Von römischen Familien, aus denen Aerzte hervorgingen, werden namentlich die Quintier, Cassier, Calpetaner, Rubrier, Arruntier erwähnt. — BeiCicerokommen der Briefwechsel mit Atticus und die Schriften De natura deorum (cap. 54-57), de senectute in Betracht. Der Philosoph L. AnnaeusSeneca, welcher zeitlebens kränkelte, verfaßte eine leider verloren gegangene Schrift de immatura morte und bespricht in seinen Briefen mit großer Selbständigkeit die Entstehung von Krankheiten durch Luxus und Schwelgerei, die Nachteile des übertriebenen Badens, Schwitzens und Medizinierens, den lebensverlängernden Einfluß der Mäßigkeit und der Landluft. Wiederholt geißelt er in bitteren Worten das standesunwürdige Treiben der Scharlatane seiner Zeit, anderseits erhebt er sich in der schönen Abhandlung de beneficiis (lib. VI) zum höchsten Lob des treuen, wachsamen Arztes, für dessen unschätzbare Freundesdienste man auch nach Zahlung des Honorars Schuldner bleibe: pretium operae solvitur, animi debetur. — In dem berühmten Werke de architectura desVitruviuskommt die Rede auch auf die hygienischen Erfordernisse, und als günstig wird es bezeichnet, wenn ein Ort hoch liegt, weder den Winden noch dem Nebel, weder zu großer Kälte noch Hitze ausgesetzt ist und fern von Sümpfen liegt, deren giftige Dünste auf den Menschen verderblich wirken. Als ungünstiges Zeichen der sanitären Beschaffenheit einer Oertlichkeit sei es anzusehen, wenn man bei den Schlachttieren die Leber häufig grüngelb verfärbt vorfindet. Der Zutritt des Tageslichtes zu den einzelnen Zimmern des Hauses ist je nach dem Zwecke derselben zu regeln. Bei Besprechung der Wasserleitungen hebt Vitruvius den Nachteil derbleiernen Röhren hervor und gedenkt der Krankheiten der Bleiarbeiter. Die Entstehung der Kröpfe leitet er vom Trinkwasser mancher Gegenden ab. —Gellius(geb. um 130 n. Chr.) erklärte ein gewisses Mindestmaß von medizinischen Kenntnissen auch für den Laien unentbehrlich und brachte unter seinen Lesefrüchten aus allen Wissensgebieten auch Notizen über die Lebensfähigkeit von Siebenmonatskindern, über Fünflinge, Fehlgeburten, über die ominöse Bedeutung des 63. Lebensjahres, über die Pflicht des Stillens u. a.
Von römischen Familien, aus denen Aerzte hervorgingen, werden namentlich die Quintier, Cassier, Calpetaner, Rubrier, Arruntier erwähnt. — BeiCicerokommen der Briefwechsel mit Atticus und die Schriften De natura deorum (cap. 54-57), de senectute in Betracht. Der Philosoph L. AnnaeusSeneca, welcher zeitlebens kränkelte, verfaßte eine leider verloren gegangene Schrift de immatura morte und bespricht in seinen Briefen mit großer Selbständigkeit die Entstehung von Krankheiten durch Luxus und Schwelgerei, die Nachteile des übertriebenen Badens, Schwitzens und Medizinierens, den lebensverlängernden Einfluß der Mäßigkeit und der Landluft. Wiederholt geißelt er in bitteren Worten das standesunwürdige Treiben der Scharlatane seiner Zeit, anderseits erhebt er sich in der schönen Abhandlung de beneficiis (lib. VI) zum höchsten Lob des treuen, wachsamen Arztes, für dessen unschätzbare Freundesdienste man auch nach Zahlung des Honorars Schuldner bleibe: pretium operae solvitur, animi debetur. — In dem berühmten Werke de architectura desVitruviuskommt die Rede auch auf die hygienischen Erfordernisse, und als günstig wird es bezeichnet, wenn ein Ort hoch liegt, weder den Winden noch dem Nebel, weder zu großer Kälte noch Hitze ausgesetzt ist und fern von Sümpfen liegt, deren giftige Dünste auf den Menschen verderblich wirken. Als ungünstiges Zeichen der sanitären Beschaffenheit einer Oertlichkeit sei es anzusehen, wenn man bei den Schlachttieren die Leber häufig grüngelb verfärbt vorfindet. Der Zutritt des Tageslichtes zu den einzelnen Zimmern des Hauses ist je nach dem Zwecke derselben zu regeln. Bei Besprechung der Wasserleitungen hebt Vitruvius den Nachteil derbleiernen Röhren hervor und gedenkt der Krankheiten der Bleiarbeiter. Die Entstehung der Kröpfe leitet er vom Trinkwasser mancher Gegenden ab. —Gellius(geb. um 130 n. Chr.) erklärte ein gewisses Mindestmaß von medizinischen Kenntnissen auch für den Laien unentbehrlich und brachte unter seinen Lesefrüchten aus allen Wissensgebieten auch Notizen über die Lebensfähigkeit von Siebenmonatskindern, über Fünflinge, Fehlgeburten, über die ominöse Bedeutung des 63. Lebensjahres, über die Pflicht des Stillens u. a.
Zu nicht geringem Teil wurzelte übrigens die dilettantische Beschäftigung mit der Medizin auch in der Absicht, von den halb angestaunten, halb gehaßten Fremdlingen unabhängig zu werden, die erworbenen Kenntnisse an sich selbst, bei Verwandten und Freunden oder in den, für die Familia rustica bestimmten Valetudinarien praktisch anzuwenden. Wie es längst Schriften gab, welche dem gebildeten Römer in den Lauten der Muttersprache die Geheimnisse der Rhetorik und Philosophie, der Staatswissenschaft, des Kriegswesens und der Landwirtschaft vermittelten, so erwuchs auch das Bedürfnis nach einer gleichwertigen medizinischen Literatur, umsomehr, als das alte Werk des Cato dem fortgeschrittenen Zeitgeist nicht mehr standhielt. Die Schwierigkeiten, die es hier zu überwinden galt, waren allerdings weit größer als sonstwo, da das Bücherstudium allein, ohne praktische Erfahrung, für die kritische Bearbeitung der Vorlagen nicht ausreichte und sogar die bloße Kompilation bei der Uebertragung ins Lateinische wegen der noch mangelnden Kunstausdrücke mit bedeutenden Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Doch, was der eiserne römische Wille vermochte, das bewies die bewundernswerte Leistung des streng nationalgesinnten PolyhistorsMarcus Terentius Varro(117-26 v. Chr.), welcher seine gelehrten Forschungen auf alle Wissensgebiete ausdehnte und sowohl in seiner großen Enzyklopädie (Disciplinarum libri IX), als auch in seiner noch erhaltenen Abhandlung über den Landbau (Rer. rusticar. libri III) die Medizin in den Kreis der Betrachtung zog.
Außerdem beschäftigten sich höchstwahrscheinlich auchVarros„Imagines“ (Biographien und Porträts) mit der Geschichte der Aerzte, die Schrift „Catus sive de liberis educandis“ mit ärztlichen Dingen. In de re rustica (zugleich mit Catos de agricultura herausgegeben von H. Keil, Leipzig 1895) gibtVarrohygienische Vorschriften für den Bau von Landhäusern, berichtet, wie er bei einer verheerenden Seuche auf Corcyra (Korfu) durch Ventilation, Isolierung der Kranken, Erneuerung der Wohnungen Hilfe brachte, und von höchstem Interesse ist es, daß er (ibidem l. I, 12, 2) die Malaria mit genialer Antizipation von unsichtbaren Lebewesen herleitet: „Animadvertendum etiam, si qua erunt loca palustria ...... quod crescunt animalia quaedam minuta, quae non possunt oculis consequi, et per aëra intus in corpus per os ac nares perveniunt atque efficiunt difficiles morbos.“
Außerdem beschäftigten sich höchstwahrscheinlich auchVarros„Imagines“ (Biographien und Porträts) mit der Geschichte der Aerzte, die Schrift „Catus sive de liberis educandis“ mit ärztlichen Dingen. In de re rustica (zugleich mit Catos de agricultura herausgegeben von H. Keil, Leipzig 1895) gibtVarrohygienische Vorschriften für den Bau von Landhäusern, berichtet, wie er bei einer verheerenden Seuche auf Corcyra (Korfu) durch Ventilation, Isolierung der Kranken, Erneuerung der Wohnungen Hilfe brachte, und von höchstem Interesse ist es, daß er (ibidem l. I, 12, 2) die Malaria mit genialer Antizipation von unsichtbaren Lebewesen herleitet: „Animadvertendum etiam, si qua erunt loca palustria ...... quod crescunt animalia quaedam minuta, quae non possunt oculis consequi, et per aëra intus in corpus per os ac nares perveniunt atque efficiunt difficiles morbos.“
Dem Vorbilde nachstrebend, trugA. Cornelius Celsuswahrscheinlich zwischen 25 und 35 n. Chr. das Wissen seiner Zeit in einer groß angelegten Enzyklopädie zusammen, welche den Titel „Artes“ trugund außer der Rhetorik, Philosophie und Jurisprudenz auch das Kriegswesen, die Landwirtschaft und die Medizin behandelte. Mit Ausnahme von spärlichen Fragmenten der Rhetorik ist davon nur der medizinische TeilDe medicina libri octoauf uns gekommen, ein Werk, das neben dem Corpus Hippocraticum und den Schriften Galens das hochragendste Denkmal der antiken Medizin darstellt (Hippocrates latinus).
Die Medizin desCelsus, durch Frische und Prägnanz der Darstellung, wie ein modernes Kompendium anmutend, auch hinsichtlich der sprachlichen Eleganz eine Zierde der römischen Literatur, steht auf der Höhe ihrer Zeit, ist aber im wesentlichen aus den Werken des Hippokrates, der Alexandriner und der Schule des Asklepiades geschöpft; jedoch erhebt die Selbständigkeit, mit welcherCelsusentscheidende Urteile fällt, oft aus eigenen Erfahrungen seine Schlüsse zieht, seine Kompilation zum Rang eines Originals. Ja, sie ersetzt uns die verloren gegangene Literatur der Alexandriner. Wiewohlkein Berufsarzt, ist esein geistvoller ärztlicher Denker, ein mustergültiger Praktiker, der darin das Wort führt, und geleitet von edelster Auffassung der Heilkunst die Früchtehippokratischen Geistesin der edlen Schale der römischen Mundart darreicht.
Die oft aufgeworfene Frage, ob Celsus „Arzt“ im eigentlichen Sinne des Wortes gewesen, löst sich von selbst innegativemSinne bei Berücksichtigung seiner Abstammung und der nationalen Vorurteile der Patrizier gegen die gewerbsmäßige Ausübung der Medizin, ferner im Hinblick auf die umfassenden Schriften, von denen gewiß jede einzelne den „Fachmann“ eines bestimmten Wissensgebietes widerspiegelte. (Nennt doch z. B. der spätere landwirtschaftliche Schriftsteller Columella den Celsus universae naturae prudentem virum.) Ebenso ist es nur unter dieser Voraussetzung verständlich, daßCelsus in der ärztlichen Literatur des Altertums nirgends zitiertwird. (Bloß Plinius gedenkt seiner, aber nicht als medicus, sondern als auctor.) Aber auch die Prüfung des Werkes selbst spricht gegen die Annahme, daß Celsus Berufsarzt war, denn unverhohlen äußert er wiederholt seine skeptische Grundanschauung über den Wert der Medizin. („Ut alimenta sanis corporibus agricultura, sic sanitatem aegris medicinapromittit.“ — „Ideoque multiplex ista medicina .... vix aliquos ex nobis ad senectutis principia perducit“ u. a.) und an mehreren Stellen rühmt er beinahe die Volksmedizin gegenüber der wissenschaftlichen (z. B. bei Besprechung der Augen- und Zahnmittel). Damit steht aber keineswegs im Widerspruch, daß Celsus außer dem Bücherstudium die Heilkunde aus Liebhaberei auchpraktisch(namentlich im Valetudinarium) betrieb und aus eigener Anschauung (im Verkehr mit Aerzten) kennen lernte. Dies geht aus seiner meisterhaften Darstellung im ganzen hervor (worin er niemals wieder von einem „Laien“ erreicht wurde), namentlich aber aus den Stellen, wo er chirurgische Eingriffe beschreibt oder voneigenenErfahrungen redet.Im Mittelalter war die Schrift des Celsus fast verschollen, jedenfalls ohne Einfluß auf die Entwicklung der Heilkunde.Die erste, jetzt nicht mehr bekannte Handschrift, aus welcher alle folgenden hervorgegangen sind (denn überall findet sich, neben kleineren, dieselbe große Lücke im 27. Kap. des IV. Buches), soll von dem späteren Papste Nikolaus V. (Thomas Perentocelli deSarzana) im 15. Jahrhundert entdeckt worden sein. Die außerordentliche Anerkennung, welche man dem Celsus in der Renaissancezeit mit Recht zollte, ist daraus zu ersehen, daß sein Werk (noch früher als galenische oder hippokratische Schriften) als eines der ersten unter den medizinischen im Druck erschien:Editio princeps,Florenz1478. Seither wurden zahlreiche Ausgaben veranstaltet; die letzte kritische rührt von Daremberg her; A. Cornelii Celsi de Medicina libri octo, Leipzig 1859 (Teubner). Der Text derselben ist benützt in der sehr empfehlenswerten Ausgabe von A. Vedrenes, Paris 1876. Celsus wurde auch in verschiedene Sprachen übersetzt, unter den neueren deutschen Uebertragungen ist diejenige von Ed. Scheller (A. Cornelius Celsus, über die Arzneiwissenschaft, Braunschweig 1846) die beste.
Die oft aufgeworfene Frage, ob Celsus „Arzt“ im eigentlichen Sinne des Wortes gewesen, löst sich von selbst innegativemSinne bei Berücksichtigung seiner Abstammung und der nationalen Vorurteile der Patrizier gegen die gewerbsmäßige Ausübung der Medizin, ferner im Hinblick auf die umfassenden Schriften, von denen gewiß jede einzelne den „Fachmann“ eines bestimmten Wissensgebietes widerspiegelte. (Nennt doch z. B. der spätere landwirtschaftliche Schriftsteller Columella den Celsus universae naturae prudentem virum.) Ebenso ist es nur unter dieser Voraussetzung verständlich, daßCelsus in der ärztlichen Literatur des Altertums nirgends zitiertwird. (Bloß Plinius gedenkt seiner, aber nicht als medicus, sondern als auctor.) Aber auch die Prüfung des Werkes selbst spricht gegen die Annahme, daß Celsus Berufsarzt war, denn unverhohlen äußert er wiederholt seine skeptische Grundanschauung über den Wert der Medizin. („Ut alimenta sanis corporibus agricultura, sic sanitatem aegris medicinapromittit.“ — „Ideoque multiplex ista medicina .... vix aliquos ex nobis ad senectutis principia perducit“ u. a.) und an mehreren Stellen rühmt er beinahe die Volksmedizin gegenüber der wissenschaftlichen (z. B. bei Besprechung der Augen- und Zahnmittel). Damit steht aber keineswegs im Widerspruch, daß Celsus außer dem Bücherstudium die Heilkunde aus Liebhaberei auchpraktisch(namentlich im Valetudinarium) betrieb und aus eigener Anschauung (im Verkehr mit Aerzten) kennen lernte. Dies geht aus seiner meisterhaften Darstellung im ganzen hervor (worin er niemals wieder von einem „Laien“ erreicht wurde), namentlich aber aus den Stellen, wo er chirurgische Eingriffe beschreibt oder voneigenenErfahrungen redet.
Im Mittelalter war die Schrift des Celsus fast verschollen, jedenfalls ohne Einfluß auf die Entwicklung der Heilkunde.Die erste, jetzt nicht mehr bekannte Handschrift, aus welcher alle folgenden hervorgegangen sind (denn überall findet sich, neben kleineren, dieselbe große Lücke im 27. Kap. des IV. Buches), soll von dem späteren Papste Nikolaus V. (Thomas Perentocelli deSarzana) im 15. Jahrhundert entdeckt worden sein. Die außerordentliche Anerkennung, welche man dem Celsus in der Renaissancezeit mit Recht zollte, ist daraus zu ersehen, daß sein Werk (noch früher als galenische oder hippokratische Schriften) als eines der ersten unter den medizinischen im Druck erschien:Editio princeps,Florenz1478. Seither wurden zahlreiche Ausgaben veranstaltet; die letzte kritische rührt von Daremberg her; A. Cornelii Celsi de Medicina libri octo, Leipzig 1859 (Teubner). Der Text derselben ist benützt in der sehr empfehlenswerten Ausgabe von A. Vedrenes, Paris 1876. Celsus wurde auch in verschiedene Sprachen übersetzt, unter den neueren deutschen Uebertragungen ist diejenige von Ed. Scheller (A. Cornelius Celsus, über die Arzneiwissenschaft, Braunschweig 1846) die beste.
In der formell, wie inhaltlich meisterhaften Einleitung (Prooemium) schildert Celsus den historischen Werdegang der Heilkunde bis Asklepiades und Themison, zeigt, wie sich allmählich die Therapie in die pharmakologische, diätetische, chirurgische scheidet und urteilt mit Würde ohne Voreingenommenheit und Leidenschaft als unparteiischer Richter über den Wert der dogmatischen, empirischen und methodischen Schule. Besonders der Abschnitt, worin er die Denkfehler der Methodiker nachweist, gehört zu dem Besten, was die wenig gepflegte medizinische Erkenntnistheorie aufzuweisen hat.
Was wir über die Forschungsweise der Alexandriner und über die Denkmethodik der einzelnen Schulen wissen, verdanken wir zum großen Teile der lichtvollen Darlegung des Celsus; dies gilt namentlich für die Empiriker. Mit großer Klarheit weist er auch nach, wie die Methodiker mehr als die übrigen doktrinär, „dogmatisch“ verfuhren und dabei an Tiefe der Forschung, an Weite des Blickfeldes zurückstanden. Dabei sei nur ihre Einseitigkeit neu, denn längst vorher habe Hippokrates empfohlen, das Gemeinsame der Krankheiten zu beachten, ohne aber dabei stehen zu bleiben. In der Praxis verwickelten sich die Methodiker in Widersprüche; denn sie müßten dabei doch z. B. verschiedene Formen der Erschlaffung, also verschiedene Krankheitstypen berücksichtigen und trotz ihrer Ablehnung der Aetiologie auf den Einfluß des Klimas, der Jahreszeiten u. s. w. achten. Die Art von Praxis, die sie pflegen, sei unter den barbarischen Völkern und in der Tierheilkunde üblich, auch besonders bei denen beliebt, welche dieMassenbehandlung in den Valetudinarienversehen.
Was wir über die Forschungsweise der Alexandriner und über die Denkmethodik der einzelnen Schulen wissen, verdanken wir zum großen Teile der lichtvollen Darlegung des Celsus; dies gilt namentlich für die Empiriker. Mit großer Klarheit weist er auch nach, wie die Methodiker mehr als die übrigen doktrinär, „dogmatisch“ verfuhren und dabei an Tiefe der Forschung, an Weite des Blickfeldes zurückstanden. Dabei sei nur ihre Einseitigkeit neu, denn längst vorher habe Hippokrates empfohlen, das Gemeinsame der Krankheiten zu beachten, ohne aber dabei stehen zu bleiben. In der Praxis verwickelten sich die Methodiker in Widersprüche; denn sie müßten dabei doch z. B. verschiedene Formen der Erschlaffung, also verschiedene Krankheitstypen berücksichtigen und trotz ihrer Ablehnung der Aetiologie auf den Einfluß des Klimas, der Jahreszeiten u. s. w. achten. Die Art von Praxis, die sie pflegen, sei unter den barbarischen Völkern und in der Tierheilkunde üblich, auch besonders bei denen beliebt, welche dieMassenbehandlung in den Valetudinarienversehen.
Der Standpunkt, den Celsus selbst einnimmt, ist ein gemäßigter.Theorie und Erfahrung einander ergänzend und kontrollierend, bilden vereint die Grundlage der wahren Heilkunst.Es sei zwar nicht die naturwissenschaftliche Bildung (besonders Anatomie und Physiologie) allein, welche an sich den Arzt machte, doch bewirke sie, daß er Besseres in seinem Fache leistet. „Verumque est, ad ipsam curandi rationem nihil pius conferre, quam experientiam. Quamquam igitur multa sind ad ipsas artes proprie non pertinentia, tamen eas adjuvant, excitando artificis ingenium. Verique simile est, et Hippocratem et Erasistratum et quicumque alii, non contenti febres et ulcera agitare, rerum quoque naturam ex aliqua parte scrutati sunt, non ideo quidemmedicos fuisse, verum ideo quoque majores medicos extitisse.“ Nur müsse beherzigt werden, daß die Medizin eine Konjekturalwissenschaft sei, in welcher scheinbar sicher gestellte Voraussetzungen im Spezialfalle nicht immer zutreffen, und die Spekulation dürfe zwar im Denken, nicht aber im ärztlichen Handeln eine leitende Stelle einnehmen: „est enim haec ars conjecturalis; neque respondet ei plerumque non solum conjectura, sed etiam experientia“ ..... rationalem quidem puto medicinam esse debere: instrui vero ab evidentibus causis; obscuris omnibus, non a cogitatione artificis, sed ab ipsa arte rejectis. Die Vivisektion am Menschen sei verwerflich, die Leichensektion hingegen nötig. Incidere autem vivorum corpora, et crudele, et supervacuum est; mortuorum, discentibus necessarium.... Celsus ist ein Verehrer der großen Vorgänger, und hütet ihre Verdienste mit Pietät, ohne darum den Neuern ungerecht zu werden. „Oportet autem neque recentiores viros in iis fraudare, quae vel reperunt, vel recte secuti sunt; et tamen ea, quae apud antiquiores aliquos posita sunt, auctoribus suis reddere“ (lib. II, cap. 14). Aber diese Verehrung für die Autoritäten wird nicht zum blinden Autoritätsglauben, so tritt er wiederholt nicht bloß demAsklepiades, sondern sogar demHippokrates(z. B. hinsichtlich des Glaubens an die kritischen Tage) entgegen.
Der gewaltige Stoff ist folgendermaßen über die acht Bücher verteilt. Buch I: Diätetik für Gesunde; Buch II: Allgemeine Pathologie, Semiotik, Prognostik, therapeutische Indikationen; Buch III und IV: Spezielle Pathologie, mit der Einteilung in allgemeine und Lokalaffektionen. Bücher V-VIII sind chirurgischen Inhalts (besonders wertvoll ist dieBeschreibung des Steinschnittsund derplastischen Operationen) mit Einschluß der Augenheilkunde und Geburtshilfe.
Anatomie und Physiologiesind bei Celsus nur soweit berücksichtigt, als praktisch-medizinische Zwecke in Betracht kommen. Die Knochenlehre ist verhältnismäßig gut dargestellt (VIII, 1), insbesondere beruht die Beschreibung des Schädels auf sorgfältiger Untersuchung. Die einzelnen Muskeln finden dagegen keine Darstellung, caro bedeutet Weichteile im allgemeinen. Mit venae bezeichnet er oft Gefäße überhaupt, unterscheidet aber an anderen Stellen luftführende arteriae und blutführende venae. Der Terminus nervi bedeutet bald Nerv, bald Muskel und Sehne. Von den übrigen Eingeweiden viscera trennt Celsus den Darm, dessen wohl unterschiedene Abschnitte er insgesamt intestina benennt. Ihre grobe Schilderung (Lageverhältnisse) findet sich lib. IV, cap. 1. Mangelhaft und unbestimmt ist die Beschreibung der Sinnesorgane, auch des Auges, obzwar letztere sogar sehr ausführlich gehalten ist (VII, cap. 7 § 13). Die Physiologie steht auf der Höhe des Corpus Hippocraticum. — DerDiät und Hygieneim gesunden und kranken Zustand ist das I. Buch gewidmet, wobei teils hippokratische, teils methodische Anschauungen zu grunde liegen, aber auch des Autors Originalität und die Anpassung an römisches Leben hervortritt. Hier geht Celsus stark in Einzelheiten und gibt unter Berücksichtigung der einzelnen Krankheitszustände sorgfältige Vorschriften fürdie Ernährung und für die Lebensweise in Bezug auf den Aufenthalt (Stadt, Land, Fuß- und Seereisen), Temperatureinflüsse, Bäder, Tätigkeit (lautes Lesen, Fechten, Ballspiel, Laufen, Spazierengehen, Bergsteigen etc.), Geschlechtsgenuß u. s. w. Auch das Verhalten zur Zeit von Epidemien wird berücksichtigt. Die zweite Hälfte des II. Buches behandelt den Nährwert der verschiedensten animalischen sowie vegetabilischen Stoffe in genauester Uebersicht, und gruppiert dieselben, je nachdem sie „guten“ oder „schlechten Nahrungssaft“ enthalten, mild oder scharf, schleimverdünnend oder schleimerzeugend, zuträglich oder unzuträglich sind, bezw. blähend, erwärmend, kühlend, gärungserregend, abführend, stopfend, erhärtend, erweichend, harntreibend, narkotisch wirken. — Die Lehre von denHeilmittelnund von derZubereitung der zusammengesetzten Arzneienfüllt nebst derToxologieden größten Teil des V. Buches. Hierbei kommen je nach ihrer Wirkung zuerst die Simplicia, sodann die verschiedenen Formen der Arzneien, Umschläge, Pflaster, Pastillen, Streupulver, flüssige Einreibungsmittel, Mutterzäpfchen, Pillen (Catapotia) zur Sprache. Die Kapitel 23 und 27 betreffen die Vergiftung durch den Biß oder Stich von Tieren, durch Speisen und Getränke. Bemerkenswert ist die Schilderung der Lyssa und manche zweckmäßige Vorschrift zur Behandlung; so wird angeraten, das Gift aus der Wunde durch Schröpfköpfe, Ausbrennen, Aussaugen (letzteres sei ungefährlich, wenn Lippen, Zahnfleisch, Gaumen der aussaugenden Person unverletzt sind) möglichst rasch zu entfernen, bei inneren Vergiftungen harntreibende Mittel, bezw. Oel und Brechmittel oder Milch anzuwenden. Unter den Universalgegengiften wird die Zusammensetzung der Ambrosia desZopyrosund des Mithridates (es werden 37 Bestandteile aufgezählt) mitgeteilt.Die allgemeineAetiologie, Semiotik und Prognostikstellt den Inhalt der ersten acht Kapitel des II. Buches dar und ist vorwiegend aus Hippokrates geschöpft, wie Celsus selbst einleitend bemerkt: „non dubitabo auctoritate antiquorum virorum uti, maximeque Hippocratis; quum recentiores medici, quamvis quaedam in curationibus mutarint, tamen haec illum optime praesagisse fateantur.“ Wie dieser schildert er den Einfluß der Jahreszeiten, der Witterung, des Alters, der Konstitution auf die Entstehung von Krankheiten und bringt eine Fülle von unvergänglich wahren Bemerkungen über die prognostischen Kennzeichen. Von höchstem Interesse ist das 2. Kapitel, welches die Zeichen bevorstehenden Erkrankens und das 6. Kapitel, welches die Zeichen des bevorstehenden Todes (darunter die Facies Hippocratica) angibt, ferner die (im 7. u. 8. Kapitel) angeführten prognostisch wichtigen Symptome bestimmter Affektionen, z. B. der Schwindsucht, der Wassersucht, eines Unterleibsabszesses, des Leberabszesses, der Nieren- und Blasenaffektionen. Besonders fesseln die Schilderung der Abnormitäten des Harns, der Symptome des Blasensteins, der Vorboten der Raserei, der letzten Stadien des Phthisikers u. a. — alles von Meisterhand entworfen und noch heute lesenswert! Die folgenden Kapitel dieses Buches enthalten dieallgemeine Therapie, wobei Celsus mit feiner Kritik sowohl die Hippokratiker wie die Schule des Asklepiades zur Geltung kommen läßt. Demgemäß weist er bei der Indikationsstellung zum Aderlaß eine ganze Reihe von Bedenken der älteren Aerzte (z. B. Alter, Schwangerschaft) zurück und findet nur in zu großer Körperschwäche eine Gegenanzeige; vortrefflich sind die Anweisungen über die Ausführung der Venäsektion und die Warnungen vor Kunstfehlern, die hierbei vorkommen. Weiterhin bespricht er das Schröpfen (blutiges und trockenes, mit Schröpfköpfen aus Horn oder Kupfer), die Abführmittel (event. zu ersetzen durch laxierend wirkende Speisen, Wasser-, Schleim-, Salz-, Oelklistiere) und Brechmittel (bezüglich welcher er mit Asklepiades nicht ganz übereinstimmt), endlich die Lieblingsmethoden der damaligen Medizin: die Massage (frictio), die aktive undpassive Bewegung (gestatio), das Fasten und Schwitzen (durch Wasserbäder, Sandbäder, Dampfbäder, warme Luftbäder, letztere z. B. in Bajä, Sonnenbäder). Mit größter Sorgfalt werden in diesen Abschnitten sowohl die Indikationen als die Technik der genannten Prozeduren besprochen. — Diespezielle Pathologie und Therapieist im III. und IV. Buche niedergelegt. Celsus wendet sich gegen die damals übliche Einteilung in akute und chronische Affektionen, er unterscheidet prinzipiell allgemeine und lokale Krankheiten, welch letztere a capite ad calcem vorgeführt werden. Unter den allgemeinen schildert er zunächst, frei von jedem dogmatischen Standpunkt, die verschiedenen Fieberarten und ihre vorzugsweise diätetische Behandlung; wichtig ist es, daß er die Theorie von den kritischen Tagen verwirft und, ungleich den Methodikern, streng individualisiert; namentlich das Verhalten des Pulses gibt ihm einen Maßstab für den Kräftezustand und die Richtschnur für das therapeutische Eingreifen, jedoch weist er auf die Fehler hin, die bei der Pulsuntersuchung unterlaufen können. Auch für die einzelnen Symptome des Fiebers, wie Kopfschmerz und Entzündung (falsch sei die Meinung des Erasistratos, daß jedes Fieber auf Entzündung beruhe), werden hygienisch-diätetische Behandlungsweisen angeraten. (Lib. III cap. 10 steht die berühmte symptomatologische Definition der Entzündung: „Notae vero inflammationis sunt quatuor, rubor et tumor, cum calore et dolore.“) Glänzend und von aktuellster Bedeutung ist das 18. Kapitel des III. Buches, in welchem die Therapie der Geistesstörungen abgehandelt wird und Celsus nicht nur für die üblichen Methoden (Diät, Aderlässe, Abführmittel, kühlende Umschläge, Uebergüsse, Massage, Einfluß des Lichts und der Dunkelheit, Zwangsmittel etc.), je nach den individuellen Verhältnissen, Indikationen angibt, sondern auf diepsychische Behandlungdas Schwergewicht legt. Hierher zählen freundliches Zureden, fromme List, Scheltworte oder Drohungen, Erregung der Aufmerksamkeit durch Gespräche, Vorlesen, Musik; eventuell muß der Patient selbst zu geistiger Tätigkeit z. B. zum Rezitieren angehalten werden: Cogendus est et attendere et ediscere aliquid et meminisse. In den folgenden Kapiteln des III. Buches bespricht Celsus die Pathologie und Therapie des „Morbus cardiacus“, wobei die Ernährung durch Klysmen erwähnt wird, des Lethargus, des „Hydrops“ (der Auftreibung des Abdomens, drei Arten: Tympanitis, Leukophlegmasia und Ascites), der Tabes (Auszehrung), von welcher die Spezies Atrophie, Kachexie und Lungenphthise unterschieden werden, ferner Epilepsie (Morbus comitialis), Icterus (Morb. arquatus sive regius), Lepra (Elephantiasis), Bewußtlosigkeit (durch Blitzschlag oder Schlaganfall), Lähmung (Resolutio nervorum), Tremor. Erwähnenswert ist die Behandlung der Neuralgien durch Auflegen von Schläuchen mit heißem Wasser, der Epilepsie auch durch Diät (Vermeidung von Wein und Coitus; hier wird auch das Volksmittel, Trinken von Menschenblut, angeführt: miserum auxilium tolerabile miserius malum fecit). In der Therapie der Phthise, die gleichim Beginnebehandelt werden müßte, sind hervorgehoben: Milchgenuß, Diät, Enthaltung von Berufstätigkeit, warme Bäder, Saft des Wegerichs, Terpentin und Honig, Stillung der Diarrhöen und Hämoptoë, vorsichtige Massage und Bewegung, Seereisen, Klimaveränderung (Aegypten), in schweren Fällen Anwendung des Glüheisens. Das IV. Buch ist eine Abhandlung über die einzelnen Organleiden. Darunter sind ganz besonders eingehend die mannigfachen Formen des Kopfschmerzes und die Magendarmkrankheiten besprochen; unter den Kopfkrankheiten wird Hydrocephalus, unter den Nackenaffektionen Tetanus erwähnt, unter den Leberleiden schildert Celsus den Leberabszeß und die Cirrhose mit konsekutivem Hydrops, bei Milzleiden wird neben sauren und scharfen Speisen, Diureticis (Petersilie, Thymian), auch der Genuß von Rindermilz (Organtherapie!) empfohlen; für Nierenleiden sind warme Bäder, Klistiere und Diätvorgeschrieben, bei Ileus werden Oelklistiere gerühmt, gegen Bandwürmer werden nach einer Vorkur mit Knoblauch Granatwurzelrinde, gegen Ascariden und Oxyuren Oelklistiere und Pfefferminzwasser ordiniert, Gichtischen wird auch der Genuß von Eselsmilch geraten etc. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der Pflege der Rekonvaleszenten. Nur allmählich dürfen dieselben zu einer ungeregelten Lebensweise zurückkehren. — Die meisterhafte Darstellung derChirurgienimmt das VII. und VIII. Buch zur vollen Gänze ein, außerdem sind aber auch in den übrigen Büchern chirurgische Bemerkungen eingestreut, die Kapitel 26, 27, 28 des V. Buches enthalten die allgemeine Chirurgie der Wunden, Verbrennungen, Geschwüre und Geschwülste. Im wesentlichen folgt Celsus dem Hippokrates, doch bildet sein Werk, da es die eminenten Fortschritte des folgenden mehr als vierhundertjährigen Zeitraums überall heranzieht, eine unschätzbare Quelle fürdie chirurgischen Leistungen besonders der alexandrinischen Schule; leider sind einige Abschnitte weniger ausführlich gehalten, als es zu wünschen wäre, und manches, wie z. B. die angeborenen Luxationen, die Verkrümmung der Wirbelsäule, die Verletzungen des Halses, die Operation des Hydrothorax, ist ganz unerwähnt geblieben. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle die spezielle Chirurgie bis in die technischen Einzelheiten zu verfolgen, nur einige besonders markante Momente seien hier angedeutet. Celsus bespricht die Verletzungen und deren charakteristischen Symptome (z. B. bei Gehirnverletzungen: blutiger Ausfluß aus Nase oder Ohr, Erbrechen, Nystagmus, Delirien, Zuckungen), die Lagerung des verletzten Gliedes, die verschiedene Beschaffenheit des Wundsekretes, die Blutstillung und Wundbehandlung, die Therapie der Frakturen, Luxationen, Caries und Nekrose der Knochen, die Fisteln, Fissuren, Geschwüre und Geschwülste, die Hernien, Hodenaffektionen, Varicen, Mißbildungen u. s. w. Mehr oder minder genaue Darstellung finden die Trepanation, die Resektionen, die Amputation, die Punctio abdominis (Einschnitt, sodann Einführung einer kupfernen oder bleiernen Röhre), die Radikaloperation des Nabelbruches, die Phimosenoperation, Infibulation, Urethrotomie, Kastration, der Katheterismus u. s. w.Blutstillungerfolgt durch Tamponade und Kompression (bei parenchymatöser Blutung),Gefäßligatur(bei Verletzung größerer Gefäße) oderMassenligatur, selten durch Kauterisation. Die (in den hippokratischen Schriften nicht erwähnte)Ligaturwird folgendermaßen vorgeschrieben:venae quae sanguinem fundunt, apprehendendae, circaque id quod ictum est, duobus locis deligandae(Lib. V cap. 26 § 21). Als Wundverband diente ein in Essig, Wein oder Wasser ausgedrückter Schwamm, über welchen eine Leinwandbinde befestigt wurde. Die Wundvereinigung wurde auch durch dieNahterzielt (l. c. § 23). Bei penetrierenden Bauchwunden und Darmverletzungen legt Celsus dieDarmnahtan, und empfiehlt bei derBauchnahtstets das Peritoneum mitzufassen. Einer besonderen Betrachtung werden die durch Geschosse (Pfeile, Schleuderblei, Stein) entstandenen Wunden gewürdigt, namentlich mit Rücksicht auf die Extraktion — Kapitel, die in den hippokratischen Schriften nicht vertreten sind. Ein weiterer Fortschritt gegenüber der Vergangenheit ist in der Beschreibung der Fisteln und deren operativer Behandlung zu erblicken. Hinsichtlich der Geschwürsbehandlung ist das Abtragen der kallösen Ränder und die Anwendung des Glüheisens bemerkenswert. Was die Neubildungen anlangt, so beschreibt Celsus die sehr zweckmäßige Methode der Entfernung der Atherome und kennt die, selbst nach Entfernung mit dem Messer, vorkommendenRezidiven des Karzinoms. — Ebensowenig wie bei Hippokrates ist die Brucheinklemmung deutlich geschildert, die Radikaloperation der Brüche ist undeutlich beschrieben, hingegen erwähnt der römische Autor bereitsBruchbandagenund dasDurchscheinen des Lichtesals Symptom der Hydrokele. Die Amputation wird nur bei Gangrän und zwar an der Demarkationslinie des Brandigen vorgenommen.— Glanzstellen des Werkes bilden die Abhandlung über den Seiten-Steinschnitt(Lib. VII cap. 26 § 2) — eine Abhandlung, die zu vielen Kontroversen Anlaß gegeben hat — und die Beschreibung derplastischen Operationen(zum ersten Male systematisch erörtert, Chirurgia „curtorum“; Deckung des Defektes mittels Verziehung der benachbarten Haut, Entspannungsschnitte), empfohlen für Defekte des Ohres (Lib. VII cap. 9), der Nase und Lippen, ferner für den Ersatz eines fehlenden Praeputiums. —Auch die Mund-, Nasen-, Ohrleidenwerden gemäß dem Standpunkt des damaligen Wissens sorgfältig beschrieben. Auf diesem Gebiete ist namentlich die Schilderung der aphthösen Geschwüre und kruppartigen Zustände, der operativen Behandlung des Lippenkrebses, der hypertrophischen Tonsillen und der Nasenpolypen anzuerkennen und der Tatsache zu gedenken, daß Celsus die Ozaena treffend charakterisiert, eine vorsichtige Therapie der Affektionen des äußeren Ohres empfiehlt und das Uebergreifen entzündlicher Ohraffektionen auf das Gehirn genügend betont. In der Technik der Ohrbehandlung spielten Einträufelungen, Einspritzungen mit dem „Clyster oricularis“ eine große Rolle; Fremdkörper wurden durch eine mit Wolle umwickelte und mit Terpentin getränkte Sonde, Ausspritzen und Niesemittel entfernt.Aus derZahnheilkundeinteressiert uns, daß man zur Erleichterung der Extraktion das Zahnfleisch um den ganzen Zahn löste, bei sehr hohlem Zahn zur Verhütung des Abbrechens die Kavität vorher mit gezupfter Leinwand und Blei ausfüllte, wackelige Zähne mit Golddraht an die Nachbarn band und sogar unter Umständen die Erhaltung des Zahnes durch eine Art von Plomben (ein in Wolle gewickeltes Stück Schiefer wurde in die Höhle gestopft) versuchte.Bezüglich derGynäkologie und Geburtshilfewäre folgendes hervorzuheben. Celsus kennt den Unterschied des männlichen und weiblichen Schambogens, den Hymen, die vikariirende Menstruation, bespricht die Untersuchung per rectum, den Katheterismus mit dem (weiblichen) Blasenkatheter, er verlangt die Untersuchung sub partum und benutzt für geburtshilfliche Operationen das Querbett. Steiß- und Fußlage gelten ihm als physiologisch, die Wendung auf den Fuß wird empfohlen, bei Extraktionen und Zerstücklungen der Frucht kommt der scharfe Haken zur Anwendung. Bei all dem unterläßt es Celsus nicht, die Gefahren des Wochenbetts und der Ausübung geburtshilflicher Operationen eindringlichst zu betonen. — In derAugenheilkundeunterschied man eine ansehnliche Zahl von Affektionen, wobei neben allgemeiner Therapie, und den uralten ableitenden Methoden des Hypospathismus und Periscythismus eine Menge von äußeren Heilmitteln[13]und ungefähr 20 Operationsverfahren (z. B. bei Trichiasis, Staphylom) zur Anwendung kam. Wertvoll ist dieBeschreibung der Staroperation— die erste in der vorhandenen Literatur (Lib. VII cap. 7 § 14); das angegebene, auf falschen anatomischen Vorstellungen beruhende Verfahren (Depression, welcher eventuell die Zerstücklung folgte) blieb bis zum 18. Jahrhundert die allgemeine übliche Methode. (Man führte eine Nadel ein und drückte die in der Pupille befindliche, geronnene Masse nach unten.) DieHaut- und Genitalleidensind sehr ausführlich besprochen, jedoch begegnet die Identifizierung der ersteren mit den jetzigen Krankheitstypen zum Teil großen Schwierigkeiten. Besonderes Interesse bietet der Abschnitt über Haarkrankheiten.Unter den Affektionen ist die Beschreibung der Gonorrhoe, der Hodenentzündung, der Strikturen, des Ulcus molle, der Phimose, Paraphimose, der Kondylome und Rhagaden vortrefflich. — So wie in der Terminologie der Chirurgie (Celsusscher Zirkelschnitt) hat sich auch in der Dermatologie der Name des Celsus („Area Celsi“, Ophiasis Celsi) bis heute erhalten.
Anatomie und Physiologiesind bei Celsus nur soweit berücksichtigt, als praktisch-medizinische Zwecke in Betracht kommen. Die Knochenlehre ist verhältnismäßig gut dargestellt (VIII, 1), insbesondere beruht die Beschreibung des Schädels auf sorgfältiger Untersuchung. Die einzelnen Muskeln finden dagegen keine Darstellung, caro bedeutet Weichteile im allgemeinen. Mit venae bezeichnet er oft Gefäße überhaupt, unterscheidet aber an anderen Stellen luftführende arteriae und blutführende venae. Der Terminus nervi bedeutet bald Nerv, bald Muskel und Sehne. Von den übrigen Eingeweiden viscera trennt Celsus den Darm, dessen wohl unterschiedene Abschnitte er insgesamt intestina benennt. Ihre grobe Schilderung (Lageverhältnisse) findet sich lib. IV, cap. 1. Mangelhaft und unbestimmt ist die Beschreibung der Sinnesorgane, auch des Auges, obzwar letztere sogar sehr ausführlich gehalten ist (VII, cap. 7 § 13). Die Physiologie steht auf der Höhe des Corpus Hippocraticum. — DerDiät und Hygieneim gesunden und kranken Zustand ist das I. Buch gewidmet, wobei teils hippokratische, teils methodische Anschauungen zu grunde liegen, aber auch des Autors Originalität und die Anpassung an römisches Leben hervortritt. Hier geht Celsus stark in Einzelheiten und gibt unter Berücksichtigung der einzelnen Krankheitszustände sorgfältige Vorschriften fürdie Ernährung und für die Lebensweise in Bezug auf den Aufenthalt (Stadt, Land, Fuß- und Seereisen), Temperatureinflüsse, Bäder, Tätigkeit (lautes Lesen, Fechten, Ballspiel, Laufen, Spazierengehen, Bergsteigen etc.), Geschlechtsgenuß u. s. w. Auch das Verhalten zur Zeit von Epidemien wird berücksichtigt. Die zweite Hälfte des II. Buches behandelt den Nährwert der verschiedensten animalischen sowie vegetabilischen Stoffe in genauester Uebersicht, und gruppiert dieselben, je nachdem sie „guten“ oder „schlechten Nahrungssaft“ enthalten, mild oder scharf, schleimverdünnend oder schleimerzeugend, zuträglich oder unzuträglich sind, bezw. blähend, erwärmend, kühlend, gärungserregend, abführend, stopfend, erhärtend, erweichend, harntreibend, narkotisch wirken. — Die Lehre von denHeilmittelnund von derZubereitung der zusammengesetzten Arzneienfüllt nebst derToxologieden größten Teil des V. Buches. Hierbei kommen je nach ihrer Wirkung zuerst die Simplicia, sodann die verschiedenen Formen der Arzneien, Umschläge, Pflaster, Pastillen, Streupulver, flüssige Einreibungsmittel, Mutterzäpfchen, Pillen (Catapotia) zur Sprache. Die Kapitel 23 und 27 betreffen die Vergiftung durch den Biß oder Stich von Tieren, durch Speisen und Getränke. Bemerkenswert ist die Schilderung der Lyssa und manche zweckmäßige Vorschrift zur Behandlung; so wird angeraten, das Gift aus der Wunde durch Schröpfköpfe, Ausbrennen, Aussaugen (letzteres sei ungefährlich, wenn Lippen, Zahnfleisch, Gaumen der aussaugenden Person unverletzt sind) möglichst rasch zu entfernen, bei inneren Vergiftungen harntreibende Mittel, bezw. Oel und Brechmittel oder Milch anzuwenden. Unter den Universalgegengiften wird die Zusammensetzung der Ambrosia desZopyrosund des Mithridates (es werden 37 Bestandteile aufgezählt) mitgeteilt.
Die allgemeineAetiologie, Semiotik und Prognostikstellt den Inhalt der ersten acht Kapitel des II. Buches dar und ist vorwiegend aus Hippokrates geschöpft, wie Celsus selbst einleitend bemerkt: „non dubitabo auctoritate antiquorum virorum uti, maximeque Hippocratis; quum recentiores medici, quamvis quaedam in curationibus mutarint, tamen haec illum optime praesagisse fateantur.“ Wie dieser schildert er den Einfluß der Jahreszeiten, der Witterung, des Alters, der Konstitution auf die Entstehung von Krankheiten und bringt eine Fülle von unvergänglich wahren Bemerkungen über die prognostischen Kennzeichen. Von höchstem Interesse ist das 2. Kapitel, welches die Zeichen bevorstehenden Erkrankens und das 6. Kapitel, welches die Zeichen des bevorstehenden Todes (darunter die Facies Hippocratica) angibt, ferner die (im 7. u. 8. Kapitel) angeführten prognostisch wichtigen Symptome bestimmter Affektionen, z. B. der Schwindsucht, der Wassersucht, eines Unterleibsabszesses, des Leberabszesses, der Nieren- und Blasenaffektionen. Besonders fesseln die Schilderung der Abnormitäten des Harns, der Symptome des Blasensteins, der Vorboten der Raserei, der letzten Stadien des Phthisikers u. a. — alles von Meisterhand entworfen und noch heute lesenswert! Die folgenden Kapitel dieses Buches enthalten dieallgemeine Therapie, wobei Celsus mit feiner Kritik sowohl die Hippokratiker wie die Schule des Asklepiades zur Geltung kommen läßt. Demgemäß weist er bei der Indikationsstellung zum Aderlaß eine ganze Reihe von Bedenken der älteren Aerzte (z. B. Alter, Schwangerschaft) zurück und findet nur in zu großer Körperschwäche eine Gegenanzeige; vortrefflich sind die Anweisungen über die Ausführung der Venäsektion und die Warnungen vor Kunstfehlern, die hierbei vorkommen. Weiterhin bespricht er das Schröpfen (blutiges und trockenes, mit Schröpfköpfen aus Horn oder Kupfer), die Abführmittel (event. zu ersetzen durch laxierend wirkende Speisen, Wasser-, Schleim-, Salz-, Oelklistiere) und Brechmittel (bezüglich welcher er mit Asklepiades nicht ganz übereinstimmt), endlich die Lieblingsmethoden der damaligen Medizin: die Massage (frictio), die aktive undpassive Bewegung (gestatio), das Fasten und Schwitzen (durch Wasserbäder, Sandbäder, Dampfbäder, warme Luftbäder, letztere z. B. in Bajä, Sonnenbäder). Mit größter Sorgfalt werden in diesen Abschnitten sowohl die Indikationen als die Technik der genannten Prozeduren besprochen. — Diespezielle Pathologie und Therapieist im III. und IV. Buche niedergelegt. Celsus wendet sich gegen die damals übliche Einteilung in akute und chronische Affektionen, er unterscheidet prinzipiell allgemeine und lokale Krankheiten, welch letztere a capite ad calcem vorgeführt werden. Unter den allgemeinen schildert er zunächst, frei von jedem dogmatischen Standpunkt, die verschiedenen Fieberarten und ihre vorzugsweise diätetische Behandlung; wichtig ist es, daß er die Theorie von den kritischen Tagen verwirft und, ungleich den Methodikern, streng individualisiert; namentlich das Verhalten des Pulses gibt ihm einen Maßstab für den Kräftezustand und die Richtschnur für das therapeutische Eingreifen, jedoch weist er auf die Fehler hin, die bei der Pulsuntersuchung unterlaufen können. Auch für die einzelnen Symptome des Fiebers, wie Kopfschmerz und Entzündung (falsch sei die Meinung des Erasistratos, daß jedes Fieber auf Entzündung beruhe), werden hygienisch-diätetische Behandlungsweisen angeraten. (Lib. III cap. 10 steht die berühmte symptomatologische Definition der Entzündung: „Notae vero inflammationis sunt quatuor, rubor et tumor, cum calore et dolore.“) Glänzend und von aktuellster Bedeutung ist das 18. Kapitel des III. Buches, in welchem die Therapie der Geistesstörungen abgehandelt wird und Celsus nicht nur für die üblichen Methoden (Diät, Aderlässe, Abführmittel, kühlende Umschläge, Uebergüsse, Massage, Einfluß des Lichts und der Dunkelheit, Zwangsmittel etc.), je nach den individuellen Verhältnissen, Indikationen angibt, sondern auf diepsychische Behandlungdas Schwergewicht legt. Hierher zählen freundliches Zureden, fromme List, Scheltworte oder Drohungen, Erregung der Aufmerksamkeit durch Gespräche, Vorlesen, Musik; eventuell muß der Patient selbst zu geistiger Tätigkeit z. B. zum Rezitieren angehalten werden: Cogendus est et attendere et ediscere aliquid et meminisse. In den folgenden Kapiteln des III. Buches bespricht Celsus die Pathologie und Therapie des „Morbus cardiacus“, wobei die Ernährung durch Klysmen erwähnt wird, des Lethargus, des „Hydrops“ (der Auftreibung des Abdomens, drei Arten: Tympanitis, Leukophlegmasia und Ascites), der Tabes (Auszehrung), von welcher die Spezies Atrophie, Kachexie und Lungenphthise unterschieden werden, ferner Epilepsie (Morbus comitialis), Icterus (Morb. arquatus sive regius), Lepra (Elephantiasis), Bewußtlosigkeit (durch Blitzschlag oder Schlaganfall), Lähmung (Resolutio nervorum), Tremor. Erwähnenswert ist die Behandlung der Neuralgien durch Auflegen von Schläuchen mit heißem Wasser, der Epilepsie auch durch Diät (Vermeidung von Wein und Coitus; hier wird auch das Volksmittel, Trinken von Menschenblut, angeführt: miserum auxilium tolerabile miserius malum fecit). In der Therapie der Phthise, die gleichim Beginnebehandelt werden müßte, sind hervorgehoben: Milchgenuß, Diät, Enthaltung von Berufstätigkeit, warme Bäder, Saft des Wegerichs, Terpentin und Honig, Stillung der Diarrhöen und Hämoptoë, vorsichtige Massage und Bewegung, Seereisen, Klimaveränderung (Aegypten), in schweren Fällen Anwendung des Glüheisens. Das IV. Buch ist eine Abhandlung über die einzelnen Organleiden. Darunter sind ganz besonders eingehend die mannigfachen Formen des Kopfschmerzes und die Magendarmkrankheiten besprochen; unter den Kopfkrankheiten wird Hydrocephalus, unter den Nackenaffektionen Tetanus erwähnt, unter den Leberleiden schildert Celsus den Leberabszeß und die Cirrhose mit konsekutivem Hydrops, bei Milzleiden wird neben sauren und scharfen Speisen, Diureticis (Petersilie, Thymian), auch der Genuß von Rindermilz (Organtherapie!) empfohlen; für Nierenleiden sind warme Bäder, Klistiere und Diätvorgeschrieben, bei Ileus werden Oelklistiere gerühmt, gegen Bandwürmer werden nach einer Vorkur mit Knoblauch Granatwurzelrinde, gegen Ascariden und Oxyuren Oelklistiere und Pfefferminzwasser ordiniert, Gichtischen wird auch der Genuß von Eselsmilch geraten etc. Das letzte Kapitel beschäftigt sich mit der Pflege der Rekonvaleszenten. Nur allmählich dürfen dieselben zu einer ungeregelten Lebensweise zurückkehren. — Die meisterhafte Darstellung derChirurgienimmt das VII. und VIII. Buch zur vollen Gänze ein, außerdem sind aber auch in den übrigen Büchern chirurgische Bemerkungen eingestreut, die Kapitel 26, 27, 28 des V. Buches enthalten die allgemeine Chirurgie der Wunden, Verbrennungen, Geschwüre und Geschwülste. Im wesentlichen folgt Celsus dem Hippokrates, doch bildet sein Werk, da es die eminenten Fortschritte des folgenden mehr als vierhundertjährigen Zeitraums überall heranzieht, eine unschätzbare Quelle fürdie chirurgischen Leistungen besonders der alexandrinischen Schule; leider sind einige Abschnitte weniger ausführlich gehalten, als es zu wünschen wäre, und manches, wie z. B. die angeborenen Luxationen, die Verkrümmung der Wirbelsäule, die Verletzungen des Halses, die Operation des Hydrothorax, ist ganz unerwähnt geblieben. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle die spezielle Chirurgie bis in die technischen Einzelheiten zu verfolgen, nur einige besonders markante Momente seien hier angedeutet. Celsus bespricht die Verletzungen und deren charakteristischen Symptome (z. B. bei Gehirnverletzungen: blutiger Ausfluß aus Nase oder Ohr, Erbrechen, Nystagmus, Delirien, Zuckungen), die Lagerung des verletzten Gliedes, die verschiedene Beschaffenheit des Wundsekretes, die Blutstillung und Wundbehandlung, die Therapie der Frakturen, Luxationen, Caries und Nekrose der Knochen, die Fisteln, Fissuren, Geschwüre und Geschwülste, die Hernien, Hodenaffektionen, Varicen, Mißbildungen u. s. w. Mehr oder minder genaue Darstellung finden die Trepanation, die Resektionen, die Amputation, die Punctio abdominis (Einschnitt, sodann Einführung einer kupfernen oder bleiernen Röhre), die Radikaloperation des Nabelbruches, die Phimosenoperation, Infibulation, Urethrotomie, Kastration, der Katheterismus u. s. w.Blutstillungerfolgt durch Tamponade und Kompression (bei parenchymatöser Blutung),Gefäßligatur(bei Verletzung größerer Gefäße) oderMassenligatur, selten durch Kauterisation. Die (in den hippokratischen Schriften nicht erwähnte)Ligaturwird folgendermaßen vorgeschrieben:venae quae sanguinem fundunt, apprehendendae, circaque id quod ictum est, duobus locis deligandae(Lib. V cap. 26 § 21). Als Wundverband diente ein in Essig, Wein oder Wasser ausgedrückter Schwamm, über welchen eine Leinwandbinde befestigt wurde. Die Wundvereinigung wurde auch durch dieNahterzielt (l. c. § 23). Bei penetrierenden Bauchwunden und Darmverletzungen legt Celsus dieDarmnahtan, und empfiehlt bei derBauchnahtstets das Peritoneum mitzufassen. Einer besonderen Betrachtung werden die durch Geschosse (Pfeile, Schleuderblei, Stein) entstandenen Wunden gewürdigt, namentlich mit Rücksicht auf die Extraktion — Kapitel, die in den hippokratischen Schriften nicht vertreten sind. Ein weiterer Fortschritt gegenüber der Vergangenheit ist in der Beschreibung der Fisteln und deren operativer Behandlung zu erblicken. Hinsichtlich der Geschwürsbehandlung ist das Abtragen der kallösen Ränder und die Anwendung des Glüheisens bemerkenswert. Was die Neubildungen anlangt, so beschreibt Celsus die sehr zweckmäßige Methode der Entfernung der Atherome und kennt die, selbst nach Entfernung mit dem Messer, vorkommendenRezidiven des Karzinoms. — Ebensowenig wie bei Hippokrates ist die Brucheinklemmung deutlich geschildert, die Radikaloperation der Brüche ist undeutlich beschrieben, hingegen erwähnt der römische Autor bereitsBruchbandagenund dasDurchscheinen des Lichtesals Symptom der Hydrokele. Die Amputation wird nur bei Gangrän und zwar an der Demarkationslinie des Brandigen vorgenommen.— Glanzstellen des Werkes bilden die Abhandlung über den Seiten-Steinschnitt(Lib. VII cap. 26 § 2) — eine Abhandlung, die zu vielen Kontroversen Anlaß gegeben hat — und die Beschreibung derplastischen Operationen(zum ersten Male systematisch erörtert, Chirurgia „curtorum“; Deckung des Defektes mittels Verziehung der benachbarten Haut, Entspannungsschnitte), empfohlen für Defekte des Ohres (Lib. VII cap. 9), der Nase und Lippen, ferner für den Ersatz eines fehlenden Praeputiums. —Auch die Mund-, Nasen-, Ohrleidenwerden gemäß dem Standpunkt des damaligen Wissens sorgfältig beschrieben. Auf diesem Gebiete ist namentlich die Schilderung der aphthösen Geschwüre und kruppartigen Zustände, der operativen Behandlung des Lippenkrebses, der hypertrophischen Tonsillen und der Nasenpolypen anzuerkennen und der Tatsache zu gedenken, daß Celsus die Ozaena treffend charakterisiert, eine vorsichtige Therapie der Affektionen des äußeren Ohres empfiehlt und das Uebergreifen entzündlicher Ohraffektionen auf das Gehirn genügend betont. In der Technik der Ohrbehandlung spielten Einträufelungen, Einspritzungen mit dem „Clyster oricularis“ eine große Rolle; Fremdkörper wurden durch eine mit Wolle umwickelte und mit Terpentin getränkte Sonde, Ausspritzen und Niesemittel entfernt.
Aus derZahnheilkundeinteressiert uns, daß man zur Erleichterung der Extraktion das Zahnfleisch um den ganzen Zahn löste, bei sehr hohlem Zahn zur Verhütung des Abbrechens die Kavität vorher mit gezupfter Leinwand und Blei ausfüllte, wackelige Zähne mit Golddraht an die Nachbarn band und sogar unter Umständen die Erhaltung des Zahnes durch eine Art von Plomben (ein in Wolle gewickeltes Stück Schiefer wurde in die Höhle gestopft) versuchte.
Bezüglich derGynäkologie und Geburtshilfewäre folgendes hervorzuheben. Celsus kennt den Unterschied des männlichen und weiblichen Schambogens, den Hymen, die vikariirende Menstruation, bespricht die Untersuchung per rectum, den Katheterismus mit dem (weiblichen) Blasenkatheter, er verlangt die Untersuchung sub partum und benutzt für geburtshilfliche Operationen das Querbett. Steiß- und Fußlage gelten ihm als physiologisch, die Wendung auf den Fuß wird empfohlen, bei Extraktionen und Zerstücklungen der Frucht kommt der scharfe Haken zur Anwendung. Bei all dem unterläßt es Celsus nicht, die Gefahren des Wochenbetts und der Ausübung geburtshilflicher Operationen eindringlichst zu betonen. — In derAugenheilkundeunterschied man eine ansehnliche Zahl von Affektionen, wobei neben allgemeiner Therapie, und den uralten ableitenden Methoden des Hypospathismus und Periscythismus eine Menge von äußeren Heilmitteln[13]und ungefähr 20 Operationsverfahren (z. B. bei Trichiasis, Staphylom) zur Anwendung kam. Wertvoll ist dieBeschreibung der Staroperation— die erste in der vorhandenen Literatur (Lib. VII cap. 7 § 14); das angegebene, auf falschen anatomischen Vorstellungen beruhende Verfahren (Depression, welcher eventuell die Zerstücklung folgte) blieb bis zum 18. Jahrhundert die allgemeine übliche Methode. (Man führte eine Nadel ein und drückte die in der Pupille befindliche, geronnene Masse nach unten.) DieHaut- und Genitalleidensind sehr ausführlich besprochen, jedoch begegnet die Identifizierung der ersteren mit den jetzigen Krankheitstypen zum Teil großen Schwierigkeiten. Besonderes Interesse bietet der Abschnitt über Haarkrankheiten.Unter den Affektionen ist die Beschreibung der Gonorrhoe, der Hodenentzündung, der Strikturen, des Ulcus molle, der Phimose, Paraphimose, der Kondylome und Rhagaden vortrefflich. — So wie in der Terminologie der Chirurgie (Celsusscher Zirkelschnitt) hat sich auch in der Dermatologie der Name des Celsus („Area Celsi“, Ophiasis Celsi) bis heute erhalten.
War auch das Werk des lateinischen Hippokrates eigentlich für Laien (d. h. Nichtberufsärzte) bestimmt, so hatte er doch solche im Auge, welche ihre Kenntnisse praktisch verwerten. Darum überrascht es nicht, wenn wir nicht wenige Aussprüche bei ihm finden, welche sich auf ärztliche Politik und Deontologie beziehen. Manche derselben gehören zu den Perlen der medizinischen Ethik, wie der Satz, worin er, aufblickend zu dem erhabenen Vater der Heilkunst, sagt,daß der wahrhaft große Arzt auch begangene Irrtümer nicht verhehlt, denn „magno ingenio, multaque nihilominus habituro, convenit etiam simplex veri erroris confessio; praecipueque in eo ministerio, quod utilitatis causa posteris traditur; ne qui decipiantur eadem ratione, qua quis ante deceptus est“.
Recht charakteristisch sind unter anderen folgende Sentenzen: „Conjecturalem artem esse medicinam, rationemque conjecturae talem esse, ut quum saepius aliquando responderit, interdum tamen fallat“ (II, 6) ... satius est enim anceps auxilium experiri, quam nullum (II, 10). ... Magis tamen ignoscendum medico est parum proficienti in acutis morbis, quam in longis (III, 1). ... Sed quum eadem omnibus convenire non possint, fere quos ratio non restituit, temeritas adjuvat (III, 9) ... saepe enim pertinacia juvantis malum corporis vincit (III, 12). ... dubia spes certa desperatione potior (VII, 16). Ueber den Scharlatan sagt Celsus bezeichnend, daß es seine Art sei: parvam rem attollere, quo plus praestitisse videatur (V, 26, 1). Schön sind auch die Ratschläge, die er für den Eintritt des Arztes ins Krankenzimmer gibt: Ob quam causam periti medici est, non protinus ut venit, apprehendere manu brachium: sed primum residere hilari vultu, percontarique, quemadmodum se habeat; et si quis ejus metus est, eum probabili sermone lenire; tum deinde ejus corpori manum admovere (III, 6). ... Sehr richtig meint Celsus auch:ab uno medico multos non posse curari: eumque, si artifex est, idoneum esse, qui non multum ab aegro recedit (III, 4).
Recht charakteristisch sind unter anderen folgende Sentenzen: „Conjecturalem artem esse medicinam, rationemque conjecturae talem esse, ut quum saepius aliquando responderit, interdum tamen fallat“ (II, 6) ... satius est enim anceps auxilium experiri, quam nullum (II, 10). ... Magis tamen ignoscendum medico est parum proficienti in acutis morbis, quam in longis (III, 1). ... Sed quum eadem omnibus convenire non possint, fere quos ratio non restituit, temeritas adjuvat (III, 9) ... saepe enim pertinacia juvantis malum corporis vincit (III, 12). ... dubia spes certa desperatione potior (VII, 16). Ueber den Scharlatan sagt Celsus bezeichnend, daß es seine Art sei: parvam rem attollere, quo plus praestitisse videatur (V, 26, 1). Schön sind auch die Ratschläge, die er für den Eintritt des Arztes ins Krankenzimmer gibt: Ob quam causam periti medici est, non protinus ut venit, apprehendere manu brachium: sed primum residere hilari vultu, percontarique, quemadmodum se habeat; et si quis ejus metus est, eum probabili sermone lenire; tum deinde ejus corpori manum admovere (III, 6). ... Sehr richtig meint Celsus auch:ab uno medico multos non posse curari: eumque, si artifex est, idoneum esse, qui non multum ab aegro recedit (III, 4).
Von weit geringerem inneren Wert als das Werk des Celsus ist die weltberühmte „Naturgeschichte“ desC. Plinius Secundus(23 bis 79 n. Chr.), die viele Jahrhunderte hindurch das Orakel für die Naturwissenschaft bildete und, namentlich wegen ihres erstaunlich umfangreichenpharmakologischenInhalts, den Aerzten der Vergangenheit zur Ausbeute diente, uns aber als unschätzbarehistorische Quelleden Verlust zahlloser einschlägiger Schriften ersetzt. DaPlinius, ähnlich wie Cato, äußerst geringschätzig von den griechischen Aerzten dachte und daher zwischen wissenschaftlicher und den verschiedenen Formen der roh empirischen Medizin keine Grenzlinie zog,ohne jede Kritikalles aufnahm, wovon er nur irgend Kenntnis nehmen konnte, so bietet uns seine von erstaunlichem Fleiß zeugende Arbeit ein getreues Bildvon der antikenVolksmedizin, deren unzählige, oft abenteuerliche, abergläubische Mittel dem Zusammenfluß gräko-italischer mit orientalischer Kultur entstammten und sich im Laufe der Zeiten über ganz Europa verbreiteten, wo sie mit mancherlei lokalen Modifikationen und vermischt mit autochthonen Gebräuchen bis heute zäh festgehalten werden.
C. Plinius Secundus der Aeltere wurde 23 n. Chr. zu Novum Comum (Como) geboren und kam frühzeitig nach Rom, wo er eine ehrenvolle Amtskarriere einschlug. Trotzdem ihn der Militärdienst oft weit (z. B. nach Deutschland) entführte, trotzdem er mit dem größten Pflichteifer als Sachwalter tätig war, Hofämter oder Prokurationen (eine Zeitlang in Spanien) versah und zuletzt die Flotte bei Misenum befehligte, widmete er doch den Hauptteil seiner unermüdlichen Schaffenskraft unausgesetzt dem literarischem Studium, als dessen fruchtbares Ergebnis Werke über Kriegswissenschaft, Geschichte (darunter 20 Bücher über die Kriege mit den Germanen), Rhetorik, Grammatik und die von unglaublichem Sammeleifer zeugendenaturalis historiaerschienen; nur das letztgenannte riesige Sammelwerk, welches 20000 wissenswerte Dinge bespricht und aus Exzerpten von 2000 Bänden der rund 100 „exquisiti“ auctores zusammengetragen wurde (direkt oder indirekt sind 146 römische und 327 fremde Autoren herangezogen), ist uns, redigiert von seinem Neffen, dem jüngeren Plinius, vollständig erhalten. Mitten in der Arbeit, als Opfer seiner Wißbegierde, fand Plinius den Tod zu Stabiä bei dem großen Ausbruch des Vesuvs am 22. Aug. 79 n. Chr. Die Katastrophe ist in einem Brief des jüngeren Plinius an Tacitus in sehr anschaulicher Weise geschildert. Seinem Neffen danken wir auch interessante Mitteilungen über die Arbeitsweise des Plinius. Sein ganzes Leben verfloß über anhaltendem Lesen, während des Essens und beim Bade wurde vorgelesen, auf seinen Reisen führte er die Bücher mit sich und zugleich einen Schnellschreiber, der seine Notata sofort fixieren konnte, das Gleiche geschah in Rom, wenn er sich in einer Sänfte spazieren tragen ließ. Da er kein Buch las, ohne Exzerpte zu machen und die Zeit peinlich ausnützte, so konnte Plinius eine ungeheure, allerdings aus vielen sekundären Quellen oder Zitaten stammende Kollektaneensammlung anhäufen, aus welcher in der kurzen Spanne von bloß 2 Jahren seine erstaunliche Enzyklopädie der Naturwissenschaften 77 n. Chr. hervorging. Dieses Monumentalwerk im Stil der silbernen Latinität geschrieben, ist nach einem ganz sachgemäßen Plane aufgebaut, bringt zu jedem seiner Bücher ein Verzeichnis der benutzten Quellen und enthält im Texte zahlreiche Zitate; besonderer Wert kommt ihm, abgesehen von der Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, auch für die Geschichte der Erdkunde und der Kunst zu (die Entwicklung der künstlerischen Technik ist gründlich dargestellt). Die Naturgeschichte besteht aus 37 Büchern mit folgendem Inhalt: 1. Buch Inhalts- und Quellenverzeichnisse; 2. Buch mathematisch-physikalische Beschreibung des Universums; 3.-6. Buch Geographie und Ethnographie; 7. Buch Anthropologie; 8.-11. Buch Zoologie; 12.-27. Buch Botanik (darunter 20.-27. BuchHeilmittel aus dem Pflanzenreich); 28.-32. BuchHeilmittel aus dem Tierreich; 33.-37. Buch Mineralogie mit besonderer Rücksicht aufArzneikunde, Malerei und Bildhauerkunst. Wie das ganze Werk nicht auf wirklicher Naturbeobachtung, sondern vielmehr auf bloßem Bücherstudium beruhte —, bei dem gewaltigen Umfang des Stoffkreises war es auch nicht anders möglich — so belehrte sich Plinius über die heilkräftigen Pflanzen allerdings in dem kleinen botanischen Garten des römischen ArztesAntonius Castor, stützte aber im großen und ganzen seine zwar fleißigen, aber bloß kompilatorischen, oft mit Aberglauben durchsetzten oder widerspruchsvollen Ausführungen über medizinische Dinge auf die kritiklos hingenommenenVorarbeiten, wobeiVarro(für Geschichte der Heilkunde),Lenaeus(pflanzliche Heilmittel),Nigidius Figulus(tierische Heilsubstanzen) undSextius Nigerbesonders berücksichtigt wurden. — Die Enzyklopädie des Plinius gehörte zu allen Zeiten zu den beliebtesten Werken der Weltliteratur und konnte durch Auszüge, z. B. durch die Collectanea rerum memorabilium des C. Julius Solinus aus dem 3. Jahrhundert (ed. A. Goez, Lips. 1777) oder durch die Medicina Plininiana aus dem 4. Jahrhundert (ed. Val. Rose, Lips. 1875) nicht verdrängt werden. Noch sind ungefähr 190 meist unvollständige Handschriften vorhanden; gedruckt wurde die Naturgeschichte nächst der Bibel als ältestes Produkt der Buchdruckerkunst bereits 1469 zu Venedig. Neueste Ausgaben von Sillig (Gotha 1853 ff.) und Detlefsen (Berlin 1866 ff.), deutsche Uebersetzungen von F. L. Strack (Bremen 1854 ff.) und Wittstein (Leipzig 1880 ff.).Welchen Nutzen die Lektüre des Plinius stiften kann, beweist nicht zum mindesten die Tatsache, daß C. Himly im Jahre 1800 auf die Pupillen erweiternde Kraft des Hyosciamus und der Belladonna durch eine Stelle geführt wurde, wo es heißt, daß man den Saft der Pflanze Anagallis vor der Vornahme der Staroperation in die Augen einrieb (Lib. XXV, 92).
C. Plinius Secundus der Aeltere wurde 23 n. Chr. zu Novum Comum (Como) geboren und kam frühzeitig nach Rom, wo er eine ehrenvolle Amtskarriere einschlug. Trotzdem ihn der Militärdienst oft weit (z. B. nach Deutschland) entführte, trotzdem er mit dem größten Pflichteifer als Sachwalter tätig war, Hofämter oder Prokurationen (eine Zeitlang in Spanien) versah und zuletzt die Flotte bei Misenum befehligte, widmete er doch den Hauptteil seiner unermüdlichen Schaffenskraft unausgesetzt dem literarischem Studium, als dessen fruchtbares Ergebnis Werke über Kriegswissenschaft, Geschichte (darunter 20 Bücher über die Kriege mit den Germanen), Rhetorik, Grammatik und die von unglaublichem Sammeleifer zeugendenaturalis historiaerschienen; nur das letztgenannte riesige Sammelwerk, welches 20000 wissenswerte Dinge bespricht und aus Exzerpten von 2000 Bänden der rund 100 „exquisiti“ auctores zusammengetragen wurde (direkt oder indirekt sind 146 römische und 327 fremde Autoren herangezogen), ist uns, redigiert von seinem Neffen, dem jüngeren Plinius, vollständig erhalten. Mitten in der Arbeit, als Opfer seiner Wißbegierde, fand Plinius den Tod zu Stabiä bei dem großen Ausbruch des Vesuvs am 22. Aug. 79 n. Chr. Die Katastrophe ist in einem Brief des jüngeren Plinius an Tacitus in sehr anschaulicher Weise geschildert. Seinem Neffen danken wir auch interessante Mitteilungen über die Arbeitsweise des Plinius. Sein ganzes Leben verfloß über anhaltendem Lesen, während des Essens und beim Bade wurde vorgelesen, auf seinen Reisen führte er die Bücher mit sich und zugleich einen Schnellschreiber, der seine Notata sofort fixieren konnte, das Gleiche geschah in Rom, wenn er sich in einer Sänfte spazieren tragen ließ. Da er kein Buch las, ohne Exzerpte zu machen und die Zeit peinlich ausnützte, so konnte Plinius eine ungeheure, allerdings aus vielen sekundären Quellen oder Zitaten stammende Kollektaneensammlung anhäufen, aus welcher in der kurzen Spanne von bloß 2 Jahren seine erstaunliche Enzyklopädie der Naturwissenschaften 77 n. Chr. hervorging. Dieses Monumentalwerk im Stil der silbernen Latinität geschrieben, ist nach einem ganz sachgemäßen Plane aufgebaut, bringt zu jedem seiner Bücher ein Verzeichnis der benutzten Quellen und enthält im Texte zahlreiche Zitate; besonderer Wert kommt ihm, abgesehen von der Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften, auch für die Geschichte der Erdkunde und der Kunst zu (die Entwicklung der künstlerischen Technik ist gründlich dargestellt). Die Naturgeschichte besteht aus 37 Büchern mit folgendem Inhalt: 1. Buch Inhalts- und Quellenverzeichnisse; 2. Buch mathematisch-physikalische Beschreibung des Universums; 3.-6. Buch Geographie und Ethnographie; 7. Buch Anthropologie; 8.-11. Buch Zoologie; 12.-27. Buch Botanik (darunter 20.-27. BuchHeilmittel aus dem Pflanzenreich); 28.-32. BuchHeilmittel aus dem Tierreich; 33.-37. Buch Mineralogie mit besonderer Rücksicht aufArzneikunde, Malerei und Bildhauerkunst. Wie das ganze Werk nicht auf wirklicher Naturbeobachtung, sondern vielmehr auf bloßem Bücherstudium beruhte —, bei dem gewaltigen Umfang des Stoffkreises war es auch nicht anders möglich — so belehrte sich Plinius über die heilkräftigen Pflanzen allerdings in dem kleinen botanischen Garten des römischen ArztesAntonius Castor, stützte aber im großen und ganzen seine zwar fleißigen, aber bloß kompilatorischen, oft mit Aberglauben durchsetzten oder widerspruchsvollen Ausführungen über medizinische Dinge auf die kritiklos hingenommenenVorarbeiten, wobeiVarro(für Geschichte der Heilkunde),Lenaeus(pflanzliche Heilmittel),Nigidius Figulus(tierische Heilsubstanzen) undSextius Nigerbesonders berücksichtigt wurden. — Die Enzyklopädie des Plinius gehörte zu allen Zeiten zu den beliebtesten Werken der Weltliteratur und konnte durch Auszüge, z. B. durch die Collectanea rerum memorabilium des C. Julius Solinus aus dem 3. Jahrhundert (ed. A. Goez, Lips. 1777) oder durch die Medicina Plininiana aus dem 4. Jahrhundert (ed. Val. Rose, Lips. 1875) nicht verdrängt werden. Noch sind ungefähr 190 meist unvollständige Handschriften vorhanden; gedruckt wurde die Naturgeschichte nächst der Bibel als ältestes Produkt der Buchdruckerkunst bereits 1469 zu Venedig. Neueste Ausgaben von Sillig (Gotha 1853 ff.) und Detlefsen (Berlin 1866 ff.), deutsche Uebersetzungen von F. L. Strack (Bremen 1854 ff.) und Wittstein (Leipzig 1880 ff.).
Welchen Nutzen die Lektüre des Plinius stiften kann, beweist nicht zum mindesten die Tatsache, daß C. Himly im Jahre 1800 auf die Pupillen erweiternde Kraft des Hyosciamus und der Belladonna durch eine Stelle geführt wurde, wo es heißt, daß man den Saft der Pflanze Anagallis vor der Vornahme der Staroperation in die Augen einrieb (Lib. XXV, 92).
[←]
Die mit dem zunehmenden Luxus der sinkenden Republik und noch mehr der Kaiserzeit einhergehende Weichlichkeit ließ alsbald jene therapeutische Richtung in den Hintergrund treten, welche eine fast arzneilose, diätetische Behandlungsweise zum Schlagwort gemacht hatte. Das Raffinement einer schwelgerischen Kultur, durch beifallslüsterne, erwerbslustige Medikaster ans Krankenbett verpflanzt, äußerte sich in geschäftiger Polypragmasie und Polypharmazie, die auf die Torheit und den Wunderglauben spekulierte, in dem geistlosesten Empirismus ihre Stütze fand. Wer die meisten, die seltensten Arzneien verordnete, über geheime und abenteuerliche Mittel, insbesondere aus fernen Landen stammende, verfügte, der erlangte in jener, zwischen extremer Skepsis und Köhlerglauben schwankenden Zeit das höchste Ansehen als Arzt, und täglich wuchs der Reichtum an Drogen, welche der Handelsverkehr nach dem Mittelpunkt der lateinisch-hellenischen Welt brachte — ein schwacher Ersatz für die mangelnden Ideen.
Solche Zustände mußten sich auch in der Literatur deutlich widerspiegeln, in den überhand nehmendenRezeptsammlungen, die, bar jeder wissenschaftlichen Kritik, nur der Mode huldigten, der Routine dienten, aber durch den Schein der praktischen Nützlichkeit zum mindesten bei der denkfaulen Menge Ansehen erwarben; manche dieser Opera strebten sogar nach Dichterruhm, indem sie den banalen Inhalt, im Sinne eines bizarren Zeitgeschmacks, in metrische Formen brachten[14]. Eine Minderzahl von Aerzten unterzog sich allerdings der Mühe, die Arzneimittel naturwissenschaftlich zu untersuchen, die einfachen Stoffe auf ihren wahren Wert zu prüfen, in das Chaos einer regellosen Terminologie Ordnung zu bringen, für die Bereitungsweise und Dosierung feste Normen aufzustellen, also tatsächlich die Heilmittellehre zu verbessern; die meisten Autoren dagegen vermehrten, von Gewinnsucht oder falschem Ehrgeiz angestachelt, nur die Zahl der Komposita, der Antidota, der seltsamen Panaceen, die sie mit poetischen Namen ausstatteten; sie verdienen kaum mit Recht Pharmakologen genannt zu werden, doch wurden ihre Rezepte durch den Strom der Literatur über Jahrhunderte hinausgetragen und zum großen Teil in das Arsenal der Medizin für dieDauer einverleibt, wie z. B. das schmerzstillende Antidot desPhilonvon Tarsos, das Opium enthaltende „Philonium“ oder der „Theriak“ des neronischen LeibarztesAndromachos, ein aus mehr als 60 Stoffen zusammengesetztes Universalgegengift, welches in mannigfachen Modifikationen bis an die Schwelle der Neuzeit seinen Platz behauptete.
Abgesehen von der im Auftrage des Pompejus vorgenommenen Uebersetzung der „Gedenkblätter“ des Mithradates durchLenaeusund den Schriften der römischen Dilettanten:Publius Nigidius Figulus(Operum reliquiae ed. Swoboda, Wien 1889),Aemilius Macer(Gedichte über Gifte und Heilkräuter, Theriaka nach dem Muster des Nikandros),C. Valgius Rufus(eine unvollendete Heilmittellehre, welche mit einer Vorrede an Augustus begann, worin derselbe um seinen Schutz gegen alle Leiden der Menschheit angegangen wurde) wären aus der pharmakologischen Literatur namentlich folgende Autoren hervorzuheben:Antonius Musa, der Leibarzt des Augustus. Von ihm finden sich Rezepte bei Späteren; (hingegen rühren die beiden unter seinem Namen laufenden Schriften De herba betonica und De bona valetudine — zusammen herausgegeben von Florian Caldani, Bassano 1800 — nicht von ihm her),Maenius Rufus(zur Zeit des Celsus, komponierte ein beliebtes Purgans),Philon von Tarsos(bei Celsus ist sein Kollyrium erwähnt), die beiden RömerJulius (oder Tullius) BassusundSextius Niger(dessen vorzügliches Werk über Materia medica, περὶ ὓλης, von Plinius hauptsächlich benützt wurde),Petronios Diodotos,Nikeratos(seine Schriften handelten unter anderem auch über die im Wasser lebenden, als Heilmittel dienenden Geschöpfe), Tiberius Claudius QuirinaMenekratesausZeophleta(verfaßte neben sehr vielen anderen Schriften ein dem Claudius gewidmetes Buch über Heilmittel, worin die Gewichtsbestimmungen in Worten angegeben waren, um Verwechslungen vorzubeugen — betitelt αὐτοκράτωρ ὁλογράμματος ἀξιολόγων φαρμάκων); seinEmplastrum diachylon, Bleiglättenpflaster mit Kräuterauszügen, hat sich, wenigstens dem Namen nach, bis heute erhalten;Xenokrates von Aphrodisias(schrieb über die Materia medica und über animalische Nahrung περὶ τῆς ἀπὸ τῶν ζώων τροφῆς, wovon der Abschnitt über eßbare Wassertiere [π. τ. ἀπὸ ὲνύδρων τροφῆς] noch vorhanden, vergl. Ideler, Physici et medici graeci minores, Lips. 1841, I, 121 ff.); neben manchen rationellen Rezepten hat er ganz besonders dazu beigetragen, den Glauben an die Wahrsagekunst, anGeheimmittelund an die wunderbareHeilkraft tierischer Stoffezu verbreiten; so kamen in seinem Arzneischatz vor: Teile des Nilpferdes und Elefanten, Fledermausblut, fernerTeile des menschlichen Körpers, wie Fleisch, Gehirn, Leber, Knochen, Blut, Schweiß, Ohrenschmalz, Sperma, Harn und Fäces (zum Einreiben von Mund und Hals),Herasaus Kappadokien (schrieb ein Werk über Heilmittel νάρθηξ = Arzneikasten).Andromachos der Aeltereaus Kreta, berühmt durch seine Modifikation des Mithridations (Zusatz von Vipernfleisch),den Theriak, θηριακὴ δἰ ὲχιδνῶν ἡ καλουμένη γαλήνη = Windstille, in 174 elegischen Distichen beschrieben (Bussemaker, Poetarum de re physica et medica reliquiae, Paris 1851).Der Theriakgenoß im späteren Altertum und Mittelalter nicht nur als Antidot im engeren Sinne, sondern auch als Mittel gegen Infektionskrankheiten das höchste Ansehen. Noch im 18. Jahrhundert wurde er unter allerhand Zeremonien bereitet. Sein SohnAndromachos der Jüngere(von dem noch viele Rezepte überliefert sind, veröffentlichte Schriften über Heilmittel gegen innere, äußere und Augenkrankheiten); der Zeitgenosse des älteren Andromachos,Servilius Damokrates, ein zu seiner Zeit hoch berühmter, aber für komplizierte Rezepte allzu sehr eingenommener Arzt, vondessen, in Versen abgefaßten pharmakologischen Werken Fragmente auf uns gekommen sind (Damocratis Servilii carmina medicinalia ed. Harless, Bonn 1833).Asklepiades Pharmakion(wandte menschliche und tierische Exkremente mit Vorliebe an),Aglaiasaus Byzantion (Mittel gegen den grauen Star in 13 Distichen); der Arzt und BotanikerPamphilos(Verfasser einesalphabetischangeordneten Kräuterbuches mit Synonymenliste), verschieden von dem früher lebenden gleichnamigen Salbenhändler Pamphilos, der sich durch den Verkauf eines Mittels gegen Mentagra in Rom große Reichtümer erworben hatte.Ailios Promotos(hinterließ mehrere zum Teil handschriftlich erhaltene Werke über Heilmittel und Gifte).
Abgesehen von der im Auftrage des Pompejus vorgenommenen Uebersetzung der „Gedenkblätter“ des Mithradates durchLenaeusund den Schriften der römischen Dilettanten:Publius Nigidius Figulus(Operum reliquiae ed. Swoboda, Wien 1889),Aemilius Macer(Gedichte über Gifte und Heilkräuter, Theriaka nach dem Muster des Nikandros),C. Valgius Rufus(eine unvollendete Heilmittellehre, welche mit einer Vorrede an Augustus begann, worin derselbe um seinen Schutz gegen alle Leiden der Menschheit angegangen wurde) wären aus der pharmakologischen Literatur namentlich folgende Autoren hervorzuheben:Antonius Musa, der Leibarzt des Augustus. Von ihm finden sich Rezepte bei Späteren; (hingegen rühren die beiden unter seinem Namen laufenden Schriften De herba betonica und De bona valetudine — zusammen herausgegeben von Florian Caldani, Bassano 1800 — nicht von ihm her),Maenius Rufus(zur Zeit des Celsus, komponierte ein beliebtes Purgans),Philon von Tarsos(bei Celsus ist sein Kollyrium erwähnt), die beiden RömerJulius (oder Tullius) BassusundSextius Niger(dessen vorzügliches Werk über Materia medica, περὶ ὓλης, von Plinius hauptsächlich benützt wurde),Petronios Diodotos,Nikeratos(seine Schriften handelten unter anderem auch über die im Wasser lebenden, als Heilmittel dienenden Geschöpfe), Tiberius Claudius QuirinaMenekratesausZeophleta(verfaßte neben sehr vielen anderen Schriften ein dem Claudius gewidmetes Buch über Heilmittel, worin die Gewichtsbestimmungen in Worten angegeben waren, um Verwechslungen vorzubeugen — betitelt αὐτοκράτωρ ὁλογράμματος ἀξιολόγων φαρμάκων); seinEmplastrum diachylon, Bleiglättenpflaster mit Kräuterauszügen, hat sich, wenigstens dem Namen nach, bis heute erhalten;Xenokrates von Aphrodisias(schrieb über die Materia medica und über animalische Nahrung περὶ τῆς ἀπὸ τῶν ζώων τροφῆς, wovon der Abschnitt über eßbare Wassertiere [π. τ. ἀπὸ ὲνύδρων τροφῆς] noch vorhanden, vergl. Ideler, Physici et medici graeci minores, Lips. 1841, I, 121 ff.); neben manchen rationellen Rezepten hat er ganz besonders dazu beigetragen, den Glauben an die Wahrsagekunst, anGeheimmittelund an die wunderbareHeilkraft tierischer Stoffezu verbreiten; so kamen in seinem Arzneischatz vor: Teile des Nilpferdes und Elefanten, Fledermausblut, fernerTeile des menschlichen Körpers, wie Fleisch, Gehirn, Leber, Knochen, Blut, Schweiß, Ohrenschmalz, Sperma, Harn und Fäces (zum Einreiben von Mund und Hals),Herasaus Kappadokien (schrieb ein Werk über Heilmittel νάρθηξ = Arzneikasten).Andromachos der Aeltereaus Kreta, berühmt durch seine Modifikation des Mithridations (Zusatz von Vipernfleisch),den Theriak, θηριακὴ δἰ ὲχιδνῶν ἡ καλουμένη γαλήνη = Windstille, in 174 elegischen Distichen beschrieben (Bussemaker, Poetarum de re physica et medica reliquiae, Paris 1851).Der Theriakgenoß im späteren Altertum und Mittelalter nicht nur als Antidot im engeren Sinne, sondern auch als Mittel gegen Infektionskrankheiten das höchste Ansehen. Noch im 18. Jahrhundert wurde er unter allerhand Zeremonien bereitet. Sein SohnAndromachos der Jüngere(von dem noch viele Rezepte überliefert sind, veröffentlichte Schriften über Heilmittel gegen innere, äußere und Augenkrankheiten); der Zeitgenosse des älteren Andromachos,Servilius Damokrates, ein zu seiner Zeit hoch berühmter, aber für komplizierte Rezepte allzu sehr eingenommener Arzt, vondessen, in Versen abgefaßten pharmakologischen Werken Fragmente auf uns gekommen sind (Damocratis Servilii carmina medicinalia ed. Harless, Bonn 1833).Asklepiades Pharmakion(wandte menschliche und tierische Exkremente mit Vorliebe an),Aglaiasaus Byzantion (Mittel gegen den grauen Star in 13 Distichen); der Arzt und BotanikerPamphilos(Verfasser einesalphabetischangeordneten Kräuterbuches mit Synonymenliste), verschieden von dem früher lebenden gleichnamigen Salbenhändler Pamphilos, der sich durch den Verkauf eines Mittels gegen Mentagra in Rom große Reichtümer erworben hatte.Ailios Promotos(hinterließ mehrere zum Teil handschriftlich erhaltene Werke über Heilmittel und Gifte).
Zu den besseren Produkten zählen die Compositiones medicamentorum desScribonius Largus, ein ärztliches Taschenbuch, welches 271 Rezepte, nach den Körperteilen vom Kopf bis zu den Füßen angeordnet, enthält und um das Jahr 47 n. Chr. mit einer Widmung an den Kaiser Claudius veröffentlicht wurde. Nebst der eigenen Erfahrung benützte der Verfasser sorgfältig die Vorarbeiten und entnahm diesen manches Gute, doch scheute er sich auch nicht abenteuerliche, abergläubischeVolksmittelin den Rahmen seiner fleißigen Zusammenstellung aufzunehmen. Von Interesse ist es, daß Scribonius Largus als erster dieGewinnung des Opiumsrichtig beschrieb undbei heftigem Kopfschmerzdie Applikation desZitterrochens(elektrische Schläge!) empfiehlt.