht dahin gehen, wohin sie gestoßen wird ... und dennoch muß sie sich unterwerfen und gehen.
Necessitas – Vis – Libertas.
Wer Lust hat – mag es übersetzen.
In der Nähe einer großen Stadt, auf dem breiten Fahrwege, ging ein alter, kranker Mann.Schwankend war sein Schritt; unsicher, schleppend und stolpernd tappten seine abgemagerten Füße nur schwerfällig und matt vorwärts, als ob sie einem fremden Willen gehorchten. Sein Gewand hing in Lumpen um seinen Leib, sein bloßes Haupt fiel auf die Brust herab ... Ihn verließen die Kräfte.Er setzte sich auf einen Stein am Wege, neigte sich vornüber, stützte sich auf die Ellenbogen, bedeckte mit beiden Händen sein Antlitz, und zwischen seinen gekrümmten Fingern hervor quollen Tränen und tropften in den trockenen grauen Staub.Er dachte vergangener Zeiten ...Er erinnerte sich, wie auch er einst gesund und reich gewesen – und wie er dann seine Gesundheit verlor – und seinen Reichtum an andere verschwendete, an gute und schlechte Freunde ... Und nun, nun hatte er nicht einmal ein Stückchen Brot – alle hatten ihn verlassen, die Freunde noch früher als die Feinde ... Sollte er sich nun wirklich so weit erniedrigen müssen, um Almosen zu betteln? Und Bitterkeit zog in sein Herz, und Scham. Seine Tränen aber rannen und rannen und tropften in den grauen Staub.Mit einem Male hörte er, wie ihn jemand beim Namen rief: er richtete sein müdes Haupt empor – und erblickte vor sich einen Unbekannten.Es war ein ernstes, würdevolles, aber nicht strenges Antlitz; die Augen nicht strahlend, aber klar; der Blick durchdringend, aber ohne Falsch.»Du hast deinen Reichtum verschenkt,« ließ sich eine sanfte Stimme vernehmen ... »Gereut es dich nicht, wohltätig gewesen zu sein?«»Es gereut mich nicht,« antwortete der Greis mit einem Seufzer, »wenn ich auch jetzt freilich Hungers sterbe.«»Wenn es nun auf der Welt keine Bettler gegeben hätte, welche dir ihre Hände hinstreckten,« fuhr der Unbekannte fort, »wenn niemand der Wohltaten bedürftig gewesen wäre, hättest du dann überhaupt wohltätig sein können?«Der Greis gab keine Antwort – und verfiel in Nachdenken.»So sei denn auch du jetzt nicht zu stolz, armer Bettler,« hub der Unbekannte wieder an, »mach dich auf, strecke deine Hand aus, gib auch du jetzt anderen guten Menschen Gelegenheit, durch die Tat zu beweisen, daß sie gut sind.«Der Greis fuhr auf und blickte umher ... doch der Unbekannte war schon verschwunden; – in der Ferne aber erschien auf dem Wege ein Wandrer.Der Greis trat auf ihn zu – und streckte seine Hand aus. – Dieser Wandrer aber wandte sich mit mürrischem Blicke ab und gab ihm nichts.Nach ihm kam aber ein zweiter – und der gab dem Greis ein kleines Almosen.Und der Greis kaufte sich Brot für den erhaltenen Groschen – und süß schmeckte ihm der erbettelte Bissen – und keine Scham quälte mehr sein Herz – im Gegenteil: eine stille Freudigkeit war über ihn gekommen.
In der Nähe einer großen Stadt, auf dem breiten Fahrwege, ging ein alter, kranker Mann.
Schwankend war sein Schritt; unsicher, schleppend und stolpernd tappten seine abgemagerten Füße nur schwerfällig und matt vorwärts, als ob sie einem fremden Willen gehorchten. Sein Gewand hing in Lumpen um seinen Leib, sein bloßes Haupt fiel auf die Brust herab ... Ihn verließen die Kräfte.
Er setzte sich auf einen Stein am Wege, neigte sich vornüber, stützte sich auf die Ellenbogen, bedeckte mit beiden Händen sein Antlitz, und zwischen seinen gekrümmten Fingern hervor quollen Tränen und tropften in den trockenen grauen Staub.
Er dachte vergangener Zeiten ...
Er erinnerte sich, wie auch er einst gesund und reich gewesen – und wie er dann seine Gesundheit verlor – und seinen Reichtum an andere verschwendete, an gute und schlechte Freunde ... Und nun, nun hatte er nicht einmal ein Stückchen Brot – alle hatten ihn verlassen, die Freunde noch früher als die Feinde ... Sollte er sich nun wirklich so weit erniedrigen müssen, um Almosen zu betteln? Und Bitterkeit zog in sein Herz, und Scham. Seine Tränen aber rannen und rannen und tropften in den grauen Staub.
Mit einem Male hörte er, wie ihn jemand beim Namen rief: er richtete sein müdes Haupt empor – und erblickte vor sich einen Unbekannten.
Es war ein ernstes, würdevolles, aber nicht strenges Antlitz; die Augen nicht strahlend, aber klar; der Blick durchdringend, aber ohne Falsch.
»Du hast deinen Reichtum verschenkt,« ließ sich eine sanfte Stimme vernehmen ... »Gereut es dich nicht, wohltätig gewesen zu sein?«
»Es gereut mich nicht,« antwortete der Greis mit einem Seufzer, »wenn ich auch jetzt freilich Hungers sterbe.«
»Wenn es nun auf der Welt keine Bettler gegeben hätte, welche dir ihre Hände hinstreckten,« fuhr der Unbekannte fort, »wenn niemand der Wohltaten bedürftig gewesen wäre, hättest du dann überhaupt wohltätig sein können?«
Der Greis gab keine Antwort – und verfiel in Nachdenken.
»So sei denn auch du jetzt nicht zu stolz, armer Bettler,« hub der Unbekannte wieder an, »mach dich auf, strecke deine Hand aus, gib auch du jetzt anderen guten Menschen Gelegenheit, durch die Tat zu beweisen, daß sie gut sind.«
Der Greis fuhr auf und blickte umher ... doch der Unbekannte war schon verschwunden; – in der Ferne aber erschien auf dem Wege ein Wandrer.
Der Greis trat auf ihn zu – und streckte seine Hand aus. – Dieser Wandrer aber wandte sich mit mürrischem Blicke ab und gab ihm nichts.
Nach ihm kam aber ein zweiter – und der gab dem Greis ein kleines Almosen.
Und der Greis kaufte sich Brot für den erhaltenen Groschen – und süß schmeckte ihm der erbettelte Bissen – und keine Scham quälte mehr sein Herz – im Gegenteil: eine stille Freudigkeit war über ihn gekommen.
Mir träumte, wir säßen unserer zwanzig in einem großen Zimmer mit offenen Fenstern.Unter uns waren Frauen, Kinder und Greise ...Wir alle unterhielten uns über ganz alltägliche Dinge und sprachen laut durcheinander.Plötzlich flog ein großes Insekt von etwa zwei Zoll Länge mit scharfem Summen ins Zimmer ... flog herein, zog im Kreise umher und setzte sich dann an die Wand.Es glich einer Fliege oder Wespe. – Der Leib war von schmutzigbrauner Farbe, ebenso die flachen harten Flügel; die gespreizten Füßchen borstig und der Kopf eckig und groß wie bei einer Libelle; und dieser Kopf und diese Füßchen – waren leuchtend rot wie Blut.Dieses seltsame Insekt drehte fortwährend den Kopf, nach unten und oben, nach rechts und links, bewegte die Füßchen ... dann plötzlich flog es von der Wand ab, flog summend durchs Zimmer – setzte sich von neuem und machte wieder seine häßlichen, widerwärtigen Bewegungen, ohne sich von der Stelle zu rühren.In uns allen erregte es Abscheu, Schrecken, ja sogar Furcht ... Niemand von uns hatte bisher etwas Ähnliches gesehen, alle schrien: »Jagt doch dies Ungeziefer hinaus!« – alle schwenkten von weitem ihre Taschentücher ... aber keiner wagte heranzukommen ... und sooft das Insekt aufflog, wich alles unwillkürlich zurück.Nur einer aus dem Kreise, ein noch junger, blaß aussehender Mann, blickte auf uns übrige mit unverhohlenem Erstaunen. – Er zuckte die Achseln, lächelte und konnte durchaus nicht begreifen, was mit uns vorging und weshalb wir so aufgeregt seien. Er selbst konnte überhaupt kein Insekt wahrnehmen – hörte nicht das unheimliche Schwirren seiner Flügel.Plötzlich richtete sich das Insekt gerade auf ihn hin, flog auf, preßte sich an seinen Kopf und stach ihn dicht über den Augen in die Stirn ... Der junge Mann stieß einen schwachen Schrei aus – und brach tot zusammen.Die entsetzliche Fliege flog unmittelbar darauf hinaus ... Da erst errieten wir, was dies für ein Gast gewesen war.
Mir träumte, wir säßen unserer zwanzig in einem großen Zimmer mit offenen Fenstern.
Unter uns waren Frauen, Kinder und Greise ...
Wir alle unterhielten uns über ganz alltägliche Dinge und sprachen laut durcheinander.
Plötzlich flog ein großes Insekt von etwa zwei Zoll Länge mit scharfem Summen ins Zimmer ... flog herein, zog im Kreise umher und setzte sich dann an die Wand.
Es glich einer Fliege oder Wespe. – Der Leib war von schmutzigbrauner Farbe, ebenso die flachen harten Flügel; die gespreizten Füßchen borstig und der Kopf eckig und groß wie bei einer Libelle; und dieser Kopf und diese Füßchen – waren leuchtend rot wie Blut.
Dieses seltsame Insekt drehte fortwährend den Kopf, nach unten und oben, nach rechts und links, bewegte die Füßchen ... dann plötzlich flog es von der Wand ab, flog summend durchs Zimmer – setzte sich von neuem und machte wieder seine häßlichen, widerwärtigen Bewegungen, ohne sich von der Stelle zu rühren.
In uns allen erregte es Abscheu, Schrecken, ja sogar Furcht ... Niemand von uns hatte bisher etwas Ähnliches gesehen, alle schrien: »Jagt doch dies Ungeziefer hinaus!« – alle schwenkten von weitem ihre Taschentücher ... aber keiner wagte heranzukommen ... und sooft das Insekt aufflog, wich alles unwillkürlich zurück.
