Die Chalifen Raschid und Moktefi.
Raschid[273], der Sohn Mosterschid's, der dreissigste Chalife, trat keineswegs in seines Vaters und Grossvaters Fussstapfen; wider Sultan Mesud lehnte er sich auf, indem er das Kanzelgebet zu Bagdad, statt auf dessen Namen, auf den David's, des Neffen Mesud's, verrichten liess. Mesud plünderte dafür Bagdad mit solcher Raubsucht, dass den Frauen und Sklavinnen sogar die Halsbänder und Ohrgehänge weggerissen wurden; durch sechzehn Tage und Nächtebebte die Erde zu Bagdad, und schon eilf Monate, nachdem er den Thron bestiegen, dessen ihn die Richter und Rechtsgelehrten durch ein Fetwa als unfähig erklärten, fiel er, wie sein Vater, unter Meuchlerdolch. Das Reich war so gesunken und verarmt, dass, als Raschid's Nachfolger, sein VetterMoktefi, der Sohn Mostadhir's, den Chalifenstuhl bestieg, ihm kein Einkommen blieb, als der Ertrag seiner Privatgüter; aber auch diesen hätte er nicht eintreiben können, wenn ihm nicht die Sklaven Mesud's dazu verholfen hätten. Er vermählte sich mit der Schwester Sultan Mesud's, welche ihm hunderttausend Dukaten als Heirathsgut zubrachte; aber vierzehn Jahre hernach, als die Araber der Wüste die ganze Pilgerkarawane plünderten und gefangen nahmen, musste die Gemahlin des Chalifen, welche sie gefangen behielten, um hunderttausend Dukaten losgekauft werden, so dass das Heirathsgut als Lösegeld aufging. Hierauf sandte ihm Sultan Sindschar, der Oheim Mesud's, den Mantel und den Stab des Propheten, welchen Mesud, als er den Chalifen Mosterschid gefangen genommen, dem Oheim gesandt. Moktefi hatte während seiner vier und zwanzigjährigen Regierung mit Widerwärtigkeiten aller Art zu kämpfen. Die Naturbegebenheiten schienen sich wider ihn verschworen zu haben, wie die Emire Sultan Mesud's, welche Bagdad belagerten und verheerten. Ein Erdbeben, in welchem dreissigtausend Menschen zu Grunde gingen, verschlang die StadtHire, an deren Stätte schwarzes Wasser aufquoll;534/1139in Syrien zählte man in Einer Nacht achtzig Erdstösse; Orkane und Wolkenbrüche verheerten Kleinasien und ein Comet zog flammend von Osten gegen Westen. Zu Bagdad rettete sich der Chalife nackt aus den Flammen, welche den kaum aufgebauten Palast mit der ganzen Einrichtung verzehrten.543/1148In Arabien regnete es Blut; aber mehr noch als alle diese Naturerscheinungen bedrängte den Chalifen der Druck seines Schwagers Schirmvogtes Mesud; wider denselben blieb dem Unterdrückten keine Waffe, als der himmeldurchdringende Pfeil des Gebetes; diesem ward der gähe Tod Mesud's zugeschrieben, durch welchen nicht nurMoktefi seines Drängers ledig, sondern auch das nun schon dreihundert Jahre auf dem Chalifate schwer lastende Joch türkischer Sklaverei für immer zerschlagen ward;547/1152eine höchst günstige Begebenheit, wodurch die Chalifen wieder ihre Unabhängigkeit genossen, welche sie seit der Einführung der türkischen Sklaven unter Moteaassim verloren hatten. Doch nützte ihnen dieselbe nicht viel, da das Reich zerstücket, ihre Herrschaft nur auf das Grabmal von Bagdad und einige Städte des arabischen Irak beschränkt war und die Macht der Chuaresmschahe drohend emporwuchs. Indessen ist diese Epoche doch eine sehr merkwürdige in der Geschichte des Chalifats, welches in dem letzten Jahrhunderte seines Daseins keinen Schirmvogt anerkannte. Moktefi selbst benützte den ersten freien Odemzug, den ihm der Tod Mesud's gewährte, zur Belagerung von Tekrit und einem Streifzuge wider die in der Gegend herumziehenden Turkmanen, denen er viermalhunderttausend Schafe und grosse Beute abnahm und damit zu Bagdad einzog. Suleiman, der Sultan der Seldschuken Rum's, kam nach Bagdad, um aus der Hand des Chalifen den Titel der Herrschaft und den Befehl zur Eroberung des Gebirgslandes zu empfangen. Das Erdbeben, das im folgenden Jahre acht Städte der Moslimen und fünf der Franken in Syrien verheerte, war eines der schrecklichsten;552/1157die EinwohnerHamid'swurden alle erschlagen, zuScheiserblieb nur ein Weib, zuKefrtabkeine Seele lebendig. ZuApamea,Himss,MaarretundTell Hamdanwurde die Hälfte der Einwohner verschüttet, die vonHossn EkradundArkagingen alle zu Grunde, Niemand wollte innerhalb der Mauern bleiben, und die Uebriggebliebenen suchten Rettung im Freien. Im folgenden Jahre verwüstete die Ueberschwemmung des Tigris dreissigtausend Häuser von Bagdad und Hagel in der Grösse von Hühnereiern und den seltsamsten Figuren ging dem Tode des sechs und sechzigjährigen Chalifen voraus.
Neue Periode des Chalifats; Mostendschid.
