Geehrte Versammlung!
In dem Vortrage, den ich vor ungefähr 4 Wochen in Ihrem Kreise gehalten habe, habe ich zunächst berichtet über die Erfahrungen, die in der hiesigen Optischen Werkstätte bei Einführung der Verkürzung der Arbeitszeit von bis dahin 9 auf 8 Stunden gewonnen worden sind, und ich habe diese Erfahrungen, die sich innerhalb meines eigenen Beobachtungsgebietes ergeben haben, zu verknüpfen versucht mit dem größeren Maßstabe der zahlreicheren Erfahrungen, die namentlich in England gewonnen worden sind in Rücksicht auf die Leistung der Arbeiter.
Ich bin dabei auf Grund des rein tatsächlichen Materials zu bestimmten Feststellungen gelangt, die ich hier kurz wiederhole.
Sie bestanden darin:
Erstens, auf allen Arbeitsgebieten, die in dieser großen Beobachtungsreihe Gegenstand der Beobachtung geworden waren, hat die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit keineHerabsetzungder Tagesleistung, in sehr vielen Fällen deutliche Anzeichen derSteigerungder Tagesleistung zur Folge gehabt — wie es auch bei uns der Fall war. Ich konnte auf Grund mehrerer von einander unabhängigen Feststellungen konstatieren, daß in unserem Betriebe in dem letzten Jahre bei achtstündiger Arbeitszeit 30 Leute soviel fertig gebracht hatten, wie in dem vorangegangenen Jahre bei neunstündiger Arbeitszeit ihrer 31.
Es war weiter festgestellt, daß dieses selbe Resultat, also das Konstantbleiben bezw. Steigen des Tagewerks, eingetreten ist bei den allerverschiedenartigsten Arbeiten, nicht nur in dem Spielraum der Verschiedenheit, wie er in unserem Betriebe gegeben ist, der im wesentlichen doch feinere Arbeiten umfaßt, sondern auch auf Arbeitsgebieten gänzlich anderer Art. Ich konnte aussprechen, daß das gleiche Resultat in Schneiderwerkstätten, auf der anderen Seite in Kanonenschmieden, bei Feinoptikern und bei Kohlenhäuern — auf Arbeitsgebieten gänzlich heterogener Art nach rein tatsächlichen Feststellungen eingetreten ist, und daß der Eintritt dieses Erfolges gänzlich unabhängig sei — und darauf habe ich besonders Wert gelegt — von der Frage, ob die beteiligten Personen mit ihremWillendarauf hinwirken, einen Arbeitsausfall bei verkürzter Arbeitszeit zu verhindern, oder ob sie diesen Willen nicht, ob sie gar kein Interesse daran haben.
Ich konnte darauf hinweisen, daß trotz guten Willens und trotz deutlich erkennbaren Interesses bei einer Verlängerung der Arbeitszeit eine Steigerung der Arbeitsleistungnur ganz vorübergehendeintritt, und nach ganz kurzer Zeit die Leistung in der verlängerten Arbeitszeit nur noch derjenigen in der kürzeren Zeit entspricht. Ich konnte konstatieren auf der anderen Seite, daß, wo die Leute gar kein Interesse daran gehabt haben, bei verkürzter Arbeitszeit dasselbe zu leisten, wo sie im Gegenteil ein gewisses Interesse gehabt haben, das zu verhindern, dennoch derselbe Erfolg eingetreten ist, daß keine Minderung stattgefunden hat.
Ich habe auf die letztere Feststellung ganz besonders Wert gelegt, weil ich aus ihr den Schluß zu ziehen für berechtigt halte, daß diese Anpassung der Intensität der Arbeit an die Dauer — in der Art, daß der kürzeren Arbeitsdauer eine gesteigerte und der längeren eine verminderte Intensität entspricht — sich vollzieht den einzelnen vollkommen unbewußt, automatisch sozusagen, und zwar so unbewußt, wie die Beobachtungen in meinem Erfahrungskreis ergeben haben, daß viele, daß die meisten gar keine Ahnung davon gehabt haben, im Gegenteil gar nicht daran geglaubt haben, und erst nachträglich darüber belehrt werden mußten, daß sie intensiver gearbeitet haben.
Ich habe damals — in diesem früheren Vortrage — erklärt, daß ich auch in der Lage zu sein glaube, von diesen scheinbar befremdlichen, in manchen Punkten sogar paradoxen Beobachtungen dieErklärungzu geben, und dazu will ich nun heute übergehen, wobei ich glaube, daß es sich nicht nur um ein theoretisches Interesse handelt, eine merkwürdige typische Erscheinung auf ihre Ursachen zurückführen zu können, sondern um einen Vorgang auch von einem praktischen Wert, weil, wenn man die Bedingungen des Eintretens irgend einer bestimmten Wirkung erfassen kann, man die Unterlagen gewinnt zu sicheren Schlußfolgerungen für die Fortsetzung der Erfahrung.
Solange man nur auf bloße Tatsachenfeststellungen angewiesen ist, ist jede Fortsetzung der Schlüsse über das Unmittelbare hinaus Sache der rein mechanischen Induktion. Wenn man in 99 Fällen nicht weiß, worauf etwas beruht, untersteht man der Unsicherheit, ob nicht im hundertsten Falle andere Bedingungen eintreten. Wenn man aber die Unterlagen gewonnen hat, um die Bedingungen nachzuweisen — sei es, wenn nicht in 99, auch nur in 3 oder 4 Fällen — von denen ein bestimmter Erfolg abhängigist, so hat man in der Erkenntnis eine viel sicherere Basis, um über das unmittelbare Beobachtungsgebiet hinaus sagen zu können: in dem Falle wird ein ähnlicher Erfolg eintreten, in dem Falle wird er nicht eintreten.
Meine Erklärung des so vorher kurz in der Zusammenfassung meiner früheren Mitteilungen gegebenen Beobachtungsresultates geht nun aus von einer ganz einfachen Erwägung. Ich sage: das Charakteristische dieser Wahrnehmungen besteht darin, daß sie ein durchaus übereinstimmendes Verhalten bekunden von Leuten gänzlich verschiedener Beschäftigungsart, so verschieden, wie eben Grobschmied und Schneider, Feinoptiker und Kohlenhäuer, und ein ganz übereinstimmendes Verhalten von Leuten ganz verschiedener Nationalität, ganz verschiedener Lebensweise, ganz verschiedenen Lebensgewohnheiten. Auf der einen Seite die englischen Arbeiter in den Maschinenfabriken und Kohlenbergwerken von Northumberland und Durham, auf der anderen Seite unsere thüringischen Industriearbeiter und die anderen Gruppen von Arbeitern, in bezug auf welche ähnliche Beobachtungen schon in Deutschland gemacht worden sind. Ich sage, was sich zeigt als vollkommen übereinstimmende Reaktion bei so ganz verschiedenen Leuten hinsichtlich derselben Einwirkung, nämlich Verkürzung der täglichen Arbeitszeit, das kann seinen Grund nur haben inUrsachen, dieallen gemeinsam sind, dieauf alle in derselben Art wirken; und da bleiben nur übrig nach der objektiven Seite hin, nämlich unter dem Gesichtspunkte der Verschiedenheit der Betätigung der Personen, solche Ursachen, diealler industriellen Arbeit, so wie sie sich jetzt gestaltet hat, ingleicher Art zukommen, und nach der subjektiven Seite hin, insoweit die Person dabei beteiligt ist, können nur solche Ursachen betrachtet werden, denenalle Menschen überhaupt unterliegen, d. h.also gewisse allgemeine Bedingungen im menschlichen Organismus.
So bin ich denn am Leitfaden dieser allgemeinen Erwägungen zur Fragestellung gekommen:
1. Was ist gemeinsam in Hinsicht auf die Betätigung der Personen auf so ganz heterogenen Arbeitsgebieten?
2. Was ist in Hinsicht auf die zu betrachtende Wirkung allen Menschen gemeinsam, die den gewöhnlichen Bedingungen, die der menschliche Organismus bietet, unterliegen?
