Die Dogmatiker.

Abführmittel.a) Leichtere: reichliche Mengen von frischer Milch (besonders Eselsmilch) und Molken, der ausgepreßte Saft oder Absud von Kohl, Runkelrübe, Melone etc. für sich oder gemischt mit Essighonig, Rettichsaft; b) drastische: schwarze Nieswurz, der Saft von verschiedenen Wolfsmilcharten, Eselsgurkensaft (Elaterium, bezeichnet im weiteren Sinne jedes Purgativum), Seidelbastbeeren (κόκκοι κνιδιοι — knidische Kerne), Samen von Ricinus, Koloquinthen etc. — Klistiere aus Nitron (kohlensaurem Natron), Honig, süßem Wein und Oel. —Brechmittel: Abkochung von Honig und Essig, warmes Wasser, Kitzeln des Schlundes, ekelerregende Mischungen mit Wein, weißer Nieswurz, Ysop, in Wasser gerieben, mit Essig und Salz, Saft der Thapsiawurzel etc. —Schwitzmittelwurden von den Hippokratikern verworfen; um Schwitzen zu erregen, empfahl man warmes Verhalten und reichlichen Gebrauch von Getränken. —Diuretika: Zwiebel-, Sellerie-, Petersilien-, Meerzwiebelsaft, „Kantharidenauszug“, Rettich, Spargel etc. —Roborantia: Färberröte, ägyptische Saubohnen. —Narkotika: Mohnsaft (nur einmal erwähnt), Lactuca, Atropa, Mandragora (innerlich und äußerlich zu Pessarien), Hyoscyamusarten (innerlich und zu Pessarien), Schierling (zu Pessarien) u. a. —Aromatische Mittel: Zimt, Cassienrinde, Cardamomum, Lorbeer, Minze, Baldrian, Origanum, Salbei, Anis, Wermut, Kamillen, Kalmus, Koriander. —Harzige Mittel(vorzugsweise lokal angewendet): Silphion, das die Stelle von Asa foetida vertrat, Sagapenum, Galbanum, Opoponax, Myrrhe, Opobalsamum, Terpentin, Wacholderarten, Cypresse etc.Adstringierende Mittel: Galläpfel, Eichenrinde, Sanguis Draconis (von Sumatra), Granatbaumwurzel, Weidenarten etc. —Mineralische Stoffe(fast ausschließlich nur äußerlich angewendet): verschiedene Erdarten (Töpfererde, samische Erde etc.), Soda, Alaun, Sole, Schwefel, Asphalt (zu Räucherungen der weiblichen Genitalien), verschiedene Bleipräparate, geröstetes Kupfer, Kupferblüte, Kupferschuppen (z. B. bei Augenleiden), „Arsenik“ (Auripigment) und Sandarach (roter Arsenik), Eisenrost etc. Die wichtigsten äußerlich angewendeten Mittel warenWasser,Essig,WeinundOel. Wasser zu Umschlägen, Güssen, Bähungen, Einspritzungen in die Nase, Harnblase, Wundbehandlung, Seewasser bei juckenden Hautausschlägen; Essig zu Güssen, Bähungen, zur Behandlung von Wunden, Genitalleiden, gegen Brennen in den Ohren und Zähnen; Wein (für sich oder mit Adstringentien) zur Wundbehandlung, Bädern, Injektionen u. s. w.; Oel und Fette bei Augenleiden, zu Einreibungen etc.Dampfbäder,Sonnenbäder,Sandbäderwurden von ähnlichen Gesichtspunkten wie heute verordnet.

Abführmittel.a) Leichtere: reichliche Mengen von frischer Milch (besonders Eselsmilch) und Molken, der ausgepreßte Saft oder Absud von Kohl, Runkelrübe, Melone etc. für sich oder gemischt mit Essighonig, Rettichsaft; b) drastische: schwarze Nieswurz, der Saft von verschiedenen Wolfsmilcharten, Eselsgurkensaft (Elaterium, bezeichnet im weiteren Sinne jedes Purgativum), Seidelbastbeeren (κόκκοι κνιδιοι — knidische Kerne), Samen von Ricinus, Koloquinthen etc. — Klistiere aus Nitron (kohlensaurem Natron), Honig, süßem Wein und Oel. —Brechmittel: Abkochung von Honig und Essig, warmes Wasser, Kitzeln des Schlundes, ekelerregende Mischungen mit Wein, weißer Nieswurz, Ysop, in Wasser gerieben, mit Essig und Salz, Saft der Thapsiawurzel etc. —Schwitzmittelwurden von den Hippokratikern verworfen; um Schwitzen zu erregen, empfahl man warmes Verhalten und reichlichen Gebrauch von Getränken. —Diuretika: Zwiebel-, Sellerie-, Petersilien-, Meerzwiebelsaft, „Kantharidenauszug“, Rettich, Spargel etc. —Roborantia: Färberröte, ägyptische Saubohnen. —Narkotika: Mohnsaft (nur einmal erwähnt), Lactuca, Atropa, Mandragora (innerlich und äußerlich zu Pessarien), Hyoscyamusarten (innerlich und zu Pessarien), Schierling (zu Pessarien) u. a. —Aromatische Mittel: Zimt, Cassienrinde, Cardamomum, Lorbeer, Minze, Baldrian, Origanum, Salbei, Anis, Wermut, Kamillen, Kalmus, Koriander. —Harzige Mittel(vorzugsweise lokal angewendet): Silphion, das die Stelle von Asa foetida vertrat, Sagapenum, Galbanum, Opoponax, Myrrhe, Opobalsamum, Terpentin, Wacholderarten, Cypresse etc.Adstringierende Mittel: Galläpfel, Eichenrinde, Sanguis Draconis (von Sumatra), Granatbaumwurzel, Weidenarten etc. —Mineralische Stoffe(fast ausschließlich nur äußerlich angewendet): verschiedene Erdarten (Töpfererde, samische Erde etc.), Soda, Alaun, Sole, Schwefel, Asphalt (zu Räucherungen der weiblichen Genitalien), verschiedene Bleipräparate, geröstetes Kupfer, Kupferblüte, Kupferschuppen (z. B. bei Augenleiden), „Arsenik“ (Auripigment) und Sandarach (roter Arsenik), Eisenrost etc. Die wichtigsten äußerlich angewendeten Mittel warenWasser,Essig,WeinundOel. Wasser zu Umschlägen, Güssen, Bähungen, Einspritzungen in die Nase, Harnblase, Wundbehandlung, Seewasser bei juckenden Hautausschlägen; Essig zu Güssen, Bähungen, zur Behandlung von Wunden, Genitalleiden, gegen Brennen in den Ohren und Zähnen; Wein (für sich oder mit Adstringentien) zur Wundbehandlung, Bädern, Injektionen u. s. w.; Oel und Fette bei Augenleiden, zu Einreibungen etc.Dampfbäder,Sonnenbäder,Sandbäderwurden von ähnlichen Gesichtspunkten wie heute verordnet.

Eine systematischePathologiemit vollständiger oder geordneter Klassifikation der Krankheitsformen läßt die hippokratische Schriftensammlung vermissen. Nach der Verbreitung wurden epidemische, endemische und sporadische, nach dem Verlaufe wurden akute und chronische Krankheiten unterschieden. Im Buche de victu in acut. heißt es: „... akute Krankheiten sind diejenigen, welche die Alten Pleuritis, Peripneumonie, Phrenitis, Lethargus, Kausos nennen, und die übrigen Krankheiten, welche in diesen enthalten sind, bei denen das Fieber meist ein anhaltendes ist.“ Aus dieser Stelle geht hervor, daß die zur Zeit des Hippokrates gebräuchliche Terminologie, von welcher so vieles in dietechnische Sprache der modernen Medizin, wenn auch in veränderter Bedeutung, übergegangen ist, schon damals auf ein hohes Alter zurückblickt. In der knidischen Schrift de locis in hom. werden sieben Arten von „Katarrhen“ unterschieden: der Nase, der Ohren, der Augen, der Lungen, des Rückenmarks, der Wirbel und der Hüften.

Die verschiedenen Krankheitstypen, welche in der hippokratischen Pathologie vorkommen, sind mit den modernen anatomisch-ätiologischen Krankheitstypen nicht immer einwandsfrei zu identifizieren, weil die Alten sich bei ihrer Klassifikation begreiflicherweise zumeist nur von den Hauptsymptomen leiten lassen mußten und daher Heterogenes zusammenwarfen.Dies gilt vor allem für dieFieberformen, welche wohl am häufigsten subtropischen Malariatypen, bisweilen aber auch typhösen Erkrankungen oder der Influenza entsprechen. Man unterscheidet: ὰμφημερινὸς πυρετός = Eintagsfieber = Quotidiana; τριταῖος π. = Tertiana; τεταρταῖος π. = Quartana; ἡμιτριταῖος π. = Halbdreitagsfieber. Tertiana und Quartana sind durch Schleim und Galle verursacht. Der καῦσος = Brennfieber wird definiert als „Fieber mit innerlicher Hitze bei äußerlicher Kälte“; der λἡθαργος ist ein Fieber mit Somnolenz; die λειπυρία ist Fieber mit Brechreiz und Ekel. Phrenitis kann jede fieberhafte Krankheit bedeuten, bei welcher Störung des Denkvermögens (Delirien) als Hauptsymptom imponiert. Bemerkenswert ist die Erwähnung von epidemischer Parotitis mit Neigung zu Metastasen auf die Hoden.VonErkrankungen der Mundhöhlekommen in der hippokratischen Schriftensammlung vor: Noma, Skorbut, Aphthen, Tonsillitis; vonErkrankungen des Intestinaltrakts: Diarrhöe (mit Anurie), Lienterie, Tenesmus (als eigene Krankheit beschrieben), Dysenterie (durch „Abschaben“ des Darms entstehen Geschwüre, Therapie: Brech-, Niesmittel, Diät, warme Begießungen des Abdomens), Ileus (Ursache: verhärtete Kotmassen, Therapie: Lufteinblasung in den Anus). Als Symptome werden sehr oft genannt: Milz- und Leberschwellungen mit konsekutivem Icterus, Hydrops, Marasmus, Nasenbluten. Eiteransammlungen in der Unterleibshöhle werden durch Auflegen von nassem Ton erkannt, welcher an den betreffenden Stellen rasch trocknet.Krankheiten desRespirationstrakts, namentlich der Lunge, finden besonders eingehende Darstellung. Schnupfen, Geschwüre und Polypen der Nase, Laryngitis, κυνάγχη (Angina) ist jede Verengerung des Larynx. Die Lungenentzündung (περὶπλευμονία, πλευμονία) und die πλευρίτις werden oft zusammengeworfen, nach de locis in hom. 14 bedeutet sogar die auf eine Seite beschränkte Erkrankung Pleuritis, die beider Seiten Pleumonie. Als Entstehungsursachen gelten (vom Gehirn) herabfließender Schleim, welcher reizend wirkt und in Eiter verwandelt, auch zu Empyem Anlaß geben kann, oder Anhäufung von Blut oder salzigem Schleim, aus deren Gerinnung Geschwülste (φύματα) sich bilden können. Das schaumige Sputum bei Lungenödem wird mit Spinngeweben verglichen. Pleuritis entsteht nach knidischer Lehre auch infolge von Pneumonie, indem nämlich die geschwollene Lunge auf die Costalpleura fällt und diese zur Entzündung bringt; als besondere Art der Pleuritis wird die „trockene“ angeführt, verursacht durch übermäßiges Dürsten. Empyem ist im weitesten Sinne jede Eiteransammlung, im engeren die der Lunge oder Pleura. Die Therapie der Pneumonie und Pleuritis bestand in warmen Waschungen, Umschlägen, Oeleinreibungen, warmen Bädern, Diät; in der Schrift de victu in acutis wird auf den Gebrauch der Ptisane und deren richtiger Dosierung der Schwerpunkt gelegt. Eingreifende Prozeduren wurden nicht vor demsiebenten Tage vorgenommen; zu diesen zählten behufs Schleimentleerung Niesmittel, Expektorantia (fette, gesalzene Speisen, herber Wein), Einspritzungen in die Luftröhre (um Husten zu erregen), bei Empyem Brennen am Rücken oder Thorakocentese (allmähliche Entleerung des Eiters, Leinwanddrainage). — Außer den genannten Affektionen werden noch Hämoptoë, Hydrothorax, Erysipel der Lungen (ähnlich dem Alpenstich) und Phthisis erwähnt. Die Symptome der letzteren werden meisterhaft beschrieben und unter ihnen besonders die Veränderung der Stimme, Schmerzen in Brust und Rücken, das Fieber, die übelriechende Beschaffenheit des Auswurfs, Durchfälle, Haarausfall u. a. hervorgehoben; jedenfalls auf Grund von Tiersektionen kannte man auch die φύματα, d. h. umschriebene entzündliche Herde, welche eitrig erweichen und zur Bildung von Kavernen führen. Schleimanhäufung oder Blutspeien wurde als Ursache betrachtet. Hauptmittel waren reichliche Nahrung (insbesondere Milch), gewässerter Wein, Linsenwasser, Helleborus, Kauterisation auf der Brust.Erkrankungen des Herzens.Wegen der zweideutigen Benennung καρδίη, welche sowohl Herz als Magenmund bedeuten kann, ist es schwierig im einzelnen Falle zu entscheiden, was in einer hippokratischen Krankengeschichte gemeint ist. In de morbis IV wird gesagt, daß das Herz nicht von Schmerz befallen werden kann und durch Säfteandrang wegen seiner festen, dichten Substanz keinen Schaden nehme. An einzelnen Stellen, wo ausdrücklich vom παλμός Palpitation die Rede ist (z. B. de morbo sacro), darf man jedenfalls an das Herz denken.Die wichtigstenNervenkrankheitenwaren den Hippokratikern soweit bekannt, als die charakteristischenSymptomkomplexein Betracht kommen, von der richtigen pathologischen Auffassung konnte aber nur zum allergeringsten Teile die Rede sein, da nicht einmal der anatomische Begriff des Nervensystems fixiert war. Immer ist es der vom Kopfe herabfließende Schleim, der je nach der Lokalität, wo er sich anhäuft, die verschiedenen Affektionen erzeugt. (In der Schrift de locis in homine heißt es, daß die „Nerven“ trockener sind als die „Adern“ und daher Feuchtigkeit nicht ertragen können, deshalb zeichnen sich ihre Krankheiten durch Hartnäckigkeit aus.) Dadurch, daß der Schleim die Gefäße verstopft und für Blut oder Pneuma unzugänglich macht, entstehen Apoplexie (Bewußtseinsverlust und Lähmung) und Paraplegie, Rückenmarksschwindsucht, Ischias, Gicht, Rheumatismen. Wichtig ist es, daß man die im Gefolge von Lähmungen erscheinende Atrophie kannte und wußte, daß im Verlauf von Rückenmarkserkrankungen Lähmung, Anästhesien, Incontinentia urinae et alvi auftritt. Treffend sind die Beschreibungen des Opisthotonus und Tetanus, der Facialisparalyse, der Hysterie und Epilepsie. Der Verfasser der Schrift de morbo sacro kennt die Bedeutung der Heredität und beschreibt die Symptome der Epilepsie vollkommen naturwahr. Das Wesen der Krankheit wird auf übermäßige Schleimerzeugung im Kopfe zurückgeführt, die Bewußtlosigkeit kommt dadurch zu stande, daß der sich plötzlich in die Gefäße ergießende Schleim den Zutritt der Luft zu den Gehirnvenen verhindert, die Konvulsionen werden damit erklärt, daß die durch den Schleim abgesperrte Luft nach oben und unten durch das Blut drängt.Diepsychischen Krankheitenim engeren Sinne wurden von psychischen Begleiterscheinungen, z. B. fieberhaften Affektionen, nicht getrennt und gemeinhin von Fehlern der Kardinalsäfte abgeleitet, wie schon der Name Melancholie verrät. Außer dieser gedenken die Hippokratiker des puerperalen Irreseins, des Deliriums der Phthisiker, der Schwermut bei Chlorotischen etc. Die Behandlung war gegen die humoralen Störungen gerichtet, direkt (Helleborus gegen Melancholie) oder indirekt durch Diät, Gymnastik. Von der ätiologischen Bedeutung der Erblichkeit ist nichts gesagt.Der Begriff konstitutioneller Krankheiten fehlt in der hippokratischen Medizin, so wurden z. B. Skrofelgeschwülste beschrieben, aber zur Erkenntnis derselben als Teilerscheinung eines Allgemeinleidens drang man nicht vor. Eine dunkle Ahnung vom Krankheitsprozeß findet sich in der Auffassung derWassersucht, die auf vielerlei Ursachen, z. B. auf Leber- und Milzleiden zurückgeführt wird. Als Arten der Wassersucht werden „Hydrops“ schlechthin (Ascites), Oedem und Anasarka unterschieden. Die Paracentese wird durch einen Einschnitt neben dem Nabel oder in der Seite ausgeführt.Ueber die Deutung der von den Hippokratikern beschriebenen Hautkrankheiten, Geschwüre und Geschwülste, bezw. der reichhaltigen Terminologie, die sich bis heute erhalten hat, herrscht bei den Forschern noch größter Zwiespalt. Von Parasiten waren Bandwürmer, Spulwürmer und Askariden bekannt.Besonders hervorzuheben sind manche Beschreibungen der Affektionen desuropoetischen Systems, der Cystitis, Lithiasis, Pyelitis, Nierenentzündung, akuter und chronischer Nierenabszesse. Auf die Untersuchung des Harns auf Geruch, Farbe, Niederschläge etc. wurde viel Gewicht gelegt. Unter den Krankheiten dermännlichen Geschlechtsorganebeschrieb man metastatische Hodengeschwülste, Hydrocele, Geschwüre und Feigwarzen am Präputium, möglicherweise an einer Stelle (Aph. VII, 57) den Tripper.

Die verschiedenen Krankheitstypen, welche in der hippokratischen Pathologie vorkommen, sind mit den modernen anatomisch-ätiologischen Krankheitstypen nicht immer einwandsfrei zu identifizieren, weil die Alten sich bei ihrer Klassifikation begreiflicherweise zumeist nur von den Hauptsymptomen leiten lassen mußten und daher Heterogenes zusammenwarfen.

Dies gilt vor allem für dieFieberformen, welche wohl am häufigsten subtropischen Malariatypen, bisweilen aber auch typhösen Erkrankungen oder der Influenza entsprechen. Man unterscheidet: ὰμφημερινὸς πυρετός = Eintagsfieber = Quotidiana; τριταῖος π. = Tertiana; τεταρταῖος π. = Quartana; ἡμιτριταῖος π. = Halbdreitagsfieber. Tertiana und Quartana sind durch Schleim und Galle verursacht. Der καῦσος = Brennfieber wird definiert als „Fieber mit innerlicher Hitze bei äußerlicher Kälte“; der λἡθαργος ist ein Fieber mit Somnolenz; die λειπυρία ist Fieber mit Brechreiz und Ekel. Phrenitis kann jede fieberhafte Krankheit bedeuten, bei welcher Störung des Denkvermögens (Delirien) als Hauptsymptom imponiert. Bemerkenswert ist die Erwähnung von epidemischer Parotitis mit Neigung zu Metastasen auf die Hoden.

VonErkrankungen der Mundhöhlekommen in der hippokratischen Schriftensammlung vor: Noma, Skorbut, Aphthen, Tonsillitis; vonErkrankungen des Intestinaltrakts: Diarrhöe (mit Anurie), Lienterie, Tenesmus (als eigene Krankheit beschrieben), Dysenterie (durch „Abschaben“ des Darms entstehen Geschwüre, Therapie: Brech-, Niesmittel, Diät, warme Begießungen des Abdomens), Ileus (Ursache: verhärtete Kotmassen, Therapie: Lufteinblasung in den Anus). Als Symptome werden sehr oft genannt: Milz- und Leberschwellungen mit konsekutivem Icterus, Hydrops, Marasmus, Nasenbluten. Eiteransammlungen in der Unterleibshöhle werden durch Auflegen von nassem Ton erkannt, welcher an den betreffenden Stellen rasch trocknet.

Krankheiten desRespirationstrakts, namentlich der Lunge, finden besonders eingehende Darstellung. Schnupfen, Geschwüre und Polypen der Nase, Laryngitis, κυνάγχη (Angina) ist jede Verengerung des Larynx. Die Lungenentzündung (περὶπλευμονία, πλευμονία) und die πλευρίτις werden oft zusammengeworfen, nach de locis in hom. 14 bedeutet sogar die auf eine Seite beschränkte Erkrankung Pleuritis, die beider Seiten Pleumonie. Als Entstehungsursachen gelten (vom Gehirn) herabfließender Schleim, welcher reizend wirkt und in Eiter verwandelt, auch zu Empyem Anlaß geben kann, oder Anhäufung von Blut oder salzigem Schleim, aus deren Gerinnung Geschwülste (φύματα) sich bilden können. Das schaumige Sputum bei Lungenödem wird mit Spinngeweben verglichen. Pleuritis entsteht nach knidischer Lehre auch infolge von Pneumonie, indem nämlich die geschwollene Lunge auf die Costalpleura fällt und diese zur Entzündung bringt; als besondere Art der Pleuritis wird die „trockene“ angeführt, verursacht durch übermäßiges Dürsten. Empyem ist im weitesten Sinne jede Eiteransammlung, im engeren die der Lunge oder Pleura. Die Therapie der Pneumonie und Pleuritis bestand in warmen Waschungen, Umschlägen, Oeleinreibungen, warmen Bädern, Diät; in der Schrift de victu in acutis wird auf den Gebrauch der Ptisane und deren richtiger Dosierung der Schwerpunkt gelegt. Eingreifende Prozeduren wurden nicht vor demsiebenten Tage vorgenommen; zu diesen zählten behufs Schleimentleerung Niesmittel, Expektorantia (fette, gesalzene Speisen, herber Wein), Einspritzungen in die Luftröhre (um Husten zu erregen), bei Empyem Brennen am Rücken oder Thorakocentese (allmähliche Entleerung des Eiters, Leinwanddrainage). — Außer den genannten Affektionen werden noch Hämoptoë, Hydrothorax, Erysipel der Lungen (ähnlich dem Alpenstich) und Phthisis erwähnt. Die Symptome der letzteren werden meisterhaft beschrieben und unter ihnen besonders die Veränderung der Stimme, Schmerzen in Brust und Rücken, das Fieber, die übelriechende Beschaffenheit des Auswurfs, Durchfälle, Haarausfall u. a. hervorgehoben; jedenfalls auf Grund von Tiersektionen kannte man auch die φύματα, d. h. umschriebene entzündliche Herde, welche eitrig erweichen und zur Bildung von Kavernen führen. Schleimanhäufung oder Blutspeien wurde als Ursache betrachtet. Hauptmittel waren reichliche Nahrung (insbesondere Milch), gewässerter Wein, Linsenwasser, Helleborus, Kauterisation auf der Brust.

Erkrankungen des Herzens.Wegen der zweideutigen Benennung καρδίη, welche sowohl Herz als Magenmund bedeuten kann, ist es schwierig im einzelnen Falle zu entscheiden, was in einer hippokratischen Krankengeschichte gemeint ist. In de morbis IV wird gesagt, daß das Herz nicht von Schmerz befallen werden kann und durch Säfteandrang wegen seiner festen, dichten Substanz keinen Schaden nehme. An einzelnen Stellen, wo ausdrücklich vom παλμός Palpitation die Rede ist (z. B. de morbo sacro), darf man jedenfalls an das Herz denken.

Die wichtigstenNervenkrankheitenwaren den Hippokratikern soweit bekannt, als die charakteristischenSymptomkomplexein Betracht kommen, von der richtigen pathologischen Auffassung konnte aber nur zum allergeringsten Teile die Rede sein, da nicht einmal der anatomische Begriff des Nervensystems fixiert war. Immer ist es der vom Kopfe herabfließende Schleim, der je nach der Lokalität, wo er sich anhäuft, die verschiedenen Affektionen erzeugt. (In der Schrift de locis in homine heißt es, daß die „Nerven“ trockener sind als die „Adern“ und daher Feuchtigkeit nicht ertragen können, deshalb zeichnen sich ihre Krankheiten durch Hartnäckigkeit aus.) Dadurch, daß der Schleim die Gefäße verstopft und für Blut oder Pneuma unzugänglich macht, entstehen Apoplexie (Bewußtseinsverlust und Lähmung) und Paraplegie, Rückenmarksschwindsucht, Ischias, Gicht, Rheumatismen. Wichtig ist es, daß man die im Gefolge von Lähmungen erscheinende Atrophie kannte und wußte, daß im Verlauf von Rückenmarkserkrankungen Lähmung, Anästhesien, Incontinentia urinae et alvi auftritt. Treffend sind die Beschreibungen des Opisthotonus und Tetanus, der Facialisparalyse, der Hysterie und Epilepsie. Der Verfasser der Schrift de morbo sacro kennt die Bedeutung der Heredität und beschreibt die Symptome der Epilepsie vollkommen naturwahr. Das Wesen der Krankheit wird auf übermäßige Schleimerzeugung im Kopfe zurückgeführt, die Bewußtlosigkeit kommt dadurch zu stande, daß der sich plötzlich in die Gefäße ergießende Schleim den Zutritt der Luft zu den Gehirnvenen verhindert, die Konvulsionen werden damit erklärt, daß die durch den Schleim abgesperrte Luft nach oben und unten durch das Blut drängt.

Diepsychischen Krankheitenim engeren Sinne wurden von psychischen Begleiterscheinungen, z. B. fieberhaften Affektionen, nicht getrennt und gemeinhin von Fehlern der Kardinalsäfte abgeleitet, wie schon der Name Melancholie verrät. Außer dieser gedenken die Hippokratiker des puerperalen Irreseins, des Deliriums der Phthisiker, der Schwermut bei Chlorotischen etc. Die Behandlung war gegen die humoralen Störungen gerichtet, direkt (Helleborus gegen Melancholie) oder indirekt durch Diät, Gymnastik. Von der ätiologischen Bedeutung der Erblichkeit ist nichts gesagt.

Der Begriff konstitutioneller Krankheiten fehlt in der hippokratischen Medizin, so wurden z. B. Skrofelgeschwülste beschrieben, aber zur Erkenntnis derselben als Teilerscheinung eines Allgemeinleidens drang man nicht vor. Eine dunkle Ahnung vom Krankheitsprozeß findet sich in der Auffassung derWassersucht, die auf vielerlei Ursachen, z. B. auf Leber- und Milzleiden zurückgeführt wird. Als Arten der Wassersucht werden „Hydrops“ schlechthin (Ascites), Oedem und Anasarka unterschieden. Die Paracentese wird durch einen Einschnitt neben dem Nabel oder in der Seite ausgeführt.

Ueber die Deutung der von den Hippokratikern beschriebenen Hautkrankheiten, Geschwüre und Geschwülste, bezw. der reichhaltigen Terminologie, die sich bis heute erhalten hat, herrscht bei den Forschern noch größter Zwiespalt. Von Parasiten waren Bandwürmer, Spulwürmer und Askariden bekannt.

Besonders hervorzuheben sind manche Beschreibungen der Affektionen desuropoetischen Systems, der Cystitis, Lithiasis, Pyelitis, Nierenentzündung, akuter und chronischer Nierenabszesse. Auf die Untersuchung des Harns auf Geruch, Farbe, Niederschläge etc. wurde viel Gewicht gelegt. Unter den Krankheiten dermännlichen Geschlechtsorganebeschrieb man metastatische Hodengeschwülste, Hydrocele, Geschwüre und Feigwarzen am Präputium, möglicherweise an einer Stelle (Aph. VII, 57) den Tripper.

Nicht minder als die innere Medizin steht auch dieChirurgieder Hippokratiker auf einem überraschend hohen Standpunkt, der nur als Endergebnis einer langen Entwicklung verständlich wird. Nirgends mehr als auf diesem Gebiete konnte die Sorgfalt der Naturbetrachtung im Verein mit nüchterner Auffassung Triumphe feiern, soweit nicht die Mängel der Anatomie der wagemutigen Aktionslust Halt geboten. Für alle Zeiten mustergültig wurde namentlich die Diagnostik und Therapie der Erkrankungen oder Verletzungen des Knochensystems, die rationelle Wundbehandlung, bei der sich bereits Ahnungen der Antiseptik entdecken lassen, und die Verbandkunst (mitra Hippocratis!), welche Zweckmäßigkeit mit Schönheitssinn zu vereinigen verstand.

Die Diagnostik und Behandlung der Luxationen und Frakturen, ganz besonders auch die Lehre von den Kopfverletzungen ist in den hippokratischen Schriften de articulis, de fracturis, de capitis vulneribus geradezu meisterhaft dargestellt und stützt sich auf zureichende Kenntnis des menschlichen Skeletts, auf reichhaltigste Erfahrung, zu welcher die in Gymnasien und Athletenschulen so häufig vorkommenden Verletzungen die günstigste Gelegenheit boten. Mit bewundernswerter Kühnheit wagten die Chirurgen die Trepanation, Thorakocentese, die Paracentese der Bauchhöhle, die Nephrotomie bei Nierenabszeß und solche Operationen vorzunehmen, welche, wie die Resektion, die Operation der Polypen, der Hämorrhoiden, der Mastdarmfistel, entweder keinen erheblichen Blutverlust verursachen oder sich in unblutiger Weise ausführen lassen. Die Exstirpation größerer Geschwülste und, was besonders auffällt, die Amputation im eigentlichen Sinne konnten die Hippokratiker deshalb nicht ausführen, weil das wichtigste aller blutstillenden Mittel, die Gefäßligatur,noch unbekannt war (nur bei Gangrän der Extremitäten, und zwar unterhalb der Demarkationslinie des Brandigen schritt man zur Absetzung der Glieder). Zur Blutstillung dienten, abgesehen von verschiedenen Stypticis, Hochlagerung und Kompression, Kälte, Tamponade und Verband, seltener das Glüheisen.

In der Behandlung der chirurgischen Affektionen kamen außer der Purgation, Venäsektion und Diät eine Menge von Arzneistoffen (in Form von Salben, Pflastern, Kataplasmen, Aetzmitteln), lokale Kälte (Eis, Schnee, Uebergießungen) und Wärme bei entsprechender Lagerung des Körperteils, Verbände (ein- und zweiköpfige Binden), die Kauterisation, Moxen, das Schröpfen, die Skarifikation und verschiedenartige Apparate (Hohlschienen, orthopädische Schuhe etc.) zur Anwendung. Die Schriften de medico und de officina medici, worin eingehendste Vorschriften über die Lagerung des Patienten, die Stellung des Arztes, Beschaffenheit der Nägel, über die Obliegenheiten der Gehilfen, die Regulierung des Lichtes, die kunstgerechte Anlegung von Verbänden, Kompressen, Schienen u. s. w. mitgeteilt sind, gewähren darüber Aufklärung, wie reich das Instrumentarium war, das die Hippokratiker mit Sorgfalt und Umsicht gebrauchten. Dahin gehörten Schwämme, Schröpfköpfe (aus Horn, Glas, Bronze), Glüheisen (sondenartig, mit einer am Ende befindlichen Abplattung), Sonden, Spatel verschiedener Art, Haken, Nadeln, Lanzetten, Bisturis, das Raspatorium, Kronen- und Perforativtrepan, Kanülen in Verbindung mit Tierblasen (statt der Spritzen, um Injektionen von Flüssigkeiten oder Luft in eine Höhle zu machen), gebogene Katheter, Mastdarmspiegel, Geißfuß, Zahnzange, Zäpfchenzange; statt der metallenen Glüheisen verwendete man auch ähnlich geformte hölzerne Instrumente oder in heißes Oel getauchte Schwämme; als Klistierspritze diente die Harnblase eines Tieres, welche mit einem Federkiel als Ansatz versehen wurde. Bei der Untersuchung benützte man Sonden (aus Blei, Zinn oder Erz), den Mastdarmspiegel, die hohlen Stengel des Knoblauchs (um die Tiefe von Fisteln zu messen).

Als Mangel an Geschicklichkeit in chirurgischen Dingen wird es bezeichnet (de morbis I, 6), „... wenn man nicht merkt, daß Eiter in einer Wunde oder in einem Abszeß ist; wenn man Brüche und Verrenkungen nicht erkennt; wenn man beim Sondieren am Kopfe nicht erkennt, ob der Knochen gebrochen ist; wenn man nicht dahin gelangt, den Katheter in die Blase zu führen; wenn man das Vorhandensein eines Steines in der Blase nicht erkennt; wenn man bei der Sukkussion nicht merkt, daß ein Empyem besteht; wenn man sich beim Schneiden und Brennen in der Tiefe und Länge versieht oder wenn man da brennt und schneidet, wo es nicht nötig ist“.

Wunden und Geschwürewurden von den Hippokratikern nicht scharf voneinandergeschieden. Ruhe und richtige Lagerung des verletzten Teiles galten als Grundprinzipien jeder Wundbehandlung. Frische Wunden, die man zur Verhütung von Entzündung erst ausbluten ließ, sollten möglichst trocken gehalten und mit Umschlägen (aus Pflanzen, im Notfall aus kaltem Mehlbrei) behandelt werden; übrigens war auch die Naht bekannt. Zur Blutstillung dienten Hochlagerung, Kompression, Styptika, seltener das Glüheisen. Gequetschte oder gerissene Wunden brachte man dagegen zur Beförderung der Ausstoßung möglichst bald zur Eiterung. Abgesehen von individuellen und zufälligen Momenten, welche die Prognose bestimmen, betrachteten die Hippokratiker als gefährlichste Verletzungen die des Halses und der Weichen, dann die des Gehirns, Rückenmarks, Herzens, des Zwerchfells, der Leber, des Magens, Querwunden des Darms, Wunden der Harnblase, einer zu Blutfluß neigenden Ader; penetrierende Brustwunden galten als tödlich, Entzündungen der Sehnen und Muskeln sah man von unheilbarer Lähmung gefolgt, die verhängnisvollen Komplikationen des Wundverlaufs, wie Erysipel, Tetanus wurden nicht außer acht gelassen. — Meisterhafte Darstellung finden namentlich dieKopfverletzungen, von denen man fünf Arten unterschied, nämlich die Fissur (verbunden mit Kontusion), die Kontusion (ohne Fraktur und Depression), die Fraktur verbunden mit Depression, die Knochenwunde und die Fraktur durch Contre-coup. In zweifelhaften Fällen soll die Wunde erweitert werden (jedoch niemals an den Schläfen wegen Gefahr des Tetanus) oder man hat die Abschabung des Knochens mit dem Radiereisen vorzunehmen. Das wichtigste Heilmittel ist die Trepanation (gewöhnlich am 3. Tage ausgeführt), wobei die Hippokratiker bereits über vollendete Technik verfügten und den Perforativ- sowie den Kronentrepan benützten; aus Scheu vor Verletzung der Dura mater durchbohrte man den Knochen nur bis zur untersten Lamelle. Unter den Folgen von Schädelverletzungen wird derLähmungen der entgegengesetzten Körperhälftegedacht. — Einen Glanzpunkt der hippokratischen Schriften bildet die Lehre von denFrakturen und Luxationen. Was die Knochenbrüche anlangt, so unterschied man aus prognostischen Gründen einfache und offene, beobachtete die verschiedene Heilungsdauer (die Entstehung des Callus wurde in das Knochenmark verlegt) und gab für die Behandlung Vorschriften, welche für alle spätere Zeit mustergültig wurden. In bewundernswerter, wahrhaft rationeller Weise wird bis auf alle Einzelheiten dargelegt, wie man bei der Einrichtung (spätestens am 2. Tage), beim Verband, bei der Anlegung der Schienen (auch Hohlschienen) u. s. w. zu verfahren hat und welche Komplikationen zu verhüten bezw. zu beseitigen sind. Der typische Verband setzte sich folgendermaßen zusammen. Zunächst wurde die frakturierte Stelle mit einer kurzen und lockeren Binde bedeckt, auf die man eine lange Binde folgen ließ, die zur Fixierung der Fraktur diente. Auf diese unteren Binden kamen mit Wachssalbe bestrichene Kompressen, rund um die Bruchstelle herum und zum Ausgleich der dünneren Partien, sodann zur Deckung des Ganzen zwei lange Oberbinden, von denen eine von rechts nach links, die andere in entgegengesetzter Richtung lief. Von 3 zu 3 Tagen wurde der Verband unter Vermehrung der Bindenzahl gewechselt, am 7. Tage wurden die Schienen angelegt, welche man anfangs nur lose, später immer fester befestigte. Hierzu kamen noch für den Arm Tragbinden, für die Ruhigstellung der unteren Extremität die Hohlschiene etc. Auch Apparate für die permanente Extension waren bekannt. Hinsichtlich der komplizierten Frakturen ist es bemerkenswert, daß die Hippokratiker ebenso wie die moderne Chirurgie drei Stadien (primäres, intermediäres, sekundäres) im Verlaufe unterschieden und im intermediären Stadium (3.-7. Tag) die Vornahme operativer Eingriffe als zu gefährlich verwarfen. Zur Reposition bediente man sich verschiedener mechanischer Vorrichtungen; unter bestimmt angegebenen Indikationen schritt manauch zur Resektion hervorstehender Knochenenden. — Die Symptomatologie und Behandlung der Luxationen ist in den hippokratischen Schriften in einer Weise geschildert, welche in manchen Kapiteln kaum übertroffen werden kann. Dies gilt hauptsächlich hinsichtlich der Verrenkung des Schulter-, Hüft- und Kiefergelenkes. Manuelle und maschinelle Hilfsmittel werden sorgfältig beschrieben. Die Einrichtung des Humerus wird, während die Gehilfen Zug und Gegenzug ausüben, bewirkt mit der Hand, der Ferse, der entgegengestemmten Schulter des Arztes, dem Stabe, der Leiter; bei veralteten Luxationen kam die „Ambe“ zur Anwendung (ein Einrichtebrett, an welchem das Glied befestigt wurde, wodurch man mannigfaltige und kräftige Hebelwirkungen ausüben konnte) oder die Lehne eines hohen thessalischen Stuhles. Zur Einrichtung des Femurs diente eine komplizierte Vorrichtung (später als „Bank“ bezeichnet, Ἱπποκράτειον βάθρον), welche die Fixierung ermöglichte, während auf die luxierte Extremität durch windenartige Apparate ein sehr kräftiger Zug und Gegenzug ausgeübt wurde. Es beweist die scharfe klinische Beobachtung der Hippokratiker, daß sie die verschiedenen Arten der Verrenkungen je nach den anatomischen Verhältnissen klar erkannten, vollständige und unvollständige, erworbene und angeborene (Hüftluxation) unterschieden. Sie wußten, daß komplizierte Verrenkungen äußerst gefährlich sind, daß veraltete Luxationen wegen Ausfüllung der Gelenkflächen mit „Fleisch“ oder Bildung von Pseudarthrosen der Reposition schwere Hindernisse bereiten, daß infolge anhaltender Unbeweglichkeit Muskelatrophie eintritt, infolge habitueller Humerusluxation der Arm im Längenwachstum zurückbleibt, Gelenkserkrankungen (Coxitis) spontane Luxationen bewirken u. a. —Verkrümmungender Wirbelsäule, sei es, daß sie traumatisch oder spontan durch φύματα (Tuberkel) zu stande kommen, werden ganz sachgemäß auch mit den Folgeerscheinungen (z. B. kongestiven Abszessen) geschildert; besonders interessant ist es, daß sogar der Befund von Tuberkeln in den Lungen Kyphotischer angeführt wird. VonKlumpfüßen, die als kongenitale Luxationen betrachtet wurden, unterschied man mehrere Arten und verwendete bei der Behandlung nach rationellen Grundsätzen geeignete Verbände, Bleisohlen, Halbschuhe oder kretisches Schuhwerk (Orthopädie!).UeberHernien, die am Nabel und in der Weichengegend vorkommen, findet sich in den hippokratischen Schriften wenig. Zur Beseitigung vonHämorrhoiden, welche aus einer Versetzung des Schleims oder der Galle auf die Adern des Mastdarmes erklärt wurden, bediente man sich der Kauterisation, direkt oder indirekt (wobei in eine im Mastdarm liegende Hülse ein glühendes Eisen eingeführt wurde), der Aetzung, Exzision, Durchnähung, adstringierender Suppositorien. Hier wie bei denMastdarmfistelnkam bei der Untersuchung bezw. Behandlung der Mastdarmspiegel (κατοπτὴρ) zur Anwendung. Die Fistel, deren Tiefe mit einem frischen Knoblauchstengel gemessen wurde, brachte man durch Adstringentien (Kupferblumen) oder durch die Ligatur zur Heilung. Die hierfür nötige, verhältnismäßig schwierige Technik bezeugt die Geschicklichkeit der hippokratischen Aerzte. DerMastdarmvorfallwurde reponiert und durch Schwamm und T-Binde zurückgehalten. — Als Ursache der sehr häufigen Lithiasis nahm man den Genuß von lehmigem und sandigem Wasser an. DerSteinschnittscheint ebenso wie die Kastration den Empirikern überlassen worden zu sein. Abszesse in der Niere oder deren Umgebung, die auch Folge des Steinleidens sein können (mit Durchbruch nach Blase, Bauchhöhle oder Darm), wurden, sobald sich eine Anschwellung und Emporwölbung sichtbar machte, durchNephrotomieentleert.

Wunden und Geschwürewurden von den Hippokratikern nicht scharf voneinandergeschieden. Ruhe und richtige Lagerung des verletzten Teiles galten als Grundprinzipien jeder Wundbehandlung. Frische Wunden, die man zur Verhütung von Entzündung erst ausbluten ließ, sollten möglichst trocken gehalten und mit Umschlägen (aus Pflanzen, im Notfall aus kaltem Mehlbrei) behandelt werden; übrigens war auch die Naht bekannt. Zur Blutstillung dienten Hochlagerung, Kompression, Styptika, seltener das Glüheisen. Gequetschte oder gerissene Wunden brachte man dagegen zur Beförderung der Ausstoßung möglichst bald zur Eiterung. Abgesehen von individuellen und zufälligen Momenten, welche die Prognose bestimmen, betrachteten die Hippokratiker als gefährlichste Verletzungen die des Halses und der Weichen, dann die des Gehirns, Rückenmarks, Herzens, des Zwerchfells, der Leber, des Magens, Querwunden des Darms, Wunden der Harnblase, einer zu Blutfluß neigenden Ader; penetrierende Brustwunden galten als tödlich, Entzündungen der Sehnen und Muskeln sah man von unheilbarer Lähmung gefolgt, die verhängnisvollen Komplikationen des Wundverlaufs, wie Erysipel, Tetanus wurden nicht außer acht gelassen. — Meisterhafte Darstellung finden namentlich dieKopfverletzungen, von denen man fünf Arten unterschied, nämlich die Fissur (verbunden mit Kontusion), die Kontusion (ohne Fraktur und Depression), die Fraktur verbunden mit Depression, die Knochenwunde und die Fraktur durch Contre-coup. In zweifelhaften Fällen soll die Wunde erweitert werden (jedoch niemals an den Schläfen wegen Gefahr des Tetanus) oder man hat die Abschabung des Knochens mit dem Radiereisen vorzunehmen. Das wichtigste Heilmittel ist die Trepanation (gewöhnlich am 3. Tage ausgeführt), wobei die Hippokratiker bereits über vollendete Technik verfügten und den Perforativ- sowie den Kronentrepan benützten; aus Scheu vor Verletzung der Dura mater durchbohrte man den Knochen nur bis zur untersten Lamelle. Unter den Folgen von Schädelverletzungen wird derLähmungen der entgegengesetzten Körperhälftegedacht. — Einen Glanzpunkt der hippokratischen Schriften bildet die Lehre von denFrakturen und Luxationen. Was die Knochenbrüche anlangt, so unterschied man aus prognostischen Gründen einfache und offene, beobachtete die verschiedene Heilungsdauer (die Entstehung des Callus wurde in das Knochenmark verlegt) und gab für die Behandlung Vorschriften, welche für alle spätere Zeit mustergültig wurden. In bewundernswerter, wahrhaft rationeller Weise wird bis auf alle Einzelheiten dargelegt, wie man bei der Einrichtung (spätestens am 2. Tage), beim Verband, bei der Anlegung der Schienen (auch Hohlschienen) u. s. w. zu verfahren hat und welche Komplikationen zu verhüten bezw. zu beseitigen sind. Der typische Verband setzte sich folgendermaßen zusammen. Zunächst wurde die frakturierte Stelle mit einer kurzen und lockeren Binde bedeckt, auf die man eine lange Binde folgen ließ, die zur Fixierung der Fraktur diente. Auf diese unteren Binden kamen mit Wachssalbe bestrichene Kompressen, rund um die Bruchstelle herum und zum Ausgleich der dünneren Partien, sodann zur Deckung des Ganzen zwei lange Oberbinden, von denen eine von rechts nach links, die andere in entgegengesetzter Richtung lief. Von 3 zu 3 Tagen wurde der Verband unter Vermehrung der Bindenzahl gewechselt, am 7. Tage wurden die Schienen angelegt, welche man anfangs nur lose, später immer fester befestigte. Hierzu kamen noch für den Arm Tragbinden, für die Ruhigstellung der unteren Extremität die Hohlschiene etc. Auch Apparate für die permanente Extension waren bekannt. Hinsichtlich der komplizierten Frakturen ist es bemerkenswert, daß die Hippokratiker ebenso wie die moderne Chirurgie drei Stadien (primäres, intermediäres, sekundäres) im Verlaufe unterschieden und im intermediären Stadium (3.-7. Tag) die Vornahme operativer Eingriffe als zu gefährlich verwarfen. Zur Reposition bediente man sich verschiedener mechanischer Vorrichtungen; unter bestimmt angegebenen Indikationen schritt manauch zur Resektion hervorstehender Knochenenden. — Die Symptomatologie und Behandlung der Luxationen ist in den hippokratischen Schriften in einer Weise geschildert, welche in manchen Kapiteln kaum übertroffen werden kann. Dies gilt hauptsächlich hinsichtlich der Verrenkung des Schulter-, Hüft- und Kiefergelenkes. Manuelle und maschinelle Hilfsmittel werden sorgfältig beschrieben. Die Einrichtung des Humerus wird, während die Gehilfen Zug und Gegenzug ausüben, bewirkt mit der Hand, der Ferse, der entgegengestemmten Schulter des Arztes, dem Stabe, der Leiter; bei veralteten Luxationen kam die „Ambe“ zur Anwendung (ein Einrichtebrett, an welchem das Glied befestigt wurde, wodurch man mannigfaltige und kräftige Hebelwirkungen ausüben konnte) oder die Lehne eines hohen thessalischen Stuhles. Zur Einrichtung des Femurs diente eine komplizierte Vorrichtung (später als „Bank“ bezeichnet, Ἱπποκράτειον βάθρον), welche die Fixierung ermöglichte, während auf die luxierte Extremität durch windenartige Apparate ein sehr kräftiger Zug und Gegenzug ausgeübt wurde. Es beweist die scharfe klinische Beobachtung der Hippokratiker, daß sie die verschiedenen Arten der Verrenkungen je nach den anatomischen Verhältnissen klar erkannten, vollständige und unvollständige, erworbene und angeborene (Hüftluxation) unterschieden. Sie wußten, daß komplizierte Verrenkungen äußerst gefährlich sind, daß veraltete Luxationen wegen Ausfüllung der Gelenkflächen mit „Fleisch“ oder Bildung von Pseudarthrosen der Reposition schwere Hindernisse bereiten, daß infolge anhaltender Unbeweglichkeit Muskelatrophie eintritt, infolge habitueller Humerusluxation der Arm im Längenwachstum zurückbleibt, Gelenkserkrankungen (Coxitis) spontane Luxationen bewirken u. a. —Verkrümmungender Wirbelsäule, sei es, daß sie traumatisch oder spontan durch φύματα (Tuberkel) zu stande kommen, werden ganz sachgemäß auch mit den Folgeerscheinungen (z. B. kongestiven Abszessen) geschildert; besonders interessant ist es, daß sogar der Befund von Tuberkeln in den Lungen Kyphotischer angeführt wird. VonKlumpfüßen, die als kongenitale Luxationen betrachtet wurden, unterschied man mehrere Arten und verwendete bei der Behandlung nach rationellen Grundsätzen geeignete Verbände, Bleisohlen, Halbschuhe oder kretisches Schuhwerk (Orthopädie!).

UeberHernien, die am Nabel und in der Weichengegend vorkommen, findet sich in den hippokratischen Schriften wenig. Zur Beseitigung vonHämorrhoiden, welche aus einer Versetzung des Schleims oder der Galle auf die Adern des Mastdarmes erklärt wurden, bediente man sich der Kauterisation, direkt oder indirekt (wobei in eine im Mastdarm liegende Hülse ein glühendes Eisen eingeführt wurde), der Aetzung, Exzision, Durchnähung, adstringierender Suppositorien. Hier wie bei denMastdarmfistelnkam bei der Untersuchung bezw. Behandlung der Mastdarmspiegel (κατοπτὴρ) zur Anwendung. Die Fistel, deren Tiefe mit einem frischen Knoblauchstengel gemessen wurde, brachte man durch Adstringentien (Kupferblumen) oder durch die Ligatur zur Heilung. Die hierfür nötige, verhältnismäßig schwierige Technik bezeugt die Geschicklichkeit der hippokratischen Aerzte. DerMastdarmvorfallwurde reponiert und durch Schwamm und T-Binde zurückgehalten. — Als Ursache der sehr häufigen Lithiasis nahm man den Genuß von lehmigem und sandigem Wasser an. DerSteinschnittscheint ebenso wie die Kastration den Empirikern überlassen worden zu sein. Abszesse in der Niere oder deren Umgebung, die auch Folge des Steinleidens sein können (mit Durchbruch nach Blase, Bauchhöhle oder Darm), wurden, sobald sich eine Anschwellung und Emporwölbung sichtbar machte, durchNephrotomieentleert.

Geburtshilfe und Gynäkologieberuhten zum Teil auf bedeutenden Kenntnissen, welche allerdings mit naturphilosophischen Spekulationenoder voreiligen Schlüssen aus Beobachtungen an Tieren vermischt sind. Die Geburtshilfe lag fast gänzlich in den Händen der Hebammen, ärztliche Hilfe wurde nur in schwierigen Fällen herangezogen; aber auch bei den Frauenkrankheiten scheint die Untersuchung vorzugsweise von Hebammen oder kunstverständigen Frauen vorgenommen worden zu sein, der Arzt ordnete die Behandlung zumeist nur auf Grund des mitgeteilten Befundes an.

Die Hippokratiker betrachteten als normal nur die Schädellage, die sie aus der Gravitation des schweren Kopfes erklärten und kannten außer dieser die einfache und gemischte Steißlage, Schieflagen, vollkommene und unvollständige Fußlage. Bei Geburten in vollkommener Fußlage verhielten sie sich passiv, sonst kamen Schüttelung der Kreißenden, Wendung durch äußerliche, innerliche oder gemischte Handgriffe in Betracht. Armvorfall bei Schieflage galt als Zeichen des Fruchttodes und indizierte die Embryotomie, welche mit einem Zermalmer und Haken ausgeführt wurde. Nicht erwähnt sind Gebährstuhl, Zange, Kaiserschnitt, Nabelunterbindung. Zur Entfernung der zögernden Nachgeburt hatte man folgendes Verfahren. Die Frau mußte auf einem durchlöcherten Stuhle (λάσανον oder δίφρος), der sonst auch zu Scheidenräucherungen diente, sitzen, während das Kind, dessen Nabelschnur ungetrennt blieb, auf Schläuche gelegt wurde, die sich mit Wasser gefüllt, auf dem Boden befanden; sodann stach man die Schläuche an, so daß ihr Inhalt allmählich abfloß, wodurch das Kind sich senkte und durch langsamen Zug seines Eigengewichtes die Placenta zur Lösung brachte. Eine Reihe von Krankheitsgeschichten bezieht sich auf Puerperalfieber, das man von Zurückhaltung der Lochien ableitete. — Als wesentliche Ursache des Abortus, von dem man wußte, daß er sich sehr häufig zu der gleichen Zeit der Schwangerschaft wiederholt, galt das Mißverhältnis zwischen der Entwicklung der Frucht und dem Wachstum des Uterus; verschiedene, mittels Sonden lokal applizierte Arzneien, Pessarien oder die Erzeugung von Fettleibigkeit, sollten vorbeugend wirken. Sehr häufig suchte man den Abortus künstlich durch Abtreibungsmittel, deren es (ebenso wie Mittel zur Verhütung der Konzeption) eine ganze Menge gab, herbeizuführen oder durch mechanische Erschütterung. So riet z. B. der Verfasser von de natura pueri in einem bestimmten Falle, wiederholt in die Höhe zu springen und hierbei mit den Fersen an die Hinterbacken anzuschlagen. — Das Kapitel der Frauenkrankheiten ist von den knidischen Autoren sehr eingehend behandelt. Erwähnung finden Geschwüre und Verwachsung der Schamlippen, Amennorrhöe (Einlage von mit Harz, Kupferblüte und Honig imprägnierte Pessarien), verschiedenartige Flüsse (diätetische Behandlung, adstringierende Suppositorien, Schröpfen, Brechmittel etc.), Verengerung des Orificium uteri (medikamentöse Pessarien), Blutungen, Entzündung, Prolaps, Lageveränderung, Senkung, Hydrops, Karzinom des Uterus; die Behandlungsarten, namentlich soweit sie gegen die als Folgeerscheinung auftretende Sterilität gerichtet sind, zeichnen sich durch große Reichhaltigkeit aus (Pessarien, Injektionen, Räucherungen etc.). Diehysterischen Beschwerdensollten durch Wanderungen des Uterus (nur so schien die proteusartige Symptomatologie, z. B. das Gefühl des Globus, erklärlich) zu stande kommen. Um den Uterus an seinen normalen Platz zurückzubringen (wobei die Empirie ganz richtig vorging, nur die Theorie verfehlt war), verwendete man mechanische Mittel (z. B. Druck, Bandagen) oder Räucherungen mit übelriechenden Substanzen, die man auf die Nase, oder wohlriechenden Stoffen, die man auf die Scheide einwirken ließ. Durch erstere sollte der Uterus abgeschreckt, durch letztere angelocktwerden. Die Räucherungstherapie (auch angewendet, um die Konzeptionsfähigkeit zu bestimmen, je nachdem der Geruch von der Scheide zum Kopf dringt oder nicht) sowie viele der Mittel zur Erkennung der Fruchtbarkeit und Schwangerschaft, zur Verhütung der Konzeption, erinnern lebhaft an ägyptisch-orientalische Vorbilder.

Die Hippokratiker betrachteten als normal nur die Schädellage, die sie aus der Gravitation des schweren Kopfes erklärten und kannten außer dieser die einfache und gemischte Steißlage, Schieflagen, vollkommene und unvollständige Fußlage. Bei Geburten in vollkommener Fußlage verhielten sie sich passiv, sonst kamen Schüttelung der Kreißenden, Wendung durch äußerliche, innerliche oder gemischte Handgriffe in Betracht. Armvorfall bei Schieflage galt als Zeichen des Fruchttodes und indizierte die Embryotomie, welche mit einem Zermalmer und Haken ausgeführt wurde. Nicht erwähnt sind Gebährstuhl, Zange, Kaiserschnitt, Nabelunterbindung. Zur Entfernung der zögernden Nachgeburt hatte man folgendes Verfahren. Die Frau mußte auf einem durchlöcherten Stuhle (λάσανον oder δίφρος), der sonst auch zu Scheidenräucherungen diente, sitzen, während das Kind, dessen Nabelschnur ungetrennt blieb, auf Schläuche gelegt wurde, die sich mit Wasser gefüllt, auf dem Boden befanden; sodann stach man die Schläuche an, so daß ihr Inhalt allmählich abfloß, wodurch das Kind sich senkte und durch langsamen Zug seines Eigengewichtes die Placenta zur Lösung brachte. Eine Reihe von Krankheitsgeschichten bezieht sich auf Puerperalfieber, das man von Zurückhaltung der Lochien ableitete. — Als wesentliche Ursache des Abortus, von dem man wußte, daß er sich sehr häufig zu der gleichen Zeit der Schwangerschaft wiederholt, galt das Mißverhältnis zwischen der Entwicklung der Frucht und dem Wachstum des Uterus; verschiedene, mittels Sonden lokal applizierte Arzneien, Pessarien oder die Erzeugung von Fettleibigkeit, sollten vorbeugend wirken. Sehr häufig suchte man den Abortus künstlich durch Abtreibungsmittel, deren es (ebenso wie Mittel zur Verhütung der Konzeption) eine ganze Menge gab, herbeizuführen oder durch mechanische Erschütterung. So riet z. B. der Verfasser von de natura pueri in einem bestimmten Falle, wiederholt in die Höhe zu springen und hierbei mit den Fersen an die Hinterbacken anzuschlagen. — Das Kapitel der Frauenkrankheiten ist von den knidischen Autoren sehr eingehend behandelt. Erwähnung finden Geschwüre und Verwachsung der Schamlippen, Amennorrhöe (Einlage von mit Harz, Kupferblüte und Honig imprägnierte Pessarien), verschiedenartige Flüsse (diätetische Behandlung, adstringierende Suppositorien, Schröpfen, Brechmittel etc.), Verengerung des Orificium uteri (medikamentöse Pessarien), Blutungen, Entzündung, Prolaps, Lageveränderung, Senkung, Hydrops, Karzinom des Uterus; die Behandlungsarten, namentlich soweit sie gegen die als Folgeerscheinung auftretende Sterilität gerichtet sind, zeichnen sich durch große Reichhaltigkeit aus (Pessarien, Injektionen, Räucherungen etc.). Diehysterischen Beschwerdensollten durch Wanderungen des Uterus (nur so schien die proteusartige Symptomatologie, z. B. das Gefühl des Globus, erklärlich) zu stande kommen. Um den Uterus an seinen normalen Platz zurückzubringen (wobei die Empirie ganz richtig vorging, nur die Theorie verfehlt war), verwendete man mechanische Mittel (z. B. Druck, Bandagen) oder Räucherungen mit übelriechenden Substanzen, die man auf die Nase, oder wohlriechenden Stoffen, die man auf die Scheide einwirken ließ. Durch erstere sollte der Uterus abgeschreckt, durch letztere angelocktwerden. Die Räucherungstherapie (auch angewendet, um die Konzeptionsfähigkeit zu bestimmen, je nachdem der Geruch von der Scheide zum Kopf dringt oder nicht) sowie viele der Mittel zur Erkennung der Fruchtbarkeit und Schwangerschaft, zur Verhütung der Konzeption, erinnern lebhaft an ägyptisch-orientalische Vorbilder.

Auch derKinderheilkundeist im Corpus Hippocraticum ein Plätzchen eingeräumt. Mißbildungen, kongenitale Luxationen, verschiedene Mundkrankheiten (Aphthen, Soor), Krämpfe, Ausschläge des Kopfes, Ohren- und Nasenkatarrh, Husten, Verstopfung u. a. werden beschrieben, Hydrocephalus acutus und Diphtherie wenigstens angedeutet.

DieAugenheilkundeder Hippokratiker war, soweit die Erkrankungen der äußeren Teile des Sehorgans in Betracht kommen, ziemlich hoch entwickelt: dem Verständnis der Pathologie des inneren Auges stand dagegen der Mangel anatomischer Kenntnisse entgegen.

Aeußere Augenkrankheiten beschrieben die Hippokratiker sorgfältig. Sie kannten akute und chronische Konjunktivitis, bösartige Blennorrhöen, Trachom, Pterygium, Lidrandentzündung, Gerstenkorn, En- und Ektropium, Trichiasis, Hornhautgeschwüre, Strabismus. Sie erwähnen das Schwarzwerden und Flimmern vor den Augen, Nystagmus, Nyktalopie, das Halbsehen bei Gehirnaffektionen, hingegen besaßen sie über die Erkrankungen der brechenden Medien ganz unklare und falsche Vorstellungen. Bläuliche Färbung der Pupille deutet auf Altersstar, „Amblyopie“ ist durch Schleimfluß vom Gehirn bedingt, „Amaurose“ entsteht bei Fieber, Blutverlusten und nach Verwundung der Augenbrauengegend. Abgesehen von den operativen Eingriffen bei Geschwülsten, Anomalien des Tarsus und Hypopion und der mechanisch-chemischen Reizung der Schleimhaut (Schaben, Aetzen, Brennen) wurde die Therapie besonders der schweren entzündlichen Formen und der Amblyopie von der Idee getragen, daß die Sehstörungen von dem krankhaften Herabfließen des Schleimes aus dem Gehirn zu stande kommen. Außer Abführmitteln verwendete man deshalb chirurgische Verfahren, welche den Schleimfluß heilen, den Zufluß krankhafter Stoffe zum Auge (durch Verschluß der Gefäße) verhindern, die Wasseransammlung im Gehirn entleeren sollten; solche Verfahren waren die wiederholte Applikation zahlreicher, bis auf den Knochen dringender Einschnitte in die Kopfhaut, die Kauterisation der vor dem Ohre liegenden, „fortwährend pulsierenden“ Adern, die Trepanation.DieOtologiekonnte wegen mangelnder anatomischer Einsicht nur auf niederer Stufe verharren, überrascht aber durch die Kenntnis mancher Wechselbeziehungen zwischen Ohrerkrankungen und dem Gesamtorganismus; die Behandlung des Hämatoms der Ohrmuschel, der Knorpelfraktur, der Ohrenflüsse und Ohreneiterungen (z. B. nach Gehirnerkrankungen) findet eingehende Darstellung.

Aeußere Augenkrankheiten beschrieben die Hippokratiker sorgfältig. Sie kannten akute und chronische Konjunktivitis, bösartige Blennorrhöen, Trachom, Pterygium, Lidrandentzündung, Gerstenkorn, En- und Ektropium, Trichiasis, Hornhautgeschwüre, Strabismus. Sie erwähnen das Schwarzwerden und Flimmern vor den Augen, Nystagmus, Nyktalopie, das Halbsehen bei Gehirnaffektionen, hingegen besaßen sie über die Erkrankungen der brechenden Medien ganz unklare und falsche Vorstellungen. Bläuliche Färbung der Pupille deutet auf Altersstar, „Amblyopie“ ist durch Schleimfluß vom Gehirn bedingt, „Amaurose“ entsteht bei Fieber, Blutverlusten und nach Verwundung der Augenbrauengegend. Abgesehen von den operativen Eingriffen bei Geschwülsten, Anomalien des Tarsus und Hypopion und der mechanisch-chemischen Reizung der Schleimhaut (Schaben, Aetzen, Brennen) wurde die Therapie besonders der schweren entzündlichen Formen und der Amblyopie von der Idee getragen, daß die Sehstörungen von dem krankhaften Herabfließen des Schleimes aus dem Gehirn zu stande kommen. Außer Abführmitteln verwendete man deshalb chirurgische Verfahren, welche den Schleimfluß heilen, den Zufluß krankhafter Stoffe zum Auge (durch Verschluß der Gefäße) verhindern, die Wasseransammlung im Gehirn entleeren sollten; solche Verfahren waren die wiederholte Applikation zahlreicher, bis auf den Knochen dringender Einschnitte in die Kopfhaut, die Kauterisation der vor dem Ohre liegenden, „fortwährend pulsierenden“ Adern, die Trepanation.

DieOtologiekonnte wegen mangelnder anatomischer Einsicht nur auf niederer Stufe verharren, überrascht aber durch die Kenntnis mancher Wechselbeziehungen zwischen Ohrerkrankungen und dem Gesamtorganismus; die Behandlung des Hämatoms der Ohrmuschel, der Knorpelfraktur, der Ohrenflüsse und Ohreneiterungen (z. B. nach Gehirnerkrankungen) findet eingehende Darstellung.

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Der Hippokratismus in seiner reinsten Auffassung dauert, wenn auch von wenigen wahrhaft verkörpert, unabhängig von Doktrinen, über alle Zeiten hinweg; im historischen Verlauf der griechischen Heilkunde bedeutete er nur einen allzu rasch entschwindenden Traum, dem alsbald wieder eine Wirklichkeit von schrillen Dissonanzen folgte. Aus der hippokratischen Medizin, welche eine Fülle keimfähiger Gedanken in sich barg und die früher widerstrebenden Richtungen zu dem gemeinsamen praktischen Endzweck glücklich verschmolz, lösten sich nach und nach einzelne Ideen und Methoden los, um in selbständiger Eigenentwicklung vorübergehend die Oberherrschaft im medizinischen Denken oder ärztlichen Handeln zu erlangen. Neue Einflüsse traten hinzu, die Einheit machte einer Vielheit von Systemen Platz, von denen die meisten wohl den traditionellen Zusammenhang mit dem „Vater der Heilkunst“ aufrecht zu halten suchten, während tatsächlich, mit zunehmender Entfernung, Hippokrates zu einem bloßen Begriffe herabsank, welcher willkürlich mit fremden Gedanken erfüllt wurde.

Ungetreu der nüchternen, rein klinischen Denkweise des großen Koers, zeigt sich ein ansehnlicher Teil der hippokratischen Schriftensammlung vom Geiste der Spekulation erfüllt und beweist, daß schon die Schüler und Enkelschüler das Ziel verfolgten, die praktischen Prinzipien des Hippokratismus mit aprioristischen Ideen naturphilosophischen Ursprungs wieder in Einklang zu setzen oder die koischen Fundamentalgedanken durch physiologisch-pathologische Theoreme anderer Schulen zu erweitern. Im Streben über den Meister hinauszudringen, seinen empirischen Sätzen ein pseudo-wissenschaftliches Mäntelchen umzuhängen, nahm man mehr oder minder Unwesentliches, das ihm nur als Hilfslinie diente, für die Hauptsache und verlor dabei nur zu oft den Kernpunkt seiner Lehre aus den Augen. Wie früh dies geschah, zeigt die dogmatische Formulierung der Humoralpathologie durch Polybos und die Tatsache, daß Söhne und Enkel, sowie die unmittelbaren Jünger des Hippokrates,ApolloniosundDexippos, jene Reihe von Aerzten eröffneten, welche den Nachdruck auf theoretisierende Reflexionen legten und der Medizin des 4. Jahrhunderts v. Chr. eine spekulative Färbung verliehen.Dogmatiker(λογικοί), von Galenos und allen späteren Geschichtschreibern genannt, ergänzten wohl die führenden Forscher das überkommene empirische Material nicht unbeträchtlich oder taten, was besonders anzuerkennen ist, die ersten Spatenstiche zur Begründung der Hilfswissenschaften — die Anhänger aber frönten zumeist allein der unheilvollen Systemsucht, erblickten in dem geistvollen, aber unfruchtbaren Spiel mit den Begriffen der Säfte- und Qualitätenlehre die Hauptsache und zwängten vorschnell, nicht ohne Beeinflussung der Therapie, die überkommenen Erfahrungsergebnisse in die engen Schablonen ihres Denkens. Von den Werken der dogmatischen Schule geben uns nur Zitate und Fragmente einige Kunde.

Thessalos, der Sohn des Hippokrates, später Leibarzt des Mazedonierkönigs Archelaos soll medizinische Schriften verfaßt haben; er nahm den Ueberfluß der Galle und namentlich des Schleims als Krankheitsursache an. Der Sohn des Thessalos,HippokratesIII., war ein Anhänger der platonischen Philosophie. —Dexippos(Anfang des 4. Jahrhunderts v. Chr.) undApollonioswaren schriftstellerisch tätig, ersterer schrieb ein ärztliches Werk in einem Buche, „Prognosen“ in zwei Büchern und leitete die Krankheiten von den Anomalien der Galle und des Schleims her. Wenn die Galle und der Schleim schmelzen und flüssiger werden, entstünden daraus Lymphe und Schweiß; wenn sie aber faul würden und sich verdickten, brächten sie Ohrensausen, Schnupfen und Triefaugen; wenn sie durch Eintrocknen fest geworden, so entstünden Fett und Fleisch u. s. w. (Anonym. Lond. cap. 15). Apollonios und Dexippos gaben den Fiebernden nur äußerst geringe Mengen von Nahrung und genau bemessene minimale Quantitäten von Flüssigkeit zum Trinken. Noch weiter ging ihr ZeitgenossePetronasin der „dogmatischen“ Fieberbehandlung; er bedeckte die Fieberkranken mit vielen Kleidern, um Hitze und Durst zu erzeugen, beim Nachlaß gab er dann kaltes Wasser zu trinken, um Schweiß hervorzurufen. Trat dieser nicht ein, so mußte der Kranke noch mehr kaltes Wasser zu sich nehmen, und es wurde versucht durch Erregung von Erbrechen oder Abführen (durch Salzlake) das Fieber zu vertreiben. Hinsichtlich seiner Theorien sei hervorgehoben (nach Anonym. Lond.), daß er die Krankheiten durch Ueberfüllung oder schlechte Mischung der Grundstoffe verursacht sein ließ, wobei das Kalte oder Warme mit den Ergänzungsstoffen des Trockenen und Feuchten abnorm überwiege. Anklingend an Philolaos betrachtete er die Galle nicht als Ursache der Krankheiten, sondern als Krankheitsprodukt.

Thessalos, der Sohn des Hippokrates, später Leibarzt des Mazedonierkönigs Archelaos soll medizinische Schriften verfaßt haben; er nahm den Ueberfluß der Galle und namentlich des Schleims als Krankheitsursache an. Der Sohn des Thessalos,HippokratesIII., war ein Anhänger der platonischen Philosophie. —Dexippos(Anfang des 4. Jahrhunderts v. Chr.) undApollonioswaren schriftstellerisch tätig, ersterer schrieb ein ärztliches Werk in einem Buche, „Prognosen“ in zwei Büchern und leitete die Krankheiten von den Anomalien der Galle und des Schleims her. Wenn die Galle und der Schleim schmelzen und flüssiger werden, entstünden daraus Lymphe und Schweiß; wenn sie aber faul würden und sich verdickten, brächten sie Ohrensausen, Schnupfen und Triefaugen; wenn sie durch Eintrocknen fest geworden, so entstünden Fett und Fleisch u. s. w. (Anonym. Lond. cap. 15). Apollonios und Dexippos gaben den Fiebernden nur äußerst geringe Mengen von Nahrung und genau bemessene minimale Quantitäten von Flüssigkeit zum Trinken. Noch weiter ging ihr ZeitgenossePetronasin der „dogmatischen“ Fieberbehandlung; er bedeckte die Fieberkranken mit vielen Kleidern, um Hitze und Durst zu erzeugen, beim Nachlaß gab er dann kaltes Wasser zu trinken, um Schweiß hervorzurufen. Trat dieser nicht ein, so mußte der Kranke noch mehr kaltes Wasser zu sich nehmen, und es wurde versucht durch Erregung von Erbrechen oder Abführen (durch Salzlake) das Fieber zu vertreiben. Hinsichtlich seiner Theorien sei hervorgehoben (nach Anonym. Lond.), daß er die Krankheiten durch Ueberfüllung oder schlechte Mischung der Grundstoffe verursacht sein ließ, wobei das Kalte oder Warme mit den Ergänzungsstoffen des Trockenen und Feuchten abnorm überwiege. Anklingend an Philolaos betrachtete er die Galle nicht als Ursache der Krankheiten, sondern als Krankheitsprodukt.

Das Schicksal, welches dem Hippokratismus durch seine Anhänger zu teil wurde, gleicht vollkommen dem Umwandlungsprozeß, welcher die Lehre des Sokrates durchsetzte und ihr in Gestalt der Systeme der Kyniker, Kyrenaiker, Megariker, namentlich aber in Form der Philosophie Platons eine im tiefsten Grunde verschiedene Prägung verlieh. Auch hier, im Kreise der Jünger und Enkeljünger des Sokrates, empfand man die Prinzipien des Meisters ergänzungsbedürftig und beruhigte sich nicht mehr mit jener Einschränkung des Forschungsgebietes auf die Ethik, welche weise Selbstbeschränkung vorgezeichnet hatte; die sokratische Begriffszergliederung wurde jetzt vielmehr das Mittel, um mit kritisch geschultem Urteil die physischen oder metaphysischen Spekulationen dernaturphilosophischen Vorgänger wieder aufnehmen und fortführen zu können. Und nicht zum mindesten beruht die überragende Größe des Platon auf der genialen Kombination und innigen Verschmelzung des Sokratismus mit den Ideen der Eleaten, des Herakleitos, des Anaxagoras, Empedokles und Pythagoras!

AuseinerWurzel entsprossen, parallel verlaufend, traten Philosophie und Heilkunde wieder in nahe Beziehung, indem erstere neuerdings die Natur zum Objekt ihrer Spekulation wählte, letztere, wenn auch nicht mehr ohne Befragung der ärztlichen Erfahrung, manche Leitsätze aus den Systemen der großen Denker herübernahm. GeradePlaton(427-347 v. Chr.), der den Arzt Hippokrates wegen seiner idealen Ethik und weitblickenden Naturauffassung außerordentlich hoch bewertete und dessen Methode (wiewohl nicht ganz im Sinne ihres Urhebers) als Muster hinstellte (Phaidros), anderseits selbst physiologische und pathologische Probleme in den Bannkreis seines weltumspannenden Denkens zog, bringt das Wechselverhältnis beider Wissenszweige an verschiedenen Stellen, namentlich aber in der Schrift „Timaios“ in besonderem Maße zum Ausdruck. Darf man auch der platonischen Philosophie keinen starken Einfluß auf die zeitgenössische Medizin zusprechen — dieser machte sich erst viel später geltend, nachdem das System unter den Händen der Nachfolger seine ursprüngliche Reinheit eingebüßt hatte —, so gewähren doch die einschlägigen Darlegungen des Philosophen einen höchst belehrenden Einblick in die damalige Kenntnis des Körperbaues und die Auffassung von Leben und Krankheit.

Von den physiologisch-pathologischen Spekulationen Platons seien hier nur einige mitgeteilt, welche den Zusammenhang mit der älteren Naturphilosophie und mit den Vorstellungen der Aerzte klar durchblicken lassen. — Platon betrachtete die Erfahrungswelt unter dem Gesichtspunkte, daß darin die Urbilder der Ideenwelt in immer vollkommenerer Weise realisiert werden, und suchte die letzte Ursache für die Gestaltung der Materie in der Idee des Guten, d. h. der Gottheit. Der höchste Verstand schafft aus der chaotischen Materie die vier Elemente, welche ihre Eigentümlichkeiten der besonderen Zusammensetzung von Elementardreiecken zu bestimmten Grundfiguren verdanken. Das Feuer besitzt als Grundfigur die Pyramide, die Luft das Dodekaeder, das Wasser das Ikosaeder, die Erde den Würfel. Der Körper des Menschen ist nach den Zwecken der unsterblichen Seele geschaffen, welche eine Emanation der absoluten Intelligenz darstellt. Bindeglied zwischen Körper und Seele ist das Mark, in dessen feinsten kugelförmigen (also am vollkommensten gestalteten) Anhang, dem Gehirn — das auch als Samenbereitungsstätte dient —, der Verstand wohnt, während die sterblichen, niederen Bestandteile der Seele, das Gemüt und die Begierde, ersteres in der Brust, letztere im Bauche sitzen. Unter den Werkzeugen der Seele werden zuerst die Augen gebildet; das Sehen erfolgt durch das Zusammentreffen des inneren, aus den Augen strömenden und des äußeren Feuers, das Hören durch Erschütterung der Luft, die sich dem Gehirn und Blute bis zur Seele mitteilt u. s. w. Das Leben ist an das Feuer gebunden, welches dem Pneuma entstammt und dem Blute innewohnt. Dieses wird mit Heftigkeit durchalle Glieder herumgetrieben, ernährt den Körper und besitzt als Quelle das Herz, die Verknüpfungsstelle aller Adern. Abkühlend auf die Hitze des Herzens wirken die Lungen, welche nicht nur Luft, sondern auch zum Teil die getrunkenen Flüssigkeiten aufnehmen. Letztere gelangen von den Lungen zu den Nieren und zur Blase. Der Mechanismus der Respiration erklärt sich aus dem horror vacui, die spezifische Ernährung der Teile kommt nach dem Gesetze der Anziehung des Gleichen zu stande. Die Leber — Sitz des Divinationsvermögens — spiegelglatt und glänzend, gestaltet das aus dem Kopfe Herabkommende durch ihre süße und bittere Eigenschaft (Galle) entsprechend um. In inniger Beziehung zu ihr steht die Milz, welche zur Aufnahme der Unreinigkeiten dient und daher in Krankheiten anschwillt. Die Verdauung wird durch das eingeatmete Feuer vermittelt, die Gedärme verlaufen in Windungen, damit die Speisen nicht zu schnell hindurchgehen. Knochen und Fleisch entstehen aus dem Marke; beide schützen dasselbe vor Hitze und Kälte. Ein Mittelding zwischen Knochen und Muskeln sind die Sehnen, wie schon die Mischfarbe Gelb aus Rot und Weiß anzeigt; sie bezwecken das Zusammenhalten und die Bewegung der Gelenke. — Schimmern schon in diesen Spekulationen die Theorien der naturphilosophischen Vorgänger deutlich hindurch, besonders des Pythagoras, Empedokles, Philolaos, Anaxagoras und Heraklit, erkennt man auch den hippokratischen Einschlag, so wird die Beeinflussung noch deutlicher in der Platonischen Krankheitslehre. Als ätiologische Momente kennt der Philosoph von außen kommende oder selbstverschuldete, wie Unmäßigkeit in der Ernährung, Mißverhältnis zwischen Bewegung und Nahrungsaufnahme, Exzesse im Geschlechtsgenuß etc. Die pathogene Grundlage bildenMangel, Ueberfluß oder Heterotopie von Pneuma, Galle und Schleim, oder das Mißverhältnis der vier Elemente. Die Epilepsie entsteht durch die Vermischung von Schleim und schwarzer Galle. Entzündungen, Durchfälle und Ruhr beruhen auf Verirrungen des Schleims, die gefährlichsten Krankheiten rühren von Verderbnis des Markes her. Besonders zu bemerken ist es, daß Platon viele Affektionen vonStörungenderPneumabewegung (Verstopfung der Kanäle der Luft durch Flüsse) ableitet, namentlich Schmerzen und Krämpfe von der Ansammlung (um die Gefäße) oder dem Eindringen der Luft (in das feste Fleisch), und daß er denTypus der vier Fieberartenaus demVorwalten der Elementeerklärt, d. h. die Continua durch Feuer, die Quotidiana durch Luft, die Tertiana durch Wasser, die Quartana durch Erde entstehen läßt. Die Ursache der Geisteskrankheiten sind schlechte Erziehung oder körperliche Anomalien. Arzneien im richtigen Zeitraume angewendet, namentlich aber Diät und Gymnastik bewirken die Heilung.

Von den physiologisch-pathologischen Spekulationen Platons seien hier nur einige mitgeteilt, welche den Zusammenhang mit der älteren Naturphilosophie und mit den Vorstellungen der Aerzte klar durchblicken lassen. — Platon betrachtete die Erfahrungswelt unter dem Gesichtspunkte, daß darin die Urbilder der Ideenwelt in immer vollkommenerer Weise realisiert werden, und suchte die letzte Ursache für die Gestaltung der Materie in der Idee des Guten, d. h. der Gottheit. Der höchste Verstand schafft aus der chaotischen Materie die vier Elemente, welche ihre Eigentümlichkeiten der besonderen Zusammensetzung von Elementardreiecken zu bestimmten Grundfiguren verdanken. Das Feuer besitzt als Grundfigur die Pyramide, die Luft das Dodekaeder, das Wasser das Ikosaeder, die Erde den Würfel. Der Körper des Menschen ist nach den Zwecken der unsterblichen Seele geschaffen, welche eine Emanation der absoluten Intelligenz darstellt. Bindeglied zwischen Körper und Seele ist das Mark, in dessen feinsten kugelförmigen (also am vollkommensten gestalteten) Anhang, dem Gehirn — das auch als Samenbereitungsstätte dient —, der Verstand wohnt, während die sterblichen, niederen Bestandteile der Seele, das Gemüt und die Begierde, ersteres in der Brust, letztere im Bauche sitzen. Unter den Werkzeugen der Seele werden zuerst die Augen gebildet; das Sehen erfolgt durch das Zusammentreffen des inneren, aus den Augen strömenden und des äußeren Feuers, das Hören durch Erschütterung der Luft, die sich dem Gehirn und Blute bis zur Seele mitteilt u. s. w. Das Leben ist an das Feuer gebunden, welches dem Pneuma entstammt und dem Blute innewohnt. Dieses wird mit Heftigkeit durchalle Glieder herumgetrieben, ernährt den Körper und besitzt als Quelle das Herz, die Verknüpfungsstelle aller Adern. Abkühlend auf die Hitze des Herzens wirken die Lungen, welche nicht nur Luft, sondern auch zum Teil die getrunkenen Flüssigkeiten aufnehmen. Letztere gelangen von den Lungen zu den Nieren und zur Blase. Der Mechanismus der Respiration erklärt sich aus dem horror vacui, die spezifische Ernährung der Teile kommt nach dem Gesetze der Anziehung des Gleichen zu stande. Die Leber — Sitz des Divinationsvermögens — spiegelglatt und glänzend, gestaltet das aus dem Kopfe Herabkommende durch ihre süße und bittere Eigenschaft (Galle) entsprechend um. In inniger Beziehung zu ihr steht die Milz, welche zur Aufnahme der Unreinigkeiten dient und daher in Krankheiten anschwillt. Die Verdauung wird durch das eingeatmete Feuer vermittelt, die Gedärme verlaufen in Windungen, damit die Speisen nicht zu schnell hindurchgehen. Knochen und Fleisch entstehen aus dem Marke; beide schützen dasselbe vor Hitze und Kälte. Ein Mittelding zwischen Knochen und Muskeln sind die Sehnen, wie schon die Mischfarbe Gelb aus Rot und Weiß anzeigt; sie bezwecken das Zusammenhalten und die Bewegung der Gelenke. — Schimmern schon in diesen Spekulationen die Theorien der naturphilosophischen Vorgänger deutlich hindurch, besonders des Pythagoras, Empedokles, Philolaos, Anaxagoras und Heraklit, erkennt man auch den hippokratischen Einschlag, so wird die Beeinflussung noch deutlicher in der Platonischen Krankheitslehre. Als ätiologische Momente kennt der Philosoph von außen kommende oder selbstverschuldete, wie Unmäßigkeit in der Ernährung, Mißverhältnis zwischen Bewegung und Nahrungsaufnahme, Exzesse im Geschlechtsgenuß etc. Die pathogene Grundlage bildenMangel, Ueberfluß oder Heterotopie von Pneuma, Galle und Schleim, oder das Mißverhältnis der vier Elemente. Die Epilepsie entsteht durch die Vermischung von Schleim und schwarzer Galle. Entzündungen, Durchfälle und Ruhr beruhen auf Verirrungen des Schleims, die gefährlichsten Krankheiten rühren von Verderbnis des Markes her. Besonders zu bemerken ist es, daß Platon viele Affektionen vonStörungenderPneumabewegung (Verstopfung der Kanäle der Luft durch Flüsse) ableitet, namentlich Schmerzen und Krämpfe von der Ansammlung (um die Gefäße) oder dem Eindringen der Luft (in das feste Fleisch), und daß er denTypus der vier Fieberartenaus demVorwalten der Elementeerklärt, d. h. die Continua durch Feuer, die Quotidiana durch Luft, die Tertiana durch Wasser, die Quartana durch Erde entstehen läßt. Die Ursache der Geisteskrankheiten sind schlechte Erziehung oder körperliche Anomalien. Arzneien im richtigen Zeitraume angewendet, namentlich aber Diät und Gymnastik bewirken die Heilung.

Platons Spekulationen gewinnen dadurch noch erhöhtes Interesse, weil sie neben den koisch-hippokratischen Lehren bereits den wachsenden Einfluß der sizilischen Schule (vergl. S. 171) erkennen lassen. Aus der Lebensgeschichte des Philosophen wissen wir, daß Platon den Wortführer dieser Schule,Philistion von Lokroi, einen auch um die Botanik[72]verdienten Arzt, in Syrakus zugleich mit dem Staatsmann Timaios am Hofe des Dionysios kennen gelernt hatte, und mancherlei Anzeichen sprechen überdies dafür, daß derselbe später vorübergehend in Athen verweilte — ein Umstand, der gerade für die fernere Theoriebildung der Dogmatiker von besonderer Bedeutung wurde.

Philistionhing den Grundsätzen des Empedokles mit besonderer Treue an. Der Körper ist aus den vier Elementen, bezw. den entsprechenden vier Qualitäten zusammengesetzt, seine Gesundheit beruht auf dem richtigen Atmen und Luftwechsel durch die Hautporen. Zweck der Atmung ist die Abkühlung der dem Herzen eingepflanzten Wärme. Die Ursache der Krankheiten liegt in äußeren Einflüssen (Trauma, Temperatureinwirkung etc.), im Uebermaß oder Mangel einer Elementarqualität oder in Störungen der Atmung. Im Geiste der sizilischen Schule führte Philistion wahrscheinlichdie kontinuierlichen Fieber auf das Feuer, die Quotidiana auf die Luft, die Tertiana auf das Wasser, die Quartana auf das Wasser zurückund legte in der Therapie den Hauptwert auf die Diät, über welche er, ebenso wie über Chirurgie eigene Schriften verfaßte.

Philistionhing den Grundsätzen des Empedokles mit besonderer Treue an. Der Körper ist aus den vier Elementen, bezw. den entsprechenden vier Qualitäten zusammengesetzt, seine Gesundheit beruht auf dem richtigen Atmen und Luftwechsel durch die Hautporen. Zweck der Atmung ist die Abkühlung der dem Herzen eingepflanzten Wärme. Die Ursache der Krankheiten liegt in äußeren Einflüssen (Trauma, Temperatureinwirkung etc.), im Uebermaß oder Mangel einer Elementarqualität oder in Störungen der Atmung. Im Geiste der sizilischen Schule führte Philistion wahrscheinlichdie kontinuierlichen Fieber auf das Feuer, die Quotidiana auf die Luft, die Tertiana auf das Wasser, die Quartana auf das Wasser zurückund legte in der Therapie den Hauptwert auf die Diät, über welche er, ebenso wie über Chirurgie eigene Schriften verfaßte.

Philistionwar die Rolle beschieden, den Forschungsergebnissen und Theoremen seiner Schule durch den Verkehr mit tonangebenden Vertretern anderer Richtung größere Verbreitung zu sichern und hierdurch indirekt durch mancherlei Umgestaltungen die Verschmelzung der sizilischen mit koischen und knidischen Doktrinen anzubahnen.

Was die Knidier anlangt, so wissen wir, daßEudoxosaus Knidos (der Jüngere), ein noch mehr als Astronom und Geograph berühmter Arzt, auf seinen Reisen nicht allein Hellas und Aegypten, sondern auch Italien und Sizilien besuchte, woselbst er mitPhilistionin Berührung kam. Die vielerlei Einflüsse, die sein medizinisches Denken hierbei im Umgang mit ägyptischen Priestern, Pythagoreern und italischen Aerzten erfuhr, treten namentlich bei seinem Schüler und ReisebegleiterChrysipposvon Knidos hervor, der seine Kenntnisse nicht am wenigsten gerade unter Leitung des Philistion besonders erweiterte.Chrysipposdankte ihm wahrscheinlich den Sinn für anatomische Zergliederung, und mag sowohl unter dem Eindrucke der sizilischen als auch ägyptischen Lehren ein entschiedener Anhänger der pneumatischen Richtung in der Pathologie, ein Vorkämpfer für diätetisches Verfahren in der Therapie geworden sein. Die Vorliebe des Chrysippos für Drogen, welche er in Aegypten schätzen lernte, seineVerwerfung des Aderlasses(Blut: Sitz der Seele)und der Abführmittel, an deren Stelle er Brechmittel, Klistiere und „das Binden der Glieder“ (Umwicklung der Arme und Beine bei Plethora oder Blutungen, um die Blutüberfüllung herabzusetzen) empfahl, das Verbot des Trinkens in fieberhaften Zuständen, sowie manche andere seiner Methoden oder Anschauungen gewannen Anhängerschaft und beeinflußten viele der späteren Aerzte.


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