Nur einer aus dem Kreise, ein noch junger, blaß aussehender Mann, blickte auf uns übrige mit unverhohlenem Erstaunen. – Er zuckte die Achseln, lächelte und konnte durchaus nicht begreifen, was mit uns vorging und weshalb wir so aufgeregt seien. Er selbst konnte überhaupt kein Insekt wahrnehmen – hörte nicht das unheimliche Schwirren seiner Flügel.
Plötzlich richtete sich das Insekt gerade auf ihn hin, flog auf, preßte sich an seinen Kopf und stach ihn dicht über den Augen in die Stirn ... Der junge Mann stieß einen schwachen Schrei aus – und brach tot zusammen.
Die entsetzliche Fliege flog unmittelbar darauf hinaus ... Da erst errieten wir, was dies für ein Gast gewesen war.
Einer alten Witwe war ihr einziger, zwanzigjähriger Sohn gestorben, der beste Arbeiter im Dorfe. Die Gutsherrin, die Besitzerin dieses Dorfes, hörte vom Kummer der alten Frau und machte sich am Tage der Beerdigung auf, um sie zu besuchen.Sie fand sie zu Hause.Mitten in der Stube vor dem Tische stehend, schöpfte sie mit langsamer, mechanischer Bewegung mit der rechten Hand (die linke hing schlaff herab) dünne Kohlsuppe aus einem rauchgeschwärzten Topfe und schluckte einen Löffel nach dem andern davon hinunter.Das Gesicht der Alten war abgehärmt und trübe; die Augen rot und verschwollen ... aber sie hielt sich gerade und aufrecht, wie in der Kirche.Herr des Himmels! dachte die gnädige Frau bei sich, in solchem Augenblick bekommt die es fertig zu essen ... was haben doch all diese Leute für ein rohes Gefühl!Und hierbei erinnerte sich die gnädige Frau, wie sie selbst vor einigen Jahren nach dem Verlust eines neun Monate alten Töchterchens vor lauter Kummer darauf verzichtet hatte, ein prächtiges Landhaus in der Nähe von Petersburg zu mieten – und den ganzen Sommer in der Stadt zugebracht hatte! – Die Alte dagegen löffelte weiter an ihrer Kohlsuppe.Endlich verlor die gnädige Frau die Geduld. – »Tatjana!« rief sie aus ... »Das ist unerhört! – Ich fasse es nicht! Hast du denn deinen Sohn gar nicht geliebt? Hast du denn nicht einmal den Appetit verloren? – Wie kannst du bloß jetzt diese Kohlsuppe essen!«»Mein Wassja ist tot,« erwiderte leise die Alte – und von neuem rollten bittere Tränen über ihre eingefallenen Wangen. »Nun ist es auch mit mir bald zu Ende: bei lebendigem Leibe hat man mir den Kopf abgerissen. Darum kann ich aber doch die Kohlsuppe nicht umkommen lassen: sie ist ja gesalzen.«Die gnädige Frau zuckte bloß mit den Achseln und entfernte sich. Für sie war das Salz billig.
Einer alten Witwe war ihr einziger, zwanzigjähriger Sohn gestorben, der beste Arbeiter im Dorfe. Die Gutsherrin, die Besitzerin dieses Dorfes, hörte vom Kummer der alten Frau und machte sich am Tage der Beerdigung auf, um sie zu besuchen.
Sie fand sie zu Hause.
Mitten in der Stube vor dem Tische stehend, schöpfte sie mit langsamer, mechanischer Bewegung mit der rechten Hand (die linke hing schlaff herab) dünne Kohlsuppe aus einem rauchgeschwärzten Topfe und schluckte einen Löffel nach dem andern davon hinunter.
Das Gesicht der Alten war abgehärmt und trübe; die Augen rot und verschwollen ... aber sie hielt sich gerade und aufrecht, wie in der Kirche.
Herr des Himmels! dachte die gnädige Frau bei sich, in solchem Augenblick bekommt die es fertig zu essen ... was haben doch all diese Leute für ein rohes Gefühl!
Und hierbei erinnerte sich die gnädige Frau, wie sie selbst vor einigen Jahren nach dem Verlust eines neun Monate alten Töchterchens vor lauter Kummer darauf verzichtet hatte, ein prächtiges Landhaus in der Nähe von Petersburg zu mieten – und den ganzen Sommer in der Stadt zugebracht hatte! – Die Alte dagegen löffelte weiter an ihrer Kohlsuppe.
Endlich verlor die gnädige Frau die Geduld. – »Tatjana!« rief sie aus ... »Das ist unerhört! – Ich fasse es nicht! Hast du denn deinen Sohn gar nicht geliebt? Hast du denn nicht einmal den Appetit verloren? – Wie kannst du bloß jetzt diese Kohlsuppe essen!«
»Mein Wassja ist tot,« erwiderte leise die Alte – und von neuem rollten bittere Tränen über ihre eingefallenen Wangen. »Nun ist es auch mit mir bald zu Ende: bei lebendigem Leibe hat man mir den Kopf abgerissen. Darum kann ich aber doch die Kohlsuppe nicht umkommen lassen: sie ist ja gesalzen.«
Die gnädige Frau zuckte bloß mit den Achseln und entfernte sich. Für sie war das Salz billig.
OGefilde der Seligen! O Gefilde der Himmelsbläue, des Lichtes, der Jugend und des Glücks! Ich habe euch geschaut ... im Traume.Wir saßen zu mehreren in einem schönen, reichgeschmückten Nachen. Einer Schwanenbrust gleich schwoll das weiße Segel unter den spielenden Wimpeln.Ich wußte nicht, wer meine Gefährten waren; allein, ich fühlte mit ganzem Herzen, daß sie ebenso jung, so froh und glücklich seien wie ich!Ja, ich beachtete sie kaum. Ich sah rings nur ein uferloses, azurblaues Meer, dessen zitternder Spiegel wie mit goldigen Schuppen bedeckt war – und zu Häupten ein gleiches uferloses, gleich azurblaues Meer, – und darüberhin zog im Triumphe und gleichsam lächelnd die freundliche, heitere Sonne.Von Zeit zu Zeit erscholl aus unserer Mitte ein lautes, fröhliches Lachen – wie das Lachen der Götter!Dann auf einmal ertönten aus jemandes Munde Worte, Verse von wunderbarer Schönheit und begeisternder Kraft ...es schien, als ob der Himmel selber deren Echo widerhalle und rings das Meer mitempfindend erzittere ... Und dann wieder herrschte selige Stille.Leicht in die weichen Wellen tauchend, glitt unser Nachen rasch dahin. Kein Lufthauch trieb ihn; ihn lenkten unsere eigenen freudig pochenden Herzen. Wohin wir begehrten, dahin schwamm er, folgsam, gleich als wäre er beseelt.Inseln, zauberische, halbdurchsichtige Inseln, im Schimmer von kostbaren Edelsteinen, Rubinen und Smaragden, zogen an uns vorüber. Aus den sanft geschwungenen Ufern strömten berauschende Wohlgerüche; einzelne dieser Inseln überschütteten uns mit einem Blütenregen weißer Rosen und Maiglöckchen; von anderen flogen unvermutet regenbogenfarbige, langgefiederte Vögel empor. Und die Vögel kreisten hoch über uns, die Maiglöckchen und Rosen zertauten in den Schaumperlen, die längs der glatten Wandung unseres Nachens dahinschwammen. Zugleich mit den Blumen und den Vögeln schwebten süße, süße Töne herüber ... Mädchenstimmen schienen darein verwoben ... Und alles ringsumher: der Himmel, das Meer, das Rauschen des Segels über uns, das Gemurmel der Strömung hinter dem Nachen – alles redete von Liebe, von seliger Liebe!Und sie, die ein jeder von Herzen liebte – sie war da ... unsichtbar, doch nahe. Einen Augenblick nur – und ihre Augen erglänzen, es strahlt ihr Lächeln ... Ihre Hand schließt sich in deine Hand und zieht dich mit sich in ein unverwelkliches Paradies!O Gefilde der Seligen! Ich habe euch im Traume geschaut.
OGefilde der Seligen! O Gefilde der Himmelsbläue, des Lichtes, der Jugend und des Glücks! Ich habe euch geschaut ... im Traume.
Wir saßen zu mehreren in einem schönen, reichgeschmückten Nachen. Einer Schwanenbrust gleich schwoll das weiße Segel unter den spielenden Wimpeln.
Ich wußte nicht, wer meine Gefährten waren; allein, ich fühlte mit ganzem Herzen, daß sie ebenso jung, so froh und glücklich seien wie ich!
Ja, ich beachtete sie kaum. Ich sah rings nur ein uferloses, azurblaues Meer, dessen zitternder Spiegel wie mit goldigen Schuppen bedeckt war – und zu Häupten ein gleiches uferloses, gleich azurblaues Meer, – und darüberhin zog im Triumphe und gleichsam lächelnd die freundliche, heitere Sonne.
Von Zeit zu Zeit erscholl aus unserer Mitte ein lautes, fröhliches Lachen – wie das Lachen der Götter!
Dann auf einmal ertönten aus jemandes Munde Worte, Verse von wunderbarer Schönheit und begeisternder Kraft ...es schien, als ob der Himmel selber deren Echo widerhalle und rings das Meer mitempfindend erzittere ... Und dann wieder herrschte selige Stille.
Leicht in die weichen Wellen tauchend, glitt unser Nachen rasch dahin. Kein Lufthauch trieb ihn; ihn lenkten unsere eigenen freudig pochenden Herzen. Wohin wir begehrten, dahin schwamm er, folgsam, gleich als wäre er beseelt.
Inseln, zauberische, halbdurchsichtige Inseln, im Schimmer von kostbaren Edelsteinen, Rubinen und Smaragden, zogen an uns vorüber. Aus den sanft geschwungenen Ufern strömten berauschende Wohlgerüche; einzelne dieser Inseln überschütteten uns mit einem Blütenregen weißer Rosen und Maiglöckchen; von anderen flogen unvermutet regenbogenfarbige, langgefiederte Vögel empor. Und die Vögel kreisten hoch über uns, die Maiglöckchen und Rosen zertauten in den Schaumperlen, die längs der glatten Wandung unseres Nachens dahinschwammen. Zugleich mit den Blumen und den Vögeln schwebten süße, süße Töne herüber ... Mädchenstimmen schienen darein verwoben ... Und alles ringsumher: der Himmel, das Meer, das Rauschen des Segels über uns, das Gemurmel der Strömung hinter dem Nachen – alles redete von Liebe, von seliger Liebe!