Hinsichtlich des ersten: was ist das Gemeinsame so verschiedener Betätigung der Personen? ist es nun in der Tat möglich,etwas nachzuweisen, was alle verknüpft. Das ist ein gemeinsames Merkmal all der Arbeitstätigkeit, die man jetzt bezeichnet alsindustrielle Arbeit, im bewußten Gegensatz zu der Arbeitsbetätigung z. B. in der Landwirtschaft oder Forstwirtschaft, im Gegensatz weiter zur Arbeitsbetätigung im alten Handwerk, im Handwerk alten Stils — nicht etwa was man jetzt Kleingewerbe nennt, nämlich die Wirkungen, welche dieArbeitsteilungherbeigeführt hat.
Alles, was unsere industrielle Arbeit von anderen Arbeitsgebieten unterscheidet, ist charakterisiert durch ein ganz durchgehendes Merkmal, welches mit dem Stichwort »Wirkungen der Arbeitsteilung« zu bezeichnen ist. Nämlich 1. die fortdauernd täglich ganz gleichmäßig quantitativ und qualitativ sichwiederholendeTätigkeit, die immer sich wiederholendeEinseitigkeit, mit der sie geübt wird, die Tag für Tag dieselbe Art von Anstrengung bringt, dieselben Muskelpartien ermüdet, dieselbe Art von Körperhaltung aufnötigt, dieselbe Gruppe von Tätigkeiten, von Einzelaktionen aufzwingt, im Gegensatz zu der Mannigfaltigkeit der Beschäftigung, wie sie früher, in der alten Zeit, das Handwerk bot, wo der Handwerksgeselle aus dem Rohprodukt heraus, um das fertige Erzeugnis herzustellen, die allerheterogensten Dinge zu betreiben hatte, auch im Gegensatz zu der Betätigung in der Landwirtschaft, wo viel vom Wetter abhängt, und der eine Tag diese, der andere Tag eine ganz andere Tätigkeit auferlegt.
Ich sage, diese Arbeitsteilung, die Voraussetzung geworden ist für alle technischen Fortschritte im Laufe der letzten Jahrzehnte — wenn man auch ihre Wirkungen in vielen Punkten beklagen mag, die aber nicht mehr zu redressieren ist — drückt der industriellen Arbeit ihren ganz bestimmten Stempel auf in derGleichförmigkeit der Inanspruchnahmeder Menschen. Mit dieser Gleichförmigkeit und fortgesetzt übereinstimmenden Einförmigkeit ist nun gegeben die fortgesetzte Ermüdung immer derselben Organe, derselben Muskelgruppen, derselben Nervenzentren, derselben Gehirnpartien, weil alle Verrichtungen, mögen sie in Muskel- oder Sinnesarbeit bestehen, immer in derselben Weise von Früh bis Abend, Tag für Tag, jede Woche, sich wiederholen.
Ich sage, das ist das Gemeinsame, was so verschiedene Arbeitsgebiete übereinstimmend charakterisiert — unter dem Gesichtspunkte übereinstimmend, ob Nähnadel oder Schmiedehammer, wenn nur der Schmied nicht schneidern will und umgekehrt, wenn nur jeder die ihm gewohnte Arbeit verrichtet, für die er geübt ist, daß esin beiden Fällen die Inanspruchnahme derselben Organe und derselben Sinne ist.
Das zweite, das Gemeinsame was übergreift über die Verschiedenartigkeit der Nationalität, was also zum Ausdruck kommt in der Übereinstimmung des Erfolges bei Thüringer Arbeitern und bei Englischen Arbeitern, kann nun nichts anderes sein, als irgend ein gemeinsamer Grund, der im menschlichen Organismus bedingt ist im Hinblick auf die Wirkungsweise gleichartiger, Tag für Tag sich wiederholender, ermüdender Beschäftigung. Und da ist es denn nun sehr leicht, wenn man das beides kombiniert, den Gesichtspunkt zu finden für die Erklärung, die ich, glaube den vorher charakterisierten Beobachtungen geben zu können.
Wenn durch eine täglich sich wiederholende Tätigkeit, die in denselben Bahnen, in denselben Formen sich wiederholt, am Ende des Tages jeder, der daran teil nimmt, sich ermüdet hat, so kann diese Tätigkeit nicht mehr Tag für Tag fortgesetzt werden, außer wenn bis zum Morgen des folgenden Tages, durchschnittlich Tag für Tag, diese Ermüdung vollkommen durch die bis zum Wiederbeginn am nächsten Tage dazwischen liegende Ruhezeit und durch die Wirkung der Ernährungausgeglichenist. Wenn man annehmen wollte, daß zwischen der Ermüdung durch die Arbeit und der Ausgleichung derselben, der Erholung bis zum nächsten Tage, das geringste Defizit bliebe, das für den einzelnen Tag gar nicht bemerkbar sei, aber sich täglich wiederholt, so müßte die Konsequenz notwendig sein, daß die betreffende Person nach einem kürzeren oder längeren Zeitraum physisch herunterkommt. Es ist dasselbe, als wenn jemand täglich Geld ausgibt, wenn auch nur wenig mehr als er einnimmt, aber wenn das dauernd so fortgeht, so vermehrt sich sein Verlust und er muß bankerott werden.
Ich kann also sagen: es muß für alle Arbeiter, die unter diesen Bedingungen stehen, tägliche Wiederholung eines bestimmten Kräfteverbrauches und täglicher Ersatz durch Ruhe und Ernährung, dem Durchschnitt nach Tag für Tag ein vollständigesGleichgewichthergestellt werden. Die Ermüdung oder der Kräfteverbrauch muß im Durchschnitt Tag für Tag vollkommen Ausgleichung finden durch den Kräfteersatz oder die Erholung, in der Ruhe und Ernährung, weil das geringste Defizit sich fortwährend summieren und schließlich zerstörend wirken müßte.
Es würde auf Grund einer solchen Erwägung möglich sein, zu Schlußfolgerungen zu kommen, auch wenn man in Hinsichtauf die dabei gebrauchten Begriffe — Kräfteverbrauch oder Ermüdung und Kräfteersatz oder Erholung — stehen bleiben müßte bei den populären Vorstellungen, die im wesentlichen an subjektive Empfindungen appellieren, was Ermüdung oder Erholung sei. Für die weitere Prüfung meiner Schlußfolgerungen ist es aber nicht ohne Bedeutung, daß ich hinzufügen kann: diese scheinbar vagen Begriffe entsprechen nachweisbar gewissen ganz bestimmten quantitativen Veränderungen im körperlichen Organismus, die unmittelbar durch Größen-Bestimmungen zu fassen sind.
Es ist nämlich ein feststehendes Ergebnis der physiologischen Forschung, daß alles, was wir Ermüdung nennen, in letzter Instanz ist eine Änderung der stofflichen Zusammensetzung in den letzten Elementen des Menschen, eine Störung im Wesen des Protoplasma der Zelle, daß alle Ermüdung infolge der Arbeitstätigkeit der Organe ihren Grund hat in einem Verbrauch an bestimmten Stoffen, deren Vorhandensein unentbehrlich ist für die normale Funktion der Organe, und zum anderen Teile besteht in der Anhäufung von Stoffen in den Elementen des Organismus, die störend wirken für die normale Fortsetzung der Funktionen, die wie Gift wirken. Alle akuten Ermüdungserscheinungen, wie sie gelegentlich vorkommen, sind notorisch Vergiftungserscheinungen.
Wir haben also in dem, was wir Ermüdung nennen, eine Summe von stofflichen Veränderungen, die teilweise besteht in dem Eintreten eines Defizits an Stoffen, die notwendig für die Erhaltung der normalen Funktionen sind, andererseits besteht in einem Überschusse von Stoffen, die nachteilig sind.