Die Periode der Unabhängigkeit der Chalifen von dem seit Mesud's Tode abgeschüttelten Joche der seldschukischen Vogtschaft ist in keiner der bisherigen europäischen Geschichtendes Chalifats gehörig hervorgehoben, kaum mit ein Paar Worten über den Charakter der Gemahlin Moktefi's angedeutet worden[274]; diese, welcheTaus, d. i. Pfau, hiess, flösste ihrem Gemahle den hohen Sinn und den Muth ein, sich von der schmählichen Oberherrschaft der Türken, unter denen die Chalifen durch drei Jahrhunderte geschmachtet, loszusagen. Das letzte Jahrhundert der Dauer des Chalifats war also ein für dasselbe ehrenvolleres, als die drei verflossenen, indem die letzten sechs Chalifen keine Obervogtschaft anerkannten und selbst ihre Heeresmacht wieder zu einer Höhe brachten, wodurch sie in den Stand gesetzt wurden, nicht nur die Anmassungen der Chuaresmschahe auf gleiche Vogtschaft zurückzuweisen, sondern sogar Empörungen niederzuschlagen und ein Paar dem Chalifate längst entrissene Landschaften demselben wieder einzuverleiben. Die Ursache des gänzlichen Ruines des Chalifats ist, ausser der Alles vor sich in den Staub tretenden Uebermacht der Mongolen, hauptsächlich die Unterthänigkeit des letzten Chalifen aus dem Hause Abbas, welchem, wenn er in die Fussstapfen seiner fünf unmittelbaren Vorfahren, und namentlich in dieNassirbillah's, getreten wäre, es wohl hätte gelingen können, die Macht der Mongolen von den Mauern Bagdad's zurückzuschlagen, wie diess ein Paarmal seine Vorfahren mit Muth und gutem Glück gethan. Die Periode der vorletzten fünf Chalifen gehört, wenn nicht unter die schönsten Zeiten des Chalifats aus dem Gesichtspunkte des Glanzes und der Macht, doch unter die bessten und ehrenvollsten Tage desselben, aus dem Gesichtspunkte äusserer Jochentlastung und Unabhängigkeit und innerer Ruhe und Sicherheit betrachtet. Der Zeitraum der fünf und achtzig Jahre, welche unter den vorletzten fünf Chalifen verflossen, kann mit einigem Fuge dem Zeitraume der neun und achtzig verglichen werden, in welchem Rom unter der Herrschaft Trajan's, Hadrian's und der Antonine aufathmete, das vorige Weltreich wieder einigen Ansehens, die Menschheit wieder einigerRuhe genoss. Der Name Mostendschid, der mehrere Bedeutungen hat, kann in zweien dieser Bedeutungen für den geschichtlich bezeichnenden seiner Herrschaft gelten. Mostendschid heisst sowohl der einen Vertheidiger Suchende, als ein nach überstandener Krankheit seine Kräfte Sammelnder. Er hoffte in dem syrischen Atabegen einen Vertheidiger des Chalifats zu finden; eine Hoffnung, die nicht durchNureddin, der selbst mit dem ägyptischen Chalifen im Kampfe lag, wohl aber unter Ssalaheddin, dem ersten Herrscher des mächtigen Hauses Ejub, unterMostadhir, dem NachfolgerMostendschid's, durch den Sturz des Chalifen Nebenbuhlers in Aegypten und durch die Uebertragung des Kanzelgebetes von ihrem Namen auf den der Familie Abbas einigermassen erfüllet ward. Mostendschid, ein gerechter, gebildeter und energischer Fürst, hob die von seinem Vorfahrer zum Ruin des Handels eingeführten drückenden Stempelgefälle auf, verbot die scholastischen Vorlesungen über metaphysische Werke und entriss den Händen derBeni Mesuddie der Stadt des Heiles so nahe gelegenenHille,KufaundEnbar.
Mostadhi und Nassirlidinillah.
Mostendschid's Sohn und Nachfolger,Mostadhi, d. i. der Erleuchtung Suchende, schritt während seiner neunjährigen Regierung auf dem von seinem Vater, während seiner eilfjährigen, betretenen Pfade fort. Dem Gründer der Grösse des Hauses Ejub, dem grossenSsalaheddin, welcher der Herrschaft der Chalifen Nebenbuhler in Aegypten ein Ende gemacht und das Kanzelgebet wieder auf den Namen der Chalifen aus dem Hause Abbas übertragen, sandte er Ehrenkleider und ein höchst ehrenvolles Diplom mit glänzenden Titeln und Geschenken. So ward nun wieder in Aegypten und Arabien der Chalife Bagdad's von den Kanzeln als der rechtmässige erkannt. Grössere Kräfte, als unter den nur zwei Jahre füllenden Regierungen Mostendschid's und Mostadhi's, sammelte das Chalifat unter der sechs und vierzigjährigenNassirlidinillah's, d. i. des Helfers der Religion Gottes, welchem bald nach dem Antritte seiner Regierung die Freude ward, dass nach dem Sturze der Beni Omeijein Spanien nun auch dort von den Herrschern aus der Familie Abdol Mumin das Kanzelgebet auf den Namen des Chalifen aus dem Hause Abbas verrichtet ward, eine frohe Botschaft, welche so, wie unter Mostadhi die von der Veränderung des Kanzelgebetes in Aegypten und Arabien, zu Bagdad mit Freudenfesten gefeiert ward. Während Ssalaheddin die heilige Stadt der Herrschaft der Christen entriss, eroberte der Chalife die am Euphrat gelegenen Schlösser Aana und Hadise wieder dem Reiche zurück, das sich nun wenigstens wieder über den grössten Theil Mesopotamiens, von den Ufern des Tigris bis an die des Euphrats, und über Chusistan erstreckte, dessen Schlösser der WesirIbnol aththarwieder der Macht des Chalifen unterwarf. Den Triumph Nassir's vollendete der gänzliche Ruin der persischen Seldschuken, vormaligen Schirmvögten, indem Sultan Tekesch der Chuaresmschah den Kopf des von ihm besiegten letzten persischen Seldschuken Toghrulschah dem Chalifen nach Rei sandte, wo derselbe an der Moschee als Trophäe aufgehangen ward. Den Gesandten des Sultans, welcher die Vogtschaft Bagdads, welche jetzt die Seldschuken besassen, nun für sich begehrte, entliess er ohne Antwort. Chuaresmschah stellte, um die Weigerung zu rächen, das auf den Namen Nassir's verrichtete Kanzelgebet ab und ernannte sogar einen Gegen-Chalifen in der Person des SeidAlaeddinvon Tirmid, dem er als Chalifen huldigen liess. Nassir sandte, um den Sultan auf bessere Gesinnungen zu bringen, den grossen ScheichSchihabeddin Suhrwerdi, der ihn zu Hamadan traf. Der Sultan empfing ihn verächtlich, indem er ihn nicht einmal niedersetzen hiess; und als der gelehrte und beredte Scheich in einer langen Rede die Stellen der Ueberlieferung zu Gunsten des Hauses Abbas und die Herrschertugenden Nassir's gepriessen, antwortete der Sultan: Alles dieses passt nicht auf Nassir; ich ziehe nach Bagdad, um dort einen, der wirklich alle von dir hergezählten Eigenschaften besitzt, als Chalifen einzusetzen. Er rückte gegen Bagdad vor, welches Nassir noch vor kurzem mit einer Mauer umfangen hatte, welche die Stadt wohl schwerlichvor der Uebermacht des Sultans gerettet hätte. Diesen bewog ein ungeheures Schneegestöber zum Rückzuge, indem, als er nach Holwan gekommen, es zwanzig Tage ununterbrochen schneite, so dass der Schnee so hoch als die Zelte, das Heer durch ungeheueren Verlust an Menschen und Thieren schwächte. Diese Naturbegebenheit war für Bagdad erfolgreicher, als einige andere frühere ausserordentliche Erscheinungen;i. J. 583/1186diese waren der Verein der sieben Planeten im Zeichen der Wage, woraus die Astronomen ungeheuere Orkane für die Nacht der Vereinigung vorausgesagt; in derselben herrschte aber so grosse Windstille, dass die Lampe auf der Sternwarte in freier Luft unausgelöscht brannte, zu grosser Beschämung der Astronomen. Sechzehn Jahre hernachi. J. 599/1202flammte eine ganze Nacht voll fallender Sterne, die nach allen Richtungen hin und herschossen, eine Erscheinung, die durch ähnliche in unseren Tagen genauer beobachtete beglaubigt wird. Nassir hatte den Chalifenpalast zu Bagdad abbrechen lassen, aber ausser der Stadtmauer viele Moscheen und Medreseen und ein Speisehaus für die Armen gebaut; die erste Anstalt dieser Art, welcher die Geschichte des Islams erwähnt. Nassir war ein besonders in der Ueberlieferung gelehrter Fürst und hinterliess über dieselbe ein Werk, das den Titel:Geist des Erkennenden[275]führt; aber Nassir war auch ein harter, habsüchtiger Fürst, dessen Gier, Schätze zu sammeln, keine Gränzen kannte, der die Unterthanen durch Gelderpressungen drückte und das Heer der Finanzbeamten noch mit einem Heere von Ausspähern vermehrte. Von den Kanzeln, wo ehe für die Chalifen des Hauses Omeije in Andalus, dann für die des Hauses Fatima in Aegypten als Chalifen gebetet worden, wurde nun das Kanzelgebet wieder auf den Namen Nassir's verrichtet, so auch in Hidschas und Jemen, in Chorasan und Masenderan und in Indien auf den Namen Nassir's, als des einzigen rechtmässigen Chalifen des Islams.