Und sie, die ein jeder von Herzen liebte – sie war da ... unsichtbar, doch nahe. Einen Augenblick nur – und ihre Augen erglänzen, es strahlt ihr Lächeln ... Ihre Hand schließt sich in deine Hand und zieht dich mit sich in ein unverwelkliches Paradies!
O Gefilde der Seligen! Ich habe euch im Traume geschaut.
Wenn man in meinem Beisein das Lob des reichen Rothschild singt, weil er ganze Tausende seines ungeheuren Einkommens für Erziehung von Kindern, für Heilung von Kranken und Unterhalt von Greisen spendet – dann erregt dies meinen Beifall und rührt mich.Indessen vermag ich bei allem Beifall und aller Rührung doch die Erinnerung an eine arme Bauernfamilie nicht zu unterdrücken, welche eine kleine verwaiste Nichte unter ihr elendes Dach aufnahm.»Nehmen wir Katja zu uns,« meinte die alte Frau, »dann geht unser letzter Groschen drauf – dann langts nicht mehr zum Salz für die Suppe ...«»Nun ... dann essen wir sie eben ungesalzen,« gab ihr der Bauer, ihr Mann, zur Antwort.Ein weiter Weg von Rothschild bis zu diesem Bauern!
Wenn man in meinem Beisein das Lob des reichen Rothschild singt, weil er ganze Tausende seines ungeheuren Einkommens für Erziehung von Kindern, für Heilung von Kranken und Unterhalt von Greisen spendet – dann erregt dies meinen Beifall und rührt mich.
Indessen vermag ich bei allem Beifall und aller Rührung doch die Erinnerung an eine arme Bauernfamilie nicht zu unterdrücken, welche eine kleine verwaiste Nichte unter ihr elendes Dach aufnahm.
»Nehmen wir Katja zu uns,« meinte die alte Frau, »dann geht unser letzter Groschen drauf – dann langts nicht mehr zum Salz für die Suppe ...«
»Nun ... dann essen wir sie eben ungesalzen,« gab ihr der Bauer, ihr Mann, zur Antwort.
Ein weiter Weg von Rothschild bis zu diesem Bauern!
Trübe, schwere Tage sind gekommen ...Eigene Leiden, Siechtum deiner Freunde, Kälte und Finsternis des Alters. Alles, was du geliebt, woran du mit ganzem Herzen gehangen – welkt und schwindet dahin. Der Pfad senkt sich bergab.Was nun? Sollst du wehklagen? Dich härmen? Nein, damit dienst du weder dir selbst, noch den anderen ... Wohl wird das Laub auf dem verdorrenden, sich krümmenden Baume immer dürftiger und seltener, – aber grün ist auch dieses noch.So verschließe denn auch du dich in dein eigenes Selbst, weile bei deinen Erinnerungen, und dort, tief, tief unten auf dem Grunde deiner innersten Seele, wird dein vergangenes, dir allein zugängliches Leben in all seinem duftigen, immer noch frischen Grün und seiner quellenden Frühlingspracht vor dir erglänzen.Aber hüte dich ... schaue nicht vor dich, armer Greis!
Trübe, schwere Tage sind gekommen ...
Eigene Leiden, Siechtum deiner Freunde, Kälte und Finsternis des Alters. Alles, was du geliebt, woran du mit ganzem Herzen gehangen – welkt und schwindet dahin. Der Pfad senkt sich bergab.
Was nun? Sollst du wehklagen? Dich härmen? Nein, damit dienst du weder dir selbst, noch den anderen ... Wohl wird das Laub auf dem verdorrenden, sich krümmenden Baume immer dürftiger und seltener, – aber grün ist auch dieses noch.
So verschließe denn auch du dich in dein eigenes Selbst, weile bei deinen Erinnerungen, und dort, tief, tief unten auf dem Grunde deiner innersten Seele, wird dein vergangenes, dir allein zugängliches Leben in all seinem duftigen, immer noch frischen Grün und seiner quellenden Frühlingspracht vor dir erglänzen.
Aber hüte dich ... schaue nicht vor dich, armer Greis!
Zwei Freunde sitzen am Tisch und trinken Tee. Mit einemmal erhebt sich auf der Straße ein großer Lärm. Man hört klägliches Stöhnen, zornige Verwünschungen und schadenfrohe Lachsalven.»Da prügeln sie jemand,« sagte einer der Freunde, indem er zum Fenster hinausblickte.»Wohl einen Verbrecher? Einen Mörder?« fragte der andere. »Höre mal, wer es auch sein mag, wir dürfen solch willkürliches Rechtsverfahren nicht zulassen. Komm, wir wollen ihm beistehen.«»Ein Mörder ist’s aber nicht, den sie da prügeln.«»Kein Mörder? Also ein Dieb? Das bleibt sich gleich, komm, wir wollen ihn dem Pöbelhaufen entreißen.«»Es ist auch kein Dieb.«»Kein Dieb? Dann also ein Kassierer, ein Eisenbahnunternehmer, ein Armeelieferant, ein russischer Mäzen, ein Advokat, ein gesinnungstüchtiger Redakteur, ein öffentlicher Wohltäter?... Gleichviel, komm und laß uns ihm helfen!«»Weit gefehlt ... sie prügeln einen Berichterstatter.«»Einen Berichterstatter? – Na, weißt du was: dann wollen wir erst ruhig unsern Tee austrinken.«
Zwei Freunde sitzen am Tisch und trinken Tee. Mit einemmal erhebt sich auf der Straße ein großer Lärm. Man hört klägliches Stöhnen, zornige Verwünschungen und schadenfrohe Lachsalven.
»Da prügeln sie jemand,« sagte einer der Freunde, indem er zum Fenster hinausblickte.
»Wohl einen Verbrecher? Einen Mörder?« fragte der andere. »Höre mal, wer es auch sein mag, wir dürfen solch willkürliches Rechtsverfahren nicht zulassen. Komm, wir wollen ihm beistehen.«
»Ein Mörder ist’s aber nicht, den sie da prügeln.«
»Kein Mörder? Also ein Dieb? Das bleibt sich gleich, komm, wir wollen ihn dem Pöbelhaufen entreißen.«
»Es ist auch kein Dieb.«
»Kein Dieb? Dann also ein Kassierer, ein Eisenbahnunternehmer, ein Armeelieferant, ein russischer Mäzen, ein Advokat, ein gesinnungstüchtiger Redakteur, ein öffentlicher Wohltäter?... Gleichviel, komm und laß uns ihm helfen!«
»Weit gefehlt ... sie prügeln einen Berichterstatter.«
»Einen Berichterstatter? – Na, weißt du was: dann wollen wir erst ruhig unsern Tee austrinken.«
Ich hatte eine Vision ...Es erschienen vor mir zwei Engel ... zwei Genien. Ich sage: Engel ... Genien – weil kein Gewand ihren nackten Körper verhüllte und beide an den Schultern mächtige, lange Flügel besaßen.Beide waren Jünglinge. Der eine hatte einen üppigen Wuchs, eine zarte Haut und schwarzlockiges Haar. Seine Augen waren braun, feurig und von dichten Wimpern beschattet; sein Blick einschmeichelnd, heiter und verlangend. Bezaubernd und verführerisch war sein Antlitz, mit einem Anflug von Verwegenheit und Tücke. Ein leises Zucken spielte um die vollen, rosigen Lippen. Der Jüngling lächelte, wie im Gefühl überlegener Macht – selbstbewußt und doch nachlässig; ein herrlicher Blumenkranz schmiegte sich sanft um seine glänzenden Locken, so daß er die sammetgleichen Brauen fast berührte. Ein scheckiges Leopardenfell, von einem goldenen Pfeil zusammengehalten, hing leicht von der rundlichen Schulter bis auf die schwellende Hüfte herab. Das Gefieder seiner Schwingen spielte in den Farben der Rose; ihre Spitzen waren leuchtend rot, gleich als wären sie in purpurnes, frisches Blut getaucht. Von Zeit zu Zeit durchflog sie ein leichtes Zittern, begleitet von einem angenehmen, silberhellen Rauschen, dem Rauschen eines Frühlingsregens.Der andere Jüngling war hager und von gelblicher Hautfarbe.Bei jedem Atemzug wurden seine Rippen in leichten Umrissen sichtbar. Sein Haar war fahl, dünn und schlicht; die Augen übergroß, rund und blaßgrau ... der unheimlich glänzende Blick verriet Unruhe. Alle Gesichtszüge hatten etwas Scharfes; der kleine, halbgeöffnete Mund wies Fischzähne auf; die Adlernase war schmal, das Kinn vorspringend und mit weißlichem Flaum bedeckt. Über diese welken Lippen ist noch nie, niemals ein Lächeln geflogen. Das war ein starres, furchtbares, mitleidsloses Antlitz! (Auch das Antlitz jenes anderen, schönen Jünglings – obwohl liebreizend und sanft – war ohne jeden Zug von Mitleid.) Um das Haupt dieses zweiten schlangen sich einige taube, zerknickte Ähren, von einem verwelkten Hälmchen durchflochten. Ein grober grauer Schurz wand sich um seine Lenden; die Flügel auf seinem Rücken, tiefblau und glanzlos, bewegten sich langsam und drohend.Beide Jünglinge schienen unzertrennliche Gefährten zu sein.Sie lehnten sich Schulter an Schulter. Die kleine weiche Hand des ersten ruhte wie eine Weintraube auf der mageren Achsel des anderen; die schmale Hand dieses anderen wand sich mit ihren langen, dürren Fingern wie eine Schlange um die fast weibliche Brust des ersten.Und ich vernahm eine Stimme. Sie sprach also:»Vor dir stehen Liebe und Hunger – zwei leibliche Brüder, die zwei Grundpfeiler allen Lebens.»Alles, was da lebt, regt sich, um sich zu nähren, nährt sich, um sich fortzupflanzen.»Liebe und Hunger – ihr Ziel ist das gleiche: zu wirken, damit das Leben nicht versiege – das eigene wie das fremde, – ja, das gesamte Leben.«
Ich hatte eine Vision ...