Diese Ermüdung, die sich durch die Stoffveränderungen ergibt, trifft in erster Reihe und zunächst diejenigen Organe, die der Ermüdung unmittelbar ausgesetzt sind, also bei schwerer Muskelarbeit die Muskeln, bei intensiver Nervenarbeit, bei angespannter Aufmerksamkeit, in erster Reihe die Zusammensetzung der Nerven, vielleicht die Gehirnpartien, die Organe, die in erster Reihe die Tätigkeit vermitteln. Durch die Wirkung des Blutkreislaufes wird aber die spezifische Ermüdung immer ausgedehnt auf den ganzen Körper, so daß eine Ermüdung durch geistige Tätigkeit zugleich eine Ermüdung des Körpers bezüglich der Muskeltätigkeit involviert und umgekehrt. Es wird also der Überschuß an schädlichen Bestandteilen allmählich auf den ganzen Körper verteilt und gibt eine allgemeine Ermüdung.
Ich führe das hier bloß zu dem Zwecke an, um erkennbar zu machen, daß meine weiteren Deduktionen eine feste Basis haben, daß, wenn ich also im Sinne der vorhin vorangestellten Betrachtungen sage, die Erhaltung des menschlichen Organismus erfordert, daß Tag für Tag der durch die Tätigkeit bedingte Kräfteverbrauch ausgeglichen wird durch einen entsprechenden Kräfteersatz, durch Ruhe und Ernährung, oder wenn ich sage, es muß die Erholung der Ermüdung gleich sein, ich dabei mit realen Begriffen argumentiere.
Nun scheint die Berufung auf eine solche Forderung der Gleichheit zwischen dem täglichen Durchschnitt von Kräfteverbrauch und Kräfteersatz eine sehr triviale Sache zu sein; es gewinnt aber dieser Satz die Bedeutung einer Grundlage für weitere wichtige Schlußfolgerungen, sowie man daran geht sich klar zu machen, von welchen Umständen hängt denn auf der anderen Seite das ab, was ich Kräfteverbrauch oder Ermüdung und Kräfteersatz oder Erholung nenne.
Da ist denn nun bei leichter Überlegung sofort zu sagen — was ich Ihnen als Hauptargument hier vorführe — daß wir in dem, was bei der täglich wiederkehrenden Arbeit eines Mannes die Ermüdung begründet,drei deutlich unterschiedene Teilehaben, die additiv sich zusammensetzen.
Der eine Teil ist bestimmt lediglich durch dieGröße des täglichen Arbeitsproduktes, und zwar unabhängig von der Zeit, in welcher es geleistet wird. Z. B. wenn ein Mann an einer Drehbank, und zwar ein Mann, der eine bestimmte Fertigkeit besitzt, etwa 50 gleiche Drehstücke herzustellen hat, so gehört für ihn dazu eine bestimmte Anzahl aufeinanderfolgender Handgriffe und eine bestimmte Zahl von Sinneswahrnehmungen für die Kontrolle seiner Arbeit, eine ganz bestimmte Anzahl von Willensimpulsen, die er braucht, um seine Arbeit zu leisten; und wenn er statt 50 100 Stück hergestellt hat, so hat er alle diese einzelnen Akte in doppelter Zahl nötig gehabt, ganz unabhängig davon, ob er 5, 6 oder 10 Stunden gebraucht hat.
Es ist in der Größe des Arbeitsproduktes ein Maßstab gegeben für dieGröße des Kräfteverbrauchs. Für verschiedene Personen ist das verschieden. Wer größere Erfahrung, größere Fertigkeit hat, wer mit größerer Umsicht und Zweckmäßigkeit zu arbeiten gelernt hat, weiß es fertig zu bringen, daß er mit viel geringerem Kräfteverbrauch dasselbe macht wie ein anderer, miteinemBlick das übersieht, wozu ein andererdreiBlicke nötig hat; doch ist unter denen, die unter denselben Bedingungen arbeiten, jedenfalls ein Teil, dessen Kräfteverbrauch in der täglichen Arbeitszeit pure proportional ist der Größe seines Arbeitsproduktes.
Ein zweiter Teil ist abhängig von derGeschwindigkeit, mit der die Arbeit geleistet wird. Im allgemeinen wird anzunehmen sein, daß, wenn dieselbe Leistung in kürzerer Zeit erfolgen soll, das Tempo beschleunigt werden muß, das eine größere Anstrengung bedeuten wird. Es ist aber gleich in bezug hierauf zu sehen, nach Anleitung naheliegender Erfahrungen, die jeder an sich selbst machen kann, daß dieser Teil des Kräfteverbrauchs, der von der Geschwindigkeit der Arbeitsleistung abhängt, der also steigt, wenn man verlangt, daß schneller gearbeitet wird, daß dieser in weiten Grenzen konstant bleibt und erst beim Erreichen einer sehrgroßen Geschwindigkeitmerklich in Betracht kommt. Es braucht sich nur jemand zu überlegen, daß, wenn er etwa einen bestimmten Weg, sagen wir von 4 km, einmal langsamer und einmal schneller geht, die Verschiedenheit der Kraftanstrengung unmerklich, nämlich so lange dieselbe ist, als er nicht etwa zum Laufschritt überzugehen hat. Dasselbe, glaube ich sagen zu können, tritt auch für alle technischen Arbeiten ein, solange noch die Verschiedenheiten der Geschwindigkeit in den Grenzen liegen, in denen gewohnheitsmäßig gearbeitet werden kann —etwasrascher oder langsamer — und es ist nicht anzunehmen, daß »etwas rascher« einen besonderen Kräfteverbrauch bedeutet. Etwas anderes ist es aber, wenn die Beschleunigung, die Forderung, in der kürzeren Zeit dasselbe zu leisten, nötigt, sich anzutreiben, etwa die Operationen unter fortwährenden Willensimpulsen aufeinanderfolgen zu lassen; dann ist allerdings anzunehmen, daß die Beschleunigung des Arbeitstempos einebedeutendeSteigerung des Kräfteverbrauchs herbeiführen würde.
So haben wir zunächst in dem, was ich Kräfteverbrauch oder Ermüdung nenne, zwei deutlich verschiedene Teile, einen, der nur abhängig ist von der Größe des täglichen Arbeitsprodukts — den andern, der daneben nun noch abhängig ist von der Geschwindigkeit, von dem Tempo, in welchem es zu leisten ist. Dieser zweite Teil ist im allgemeinen zweifellos wachsend, wenn verlangt wird, daß dasselbe Tagewerk in der kürzeren Zeit zu leisten ist.
Das wichtigste ist aber nach meiner Meinung der dritte Bestandteil, der sich in diesem Kräfteverbrauch des industriellenArbeiters in seinem Tagewerk nachweisen läßt, der durchaus analog ist mit dem, was man bei den Maschinen »Kraftverbrauch für Leergang« nennt.
Die vorhin charakterisierte Konsequenz der Arbeitsteilung, die außerordentliche Gleichförmigkeit der Tätigkeit bringt es mit sich, daß mit wenigen Ausnahmen alle Arbeit der Industrie gemacht werden muß von Leuten, die den ganzen Tag entweder zu stehen oder zu sitzen haben; ganz wenige haben Gelegenheit, innerhalb der Tagesperiode eine nennenswerte Abwechslung zu haben. Wenn Sie sich vorstellen, was das heißen wollte, wenn ein Mann gar nicht zu arbeiten hätte, aber angehalten wäre, dieselbe Körperhaltung 8 oder 10 Stunden fortzusetzen, wie z. B. an der Drehbank 8 oder 10 Stunden täglich zu stehen, oder in einer gewissen Körperhaltung zu sitzen, wie man sie etwa bei Ausführung feiner Arbeiten nötig hat, so würde ein solcher am Ende der 8 oder 10 Stunden sehr ermüdet sein, obwohl er gar nichts getan hat.
