Chapter 38

[1]Sinken der politischen Machtstellung des Papsttums, Exil in Avignon, Schisma, Konzile — Entartung der Geistlichkeit, Ketzergemeinden, vorreformatorische religiöse Bewegungen (Lollharden, Wiklifiten, Hussiten), Mystik — Verfall der Kaisermacht, Zersetzung des Feudalwesens, Erstarkung der Nationalitätsidee, Blüte der Städte (italienische Stadtstaaten), Emporkommen des Bürgertums, Bauernaufstände — Zurücktreten der Natural- hinter die Geldwirtschaft u. a. m.[2]Widerlegung der Lehre, daß Erde und Wasser zwei exzentrische Massen seien, Kenntnis der periodischen Ortsveränderungen von Wasser und Land, „Weltbild” des Pierre d'Ailly, Topographien, Landkarten, Reiseberichte (Niccolo De Conti u. a.), Afrikafahrten des Infanten Heinrich von Portugal — Brillen, Papier, Schießpulver, Feuergeschütze, Turmuhren, Schlaguhren, astronomische Uhren, Verbesserung der Schiffsbussole u. s. w.[3]Diese hatten inDantes Divina commediaihren letzten und erhabensten Ausdruck gefunden, zugleich mit ihnen aber auch schon die Klage über die davon wesentlich abweichenden wirklichen Zeitverhältnisse.[4]Das meiste trug der Umstand dazu bei, daß mit der besseren Kenntnis und dem vertieften Verständnis desoriginalenAristotelismus — im Gegensatz zum arabisierten — die Täuschung von der prinzipiellen Uebereinstimmung des Philosophen κατ' εξοχὴν mit den Grundlehren der Dogmatik (z. B. in der Frage der Weltschöpfung) schwinden mußte. Konsequenzen dieser Erkenntnis bildeten einerseits dieBetonung der empiristischen Elemente, wie sie schon im Nominalismus durchschimmert, anderseits das Aufkommen derMystik, die einer tiefinneren individuellen Religiosität entsprach, oder endlichleerer Formalismus, welch letzterer unter dem Einfluß kirchlicher Autorität und der Macht der Gewohnheit freilich am weitesten verbreitet war und leider noch jahrhundertelang fortherrschte.[5]Er billigt der Medizin, weil sie unbekümmert um die Seele nur der Leibessorge diene, keinen hohen Rang unter den Wissenschaften bezw. Künsten zu, ja er betrachtet sie eigentlich nur als Gewerbe, ohne das Streben nach wissenschaftlicher Begründung wahrhaft zu würdigen. An manchen Stellen wird allerdings diese durch überlebte Argumente gestützte Grundansicht etwas gemildert vorgebracht.[6]Er betrachtet dieselbe als einen Kunstgriff der Scharlatanerie und spricht ironisch von „Latina mors cum graeco velamine”.[7]Gegen die Araber hegte Petrarca eine in religiösen und ästhetischen Momenten tief wurzelnde Abneigung. Ihre poetischen Produktionen erschienen ihm als saft- und kraftlos, ihre philosophischen als ein ungeheurer Irrweg, insbesondere der widerchristliche Averröes war ihm ein Greuel. Einen Freund, der sich einst auf diese Autorität berief, bat er, ihm mit den Arabern in jeder Beziehung vom Leibe zu bleiben, da er nicht glaube, daß von ihnen irgend etwas Gutes kommen könne.[8]An einzelnen Stellen kann Petrarca freilich nicht umhin, zu betonen, daß es seltene Ausnahmen gebe — stand er doch selbst mit mehreren Aerzten in regem Verkehr, denen er vielseitige Bildung nachrühmt, deren Bemühungen er anerkennt (Tommaso del Garbo, Giovanni de Dondi, Francesco [di Bartolomeo Casini] da Siena, Joh. de Parma). Auch verwahrt er sich energisch dagegen, ein Feind der Aerzte oder der Medizin als solcher zu sein, ja er nimmt sogar den Dank der letzteren für seine gründliche Kritik der traurigen zeitgenössischen Zustände in Anspruch: Certa ipsa mihi, vivas modo voces habeat, medicina gratias actura sit, si eorum praesentem infamiam fando nudavero, qui antiquam illius gloriam novis erroribus extinxerunt.[9]Illos alios, quos chirurgos dicunt, quibus mechanicorum sordium et infamiae nomen impingunt, et in me et in aliis remedia optima sum expertus, et saepe vidi gravia vulnera seu foeda ulcera fomentis adhibitis aut curare velociter aut lenire. Nempe quid agant vident, mutant.[10]Nicolaus von Ultricuriaz. B. sprach 1348 die Ansicht aus, daß nicht Aristoteles und seine Kommentatoren, sonderndie Dinge selbstdas Ziel der Wissensdurstigen sein müßten; später war es der Mediziner und scholastische PhilosophRaymund von Sabunde, der in seiner Theologia naturalis (um 1436) neben dem Aristoteles auch das Lesen im„Liber naturae”empfahl.[11]In Italien war die Heilkunde an den im 13. und 14. Jahrhundert entstandenen Hochschulen von Vicenza, Arezzo, Vercelli, Siena, Piacenza, Rom, Perugia, Treviso, Florenz, Pisa, Pavia, Ferrara etc. vertreten. An den, an Zahl nicht geringen Provinzialuniversitäten Frankreichs spielte die Medizin eine ganz untergeordnete Rolle. Von den Hochschulen der pyrenäischen Halbinsel kommen namentlich Salamanca und Lerida in Betracht. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts erheben sich auf deutschem Boden die Schulen von Prag und Wien.[12]So sagt Petrarca: Fuisse Salerni medicinae fontem fama est; sed nihil est, quod non senio exarescat.[13]Von hippokratischen Schriften kamen nur die mit Kommentaren Galens versehenen in Betracht.[14]Seit Bartolus und Baldus.[15]Man darf auch nicht vergessen, wie kostspielig die Anschaffung der mühevoll hergestellten Abschriften der Originalwerke war, so daß selbst die Fakultäten nur über winzige Bibliotheken verfügten.[16]Dem Beispiele des Taddeo Alderotti folgten Barthol. Varignana, Gentilis de Foligno u. a. mit ihren „Consilia”.[17]Gewiß hat auch die Nähe des päpstlichen Hofes in Avignon, dem hervorragende Praktiker in der Stellung von Leibärzten zugezogen wurden, fördernd gewirkt.[18]Die Concordanciae desselben setztePetrus de Florofort.[19]Guillaume Boucher (Carnificis) und Pierre d'Auxonne (Danszon), vgl. unten die literarhistorische Uebersicht.[20]Die Universität in Prag wurde von Karl IV. im Jahre 1348 nach dem Muster der Pariser Hochschule gestiftet und behauptete einige Jahrzehnte hindurch eine universale Bedeutung; die rasch wachsende Zahl ihrer Studenten rekrutierte sich nicht bloß aus Böhmen und den deutschen Ländern, sondern auch aus England, Frankreich, der Lombardei, Ungarn und Polen. Die medizinische Fakultät, zu deren ersten Lehrern die Magister Walther und Gallus (beide königliche Leibärzte) und Nicolaus de Gevička gehörten, gelangte freilich erst nach ungefähr zwanzigjährigem Bestande zu einer ansehnlichen Bedeutung.[21]Beruht auf der von Avicenna und Averroës vertretenen Ansicht, daß die Kontagien nach aufwärts steigen.[22]So bei Gugl. Varignana, Dino del Garbo, Giacomo della Torre, Niccolò Falcucci — Bernard de Gordon, Gaddesden.[23]Der „per notabilia”, d. h. in einzelnen Lehrsätzen abgefaßte „nudus tractatus” ist mit zahlreichen kommentierenden „declarationes praeambulae”, „declarationes interlineares”, „declarationes obscurorum et obscura tangentium” förmlich umrankt. Die Darstellung ist für den modernen Leser zwar etwas weitschweifig und stellenweise durch Wiederholungen ermüdend, im Ganzen aber leidet die Uebersichtlichkeit keine Einbuße.[24]Mit besonderer Sorgfalt ist in dem Werke die chirurgischeMethodologieundDeontologieausgearbeitet, wobei kulturhistorische, höchst interessante Streiflichter auf die ärztlichen Unterrichts- und Standesverhältnisse, auf das Kurpfuschertum etc. geworfen werden.[25]Darauf ist es zurückzuführen, daß die Cyrurgia des Henri de Mondeville der jungen Druckerpresse nicht zur Veröffentlichung übergeben wurde.[26]„Inventarium et collectaneum in parte chirurgica medicinae.”[27]Von den Alten kommen nicht nur Hippokrates und Galen, sondern auch der bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts sonst unbenütztePaul von Aeginain Betracht.[28]Guy de Chauliac deutet seine Tendenz zur Wiedervereinigung der internen Medizin mit der Chirurgie schon im (ursprünglichen) Titel des Werkes an.[29]In dem anatomischen Lehrvortrag Henris (herausgegeben von Pagel, Die Anatomie des H. v. M., Berlin 1889) heißt es: Quicunque vult anathomiam capitis ostendere intus vel extra, subtiliter et perfecte, ipse debet habere craneum artificiale, aperibile formatum, per veras commissuras divisum in quatuor partes, quod, cum anathomiam extrinsecam ostenderit, aperire possit, ut sensibiliter anathomia panniculorum et cerebri videatur. Debet autem dictum craneum exterius esse munitum aliquibus, quae capillorum et cutis et carnis lacertosae et panniculi ossa ligantis vices gerant. Debet similiter interius aliquid esse fictum, quod sensibiliter formam panniculorum et cerebri repraesentat (l. c. p. 26). Die anatomischen Unterrichtstafeln des Henri de Mondeville erregten in hohem Grade Aufsehen bei den Zeitgenossen und auch Spätere (Guy de Chauliac, Tract. I, Doctr. I, cap. 1) bringen davon Kunde. Bei dieser Gelegenheit muß aber bemerkt werden, daß dieseanatomischen Abbildungenzwar teilweise eine gewisse Originalität besaßen, aber keineswegs ein Unikum im Mittelalter darstellen, denn Handschriften aus früherer Zeit beweisen die Existenz eineranatomischen Graphik, deren ziemlichstarren Typenund einandersehr ähnlichen Erklärungstextein letzter Linie wohl aus alexandrinischer, auf mancherlei Wegen ins Abendland gelangter, Ueberlieferung stammen. Vgl. Sudhoff, Studien zur Geschichte der Medizin, Heft 1, Tradition und Naturbeobachtung (Leipzig 1907) und Heft 4, Ein Beitrag zur Geschichte der Anatomie im Mittelalter (Leipzig 1908). In Betracht kommen unter anderem zwei Münchner Handschriften (Cod. lat. 13002, geschrieben 1158 im Kloster Prüfling bei Regensburg, mit 5 Bildern, den Lauf der Arterien und Venen, den Knochenbau, das Muskel- und Nervensystem darstellend — Cod. lat. 17403, im Kloster Scheyern 1250 hergestellt, ebenfalls mit 5 ganz ähnlichen Zeichnungen), eine Handschrift der Bodleiana zu Oxford (Ashmolean Manuscr. Nr. 339 mit 5 den Prüfening-Scheyernschen Bildern völlig gleichenden anatomischen Zeichnungen), ein provenzalischer anatomischer Traktat aus dem 13. Jahrhundert (Basler Univ. Bibl. D. II, 11” mit 5 von den früher erwähnten teilweise abweichenden Zeichnungen) u. s. w.[30]So berichtet der Minoritenmönch Salimbeni, daß ein Arzt während einer Seuche, die 1286 in Italien wütete, Leichen geöffnet habe, um die Ursache des Leidens zu ergründen.[31]Diminutiv von Raimondo oder Remondino.[32]In manchen Ausgaben steht 1316.[33]„Partes autem intrinsecae cordis sunt ventriculi cordis, dexter scilicet, sinister et medius. Scinde igitur cor primum in dextra parte et incipe a cuspide ejus, sic quod alium parietem non tangas, sed a latere ventriculi medii dividas, et tunc occuret tibi statim ventriculus dexter, et videbis in eo duo orificia, quorum unum est versus epar, et est orificium, per quod ingreditur vena chilis, et est orificium maximum, quia per hoc orificium cor trahit sanguinem ab epate et ipsum expellit ad omnia alia membra. Et quia per istud orificium plus habet trahere, quum debet expellere, et aperitur, quum cor dilatatur. Et habet tria ostiola, quae aperiuntur ab extra ad intra, quia per idem orificium fit etiam expulsio sanguinis perfecta decocti. Et licet non totus expellatur, quoniam aliqua portio ejus expellitur ad pulmonem, alia pars ejus transit in septum, ordinavit natura, ne illa hostiola essent multum depressa, et ut perfecta clausione non claudantur. Nota tamen duo. Primo quod sensus tibi declarat, quod vena chilis originem suam habet a corde, quia cum substantia cordis est continua, et ipsum non pertransit. Et est maxima juxta cor, sicut stirpes arboris. Et secundo adverte, quod ab ista vena, antequam concavitatem cordis ingrediatur, oritur vena, quae circumcirca radicem cordis circulatur, et ab ea oriuntur rami dispersi per substantiam cordis. Et ex hac vena nutritur cor, i. e. ex sanguine hujus venae. — Postea vero versus pulmonem est aliud orificium venae arterialis, quae portat sanguinem ad pulmonem a corde. Quia, cum pulmo deserviat cordi secundum modum dictum, ut ei recompenset, cor ei transmittit sanguinem per hanc venam, quae vocatur vena arterialis, quia habet duas tunicas. Et habuit duas tunicas, primo quia vadit ad membrum, quod existit in continuo motu, et secundo, quod portat sanguinem valde subtilem et colericum. Ut igitur non evaporet et ut non scindatur haec vena, ipsa habet duas tunicas, quare eam dicimus vena arterialis. Et in orificio isto vel istius venae sunt tria hostiola, quae aperiuntur ab intra ad extra, et clauduntur ab extra ad intra perfecta clausione. Quia per hoc orificium cor tantum debet expellere a se hora constrictionis, et non debet retrahere aliquid hora dilatationis. — Hoc viso scinde ventriculum sinistrum, ita quod in medio remaneat paries, in qua est ventriculus medius, et tunc statim tibi apparebit concavitas ventriculi sinistri, cujus paries est densior et spissior pariete ventriculi dextri. Et hoc fecit natura propter tria. Primo quod hic ventriculus debet continere spiritum, dexter vero sanguinem; sanguis autem gravior est spiritu, propter quod ratione contentorum plus aggravaretur pars dextra quam sinistra, et ideo cor non fuisset aequalis staturae. Ut illa esset aequalis ponderis, fecit parietem sinistrum crassiorem, ut recompensaret sua gravitate gravitati sanguinis. Alia causa est, quod debet continere spiritum, qui facile est resolubilis. Ut igitur non resolvatur paries fuit spissus. Tertia causa est, quod hic ventriculus generare debet spiritum ex sanguine. Spiritus autem generatur ex sanguine a forti caliditate subtiliante et evaporante. Fortior autem est caliditas, quoniam est in materia et subjecto densiori, quare paries hujus ventriculi fuit spissus et densus. In concavitate autem ejus circa radicem sunt duo orificia. Unum est orificium arteriae adorti, quae dicitur adorti, quia immediate a corde orta, vel quia est principium originis omnium arteriarum, quae sunt in corpore. Et per istam transmittit cor spiritum supra sanguinem, qui in ipso generatur, ad omnia membra, cum constringitur. Et propterea ordinavit natura in principio istius orificii tria hostiola, densa valde, quae perfecta clausione clauduntur ab extra ad intra; et aperiuntur ab intra ad extra; et orificium hoc est valde profundum. Aliud est orificium arteriae venalis, quae tantum habet unam tunicam, quia natura non fuit multum sollicita de custodia ejus, quod per ipsam transit, quod est vapor caprinosus, vel aër, quem attrahit cor a pulmone. Et quia per istam venam cor attrahit et expellit, natura in hoc orificio posuit tantum duo hostiola, quae perfecta clausione non clauduntur. Et sunt hostiola illa multum elevata, ut appodientur [i. e. nitantur[34]Adjutorium ═ humerus, subasella ═ axilla, pars doinestica ═ Beugeseite, pars silvestris ═ Streckseite, spatula ═ scapula, furcula ═ clavicula, focile superius ═ radius antibrachii, focile inferius ═ ulna bezw. tibia und fibula, rasceta ═ carpus, pecten ═ metacarpus, pixis ═ Gelenkpfanne, vertebrum ═ caput femoris etc.[35]Es ist höchst wahrscheinlich, daß Mondino nicht mit eigener Hand das Messer geführt hat, sondern daß ein Dissektor (vgl. S. 433) nach seinen Angaben die Leicheneröffnung vornahm. Der Ausdruck anatomizavi bedeutet bei den mittelalterlichen Anatomen fast nie anderes als: ich gebot zu zergliedern oder ich war bei der Zergliederung anwesend.[36]Am häufigsten beruft sich Mondino auf die Schriftde juvamentis membrorum, einen unvollständigen, aus dem Arabischen übersetzten Auszug aus Galens de usu partium.[37]Dieser Irrtum geht auf Aristoteles zurück und findet sich in der pseudogalenischen Schrift de anatom. vivorum.[38]Trotzdem für den Betrieb der Schulanatomie prinzipiell von den Behörden Verbrecherleichen bewilligt wurden, herrschte doch infolge vielfacher erschwerender Einzelbestimmungen ein steter Mangel an Material, so daß stellvertretend bis ins 16. Jahrhundert zurZergliederung von SchweinenZuflucht genommen werden mußte, ein Untersuchungsobjekt, gegen welches damals übrigens keine theoretischen Bedenken bestanden. Hie und da suchte man durch das verwerfliche Mittel des Leichenraubes dem Mangel an Material abzuhelfen; so sollen nach erhaltenen Akten schon im Jahre 1319 Schüler des Albertus Bononiensis die Leiche eines Gehenkten ausgegraben und im Hörsaal des Magisters seziert haben.[39]Bertuccio absolvierte die Schulsektion in 4 Vorlesungen und zwar in folgender Reihe: 1. Baucheingeweide, 2. Brustorgane, 3. Kopf, 4. die Gliedmaßen und besprach dabei wie Mondino an jedem Objekt im Anschluß an die Kategorien des Aristoteles neun Punkte: positio, substantia, complexio, quantitas, numerus, figura, colligatio, actio et utilitas, aegritudines. Dies berichtet Guy de Chauliac, der in seiner Anatomie (═ Traktat I seiner Chirurgie) von ihm sagt: et ipsam (sc. anatomiam) administravitmultotiesmagister meus Bertrucius. Das beliebte Lehrbuch des Bertrucius „Collectorium” enthält nur ein anatomisches Kapitel mit einer Beschreibung des Gehirns.[40]Nach späterer Bezeichnung muß übrigens zwischen einerAnatomia publica, d. h. einer öffentlichen, dem allgemeinen Unterricht zu gute kommenden Zergliederung und einerAnatomia privata, d. h. einer im Interesse einzelner Aerzte oder Studierender oder zu gerichtlichen Zwecken vorgenommenen Sektion unterschieden werden. Für die Schulanatomie geben die Statuten der Hochschulen den Anhaltspunkt. InPaduafand nachweislich im Jahre 1341 eine Zergliederung statt (Gentilis da Foligno), inVenedigwurde 1368 bestimmt, daß alljährlich vor den Medici phisici et cirurgici eine menschliche Leiche zergliedert werden soll und 1370 entschieden, daß Aerzte und Chirurgen gemeinschaftlich die Kosten zu tragen hätten, fürFlorenzliegt 1388 eine Bestimmung über Leichenlieferung vor, und in dieses Jahr dürfte eine von Nicolaus Florentinus erwähnte Sektion fallen.[41]Dort vertrat die Anatomie des Guy de Chauliac die Stelle von Mondinos Kompendium. Wohl schreiben schon die angeblich 1340 verfaßten Statuten Bedachtnahme auf Autopsien vor, doch stammt das erste Privilegium für solche aus dem Jahre 1376 oder 1377.[42]Bei den Chirurgen fanden allerdings jährlich vier Zergliederungen statt, Angaben über die von der medizinischen Fakultät veranstalteten Sektionen finden sich aber nicht vor der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. — Was Spanien anlangt, so erteilte Juan I. von Aragonien 1391 der UniversitätLéridadas Privileg, alle 3 Jahre eine Verbrecherleiche zergliedern zu dürfen.[43]Die Universität Wien wurde1365gegründet, 1384 reorganisiert. Die einzelnen Fakultäten erhielten 1389 ihre Statuten, aber erst seit 1399 fließen Nachrichten über die dortige medizinische Schule reichlicher (durch die am 6. Mai dieses Jahres begonnenen Acta facultatis). Zwar kamen die ältesten der in den Fakultätsakten verzeichneten Doktoren aus Paris — dessen Hochschule in ihren Einrichtungen für die Wiener maßgebend wurde —, doch für die Medizin erwies sich nur derEinfluß Italiensals tiefgreifend und dauernd.[44]Ugo Benzi machte sich bei den Zeitgenossen nicht nur als Arzt und Interpret der alten medizinischen Literatur, sondern auch als Philosoph einen großen Namen. In Ferrara disputierte er 1438 unter dem größten Beifall mit den zur Zeit des Konzils versammelten Theologen und Philosophen über die Lehren des Plato und Aristoteles. — Er lehrte auchAnatomieund wir wissen, daß unter seiner Leitung 1429 die Zergliederung einer Verbrecherleiche in Padua vorgenommen wurde.[45]Uebersetzt wurde z. B. die Chirurgie des Roger von Salerno, die Augenheilkunde des Benvenutus Grapheus, die Chirurgie des Henri de Mondeville, des Guy de Chauliac u. a. Von den in flämischer Sprache verfaßten Werken des Jehan Yperman ist oben gesprochen worden.[46]Eine ganz eigenartige Stellung nimmt die medizinische Literatur inkeltischer(irischer, gälischer, kymrischer) Sprache ein, welche von alten Aerztefamilien in Irland, Schottland und Wales ausging. Proben dieser bloß handschriftlich erhaltenen Literatur zeigen, daß sich in ihrem Inhalt die autochthone Heilkunde mit der mittelalterlichen gemeineuropäischen Medizin verbindet (vgl. Norman Moore, The history of the study of Medicine in the British Iles, Oxford 1908).[47]Vgl. unten die Literarhistorische Uebersicht.[48]In Paris, Montpellier, Bologna und Padua.[49]Prag und Wien folgten die Universitäten bezw. Akademien Heidelberg (1386), Köln (1388), Erfurt (1392), Würzburg (1402/10), Leipzig (1409), Rostock (1419), Greifswald (1456), Freiburg i. Br. (1457/60), Basel (1460), Trier und Ingolstadt (1472), Tübingen und Mainz (1477).[50]Hilfrunen sollst du lernen, wenn du helfen willst und Weiber entbinden;in der Handfläche sollen sie gezeichnet werden, und mansoll um das Handgelenk fassen, und die Götter um Hilfe flehen.Zweigrunen sollst du lernen, wenn du willst Arzt sein und Wunden zu beurteilen verstehen;auf Rinde soll man sie ritzen und ins Holz des Baumes, dessen Zweige sich gegen Osten neigen.(Die Lieder der älteren Edda, herausgegeb. v. Gering, pag. 320.)[51]Derselbe machte übrigens mehrere Reisen ins Ausland (darunter England, Frankreich, Italien, Spanien). Die von ihm berichteten Kuren bestanden in der Behandlung durch Aderlaß, Brennen und Operationen. Unter letzteren ist auch der Steinschnitt beschrieben nach dem sog. Celsusschen Verfahren, das der Isländer gewiß in der Fremde kennen gelernt hatte.[52]Bemerkenswert ist es, daß im altschwedischen Landschaftsgesetze (Södermannalagen, Uplandslagen) definiert wird, welche Personen als legitime Aerzte anzusehen sind: „Wenn ein Mann einem anderen Wunden zufügt, soll er ihm drei gesetzmäßige Aerzte anbieten, von welchen er den einen, den er wünscht, wählen kann. Gesetzmäßiger Arzt heißt derselbe, der eine mit Eisen gehauene Wunde, einen Beinbruch, eine durchdringende Wunde, das Abhauen eines Gliedes, eine durchgestochene Wunde mit zwei Oeffnungen geheilt hat”. Von ärztlichem Honorar (Naturalien), von der Berechtigung der Barbiere zur Ausübung des Aderlasses, von Badestuben handeln schon früh gesetzliche Bestimmungen der Schweden und Norweger.[53]Außer den medizinischen Handbüchern handeln in spezialistischer Weise eigene Traktate über die Untersuchung des Harns und der Exkrete (de egestione).[54]Wie aus alten bildlichen Darstellungen erhellt, war das kelchartigeHarnglas, das„Urinal”, geradezu dasEmblem der ärztlichen Kunst im Mittelalter, und wiewohl die medizinischen Autoritäten davor warnten, stützten die Praktiker ihre Diagnose und Behandlung oft ganz einseitig allein auf die Harnschau. Die ärztliche Konsultation bestand nicht selten nur darin, daß das „Wasser” des Patienten durch einen Boten zur Besichtigung überbracht wurde. Die Unsicherheit der Methode eröffnete begreiflicherweise der Scharlatanerie, ja den plumpsten Betrügereien Tür und Tor; lügenhafte Harnpropheten erweckten und verstärkten beim Volke stets aufs neue den Glauben, daß der Kundige aus dem Harn alles ersehen könne. Mancher tüchtige, aufgeklärte Arzt mag, gegen seine eigene Ueberzeugung, nur unter dem Drucke der schwindelhaften Konkurrenz, den Schwächen des Publikums entgegengekommen sein. Insbesondere in Deutschland war der Glaube an die Harnschau tief eingewurzelt, so daß „kluge” Praktiker (z. B. in Frankfurt) ein Harnglas als Aushängeschild gebrauchten.[55]Vgl. zu dem folgenden die Grundprinzipien der galenischen Therapie, auf welche (durch das Medium der arabischen) die gesamte spätmittelalterliche Behandlungsweise zurückzuführen ist.[56]Diese Vorschriften bezogen sich — unter Vermeidung einer allzu brüsken Aenderung der bisherigen Lebensweise — auf den Aufenthaltsort (Lüftung, Temperatur, Räucherung des Krankenzimmers — Klimawechsel), die Bettruhe oder die Leibestätigkeit des Patienten, die Wahl und Zubereitungsweise seiner Nahrung, die psychische Beeinflussung u. s. w. Wie pedantisch genau — im Geiste der Qualitäten- und Säftelehre — namentlich dieKrankenküchegeregelt wurde, ersieht man aus den meisten Konsilien.[57]Anweisungen zur Arzneibereitung waren schon deshalb nötig, weil nur in den größeren Städten Apotheken bestanden und somit die Bereitung der Heilmittel häufig noch von den Aerzten selbst vorgenommen werden mußte.[58]Vgl. S. 370. Die Aerzte schrieben noch keine Rezepte, sondern gaben die einzelnen Bestandteile ihrer Arzneiverordnungen dem Apothekermündlichan; dem Kranken reichten sie selbst die Arzneien in Bechern aus Zinn oder Silber, die nach dem Gebrauch in die Apotheke zurückgestellt wurden.[59]AuchLatwergenundPillen. DenSyrupenwurde gemäß den arabischen Doktrinen die Wirkung zugeschrieben, daß sie die „Kochung” der Säfte befördern.[60]Auch in Form von Suppositorien und Klysmen.[61]Die Derivation wurde z. B. bei Entzündungen, wo der Prozeß bereits fixiert zu sein schien, und bei chronischen Affektionen angewendet.[62]Besonders hatten Mesuë und Serapion d. Aelt. und, ihnen folgend, Rhazes und Avicenna zum Ausbau dieses Systems beigetragen, aber in Einzelheiten herrscht bei den Autoren keine Uebereinstimmung, sondern eine unglaubliche Konfusion, wie dies ja bei den ganzen fiktiven Grundprinzipien nur zu begreiflich ist.[63]So hat man die V. cephalica geschlagen bei Leiden des Kopfes, die V. mediana bei Anomalien des Herzens und Störungen der Lebensgeister, sowie in der Absicht, eine Repletion des ganzen Organismus herbeizuführen, die V. basilica (zumeist der linken Seite) bei Leiden des Unterleibs, die V. salvatella (namentlich der linken Hand) bei Milzleiden, die V. saphena bei Pleuresie, Krankheiten der Niere, Blase und Gebärmutter, die V. poplitaea zu gleichem Zwecke und noch außerdem zur Hervorrufung der Menses, die V. sciatica bei Gelenkschmerzen u. s. w. — Bei Leiden des Kopfes, der Augen u. s. w. wurde zuerst die V. cephalica geöffnet, später erst kamen die entsprechenden Blutadern des Kopfes „Venae particulares” an die Reihe, um nämlich dem Blutstrom vorerst eine vermeintlich andere Richtung zu geben und sodann das örtliche Uebel direkt zu bekämpfen.[64]DieAstrologiegalt allgemein als exakte Wissenschaft, und die Stimmen der Wenigen, welche sich gegen den Wahn erhoben (z. B. der Kanzler der Pariser UniversitätGerson, der deutsche Theolog und AstronomHeinrich von Langensteinu. a.), verhallten wirkungslos. — DieAlchemie, welche seit dem 13. Jahrhundert trotz des Einspruchs einzelner großer Denker, trotz des kirchlichen Verbots (Papst Johann XXII.) immer eifriger betrieben wurde, hatte verhältnismäßig nur geringe Bedeutung für die Medizin, abgesehen von den betrügerischen Ausschreitungen.[65]Saturn herrscht über das rechte Ohr, die Milz, Harnblase, Vorderarm und Schienbein; Jupiter unter anderem über Lunge, Leber und Füße; Mars über das linke Ohr, die Adern und Geschlechtsteile; die Sonne über die rechte Körperseite, das Herz u. s. w.; Venus über den Hals, das Abdomen und die Fleischteile im allgemeinen; Merkur über Arme, Hände, Schultern und Hüften; der Mond über die linke Körperhälfte, den Magen u. s. w. Das Blut ist dem Regiment des Jupiter und der Venus, die schwarze Galle dem Saturn, die gelbe Galle dem Mars, der Schleim dem Monde unterstellt. — Saturn bringt die langwierigen, Jupiter die kurzdauernden, Venus die mittleren, die Sonne die allerkürzesten Krankheiten, Merkur die variierenden, der Mond die remittierenden Leiden hervor. Sonne und Mars verursachen die aus der Hitze stammenden, Venus und Saturn die aus der Kälte stammenden, Jupiter die durch Blutfülle bedingten Krankheiten, Merkur die Geistesstörungen, der Mond die Nervenleiden. — Jedes Zodiakalzeichen besitzt wie jeder der Planeten eine eigene Qualitätsmischung, worin eben die Ursache seiner spezifischen Influenz auf den Mikrokosmus liegt.[66]Auch in der Aetiologie, besonders der Seuchen, wurde der Astrologie eine wichtige Rolle zugeteilt. So leitete z. B. selbst ein Guy de Chauliac den schwarzen Tod hauptsächlich von einer ungünstigen Konstellation der Gestirne her.[67]Brechmittel sind am meisten wirksam, wenn sich der Mond in einem retrograden Zeichen, z. B. im Krebs, bewegt, abführende Arzneien sind kontraindiziert, wenn der Mond in einem rückläufigen oder wiederkäuenden Zeichen (Widder, Stier und Steinbock) steht.[68]Außerdem kam die Beziehung der Elementarqualität des Tierkreiszeichens zur Komplexion des Patienten in Betracht. Der Mondstand im Zeichen der Zwillinge, der Wage und des Wassermanns (Signa calida et humida) war am günstigsten für die Vornahme der Venäsektion, wenn es sich um einen Sanguiniker handelte, hingegen kamen für den Choleriker die Zeichen des Widders und Schützen (Signa calida et sicca), für den Melancholiker die Zeichen der Jungfrau und des Stiers (Signa frigida et sicca), für den Phlegmatiker die Zeichen des Krebses, des Skorpions und der Fische (Signa frigida et humida) als günstigste in Betracht.[69]Vgl. über die Entwicklung der Aderlaßfiguren- und Tierkreiszeichengraphik sowie ihre Beziehung zu den frühesten anatomischen Abbildungen Sudhoff, Tradition und Naturbeobachtung (Leipziger Studien zur Gesch. d. Med. Heft 1), Leipzig 1907.[70]Möglicherweise auch, wie schon im Altertum, Demonstrationen an nackten Personen.[71]Freilich hatten in Wien die Baccalarien und Scholaren bereits 1435 vorgeschlagen, jährlich eine Anatomie zu veranstalten, aber nach der ersten 1404 stattgefundenen sind weitere nur für die Jahre 1418, 1444, 1452, 1455, 1459, 1493, 1498 bestimmt nachweisbar; eine im Jahre 1441 und 1491 beabsichtigte Anatomie mußte entfallen, weil das zur Sektion bestimmte justifizierte „subjectum” wieder zu sich kam. Aus den Akten ergibt sich, wie umständlich die Vorverhandlungen waren, welche die medizinische Fakultät mit dem Scharfrichter pflegen mußte, wie dieselben insgeheim betrieben wurden, wie man unter den in Betracht kommenden Delinquenten eine Auswahl traf, als ob es sich um Schlachtvieh gehandelt hätte. — Viele Aerzte mögen die Schule verlassen haben, ohne die inneren Teile des Menschen aus eigener Anschauung kennen gelernt zu haben.[72]Nach den Statuten von Bologna vom Jahre 1405 hatten bloß die im 3. Studienjahre stehenden Mediziner darauf Anspruch, der „Anatomie” beiwohnen zu dürfen, und auch von diesen sollten bloß 20 bei der Sektion einer männlichen, und 30 bei der Sektion einer weiblichen Leiche zugelassen werden, später gestattete man überall schon denen, welche das 1. Jahr zurückgelegt hatten, ja sogar den Erstjährigen den Zutritt.[73]Studenten und Zuschauer mußten die beträchtlichen Auslagen für Instrumente, für Erwerbung, Transport, Herrichtung und Bestattung der Leiche u. s. w. bestreiten.[74]Mondino und Guy de Chauliac deuten allerdings an, daß Muskeln, Knorpel, Gelenke, Bänder, Nerven, Gefäße u. a. an lange gewässerten, gekochten oder an der Sonne gedörrten Leichen studiert werden können, doch kam diese Methode der Schulanatomie kaum zugute.[75]Der Professor ordinarius practicae oder theoricae erklärte den von einem Extraordinarius vorgelesenen Text, überließ aber die Durchführung der Sektion einem Chirurgen und den Hinweis auf das Erläuterte dem Demonstrator. Trotzdem in Italien die Wundärzte auf einer relativ hohen Stufe standen, genügten sie doch, wie der häufige Wechsel beweist, nur selten den Anforderungen. Außerhalb Italiens mag die Obduktion bisweilen eher eine Zerfleischung des Leichnams als eine kunstgerechte Zergliederung gewesen sein. Wie sah es erst mit den Demonstrationen der gelehrten Doktoren aus![76]Die Unfehlbarkeit Galens in der Anatomie ist von Nicolaus Florentinus vielleicht zuerst ausgesprochen worden.[77]Dies gilt schon von den arabischen Aerzten, vgl. S. 166.[78]Von den medizinischen Fakultäten wurde allgemein — wenigstens späterhin — bei der Zulassung zum Lizentiat sogar gefordert, daß der Kandidat unter fachmännischer Leitung fleißig Krankenbesuche gemacht habe, sei es in der Privatpraxis, sei es in Spitälern.[79]Z. B. die Statuten von Wien, Köln, Ingolstadt. In Wien wollte die medizinische Fakultät 1455 die Krankenbesuche den Scholaren gänzlich verbieten, mußte sich aber auf Drängen derselben noch im gleichen Jahre zur Entscheidung herbeilassen, daß der Krankenbesuch allen denen gestattet werde, welche das 3. Studienjahr vollendet haben und sich zum regelmäßigen Besuch der Vorlesungen verpflichten.[80]Miniaturen der lateinischen Galenos-Handschrift der Kgl. öffentlichen Bibliothek in Dresden, Db. 92-93 in phototypischer Reproduktion. Einleitung und Beschreibung von E. C. van Leersum und W. Martin, Leyden 1910. Die Amtstracht der Professoren der medizinischen Fakultät (des „Ordo gratiosus”) war durch die scharlachrote Farbe gekennzeichnet, sie bestand aus einem talarartigen Ober- und Unterkleid mit Hermelinbesatz und einem Barett; die Studierenden erscheinen (gewöhnlich mit Tonsur) in einfachem Ober- und Unterkleide; der Pedell ähnlich, das Zepter in Händen. — Ordentliche Vorlesungen wurden täglich nur zwei (1-2 Stunden lang) gehalten, eine morgens und eine nachmittags. Die Unterrichtszeit erstreckte sich von Oktober bis Mai und war durch eine beträchtliche Zahl von „dies illegibiles” unterbrochen, d. h. Tagen, an denen nicht gelesen werden durfte.

[1]Sinken der politischen Machtstellung des Papsttums, Exil in Avignon, Schisma, Konzile — Entartung der Geistlichkeit, Ketzergemeinden, vorreformatorische religiöse Bewegungen (Lollharden, Wiklifiten, Hussiten), Mystik — Verfall der Kaisermacht, Zersetzung des Feudalwesens, Erstarkung der Nationalitätsidee, Blüte der Städte (italienische Stadtstaaten), Emporkommen des Bürgertums, Bauernaufstände — Zurücktreten der Natural- hinter die Geldwirtschaft u. a. m.

[2]Widerlegung der Lehre, daß Erde und Wasser zwei exzentrische Massen seien, Kenntnis der periodischen Ortsveränderungen von Wasser und Land, „Weltbild” des Pierre d'Ailly, Topographien, Landkarten, Reiseberichte (Niccolo De Conti u. a.), Afrikafahrten des Infanten Heinrich von Portugal — Brillen, Papier, Schießpulver, Feuergeschütze, Turmuhren, Schlaguhren, astronomische Uhren, Verbesserung der Schiffsbussole u. s. w.

[3]Diese hatten inDantes Divina commediaihren letzten und erhabensten Ausdruck gefunden, zugleich mit ihnen aber auch schon die Klage über die davon wesentlich abweichenden wirklichen Zeitverhältnisse.

[4]Das meiste trug der Umstand dazu bei, daß mit der besseren Kenntnis und dem vertieften Verständnis desoriginalenAristotelismus — im Gegensatz zum arabisierten — die Täuschung von der prinzipiellen Uebereinstimmung des Philosophen κατ' εξοχὴν mit den Grundlehren der Dogmatik (z. B. in der Frage der Weltschöpfung) schwinden mußte. Konsequenzen dieser Erkenntnis bildeten einerseits dieBetonung der empiristischen Elemente, wie sie schon im Nominalismus durchschimmert, anderseits das Aufkommen derMystik, die einer tiefinneren individuellen Religiosität entsprach, oder endlichleerer Formalismus, welch letzterer unter dem Einfluß kirchlicher Autorität und der Macht der Gewohnheit freilich am weitesten verbreitet war und leider noch jahrhundertelang fortherrschte.

[5]Er billigt der Medizin, weil sie unbekümmert um die Seele nur der Leibessorge diene, keinen hohen Rang unter den Wissenschaften bezw. Künsten zu, ja er betrachtet sie eigentlich nur als Gewerbe, ohne das Streben nach wissenschaftlicher Begründung wahrhaft zu würdigen. An manchen Stellen wird allerdings diese durch überlebte Argumente gestützte Grundansicht etwas gemildert vorgebracht.

[6]Er betrachtet dieselbe als einen Kunstgriff der Scharlatanerie und spricht ironisch von „Latina mors cum graeco velamine”.

[7]Gegen die Araber hegte Petrarca eine in religiösen und ästhetischen Momenten tief wurzelnde Abneigung. Ihre poetischen Produktionen erschienen ihm als saft- und kraftlos, ihre philosophischen als ein ungeheurer Irrweg, insbesondere der widerchristliche Averröes war ihm ein Greuel. Einen Freund, der sich einst auf diese Autorität berief, bat er, ihm mit den Arabern in jeder Beziehung vom Leibe zu bleiben, da er nicht glaube, daß von ihnen irgend etwas Gutes kommen könne.

[8]An einzelnen Stellen kann Petrarca freilich nicht umhin, zu betonen, daß es seltene Ausnahmen gebe — stand er doch selbst mit mehreren Aerzten in regem Verkehr, denen er vielseitige Bildung nachrühmt, deren Bemühungen er anerkennt (Tommaso del Garbo, Giovanni de Dondi, Francesco [di Bartolomeo Casini] da Siena, Joh. de Parma). Auch verwahrt er sich energisch dagegen, ein Feind der Aerzte oder der Medizin als solcher zu sein, ja er nimmt sogar den Dank der letzteren für seine gründliche Kritik der traurigen zeitgenössischen Zustände in Anspruch: Certa ipsa mihi, vivas modo voces habeat, medicina gratias actura sit, si eorum praesentem infamiam fando nudavero, qui antiquam illius gloriam novis erroribus extinxerunt.

[9]Illos alios, quos chirurgos dicunt, quibus mechanicorum sordium et infamiae nomen impingunt, et in me et in aliis remedia optima sum expertus, et saepe vidi gravia vulnera seu foeda ulcera fomentis adhibitis aut curare velociter aut lenire. Nempe quid agant vident, mutant.

[10]Nicolaus von Ultricuriaz. B. sprach 1348 die Ansicht aus, daß nicht Aristoteles und seine Kommentatoren, sonderndie Dinge selbstdas Ziel der Wissensdurstigen sein müßten; später war es der Mediziner und scholastische PhilosophRaymund von Sabunde, der in seiner Theologia naturalis (um 1436) neben dem Aristoteles auch das Lesen im„Liber naturae”empfahl.

[11]In Italien war die Heilkunde an den im 13. und 14. Jahrhundert entstandenen Hochschulen von Vicenza, Arezzo, Vercelli, Siena, Piacenza, Rom, Perugia, Treviso, Florenz, Pisa, Pavia, Ferrara etc. vertreten. An den, an Zahl nicht geringen Provinzialuniversitäten Frankreichs spielte die Medizin eine ganz untergeordnete Rolle. Von den Hochschulen der pyrenäischen Halbinsel kommen namentlich Salamanca und Lerida in Betracht. In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts erheben sich auf deutschem Boden die Schulen von Prag und Wien.

[12]So sagt Petrarca: Fuisse Salerni medicinae fontem fama est; sed nihil est, quod non senio exarescat.

[13]Von hippokratischen Schriften kamen nur die mit Kommentaren Galens versehenen in Betracht.

[14]Seit Bartolus und Baldus.

[15]Man darf auch nicht vergessen, wie kostspielig die Anschaffung der mühevoll hergestellten Abschriften der Originalwerke war, so daß selbst die Fakultäten nur über winzige Bibliotheken verfügten.

[16]Dem Beispiele des Taddeo Alderotti folgten Barthol. Varignana, Gentilis de Foligno u. a. mit ihren „Consilia”.

[17]Gewiß hat auch die Nähe des päpstlichen Hofes in Avignon, dem hervorragende Praktiker in der Stellung von Leibärzten zugezogen wurden, fördernd gewirkt.

[18]Die Concordanciae desselben setztePetrus de Florofort.

[19]Guillaume Boucher (Carnificis) und Pierre d'Auxonne (Danszon), vgl. unten die literarhistorische Uebersicht.

[20]Die Universität in Prag wurde von Karl IV. im Jahre 1348 nach dem Muster der Pariser Hochschule gestiftet und behauptete einige Jahrzehnte hindurch eine universale Bedeutung; die rasch wachsende Zahl ihrer Studenten rekrutierte sich nicht bloß aus Böhmen und den deutschen Ländern, sondern auch aus England, Frankreich, der Lombardei, Ungarn und Polen. Die medizinische Fakultät, zu deren ersten Lehrern die Magister Walther und Gallus (beide königliche Leibärzte) und Nicolaus de Gevička gehörten, gelangte freilich erst nach ungefähr zwanzigjährigem Bestande zu einer ansehnlichen Bedeutung.

[21]Beruht auf der von Avicenna und Averroës vertretenen Ansicht, daß die Kontagien nach aufwärts steigen.

[22]So bei Gugl. Varignana, Dino del Garbo, Giacomo della Torre, Niccolò Falcucci — Bernard de Gordon, Gaddesden.

[23]Der „per notabilia”, d. h. in einzelnen Lehrsätzen abgefaßte „nudus tractatus” ist mit zahlreichen kommentierenden „declarationes praeambulae”, „declarationes interlineares”, „declarationes obscurorum et obscura tangentium” förmlich umrankt. Die Darstellung ist für den modernen Leser zwar etwas weitschweifig und stellenweise durch Wiederholungen ermüdend, im Ganzen aber leidet die Uebersichtlichkeit keine Einbuße.

[24]Mit besonderer Sorgfalt ist in dem Werke die chirurgischeMethodologieundDeontologieausgearbeitet, wobei kulturhistorische, höchst interessante Streiflichter auf die ärztlichen Unterrichts- und Standesverhältnisse, auf das Kurpfuschertum etc. geworfen werden.

[25]Darauf ist es zurückzuführen, daß die Cyrurgia des Henri de Mondeville der jungen Druckerpresse nicht zur Veröffentlichung übergeben wurde.

[26]„Inventarium et collectaneum in parte chirurgica medicinae.”

[27]Von den Alten kommen nicht nur Hippokrates und Galen, sondern auch der bis zum Anfang des 16. Jahrhunderts sonst unbenütztePaul von Aeginain Betracht.

[28]Guy de Chauliac deutet seine Tendenz zur Wiedervereinigung der internen Medizin mit der Chirurgie schon im (ursprünglichen) Titel des Werkes an.

[29]In dem anatomischen Lehrvortrag Henris (herausgegeben von Pagel, Die Anatomie des H. v. M., Berlin 1889) heißt es: Quicunque vult anathomiam capitis ostendere intus vel extra, subtiliter et perfecte, ipse debet habere craneum artificiale, aperibile formatum, per veras commissuras divisum in quatuor partes, quod, cum anathomiam extrinsecam ostenderit, aperire possit, ut sensibiliter anathomia panniculorum et cerebri videatur. Debet autem dictum craneum exterius esse munitum aliquibus, quae capillorum et cutis et carnis lacertosae et panniculi ossa ligantis vices gerant. Debet similiter interius aliquid esse fictum, quod sensibiliter formam panniculorum et cerebri repraesentat (l. c. p. 26). Die anatomischen Unterrichtstafeln des Henri de Mondeville erregten in hohem Grade Aufsehen bei den Zeitgenossen und auch Spätere (Guy de Chauliac, Tract. I, Doctr. I, cap. 1) bringen davon Kunde. Bei dieser Gelegenheit muß aber bemerkt werden, daß dieseanatomischen Abbildungenzwar teilweise eine gewisse Originalität besaßen, aber keineswegs ein Unikum im Mittelalter darstellen, denn Handschriften aus früherer Zeit beweisen die Existenz eineranatomischen Graphik, deren ziemlichstarren Typenund einandersehr ähnlichen Erklärungstextein letzter Linie wohl aus alexandrinischer, auf mancherlei Wegen ins Abendland gelangter, Ueberlieferung stammen. Vgl. Sudhoff, Studien zur Geschichte der Medizin, Heft 1, Tradition und Naturbeobachtung (Leipzig 1907) und Heft 4, Ein Beitrag zur Geschichte der Anatomie im Mittelalter (Leipzig 1908). In Betracht kommen unter anderem zwei Münchner Handschriften (Cod. lat. 13002, geschrieben 1158 im Kloster Prüfling bei Regensburg, mit 5 Bildern, den Lauf der Arterien und Venen, den Knochenbau, das Muskel- und Nervensystem darstellend — Cod. lat. 17403, im Kloster Scheyern 1250 hergestellt, ebenfalls mit 5 ganz ähnlichen Zeichnungen), eine Handschrift der Bodleiana zu Oxford (Ashmolean Manuscr. Nr. 339 mit 5 den Prüfening-Scheyernschen Bildern völlig gleichenden anatomischen Zeichnungen), ein provenzalischer anatomischer Traktat aus dem 13. Jahrhundert (Basler Univ. Bibl. D. II, 11” mit 5 von den früher erwähnten teilweise abweichenden Zeichnungen) u. s. w.

[30]So berichtet der Minoritenmönch Salimbeni, daß ein Arzt während einer Seuche, die 1286 in Italien wütete, Leichen geöffnet habe, um die Ursache des Leidens zu ergründen.

[31]Diminutiv von Raimondo oder Remondino.

[32]In manchen Ausgaben steht 1316.

[33]„Partes autem intrinsecae cordis sunt ventriculi cordis, dexter scilicet, sinister et medius. Scinde igitur cor primum in dextra parte et incipe a cuspide ejus, sic quod alium parietem non tangas, sed a latere ventriculi medii dividas, et tunc occuret tibi statim ventriculus dexter, et videbis in eo duo orificia, quorum unum est versus epar, et est orificium, per quod ingreditur vena chilis, et est orificium maximum, quia per hoc orificium cor trahit sanguinem ab epate et ipsum expellit ad omnia alia membra. Et quia per istud orificium plus habet trahere, quum debet expellere, et aperitur, quum cor dilatatur. Et habet tria ostiola, quae aperiuntur ab extra ad intra, quia per idem orificium fit etiam expulsio sanguinis perfecta decocti. Et licet non totus expellatur, quoniam aliqua portio ejus expellitur ad pulmonem, alia pars ejus transit in septum, ordinavit natura, ne illa hostiola essent multum depressa, et ut perfecta clausione non claudantur. Nota tamen duo. Primo quod sensus tibi declarat, quod vena chilis originem suam habet a corde, quia cum substantia cordis est continua, et ipsum non pertransit. Et est maxima juxta cor, sicut stirpes arboris. Et secundo adverte, quod ab ista vena, antequam concavitatem cordis ingrediatur, oritur vena, quae circumcirca radicem cordis circulatur, et ab ea oriuntur rami dispersi per substantiam cordis. Et ex hac vena nutritur cor, i. e. ex sanguine hujus venae. — Postea vero versus pulmonem est aliud orificium venae arterialis, quae portat sanguinem ad pulmonem a corde. Quia, cum pulmo deserviat cordi secundum modum dictum, ut ei recompenset, cor ei transmittit sanguinem per hanc venam, quae vocatur vena arterialis, quia habet duas tunicas. Et habuit duas tunicas, primo quia vadit ad membrum, quod existit in continuo motu, et secundo, quod portat sanguinem valde subtilem et colericum. Ut igitur non evaporet et ut non scindatur haec vena, ipsa habet duas tunicas, quare eam dicimus vena arterialis. Et in orificio isto vel istius venae sunt tria hostiola, quae aperiuntur ab intra ad extra, et clauduntur ab extra ad intra perfecta clausione. Quia per hoc orificium cor tantum debet expellere a se hora constrictionis, et non debet retrahere aliquid hora dilatationis. — Hoc viso scinde ventriculum sinistrum, ita quod in medio remaneat paries, in qua est ventriculus medius, et tunc statim tibi apparebit concavitas ventriculi sinistri, cujus paries est densior et spissior pariete ventriculi dextri. Et hoc fecit natura propter tria. Primo quod hic ventriculus debet continere spiritum, dexter vero sanguinem; sanguis autem gravior est spiritu, propter quod ratione contentorum plus aggravaretur pars dextra quam sinistra, et ideo cor non fuisset aequalis staturae. Ut illa esset aequalis ponderis, fecit parietem sinistrum crassiorem, ut recompensaret sua gravitate gravitati sanguinis. Alia causa est, quod debet continere spiritum, qui facile est resolubilis. Ut igitur non resolvatur paries fuit spissus. Tertia causa est, quod hic ventriculus generare debet spiritum ex sanguine. Spiritus autem generatur ex sanguine a forti caliditate subtiliante et evaporante. Fortior autem est caliditas, quoniam est in materia et subjecto densiori, quare paries hujus ventriculi fuit spissus et densus. In concavitate autem ejus circa radicem sunt duo orificia. Unum est orificium arteriae adorti, quae dicitur adorti, quia immediate a corde orta, vel quia est principium originis omnium arteriarum, quae sunt in corpore. Et per istam transmittit cor spiritum supra sanguinem, qui in ipso generatur, ad omnia membra, cum constringitur. Et propterea ordinavit natura in principio istius orificii tria hostiola, densa valde, quae perfecta clausione clauduntur ab extra ad intra; et aperiuntur ab intra ad extra; et orificium hoc est valde profundum. Aliud est orificium arteriae venalis, quae tantum habet unam tunicam, quia natura non fuit multum sollicita de custodia ejus, quod per ipsam transit, quod est vapor caprinosus, vel aër, quem attrahit cor a pulmone. Et quia per istam venam cor attrahit et expellit, natura in hoc orificio posuit tantum duo hostiola, quae perfecta clausione non clauduntur. Et sunt hostiola illa multum elevata, ut appodientur [i. e. nitantur

[34]Adjutorium ═ humerus, subasella ═ axilla, pars doinestica ═ Beugeseite, pars silvestris ═ Streckseite, spatula ═ scapula, furcula ═ clavicula, focile superius ═ radius antibrachii, focile inferius ═ ulna bezw. tibia und fibula, rasceta ═ carpus, pecten ═ metacarpus, pixis ═ Gelenkpfanne, vertebrum ═ caput femoris etc.

[35]Es ist höchst wahrscheinlich, daß Mondino nicht mit eigener Hand das Messer geführt hat, sondern daß ein Dissektor (vgl. S. 433) nach seinen Angaben die Leicheneröffnung vornahm. Der Ausdruck anatomizavi bedeutet bei den mittelalterlichen Anatomen fast nie anderes als: ich gebot zu zergliedern oder ich war bei der Zergliederung anwesend.

[36]Am häufigsten beruft sich Mondino auf die Schriftde juvamentis membrorum, einen unvollständigen, aus dem Arabischen übersetzten Auszug aus Galens de usu partium.

[37]Dieser Irrtum geht auf Aristoteles zurück und findet sich in der pseudogalenischen Schrift de anatom. vivorum.

[38]Trotzdem für den Betrieb der Schulanatomie prinzipiell von den Behörden Verbrecherleichen bewilligt wurden, herrschte doch infolge vielfacher erschwerender Einzelbestimmungen ein steter Mangel an Material, so daß stellvertretend bis ins 16. Jahrhundert zurZergliederung von SchweinenZuflucht genommen werden mußte, ein Untersuchungsobjekt, gegen welches damals übrigens keine theoretischen Bedenken bestanden. Hie und da suchte man durch das verwerfliche Mittel des Leichenraubes dem Mangel an Material abzuhelfen; so sollen nach erhaltenen Akten schon im Jahre 1319 Schüler des Albertus Bononiensis die Leiche eines Gehenkten ausgegraben und im Hörsaal des Magisters seziert haben.

[39]Bertuccio absolvierte die Schulsektion in 4 Vorlesungen und zwar in folgender Reihe: 1. Baucheingeweide, 2. Brustorgane, 3. Kopf, 4. die Gliedmaßen und besprach dabei wie Mondino an jedem Objekt im Anschluß an die Kategorien des Aristoteles neun Punkte: positio, substantia, complexio, quantitas, numerus, figura, colligatio, actio et utilitas, aegritudines. Dies berichtet Guy de Chauliac, der in seiner Anatomie (═ Traktat I seiner Chirurgie) von ihm sagt: et ipsam (sc. anatomiam) administravitmultotiesmagister meus Bertrucius. Das beliebte Lehrbuch des Bertrucius „Collectorium” enthält nur ein anatomisches Kapitel mit einer Beschreibung des Gehirns.

[40]Nach späterer Bezeichnung muß übrigens zwischen einerAnatomia publica, d. h. einer öffentlichen, dem allgemeinen Unterricht zu gute kommenden Zergliederung und einerAnatomia privata, d. h. einer im Interesse einzelner Aerzte oder Studierender oder zu gerichtlichen Zwecken vorgenommenen Sektion unterschieden werden. Für die Schulanatomie geben die Statuten der Hochschulen den Anhaltspunkt. InPaduafand nachweislich im Jahre 1341 eine Zergliederung statt (Gentilis da Foligno), inVenedigwurde 1368 bestimmt, daß alljährlich vor den Medici phisici et cirurgici eine menschliche Leiche zergliedert werden soll und 1370 entschieden, daß Aerzte und Chirurgen gemeinschaftlich die Kosten zu tragen hätten, fürFlorenzliegt 1388 eine Bestimmung über Leichenlieferung vor, und in dieses Jahr dürfte eine von Nicolaus Florentinus erwähnte Sektion fallen.

[41]Dort vertrat die Anatomie des Guy de Chauliac die Stelle von Mondinos Kompendium. Wohl schreiben schon die angeblich 1340 verfaßten Statuten Bedachtnahme auf Autopsien vor, doch stammt das erste Privilegium für solche aus dem Jahre 1376 oder 1377.

[42]Bei den Chirurgen fanden allerdings jährlich vier Zergliederungen statt, Angaben über die von der medizinischen Fakultät veranstalteten Sektionen finden sich aber nicht vor der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. — Was Spanien anlangt, so erteilte Juan I. von Aragonien 1391 der UniversitätLéridadas Privileg, alle 3 Jahre eine Verbrecherleiche zergliedern zu dürfen.

[43]Die Universität Wien wurde1365gegründet, 1384 reorganisiert. Die einzelnen Fakultäten erhielten 1389 ihre Statuten, aber erst seit 1399 fließen Nachrichten über die dortige medizinische Schule reichlicher (durch die am 6. Mai dieses Jahres begonnenen Acta facultatis). Zwar kamen die ältesten der in den Fakultätsakten verzeichneten Doktoren aus Paris — dessen Hochschule in ihren Einrichtungen für die Wiener maßgebend wurde —, doch für die Medizin erwies sich nur derEinfluß Italiensals tiefgreifend und dauernd.

[44]Ugo Benzi machte sich bei den Zeitgenossen nicht nur als Arzt und Interpret der alten medizinischen Literatur, sondern auch als Philosoph einen großen Namen. In Ferrara disputierte er 1438 unter dem größten Beifall mit den zur Zeit des Konzils versammelten Theologen und Philosophen über die Lehren des Plato und Aristoteles. — Er lehrte auchAnatomieund wir wissen, daß unter seiner Leitung 1429 die Zergliederung einer Verbrecherleiche in Padua vorgenommen wurde.

[45]Uebersetzt wurde z. B. die Chirurgie des Roger von Salerno, die Augenheilkunde des Benvenutus Grapheus, die Chirurgie des Henri de Mondeville, des Guy de Chauliac u. a. Von den in flämischer Sprache verfaßten Werken des Jehan Yperman ist oben gesprochen worden.

[46]Eine ganz eigenartige Stellung nimmt die medizinische Literatur inkeltischer(irischer, gälischer, kymrischer) Sprache ein, welche von alten Aerztefamilien in Irland, Schottland und Wales ausging. Proben dieser bloß handschriftlich erhaltenen Literatur zeigen, daß sich in ihrem Inhalt die autochthone Heilkunde mit der mittelalterlichen gemeineuropäischen Medizin verbindet (vgl. Norman Moore, The history of the study of Medicine in the British Iles, Oxford 1908).

[47]Vgl. unten die Literarhistorische Uebersicht.

[48]In Paris, Montpellier, Bologna und Padua.

[49]Prag und Wien folgten die Universitäten bezw. Akademien Heidelberg (1386), Köln (1388), Erfurt (1392), Würzburg (1402/10), Leipzig (1409), Rostock (1419), Greifswald (1456), Freiburg i. Br. (1457/60), Basel (1460), Trier und Ingolstadt (1472), Tübingen und Mainz (1477).

[50]Hilfrunen sollst du lernen, wenn du helfen willst und Weiber entbinden;in der Handfläche sollen sie gezeichnet werden, und mansoll um das Handgelenk fassen, und die Götter um Hilfe flehen.Zweigrunen sollst du lernen, wenn du willst Arzt sein und Wunden zu beurteilen verstehen;auf Rinde soll man sie ritzen und ins Holz des Baumes, dessen Zweige sich gegen Osten neigen.(Die Lieder der älteren Edda, herausgegeb. v. Gering, pag. 320.)

Hilfrunen sollst du lernen, wenn du helfen willst und Weiber entbinden;in der Handfläche sollen sie gezeichnet werden, und mansoll um das Handgelenk fassen, und die Götter um Hilfe flehen.Zweigrunen sollst du lernen, wenn du willst Arzt sein und Wunden zu beurteilen verstehen;auf Rinde soll man sie ritzen und ins Holz des Baumes, dessen Zweige sich gegen Osten neigen.(Die Lieder der älteren Edda, herausgegeb. v. Gering, pag. 320.)

Hilfrunen sollst du lernen, wenn du helfen willst und Weiber entbinden;in der Handfläche sollen sie gezeichnet werden, und mansoll um das Handgelenk fassen, und die Götter um Hilfe flehen.Zweigrunen sollst du lernen, wenn du willst Arzt sein und Wunden zu beurteilen verstehen;auf Rinde soll man sie ritzen und ins Holz des Baumes, dessen Zweige sich gegen Osten neigen.(Die Lieder der älteren Edda, herausgegeb. v. Gering, pag. 320.)

Hilfrunen sollst du lernen, wenn du helfen willst und Weiber entbinden;in der Handfläche sollen sie gezeichnet werden, und mansoll um das Handgelenk fassen, und die Götter um Hilfe flehen.Zweigrunen sollst du lernen, wenn du willst Arzt sein und Wunden zu beurteilen verstehen;auf Rinde soll man sie ritzen und ins Holz des Baumes, dessen Zweige sich gegen Osten neigen.(Die Lieder der älteren Edda, herausgegeb. v. Gering, pag. 320.)

Hilfrunen sollst du lernen, wenn du helfen willst und Weiber entbinden;

in der Handfläche sollen sie gezeichnet werden, und man

soll um das Handgelenk fassen, und die Götter um Hilfe flehen.

Zweigrunen sollst du lernen, wenn du willst Arzt sein und Wunden zu beurteilen verstehen;

auf Rinde soll man sie ritzen und ins Holz des Baumes, dessen Zweige sich gegen Osten neigen.

(Die Lieder der älteren Edda, herausgegeb. v. Gering, pag. 320.)

[51]Derselbe machte übrigens mehrere Reisen ins Ausland (darunter England, Frankreich, Italien, Spanien). Die von ihm berichteten Kuren bestanden in der Behandlung durch Aderlaß, Brennen und Operationen. Unter letzteren ist auch der Steinschnitt beschrieben nach dem sog. Celsusschen Verfahren, das der Isländer gewiß in der Fremde kennen gelernt hatte.

[52]Bemerkenswert ist es, daß im altschwedischen Landschaftsgesetze (Södermannalagen, Uplandslagen) definiert wird, welche Personen als legitime Aerzte anzusehen sind: „Wenn ein Mann einem anderen Wunden zufügt, soll er ihm drei gesetzmäßige Aerzte anbieten, von welchen er den einen, den er wünscht, wählen kann. Gesetzmäßiger Arzt heißt derselbe, der eine mit Eisen gehauene Wunde, einen Beinbruch, eine durchdringende Wunde, das Abhauen eines Gliedes, eine durchgestochene Wunde mit zwei Oeffnungen geheilt hat”. Von ärztlichem Honorar (Naturalien), von der Berechtigung der Barbiere zur Ausübung des Aderlasses, von Badestuben handeln schon früh gesetzliche Bestimmungen der Schweden und Norweger.

[53]Außer den medizinischen Handbüchern handeln in spezialistischer Weise eigene Traktate über die Untersuchung des Harns und der Exkrete (de egestione).

[54]Wie aus alten bildlichen Darstellungen erhellt, war das kelchartigeHarnglas, das„Urinal”, geradezu dasEmblem der ärztlichen Kunst im Mittelalter, und wiewohl die medizinischen Autoritäten davor warnten, stützten die Praktiker ihre Diagnose und Behandlung oft ganz einseitig allein auf die Harnschau. Die ärztliche Konsultation bestand nicht selten nur darin, daß das „Wasser” des Patienten durch einen Boten zur Besichtigung überbracht wurde. Die Unsicherheit der Methode eröffnete begreiflicherweise der Scharlatanerie, ja den plumpsten Betrügereien Tür und Tor; lügenhafte Harnpropheten erweckten und verstärkten beim Volke stets aufs neue den Glauben, daß der Kundige aus dem Harn alles ersehen könne. Mancher tüchtige, aufgeklärte Arzt mag, gegen seine eigene Ueberzeugung, nur unter dem Drucke der schwindelhaften Konkurrenz, den Schwächen des Publikums entgegengekommen sein. Insbesondere in Deutschland war der Glaube an die Harnschau tief eingewurzelt, so daß „kluge” Praktiker (z. B. in Frankfurt) ein Harnglas als Aushängeschild gebrauchten.

[55]Vgl. zu dem folgenden die Grundprinzipien der galenischen Therapie, auf welche (durch das Medium der arabischen) die gesamte spätmittelalterliche Behandlungsweise zurückzuführen ist.

[56]Diese Vorschriften bezogen sich — unter Vermeidung einer allzu brüsken Aenderung der bisherigen Lebensweise — auf den Aufenthaltsort (Lüftung, Temperatur, Räucherung des Krankenzimmers — Klimawechsel), die Bettruhe oder die Leibestätigkeit des Patienten, die Wahl und Zubereitungsweise seiner Nahrung, die psychische Beeinflussung u. s. w. Wie pedantisch genau — im Geiste der Qualitäten- und Säftelehre — namentlich dieKrankenküchegeregelt wurde, ersieht man aus den meisten Konsilien.

[57]Anweisungen zur Arzneibereitung waren schon deshalb nötig, weil nur in den größeren Städten Apotheken bestanden und somit die Bereitung der Heilmittel häufig noch von den Aerzten selbst vorgenommen werden mußte.

[58]Vgl. S. 370. Die Aerzte schrieben noch keine Rezepte, sondern gaben die einzelnen Bestandteile ihrer Arzneiverordnungen dem Apothekermündlichan; dem Kranken reichten sie selbst die Arzneien in Bechern aus Zinn oder Silber, die nach dem Gebrauch in die Apotheke zurückgestellt wurden.

[59]AuchLatwergenundPillen. DenSyrupenwurde gemäß den arabischen Doktrinen die Wirkung zugeschrieben, daß sie die „Kochung” der Säfte befördern.

[60]Auch in Form von Suppositorien und Klysmen.

[61]Die Derivation wurde z. B. bei Entzündungen, wo der Prozeß bereits fixiert zu sein schien, und bei chronischen Affektionen angewendet.

[62]Besonders hatten Mesuë und Serapion d. Aelt. und, ihnen folgend, Rhazes und Avicenna zum Ausbau dieses Systems beigetragen, aber in Einzelheiten herrscht bei den Autoren keine Uebereinstimmung, sondern eine unglaubliche Konfusion, wie dies ja bei den ganzen fiktiven Grundprinzipien nur zu begreiflich ist.

[63]So hat man die V. cephalica geschlagen bei Leiden des Kopfes, die V. mediana bei Anomalien des Herzens und Störungen der Lebensgeister, sowie in der Absicht, eine Repletion des ganzen Organismus herbeizuführen, die V. basilica (zumeist der linken Seite) bei Leiden des Unterleibs, die V. salvatella (namentlich der linken Hand) bei Milzleiden, die V. saphena bei Pleuresie, Krankheiten der Niere, Blase und Gebärmutter, die V. poplitaea zu gleichem Zwecke und noch außerdem zur Hervorrufung der Menses, die V. sciatica bei Gelenkschmerzen u. s. w. — Bei Leiden des Kopfes, der Augen u. s. w. wurde zuerst die V. cephalica geöffnet, später erst kamen die entsprechenden Blutadern des Kopfes „Venae particulares” an die Reihe, um nämlich dem Blutstrom vorerst eine vermeintlich andere Richtung zu geben und sodann das örtliche Uebel direkt zu bekämpfen.

[64]DieAstrologiegalt allgemein als exakte Wissenschaft, und die Stimmen der Wenigen, welche sich gegen den Wahn erhoben (z. B. der Kanzler der Pariser UniversitätGerson, der deutsche Theolog und AstronomHeinrich von Langensteinu. a.), verhallten wirkungslos. — DieAlchemie, welche seit dem 13. Jahrhundert trotz des Einspruchs einzelner großer Denker, trotz des kirchlichen Verbots (Papst Johann XXII.) immer eifriger betrieben wurde, hatte verhältnismäßig nur geringe Bedeutung für die Medizin, abgesehen von den betrügerischen Ausschreitungen.

[65]Saturn herrscht über das rechte Ohr, die Milz, Harnblase, Vorderarm und Schienbein; Jupiter unter anderem über Lunge, Leber und Füße; Mars über das linke Ohr, die Adern und Geschlechtsteile; die Sonne über die rechte Körperseite, das Herz u. s. w.; Venus über den Hals, das Abdomen und die Fleischteile im allgemeinen; Merkur über Arme, Hände, Schultern und Hüften; der Mond über die linke Körperhälfte, den Magen u. s. w. Das Blut ist dem Regiment des Jupiter und der Venus, die schwarze Galle dem Saturn, die gelbe Galle dem Mars, der Schleim dem Monde unterstellt. — Saturn bringt die langwierigen, Jupiter die kurzdauernden, Venus die mittleren, die Sonne die allerkürzesten Krankheiten, Merkur die variierenden, der Mond die remittierenden Leiden hervor. Sonne und Mars verursachen die aus der Hitze stammenden, Venus und Saturn die aus der Kälte stammenden, Jupiter die durch Blutfülle bedingten Krankheiten, Merkur die Geistesstörungen, der Mond die Nervenleiden. — Jedes Zodiakalzeichen besitzt wie jeder der Planeten eine eigene Qualitätsmischung, worin eben die Ursache seiner spezifischen Influenz auf den Mikrokosmus liegt.

[66]Auch in der Aetiologie, besonders der Seuchen, wurde der Astrologie eine wichtige Rolle zugeteilt. So leitete z. B. selbst ein Guy de Chauliac den schwarzen Tod hauptsächlich von einer ungünstigen Konstellation der Gestirne her.

[67]Brechmittel sind am meisten wirksam, wenn sich der Mond in einem retrograden Zeichen, z. B. im Krebs, bewegt, abführende Arzneien sind kontraindiziert, wenn der Mond in einem rückläufigen oder wiederkäuenden Zeichen (Widder, Stier und Steinbock) steht.

[68]Außerdem kam die Beziehung der Elementarqualität des Tierkreiszeichens zur Komplexion des Patienten in Betracht. Der Mondstand im Zeichen der Zwillinge, der Wage und des Wassermanns (Signa calida et humida) war am günstigsten für die Vornahme der Venäsektion, wenn es sich um einen Sanguiniker handelte, hingegen kamen für den Choleriker die Zeichen des Widders und Schützen (Signa calida et sicca), für den Melancholiker die Zeichen der Jungfrau und des Stiers (Signa frigida et sicca), für den Phlegmatiker die Zeichen des Krebses, des Skorpions und der Fische (Signa frigida et humida) als günstigste in Betracht.

[69]Vgl. über die Entwicklung der Aderlaßfiguren- und Tierkreiszeichengraphik sowie ihre Beziehung zu den frühesten anatomischen Abbildungen Sudhoff, Tradition und Naturbeobachtung (Leipziger Studien zur Gesch. d. Med. Heft 1), Leipzig 1907.

[70]Möglicherweise auch, wie schon im Altertum, Demonstrationen an nackten Personen.

[71]Freilich hatten in Wien die Baccalarien und Scholaren bereits 1435 vorgeschlagen, jährlich eine Anatomie zu veranstalten, aber nach der ersten 1404 stattgefundenen sind weitere nur für die Jahre 1418, 1444, 1452, 1455, 1459, 1493, 1498 bestimmt nachweisbar; eine im Jahre 1441 und 1491 beabsichtigte Anatomie mußte entfallen, weil das zur Sektion bestimmte justifizierte „subjectum” wieder zu sich kam. Aus den Akten ergibt sich, wie umständlich die Vorverhandlungen waren, welche die medizinische Fakultät mit dem Scharfrichter pflegen mußte, wie dieselben insgeheim betrieben wurden, wie man unter den in Betracht kommenden Delinquenten eine Auswahl traf, als ob es sich um Schlachtvieh gehandelt hätte. — Viele Aerzte mögen die Schule verlassen haben, ohne die inneren Teile des Menschen aus eigener Anschauung kennen gelernt zu haben.

[72]Nach den Statuten von Bologna vom Jahre 1405 hatten bloß die im 3. Studienjahre stehenden Mediziner darauf Anspruch, der „Anatomie” beiwohnen zu dürfen, und auch von diesen sollten bloß 20 bei der Sektion einer männlichen, und 30 bei der Sektion einer weiblichen Leiche zugelassen werden, später gestattete man überall schon denen, welche das 1. Jahr zurückgelegt hatten, ja sogar den Erstjährigen den Zutritt.

[73]Studenten und Zuschauer mußten die beträchtlichen Auslagen für Instrumente, für Erwerbung, Transport, Herrichtung und Bestattung der Leiche u. s. w. bestreiten.

[74]Mondino und Guy de Chauliac deuten allerdings an, daß Muskeln, Knorpel, Gelenke, Bänder, Nerven, Gefäße u. a. an lange gewässerten, gekochten oder an der Sonne gedörrten Leichen studiert werden können, doch kam diese Methode der Schulanatomie kaum zugute.

[75]Der Professor ordinarius practicae oder theoricae erklärte den von einem Extraordinarius vorgelesenen Text, überließ aber die Durchführung der Sektion einem Chirurgen und den Hinweis auf das Erläuterte dem Demonstrator. Trotzdem in Italien die Wundärzte auf einer relativ hohen Stufe standen, genügten sie doch, wie der häufige Wechsel beweist, nur selten den Anforderungen. Außerhalb Italiens mag die Obduktion bisweilen eher eine Zerfleischung des Leichnams als eine kunstgerechte Zergliederung gewesen sein. Wie sah es erst mit den Demonstrationen der gelehrten Doktoren aus!

[76]Die Unfehlbarkeit Galens in der Anatomie ist von Nicolaus Florentinus vielleicht zuerst ausgesprochen worden.

[77]Dies gilt schon von den arabischen Aerzten, vgl. S. 166.

[78]Von den medizinischen Fakultäten wurde allgemein — wenigstens späterhin — bei der Zulassung zum Lizentiat sogar gefordert, daß der Kandidat unter fachmännischer Leitung fleißig Krankenbesuche gemacht habe, sei es in der Privatpraxis, sei es in Spitälern.

[79]Z. B. die Statuten von Wien, Köln, Ingolstadt. In Wien wollte die medizinische Fakultät 1455 die Krankenbesuche den Scholaren gänzlich verbieten, mußte sich aber auf Drängen derselben noch im gleichen Jahre zur Entscheidung herbeilassen, daß der Krankenbesuch allen denen gestattet werde, welche das 3. Studienjahr vollendet haben und sich zum regelmäßigen Besuch der Vorlesungen verpflichten.

[80]Miniaturen der lateinischen Galenos-Handschrift der Kgl. öffentlichen Bibliothek in Dresden, Db. 92-93 in phototypischer Reproduktion. Einleitung und Beschreibung von E. C. van Leersum und W. Martin, Leyden 1910. Die Amtstracht der Professoren der medizinischen Fakultät (des „Ordo gratiosus”) war durch die scharlachrote Farbe gekennzeichnet, sie bestand aus einem talarartigen Ober- und Unterkleid mit Hermelinbesatz und einem Barett; die Studierenden erscheinen (gewöhnlich mit Tonsur) in einfachem Ober- und Unterkleide; der Pedell ähnlich, das Zepter in Händen. — Ordentliche Vorlesungen wurden täglich nur zwei (1-2 Stunden lang) gehalten, eine morgens und eine nachmittags. Die Unterrichtszeit erstreckte sich von Oktober bis Mai und war durch eine beträchtliche Zahl von „dies illegibiles” unterbrochen, d. h. Tagen, an denen nicht gelesen werden durfte.


Back to IndexNext