Es erschienen vor mir zwei Engel ... zwei Genien. Ich sage: Engel ... Genien – weil kein Gewand ihren nackten Körper verhüllte und beide an den Schultern mächtige, lange Flügel besaßen.
Beide waren Jünglinge. Der eine hatte einen üppigen Wuchs, eine zarte Haut und schwarzlockiges Haar. Seine Augen waren braun, feurig und von dichten Wimpern beschattet; sein Blick einschmeichelnd, heiter und verlangend. Bezaubernd und verführerisch war sein Antlitz, mit einem Anflug von Verwegenheit und Tücke. Ein leises Zucken spielte um die vollen, rosigen Lippen. Der Jüngling lächelte, wie im Gefühl überlegener Macht – selbstbewußt und doch nachlässig; ein herrlicher Blumenkranz schmiegte sich sanft um seine glänzenden Locken, so daß er die sammetgleichen Brauen fast berührte. Ein scheckiges Leopardenfell, von einem goldenen Pfeil zusammengehalten, hing leicht von der rundlichen Schulter bis auf die schwellende Hüfte herab. Das Gefieder seiner Schwingen spielte in den Farben der Rose; ihre Spitzen waren leuchtend rot, gleich als wären sie in purpurnes, frisches Blut getaucht. Von Zeit zu Zeit durchflog sie ein leichtes Zittern, begleitet von einem angenehmen, silberhellen Rauschen, dem Rauschen eines Frühlingsregens.
Der andere Jüngling war hager und von gelblicher Hautfarbe.Bei jedem Atemzug wurden seine Rippen in leichten Umrissen sichtbar. Sein Haar war fahl, dünn und schlicht; die Augen übergroß, rund und blaßgrau ... der unheimlich glänzende Blick verriet Unruhe. Alle Gesichtszüge hatten etwas Scharfes; der kleine, halbgeöffnete Mund wies Fischzähne auf; die Adlernase war schmal, das Kinn vorspringend und mit weißlichem Flaum bedeckt. Über diese welken Lippen ist noch nie, niemals ein Lächeln geflogen. Das war ein starres, furchtbares, mitleidsloses Antlitz! (Auch das Antlitz jenes anderen, schönen Jünglings – obwohl liebreizend und sanft – war ohne jeden Zug von Mitleid.) Um das Haupt dieses zweiten schlangen sich einige taube, zerknickte Ähren, von einem verwelkten Hälmchen durchflochten. Ein grober grauer Schurz wand sich um seine Lenden; die Flügel auf seinem Rücken, tiefblau und glanzlos, bewegten sich langsam und drohend.
Beide Jünglinge schienen unzertrennliche Gefährten zu sein.
Sie lehnten sich Schulter an Schulter. Die kleine weiche Hand des ersten ruhte wie eine Weintraube auf der mageren Achsel des anderen; die schmale Hand dieses anderen wand sich mit ihren langen, dürren Fingern wie eine Schlange um die fast weibliche Brust des ersten.
Und ich vernahm eine Stimme. Sie sprach also:
»Vor dir stehen Liebe und Hunger – zwei leibliche Brüder, die zwei Grundpfeiler allen Lebens.
»Alles, was da lebt, regt sich, um sich zu nähren, nährt sich, um sich fortzupflanzen.
»Liebe und Hunger – ihr Ziel ist das gleiche: zu wirken, damit das Leben nicht versiege – das eigene wie das fremde, – ja, das gesamte Leben.«
Im Schmutz, auf übelriechendem, fauligem Stroh, unter dem Dach eines baufälligen Schuppens, der in notdürftiger Hast inmitten eines verwüsteten bulgarischen Dörfchens zu einem Feldlazarett hergerichtet worden war – erlag sie in zwei langen Wochen dem Typhus. Sie war völlig bewußtlos – und nicht ein einziger Arzt sah nach ihr; die kranken Soldaten, die sie gepflegt hatte, solange sie sich auf den Füßen hatte halten können – erhoben sich der Reihe nach von ihrer verseuchten Lagerstatt, um in der Scherbe eines zerschlagenen Kruges einige Tropfen Wasser an ihre brennenden Lippen zu bringen.Sie war jung und schön; die vornehme Welt stand ihr offen; selbst die höchsten Würdenträger wandten ihr ihre Aufmerksamkeit zu. Die Frauen beneideten sie, die Männer machten ihr den Hof ... zwei oder drei von diesen waren in geheimer, tiefer Liebe zu ihr entbrannt. Das Leben lächelte ihr; doch es gibt ein Lächeln, das schlimmer ist als Tränen.Sie hatte ein Herz voll Sanftheit und Güte ... dabei aber von einer Kraft, einer Opferfreudigkeit! – Den Bedrängten Hilfe zu leisten ... ein anderes Glück kannte sie nicht ... kannte sie nicht – und lernte sie nicht kennen. Alles andere Glück ging an ihr vorüber. Doch darein hatte sie sich längst ergeben – und mit dem heiligen Feuer unerschütterlichen Glaubens weihte sie sich dem Dienste ihrer Mitmenschen. Welche unvergänglichen Schätze sie dort im geheimsten, tiefsten Grunde ihrer Seele bewahrte,das hat niemand je gewußt – und kann jetzt freilich niemand mehr erfahren.Wozu auch? Das Opfer ist gebracht ... das Werk ist vollendet.Allein, es ist schmerzlich, denken zu müssen, daß niemand wenigstens ihrer sterblichen Hülle Dank sagte, obschon sie selbst in edler Scham sich jeder Dankesbezeugung entzog.Möge ihr teurer Schatten mir nicht zürnen, wenn ich dieses kleine, verspätete Blümlein auf ihr Grab zu legen wage!
Im Schmutz, auf übelriechendem, fauligem Stroh, unter dem Dach eines baufälligen Schuppens, der in notdürftiger Hast inmitten eines verwüsteten bulgarischen Dörfchens zu einem Feldlazarett hergerichtet worden war – erlag sie in zwei langen Wochen dem Typhus. Sie war völlig bewußtlos – und nicht ein einziger Arzt sah nach ihr; die kranken Soldaten, die sie gepflegt hatte, solange sie sich auf den Füßen hatte halten können – erhoben sich der Reihe nach von ihrer verseuchten Lagerstatt, um in der Scherbe eines zerschlagenen Kruges einige Tropfen Wasser an ihre brennenden Lippen zu bringen.
Sie war jung und schön; die vornehme Welt stand ihr offen; selbst die höchsten Würdenträger wandten ihr ihre Aufmerksamkeit zu. Die Frauen beneideten sie, die Männer machten ihr den Hof ... zwei oder drei von diesen waren in geheimer, tiefer Liebe zu ihr entbrannt. Das Leben lächelte ihr; doch es gibt ein Lächeln, das schlimmer ist als Tränen.
Sie hatte ein Herz voll Sanftheit und Güte ... dabei aber von einer Kraft, einer Opferfreudigkeit! – Den Bedrängten Hilfe zu leisten ... ein anderes Glück kannte sie nicht ... kannte sie nicht – und lernte sie nicht kennen. Alles andere Glück ging an ihr vorüber. Doch darein hatte sie sich längst ergeben – und mit dem heiligen Feuer unerschütterlichen Glaubens weihte sie sich dem Dienste ihrer Mitmenschen. Welche unvergänglichen Schätze sie dort im geheimsten, tiefsten Grunde ihrer Seele bewahrte,das hat niemand je gewußt – und kann jetzt freilich niemand mehr erfahren.
Wozu auch? Das Opfer ist gebracht ... das Werk ist vollendet.
Allein, es ist schmerzlich, denken zu müssen, daß niemand wenigstens ihrer sterblichen Hülle Dank sagte, obschon sie selbst in edler Scham sich jeder Dankesbezeugung entzog.
Möge ihr teurer Schatten mir nicht zürnen, wenn ich dieses kleine, verspätete Blümlein auf ihr Grab zu legen wage!
Er besaß alle erforderlichen Eigenschaften, um die Geißel seiner Familie zu werden.Von klein auf gesund und reich – und gesund und reich sein ganzes langes Leben hindurch, beging er nie einen einzigen Fehltritt, verfiel nie in einen Irrtum, versprach und versah sich nicht ein einziges Mal.Er war ein tadelloser Ehrenmann!... Und stolz im Bewußtsein seiner Ehrenhaftigkeit, knechtete er damit alle seine Angehörigen, seine Freunde, seine Bekannten. Seine Ehrenhaftigkeit war ihm ein Kapital ... und er nahm Wucherzinsen davon.Seine Ehrenhaftigkeit gab ihm das Recht, erbarmungslos zu sein und nie aus freien Stücken Gutes zu tun; – und darum war er erbarmungslos – und tat nie Gutes ... denn das Gute auf Befehl – ist nicht das Gute. Niemals kümmerte er sich um jemand anders als um seine eigene, so überaus musterhafte Person und war innerlichempört, wenn die anderen sich nicht ebenso eifrig um diese bekümmerten.Und bei alledem hielt er sich nicht für einen Egoisten – und verurteilte und verfolgte am allerschärfsten die Egoisten und den Egoismus! – Das wäre auch! Fremder Egoismus behinderte ja seinen eigenen!Für seine Person sich nicht der geringsten Schwäche bewußt, begriff und duldete er solche auch nicht bei anderen. Er begriff überhaupt niemanden und nichts, denn überall, von allen Seiten, unten und oben, hinten und vorn war er von seinem eigenen Selbst eingeschlossen.Er begriff nicht einmal, was Vergeben heißt. Sich selbst etwas zu vergeben, dazu bot sich ihm nie ein Anlaß ... Aus welchem Grunde sollte er dann den anderen vergeben?Vor dem Richterstuhl seines eigenen Gewissens, vor dem Angesicht seiner eigenen Gottheit – da pflegte er, dieses Wunderwesen, dieser Ausbund von Tugend, die Augen gen Himmel zu erheben und mit fester und klarer Stimme auszusprechen: »Ja, ich bin ein würdiger, ein moralischer Mensch!«Noch auf seinem Sterbelager wird er diese Worte wiederholen – und selbst dann wird nichts sich regen in seinem steinernen Herzen – in diesem Herzen ohne Makel und Fehl.O Scheusal der selbstzufriedenen, unbeugsamen, wohlfeilen Tugend – schwerlich kannst du überboten werden von dem nackten Scheusal des Lasters!
Er besaß alle erforderlichen Eigenschaften, um die Geißel seiner Familie zu werden.
Von klein auf gesund und reich – und gesund und reich sein ganzes langes Leben hindurch, beging er nie einen einzigen Fehltritt, verfiel nie in einen Irrtum, versprach und versah sich nicht ein einziges Mal.
Er war ein tadelloser Ehrenmann!... Und stolz im Bewußtsein seiner Ehrenhaftigkeit, knechtete er damit alle seine Angehörigen, seine Freunde, seine Bekannten. Seine Ehrenhaftigkeit war ihm ein Kapital ... und er nahm Wucherzinsen davon.
Seine Ehrenhaftigkeit gab ihm das Recht, erbarmungslos zu sein und nie aus freien Stücken Gutes zu tun; – und darum war er erbarmungslos – und tat nie Gutes ... denn das Gute auf Befehl – ist nicht das Gute. Niemals kümmerte er sich um jemand anders als um seine eigene, so überaus musterhafte Person und war innerlichempört, wenn die anderen sich nicht ebenso eifrig um diese bekümmerten.
Und bei alledem hielt er sich nicht für einen Egoisten – und verurteilte und verfolgte am allerschärfsten die Egoisten und den Egoismus! – Das wäre auch! Fremder Egoismus behinderte ja seinen eigenen!
Für seine Person sich nicht der geringsten Schwäche bewußt, begriff und duldete er solche auch nicht bei anderen. Er begriff überhaupt niemanden und nichts, denn überall, von allen Seiten, unten und oben, hinten und vorn war er von seinem eigenen Selbst eingeschlossen.
Er begriff nicht einmal, was Vergeben heißt. Sich selbst etwas zu vergeben, dazu bot sich ihm nie ein Anlaß ... Aus welchem Grunde sollte er dann den anderen vergeben?
Vor dem Richterstuhl seines eigenen Gewissens, vor dem Angesicht seiner eigenen Gottheit – da pflegte er, dieses Wunderwesen, dieser Ausbund von Tugend, die Augen gen Himmel zu erheben und mit fester und klarer Stimme auszusprechen: »Ja, ich bin ein würdiger, ein moralischer Mensch!«
Noch auf seinem Sterbelager wird er diese Worte wiederholen – und selbst dann wird nichts sich regen in seinem steinernen Herzen – in diesem Herzen ohne Makel und Fehl.
O Scheusal der selbstzufriedenen, unbeugsamen, wohlfeilen Tugend – schwerlich kannst du überboten werden von dem nackten Scheusal des Lasters!
Einstmals beschloß das höchste Wesen, in seinem azurblauen Himmelspalast ein Fest zu geben. Sämtliche Tugenden waren von ihm zu Gaste gebeten. Aber nur die weiblichen ... Herren waren nicht geladen ... bloß Damen.Sie hatten sich sehr zahlreich eingefunden – die großen wie die kleinen. Die kleinen Tugenden waren ein wenig zuvorkommender und liebenswürdiger als die großen; doch schienen alle sehr befriedigt – und man unterhielt sich in der artigsten Weise, wie es sich für so nahe Verwandte und Bekannte eben schickt. Mit einem Male bemerkte das höchste Wesen zwei schöne Damen, die sich gegenseitig gar nicht zu kennen schienen.Der Gastgeber nahm die eine dieser Damen bei der Hand und führte sie zu der anderen.»Die Wohltätigkeit!« sprach er, auf die erste deutend. »Die Dankbarkeit!« fügte er hinzu und wies auf die zweite. Beide Tugenden gerieten in sprachloses Erstaunen: seitdem die Welt besteht – und sie besteht schon ziemlich lange –, begegneten sie sich zum erstenmal.
Einstmals beschloß das höchste Wesen, in seinem azurblauen Himmelspalast ein Fest zu geben. Sämtliche Tugenden waren von ihm zu Gaste gebeten. Aber nur die weiblichen ... Herren waren nicht geladen ... bloß Damen.
Sie hatten sich sehr zahlreich eingefunden – die großen wie die kleinen. Die kleinen Tugenden waren ein wenig zuvorkommender und liebenswürdiger als die großen; doch schienen alle sehr befriedigt – und man unterhielt sich in der artigsten Weise, wie es sich für so nahe Verwandte und Bekannte eben schickt. Mit einem Male bemerkte das höchste Wesen zwei schöne Damen, die sich gegenseitig gar nicht zu kennen schienen.
Der Gastgeber nahm die eine dieser Damen bei der Hand und führte sie zu der anderen.
»Die Wohltätigkeit!« sprach er, auf die erste deutend. »Die Dankbarkeit!« fügte er hinzu und wies auf die zweite. Beide Tugenden gerieten in sprachloses Erstaunen: seitdem die Welt besteht – und sie besteht schon ziemlich lange –, begegneten sie sich zum erstenmal.
Gelblich grauer, oben lockerer, unten harter, knirschender Sand ... Sand ohne Ende, so weit das Auge reicht!Und über dieser Sandwüste, über diesem Meer toten Staubes erhebt sich das gigantische Haupt einer ägyptischen Sphinx.Was wollen sie sagen, diese mächtigen, wulstigen Lippen, diese starr-geschwellten, aufgeworfenen Nüstern – und diese Augen, diese länglichen, halb träumenden, halb wachen Augen unter dem Doppelbogen der hohen Brauen?Gewiß, sie wollen etwas sagen! Sie reden sogar – doch nur ein Ödipus vermag ihr Rätsel zu lösen und ihre stumme Sprache zu verstehen.Ha! Nun erkenne ich diese Züge ... jetzt haben sie nichts Ägyptisches mehr. Die weiße, niedrige Stirn, die vorspringenden Backenknochen, die kurze, gerade Nase, der hübsche Mund voll weißer Zähne, der weiche Schnurrbart nebst dem krausen Kinnbärtchen – und diese weit auseinanderstehenden kleinen Augen ... dazu das Haar, wie eine Mütze den Kopf bedeckend und in der Mitte gescheitelt ... Ei, das bist du ja, Karp, Sidor, Semjon, du Bäuerlein aus Jaroslaw, aus Rjäsan, mein Landsmann, ehrliche russische Haut! Seit wann bist du denn unter die Sphinxe geraten?Oder willst du vielleicht auch etwas sagen? Ja; du bist freilich auch – eine Sphinx.Auch deine Augen – diese farblosen, aber tiefen Augen reden ... Und auch ihre Sprache ist stumm und rätselvoll.Wo aber ist dein Ödipus?O Jammer! Die Bauernmütze sich aufzustülpen, ist leider nicht ausreichend, um dein Ödipus zu werden, o du allrussische Sphinx!
Gelblich grauer, oben lockerer, unten harter, knirschender Sand ... Sand ohne Ende, so weit das Auge reicht!
Und über dieser Sandwüste, über diesem Meer toten Staubes erhebt sich das gigantische Haupt einer ägyptischen Sphinx.
Was wollen sie sagen, diese mächtigen, wulstigen Lippen, diese starr-geschwellten, aufgeworfenen Nüstern – und diese Augen, diese länglichen, halb träumenden, halb wachen Augen unter dem Doppelbogen der hohen Brauen?
Gewiß, sie wollen etwas sagen! Sie reden sogar – doch nur ein Ödipus vermag ihr Rätsel zu lösen und ihre stumme Sprache zu verstehen.
Ha! Nun erkenne ich diese Züge ... jetzt haben sie nichts Ägyptisches mehr. Die weiße, niedrige Stirn, die vorspringenden Backenknochen, die kurze, gerade Nase, der hübsche Mund voll weißer Zähne, der weiche Schnurrbart nebst dem krausen Kinnbärtchen – und diese weit auseinanderstehenden kleinen Augen ... dazu das Haar, wie eine Mütze den Kopf bedeckend und in der Mitte gescheitelt ... Ei, das bist du ja, Karp, Sidor, Semjon, du Bäuerlein aus Jaroslaw, aus Rjäsan, mein Landsmann, ehrliche russische Haut! Seit wann bist du denn unter die Sphinxe geraten?
Oder willst du vielleicht auch etwas sagen? Ja; du bist freilich auch – eine Sphinx.
Auch deine Augen – diese farblosen, aber tiefen Augen reden ... Und auch ihre Sprache ist stumm und rätselvoll.
Wo aber ist dein Ödipus?
O Jammer! Die Bauernmütze sich aufzustülpen, ist leider nicht ausreichend, um dein Ödipus zu werden, o du allrussische Sphinx!
