Die Medizin im klassischen Altertum.

Die Medizin im klassischen Altertum.[←]

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Die vergleichende Rundschau über die Heilkunde der orientalischen Völker bietet, abgesehen von nationaler Färbung, ein einförmiges Bild, mag der Blick auch über Jahrtausende hinwegschweifen.

Nach vielversprechender Anhäufung von Einzelkenntnissen und Heilverfahren zwängt eine straff organisierte, meist priesterlicheGelehrtenkastedie zerstreuten Tatsachen in groß angelegte Synthesen, welche der herrschenden unantastbaren Weltanschauung ihre Leitideen danken und gleich dieser zu unverrückbar festgelegtenTraditionenerstarren. Die Entwicklung vollzieht sich, wenn von einer solchen gesprochen werden kann, in einer Welle, die so lange ist, daß sie flach erscheint. Ohne den belebenden Pulsschlag einer kritischen, die Grundlagen stets aufs neue prüfenden Methode wird die Wissenschaft zur dogmatisch-phantastischen Gelehrsamkeit, die ursprünglichen Gedanken verblassen, es bleibt nur die formbildende Hülle, und unter dem Druck desKonventionalismus, der die selbständige Schaffenslust des einzelnen mit toten Regeln eindämmt, sinkt die Kunst zu einem, vom Nimbus des Mystizismus verhüllten Handwerk herab. Der reine Trieb nach tiefgründender Erkenntnis versandet im Utilitarismus, und demgemäß dämmert, wie die gesamte Kultur, auch die Medizin dahin, unberührt von jenem prometheischen Ringen, das dem Westen zum Fluch und zum Segen gereicht.

Was an Gedanken und Erfahrungen vom Morgenland aufgespeichert worden, mußte, um fortwirken zu können, in neue biegsame Formen gebracht werden. Dies geschah auf dem Boden des freien, durch Traditionen nicht gebundenen Griechenlands. Jahrtausende später als die orientalische Heilkunde tritt die Medizin der Griechen in die historische Perspektive, als Erbin uralter mesopotamisch-ägyptischer Ueberlieferung und dennoch durch eine Welt des Geistes von ihr geschieden — ein Organismus mit reichster Differenzierung, dessen Lebensäußerungen bis in die Gegenwart fortwirken. Unvermittelt durch klärende Zwischenglieder reiht sie an die Literaturreste des Morgenlandesjene unvergleichliche Schriftensammlung, welche den Namen des größten aller Aerzte, des Hippokrates, tragend auf einem Teilgebiet die ganze Schönheit, die ganzeFreiheit des Griechentums, wie ein Gegenstück zum finsterenDenkzwang des Orientsenthüllt. Hier erscheint die Heilkunst auf einer Höhe, die nur vollwertigenIndividualitätenzu vertreten gegönnt ist, hier findet die schöpferischeSpekulationnur in den Argumenten derKritik, nicht in Dogmen, in Tatsachen, nicht in Satzungen ihr Gegengewicht.

Lange galt die hippokratische Schriftensammlung, dieses überragende Denkmal, weil es allein über den Fluß der Zeiten hinübergerettet zu sein schien, als Anfang des wissenschaftlichen Denkens in der Medizin, während es doch nur einen Gipfel der griechischen Heilwissenschaft bezeichnet, welche unablässig nach dem Ideal strebend, alle spätere Entwicklung schon im Keime vorbildet, alle kommenden Richtungen andeutet. Der Jahrhunderte lang währende historische Prozeß, der zu solchem Ergebnis führte, liegt unseren Blicken noch mehr verhüllt als die stufenförmige Entwicklung von orientalischen Vorbildern zu den Blüten der hellenischen Kunst und Philosophie. Bisher sind nur wenige Schrittsteine ermittelt, welche den Weg der orientalischen Tradition durch die Anfangsstadien der griechischen Medizin bis Hippokrates verraten.

Lange galt die hippokratische Schriftensammlung, dieses überragende Denkmal, weil es allein über den Fluß der Zeiten hinübergerettet zu sein schien, als Anfang des wissenschaftlichen Denkens in der Medizin, während es doch nur einen Gipfel der griechischen Heilwissenschaft bezeichnet, welche unablässig nach dem Ideal strebend, alle spätere Entwicklung schon im Keime vorbildet, alle kommenden Richtungen andeutet. Der Jahrhunderte lang währende historische Prozeß, der zu solchem Ergebnis führte, liegt unseren Blicken noch mehr verhüllt als die stufenförmige Entwicklung von orientalischen Vorbildern zu den Blüten der hellenischen Kunst und Philosophie. Bisher sind nur wenige Schrittsteine ermittelt, welche den Weg der orientalischen Tradition durch die Anfangsstadien der griechischen Medizin bis Hippokrates verraten.

Wie die Eigenart der griechischen Kultur nicht allein auf Stammesvorzügen beruht, sondern vorwiegend aus einer merkwürdigen Verkettung glücklichster Umstände, begünstigt von Zeit und Oertlichkeit, hervorging, so leitet sich auch die überraschende Sonderstellung der griechischen Heilkunde in letzter Linie von jenen großen Momenten her, welche das gesamte Kulturleben mit dem Richtzug zur Schönheit und Freiheit erfüllten. Die griechische Kultur floß aus verschiedenen Rinnsalen zusammen. Gerade dieMischung und Durchdringung von Gegensätzenjeder Art erzeugte die außerordentliche Plastizität, welche der Volksanlage und erworbenen Geistesart der Hellenen den weitesten Spielraum für ihre verstandesklaren, formsicheren Schöpfungen gestattete. Durch neuere Forschungen, welche die Entstehung einzelner Sagen (Kadmos, Danaos) und Traditionen, die Herkunft mancher Kulte (Kabiren, Aphrodite, Adonis, Kybele) und die Etymologie gewisser Ortsbezeichnungen ins volle Licht setzen, ist es zweifellos sichergestellt, daß die Griechen schon während ihrer Wanderung nach Kleinasien und Hellas sowie später nach ihrer dauernden Niederlassung unter denkulturellen Einflüssen der mächtigen Nachbarvölkerstanden, daß ihnen zu Lande die Chetiter, auf den Inseln die Karer (Zypern, Kreta), zur See die Phönizier Naturprodukte, Erzeugnisse des Kunstfleißes und manche geistige ErrungenschaftenAegyptensundMesopotamiensübermittelten[1]. Mitsidonischen Mischkrügen, kyprischen Metallpanzern, mit linnenen Gewändern, Kulturpflanzen und Haustieren fanden in friedlichem Handelsverkehr orientalische Maße, Gewichte, orientalische Kunststile, die Schrift und selbst so manche der Kulte und Götter des Morgenlandes Eingang in die griechische Welt.

Das Zeitalter der homerischen Helden entspricht nicht der Kindheit, sondern blickt schon auf eine lange Epoche der Mykenäkultur zurück, in welcher indogermanische Urkraft mit den Einwirkungen Aegyptens und Babylons nach versöhnendem Ausgleich rang, in welcher das von außen Ueberkommene, entsprechend den lokalen Verhältnissen, unter Anpassung an die eigene Stammestradition selbständig umgestaltet wurde.

Schon frühzeitig macht sich veredelnder Schönheitssinn, Weitblick und Klarheit der Vorstellungen, ja sogar eine tiefe Ahnung der unerschütterlichenGesetzmäßigkeit des Weltgeschehensbemerklich — Geisteszüge, welche den heiteren Himmel, die helle Luft, die weiten und doch scharfumrissenen Horizonte, die mannigfache und doch stets das Ebenmaß einhaltende Natur Griechenlands widerspiegeln. Darum fallen die Tierköpfe ab von den Göttergestalten, die Kunst beginnt mehr in der harmonischen Gliederung ihr Ideal zu suchen, als das Erhabene durch überschwengliche Phantastik oder gigantische Kolossalität der Massen anzudeuten, und die Mythologie der homerischen Gesänge stellt, frei von Mystizismus und düsterem Grauen, sogar die Allmächtigen unter das unverbrüchliche Gebot der schicksalbringenden Moira.

Nach dem Vordringen der Dorer und Ionier, denen die Führerrolle zufallen sollte, machte die ursprüngliche Gleichförmigkeit der Achäerkultur jener vielgestaltigenEigenentwicklung der hellenischen BruderstämmePlatz, welche die Zerrissenheit des Landes in zahlreiche Bergkantone alsStätten ausgeprägten Sonderlebensgleichsam von vornherein vorgezeichnet hatte. Einerseitsungestört durch gewaltsame äußere Eingriffe— denn die relative Unergiebigkeit des Landes mit seinen natürlichen Schutzwällen lockte nicht zum Angriff — anderseits vor Erstarrung bewahrt durch das allseitig eindringendeMeermit seinen wechselnden Eindrücken, mit seinem Ansporn zum Handel und Seeverkehr, vollzog sich die Entwicklung in stetigem Flusse und zugleich mit reich abgestufter Individualität, unter zunehmenderArbeitsteilung, unter fortwährenderSteigerung der Begabunginfolge der Kreuzung von Familien der Schiffer, der Handwerker und Jäger, der Ackerbauer und Hirten.

Doch die angehäuften Spannkräfte bedurften eines größeren Wirkungskreises, als das kleine Land ihnen bot; Griechenland mußte entsprechend der zunehmenden Volksmenge und ihrer steigenden Bedürfnisse schon sehr frühzeitig über seine Grenzen hinauswachsen durch Gründung von Pflanzstätten. Schon im 8. Jahrhundert hatte das hochstrebende Milet eine befestigte Faktorei am Nil, und im gleichen Zeitraum wurden an der Ostküste des Schwarzen Meeres und in Sizilien die ersten Niederlassungen gegründet; in der Mitte des 7. Jahrhunderts legten Ansiedler von Thera die Stadt Kyrene an der Nordküste Afrikas an. In rascher Folge entsteht ein Kranz vonKolonien, der sich vom äußersten Osten zu den Säulen des Herkules erstreckt.

So bedeutungsvoll die zahlreichen Pflanzstätten für die materielle Kultur wurden, als Stützpunkte des Seehandels, als neu erschlossene Absatzquellen des Gewerbefleißes, wichtiger noch war ihre Rückwirkung auf das politische und Geistesleben des Mutterlandes. Im befruchtenden Wechselverkehr, ja durch einzelne der heimkehrenden Kaufleute, Kolonisten und Abenteurer wurden so manche Kenntnisse von fernen Völkern, manche umgestaltende Anschauungen verbreitet, die sich im harten Kampfe ums Dasein, unter neuen Verhältnissen, unter dem Eindrucke der kritischen Vergleichung fremder Sitten und Staatseinrichtungen und nicht am wenigsten infolge der bunten Rassenkreuzung herausgebildet hatten. Die größere Freiheit im Urteil regte Neuerungen auf allen Gebieten an oder erschütterte doch die engherzigen Traditionen; politisch äußerte sich dies durch den Uebergang des Königtums auf dem Wege der Adelsherrschaft und Tyrannis in Demokratie.

Da der neugewonnene Boden am raschesten Fortschritt gestattete, so erreichte die Kultur gerade an denBrennpunkten des Verkehrsden ersten Höhepunkt. Dies gilt namentlich für dasionischeKleinasien, welches die kommerzielle Verbindung mit Aegypten und dem Orient herstellte. Die aus den verschiedensten griechischen Stämmen zusammengesetzte, mit Karern und Phöniziern gemischte Bevölkerung des kleinasiatischen Küstensaumes stand räumlich der orientalischen Kultur am nächsten durch die Vorländer Lydien und Phrygien, sie empfing babylonische Maße, Gewichte, astronomische Beobachtungsmittel am frühesten und übertrug anderseits wieder griechische Sitte nach dem Osten. InIonienerblühte zuerst das Epos, die elegische Dichtung, die Lyrik, hier nahm durch phrygische Einflüsse die Musik einen bedeutenden Aufschwung, und gleich der Prägung der Münzen, wurde am Berührungspunkte von Orient und Okzident auch im Reich des Gedankens ein neuer Wertmesser geschaffen: dieKritik. Diese reinigte den Mythenkreisvon wucherndem Unkraut (vergleichende Sagenkritik des Hekatäus), eröffnete die rationelle Geschichtschreibung der Logographen und ging bis zu den letzten Quellen des Wissens, zur Lehre von der Erkenntnis.

Die ionischeNaturphilosophie, unter Führung des Thales, in dessen Adern griechisches und phönizisches Blut floß, der babylonische Gestirnkenntnis und ägyptische Geometrie vermittelte, erhob das Panier derfreien Forschunggerade zu rechter Zeit. Denn mit den fremden Kultureinflüssen, mit dem Aufkommen des Bürger- und Bauernstandes in den demokratischen Staaten machten sich Strömungen geltend, welche dem Mystizismus unleugbar zutrieben. Hesiods Theogonie hatte der homerischen Mythologie einen ernsteren, mehr sittlichen Anstrich verliehen und manchen abergläubischen Ueberlieferungen der niederen Stände Geltung verschafft; die zahlreichen künstlerischen Tempelbauten seit dem 7. Jahrhundert hoben unzweifelhaft den religiösen Sinn, auch fanden orientalische Kulte Eingang; der Subjektivismus, welcher in der politischen Stellung des Bürgers, in der Dichtung und darstellenden Kunst immer mehr hervortrat, fühlte lebhafter das metaphysische Bedürfnis nach Göttern, die nicht nur dem Großen, dem Staat oder der Gemeinde zugewandt bleiben, sondern auch der religiösen Inbrunst des einzelnen Individuums zugänglich sind. Opferschau, Sühnopfer, Totenkult nehmen zu; die Orakelsprüche steigen an Ansehen; in der thrazischen Orphik, die im 6. Jahrhundert emporkommt und durch symbolistische Umdeutung der Sagen im Geiste des Ostens Ansätze zu einer Offenbarungstheologie bildet, in orientalischen Kulten mit geheimnisvollen Mysterien, die den Unsterblichkeitsglauben allegorisieren, findet der tiefere religiöse Drang wachsende Befriedigung. Dem Zuge von Osten kommt ein ähnlicher vom Westen entgegen in Form des Pythagoreismus, einer philosophischen Richtung, die mit der mathematisch-physikalischen Weltanschauung die Lehre von der Seelenwanderung, die autochthone und morgenländische Mystik im Zeitalter des Buddha und Zarathustra wundersam zu einem festen Bunde verknüpft. So wurde allenthalben der Keim des Wunderglaubens ausgestreut und auch für Hellas der Grund gelegt zur Zwingburg des freien Gedankens — es fehlte nur an den richtigen Baumeistern!

Daß die ionische und ihre Nachfolgerin, die eleatischePhilosophiemit ihrer auf freiester kosmogonischer Spekulation oder schrankenloser Erkenntniskritik beruhenden Weltanschauung dem wachsenden Mystizismus, den Ansätzen einer Theologie wirksam zu begegnen und dieWissenschaft, alseigene Kulturtätigkeit, mit eigenen Prinzipien und eigener Methode von religiösen Ueberlieferungen frei zu machen vermochte —diese tief einschneidende Cäsur zwischen Orient und Okzident ist darauf zurückzuführen, daß es in Griechenland zur Entwicklung einer organisierten, das gesamtegeistige Leben beherrschenden Priesterkaste nicht gekommen ist. Die griechische Wissenschaft verdankt ihren gewaltigen Vorsprung zum Teil dem glücklichen Umstande, daß die Griechen die Weltanschauung, die hochstehenden Leistungen der babylonisch-ägyptischen Priesterkaste auf dem Gebiete der Mathematik, Geometrie, Astronomie, Naturkunde etc. mit Wahlfreiheit benutzen konnten, ohne die Schranken beachten zu müssen, welche die Herrschaft des Dogmatismus dem fessellosen Fortschritt entgegenstellte; nur so konnten die Widersprüche der zunehmenden Erfahrungserkenntnis mit ehrwürdigen Traditionen offen zu Tage treten, nur so konnten sie auch auf positiv-wissenschaftlichem Wege beseitigt werden.Mangels starrer politischer Konzentrationentstand bei den Hellenen keine Hierarchie — nach Verstaatlichung der Kulte einzelner Geschlechter wurden die Priester staatliche, der Volkswahl unterworfene Funktionäre —, die Religion selbst erwuchs nicht voneinemPunkte aus zum geschlossenen System, sondern durch freien Zusammenschluß der Stammeskulte, ohne unantastbare Dogmatik, ohne allgemein anerkannte geschriebene Urkunde und bildete sich zum größten Teile außerhalb der Priestergeschlechter weiter auf den Schwingen der Kunst und Poesie.

Waren schon die gottesdienstlichen Verrichtungen nicht ausschließlich an einen bestimmten Stand gebunden, so fehlten auch alle Grundbedingungen zur politischen Machtstellung des Priestertums und damit zu seiner Führerrolle auf geistigem Gebiete. Rhapsoden, Dichter, später Philosophen waren Träger der Geisteskultur. Am Ausgang des 6. und im Beginne des 5. Jahrhunderts schien es allerdings, als ob, vorbereitet durch den Mystizismus zahlreicher Wanderpropheten, Weissager und Zeichendeuter, das Orakel von Delphi die Führerschaft der hellenischen Welt erobern werde — schon hoffte der Perserkönig, daß die delphische Priesterschaft ihm in Hellas dieselben politischen Dienste werde leisten können wie die geistliche Autorität in Aegypten und Juda — aber die Schlachten von Salamis und Platää erfochten auch auf geistigem Gebiet die volle Freiheit des Griechentums und verhinderten, daß die Wissenschaft wie im Orient völlig im religiösen Dogmatismus aufging[2].

Von all diesen kulturellen Faktoren wurde am bedeutungsvollsten für den Aufschwung der Medizin: die frühzeitige und dauerndeBerührungmit den älteren Kulturen des Ostens, ohne daß dieser Vorteil auf Kosten der selbständigen Entwicklung erkauft werden mußte (auf solchem Wege kamen Arzneimittel, Heilmethoden und manche theoretischen Grundideen aus Mesopotamien und Aegypten in die griechische Medizin), —der rivalisierende Wetteifer zahlreicher Bildungszentren, in welchen der überpflanzte oder selbst erworbene Erfahrungsstoff mit individueller Eigentümlichkeit verarbeitet wurde, und namentlich —der Mangel einer geschlossenen gelehrten Priesterkaste, welche, wie überall, die Wissenschaft durch Verquickung mit den religiösen Anschauungen zur Stabilität gezwungen hätte. So wird es verständlich, warum die Heilkunst zuerst an der Peripherie von Hellas, besonders an Orten, wo sie an vorgriechische Kulturen angeknüpft werden konnte oder an Brennpunkten des Verkehrs zu jener Denkstufe gelangte, die sie gleicherweise über die Empirie wie über den dogmatischen Formalismus erhob, und warum sich die griechische Medizin so erstaunlich früh vom Tempelkult loszulösen vermochte, um unter Führung der Philosophie, im freiwaltenden Widerstreit empirischer, spekulativer, methodischer Gegensätze Synthesen des medizinischen Wissens gleichsam organisch aufzubauen.

Wo so viel Licht, dort konnte es auch an Schatten nicht fehlen! Die Freiheit mit Maß zu gebrauchen, die Grenzen des Erkennbaren zu erfassen und mit weiser Selbstbeschränkung darüber nicht hinauszustreben — das war nur der Ausnahmsgestalt einesHippokratesgegeben, welcher nicht nur den Dogmatismus einer Kaste, sondern auch das Element willkürlicher Spekulation ausschaltete. Den vorherrschenden Zug empfing die griechische Wissenschaft weniger durch nüchterne Tatsachenforschung und unbefangene Einzelbeobachtung als durch genialeIntuition, welche dem herrschenden Ideal umso näher kam, je weniger ihr vom Staub der Empirie anzuhaften schien. Denn jener Künstlersinn, welcher den Schweiß der Arbeit hinter seinen Schöpfungen verbirgt, belebt im Grunde auch das wissenschaftliche Streben der Griechen. Und ebenso wie die Plastik der Blüteepoche die vollendetstenTypenedler Menschlichkeit,keineswegs aber einzelne Individuendarstellt, so sucht auch der Forscherdrangdas Wesen der Dingemittels plastischer Konzeption zu ergründen, bevor noch eine annähernd genügende Menge kritisch geprüfterEinzelfaktenein grundlegendes Gesetz durchschimmern läßt.

In der sicheren Erwartung, daß aus einer befriedigenden Gesamtansicht von selbst die Kenntnis der Einzelheiten hervorgehen müsse, tragen, im Hinblick auf Mathematik und Astronomie, philosophische Denker intuitiv erfaßte Ideen, aprioristische Prinzipien und späterhin physiologisch-pathologische Verallgemeinerungen als Prämissen in dieMedizin hinein und teilen ihr, die noch lange im Stadium der Empirie zu verharren hatte, vorschnell dieDeduktionals souveräne Methode zu.

Verdanken wir auch der klassischen Antike eine ansehnliche Reihe mustergültiger Heilmethoden, eine erstaunliche Menge von Erfahrungen, eine große Zahl von meisterhaften Krankheitsschilderungen, wurde auch der Untersuchungstechnik die gebührende Aufmerksamkeit nicht versagt; das Hauptziel, das den Gang der griechischen Medizin bestimmt, bildet doch weniger die Erforschung der einzelnen Krankheiten als dieSpekulation über das Wesen der Krankheit. Katastrophenartig, durch den Subjektivismus unterbrochen, nicht in allmählicher ruhiger Evolution verläuft daher ihre Geschichte, mit wechselndem Schauplatze (Hellas,Alexandria,Rom), um schließlich in dem großen SammelbeckenGalenspomphaft zu enden, und wenn auch nicht selten die Unerfahrenheit Mutter der Weisheit ward, viele der herrlichsten Geisteskräfte zersplitterten sich in grotesken Verirrungen, die manche wertvolle Teilwahrheit verdunkelten.

Das große Ziel, das all den Denkern vorschwebte,die hippokratische Kunst in eine systematische Wissenschaft umzuwandeln, schien freilich in dem Monumentalwerke einesGalenerreicht zu sein, und viele Jahrhunderte glaubten, daß die Entwicklung der Medizin in dem großen Arzte von Pergamon schon ihren Schlußpunkt gesetzt habe. Die nagende Zeit mit ihren Fortschritten hat auch diesen Gedankenbau zerbröckelt und nur so viel davon stehen gelassen, als tatsächlich auf Erfahrung, auf wirklich biologischen Kenntnissen beruhte. Alles andere aber, was seine Größe und Schönheit ausmachte, die rationelle Verknüpfung durch philosophische Prinzipien und dialektischen Scharfsinn, die ganze Syllogismentektonik ist dahingeschwunden. Unanfechtbar bleibt immerhin der methodologische Wert!Niewurde erhabener, nie wurde mit dem Aufwand eines größeren Ideenschatzes der indirekte Beweis erbracht, daß gerade die glänzendste spekulative Systematik dem Fortschritt den Weg verbaut, daß die aprioristische Deduktion, soweit sie nicht erfahrungsgemäß rektifizierbar ist, gefährliche medizinische Irrwege eröffnet. Und so bleibt denn die Nachwelt nicht nur wegen der positiven Errungenschaften, sondern auch wegen der Aufdeckung der Fehlerquellen ewige Schuldnerin der Griechen.

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Von der vorhistorischen Heilkunde der Hellenen ist anzunehmen, daß sie aus der indogermanischen Urmedizin hervorgegangen, späterhin den Charakter der Mykenäepoche trug, d. h. aus den benachbarten Kulturländern Drogen und Heilverfahren aufnahm, welche namentlich das seegewaltige Handelsvolk der Phönizier übermittelte. Empirie und Theurgie sind die Elemente, aus denen sich überall die Anfänge zusammensetzen, denn wenn Heilmittel im Stiche lassen, treten Gebete, Besprechung, Opfer und sonstige Kulthandlungen an ihre Stelle. Auch bei den Griechen entfaltet sich die Theurgie allmählich zu einem System von mystischer Tempelmedizin, ohne aber die Entwicklung der Erfahrungsheilkunst zu hemmen oder gar zu überwuchern.

Durch Homer erhalten wir den ersten Einblick in die griechische Medizin. In den zahlreichen Schlachtenbildern findet der Dichter Gelegenheit, Verletzungen der verschiedenen Körperteile realistisch zu schildern und bei deren kunstmäßiger Behandlung (Ausziehen von Pfeil- oder Lanzenspitzen, Blutstillung, Anwendung von schmerzstillenden Arzneien, Verbänden, kräftigenden Heiltränken) zu verweilen. Es sind zwar vornehmlich die tapferen Helden, gleichwie in der Sangeskunst auch in der Heilkunst wohlerfahren, doch gedenkt die Ilias andeutungsweise auch anderer Heilkundiger, welche mit dem Prädikate πολυφαρμάκος ausgezeichnet werden, und die Odyssee kennt sogar bereits Berufsärzte, die man gegen Entgelt, so wie die anderen Demiurgen (die Sänger, Seher und Baumeister) von weither ins Haus ruft. Welches hohe Ansehen die ärztliche Kunst genoß, erhellt aus dem berühmten Verse: ἰητρὸς γὰρ ἀνὴρ πολλῶν ἀντἀξιος ἄλλων = denn ein Arzt wiegt viele andere Männer auf.

Die homerische Heilkunst repräsentiert im wesentlichen noch volkstümliches Wissen und Können. Schärfe der Beobachtung und Klarheit des ursächlichen Denkens geben ihr das charakteristische Gepräge — soweit nicht mythische Erklärungsgründe die breiten Lücken des damaligen Wissens ausfüllen mußten. Letzteres war namentlich bei den spärlich erwähnten inneren Krankheiten der Fall, die vorwiegend auf den Götterzorn zurückgeführt werden (Seuchen, Melancholie). In derhomerischen Chirurgie überrascht die Exaktheit, mit der die Folgen bestimmter Verletzungen vorher erkannt wurden.Die Entfernung der Geschosse wurde, wenn das einfache Ausziehen mit Schwierigkeiten verbunden war, durch Erweiterung der Wunde oder Ausschneiden bewerkstelligt; von chirurgischen Instrumenten ist bloß das gewöhnliche Messer genannt; die schmerzstillenden Substanzen, z. B. Wurzeln, streute man entweder in Pulverform auf oder wendete sie in Form von Umschlägen an; als Stärkungsmittel diente für die Verwundeten eine Mischung von Pramnischem Wein mit Zwiebeln, Honig, geschabtem Ziegenkäse und Mehl. — Die anatomischen Kenntnisse des homerischen Zeitalters — die Nomenklatur zählt 150 Worte — beruhten nebst der Opferschau (in ältester Zeit auch Menschenopfer) zum großen Teile auf den Beobachtungen bei der Pflege Verwundeter (namentlich solcher mit Frakturen, Verrenkungen etc.); ebenso war es ein allerdings unvollkommener Erfahrungsschluß, wenn man das Leben, den Lebensgeist (θυμὸς, ψυχὴ) als Hauch auffaßte und in das Zwerchfell (φρὲνες) verlegte, dessen Verletzung als tödlich erkannt wurde. — Als Heilkundige erscheinen in den homerischen Gesängen vor allem die tapferen Helden, welche sich gegenseitig Hilfe leisten:Achilleus, der seine Kunst dem weisen Kentauren Cheiron verdankt,Patroklos,Nestor, namentlich aberMachaonundPodaleirios, die beiden Söhne desthessalischenFürsten Asklepios; neben ihnen sind auch Frauen erfahren in der Heilkunde, wie in der Krankenpflege: die Zauberin Kirke, die Kräuterkennerin Agamede und Helene, welche bezeichnenderweise derAegypterinPolydamna so manches Arzneimittel verdankt, besonders das φάρμακον νηπένθες, den Heiltrank, der jedes Leid vergessen macht (wahrscheinlichOpium). —Nicht zu übersehen ist es, daß Homer mit seinem übrigen Bildungsschatz auch das hoch entwickelte volkstümliche medizinische Wissen allen späteren Zeiten übermittelte!

Die homerische Heilkunst repräsentiert im wesentlichen noch volkstümliches Wissen und Können. Schärfe der Beobachtung und Klarheit des ursächlichen Denkens geben ihr das charakteristische Gepräge — soweit nicht mythische Erklärungsgründe die breiten Lücken des damaligen Wissens ausfüllen mußten. Letzteres war namentlich bei den spärlich erwähnten inneren Krankheiten der Fall, die vorwiegend auf den Götterzorn zurückgeführt werden (Seuchen, Melancholie). In derhomerischen Chirurgie überrascht die Exaktheit, mit der die Folgen bestimmter Verletzungen vorher erkannt wurden.

Die Entfernung der Geschosse wurde, wenn das einfache Ausziehen mit Schwierigkeiten verbunden war, durch Erweiterung der Wunde oder Ausschneiden bewerkstelligt; von chirurgischen Instrumenten ist bloß das gewöhnliche Messer genannt; die schmerzstillenden Substanzen, z. B. Wurzeln, streute man entweder in Pulverform auf oder wendete sie in Form von Umschlägen an; als Stärkungsmittel diente für die Verwundeten eine Mischung von Pramnischem Wein mit Zwiebeln, Honig, geschabtem Ziegenkäse und Mehl. — Die anatomischen Kenntnisse des homerischen Zeitalters — die Nomenklatur zählt 150 Worte — beruhten nebst der Opferschau (in ältester Zeit auch Menschenopfer) zum großen Teile auf den Beobachtungen bei der Pflege Verwundeter (namentlich solcher mit Frakturen, Verrenkungen etc.); ebenso war es ein allerdings unvollkommener Erfahrungsschluß, wenn man das Leben, den Lebensgeist (θυμὸς, ψυχὴ) als Hauch auffaßte und in das Zwerchfell (φρὲνες) verlegte, dessen Verletzung als tödlich erkannt wurde. — Als Heilkundige erscheinen in den homerischen Gesängen vor allem die tapferen Helden, welche sich gegenseitig Hilfe leisten:Achilleus, der seine Kunst dem weisen Kentauren Cheiron verdankt,Patroklos,Nestor, namentlich aberMachaonundPodaleirios, die beiden Söhne desthessalischenFürsten Asklepios; neben ihnen sind auch Frauen erfahren in der Heilkunde, wie in der Krankenpflege: die Zauberin Kirke, die Kräuterkennerin Agamede und Helene, welche bezeichnenderweise derAegypterinPolydamna so manches Arzneimittel verdankt, besonders das φάρμακον νηπένθες, den Heiltrank, der jedes Leid vergessen macht (wahrscheinlichOpium). —Nicht zu übersehen ist es, daß Homer mit seinem übrigen Bildungsschatz auch das hoch entwickelte volkstümliche medizinische Wissen allen späteren Zeiten übermittelte!

Es bildet eine überraschende Tatsache, daß in der Ilias zwar vom Zorn des Pest sendenden Apollon, von Entsühnung die Rede ist, keineswegs aber ein Heilverfahren mit abergläubischen Sprüchen oder Beschwörungen verbunden wird, — selbst der Götterarzt Paieon heilt nur mit Balsam die Wunde des Ares; erst in dem jüngeren Heldengedicht, in der Odyssee, welche einer schon vorgerückteren Kulturepoche entspricht und die Anfänge des städtischen Lebens schildert, kommt die Besprechung (ἐπῳδαί) als Hilfsmittel bei der Wundbehandlung vor (Episode von der Eberjagd auf dem Parnaß).Dies zeigt schlagend, daß der Mystizismus, als erste Form der Theoriebildung, der Empirie im historischen Werdegang erst nachfolgt und anfangs gerade mit dem Aufschwung der Kultur zunimmt.

Blickt man durch den Schleier hindurch, so bergen auch die meisten griechischen Mythen, soweit sie auf Medizin Bezug nehmen, einen ganz rationellenempirischenInhalt, der nur phantastisch verhüllt ist. Der sagenhafte Melampus heilt z. B. den impotenten Iphiklus mit Eisenrost, die drei wahnsinnigen Töchter des Proetus mit Nieswurz, Bädern, Bewegung; des Herakles Hautleiden wird durch Schwefelbäder vertrieben, des Minos ansteckende venerische Krankheit wird durch ein Ziegenblasenkondom unschädlich gemacht u. s. w. Die Unwissenheit erkennt nicht den Zusammenhang der einfachen, nüchternen Tatsachen, glaubt vielmehr inNebenumständendie Ursachen des „Wunders“ zu erblicken und stattet dieselben phantastisch aus.

Blickt man durch den Schleier hindurch, so bergen auch die meisten griechischen Mythen, soweit sie auf Medizin Bezug nehmen, einen ganz rationellenempirischenInhalt, der nur phantastisch verhüllt ist. Der sagenhafte Melampus heilt z. B. den impotenten Iphiklus mit Eisenrost, die drei wahnsinnigen Töchter des Proetus mit Nieswurz, Bädern, Bewegung; des Herakles Hautleiden wird durch Schwefelbäder vertrieben, des Minos ansteckende venerische Krankheit wird durch ein Ziegenblasenkondom unschädlich gemacht u. s. w. Die Unwissenheit erkennt nicht den Zusammenhang der einfachen, nüchternen Tatsachen, glaubt vielmehr inNebenumständendie Ursachen des „Wunders“ zu erblicken und stattet dieselben phantastisch aus.

Deshalb finden in der nachhomerischen Literatur, von Hesiod angefangen, immer häufiger abergläubische Heilgebräuche, Besprechungen, Amulette, heilbringende Träume, krankmachende Dämonen u. s. w. Erwähnung, um sich besonders in der Orphik des 6. Jahrhunderts mit ihrer Beobachtung der Vorzeichen, peinlichen Tagwählerei und mystischen Formeln zu einem ganzen System zu vereinigen. Diese Zunahme des Mystizismus erklärt sich freilich aus den wachsenden Einflüssen des Orients und aus dem Aufkommen der religiösen Anschauungen der niederen Volksschichten: Dämonenglaube und Zauber mit Kräutern, Steinen, Worten (ephesische Buchstaben), Amulette (zum Teil Reste vorgriechischer Fetische), die den bösen Blick und Krankheiten bannen, Zauberringe gegen Schlangenbiß etc. sind Projektionen dieser Denkrichtung, welche bis ins Zeitalter des Peloponnesischen Krieges fortdauerte.

Unter den verschiedenen Formen, in welchen die Mystik zu Tage trat, nehmen dieTraumorakeldie erste Stelle ein; sie befanden sich zumeist in solchen Gegenden, wo die Götter durch auffallende Naturerscheinungen ihre Macht vor Augen führten, z. B. in der Nähe von Höhlen mit schädlichen, betäubenden Ausdünstungen, auf Inseln, die häufig von Erdbeben betroffen wurden, in der Umgebung von heißen Quellen u. s. w. Manche dieser Orakel erlangten auch Bedeutung im medizinischen Sinne, insofern die Gottheit durch Traumoffenbarung Heilung gewährte, wie dasPlutonischeHeiligtum bei Acharaka in Lydien, wo die Priester auch statt der Kranken träumten, die Wundergrotte desTrophoniuszu Lebadea in Böotien, namentlich aber das uralte Traumorakel des chthonischen GottesAmphiaraoszu Oropos, bei dessen Besuch sich die Kranken 3 Tage des Weines und 24 Stunden aller Speisen enthalten mußten. Nahe bei dem letztgenannten Heiligtum befand sich eine Quelle, welche zu Reinigungen oder Opfern nur dann benutzt werden durfte, wenn jemand durch einen Orakelspruch geheilt wurde; in diesem Falle war es üblich, eine silberne oder goldene Münze in das heilige Wasser zu werfen und dem Gotte Nachbildungen der geheilten Körperteile als Votivgaben zu weihen.

Die genannten und andere Kultstätten wurden aber nurnebenbei, keineswegs ausschließlich, von Kranken aufgesucht, so wie man sich auch mit Gebeten um Heilung an jeden der Hauptgötter, namentlich anApollo,ArtemisundAthenewenden durfte. Erst in nachhomerischer Zeit entstand der Kult eines besonderen Heilgottes, dem keine andere Funktion oblag, als Krankheiten zu heilen und die Gesundheit zu erhalten, nämlich der Kult desAsklepios(Σωτήρ, Ἰατρός, Ὄρθιος, Παιἀν), dessenTempel die wichtigste, späterhin die einzige Stätte der theurgischen Medizin bildeten und sich solchen Ansehens erfreuten, daß sie sogar den Sturz der Olympier überdauern konnten.

Wie die gesamte Mythologie der Griechen trotz der systemisierenden Weisheit Hesiods in stetem Flusse begriffen ist und in ihrem fortwährenden Ausbau den historischen Zusammenschluß der Stämme, die Aufnahme fremder Kulturelemente deutlich widerspiegelt, so zeigt auch der Glaube an Heilgottheiten und sein Kult ein beständiges Werden, immer weitere Ausgestaltung. Die medizinische Mythologie läuft auch zur feineren Krankheitsunterscheidung und differenzierenden Berufsteilung parallel. In der ältesten Zeit wird ohne UnterschiedallenGöttern die Macht zu heilen, die Krankheiten oder den Tod zu senden zugeschrieben. Erst später treten einzelne Gottheiten in nähere Beziehung zu Heilkunde oder nur zu bestimmten, scharfumgrenzten Teilen derselben. Unter diesen ragen die drei obersten Heilgötter Τρισσοἰ ἀλεξἱμοροι hervor:Apollon, Erfinder der Heilkunst, aber auch durch ferntreffende Geschosse (Sonnenstrahlen) Seuchen und Tod bringend, frühzeitig mit dem Götterarzt Paieon identifiziert,Artemisals Schützerin der Frauen und Kinder, späterhin auch mit der dem Orient entstammenden Geburtsgöttin Eileithya zusammengeworfen, und PallasAthene, die Heilende (Hygieia), unter dem Namen ὀφθαλμιτις als Schützerin des Augenlichts verehrt. Neben ihnen sind besonders bemerkenswert: Aphrodite (Geschlechtsleben), Poseidon, in beschränkterem Sinne auch Hekate, Pan, Dionysos, Persephone u. a. An bestimmte Orte geknüpft oder nur von gewissen Ständen gepflegt, war die Verehrung des Herakles (Schutzgott der Athleten), des Hektor (in Theben), der Helene (Geburtsgöttin der Lakedämonierinnen), des Amphiaraos (Rhamnos und Oropos), des Aristomachos (Marathon), des Polydamas (Olympia), des heroisierten Skythen Toxaris (Athen), des Amynos (Athen), der Heroen im allgemeinen. — Auf fremde Kultureinflüsse weisen wahrscheinlich zum Teile die sagenhaften Gestalten der Medeia, Gattin des Jason aus dem giftreichen Kolchis, des „hyperboreischen“ Olen, des thrakischen Orpheus (mit seinem Schüler Musäus) und des Zamolxis, des Abaris, des nordischen Aristeas, der Skythen Toxaris und Anacharsis (vielleicht Apotheosen historischer Personen). Als Hauptgründer der Heilkunst galt der „gerechteste“ aller Kentauren, der thessalische Cheiron, der Lehrer der vornehmsten hellenischen Helden in der Jagdkunst und Arzneikunst. (Pflanzennamen Chironium und Centaurea; Chironisches Geschwür!) Schüler des Cheiron war nach der herkömmlichen Darstellung auch der zum Heilgott erhobene Sohn Apollons:Asklepios.DieAsklepiosmythezeigt eine außerordentliche Vielgestaltigkeit, welche sich nicht nur durch raffinierte Priesterfabeln zu Gunsten bestimmter Heiligtümer, sondern auch als natürliches Produkt jahrhundertelanger Sagenwanderung entwickelte; fortwährende Zutaten haben sich zu einem dichten Schleier verwoben, durch den schon zur Zeit eines Strabon oder Cicero nur schwer hindurchzublicken war. Wahrscheinlich ist Asklepios ursprünglich ein chthonischer Stammesgott (Erddämon) Thessaliens, der gleich anderen Lokalgottheiten (wie z. B. Herakles) beim Zusammenschluß der Mythen zur griechischen Gesamtreligion zunächst nur als Heros verehrt wurde — bei Homer, Hesiod und Pindar ist er noch nicht als Gott bezeichnet, — um dann mit zunehmender Kultverbreitung und entsprechend der universellen Bedeutung der ärztlichen Wundertaten von neuem zum Rang einer Gottheit als Sohn Apollons aufzusteigen (ähnlich wie der ägyptische Imhotep [Imuthes] vom Sondergott zum Sohne des Ptah avanciert). Auf denchthonischen Ursprungweisen das Attribut derSchlangeund das mit seinen Tempeln verknüpfteTraumorakel. In der Sage über Geburt und Verwandtschaft, Leben und Taten des Asklepios, sowie in seinem, mit orientalischem Mystizismus verbrämten Kult sind ganz disparate Elemente vereinigt, einerseits Anknüpfungen an den phönizischen Heilgott Eshmun, anderseits phantastisch aufgeputzte Reminiszenzen an wirkliche Personen, endlich Allegorien der ärztlichen Kunst und der Naturheilkräfte. Nach der ältesten Darstellung gelten als Eltern des Asklepios Ischys, der Elatide, und Koronis, die Tochter des Herakliden Phlegyas. Bei Homer wird er als schlichter Heros genannt, als thessalischer König und Vater der heilkundigen HeldenMachaonundPodaleirios, welche an der Spitze der Streiter von Ithome, Trikka und Oichalia vor Troja zogen. Die spätere Sage erhebt dagegen Asklepios zum Halbgott. Sein Vater ist Apollon, welcher ihn entweder selbst mit der Heilkunst vertraut macht oder aber auf dem Berge Pelion durch den Kentauren Cheiron darin unterweisen läßt. Bezüglich des Namens der gottgeschwängerten Mutter und der Geburt entstanden zugleich mit der Wanderung des Asklepioskultes nach der Peloponnesos verschiedene Versionen. Bald wird Koronis als Mutter genannt, bald Arsinoë, die Tochter des Inachus (in Arkadien), bald Arsinoë, die Tochter des Leukippos (in Messenien). Die einen erzählen, Apollon selbst oder Hermes habe den Asklepios aus dem Leib der toten Mutter herausgeschnitten, andere wieder berichten, Koronis habe heimlich den Neugeborenen auf einem Berge bei Epidauros ausgesetzt (eine der auf dem Berge weidenden Ziegen gab dem Kinde Milch, und der Hund, der die Herde schützte, bewachte es).An der Verschiedenheit der Erzählung haben die Priester den Hauptanteil, da es in ihrem Interesse lag, die Kultstätten mit der Geburtssage des Heilgotts in Zusammenhang zu bringen. (Die Hauptredaktion erfolgte in Epidaurus, welches seit dem 5. Jahrhundert die Oberherrschaft über alle anderen Asklepiostempel an sich riß.) Asklepios soll eine Reihe von wunderbaren Kuren (z. B. Blindenheilungen) vollzogen und zuerst die therapeutische Anwendung der Musik und Gymnastik (spätere Zutat der Mythe!) in die Medizin eingeführt haben. Hauptsächlich bestand seine Therapie in chirurgischen Eingriffen, Pflanzenmitteln, Bädern, Einreibungen und Theurgie. Wegen der häufigen Todeserweckungen, worüber Pluton Klage führte, wurde er von Zeus mit dem strafenden Blitzstrahl getötet; nach anderer Ueberlieferung zog er sich den Groll des Götterkönigs wegen seiner Gier nach Gold (Bezahlung der ärztlichen Hilfe) zu oder starb eines natürlichen Todes. Je nach Geburt, Leistungen und Tod unterschied schon Cicero drei verschiedene Aeskulape. Nach seinem Tode wurde Asklepios in den Olymp erhoben oder als Schlangenträger unter die Sterne versetzt. In seinen Tempeln waren neben seiner (Zeus ähnlichen) Bildsäule stets mehrere andere Statuen anzutreffen, die sich als Verkörperung von Heilfaktoren, wie Wärme, Luft, Licht etc., erweisen. Schon die Namen der Gattinnen und Kinder des Asklepios deuten auf stilisierte Mythe. Als Gattin erscheint neben Xanthe Lampetie oder Epione; als Kinder werden erwähnt: Hygieia, Euamerion, Aigle, Panakeia, Jaso, Akeso, Janiskos, Telesphoros (Knabengestalt mit Kapuze; wahrscheinlich orientalische Entlehnung oder identisch mit dem ägyptischen Harpokrates) neben den homerischen Helden Machaon und Podaleirios. In der Aethiopis des Dichters Arktinos giltMachaonalsChirurg,PodaleiriosalsVertreter der inneren Medizin, mit der Fähigkeit: „Unsichtbares zu kennen und Unheilbares zu heilen“. Beide (vielleicht historische Personen) verbreiteten den Kult des Asklepios; Machaon im Peloponnes, Podaleirios in Kleinasien. Neben den in der Asklepiosmythe vorkommenden Tieren: Schlange, Hund, Ziege, werden als Attribute des Gottes erwähnt oder bei Darstellungen (Standbilder und Münzen) am häufigsten benützt: Stab(Schlangenstab) und Lorbeerkranz. Mit Vorliebe wurden ihm Hähne oder Hennen geopfert.Das älteste Heiligtum desAsklepiosbestand im thessalischenTrikka; dieses, sowie die Tempel inEpidaurosundKos(in viel späterer ZeitPergamon) waren die besuchtesten. Der Kult des jungen Gottes —erst 420 v. Chr. (durch den Dichter Sophokles) in Athen eingeführt, wo früher allein Amynos als Heilgott verehrt wurde — wanderte ziemlich rasch über ganz Hellas, vorwiegend unter Leitung der Priesterschaft von Epidauros, welche bei neuen Tempelgründungen die Schlange, das Symbol des Gottes, des Heilenden, verschickte; ungiftige, gezähmte und abgerichtete Schlangen wurden in den meisten Heiligtümern gehalten und oft zu allerlei Gaukeleien verwendet. (Hinsichtlich der Frage des ägyptischen Ursprungs des Asklepiosdienstes ist daran zu erinnern, daß die Schlange, der Wurm, in der ägyptischen Krankheitsauffassung eine Hauptrolle spielte.) Als Kultstätten kommen neben den schon erwähnten noch in Betracht: Titane (die älteste im Peloponnes), Gerenia, Argos, Pharai, Messene, Leuktra, Sparte, Epidauros — Limera, Tithorea, Acharnai, Peiraieus, Eleusis, Sikyon, Kyrene, Balagrai, Rhodos, Thasos, Melos, Paros, Kalymna, Knidos, Syrna, Samos; auf italischem Boden: Kroton, Tarent, Rom (auf der Tiberinsel 293 v. Chr. errichtet) u. a.

Wie die gesamte Mythologie der Griechen trotz der systemisierenden Weisheit Hesiods in stetem Flusse begriffen ist und in ihrem fortwährenden Ausbau den historischen Zusammenschluß der Stämme, die Aufnahme fremder Kulturelemente deutlich widerspiegelt, so zeigt auch der Glaube an Heilgottheiten und sein Kult ein beständiges Werden, immer weitere Ausgestaltung. Die medizinische Mythologie läuft auch zur feineren Krankheitsunterscheidung und differenzierenden Berufsteilung parallel. In der ältesten Zeit wird ohne UnterschiedallenGöttern die Macht zu heilen, die Krankheiten oder den Tod zu senden zugeschrieben. Erst später treten einzelne Gottheiten in nähere Beziehung zu Heilkunde oder nur zu bestimmten, scharfumgrenzten Teilen derselben. Unter diesen ragen die drei obersten Heilgötter Τρισσοἰ ἀλεξἱμοροι hervor:Apollon, Erfinder der Heilkunst, aber auch durch ferntreffende Geschosse (Sonnenstrahlen) Seuchen und Tod bringend, frühzeitig mit dem Götterarzt Paieon identifiziert,Artemisals Schützerin der Frauen und Kinder, späterhin auch mit der dem Orient entstammenden Geburtsgöttin Eileithya zusammengeworfen, und PallasAthene, die Heilende (Hygieia), unter dem Namen ὀφθαλμιτις als Schützerin des Augenlichts verehrt. Neben ihnen sind besonders bemerkenswert: Aphrodite (Geschlechtsleben), Poseidon, in beschränkterem Sinne auch Hekate, Pan, Dionysos, Persephone u. a. An bestimmte Orte geknüpft oder nur von gewissen Ständen gepflegt, war die Verehrung des Herakles (Schutzgott der Athleten), des Hektor (in Theben), der Helene (Geburtsgöttin der Lakedämonierinnen), des Amphiaraos (Rhamnos und Oropos), des Aristomachos (Marathon), des Polydamas (Olympia), des heroisierten Skythen Toxaris (Athen), des Amynos (Athen), der Heroen im allgemeinen. — Auf fremde Kultureinflüsse weisen wahrscheinlich zum Teile die sagenhaften Gestalten der Medeia, Gattin des Jason aus dem giftreichen Kolchis, des „hyperboreischen“ Olen, des thrakischen Orpheus (mit seinem Schüler Musäus) und des Zamolxis, des Abaris, des nordischen Aristeas, der Skythen Toxaris und Anacharsis (vielleicht Apotheosen historischer Personen). Als Hauptgründer der Heilkunst galt der „gerechteste“ aller Kentauren, der thessalische Cheiron, der Lehrer der vornehmsten hellenischen Helden in der Jagdkunst und Arzneikunst. (Pflanzennamen Chironium und Centaurea; Chironisches Geschwür!) Schüler des Cheiron war nach der herkömmlichen Darstellung auch der zum Heilgott erhobene Sohn Apollons:Asklepios.

DieAsklepiosmythezeigt eine außerordentliche Vielgestaltigkeit, welche sich nicht nur durch raffinierte Priesterfabeln zu Gunsten bestimmter Heiligtümer, sondern auch als natürliches Produkt jahrhundertelanger Sagenwanderung entwickelte; fortwährende Zutaten haben sich zu einem dichten Schleier verwoben, durch den schon zur Zeit eines Strabon oder Cicero nur schwer hindurchzublicken war. Wahrscheinlich ist Asklepios ursprünglich ein chthonischer Stammesgott (Erddämon) Thessaliens, der gleich anderen Lokalgottheiten (wie z. B. Herakles) beim Zusammenschluß der Mythen zur griechischen Gesamtreligion zunächst nur als Heros verehrt wurde — bei Homer, Hesiod und Pindar ist er noch nicht als Gott bezeichnet, — um dann mit zunehmender Kultverbreitung und entsprechend der universellen Bedeutung der ärztlichen Wundertaten von neuem zum Rang einer Gottheit als Sohn Apollons aufzusteigen (ähnlich wie der ägyptische Imhotep [Imuthes] vom Sondergott zum Sohne des Ptah avanciert). Auf denchthonischen Ursprungweisen das Attribut derSchlangeund das mit seinen Tempeln verknüpfteTraumorakel. In der Sage über Geburt und Verwandtschaft, Leben und Taten des Asklepios, sowie in seinem, mit orientalischem Mystizismus verbrämten Kult sind ganz disparate Elemente vereinigt, einerseits Anknüpfungen an den phönizischen Heilgott Eshmun, anderseits phantastisch aufgeputzte Reminiszenzen an wirkliche Personen, endlich Allegorien der ärztlichen Kunst und der Naturheilkräfte. Nach der ältesten Darstellung gelten als Eltern des Asklepios Ischys, der Elatide, und Koronis, die Tochter des Herakliden Phlegyas. Bei Homer wird er als schlichter Heros genannt, als thessalischer König und Vater der heilkundigen HeldenMachaonundPodaleirios, welche an der Spitze der Streiter von Ithome, Trikka und Oichalia vor Troja zogen. Die spätere Sage erhebt dagegen Asklepios zum Halbgott. Sein Vater ist Apollon, welcher ihn entweder selbst mit der Heilkunst vertraut macht oder aber auf dem Berge Pelion durch den Kentauren Cheiron darin unterweisen läßt. Bezüglich des Namens der gottgeschwängerten Mutter und der Geburt entstanden zugleich mit der Wanderung des Asklepioskultes nach der Peloponnesos verschiedene Versionen. Bald wird Koronis als Mutter genannt, bald Arsinoë, die Tochter des Inachus (in Arkadien), bald Arsinoë, die Tochter des Leukippos (in Messenien). Die einen erzählen, Apollon selbst oder Hermes habe den Asklepios aus dem Leib der toten Mutter herausgeschnitten, andere wieder berichten, Koronis habe heimlich den Neugeborenen auf einem Berge bei Epidauros ausgesetzt (eine der auf dem Berge weidenden Ziegen gab dem Kinde Milch, und der Hund, der die Herde schützte, bewachte es).

An der Verschiedenheit der Erzählung haben die Priester den Hauptanteil, da es in ihrem Interesse lag, die Kultstätten mit der Geburtssage des Heilgotts in Zusammenhang zu bringen. (Die Hauptredaktion erfolgte in Epidaurus, welches seit dem 5. Jahrhundert die Oberherrschaft über alle anderen Asklepiostempel an sich riß.) Asklepios soll eine Reihe von wunderbaren Kuren (z. B. Blindenheilungen) vollzogen und zuerst die therapeutische Anwendung der Musik und Gymnastik (spätere Zutat der Mythe!) in die Medizin eingeführt haben. Hauptsächlich bestand seine Therapie in chirurgischen Eingriffen, Pflanzenmitteln, Bädern, Einreibungen und Theurgie. Wegen der häufigen Todeserweckungen, worüber Pluton Klage führte, wurde er von Zeus mit dem strafenden Blitzstrahl getötet; nach anderer Ueberlieferung zog er sich den Groll des Götterkönigs wegen seiner Gier nach Gold (Bezahlung der ärztlichen Hilfe) zu oder starb eines natürlichen Todes. Je nach Geburt, Leistungen und Tod unterschied schon Cicero drei verschiedene Aeskulape. Nach seinem Tode wurde Asklepios in den Olymp erhoben oder als Schlangenträger unter die Sterne versetzt. In seinen Tempeln waren neben seiner (Zeus ähnlichen) Bildsäule stets mehrere andere Statuen anzutreffen, die sich als Verkörperung von Heilfaktoren, wie Wärme, Luft, Licht etc., erweisen. Schon die Namen der Gattinnen und Kinder des Asklepios deuten auf stilisierte Mythe. Als Gattin erscheint neben Xanthe Lampetie oder Epione; als Kinder werden erwähnt: Hygieia, Euamerion, Aigle, Panakeia, Jaso, Akeso, Janiskos, Telesphoros (Knabengestalt mit Kapuze; wahrscheinlich orientalische Entlehnung oder identisch mit dem ägyptischen Harpokrates) neben den homerischen Helden Machaon und Podaleirios. In der Aethiopis des Dichters Arktinos giltMachaonalsChirurg,PodaleiriosalsVertreter der inneren Medizin, mit der Fähigkeit: „Unsichtbares zu kennen und Unheilbares zu heilen“. Beide (vielleicht historische Personen) verbreiteten den Kult des Asklepios; Machaon im Peloponnes, Podaleirios in Kleinasien. Neben den in der Asklepiosmythe vorkommenden Tieren: Schlange, Hund, Ziege, werden als Attribute des Gottes erwähnt oder bei Darstellungen (Standbilder und Münzen) am häufigsten benützt: Stab(Schlangenstab) und Lorbeerkranz. Mit Vorliebe wurden ihm Hähne oder Hennen geopfert.

Das älteste Heiligtum desAsklepiosbestand im thessalischenTrikka; dieses, sowie die Tempel inEpidaurosundKos(in viel späterer ZeitPergamon) waren die besuchtesten. Der Kult des jungen Gottes —erst 420 v. Chr. (durch den Dichter Sophokles) in Athen eingeführt, wo früher allein Amynos als Heilgott verehrt wurde — wanderte ziemlich rasch über ganz Hellas, vorwiegend unter Leitung der Priesterschaft von Epidauros, welche bei neuen Tempelgründungen die Schlange, das Symbol des Gottes, des Heilenden, verschickte; ungiftige, gezähmte und abgerichtete Schlangen wurden in den meisten Heiligtümern gehalten und oft zu allerlei Gaukeleien verwendet. (Hinsichtlich der Frage des ägyptischen Ursprungs des Asklepiosdienstes ist daran zu erinnern, daß die Schlange, der Wurm, in der ägyptischen Krankheitsauffassung eine Hauptrolle spielte.) Als Kultstätten kommen neben den schon erwähnten noch in Betracht: Titane (die älteste im Peloponnes), Gerenia, Argos, Pharai, Messene, Leuktra, Sparte, Epidauros — Limera, Tithorea, Acharnai, Peiraieus, Eleusis, Sikyon, Kyrene, Balagrai, Rhodos, Thasos, Melos, Paros, Kalymna, Knidos, Syrna, Samos; auf italischem Boden: Kroton, Tarent, Rom (auf der Tiberinsel 293 v. Chr. errichtet) u. a.

Der Asklepioskult fand bemerkenswerterweise seine Stätte in solchen Gegenden, welche mit ihren klimatischen und hygienischen Vorzügen den Charakter von Luftkurorten besaßen. Der Aufenthalt in den Gnadenorten, die sich auf Bergen oder Hügeln, in der windgeschützten Nähe von Wäldern, an Flüssen oder Quellen befanden, bot die geeignetste Grundlage für die Heilung; wohlschmeckendes Trinkwasser stand zur Verfügung. Die erquickende Luft verfehlte nicht ihre Wirkung, wohlgepflegte Gärten in der Umgebung des Heiligtums erheiterten das Gemüt, prachtvolle Aussicht in die Ferne erfüllte die bekümmerten Herzen mit neuer Hoffnung auf Genesung. Manche der Asklepieien dankten ihren großen Ruf auch dem Besitz von Mineralquellen oder Thermen. An schlichte Altäre, die ursprünglich bei heiligen Brunnen (z.B.Burinnaquelle auf Kos), in der Nähe heilspendender Quellen errichtet wurden, schlossen sich später prächtige Tempelbauten, Anlagen für Festspiele, Gymnasien (Ringschulen), in denen chronische Leiden durch Leibesbewegung, Bäder, Salben behandelt wurden, und, wie die Ausgrabungen zeigen, auch Wohnräume (Krankenzimmer) für Patienten. Strenge Vorschriften hygienischen Inhaltes wachten darüber, daß die gesundheitsförderlichen Zustände intakt erhalten blieben und bereiteten die frommen Pilger für die mystische Kur durch Regelung der Lebensweise in rationeller Weise vor. Unreinen und Ungeweihten war der Zutritt zum Heiligtum unmöglich gemacht, Gebärende, moribunde Personen wurden ferngehalten, kein Toter durfte im Gebiete des heiligen Bezirks bestattet werden, für Unterkunft und Verpflegung der Kranken sorgten Herbergen und Kosthäuser in der Nähe des Tempels. Die Hilfesuchenden mußten sich einer sorgfältigen Reinigung unterziehen, imMeere, im Flusse oder in der Quelle baden, eine vorgeschriebene Zeit hindurch fasten, sich vom Wein oder gewissen Speisen enthalten und durften den Tempel erst betreten, wenn sie durch Waschungen, Einreibungen, Räucherungen etc. genügend vorbereitet waren. An diese mehrtägige, teils diätetisch, teils suggestiv und ermüdend wirkende Vorkur reihten sich Gebete, Opfer, fromme Gesänge, ein durch Symbole die Phantasie tief ergreifender Gottesdienst mit feierlichem Gepränge — Eindrücke, die noch vertieft wurden durch den Anblick kostbarer Weihgeschenke der Genesenen, durch die Erzählungen der ehrfurchtgebietenden Priester, welche den Kranken die Inschriften in den Tempelhallen erklärten und durch Hinweis auf die zahlreichen Wundertaten die frohesten Hoffnungen zu erregen verstanden.

So vorbereitet, in die höchste Spannung versetzt, verbrachten die Pilger sodann eine oder mehrere Nächte im Hieron, zu Füßen der Statue des mildstrengen Asklepios, in Erwartung der heilbringenden, vom Gotte inspirierten Träume, in denen die mächtig erregte Phantasie die ungewohnten Eindrücke der letztverlebten Tage seltsam verwob. Denn wie im Amphiaraion, so wurde auch in den Asklepieien den Kranken die göttliche Hilfe oder die Offenbarung von wunderbaren Heilmitteln im Traume zu teil während desTempelschlafes(ἐγκοίμησις, lateinisch incubatio).

Aus Inschriften des Tempels zu Epidauros (welche mit der burlesken Darstellung des Dichters Aristophanes in seinem Lustspiel Plutos übereinstimmen) ist zu schließen, daß in älterer Zeit der Gott direkte Heilung spendete, d. h. daß der Priester Nachts in der Maske des Gottes (begleitet von den Priesterinnen, die als Hygieia, Jaso, Panakeia figurierten) erschien und, wahrscheinlich unterstützt von den ursprünglich mit der Priesterschaft wohl zusammenhängenden angeblichen Nachkommen des Asklepios (denAsklepiaden, ὑιοί τοῦ θεοῦ) wirkliche Kuren vollzog, die den schlaftrunkenen oder halbschlafenden Kranken nur erträumt zu sein schienen (Verbinden, Auftragen von Salben, Verabfolgung oder Eingeben von Arzneien, mündlich formulierte Ordinationen). In späterer Zeit dagegen beschränkte sich Asklepios, ohne selbst manuell einzugreifen, darauf, den Inkubanten oder deren Stellvertretern (denn auch solche waren zulässig) nur Weisungen und Vorschriften im Traume zu erteilen, bisweilen deutlich, oft nur symbolisch. Die Asklepiaden, von der Priesterschaft oder mindestens vom Mystizismus derselben losgelöst, haben an dem Tempelspuke in dieser Periode keinen Anteil mehr, sie sind selbständige Aerzte geworden, welche nebenbei höchstens die inspirierten Ratschläge des Gottes auf Wunsch der Kranken zur tatsächlichen Ausführung bringen.

Aus Inschriften des Tempels zu Epidauros (welche mit der burlesken Darstellung des Dichters Aristophanes in seinem Lustspiel Plutos übereinstimmen) ist zu schließen, daß in älterer Zeit der Gott direkte Heilung spendete, d. h. daß der Priester Nachts in der Maske des Gottes (begleitet von den Priesterinnen, die als Hygieia, Jaso, Panakeia figurierten) erschien und, wahrscheinlich unterstützt von den ursprünglich mit der Priesterschaft wohl zusammenhängenden angeblichen Nachkommen des Asklepios (denAsklepiaden, ὑιοί τοῦ θεοῦ) wirkliche Kuren vollzog, die den schlaftrunkenen oder halbschlafenden Kranken nur erträumt zu sein schienen (Verbinden, Auftragen von Salben, Verabfolgung oder Eingeben von Arzneien, mündlich formulierte Ordinationen). In späterer Zeit dagegen beschränkte sich Asklepios, ohne selbst manuell einzugreifen, darauf, den Inkubanten oder deren Stellvertretern (denn auch solche waren zulässig) nur Weisungen und Vorschriften im Traume zu erteilen, bisweilen deutlich, oft nur symbolisch. Die Asklepiaden, von der Priesterschaft oder mindestens vom Mystizismus derselben losgelöst, haben an dem Tempelspuke in dieser Periode keinen Anteil mehr, sie sind selbständige Aerzte geworden, welche nebenbei höchstens die inspirierten Ratschläge des Gottes auf Wunsch der Kranken zur tatsächlichen Ausführung bringen.

In den Traumgesichten, welche erst von den kundigen Priestern gedeutet werden mußten (d. h. nämlich mit ihrem ärztlichen Plan in Uebereinstimmung zu bringen waren!), ordnete Asklepios zumeist rationelle Kuren (Diät,Bewegungenin Form von Reiten, Jagen, Waffenübungen,psychische Mittel, z. B. Anhören eines Liedes, eines Lustspiels u. s. w., seltenerAderlässe,Abführmittelu. s. w.) anoder scheinbar Widersinniges mit suggestivem Endzwecke. Der Erfolg war stets ein neues Wunder des Gottes, der Mißerfolg wurde von den schlauen Priestern sehr leicht auf ein oder das andere Versehen des Patienten geschoben. Die Genesenen mußten sich dem Heilpersonal und dem Gotte erkenntlich zeigen. (In Epidauros fordert Asklepios einmal selbst den Lohn mit den Worten: „Geheilt bist du, nun mußt du aber das Honorar zahlen.“)

Nach uralter Sitte widmete man „Anathemata“, bildliche Darstellungen der geheilten Körperteile in Gold, Silber, Elfenbein, Marmor u. s. w. oder klebte Münzen mit Wachs an die Schenkel der Götterstatuen oder warf dieselben in die heilige Quelle als Weihgeschenk; in manchen Heiligtümern wurden die Krankengeschichten und die verwendeten Mittel auf die Tempelsäulen eingezeichnet oder auf Votivtafeln aus Metall oder Stein (πίνακες) niedergeschrieben, die man an den Säulen und Pfosten anbrachte. Dem Gotte zu Ehren feierte man auch Feste Asklepieia, welche in musischen Wettspielen bestanden.

Der Heilbetrieb in den einzelnen Asklepieien scheint sehr verschieden gewesen zu sein, je nachdem man bei den Kuren den Schwerpunkt auf den Mystizismus oder auf ein rationelles Heilverfahren legte — ein Unterschied, der in letzter Linie damit zusammenhing, ob die Priesterschaft den angeblichen Nachkommen des Gottes, den Asklepiaden, welche als Tempelärzte fungierten, einen größeren oder geringeren Einfluß gönnte.


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