Chapter 3

Guthlac.Endlich gehört noch hierher die legende des angelsächsischen heiligenGuthlac, welche sich ohne angabe des verfassers im Codex Exoniensis in einem verstümmelten zustande befindet.77Das gedicht gründet sich auf die Vita Guthlaci des Felix von Croyland, von welchem auch eine ungedruckte angelsächsische übersetzung in prosa vorhanden ist. Auch die legenden des heiligen Cuthbert78und des heiligen Edmund, königs der Ostangeln, welche in form versificirter homilien in Thorpe’s Analecta Anglo-Saxonica seite 74 und seite 131 veröffentlicht worden sind, können zu den epischen stoffen angelsächsischer dichtkunst gerechnet werden.

Athelstan’s Siegeslied.Die lyrik ist in den resten der angelsächsischen poesie reich vertreten, obwohl, wie das epos, mehr in der kirchlichen gattung, als im volksliede. Von letzterem ist ein siegeslied der schlacht bei Brunanbyrig, wo die Westsachsen unter Athelstan und Edmund den normannenkönig Anlaf im jahre 938 schlugen, in der angelsächsischen chronik aufbewahrt, welches, wahrscheinlich bald nach dem kampfe gedichtet, diesen mit begeisterung schildert. Der anfang dieses liedes lautet:

Lyrische Gedichte.Einige andere lyrische dichtungen haben subjective veranlassungen. Eine derselben in der exeterhandschrift,80in welchem die alten deutschen sagenkreise erwähnt sind, trägt das gepräge eines hohen alters. Sie ist von Torpe mit der überschrift Deor the Scald’s Complaint versehen worden. Die klage eines heimathlosen weibes, eines landfahrers und eines seefahrers, sämmtlich in der exeterhandschrift,81haben mit ausnahme des zweiten, welches einen ächt englischen seemannscharakter trägt, wenig anziehungskraft. Unter den religiösen und kirchlichen lyrischen dichtungen befinden sich in der exeterhandschrift eine grosse zahl hymnen auf die dreifaltigkeit, auf Christi geburt, menschwerdung, kreuzigung, auferstehung, höllen- und himmelfahrt, auf die wunder der schöpfung, die güte Gottes und das jüngste gericht.

Ausserdem enthält die exeterhandschrift ein seltsames moralisches gedicht, worin eine verdammte seele sich gegen ihren leichnam, der sie im leben am seligwerden hinderte, beklagt. Diesem ist von Thorpe (aus der vercellihandschrift) ein gegenstück beigegeben worden, welches die freudige anrede einer seligen seele an ihren körper enthält, der ihr im leben zur erringung der seligkeit beistand. Das letztere gedicht ist nur ein bruchstück.82

Didaktische Gedichte.Unter die lyrischen produkte der angelsächsischen poesie gehört auch die paraphrasirende übersetzung der psalmen,83welche von Thorpe im jahre 1835 aus einer pariser handschrift auf kosten der universität Oxford herausgegeben worden ist. Bis zum fünfzigsten psalm ist die übersetzungin freier prosa, von da ab in einer metrischen paraphrase verfasst. Ob Aldhelm der verfasser wenigstens des letzteren theiles sei, wie Thorpe vermuthet, ist sehr ungewiss. Die für diese ansicht angeführten gründe sind sehr schwach.

An die psalmenparaphrase schliessen sich poetische umschreibungen des apostolischen glaubensbekenutnisses und des vaterunsers.

In der exeterhandschrift befinden sich drei allegorische lehrgedichte,84von denen das eine in symbolischer weise den wallfisch (leviathan) mit dem teufel vergleicht. Das übereinstimmende beider wird in den gefahren gefunden, welche sie dem menschen bereiten. Das andere beschreibt die eigenschaften des panthers und vergleicht sie dann mit denen des heilandes. Das dritte ist eine paraphrase des dem Lactanz zugeschriebenen gedichtes vom vogel phönix, mit welchem der angelsächsische dichter in längerer selbstständiger ausführung die auserwählten diener Christi vergleicht.

Die Gaben der Menschen.Die exeterhandschrift enthält ferner mehrere moralische gedichte über die verhältnisse des menschlichen lebens, von denen das folgende, vollständig abgedruckte eine probe ist:

Sinnsprüche.Die Angelsachsen besassen einen grossen schatz körniger sprüchwörter und inhaltsreicher sinnsprüche in versen, von denen uns die exeterhandschrift vier sammlungen aufbewahrt hat. Diese sentenzen sind derjenigen ähnlich, welche uns Cuthbert in seiner epistola de morte Bedæ als einen spruch des sterbenden Beda in folgenden worten aufbewahrt hat:

Räthsel.Endlich sind uns in der exeterhandschrift eine grosse menge räthsel überliefert, deren aufgeben und lösen eine beliebte unterhaltung der Angelsachsen war. Von den beiden hier mitgetheilten räthseln mag die auflösung des ersten „gedanke“ oder „luft“ und des zweiten „gerste“ sein, mit rücksicht auf das daraus gebraute getränk (John Barleycorn).

In diesen räthseln kommen hin und her die alten runen theils, wie es scheint, als buchstaben, theils auch in ihrer wortbedeutung vor. Ein angelsächsisches gedicht über die bedeutung der runen ist von W. Grimm herausgegeben worden.

Prosa.Wenn wir uns zu den prosaischen schriften der angelsächsischen literatur wenden, welche der mündlichen überlieferung so wie späterer ungenauer aufzeichnung mehr entrückt waren, so findet sich nicht nur grössere sicherheit insprache und rechtschreibung, welche mit geringen ausnahmen die des autors sein mag, sondern es ist auch leichter, den historischen fortschritt in der literatur zu verfolgen, als bei der poesie, da dieselbe nur selten auf einzelne dichter zurückzuführen ist, sondern auf der breiten unterläge des volkslebens ruht.

Athelbert’s und Wihtræd’s Gesetze.Die ersten anfänge angelsächsischer prosa sind in den gesetzen zu suchen, welcheAthelbert, könig von Kent, der im jahre 616 starb, bald nach seiner bekehrung zum christenthum in neun und achtzig bestimmungen erlassen haben soll. Manche derselben mag eingeschoben sein. Die sprache ist gewiss modernisirt; die überschrift This syndon tha domas, the Aethelbirht cyning asette on Augustinus dæge, welche sich in dem einzigen manuscript dieser gesetze findet, ist ebenfalls späteren ursprungs, worauf auch die aufzählung der priesterlichen rangordnung und die volle entwickelung des kirchenregimentes im ersten paragraph schliessen lässt:

Von den kentischen königen Hlothar, Eadric undWihtræd, sind gleichfalls gesetze erhalten. Die des letzteren sind unter zuziehung des brittischen erzbischofs Birhtwald (Bretone heahbiscop) und des bischofs von Rochester nach vorher gepflogener berathung mit den mächtigen des landes erlassen worden. In diesen gesetzen findet sich im § 13 schon eine strafe auf götzendienst gesetzt:

Alfred’s Gesetze.Dann folgen die gesetze der westsächsischen könige Ine undAlfred, welcher letztere seinen gesetzen die mosaischen vorsetzte und die gesetze seiner Vorgänger Ine, des königs Offa von Mercia und Athelbert’s von Kent benützte, wie er selbst in einfacher rede erzählt:

Cnut’s Gesetze.Ausser den Alfred’schen gesetzen zeichnen sich die vonCnutgegebenen durch milde und edle humanität aus, welche gegen die barbarei und härte der mittelalterlichen, ja selbst vieler neueren gesetze bedeutend absticht. Als eine probe der sprache sowohl wie der grundsätze in Cnut’s gesetzen mögen folgende bestimmungen hier einen platz finden:

Die Gesetze Wilhelm’s des Eroberers.Die alten angelsächsischen gesetzsammlungen90sind fortgeführt bis zuWilhelmdem eroberer, welcher ebenfalls noch einige verordnungen in angelsächsischer sprache erliess, obwohl er sich im allgemeinen der französischen und lateinischen sprache bei seinen erlassen bediente.

Das folgende angelsächsische gesetz Wilhelm’s zeigt ausser der sprache auch die geringe achtung, in welcher die sächsische tapferkeit bei dem eroberer stand. Es ist aufbewahrt im Codex Roffensis, welcher eine reiche, von Arnulf,bischof von Rochester (starb 1124), angelegte sammlung angelsächsischer urkunden enthält.

Das durch die christlichen sendboten und kirchenobern eingeführte Studium der klassischen sprachen, besonders der lateinischen, hatte einen so günstigen boden in England gefunden, dass die früchte desselben bald auch in Deutschland und Frankreich genossen werden konnten, indem England den genannten ländern nicht nur lehrer, sondern auch bücher lieferte. Der eifer für die christliche religion und das studium der römischen spräche führte seit dem ende des siebenten jahrhunderts Engländer in grosser anzahl auf jener strasse nach Italien und Rom, welche noch jetzt die grosse heeresbahn der reisenden Engländer ist.

Der Glossator Aldred.Diese beschäftigung der Angelsachsen mit den wissenschaften musste auch einen wohlthätigen einfluss auf ihre muttersprache ausüben, indem in dieser nun für das verständniss der grösseren menge eine grosse zahl übersetzungen und paraphrasen von den gebildeteren geschrieben wurden. Dadurch bekam die angelsächsische sprache, welche bis dahin nur umgangs- und dichtersprache war, einen festen boden. Zu der zeit, als die kenntniss der lateinischen sprache den mönchen und geistlichen schwand, und dafür dem volke die allgemeine bildung zugänglicher ward, also in der mitte des neunten jahrhunderts, beginnen auch die glossen und übersetzungen zwischen den zeilen in heiligen wie profanen schriften. In dem sogenannten Durham buche und dem Durham Ritual91nennt sich der glossatorAldred. Folgendes ist ein beispiel, wie die glossen des Durham buches beschaffen sind:

Glossen.

Zur vergleichung der angelsächsischen sprache, wie sie an verschiedenen orten und zu verschiedenen zeiten bei der bibelübersetzung im gebrauch war, folgt hier die parabel vom säemann (Marc. IV, 3-8):92C

Jetzige englische Bibelübersetzung.

3. Hearken: behold, there went out a sower to sow: 4. and it came to pass, as he sowed, some fell by the wayside, and the fowls of the air came and devoured it up. 5. And some fell on stony ground, where it had not much earth; and immediately it sprang up, because it had no depth of earth. 6. But when the sun was up, it was scorched; and because it had no root, it withered away. 7. And some fell among thorns, and the thorns grew up, and choked it, and it yielded no fruit. 8. And other fell on good ground, and did yield fruit that sprang up and increased; and brought forth, some thirty, and some sixty, and some an hundred.

Ethelwold. Dunstan. Alfred.Mönchsregeln wurden ebenfalls aus dem Lateinischen in das Angelsächsische übersetzt, oder glossirt. Solche übersetzungen und glossen sind vonEthelwold, bischof von Winchester, gestorben 984 (Wright’s Biogr. Brit. Liter. A. S. Period. seite 441. 442), und von dem berühmtenDunstan, erzbischof von Canterbury und bischof von London und Rochester, gestorben 988 (am angeführten orte, seite 459. 460), meist nur handschriftlich vorhanden. Diese glossenliteratur macht den natürlichen übergang zu der ausbildung der angelsächsischen prosa.

