Von den, in bestem Attisch verfaßten Schriften des Asklepiades (ungefähr 20) finden sich nur Zitate in der späteren Literatur, welche aber oft parteiisch, je nach dem Standpunkt des Autors gefärbt sind. Sie bezogen sich auf allgemeine Grundsätze, Atmung und Puls, akute Krankheiten und periodische Fieber, Phrenitis, Morbus cardiacus, Geschwüre, Wassersucht, Alopecie, Gesundheitsvorschriften, Heilmittel und Präparate, Klysmen, medizinische Verwendung des Weines u. a. Eine Schrift war an Mithradates gerichtet, andere bekämpften die Ernährungs- und Zeugungslehre des Erasistratos oder waren der Auslegung hippokratischer Bücher gewidmet. Sicherlich enthielten sie auch viel historisch-literarisches Material. Die erhaltenen Reste sind gesammelt in Ch. G. Gumpert, Asclepiadis Bithyni fragmenta, Vimar 1794. Die Herrschaft des Galenismus, welcher im schärfsten Gegensatz zu Asklepiades steht, bewirkte es, daß dieser Autor nach dem 4. Jahrhundert n. Chr. nur mehr wenig, seit dem 6. Jahrhundert gar nicht mehr genannt wird. Erst seit dem 16. Jahrhundert erscheint er wieder an der Oberfläche, und so manches System der neueren Medizin entlehnte ihm Grundideen. — Im Jahre 1700 wurde in Rom nahe der Porta capena eine Büste ausgegraben, welche die Inschrift Asklepiades trägt und mit dem Bithynier in Verbindung gebracht worden ist.
Von den, in bestem Attisch verfaßten Schriften des Asklepiades (ungefähr 20) finden sich nur Zitate in der späteren Literatur, welche aber oft parteiisch, je nach dem Standpunkt des Autors gefärbt sind. Sie bezogen sich auf allgemeine Grundsätze, Atmung und Puls, akute Krankheiten und periodische Fieber, Phrenitis, Morbus cardiacus, Geschwüre, Wassersucht, Alopecie, Gesundheitsvorschriften, Heilmittel und Präparate, Klysmen, medizinische Verwendung des Weines u. a. Eine Schrift war an Mithradates gerichtet, andere bekämpften die Ernährungs- und Zeugungslehre des Erasistratos oder waren der Auslegung hippokratischer Bücher gewidmet. Sicherlich enthielten sie auch viel historisch-literarisches Material. Die erhaltenen Reste sind gesammelt in Ch. G. Gumpert, Asclepiadis Bithyni fragmenta, Vimar 1794. Die Herrschaft des Galenismus, welcher im schärfsten Gegensatz zu Asklepiades steht, bewirkte es, daß dieser Autor nach dem 4. Jahrhundert n. Chr. nur mehr wenig, seit dem 6. Jahrhundert gar nicht mehr genannt wird. Erst seit dem 16. Jahrhundert erscheint er wieder an der Oberfläche, und so manches System der neueren Medizin entlehnte ihm Grundideen. — Im Jahre 1700 wurde in Rom nahe der Porta capena eine Büste ausgegraben, welche die Inschrift Asklepiades trägt und mit dem Bithynier in Verbindung gebracht worden ist.
Insoferne alsAsklepiadesbis auf die letzten Ursachen zurückgeht,um Anhaltspunkte für sein therapeutisches Handeln zu gewinnen, entfernt er sich von den „Empirikern“, hinsichtlich seiner Grundanschauungen über den Organismus tritt er dagegen in den schärfsten Gegensatz zu den Vertretern der rationalistischen Richtung, welche sich mehr oder minder auf die platonisch-aristotelische Philosophie stützten. Im Lehrgebäude des Asklepiades kommt zum ersten Male derAtomismuszur Herrschaft und zwar in jener Modifikation, welche den Epikuros oder richtiger Herakleides den Pontiker, zum Urheber hat. Indem der Bithynier diese materialistische Metaphysik, die alles Teleologische, Unkörperliche und Wunderbare ausschließt, zur Basis der medizinischen Theorie wählte, sicherte er sich von vornherein den Beifall der römischen Geisteselite, welche dem Epikureismus überzeugungsvoll anhing und in dem jüngeren Zeitgenossen des Asklepiades, Tit. Lucretius Carus einen poetischen Stimmführer fand.
Herakleides (aus Heraklea am Pontos Euxinos um 340 v. Chr.) und Epikuros (um 300 v. Chr.) erklärten (im Anschluß an Leukippos und Demokritos) alles Geschehen aus der Bewegung der Atome im leeren Raum. Ein Unterschied in ihren Systemen liegt darin, daß die Atome im Sinne des Herakleides zersplitterbar sind, deshalb gebrauchte derselbe auch, anstatt des Terminus ἄτομος, das Wort ὄγκος als Bezeichnung für Urkörperchen. — Der römische Dichter Lucretius Carus (98-54 v. Chr.) verfaßte ein hexametrisches Lehrgedicht De rerum natura, worin er in kunstvoller Weise die Grundlehren der Kosmologie, Physik, Psychologie und Ethik im Geiste des Epikureismus darstellt. Es ist möglich, daß er bei seiner Schilderung physiologisch-pathologischer Dinge besonders im 6. Buche neben Epikuros, der auch über Krankheiten schrieb, vieles dem Asklepiades verdankt. Eingebürgert hatte sich der Epikureismus bei den Römern seit der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr.
Herakleides (aus Heraklea am Pontos Euxinos um 340 v. Chr.) und Epikuros (um 300 v. Chr.) erklärten (im Anschluß an Leukippos und Demokritos) alles Geschehen aus der Bewegung der Atome im leeren Raum. Ein Unterschied in ihren Systemen liegt darin, daß die Atome im Sinne des Herakleides zersplitterbar sind, deshalb gebrauchte derselbe auch, anstatt des Terminus ἄτομος, das Wort ὄγκος als Bezeichnung für Urkörperchen. — Der römische Dichter Lucretius Carus (98-54 v. Chr.) verfaßte ein hexametrisches Lehrgedicht De rerum natura, worin er in kunstvoller Weise die Grundlehren der Kosmologie, Physik, Psychologie und Ethik im Geiste des Epikureismus darstellt. Es ist möglich, daß er bei seiner Schilderung physiologisch-pathologischer Dinge besonders im 6. Buche neben Epikuros, der auch über Krankheiten schrieb, vieles dem Asklepiades verdankt. Eingebürgert hatte sich der Epikureismus bei den Römern seit der Mitte des 2. Jahrhunderts v. Chr.
Der menschliche Körper ist nach der Lehre des Asklepiades aus unendlich vielen Urkörperchen (ὄγκοι) zusammengesetzt und auf ihrer Bewegung beruht das Leben (einschließlich der geistigen Tätigkeit). Verbindungen der Urkörperchen (συγκρίσεις) bilden die unzähligen, mit Empfindung versehenen röhrenförmigen Räume, „Poren“ des Körpers, in denen sich mehr oder weniger feine Atome unaufhörlich bewegen, und durch welche der Säftestrom hindurchgeht. Die feinsten, kugeligen, glatten Atome (ὄγκοι λεπτομερεῖς) stellen das Substrat der Psyche dar und entsprechen dem Pneuma. Atmung und Ernährung führen die zur Erhaltung nötigen Stoffe zu; alle physiologischen Vorgänge vollziehen sich reinmechanisch, ohne daß besondere (organische) Kräfte dabei wirksam sind. Der Puls ist eine Bewegung der Arterien, deren wechselnde Ausdehnung und Zusammenziehung durch das Einströmen des Pneuma in Erscheinung tritt; die Atmung erfolgt in der Weise, daß die äußere Luft wegen ihrer Dichte und Schwere in die Lunge eindringt und, sobald der Thorax die Grenze seiner Ausdehnbarkeit erreicht hat, unter Zurücklassung der feinsten und zartesten Teilchenwieder ausströmt; Hunger entsteht durch Erschlaffung der größeren, Durst durch Erschlaffung der kleineren Porengänge, die Nahrungsstoffe werden nicht verdaut im Sinne der gewöhnlichen Meinung, sondern zerfallen bloß in ihre letzten Bestandteilchen, welche also roh, wie sie aufgenommen worden, in den Körper gelangen und sich daselbst durch die feinsten Kanälchen verteilen. Der Harn kommt, ohne die Nieren zu berühren, in Dampfform in die Blase und schlägt sich dort nieder.