Ich behaupte nun, daß, wenn diese Ermüdung einem Kräfteverbrauch entspricht, der lediglich bedingt ist durch das bloßeVerweilenan der Arbeitsstätte in derjenigen Körperhaltung, die seine Arbeit nötig macht, und in der Umgebung, in der er dabei ist, demselben Geräusch, demselben Lärm ausgesetzt, unter demselben Zwange der Aufmerksamkeit — wenigstens da wo Maschinenbetrieb ist — sich zu sichern, daß er kein Unheil anrichtet, oder daß ihm nicht Unheil angerichtet werde, — ich sage; daß, wenn diese rein passive Ermüdung einen ganzen großen Teil des Tagewerks der Leute bedeutet, jedeVerkürzung der Arbeitszeit, die also bewirkt, daß diese Leistung in der verkürzten Arbeitszeit sich zusammendrängt, einreiner Gewinn an Kraft für die beteiligtenPersonen sein muß.
Wenn ich mir nun denke, ein Mann könne ein bestimmtes Tagewerk in 8 Stunden leisten, und man nötigt ihn, 10 Stunden darauf zu verwenden, so ist das ganz genau dasselbe, wie wenn man ihm erlaubt, seine Arbeit in 8 Stunden fertig zu machen, ihm aber zumutet: du mußt nun noch 2 Stunden hier bleiben in derselben Körperhaltung, sitzend oder stehend, dasselbe Geräusch hören, dieselbe Aufmerksamkeit anwenden, um Gefahr abzuwenden, jedoch ohne etwas zu tun. Ich sage, genau in derselben Art, wie die Verkürzung der Arbeitszeit von 9 auf 8 Stunden uns eine bedeutende Ersparung gebracht hat für denLeergang der Maschinen, so bedeutet die Verkürzung der Arbeitszeit eine entsprechende Ersparung am Kraftverbrauch für denLeergang der Menschen. Dieser Nachweis des dritten Bestandteils für den gesamten Kräfteverbrauch weist hin auf den wichtigsten Teil unserer Betrachtung.
Ich habe ganz kurz nun noch auf der anderen Seite auf das von mir vorhin geforderte Gleichgewicht zwischen Kräfteverbrauch und Kräfteersatz hinzuweisen. Der Kräfteersatz durch Ernährung und Ruhe — wovon hängt der ab? Da ist zuerst zu sagen, er muß bei einem Mann abhängen von der physischen Beschaffenheit der Person, von seiner Robustheit, von seiner Gesundheit, von seinem Ernährungszustande. Ein Mann von kräftiger Ernährung in jungen Jahren, von normaler Lebensweise, wird imstande sein, in einer gewissen Ruhezeit eine vorangehende Ermüdung sehr viel eher völlig auszugleichen, wie ein älterer Mann oder ein durch Krankheit geschwächter oder einer, der durch unsolides Leben die Bedingungen des Wiederersatzes seiner Kräfte verschlechtert hat. Aber für ein und denselben Mann wird zweifellos die Zeit entscheidend sein, die ihm für diesen Kräfteersatz gegeben ist. Es kann auch nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß jemand, der ein bestimmtes Tagewerk hinter sich hat und bis zum Wiederbeginn des folgenden gleichen Tagewerks 16 Stunden Zeit hat für relative Ruhe, die wenigstens die Organe ruhen läßt, die bei seiner normalen Arbeit die stärkst ermüdeten sind, ein größeres Maß vorangegangener Ermüdung wird ausgleichen können, wie jemand, der nur 10 Stunden unter ganz gleichen Umständen für Erholung zur Verfügung hat. Das kann jedermann an sich probieren.
Es muß also notwendig in bezug auf die Bedingungen dieses Kräfteersatzes außer dem jeder einzelnen Person eigentümlichen Faktor, den man nennen könnte die Intensität des Stoffwechsels oder die Intensität seiner Lebensfunktionen, nun noch maßgebend sein eine Zeitbestimmung, nämlich dieDauer der ihm gelassenen Ruhezeit. Nun hat aber der Tag nur 24 Stunden; infolgedessen muß die Zeit der Ruhe zwischen jeder Tagesarbeit einfach die Differenz zwischen 24 Stunden und der Arbeitszeit sein; bei 8 Stunden Arbeit 16 Stunden Ruhe, bei 10 Stunden Arbeit nur 14 Stunden Ruhe.
So sieht man am Leitfaden dieser ganz einfachen Betrachtung, daß in Hinsicht auf die Herstellung dieses Gleichgewichtes zwischen Kräfteverbrauch und Kräfteersatz, zwischen Ermüdung und Erholung, die Arbeitszeit dreimal zur Geltung kommt; zweimal auf der Seite der Bestimmung des Kräfteverbrauches — das eine Mal im ungünstigen Sinne für die Verkürzung, insofern als die Verkürzung der Arbeitszeit intensivere Arbeit nötig macht, vorausgesetzt, daß ein gewisses Maß der Geschwindigkeit nicht überschritten wird, ein zweites Mal aber im ungünstigen Sinne, nämlich durch Verminderung, nach Analogie der Maschinen, der Leergangsarbeit des Menschen — daß aber außerdem nun noch dieselbe Größe der täglichen Arbeitszeit eine Rolle spielt auf der anderen Seite der Gleichung, in bezug auf den Kräfteersatz und zwar ingünstigemSinne, da die Verkürzung der Arbeitszeit und eine längere Ruhepause den Ersatz eines größeren Kräfteverbrauchs vermittelt.
Ohne daß man den mathematischen Zusammenhang nun weiter darzulegen braucht, wie ich es überflüssigerweise getan habe[41], ohne daß man auf diese näheren mathematischen Beziehungen einzugehen braucht, ist sofort zu sehen, daß, wenn diese Zusammenhänge richtig aufgefaßt sind, es verständlich ist, daß eine Verkürzung der Arbeitszeit nicht nur das Tagesprodukt ungeändert lassen, sondern unter Umständen die Tendenz haben kann, die Arbeitsleistung zu steigern, wie wir es in unseren Beobachtungen glauben konstatiert zu haben.
Es muß nämlich, wenn man den mathematischen Zusammenhang genau ansieht, für jede bestimmte Art von Verrichtungen und jede bestimmte Person ein Optimum existieren, nämlich eine kürzeste Arbeitszeit, bei der das größte Arbeitsprodukt herauskommt. Wo dieses liegt, wird wesentlich von der Art abhängen, wie sich die einzelnen Bestandteile des näheren bestimmen.
Wie groß dieser Kräfteverbrauch für Nichtarbeit, für Leergang, und für den Geschwindigkeitswiderstand, den bei intensiverem Tempo die Arbeit mit sich bringt, im einzelnen Falle ist, ist im wesentlichen Tatbestandsfrage. Es ist denkbar, daß es gewisse Verrichtungen gibt, welche ein Arbeiter 10 oder 9 Stunden lang macht, bei welchen aber eine weitere Beschleunigung des Tempos mit einer so großen Steigerung des Kräfteverbrauchs verbunden sein kann, daß er, wenn er auf 8 Stunden übergeht, weniger leistet.
Indem ich mich nun auf unsere Erfahrungen berufe und auf die Erfahrungen ähnlicher Art, die namentlich in England gemacht worden sind, kann ich nur sagen, diese Erfahrungen rechtfertigen die Annahme, daß für wenigstens drei Viertel aller industriellen Arbeiter — das Wort in dem Sinne gebraucht, wie ich es vorhin gebraucht habe — wahrscheinlich auch für einen größeren Bruchteil bei9 Stunden das Optimum noch nicht erreicht undbei8 Stunden noch nicht überschrittenist, und daß daher diese Beobachtungen, wie sie vorliegen, am Leitfaden dieser Erklärung die Meinung rechtfertigen, daß es möglich sein wird, auf fast allen Gebieten der industriellen Tätigkeit in Deutschland ohne jede Einbuße, ohne jede Herabsetzung des Tagewerks, in einem vernünftigen Tempo, nicht etwa nur zum Neunstundentag, sondern zum Achtstundentag überzugehen. Selbstverständlich meine ich nicht plötzlichen Übergang, sondern es kann sich nur darum handeln, allmählich die Menschen daran zu gewöhnen, die jetzt gewohnt sind, ihre Arbeitskraft zu vertrödeln, die gewissermaßen normale Ermüdung sich anzuschaffen, die sie gerade noch bis zum folgenden Tage durch Ruhe und Ernährung ersetzen können. Wie ich vorhin sagte, hat eine solche Erklärung zugleich die Bedeutung, daß sie nicht nur Aufschluß gibt über das, was wirklich beobachtet ist, sondern daß sie auch einen Leitfaden gibt, um über das Gebiet der unmittelbaren Beobachtungen hinaus Schlußfolgerungen zu ziehen.
Ich will, um nicht ins Weite zu gehen, nun nur noch ganz kurz erläutern, wie sich am Leitfaden dieser Erklärung ganz charakteristische Tatsachen, die auf den ersten Blick als außerordentliche erscheinen, als etwas ganz Selbstverständliches darstellen.
Ich habe damals erzählt, als ich in unserer Werkstätte mit einer Gruppe von Leuten den Versuch gemacht habe, sie zu veranlassen, sie möchten einmal mir zu Gefallen und wegen ihrer eigenen Interessen, als wir noch neunstündige Arbeitszeit hatten, 10 Stunden arbeiten, daß diese nach einer Woche zu mir kamen und meinten: die angehängte letzte Stunde drücke vom frühen Morgen ihre Arbeit herab, ich sollte ihnen ihr Versprechen zurückgeben. Und auf der anderen Seite ebenso die Tatsache, daß die Anhänger der Trade-Unions, wie im Woolwich-Arsenal, welche der Meinung waren, daß die Verkürzung der Arbeitszeit von 9 auf 8 Stunden Platz schaffen müsse für die Arbeitslosen, die Reserve-Armee vermindern müsse, die also gewiß der Ansicht waren, sie würden nicht in 8 Stunden dasselbe arbeiten wie vorher in 9 Stunden, dennoch dasselbe geleistet haben. Dies alles erklärt sich am Leitfaden einer solchen Betrachtung ganz einfach als etwas Selbstverständliches.
Unsere Leute, die damals den Anlauf nahmen, haben ganz gewiß in den ersten 9 Stunden des damals verlängerten Arbeitstages genau so gearbeitet, wie in der Woche vorher ihre 9 Stunden; da sie aber dann noch eine Stunde länger arbeiteten, haben sie sich in 10 Stunden mehr ermüdet und das vorher bestehende Gleichgewicht verschoben. Das haben sie am ersten Tag nicht bemerkt, auch am zweiten Tag nicht, aber allmählich ist das Defizit zum Vorschein gekommen, und da mußte einmal der Punkt kommen, wo die Bilanz stark gestört war; dann tritt das in die Erscheinung, was die Werkmeister Unmut und Verdrossenheit nennen; das sind die Waffen, mit denen der Körper sich wehrt. In dem Maße, als sich das Defizit anhäuft, drückt es auf ihre Arbeit vom frühen Morgen an; so verlangsamt sich das Tempo, bis es nach 14 Tagen so verlangsamt ist, daß die Tagesleistung trotz der Überstunde nur dieselbe ist, wie ohne Überstunde.
Und umgekehrt die englischen Arbeiter, die gar kein Interesse daran hatten, diesen Ausfall der geschenkten Stunde nachzuholen, weil sie in Zeitlohn arbeiteten, die im Gegenteil darauf rechneten, daß durch diese Stunde so viele von ihren arbeitslosen Kollegen im nächsten Jahr Arbeit haben würden, haben diese 8 Stunden genau so gearbeitet, wie die ersten 8 Stunden ihrer vorher neunstündigen Arbeitszeit, und sind dann eine Stunde früher vergnügt nach Hause gegangen, weniger ermüdet als früher, und so haben sie Tag für Tag einen kleinen Überschuß an Kraft behalten, der, nachdem er eine gewisse Größe erreicht hatte, bewirkte, daß sie vom frühen Morgen an ihre Arbeit mit größerer Frische begonnen haben, daß sie, ohne es zu wissen und ohne es zu wollen, dem englischen Staatsfiskus den Gefallen getan haben, in 8 Stunden dasselbe zu leisten wie vorher in 9 Stunden.
Diese Beispiele zeigen, wie diese automatische Anpassung des Tempos der Arbeit an die Dauer der täglichen Arbeitszeit bei den einzelnen sich vollzieht.
Ich habe mit dieser Betrachtung, die also, glaube ich, den Nachweis führt, daß das wesentlichste Moment unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten bei Verkürzung der Arbeitszeit besteht in der Ersparnis eines großen Kraftverbrauches für unnützen »Leergang« der Menschen — den terminus technicus von Maschinen auf den Menschen übertragen — dieeinevolkswirtschaftliche Bedeutung der Verkürzung der Arbeitszeit festgestellt.
Ich knüpfe meine weiteren Ausführungen an die Frage, mit der ich vor 4 Wochen meinen ersten Vortrag einleitete, indem ich auf die Tatsache hinweise, daß in England jetzt schon die durchschnittliche Arbeitszeit der gesamten industriellen Arbeiterschaft auf weniger als 9 Stunden herabgesunken ist, weil es nur ganz wenige Industriezweige, abgesehen von der Textilindustrie, gibt, die länger als 9, aber schon sehr viele, die weniger als 9 Stunden arbeiten, und gegenwärtig nicht weniger als eine Million englischer Arbeiter in den etwas gehobenen Industrien beim Achtstundentag angekommen sind; und bei den rapiden Fortschritten, die die Bewegung auf Verkürzung der Arbeitszeit macht, ist anzunehmen, daß in ganz kurzem Zeitraum wohl der Achtstundentag in England die herrschende Arbeitszeit sein wird.
Demgegenüber ist in Deutschland die normale durchschnittliche Arbeitszeit derselben Gruppen von Industriearbeitern sicher über 10 Stunden, weil es noch eine große Anzahl von Arbeitsgebieten der verschiedensten Art gibt, in denen noch 11 Stunden gearbeitet wird, und nur relativ wenige, 6-8000, haben in Deutschland die achtstündige Arbeitszeit.
Angesichts dieses Unterschieds muß die Frage entstehen, welchem von beiden Ländern kommt dieser Unterschied in Hinsicht auf den Wettbewerb mit anderen Ländern zunutze? Wird England mit seiner kurzen oder Deutschland mit seiner langen Arbeitszeit einen Vorteil in Hinsicht auf den Wettbewerb mit anderen Nationen haben?
Ich will gleich das Resultat voraussagen, zu dem ich durch meine Betrachtungen geführt werde. Es besagt, daß es ganz zweifellos ein Vorsprung sein wird, den England hat, daß England kraft dieser Verkürzung der Arbeitszeit eine sehr erhöhte Leistungsfähigkeit im ganzen Wirtschaftsleben hat, und daß, wenn Deutschland darin zurückbleiben sollte, wenn England dauernd diesen Vorsprung behalten sollte, für Deutschland die direkte Gefahr einer großen schweren Schädigung seiner Volkswirtschaft im Wettbewerb mit anderen Völkern, insbesondere mit dem fortgeschrittenen England, besteht.
Es könnte auf den ersten Blick fraglich sein, ob sich aus meinen früheren Ausführungen ein derartiger Schluß begründen läßt, denn es wird durch Verkürzung der Arbeitszeit das Tagewerk nicht vermindert, vielleicht sogar etwas gesteigert. Aber diese Steigerung wird man keinesfalls hoch anschlagen können:wir selbst haben ja auch nur eine Steigerung von ein paar Proz., die können ja doch nichts Ausschlaggebendes sein. Ob ein paar Proz. im günstigsten Falle mehr oder weniger — in der Hauptsache wird es dasselbe sein, ob die Leute 10 oder 8 Stunden arbeiten; es wird eben ungefähr dasselbe produziert.
Es sind damit zwar die Befürchtungen widerlegt, mit denen man früher den Bestrebungen auf Verkürzung der Arbeitszeit entgegentrat, daß die wirtschaftliche Konkurrenzfähigkeit eines Landes gelähmt werden könnte, wie auch die Hoffnungen widerlegt sind, daß die Verkürzung Platz schaffen werde für die Arbeitslosen; aber im übrigen bleibt doch höchstens der kleine Vorteil übrig, welchen die kleine Ersparnis an Betriebsunkosten bedeutet.
Wir dürfen annehmen, daß in unserem Betriebe, der Optischen Werkstätte, die Ersparnis im Kohlenverbrauch, an Heizerlöhnen, für Beleuchtung und Beheizung auf den Kopf des Arbeiters 6-8 M. jährlich beträgt; zwischen 10 und 8 Stunden Arbeit könnte man diese Ersparnis somit doch höchstens auf 15-20 M. anschlagen. Wenn man annimmt, daß in Deutschland 3 Millionen Leute sind, die in 8 Stunden ebensoweit kämen in ihrer Arbeit wie in den jetzt durchschnittlich 10 Stunden, so würde dieser Vorteil immer nur mit 30-40 Millionen Mark anzuschlagen sein, was in der Bilanz eines großen Landes ja nur eine ganz geringe Bedeutung hat.
Man würde sagen können, diese Frage hat gar keine besondere wirtschaftliche Bedeutung, sie ist mehr Sache des subjektiven Ermessens, ob man für besser und angenehmer finden will, daß die Leute 8 Stunden arbeiten und 16 Stunden Ruhe haben, oder 10 und 11 Stunden arbeiten und nur 14 oder 13 Stunden Ruhe haben.
Aber mit nichten! Bei dieser Überlegung würde man vergessen, daß zwar der Kraftverbrauch für Leergang der Maschinen, der seinen Ausdruck findet in dem nutzlosen Verbrennen von 30-40 Millionen M. mehr Kohlen, in Deutschland verschwendet ist, daß die Hauptsache aber die Kraftverschwendung in dem nutzlosen Leergang von 3 oder 4 MillionenMenschenin Deutschland ist. Und da ist die Frage: was bedeutet denn diese Kraftverschwendung, die zweifellos da ist, wenn es möglich ist, daß diese selben Menschen dasselbe in 8 Stunden leisten, was sie bisher in 10 Stunden gemacht haben? Auf wessen Kosten geht denn diese Kraftverschwendung? Geht dieselbe nur auf Kosten der Lebensannehmlichkeit der Leute, die es erfreulicher finden werden,wenn sie nur 8 Stunden in der Werkstätte zu stehen haben, oder geht sie auf Kosten eines Faktors, der eine bestimmte volkswirtschaftliche Bedeutung hat? Ich meine das letztere ist der Fall!
Diese Kraftvergeudung durch nutzlosen Leergang des Menschen geht auf Kosten der Mitwirkung der Intelligenz und der geistigen Regsamkeit des Menschen, und bedeutet, daß ein wertvolles Kapital, welches Deutschland besitzt in der natürlichen Intelligenz seiner arbeitenden Schichten, zum großen Teil brach liegen bleibt, weil die Bedingungen abgeschnitten sind, unter denen diese Intelligenz voll zur Geltung kommen könnte.
Um das aber zu verstehen, diesem Leergang der Menschen eine so weittragende Bedeutung beizulegen, muß ich nochmals darlegen, und jetzt unter einem etwas anderen Gesichtspunkte, was ich als die Wirkungen der Arbeitsteilung besprochen habe. Diese Arbeitsteilung — es wäre die reine Torheit, sie beklagen zu wollen, so bedauerlich ihre Wirkungen sind — hat zur Folge diegeistige Verödung der Menschen, weil sie intelligente Personen nötigt, ihr Tagewerk auf eine einförmige Art zu verrichten, weil die Arbeit, bis auf einen ganz kleinen Bruchteil bevorzugter Arbeiten, aus sich selbst heraus gar keinen Antrieb, keine Anregung enthält, weil die Arbeiter immer nur Teile unter ihren Händen haben — und eine Arbeit, die andererseits, um vorteilhaft und zweckmäßig ausgeführt zu werden, hohe Anforderungen an die geistige Tätigkeit der Leute stellt, aber hohe Anforderungen nur in der Art, wie die Leute das zweckmäßige, geschickte Arbeiten zu erlernen haben. Die Ablieferung des täglichen Arbeitsproduktes ist unter dem Prinzip der Arbeitsteilung reine Routinesache, sie kommt zur Geltung nur in ausgetretenen Bahnen. Aber die Art, wie einer gelernt hat, die tägliche Arbeit abzuliefern, zweckmäßiger oder unzweckmäßiger, mit größerer Kräfteersparnis oder größerem Kräfteverbrauch, das ist in ganz großem Maße Sache der Intelligenz, so daß kein Arbeiter ein geschickter Arbeiter wird, wenn es nicht ein intelligenter Mann ist, weil man ihn diese Zweckmäßigkeit nicht lehren kann: er muß sie selbst erlernen können.
Wenn man nun auf der einen Seite zugestehen muß, daß die täglich gleiche Arbeit direkt abstumpfend wirkt, auf der anderen Seite die technischen und wissenschaftlichen Anforderungen eine fortwährende Anspannung der Intelligenz nötig machen, so gibt es eben nur einen Weg, um das Gleichgewicht zu schaffen,das ist: die Bahn frei zu machen dafür, daß die natürliche Intelligenz dennoch sich betätigen kann, daß sie nicht abgestumpft wird, d. h. also, möglichstes Zusammendrängen der täglichen Arbeit auf einen kurzen Zeitraum und möglichstes Verlängern des Zeitraumes zwischen den täglichen Arbeitszeiten, das die Möglichkeit für geistige Anregung anderer Art gewährt, daß solche Leute nicht stupid werden, daß sie trotz der Einförmigkeit ihrer täglichen Arbeit noch die Fähigkeit behalten, mit dem Verstand mitzuwirken, mit Interesse Dinge zu betrachten, die nicht unmittelbar in der Arbeit vorkommen.
So sage ich: alles was darauf ausgeht, die Leistungsfähigkeit des Deutschen Volkes zu heben — und Deutschland darf sich rühmen, daß es in Hinsicht auf die Intelligenz seiner arbeitenden Volksschichten keinem anderen Lande nachsteht, aber Intelligenz ohne Betätigung ist Gold im Schoß der Erde — alles was darauf ausgeht, dieses große geistige Kapital wirtschaftlich in Betätigung zu stellen, das muß unter die Parole sich stellen;möglichste Verkürzung der Arbeitszeit in der Industrie, möglichste Verminderung der Kraftvergeudung infolge Leergang durch Verlängerung der Ruhezeit.
Und wenn es nun nach meinen früheren Darlegungen richtig ist, daß man sagen darf, für den weitaus größten Teil der industriellen Arbeiter ist mit 9 Stunden das Optimum noch nicht erreicht und mit 8 Stunden noch nicht überschritten, so muß für die Zukunft die Parole aller sein, denen daran liegt, das wirtschaftliche Leben Deutschlands zu lieben,Drittelung des Tages:8 Stunden Unternehmerdienst — 8 Stunden Schlaf — 8 Stunden Mensch sein.
Pause.
Es gibt meiner Meinung nach nureinenStandpunkt, von welchem aus mit einiger inneren Folgerichtigkeit das angefochten werden könnte, was ich vorhin als Resultat meiner Ausführungen hingestellt habe: daß die Verkürzung der Arbeitszeit zum Zwecke der Hebung der Menschen in Hinsicht auf die Betätigung der Intelligenz und zur wirtschaftlichen Hebung des Volkes nötig ist Das ist der Standpunkt derer, die ihre Beurteilung wirtschaftlicher und sozialer Zeitfragen unter die Parole stellen,wir wollen Herren bleiben im eigenen Haus. Vom Standpunkt dieser Leute aus gibt es in der Tat ein anderes Ideal, sie müssen konsequenterweise verlangen einen Arbeiterstand, der möglichst genügsam ist, möglichst nahe an der Grenze des Helotentums steht. Es liegt eine Erscheinung vor, in der dieses Ideal entsprechend verwirklicht gewesen ist, das ist der Arbeiterstand in den 30er und 40er bis 50er Jahren in den englischen Industriebezirken Birmingham, Manchester, Liverpool.
Nach dem übereinstimmenden Urteil von Leuten jener Zeit waren das Arbeiter, die Tag für Tag 14, 15 und 16 Stunden an ihren Maschinen standen, jeden Abend geknickt nach Hause schlichen, notdürftig ihren Hunger stillten und schlafen gingen, am Sonnabend aber nach Empfang des Wochenlohnes sich besoffen, am Sonntag ihren Rausch ausschliefen, um am Montag das gleiche Wochenwerk wieder zu beginnen.
Das andere Ideal, auf welches meine Parole hinweist, ist nun auch annähernd verwirklicht, just in demselben Lande, in demselben Arbeiterstande, in denselben englischen Industriebezirken. Im Laufe von etwa zwei Generationen ist aus dieser damals physisch und intellektuell verelendeten Bevölkerung infolge der Wirkungen der Verkürzung der Arbeitszeit ein Arbeiterstand hervorgegangen, der heute in Hinsicht auf die Leistungsfähigkeit, die Betätigung von Intelligenz und Tatkraft kaum noch seines gleichen findet, der allerdings nicht gefügig, sondern sehr »begehrlich« ist, der nicht nur Anerkennung vollständiger bürgerlicher Gleichberechtigung, sondern auch höhere Löhne heischt, als für ähnliche Arbeit irgendwo sonst in Europa gezahlt werden, der aber so gutmütig ist, dabei dem Unternehmer — das Verhältnis zwischen Lohn und Leistung zum Maßstab genommen —billigereArbeit zu leisten, als im Durchschnitt irgendwo sonst in Europa geliefert wird.
Wenn nun meine Betrachtung dahin ausmündet, daß die Verkürzung der täglichen Arbeitszeit in der Industrie einzuführen sei — wobei das Gebiet der Arbeitstätigkeit in Frage kommt, welches unter der Devise der modernen Arbeitsteilung steht, gegenüber anderen Arbeitsgebieten, die andere Bedingungen menschlicher Betätigung darbieten — daß es die Aufgabe sei, durch die Verkürzung der Arbeitszeit die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des ganzen Volkes durch Erhöhung der Leistungsfähigkeit der Arbeiter zu heben — so ist es sicher gerechtfertigt, auch der Vorgänge zu gedenken, welche die Bewegung zur Verkürzung der Arbeitszeit eingeleitet haben.
Da habe ich denn zu konstatieren, daß der Ausgangspunkt alles dessen, was von Fortschritten in dieser Richtung bis heute zu verzeichnen ist, in einem Akt weitblickender Gesetzgebung liegt. Ich meine, daß auf dem ganzen Gebiet von Sozialpolitik und Arbeiterschutz neben dem Gesetz Mosis »sechs Tage sollst du arbeiten und den siebenten ruhen« nur nocheinegesetzgeberische Maßregel großen Stils existiert, das ist dieEinführung der Zehnstundenbill in England. Diese Zehnstundenbill in England hat alle derartigen Bestrebungen ausgelöst, hat erst den Boden geschaffen, Erfahrungen zu gewinnen für die richtige Beurteilung dieser Verhältnisse.
Wie bekannt ist, hat im Jahre 1847 das englische Parlament nach langem, hartem Kampfe dekretiert, daß in den englischen Spinnfabriken Frauen und Kinder nicht länger als 10 Stunden täglich arbeiten dürften, während sie vorher 14, 15 und 16 Stunden hatten arbeiten dürfen. Frauen und Kinder — weiter niemand — fielen unter das Gesetz, und es war auch beschränkt auf das Gebiet der Textilindustrie, Anhänger und Gegner dieser Maßregel wußten aber, daß die Bedeutung derselben nicht liege im Schutz von Frauen und Kindern — daß diese auf 10 Stunden beschränkt würden — sondern darin liege, daß diese Maßregel auf ein paar hunderttausend erwachsenemännlicheArbeiter übergreifen würde, daß diese ein paar Stunden weniger ausgebeutet würden. Denn auf diesem Arbeitsgebiete ist die Arbeit der Frauen und Kinder mit derjenigen der Männer in solcher Art konnex, daß eine Einschränkung der einen gar nicht möglich ist ohne Einschränkung der anderen. Die am schärfsten Widerstrebenden hatten ihre Argumente nicht in Nachteilen für die Frauen und Kinder, sondern in den Nachteilen, die die gleichzeitige Beschränkung der Arbeit der Männer befürchten ließe.
Die nächste Folge dieser Gesetzgebung war ein großer Jammer in England, der Jammer darüber, daß eine große, wichtige und bedeutsame Industrie vernichtet sei, daß sie in der Konkurrenz mit dem Auslande wehrlos geworden sei, daß das Kapital auswandern müsse, um nur die notdürftigste Rentabilität zu erzielen.
Wenige Jahre haben ausgereicht, um ein vollkommen anderes Urteil über diese Maßregel zu ermöglichen. Es zeigte sich nämlich nach wenigen Jahren: das englische Kapital wandertenichtaus, die englische Textilindustrie ist gar nicht benachteiligt worden; man hat bessere Maschinen angeschafft, hat die Spindeln schnellerlaufen lassen, hat ein und demselben Mann doppelt so viel Spindeln zu bedienen gegeben, und hat gefunden, daß dabei die Unternehmer ein vorzügliches Geschäft machten — daß sie mit 10 Stunden viel leistungsfähiger geworden waren, als vorher mit 14 oder 16 Stunden.
Das Bemerkenswerte war, daß in diesem Fall ein Gesetz, das nur für England galt, allgemeines Gesetz geworden ist, daß dieses tatsächlich die Bedeutung eines internationalen Gesetzes gewonnen hat, in der Art, daß man sagen kann, der Widerschein des Lichtes, welches eine weitblickende Gesetzgebung damals in England hat aufleuchten lassen, hat ganz Europa erleuchtet.
Und davon kann ich noch persönlich Zeugnis ablegen. Ich selbst habe mit meinen eigenen Augen den Widerschein gesehen. Denn mein Vater war Spinnmeister in Eisenach; er hat bis Anfang der 50er Jahre jeden Tag, den Gott werden ließ, 14, 15, 16 Stunden bei der Arbeit stehen müssen: 14 Stunden, von morgens 5 bis abends 7, bei normalem Geschäftsgang; 16 Stunden, von morgens 4 bis abends 8 Uhr bei gutem Geschäftsgang — und zwar ohne jede Unterbrechung, selbst ohne Mittagspause. Ich selbst habe als Junge zwischen 5 und 9 Jahren jeden Tag abwechselnd mit meiner um ein Jahr jüngeren Schwester, wenn das Wetter nicht gar zu schlecht war und die Mutter den sehr weiten Weg dann lieber selber machte, meinem Vater das Mittagsbrot gebracht. Und ich bin dabei gestanden, wie mein Vater sein Mittagsessen, an eine Maschine gelehnt oder auf eine Kiste gekauert, aus dem Henkeltopf mit aller Hast verzehrte, um mir dann den Topf geleert zurückzugeben und sofort wieder an seine Arbeit zu gehen.
Mein Vater war ein Mann von Hünengestalt, einen halben Kopf größer als ich[42], von unerschöpflicher Robustheit, aber mit 48 Jahren in Haltung und Aussehen ein Greis; seine weniger robusten Kollegen waren aber mit 38 Jahren Greise. Das ist in Deutschland amgrünenHolz geschehen; denn die Eisenacher Fabrikherren waren menschlich hochstehende Leute, wohlwollend und fürsorglich für ihre Arbeiter, wie ich an mir selbst erfahren habe. Was sie damals geschehen ließen, haben sie, des bin ich sicher, geschehen lassen mit äußerstem Widerstreben, in dem wehmütigen Gedanken, eskönnenicht anders sein; und sie haben den Ruhm für sich, daß sie unter den ersten gewesen sind, die inDeutschland die Verhältnisse gebessert haben, als bekannt geworden war, daß in England mit einer viel kürzeren Arbeitszeit dasselbe wie mit der längeren Arbeitszeit geleistet würde.
Sie haben alsbald sich ebenfalls neue Maschinen angeschafft, haben eine viel größere Zahl von Spindeln demselben Mann zur Bedienung gegeben, und haben erreicht, daß wenige Jahre nachher die Arbeitszeit ganz bedeutend reduziert werden konnte. Ich habe noch gesehen, wie mein Vater Ende der 50er und in den 60er Jahren nicht mehr 16 Stunden sondern nur noch 12 und zuletzt nur noch 11 Stunden zu arbeiten und dabei eine Mittagsstunde hatte, so daß er nicht mehr aus dem Henkeltopf sondern zu Hause in der Wohnung aus Schüssel und Teller sein Mittagsmahl einnehmen konnte. Ich sage also: den Widerschein des Lichtes in England habe ich in Deutschland mit meinen eigenen Augen gesehen.
Dank der Fernwirkung, welche die englische Gesetzgebung auf den Kontinent gehabt hat, ist Deutschland verschont geblieben vor den Folgen des ungezügelten Industrialismus. Die körperliche Verunstaltung durch das unmenschlich lange Stehenmüssen, das sogenannte »Fabrikbein«, ist in Deutschland fast gar nicht in die Erscheinung getreten, weil just noch rechtzeitig dieser Mißbrauch der Menschen inhibiert wurde durch das Beispiel Englands.
Gutes Augenmaß für die Bemessung großer Ereignisse oder glücklicher Instinkt hat die Sozialdemokratie dazu geleitet, jetzt den 1. Mai zum internationalen Arbeiterfeiertag zu erklären. In der Tat, der 1. Mai des Jahres 1848, der Tag, an dem in England die Zehnstunden-Bill in Kraft getreten ist, istderTag, mit Bezug auf welchen der Arbeiterstand der ganzen Welt sagen kann: Der Mai ist gekommen, die Bäume schlagen aus!
Die Konstatierung, daß es eine gesetzgeberische Maßregel gewesen ist — wenn auch aus einer Zeit, wo noch keine Gesetzgebung unter dem Stichwort: »Sozialpolitik« oder »Arbeiterschutz« stand — die eine Verkürzung der Arbeitszeit herbeigeführt hat, legt zweifellos die Frage nahe, ob man nun nicht das, was ich vorhin als das Postulat meiner Erwägungen hingestellt habe, auf gesetzgeberischem Wege erreichen zu können hoffen dürfe. Ich will mich darüber ganz kurz aussprechen — einfach imverneinendenSinne: ich halte dasnicht mehrfür möglich.
Man muß sich klar machen, was denn gegenwärtig noch, nachdem wir über 50 Jahre weiter sind, von gesetzgeberischenMaßregeln von Nutzen sein könnte. Ein Zehnstundentag, wenn er nicht nur das Textilgebiet beträfe, würde ja freilich einen gewissen Bruchteil der deutschen Arbeiterschaft, die jetzt noch unter einer längeren Arbeitszeit seufzt, befreien, im übrigen aber mehr hemmend als fördernd sein. Mit einer solchen gesetzlichen Normierung der Arbeitszeit wäre der Umschwung zur kürzeren Zeit, der Impuls auf einevielkürzere Arbeitszeit gelähmt, da dann auch die Fortgeschritteneren meinen würden, sie brauchten nur zu 9 Stunden überzugehen.
Vor etwa 20 Jahren, im Anfang der 80er Jahre, hatte es noch eine gewisse Bedeutung für den allgemeinen Fortschritt, daß die Schweiz und Österreich speziell für die Textilindustrie einen elfstündigen Maximalarbeitstag einführten, eine durch vielerlei Ausnahmen durchlöcherte Reform, die aber zur Folge hatte, daß nach kurzer Zeit 10 Stunden das Normale geworden sind.
Gegenwärtig könnte eine Förderung der Bewegung von gesetzgeberischer Seite nur dann erwartet werden, wenn diese eine neunstündige Arbeitszeit als gesetzliche erklären würde. Dazu aber wird die Gesetzgebung nicht fähig sein — aus dem einfachen Grunde, weil dazu Motive nötig sein würden, die gänzlich außerhalb des RahmensderMotive liegen, die bisher die sozialpolitische und auf Arbeiterschutz gerichtete Gesetzgebung geleitet haben.
Jeder Versuch, eine gesetzliche Fixierung von 9 Stunden zu erreichen, würde scheitern an dem Argument: Leute, die nur 10 Stunden zu arbeiten haben,sind ja nicht mehr zu bedauern— warum wollen sie die Hilfe der Gesetzgebung? Denn alles, was wir in Deutschland Sozialpolitik und Arbeiterschutz nennen, steht unter den Motiven desMitleidsfür diejenigen Leute, die in exzeptioneller Art gedrückt oder mißbraucht werden. Es ist also keine Hoffnung, daß der Fortschritt der Bewegung durch die Gesetzgebung weiter gefördert werden könnte.
Auf die einfache Frage: was kann man denn hoffen? will ich meine Meinung kurz sagen. Ich meine, was auf diesem Gebiete weitere Fortschritte ermöglichen kann, das wird nur sein dieVertretung der Interessen des Arbeiterstandes.Wennes diesem gelingt, für seine Standesinteressen, die in eminentem Grade Interessen des ganzen Volkes sind, eine wirksame, nachhaltige Vertretung in kräftigen Organisationen zu gewinnen, undwenndie Leitung dieser Organisationen zu dem Einsehen gelangt, daß es sichin dieser Angelegenheit nicht handelt um den schablonenmäßigen Gegensatz: Arbeiter gegen Unternehmer, sondern um den spezifischen Gegensatz: Arbeiter und fortgeschrittene Unternehmer gegen rückständige Unternehmer — wenn diese beiden Voraussetzungen einmal erfüllt sein sollten, dann könnte eine einzige Welle aufsteigender wirtschaftlicher Tätigkeit in Deutschland, die doch einmal wiederkommen wird, genügen, um den Vorsprung, den England inzwischen dank der Nachwirkung seiner 50 Jahre alten Gesetzgebung gewonnen hat, einzuholen, oder wenigstens das Einholen in absehbarer Zeit in sichere Aussicht zu stellen.
Ich komme nun zum Schluß und schließe, indem ich erinnere an den lapidaren Satz, mit dem im Jahre 1847 Macaulay im englischen Parlament der Zehnstunden-Bill die 8 oder 9 Stimmen Majorität verschafft hat, mit der sie nach langen Kämpfen das Parlament passiert hat; er hat damals gesagt: