Hamadan.
Mit Eintritt des Frühjahrs begab sich Hulagu von Kaswin nach Hamadan, wo Baidschu Nujan von Aserbeidschan zur Aufwartung erschien. Hulagu, mit dessen Unthätigkeit unzufrieden, überhäufte ihn mit Vorwürfen: „Was hast du, seit Dschurmaghun nicht mehr in Iran geblieben, gethan? welche Schlachtenreihen hast du gebrochen, welchen Rebellengeschlagen? Hat dir das mongolische Heer zu Etwas Anderem gedient, als durch dessen Macht und Grösse den Chalifen zu schrecken?“ Baidschu kniete nieder und sagte: „Ich habe mir keine Saumseligkeit zu Schulden kommen lassen und, was in meinen Kräften lag, gethan. Von den Thoren Rei's bis an die Gränzen Syriens habe ich Alles unterworfen, Bagdad ausgenommen, dessen Menschenmenge unermesslich und wohin die Zugänge äusserst schwer. Uebrigens steht der Befehl in der Hand des Padischah, und ich bin bereit, aus derselben Leben oder Tod zu empfangen.“ Diese Unterwürfigkeit milderte den Zorn Hulagu's; er befahl ihm, aufzubrechen, den Westen bis an's Meer hin zu unterjochen und die Länder Rum's diesseits und jenseits des Bosporos den Händen der Griechen und Franken[224]zu entreissen. Baidschu Nujan hatte schon vor vierzehn Jahren mit einem Heere von vierzigtausend Mann das hundertsiebzigtausend starke Ghajaseddin Keichosrew's, des Sohnes Alaeddin's, zu Kösetagh geschlagen[225]und vollendete nun die Eroberung Rum's bis an das Gestade des mittelländischen Meeres. Hulagu begab sich mit den PrinzenKuli,Belghai,Kotarund mit den BefehlshabernBukatimur,Sundschak,Köke Ilkain die Ebene von Hamadan, um dort das Heer zu sammeln.Hamadan, insgemein für das uralte Ecbatana gehalten, ist nach allen Quellen persischer Geschichte und Geographie eine der ältesten Städte Persiens, welche schon Huscheng, der zweite der Pischdadier, erbaut, Nabuchodonoser verwüstet, Darius wieder hergestellt haben soll.[226]Bedil, der Sohn Werka's, eroberte die Stadt im drei und zwanzigsten Jahre der Hidschret[227]; dreihundert Jahre hernach[228]wurde dieselbe vonMedawidsch, dem Dilemiten, und abermal dreihundert Jahre später[229]von den mongolischen Heeren mit allgemeinem Gemetzel der Einwohner verwüstet. Die Stadt hat Ueberfluss an Wasser, selbst wennbei der von Hamdallah angegebenen Zahl der Quellen (tausend dreihundert) durch Fehler des Abschreibers eine Nulle zuviel. Zwei der grössten Philosophen Schöngeister, Eingeborene von Hamadan, der DichterIbn ChaleweihundBediesseman, d. i. der Wunderseltene der Zeit, haben das Klima sowohl als die Einwohner in bekannten Versen[230]mehr getadelt, als gelobt. Der Erste sagte:
Die Kälte ist vielstimmig zu Hamadan, und sogestaltIst es, im Winter grimmig, im Sommer mässig kalt.
Die Kälte ist vielstimmig zu Hamadan, und sogestaltIst es, im Winter grimmig, im Sommer mässig kalt.
Der Wunderseltsame der Zeit, der Verfasser der ersten Makame, welche denen Hariri's zum Muster gedient, sagte:
Wiewohl geboren ich zu Hamadan,Dasselbe ich dennoch nicht preisen kann;Denn seine Knaben sind altklug, wie Greise,Die Alten kindisch, nach der Knaben Weise.
Wiewohl geboren ich zu Hamadan,Dasselbe ich dennoch nicht preisen kann;Denn seine Knaben sind altklug, wie Greise,Die Alten kindisch, nach der Knaben Weise.
Das frische Grün der Fluren, das Gemurmel der zahlreichen Quellen verscheuchen allen Gram und stimmen zur heitersten Lebenslust, wesshalb die Einwohner vorzüglich lebenslustig, Spielen und Scherzen ergeben; ausserdem, dass Hamadan der Geburtsort zwei so ausgezeichneter Schöngeister, als die beiden oberwähnten, wallfahrtet hier der Jude zum GrabeEsther'sundMardochai's, der Arzt zu demAvicena's[231], die Mystiker zu dem eines der grössten persischen Dichter, nämlich:Aththar's, des Verfassers derVögelgesprächeund eines Dutzends gereimter Bücher, nämlich: des Buchs desRaths, derDrangsale, derNachtigallen, derKantele, derGeheimnisse der Gänse, derChosroen, derAntworten, derNöthen, desAuserwählten, desGöttlichen, undHaider's, des Biographen der Heiligen, des ascetischen Werkes derBrüder der Reinheitund anderer mystischer in Versen und Prosa. Bei dem Einfalle des mongolischen Heeres hatte Einer schon das Schwert aufgehoben, um den Dichter zu tödten, als ein Anderer sagte: Tödte diesen Greis nicht, ich kaufe dir sein Leben umtausend Silberstücke ab. Hüte dich, sagte Aththar, mich um so niedrigen Preis wegzugeben; du wirst Käufer finden, die mich theuerer bezahlen. Einige Schritte weiter bot ein Anderer für Aththar's Leben einen Sack Stroh; hierüber ergrimmt, hieb ihn der Mongole nieder.[232]Seit diesem ersten Einfalle der Mongolen, welche bei der Verfolgung Chuaresmschah's bis an's kaspische Meer und an die Gränze des arabischen Irak vordrangen, bis zur Erscheinung Hulagu's vor Hamadan, waren sieben und zwanzig Jahre verflossen, und ehe wir mit Hulagu die Gränze vom persischen Irak in's arabische überschreiten, überblicken wir noch die Schicksale Persiens unter mongolischer Herrschaft in der vom ersten Einfalle der Mongolen bis zur Gründung des Reichs der Ilchane verflossenen Zeit.
Die Mongolen im westlichen Persien vor Hulagu.
Persien wurde von den Mongolen in zwei Statthalterschaften getheilt, wovon die östliche Chuaresm und Chorasan, die westliche das persische Irak und Aserbeidschan in sich begreift. Um die Statthalter nicht zu vermengen, überblicken wir zuerst das westliche oder eigentliche Persien, welches in dieser Zeit nur zwei Statthalter hatte, nämlichDchurmaghunundBaidschu Nujan, und dann erst das östliche, wo die Begebenheiten verwickelter durch die Ränke der Nebenbuhler um die Leitung der Geschäfte. Als die Mongolen bei der Verfolgung Chuaresmschah's zum erstenmal die Gegend um Irbil verwüsteten,633/1236rüstete der Chalife Mostanssirbillah ein Heer und rief die moslimischen Fürsten zur Hülfe auf; bei dem zweiten Einfalle nahmen sie die Stadt Irbil, doch nicht die Citadelle, ein; sie drangen bis Schengabad und Sermenrai vor, der Chalife setzte Bagdad in Vertheidigungsstand und rief alle Einwohner zu den Waffen auf. Am rothen Berge (Dschebel Hamrin) ober Tekrit wurden die Mongolen geschlagen und ihnen die Gefangenen, die sie von Irbil und Dakuka weggeschleppt, abgenommen;ein Corps von fünfzehntausend Mongolen, das bald darauf bisDschaaferijevordrang, zog sich bei der Annäherung des Chalifen zurück. Noch im selben Jahre635/1238war ein Corps von gleicher Stärke bis Chanekin vorgedrungen und schlug das ihnen vom Chalifen entgegengesandte, das nur halb so stark. Im Norden hatten sie sich Gendsche's bemächtigt, und Dschurmaghun's Heere überschwemmten Georgien und Armenien. Er eroberte das Land zwischen dem Arras und Kur und in Georgien die Hauptstadt Tiflis nebst anderen Städten. Er belagerte und verheerte Rei; hierdurch erschreckt, trugen ihm die Bewohner von Karss die Schlüssel ihrer Stadt entgegen; nichtsdestoweniger wurden die waffentüchtigen Einwohner niedergemacht, mit Ausnahme der Kinder und Handwerker, die in die Sklaverei geschleppt wurden. Der armenische PrinzAwakbegab sich mit seiner SchwesterThamthaan den Hof Gujuk's, um die Zurückstellung des väterlichen Erbes zu erflehen, und sie erhielten hiezu den Befehl an Dschurmaghun. Nach dessen Tode setzte sein Nachfolger Baidschu Nujan die Eroberungen seines Vorfahrers fort. Er wandte seine Waffen gegen Ersenrum, Ersendschan, und schlug das in der Ebene von Akschehr bei Ersendschan verstärkte Heer des Sultans von Rum, unter dessen Verbündeten zweitausend von Johann Limminata aus Cypern und Bonifacio de Castro von Genua befehligte Truppen; diess ist die oberwähnte Schlacht von Kösetag, welcher Berg sonstAlakjuhhiess.[233]Nach dem über den Sultan erfochtenen Siege wurden Siwas, Tokat und Kaissarije geplündert und verheert; ein General des Sultans und der Richter von Amasia kamen in's mongolische Lager von Siwas und unterhandelten einen Frieden, vermöge dessen der Sultan jährlich einen Tribut von hundert zwanzigtausend Goldstücken, fünfhundert Stück Stoffe, fünfhundert Kamele, fünfhundert Sklaven zu leisten verbunden.[234]Keichosrew war zu glücklich, diesen ohne seineVollmacht abgeschlossenen Friedensvertrag zu bestätigen. Bei ihrem Abzuge erstürmten die Mongolen Ersendschan und machten die Einwohner nieder. Malatia kaufte sich von der Plünderung durch viertausend Goldstücke los, zu deren Vervollständigung die goldenen und silbernen Kirchengefässe, die Heiligenschreine und Reliquienkästen ausgeliefert werden mussten.[235]Wahrscheinlich war es derselbe mongolische Feldherr Irsane, welcher zweimal Bohemund V., den Fürsten von Antiochien, auffordern liess, die Mauern seiner Festungen zu brechen und ihm dreitausend Jungfrauen zu liefern; die Forderung wurde abgeschlagen, aber später zahlten die Fürsten von Antiochien an die Mongolen Tribut. Schihabeddin, der Fürst von Miafarakain, durch einen mongolischen Gesandten aufgefordert, seine Mauern zu schleifen,1244antwortete, dass er nur ein kleiner Fürst, dem Beispiele der Sultane Syriens und Aegyptens folgen werde. Hethum I., der armenische Fürst Ciliciens, suchte durch Gesandte mit reichen Geschenken Baidschu's Schutz an. Baidschu forderte vor allem die Auslieferung des Harems Keichosrew's, des Sultans von Rum, und Hethum erkaufte um diesen Preis den Frieden und das Diplom als Vasall des grossen Kaan's. Im folgenden Jahre1245eroberten die Mongolen die nördlich des Sees von Wan gelegenen Länder, die sie auf Ogotai's Befehl der armenischen Prinzessin Thamtha übergaben. Sie nahmen Amid, Roha, Nissibin. Der Fürst von Mossul, Bedredin Lulu, schloss in seinem und des Fürsten von Damaskus Namen einen Vertrag von, in drei Klassen geregelter, Kopfsteuer ab. Im folgenden Jahre1246erschienen die Mongolen zum fünftenmal in der Nähe von Bagdad zu Dakuka, von wo sie der kleine Diwitdar zurückschlug, und im folgenden Jahre1247tödteten die Mongolen zu Dakuka den Statthalter Belban; sie plünderten die Karawanen, und Jesaur verheerte die Gegend um Malatia. Die gleichzeitigen Begebenheiten Rum's und Armeniens gehören in die Geschichte dieser Länder und ihrer Fürsten; wir erwähnennur noch der Mission der vier Dominikaner, welche Baidschu auf den ihm im Namen des Papstes gemachten Antrag, sich zum Christenthume zu bekehren, tödten wollte. Einer seiner Offiziere hatte sogar vorgeschlagen, den ersten der Missionäre zu schinden und seine ausgestopfte Haut dem Papst als Antwort zu senden[236]; doch auf die Fürbitte der Gemahlin Baidschu's wurde ihnen nicht nur das Leben geschenkt, sondern sie erhielten sogar ein in dem Missionsberichte bis auf uns gekommenes Schreiben und wurden von zwei Gesandten Baidschu's an den Papst begleitet, der sie auf das Ehrenvollste empfing und mit Geschenken überhäufte.[237]
Dschintimur, Körgös, Statthalter Chorasan's.