Asklepiades leugnet die Zweckmäßigkeit der vitalen Kräfte und ist im Altertum der konsequenteste Vertreter der mechanistischen Anschauungsweise in der Medizin.Er folgt in seinen physiologischen Erklärungen zum Teil dem Empedokles, besonders aber dem Demokritos (wie bei letzterem ist auch bei ihm der Seelenstoff, Pneuma, die Summe der feinsten beweglichsten im ganzen Körper verbreiteten Atome). Die Lunge vergleicht er mit der κλεψύδρα, den Atmungsmechanismus mit der Anziehung beim Schröpfen. Als Beweis, daß keine „Verdauung“ = „Kochung“ stattfinde, führt er an, er habe weder im Erbrochenen, noch bei Magenöffnungen jemals Speisen in (gekochtem) verdautem Zustande gesehen. Wichtig ist es, daß Asklepiades die Resorption der feinsten Ernährungsbestandteile durch unsichtbare Kanälchen und die auf gleichem Wege vor sich gehende Ausscheidung, also den Stoffwechsel in den Geweben, vorausahnte. Vergl. darüber als Quelle auch den Anonym. Londinens. In Betreff der nutritiven Wahlanziehung leugnete er jede aktive Attraktion.Bemerkenswert ist es, daß Asklepiades manche Probleme der Physiologie auch experimentell untersuchte und z. B. die Annahme des Sitzes der Seele im Kopf oder im Herzen mit dem Argument bestritt, daß Tiere eine gewisse Zeit noch weiter leben, wenn man ihnen diese Teile wegnimmt. Aus einer Stelle bei Tertullian ist zu ersehen, daß er z. B. an Ziegen und Fliegen Versuche anstellte. — Ueber die anatomischen Kenntnisse läßt sich nichts Bestimmtes aussagen, da einzelne spätere ungünstige Angaben schon von vornherein den Stempel der Gehässigkeit an sich tragen.
Asklepiades leugnet die Zweckmäßigkeit der vitalen Kräfte und ist im Altertum der konsequenteste Vertreter der mechanistischen Anschauungsweise in der Medizin.Er folgt in seinen physiologischen Erklärungen zum Teil dem Empedokles, besonders aber dem Demokritos (wie bei letzterem ist auch bei ihm der Seelenstoff, Pneuma, die Summe der feinsten beweglichsten im ganzen Körper verbreiteten Atome). Die Lunge vergleicht er mit der κλεψύδρα, den Atmungsmechanismus mit der Anziehung beim Schröpfen. Als Beweis, daß keine „Verdauung“ = „Kochung“ stattfinde, führt er an, er habe weder im Erbrochenen, noch bei Magenöffnungen jemals Speisen in (gekochtem) verdautem Zustande gesehen. Wichtig ist es, daß Asklepiades die Resorption der feinsten Ernährungsbestandteile durch unsichtbare Kanälchen und die auf gleichem Wege vor sich gehende Ausscheidung, also den Stoffwechsel in den Geweben, vorausahnte. Vergl. darüber als Quelle auch den Anonym. Londinens. In Betreff der nutritiven Wahlanziehung leugnete er jede aktive Attraktion.
Bemerkenswert ist es, daß Asklepiades manche Probleme der Physiologie auch experimentell untersuchte und z. B. die Annahme des Sitzes der Seele im Kopf oder im Herzen mit dem Argument bestritt, daß Tiere eine gewisse Zeit noch weiter leben, wenn man ihnen diese Teile wegnimmt. Aus einer Stelle bei Tertullian ist zu ersehen, daß er z. B. an Ziegen und Fliegen Versuche anstellte. — Ueber die anatomischen Kenntnisse läßt sich nichts Bestimmtes aussagen, da einzelne spätere ungünstige Angaben schon von vornherein den Stempel der Gehässigkeit an sich tragen.
Was die Anhänger des Hippokratismus unter φύσις verstanden, d. h. den Inbegriff der organischen Vorgänge und deren zweckmäßige Reaktionsvorgänge, muß bei Asklepiades einer rein physikalischen, jedwede Teleologie ausschließenden Auffassung Platz machen, die er in dem Satze formuliert: „Natur ist nichts anderes als der Körper und dessen Bewegung.“ Dieser Gedanke beherrscht seine Pathologie und Therapie und treibt ihn zum kräftigsten Widerspruch gegen den großen Arzt von Kos.
Gesundheit beruht auf dem richtigen Verhältnis der Poren zu den Atomen(συμμετρία), wodurch die Bewegung derselben in freier und ungestörter Weise ablaufen kann.Krankheit ist im letzten Grunde auf eine Störung in der Bewegung der Atome zurückzuführen(ἔνστασις, στάσις). Abnorme Größe oder Gestalt der Urkörperchen, abnorme Weite, Enge oder Knickung der Poren bewirken eine zu rasche oder zu träge Bewegung oder Anhäufung der kleinsten Partikelchen und Verstopfung der Poren (ἔμφραξις) und damit Krankheiten,deren Verschiedenheit von den Wegen und der Körperstelle abhängig ist. Veränderungen der Säfte und des Pneuma treten zwar bei leichteren Affektionen als ätiologisches Moment hervor, sind jedoch nicht als wesentliche, sondern nur als Gelegenheitsursachen anzusehen.
Die von A. als Krankheitsursache vorausgesetzte Stockung der Atombewegung ist eine weitere Ausführung der Idee desErasistratos, gemäß welcher durch Error loci, d. h. Eindringen des Blutes in die Pneumawege, eine Stauung der Pneumabewegung und daher Krankheit entsteht. Wie sehr ursprünglich Asklepiades mit Erasistratos zusammenhängt, zeigt der Umstand, daß ersterer in nahem Anschluß an seinen großen Vorgänger, wenn auch sekundär, die Vermischung der flüssigen Stoffe mit dem Pneuma als Krankheitsursache bezeichnet.Das eintägige Wechselfieber läßt er durch Stockung der größeren, das dreitägige durch solche der kleineren und die Quartana durch solche der allerkleinsten zu stande kommen.
Die von A. als Krankheitsursache vorausgesetzte Stockung der Atombewegung ist eine weitere Ausführung der Idee desErasistratos, gemäß welcher durch Error loci, d. h. Eindringen des Blutes in die Pneumawege, eine Stauung der Pneumabewegung und daher Krankheit entsteht. Wie sehr ursprünglich Asklepiades mit Erasistratos zusammenhängt, zeigt der Umstand, daß ersterer in nahem Anschluß an seinen großen Vorgänger, wenn auch sekundär, die Vermischung der flüssigen Stoffe mit dem Pneuma als Krankheitsursache bezeichnet.
Das eintägige Wechselfieber läßt er durch Stockung der größeren, das dreitägige durch solche der kleineren und die Quartana durch solche der allerkleinsten zu stande kommen.
Die atomistische Solidarpathologie beeinträchtigte glücklicherweise nicht im mindesten die ärztliche Beobachtungskunst des Bithyniers, vielmehr widmete er demPulseeingehende Aufmerksamkeit und machte sich um dieKrankheitsbeschreibungsogar sehr verdient. So trennte er schärfer als bisher dieakutenvon denchronischenKrankheiten, schilderte vortrefflich die Malariafieber, unterschied von der Wassersucht mehrere Arten (eine rasch, eine langsam entstehende, eine fieberlose, eine mit Fieber einhergehende oder aus der Quartana hervorgehende Form) und förderte im hohen Grade die Lehre von den Krämpfen und Geisteskrankheiten. Der rhythmische Ablauf gewisser Krankheiten entging ihm nicht, er leugnete auch keineswegs die Krisen, dochverwarf er den Glauben an bestimmte kritische Tage.
Asklepiades sonderte die tonischen und klonischen Krämpfe vom einfachen Zittern, lehrte, daß Epilepsie auch durch eine Erschütterung oder Zerreißung der Hirnhäute (also traumatisch) hervorgerufen sein könne und führte die Geistesstörungen auf eine Affektion der Hirnhäute zurück. Mit feinem Blick differenzierte er die psychischen Anomalien und hinterließ entsprechende, scharf umgrenzte Definitionen über Phrenitis, Lethargus und Katalepsie. Bemerkenswerterweise trennte er die Phrenitis von jenen psychischen Aufregungszuständen, wie sie im Verlauf der Pneumonie oder Pleuritis symptomatisch vorkommen.
Asklepiades sonderte die tonischen und klonischen Krämpfe vom einfachen Zittern, lehrte, daß Epilepsie auch durch eine Erschütterung oder Zerreißung der Hirnhäute (also traumatisch) hervorgerufen sein könne und führte die Geistesstörungen auf eine Affektion der Hirnhäute zurück. Mit feinem Blick differenzierte er die psychischen Anomalien und hinterließ entsprechende, scharf umgrenzte Definitionen über Phrenitis, Lethargus und Katalepsie. Bemerkenswerterweise trennte er die Phrenitis von jenen psychischen Aufregungszuständen, wie sie im Verlauf der Pneumonie oder Pleuritis symptomatisch vorkommen.
Wie eine logische Konsequenz seiner Krankheitstheorie nimmt sich die therapeutische Richtung aus, welche Asklepiades mit ungeheuerem Selbstvertrauen als die einzig wahre ansah. Dem hippokratischen Grundsatze: die Natur ist die Heilerin der Krankheit, stellte er den Ausspruch entgegen:Nicht nur, daß die Natur nichts nützt, sie schadet sogar bisweilen. Heilung ist nichts anderes als Rückkehr zur normalen Atombewegung, ein Vorgang, der eben nur auf mechanischem Wege erfolgen kann. Eine zweckmäßig regulierende Naturheilkraft existiert bloß in der Phantasie, und ausschließlich von der energischenTätigkeit des Arztes ist alles abhängig. Hippokrates, der sich mit seiner vorsichtig abwartenden, in den Krankheitsprozeß wenig eingreifenden Therapie nur als Diener der Natur betrachtet, wird unter solchem Gesichtswinkel freilich zu dem Vertreter einer todbringenden Kunst (θανάτου μελέτης)! Da die Krankheiten keineswegs Wirkungen einer Materia peccans darstellen, sondern auf feinen mechanischen Störungen beruhen, so können nicht die groben ausleerenden Mittel (namentlich Brech-, Abführmittel), sondern nur jene Heilpotenzen zum Ziele führen, welche die stockende Atombewegung wieder in normalen Gang bringen, alsomechanische, physikalische, hygienisch-diätetische Einflüsse. Demgemäß legte Asklepiades das Hauptgewicht auf entsprechende Maßnahmen: Fasten, Verordnung eines bestimmten Regimes, Verbot von Fleischgenuß (z. B. bei Epilepsie), Trockendiät (z. B. bei Hydrops), medizinische Anwendung des Weines, genau geregelte Spaziergänge, Laufen, Reiten, mäßig betriebene Gymnastik, Massage (nach Intensität und Dauer bestimmte mit Oeleinreibungen kombinierte Streichungen), passive Bewegungen (Getragenwerden im Sessel, in der Sänfte, Fahren, Schaukeln in hängenden Betten etc.), kalte Waschungen, kalte, warme Schwitzbäder, Duschen, Schaukelbäder (Balinea pensilia), Wassertrinken, Klistiere etc. Außerdem berücksichtigte er den Einfluß der Luft, des Lichtes (bei Geisteskranken auch der Musik). Innerliche Medikamente scheint er relativ spärlich verwendet zu haben (besonders den Gebrauch von Brechmitteln und drastischen Abführmitteln bekämpfte er energisch), wohl aber benützte er äußere Applikationen (Bähungen, Pflaster, Riech- und Niesmittel) und in indizierten Fällen chirurgische Eingriffe, wie den Aderlaß (je nach dem Sitze der Krankheit an genau bestimmtem Orte, aber nur bei schmerzhaften Affektionen), Skarifikationen, das Schröpfen (z. B. bei Angina, wo er auch eventuell Einschnitte in den weichen Gaumen machte), die Paracentese (bei Hydrops). Bei Erstickungsgefahr empfahl er die Ausführung der —Laryngotomie.
Im Lichte der therapeutischen Vorschriften des Asklepiades schwinden, was die Idee anlangt, die Ansprüche vieler späterer Aerzte auf Priorität hinsichtlich der physikalisch-diätetischen Richtung, und es kann ihnen in vielen Momenten nur der zeitgemäße Aufbau oder die technische Verbesserung als Verdienst zugesprochen werden. Aber auch schon der Bithynier, der selbstgefällig und streitsüchtig auf seine Originalität pochte — οἰνοδότης wegen seiner vielfachenmedizinischen Verordnung des Weines, ψυχρολούτης wegen seiner Vorliebe fürWasserprozedurengenannt —, griff tatsächlich auf Heilmethoden zurück, die, abgesehen von einer näher liegenden Vergangenheit, namentlich in den hippokratischen Schriften Ausdruck gefunden haben und in letzter Linie den griechischen Ringschulen entstammen.Neu war eigentlich nur seinetheoretische Begründung, seine planmäßige, ausgebreitete, sorgfältig geregelte Anwendungsweise, seine den Fortschritten angepaßte Methodik; reformatorisch verdienstvoll wurde es, daß er (mit verzeihlicher Einseitigkeit) den Wert derselben betonte, zu ihrer allgemeinen Verbreitung Anlaß gab und den Schlendrian der herkömmlichen Therapie erfolgreich bekämpfte!
Asklepiades ist sowohl hinsichtlich der Praxis wie der Theorie nicht der Anfang, sondern der Höhepunkt eines Wellenzugs, der sich weit zurückverfolgen läßt und nur durch die herrschende Schule verdeckt wurde.Den innigsten Zusammenhang zeigt er mit Erasistratos.Wie die Alten uns berichten, gehörte Asklepiades ursprünglich zu den Anhängern des Kleophantos, der dieDiätetikausbaute und denWeingerne als Heilmittel verwendete. Seine Schule stand derjenigen des Erasistratos nahe, welch letzterer die Therapie wesentlich vereinfachte, milde Abführmittel, Klistiere, Wein, Fasten, diätetische Vorschriften, Gymnastik, Bäder, kalte Waschungen, Abreibungen, individualisierend geregelte Spaziergänge etc. im Heilplan in den Vordergrund stellte — nur nicht mit solchem Nachdruck und solcher Einseitigkeit wie Asklepiades. Erasistratos und Kleophantos schließen sich wieder stark an Chrysippos und hierdurch an die knidische Richtung der Hippokratiker, bezw. die italische Schule an, welch letztere namentlichdie den Gymnasten und Athleten entlehnte diätetisch-physikalische Therapiepflegte. Es ist interessant, daß diese Heilart somit wieder auf italischem Boden durch Asklepiades einen Höhepunkt erreichte. Auch für die theoretischen Ansichten liegt eine Wurzel im Lehrsystem des Erasistratos und tiefer in der knidisch-italischen Richtung. Erasistratos verwarf die Vierelementenlehre, ließ den Körper aus Atomen bestehen, anerkannte nicht überall die Zweckmäßigkeit der Natur, suchte die physiologischen Erscheinungen rein physikalisch zu erklären, huldigte bereits in beschränktem Ausmaß derSolidarpathologie, führte die meisten Affektionen im Grunde auf mechanische Störungen (Verlegung der Pneumawege) zurück und bekämpfte zuerst sehr energisch die Autorität des Hippokrates. Manche dieser Hauptpunkte (mechanistische, solidarpathologische Auffassungen) finden sich schon bei der knidischen oder italischen Schule vor, letzterer war namentlich in gewissem Sinne diePorenlehreeigentümlich. —Daß die Ideen des Erasistratos so großen Einfluß auf Asklepiades hatten, nimmt nicht wunder, wenn man bedenkt, daß die erasistrateische Schule um 100 v. Chr. in Kleinasien zu neuer Blüte gekommen war.Bezüglich mancher Einzelheiten wäre z. B. darauf zu verweisen, daß Asklepiades fieberhafte Krankheiten in den ersten Tagen nach dem Grundsatze behandelte, es müßten die Kräfte des Kranken durch helles Licht, anhaltendes Wachen und Versagen des Getränkes (nicht einmal Ausspülen war gestattet) niedergerungen werden. Im weiteren Verlauf aber kam er den Wünschen der Patienten durch Verordnung von üppigen Mahlzeiten und Wein sehr entgegen, und gerade dieser Umstand machte seine Behandlungsweise besonders beliebt. Vom Wein, den er als Hauptmittel und geradezu als Panacee ansah, sagte er: seine Nützlichkeit komme beinahe der Macht der Götter gleich. Bald ließ er ihn unvermischt, bald mit Wasser verdünnt, bald mit Salz versetzt oder warm darreichen, namentlich im Zustand der Fieberremissionen oder bei Schwäche. Den Aderlaß wandte er mit Vorsicht an und erklärte, daß sein Wert auch davon abhänge, in welchem Klima der Kranke zur Behandlung kommt, Pleuritische z. B. vertrügenihn sehr gut in Parion und am Hellespont, nicht aber in Athen und Rom. Das Binden der Glieder, wie es die Vorgänger vikariierend geübt hatten, verwarf er. An Stelle der Abführmittel setzte er Enthaltung vom Essen oder verordnete nur, ummechanischdie Stauung zu beseitigen, Klysmen, deren übermäßiger Gebrauch ihm jedoch ebenfalls schädlich erschien. Bei jeder Krankheit schrieb er eine genaue Diät vor, sogar bei Alopecia legte er neben äußeren Mitteln auf ein bestimmtes Regime (Enthaltung von Fleisch, Wein etc.) großes Gewicht. Interessant ist es, daß er sogar die Trockendiät bereits kannte (nach vorausgegangenem Laufen ließ er getrocknete Fische und gut durchgebackenes Brot genießen). Massage benützte er auch als Schlafmittel, z. B. bei Geistesstörungen, für welche er in verdienstvoller Weise einepsychische Behandlungnamentlich durch Musik und Gesang einführte; „Phrenitische“ ließ er an einen lichten Ort bringen, weil im dunklen die eingebildeten Bilder durch keine wirklichen Eindrücke korrigiert würden. Besonders eigentümlich waren: die Behandlung mit Schaukelbewegung in hängenden (mit Stricken befestigten) Betten und dieBalinea pensilia(Schaukelbäder). Waschungen kamen auch bei Durchfällen (aber erst nach der Kräftigung des Patienten) zur Anwendung, desgleichen das Trinken von kaltem Wasser. — Bezüglich der Chirurgie wissen wir, daß Asklepiades die spontane Luxation des Femurs aus einer Entzündung erklärte und den Kehlkopf- oder Luftröhrenschnitt(?), den er wahrscheinlich von Vorgängern übernahm, in geeigneten Fällen anriet.
Asklepiades ist sowohl hinsichtlich der Praxis wie der Theorie nicht der Anfang, sondern der Höhepunkt eines Wellenzugs, der sich weit zurückverfolgen läßt und nur durch die herrschende Schule verdeckt wurde.Den innigsten Zusammenhang zeigt er mit Erasistratos.Wie die Alten uns berichten, gehörte Asklepiades ursprünglich zu den Anhängern des Kleophantos, der dieDiätetikausbaute und denWeingerne als Heilmittel verwendete. Seine Schule stand derjenigen des Erasistratos nahe, welch letzterer die Therapie wesentlich vereinfachte, milde Abführmittel, Klistiere, Wein, Fasten, diätetische Vorschriften, Gymnastik, Bäder, kalte Waschungen, Abreibungen, individualisierend geregelte Spaziergänge etc. im Heilplan in den Vordergrund stellte — nur nicht mit solchem Nachdruck und solcher Einseitigkeit wie Asklepiades. Erasistratos und Kleophantos schließen sich wieder stark an Chrysippos und hierdurch an die knidische Richtung der Hippokratiker, bezw. die italische Schule an, welch letztere namentlichdie den Gymnasten und Athleten entlehnte diätetisch-physikalische Therapiepflegte. Es ist interessant, daß diese Heilart somit wieder auf italischem Boden durch Asklepiades einen Höhepunkt erreichte. Auch für die theoretischen Ansichten liegt eine Wurzel im Lehrsystem des Erasistratos und tiefer in der knidisch-italischen Richtung. Erasistratos verwarf die Vierelementenlehre, ließ den Körper aus Atomen bestehen, anerkannte nicht überall die Zweckmäßigkeit der Natur, suchte die physiologischen Erscheinungen rein physikalisch zu erklären, huldigte bereits in beschränktem Ausmaß derSolidarpathologie, führte die meisten Affektionen im Grunde auf mechanische Störungen (Verlegung der Pneumawege) zurück und bekämpfte zuerst sehr energisch die Autorität des Hippokrates. Manche dieser Hauptpunkte (mechanistische, solidarpathologische Auffassungen) finden sich schon bei der knidischen oder italischen Schule vor, letzterer war namentlich in gewissem Sinne diePorenlehreeigentümlich. —Daß die Ideen des Erasistratos so großen Einfluß auf Asklepiades hatten, nimmt nicht wunder, wenn man bedenkt, daß die erasistrateische Schule um 100 v. Chr. in Kleinasien zu neuer Blüte gekommen war.
Bezüglich mancher Einzelheiten wäre z. B. darauf zu verweisen, daß Asklepiades fieberhafte Krankheiten in den ersten Tagen nach dem Grundsatze behandelte, es müßten die Kräfte des Kranken durch helles Licht, anhaltendes Wachen und Versagen des Getränkes (nicht einmal Ausspülen war gestattet) niedergerungen werden. Im weiteren Verlauf aber kam er den Wünschen der Patienten durch Verordnung von üppigen Mahlzeiten und Wein sehr entgegen, und gerade dieser Umstand machte seine Behandlungsweise besonders beliebt. Vom Wein, den er als Hauptmittel und geradezu als Panacee ansah, sagte er: seine Nützlichkeit komme beinahe der Macht der Götter gleich. Bald ließ er ihn unvermischt, bald mit Wasser verdünnt, bald mit Salz versetzt oder warm darreichen, namentlich im Zustand der Fieberremissionen oder bei Schwäche. Den Aderlaß wandte er mit Vorsicht an und erklärte, daß sein Wert auch davon abhänge, in welchem Klima der Kranke zur Behandlung kommt, Pleuritische z. B. vertrügenihn sehr gut in Parion und am Hellespont, nicht aber in Athen und Rom. Das Binden der Glieder, wie es die Vorgänger vikariierend geübt hatten, verwarf er. An Stelle der Abführmittel setzte er Enthaltung vom Essen oder verordnete nur, ummechanischdie Stauung zu beseitigen, Klysmen, deren übermäßiger Gebrauch ihm jedoch ebenfalls schädlich erschien. Bei jeder Krankheit schrieb er eine genaue Diät vor, sogar bei Alopecia legte er neben äußeren Mitteln auf ein bestimmtes Regime (Enthaltung von Fleisch, Wein etc.) großes Gewicht. Interessant ist es, daß er sogar die Trockendiät bereits kannte (nach vorausgegangenem Laufen ließ er getrocknete Fische und gut durchgebackenes Brot genießen). Massage benützte er auch als Schlafmittel, z. B. bei Geistesstörungen, für welche er in verdienstvoller Weise einepsychische Behandlungnamentlich durch Musik und Gesang einführte; „Phrenitische“ ließ er an einen lichten Ort bringen, weil im dunklen die eingebildeten Bilder durch keine wirklichen Eindrücke korrigiert würden. Besonders eigentümlich waren: die Behandlung mit Schaukelbewegung in hängenden (mit Stricken befestigten) Betten und dieBalinea pensilia(Schaukelbäder). Waschungen kamen auch bei Durchfällen (aber erst nach der Kräftigung des Patienten) zur Anwendung, desgleichen das Trinken von kaltem Wasser. — Bezüglich der Chirurgie wissen wir, daß Asklepiades die spontane Luxation des Femurs aus einer Entzündung erklärte und den Kehlkopf- oder Luftröhrenschnitt(?), den er wahrscheinlich von Vorgängern übernahm, in geeigneten Fällen anriet.
Der Fortschritt gegenüber der zumeist rohen oder abergläubischen Medizin, wie sie in Rom vorher herrschte, war so einleuchtend, daß Asklepiades inmitten seines Zeitalters wie ein Wundertäter erscheinen mußte, zumal er gewiß über große suggestive Kraft verfügte. Das „tuto, cito et jucunde“ und die Maxime, daß ein guter Arzt für jedes Uebel doppelte und dreifache Arzneien sofort bereit haben müßte — dies waren seine Devisen — suchte er, soweit als möglich, zu verwirklichen. Günstig wirkten überdies für die Aufnahme derzumeist angenehmen Kurartzwei Momente. Einerseits, daß sie, ihres philosophischen Mantels entkleidet, auch populär begründet werden konnte (z. B. durch den Hinweis auf die nachteilige Einwirkung der Arzneien auf Geschmack und Magen), anderseits, daß sie so recht der Sehnsucht des entnervten Zeitalters nach der alten Mannhaftigkeit durch ihre roborierende Tendenz entsprach. Darum erlosch mit Asklepiades zwar der Zauber, der von seiner imponierenden Persönlichkeit allein, ausging; die feineIndividualisierung, wie sie der Bithynier trotz seines Gegensatzes im Geiste des Hippokratismus ausübte, ging verloren; die auf denGesamtzustand gerichtete, mit wenigen Mitteln hantierende Behandlungsweisemachte leider allzubald einer schematischen Richtung und später einer schablonenhaften Polypragmasie Platz — aber selbst noch in der Hülle, welche von der therapeutischen Reform des Bithyniers zurückblieb, läßt sich erkennen, daß sie einst einen Feuergeist umschlossen hielt.
Von der gewiß sehr zahlreichen Anhängerschaft des Asklepiades haben sich, abgesehen von seinem größten SchülerThemison von Laodikeia, fast nur Namenund spärliche Angaben über ihre literarische Tätigkeit erhalten. So werden erwähnt:Titus Aufidius(chronische Krankheiten),Nikon von Agrigent(über Heilmittel),Chrysippos(über Würmer),Miltiades von Elaiussa(chronische Krankheiten),Philonides von Dyrrhachion(über Heilkunde, Arzneimittel, Hippokrateskommentar),Clodius(über Askariden),Marcus Artorius(rettete dem Octavianus in der Schlacht von Philippi das Leben; schrieb über Lyssa und Makrobiotik),Gallus Marcus,Antonius Musa, der berühmteste Leibarzt des Augustus (sein Vorgänger in dieser Stellung warCajus Aemilius=Camelius); Musa heilte den Kaiser, welcher an der Leber, sowie an rheumatisch-gichtischen Beschwerden litt und vorher erfolglos mit erhitzenden Mitteln behandelt wurde, durch eine systematischeHydrotherapie(Wassertrinken und kalte Bäder); zum Lohne erhielt er nebst reichen Geschenken den Ritterstand und eine Statue im Tempel des Aeskulap.
Von der gewiß sehr zahlreichen Anhängerschaft des Asklepiades haben sich, abgesehen von seinem größten SchülerThemison von Laodikeia, fast nur Namenund spärliche Angaben über ihre literarische Tätigkeit erhalten. So werden erwähnt:Titus Aufidius(chronische Krankheiten),Nikon von Agrigent(über Heilmittel),Chrysippos(über Würmer),Miltiades von Elaiussa(chronische Krankheiten),Philonides von Dyrrhachion(über Heilkunde, Arzneimittel, Hippokrateskommentar),Clodius(über Askariden),Marcus Artorius(rettete dem Octavianus in der Schlacht von Philippi das Leben; schrieb über Lyssa und Makrobiotik),Gallus Marcus,Antonius Musa, der berühmteste Leibarzt des Augustus (sein Vorgänger in dieser Stellung warCajus Aemilius=Camelius); Musa heilte den Kaiser, welcher an der Leber, sowie an rheumatisch-gichtischen Beschwerden litt und vorher erfolglos mit erhitzenden Mitteln behandelt wurde, durch eine systematischeHydrotherapie(Wassertrinken und kalte Bäder); zum Lohne erhielt er nebst reichen Geschenken den Ritterstand und eine Statue im Tempel des Aeskulap.
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Die Therapie unter den Gesichtspunkt einer subtilen Theorie zu bringen und dabei doch selbständig, mit künstlerischer Freiheit, zu verfahren, war der Begabung des Asklepiades gegönnt; der Troß von Aerzten aber, der seiner Spur folgte, bedurfte schärfer umschriebener, leichtfaßlicher Leitsätze, welche der Mittelmäßigkeit eine breite Heeresstraße eröffnen, indem sie auf Kosten der individuellen Leistung dem Schwanken zwischen Empirie und Spekulation kategorisch ein Ende setzen und die Tätigkeit am Krankenbette in eine bequeme Technik verwandeln.
Diesem Bedürfnis nach straffer Regelung, nach Vereinfachung des medizinischen Denkens und Handelns entsprang, wie schon der Name besagt,die Schule der Methodiker, welche von einem Anhänger des Bithyniers,Themison von Laodikeia(um 50 v. Chr.), gestiftet, sehr rasch zur ebenbürtigen Rivalin des humoralen Dogmatismus heranwuchs, an Zahl der Vertreter, an Bedeutung für die Folgezeit, dem Hippokratismus wenig nachstehend. Der alles nivellierende Geist des Zeitalters stand an der Wiege dieser Schule, läßt sie doch in ihrem innersten Wesen das, auch auf den übrigen Kulturgebieten hervortretende Bestreben erkennen,griechischen Geist in die starre römische Form zu gießen.
Themison von Laodikeiawandte sich erst in vorgeschrittenen Jahren von der reinen Lehre seines Meisters Asklepiades ab und scheint sich in seinen zahlreichen Schriften, nur allmählich zu seinem Systeme durchgerungen zu haben. Nach einem Spottvers des Juvenal war er kein glücklicher Arzt. Wie wir aus Zitaten ersehen, machte er sich besonders verdient um die Darstellung der Therapie derchronischenAffektionen (ein Gebiet, auf dem er überhaupt der erste Autor gewesen ist), um die Schilderung der Kachexie, der Satyriasis etc., um die Bereicherung des Arzneischatzes (dem erdie Blutegelund manche zusammengesetzte Mittel, z. B. das MohnmittelDiacodion, das Bittermittel πικρὰ, bestehend aus Aloe, Mastix, Safran, indischem Baldrian, Haselwurz, Zimt und Balsam, hinzufügte), endlich um die Bearbeitung der Gynäkologie. Er verfaßte medizinische Briefe und Schriften über periodische, akute und chronische Krankheiten, über Diät, den Wegerich und über Lepra (die erst zur Zeit des Asklepiades in Rom bekannt wurde, vergl. auch Lucretius Carus, de rer. nat. VI, 1114). Angeblich soll er über die Therapie der Lyssa deshalb nichts veröffentlicht haben, weil er jedesmal,wenn er den Griffel zur Hand nahm, einen Rückfall der selbst überstandenen Wutkrankheit (?) befürchtete. Der Anonymus Parisinus — eine sehr wichtige Quelle für die methodische Schule — wirft vielleicht ein Schlaglicht auf Themison.
Themison von Laodikeiawandte sich erst in vorgeschrittenen Jahren von der reinen Lehre seines Meisters Asklepiades ab und scheint sich in seinen zahlreichen Schriften, nur allmählich zu seinem Systeme durchgerungen zu haben. Nach einem Spottvers des Juvenal war er kein glücklicher Arzt. Wie wir aus Zitaten ersehen, machte er sich besonders verdient um die Darstellung der Therapie derchronischenAffektionen (ein Gebiet, auf dem er überhaupt der erste Autor gewesen ist), um die Schilderung der Kachexie, der Satyriasis etc., um die Bereicherung des Arzneischatzes (dem erdie Blutegelund manche zusammengesetzte Mittel, z. B. das MohnmittelDiacodion, das Bittermittel πικρὰ, bestehend aus Aloe, Mastix, Safran, indischem Baldrian, Haselwurz, Zimt und Balsam, hinzufügte), endlich um die Bearbeitung der Gynäkologie. Er verfaßte medizinische Briefe und Schriften über periodische, akute und chronische Krankheiten, über Diät, den Wegerich und über Lepra (die erst zur Zeit des Asklepiades in Rom bekannt wurde, vergl. auch Lucretius Carus, de rer. nat. VI, 1114). Angeblich soll er über die Therapie der Lyssa deshalb nichts veröffentlicht haben, weil er jedesmal,wenn er den Griffel zur Hand nahm, einen Rückfall der selbst überstandenen Wutkrankheit (?) befürchtete. Der Anonymus Parisinus — eine sehr wichtige Quelle für die methodische Schule — wirft vielleicht ein Schlaglicht auf Themison.
Wie ein Abglanz der nüchternen, zweckstrebenden römischen Denkweise, mit ihrem Hang zum Formalismus, mit ihrer oft auf Kosten der Tiefe errungenen selbstsicheren Klarheit, erscheint das System des Methodismus von vornherein für die Praxis zugeschnitten und bewegt sich unter Mißachtung weiterer Naturbetrachtung in dem engen Zirkel von einigen wenigen, zur dogmatischen Allgemeingültigkeit emporgeschraubten Ideen.
Neben der atomistischen Pathologie des Asklepiades bildete für Themison dieVergleichung der Krankheitenuntereinander, die Aufsuchung gemeinsamer Merkmale den Ausgangspunkt seiner Lehre, und auf diesem Wege gelangte er schließlich zu der einseitigen scharf formulierten Anschauung, daß es in dem Reiche der vielgestaltigen Krankheitsvorgänge im Wesen nur zwei gemeinsame Grundformen (κοινότητες,communitates) gäbe, nämlich den Zustand der Straffheit, Spannung — στεγνωσις,status strictus— oder den Zustand der Erschlaffung — ρύσις,status laxus. Beide, das strictum (τὸ στεγνόν) und das laxum (τὸ ῥοῶδες) beruhen aufabnormer Beschaffenheit der Poren, die im ersten Falle zu sehr zusammengezogen, verengert, im letzteren Falle dagegen zu sehr gelockert und schlaff erweitert seien (Solidarpathologie). Welcher Zustand vorliegt, ob krankhafte Steigerung oder Abnahme des normalen Tonus besteht, wäre aus demallgemeinen Verhaltendes Körpers, namentlich aber aus dem Uebermaß oder der Verminderung des Exkrete und Sekrete oder aus Blutflüssen etc. leicht zu erschließen;die Behandlung laufe im wesentlichen darauf hinaus, das strictum oder laxum durch entgegengesetzt wirkende, den ganzen Körper angreifende therapeutische Maßnahmen zu beheben, also durch Entspannung oder Zusammenziehung, Tonisierung, wobei außer der „Kommunität“ als „Indikationen“ nur noch in Betracht käme, ob es sich um eineakute oder chronische Krankheithandle, und ob sich dieselbe imStadium der Zunahme, des Stillstands oder der Abnahmebefinde.
Themisonließ somit die vonAsklepiadeszur Krankheitserklärung herangezogene Atomtheorie fallen und benützte lediglich jenen Teil seines System, der von dem Mißverhältnis der „Poren“ sprach. Es ist jedoch festzuhalten, daßAsklepiadessich bis zu einer so einseitigen Krankheitsklassifikation und Therapie nicht verstieg, sondern auf dem klinischen Standpunkt verblieb. Für Themison mag vielleicht das Vorbild der spastischen und der schlaffen Lähmungen, welche schonErasistratosals aufZusammenziehung oder Ausdehnungberuhende Formen unterschieden hatte, maßgebend gewesen sein. Zu einer Aufstellung des Strictum und Laxum mitallen therapeutischen Konsequenzen dürfte übrigens auch er erst am Ende seiner Laufbahn gelangt sein.
Themisonließ somit die vonAsklepiadeszur Krankheitserklärung herangezogene Atomtheorie fallen und benützte lediglich jenen Teil seines System, der von dem Mißverhältnis der „Poren“ sprach. Es ist jedoch festzuhalten, daßAsklepiadessich bis zu einer so einseitigen Krankheitsklassifikation und Therapie nicht verstieg, sondern auf dem klinischen Standpunkt verblieb. Für Themison mag vielleicht das Vorbild der spastischen und der schlaffen Lähmungen, welche schonErasistratosals aufZusammenziehung oder Ausdehnungberuhende Formen unterschieden hatte, maßgebend gewesen sein. Zu einer Aufstellung des Strictum und Laxum mitallen therapeutischen Konsequenzen dürfte übrigens auch er erst am Ende seiner Laufbahn gelangt sein.
In der Einteilung der Krankheiten nach dem Prinzip der Kommunitäten herrschte freilich eine gewisse Willkür; die Mehrzahl der akuten Affektionen wurde dem Status strictus, die Mehrzahl der chronischen dem Status laxus zugerechnet. Als erschlaffende Mittel galten: Blutentziehung (Blutegel, Schröpfen und Skarifikation, Aderlässe auf der, der kranken gegenüberliegenden Stelle, eventuell bis zur Erschöpfung), warme Bäder, Umschläge, Einreibungen mit warmem Oel, Dämpfe, Fasten und entziehende Diät, die nur unter bestimmten Kautelen und selten angewendeten Diuretika, Emetika, Diaphoretika und Laxantia, mäßiger Geschlechtsgenuß u. a. Zu den verengernden, adstringierenden, tonisierenden Mitteln gehörten z. B. kalte Waschungen, Umschläge und Bäder, Aufenthalt in kalter Luft, roborierende Diät, Wein, Essig, Alaun, Narkotika u. s. w. Das Grundprinzip des Themison mit seiner blendenden Einfachheit mußte begreiflicherweise in dem Maße modifiziert werden, als die praktische Anwendung die enorme Lückenhaftigkeit der Lehre aufdeckte. Zunächst konnte es nicht entgehen, daß das „Strictum“ und „Laxum“ bei derselben Krankheit vorkommen kann (z. B. bei der Epilepsie, Paralyse) und somit der Zustand einer zweifachen Behandlung bedürfe. Aus solcher Erwägung entsprang schon frühzeitig der Hilfsbegriff desStatus mixtus, τὸ μεμιγμένον, welche dritte Kommunität je nach der Präponderanz der einen oder anderen Qualität bekämpft werden sollte. Aber auf die Dauer reichten auch diese drei Kommunitäten nicht aus, wenn es galt, für Fälle chirurgischer Art oder Vergiftungen die gemeinsamen Eigentümlichkeiten, die therapeutischen Indikationen aufzustellen. So wurden denn unter dem Zwange der Erfahrung immer weitereneue Gemeinbegriffeersonnen, wie z. B.die „prophylaktische“ Kommunitätbei Verwundungen, Vergiftungen etc.
In der Chirurgie wurden vier Kategorien (Kommunitäten) von Krankheiten unterschieden. 1. Fremdkörper, die von außen eindringen; sie sind auszuziehen. 2. Lageveränderungen (Brüche, Verrenkung); sie sind zu reponieren. 3. Fremdartige Strukturen (Geschwülste, Abszesse); sie sind zu entfernen oder zu inzidieren. 4. Fremdartige Beschaffenheit der Teile (Hemmungsbildungen, Geschwüre u. s. w.) durch Fehlen von Substanz; diese ist zu ersetzen.
In der Chirurgie wurden vier Kategorien (Kommunitäten) von Krankheiten unterschieden. 1. Fremdkörper, die von außen eindringen; sie sind auszuziehen. 2. Lageveränderungen (Brüche, Verrenkung); sie sind zu reponieren. 3. Fremdartige Strukturen (Geschwülste, Abszesse); sie sind zu entfernen oder zu inzidieren. 4. Fremdartige Beschaffenheit der Teile (Hemmungsbildungen, Geschwüre u. s. w.) durch Fehlen von Substanz; diese ist zu ersetzen.
Solche Ergänzungen der Kommunitätenlehre durchlöcherten freilich im Grunde die Einheitlichkeit des Prinzips, und waren tatsächlich nur der Ausdruck von Verlegenheiten, die naturgemäß einer Krankheitstheorie erwachsen mußten, welche von tieferer ursächlicher Erklärung, von der Erforschung des Krankheitssitzes Abstandnahm und sich vermaß, bei einseitiger Berücksichtigung bloß sekundärer Zustände, sowohl die Polymorphie der Krankheiten, als auch die Individualität der Kranken gänzlich außer acht lassen zu können.
Der Methodismus wollte den Klippen des Empirismus und Dogmatismus gleicherweise entgehen. Seine Anhänger schlugen den Mittelweg ein; sie blieben nicht, wie die Empiriker, bloß bei der rein praktischen Handhabung der Heilmittel stehen, sondern suchten die pathologischen Vorgänge auch theoretisch zu erklären, sie gingen über das Grobsinnliche hinaus, aber sie verschmähten es, im Gegensatz zu den Dogmatikern, bis zu den ersten Krankheitsursachen und bis zur Krankheitslokalisation vorzudringen oder den Kausalnexus der Symptome zu ergründen und blieben bei gewissenKrankheitszuständen, die willkürlich aus der großen Menge herausgezogen wurden, haften. Nicht allein die Physiologie, sondern auch die Anatomie, besonders die pathologische, deren Anfänge in Alexandrien bereits aufgetaucht waren, galt der Schule der Methodiker ebenso überflüssig, wie Aetiologie und Symptomatologie. Die Anatomie wollten die Methodiker in der ärztlichen Ausbildung allerdings nicht gänzlich vermissen, manche von ihnen beschäftigten sich sogar intensiver mit ihr, hielten es jedoch im allgemeinen für genügend, die Namen der Körperteile zu wissen.
Der Methodismus wollte den Klippen des Empirismus und Dogmatismus gleicherweise entgehen. Seine Anhänger schlugen den Mittelweg ein; sie blieben nicht, wie die Empiriker, bloß bei der rein praktischen Handhabung der Heilmittel stehen, sondern suchten die pathologischen Vorgänge auch theoretisch zu erklären, sie gingen über das Grobsinnliche hinaus, aber sie verschmähten es, im Gegensatz zu den Dogmatikern, bis zu den ersten Krankheitsursachen und bis zur Krankheitslokalisation vorzudringen oder den Kausalnexus der Symptome zu ergründen und blieben bei gewissenKrankheitszuständen, die willkürlich aus der großen Menge herausgezogen wurden, haften. Nicht allein die Physiologie, sondern auch die Anatomie, besonders die pathologische, deren Anfänge in Alexandrien bereits aufgetaucht waren, galt der Schule der Methodiker ebenso überflüssig, wie Aetiologie und Symptomatologie. Die Anatomie wollten die Methodiker in der ärztlichen Ausbildung allerdings nicht gänzlich vermissen, manche von ihnen beschäftigten sich sogar intensiver mit ihr, hielten es jedoch im allgemeinen für genügend, die Namen der Körperteile zu wissen.
Im Lichte der neuen Lehre verloren die wissenschaftlichen Bestrebungen der Vorgänger nahezu ihren Wert, und insbesondere fielen die großen Ansprüche, welche der Hippokratismus an die ärztliche Ausbildung und Individualität stellte, hinweg. Der Satz des Altmeisters der Heilkunst „das Leben ist kurz, die Kunst ist lang“ wurde geradezu in das Gegenteil verkehrt. Begreiflicherweise schwoll, wo so geringfügige Vorkenntnisse für die medizinische Laufbahn gefordert wurden, die Schar der Anhänger schon unterThemisongewaltig an, noch mehr aber nahm bei der Ebbe des damaligen Geisteslebens die Zahl der unberufenen und unlauteren Elemente zu, als dessen Schüler, der WeberssohnThessalosaus Tralleis in Lydien im Zeitraum von 6 Monaten die ganze Medizin, d. h. sein noch mehr vereinfachtes und für unfehlbar erklärtes System, zu lehren vorgab.
Thessalos, unter dessen Schülern sich angeblich ehemalige Schuster, Färber und Schmiede befanden, warf sich zum Reformator der Heilkunde auf und ließ sich von seiner ungebildeten oder halbgebildeten Gefolgschaft als unvergleichlichen Arzt huldigen. Ueber unleugbar großes Talent verfügend, aber mit noch größerer Anmaßung begabt und zum Scharlatan geboren, erinnert er in seinem ganzen Auftreten und in der Tonart, mit der er zeitgenössische und frühere Autoritäten befehdete, an so manche unerfreuliche Erscheinungen der Gegenwart. Seine Aussprüche, daß vor ihm selbst kein Arzt etwas Nützliches geleistet habe, daß die Aphorismen des Hippokrates Lügen seien, charakterisieren den Mann hinlänglich, und den Gipfelpunkt seiner Eitelkeit bezeichnet die Inschrift, auf einem Denkmal an der Appischen Straße, worin das Epitheton ἰατρονίκης „Besieger der Aerzte“ glänzte. Die Blütezeit desThessalosfällt in die Epoche Neros, dem er seine Schriften widmete. Diese bezogen sich unter anderem auf Diät, chronische Krankheiten und auf Chirurgie, auch richteten sie eine scharfe Polemik gegen die berühmten Vorgänger, z. B.Erasistratos.Von den Humoralpathologen wurde es ihm zum Vorwurf gemacht, daß er Organmittel, wie z. B. Leber-, Nierenmittel etc., leugnete und die galle- und schleimtreibenden Arzneien mit der Begründung verwarf, daß sie durch ihren Reiz erst die Entstehung dieser, als vermeintliche Materia peccans betrachteten Sekrete bewirken; übrigens spricht es für seine Selbständigkeit, daß er in Einzelheiten vonThemisonund auch von den Dogmen der methodischen Sekte überhaupt, abwich. Außer manchen unbestreitbaren Verdiensten auf dem Felde der Therapie erheischt es die Gerechtigkeit, demThessalosinsbesondere das eine nachzurühmen, daß er denUnterricht am Krankenbette, wohin ihn seine Schüler begleiteten, erteilte und darin seiner Zeit weit voraneilte.
Thessalos, unter dessen Schülern sich angeblich ehemalige Schuster, Färber und Schmiede befanden, warf sich zum Reformator der Heilkunde auf und ließ sich von seiner ungebildeten oder halbgebildeten Gefolgschaft als unvergleichlichen Arzt huldigen. Ueber unleugbar großes Talent verfügend, aber mit noch größerer Anmaßung begabt und zum Scharlatan geboren, erinnert er in seinem ganzen Auftreten und in der Tonart, mit der er zeitgenössische und frühere Autoritäten befehdete, an so manche unerfreuliche Erscheinungen der Gegenwart. Seine Aussprüche, daß vor ihm selbst kein Arzt etwas Nützliches geleistet habe, daß die Aphorismen des Hippokrates Lügen seien, charakterisieren den Mann hinlänglich, und den Gipfelpunkt seiner Eitelkeit bezeichnet die Inschrift, auf einem Denkmal an der Appischen Straße, worin das Epitheton ἰατρονίκης „Besieger der Aerzte“ glänzte. Die Blütezeit desThessalosfällt in die Epoche Neros, dem er seine Schriften widmete. Diese bezogen sich unter anderem auf Diät, chronische Krankheiten und auf Chirurgie, auch richteten sie eine scharfe Polemik gegen die berühmten Vorgänger, z. B.Erasistratos.Von den Humoralpathologen wurde es ihm zum Vorwurf gemacht, daß er Organmittel, wie z. B. Leber-, Nierenmittel etc., leugnete und die galle- und schleimtreibenden Arzneien mit der Begründung verwarf, daß sie durch ihren Reiz erst die Entstehung dieser, als vermeintliche Materia peccans betrachteten Sekrete bewirken; übrigens spricht es für seine Selbständigkeit, daß er in Einzelheiten vonThemisonund auch von den Dogmen der methodischen Sekte überhaupt, abwich. Außer manchen unbestreitbaren Verdiensten auf dem Felde der Therapie erheischt es die Gerechtigkeit, demThessalosinsbesondere das eine nachzurühmen, daß er denUnterricht am Krankenbette, wohin ihn seine Schüler begleiteten, erteilte und darin seiner Zeit weit voraneilte.
Bedeuten die theoretischen Prämissen der Methodiker eine Verirrung, so fällt dagegen das Urteil über die Rolle, die diese Schule in der antiken Medizin spielt, ganz anders und wesentlich günstiger aus, wenn man einzig allein ihre Tätigkeit am Krankenbette ins Auge faßt. Und nichts Besseres läßt sich wohl zu ihrem Lobe sagen, alsdaß die Therapie, wie sie von den rationell verfahrenden Methodikern betrieben wurde, so manchen gemeinsamen Zug mit dem scheinbar toto coelo verschiedenen Hippokratismus aufweist. Denn bildeten auch die Ansichten über das Walten der Naturheilkraft, über Krisen und kritische Tage, über den Einfluß der Individualität des Kranken auf den Verlauf der pathologischen Vorgänge — alles Dinge, denen die Methodiker keine Essentialität zusprachen — starre Scheidewände zwischen den beiden Hauptschulen des Altertums, so stimmten sie doch darin miteinander überein, daß sie dieAllgemeinbehandlungund diehygienisch-diätetische Therapiein den Vordergrund stellten, nach Indikationen handelten und nur solche Mittel verwendeten, welche einer geläuterten Erfahrung zu danken waren, hingegen alle rohen und abergläubischen Prozeduren verwarfen, den Gebrauch der drastischen Arzneien oder Eingriffe (z. B. Narkotika, Venäsektion, Arteriotomie, ausleerende Mittel) wesentlich beschränkten und von bestimmten Vorschriften abhängig machten. Obzwar von entgegengesetzten Vordersätzen ausgehend, befleißigten sich die Methodiker, gleich den Hippokratikern im Beginne akuter Affektionen einer exspektativen Behandlung, und trugen auch der Individualität des Patienten, wenigstens indirekt durch Rücksichtnahme auf die subjektiven Beschwerden (wobei allerlei Topika zur Anwendung kamen) Rechnung; in letzterer Hinsicht verfielen sie allerdings oft in Polypharmazie, die sich aber zumeist nur auf äußere Applikationen erstreckte. Und wiewohl sie den Glauben an kritische Krankheitsvorgänge in Abrede stellten, so richteten sie sich doch in ihrem Kurplan nach dem Krankheitsstadium und banden sich sogar bei der Behandlungchronischer Affektionen, deren systematische Therapie erst durch die methodische Schule geschaffen wurde, mit einer geradezu übertriebenen Pedanterie an bestimmteTage (Dreitagsfristen, διὰ τρίτον, daher auch Diatritarii genannt) und Zyklen.
In wohltätiger Reaktion gegen die Humoralpathologen erweiterten die Methodiker die vonAsklepiadeswieder inauguriertediätetisch-physikalischeTherapie und bereicherten die Formen der Stoffwechselkuren, der Bäderbehandlung, Hydrotherapie, Massage, Kinesiotherapie (Spaziergänge, Läufe, passive Bewegungen etc.), Klimatotherapie (Seefahrten) u. s. w. Wie weit sie darin gingen erhellt schon aus der Tatsache, daß sogar die den Hippokratikern bekanntenStimmübungen(ἀναφώνησις, clara lectio) wieder in Aufnahme kamen und sogar eigene Abhandlungen darüber erschienen. Wenn die Schule auch in der Aetiologie auf äußere Einflüsse gar kein Gewicht legte, so richtete sie dafür in der Behandlung ihr besonderes Augenmerk auf die Beschaffenheit der Kleidung und Lagerstätte, auf die Verhältnisse derBelichtung, Temperatur und Luft[12]des Krankenraumes.Im allgemeinen reichte man (im Anschluß an Asklepiades) bei Fieber erstnach drei Tagenkräftige Nahrung (Typus der Malaria?). Diese Behandlungsweise wurde geradezu zum Paradigma für die gesamte Therapie, indem man sich gerne an Dreitagsfristen „Diatritos“ hielt, wenn stärkere Eingriffe oder Modifikationen der Kur unternommen wurden. Die Bedeutung der Dreizahl spielt sogar in die Theorie hinüber, da z. B. behauptet wurde: Narben nach Hämorrhagien bilden sich binnen 3 Diatritoi = 7 Tagen, wie auch in anderen Naturerscheinungen die Dreizahl herrsche.
In wohltätiger Reaktion gegen die Humoralpathologen erweiterten die Methodiker die vonAsklepiadeswieder inauguriertediätetisch-physikalischeTherapie und bereicherten die Formen der Stoffwechselkuren, der Bäderbehandlung, Hydrotherapie, Massage, Kinesiotherapie (Spaziergänge, Läufe, passive Bewegungen etc.), Klimatotherapie (Seefahrten) u. s. w. Wie weit sie darin gingen erhellt schon aus der Tatsache, daß sogar die den Hippokratikern bekanntenStimmübungen(ἀναφώνησις, clara lectio) wieder in Aufnahme kamen und sogar eigene Abhandlungen darüber erschienen. Wenn die Schule auch in der Aetiologie auf äußere Einflüsse gar kein Gewicht legte, so richtete sie dafür in der Behandlung ihr besonderes Augenmerk auf die Beschaffenheit der Kleidung und Lagerstätte, auf die Verhältnisse derBelichtung, Temperatur und Luft[12]des Krankenraumes.
Im allgemeinen reichte man (im Anschluß an Asklepiades) bei Fieber erstnach drei Tagenkräftige Nahrung (Typus der Malaria?). Diese Behandlungsweise wurde geradezu zum Paradigma für die gesamte Therapie, indem man sich gerne an Dreitagsfristen „Diatritos“ hielt, wenn stärkere Eingriffe oder Modifikationen der Kur unternommen wurden. Die Bedeutung der Dreizahl spielt sogar in die Theorie hinüber, da z. B. behauptet wurde: Narben nach Hämorrhagien bilden sich binnen 3 Diatritoi = 7 Tagen, wie auch in anderen Naturerscheinungen die Dreizahl herrsche.
So war es auch nichts anderes als ein direkter Anschluß an die (den Gymnasten entlehnte) von den Hippokratikern geübte undMetasynkrisegenannte Methode, wennThessalosdie Therapie der dyskrasischen Krankheiten durchzyklische Stoffwechselkurenbereicherte, die eine Erschütterung und Umwandlung (recorporatio) des ganzen Körpers herbeiführen sollten. Eine solche Kur bestand einerseits in demCyclus metasyncriticus oder recorporativus(Entziehungskur durch Fasten in verschiedenen Graden, Genuß scharfer Substanzen, Pfeffer, Senf, Meerzwiebel, „zehrender“ Weine, dabei Bäder, aktive und passive Bewegung, Massage, Sinapismen, reizende Pflaster u. a.), anderseits in demCyclus resumptivus, welcher die Kräfte durch roborierende Diät und geeignete Maßnahmen wiederherzustellen hatte. In Dreitagsfristen oder auch auf längere Frist hinaus (z. B. 11 Tage), je nach den Umständen mit dem ersten oder zweiten Zyklus beginnend, aber höchstens nur dreimal nacheinander, wurde diese Behandlungsweise absolviert.
Der Methodismus an sich, war keiner fortschreitenden Entwicklung fähig, sondern höchstens die Therapie konnte erweitert, verbessert werden. Daraus erklärt es sich, daß ein großer Teil der Anhänger in der Folge einer gedankenlosen Routine oder wüster Empirie verfiel, während die befähigten Vertreter auf dem Wege kluger, kritischer Beobachtungzahlreiche und wertvolle praktische Erfahrungen sammelten, die sie der Schule zuliebe unter der Etikette des Systems subsumierten. Bemerkenswert ist es, daß mehrere derselben sich in gründlicher Weise mit derChirurgiebeschäftigten und insbesondere dieGeburtshilfeförderten.In der Blütezeit des römischen Cäsarentums erfreute sich das methodische System des größten Beifalls, Methodiker wurden von den vornehmen Kreisen am meisten zugezogen und trugen nicht wenig zur Hebung der sozialen Stellung bei, welche der gesamte Aerztestand fürderhin in der Weltmonarchie einnahm.
Die Massenbehandlung, wie sie den römischen Sklaven in den Valetudinarien zu teil werden mußte, bildete eine der Hauptursachen der raschen und weitreichenden Aufnahme des methodischen Systems, denn hierzu eignete es sich ganz besonders.Von Methodikern, welche sich einen Namen machten, wären folgende anzuführen: der ChirurgMeges von Sidon,Proklos,Dionysios(nahm auch eine physiologische Straffheit und Lockerheit an, zeichnete sich auch als Chirurg aus, Hämorrhoidenbehandlung),Mnaseas(führte manche Leiden, wie Lethargus, Paralyse, Katarrh auf beide Kommunitäten zurück),Antipatros(verfaßte mehrere Bücher medizinischer Briefe),Menemachos von Aphrodisias(hinterließ verschiedene Arzneikompositionen),Olympikos aus Miletos,Eudemos, der Themisonianer(vergiftete auf Anstiften der Livia den Drusus),Vettius Valens(hingerichtet wegen seiner ehebrecherischen Beziehung zur Messalina),Asiaticus,Apollonides von Kypros,Julianos(medizinischer Vielschreiber, der Schriften über Propädeutik und 48 Bände gegen die hippokrat. Aphor. verfaßt haben soll) u. a. Neben anderen Schulmeinungen wurde auch diejenige der Methodiker benützt von: dem ausgezeichneten ChirurgenLeonides aus Alexandreia, von dem um die Therapie, besonders aber um die Gynäkologie verdientenPhilumenos(die von ihm noch erhaltenen Abschnitte über Unterleibsleiden ed. von Puschmann, Nachträge zu Alexander Trallianus etc. Berliner Studien V. 2. 1886) u. a.
Die Massenbehandlung, wie sie den römischen Sklaven in den Valetudinarien zu teil werden mußte, bildete eine der Hauptursachen der raschen und weitreichenden Aufnahme des methodischen Systems, denn hierzu eignete es sich ganz besonders.
Von Methodikern, welche sich einen Namen machten, wären folgende anzuführen: der ChirurgMeges von Sidon,Proklos,Dionysios(nahm auch eine physiologische Straffheit und Lockerheit an, zeichnete sich auch als Chirurg aus, Hämorrhoidenbehandlung),Mnaseas(führte manche Leiden, wie Lethargus, Paralyse, Katarrh auf beide Kommunitäten zurück),Antipatros(verfaßte mehrere Bücher medizinischer Briefe),Menemachos von Aphrodisias(hinterließ verschiedene Arzneikompositionen),Olympikos aus Miletos,Eudemos, der Themisonianer(vergiftete auf Anstiften der Livia den Drusus),Vettius Valens(hingerichtet wegen seiner ehebrecherischen Beziehung zur Messalina),Asiaticus,Apollonides von Kypros,Julianos(medizinischer Vielschreiber, der Schriften über Propädeutik und 48 Bände gegen die hippokrat. Aphor. verfaßt haben soll) u. a. Neben anderen Schulmeinungen wurde auch diejenige der Methodiker benützt von: dem ausgezeichneten ChirurgenLeonides aus Alexandreia, von dem um die Therapie, besonders aber um die Gynäkologie verdientenPhilumenos(die von ihm noch erhaltenen Abschnitte über Unterleibsleiden ed. von Puschmann, Nachträge zu Alexander Trallianus etc. Berliner Studien V. 2. 1886) u. a.
Den Höhepunkt erreichte die methodische Schule in dem berühmtesten Frauenarzt des Altertums,Soranosaus Ephesos; ihre Nachwirkungen lassen sich durch das Mittelalter hindurch bis in die Neuzeit verfolgen.
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(Celsus, Plinius.)
Auch nach den Triumphen der griechischen Medizin verwehrte es die nationale Tradition den vornehmen Römern, den ärztlichen Beruf zu ergreifen und mit fremden Abenteurern, Freigelassenen oder Sklaven in den Wettkampf zu treten; den wenigen, welche das Vorurteil überwanden, haftete der Makel des Volksverrats an.
Die Geringschätzung des Heilgewerbes war aber keineswegs identisch mit einer Mißachtung der Heilkunde an sich.Im Gegenteil, das Interesse für diese stieg stetig an, wegen der (für die römische Denkweise ausschlaggebenden) praktischen Nützlichkeit, und wie sehr sich die Wißbegierde gerade der erleuchtetsten Geister auch auf medizinische Fragen erstreckte, beweisen zahlreiche Stellen in den WerkenCicerosundSenecas, die überraschenden hygienischen Bemerkungen des genialen Architekten der augusteischen Epoche,VitruviusPollio, die interessante Notizensammlung desAulus Gellius.