The Project Gutenberg eBook ofGedichte in ProsaThis ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.Title: Gedichte in ProsaAuthor: Ivan Sergeevich TurgenevRelease date: October 11, 2011 [eBook #37716]Language: GermanCredits: Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and theOnline Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE IN PROSA ***
This ebook is for the use of anyone anywhere in the United States and most other parts of the world at no cost and with almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included with this ebook or online atwww.gutenberg.org. If you are not located in the United States, you will have to check the laws of the country where you are located before using this eBook.
Title: Gedichte in ProsaAuthor: Ivan Sergeevich TurgenevRelease date: October 11, 2011 [eBook #37716]Language: GermanCredits: Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and theOnline Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
Title: Gedichte in Prosa
Author: Ivan Sergeevich Turgenev
Author: Ivan Sergeevich Turgenev
Release date: October 11, 2011 [eBook #37716]
Language: German
Credits: Produced by Norbert H. Langkau, Evelyn Kawrykow and theOnline Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GEDICHTE IN PROSA ***
Anmerkungen zur Transkription:Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise ansonsten aber wie im Original belassen.Formatierung:Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Text in Antiqua (nicht in Fraktur) wurde durch eine andere Schriftart gekennzeichnet:Text.DasInhaltsverzeichnisbefindet sich am Ende des Textes.
Anmerkungen zur Transkription:
Offensichtliche Druckfehler im Text wurden korrigiert, die Schreibweise ansonsten aber wie im Original belassen.
Formatierung:Der Originaltext ist in Fraktur gesetzt. Text in Antiqua (nicht in Fraktur) wurde durch eine andere Schriftart gekennzeichnet:Text.
DasInhaltsverzeichnisbefindet sich am Ende des Textes.
Iwan TurgenjeffGedichte in ProsaÜbertragen von Th. CommichauIm Insel-Verlag zu Leipzig
Übertragen von Th. Commichau
Im Insel-Verlag zu Leipzig
Der letzte Tag im Juli; auf tausend Werst im Umkreise rings Rußland – der heimatliche Boden. Der ganze Himmel strahlt in einfarbigem Blau; droben ein einzelnes Wölkchen – halb schwimmend, halb zerfließend. Windesstille, brütende Hitze ... die Luft – würzig wie frischgemolkene Milch!Die Lerchen trillern; die Turteltauben gurren; lautlos gleiten die Schwalben umher; die Pferde schnauben und kauen; die Hunde bellen nicht, stehen da und wedeln friedfertig mit dem Schwanze.Und nach Rauch riecht es, und nach Gras – und auch nach Teer ein wenig – und ein wenig nach Leder. – Der Hanf auf den Feldern ist schon hoch aufgeschossen und strömt seinen schweren, aber süßen Duft aus.Eine tiefe, jedoch sanft absteigende Schlucht öffnet sich. An beiden Abhängen mehrere Reihen dickbuschiger, zerborstener Weiden. In der Tiefe der Schlucht rieselt ein Bach; kleine Kiesel auf seinem Grunde blinken wie zitternd durch seine klaren Wellen hindurch. – In der Ferne, am Saume zwischen Erde und Himmel – schimmert der bläuliche Streif eines großen Stromes.Dem Zuge der Schlucht folgend – hier auf dieser Seite saubere kleine Speicher und Scheunen mit dichtverschlossenen Türen; dort auf jener fünf bis sechs aus Fichtenstämmen gezimmerte Häuschen mit gehobelten Bretterdächern. Auf jedem Dache an hoher Stange ein Starkasten; über jeder Haustür ein aus Blech geschnittenes kleines Rößlein mit flatternder Mähne. Die Fensterscheiben, unebenund blasig, schillern in Regenbogenfarben. Krüge mit Blumensträußen sind auf die Fensterläden gemalt. Vor jedem Häuschen steht säuberlich eine derbe Bank; auf kleinen angeschütteten Erdhaufen liegen Katzen, zu einem Knäuel zusammengerollt, und spitzen die durchsichtigen feinen Ohren; hinter der hohen Türschwelle winkt einladend der kühle, dunkle Hausflur.Ich liege hart am Rande der Schlucht auf einer ausgebreiteten Pferdedecke; ringsumher lauter Haufen frischgemähten, betäubend duftigen Heues. Die fleißigen Hauswirte haben es vor ihren Hütten auseinandergestreut: dort mag es noch eine Weile an der Sonne durchtrocknen; dann aber in die Scheuern damit! Wie prächtig wird sichs darauf schlafen lassen!Kraushaarige Kinderköpfchen lugen aus jedem Haufen hervor; großschopfige Hühner scharren im Heu nach Fliegen und Käferchen; ein junger Hund mit noch hellfarbiger Schnauze wälzt sich in einem Gewirr von Halmen herum.Blondlockige Burschen in sauberen Gürtelhemden und schwerfälligen, umsäumten Stiefeln hänseln sich mit Scherzworten, die Brust gegen einen unbespannten Wagen gestemmt – und zeigen lachend ihre weißen Zähne.Aus dem Fenster schaut ein junges Weib mit vollem, rundem Antlitz; sie lacht, halb über die Scherze der Burschen, halb über die in den Heuhaufen sich balgenden Kinder.Ein anderes junges Weib zieht mit kräftigen Armen einen großen nassen Eimer aus dem Brunnen herauf ... Der Eimer wippt und schaukelt am Seile, so daß langgezogene, blitzende Tropfen an ihm herabgleiten.Vor mir steht ein greises Hausmütterchen in einem neuen, karierten Leinenrock und neuen Schuhen.Drei Schnüre dicker, hohler Glasperlen schlingen sich um ihren braunen, faltigen Hals; ihr ergrauter Kopf ist mit einem gelben, rotpunktierten Tuche umwunden, welches tief über ihre trüben Augen herabhängt.Freundlich aber lächeln diese greisenhaften Augen; ihr ganzes runzliges Antlitz lächelt. Hoch in den Siebzigern muß sie sein, das alte Mütterchen ... aber auch heute noch ist es zu erkennen: eine Schönheit war sie zu ihrer Zeit!Mit den sonnenverbrannten, auseinandergespreizten Fingern der rechten Hand hält sie mir einen Krug kalter, unabgerahmter Milch hin, die frisch aus dem Keller kommt; der Krug ist außen mit Reif bedeckt, der wie Perlen glitzert. Auf der linken Handfläche reicht mir die Alte eine große Schnitte noch warmen Brotes. – »Iß nur, sei dirs gesegnet, willkommener Gast!«Mit einem Male kräht der Hahn und schlägt heftig mit den Flügeln; ihm zur Antwort blökt nach einer Weile ein eingesperrtes Kalb.– »Das nenn ich mir Hafer!« ertönt die Stimme meines Kutschers ...O diese Genügsamkeit, diese Ruhe, dieser Wohlstand des freien russischen Dorfes! Dieser stille Friede und Segen!Und da denke ich mir denn so: was soll uns dann noch ein Kreuz auf der Kuppel der Hagia Sophia in Byzanz und all das übrige, um das wir uns so heiß bemühen, wir Stadtmenschen?
Der letzte Tag im Juli; auf tausend Werst im Umkreise rings Rußland – der heimatliche Boden. Der ganze Himmel strahlt in einfarbigem Blau; droben ein einzelnes Wölkchen – halb schwimmend, halb zerfließend. Windesstille, brütende Hitze ... die Luft – würzig wie frischgemolkene Milch!
Die Lerchen trillern; die Turteltauben gurren; lautlos gleiten die Schwalben umher; die Pferde schnauben und kauen; die Hunde bellen nicht, stehen da und wedeln friedfertig mit dem Schwanze.
Und nach Rauch riecht es, und nach Gras – und auch nach Teer ein wenig – und ein wenig nach Leder. – Der Hanf auf den Feldern ist schon hoch aufgeschossen und strömt seinen schweren, aber süßen Duft aus.
Eine tiefe, jedoch sanft absteigende Schlucht öffnet sich. An beiden Abhängen mehrere Reihen dickbuschiger, zerborstener Weiden. In der Tiefe der Schlucht rieselt ein Bach; kleine Kiesel auf seinem Grunde blinken wie zitternd durch seine klaren Wellen hindurch. – In der Ferne, am Saume zwischen Erde und Himmel – schimmert der bläuliche Streif eines großen Stromes.
Dem Zuge der Schlucht folgend – hier auf dieser Seite saubere kleine Speicher und Scheunen mit dichtverschlossenen Türen; dort auf jener fünf bis sechs aus Fichtenstämmen gezimmerte Häuschen mit gehobelten Bretterdächern. Auf jedem Dache an hoher Stange ein Starkasten; über jeder Haustür ein aus Blech geschnittenes kleines Rößlein mit flatternder Mähne. Die Fensterscheiben, unebenund blasig, schillern in Regenbogenfarben. Krüge mit Blumensträußen sind auf die Fensterläden gemalt. Vor jedem Häuschen steht säuberlich eine derbe Bank; auf kleinen angeschütteten Erdhaufen liegen Katzen, zu einem Knäuel zusammengerollt, und spitzen die durchsichtigen feinen Ohren; hinter der hohen Türschwelle winkt einladend der kühle, dunkle Hausflur.
Ich liege hart am Rande der Schlucht auf einer ausgebreiteten Pferdedecke; ringsumher lauter Haufen frischgemähten, betäubend duftigen Heues. Die fleißigen Hauswirte haben es vor ihren Hütten auseinandergestreut: dort mag es noch eine Weile an der Sonne durchtrocknen; dann aber in die Scheuern damit! Wie prächtig wird sichs darauf schlafen lassen!
Kraushaarige Kinderköpfchen lugen aus jedem Haufen hervor; großschopfige Hühner scharren im Heu nach Fliegen und Käferchen; ein junger Hund mit noch hellfarbiger Schnauze wälzt sich in einem Gewirr von Halmen herum.
Blondlockige Burschen in sauberen Gürtelhemden und schwerfälligen, umsäumten Stiefeln hänseln sich mit Scherzworten, die Brust gegen einen unbespannten Wagen gestemmt – und zeigen lachend ihre weißen Zähne.
Aus dem Fenster schaut ein junges Weib mit vollem, rundem Antlitz; sie lacht, halb über die Scherze der Burschen, halb über die in den Heuhaufen sich balgenden Kinder.
Ein anderes junges Weib zieht mit kräftigen Armen einen großen nassen Eimer aus dem Brunnen herauf ... Der Eimer wippt und schaukelt am Seile, so daß langgezogene, blitzende Tropfen an ihm herabgleiten.
Vor mir steht ein greises Hausmütterchen in einem neuen, karierten Leinenrock und neuen Schuhen.
Drei Schnüre dicker, hohler Glasperlen schlingen sich um ihren braunen, faltigen Hals; ihr ergrauter Kopf ist mit einem gelben, rotpunktierten Tuche umwunden, welches tief über ihre trüben Augen herabhängt.
Freundlich aber lächeln diese greisenhaften Augen; ihr ganzes runzliges Antlitz lächelt. Hoch in den Siebzigern muß sie sein, das alte Mütterchen ... aber auch heute noch ist es zu erkennen: eine Schönheit war sie zu ihrer Zeit!
Mit den sonnenverbrannten, auseinandergespreizten Fingern der rechten Hand hält sie mir einen Krug kalter, unabgerahmter Milch hin, die frisch aus dem Keller kommt; der Krug ist außen mit Reif bedeckt, der wie Perlen glitzert. Auf der linken Handfläche reicht mir die Alte eine große Schnitte noch warmen Brotes. – »Iß nur, sei dirs gesegnet, willkommener Gast!«
Mit einem Male kräht der Hahn und schlägt heftig mit den Flügeln; ihm zur Antwort blökt nach einer Weile ein eingesperrtes Kalb.
– »Das nenn ich mir Hafer!« ertönt die Stimme meines Kutschers ...
O diese Genügsamkeit, diese Ruhe, dieser Wohlstand des freien russischen Dorfes! Dieser stille Friede und Segen!