Ich stand vor einer herrlichen, im Halbkreis ausgebreiteten Gebirgskette; junger grüner Wald bedeckte sie vom Kamm bis zur Sohle.Über ihr wölbte sich in durchsichtigem Blau der südliche Himmel; aus der Höhe sandte die Sonne ihre spielenden Strahlen herab; drunten, halb verborgen im Grase, murmelten flinke Bächlein.Da erinnerte ich mich einer alten Sage von einem griechischen Schiffe, das im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt einst über das Ägäische Meer fuhr.Es war um die Mittagsstunde ... In ruhiger Glätte lag die See. Da ertönte mit einem Male hoch über dem Haupte des Steuermanns eine vernehmliche Stimme: »Wenn du dort an der Insel vorbeisegelst, dann lasse laut den Ruf erschallen: ‘Der große Pan ist tot!’«Der Steuermann staunte ... und erschrak. Als aber das Schiff an der Insel vorbeifuhr, da gehorchte er und rief: »Der große Pan ist tot!«Und sofort erschollen als Antwort auf seinen Ruf längs des ganzen Ufers (obwohl die Insel unbewohnt war) schmerzliche Seufzer, Stöhnen und langgezogene Klagelaute: »Tot, tot! Der große Pan ist tot!«Diese Sage also war mir eingefallen ... und da kam mir der sonderbare Gedanke: »Wie, wenn nun auch ich jetzt diesen Ruf erschallen ließe?«Doch im Angesichte der rings mich umgebenden Lebenswonne widerstrebte es mir, an den Tod zu denken, und so rief ich denn mit aller Kraft: »Auferstanden, auferstanden ist der große Pan!«Und sogleich, o Wunder! – erscholl als Antwort auf meinen Ruf längs des ganzen weiten Halbkreises grünender Berge ein fröhliches Lachen, ertönte freudiges Stimmengewirr und Händeklatschen. »Er ist auferstanden! Pan ist auferstanden!« riefen jugendliche Stimmen. – Plötzlich jubelte alles da drüben laut auf, heller als die Sonne in der Höhe und lustiger als das Spiel der Bächlein, die unterm Grase murmelten. Geräusch hurtiger, leichter Fußtritte wurde vernehmbar, durch das Waldesgrün schimmerte das marmorne Weiß wollener Gewänder und die lebensfrische Röte nackter Körper ... Nymphen waren es, Nymphen, Dryaden, Bacchantinnen, die von der Höhe ins Tal herniedereilten. Nun erschienen sie alle gleichzeitig am Waldessaum. Lockenhaar fließt um die göttlichen Häupter, edelgeformte Hände schwingen Kränze und Tamburins – und Lachen, freudiges, olympisches Lachen eilt und wogt mit ihnen heran ... Vor ihnen her schreitet eine Göttin. Sie ist größer und schöner als alle anderen, – ein Köcher hängt von den Schultern herab, in der Hand trägt sie einen Bogen, auf dem verschlungenen Lockenhaar schimmert eine silberne Mondsichel ...Diana – bist du es?Plötzlich aber macht die Göttin halt ... und gleichzeitig hielt die ganze ihr folgende Nymphenschar inne. Das helle Lachen erstarb. Ich sah, wie sich das Antlitz der plötzlich verstummten Göttin mit einer tödlichen Blässe bedeckte; ich sah, wie ihre Füße versteinerten, wie ihr Mund in unbeschreiblichem Entsetzen sich öffnete und ihre Augen, starr in die Ferne gerichtet, sich weit auftaten ... Was hatte sie gesehen? Wohin blickte sie?Ich wandte mich nach der Richtung, nach der sie sah ... Am äußersten Saume des Himmels, hinter dem flachen Streif der Felder flammte wie ein feuriger Punkt das goldene Kreuz auf dem weißen Turm einer christlichen Kirche ... Dieses Kreuz hatte die Göttin erblickt. Hinter mir vernahm ich einen zitternden, langen Seufzer, dem Beben einer zerspringenden Saite gleich – und als ich mich wieder umwandte, waren die Nymphen spurlos verschwunden ... Der weit ausgedehnte Wald grünte wie zuvor, und nur hie und da, durch das dichte Gezweig hindurch, leuchtete auf und verschwand etwas Weißes. Waren es die Gewänder der Nymphen oder stieg Nebel vom Talgrund auf – ich weiß es nicht.Wie schmerzlich aber empfand ich das Verschwinden der Göttinnen!
Ich stand vor einer herrlichen, im Halbkreis ausgebreiteten Gebirgskette; junger grüner Wald bedeckte sie vom Kamm bis zur Sohle.
Über ihr wölbte sich in durchsichtigem Blau der südliche Himmel; aus der Höhe sandte die Sonne ihre spielenden Strahlen herab; drunten, halb verborgen im Grase, murmelten flinke Bächlein.
Da erinnerte ich mich einer alten Sage von einem griechischen Schiffe, das im ersten Jahrhundert nach Christi Geburt einst über das Ägäische Meer fuhr.
Es war um die Mittagsstunde ... In ruhiger Glätte lag die See. Da ertönte mit einem Male hoch über dem Haupte des Steuermanns eine vernehmliche Stimme: »Wenn du dort an der Insel vorbeisegelst, dann lasse laut den Ruf erschallen: ‘Der große Pan ist tot!’«
Der Steuermann staunte ... und erschrak. Als aber das Schiff an der Insel vorbeifuhr, da gehorchte er und rief: »Der große Pan ist tot!«
Und sofort erschollen als Antwort auf seinen Ruf längs des ganzen Ufers (obwohl die Insel unbewohnt war) schmerzliche Seufzer, Stöhnen und langgezogene Klagelaute: »Tot, tot! Der große Pan ist tot!«
Diese Sage also war mir eingefallen ... und da kam mir der sonderbare Gedanke: »Wie, wenn nun auch ich jetzt diesen Ruf erschallen ließe?«
Doch im Angesichte der rings mich umgebenden Lebenswonne widerstrebte es mir, an den Tod zu denken, und so rief ich denn mit aller Kraft: »Auferstanden, auferstanden ist der große Pan!«
Und sogleich, o Wunder! – erscholl als Antwort auf meinen Ruf längs des ganzen weiten Halbkreises grünender Berge ein fröhliches Lachen, ertönte freudiges Stimmengewirr und Händeklatschen. »Er ist auferstanden! Pan ist auferstanden!« riefen jugendliche Stimmen. – Plötzlich jubelte alles da drüben laut auf, heller als die Sonne in der Höhe und lustiger als das Spiel der Bächlein, die unterm Grase murmelten. Geräusch hurtiger, leichter Fußtritte wurde vernehmbar, durch das Waldesgrün schimmerte das marmorne Weiß wollener Gewänder und die lebensfrische Röte nackter Körper ... Nymphen waren es, Nymphen, Dryaden, Bacchantinnen, die von der Höhe ins Tal herniedereilten. Nun erschienen sie alle gleichzeitig am Waldessaum. Lockenhaar fließt um die göttlichen Häupter, edelgeformte Hände schwingen Kränze und Tamburins – und Lachen, freudiges, olympisches Lachen eilt und wogt mit ihnen heran ... Vor ihnen her schreitet eine Göttin. Sie ist größer und schöner als alle anderen, – ein Köcher hängt von den Schultern herab, in der Hand trägt sie einen Bogen, auf dem verschlungenen Lockenhaar schimmert eine silberne Mondsichel ...
Diana – bist du es?
Plötzlich aber macht die Göttin halt ... und gleichzeitig hielt die ganze ihr folgende Nymphenschar inne. Das helle Lachen erstarb. Ich sah, wie sich das Antlitz der plötzlich verstummten Göttin mit einer tödlichen Blässe bedeckte; ich sah, wie ihre Füße versteinerten, wie ihr Mund in unbeschreiblichem Entsetzen sich öffnete und ihre Augen, starr in die Ferne gerichtet, sich weit auftaten ... Was hatte sie gesehen? Wohin blickte sie?
Ich wandte mich nach der Richtung, nach der sie sah ... Am äußersten Saume des Himmels, hinter dem flachen Streif der Felder flammte wie ein feuriger Punkt das goldene Kreuz auf dem weißen Turm einer christlichen Kirche ... Dieses Kreuz hatte die Göttin erblickt. Hinter mir vernahm ich einen zitternden, langen Seufzer, dem Beben einer zerspringenden Saite gleich – und als ich mich wieder umwandte, waren die Nymphen spurlos verschwunden ... Der weit ausgedehnte Wald grünte wie zuvor, und nur hie und da, durch das dichte Gezweig hindurch, leuchtete auf und verschwand etwas Weißes. Waren es die Gewänder der Nymphen oder stieg Nebel vom Talgrund auf – ich weiß es nicht.
Wie schmerzlich aber empfand ich das Verschwinden der Göttinnen!
Ein zu lebenslänglichem Kerker Verurteilter entkam aus dem Gefängnis und stürzte in wilder Flucht einher. ... Die Verfolger waren ihm auf den Fersen.Er rannte aus allen Kräften ... Schon begannen die Verfolger nachzulassen.Da, mit einem Male hemmt ihn ein Fluß mit steilen Ufern – ein schmaler, aber tiefer Fluß ... Und er kann nicht schwimmen!Von einem Ufer zum andern schwebt ein dünnes, angefaultes Brett. Schon hatte der Flüchtling den Fuß darauf gesetzt ... Der Zufall wollte nun, daß drüben am Flusse sein bester Freund, sowie sein erbittertster Feind standen.Der Feind sagte nichts, sondern verschränkte bloß die Arme; der Freund dagegen schrie aus vollem Halse: »Um Gottes willen! Was tust du? Besinne dich, Wahnwitziger! Siehst du denn nicht, daß dieses Brett vollständig verfault ist?! – Es wird unter deiner Last brechen – und du kommst rettungslos um!«»Es gibt aber doch keine andere Brücke ... und hörst du nicht die Verfolger?« stöhnte verzweifelt der Unglückliche und betrat das Brett.»Das lasse ich nicht zu! ... Nein, ich lasse nicht zu, daß du zugrunde gehst!« schrie der eifrige Freund und riß dem Fliehenden das Brett unter den Füßen weg. – Der stürzte jäh in die reißenden Wellen hinab – und ertrank.Der Feind lachte befriedigt auf – und ging von dannen; der Freund aber setzte sich ans Ufer und zerfloß in bitterlichen Tränen um seinen armen – armen Freund!Sich selber jedoch die Schuld an dem Unfall beizumessen, das kam ihm gar nicht in den Sinn ... nicht einen Augenblick.»Er hörte nicht auf mich! Hörte nicht!« schluchzte er trostlos.»Aber wenn auch!« sagte er zum Schluß. »Er hätte ja doch sein ganzes Leben lang im schrecklichen Kerker schmachten müssen! Wenigstens leidet er jetzt nicht mehr! Jetzt ist ihm leichter! Gewiß hat das Schicksal es so gewollt! – Und trotzdem, wie schmerzlich, rein menschlich betrachtet!«Und die gute Seele vergoß aufs neue bitterliche Tränen um den unglückseligen Freund.
Ein zu lebenslänglichem Kerker Verurteilter entkam aus dem Gefängnis und stürzte in wilder Flucht einher. ... Die Verfolger waren ihm auf den Fersen.
Er rannte aus allen Kräften ... Schon begannen die Verfolger nachzulassen.
Da, mit einem Male hemmt ihn ein Fluß mit steilen Ufern – ein schmaler, aber tiefer Fluß ... Und er kann nicht schwimmen!
Von einem Ufer zum andern schwebt ein dünnes, angefaultes Brett. Schon hatte der Flüchtling den Fuß darauf gesetzt ... Der Zufall wollte nun, daß drüben am Flusse sein bester Freund, sowie sein erbittertster Feind standen.
Der Feind sagte nichts, sondern verschränkte bloß die Arme; der Freund dagegen schrie aus vollem Halse: »Um Gottes willen! Was tust du? Besinne dich, Wahnwitziger! Siehst du denn nicht, daß dieses Brett vollständig verfault ist?! – Es wird unter deiner Last brechen – und du kommst rettungslos um!«
»Es gibt aber doch keine andere Brücke ... und hörst du nicht die Verfolger?« stöhnte verzweifelt der Unglückliche und betrat das Brett.
»Das lasse ich nicht zu! ... Nein, ich lasse nicht zu, daß du zugrunde gehst!« schrie der eifrige Freund und riß dem Fliehenden das Brett unter den Füßen weg. – Der stürzte jäh in die reißenden Wellen hinab – und ertrank.
Der Feind lachte befriedigt auf – und ging von dannen; der Freund aber setzte sich ans Ufer und zerfloß in bitterlichen Tränen um seinen armen – armen Freund!
Sich selber jedoch die Schuld an dem Unfall beizumessen, das kam ihm gar nicht in den Sinn ... nicht einen Augenblick.
»Er hörte nicht auf mich! Hörte nicht!« schluchzte er trostlos.
»Aber wenn auch!« sagte er zum Schluß. »Er hätte ja doch sein ganzes Leben lang im schrecklichen Kerker schmachten müssen! Wenigstens leidet er jetzt nicht mehr! Jetzt ist ihm leichter! Gewiß hat das Schicksal es so gewollt! – Und trotzdem, wie schmerzlich, rein menschlich betrachtet!«
Und die gute Seele vergoß aufs neue bitterliche Tränen um den unglückseligen Freund.
Ich sah mich als Jüngling, fast noch als Knaben in einer niedrigen Dorfkirche. – Die Flämmchen der dünnen Wachskerzen glühten wie kleine rote Punkte vor den alten Heiligenbildern.Ein kleiner regenbogenfarbiger Lichtschein umgab jedes einzelne Flämmchen. Es war düster und dämmerig in der Kirche ... Vor mir aber standen eine Menge Leute. Lauter schlichte, blonde Bauernköpfe. Von Zeit zu Zeit neigten sie sich, beugten sich herab und erhoben sich wieder gleich reifen Kornähren, wenn der sommerliche Wind wie eine sanfte Woge über sie hinstreicht. Mit einem Male kam jemand von hinten heran und trat neben mich.Ich wandte mich nicht nach ihm um – aber ich fühlte sofort: dieser Mensch ist – Christus.Rührung, Neugier und Angst bemächtigten sich meiner im selben Augenblick. Ich nahm mich zusammen ... und sah meinen Nachbar an.Ein Gesicht wie das aller anderen – ein Gesicht, das allen Menschengesichtern gleicht. Die Augen blicken ein wenig aufwärts, andächtig und ruhig. Die Lippen sind geschlossen, aber nicht zusammengepreßt: die Oberlippe ruht gleichsam auf der unteren; der kurze Bart ist in der Mitte geteilt. Die Hände gefaltet und unbeweglich. Auch die Kleidung ist dieselbe wie bei allen übrigen.»Wie kann das Christus sein!« dachte ich bei mir. »Solch einfacher, einfacher Mensch! Es ist unmöglich!«Ich kehrte mich ab. Doch ich hatte kaum den Blick von diesem einfachen Menschen abgewandt, als mich wiederumdas Gefühl überkam, als stünde wirklich Christus an meiner Seite.Noch einmal nahm ich mich zusammen ... Und wieder erblickte ich dasselbe Antlitz, das allen Menschengesichtern gleicht, dieselben alltäglichen, wenn auch unbekannten Züge.Da wurde es mir plötzlich schwer ums Herz – und ich kam zu mir. Nun begriff ich erst, daß gerade solch ein Antlitz – ein Antlitz, das allen Menschengesichtern gleicht – Christi Antlitz sei.
Ich sah mich als Jüngling, fast noch als Knaben in einer niedrigen Dorfkirche. – Die Flämmchen der dünnen Wachskerzen glühten wie kleine rote Punkte vor den alten Heiligenbildern.
Ein kleiner regenbogenfarbiger Lichtschein umgab jedes einzelne Flämmchen. Es war düster und dämmerig in der Kirche ... Vor mir aber standen eine Menge Leute. Lauter schlichte, blonde Bauernköpfe. Von Zeit zu Zeit neigten sie sich, beugten sich herab und erhoben sich wieder gleich reifen Kornähren, wenn der sommerliche Wind wie eine sanfte Woge über sie hinstreicht. Mit einem Male kam jemand von hinten heran und trat neben mich.
Ich wandte mich nicht nach ihm um – aber ich fühlte sofort: dieser Mensch ist – Christus.
Rührung, Neugier und Angst bemächtigten sich meiner im selben Augenblick. Ich nahm mich zusammen ... und sah meinen Nachbar an.
Ein Gesicht wie das aller anderen – ein Gesicht, das allen Menschengesichtern gleicht. Die Augen blicken ein wenig aufwärts, andächtig und ruhig. Die Lippen sind geschlossen, aber nicht zusammengepreßt: die Oberlippe ruht gleichsam auf der unteren; der kurze Bart ist in der Mitte geteilt. Die Hände gefaltet und unbeweglich. Auch die Kleidung ist dieselbe wie bei allen übrigen.
»Wie kann das Christus sein!« dachte ich bei mir. »Solch einfacher, einfacher Mensch! Es ist unmöglich!«
Ich kehrte mich ab. Doch ich hatte kaum den Blick von diesem einfachen Menschen abgewandt, als mich wiederumdas Gefühl überkam, als stünde wirklich Christus an meiner Seite.
Noch einmal nahm ich mich zusammen ... Und wieder erblickte ich dasselbe Antlitz, das allen Menschengesichtern gleicht, dieselben alltäglichen, wenn auch unbekannten Züge.
Da wurde es mir plötzlich schwer ums Herz – und ich kam zu mir. Nun begriff ich erst, daß gerade solch ein Antlitz – ein Antlitz, das allen Menschengesichtern gleicht – Christi Antlitz sei.
Saht ihr wohl schon einmal am Meeresufer einen alten grauen Stein, wenn an einem sonnigen Frühlingstage zur Flutzeit von allen Seiten die frischen Wellen gegen ihn anschlagen – anschlagen, ihn umspielen, umschmeicheln – und sein bemoostes Haupt mit einem Sprühregen glänzenden Perlenschaumes benetzen? Der Stein bleibt wohl derselbe Stein – aber auf seiner Oberfläche erscheinen leuchtende Farben.Sie zeugen von jener fernen Zeit, da der geschmolzene Granit eben erst zu erstarren begann und noch ganz in feurigen Farben glühte.So ward auch jüngst mein altes Herz von allen Seiten von jungen Frauenseelen bestürmt – und unter ihrer liebkosenden Berührung röteten sich seine seit langem verblaßten Farben, die Spuren ehemaligen Feuers!Die Wellen sind wieder zurückgeströmt ... die Farben aber sind noch nicht verblichen – mag auch scharfer Wind sie trocknen.
Saht ihr wohl schon einmal am Meeresufer einen alten grauen Stein, wenn an einem sonnigen Frühlingstage zur Flutzeit von allen Seiten die frischen Wellen gegen ihn anschlagen – anschlagen, ihn umspielen, umschmeicheln – und sein bemoostes Haupt mit einem Sprühregen glänzenden Perlenschaumes benetzen? Der Stein bleibt wohl derselbe Stein – aber auf seiner Oberfläche erscheinen leuchtende Farben.
Sie zeugen von jener fernen Zeit, da der geschmolzene Granit eben erst zu erstarren begann und noch ganz in feurigen Farben glühte.
So ward auch jüngst mein altes Herz von allen Seiten von jungen Frauenseelen bestürmt – und unter ihrer liebkosenden Berührung röteten sich seine seit langem verblaßten Farben, die Spuren ehemaligen Feuers!
Die Wellen sind wieder zurückgeströmt ... die Farben aber sind noch nicht verblichen – mag auch scharfer Wind sie trocknen.
Ich stand auf dem Rücken eines sanft abfallenden Hügels; vor mir breitete sich schimmernd wie ein Meer von Gold und Silber ein reifes Roggenfeld aus. Keine Wellen aber glitten über dieses Meer; bewegungslos war die schwüle Luft: ein starkes Gewitter braute sich zusammen.Um mich herum strahlte noch die Sonne heiß und trübe; aber dort, hinter dem Roggenfelde, gar nicht mehr fern, lastete eine schwarzblaue Wolkenwand wie eine gewaltige Masse auf dem ganzen Halbkreise des Horizontes.Alles war verstummt ... alles war erstorben unter der unheildrohenden Glut der letzten Sonnenstrahlen. Nicht ein einziger Vogel war zu hören und zu sehen; sogar die Sperlinge hatten sich versteckt. Nur in der Nähe irgendwo raschelte und klatschte ein einsames großes Klettenblatt.Wie stark der Wermut am Feldrain duftet! Ich schaute auf die blaue Wolkenmasse ... und unruhige Erregung bemächtigte sich meiner. Nur schnell, schnell! dachte ich bei mir, blitze, du goldene Schlange, grolle, Donner! rege dich, wälze dich heran, ströme herab, drohende Wolke, und löse diese beklemmende Dumpfheit!Doch die Wolke rührte sich nicht. Wie zuvor lastete sie auf der schweigenden Erde ... und nur noch mächtiger ballte und verfinsterte sie sich.Da mit einemmal erschien auf ihrem einfarbigen Blau ein schimmerndes Etwas in gleichmäßiger, schwimmender Bewegung; man konnte auf ein weißes Tüchlein raten oder auf eine Schneeflocke. Es war eine weiße Taube, die vom Dorfe herübergeflogen kam.Sie flog, flog immer geradeaus, geradeaus ... und verschwand hinterm Walde.Einige Augenblicke vergingen – immer noch herrschte dieselbe furchtbare Stille ... Doch sieh! Jetzt schimmern zwei Tüchlein, zwei Schneeflocken schweben zurück: in gleichmäßigem Fluge flattern zwei weiße Tauben heimwärts.Und jetzt, endlich, brach der Sturm los – und der wilde Tanz begann!Mit genauer Not erreichte ich das Haus. – Der Wind heult und tobt wie ein Rasender, gleich zerrissenen Fetzen jagen die fahlroten, niederhängenden Wolken dahin, alles dreht sich wirbelnd, stiebt durcheinander, wie eine senkrechte Säule peitscht und stürzt wütender Platzregen herab, die Blitze blenden in grünlichem Feuer, wie Kanonenschüsse krachen die Donnerschläge in kurzen Pausen, es riecht nach Schwefel ... Aber unter dem vorspringenden Giebel, hart am Rande des Bodenfensters, sitzen dicht beisammen zwei Tauben – jene, welche nach ihrer Gefährtin ausgeflogen war – und die, welche sie heimgebracht und dadurch vielleicht gerettet hatte.Beide haben sich dicht in ihr Flaumgefieder eingehüllt – und schmiegen sich Fittich an Fittich ...Ihnen ist wohl! Und auch mir ist wohl, wie ich sie so betrachte ... Obgleich ich ganz allein bin ... allein wie immer.