In Persien liess Tschengischan, nachdem er abgezogen, als Statthalter den Dschintimur zurück, welchem von allen vier Ulusen, d. i. Stämmen desUrugh, d. i. des Hauses Tschengischan's, ein Amtsgehülfe beigegeben war, indem Chorasan als ein, allen vier Söhnen Tschengischan's gemeinsamer Besitz betrachtet ward; eine Zeit lang dem Dschurmaghun, dem Statthalter Feldherrn in Persien, untergeordnet, unter dessen Oberbefehl er die, Chorasan noch verheerenden türkischen Schaaren Chuaresmschah's schlug, erhielt Dschintimur von Ogotai die unabhängige Statthalterschaft Chorasan's und Masenderan's; als Gehülfe vom Blute des Kaan's war ihmKelilatbeigegeben; er selbst verlieh beide höchsten Staatsämter, nämlich das des Wesirs oder Inhabers des Diwans und die Stelle des Staatssekretärs, an zwei Moslimen, jenes anScherefeddinvonJesd, dieses anBehaeddinvonDschuwein, den Vater Athamülk's, des Geschichtschreiber's. Nach Dschintimur's Tod erhielt seine StelleNussal, welcher schon von Tschengischan dem Dschintimur als Amtsgehülfe von Seite des Uluses Dschudschi's beigegeben worden war. Dem Nussal folgte in der Statthalterschaft baldKörgös, d. i. Blindaug, welcher, an den Hof Ogotai's gesandt, um über die Verwaltung Chorasan's Bericht zu erstatten, gefiel undvon seinem Landsmanne, dem StaatssekretärDschinkaidem Uighuren, begünstigt. Der KämmererDanischmend, Gegner Dschinkai's, bemühte sich seinerseits, die Statthalterschaft Chorasan's dem Sohne Dschintimur's zu verschaffen; Dschinkai wünschte jedoch seinem Schützling einJerligh, d. i. Diplom, des Kaan's zu verschaffen, vermöge welchem ihm die statistische Zählung der Bewohner Chorasan's und Masenderan's aufgetragen und alle Macht in seine Hände concentrirt ward. Der Wesir Scherefeddin und Kelilat, ihrer Wirksamkeit durch das Jerligh beraubt, schmiedeten mitOngu Timur, dem Sohne Dschintimur's, Ränke wider Körgös am Hofe des Kaan's, der ihn auf ihre Beschwerden zu sich berief. Körgös machte sich auf den Weg, indem er den Behaeddin von Dschuwein an der Spitze der Verwaltung zurückliess. Auf dem Wege in's Hoflager begegnete er zuBinaketden Commissären des Kaisers, welche ihm zurückzukehren befahlen; es kam vom Wortwechsel zu Thätlichkeiten, in welchen Körgös blutig geschlagen und ihm ein Zahn gebrochen ward; er musste den Commissären folgen, aber in der Nacht sandte er einen Eilboten mit seinem blutbefleckten Kleide nach Hof. Ogotai, über diese Behandlung seines Statthalters aufgebracht, berief ihn zu sich; allein die GegnerKelilatund der Sohn Dschintimur's folgten ihm auf dem Fusse. Zu Bochara wurde bei einem demselben gegebenen Feste Kelilat am hellen Tage ermordet. Ogotai wollte in dem ihm vom Sohne Dschintimur's dargebrachten Zelte speisen; kaum hatte er es verlassen, als es ein Windstoss zusammenriss. Ogotai, durch diese böse Vorbedeutung erschreckt, befahl, es in Stücke zu zerreissen. In dem von Körgös ihm dargebrachten Zelte fand er im Gegentheil einen mit Juwelen besetzten Gürtel, nach dessen Umbindung sein Lendenschmerz verschwand, so dass er guten Muths wieder zechte. Die beiden Nebenbuhler um Chorasan's Statthalterschaft blieben mehrere Monate am Hofe Ogotai's, welcher wünschte, dass sie sich vertrügen, und ihnen befahl, aus demselben Becher zu trinken, dasselbe Zelt zu bewohnen, nachdem sie zuvor ihre Waffen abgegeben.Da sie sich nichtsdestoweniger nicht verglichen, ward, als sie Beide in Ogotai's Gegenwart vor Gericht erschienen, der Sohn Dschintimur's als schuldig verurtheilt, und sollte an den Herrscher seines Uluses, nämlich an Batu, ausgeliefert werden. Der Sohn Dschintimur's flehte den Kaan, selbst sein Schicksal zu entscheiden, indem ein Hund, wie er, nicht werth sei, dass zwei grosse Herrscher, wie Ogotai und Batu, sich über ihn beriethen. Du hast Recht, sprach Ogotai, Batu's Strenge würde selbst seinem Sohne, wenn er sich in deinem Falle befände, nicht verzeihen. Dem Sohne Dschintimur's wurde verziehen; aber seine Begleiter wurden nach der Jasa bestraft, welche über die Verläumder Strafen verhängt. Körgös verwaltete Chorasan mit Gerechtigkeit und Einsicht, baute Tus und Herat aus ihrem Schutte wieder auf und warf den Ränkeschmied Scherefeddin, welcher unter dem Scheine der Freundschaft gearbeitet, in's Gefängniss; dieser aber fand mittels seines Weibes Schutz beim Uluse Dschagatai, und Arghun wurde mit dem Befehle abgesandt, den Körgös lebendig oder todt nach Hofe zu bringen.[238]
Scherefeddin von Jesd, Blutegel der Finanz, und Arghun.