Und da denke ich mir denn so: was soll uns dann noch ein Kreuz auf der Kuppel der Hagia Sophia in Byzanz und all das übrige, um das wir uns so heiß bemühen, wir Stadtmenschen?
Weder auf der Jungfrau noch auf dem Finsteraarhorn war je ein menschlicher Fuß.
Die höchsten Gipfel der Alpen ... Eine ganze Kette zerklüfteter Felsenmassen ... Das Herz des Gebirgsstockes. Über den Bergen wölbt sich blaßgrün, glänzend und stumm der Himmel. Strenger, schneidender Frost; harter, flimmernder Schnee; aus dem Schnee hervor ragen rauhe Zacken vereister, verwitterter Felsblöcke. Zwei Kolosse, zwei Riesen recken sich zu beiden Seiten des Horizontes empor: Jungfrau und Finsteraarhorn. Und die Jungfrau spricht zum Nachbar: »Was gibt es Neues? Du hast freieren Ausblick. Was geht da unten vor?«Es vergehen einige Jahrhunderte: eine Minute.Und Finsteraarhorn donnert zur Antwort: »Dichte Wolkenmassen verhüllen die Erde ... Warte!«Wieder vergehen Jahrtausende: eine Minute.»Nun, und jetzt?« fragt die Jungfrau.»Jetzt sehe ich; dort unten ist alles wie ehedem: bunt, kleinlich. Blau die Wasser; schwarz die Wälder; grau die zusammengetragenen Steinhaufen. Um sie herumwimmeln noch immer diese Käferchen, du weißt, die zweifüßigen, denen es bisher noch nie gelang, dich und mich zu beflecken.«»Menschen?«»Ja; Menschen.«Jahrtausende gehen dahin: eine Minute.»Nun, und jetzt?« fragt die Jungfrau.»Die Zahl der Käferchen scheint abgenommen zu haben,« – grollt das Finsteraarhorn; »klarer ist es da unten geworden, die Wasser haben sich verringert, die Wälder gelichtet.«Wieder verrannen Jahrtausende: eine Minute.»Was siehst du jetzt?« spricht die Jungfrau.»Um uns her, in der Nähe ist es sichtlich reiner geworden,« – erwidert das Finsteraarhorn; »da hinten nur, in der Ferne, in den Tälern sind noch Flecken, und dort bewegt sich noch etwas.«»Aber jetzt?« fragt die Jungfrau, als weitere tausend Jahre verrauschten – eine Minute.»Jetzt ist es gut,« – antwortet das Finsteraarhorn; – »rein ist es überall und ganz weiß, wohin man auch blickt ... Überall unser Schnee, nichts wie Schnee und Eis. Erstarrt ist alles. Gut ist es jetzt, ruhig.«»Gut« – wiederholt die Jungfrau. – »Allein, wir haben jetzt genug geplaudert, Alter. Zeit ist’s, einzuschlafen.«»Es ist Zeit.«Sie schlafen, die gewaltigen Bergriesen; es schläft der grüne, leuchtende Himmel über der auf ewig verstummten Erde.
Die höchsten Gipfel der Alpen ... Eine ganze Kette zerklüfteter Felsenmassen ... Das Herz des Gebirgsstockes. Über den Bergen wölbt sich blaßgrün, glänzend und stumm der Himmel. Strenger, schneidender Frost; harter, flimmernder Schnee; aus dem Schnee hervor ragen rauhe Zacken vereister, verwitterter Felsblöcke. Zwei Kolosse, zwei Riesen recken sich zu beiden Seiten des Horizontes empor: Jungfrau und Finsteraarhorn. Und die Jungfrau spricht zum Nachbar: »Was gibt es Neues? Du hast freieren Ausblick. Was geht da unten vor?«
Es vergehen einige Jahrhunderte: eine Minute.
Und Finsteraarhorn donnert zur Antwort: »Dichte Wolkenmassen verhüllen die Erde ... Warte!«
Wieder vergehen Jahrtausende: eine Minute.
»Nun, und jetzt?« fragt die Jungfrau.
»Jetzt sehe ich; dort unten ist alles wie ehedem: bunt, kleinlich. Blau die Wasser; schwarz die Wälder; grau die zusammengetragenen Steinhaufen. Um sie herumwimmeln noch immer diese Käferchen, du weißt, die zweifüßigen, denen es bisher noch nie gelang, dich und mich zu beflecken.«
»Menschen?«
»Ja; Menschen.«
Jahrtausende gehen dahin: eine Minute.
»Nun, und jetzt?« fragt die Jungfrau.
»Die Zahl der Käferchen scheint abgenommen zu haben,« – grollt das Finsteraarhorn; »klarer ist es da unten geworden, die Wasser haben sich verringert, die Wälder gelichtet.«
Wieder verrannen Jahrtausende: eine Minute.
»Was siehst du jetzt?« spricht die Jungfrau.
»Um uns her, in der Nähe ist es sichtlich reiner geworden,« – erwidert das Finsteraarhorn; »da hinten nur, in der Ferne, in den Tälern sind noch Flecken, und dort bewegt sich noch etwas.«
»Aber jetzt?« fragt die Jungfrau, als weitere tausend Jahre verrauschten – eine Minute.
»Jetzt ist es gut,« – antwortet das Finsteraarhorn; – »rein ist es überall und ganz weiß, wohin man auch blickt ... Überall unser Schnee, nichts wie Schnee und Eis. Erstarrt ist alles. Gut ist es jetzt, ruhig.«
»Gut« – wiederholt die Jungfrau. – »Allein, wir haben jetzt genug geplaudert, Alter. Zeit ist’s, einzuschlafen.«
»Es ist Zeit.«
Sie schlafen, die gewaltigen Bergriesen; es schläft der grüne, leuchtende Himmel über der auf ewig verstummten Erde.
Ich ging auf einem weiten Felde, allein.Plötzlich war es mir, als ob leise, vorsichtige Tritte hinter meinem Rücken vernehmbar würden ... Es folgte mir jemand.Ich schaute mich um – und gewahrte eine kleine, gebeugte Alte, ganz in graue Lumpen gehüllt. Aus ihnen hervor war nur das Antlitz der Alten sichtbar: ein gelbes, runzliges, scharfnasiges, zahnloses Antlitz. Ich ging auf sie zu ... Sie blieb stehen.»Wer bist du? Was willst du? Bist du eine Bettlerin? Erwartest du ein Almosen?«Die Alte gab keine Antwort. Ich beugte mich zu ihr herab und bemerkte, daß ihre beiden Augen mit einem halbdurchsichtigen, weißlichen Überzug oder Häutchen bedeckt waren wie bei gewissen Vögeln: deren Augen werden dadurch vor allzu grellem Licht geschützt.Bei der Alten aber blieb das Häutchen unbeweglich und ließ die Pupillen nicht hervortreten ... woraus ich schloß, daß sie blind sei.»Willst du ein Almosen?« – wiederholte ich meine Frage. – »Weshalb folgst du mir?« – Doch die Alte blieb stumm wie zuvor, nur krümmte sie sich ein wenig. Ich wandte mich ab und setzte meinen Weg fort.Da, wiederum höre ich hinter mir dieselben leisen, gemessenen, gleichsam schleichenden Tritte.– Wieder dieses Weib! – dachte ich bei mir; – warum verfolgt sie mich denn nur? – Doch gleich kam mir auch der weitere Gedanke: sie wird wahrscheinlich in ihrer Blindheit den Weg verfehlt haben und folgt jetzt dem Schall meiner Schritte, um zusammen mit mir zu menschlichen Wohnungen zu gelangen. Ja ja, so wird’s sein.Allein, nach und nach bemächtigte sich meiner Gedanken eine seltsame Unruhe: nun wollte es mir scheinen, als ob diese Alte mir nicht bloß folge, sondern daß sie mich sogar lenke, mich bald nach rechts, bald nach links stoße, und daß ich ihr willenlos gehorchen müsse.Dennoch schreite ich weiter ... auf einmal, gerade vor mir auf meinem Wege, etwas Schwarzes, sich Erweiterndes ... wie eine Grube ... »Ein Grab!« durchzuckte es mein Hirn. – Dorthin also stößt sie mich! Hastig wende ich mich um. Wieder vor mir die Alte ... aber jetzt sieht sie! Sie blickt auf mich mit großen, boshaften, unheilkündendenAugen ... mit den Augen eines Raubvogels ... Ich schaue ihr scharf ins Gesicht, in die Augen ... Wieder dieses trübe Häutchen, dieselben leblosen, stumpfen Züge ... Ach! denke ich ... diese Alte – ist mein Schicksal. Jenes Schicksal, dem niemand entrinnen kann. Kein Entrinnen! Kein Entrinnen? – Welch ein Wahnsinn ... Man muß es versuchen. Und ich wende mich seitwärts, einer anderen Richtung zu.Rasch eile ich vorwärts ... Allein die leisen Tritte rascheln wie früher hinter mir, nahe, ganz nahe ... Und vor mir wieder die dunkle Grube.Aufs neue wende ich mich nach einer anderen Seite ... Und wiederum dasselbe Rascheln hinter meinem Rücken und vor mir derselbe drohende Fleck.Und wohin ich mich auch kehre gleich einem gehetzten Hasen ... immer dasselbe, immer dasselbe!Halt! denke ich, – jetzt will ich sie täuschen! Ich will mich nicht von der Stelle rühren! – und augenblicklich setze ich mich an die Erde.Die Alte steht hinter mir, nur zwei Schritt entfernt. – Ich höre sie nicht, aber ich fühle es, sie ist da. Und plötzlich sehe ich: der dunkle Fleck dort in der Ferne, er schwimmt, er kriecht gerade auf mich zu! O Gott! Ich schaue rückwärts ... Die Alte hat ihren starren Blick auf mich geheftet – und Grinsen verzerrt ihren zahnlosen Mund ...– Kein Entrinnen!
Ich ging auf einem weiten Felde, allein.
Plötzlich war es mir, als ob leise, vorsichtige Tritte hinter meinem Rücken vernehmbar würden ... Es folgte mir jemand.
Ich schaute mich um – und gewahrte eine kleine, gebeugte Alte, ganz in graue Lumpen gehüllt. Aus ihnen hervor war nur das Antlitz der Alten sichtbar: ein gelbes, runzliges, scharfnasiges, zahnloses Antlitz. Ich ging auf sie zu ... Sie blieb stehen.
»Wer bist du? Was willst du? Bist du eine Bettlerin? Erwartest du ein Almosen?«
Die Alte gab keine Antwort. Ich beugte mich zu ihr herab und bemerkte, daß ihre beiden Augen mit einem halbdurchsichtigen, weißlichen Überzug oder Häutchen bedeckt waren wie bei gewissen Vögeln: deren Augen werden dadurch vor allzu grellem Licht geschützt.
Bei der Alten aber blieb das Häutchen unbeweglich und ließ die Pupillen nicht hervortreten ... woraus ich schloß, daß sie blind sei.
»Willst du ein Almosen?« – wiederholte ich meine Frage. – »Weshalb folgst du mir?« – Doch die Alte blieb stumm wie zuvor, nur krümmte sie sich ein wenig. Ich wandte mich ab und setzte meinen Weg fort.
Da, wiederum höre ich hinter mir dieselben leisen, gemessenen, gleichsam schleichenden Tritte.
– Wieder dieses Weib! – dachte ich bei mir; – warum verfolgt sie mich denn nur? – Doch gleich kam mir auch der weitere Gedanke: sie wird wahrscheinlich in ihrer Blindheit den Weg verfehlt haben und folgt jetzt dem Schall meiner Schritte, um zusammen mit mir zu menschlichen Wohnungen zu gelangen. Ja ja, so wird’s sein.
Allein, nach und nach bemächtigte sich meiner Gedanken eine seltsame Unruhe: nun wollte es mir scheinen, als ob diese Alte mir nicht bloß folge, sondern daß sie mich sogar lenke, mich bald nach rechts, bald nach links stoße, und daß ich ihr willenlos gehorchen müsse.
Dennoch schreite ich weiter ... auf einmal, gerade vor mir auf meinem Wege, etwas Schwarzes, sich Erweiterndes ... wie eine Grube ... »Ein Grab!« durchzuckte es mein Hirn. – Dorthin also stößt sie mich! Hastig wende ich mich um. Wieder vor mir die Alte ... aber jetzt sieht sie! Sie blickt auf mich mit großen, boshaften, unheilkündendenAugen ... mit den Augen eines Raubvogels ... Ich schaue ihr scharf ins Gesicht, in die Augen ... Wieder dieses trübe Häutchen, dieselben leblosen, stumpfen Züge ... Ach! denke ich ... diese Alte – ist mein Schicksal. Jenes Schicksal, dem niemand entrinnen kann. Kein Entrinnen! Kein Entrinnen? – Welch ein Wahnsinn ... Man muß es versuchen. Und ich wende mich seitwärts, einer anderen Richtung zu.
Rasch eile ich vorwärts ... Allein die leisen Tritte rascheln wie früher hinter mir, nahe, ganz nahe ... Und vor mir wieder die dunkle Grube.
Aufs neue wende ich mich nach einer anderen Seite ... Und wiederum dasselbe Rascheln hinter meinem Rücken und vor mir derselbe drohende Fleck.
Und wohin ich mich auch kehre gleich einem gehetzten Hasen ... immer dasselbe, immer dasselbe!
Halt! denke ich, – jetzt will ich sie täuschen! Ich will mich nicht von der Stelle rühren! – und augenblicklich setze ich mich an die Erde.
Die Alte steht hinter mir, nur zwei Schritt entfernt. – Ich höre sie nicht, aber ich fühle es, sie ist da. Und plötzlich sehe ich: der dunkle Fleck dort in der Ferne, er schwimmt, er kriecht gerade auf mich zu! O Gott! Ich schaue rückwärts ... Die Alte hat ihren starren Blick auf mich geheftet – und Grinsen verzerrt ihren zahnlosen Mund ...
– Kein Entrinnen!
Wir zwei sind im Zimmer beisammen: mein Hund und ich ... Draußen heult wütender Sturm. Mein Hund sitzt dicht vor mir – und schaut mir unverwandt ins Auge. Und auch ich blicke in seine Augen. Es scheint, als müßte er mir etwas sagen wollen. Er ist stumm, er besitzt keine Sprache, er versteht sich selbst nicht – aber ich verstehe ihn wohl.Ich verstehe, daß in diesem Augenblick in ihm wie in mir ein und dasselbe Gefühl lebt, daß zwischen uns kein Unterschied besteht. Wir sind vollkommen gleich; in jedem von uns beiden glüht und leuchtet das gleiche zitternde Flämmchen.Der Tod fliegt heran, schwingt seine eisigen, gewaltigen Fittiche ... Es ist zu Ende!Wer vermöchte dann wohl zu entscheiden, welches Flämmchen in ihm und welches in mir geglüht hat? Nein! nicht Tier und Mensch tauschen diese Blicke ... Es sind zwei gleiche Augenpaare, die aufeinander gerichtet sind. Und in jedem dieser Augenpaare, in dem des Tieres und dem des Menschen – schmiegt sich ein und derselbe Lebenstrieb bebend an den des anderen.
Wir zwei sind im Zimmer beisammen: mein Hund und ich ... Draußen heult wütender Sturm. Mein Hund sitzt dicht vor mir – und schaut mir unverwandt ins Auge. Und auch ich blicke in seine Augen. Es scheint, als müßte er mir etwas sagen wollen. Er ist stumm, er besitzt keine Sprache, er versteht sich selbst nicht – aber ich verstehe ihn wohl.
Ich verstehe, daß in diesem Augenblick in ihm wie in mir ein und dasselbe Gefühl lebt, daß zwischen uns kein Unterschied besteht. Wir sind vollkommen gleich; in jedem von uns beiden glüht und leuchtet das gleiche zitternde Flämmchen.
Der Tod fliegt heran, schwingt seine eisigen, gewaltigen Fittiche ... Es ist zu Ende!
Wer vermöchte dann wohl zu entscheiden, welches Flämmchen in ihm und welches in mir geglüht hat? Nein! nicht Tier und Mensch tauschen diese Blicke ... Es sind zwei gleiche Augenpaare, die aufeinander gerichtet sind. Und in jedem dieser Augenpaare, in dem des Tieres und dem des Menschen – schmiegt sich ein und derselbe Lebenstrieb bebend an den des anderen.
Ich hatte einen Kameraden, der beständig mein Widersacher war; zwar nicht im Studium, auch nicht im Amt oder in der Liebe; nur unsere Ansichten waren stets unvereinbar, und jedesmal, wenn wir uns trafen – entspann sich zwischen uns ein endloser Wortstreit. Wir strittenüber alles: über Kunst, über Religion, über die Wissenschaft, über das Leben auf Erden und im Jenseits – namentlich über das im Jenseits. Er war ein gläubiger, schwärmerischer Mensch. Einst sagte er zu mir: »Du bespöttelst doch auch alles; sollte ich jedoch vor dir sterben, dann werde ich dir vom Jenseits her erscheinen ... Wir wollen doch sehen, ob du auch dann noch wirst lachen können!« Und wirklich, er starb vor mir, ein Werdender in der Blüte der Jugend; doch Jahre vergingen, und ich vergaß seines Gelübdes – seiner Drohung.Einst lag ich des Nachts im Bett – und konnte nicht, mochte nicht einmal einschlafen.Im Zimmer wars nicht finster, aber auch nicht hell; ich begann in das graue Halbdunkel hineinzustarren. Plötzlich erschien es mir, als ob zwischen den beiden Fenstern mein Widersacher stünde – und stumm und traurig mit dem Kopfe nicke, auf und ab.Ich erschrak nicht – wunderte mich nicht einmal ... vielmehr richtete ich mich ein wenig auf und blickte, auf den Ellenbogen gestützt, nur noch schärfer auf die unerwartete Erscheinung.Der drüben fuhr fort, mit dem Kopfe zu nicken.»Was gibts?« begann ich schließlich. »Triumphierst du? oder trauerst du? – Bedeutet dies eine Warnung oder einen Vorwurf?... Oder willst du mir zu verstehen geben, daß du unrecht hattest? oder daß wir beide unrecht hatten? Welches Los ist dir denn geworden? Höllenpein oder Paradieseswonne? So sprich doch wenigstens ein einziges Wort!«Aber mein Widersacher gab nicht den geringsten Laut von sich – nur wie vorher nickte er bloß immer traurig undstill ergeben mit dem Kopfe – auf und ab. Da lachte ich laut auf ... und er verschwand.
Ich hatte einen Kameraden, der beständig mein Widersacher war; zwar nicht im Studium, auch nicht im Amt oder in der Liebe; nur unsere Ansichten waren stets unvereinbar, und jedesmal, wenn wir uns trafen – entspann sich zwischen uns ein endloser Wortstreit. Wir strittenüber alles: über Kunst, über Religion, über die Wissenschaft, über das Leben auf Erden und im Jenseits – namentlich über das im Jenseits. Er war ein gläubiger, schwärmerischer Mensch. Einst sagte er zu mir: »Du bespöttelst doch auch alles; sollte ich jedoch vor dir sterben, dann werde ich dir vom Jenseits her erscheinen ... Wir wollen doch sehen, ob du auch dann noch wirst lachen können!« Und wirklich, er starb vor mir, ein Werdender in der Blüte der Jugend; doch Jahre vergingen, und ich vergaß seines Gelübdes – seiner Drohung.
Einst lag ich des Nachts im Bett – und konnte nicht, mochte nicht einmal einschlafen.
Im Zimmer wars nicht finster, aber auch nicht hell; ich begann in das graue Halbdunkel hineinzustarren. Plötzlich erschien es mir, als ob zwischen den beiden Fenstern mein Widersacher stünde – und stumm und traurig mit dem Kopfe nicke, auf und ab.
Ich erschrak nicht – wunderte mich nicht einmal ... vielmehr richtete ich mich ein wenig auf und blickte, auf den Ellenbogen gestützt, nur noch schärfer auf die unerwartete Erscheinung.
Der drüben fuhr fort, mit dem Kopfe zu nicken.
»Was gibts?« begann ich schließlich. »Triumphierst du? oder trauerst du? – Bedeutet dies eine Warnung oder einen Vorwurf?... Oder willst du mir zu verstehen geben, daß du unrecht hattest? oder daß wir beide unrecht hatten? Welches Los ist dir denn geworden? Höllenpein oder Paradieseswonne? So sprich doch wenigstens ein einziges Wort!«
Aber mein Widersacher gab nicht den geringsten Laut von sich – nur wie vorher nickte er bloß immer traurig undstill ergeben mit dem Kopfe – auf und ab. Da lachte ich laut auf ... und er verschwand.
Ich ging die Straße hinunter ... Ein dürftiger, gebrechlicher Greis hielt mich an.Entzündete, tränende Augen, fahlblaue Lippen, zerfetzte Lumpen, unsaubere Schwären ... O, wie schrecklich hatte die Not dieses unglückliche Geschöpf verunstaltet! Er streckte mir seine gerötete, verschwollene, schmutzige Hand hin ... Er stöhnte, er ächzte um Hilfe.Ich begann alle meine Taschen zu durchsuchen ... Aber weder Geldbeutel noch Uhr, nicht einmal das Taschentuch war da ... Ich hatte nichts mitgenommen. Der Bettler aber wartete noch immer ... und seine vorgestreckte Hand bebte und zitterte vor Schwäche. Verwirrt und verlegen ergriff ich mit kräftigem Drucke diese schmutzige, zitternde Hand ... »Zürne mir nicht, Bruder; ich habe gar nichts bei mir, mein Bruder.« Der Bettler richtete seine entzündeten Augen auf mich; ein Lächeln kam auf seine fahlen Lippen – und dann drückte auch er meine erkalteten Finger.»Laß es gut sein, Bruder,« sagte er leise; »auch dafür bin ich dir dankbar. – Auch das ist eine Gabe, mein Bruder.«Da fühlte ich, daß auch ich von meinem Bruder eine Gabe empfangen hatte.
Ich ging die Straße hinunter ... Ein dürftiger, gebrechlicher Greis hielt mich an.
Entzündete, tränende Augen, fahlblaue Lippen, zerfetzte Lumpen, unsaubere Schwären ... O, wie schrecklich hatte die Not dieses unglückliche Geschöpf verunstaltet! Er streckte mir seine gerötete, verschwollene, schmutzige Hand hin ... Er stöhnte, er ächzte um Hilfe.
Ich begann alle meine Taschen zu durchsuchen ... Aber weder Geldbeutel noch Uhr, nicht einmal das Taschentuch war da ... Ich hatte nichts mitgenommen. Der Bettler aber wartete noch immer ... und seine vorgestreckte Hand bebte und zitterte vor Schwäche. Verwirrt und verlegen ergriff ich mit kräftigem Drucke diese schmutzige, zitternde Hand ... »Zürne mir nicht, Bruder; ich habe gar nichts bei mir, mein Bruder.« Der Bettler richtete seine entzündeten Augen auf mich; ein Lächeln kam auf seine fahlen Lippen – und dann drückte auch er meine erkalteten Finger.
»Laß es gut sein, Bruder,« sagte er leise; »auch dafür bin ich dir dankbar. – Auch das ist eine Gabe, mein Bruder.«
Da fühlte ich, daß auch ich von meinem Bruder eine Gabe empfangen hatte.
Puschkin
»Erfahren wirst du noch, wie Toren richten ...« Immer sprachst du die Wahrheit, großer, vaterländischer Dichter du, auch diesmal hast du wahr gesprochen. »Wie Toren richten und die Menge spottet ...« Wer hätte es nicht an sich selbst erfahren, so dies wie jenes? All dies kann – und muß ertragen werden; wer die Kraft dazu hat – der mag es auch verachten!Doch es gibt Schläge, die härter und mitten ins Herz treffen ... Ein Mann tat alles, was er vermochte; wirkte in unablässiger, hingebender, ehrlicher Arbeit ... Da wenden sich ehrliche Herzen verächtlich von ihm ab; ehrliche Gesichter flammen auf in Unwillen bei Nennung seines Namens. »Hinweg! Fort mit dir!« schallen ihm ehrliche junge Stimmen entgegen. – »Dich und deine Mühe brauchen wir nicht; du schändest unser Heim – du kennst und du verstehst uns nicht ... Du bist unser Feind!«Was soll dieser Mann nun tun? Fortfahren soll er im Bemühen, soll nicht versuchen, sich zu rechtfertigen – soll nicht einmal die Hoffnung auf künftige gerechtere Beurteilung nähren.Einst haben Landleute einen Reisenden verflucht, der ihnen die Kartoffel brachte, den Ersatz des Brotes, die tägliche Nahrung des Armen ... Aus seinen Händen, die er ihnen entgegenstreckte, schlugen sie die kostbare Gabe, warfen sie in den Kot, traten sie mit Füßen.Jetzt nähren sie sich davon – und kennen nicht einmal den Namen ihres Wohltäters.Nun, wenn auch! Was soll ihnen sein Name? Auch als Namenloser bewahrt er sie vor dem Hunger.Wir aber wollen emsig darauf bedacht sein, daß die Frucht unseres Fleißes wahrhaft nützliche Speise sei. Bitter freilich ist ungerechter Tadel aus dem Munde derer, die man liebt ... Doch auch dies kann man verwinden ...»Schlage mich! aber höre mich an!« sprach der athenische Feldherr zum spartanischen.»Schlage mich – aber sei gesund und satt!« so sollenwirdenken.
»Erfahren wirst du noch, wie Toren richten ...« Immer sprachst du die Wahrheit, großer, vaterländischer Dichter du, auch diesmal hast du wahr gesprochen. »Wie Toren richten und die Menge spottet ...« Wer hätte es nicht an sich selbst erfahren, so dies wie jenes? All dies kann – und muß ertragen werden; wer die Kraft dazu hat – der mag es auch verachten!
Doch es gibt Schläge, die härter und mitten ins Herz treffen ... Ein Mann tat alles, was er vermochte; wirkte in unablässiger, hingebender, ehrlicher Arbeit ... Da wenden sich ehrliche Herzen verächtlich von ihm ab; ehrliche Gesichter flammen auf in Unwillen bei Nennung seines Namens. »Hinweg! Fort mit dir!« schallen ihm ehrliche junge Stimmen entgegen. – »Dich und deine Mühe brauchen wir nicht; du schändest unser Heim – du kennst und du verstehst uns nicht ... Du bist unser Feind!«
Was soll dieser Mann nun tun? Fortfahren soll er im Bemühen, soll nicht versuchen, sich zu rechtfertigen – soll nicht einmal die Hoffnung auf künftige gerechtere Beurteilung nähren.
Einst haben Landleute einen Reisenden verflucht, der ihnen die Kartoffel brachte, den Ersatz des Brotes, die tägliche Nahrung des Armen ... Aus seinen Händen, die er ihnen entgegenstreckte, schlugen sie die kostbare Gabe, warfen sie in den Kot, traten sie mit Füßen.
Jetzt nähren sie sich davon – und kennen nicht einmal den Namen ihres Wohltäters.
Nun, wenn auch! Was soll ihnen sein Name? Auch als Namenloser bewahrt er sie vor dem Hunger.
Wir aber wollen emsig darauf bedacht sein, daß die Frucht unseres Fleißes wahrhaft nützliche Speise sei. Bitter freilich ist ungerechter Tadel aus dem Munde derer, die man liebt ... Doch auch dies kann man verwinden ...
»Schlage mich! aber höre mich an!« sprach der athenische Feldherr zum spartanischen.
»Schlage mich – aber sei gesund und satt!« so sollenwirdenken.
Durch eine Straße der Hauptstadt eilt mit munteren Schritten ein noch junger Mann. – Seine Bewegungen sind freudig und lebhaft; seine Augen leuchten, Lächeln spielt um seine Lippen, in frischer Röte strahlt sein freundliches Antlitz ... Er ist ganz Zufriedenheit und Freude.Was ist mit ihm vorgegangen? Hat er eine Erbschaft gemacht? Wurde er im Amte befördert? Eilt er zu einem zärtlichen Schäferstündchen? Vielleicht hat er auch bloß – gut gefrühstückt, – und das Gefühl der Gesundheit, der vollen Kraft schwellt alle seine Glieder! Man wird doch nicht gar seinen Hals mit deinem schönen achteckigen Kreuz geschmückt haben, o polnischer König Stanislaus!Nein! Er hat eine Verleumdung gegen einen Bekannten ersonnen, hat sie eifrig in Umlauf gesetzt, sie, ebendieselbe Verleumdung, aus dem Munde eines anderen Bekannten vernommen – undihr selber Glauben geschenkt.O, wie zufrieden, ja wie brav ist in diesem Augenblick dieser liebenswürdige, vielversprechende junge Mann!
Durch eine Straße der Hauptstadt eilt mit munteren Schritten ein noch junger Mann. – Seine Bewegungen sind freudig und lebhaft; seine Augen leuchten, Lächeln spielt um seine Lippen, in frischer Röte strahlt sein freundliches Antlitz ... Er ist ganz Zufriedenheit und Freude.
Was ist mit ihm vorgegangen? Hat er eine Erbschaft gemacht? Wurde er im Amte befördert? Eilt er zu einem zärtlichen Schäferstündchen? Vielleicht hat er auch bloß – gut gefrühstückt, – und das Gefühl der Gesundheit, der vollen Kraft schwellt alle seine Glieder! Man wird doch nicht gar seinen Hals mit deinem schönen achteckigen Kreuz geschmückt haben, o polnischer König Stanislaus!
Nein! Er hat eine Verleumdung gegen einen Bekannten ersonnen, hat sie eifrig in Umlauf gesetzt, sie, ebendieselbe Verleumdung, aus dem Munde eines anderen Bekannten vernommen – undihr selber Glauben geschenkt.
O, wie zufrieden, ja wie brav ist in diesem Augenblick dieser liebenswürdige, vielversprechende junge Mann!
»Wenn Sie mal den Wunsch haben,IhremGegner gehörig mitzuspielen und ihn womöglich zu kränken,« sagte mir einst ein alter Schlaukopf, »dann werfen Sie ihm nur denselben Fehler oder dasselbe Laster vor, dessen Sie sich selber bewußt sind. – Spielen Sie den Entrüsteten ... und tadeln Sie ihn!»Denn erstens – bringt dies dem anderen die Meinung bei, daß Sie von diesem Laster frei wären.»Zweitens – darf Ihre Entrüstung sogar eine aufrichtige sein ... Sie können aus den Vorwürfen Ihres eigenen Gewissens Nutzen ziehen.»Sind Sie beispielsweise ein Renegat – dann werfen Sie Ihrem Gegner vor, er sei ohne jede Überzeugung! Sind Sie selber eine Lakaienseele – dann sagen Sie ihm in vorwurfsvollem Tone, er sei ein Lakai ... ein Lakai der Zivilisation, der Aufklärung, des Sozialismus!«»Man könnte vielleicht sogar sagen: ein Lakai des Lakaienhasses!« bemerkte ich.»Selbst dies!« erwiderte prompt der Schlaukopf.
»Wenn Sie mal den Wunsch haben,IhremGegner gehörig mitzuspielen und ihn womöglich zu kränken,« sagte mir einst ein alter Schlaukopf, »dann werfen Sie ihm nur denselben Fehler oder dasselbe Laster vor, dessen Sie sich selber bewußt sind. – Spielen Sie den Entrüsteten ... und tadeln Sie ihn!
»Denn erstens – bringt dies dem anderen die Meinung bei, daß Sie von diesem Laster frei wären.
»Zweitens – darf Ihre Entrüstung sogar eine aufrichtige sein ... Sie können aus den Vorwürfen Ihres eigenen Gewissens Nutzen ziehen.
»Sind Sie beispielsweise ein Renegat – dann werfen Sie Ihrem Gegner vor, er sei ohne jede Überzeugung! Sind Sie selber eine Lakaienseele – dann sagen Sie ihm in vorwurfsvollem Tone, er sei ein Lakai ... ein Lakai der Zivilisation, der Aufklärung, des Sozialismus!«
»Man könnte vielleicht sogar sagen: ein Lakai des Lakaienhasses!« bemerkte ich.
»Selbst dies!« erwiderte prompt der Schlaukopf.
Ein Traum
Mir träumte, ich befände mich in irgendeinem Winkel Rußlands, in der Einsamkeit, in einer einfachen Dorfhütte.Eine geräumige, niedrige, dreifenstrige Stube; die Wände weiß getüncht; aller Hausrat fehlt. Vor der Hütte eine kahle Ebene; in sanfter Neigung breitet sie sich in dieFerne aus; ein grauer, einförmiger Himmel hängt darüber wie ein härenes Tuch.Ich bin nicht allein; etwa zehn Menschen sind mit mir in der Stube. Alles einfache Leute, einfach gekleidet; sie gehen in der Stube auf und ab, schweigend, gleichsam schleichend. Jeder weicht dem anderen aus – aber unaufhörlich begegnen sich ihre besorgten Blicke.Keiner weiß, warum er in dies Haus geraten ist und was die anderen bedeuten. Auf jedem Angesicht lagert Unruhe und Bangigkeit ... alle treten abwechselnd an die Fenster und blicken forschend hinaus, als warteten sie auf etwas von dorther.Dann wieder gehen sie unausgesetzt auf und ab.Zwischen ihnen bewegt sich ein kleiner Knabe; von Zeit zu Zeit wimmert er mit dünner eintöniger Stimme: »Väterchen, ich fürchte mich!« – Bei diesem Wimmern wird mir kalt ums Herz – und auch mich beschleicht Furcht ... Wovor? Ich weiß es selbst nicht. Nur dies eine fühle ich: heran kommt und nähert sich ein großes, großes Unheil.Der Knabe aber wimmert in einem fort. Ach, könnte man doch nur hinaus! Wie dumpf ists hier! Wie beklommen! Wie bedrückend!... Doch nirgends ein Ausweg.Dieser Himmel da – gerade wie ein Leichentuch. Und kein Windhauch ... Ist denn die Lust erstorben? Plötzlich springt der Knabe ans Fenster und schreit mit derselben kläglichen Stimme: »Seht! seht! die Erde ist versunken!«– »Wie? Versunken!« – Wahrhaftig: vorhin war vor dem Hause eine Ebene – jetzt steht es auf dem Gipfeleines ungeheuren Berges! Der Horizont ist herabgefallen, in die Tiefe gesunken – und dicht vor dem Hause starrt ein fast senkrechter, gähnender, schwarzer Abgrund.Wir haben uns alle an die Fenster gedrängt ... Der Schrecken erstarrt unsere Herzen zu Eis. – »Dort kommt es ... dort kommt es!« flüstert mein Nachbar.Richtig: rings um den fernen Erdrand begann es sich zu bewegen, hoben und senkten sich kleine wellige Hügel.»Das Meer!« durchfuhr es uns alle im selben Augenblick. »Gleich wird es uns alle verschlingen ... Wie kann es bloß so wachsen und in die Höhe steigen? Bis zu diesem Felsgrat?«Allein es wächst, wächst mit rasender Eile ... Schon sinds nicht mehr einzelne, in der Ferne schwankende Hügel ... Eine einzige geschlossene, ungeheure Woge überflutet den ganzen Horizont.Sie rast, rast auf uns zu! In eisigem Sturme braust sie heran, ballt sich wie Höllennacht. Alles erbebt ringsum – dort aber, in jener hereinbrechenden Masse – Dröhnen, Donnern, tausendstimmiger, eherner Schrei ...Ha! Welch ein Brüllen und Heulen! Das ist der Schreckensschrei der Erde ...Vernichtung ihr! Vernichtung allem!Noch einmal wimmert der Kleine ... Ich will mich an meine Gefährten klammern – doch schon sind wir alle zerschmettert, begraben, verschlungen, fortgerissen von dieser pechschwarzen, eisigen, donnernden Woge!Finsternis ... ewige Finsternis!Nach Atem ringend erwachte ich.
Mir träumte, ich befände mich in irgendeinem Winkel Rußlands, in der Einsamkeit, in einer einfachen Dorfhütte.
Eine geräumige, niedrige, dreifenstrige Stube; die Wände weiß getüncht; aller Hausrat fehlt. Vor der Hütte eine kahle Ebene; in sanfter Neigung breitet sie sich in dieFerne aus; ein grauer, einförmiger Himmel hängt darüber wie ein härenes Tuch.
Ich bin nicht allein; etwa zehn Menschen sind mit mir in der Stube. Alles einfache Leute, einfach gekleidet; sie gehen in der Stube auf und ab, schweigend, gleichsam schleichend. Jeder weicht dem anderen aus – aber unaufhörlich begegnen sich ihre besorgten Blicke.
Keiner weiß, warum er in dies Haus geraten ist und was die anderen bedeuten. Auf jedem Angesicht lagert Unruhe und Bangigkeit ... alle treten abwechselnd an die Fenster und blicken forschend hinaus, als warteten sie auf etwas von dorther.
Dann wieder gehen sie unausgesetzt auf und ab.
Zwischen ihnen bewegt sich ein kleiner Knabe; von Zeit zu Zeit wimmert er mit dünner eintöniger Stimme: »Väterchen, ich fürchte mich!« – Bei diesem Wimmern wird mir kalt ums Herz – und auch mich beschleicht Furcht ... Wovor? Ich weiß es selbst nicht. Nur dies eine fühle ich: heran kommt und nähert sich ein großes, großes Unheil.
Der Knabe aber wimmert in einem fort. Ach, könnte man doch nur hinaus! Wie dumpf ists hier! Wie beklommen! Wie bedrückend!... Doch nirgends ein Ausweg.
Dieser Himmel da – gerade wie ein Leichentuch. Und kein Windhauch ... Ist denn die Lust erstorben? Plötzlich springt der Knabe ans Fenster und schreit mit derselben kläglichen Stimme: »Seht! seht! die Erde ist versunken!«
– »Wie? Versunken!« – Wahrhaftig: vorhin war vor dem Hause eine Ebene – jetzt steht es auf dem Gipfeleines ungeheuren Berges! Der Horizont ist herabgefallen, in die Tiefe gesunken – und dicht vor dem Hause starrt ein fast senkrechter, gähnender, schwarzer Abgrund.
Wir haben uns alle an die Fenster gedrängt ... Der Schrecken erstarrt unsere Herzen zu Eis. – »Dort kommt es ... dort kommt es!« flüstert mein Nachbar.
Richtig: rings um den fernen Erdrand begann es sich zu bewegen, hoben und senkten sich kleine wellige Hügel.
»Das Meer!« durchfuhr es uns alle im selben Augenblick. »Gleich wird es uns alle verschlingen ... Wie kann es bloß so wachsen und in die Höhe steigen? Bis zu diesem Felsgrat?«
Allein es wächst, wächst mit rasender Eile ... Schon sinds nicht mehr einzelne, in der Ferne schwankende Hügel ... Eine einzige geschlossene, ungeheure Woge überflutet den ganzen Horizont.
Sie rast, rast auf uns zu! In eisigem Sturme braust sie heran, ballt sich wie Höllennacht. Alles erbebt ringsum – dort aber, in jener hereinbrechenden Masse – Dröhnen, Donnern, tausendstimmiger, eherner Schrei ...
Ha! Welch ein Brüllen und Heulen! Das ist der Schreckensschrei der Erde ...
Vernichtung ihr! Vernichtung allem!
Noch einmal wimmert der Kleine ... Ich will mich an meine Gefährten klammern – doch schon sind wir alle zerschmettert, begraben, verschlungen, fortgerissen von dieser pechschwarzen, eisigen, donnernden Woge!
Finsternis ... ewige Finsternis!
Nach Atem ringend erwachte ich.
Als ich noch vor vielen Jahren in Petersburg lebte, knüpfte ich jedesmal, wenn ich eine Droschke nehmen mußte, mit dem Kutscher ein Gespräch an.Besonders gern unterhielt ich mich mit den Nachtkutschern, armen Bauern aus der Umgegend, die mit einem gelbgestrichenen Schlitten und einem ärmlichen Karrengaul in die Hauptstadt kamen – in der Hoffnung, dort selber ihren Unterhalt zu finden, wie auch die Abgabe an ihre Gutsherren erübrigen zu können. Einst nahm ich wieder mal einen solchen Kutscher ... Ein Bursche von etwa zwanzig Jahren, hochgewachsen, stämmig, wie aus Kernholz; mit blauen Augen und frischroten Backen; sein Haar quoll in blonden Locken unter der tief bis auf die Augenbrauen herabgezogenen geflickten Mütze hervor. – Und wie hatte er bloß diesen zerrissenen kleinen Kittel über seine riesigen Schultern ziehen können!Indessen, das hübsche, bartlose Gesicht meines Kutschers schien bekümmert und betrübt.Ich knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Auch aus seiner Stimme klang Trübsal.»Nun, Freundchen,« fragte ich ihn, »warum bist du so traurig? Drückt dich irgendein Kummer?«Der Bursche zögerte mit der Antwort.»Freilich, Herr, freilich,« brachte er schließlich heraus. »Und ein Kummer, wie er nicht größer sein kann. Mein Weib ist gestorben.«»Du hast sie wohl sehr geliebt ... dein Weib?«Der Bursche wandte sich nicht zu mir um; er neigte nur ein wenig den Kopf.»Freilich liebte ich sie, Herr. Acht Monat ists her, aber ich kanns nicht vergessen. Es frißt mir am Herzen ... immerfort! Warum hat sie auch sterben müssen? War doch jung! gesund!... AneinemTage hat die Cholera sie abgewürgt.«»Sie war dir wohl ein braves Weib?«»Ach Herr!« seufzte der arme Bursche schwer auf. »Und wie gut haben wir zusammengelebt! Sie ist ohne mich gestorben. Kaum hörte ich es hier, daß man sie gar schon begraben hätte, – da jagte ich augenblicklich zum Dorf, nach Hause. Ich kam an – da wars schon nach Mitternacht. Ich trete in meine Hütte, steh mitten in der Stube still und rufe so ganz leise: ‘Mascha! meine Mascha!’ Aber nur das Heimchen zirpt. – Da kommt mir das Heulen, ich werfe mich auf die Diele – wie habe ich da mit den Händen auf den Boden gehauen! – ‘Du unersättliche Grube!’ schrei ich ... ‘Sie hast du verschlungen ... dann verschling auch mich!’ – Ach Mascha!«»Mascha!« – setzte er mit plötzlich versagender Stimme hinzu. Und ohne seine groben Zügel loszulassen, wischte er sich mit seinen Fausthandschuhen die Tränen aus den Augen, schüttelte sie ab, zuckte die Achseln – und sprach kein Wort mehr.Als ich aus dem Schlitten stieg, gab ich ihm eine Kleinigkeit über den Fahrpreis. – Er verbeugte sich tief, indem er mit beiden Händen nach der Mütze griff – und fuhr dann langsam davon über die glatte Schneefläche der menschenleeren Straße, die der graue Nebel des Januarfrostes einhüllte.
Als ich noch vor vielen Jahren in Petersburg lebte, knüpfte ich jedesmal, wenn ich eine Droschke nehmen mußte, mit dem Kutscher ein Gespräch an.
Besonders gern unterhielt ich mich mit den Nachtkutschern, armen Bauern aus der Umgegend, die mit einem gelbgestrichenen Schlitten und einem ärmlichen Karrengaul in die Hauptstadt kamen – in der Hoffnung, dort selber ihren Unterhalt zu finden, wie auch die Abgabe an ihre Gutsherren erübrigen zu können. Einst nahm ich wieder mal einen solchen Kutscher ... Ein Bursche von etwa zwanzig Jahren, hochgewachsen, stämmig, wie aus Kernholz; mit blauen Augen und frischroten Backen; sein Haar quoll in blonden Locken unter der tief bis auf die Augenbrauen herabgezogenen geflickten Mütze hervor. – Und wie hatte er bloß diesen zerrissenen kleinen Kittel über seine riesigen Schultern ziehen können!
Indessen, das hübsche, bartlose Gesicht meines Kutschers schien bekümmert und betrübt.
Ich knüpfte ein Gespräch mit ihm an. Auch aus seiner Stimme klang Trübsal.
»Nun, Freundchen,« fragte ich ihn, »warum bist du so traurig? Drückt dich irgendein Kummer?«
Der Bursche zögerte mit der Antwort.
»Freilich, Herr, freilich,« brachte er schließlich heraus. »Und ein Kummer, wie er nicht größer sein kann. Mein Weib ist gestorben.«
»Du hast sie wohl sehr geliebt ... dein Weib?«
Der Bursche wandte sich nicht zu mir um; er neigte nur ein wenig den Kopf.
»Freilich liebte ich sie, Herr. Acht Monat ists her, aber ich kanns nicht vergessen. Es frißt mir am Herzen ... immerfort! Warum hat sie auch sterben müssen? War doch jung! gesund!... AneinemTage hat die Cholera sie abgewürgt.«
»Sie war dir wohl ein braves Weib?«
»Ach Herr!« seufzte der arme Bursche schwer auf. »Und wie gut haben wir zusammengelebt! Sie ist ohne mich gestorben. Kaum hörte ich es hier, daß man sie gar schon begraben hätte, – da jagte ich augenblicklich zum Dorf, nach Hause. Ich kam an – da wars schon nach Mitternacht. Ich trete in meine Hütte, steh mitten in der Stube still und rufe so ganz leise: ‘Mascha! meine Mascha!’ Aber nur das Heimchen zirpt. – Da kommt mir das Heulen, ich werfe mich auf die Diele – wie habe ich da mit den Händen auf den Boden gehauen! – ‘Du unersättliche Grube!’ schrei ich ... ‘Sie hast du verschlungen ... dann verschling auch mich!’ – Ach Mascha!«
»Mascha!« – setzte er mit plötzlich versagender Stimme hinzu. Und ohne seine groben Zügel loszulassen, wischte er sich mit seinen Fausthandschuhen die Tränen aus den Augen, schüttelte sie ab, zuckte die Achseln – und sprach kein Wort mehr.
Als ich aus dem Schlitten stieg, gab ich ihm eine Kleinigkeit über den Fahrpreis. – Er verbeugte sich tief, indem er mit beiden Händen nach der Mütze griff – und fuhr dann langsam davon über die glatte Schneefläche der menschenleeren Straße, die der graue Nebel des Januarfrostes einhüllte.
Es war einmal ein Dummkopf.Lange Zeit lebte er in ungestörter Zufriedenheit; doch allmählich drangen Gerüchte zu seinen Ohren, daß er überall für einen hirnlosen Narren gelte.Das betrübte den Dummkopf, und er begann sorgenvoll darüber nachzugrübeln, wie er wohl diese fatalen Gerüchte aus der Welt schaffen könnte.Endlich erleuchtete ein glücklicher Gedanke seinen hohlen Kopf ... und ungesäumt ging er daran, ihn in die Tat umzusetzen.Auf der Straße begegnete ihm ein Bekannter – der über einen namhaften Maler lobend zu sprechen begann ...;»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »Diesen Maler hat man ja längst zum alten Eisen geworfen ... Das wissen Sie nicht? – Von Ihnen hätte ich das nicht erwartet ... Sie sind – sehr zurückgeblieben.«Der Bekannte erschrak – und pflichtete dem Dummkopf sofort bei.»Da habe ich heute ein herrliches Buch gelesen!« sagte ihm ein anderer Bekannter.»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »Schämen Sie sich denn nicht? Dies Buch hat ja nicht den geringsten Wert; alle Welt macht sich darüber lustig. – Das wissen Sie nicht? – Sie sind – sehr zurückgeblieben.«Auch dieser Bekannte erschrak – und stimmte dem Dummkopf bei.»Ein wundervoller Mensch, mein Freund N. N.!« äußerte ein dritter Bekannter zum Dummkopf. »Eine wahrhaft vornehme Natur!«»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »N. N. ist ein notorischer Schurke. Seine ganze Verwandtschaft hat er gebrandschatzt. Wer wüßte denn das nicht? – Sie sind – sehr zurückgeblieben!«Der dritte Bekannte erschrak gleichfalls, schenkte dem Dummkopf Glauben und sagte sich von seinem Freunde los. Und was man auch in Gegenwart des Dummkopfs loben mochte – für alles hatte er die gleiche Antwort.Höchstens daß er gelegentlich im Tone leisen Vorwurfs hinzufügte: »Glauben Sie denn immer noch an Autoritäten?«»Gift und Galle ist er!« begannen nun die Bekannten über den Dummkopf zu urteilen. – »Aber welch ein Kopf!« – »Und welche Redegewandtheit!« – setzten andere hinzu. – »O gewiß, er hat Talent!«Das Ende war, daß der Herausgeber eines Tageblattes dem Dummkopf die Leitung des kritischen Teiles übertrug.Da fing nun der Dummkopf an, alles und alle zu kritisieren, ohne seine gewohnte Art noch seine bisherigen Ausdrücke irgendwie zu ändern.Jetzt ist er, der einst Autoritäten befehdete – selbst eine Autorität – und die Jugend beugt sich vor ihm – und fürchtet ihn.Was sollten sie auch tun, die armen jungen Leutchen? – Es ist ja – im allgemeinen – fatal, sich beugen zu sollen ... indessen, es unterstehe sich nur mal einer und beuge sich nicht – gleich sitzt er im Topf der »Zurückgebliebenen«!Leicht hats ein Dummkopf unter Hasenfüßen.
Es war einmal ein Dummkopf.
Lange Zeit lebte er in ungestörter Zufriedenheit; doch allmählich drangen Gerüchte zu seinen Ohren, daß er überall für einen hirnlosen Narren gelte.
Das betrübte den Dummkopf, und er begann sorgenvoll darüber nachzugrübeln, wie er wohl diese fatalen Gerüchte aus der Welt schaffen könnte.
Endlich erleuchtete ein glücklicher Gedanke seinen hohlen Kopf ... und ungesäumt ging er daran, ihn in die Tat umzusetzen.
Auf der Straße begegnete ihm ein Bekannter – der über einen namhaften Maler lobend zu sprechen begann ...;
»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »Diesen Maler hat man ja längst zum alten Eisen geworfen ... Das wissen Sie nicht? – Von Ihnen hätte ich das nicht erwartet ... Sie sind – sehr zurückgeblieben.«
Der Bekannte erschrak – und pflichtete dem Dummkopf sofort bei.
»Da habe ich heute ein herrliches Buch gelesen!« sagte ihm ein anderer Bekannter.
»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »Schämen Sie sich denn nicht? Dies Buch hat ja nicht den geringsten Wert; alle Welt macht sich darüber lustig. – Das wissen Sie nicht? – Sie sind – sehr zurückgeblieben.«
Auch dieser Bekannte erschrak – und stimmte dem Dummkopf bei.
»Ein wundervoller Mensch, mein Freund N. N.!« äußerte ein dritter Bekannter zum Dummkopf. »Eine wahrhaft vornehme Natur!«
»Aber ich bitte Sie!« rief der Dummkopf. »N. N. ist ein notorischer Schurke. Seine ganze Verwandtschaft hat er gebrandschatzt. Wer wüßte denn das nicht? – Sie sind – sehr zurückgeblieben!«
Der dritte Bekannte erschrak gleichfalls, schenkte dem Dummkopf Glauben und sagte sich von seinem Freunde los. Und was man auch in Gegenwart des Dummkopfs loben mochte – für alles hatte er die gleiche Antwort.
Höchstens daß er gelegentlich im Tone leisen Vorwurfs hinzufügte: »Glauben Sie denn immer noch an Autoritäten?«
»Gift und Galle ist er!« begannen nun die Bekannten über den Dummkopf zu urteilen. – »Aber welch ein Kopf!« – »Und welche Redegewandtheit!« – setzten andere hinzu. – »O gewiß, er hat Talent!«
Das Ende war, daß der Herausgeber eines Tageblattes dem Dummkopf die Leitung des kritischen Teiles übertrug.
Da fing nun der Dummkopf an, alles und alle zu kritisieren, ohne seine gewohnte Art noch seine bisherigen Ausdrücke irgendwie zu ändern.
Jetzt ist er, der einst Autoritäten befehdete – selbst eine Autorität – und die Jugend beugt sich vor ihm – und fürchtet ihn.
Was sollten sie auch tun, die armen jungen Leutchen? – Es ist ja – im allgemeinen – fatal, sich beugen zu sollen ... indessen, es unterstehe sich nur mal einer und beuge sich nicht – gleich sitzt er im Topf der »Zurückgebliebenen«!
Leicht hats ein Dummkopf unter Hasenfüßen.
Wer kennt nicht in Bagdad den großen Dschaffar, die Sonne des Weltalls?Einst – vor langen Jahren – da er noch ein Jüngling war, lustwandelte Dschaffar in der Umgebung von Bagdad.Plötzlich traf ein heiserer Schrei sein Ohr: es rief jemand verzweifelt um Hilfe.Dschaffar zeichnete sich vor seinen Altersgenossen durch Klugheit und Besonnenheit aus; doch hatte er ein mitleidsvolles Herz – und vertraute auf seine Kraft. Er rannte dem Schrei nach und erblickte einen hinfälligen Greis, der von zwei Räubern gegen die Stadtmauer gedrückt und beraubt wurde.Dschaffar zückte seinen Säbel und stürzte sich auf die Räuber: einen schlug er nieder, den andern trieb er in die Flucht.Der befreite Greis fiel seinem Retter zu Füßen und sprach, indem er den Saum seines Mantels küßte: »Tapferer Jüngling, dein Edelmut soll nicht unbelohnt bleiben. Dem Aussehen nach bin ich zwar ein armer Bettler; doch nur dem Aussehen nach. Ich bin kein Mann aus niederem Stande, – komme morgen in der Frühe auf den großen Bazar; am Springbrunnen werde ich dich erwarten – und dann sollst du dich von der Wahrheit meiner Worte überzeugen.«Dschaffar dachte bei sich: »Dem Aussehen nach ist dieser Mann ein Bettler, ohne Zweifel; indessen – nichts ist unmöglich. Weshalb sollte ich es nicht versuchen?« und gab zur Antwort: »Gut, mein Vater, ich werde kommen.«Der Greis blickte ihm ins Auge – und entfernte sich.Am anderen Morgen, als es eben erst dämmerte, begab sich Dschaffar auf den Bazar. Am Springbrunnen, auf dessen Marmorrand er sich mit den Ellenbogen gestützt hatte, harrte seiner schon der Greis.Schweigend nahm er Dschaffar bei der Hand und führte ihn in einen kleinen Garten, der rings von hohen Mauern umgeben war.Mitten im Garten, auf einem grünen Rasenplatz, stand ein Baum von ungewöhnlichem Aussehen.Er glich einer Zypresse; nur war sein Laub von azurblauer Farbe.Drei Früchte – drei Äpfel hingen an den schmalen, aufwärtsstrebenden Zweigen: der eine von mittlerer Größe, länglich und milchweiß; der andere groß, rund und feuerrot; der dritte klein, verschrumpft und gelblich.Leise rauschte der Baum, obwohl es windstill war; zart und klagend klang sein Rauschen, wie der Ton des Glases. Es schien, als fühle er die Nähe Dschaffars. »Jüngling!« – hub der Greis nun an – »pflücke dir nach Belieben eine von diesen Früchten, doch wisse: pflückst du und ißt du die weiße – dann wirst du klüger werden als alle Menschen; pflückst du und ißt du die rote – dann wirst du so reich wie der Jude Rothschild; pflückst du und ißt du aber die gelbe – dann wirst du allen alten Weibern gefallen. Entscheide dich!... und zaudere nicht. In einer Stunde verwelken die Früchte, und der Baum selber versinkt in den stummen Schoß der Erde!«Dschaffar senkte sein Haupt und sann nach. – »Wie wähle ich hier am besten?« sprach er halblaut vor sich hin, gleich als ginge er mit sich selbst zu Rate. – »Wer allzu weise wird, könnte des Lebens überdrüssig werden; werreicher wird als alle Menschen, wird ihrem Neide verfallen; besser, ich pflücke und esse den dritten Apfel, den runzligen!«Und so tat er auch; der Greis aber lächelte mit seinem zahnlosen Munde und sprach: »O du weisester aller Jünglinge! Du hast das beste Teil erwählt! – Was sollte dir auch der weiße Apfel? Auch so bist du ja klüger als Salomo. – Den roten Apfel brauchst du gleichfalls nicht ... Auch ohne ihn wirst du reich werden. Aber deinen Reichtum wird dir niemand neiden können.«»Sag an, Alter,« entgegnete Dschaffar sich aufrichtend, »wo wohnt die ehrwürdige Mutter unseres gottgeliebten Kalifen?«Der Greis verneigte sich bis zur Erde – und wies dem Jüngling den Weg.Wer kennt nicht in Bagdad die Sonne des Weltalls, den großen, ruhmreichen Dschaffar?
Wer kennt nicht in Bagdad den großen Dschaffar, die Sonne des Weltalls?
Einst – vor langen Jahren – da er noch ein Jüngling war, lustwandelte Dschaffar in der Umgebung von Bagdad.
Plötzlich traf ein heiserer Schrei sein Ohr: es rief jemand verzweifelt um Hilfe.
Dschaffar zeichnete sich vor seinen Altersgenossen durch Klugheit und Besonnenheit aus; doch hatte er ein mitleidsvolles Herz – und vertraute auf seine Kraft. Er rannte dem Schrei nach und erblickte einen hinfälligen Greis, der von zwei Räubern gegen die Stadtmauer gedrückt und beraubt wurde.
Dschaffar zückte seinen Säbel und stürzte sich auf die Räuber: einen schlug er nieder, den andern trieb er in die Flucht.
Der befreite Greis fiel seinem Retter zu Füßen und sprach, indem er den Saum seines Mantels küßte: »Tapferer Jüngling, dein Edelmut soll nicht unbelohnt bleiben. Dem Aussehen nach bin ich zwar ein armer Bettler; doch nur dem Aussehen nach. Ich bin kein Mann aus niederem Stande, – komme morgen in der Frühe auf den großen Bazar; am Springbrunnen werde ich dich erwarten – und dann sollst du dich von der Wahrheit meiner Worte überzeugen.«
Dschaffar dachte bei sich: »Dem Aussehen nach ist dieser Mann ein Bettler, ohne Zweifel; indessen – nichts ist unmöglich. Weshalb sollte ich es nicht versuchen?« und gab zur Antwort: »Gut, mein Vater, ich werde kommen.«
Der Greis blickte ihm ins Auge – und entfernte sich.
Am anderen Morgen, als es eben erst dämmerte, begab sich Dschaffar auf den Bazar. Am Springbrunnen, auf dessen Marmorrand er sich mit den Ellenbogen gestützt hatte, harrte seiner schon der Greis.
Schweigend nahm er Dschaffar bei der Hand und führte ihn in einen kleinen Garten, der rings von hohen Mauern umgeben war.
Mitten im Garten, auf einem grünen Rasenplatz, stand ein Baum von ungewöhnlichem Aussehen.
Er glich einer Zypresse; nur war sein Laub von azurblauer Farbe.
Drei Früchte – drei Äpfel hingen an den schmalen, aufwärtsstrebenden Zweigen: der eine von mittlerer Größe, länglich und milchweiß; der andere groß, rund und feuerrot; der dritte klein, verschrumpft und gelblich.
Leise rauschte der Baum, obwohl es windstill war; zart und klagend klang sein Rauschen, wie der Ton des Glases. Es schien, als fühle er die Nähe Dschaffars. »Jüngling!« – hub der Greis nun an – »pflücke dir nach Belieben eine von diesen Früchten, doch wisse: pflückst du und ißt du die weiße – dann wirst du klüger werden als alle Menschen; pflückst du und ißt du die rote – dann wirst du so reich wie der Jude Rothschild; pflückst du und ißt du aber die gelbe – dann wirst du allen alten Weibern gefallen. Entscheide dich!... und zaudere nicht. In einer Stunde verwelken die Früchte, und der Baum selber versinkt in den stummen Schoß der Erde!«
Dschaffar senkte sein Haupt und sann nach. – »Wie wähle ich hier am besten?« sprach er halblaut vor sich hin, gleich als ginge er mit sich selbst zu Rate. – »Wer allzu weise wird, könnte des Lebens überdrüssig werden; werreicher wird als alle Menschen, wird ihrem Neide verfallen; besser, ich pflücke und esse den dritten Apfel, den runzligen!«
Und so tat er auch; der Greis aber lächelte mit seinem zahnlosen Munde und sprach: »O du weisester aller Jünglinge! Du hast das beste Teil erwählt! – Was sollte dir auch der weiße Apfel? Auch so bist du ja klüger als Salomo. – Den roten Apfel brauchst du gleichfalls nicht ... Auch ohne ihn wirst du reich werden. Aber deinen Reichtum wird dir niemand neiden können.«
»Sag an, Alter,« entgegnete Dschaffar sich aufrichtend, »wo wohnt die ehrwürdige Mutter unseres gottgeliebten Kalifen?«
Der Greis verneigte sich bis zur Erde – und wies dem Jüngling den Weg.
Wer kennt nicht in Bagdad die Sonne des Weltalls, den großen, ruhmreichen Dschaffar?
Einst gab es eine Stadt, deren Bewohner in solch leidenschaftlicher Weise der Poesie ergeben waren, daß, wenn einmal einige Wochen verstrichen, ohne daß neue schöne Verse bekannt wurden, sie eine solche Mißernte als ein öffentliches Unglück empfanden.Dann zogen sie ihre schlechtesten Kleider an, streuten sich Asche aufs Haupt, sammelten sich in Scharen auf den Plätzen und haderten unter bitteren Tränen mit der Muse, weil sie sich von ihnen abgewendet habe.An einem solchen Trauertage erschien der junge DichterJunius auf dem Platze, der von einer wehklagenden Volksmenge erfüllt war.Mit raschen Schritten bestieg er die eigens dazu hergerichtete Kanzel und verkündete durch ein Zeichen, daß er ein Gedicht vorzutragen wünsche.Sofort schwangen die Liktoren ihre Stäbe. »Ruhe, Aufmerksamkeit!« schrien sie laut – und erwartungsvoll verstummte die Menge.»Genossen! Freunde!« begann Junius mit tönender, aber etwas unsicherer Stimme:
Einst gab es eine Stadt, deren Bewohner in solch leidenschaftlicher Weise der Poesie ergeben waren, daß, wenn einmal einige Wochen verstrichen, ohne daß neue schöne Verse bekannt wurden, sie eine solche Mißernte als ein öffentliches Unglück empfanden.
Dann zogen sie ihre schlechtesten Kleider an, streuten sich Asche aufs Haupt, sammelten sich in Scharen auf den Plätzen und haderten unter bitteren Tränen mit der Muse, weil sie sich von ihnen abgewendet habe.
An einem solchen Trauertage erschien der junge DichterJunius auf dem Platze, der von einer wehklagenden Volksmenge erfüllt war.
Mit raschen Schritten bestieg er die eigens dazu hergerichtete Kanzel und verkündete durch ein Zeichen, daß er ein Gedicht vorzutragen wünsche.
Sofort schwangen die Liktoren ihre Stäbe. »Ruhe, Aufmerksamkeit!« schrien sie laut – und erwartungsvoll verstummte die Menge.
»Genossen! Freunde!« begann Junius mit tönender, aber etwas unsicherer Stimme:
»Genossen! Freunde all! Der Dichtkunst Gönner ihr!Bewundrer alles des, was edel und vollendet!Laßt euch vom trüben Leid des Augenblicks nicht beugen!Die frohe Stunde naht ... und Dunkel weicht dem Licht.«
»Genossen! Freunde all! Der Dichtkunst Gönner ihr!Bewundrer alles des, was edel und vollendet!Laßt euch vom trüben Leid des Augenblicks nicht beugen!Die frohe Stunde naht ... und Dunkel weicht dem Licht.«
Junius hielt inne ... aber als Antwort erscholl von allen Enden des Platzes her Lärmen, Pfeifen und Hohngelächter.Alle ihm zugewandten Gesichter flammten vor Unwillen, alle Augen blitzten vor Zorn, alle Hände erhoben sich, drohten, ballten sich zu Fäusten!»Mit solchen Stümpereien dachte er unseren Beifall zu erringen!« schrien zornige Stimmen. »Herunter von der Kanzel mit dem unbeholfenen Reimschmied! Fort mit dem Dummkopf. Faule Äpfel und Eier auf den hohlen Narren! Gebt Steine! Steine her!«Hals über Kopf flüchtete Junius von der Kanzel ... aber noch war er nicht bis an sein Haus gelangt, als donnerndes Händeklatschen, Beifallsruf und Freudengeschrei an sein Ohr drang.Von Zweifeln erfaßt, aber voll Sorge, erkannt zu werden – denn es ist gefährlich, ein wütendes Tier zu reizen –, kehrte Junius auf den Platz zurück.Und was sah er?Hoch über der Menge, von deren Schultern getragen, stand auf einem flachen goldenen Schilde, in einen purpurnen Mantel gehüllt, einen Lorbeerkranz auf dem wallenden Lockenhaar, sein Nebenbuhler, der junge Dichter Julius ... Rings aber schrie das Volk: »Heil! Heil! Heil dem unsterblichen Julius! In unserer Trübsal, in unserem großen Kummer hat er uns getröstet! Er hat uns mit Versen beschenkt, süßer als Honig, wohlklingender als Zimbelton, würziger als Rosenduft, klarer als Himmelsbläue! Tragt ihn in Jubel einher, salbt sein begnadetes Haupt mit köstlichem Balsam, kühlt seine Stirn durch sanftes Fächeln mit Palmenzweigen, streut zu seinen Füßen alle Wohlgerüche arabischer Myrrhen! Heil!«Junius näherte sich einem dieser Beifallsrufer. »Sage mir doch, lieber Mitbürger, mit welchen Versen Julius uns beglückt hat! Leider war ich nicht hier auf dem Platze, als er sie vortrug! Wiederhole sie mir doch, wenn du sie behalten hast, tu mir den Gefallen!«»Wie sollte man – solche Verse nicht im Gedächtnis behalten?« antwortete erregt der Gefragte. »Wofür hältst du mich denn? So höre – und jauchze, jauchze mit uns!‘Der Dichtkunst Gönner ihr!’ so begann der göttliche Julius ...
Junius hielt inne ... aber als Antwort erscholl von allen Enden des Platzes her Lärmen, Pfeifen und Hohngelächter.
Alle ihm zugewandten Gesichter flammten vor Unwillen, alle Augen blitzten vor Zorn, alle Hände erhoben sich, drohten, ballten sich zu Fäusten!
»Mit solchen Stümpereien dachte er unseren Beifall zu erringen!« schrien zornige Stimmen. »Herunter von der Kanzel mit dem unbeholfenen Reimschmied! Fort mit dem Dummkopf. Faule Äpfel und Eier auf den hohlen Narren! Gebt Steine! Steine her!«
Hals über Kopf flüchtete Junius von der Kanzel ... aber noch war er nicht bis an sein Haus gelangt, als donnerndes Händeklatschen, Beifallsruf und Freudengeschrei an sein Ohr drang.
Von Zweifeln erfaßt, aber voll Sorge, erkannt zu werden – denn es ist gefährlich, ein wütendes Tier zu reizen –, kehrte Junius auf den Platz zurück.
Und was sah er?
Hoch über der Menge, von deren Schultern getragen, stand auf einem flachen goldenen Schilde, in einen purpurnen Mantel gehüllt, einen Lorbeerkranz auf dem wallenden Lockenhaar, sein Nebenbuhler, der junge Dichter Julius ... Rings aber schrie das Volk: »Heil! Heil! Heil dem unsterblichen Julius! In unserer Trübsal, in unserem großen Kummer hat er uns getröstet! Er hat uns mit Versen beschenkt, süßer als Honig, wohlklingender als Zimbelton, würziger als Rosenduft, klarer als Himmelsbläue! Tragt ihn in Jubel einher, salbt sein begnadetes Haupt mit köstlichem Balsam, kühlt seine Stirn durch sanftes Fächeln mit Palmenzweigen, streut zu seinen Füßen alle Wohlgerüche arabischer Myrrhen! Heil!«
Junius näherte sich einem dieser Beifallsrufer. »Sage mir doch, lieber Mitbürger, mit welchen Versen Julius uns beglückt hat! Leider war ich nicht hier auf dem Platze, als er sie vortrug! Wiederhole sie mir doch, wenn du sie behalten hast, tu mir den Gefallen!«
»Wie sollte man – solche Verse nicht im Gedächtnis behalten?« antwortete erregt der Gefragte. »Wofür hältst du mich denn? So höre – und jauchze, jauchze mit uns!
‘Der Dichtkunst Gönner ihr!’ so begann der göttliche Julius ...
‘Der Dichtkunst Gönner ihr! Genossen! Freunde all!Bewundrer alles des, was edel, groß und herrlich!Laßt euch vom schweren Harm des Augenblicks nicht trüben!Die freudge Stunde naht – und Tag verscheucht die Nacht!’
‘Der Dichtkunst Gönner ihr! Genossen! Freunde all!Bewundrer alles des, was edel, groß und herrlich!Laßt euch vom schweren Harm des Augenblicks nicht trüben!Die freudge Stunde naht – und Tag verscheucht die Nacht!’
Herrlich, nicht wahr?«»Um Himmels willen!« rief Junius aus, »das sind ja doch meine eigenen Verse! – Julius hat sich gewiß unter der Volksmenge befunden, als ich sie vortrug – er hat sie gehört und dann wiederholt, wobei er nur einige Ausdrücke – und keineswegs zum Vorteil – veränderte!«»Aha! Jetzt erkenne ich dich ... du bist Junius,« entgegnete stirnrunzelnd der angesprochene Bürger. »Ein Neidhammel bist du oder ein Dummkopf!... So überlege doch nur dies eine, Unglücklicher! Wie erhaben heißt es bei Julius: ‘Und Tag verscheucht die Nacht!’ ... Bei dir dagegen – so recht abgeschmackt: ‘Und Dunkel weicht dem Licht!’ – Welches Licht?! Welches Dunkel?!«»Ja, ist das denn nicht ein und dasselbe?« wagte Junius einzuwenden ...»Ein einziges Wort noch,« unterbrach ihn der Bürger, »und ich rufe das Volk auf ... das dich zerreißen wird!«Junius schwieg wohlweislich still, indes ein grauhaariger alter Mann, der sein Gespräch mit dem Bürger gehört hatte, auf den niedergeschlagenen Dichter zutrat, ihm die Hand auf die Schulter legte und sprach:»Junius! Du gabst Selbstgeschaffenes, aber zur Unzeit; der andere gab nicht Selbstgeschaffenes, doch zur rechten Zeit. – Folglich hat er recht – dir aber bleibt der Trost deines reinen Gewissens.«Doch während das reine Gewissen – so gut und so weit es irgend vermochte ... in Wahrheit jedoch nur sehr schlecht – den Junius tröstete, der sich stumm in einen Winkel gedrückt hatte, schwebte in der Ferne, unter tosendemBeifallsjauchzen, im goldenen Siegesglanz der Sonne, strahlend in Purpur, beschattet vom Lorbeerkranz, von frischem Balsamduft umweht, in feierlicher Langsamkeit, gleich einem Könige, der zur Krönung schreitet, – in gemessener, stolzer Haltung die Gestalt des Julius dahin ... und Reihen langer Palmenzweige hoben und neigten sich vor ihm, gleich als wollten sie mit ihrem stummen Sichaufrichten, ihrem demütigen Sichneigen die beständig sich erneuernde Verehrung ausdrücken, welche die Herzen seiner durch ihn bezauberten Mitbürger erfüllte.
Herrlich, nicht wahr?«
»Um Himmels willen!« rief Junius aus, »das sind ja doch meine eigenen Verse! – Julius hat sich gewiß unter der Volksmenge befunden, als ich sie vortrug – er hat sie gehört und dann wiederholt, wobei er nur einige Ausdrücke – und keineswegs zum Vorteil – veränderte!«
»Aha! Jetzt erkenne ich dich ... du bist Junius,« entgegnete stirnrunzelnd der angesprochene Bürger. »Ein Neidhammel bist du oder ein Dummkopf!... So überlege doch nur dies eine, Unglücklicher! Wie erhaben heißt es bei Julius: ‘Und Tag verscheucht die Nacht!’ ... Bei dir dagegen – so recht abgeschmackt: ‘Und Dunkel weicht dem Licht!’ – Welches Licht?! Welches Dunkel?!«
»Ja, ist das denn nicht ein und dasselbe?« wagte Junius einzuwenden ...
»Ein einziges Wort noch,« unterbrach ihn der Bürger, »und ich rufe das Volk auf ... das dich zerreißen wird!«
Junius schwieg wohlweislich still, indes ein grauhaariger alter Mann, der sein Gespräch mit dem Bürger gehört hatte, auf den niedergeschlagenen Dichter zutrat, ihm die Hand auf die Schulter legte und sprach:
»Junius! Du gabst Selbstgeschaffenes, aber zur Unzeit; der andere gab nicht Selbstgeschaffenes, doch zur rechten Zeit. – Folglich hat er recht – dir aber bleibt der Trost deines reinen Gewissens.«
Doch während das reine Gewissen – so gut und so weit es irgend vermochte ... in Wahrheit jedoch nur sehr schlecht – den Junius tröstete, der sich stumm in einen Winkel gedrückt hatte, schwebte in der Ferne, unter tosendemBeifallsjauchzen, im goldenen Siegesglanz der Sonne, strahlend in Purpur, beschattet vom Lorbeerkranz, von frischem Balsamduft umweht, in feierlicher Langsamkeit, gleich einem Könige, der zur Krönung schreitet, – in gemessener, stolzer Haltung die Gestalt des Julius dahin ... und Reihen langer Palmenzweige hoben und neigten sich vor ihm, gleich als wollten sie mit ihrem stummen Sichaufrichten, ihrem demütigen Sichneigen die beständig sich erneuernde Verehrung ausdrücken, welche die Herzen seiner durch ihn bezauberten Mitbürger erfüllte.
Auf der Heimkehr von der Jagd durchschritt ich die Gartenallee. Mein Hund lief vor mir her.Plötzlich hemmte er seinen Lauf und begann zu schleichen, gleich als wittere er vor sich ein Wild.Ich blickte die Allee hinunter und gewahrte einen jungen Sperling mit gelbgerandetem Schnabel und Flaum auf dem Köpfchen. Er war aus dem Neste gefallen – heftiger Wind schüttelte die Birken der Allee – und hockte unbeweglich, hilflos seine kaum hervorgesprossenen Flügelchen ausstreckend.Langsam näherte mein Hund sich ihm, als plötzlich, von einem nahen Baume sich herabstürzend, der alte schwarzbrüstige Sperling wie ein Stein gerade vor seine Schnauze zu Boden fiel und völlig zerzaust, verstört, mit verzweifeltem, kläglichem Gezeter mehrmals gegen den scharfgezahnten, geöffneten Rachen lossprang. Er warf sich über sein Junges, um es zu retten, mit dem eigenen Leibewollte er es schützen ... doch sein ganzer kleiner Körper bebte vor Schrecken, sein Stimmchen klang wild und heiser, Betäubung erfaßte ihn, er opferte sich selbst!Als welch riesengroßes Untier mußte ihm der Hund erscheinen! Und dennoch hatte er nicht auf seinem hohen, sicheren Aste zu bleiben vermocht ... Eine Macht, stärker als sein Wille, riß ihn von dort herab.Mein Tresor hielt inne, wich zurück ... Sichtlich begriff auch er diese Macht.Schnell rief ich meinen verblüfften Hund zurück und entfernte mich, Ehrfurcht im Herzen.Ja; lächelt nicht darüber. Ehrfurcht empfand ich vor diesem kleinen heldenmütigen Vogel, vor der überströmenden Kraft seiner Liebe.Die Liebe, dachte ich, ist stärker als der Tod und die Schrecken des Todes. Sie allein, allein die Liebe erhält und bewegt unser Leben.
Auf der Heimkehr von der Jagd durchschritt ich die Gartenallee. Mein Hund lief vor mir her.
Plötzlich hemmte er seinen Lauf und begann zu schleichen, gleich als wittere er vor sich ein Wild.
Ich blickte die Allee hinunter und gewahrte einen jungen Sperling mit gelbgerandetem Schnabel und Flaum auf dem Köpfchen. Er war aus dem Neste gefallen – heftiger Wind schüttelte die Birken der Allee – und hockte unbeweglich, hilflos seine kaum hervorgesprossenen Flügelchen ausstreckend.
Langsam näherte mein Hund sich ihm, als plötzlich, von einem nahen Baume sich herabstürzend, der alte schwarzbrüstige Sperling wie ein Stein gerade vor seine Schnauze zu Boden fiel und völlig zerzaust, verstört, mit verzweifeltem, kläglichem Gezeter mehrmals gegen den scharfgezahnten, geöffneten Rachen lossprang. Er warf sich über sein Junges, um es zu retten, mit dem eigenen Leibewollte er es schützen ... doch sein ganzer kleiner Körper bebte vor Schrecken, sein Stimmchen klang wild und heiser, Betäubung erfaßte ihn, er opferte sich selbst!
Als welch riesengroßes Untier mußte ihm der Hund erscheinen! Und dennoch hatte er nicht auf seinem hohen, sicheren Aste zu bleiben vermocht ... Eine Macht, stärker als sein Wille, riß ihn von dort herab.
Mein Tresor hielt inne, wich zurück ... Sichtlich begriff auch er diese Macht.
Schnell rief ich meinen verblüfften Hund zurück und entfernte mich, Ehrfurcht im Herzen.
Ja; lächelt nicht darüber. Ehrfurcht empfand ich vor diesem kleinen heldenmütigen Vogel, vor der überströmenden Kraft seiner Liebe.
Die Liebe, dachte ich, ist stärker als der Tod und die Schrecken des Todes. Sie allein, allein die Liebe erhält und bewegt unser Leben.
Ein prachtvoller, glänzend erleuchteter Saal; eine zahlreiche Gesellschaft von Herren und Damen. Ringsum lebensprühende Gesichter und eifrige Gespräche ... Die sprudelnde Unterhaltung dreht sich um eine berühmte Sängerin. Man vergöttert sie, nennt sie unsterblich ... O, wie herrlich hat sie gestern ihren letzten Triller hinausgeschmettert!Und plötzlich – wie auf den Wink eines Zauberstabes – verschwand von allen Köpfen und allen Gesichtern die zarte Hülle der Haut, und augenblicklich erschienen dieSchädel in ihrer Totenblässe, traten Kiefer und Backenknochen in bleigrauer Farbe hervor.Mit Entsetzen sah ich, wie sich alle diese Kiefer und Backenknochen bewegten und rührten – wie sich diese rundlichen, knöchernen Kugeln, im Scheine der Lampen und Kerzen widerstrahlend, hin und her wendeten – und wie sich in ihnen andere kleinere Kugeln drehten, die ausdruckslosen Augäpfel.Ich wagte nicht, mein eigenes Antlitz zu berühren, wagte auch nicht, mich im Spiegel zu betrachten.Die Totenschädel aber drehten sich wie zuvor ... Und mit derselben Lebhaftigkeit, kleine rote Lappen zwischen den fleischlosen Kinnladen geläufig hin und her bewegend, schwatzten die geschäftigen Stimmen davon, wie wunderbar, wie unübertrefflich die unsterbliche ... ja, die unsterbliche Sängerin ihren letzten Triller hinausgeschmettert habe!
Ein prachtvoller, glänzend erleuchteter Saal; eine zahlreiche Gesellschaft von Herren und Damen. Ringsum lebensprühende Gesichter und eifrige Gespräche ... Die sprudelnde Unterhaltung dreht sich um eine berühmte Sängerin. Man vergöttert sie, nennt sie unsterblich ... O, wie herrlich hat sie gestern ihren letzten Triller hinausgeschmettert!
Und plötzlich – wie auf den Wink eines Zauberstabes – verschwand von allen Köpfen und allen Gesichtern die zarte Hülle der Haut, und augenblicklich erschienen dieSchädel in ihrer Totenblässe, traten Kiefer und Backenknochen in bleigrauer Farbe hervor.
Mit Entsetzen sah ich, wie sich alle diese Kiefer und Backenknochen bewegten und rührten – wie sich diese rundlichen, knöchernen Kugeln, im Scheine der Lampen und Kerzen widerstrahlend, hin und her wendeten – und wie sich in ihnen andere kleinere Kugeln drehten, die ausdruckslosen Augäpfel.
Ich wagte nicht, mein eigenes Antlitz zu berühren, wagte auch nicht, mich im Spiegel zu betrachten.
Die Totenschädel aber drehten sich wie zuvor ... Und mit derselben Lebhaftigkeit, kleine rote Lappen zwischen den fleischlosen Kinnladen geläufig hin und her bewegend, schwatzten die geschäftigen Stimmen davon, wie wunderbar, wie unübertrefflich die unsterbliche ... ja, die unsterbliche Sängerin ihren letzten Triller hinausgeschmettert habe!
Ein Gespräch
Tagelöhner
Was drängst du dich zu uns? Was willst du? Du gehörst nicht zu uns ... Mach, daß du weiterkommst!
Der Weißhändige
Ich gehöre zu euch, Brüder!
Tagelöhner
Das wäre doch! Zu uns! Was fällt dir denn ein? Schau mal auf meine Hände. Siehst du, wie schmutzig die sind? Nach Dünger riechen sie und nach Teer, – deine Hände aber sind weiß. Wonach riechen die denn?
Der Weißhändige(seine Hände hinhaltend)
So rieche doch!
Tagelöhner(sie beriechend)
Was ist denn das? Gerade als röchen sie nach Eisen.
Der Weißhändige
Nach Eisen, so ist es. Volle sechs Jahre trug ich sie in Ketten.
Tagelöhner
Warum denn das?
Der Weißhändige
Darum, weil ich für euer Wohl gearbeitet habe, weil ich euch befreien wollte, euch geplagte, stumpfe Menschen; weil ich auftrat gegen eure Bedrücker, revoltierte ... Da haben sie mich denn gefangengesetzt.
Tagelöhner
Gefangengesetzt? Ja, wer hieß dich denn auch revoltieren?!
–Zwei Jahre später–
Einer derselben Tagelöhner(zum anderen)
Hör mal, Peter ... Du weißt doch noch, wie im vorvorigen Jahr so ’n weißhändiger Kerl mit dir schwatzte?
Zweiter Tagelöhner
Freilich ... na, und?
Erster Tagelöhner
Nun, hängen werden sie ihn heute; so ’n Befehl ist gekommen.
Zweiter Tagelöhner
Hat er denn wieder revoltiert?
Erster Tagelöhner
Wieder revoltiert!
Zweiter Tagelöhner
Na ... Weißt du was, Bruder Dmitry: laß uns zusehen, daß wir den Strick kriegen, mit dem er gehängt wird; so was soll doch ’n mächtiges Glück ins Haus bringen!
Erster Tagelöhner
Hast recht. Wollen doch zusehen, Bruder Peter.