Ich stand auf dem Rücken eines sanft abfallenden Hügels; vor mir breitete sich schimmernd wie ein Meer von Gold und Silber ein reifes Roggenfeld aus. Keine Wellen aber glitten über dieses Meer; bewegungslos war die schwüle Luft: ein starkes Gewitter braute sich zusammen.
Um mich herum strahlte noch die Sonne heiß und trübe; aber dort, hinter dem Roggenfelde, gar nicht mehr fern, lastete eine schwarzblaue Wolkenwand wie eine gewaltige Masse auf dem ganzen Halbkreise des Horizontes.
Alles war verstummt ... alles war erstorben unter der unheildrohenden Glut der letzten Sonnenstrahlen. Nicht ein einziger Vogel war zu hören und zu sehen; sogar die Sperlinge hatten sich versteckt. Nur in der Nähe irgendwo raschelte und klatschte ein einsames großes Klettenblatt.
Wie stark der Wermut am Feldrain duftet! Ich schaute auf die blaue Wolkenmasse ... und unruhige Erregung bemächtigte sich meiner. Nur schnell, schnell! dachte ich bei mir, blitze, du goldene Schlange, grolle, Donner! rege dich, wälze dich heran, ströme herab, drohende Wolke, und löse diese beklemmende Dumpfheit!
Doch die Wolke rührte sich nicht. Wie zuvor lastete sie auf der schweigenden Erde ... und nur noch mächtiger ballte und verfinsterte sie sich.
Da mit einemmal erschien auf ihrem einfarbigen Blau ein schimmerndes Etwas in gleichmäßiger, schwimmender Bewegung; man konnte auf ein weißes Tüchlein raten oder auf eine Schneeflocke. Es war eine weiße Taube, die vom Dorfe herübergeflogen kam.
Sie flog, flog immer geradeaus, geradeaus ... und verschwand hinterm Walde.
Einige Augenblicke vergingen – immer noch herrschte dieselbe furchtbare Stille ... Doch sieh! Jetzt schimmern zwei Tüchlein, zwei Schneeflocken schweben zurück: in gleichmäßigem Fluge flattern zwei weiße Tauben heimwärts.
Und jetzt, endlich, brach der Sturm los – und der wilde Tanz begann!
Mit genauer Not erreichte ich das Haus. – Der Wind heult und tobt wie ein Rasender, gleich zerrissenen Fetzen jagen die fahlroten, niederhängenden Wolken dahin, alles dreht sich wirbelnd, stiebt durcheinander, wie eine senkrechte Säule peitscht und stürzt wütender Platzregen herab, die Blitze blenden in grünlichem Feuer, wie Kanonenschüsse krachen die Donnerschläge in kurzen Pausen, es riecht nach Schwefel ... Aber unter dem vorspringenden Giebel, hart am Rande des Bodenfensters, sitzen dicht beisammen zwei Tauben – jene, welche nach ihrer Gefährtin ausgeflogen war – und die, welche sie heimgebracht und dadurch vielleicht gerettet hatte.
Beide haben sich dicht in ihr Flaumgefieder eingehüllt – und schmiegen sich Fittich an Fittich ...
Ihnen ist wohl! Und auch mir ist wohl, wie ich sie so betrachte ... Obgleich ich ganz allein bin ... allein wie immer.
Wie leer und schal und wie nichtig ist doch fast jeder durchlebte Tag! Wie geringfügig die Spuren, die er hinterläßt! Wie gedankenlos-stumpf verrannen all die Stunden, eine nach der anderen!Und dennoch klammert sich der Mensch ans Dasein; ihn dünkt das Leben ein Schatz, all seine Hoffnungen baut er darauf, er baut sie auf sich selbst, auf die Zukunft ... O, wieviel Glück erwartet er von der Zukunft!Warum aber bildet er sich ein, daß die anderen, künftigen Tage dem ebenverflossenen nicht gleichen würden?Doch das bildet er sich ja auch nicht ein. Ihm ist das Grübeln überhaupt zuwider – und er tut wohl daran.»Ei, morgen, morgen!« – damit tröstet er sich, – so lange, bis ihn dieses Morgen ins Grab senkt.Nun – und liegst du erst einmal im Grabe – dann hat dein Grübeln ganz von selbst ein Ende.
Wie leer und schal und wie nichtig ist doch fast jeder durchlebte Tag! Wie geringfügig die Spuren, die er hinterläßt! Wie gedankenlos-stumpf verrannen all die Stunden, eine nach der anderen!
Und dennoch klammert sich der Mensch ans Dasein; ihn dünkt das Leben ein Schatz, all seine Hoffnungen baut er darauf, er baut sie auf sich selbst, auf die Zukunft ... O, wieviel Glück erwartet er von der Zukunft!
Warum aber bildet er sich ein, daß die anderen, künftigen Tage dem ebenverflossenen nicht gleichen würden?
Doch das bildet er sich ja auch nicht ein. Ihm ist das Grübeln überhaupt zuwider – und er tut wohl daran.
»Ei, morgen, morgen!« – damit tröstet er sich, – so lange, bis ihn dieses Morgen ins Grab senkt.
Nun – und liegst du erst einmal im Grabe – dann hat dein Grübeln ganz von selbst ein Ende.
Mir träumte, ich träte in einen großen, unterirdischen Saal mit hohen Gewölben. Ein gewisses ebenso unterirdisches, gleichmäßiges Licht erfüllte den ganzen Raum.Mitten im Saal saß ein majestätisches Weib in einem faltenreichen grünen Gewande. Das Haupt auf die Hand gestützt, schien sie in tiefes Nachdenken versunken.Ich begriff sofort, daß dieses Weib – die Natur selbst war, – und wie plötzlicher kalter Hauch rannen Schauer der Ehrfurcht durch meine Seele.Ich näherte mich dem sitzenden Weibe und neigte mich ehrerbietig: »O du unser aller gemeinsame Mutter!« rief ich aus. »Worüber sinnst du nach? Gelten deine Gedanken dem künftigen Schicksale der Menschheit? Oder der Frage, wie sie zur höchsten Vollkommenheit und Glückseligkeit gelangen könne?«Langsam richtete das Weib ihre dunklen, strengen Augen auf mich. Ihre Lippen bewegten sich – und machtvoll erklang eine Stimme wie das Dröhnen des Eisens:»Ich sinne darüber nach, wie den Beinmuskeln des Flohs eine größere Kraft gegeben werden könne, damit er sich besser vor seinen Feinden zu retten vermöchte. Das Gleichgewicht zwischen Angriff und Gegenwehr ist gestört ... Es muß wiederhergestellt werden.«»Wie?« entgegnete ich stammelnd. »Daran denkst du? Sind denn aber nicht wir – wir Menschen, deine Lieblingskinder?«Das Weib runzelte leicht die Brauen: »Alle Geschöpfe sind meine Kinder,« sprach sie; »ich sorge für sie alle ohne Unterschied – und ohne Unterschied vernichte ich sie alle.«»Aber Güte ... Vernunft ... Gerechtigkeit ...« stammelte ich wiederum.»Das sind Menschenworte,« dröhnte die eherne Stimme. »Ich kenne weder Gut noch Böse ... Vernunft ist mir nicht Gesetz – und was ist Gerechtigkeit? – Ich gab dir das Leben – ich werde es dir wieder nehmen und anderen Wesen geben, Würmern oder Menschen ... mir ist es einerlei ... Du aber wehre dich einstweilen – und laß mich in Ruhe!«Ich wollte noch etwas erwidern ... doch da begann rings die Erde dumpf zu stöhnen und zu beben – und ich erwachte.
Mir träumte, ich träte in einen großen, unterirdischen Saal mit hohen Gewölben. Ein gewisses ebenso unterirdisches, gleichmäßiges Licht erfüllte den ganzen Raum.
Mitten im Saal saß ein majestätisches Weib in einem faltenreichen grünen Gewande. Das Haupt auf die Hand gestützt, schien sie in tiefes Nachdenken versunken.
Ich begriff sofort, daß dieses Weib – die Natur selbst war, – und wie plötzlicher kalter Hauch rannen Schauer der Ehrfurcht durch meine Seele.
Ich näherte mich dem sitzenden Weibe und neigte mich ehrerbietig: »O du unser aller gemeinsame Mutter!« rief ich aus. »Worüber sinnst du nach? Gelten deine Gedanken dem künftigen Schicksale der Menschheit? Oder der Frage, wie sie zur höchsten Vollkommenheit und Glückseligkeit gelangen könne?«
Langsam richtete das Weib ihre dunklen, strengen Augen auf mich. Ihre Lippen bewegten sich – und machtvoll erklang eine Stimme wie das Dröhnen des Eisens:
»Ich sinne darüber nach, wie den Beinmuskeln des Flohs eine größere Kraft gegeben werden könne, damit er sich besser vor seinen Feinden zu retten vermöchte. Das Gleichgewicht zwischen Angriff und Gegenwehr ist gestört ... Es muß wiederhergestellt werden.«
»Wie?« entgegnete ich stammelnd. »Daran denkst du? Sind denn aber nicht wir – wir Menschen, deine Lieblingskinder?«
Das Weib runzelte leicht die Brauen: »Alle Geschöpfe sind meine Kinder,« sprach sie; »ich sorge für sie alle ohne Unterschied – und ohne Unterschied vernichte ich sie alle.«
»Aber Güte ... Vernunft ... Gerechtigkeit ...« stammelte ich wiederum.
»Das sind Menschenworte,« dröhnte die eherne Stimme. »Ich kenne weder Gut noch Böse ... Vernunft ist mir nicht Gesetz – und was ist Gerechtigkeit? – Ich gab dir das Leben – ich werde es dir wieder nehmen und anderen Wesen geben, Würmern oder Menschen ... mir ist es einerlei ... Du aber wehre dich einstweilen – und laß mich in Ruhe!«
Ich wollte noch etwas erwidern ... doch da begann rings die Erde dumpf zu stöhnen und zu beben – und ich erwachte.