Körgös, der sich Anfangs in einem von ihm zu Tus erbauten Magazine eingesperrt, ging endlich, als man Gewalt brauchen wollte, selbst heraus, und ward von den Söhnen Dschagatai's nach Hof gesandt, wo sein Beschützer Dschinkai von der Regentin Turakina verungnadet worden. Körgös, ohne Beschützer, ohne Geld, wurde auf Befehl Kara Hulagu's, des Enkels Dschagatai's, hingerichtet, und von der Regentin wurdeArghunzum Statthalter Chorasan's ernannt. Er begehrte den Scherefeddin alsUlug Bitekdschi, d. i. grossen Staatssekretär oder Finanzminister, weil er sich verbindlich gemacht, viertausend Balische, welche in den beiden Ländern Chorasan und Masenderan an Steuern ausständig, einzutreiben. Scherefeddin, Sohn eines Lastträgers von Chuaresm und seiner schönen Gestalt willen Lieblingspage des Statthalters von Chuaresm, war von diesem, alsder Page die Frische des Jugendreizes verloren, dem Dschintimur abgetreten, bei dem er sich durch seine Geschicklichkeit als Sekretär und seine Kenntniss der mongolischen Sprache als brauchbar empfahl; er stellte ihn in Steuergeschäften an, in welchen er bald Proben seines blutaussaugenden Druckes gab, wodurch sein Name in der Geschichte für immer gebrandmarkt. Er unterschied zwischen den Dörfern, welche sich freiwillig den Mongolen ergeben, oder mit Gewalt erobert worden waren, und belastete die Einwohner der letzten mit allen Arten von Auflagen und Qualen[239]. In diesem Geiste hatte er unter Körgös das Land gedrückt und noch mehr unter Arghun, um die Summe, zu deren Eintreibung er sich anheischig gemacht, einzutreiben. Weder Weiber noch Waisen wurden verschont und Foltern aller Art angewandt, um Geld zu erpressen; die Häuser wurden geplündert, den Todten selbst das Leichentuch weggenommen, dar Mann vom Weibe, der Vater vom Sohne gerissen und als Sklave verkauft; die Männer wurden barfuss, die Weiber unverschleiert aus den Häusern geschleppt; jene bei den Füssen, diese bei den Brüsten aufgehängt. Zu Rei wurden die geraubten Einrichtungen der Häuser in der Moschee aufgeschichtet, dort auf Maulthiere geladen und diese mit den Teppichen der Moschee zugedeckt. So schaltete und waltete er zu Tebris und Kaswin, zu Issfahan, Kum, Kaschan, Rei und Hamadan, alle Häuser und alle Foltern erschöpfend. Seinen Helfer Mahmud von Sebsewar sandte er, um Isferain und Dschadscherm auszusaugen, er selbst lag schwer als Alp der Finanz auf Astrabad, Amul und den Städten Masenderan's. Als Arghun zu Tus, bat der Imam der Grabstätte Musa Risa's um Gnade und Schonung, und Arghun gab ihm einen Kabinetsbefehl an Scherefeddin zur Zurückstellung eines Theils des Geraubten. Scherefeddin befahl, den Vorzeiger des Befehls mit Fäusten zu ohrfeigen, so dass er besinnungslos niederfiel. Die Pflugstiere nahm er vom Acker, die Heerden aus den Haidenweg, so dass Ackerbau und Viehzucht darniederlag. Glücklicherweise befreite sein Tod das Land von seiner Tyrannei;1244aber noch auf dem Todbette sandte er Wort an Arghun, ja die Eingesperrten nicht frei zu lassen, bis sie gezahlt, und ja keinen Heller nachzusehen, weil sonst alle Ordnung zu Ende. Arghun that das Gegentheil, indem er die Gefangenen losgab, die noch zu leistenden Zahlungen nachsah und sich dadurch den Segen des Landes erwarb. Bei der Thronbesteigung Gujuk's brachte Arghun alle eingesammelten Anweisungen, welche sich verschiedene Prinzen gesetzwidrig auf verschiedene Distrikte Chorasan's verschafft hatten, dem neuen Kaan als das angenehmste Geschenk dar; die Stellen wurden nach seinem Vorschlag besetzt, die durch den Tod des Blutegels Scherefeddin erledigte des Ulugh Bitekdschi erhieltFachreddin Behischti. Nach Gujuk's Tod riss während des Zwischenreichs der Missbrauch der Anweisungen, wodurch den Prinzen Einkünfte von Dörfern und Flecken in Chorasan für Jahre hinaus zugesichert wurden, wieder ein. Bei Mengku's Thronbesteigung verschafften sich die Klagen des Landes Gehör, und es wurde beschlossen, Chorasan auf die von Mohammed Jelwadsch in Transoxana eingeführte Weise zu besteuern. Die Statthalterschaft wurde ihm mitJerlighundPaise, d. i. mittels Diploms und Löwenkopfs, bestätigt, und Behaeddin von Dschuwein für die Finanzverwaltung beigegeben; aber die Brüder des Kaisers: Kubilai, Hulagu, Arikbugha, hatten bei ihm ihre Agenten; so auchNikpei, der Herr des Uluses Dschagatai. Persien wurde in vier Steuerbezirke abgetheilt und die Vorsteher derselben erhielten den TitelMelik, welches gewöhnlich König, hier aber so viel als Intendant oder Generalpächter bedeutet. Arghun veranstaltete bei seiner Zurückkunft neue Zählung und regelte die Kopfsteuer nach den Klassen, was bereits, sowie die Einrichtungen Hulagu's durch denselben oben erzählt worden.
Rückblick auf das Chalifat.
Hulagu befand sich Ende Aprils zu Denna,9. Rebiulachir 655/26. April 1257drei Monate hernach zu Hamadan;10. Redscheb/26. Juliin der herbstlichen Tag- und Nachtgleiche sandte er einen Gesandten an den Chalifen vonBagdad mit der Aufforderung von Unterwürfigkeit und dem Vorwurfe, dass die zur Besiegung der Assassinen angesprochene Hülfe nicht geleistet worden. Doch ehe wir die Begebenheiten der zwischen dieser Aufforderung und dem Sturze des Chalifats verflossenen fünf Monate erzählen, fordert geschichtlicher Zusammenhang den Rückblick auf die letzten Zeiten des sinkenden Chalifats, das unter den Beni Abbas nun bereits durch fünf Jahrhunderte gedauert. Ohne diesen Rückblick auf die ersten und letzten Ursachen des Sinkens und gänzlichen Verfalls würde es unmöglich sein, zu begreifen, wie der durch fünf Jahrhunderte aufrecht stehende Thron des Chalifen in fünf Monaten zertrümmert ward[240]. Der Wurm hatte schon lange an dem Herrscherstabe des Chalifen genagt, ehe derselbe und das darauf gestützte Schattenbild der Herrschaft zu Boden fiel. Von innen zerrissen das Reich die Partheiungen der Sunni und Schii und die Anführer der türkischen Leibwachen, mit denen sich schon der achte ChalifeMoteaassimin der Hoffnung umgeben, durch dieselben den Thron zu schützen, die aber statt Vertheidiger Empörer, von Sklaven sich zu Sultanen emporschwangen. Von aussen erschütterten und zertrümmerten das Reich die mit dem Schwerte den Islam reformirende Secte derKarmathenund die überall emporsteigenden Dynastien, von denen alle den Titel der Herrschaft den durch Gewalt abgenöthigten Diplomen des Chalifen dankten, von denen aber die mächtigsten, wie dieBeni HamdanundBeni Buje, um die Oberherrschaft über den Chalifen buhlten, und desshalb im beständigen Kriege mit dem Emirol-umera, d. i. dem Fürsten der Fürsten, dem Hausmeyer des Chalifats, bis sie den Titel desselben sich selbst angeeignet. Kaum ein Jahrhundert war seit derGründung der Dynastie der Beni Abbas durchAbdallah es-seffah, d. i. den Diener Gottes, den Blutvergiesser, verflossen, als schon mit dem Einflusse der türkischen Leibwachen der Saamen des Unheils wuchernd aufschoss; ein Jahrhundert hernach unter dem neunzehnten ChalifenKahirbillah, d. i. derRächende durch Gott, war bereits das Loos der Theilung über das Ehrenkleid des Chalifats geworfen und die Länder desselben in zwölf Theile zerstückelt.i. J. 325/936Heute vor neunhundert Jahren herrschte in Persien die mächtigste, in vier Zweige getheilte Dynastie der BeniBuje, in Diarbekr und Dijari Rebia, zu Mossul und zu Haleb die Dynastie der BeniHamdan; Chorasan war in den Händen der BeniSaman, Masenderan und Dschordschan in denen der BeniDilem; der südlichen arabischen Landschaften hatten sich dieKarmathen, der südlichen persischenAhwasundWasit, die SöhneBerid's, als Empörer bemächtigt. In Aegypten und Syrien führten die türkischen Sklaven der FamilieAchschidals Herrn den Titel von Sultanen und zuBagdadselbst den des Fürsten der Fürsten. Zwei Dynastien der BeniSijadregierten zu Sebid in Jemen und die anderen in Taberistan; in Kufa die BeniThaba Thabaaus der Familie Ali und die BeniOchaissarin Hidschas. Den Titel und die Macht als Chalifen machten den Beni Abbas die alte Dynastie der BeniOmeijein Spanien und die neue derFatimitenin Afrika streitig[241]. So hatten sich Leibwachen und Sklaven, Sectirer und Empörer, arabische und persische Emire in das weite Reich des Chalifats von Osten bis Westen getheilt, und das Gebiet desselben war, wie in der letzten Zeit des byzantinischen Reichs, fast nur auf das Weichbild der Residenz beschränkt; was sich innerhalb den weiten Gränzen des ehemaligen Reichs der Chalifen zutrug, gehört in die Geschichte der Dynastien, die sich dort erhoben, und nicht mehr in die des Chalifats, das seit dem Beginne des zehnten Jahrhunderts der christlichen Zeitrechnung noch durch vierthalbhundert Jahre seinem Untergange allmählig zusank.
Wesire Verräther; Religionssecten; Ueberschwemmungen.
Am Eingange und Ende dieser vierthalbhundertjährigen Periode stehen zwei Wesire Staatssekretäre, beide Gelehrte, beide als Hebel des Verderbens des Reichs von der Geschichte gebrandmarkt. Der erste,Ibn Mokla, der Verbesserer der arabischen Schrift in ihrer schönsten, gefälligsten Form desNeschi, der dreimal den Koran abgeschrieben, dreimal die Wesirschaft verwaltet, dreimal Heere befehligt, dreimal die Pilgerreise vollzogen und zuletzt sogar dreimal bestattet worden, unterhielt verrätherischen Briefwechsel mitJahkim, dem türkischen Emire, wieIbn Alkami, der letzte gelehrte Wesir des letzten der Chalifen, mit Hulagu; jener die Türken, dieser die Mongolen rufend. Der zwischen beiden liegende Zeitraum zerfällt in vier Perioden, in deren erster dieBujiden, in der zweiten dieSeldschuken, in der dritten dieChuaresmschaheund endlich dieMongolendie mächtigsten Herrscher Mittel- und Vorderasiens. Wir haben hier nicht die Geschichte dieser Reiche zu überblicken, sondern nur die des unter ihrem eisernen Fusstritte tief darniedergebeugten Chalifats. Die erste Periode der Uebermacht der Beni Buje bis zum Auftritte der Seldschuken unter Toghrul umfasst hundert fünf und zwanzig Jahre, die Herrschaft der Seldschuken in Chorasan und Kerman anderthalb Jahrhunderte, die überwiegende Macht der Chuaresmschahe unter den beiden letzten grossen Sultanen derselben, Mohammed Tekesch, die der mongolischen Herrschaft seit dem Tode Tschengischan's, dreissig Jahre. Während dieses durch die Uebermacht der Beni Buje, der Seldschuken, der Chuaresmschahe und der Mongolen unterdrückten, durch innere Unruhen zerstückten Chalifats sassen seit dem neunzehnten Chalifen, Kahirbillah, noch achtzehn sogenannte Schatten Gottes auf Erden als Schatten auf dem Chalifenstuhle, mit dem Mantel des Propheten angethan, mit seinem Stabe als Richter die weltliche Herrschaft zum Scheine und nur noch die geistliche als die Imame des Islams ausübend, auch diese nicht unbestritten, sondern von Ketzern und Glaubensreformern vielfach beeinträchtigt, von den Chalifen der Beni Omeije in Spanien und von denen der Fatimitenin Afrika in Anspruch genommen. Zuerst entzweite das Chalifat die zu Bagdad mit gleicher Erbitterung geführte Glaubensspaltung derSunniundSchii, wovon jene die Katholiken, diese die Protestanten des Islams; jene dem Hause Abbas, diese dem Ali's und folglich allen denen, welche als Verwandte der Prophetenfamilie auf Herrschaft Anspruch machten, gewogen. Die für den Thron sowohl als für den Altar gefährlichsten Religionsneuerer aber waren dieKarmathenundIsmailiten, wovon jene mit dem Schwerte in der Hand als Zerstörer der Kaaba und Räuber des heiligen schwarzen Steines, als Mauerbrecher das feste Gebäude des Islams erschütterten; diese unter dem Schleier geheimer Lehren und Verbindungen die Grundfeste der Religion untergruben und mit dolchbewaffnetem Arm schneidende Beweise führten; höchst gefährliche Neuerer der Lehre, welche den ihnen beigelegten Namen derMulhad, d. i. der Freigeister oder Gottlosen, wohl verdienten und welche nur unter dem tropischen Gewande der Allegorie und Mystik das Skelet ihrer Grundlehre:Nichts zu glauben und sich Alles zu erlauben, verlarvten; gefährlicher als die AnhängerMasdek'sunter Nuschirwan, als dieBabek'sunter den Chalifen Mamun und Moteaassim, welche offen die Gemeinschaft der Güter und Weiber predigten, das Scheusal ihrer Grundsätze offen Preis gaben, während diese es unter dem Schleier ascetischer Uebungen und philosophischer Lehren im tiefsten Geheimnisse verbargen. Von der Zeit an, wo unter Kahirbillah die Karmathen und Beridäer die Länder des Chalifats mit Blut überschwemmten bis zur letzten Blutüberschwemmung durch die Mongolen, waren die grossen politischen Unheile des Reichs fast immer gleichzeitig mit grossen verderblichen Naturbegebenheiten, mit Erdbeben, Hungersnoth und besonders grossen Verheerungen des Tigris, so dass die Ueberschwemmung des letzten nur als ein Vorzeichen einer Ueberschwemmung von Blut galt, ein Glaube an eine geheime Verbindung physischer und moralischer grosser Begebenheiten, welche durch die furchtbaren Ueberschwemmungen des Tigris, welche im Jahre der Einnahme Alamut'sstatthatte und nur zu bald durch das Blutbad und den Ruin Bagdad's bestätigt ward.
Die Emirol-umera aus der Familie Buje.
Der Tyrann Kahirbillah, Nachfolger des Chalifen Radhi, der letzte der Chalifen, welcher dichtete und selbst am Freitage das Chutbe verrichtete, berief den TürkenRaikals Fürsten der Fürsten nach Bagdad und stiftete so die oberste Gewalt der Fürsten der Fürsten, um die sich mit den Befehlshabern der Leibwachen die mächtigen Fürsten des Hauses Hamdan und Buje stritten. Er bestellte, der erste, einen Stellvertreter in der Moschee, in welcher vor ihm die Chalifen selbst als Imame dem Gebete vorstanden, am Freitage die Rede selbst von der Kanzel alsChatibegehalten hatten.[242]330/941Unter seines Bruders und NachfolgersMottakki, d. i. des Gottesfürchtigen, Regierung verkündeten grosse Ueberschwemmung des Tigris und grosse Pest und Hungersnoth eben so grosses politisches Unheil. Der AnführerBeridiverheerte Bagdad dritthalb Monate lang mit seinen Truppen, der TürkeTusundrängte sich nach Raik's Tod dem Chalifen als Fürst der Fürsten auf, dem byzantinischen Kaiser Romanus Lapachenes musste das Schweisstuch Christi als Lösegeld ausgeliefert werden; Mottakki ward geblendet und vom Throne gestossen. Sein NeffeMostekfibillahverlieh nach Tusun's Tod die Stelle des Fürsten der Fürsten demSchirsad, welchem sie Ahmed der Bujide entriss und vom Chalifen mit dem EhrentitelMoiseddewlet, d. i. der denHofoder dasReich Ehrende, anerkannt ward. Er bemächtigte sich der Leitung aller Geschäfte, wies dem Chalifen nur fünftausend Dirhem für dessen täglichen Unterhalt an, riss ihn endlich gewaltsam vom Throne und verstiess ihn geblendet in den Kerker. Die Wesire wurden von nun an nicht mehr Wesire, sondern nurKjatibe, d. i. Sekretäre, genannt.[243]Sein NachfolgerMotiilillah, d. i. der Gehorsame in Gott, war nur den Befehlen Moiseddewlet's und seines Sohnes Bachtiar gehorsam, welche die wahren Herren von Bagdad, als Schii die Sunni als Ketzer und die Chalifen ausdem Hause Abbas als ungerechte Thronbesitzer anfeindeten; Verwünschungen wider Omar, derFedek, das Landgut Ali's, eingezogen, und denEbu Serrverdammte, wurden an die Thore der Moscheen geschrieben, Nachts zwar von den Sunniten wieder ausgelöscht, dann aber dem Moawia von den Kanzeln geflucht und das Fest Aaschura zum Preis des Martyrthums Husein's eingesetzt[244]. Moiseddewlet verkaufte die Stelle des Obersten Richters um zwanzigtausend Dirhem, das erste Beispiel so schändlicher Verkäuflichkeit im Islam, und Bachtiar, als es ihm an Geld mangelte, zwang den Chalifen, seine ganze Garderobe und sein Hausgeräthe zu verkaufen, und zog die aus der Versteigerung gelösten vierzigtausend Dirhem ein, so dass man sagte, er habe den Chalifen vergantet[245]. Die Karmathen hatten zwar den schwarzen heiligen Stein wieder an die Kaaba zurückgestellt, aber hingegen eroberten die Griechen alle Gränzfestungen des Reichs. Zu Tarsus verwandelten sie die Moscheen in einen Stall und verbrannten die Kanzel; Antiochien und Haleb, Edessa und Nissibin wurden geplündert. Dschewher, der Feldherr der Fatimiten, hatte Aegypten erobert. So grosse und schwere Unfälle waren durch ausserordentliche Naturverheerungen vorbedeutet oder von denselben begleitet worden.346/957Erdbeben verschluckte die Stadt Thalkan mit allen ihren Einwohnern, bis auf dreissig[246], und hundert fünfzig Dörfer. Die Erde warf die Gebeine der Todten aus und sprengte heisses Wasser zum Himmel empor; Kum und Holwan wurden durch Erdbeben verwüstet; die Heuschrecken verzehrten nicht nur das Gras der Fluren, sondern auch die Blätter der Bäume; das Meer trat achtzig Ellen weit von seinen Ufern zurück[247]und enthüllte die Naturwunder seines Schooses; drei Jahre später verschlang es das Gepäck der Pilgerkarawane, die ein Wolkenbruch demselben zugeschwemmt;349/960in diesem Jahre wurde Kreta von den Griechen erobert. Der Sohn Motii's warThaai, was ebenfallsgehorsambedeutet; er gehorsamte, wie der Vater, dem Fürsten der Beni Buje, die sich nun mit den Türken und unter sich um die Obervormundschaft des gehorsamen Chalifen stritten; doch beobachtete Adhadeddewlet, der grosse Fürst der Bujiden, wenigstens den äusseren Anstand, indem er siebenmal vor dem Chalifen die Erde küsste, während Behaeddewlet den Palast des Chalifen plünderte, ihn selbst durch zwei Dilemiten von dem Throne reissen liess und geblendet in den Kerker verstiess. Adhadeddewlet hatte zu Bagdad Spital und Sternwarte gebaut, und inmitten der finsteren Nacht, welche den Thron des Chalifats umdunkelte, leuchteten am literarischen Himmel Gestirne der ersten Grösse. Der DichterMotenebbi, der GeschichtschreiberMesudi, der PhilosophFarabiundEbulferedsch von Issfahan, der Verfasser der grossen Blüthenlese,Aghani, welcher dem Wesir Ibad die fünfhundert Kameellasten von Büchern, die er vor Erscheinung derselben mit sich zu führen pflegte, ersparte.
Kadirbillah und Kaimbiemrillah.
In die vierzigjährige Regierung Kadirbillah's, des fünf und zwanzigsten Chalifen, des Enkels Moktedir's, fällt das Ende der Herrschaft der Beni Buje und der Beginn der Grösse der Sultane von Ghasna, welche aber zu ferne, um unmittelbaren Einfluss auf die Schicksale Bagdads zu nehmen. Nichtsdestoweniger ertheilte ihnen der Chalife Ehrentitel, indem er dem Vater Sebugtegin dender rechten Hand des Hofes und des Intendenten des Volkes[248]beilegte, wie die Fürsten der Buje derBewahrer[249], derArm[250], derRuhm[251], derAdel[252], dasSchwert[253], derWerth[254], dieSäule[255]und dieEhre[256], derVeredler[257], dieErhabenheit[258]des Reichs und des Hofs geheissen hatten; fünf und vierzig Jahre alt, als er den Thron bestieg, füllteKadir, d. i. der Mächtige, denselben vierzig Jahre lang, wenn nicht mit Macht, doch mit Anstand und Würde, war genau und eifrig in Vollziehung der vorgeschriebenen Religionspflichten im Gegensatze seinerVorfahren, welche Wüstlinge und Schlemmer, schrieb ein Buch wider die Schismatiker, welche die Lehre, dass der Koran erschaffen, vertheidigen, welches alle Freitage in der Moschee vorgelesen ward; nur wurde seine lange Regierung häufig durch die blutigen Streitigkeiten der Sunni und Schii getrübt, weil er die letzten auf Kosten der ersten begünstigte. In dem ersten dieser Religionsaufruhre wurde der Wesir Behaeddewlet erschlagen, weil er die Todtenfeier des Martyrthums Husein's abstellen wollte.i. J. 382/992Neun Jahre hernach empörten sich die Ketzer, indem sie die Einführung eines neuen Festes, nämlich des schiitischen desTeiches, durchsetzten[259].389/998Zehn Jahre hernach, im selben, wo ein heftiges Erdbeben die Stadt dreimal, und Hakimbiemrillah die Kirche, das heilige Grab zu Jerusalem in Schutt verwandelte, schlugen sich die Sunni und Schii in den Strassen von Bagdad.i. J. 407/1016Neun Jahre später wurden die Ketzer zu Wasith von den Sunni geschlagen und die Kuppel der grossen Moschee zu Jerusalem stürzte ein. Schon im nächsten Jahrei. J. 408/1017entbrannte der Kampf zwischen ihnen umso heftiger zu Bagdad; und abermals nach dreizehn Jahreni. J. 421/1030schlugen sie sich wegen des FestesAaschura, d. i. des Trauerfestes Husein's. Ausser dieser so oft wiederholten blutigen Polemik wurde Bagdad von Zeit zu Zeit durch Diebsbanden beunruhigt, so dass Niemand seines Eigenthums sicher[260]. Nichtsdestoweniger brachte es Kadir dahin, dass die BeniOkailin Syrien das Kanzelgebet auf seinen Namen und nicht auf den der Fatimiten verrichteten, deren angeblicher Ursprung von Ali, zu Bagdad öffentlich in den Schulen angegriffen ward.i. J. 402/1011Die GleichzeitigkeitFirdewsi'sundKabus Schemsolmaali's, des Dilemiten, wie dieHamdan's, des Gründers der Beni Hamdan, undAvicena'sverherrlichte die vierzigjährige Regierung Kadir's nicht minder, als die fünf und vierzigjährige seines SohnesKaimbiemrillah's, d. i. des auf Befehl Gottes Aufrechtstehenden, durch das AufsteigenToghrul's, des Gründersder Dynastie der Seldschuken, als Beginn einer neuen Epoche, indem die Vormundschaft der Chalifen von dem Hause Buje in das der Seldschuken überging. Toghrul, von dem Chalifen um Schutz wider den übermächtigen Türken Besasiri angefleht, gewährte denselben, aber gegen die Belehnung mit der Herrschaft des Ostens und Westens mittels zweier Kopfbünde, zweier Schwerter, sieben Fahnen und sieben nacheinander angelegter Ehrenkleider, während der Chalife auf sieben Ellen hohem Throne sass. Der Chalife vermählte sich mit der Nichte Toghrul's und dieser nahm die Tochter des Chalifen zur Frau, starb aber vor Vollzug der Hochzeit siebzigjährig. Zwei Kometen[261], Erdbeben, Hungersnoth, Meeresebbe und Ueberschwemmungen verkündeten und begleiteten diesen neuen Umschwung der Herrschaft des Ostens und Westens. In Aegypten und Palästina spie die Erde Wasser[262], das Meer zog sich auf einen Tag weit von den Gestaden zurück und verschlang in unvermutheter Rückkehr die, welche in seinen aufgedeckten Tiefen nach Schätzen suchten[263]. Die Hungersnoth in Aegypten war so gross, dass seit des ägyptischen Joseph's Zeit keine grössere gedacht ward[264]und die Stärkeren die Schwächeren ohne Scheu auffrassen; durch zwei Ueberschwemmungen des Tigris[265]wurden über hunderttausend Häuser verwüstet. Solche Zeichen mussten die Herrschaft der Türken über Vorderasien verkünden; aber ausserdem ward Bagdad noch durch Diebesbanden und die Religionskämpfe der Sunni und Schii verwüstet; diese fügten zum Gebetsaufruf die Formel:Auf! zu guten Werken![266]bei und schrieben auf ihre Bollwerke:Mohammed und Ali sind die bessten der Geschöpfe; wer vollzieht, ist dankbar, wer sich dessen weigert, undankbar; die Sunni widersetzten sich; die Grabmäler der ImameMusaundTakkiwurden ihrer goldenen Leuchter und Lampen beraubt, die Schreine aus Ebenholz angezündet; sie verbrannten auch die Grabdome des ChalifenEminundseiner MutterSobeide, die der BujidenMoisundDschelaleddewlet[267]; die Moscheen der Hanefiten wurden von den Schiiten geplündert. Sie unterliessen dafür das Kanzelgebet für den Chalifen, weil er sie zu schützen nicht im Stande, nicht Chalife und Imam zu heissen verdiene. Doch hatte er vor seinem Ende den Trost, dass der Scherif von Mekka das Kanzelgebet nicht mehr auf den Namen der Fatimiten, sondern auf den der Beni Abbas verrichtete; und unter seiner Regierung erhob sich zu Bagdad die erste, vom grossen Wesire Melekschah's von Nisameddin gestiftete hohe SchuleNisamije[268].
Die Chalifen Moktefi, Mostadhir.
Mit Moktefi, dem Sohne Kaimbiemrillah's, dem sieben und zwanzigsten Chalifen, welcher zwanzigjährig den Thron bestiegen, setzte sich auf denselben in ChuaresmItsis, einer der Emire Melekschah's, der Gründer der Dynastie der Chuaresmschahe, die erst ein Jahrhundert später zum Gipfel der Macht emporstieg.Itsisliess das Freitagsgebet wieder auf den Namen des Chalifen aus dem Hause Abbas, statt auf den der Fatimiten, verrichten. Moktefi vermählte sich mit der Tochter seines Schirmvogtes, des grossen Sultan's der Seldschuken, Melekschah. Die Hochzeit war die glänzendste, welche Bagdad seit der berühmten Mamun's mit der Tochter seines WesirsSehlgesehen; der grosse Wesir Nisamolmülk mit zweitausend Reitern begleitete die Braut; hundert vier und dreissig Reihen von Kamelen (jede Reihe zu sieben) trugen den Brautschatz, in welchem die juwelenbesetzten Pantoffeln das Hauptstück. Die Hochzeit, sowie ein Paar Jahre hernach das Geburtsfest des Sohnes Dschaafer aus der Frau Turkjan, wurde mit grossen Festen gefeiert; dem letzten wohnte Melekschah in eigener Person bei und legte bei dieser Gelegenheit den Grund der nach seinem Namen genannten Moschee Bagdad's. Nach Verlauf eines Jahres zertrugen sich der Chalife und die Tochter Melekschah's, welche zu ihrem Vater nach Issfahan zurückkehrte, weil Moktefi statt ihres Sohnes Dschaafer's denMostadhirzumThronerben ernannte. Melekschah forderte, dass der Chalife die Erbfolge an seinen Enkel Dschaafer, den Sohn Turkjan's, übertrage, und war eben im Begriffe, ihm dieses Familiengesetz mit gewaffneter Hand aufzuzwingen, als er vergiftet starb, was von Bagdads Einwohnern der Wirkung des himmeldurchdringenden Gebetes des Chalifen zugeschrieben ward.487/1094Moktefi überlebte ihn nur drei Jahre und hatte seinen sechzehnjährigen SohnMostadhirzum Nachfolger.489/1096Zwei Jahre nach seiner Thronbesteigung ward ganz Asien durch den Schrecken der Astronomen über den Verein der Planeten, den Saturnus ausgenommen, im Zeichen des Fisches mit Vorhersagungen von Sündfluth aufgelärmt, indem zur Zeit der Sündfluth alle sieben Planeten im Fische gestanden haben sollen; wirklich schwemmte ein Wolkenbruch das Gepäck der Pilgerkarawane fort; aber verderblicher als diese Ueberschwemmung war die der Kreuzfahrer, deren Fluth bald hierauf an den syrischen Gestaden emporbrandete.499/1105Ein Comet von einer Grösse, dessgleichen nie gesehen worden, galt als Vorzeichen des ungeheueren Brandes, dessgleichen Bagdad noch nicht erlebt hatte, und in welchem nebst dem Palaste des Chalifen die hohe Schule Nisamolmülk's und die ganze Flussseite der Stadt in Asche gelegt ward;511/1117was vom Brande übrig geblieben, zerstörte ein Erdbeben. Brand und Erdbeben mussten den Tod Mohammedschah's des Seldschuken und des Chalifen vorbedeutet haben, welche bald hierauf im Zwischenraume von wenigen Monaten starben. Es war das drittemal, dass der Tod des Chalifen mit dem seines seldschukischen Schirmvogtes fast zusammenfiel; SultanAlparslanwar zwei Jahre vor dem ChalifenKaim[269], SultanMelekschahzwei Jahre vor dem ChalifenMoktefi[270]und jetzt Sultan Mohammed nur einige Monate vor dem ChalifenMostadhirgestorben, und sowohl die drei Sultane als die drei Chalifen gehörten unter die grössten und bessten Herrscher ihres Hauses[271].Mostadhir, beredt,freigebig und Schönschreiber, machte den Bewohnern Bagdads angenehme und fröhliche Tage, indem seine vier und zwanzigjährige Regierung im Ganzen eine ruhige, während die siebzehnjährige seines Sohnes und NachfolgersMosterschiddas Gegentheil durch die Thronnebenbuhlerschaft der beiden Seldschuken, Mahmud und Mesud, von denen Mosterschid jenen als Oberherrn anerkennend mit sieben, diesen nur mit zwei Ehrenkleidern bekleidete. Mesud überzog in der Folge den Chalifen mit Krieg, belagerte Bagdad und nahm ihn gefangen; als aber sein Oheim Sindschar solche Verletzung der dem Oberhaupte des Islams schuldigen Ehrfurcht hoch missbilligte, setzte er ihn in Freiheit und ging sogar vor dessen Pferde, die Satteldecke desselben tragend, einher. Ein Feuerregen zu Mossul und fliegender Skorpionen zu Bagdad, an deren Bissen Viele starben, gingen dem gewaltsamen Tode des Chalifen voraus, der unter dem Dolche der Assassinen fiel. Sie hatten ihn zu ihrem Opfer ausersehen, weil er ihnen feind; ein tugendhafter Fürst, ausgezeichneter Schönschreiber, Rechtsgelehrter und Ueberlieferer, in dessen Gegenwart Lesungen der Ueberlieferungen gehalten worden. Unter seiner Regierung wurden zu Hebron in einer Felsenhöhle Leichname entdeckt, welche für die Abraham's, Isak's und Jakob's galten, deren Gräber seitdem dort der Gegenstand moslimischer Verehrung; und zu Bagdad fiel, was vordem und seitdem unerhört, mannstiefer Schnee, der vierzehn Tage liegen blieb[272].