Als eigentlicher schöpfer der angelsächsischen prosa istAlfred(848-901) anzusehen, welcher nicht bloss grossals könig, sondern noch grösser als lehrer seines volkes ist. Seine wissbegierde machte ihn schon im knabenalter zu einem eifrigen zuhörer bei den gesängen des scop’s (Saxonica poemata diu noctuque solers auditor relatu aliorum sæpissime audiens docibilis memoriter retinebat. Vergl. Asser, vita Aelfr. ed. M. Parker p. 7), und der wunsch, diese gedichte auch selbst lesen zu können, soll der erste anstoss bei Alfred gewesen sein, lesen zu lernen. Die lateinische sprache war zu seiner zeit in England schon so weit in vergessenheit gerathen, dass die priester selbst die messe, welche sie täglich lasen, kaum verstanden. Alfred jammert über diese vernachlässigung der wissenschaften an mehreren stellen seiner werke, so in der vorrede zu Gregor’s liber pastoralis (ed. M. Parker), worinm er auch klagt, dass die kirchen zwar überall mit literarischen schätzen angefüllt seien, dass aber niemand nutzen aus diesen büchern ziehe, weil sie nicht in der angelsächsischen sprache geschrieben wären. Alfred selbst trug sorge, dass diesem übelstande abgeholfen wurde, indem er mehrere bücher in das Angelsächsische übersetzte, so das Pastorale des Gregorius, des Boethius abhandlung de consolatione philosophiæ, die geschichte des Orosius, die englische kirchengeschichte von Beda und wahrscheinlich auch die selbstgespräche des heiligen Augustinus (Wright’s Biogr. Brit. Liter. A. S. Period. seite 394). Ausserdem liess er andere bücher von seinen literarischen freunden übersetzen, mit deren beistande er auch seine eigenen übersetzungen ausarbeitete, indem er sich die originale in leichtere sätze und worte umschreiben liess. Es möge hier beiläufig bemerkt werden, dass die metrische paraphrase des Boethius, welche gewöhnlich Alfred zugeschrieben wird, aus inneren gründen93ihm nicht angehörig zu sein scheint. Die unter Alfred’s namen gehenden sprüchwörter94sind in der sprache des dreizehntenjahrhunderts und sicher unecht. Alfred’s beispiel musste ein mächtiger antrieb für die gebildeten seines volkes sein, die angelsächsische sprache und literatur zu pflegen, für welche er noch dadurch sorgte, dass in den neuerrichteten schulen neben dem studium der klassischen sprachen der volkssprache gleiche sorgfalt gewidmet wurde.95

Die vorrede zu Alfred’s Übersetzung des Boethius lautet:

Unzweifelhaft echt ist die vorrede Alfred’s zu seiner übersetzung des Gregor’schen hirtenbuches, von welchem er an jeden seiner bischöfe, deren namen in dem anschreiben (der vorrede) enthalten sind, ein exemplar übersendete. Drei der urschriften sind noch vorhanden, welche an Wulfsige, bischof von Sherborne (in der öffentlichen bibliothek zu Cambridge), an Waerferth, bischof von Worcester (in der Bodleyana zu Oxford Ms. Hatton, 88), und an Plegmund, erzbischof von Canterbury (im brittischen museum Ms. Cotton. Tiberius, B. XI) gerichtet wurden. Da Alfred das reinste Westsächsisch schrieb, möge hier die ganze vorrede und, zur vergleichung mit dem jetzigen Englisch, die von Th. Wright seite 397 ff. seiner Biog. Brit. Liter. A. S. mitgetheilte genaue übersetzung derselben einen platz finden:

In die übersetzung des Orosius fügte Alfred den bericht eines normanns über die umsegelung Skandinavien’s ein, dessen anfang hier als eine andere probe der Alfred’schen schreibart mitgetheilt wird.

Folgendes ist eine probe von Alfred’s Übersetzung des Boethius c. XII.

Alfric.Ebenso bedeutend für die angelsächsische literatur und spräche als Alfred istAlfric, erzbischof von Canterbury, welcher 1006 starb. Er hinterliess zahlreiche schriften, von denen mehrere auf uns gekommen sind: eine sammlung von acht predigten, eine übersetzung der ersten sieben bücher der bibel und mehrere abhandlungen. Auch war er der verfasser eines lateinischen glossariums, eines colloquiums und einer lateinischen grammatik, welche ihm den namen des grammatikers erwarb. Diese schriften, welche für den unterricht der mönche und geistlichen hauptsächlich bestimmt waren, verdankten ihren ursprung dem streben, die sinkende kenntniss der lateinischen sprache zu heben. Klagt doch Alfric, dass es schon so weit gekommen war, dass kein englischer priester einen lateinischen brief schreiben oder verstehen konnte, bis erzbischof Dunstan und bischof Ethelwald mit der klosterregel einige gelehrsamkeit hergestellt habe, (swa þat nan Anglisc preost ne cuðe dihtan oððe asmeagan ænne pistol on Leden, oð þæt Dunstan arce-biscop and Aeðelwald biscop æft þa lare on munuc lifum arærde.) Obwohl Alfric ein geistlicher und gelehrter war, bediente er sich doch nicht, wie seine vorgänger, der lateischen sprache, sondern schrieb in angelsächsischer, um das volk aufzuklären, wie er angiebt, zu welchem zwecke er auch nach seiner eigenen erklärung alle dunklen worte vermied, damit er besser verstanden würde.99


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