Sahirbiemrillah und Mostanssir.
Der Sohn und Nachfolger Nassirlidinillah's, der ChalifeSahirbiemrillah, d. i. der Offenbare durch Gottes Befehl, war vor allen Chalifen aus dem Hause Abbas seines Beinamens werth, nach dem Zeugnisse der Geschichtschreiber, dass seit Omar el-assis, dem wegen seiner Frömmigkeit und Gottesfurcht berühmten achten Chalifen der Beni Omeije, kein Gerechterer auf dem Chalifenstuhle gesessen. Diesen guten Klang seines Namens dankt er dem freigebig geschenkten Golde und der kurzen Zeit seiner Regierung, indem er nur neun Monate lang den Völkern als ein Muster des Chalifats mehr gezeigt als bewährt. Er stellte bei seiner Thronbesteigung confiscirte Grundstücke ihren Eigenthümern zurück, sandte dem Richter der Richter zehntausend Dukaten zur Bezahlung der Schulden derer, die desshalb im Thurme sassen, setzte die Kopfsteuer von Jakuba, welche vormals nur zehntausend Goldstücke betragen, unter seinem Vater aber auf's Siebenfache gesteigert worden war, wieder auf die obige Summe zurück, liess von der Gesammtsumme der Steuern dreimalhundert fünfzigtausend den Unterthanen nach und vertheilte am Opferfeste hunderttausend Dinare unter die Gesetzgelehrten und Ssofi; denen, die ihn fragten, warum er sich so beeile, Gutes zu thun, antwortete er mit Anspielung auf das vorgerückte Alter von ein und fünfzig Jahren, in welchem er den Thron bestiegen: Ich gleiche denen, die erst Nachmittags ihre Buden öffnen und sich also beeilen müssen, wenn ihr Handel Gewinn tragen soll; hindert mich also nicht in guter Handlungen Handel. In seine Fussstapfen, als ein gerechter, freigebiger und gelehrter Fürst, trat sein Sohn und NachfolgerMostanssirbillah, d. i. der bei Gott Hülfe Suchende. Er baute die berühmte, nach seinem Namen genannte hohe Schule, deren Grösse und Glanz die frühere, vom Wesire Nisamolmülk zu Bagdad erbaute, bei weitem zurückliess; sie bestand in vier besonderen Schulen, nach den vier Ritus des Islams, wo die Rechtsgelehrsamkeit nach den UeberlieferungenEbu Hanife's,Schaafii's,Malik'sundHanbeli'sgelehrt ward; an jeder dieser vier Medreseen waren zwei und sechzigPlätze für Studenten[276]und zwei für Correpetitoren[277]gestiftet. In vier Jahren war der Bau vollendet; am Tage der Eröffnung besuchte der Chalife mit allen Richtern und Rechtsgelehrten die Schulen und vertheilte reiche Geschenke unter die Professoren und Studenten. Das Seitenstück zurMostanssirije, d. i. zur hohen SchuleMostanssir's, war dieKamerije, d. i. dieMondige, eine am Ufer des Tigris gebaute, reich gestiftete Speiseanstalt für Dürftige. Seine Wohlthaten strömten vorzüglich den Gelehrten zu, dieselben überschritten aber das Maass vernünftigen Staatshaushalts, wenn die folgenden Anekdoten wahr. Jedesmal, als aus einem mit Gold gefüllten Becken geschöpft ward, rief er aus: Ach, wann werde ich dich leeren! während sein Vater jedesmal, als Gold hineinfloss: Ach, wann werde ich dich füllen! ausgerufen haben soll. Eines Tages, als er von der Terrasse seines Palastes rund um auf den Terrassen Wäsche aufgehangen sah und der, was dies bedeute, gefragte Wesir antwortete, dass es die für das nächste Fest gewaschenen alten Kleider seien, wunderte sich Mostanssir, dass nicht jeder seiner Unterthanen sich neues Festkleid anschaffen könne, liess aus Gold Armbrustkugeln verfertigen und verschoss dieselben auf die Terrassen der Nachbarn. Wider die Mongolen, welche unter seiner Regierung bis Meragha vorgedrungen und Erdebil vom Grunde aus verheeret hatten, brachte er ein Heer von siebzigtausend Mann auf, von welchem zwar Anfangs die Mongolen, dann aber die Truppen des Chalifen zuDakuk, das seiner Naphthabrunnen willen berühmt[278], geschlagen wurden.653/1237Im selben Jahre richteten die Mongolen das Blutbad von Issfahan an, in welchem der grosse DichterIsmail Kemalvon Issfahan, beigenannt der Vater der Bedeutungen, unter ihrem Schwerte erlag, wie früher der grosse mystische Dichter Aththar. Unter Mostanssir's Regierung blühte vorzüglich die Mystik, und in dieselbe fällt der Tod von vier höchst merkwürdigen Männern, Säulen der Mystik, des Scheich'sBehaeddin Weled, des VatersDschelaleddin Rumi's, des grossen mystischen DichtersOmer Ibn Faradh, des grossen Scheich'sSchihabeddin Omer Suhrwerdiund des IndersReten[279], welcher, der erste, aus Indien das berauschende Opiat (Haschische) nach Mittelasien gebracht, dessen sich die Assassinen bedienten, um ihren todtgeweihten Handlangern die Freuden des Paradieses vorzuspiegeln, und von dem sie ihren Namen[280]Haschischin, d. i. dieKräutler, erhielten.
Moteaassim.
Moteaassimbillah, d. i. der an Gott Festhaltende, der Sohn Mostanssir's, der sieben und dreissigste und letzte Chalife des Hauses Abbas, bestieg den Thron, den er sechzehn Jahre gefüllt, im dreissigsten seines Alters; ein prachtliebender, grossthuender, schwacher Fürst, doch nicht ohne löbliche Eigenschaften und Werke. EinHafis, d. i. Bewahrer des Koran's (wie Alle heissen, welche denselben auswendig wissen), war er den Gesetzgelehrten geneigt und baute für dieselben, nach seines Vaters Beispiel, eine hohe Schule, gegenüber dem Grabmale des Scheich'sKarchi, so nach dem, vorzüglich von Schiiten bewohnten Stadtviertel Bagdad's genannt, welche aus vier Medreseen für die vier Ritus des Islam's bestand[281]. Im dritten Jahre seiner Regierung erschien ein mongolisches Heer in der Nähe von Bagdad, von wo es zuBaakubadurch den kleinen Diwitdar (Staatssekretär) zurückgeschlagen ward[282]. Dieser Vortheil vermehrte den Dünkel Moteaassim's, unter welchem das Ceremoniel des Hofes von Bagdad auf einen bisher nie gehörten Grad getrieben ward. Die Schwelle des Thronsaales war ein schwarzer Stein, welchen Alle, selbst Gesandte und Fürsten, die ihre Belehnung empfingen, nicht ausgenommen, sich unterwerfend küssen und dann den schwarzen Schleier, welcher dem daranstossenden Fenster vorgezogen ward, wie den Vorhang des Heiligthums der Kaaba verehren mussten. Medschdeddin Ismail, der Gesandte des Atabegen Ebubekr Ben Segi, unterwarf sich dem vorgeschriebenen Ceremoniel,legte aber einen kleinen Koran, den er in der Hand verborgen, auf die Schwelle und küsste deren statt den Koran. Wann Moteaassim ausritt, sass er auf hohem Rappen, schwarz verschleiert mit schwarzem Turban, dessen Enden über die Schultern zurückflogen, von vierzig schwarzen Leibwachen umgeben; der Rappe war mit goldenem Halsband und edelsteinbesetztem Zügel und Bügel geschmückt, und wann ihn der Chalife bestieg, erscholl der Siegesruf, dessen Worte aus Koranstexten zusammengesetzt: „Gott mache das Gute zum Stirneknoten des Pferdes und binde es an seine Mähnen; er mache die Füsse desselben weiss durch Erreichung aller Begehren; er wolle dem Laufe desselben mit losgelassenen Zügeln alle Sicherheit gewähren, die Eroberungen sollen seinen Wettlauf am Ziele kennen und das Heil des Erfolgs seine Zügel dehnen!“[283]Alle moslimischen Fürsten erhielten den Titel rechtmässiger Herrschaft einzig von dem Belehnungsdiplome Moteaassim's, welche derselbe mittels Gesandten ertheilte, die nebst dem Diplome der Investitur, Kaftan, Turban, Fahne, Schwert, Ring und ein Maul mit goldbeschlagenen Hufen und juwelengestickter Satteldecke zum Geschenke brachten[284]. Der Gesandte vollzog nun ein Paar Tage nach seinem feierlichen Einzuge in die Residenz des Sultans oder Emirs die Investitur, indem er dem Fürsten den Kopfbund aufsetzte, den Ring ansteckte, das Diplom vorlesen liess und ihm dreimal wiederholte:Sei gerecht und übertrete das Gesetz nicht; dann erst ward ihm erlaubt, den Thron zu besteigen, und erst, nachdem er den Thron bestiegen, ward er für würdig erachtet, dem vom Chalifen gesandten Maul in Gegenwart des ganzen Hofes den goldbeschlagenen Huf zu küssen. Der Gesandte warf Geld aus und begleitete den Sultan, der nun unter einem über seinem Kopfe emporgehaltenen Sonnenschirme die Stadt durchritt. Wann immer ein Gesandter des Chalifen an den Hof des Sultans kam, ward sein Maul bis in den Thronsaal geführt und ein Vorhang niedergelassen; der Sultan musste vomThrone steigen, hinter dem Vorhange den Huf des Maulthieres küssen, worauf er mit dem vom Chalifen gesandten Ehrenkleide erst wieder den Thron bestieg. Die Insignien der Investitur von Seite des Chalifen waren also:Kaftan,Turban,Schwert,Ring,Fahnen,Sonnenschirmund derHufdes Maulthiers. Krone, Mantel, Schwert, Ring, Fahne finden sich auch als Insignien der Investitur fürstlicher und kirchlicher Würden im europäischen Mittelalter; nur an die Stelle des Hufes trat das Horn, mit welchem dänische und angelsächsische Könige ihre Vasallen belehnten[285]. Das Heer Moteaassim's war hunderttausend Mann stark, von denen die Hälfte vom Diwan aus besoldet; der Befehlshaber desselben, Suleimanschah, welchen der DichterEsireddin Umaniin Lobgedichten gepriesen. Die innere Verwaltung besorgten die beidenDiwitdare(Tintenzeughalter), d. i. Staatssekretäre; die Geschäfte des Hofes leitete derScherabdar, Mundschenk, aber die Summe der Regierung war in den Händen des WesirsMoejededdin Mohammed Abdolmelik El-Alkami, ein ausgezeichneter Gelehrter in Prose und Poesie, in Ueberlieferungs- und philosophischen Wissenschaften gleich gewandt, der Chalife aber selbst dem Wohlleben und Sinnengenusse ergeben. Die nächsten Hebel seines Verderbens waren von innen der Wesir Alkami, von aussen der grosse Astronome Nassireddin, der sich im Geleite Hulagu's befand.
Alkami; Wüsten- und Bücherbrand.
Nassireddin von Tus hatte eines Tages, als Moteaassim an den Ufern des Tigris sass, demselben huldigend ein Gedicht dargebracht, das der Chalife, statt, wie es der Wesir erwartet hatte, reich zu belohnen, auf des Wesirs Alkami darüber ausgesprochene Kritik in den Tigris warf. Von diesem Augenblicke schwur der tief beleidigte, tief grollende Astronome Schöngeist dem Wesir und dem Chalifen Rache; er verliess Bagdad und verweilte bei dem ihm gleichnamigen Comthur des Assassinenschlosses Sertacht. Alkami warnte den Comthur wider seinen Schutzgenossen, als wider einenRänkeschmied, der ihn im Geiste des Chalifen verderben wolle; und diese Warnung war nur ein neuer Sporn in die rachedürstenden Weichen des durch Geringschätzung seines Gedichtes so tief beleidigten Astronomen Schöngeistes. Als Gesandter des letzten Herrschers der Assassinen an Hulagu gesandt, hatte er durch sein grosses Talent sich dessen Achtung erworben und demselben erst zum Verderben der Assassinen, dann zu dem des Chalifats sich als hilfreiches Werkzeug angeboten. Sein Feind, der Wesir Alkami, arbeitete seiner Rache durch Verrätherei selbst in die Hände. Von den nächsten Umgebungen des Chalifen, dem Diwitdar und dem Mundschenken, nicht die Achtung geniessend, deren er werth zu sein glaubte, und als Schii dem Chalifen grollend, weil der Sohn desselben, Ahmed, die Plünderung des nur von Schiiten bewohnten Stadtviertels von Karch und die hierbei vorgefallenen Gräuel von Schändung und Gemetzel begünstigt hatte. Er schrieb an den Seid Tadscheddin al Hoseini, welcher damals der erste der Herren der Familie des Propheten, klagend: „dass die Söhne des Hauses Ali geplündert, das Volk des Stammes Haschim gefangen und die Schmach, welche vormals Husein, der Enkel des Propheten, durch Plünderung seines Harems und Blutvergiessung getroffen, jetzt wieder erneuert worden sei“[286]. Der Seid antwortete im Namen aller Prophetenverwandten: „Die Ketzer müssen ermordet, verbrannt, ihre Rasse ausgerottet werden; wenn du nicht mit uns hältst, bist du verloren, du wirst zu Bagdad weniger geschätzt sein, als vom Manne das Henna der Frauen und als der Ring dessen, dem die Hand abgehauen“[287]. Nach dem Falle von Alamut hielt Alkami den Augenblick für günstig zur Förderung seiner Rache; er sandte heimlich an Hulagu einen Brief, in welchem er, die Macht des Chalifen verkleinernd und die Schwäche Bagdad's ins hellste Licht setzend, den Eroberer seine Zügel nach der Stadt des Heils zu lenken einlud. Hulagu, wohl eingedenk, dass vormals ein Heer von hundert vier und zwanzigtausendMann wider die Mongolen gesandt, zweimal den Dschurmaghun geschlagen, zauderte, der Einladung Gehör zu geben, und berieth sich mit Nassireddin, dem Astronomen, und erst, als dieser ihn versichert, dass „das Unternehmen im Bunde mit der Gestirne günstiger Stunde“[288], beschloss er den Marsch nach Bagdad, wo indessen ein Versuch des kleinen Diwitdar, den Chalifen zu entthronen, das Feuer des Bürgerkrieges angeflammt. Moteaassim sah sich gezwungen, den Versicherungen des kleinen Diwitdar von seiner Treue und Ergebenheit scheinbaren Glauben zu schenken. Die Unschuld desselben wurde laut auf den Strassen Bagdad's verkündet und der Name des kleinen Diwitdar, des Feindes Alkami's, sogar nach dem des Chalifen im Kanzelgebete eingeschaltet; das Heer wurde nach des Verräthers Alkami Vorschlag um die Hälfte vermindert, ein Drittel des verminderten in die nahe gelegenen Städte geschickt, so dass nur zwanzigtausend zu Bagdad's Vertheidigung blieben[289]. In diesem, durch den Fall Alamuts und die Verrätherei Alkami's für die Stadt des Heils so unheilschwangeren Jahre schreckten nicht nur Ueberschwemmung des Tigris und Erdbeben, sondern auch der Brand von Medina und der Wüstenbrand in Arabien die moslimische Welt auf. Zu Hara, in der Nähe von Medina, brannte die Wüste, und allgemein ward geglaubt, diess sei das Feuer, welches die Ueberlieferung des Propheten als den Vorboten des jüngsten Tages verkündet. Drei Monate lang brannte die Wüste in der Ausdehnung von vier Parasangen. Zu Medina zündeten die Einwohner des Nachts kein Licht an, da der Wüstenbrand die Stadt erhellte. Dieses, wie es scheint, elektrische Feuer soll Holz verschont, Eisen verzehrt haben, so dass von hineingeschossenen Pfeilen das Holz unversehrt, die Spitze zerfressen ward[290]. Nach dem Wüstenbrande plünderten Beduinen die Stadt, bis man das Thal, aus dem sie ausfielen, mit steinerner Mauer verdämmte. Das grösste Unglück aber entstand durch die Unvorsichtigkeiteines der Küster der Moschee des Propheten, der eine Kerze umfallen liess, wodurch die Moschee in Brand gerieth und mit derselben die ganze grosse Büchersammlung aufflammte[291], so dass dieses Jahr zwei der reichsten Bibliotheken in Flammen aufgingen, die von Alamut und die von Medina; der Verlust von dieser war aus mehr als einem Grunde weniger beklagenswerth, als der von jener, indem zu Medina meistens nur Korane und Bücher der Ueberlieferung, zu Alamut aber mathematische und philosophische Werke ein Opfer des Brandes, die dort ein Werk des Zufalls, hier der zu verdammenden Willkür des gelehrten WesirsAthamülk Dschuweini.
Gesandtschaften Hulagu's an den Chalifen und Prophezeihungen.
Diess waren die Zustände Bagdads, als Hulagu, durch Alkami's Einladung und Nassireddin's Vorhersagung aufgemuntert, von seinem Lager zu Hamadan aus an den Chalifen einen Gesandten mit dem Begehren schickte, dass er entweder selbst erscheine oder eine der vier Säulen seines Hofes, nämlich den Wesir, den kleinen Diwitdar, den Heerführer Suleimanschah oder den Mundschenken sende. Moteaassim, statt diesem befehlartigen Begehren zu willfahren, sandte denScherefeddin Ibnol Dschewsi, einen durch Beredtsamkeit ausgezeichneten Gelehrten, und den Bedreddin Mohammed von Nachdschiwan. Hulagu, als er von ihrer Sendung Kunde erhielt, sagte in aufwallendem Zorne: Der Chalife handelt krumm, wie ein Bogen; Gott gebe, dass ich ihn wie ein Pfeil gerad machen könne[292]. Den Gesandten, als sie vor ihm erschienen, herrschte er entgegen: Gott hat dem Hause Tschengischan's die Herrschaft vom Osten bis Westen verliehen; wer sich uns unterwirft, dessen Blut und Gut wird nicht verderbt und vergossen, wenn nicht, ist dessen Untergang beschlossen. Wir ziehen mit einem Heer, zahlreich wie Heuschrecken und Ameisen, wider Bagdad. Als die Gesandten mit dieser Botschaft zurückgekehrt, rieth Ibn Alkami, tausend Lasten Korn, tausend Kameele, tausend Pferde für Hulagu mit vielen Geschenken für die Prinzenhuldigend, mit Ueberlassung der beiden Majestätsrechte des Islams: des Kanzelgebets und der Münze, abzusenden. Der kleine DiwitdarModschahiddin Ibekmachte Vorstellungen dagegen, aberIbn Alkami, der die Schwächen und den Dünkel des Chalifen kannte, bestärkte ihn in demselben, indem er in seinen Reden die Macht der Mongolen verkleinerte, die des Chalifen vergrösserte und dem neuaufgeschossenen Pilzlinge mongolischer Herrschaft die uralte legitime des Hauses Abbas entgegenstellte. Suleimanschah, der Oberstbefehlshaber, Fetheddin Ibn Kerr, der grosse Diwitdar und der kleine Modschahiddin Ibek versammelten sich beim Wesire, ihren Aerger über die Sorglosigkeit und Blindheit des Chalifen in bitteren Worten lüftend. Suleimanschah trug sich an, dem Feinde entgegen zu ziehen, und Alkami ging zum Scheine in den Vorschlag ein, wohl wissend, dass der Chalife seinem Rathe folgsam, dass er Rüstung und das zum Solde der Truppen nöthige Geld verweigern werde[293]. Er sandte auf dessen Rath den Bedreddin von Nachdschiwan und den Richter Berdindschan mit geringen Geschenken und der hochtrabenden Botschaft: Alle Fürsten, welche sich jemals wider das Haus Abbas zu erheben gewagt, seien zu Grunde gegangen; Beispiele davon seien Jakub Leis der Soffaride, der Türke Besasiri, der Seldschuke Sultan Mohammed und Mohammed Chuaresmschah, welche Alle das Verderben ereilt, das auch Hulagu's harre, wenn er auf seinem Vorhaben bestehe. Hulagu, ergrimmt, antwortete ihnen mit dem persischen Verse des Schahname[294]:
Bau' nur zu, aus Eisen deinen Wall,Führe Bollwerk auf mit Zinnen, die von Stahl,Rüst' aus ein Heer von Peris und von Dschinnen,Komm' nur heraus, du wirst den Tod gewinnen;Birgst unter'm Himmel dich, ich will dich suchen,Ich werde dich im Schlund des Löwen suchen.
Bau' nur zu, aus Eisen deinen Wall,Führe Bollwerk auf mit Zinnen, die von Stahl,Rüst' aus ein Heer von Peris und von Dschinnen,Komm' nur heraus, du wirst den Tod gewinnen;Birgst unter'm Himmel dich, ich will dich suchen,Ich werde dich im Schlund des Löwen suchen.
Hulagu war nun zuerst bedacht, sich des grossen Passes vonDeriteng, d. i. Engthor, welcher über das gordiaische Gebirge oder den Zagros in die Ebene des arabischen Irak führt, zu versichern. Auf steilem Felsen, auf der Heerstrasse vom persischen ins arabische Irak erhebt sich das Schloss in einer engen Schlucht, wovon es den NamenEngthorführt. Die Bewohner dieser Felsenschlucht waren nicht minder durch ihre Schönheit, als das Schloss durch seine Festigkeit berühmt[295]. Dieselbe wird vomDialadurchbrochen, welcher in der Entfernung einiger Stunden oben an den Ruinen vonKassr Schirin(das alte Artemita) vorbeifliesst. Hulagu, dem nicht unbekannt, dass Hosameddin Aka, der Befehlshaber des Engpasses, sich über den Chalifen zu beklagen habe, lud ihn zu sich, überhäufte ihn mit Ehren und Geschenken und schenkte ihm die SchlösserDisser, d. i. das Goldschloss,Dis Merdsch, d. i. das Wiesenschloss, und einige andere; aber hierdurch übermüthig, sandte Aka anSsalaje, den Befehlshaber vonIrbil, Wort, dass, wenn ihm der Chalife sein Vertrauen schenken wolle, er mit hunderttausend Turkmanen und Kurden den Hulagu zurückzutreiben bereit. Der Chalife gab diesem Vorschlage kein Gehör. Hulagu, der davon Kunde erhalten, sandte denKeitbukamit dreitausend Reitern mit dem scheinbaren Auftrage, sich mit Aka über die Mittel des Marsches nach Bagdad zu berathen. Dieser ging in die Falle; Keitbuka, Herr seiner Person, forderte die Schleifung der Schlösser und er ward, nachdem dieselben geschleift waren, getödtet. Kein günstiger Stern waltete über dem Haupte des von Mengukaan seinem Bruder zur Berathung beigegebenen Astronomen Hosameddin. Um seine Meinung über den Zug wider Bagdad befragt, sagte er unter Verbürgung mit seinem Kopfe, im Falle, dass der Marsch unternommen werde, sieben Unfälle voraus: den Fall von Pferden und Menschen durch Seuchen, Mangel an Sonne und Regen, schreckliche Orkane und Erdbeben, Unfruchtbarkeit und Hungersnothund endlich den Tod eines grossen Monarchen im selben Jahre. Hulagu liess sich diese Prophezeihung und Bürgschaft schriftlich geben und befragte nun den Astronomen Nassireddin, was denn geschehen würde, wenn er nach Bagdad zöge; Nichts, antwortete Nassireddin, als dass Hulagu die Stelle des Chalifen einnehmen wird. Er zerstreute hierauf alle Besorgniss Hulagu's über etwa aus solchem Zuge wider Bagdad zu befürchtende Unglücke durch die Anführung geschichtlicher Beispiele. Tahir sei aus Chorasan wider Bagdad gezogen und habe den Bruder des Chalifen erschlagen; Motewekkil und sein Sohn und mehrere Chalifen seien erschlagen worden, ohne dass für die Stadt irgend ein Unheil daraus entstanden. Hulagu ergab sich gern den seinen Wünschen schmeichelnden Versicherungen des Astronomen von Tus; der andere wurde, da keine seiner Prophezeihungen eingetroffen, fünf Jahre hernach hingerichtet.
Hulagu's Marsch nach Bagdad.
Die Anordnung der verschiedenen Heereskörper, welche vermöge Hulagu's Befehl nun Bagdad von allen Seiten umzingelten, ist eines der schönsten Zeugnisse für Hulagu's grosses Feldherrntalent.DschurmaghunundBaidschu Nujan, die beiden in den persischen Feldzügen ergrauten Feldherrn, welchen aber seit Hulagu's Eintritt in Persien ihr Standort in Kleinasien angewiesen worden, befehligten den rechten Flügel, der, von Irbil und Mossul heranrückend, über die Brücke von Mossul ging und sich auf der Westseite von Bagdad niederliess. Mit ihnen vereinten sich die PrinzenBulgha,Kuli,Kotar(der Enkel Batu's) und die persischenBuka TimurundSundschak Nujan, welche die Strasse von Schehrsor überDakukheranzogen.Keitbuka, der Befehlshaber des Vortrabs beim Einmarsche Hulagu's in Persien, mitKurusunundIlkakamen mit dem linken Flügel von Seite Luristan's und Chusistan's. Hulagu selbst stand mit dem schweren Gepäcke des ganzen Heeres im Mittelpunkte zu Hamadan und brach in den ersten Tagen des Januars des Jahres tausend zweihundert acht und fünfzig, gerade zwei Jahre nach dem Uebergange über den Oxus, gegen den Tigris über Kermanschahan und Holwan auf. In seinemGeleite die grossen EmireKöke IlkaundArghunaga, die beiden Bitekdschi (Kanzler)KarakaiundSeifeddin, der StaatssekretärAlaeddin AthamülkvonDschuwein, der grosse Geschichtschreiber, undNassireddin von Tus, der grosse Astronom; jener, um die Thaten und Begebenheiten des Feldzugs zu beschreiben, dieser, um die durch den Lauf der Gestirne angezeigten günstigen Stunden anzugeben; jener die Feder, dieser der Zeitmesser des Feldzugs. Von Esedabad aus sandte Hulagu abermal einen Gesandten nach Bagdad, um den Chalifen zur Uebergabe aufzufordern, und zuDeinewererschien abermalIbnol Dschewsi, der Gesandte des Chalifen, mit dem Antrage: die Summen, welche Hulagu aussprechen würde, jährlich in dessen Schatz abzuführen, und mit der Bitte: dass das Heer zurückkehren möge. Hulagu antwortete: Da wir schon so weit gekommen, um den Chalifen zu sehen, wie sollen wir nun umkehren, was nach persönlicher Zusammenkunft geschehen mag. Von Deinewer ging der Marsch überKuh Girdaa, und am siebenten Tage nach dem Aufbruche von Hamadan ward Kermanschahan geplündert und verheert.7. Moharrem 656/13. Januar 1258Von hier wurden Eilboten abgefertigt, um die Ankunft von Sundschak, Baidschu und Suntai zu beschleunigen; sie warteten zuTakkesraiund brachten als Gefangene den Ibek von Haleb und Seifeddin Melik mit sich, welche sie streifend aufgegriffen. Hulagu schenkte Beiden das Leben und machte sie zu Dienern der Schildwachen[296]. Die Emire wurden, mit schmeichelhaften Beweisen von Gunst und Freigebigkeit überhäuft, zurückgesendet, um auf das Eheste den Uebergang über den Tigris auf der westlichen Seite von Bagdad zu bewerkstelligen. Von dort holten die Verräther des Heeres des Chalifen die beiden ChuaresmierKara SankorundSultandschuk, die Befehlshaber der mongolischen ein; Kiptschak schrieb an den ersten: Du und ich sind von Einem Stamme (Türken); wir haben uns unterworfen und befinden uns gut dabei, thuet desgleichen. Kara Sankor antwortete in dem Sinne desAstronomen Hosameddin: Wie sich ein neu aufgeschossener Zweig, wie die Herrschaft der Mongolen, mit dem schon ein halbes Jahrtausend wurzelnden Stamme des Chalifats messen könne? Wenn sich Hulagu unterwerfen wolle, würde man trachten, durch Vermittelung des Diwitdars den Frieden vom Chalifen zu erwirken. Hulagu, als man ihm dieses Schreiben brachte, lachte darüber und sagte: Meine Hilfe kommt von Gott und nicht vom Gold; wenn er mir hilft, was kümmert mich die Zahl der Heere des Chalifen[297].
Bagdad's Belagerung.
Ein neuer Gesandter ward nach Bagdad abgefertigt, um den Chalifen zur Unterwürfigkeit aufzufordern, und zugleich nach Holwan aufgebrochen, wo eine Woche gerastet ward. Indessen gingen die Emire Baidschu, Buka Timur und Sundschak über den kleinen Tigris und standen am KanaleNehr Isa. Sundschak erbat sich von Baidschu die Erlaubniss aus, den Vortrab des westlichen Heeres gegen Bagdad zu befehligen, und nachdem er dieselbe erhalten, rückte er bisDscherbijevor.Mudschahideddin Ibek, der kleine Diwitdar, undFetheddin Ibnol-Kerr, die Feldherren des Chalifen, waren mit zehntausend Mann bei Jakuba über denDialaund dann über den Tigris gegangen und trafen mit dem mongolischen Vortrabe in der Gegend vonEnbar[298], neun Parasangen westlich von Bagdad, zusammen. Fetheddin Kerr wollte die Schlacht hier nicht wagen, aber die Ungestümme des Diwitdar zwang ihm dieselbe auf. Der Sohn Kerr's, um seinen Sinn kund zu geben, dass er auf dem Schlachtfelde feststehen und dasselbe keineswegs als Flüchtiger verlassen wolle, ritt statt eines Pferdes ein Maulthier, dessen Hufe so schwer mit eisernen Schienen beschlagen, dass es zur Flucht untauglich[299]. Die Schlacht dauerte den ganzenTag und endete mit der Vernichtung des Heeres des Chalifen, von welchem der Diwitdar nur der Selbdritte entfloh. Als er mit der Nachricht des verlorenen Heeres vor dem Chalifen erschien, der eben Schah spielte, sagte dieser blos dreimal:Gott sei Dank für das Heil Mudschahideddin's. Moteaassim's an Blödsinn gränzende Sorglosigkeit und Unwissenheit ging so weit, dass, als man ihm die erste Nachricht brachte: die Vorposten der Mongolen hätten bereits die Höhen vonHamrin(das von Westen nach Osten zwischen dem Euphrat und Tigris nach Tekrit laufende niedere Gebirge) passirt, er fragte: wie das wohl möglich? Man antwortete ihm: „Das Heer der Tataren, die wie die Meeresfluthen einherfahren, überfliegt der Berge Gipfel wie der Adler Schaaren; da sie den Damm von Gog und Magog für Spinngeweb' ansehen, was soll auf des Hamrin's Höhen aus ihren Hufen wohl anders erstehen, als Staub, was soll aus dem Sturme, in dem sie daherfahren, wohl anders aufgehen, als Feuer und Raub“[300]. In der Hälfte des Moharrem14. Moharrem/21. Januar 1258stunden die drei Nujane, Baidschu, Buka Timur und Sundschak auf der westlichen Seite des Tigris vor Bagdad, während Keitbuka und die mit ihm von Nachaire kamen, und Hulagu mit dem schweren Gepäcke zu Chanikin stand. Am folgenden Tage lagerte er an der östlichen Seite von Bagdad, das nun von allen Seiten, wie von Ameisenzügen und Heuschreckenschwärmen, und nach der mongolischen Belagerungsweise sogleich mit einer Mauer, oder, um richtiger zu sprechen, mit einem in aller Eile aufgeworfenen Erddamme eingeschlossen ward. Dienstags den neun und zwanzigsten Januar begann der Kampf.22. Moharr./29. JanuarHulagu stand auf der Heerstrasse von Chorasan, gegenüber dem persischen Bollwerk, Ilka Nujan vor dem Gülwadischen Thore, die drei Prinzen, Enkel Dschudschi's, mit Schiramun und Arktin vor dem Thore des Sultansmarktes, Buka Timur auf der Südwestseite an den Mühlen, Baidschu und Sundschak auf der Westseite gegenüber dem Spitale, welches Adhaddewlet,der grosse Herrscher aus dem Hause Buje, der erste zu Bagdad, gebaut. Die Belagerungsmaschinen waren vorzüglich gegen das persische Bollwerk gerichtet und in demselben bald Wallbruch gemacht. Nun sandte Moteaassim den Wesir und einen Bischof[301]mit der Botschaft, er füge sich dem Verlangen des Padischah, welcher verlangt, dass ihm der Wesir gesendet werde; – „diess“, antwortete Hulagu, „war mein Begehren zu Hamadan, wie soll ich mich aber vor Bagdad's Thoren mit Einem begnügen? Es sollen auch die drei anderen Säulen der Herrschaft des Chalifen erscheinen, der Diwitdar, der Scherabdar und Suleimanschah, der Oberbefehlshaber des Heeres.“ Am folgenden Tage erschien der Wesir mit einer Schaar von Vornehmen, aber ohne die verlangten Drei. Hulagu sandte sie zurück; er befahl, ein an die Richter, Scheiche, Danischmende (Studenten), Arkaune (christlichen Priester) von Bagdad gerichtetes Diplom, wodurch denen, die sich friedlich halten würden, das Leben zugesichert ward, in sechs Abschriften von sechs Seiten der Stadt durch Pfeilflug in dieselbe abzufertigen. Die Wurfmaschinen schleuderten in Ermangelung von Steinen Thonflötze, die man von Hamrin gebracht, und abgehauene Palmen wider das persische Bollwerk, das Freitags am ersten Februar zu Boden sank.25. Moharrem/1. Februar
Bagdad's Eroberung.
Am fünften Februar standen Hulagu's Krieger bereits auf der Mauer des Bollwerks, während auf der anderen Seite die Prinzen noch nicht bis an den Fuss der Mauer vorgedrungen waren. Hulagu sandte ihnen ausscheltendes Wort und befahl zugleich, Brücken zu schlagen.28. Moharr./4. Febr.Buka Timur wurde mit einem Toman, d. i. mit einer Abtheilung von zehntausend Mann, auf der Heerstrasse von Medain und Bassra befehligt, um die, so etwa mit den Schiffen auf dem Tigris zu entfliehen versuchten, aufzufangen. Der Diwitdar, welcher auf diese Weise mit mehreren Schiffen zu entkommen hoffte, wurde aufgehalten, drei Schiffe genommen, die anderen versenkt oder zerstört. Auf diese Nachricht entsankdem Chalifen aller Muth zu fernerem Widerstande; er sandte den Fachreddin von Demaghan und den Ibn Dernus mit wenigen Geschenken; denn er fürchtete, dass, wenn er viele sendete, die Grösse derselben für den Maassstab seiner Furcht gelten könnte. Hulagu wies dieselben mit den Ueberbringern zurück. Am folgenden Tage kam Ebulfadhl Abderrahman an der Spitze aller Grossen mit grossen Geschenken; aber auch diese wurden nicht genehmigt.29. Moharr./5. Febr.Hulagu sandte den Nassireddin von Tus als Gesandten in die Stadt; welcher Triumph für den rachsüchtigen Astronomen, welcher seiner Empfindlichkeit für die Verschmähung seiner Verse die Stadt des Heils und das Heil des Chalifats geopfert, welcher Triumph für ihn, dem Chalifen nun im Namen des Siegers Gesetze vorzuschreiben! Am folgenden Tage kehrte er zurück, und Hulagu sandte die aus der Stadt gekommenen drei Gesandten, denFachreddin Demaghani, denIbnol DschewsiundIbn Dernus, mit dem Begehren, dass Suleimanschah und der Diwitdar erscheinen mögen. Sie erschienen wirklich zwei Tage hernach.1. Ssafer/7. FebruarHulagu sandte sie wieder in die Stadt zurück, um die Ihrigen mit sich zu bringen. Die syrischen und irakischen Truppen und eine Menge Volkes benützten diese Gelegenheit, um die Stadt zu verlassen und sich in's Lager der Mongolen, wo sie Rettung und Sicherheit zu finden hofften, zu begeben; sie wurden in Tausende, Hunderte und Zehn abgetheilt, den mongolischen Befehlshabern der Tausender, Hunderter und Zehner übergeben und von diesen regelmässig umgebracht. Abgeordnete kamen aus der Stadt, um das Leben der noch Zurückgebliebenen zu erflehen, die Alle unterwürfig. Hulagu begehrte, dass der Chalife seine Söhne sende und selbst komme. Während diesen Unterhandlungen ward einem Inder Bitekdschi, der bei Hulagu in grossem Ansehen, ein Auge ausgeschossen; Hulagu, hierüber ergrimmt, wollte nun von weiterem Aufschub nicht mehr hören. Er befahl dem Nassireddin von Tus, sich an's Thor der Wettrenner[302]zu begebenund die Einwohner mit Zusicherung des Lebens herauszuführen; als diess geschehen, wurden sie Alle niedergemacht.2. Ssafer/8. Febr.Suleimanschah wurde mit Siebenhundert der Seinen in die Gegenwart Hulagu's geführt. Dieser fragte ihn: Wie kommt's, dass du, ein Sternkundiger, nicht den Frieden vorgezogen und deinem Herrn nicht dazu gerathen? Suleimanschah erwiederte: Der Chalife ist an Geist und Glück verwahrlost und leiht denen, die es wohl mit ihm meinen, kein Ohr. Suleiman und seine Siebenhundert wurden niedergemetzelt, so auch der Diwitdar und dessen Sohn, und die drei Köpfe an Bedreddin Lulu, den Atabegen von Mossul, gesandt, der, ein Freund Suleimanschah's, seinen Tod beweinte, aber nothgedrungen, um nicht seinen Kopf zu verlieren, den des Freundes an dem Thore seines Palastes aufhängen musste. Nach diesem tragischen Ende seiner Getreuesten rief der Chalife seinen Wesir und fragte ihn, was zu thun; dieser antwortete ihm mit dem arabischen Distichon: