Jesus wirkte als Arzt der Seele und des Leibes unter seinem Volke; imNeuen Testamenteist von vielen Krankheiten (verschiedene unter dem Begriff der Besessenheit zusammengefaßte Neurosen und Psychosen, ferner Lähmungen, Blindheit, Taubheit, Stummheit, Aussatz, Wassersucht, Blutfluß, Fieber, Ruhr u. a.) die Rede, welche von Jesus oder seinen Jüngern, in denen das Charisma weiterwirkte, auf wunderbare Weise durch göttlichen Einfluß geheilt worden sind. Das Evangelium wandte sich andie kranke Menschheit im weitesten Sinne des Wortes, seine lebensvolle Sprache ist ungemein reich an medizinischen Gleichnissen (ebenso auch die patristische Literatur)[57], und tatkräftig über allen Symbolismus hinausstrebend,erachtete es das Christentum im Sinne seines Stifters als eine der wichtigsten Pflichten, für die Kranken zu sorgen, was aus den ältesten Urkunden hervorgeht. Bei Lactantius finden sich die schönen Worte: aegros quoque quibus defuerit qui adsistat, curandos fovendosque suscipere summae humanitatis et magnae operationis est. Welcher Art aber anfänglich die Behandlung erkrankter Christen war, lehrt der Jakobusbrief, wo es heißt: „Ist Jemand unter Euch erkrankt, so rufe man die Aeltesten der Gemeinde, und sie sollen über ihn beten, nachdem sie ihn im Namen Christi mit Oel gesalbt; und das Gebet des Glaubens wird den Kranken heilen und der Herr wird ihn aufrichten. ... Betet für einander, damit ihr geheilt werdet; viel vermag kraftvolles Flehen eines Gerechten.” So hören wir denn auch in den apokryphen Apostelgeschichten von wunderbaren Heilungen durch bloße Berührung, Besprechung, Gebet, Auflegen des Evangeliumbuches u. s. w.Als das Christentum in die Welt trat, fand es im Heimatlande, noch mehr in der Fremde eine Fülle von übereinstimmenden Volksanschauungen und Volksgebräuchen im Geiste des Dämonismus vor, und trotz der Bekämpfung schlich sich, namentlich solange der Sektenstreit noch unbeendigt war, manch heidnischer Aberglaube ein, um in der Folge neuen zu gebären,wobei freilich von der christlichen Theurgie die heidnische Magie streng unterschieden wurde. Gegen letztere richteten sich später die Verbote der christlichen Kaiser. Es blieb oft kein anderer Ausweg als derjenige, welcher darin bestand, den alten Formen des Paganismus christlichen Geist einzuhauchen. In diesem Lichte wird es verständlich, daß uns (ursprünglich heidnische) Beschwörungsformeln, Amulette etc. im christlichen Gewande begegnen, oder daß späterhin der Kult des Asklepios, insbesondere im Osten des Römerreiches, von einer (in den Aeußerlichkeiten an die Herkunft stark erinnernden) kultischen Verehrung der Heiligen abgelöst worden ist[58].Der medizinischen Wissenschaft brachte das Christentum anfänglich großes Mißtrauen entgegen, weil man sie in der Praxis nicht selten mit heidnischem Mystizismus oder ethischen Defekten (z. B. mißbräuchliche Anwendung von Abortivis) verknüpft sah; asketische Schwärmer vertraten wohl auch die Ansicht, daß die Anwendung von Arzneimitteln Zeichen mangelhaften Gottvertrauens sei, und daß gewisse Heilungen durch den Einfluß der von Gott abtrünnig machenden Dämonen zu stande kämen. Der schärftste Vorkämpfer dieser mit der sonstigen wissensfeindlichen Richtung zusammenhängenden Bewegung war Tatian, welcher darüber unter anderem folgendes sagt: „Durch List machen die Dämonen die Menschen von der Gottesverehrung abwendig, indem sie sie verleiten, auf Kräuter und Wurzeln zu vertrauen. ... Die Arzneiwissenschaft in allen ihren Formen stammt aus derselben betrügerischen Kunst; denn wenn jemand von der Materie geheilt wird, indem er ihr vertraut, um wie viel mehr wird er, wenn er sich auf die Kraft Gottes verläßt, geheilt werden. ... Warum gehst du nicht zu dem mächtigeren Herrn; statt dessen ziehst du es vor, dich zu heilen wie der Hund durch Kräuter, der Hirsch durch Schlangen, das Schwein durch Flußkrebse, der Löwe durch Affen? Warum vergöttlichst du irdische Dinge?” In dem Maße, als das Christentum die gebildeten Stände für sich gewann, trat mit den übrigen asketischen auch diese extreme Richtung in den Hintergrund, wozu auch wohl der Einfluß der zu Anhängern des Heilands gewordenen Aerzte[59]manches beigetragen haben dürfte.
Jesus wirkte als Arzt der Seele und des Leibes unter seinem Volke; imNeuen Testamenteist von vielen Krankheiten (verschiedene unter dem Begriff der Besessenheit zusammengefaßte Neurosen und Psychosen, ferner Lähmungen, Blindheit, Taubheit, Stummheit, Aussatz, Wassersucht, Blutfluß, Fieber, Ruhr u. a.) die Rede, welche von Jesus oder seinen Jüngern, in denen das Charisma weiterwirkte, auf wunderbare Weise durch göttlichen Einfluß geheilt worden sind. Das Evangelium wandte sich andie kranke Menschheit im weitesten Sinne des Wortes, seine lebensvolle Sprache ist ungemein reich an medizinischen Gleichnissen (ebenso auch die patristische Literatur)[57], und tatkräftig über allen Symbolismus hinausstrebend,erachtete es das Christentum im Sinne seines Stifters als eine der wichtigsten Pflichten, für die Kranken zu sorgen, was aus den ältesten Urkunden hervorgeht. Bei Lactantius finden sich die schönen Worte: aegros quoque quibus defuerit qui adsistat, curandos fovendosque suscipere summae humanitatis et magnae operationis est. Welcher Art aber anfänglich die Behandlung erkrankter Christen war, lehrt der Jakobusbrief, wo es heißt: „Ist Jemand unter Euch erkrankt, so rufe man die Aeltesten der Gemeinde, und sie sollen über ihn beten, nachdem sie ihn im Namen Christi mit Oel gesalbt; und das Gebet des Glaubens wird den Kranken heilen und der Herr wird ihn aufrichten. ... Betet für einander, damit ihr geheilt werdet; viel vermag kraftvolles Flehen eines Gerechten.” So hören wir denn auch in den apokryphen Apostelgeschichten von wunderbaren Heilungen durch bloße Berührung, Besprechung, Gebet, Auflegen des Evangeliumbuches u. s. w.
Als das Christentum in die Welt trat, fand es im Heimatlande, noch mehr in der Fremde eine Fülle von übereinstimmenden Volksanschauungen und Volksgebräuchen im Geiste des Dämonismus vor, und trotz der Bekämpfung schlich sich, namentlich solange der Sektenstreit noch unbeendigt war, manch heidnischer Aberglaube ein, um in der Folge neuen zu gebären,wobei freilich von der christlichen Theurgie die heidnische Magie streng unterschieden wurde. Gegen letztere richteten sich später die Verbote der christlichen Kaiser. Es blieb oft kein anderer Ausweg als derjenige, welcher darin bestand, den alten Formen des Paganismus christlichen Geist einzuhauchen. In diesem Lichte wird es verständlich, daß uns (ursprünglich heidnische) Beschwörungsformeln, Amulette etc. im christlichen Gewande begegnen, oder daß späterhin der Kult des Asklepios, insbesondere im Osten des Römerreiches, von einer (in den Aeußerlichkeiten an die Herkunft stark erinnernden) kultischen Verehrung der Heiligen abgelöst worden ist[58].
Der medizinischen Wissenschaft brachte das Christentum anfänglich großes Mißtrauen entgegen, weil man sie in der Praxis nicht selten mit heidnischem Mystizismus oder ethischen Defekten (z. B. mißbräuchliche Anwendung von Abortivis) verknüpft sah; asketische Schwärmer vertraten wohl auch die Ansicht, daß die Anwendung von Arzneimitteln Zeichen mangelhaften Gottvertrauens sei, und daß gewisse Heilungen durch den Einfluß der von Gott abtrünnig machenden Dämonen zu stande kämen. Der schärftste Vorkämpfer dieser mit der sonstigen wissensfeindlichen Richtung zusammenhängenden Bewegung war Tatian, welcher darüber unter anderem folgendes sagt: „Durch List machen die Dämonen die Menschen von der Gottesverehrung abwendig, indem sie sie verleiten, auf Kräuter und Wurzeln zu vertrauen. ... Die Arzneiwissenschaft in allen ihren Formen stammt aus derselben betrügerischen Kunst; denn wenn jemand von der Materie geheilt wird, indem er ihr vertraut, um wie viel mehr wird er, wenn er sich auf die Kraft Gottes verläßt, geheilt werden. ... Warum gehst du nicht zu dem mächtigeren Herrn; statt dessen ziehst du es vor, dich zu heilen wie der Hund durch Kräuter, der Hirsch durch Schlangen, das Schwein durch Flußkrebse, der Löwe durch Affen? Warum vergöttlichst du irdische Dinge?” In dem Maße, als das Christentum die gebildeten Stände für sich gewann, trat mit den übrigen asketischen auch diese extreme Richtung in den Hintergrund, wozu auch wohl der Einfluß der zu Anhängern des Heilands gewordenen Aerzte[59]manches beigetragen haben dürfte.
Ebenso aber, wie die Kirche allmählich die antike Philosophie und Naturforschung für ihre Zwecke verarbeitete, erlosch auch die prinzipielle Abneigung gegen die wissenschaftliche Heilkunde, und wenn man die patristische Literatur durchmustert, so gewahrt man mit Erstaunen, welch tiefen Blick mancher der Kirchenväter in das ärztliche Schrifttum, ja in das Wesen der Medizin getan hat, durch nüchterne Kritik sehr vorteilhaft abstechend von den traumhaften naturphilosophischenSpekulationen der Neuplatoniker[60]. Daß die naturwissenschaftlich-medizinischen Ausführungen der Kirchenväter im Dienste der Teleologie und Dogmatik stehen oder nur von praktischen, didaktischen Gesichtspunkten geleitet werden, entspricht dem Charakter ihrer Werke, und unbillig wäre es, in dieser Zeit der allgemeinen Stagnation gerade bei jenen, welche in der Begründung des Offenbarungsglaubens ihre einzige Aufgabe erblickten, Anregung der freien, voraussetzungslosen Forschung zu suchen[61].
Unterliegt es aber auch keinem Zweifel, daß die christliche Dogmatik nach Aufrichtung ihrer Herrschaft zur drückenden Fessel für die Forschung geworden ist, — die reiche Menschenliebe des Urchristentums hatte schon eine Saat gestreut, deren Früchte einstens der Heilkunst zu größtem Nutzen gereichen sollten.Die höchste ärztliche Ethik, zu der sich die Antike in der Idealgestalt des Hippokrates emporgeschwungen, gestattete dem Arzte, seine Hilfe den „Unheilbaren” zu versagen, — die Humanitätsideen des Christentums, mit ihrer hohen Einschätzung des Menschenlebens, machten ihm hingegen seinen Beistand auch in diesen Fällen zur sittlichen Pflicht.Daß diese sittliche Pflicht mit der Zeit zur Quelle erneuten Forscherdranges werden mußte, liegt im Wesen des menschlichen Geistes. Einstweilen freilich war es der Wissenschaft verwehrt, die wünschenswerten Konsequenzen zu ziehen, nur die werktätige Nächstenliebe vermochte das Leid zu lindern durch hingebendeKrankenpflege, durch Errichtung von öffentlichenKrankenhäusern— eineInstitution, aus deren Schoße in einer fernliegenden Zukunft die echte klinische Wissenschaft entspringen sollte. Die besten, das Wohl der gesamten Menschheit umfassenden Gedanken kommen eben stets aus dem Herzen.
Welchen Opfermut die Christen in den Zeiten der großen Pest im 3. Jahrhundert zeigten, lehren die Schilderungen des Dionysios von Alexandrien: „Die meisten unserer Brüder schonten aus überschwänglicher Nächstenliebe ihre eigene Person nicht und hielten fest zusammen. Furchtlos besuchten sie die Kranken, bedienten sie liebreich, pflegten sie um Christi willen. ... Bei den Heiden aber fand das gerade Gegenteil statt. Sie stießen diejenigen, welche krank zu werden begannen, von sich, flohen von den Teuersten hinweg, warfen die Halbtoten auf die Straßen und ließen die Toten unbeerdigt liegen.” Und von Cyprian heißt es, daß er aufs ernstlichste den Christen ans Herz gelegt habe, nicht nur die Glaubensgenossen in dienender Liebe zu pflegen, sondern auch die Feinde und Verfolger. „Siehe, wie sie einander lieben”, hat Tertullian aus heidnischem Munde öfters gehört.Das Christentum bildete im Verein mit der Armenpflege die Krankenpflege als feststehendes Institut aus und basierte es auf die Gemeinde; beim sonntäglichen Gottesdienst wurden freiwillige Gaben für die Armen und Kranken gesammelt. Der Bischof war der Oberleiter, unter dem die „Diakonen” und die „Witwen” (später „Diakonissen”) standen; in der Hand der ersteren ruhte hauptsächlich die Krankenpflege, aber der Umstand, daß besondere Krankenpfleger vorhanden waren, sollte den Laien nicht entlasten. Als die Kirche zur staatlichen Anerkennung gelangte, und ihr die Schätze der heidnischen Tempel neben reichen Stiftungen zuflossen, übte sie die Krankenpflege im großen Stile, durch Ausbildung eigener Pfleger (Bischof Johannes Chrysostomos in Konstantinopel [400] hatte 40 Gemeindediakonen zur Verfügung) und durch Errichtung öffentlicher Krankenhäuser (die vom heil. Basilios 370 in Cäsarea begründete „Basilias” war das älteste, es umfaßte außer den eigentlichen νοσοκομεία noch Armen-, Fremden- und Magdalenenhäuser; besondere Angestellte, „Parapemponten” oder „Parabolanen” mußten die hilflosen Kranken aufsuchen und ins Hospital begleiten). Die Gründung des ältesten Krankenhauses in Rom wird der Fabiola (um 400) zugeschrieben, in Jerusalem stiftete die Kaiserin Eudocia († 420) Hospitäler.Es ist zwar sicher, daß lange vor den christlichen Wohlfahrtsinstituten bei manchen Völkern, namentlich den Indern (vgl. Bd. I, S. 90), Hospitäler bestanden, für die griechisch-römische Welt aber bedeutete die geordnete Armen- und Krankenpflege etwas Neues, obwohl mancherlei, besonders durch die Stoa geförderte ethische Strebungen den christlichen voran oder parallel liefen. Die Iatreien, die Valetudinarien können kaum als Vorstufe aufgefaßt werden, am nächsten stehen den Hospitälern noch die Einrichtungen zur Pflege erkrankter Vestallinnen.
Welchen Opfermut die Christen in den Zeiten der großen Pest im 3. Jahrhundert zeigten, lehren die Schilderungen des Dionysios von Alexandrien: „Die meisten unserer Brüder schonten aus überschwänglicher Nächstenliebe ihre eigene Person nicht und hielten fest zusammen. Furchtlos besuchten sie die Kranken, bedienten sie liebreich, pflegten sie um Christi willen. ... Bei den Heiden aber fand das gerade Gegenteil statt. Sie stießen diejenigen, welche krank zu werden begannen, von sich, flohen von den Teuersten hinweg, warfen die Halbtoten auf die Straßen und ließen die Toten unbeerdigt liegen.” Und von Cyprian heißt es, daß er aufs ernstlichste den Christen ans Herz gelegt habe, nicht nur die Glaubensgenossen in dienender Liebe zu pflegen, sondern auch die Feinde und Verfolger. „Siehe, wie sie einander lieben”, hat Tertullian aus heidnischem Munde öfters gehört.
Das Christentum bildete im Verein mit der Armenpflege die Krankenpflege als feststehendes Institut aus und basierte es auf die Gemeinde; beim sonntäglichen Gottesdienst wurden freiwillige Gaben für die Armen und Kranken gesammelt. Der Bischof war der Oberleiter, unter dem die „Diakonen” und die „Witwen” (später „Diakonissen”) standen; in der Hand der ersteren ruhte hauptsächlich die Krankenpflege, aber der Umstand, daß besondere Krankenpfleger vorhanden waren, sollte den Laien nicht entlasten. Als die Kirche zur staatlichen Anerkennung gelangte, und ihr die Schätze der heidnischen Tempel neben reichen Stiftungen zuflossen, übte sie die Krankenpflege im großen Stile, durch Ausbildung eigener Pfleger (Bischof Johannes Chrysostomos in Konstantinopel [400] hatte 40 Gemeindediakonen zur Verfügung) und durch Errichtung öffentlicher Krankenhäuser (die vom heil. Basilios 370 in Cäsarea begründete „Basilias” war das älteste, es umfaßte außer den eigentlichen νοσοκομεία noch Armen-, Fremden- und Magdalenenhäuser; besondere Angestellte, „Parapemponten” oder „Parabolanen” mußten die hilflosen Kranken aufsuchen und ins Hospital begleiten). Die Gründung des ältesten Krankenhauses in Rom wird der Fabiola (um 400) zugeschrieben, in Jerusalem stiftete die Kaiserin Eudocia († 420) Hospitäler.
Es ist zwar sicher, daß lange vor den christlichen Wohlfahrtsinstituten bei manchen Völkern, namentlich den Indern (vgl. Bd. I, S. 90), Hospitäler bestanden, für die griechisch-römische Welt aber bedeutete die geordnete Armen- und Krankenpflege etwas Neues, obwohl mancherlei, besonders durch die Stoa geförderte ethische Strebungen den christlichen voran oder parallel liefen. Die Iatreien, die Valetudinarien können kaum als Vorstufe aufgefaßt werden, am nächsten stehen den Hospitälern noch die Einrichtungen zur Pflege erkrankter Vestallinnen.
Noch oblag aber fast ausschließlich den Vertretern des alten Götterglaubens die Erhaltung und Pflege der antiken Bildung. Und gerade in dem Maße, als das sinkende Heidentum seit Konstantins Uebertritt seine Position verlor, klammerte es sich mit der Kraft des Verzweifelten an das köstlichste Erbgut der Väter, an die hellenische Wissenschaft. Während im neugegründeten Byzanz die höfische und immer mehr auch die christlich schillernde Richtung zu dominieren begann, verjüngte sich die Philosophie in der Schule von Athen, leuchtete die freie hellenischeForschung und Spekulation in Alexandria; hier hielten Neuplatoniker und gelehrte Ausleger des Aristoteles die Fahne der Aufklärung aufrecht gegen die andrängende Phalanx finsterer christlicher Eiferer, hier wirkten in stiller Arbeit für bessere Zeiten Männer wie Diophantos, Pappos und Theon, durch ihre trefflichen Leistungen auf dem Gebiete der exakten Wissenschaft an die ruhmvolle Vergangenheit gemahnend. Darum äußerte sich der mißglückte Restitutionsversuch des Kaisers Julian ganz besonders in der Erneuerung der altgriechischen Bildung, an welche das Heidentum mit tausend Fäden geknüpft war, darum richtete sich aber auch der christliche Fanatismus gegen die Philosophen[62]und namentlich gegen die Hochburg des Hellenismus, die Bibliothek Alexandrias, welche endlich (391) durch den Ansturm christlichen Pöbels schwere Einbuße erlitt.
Im Gesamtbilde der heidnischen Antike bedeutet die Heilkunde fürwahr nicht den unbedeutendsten Teil. Auch jetzt ruhte ihre wissenschaftliche Bearbeitung und Pflege noch zumeist in den Händen heidnischer Aerzte, namentlich solcher, welche deralexandrinischen Schuleentstammten, wo die Iatrosophistik blühte und die reichsten Bücherschätze aufgestapelt waren. In jener greisenhaften Zeit bestand die medizinische Forschung freilich weit weniger in der Ermittlung vorher unbekannter Tatsachen — an einzelnen trefflichen neuen Beobachtungen auf verschiedenen Gebieten mangelte es übrigens keineswegs — als in derSammlung,Sichtung,Interpretationdes Ueberkommenen. Die seit dem 3. Jahrhundert erheblich sinkende Durchschnittsbildung des Arztes erforderte mehr oder minder magere, kompendiöse Auszüge, da den meisten das mühevolle Studium der umfangreichen Originalwerke der Blüteepoche längst fern lag und solcherart ersetzt werden sollte[63].
In der Distanz wuchs zusehends die Verehrung für den großenGalen, den einst seine Zeitgenossen nicht zu würdigen wußten; jetzt blickte ein kleines Geschlecht mehr staunend als verständnisvoll auf die literarischen Riesenleistungen dieses Genius, welcher immer mehr die Züge eines unerreichbaren Vorbildes annahm. Es spricht für den Weitblick des KaisersJulian, daß er in seinem Reformversuch gerade auch der antiken Medizin eine wichtige Rolle beimaß[64]und daher seinenLeibarztOreibasiosbeauftragte, aus den ärztlichen Meisterwerken eine umfassende Enzyklopädie herzustellen, für welche Exzerpte aus den Schriften Galens den Grundstock bildeten. Wie vieles wurde durch dieses Werk dem allgemeinen Untergang entrissen!
Oreibasiosfolgte insbesondere den FußstapfenGalens. Dem römischen Westen glaubte der KompilatorCaelius Aurelianusdie Lehren derMethodiker, welche wegen ihrer praktischen Einfachheit im Abendlande stets auf viele Anhänger zählen durften, als beste Leistung der antiken Medizin in lateinischer Sprache übermitteln zu sollen. Die Nachwirkung war eine entscheidende für Jahrhunderte und brachte auch auf medizinischem Gebiete jene geschichtlich so tief begründete Scheidung zwischen dem hellenischen (niemals romanisierten) Orient und dem Okzident zum Ausdruck, welche in derTeilung des römischen Weltreicheswieder ihr äußerliches Zeichen gefunden hatte.
Im byzantinischen Osten dauerte die antike Tradition, wenn auch bloß mumienartig konserviert, ununterbrochen fort, und mit ihr die antike Medizin. Anders war das Schicksal der Heilkunde im Westen, wo die stolze Roma unter den Schwertstreichen nordischer Barbaren zusammenbrach; hier mußte sie während der rauhen Stürme der Zeiten in der stillen Mönchszelle Zuflucht suchen. Der langen Ueberwinterung folgte aber nach einem Jahrtausend eine Neugestaltung, wie sie die antike Welt aus sich heraus zu gebären nicht vermocht hätte. Alles Vergehen ist zugleich eine Form des Werdens!
[1]Auch in Ephesos bestand ein dem alexandrinischen nachgebildetes Museion, eine Akademie, welche mit der um das Heiligtum des Schutzgottes Asklepios zusammengeschlossenen Aerztevereinigung in enger Verbindung stand. Wie Inschriften beweisen, wurden von letzterer alljährlich die besten ärztlichen Leistungen (Abhandlungen, Erfindung von Instrumenten, Operationsverfahren) in feierlicher Weise preisgekrönt.[2]Praktiker wirkten auch neben den Iatrosophisten als „Pädagogen” an den Hochschulen in Alexandria, Antiochia, Athen, in Italien, Gallien und Spanien; in der späteren Kaiserzeit waren die angestellten Gemeindeärzte zur Erteilung unentgeltlichen Unterrichts verpflichtet.[3]Plinius klagt darüber, daß man in Rom jedem, der sich für einen Arzt ausgebe, Glauben schenke, obwohl gerade auf diesem Gebiete die Lüge von den größten Gefahren begleitet sei.[4]Die strebsamsten unter den Aerzten sammelten die Arzneistoffe selbst (vgl. Bd. I, S. 360), die meisten aber erwarben von den Drogenhändlern die Rohmaterialien, um aus denselben die Medikamente zuzubereiten, andere endlich ließen sich von ihrer Bequemlichkeit verleiten, gleich fertige zusammengesetzte Präparate einzukaufen, wodurch der Kurpfuscherei der Arzneikrämer Vorschub geleistet wurde. Die Aerzte führten Hand- bezw. Reiseapotheken mit sich, d. h. Kästchen (aus Bronze), welche mehrere Fächer besaßen und oft künstlerisch verziert waren (z. B. mit Elfenbeinreliefs des Asklepios, der Hygieia etc.). Für den kaiserlichen Hof und den Fiskus wurden Arzneistoffe in den Provinzen unter Aufsicht von Beamten gesammelt, verpackt, nach Rom gesandt und in besonderen Magazinen verwahrt. Die Arzneigroßhändler kauften die Drogen teils vom Fiskus, teils bezogen sie dieselben auf direktem Handelswege. Verfälschungen der geriebensten Art waren gang und gäbe, doch trugen daran weniger die Händler als die Lieferanten Schuld. Jedenfalls bildeten unter solchen Umständen gründliche Kenntnisse in der Heilmittellehre undArzneimittelzubereitungein dringendes Postulat. Besonders wichtig war es, wie Galen hervorhebt, die Verfälschungen zu erkennen — wobei freilich zumeist einfache Sinneswahrnehmungen die chemische Prüfung ersetzen mußten — ferner zu wissen, welche Arzneimittel als Surrogate für fehlende Medikamente eventuell substituiert werden durften (Succedanea). Auch suchte man dem Bedarf der Hausapotheken der Aerzte und Laien namentlich auf dem Lande durchEuporista(leicht zu beschaffende und leicht anzufertigende Hausmittel) Rechnung zu tragen, wodurch dem Mißbrauch mit fremden, seltenen, kostspieligen Heilmitteln entgegengearbeitet und eine mehr volkstümliche Behandlungsweise angebahnt wurde, die namentlich den weniger Bemittelten zu gute kam.[5]Erst im 3. Jahrhundert wurde ein einschlägiges Gesetz erlassen, wonach die Todesstrafe oder Verbannung zur Anwendung kommen sollte, wenn ein Kranker durch ein dargereichtes Medikament zu Grunde ging.[6]Galen, der in seiner Heimat beide Fächer ausübte, sagt: „Da ich aber in Rom lebte, mußte ich der Sitte der Hauptstadt viele Zugeständnisse machen und den sogenannten Chirurgen das meiste von diesen Dingen überlassen.”[7]So z. B. Charmis aus Massilia (1. Jahrhundert), von dem Plinius erzählt: „Er tauchte die Kranken in Teiche, und selbst hochbetagte konsularische Würdenträger konnte man ostentativ die Mode mitmachen und erbärmlich frieren sehen.”[8]Berühmte Okulisten waren z. B.Euelpideszur Zeit des Celsus,Demosthenesaus Massilia (vgl. Bd. I, S. 275),Lysiponus, im Dienste des Augustus,Celadianus, Augenarzt des Tiberius,Severus, von dem noch wichtige Fragmente vorhanden sind. Zahlreich kommen Namen von Okulisten auf Inschriften vor.[9]Ursprünglich nannte man Kollyrien alle Arzneizäpfchen, welche in Höhlungen, z. B. in die Harnröhre, in den After, in Fisteln u. s. w. eingeführt wurden. Im engeren Sinne verstand man darunter in Stangenform gebrachte Augenmittel, endlich, mit Vernachlässigung der Etymologie, Augenmittel überhaupt, wobei dann trockene oder flüssige Kollyrien unterschieden wurden. Die ersteren stellten aus metallischen und pflanzlichen Stoffen bereitete, durch allmählichen Wasserzusatz und Hinzufügung von Harz oder Gummi zäh oder fest gewordene Stangen dar, von denen im Bedarfsfalle ein Stückchen entnommen und mit einer Flüssigkeit verrieben wurde. Die Gefäße, in welchen die Kollyrien verwahrt wurden, trugen Aufschriften, bisweilen war auch das Kollyr selbst mit einer Gravüre versehen, so hieß z. B. des Antigonos Safrankollyr auch „der kleine Löwe”, weil es mit der Gravüre eines solchen gestempelt wurde (Galen). Bei Ausgrabungen — jedoch weder in Italien, noch in Griechenland, sondern bloß auf dem Boden der nordwestlichen Provinzen des römischen Reiches — fand manSiegelsteinevon Augenärzten, mittels welcher den Kollyrienstangen (nach Art unserer Toiletteseifen) der Name des Augenarztes bezw. Kollyrienerfinders, der Name des Mittels, zuweilen auch Angaben über dessen Indikation und Verwendungsweise aufgeprägt wurden. Diese Siegelsteine sind aus Nephrit, Serpentin oder Schiefer gefertigte, zumeist viereckige Täfelchen, welche auf ihren schmalen Seiten in Spiegelschrift die betreffende Inschrift tragen. Bisher sind ungefähr 200 solcher Stempel aufgefunden und sorgfältig beschrieben worden. Alles spricht dafür, daß der reklamehafte Gebrauch in Gallien aufkam, vom 2.-4. Jahrhundert herrschte, jedoch von den griechischen und römischen Aerzten verschmäht wurde — schweigt doch die Literatur gänzlich darüber.[10]Die freien Hebammen waren in einer Zunft vereinigt, der die „nobilitas” beigelegt wurde; handelte es sich um die gerichtliche Feststellung einer Gravidität, so wurden sie als Sachverständige vernommen. Bezüglich der Aerzte als Sachverständige vor Gericht, haben erst in jüngster Zeit aufgefundene Urkunden (Papyri aus Aegypten) einige Nachrichten gebracht, welcheGutachtenenthalten; sie stammen sämtlich aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten.[11]Der bekannteste, aber durchaus nicht der erste von denen, welche die Astrologie für die Medizin geschäftlich und schwindelhaft verwerteten, istKrinas von Massilia(1. Jahrhundert). Wie Plinius erzählt, „befliß er sich zweifacher Kunst, indem er, höchst vorsichtig und den himmlischen Gewalten ergeben, nach dem Gestirnlaufe im astrologischen Kalender die Ernährungsweise regelte und die rechte Stunde für jedes therapeutische Eingreifen wählte”.[12]Wurzelsammler, Kräutersammler, Salbenhändler (unguentarii, myropolae), Arzneiverkäufer (pharmacopolae), Arzneikrämer (παντοπώλαι), Arzneibudenbesitzer (seplasiarii, der Name stammt von einer Straße in Capua, wo sie besonders dicht gedrängt hausten), Gewürzkrämer (aromatarii), Farbwarenhändler (pigmentarii). Die Pharmakopolen zogen als Quacksalber überall umher, die Inhaber von Arzneibuden etc. erteilten in ihren Tabernen pseudo-ärztlichen Rat. Von der Abgabe der Kosmetika, Fruchtabtreibungsmittel, Gifte etc., war nur ein Schritt zur allgemeinen Kurpfuscherei. — Am verrufensten waren die sogenannten „medicae” und „Sagae”, ehemalige Prostituierte, welche geheime Frauenleiden behandelten, Kinder abtrieben u. s. w.[13]Aerzte aus römischen Familien bildeten, infolge der aus Catos Zeiten überkommenen Vorurteile, nur die Minderzahl — Romana gravitas non exercet medicam artem et qui ex Romanis incipiunt eam addiscere ad Graecos sunt transfugae, sagt Plinius — auch genossen die Ausländer größeres Vertrauen, so z. B. die Aegypter als Hautärzte; in der Literatur oder inschriftlich kommen übrigens römische Aerztenamen vor, z. B. Cassius (bei Celsus), Scribonius Largus, Vettius Valens, die von Plinius zitierten Granius, Ofilius, Rabirius, die von Galen erwähnten Valerius Paulinus, Flavius Clemens, Pompejus Sabinus.[14]Umgekehrt griffen auch Aerzte, wenn sie Schiffbruch erlitten hatten, zu einem Gewerbe, um sich fortzubringen; wenigstens witzelt Martial über Aerzte, die Leichenträger oder Gladiatoren wurden und „in ihrem neuen Berufe dasselbe taten, wie früher, nämlich töten und begraben”.[15]Reichbegüterte Römer besaßen oft mehrere „servi medici”, welche auf Wunsch der Herren medizinisch ausgebildet waren und als Sklavenärzte oder sogar als Hausärzte fungierten; aus Cicero und Tacitus geht hervor, daß sie bisweilen zu verbrecherischen Zwecken mißbraucht wurden. Auch Aerzte zogen sich Sklaven zu Assistenten heran, und nur sie durften die servi medici als Erwerbsmittel benützen. Da die Interessen derservi mediciund diejenigen ihrer ärztlichen Besitzer häufig kollidierten, wenn es sich um den Loskauf handelte, so mußte derselbe gesetzlich geregelt werden, auch standen die liberti medici noch in einem Pflichtverhältnis zu ihren Patronen, wonach sie sogar gezwungen werden konnten, dieselben zu begleiten, was natürlich die Freigelassenen in der Ausübung der eigenen Praxis wesentlich hinderte. Außer den privaten gab es noch im Dienste des Staates stehende servi medici und öffentliche Freigelassene (liberti publici oder municipales). Die Lage der letzteren war sehr günstig; einzelne derselben besaßen eine äußerst lukrative Praxis und hinterließen ein bedeutendes Vermögen.[16]Die Collegia der Römer waren Vereinigungen von Berufsangehörigen zum Zwecke der Beratung von Standesinteressen und zur Unterstützung der Mitglieder, ihre Weihe erhielten sie durch den gemeinsamen Kult bestimmter Gottheiten, Festlichkeiten etc. An der Spitze jedes Kollegiums stand der „Pater”, als Versammlungslokale dienten die „Curiae” oder „Scholae”. Das Collegium medicorum zu Rom verehrte als Patronin die Minerva und besaß (unter Trajan) eine Schola auf dem Esquilin. Ursprünglich wurden in die Collegia medicorum wohl nur Freie aufgenommen, später auch Freigelassene, ja sogar Sklaven.[17]Die Städte richteten für die besoldeten Aerzte eigene Iatreien ein. Im ptolemäischen Aegypten waren die Aerzte staatlich angestellt und standen unter einem obersten Vorsteher.[18]Die Bezeichnung ἀρχίατρος — von der das deutsche WortArztabgeleitet wird — diente wahrscheinlich zuerst nur dazu, um würdige, verdiente Aerzte aus der großen Masse der Heilkünstler hervorzuheben und erst allmählich erstarrte der Ehrenname zu einer mit besonderen Vorrechten verbundenen Titulatur, zunächst wohl fürkaiserliche Leibärzte(z. B. führten schonC. Stertinius Xenophon[Leibarzt des Claudius] undAndromachos[Leibarzt des Nero] den Titel); Galen sagt von Andromachos, er habe diesen Titel wegen seiner Kenntnisse bekommen, auch bezeichnet er (den Leibarzt des Antoninus Pius)Magnosund (den Leibarzt des Marc Aurel)Demetriosals „Archiatri”. In griechischen Inschriften findet sich das Wort ἀρχίατρος im Sinne vonStadtarzt.„Archiatri palatini”, d. h. Hofärzte, kommen mit diesem Namen zuerst unter Severus vor, es gab damals sieben. In der römischen Gesetzgebung erscheinen dieGemeindeärztemit dem Titel„Archiatri populares”zum ersten Male unter Valentinian I. und Valens. Wir ersehen aus den Verfügungen, daß dieArchiatri popularesKollegien bildeten, als Armenärzte fungierten und aus Gemeindemitteln (durch Naturallieferungen) besoldet waren. Ihre Zahl betrug in kleineren Städten fünf, in größeren sieben, in Rom zwölf. Dem Kollegium selbst oblag es, bei einer Vakanz einen Kandidaten, auf den sich mindestens sieben Stimmen vereinigt hatten, für die kaiserliche Bestätigung in Vorschlag zu bringen, und der Neugewählte erhielt immer den letzten Rang. DieArchiatrigenossen eine ganze Reihe von Begünstigungen (Befreiung von Abgaben und von der Uebernahme anderer Aemter, besonderen Schutz gegen Beleidigungen etc.). Dafür wurde ihnen aber eingeschärft, lieber in rechtschaffener Weise den Armen zu Hilfe zu kommen, als schmählich den Reichen zu dienen. Aus den Verordnungen Constantins, welcher alle Privilegien der Gemeinde- und Stadtärzte (auch für ihre Familien) zusammenfassen ließ, ist hervorzuheben, daß dieselben zur Unterrichtstätigkeit durch in Aussicht gestellte Belohnungen und Besoldungen angeeifert wurden: Mercedem etiam eis et salaria reddi jubemus, quo facilius liberalibus studiis et memoratis artibus multos instituant. Außer den Hof- und Stadtärzten führten auch die Vorstände der ärztlichen Kollegien den Titel „archiater” (archiatri scholares), ferner die Aerzte der Vestallinnen und der öffentlichen Gymnasien. — In der späteren Kaiserzeit kamen für Aerzte (vorzugsweise Hofärzte) noch verschiedene Rangerhöhungen und Titel in Betracht, das Perfectissimat („vir perfectissimus” ═ dem Rang des Eques entsprechend) und die weit höher stehende, in drei Grade zerfallende „comitiva dignitas” (der „comes archiatrorum” führte das Prädikat „vir spectabilis”). Bisweilen wurden Aerzte sogar zu hohen Stellen in der Staatsverwaltung berufen.[19]Auf der Trajanssäule sieht man in einem Relief die Szene dargestellt, wie ein Arzt mit der Anlegung eines Beinverbandes bei einem verwundeten Soldaten beschäftigt ist.[20]Geradeder Verkauf von Medikamentendurch die Aerzte selbst — ein Geschäft, das einzelne möglichst einträglich zu machen verstanden —wirkte in hohem Maße depravierend auf die Standesethik(aus Gründen, die keiner besonderen Darlegung bedürfen) und artete teilweise in Geheimmittelschwindel aus. Die oft unnützerweise höchst kompliziert zusammengesetzten, kostspieligen Medikamente — berechnet auf die Leichtgläubigkeit der vermögenden Klassen — wurden in Gefäßen verwahrt, auf denen der Name des Mittels und seines Erfinders, die Krankheit, gegen die es verordnet wurde und die Gebrauchsweise zu lesen war; bisweilen wurde sogar angeführt, bei welchem namhaften Patienten das Mittel Erfolg gehabt hatte. Pompöse Arzneibezeichnungen, z. B. Ambrosia, Phosphorus, Isis, Anicetum u. s. w., wirkten selbstredend suggestiv, und manche Aerzte suchten in der Erfindung von allerlei geheimgehaltenen Arzneikompositionen ihren Ruhm und ihre Einnahmsquelle; insbesondere fanden Abortiva, Gegengifte und Kosmetika starken Absatz. Galen nennt eine Reihe von solchen Medikamentenerfindern, unter denen z. B. der ArztPaccius Antiochusoft erwähnt ist. Dieser besaß, wie Scribonius Largus erzählt, eine „compositio mirifica” gegen Brustschmerz, deren Zusammensetzung er keinem anvertraute, er bereitete sie bei verschlossenen Türen und ließ von seinen Gehilfen, um sie zu täuschen, mehr Ingredienzien, als erforderlich waren, verreiben. Durch Rezepte, die in symbolischen Ausdrücken abgefaßt waren, wurde nicht bloß das Geheimnis der Zubereitung gesichert, sondern auch der lukrative Mystizismus noch gesteigert.[21]Martial, Juvenal werfen den Aerzten Scharlatanerie und allerlei Verbrechen vor, Plinius beschuldigt sie, die allgemeine Verweichlichung und Sittenverderbnis hervorgerufen zu haben, und an vielen Stellen seiner Naturgeschichte erhebt er wahre Brandreden gegen die Aerzte. Selbst Kaiser Hadrian gesellte sich zu jenen, welche ihre Verachtung der Medizin in Schmähschriften kundgaben.[22]So sagt schon Scribonius Largus: „Gar manche Aerzte sind nicht bloß unbekannt mit den alten Schriftstellern, sondern sie wagen es sogar, ihnen Falsches in den Mund zu legen. ... Jeder hat vor allem das im Auge, was ihm ohne Arbeit zufallen kann und dennoch Ansehen und Gewinn in Aussicht stellt. Somit betreibt ein jeder die Heilkunde nach seinem Belieben.” Ueber den mehr oder minder berechtigten Tadel Galens vgl. Bd. I, S. 358. Um die niedrige Habsucht seiner Kollegen in Rom zu geißeln, bricht der Pergamener in die bitteren Worte aus: „Zwischen Räubern und Aerzten ist kein anderer Unterschied, als daß jene im Gebirge, diese in Rom ihre Missetaten begehen.”[23]Dioskurides führt, ohne die Verantwortung dafür zu übernehmen, manche abergläubische Mittel bloß den Lesern zuliebe an. Galen tritt im allgemeinen dem Gebrauch von abergläubischen Mitteln entgegen (vgl. Bd. I, S. 397).[24]Der wahrscheinlich dem 2. Jahrhundert n. Chr. angehörendeAilios Promotosschrieb (noch handschriftlich erhaltene) Werke über sympathetische Heilmittel. Vollkommen frei vom Mystizismus waren aber nur die Hauptvertreter der methodischen Schule.[25]Als solche fungierten namentlich Aegypter und Juden. Neben der ägyptischen Magie steht nämlich die jüdische in der hellenistisch-römischen Zeit gleichberechtigt da, wie sich aus den erhaltenen (ägyptischen) Zauberformeln (Vorkommen der Namen Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Engel, Salomos u. a.) ergibt. Die medizinische Magie der Juden leitete sich von Salomo ab; von der Tätigkeit jüdischer Exorzisten überliefert Josephus Flavius (Antiq. VIII, 2, 5) folgendes Beispiel: „Diese Heilkunst (Beschwörung) gilt auch jetzt noch viel bei uns. Ich habe z. B. gesehen, wie einer der unseren, Eleazar mit Namen, in Gegenwart des Vespasianus, seiner Söhne, der Obersten und der übrigen Krieger die von bösen Geistern Besessenen davon befreite. Die Heilung geschah in folgender Weise. Er hielt unter die Nase des Besessenen einen Ring, in dem eine von den Wurzeln eingeschlossen war, welche Salomon angegeben hatte, ließ den Kranken daran riechen und zog so den bösen Geist durch die Nase heraus. Der Besessene fiel sogleich zusammen, und Eleazar beschwor dann den Geist, indem er den Namen Salomons und die von ihm verfaßten Sprüche hersagte, nie mehr in den Menschen zurückzukehren. Um aber den Anwesenden zu beweisen, daß er wirklich solche Gewalt besitze, stellte Eleazar nicht weit davon einen mit Wasser gefüllten Becher auf und befahl dem bösen Geiste, beim Ausfahren aus dem Menschen diesen umzustoßen und so die Zuschauer davon zu überzeugen, daß er den Menschen verlassen habe. Das geschah auch in der Tat.”[26]Am berühmtesten waren die Ἐφέσια γράμματα: Aski, Kataski, Aix, Tetrax, Damnameneus, Aision. Es gab auch „Milesische” Zauberworte.[27]Bemerkenswert ist es, daß heidnische Exorzisten schon sehr früh die Namen der jüdischen Patriarchen, Salomos oder sogar Jesu in ihre Zauberformeln aufnahmen.[28]Der Voltaire des Altertums, Lukian, geißelt in seinen satirischen Dialogen den törichten Wunderglauben des 2. Jahrhunderts. Der „Lügenfreund” ist deshalb für uns von Interesse, weil darin namentlich der medizinische Wunderglaube hervortritt und gezeigt wird, wie blind demselben sogar Männer, die sich Philosophen nannten, ergeben waren. Wir hören da von abenteuerlichen Sympathiemitteln, Zauberliedern, Amuletten, Bannsprüchen, von einem Chaldäer, der Schlangenbisse durch Beschwörung heilte, von einem Hyperboräer, der Tote erwecken konnte, von den Wundertaten eines Exorzisten aus Palästina, von Zauberringen, von wunderkräftigen Bildsäulen (Gnadenbildern), denen zum Dank für gespendete Heilung silberne Münzen oder Plättchen (mittels Wachs) aufgeklebt wurden etc.[29]In Rom wurde besonders Minerva Memor. und die Bona Dea als Heilgottheit verehrt, in Ephesos Diana, in Antiochia die „Matrone”, in Seleukia Apollon-Sarpedon, in Nordafrika die „himmlische Göttin” von Karthago; als Krankenheiler galten auch die Dioskuren, der Gott Men in Kleinasien u. s. w. Zu den heilspendenden Heroen zählten Toxaris und Aristomachos (Athen), Theagenes (Thasos), der Heros Neryllinos (Alexandria Troas) u. a.; ihre Grabsteine, ihre Statuen taten an den Gläubigen Wunder.[30]So z. B. der Neupythagoräer Apollonios von Tyana, welcher Blinde und Lahme heilte, Tote erweckte. Auch Vespasian rangiert, wie es scheint, sehr wider Willen unter den Wundertätern. Serapis hatte einem Blinden und einem Lahmen im Tempelschlaf verheißen, daß sie der Kaiser während seines Aufenthalts in Alexandria auf wunderbare Weise heilen werde, und dies traf auch ein. Vespasian machte den Blinden sehend, indem er ihm in die Augen spuckte; der Lahme wurde von seinem Uebel befreit, nachdem der Kaiser das gelähmte Glied mit seiner Ferse berührt hatte.[31]Um die Mitte des 2. Jahrhunderts gab es 43 Serapistempel im Reiche, ganz besonders zahlreich waren die Heiligtümer des Asklepios.[32]Der Asklepioskult nahm seit Antoninus Pius (vgl. Bd. I, S. 354) besonderen Aufschwung; aus der Zeit dieses Kaisers rühren auch die vier Tafeln her, welche an der Stelle des Aeskulaptempels auf der Tiberinsel in Rom gefunden worden sind, zwei derselben enthalten Berichte über Heilungen durch Traumorakel von Blinden, zwei von aufgegebenen Brustkranken: „I. In diesen Tagen machte das Orakel einem gewissen Cato, der blind war, die Eröffnung, er möge zum heiligen Altare treten, seine Knie beugen, dann sich von dessen rechter Seite zur linken bewegen und die fünf Finger einer Hand auf den Altar legen, die Hand erheben und über seine eigenen Augen legen, und er sah gut vor einer Menge anwesenden und sich deshalb beglückwünschenden Volkes, weil sich so große Wunder unter der Herrschaft unseres Kaisers Antoninus zutrugen. II. Dem Lucius, der mit Seitenstechen behaftet und von allen Menschen aufgegeben war, gab der Gott das Orakel, er möge herantreten und die Asche vom Altare sammeln und mit Wein vermengen und dann auf seine Seite legen, und er genaß und dankte dem Gotte öffentlich und das Volk beglückwünschte ihn. III. Dem Blut auswerfenden Julianus, den alle Menschen aufgegeben haben, antwortete der Gott durch das Orakel, er möge herantreten und vom Altare die Pinienkerne nehmen und drei Tage hindurch mit Honig genießen: er genaß und dankte öffentlich in Gegenwart des Volkes. IV. Dem Valerius Aper, einem erblindeten Soldaten, gab der Gott als Orakel, er möge kommen und das Blut eines weißen Hahnes nehmen, demselben Honig beimengen und ein Kollyr daraus bereiten, welches er sich drei Tage hindurch auf die Augen streichen sollte, und er sah und kam und dankte öffentlich dem Gotte.”[33]Galen erwähnt, daß Asklepios manchen verordnet habe, zu reiten, zu jagen, Waffenübungen vorzunehmen etc. Artemidoros sucht in seinem Traumbuch an der Hand von Beispielen nachzuweisen, daß die göttlichen Verordnungen mit der rationellen Medizin übereinstimmen: Die Götter verordnen Salben und Einreibungen, Tränke und Speisen u. s. w.[34]Er selbst will dem Asklepios für die Heilung eines Geschwürs zu Dank verpflichtet sein u. a.[35]In der Geschichte der Tiere und in den Fragmenten des Werkes von der Vorsehung findet sich manche alberne Erzählung von den Wundertaten des Asklepios. Der Zweck, den dieser heidnische Pietist mit seinen Wundermären verfolgt, liegt darin, zu zeigen, welches Heil der fromme Glaube bringe.[36]Aristides, ein berühmter Rhetor des 2. Jahrhunderts, litt durch ungefähr 13 Jahre an einem durch die mannigfachsten Symptome (namentlich dyspeptische, suffokatorische Beschwerden, Schlaflosigkeit, Krämpfe, psychische Störungen) gekennzeichneten Krankheitszustand, zu dessen Behebung er in verschiedenen Tempeln des Asklepios Heilung suchte und mit blindem Vertrauen alle möglichen, rationellen und unsinnigen, Kuren gebrauchte, die ihm der Gott in zahllosen Traumoffenbarungen vorschrieb. Die nach der glücklichen Genesung(?) verfaßten, noch erhaltenen „heiligen Reden” stützen sich auf Tagebücher, die der Kranke mit kleinlicher Sorgfalt für die gewöhnlichsten Dinge angelegt hatte, und gewähren uns einen interessanten Einblick einerseits in das Seelenleben eines hochgebildeten, aber höchst neuropathischen, krankhaft leichtgläubigen, von Einbildungen, Visionen und Halluzinationen aller Art geplagten Mannes, anderseits in den suggestiven Kurbetrieb der Asklepieien. Mit jener charakteristischen Weitschweifigkeit und Verworrenheit, die wir in den Aufzeichnungen solcher Patienten stets beobachten, schildert Aristides die vielfachen Verordnungen (diätetisches Regime, Bädergebrauch, Barfußgehen, später Anleitung zur Beschäftigung; Blutentziehung, Abführ-, Brechmittel, Klistiere, Einreibungen, Salben etc.) äußerst genau, bis in alle Einzelheiten, wobei man den Eindruck gewinnt, daß die Tempelärzte nicht selten ganz zweckmäßig handelten, trotzdem ihnen die Sache durch die Schrullen und den immer absurder werdenden Pietismus des Patienten sehr erschwert war. Trotz seiner unsäglichen subjektiven Leiden glaubte Aristides nämlich, zum Heilgott, als ein Auserwählter, in ganz besonders naher Beziehung zu stehen und er wollte, wenn es auch noch so unsinnig war, alles buchstäblich befolgen, was seinem einseitig konzentrierten Denken in den unzähligen Inkubationen, Sinnestäuschungen, Delirien als direkte Offenbarung imponierte. Glücklicherweise fand sich bisweilen ein Ausweg durch die priesterliche Interpretation der Traumgesichte oder durch die Inkubationen, welche Freunde im Interesse des Patienten angeblich vornahmen.[37]Von den meisten römischen Kaisern werden mystische Neigungen berichtet. Augustus, Marc Aurel, Severus u. a. legten auf Traumauslegung viel Gewicht, Tiberius glaubte fest an die Astrologie, Nero, Caracalla u. a. Imperatoren ließen sich in die Magie einweihen, selbst der geistvolle Hadrian war der Sterndeuterei ergeben und betrieb die Künste der orientalischen Mantik.[38]Träume spielten im Leben der bedeutendsten Männer eine große Rolle (vgl. auch die Lebensgeschichte Galens Bd. I, S. 354-355). Im 2. Jahrhundert verfaßteArtemidorosaus Ephesos auf Grund der nicht unbeträchtlichen Vorarbeiten in der Alexandrinerzeit (Sammlungen von bewährten Traumauslegungen) ein zusammenfassendes, noch erhaltenes Werk Ονειροκρίτικα in 5 Büchern, welches sich des höchsten Ansehens erfreute. Bemerkenswerterweise spielt bei der Deutung der Träume neben der Allegorie auch die Zahlenspielerei eine Rolle, indem Wörter, deren als Zahlzeichen betrachtete Buchstaben die gleiche Summe ergeben, für einander eintreten konnten.[39]Am meisten tritt dies in der Technik zu Tage, welche zu den künstlerischen Leistungen im Mißverhältnis stand. Das quantitative Denken wurde bloß auf einem sehr eng begrenzten Gebiete zur Geltung gebracht. — Die Philosophie wirkte bei ihrer Machtstellung wenigstens in nacharistotelischer Zeit nicht günstig ein, da ihre Begriffsmühlen zwar aufs feinste arbeiteten, aber wegen des zu geringen Forschungsmaterials leer gingen; auch der stark ethisierende Zug, welcher naturwissenschaftliche Kenntnisse nur so weit erforderlich hielt, als dadurch zur sittlichen Vollkommenheit beigetragen werde (Seneca, Epiktet), hemmte die freie, voraussetzungslose kritische Forschung.[40]Ein Analogon hierzu bildet auf medizinischem Gebiete die Lehre von den spezifischen Kräften der Substanz (Körperteile, Heilmittel), vgl. Bd. I, S. 372 u. 398. Durch die Theorie von den nicht weiter ergründbaren„Kräften der ganzen Substanz”wurde nicht nur die reale Forschung eingelullt, sondern auch dem Glauben an zauberhafte, übernatürliche Wirkungen der Wundermittel Tür und Tor geöffnet.[41]Sehr bald nach der sophistischen Aufklärungsperiode machte sich als Reaktion das Streben geltend, den Volksanschauungen entgegenzukommen und in ihnen die Ergebnisse der philosophischen Spekulation vorgebildet zu finden.[42]Schon Poseidonios, der Freund Ciceros, schrieb über Mantik, auch wurde ihm ein Buch über das Wahrsagen aus dem Zucken der Körperglieder zugeschrieben.[43]Von der zeitweiligen Toleranz am Kaiserhofe liefert Severus Alexander, der in seiner Hauskapelle neben den besten der vergötterten Kaiser, neben Orpheus auch Abraham und Christus verehrte, einen schlagenden Beweis.[44]Während die Lehre Epikurs alles Mythische und Transzendente ausschloß, huldigten die Stoiker im höchsten Grade den metaphysischen Neigungen der Volksseele, auch legten sie den Schwerpunkt weniger auf wissenschaftliche Erkenntnis als auf ethische Strebungen, in ihrer Endentwicklung betrachtete es die Schule als Zweck der Philosophie, Tröstung zu spenden (Epiktet, Marc Aurel). Der Philosoph wurde geradezu zum Seelenarzt, zum Seelsorger. Wiewohl aber die Stoiker die Gläubigkeit durch Anerkennung der Mantik förderten, so machten sie doch die Tugend noch in echt antiker Weise von der Einsicht, von der selbstbestimmenden Vernunft abhängig, nicht von einer übersinnlichen Gnade.[45]Der Skeptizismus, dessen Errungenschaften der ArztSextus Empiricus(um 200 n. Chr.) zusammenfaßte, leugnete wegen der Relativität der Vorstellungen die Erkenntnismöglichkeit desWesensder Dinge. Da sich die Antike mit der Beobachtung der gesetzmäßigen Aufeinanderfolge in der Erscheinungswelt nicht begnügte, so wurde die skeptische Richtung zur Quelle der Verzweiflung an Vernunft und Wissenschaft. Begreiflicherweise zogen daher viele die Konsequenz, daß das menschliche Denken einer Ergänzung bedürfe durch höhere Erleuchtung, daß nur durch mystische Spekulation in den Besitz der Wahrheit zu gelangen sei.[46]Die Pythagoräische Schule erlosch zwar im Laufe des 4. Jahrhunderts v. Chr., der Pythagoräismus als religiöse Lebensform (Askese, Mysterien) erhielt sich aber fortdauernd und nahm im 1. Jahrhundert v. Chr. wieder philosophische Gestaltung an. — Die bereits in der Zeit der Peisistratiden aufgekommene Sekte der Orphiker bestand bis in die christliche Zeit hinein, sie brachte eine religiös-mystische Literatur hervor, als deren Urheber der sagenhafte Orpheus galt.[47]Der Neupythagoräismus kombinierte die pythagoräischen Zahlen — mit der platonischen Ideenlehre (Ideen ═ Zahlen ═ urbildliche Vorstellungen im göttlichen Geiste), verknüpfte den philosophischen Monotheismus mit dem volkstümlichen Götterglauben und erblickte die Hauptaufgabe in sittlicher Läuterung, Abkehr von der Sinnlichkeit, Veredlung des Kults. Als Hauptapostel dieser Richtung zog zur Zeit NerosApollonios von Tyanaumher, welcher überallhin reinere Gotteserkenntnis verbreitete und seine Lehre durch Wundertaten aller Art bekräftigte. Sein Leben wurde von Philostratos (Ende des 2. bis Mitte des 3. Jahrhunderts) nach mehreren Vorlagen, romanhaft ausgeschmückt, beschrieben. Apollonios von Tyana wird in tendenziöser Weise (um Christus ein Gegenbild gegenüberzustellen) als Prophet der alten Götter vorgeführt, ausgestattet mit überirdischer Natur und Wunderkraft (Weissagung, Dämonenaustreibung, Totenerweckung etc.).[48]Die Juden konnten sich dem Einfluß des von Syrien und Aegypten eindringenden Hellenismus nicht entziehen und bildeten anderseits im Geistesleben Alexandrias einen Hauptfaktor. Parallel zum Neupythagoräismus entwickelte sich auch unter ihnen eine religiös-philosophische Richtung, welche namentlich an platonische Ideen anknüpfte und einer allegorischen Schriftauslegung zustrebte. Philon stellt nur den Höhepunkt dieser Richtung dar, welche schon in der vorausgehenden apokryphen Literatur (z. B. das pseudosalomonische Buch der Weisheit) bemerkbar ist.Die seit dem 2. vorchristlichen Jahrhundert hervortretende palästinensische Sekte derEssäeroder Essener (mit ihnen war die Sekte der Therapeuten am maräotischen See in der Nähe Alexandrias verwandt) zeigt viele Analogien mit der pythagoräischen Ordensgenossenschaft. Die Essäer pflegten die allegorische Schriftauslegung und entwickelten eine auf der (ursprünglich parsischen) Engellehre fußende Geheimlehre, die sich möglicherweise mit den Anfängen der im Mittelalter und in der Renaissance zu so großer Bedeutung gelangenden Kabbala berührt. Sie standen beim Volke im Rufe medizinischer Wundertäter (Heilungen durch Berühren, Händeauflegen, magische Kräuter und Steine, Beschwörungsformeln).[49]Der Platoniker Celsus verfaßte im 2. Jahrhundert eine den Götterglauben verherrlichende Streitschrift gegen das Christentum.[50]Die auf uns gekommenen„hermetischen”Schriften rühren aus verschiedenen Zeiten her und gehören verschiedenen theologischen Systemen an; unter diesen ragt besonders der aus 18 Abschnitten bestehende „Poimandres” hervor (vgl. R. Reitzenstein, Poimandres, Leipzig 1904). — Hermes ═ Thot galt in Aegypten seit uralter Zeit als Lehrer aller geheimen Weisheit und als Verfasser heiliger Schriften. Auf die medizinisch-hermetische Literatur weist schon Galen hin an der Stelle, wo er den Grammatiker Pamphilos wegen Benützung derselben tadelt.[51]In dem Lehrgedichte (Astronomicon), welches Marcus Manilius dem Augustus widmete, ist unter anderem des näheren ausgeführt, wie jeder Körperteil unter dem Einfluß eines bestimmten Sternbildes stehe.[52]Es kann daher nicht wundernehmen, daß mehrere astrologische Schriften der späteren Zeit fälschlich unter seinem Namen liefen.[53]Das Wort χημεία wird meist mit dem alten Namen Aegyptens χημι (═ Schwarz) in Zusammenhang gebracht. Der Ausdruck Chemie findet sich in dem Sinne für „Goldmacherkunst” (ἱερὰ τέχνη, χρυσοποεία) zuerst in der astrologischen Schrift des Firmicus Maternus (vgl. oben). Eine Hauptpflegestätte bestand im Tempel zu Edfu, wo sich zu Ptolemäerzeiten ein Buch, betitelt „Die Verrichtung jedes Geheimnisses des Laboratoriums”, vorfand.[54]Die Kyraniden gehören in den Kreis der „hermetischen” Bücher. Möglicherweise deutet der Name Κυρανίδες ═ Κυρηνίδης auf den Einfluß der einst berühmten und dann verschollenen Aerzteschule von Kyrene.[55]Auch diese Strömung läßt sich weit zurück verfolgen. Bei Plato ist der Dämonismus im ganzen mehr ein Zierat seiner Spekulationen, unter den Vertretern der alten Akademie schreckte schon Xenokrates vor der Annahme von zahllosen Dämonen, Quäl- und Plagegeistern nicht zurück, die Stoiker gingen darin noch bedeutend weiter, die an orphisch-pythagoräische Traditionen auch hierin anknüpfenden Neupythagoräer vertieften den Dämonenglauben im mystischen Sinne. Daß sehr viele der Gebildeten schon im 2. Jahrhundert den Dämonismus als feststehende Tatsache ansahen, ersehen wir aus Plutarch, Maximus von Tyrus, Apulejus u. a. Bei Plotin sind die Dämonen noch im wesentlichen personifizierte Naturkräfte, Emanationen der Weltseele, sein Schüler Porphyrios beschreibt dieselben in seiner reichen Klassifikation schon mehr als greifbare, gute oder heimtückische Wesen, die ganz den parsisch-jüdischen Engeln entsprechen, Iamblichos und Proklos verweben völlig den rohen Volksglauben in ihre theosophische Spekulation.Daß vorderasiatisch-ägyptische Einflüsse und Vorbilder für die Verbreitung und Ausbildung der Dämonologie maßgebend waren, ist gewiß.[56]Wunderheilungen galten jederzeit als besonderer Beweis göttlicher Inspiration oder übermenschlicher Kräfte, daher spielen sie auch in den Biographien der mystischen Philosophen eine wichtige Rolle. Philostratus berichtet von Zauberkuren des Apollonios von Tyana, ebenso hören wir von magischen Heilungen, welche Plotin und Porphyrios vollbracht haben sollen.Die kirchliche Literatur ist seit Justin erfüllt von Hinweisen auf Wunderheilungen und Exorzismen; wie sehr sich die Apologetik gerade auf dieses Moment stützt, zeigt namentlich die Polemik zwischen Origenes und dem Platoniker Celsus. — Bei den Christen kam allmählich ein eigener Stand von Exorzisten zur Entwicklung, welcher der niederen Hierarchie eingegliedert wurde. Die christlichen Beschwörungsformeln enthielten Hauptstücke aus der Geschichte Jesu.Sowohl die Kirche als auch die neuplatonischen Philosophen wendeten sich aber gegen den Unfug, welchen die Gnostiker mit Zauberkuren trieben. Die Gnostiker haben den Gebrauch von Amuletten, Talismanen, magischen Zeichen ungemein gefördert, so sollen z. B. von den Anhängern des Basilides die bekannten Abraxasgemmen verbreitet worden sein. (Abraxas ═ Gott, der die Macht der 7 Planeten vereinigt ═ Jahr; der Zahlenwert der Namensbuchstaben beträgt 365.)[57]Z. B. Taufe ═ Bad zur Wiederherstellung der Gesundheit der Seele, Abendmahl ═ Pharmakon der Unsterblichkeit, Buße ═ vera de satisfactione medicina. In den apostolischen Konstitutionen heißt es: „Heile auch du (Bischof) wie ein mitleidiger Arzt alle Sünder, indem du heilsame, zur Rettung dienliche Mittel anwendest. Beschränke dich nicht auf Schneiden und Brennen und auf die Anwendung austrocknender Streupulver, sondern gebrauche auch Verbandzeug und Charpie, gib milde und zuheilende Arzneien und spende Trostworte als mildernde Umschläge. Wenn aber die Wunde tief und hohl ist, so pflege sie mit Pflastern, damit sie sich wieder fülle und dem Gesunden gleich wieder ausheile. Wenn sie aber eitert, dann reinige sie mit Streupulver, d. h. mit einer Strafrede; wenn sie sich aber durch wildes Fleisch vergrößert, so mache sie mit scharfer Salbe gleich, d. h. durch Androhung des Gerichts; wenn sie aber um sich frißt, so brenne sie mit Eisen und schneide das eitrige Geschwür aus, nämlich durch Auferlegen von Fasten. Hast du dies getan und gefunden, daß vom Fuß bis zum Kopf kein milderndes Pflaster aufzulegen ist, weder Oel noch Bandage, sondern das Geschwür um sich greift und jedem Heilungsversuch zuvorkommt — wie der Krebs jegliches Glied in Fäulnis versetzt —, dann schneide mit vieler Umsicht und nach gepflogener Beratung mit anderen erfahrenen Aerzten das faule Glied ab, damit nicht der ganze Leib der Kirche verdorben werde. Nicht voreilig also sei zum Schneiden bereit und nicht so rasch stürze dich auf die vielgezähnte Säge, sondern brauche zuerst das Messer und entferne die Abszesse, damit durch Entfernung der innen liegenden Ursache der Krankheit der Körper von Schmerzen geschützt bleibe. Triffst du aber auf einen Unbußfertigen und (innerlich) Abgestorbenen, dann schneide ihn mit Trauer und Schmerz als einen Unheilbaren ab.” Dieser bis in alle feineren Einzelheiten durchgeführte Vergleich des Bischofs mit dem Chirurgen ist nicht nur an sich interessant, sondern gewährt auch Einblick in die antike Wundarzneikunst.[58]Die byzantinischen Berichte über die Krankenheilungen der großen Wundertäter (Engel, Märtyrer) erinnern lebhaft, stilistisch und inhaltlich, an die Wundergeschichten der Asklepiosheiligtümer. Das Erbe des Asklepios wurde von zahlreichen Heiligen angetreten, ganz besonders aber vonKosmasundDamian— den beiden Schutzpatronen der Aerzte. Ihr Kult, der im 6. Jahrhundert seine Blüte in Konstantinopel erreichte, ging höchstwahrscheinlich von Aegae aus, einer Stadt Ciliciens, wo ein besonders berühmtes Asklepieion bestanden hatte. Die Kranken verbrachten die Nacht in der Kirche (Kirchenschlaf), meist in großer Zahl auf Decken liegend, um im Schlafe der himmlischen Erscheinung gewürdigt zu werden; die Heiligen verordneten entweder die zu befolgende Kur oder heilten durch unmittelbare Wunderwirkung.[59]Der erste Arzt, welcher dem Evangelium gefolgt ist, war der Gehilfe des Paulus, der heilige Lukas. Als der erste Arzt, der (zur Zeit Marc Aurels) den Märtyrertod starb, wird der Phrygier Alexander erwähnt. Im Beginne des 3. Jahrhunderts wurde einigen Christen von ihren wissensfeindlichen Glaubensgenossen gehässig vorgeworfen, daß sie Galen abgöttisch verehren, Γαληνὸς γὰρ ἴσως ὑπὸ τινῶν προσκυνεῖται. Dem Kaiser Alexander Severus widmete der, als christlicher Chronograph bekannte, Julius Africanus seine „Kestoi”. Als Aerzte wirkten der Priester zu Sidon, Zenobius (Märtyrer zur Zeit Diokletians), die Bischöfe Theodotos in Laodicea (um 305), Eusebius in Rom (310), Basilios von Ancyra (unter Konstantin), der Arianer Aetius; das römische Martyrologium gedenkt eines Arztes Diomedes aus Tarsus, der zur Zeit Diokletians hingerichtet wurde u. s. w.[60]Sehr bedeutungsvoll war der Kampf, welchen die Kirchenväter gegen die Fruchtabtreibung, sowie gegen die sexuellen Ausschweifungen und Perversitäten führten. In hygienischen Fragen wurden sie wegen dem, mit dem übermäßigen Bädergebrauch etc. verbundenen Luxus oder Laster oft zu einer Opposition hingerissen, die in der Folge ungünstig auf die allgemeine Körperpflege (Gymnastik, das großartige antike Badewesen u. s. w.) einwirkte. Gleichfalls kann es wenigstens vom medizinischen Standpunkt kaum gebilligt werden, daß das Christentum mit den hygienischen Vorschriften der mosaischen Religion (Speisegesetze, Händewaschen) gänzlich gebrochen hat.[61]Den Kirchenvätern erschienen die naturphilosophischen Spekulationen als Mißbrauch der geistigen Kräfte; sie wollten diese lieber den großen moralischen Lehren der geoffenbarten Religion zugewendet wissen. Im Hinblick auf die unversöhnlichen Widersprüche der Jahrhunderte alten Forschung, und erfüllt von unerschütterlichem Bibelglauben, mußten sie die menschliche Vernunft für unzureichend halten, wobei nicht zu übersehen ist, daß Skeptiker und Neuplatoniker sich in ähnlichem Ideenkreise bewegten. Zur Verwerfung oder doch Beschränkung der Forschung war dann freilich nur ein kleiner Schritt. Tertullian sagt: Nobis curiositate opus non est post Jesum Christum, nec inquisitione post Evangelium. Lactantius: Nam si facultas inveniendae veritatis huic studio subjaceret, aliquando esset inventa. Cum vero tot temporibus, tot ingeniis in ejus inquisitione contritis, non sit comprehensa, apparet nullam esse ibi sapientiam.[62]Es sei an das tragische Schicksal der Hypatia erinnert.[63]Die Kompendienliteratur bildet geradezu die Signatur des wissenschaftlichen Betriebs in allen Zweigen. Für die Naturkunde wurde der Auszug bedeutsam, welchen im 3. Jahrhundert Solinus aus dem Plinius nach einer älteren Vorlage zusammenstoppelte. Medizinische Kompilationen dürften übrigens schon vor der Zeit Galens insbesondere von den Anhängern der pneumatischen Schule verfaßt worden sein.[64]Bemerkenswerterweise erklärte auch sein Zeitgenosse, der heilige Basilios, daß die Medizin unter allen profanen Wissenszweigen am meisten des Studiums würdig sei.
[1]Auch in Ephesos bestand ein dem alexandrinischen nachgebildetes Museion, eine Akademie, welche mit der um das Heiligtum des Schutzgottes Asklepios zusammengeschlossenen Aerztevereinigung in enger Verbindung stand. Wie Inschriften beweisen, wurden von letzterer alljährlich die besten ärztlichen Leistungen (Abhandlungen, Erfindung von Instrumenten, Operationsverfahren) in feierlicher Weise preisgekrönt.
[2]Praktiker wirkten auch neben den Iatrosophisten als „Pädagogen” an den Hochschulen in Alexandria, Antiochia, Athen, in Italien, Gallien und Spanien; in der späteren Kaiserzeit waren die angestellten Gemeindeärzte zur Erteilung unentgeltlichen Unterrichts verpflichtet.
[3]Plinius klagt darüber, daß man in Rom jedem, der sich für einen Arzt ausgebe, Glauben schenke, obwohl gerade auf diesem Gebiete die Lüge von den größten Gefahren begleitet sei.
[4]Die strebsamsten unter den Aerzten sammelten die Arzneistoffe selbst (vgl. Bd. I, S. 360), die meisten aber erwarben von den Drogenhändlern die Rohmaterialien, um aus denselben die Medikamente zuzubereiten, andere endlich ließen sich von ihrer Bequemlichkeit verleiten, gleich fertige zusammengesetzte Präparate einzukaufen, wodurch der Kurpfuscherei der Arzneikrämer Vorschub geleistet wurde. Die Aerzte führten Hand- bezw. Reiseapotheken mit sich, d. h. Kästchen (aus Bronze), welche mehrere Fächer besaßen und oft künstlerisch verziert waren (z. B. mit Elfenbeinreliefs des Asklepios, der Hygieia etc.). Für den kaiserlichen Hof und den Fiskus wurden Arzneistoffe in den Provinzen unter Aufsicht von Beamten gesammelt, verpackt, nach Rom gesandt und in besonderen Magazinen verwahrt. Die Arzneigroßhändler kauften die Drogen teils vom Fiskus, teils bezogen sie dieselben auf direktem Handelswege. Verfälschungen der geriebensten Art waren gang und gäbe, doch trugen daran weniger die Händler als die Lieferanten Schuld. Jedenfalls bildeten unter solchen Umständen gründliche Kenntnisse in der Heilmittellehre undArzneimittelzubereitungein dringendes Postulat. Besonders wichtig war es, wie Galen hervorhebt, die Verfälschungen zu erkennen — wobei freilich zumeist einfache Sinneswahrnehmungen die chemische Prüfung ersetzen mußten — ferner zu wissen, welche Arzneimittel als Surrogate für fehlende Medikamente eventuell substituiert werden durften (Succedanea). Auch suchte man dem Bedarf der Hausapotheken der Aerzte und Laien namentlich auf dem Lande durchEuporista(leicht zu beschaffende und leicht anzufertigende Hausmittel) Rechnung zu tragen, wodurch dem Mißbrauch mit fremden, seltenen, kostspieligen Heilmitteln entgegengearbeitet und eine mehr volkstümliche Behandlungsweise angebahnt wurde, die namentlich den weniger Bemittelten zu gute kam.
[5]Erst im 3. Jahrhundert wurde ein einschlägiges Gesetz erlassen, wonach die Todesstrafe oder Verbannung zur Anwendung kommen sollte, wenn ein Kranker durch ein dargereichtes Medikament zu Grunde ging.
[6]Galen, der in seiner Heimat beide Fächer ausübte, sagt: „Da ich aber in Rom lebte, mußte ich der Sitte der Hauptstadt viele Zugeständnisse machen und den sogenannten Chirurgen das meiste von diesen Dingen überlassen.”
[7]So z. B. Charmis aus Massilia (1. Jahrhundert), von dem Plinius erzählt: „Er tauchte die Kranken in Teiche, und selbst hochbetagte konsularische Würdenträger konnte man ostentativ die Mode mitmachen und erbärmlich frieren sehen.”
[8]Berühmte Okulisten waren z. B.Euelpideszur Zeit des Celsus,Demosthenesaus Massilia (vgl. Bd. I, S. 275),Lysiponus, im Dienste des Augustus,Celadianus, Augenarzt des Tiberius,Severus, von dem noch wichtige Fragmente vorhanden sind. Zahlreich kommen Namen von Okulisten auf Inschriften vor.
[9]Ursprünglich nannte man Kollyrien alle Arzneizäpfchen, welche in Höhlungen, z. B. in die Harnröhre, in den After, in Fisteln u. s. w. eingeführt wurden. Im engeren Sinne verstand man darunter in Stangenform gebrachte Augenmittel, endlich, mit Vernachlässigung der Etymologie, Augenmittel überhaupt, wobei dann trockene oder flüssige Kollyrien unterschieden wurden. Die ersteren stellten aus metallischen und pflanzlichen Stoffen bereitete, durch allmählichen Wasserzusatz und Hinzufügung von Harz oder Gummi zäh oder fest gewordene Stangen dar, von denen im Bedarfsfalle ein Stückchen entnommen und mit einer Flüssigkeit verrieben wurde. Die Gefäße, in welchen die Kollyrien verwahrt wurden, trugen Aufschriften, bisweilen war auch das Kollyr selbst mit einer Gravüre versehen, so hieß z. B. des Antigonos Safrankollyr auch „der kleine Löwe”, weil es mit der Gravüre eines solchen gestempelt wurde (Galen). Bei Ausgrabungen — jedoch weder in Italien, noch in Griechenland, sondern bloß auf dem Boden der nordwestlichen Provinzen des römischen Reiches — fand manSiegelsteinevon Augenärzten, mittels welcher den Kollyrienstangen (nach Art unserer Toiletteseifen) der Name des Augenarztes bezw. Kollyrienerfinders, der Name des Mittels, zuweilen auch Angaben über dessen Indikation und Verwendungsweise aufgeprägt wurden. Diese Siegelsteine sind aus Nephrit, Serpentin oder Schiefer gefertigte, zumeist viereckige Täfelchen, welche auf ihren schmalen Seiten in Spiegelschrift die betreffende Inschrift tragen. Bisher sind ungefähr 200 solcher Stempel aufgefunden und sorgfältig beschrieben worden. Alles spricht dafür, daß der reklamehafte Gebrauch in Gallien aufkam, vom 2.-4. Jahrhundert herrschte, jedoch von den griechischen und römischen Aerzten verschmäht wurde — schweigt doch die Literatur gänzlich darüber.
[10]Die freien Hebammen waren in einer Zunft vereinigt, der die „nobilitas” beigelegt wurde; handelte es sich um die gerichtliche Feststellung einer Gravidität, so wurden sie als Sachverständige vernommen. Bezüglich der Aerzte als Sachverständige vor Gericht, haben erst in jüngster Zeit aufgefundene Urkunden (Papyri aus Aegypten) einige Nachrichten gebracht, welcheGutachtenenthalten; sie stammen sämtlich aus den ersten nachchristlichen Jahrhunderten.
[11]Der bekannteste, aber durchaus nicht der erste von denen, welche die Astrologie für die Medizin geschäftlich und schwindelhaft verwerteten, istKrinas von Massilia(1. Jahrhundert). Wie Plinius erzählt, „befliß er sich zweifacher Kunst, indem er, höchst vorsichtig und den himmlischen Gewalten ergeben, nach dem Gestirnlaufe im astrologischen Kalender die Ernährungsweise regelte und die rechte Stunde für jedes therapeutische Eingreifen wählte”.
[12]Wurzelsammler, Kräutersammler, Salbenhändler (unguentarii, myropolae), Arzneiverkäufer (pharmacopolae), Arzneikrämer (παντοπώλαι), Arzneibudenbesitzer (seplasiarii, der Name stammt von einer Straße in Capua, wo sie besonders dicht gedrängt hausten), Gewürzkrämer (aromatarii), Farbwarenhändler (pigmentarii). Die Pharmakopolen zogen als Quacksalber überall umher, die Inhaber von Arzneibuden etc. erteilten in ihren Tabernen pseudo-ärztlichen Rat. Von der Abgabe der Kosmetika, Fruchtabtreibungsmittel, Gifte etc., war nur ein Schritt zur allgemeinen Kurpfuscherei. — Am verrufensten waren die sogenannten „medicae” und „Sagae”, ehemalige Prostituierte, welche geheime Frauenleiden behandelten, Kinder abtrieben u. s. w.
[13]Aerzte aus römischen Familien bildeten, infolge der aus Catos Zeiten überkommenen Vorurteile, nur die Minderzahl — Romana gravitas non exercet medicam artem et qui ex Romanis incipiunt eam addiscere ad Graecos sunt transfugae, sagt Plinius — auch genossen die Ausländer größeres Vertrauen, so z. B. die Aegypter als Hautärzte; in der Literatur oder inschriftlich kommen übrigens römische Aerztenamen vor, z. B. Cassius (bei Celsus), Scribonius Largus, Vettius Valens, die von Plinius zitierten Granius, Ofilius, Rabirius, die von Galen erwähnten Valerius Paulinus, Flavius Clemens, Pompejus Sabinus.
[14]Umgekehrt griffen auch Aerzte, wenn sie Schiffbruch erlitten hatten, zu einem Gewerbe, um sich fortzubringen; wenigstens witzelt Martial über Aerzte, die Leichenträger oder Gladiatoren wurden und „in ihrem neuen Berufe dasselbe taten, wie früher, nämlich töten und begraben”.
[15]Reichbegüterte Römer besaßen oft mehrere „servi medici”, welche auf Wunsch der Herren medizinisch ausgebildet waren und als Sklavenärzte oder sogar als Hausärzte fungierten; aus Cicero und Tacitus geht hervor, daß sie bisweilen zu verbrecherischen Zwecken mißbraucht wurden. Auch Aerzte zogen sich Sklaven zu Assistenten heran, und nur sie durften die servi medici als Erwerbsmittel benützen. Da die Interessen derservi mediciund diejenigen ihrer ärztlichen Besitzer häufig kollidierten, wenn es sich um den Loskauf handelte, so mußte derselbe gesetzlich geregelt werden, auch standen die liberti medici noch in einem Pflichtverhältnis zu ihren Patronen, wonach sie sogar gezwungen werden konnten, dieselben zu begleiten, was natürlich die Freigelassenen in der Ausübung der eigenen Praxis wesentlich hinderte. Außer den privaten gab es noch im Dienste des Staates stehende servi medici und öffentliche Freigelassene (liberti publici oder municipales). Die Lage der letzteren war sehr günstig; einzelne derselben besaßen eine äußerst lukrative Praxis und hinterließen ein bedeutendes Vermögen.
[16]Die Collegia der Römer waren Vereinigungen von Berufsangehörigen zum Zwecke der Beratung von Standesinteressen und zur Unterstützung der Mitglieder, ihre Weihe erhielten sie durch den gemeinsamen Kult bestimmter Gottheiten, Festlichkeiten etc. An der Spitze jedes Kollegiums stand der „Pater”, als Versammlungslokale dienten die „Curiae” oder „Scholae”. Das Collegium medicorum zu Rom verehrte als Patronin die Minerva und besaß (unter Trajan) eine Schola auf dem Esquilin. Ursprünglich wurden in die Collegia medicorum wohl nur Freie aufgenommen, später auch Freigelassene, ja sogar Sklaven.
[17]Die Städte richteten für die besoldeten Aerzte eigene Iatreien ein. Im ptolemäischen Aegypten waren die Aerzte staatlich angestellt und standen unter einem obersten Vorsteher.
[18]Die Bezeichnung ἀρχίατρος — von der das deutsche WortArztabgeleitet wird — diente wahrscheinlich zuerst nur dazu, um würdige, verdiente Aerzte aus der großen Masse der Heilkünstler hervorzuheben und erst allmählich erstarrte der Ehrenname zu einer mit besonderen Vorrechten verbundenen Titulatur, zunächst wohl fürkaiserliche Leibärzte(z. B. führten schonC. Stertinius Xenophon[Leibarzt des Claudius] undAndromachos[Leibarzt des Nero] den Titel); Galen sagt von Andromachos, er habe diesen Titel wegen seiner Kenntnisse bekommen, auch bezeichnet er (den Leibarzt des Antoninus Pius)Magnosund (den Leibarzt des Marc Aurel)Demetriosals „Archiatri”. In griechischen Inschriften findet sich das Wort ἀρχίατρος im Sinne vonStadtarzt.„Archiatri palatini”, d. h. Hofärzte, kommen mit diesem Namen zuerst unter Severus vor, es gab damals sieben. In der römischen Gesetzgebung erscheinen dieGemeindeärztemit dem Titel„Archiatri populares”zum ersten Male unter Valentinian I. und Valens. Wir ersehen aus den Verfügungen, daß dieArchiatri popularesKollegien bildeten, als Armenärzte fungierten und aus Gemeindemitteln (durch Naturallieferungen) besoldet waren. Ihre Zahl betrug in kleineren Städten fünf, in größeren sieben, in Rom zwölf. Dem Kollegium selbst oblag es, bei einer Vakanz einen Kandidaten, auf den sich mindestens sieben Stimmen vereinigt hatten, für die kaiserliche Bestätigung in Vorschlag zu bringen, und der Neugewählte erhielt immer den letzten Rang. DieArchiatrigenossen eine ganze Reihe von Begünstigungen (Befreiung von Abgaben und von der Uebernahme anderer Aemter, besonderen Schutz gegen Beleidigungen etc.). Dafür wurde ihnen aber eingeschärft, lieber in rechtschaffener Weise den Armen zu Hilfe zu kommen, als schmählich den Reichen zu dienen. Aus den Verordnungen Constantins, welcher alle Privilegien der Gemeinde- und Stadtärzte (auch für ihre Familien) zusammenfassen ließ, ist hervorzuheben, daß dieselben zur Unterrichtstätigkeit durch in Aussicht gestellte Belohnungen und Besoldungen angeeifert wurden: Mercedem etiam eis et salaria reddi jubemus, quo facilius liberalibus studiis et memoratis artibus multos instituant. Außer den Hof- und Stadtärzten führten auch die Vorstände der ärztlichen Kollegien den Titel „archiater” (archiatri scholares), ferner die Aerzte der Vestallinnen und der öffentlichen Gymnasien. — In der späteren Kaiserzeit kamen für Aerzte (vorzugsweise Hofärzte) noch verschiedene Rangerhöhungen und Titel in Betracht, das Perfectissimat („vir perfectissimus” ═ dem Rang des Eques entsprechend) und die weit höher stehende, in drei Grade zerfallende „comitiva dignitas” (der „comes archiatrorum” führte das Prädikat „vir spectabilis”). Bisweilen wurden Aerzte sogar zu hohen Stellen in der Staatsverwaltung berufen.
[19]Auf der Trajanssäule sieht man in einem Relief die Szene dargestellt, wie ein Arzt mit der Anlegung eines Beinverbandes bei einem verwundeten Soldaten beschäftigt ist.
[20]Geradeder Verkauf von Medikamentendurch die Aerzte selbst — ein Geschäft, das einzelne möglichst einträglich zu machen verstanden —wirkte in hohem Maße depravierend auf die Standesethik(aus Gründen, die keiner besonderen Darlegung bedürfen) und artete teilweise in Geheimmittelschwindel aus. Die oft unnützerweise höchst kompliziert zusammengesetzten, kostspieligen Medikamente — berechnet auf die Leichtgläubigkeit der vermögenden Klassen — wurden in Gefäßen verwahrt, auf denen der Name des Mittels und seines Erfinders, die Krankheit, gegen die es verordnet wurde und die Gebrauchsweise zu lesen war; bisweilen wurde sogar angeführt, bei welchem namhaften Patienten das Mittel Erfolg gehabt hatte. Pompöse Arzneibezeichnungen, z. B. Ambrosia, Phosphorus, Isis, Anicetum u. s. w., wirkten selbstredend suggestiv, und manche Aerzte suchten in der Erfindung von allerlei geheimgehaltenen Arzneikompositionen ihren Ruhm und ihre Einnahmsquelle; insbesondere fanden Abortiva, Gegengifte und Kosmetika starken Absatz. Galen nennt eine Reihe von solchen Medikamentenerfindern, unter denen z. B. der ArztPaccius Antiochusoft erwähnt ist. Dieser besaß, wie Scribonius Largus erzählt, eine „compositio mirifica” gegen Brustschmerz, deren Zusammensetzung er keinem anvertraute, er bereitete sie bei verschlossenen Türen und ließ von seinen Gehilfen, um sie zu täuschen, mehr Ingredienzien, als erforderlich waren, verreiben. Durch Rezepte, die in symbolischen Ausdrücken abgefaßt waren, wurde nicht bloß das Geheimnis der Zubereitung gesichert, sondern auch der lukrative Mystizismus noch gesteigert.
[21]Martial, Juvenal werfen den Aerzten Scharlatanerie und allerlei Verbrechen vor, Plinius beschuldigt sie, die allgemeine Verweichlichung und Sittenverderbnis hervorgerufen zu haben, und an vielen Stellen seiner Naturgeschichte erhebt er wahre Brandreden gegen die Aerzte. Selbst Kaiser Hadrian gesellte sich zu jenen, welche ihre Verachtung der Medizin in Schmähschriften kundgaben.
[22]So sagt schon Scribonius Largus: „Gar manche Aerzte sind nicht bloß unbekannt mit den alten Schriftstellern, sondern sie wagen es sogar, ihnen Falsches in den Mund zu legen. ... Jeder hat vor allem das im Auge, was ihm ohne Arbeit zufallen kann und dennoch Ansehen und Gewinn in Aussicht stellt. Somit betreibt ein jeder die Heilkunde nach seinem Belieben.” Ueber den mehr oder minder berechtigten Tadel Galens vgl. Bd. I, S. 358. Um die niedrige Habsucht seiner Kollegen in Rom zu geißeln, bricht der Pergamener in die bitteren Worte aus: „Zwischen Räubern und Aerzten ist kein anderer Unterschied, als daß jene im Gebirge, diese in Rom ihre Missetaten begehen.”
[23]Dioskurides führt, ohne die Verantwortung dafür zu übernehmen, manche abergläubische Mittel bloß den Lesern zuliebe an. Galen tritt im allgemeinen dem Gebrauch von abergläubischen Mitteln entgegen (vgl. Bd. I, S. 397).
[24]Der wahrscheinlich dem 2. Jahrhundert n. Chr. angehörendeAilios Promotosschrieb (noch handschriftlich erhaltene) Werke über sympathetische Heilmittel. Vollkommen frei vom Mystizismus waren aber nur die Hauptvertreter der methodischen Schule.
[25]Als solche fungierten namentlich Aegypter und Juden. Neben der ägyptischen Magie steht nämlich die jüdische in der hellenistisch-römischen Zeit gleichberechtigt da, wie sich aus den erhaltenen (ägyptischen) Zauberformeln (Vorkommen der Namen Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Engel, Salomos u. a.) ergibt. Die medizinische Magie der Juden leitete sich von Salomo ab; von der Tätigkeit jüdischer Exorzisten überliefert Josephus Flavius (Antiq. VIII, 2, 5) folgendes Beispiel: „Diese Heilkunst (Beschwörung) gilt auch jetzt noch viel bei uns. Ich habe z. B. gesehen, wie einer der unseren, Eleazar mit Namen, in Gegenwart des Vespasianus, seiner Söhne, der Obersten und der übrigen Krieger die von bösen Geistern Besessenen davon befreite. Die Heilung geschah in folgender Weise. Er hielt unter die Nase des Besessenen einen Ring, in dem eine von den Wurzeln eingeschlossen war, welche Salomon angegeben hatte, ließ den Kranken daran riechen und zog so den bösen Geist durch die Nase heraus. Der Besessene fiel sogleich zusammen, und Eleazar beschwor dann den Geist, indem er den Namen Salomons und die von ihm verfaßten Sprüche hersagte, nie mehr in den Menschen zurückzukehren. Um aber den Anwesenden zu beweisen, daß er wirklich solche Gewalt besitze, stellte Eleazar nicht weit davon einen mit Wasser gefüllten Becher auf und befahl dem bösen Geiste, beim Ausfahren aus dem Menschen diesen umzustoßen und so die Zuschauer davon zu überzeugen, daß er den Menschen verlassen habe. Das geschah auch in der Tat.”
[26]Am berühmtesten waren die Ἐφέσια γράμματα: Aski, Kataski, Aix, Tetrax, Damnameneus, Aision. Es gab auch „Milesische” Zauberworte.
[27]Bemerkenswert ist es, daß heidnische Exorzisten schon sehr früh die Namen der jüdischen Patriarchen, Salomos oder sogar Jesu in ihre Zauberformeln aufnahmen.
[28]Der Voltaire des Altertums, Lukian, geißelt in seinen satirischen Dialogen den törichten Wunderglauben des 2. Jahrhunderts. Der „Lügenfreund” ist deshalb für uns von Interesse, weil darin namentlich der medizinische Wunderglaube hervortritt und gezeigt wird, wie blind demselben sogar Männer, die sich Philosophen nannten, ergeben waren. Wir hören da von abenteuerlichen Sympathiemitteln, Zauberliedern, Amuletten, Bannsprüchen, von einem Chaldäer, der Schlangenbisse durch Beschwörung heilte, von einem Hyperboräer, der Tote erwecken konnte, von den Wundertaten eines Exorzisten aus Palästina, von Zauberringen, von wunderkräftigen Bildsäulen (Gnadenbildern), denen zum Dank für gespendete Heilung silberne Münzen oder Plättchen (mittels Wachs) aufgeklebt wurden etc.
[29]In Rom wurde besonders Minerva Memor. und die Bona Dea als Heilgottheit verehrt, in Ephesos Diana, in Antiochia die „Matrone”, in Seleukia Apollon-Sarpedon, in Nordafrika die „himmlische Göttin” von Karthago; als Krankenheiler galten auch die Dioskuren, der Gott Men in Kleinasien u. s. w. Zu den heilspendenden Heroen zählten Toxaris und Aristomachos (Athen), Theagenes (Thasos), der Heros Neryllinos (Alexandria Troas) u. a.; ihre Grabsteine, ihre Statuen taten an den Gläubigen Wunder.
[30]So z. B. der Neupythagoräer Apollonios von Tyana, welcher Blinde und Lahme heilte, Tote erweckte. Auch Vespasian rangiert, wie es scheint, sehr wider Willen unter den Wundertätern. Serapis hatte einem Blinden und einem Lahmen im Tempelschlaf verheißen, daß sie der Kaiser während seines Aufenthalts in Alexandria auf wunderbare Weise heilen werde, und dies traf auch ein. Vespasian machte den Blinden sehend, indem er ihm in die Augen spuckte; der Lahme wurde von seinem Uebel befreit, nachdem der Kaiser das gelähmte Glied mit seiner Ferse berührt hatte.
[31]Um die Mitte des 2. Jahrhunderts gab es 43 Serapistempel im Reiche, ganz besonders zahlreich waren die Heiligtümer des Asklepios.
[32]Der Asklepioskult nahm seit Antoninus Pius (vgl. Bd. I, S. 354) besonderen Aufschwung; aus der Zeit dieses Kaisers rühren auch die vier Tafeln her, welche an der Stelle des Aeskulaptempels auf der Tiberinsel in Rom gefunden worden sind, zwei derselben enthalten Berichte über Heilungen durch Traumorakel von Blinden, zwei von aufgegebenen Brustkranken: „I. In diesen Tagen machte das Orakel einem gewissen Cato, der blind war, die Eröffnung, er möge zum heiligen Altare treten, seine Knie beugen, dann sich von dessen rechter Seite zur linken bewegen und die fünf Finger einer Hand auf den Altar legen, die Hand erheben und über seine eigenen Augen legen, und er sah gut vor einer Menge anwesenden und sich deshalb beglückwünschenden Volkes, weil sich so große Wunder unter der Herrschaft unseres Kaisers Antoninus zutrugen. II. Dem Lucius, der mit Seitenstechen behaftet und von allen Menschen aufgegeben war, gab der Gott das Orakel, er möge herantreten und die Asche vom Altare sammeln und mit Wein vermengen und dann auf seine Seite legen, und er genaß und dankte dem Gotte öffentlich und das Volk beglückwünschte ihn. III. Dem Blut auswerfenden Julianus, den alle Menschen aufgegeben haben, antwortete der Gott durch das Orakel, er möge herantreten und vom Altare die Pinienkerne nehmen und drei Tage hindurch mit Honig genießen: er genaß und dankte öffentlich in Gegenwart des Volkes. IV. Dem Valerius Aper, einem erblindeten Soldaten, gab der Gott als Orakel, er möge kommen und das Blut eines weißen Hahnes nehmen, demselben Honig beimengen und ein Kollyr daraus bereiten, welches er sich drei Tage hindurch auf die Augen streichen sollte, und er sah und kam und dankte öffentlich dem Gotte.”
[33]Galen erwähnt, daß Asklepios manchen verordnet habe, zu reiten, zu jagen, Waffenübungen vorzunehmen etc. Artemidoros sucht in seinem Traumbuch an der Hand von Beispielen nachzuweisen, daß die göttlichen Verordnungen mit der rationellen Medizin übereinstimmen: Die Götter verordnen Salben und Einreibungen, Tränke und Speisen u. s. w.
[34]Er selbst will dem Asklepios für die Heilung eines Geschwürs zu Dank verpflichtet sein u. a.
[35]In der Geschichte der Tiere und in den Fragmenten des Werkes von der Vorsehung findet sich manche alberne Erzählung von den Wundertaten des Asklepios. Der Zweck, den dieser heidnische Pietist mit seinen Wundermären verfolgt, liegt darin, zu zeigen, welches Heil der fromme Glaube bringe.
[36]Aristides, ein berühmter Rhetor des 2. Jahrhunderts, litt durch ungefähr 13 Jahre an einem durch die mannigfachsten Symptome (namentlich dyspeptische, suffokatorische Beschwerden, Schlaflosigkeit, Krämpfe, psychische Störungen) gekennzeichneten Krankheitszustand, zu dessen Behebung er in verschiedenen Tempeln des Asklepios Heilung suchte und mit blindem Vertrauen alle möglichen, rationellen und unsinnigen, Kuren gebrauchte, die ihm der Gott in zahllosen Traumoffenbarungen vorschrieb. Die nach der glücklichen Genesung(?) verfaßten, noch erhaltenen „heiligen Reden” stützen sich auf Tagebücher, die der Kranke mit kleinlicher Sorgfalt für die gewöhnlichsten Dinge angelegt hatte, und gewähren uns einen interessanten Einblick einerseits in das Seelenleben eines hochgebildeten, aber höchst neuropathischen, krankhaft leichtgläubigen, von Einbildungen, Visionen und Halluzinationen aller Art geplagten Mannes, anderseits in den suggestiven Kurbetrieb der Asklepieien. Mit jener charakteristischen Weitschweifigkeit und Verworrenheit, die wir in den Aufzeichnungen solcher Patienten stets beobachten, schildert Aristides die vielfachen Verordnungen (diätetisches Regime, Bädergebrauch, Barfußgehen, später Anleitung zur Beschäftigung; Blutentziehung, Abführ-, Brechmittel, Klistiere, Einreibungen, Salben etc.) äußerst genau, bis in alle Einzelheiten, wobei man den Eindruck gewinnt, daß die Tempelärzte nicht selten ganz zweckmäßig handelten, trotzdem ihnen die Sache durch die Schrullen und den immer absurder werdenden Pietismus des Patienten sehr erschwert war. Trotz seiner unsäglichen subjektiven Leiden glaubte Aristides nämlich, zum Heilgott, als ein Auserwählter, in ganz besonders naher Beziehung zu stehen und er wollte, wenn es auch noch so unsinnig war, alles buchstäblich befolgen, was seinem einseitig konzentrierten Denken in den unzähligen Inkubationen, Sinnestäuschungen, Delirien als direkte Offenbarung imponierte. Glücklicherweise fand sich bisweilen ein Ausweg durch die priesterliche Interpretation der Traumgesichte oder durch die Inkubationen, welche Freunde im Interesse des Patienten angeblich vornahmen.
[37]Von den meisten römischen Kaisern werden mystische Neigungen berichtet. Augustus, Marc Aurel, Severus u. a. legten auf Traumauslegung viel Gewicht, Tiberius glaubte fest an die Astrologie, Nero, Caracalla u. a. Imperatoren ließen sich in die Magie einweihen, selbst der geistvolle Hadrian war der Sterndeuterei ergeben und betrieb die Künste der orientalischen Mantik.
[38]Träume spielten im Leben der bedeutendsten Männer eine große Rolle (vgl. auch die Lebensgeschichte Galens Bd. I, S. 354-355). Im 2. Jahrhundert verfaßteArtemidorosaus Ephesos auf Grund der nicht unbeträchtlichen Vorarbeiten in der Alexandrinerzeit (Sammlungen von bewährten Traumauslegungen) ein zusammenfassendes, noch erhaltenes Werk Ονειροκρίτικα in 5 Büchern, welches sich des höchsten Ansehens erfreute. Bemerkenswerterweise spielt bei der Deutung der Träume neben der Allegorie auch die Zahlenspielerei eine Rolle, indem Wörter, deren als Zahlzeichen betrachtete Buchstaben die gleiche Summe ergeben, für einander eintreten konnten.
[39]Am meisten tritt dies in der Technik zu Tage, welche zu den künstlerischen Leistungen im Mißverhältnis stand. Das quantitative Denken wurde bloß auf einem sehr eng begrenzten Gebiete zur Geltung gebracht. — Die Philosophie wirkte bei ihrer Machtstellung wenigstens in nacharistotelischer Zeit nicht günstig ein, da ihre Begriffsmühlen zwar aufs feinste arbeiteten, aber wegen des zu geringen Forschungsmaterials leer gingen; auch der stark ethisierende Zug, welcher naturwissenschaftliche Kenntnisse nur so weit erforderlich hielt, als dadurch zur sittlichen Vollkommenheit beigetragen werde (Seneca, Epiktet), hemmte die freie, voraussetzungslose kritische Forschung.
[40]Ein Analogon hierzu bildet auf medizinischem Gebiete die Lehre von den spezifischen Kräften der Substanz (Körperteile, Heilmittel), vgl. Bd. I, S. 372 u. 398. Durch die Theorie von den nicht weiter ergründbaren„Kräften der ganzen Substanz”wurde nicht nur die reale Forschung eingelullt, sondern auch dem Glauben an zauberhafte, übernatürliche Wirkungen der Wundermittel Tür und Tor geöffnet.
[41]Sehr bald nach der sophistischen Aufklärungsperiode machte sich als Reaktion das Streben geltend, den Volksanschauungen entgegenzukommen und in ihnen die Ergebnisse der philosophischen Spekulation vorgebildet zu finden.
[42]Schon Poseidonios, der Freund Ciceros, schrieb über Mantik, auch wurde ihm ein Buch über das Wahrsagen aus dem Zucken der Körperglieder zugeschrieben.
[43]Von der zeitweiligen Toleranz am Kaiserhofe liefert Severus Alexander, der in seiner Hauskapelle neben den besten der vergötterten Kaiser, neben Orpheus auch Abraham und Christus verehrte, einen schlagenden Beweis.
[44]Während die Lehre Epikurs alles Mythische und Transzendente ausschloß, huldigten die Stoiker im höchsten Grade den metaphysischen Neigungen der Volksseele, auch legten sie den Schwerpunkt weniger auf wissenschaftliche Erkenntnis als auf ethische Strebungen, in ihrer Endentwicklung betrachtete es die Schule als Zweck der Philosophie, Tröstung zu spenden (Epiktet, Marc Aurel). Der Philosoph wurde geradezu zum Seelenarzt, zum Seelsorger. Wiewohl aber die Stoiker die Gläubigkeit durch Anerkennung der Mantik förderten, so machten sie doch die Tugend noch in echt antiker Weise von der Einsicht, von der selbstbestimmenden Vernunft abhängig, nicht von einer übersinnlichen Gnade.
[45]Der Skeptizismus, dessen Errungenschaften der ArztSextus Empiricus(um 200 n. Chr.) zusammenfaßte, leugnete wegen der Relativität der Vorstellungen die Erkenntnismöglichkeit desWesensder Dinge. Da sich die Antike mit der Beobachtung der gesetzmäßigen Aufeinanderfolge in der Erscheinungswelt nicht begnügte, so wurde die skeptische Richtung zur Quelle der Verzweiflung an Vernunft und Wissenschaft. Begreiflicherweise zogen daher viele die Konsequenz, daß das menschliche Denken einer Ergänzung bedürfe durch höhere Erleuchtung, daß nur durch mystische Spekulation in den Besitz der Wahrheit zu gelangen sei.
[46]Die Pythagoräische Schule erlosch zwar im Laufe des 4. Jahrhunderts v. Chr., der Pythagoräismus als religiöse Lebensform (Askese, Mysterien) erhielt sich aber fortdauernd und nahm im 1. Jahrhundert v. Chr. wieder philosophische Gestaltung an. — Die bereits in der Zeit der Peisistratiden aufgekommene Sekte der Orphiker bestand bis in die christliche Zeit hinein, sie brachte eine religiös-mystische Literatur hervor, als deren Urheber der sagenhafte Orpheus galt.
[47]Der Neupythagoräismus kombinierte die pythagoräischen Zahlen — mit der platonischen Ideenlehre (Ideen ═ Zahlen ═ urbildliche Vorstellungen im göttlichen Geiste), verknüpfte den philosophischen Monotheismus mit dem volkstümlichen Götterglauben und erblickte die Hauptaufgabe in sittlicher Läuterung, Abkehr von der Sinnlichkeit, Veredlung des Kults. Als Hauptapostel dieser Richtung zog zur Zeit NerosApollonios von Tyanaumher, welcher überallhin reinere Gotteserkenntnis verbreitete und seine Lehre durch Wundertaten aller Art bekräftigte. Sein Leben wurde von Philostratos (Ende des 2. bis Mitte des 3. Jahrhunderts) nach mehreren Vorlagen, romanhaft ausgeschmückt, beschrieben. Apollonios von Tyana wird in tendenziöser Weise (um Christus ein Gegenbild gegenüberzustellen) als Prophet der alten Götter vorgeführt, ausgestattet mit überirdischer Natur und Wunderkraft (Weissagung, Dämonenaustreibung, Totenerweckung etc.).
[48]Die Juden konnten sich dem Einfluß des von Syrien und Aegypten eindringenden Hellenismus nicht entziehen und bildeten anderseits im Geistesleben Alexandrias einen Hauptfaktor. Parallel zum Neupythagoräismus entwickelte sich auch unter ihnen eine religiös-philosophische Richtung, welche namentlich an platonische Ideen anknüpfte und einer allegorischen Schriftauslegung zustrebte. Philon stellt nur den Höhepunkt dieser Richtung dar, welche schon in der vorausgehenden apokryphen Literatur (z. B. das pseudosalomonische Buch der Weisheit) bemerkbar ist.Die seit dem 2. vorchristlichen Jahrhundert hervortretende palästinensische Sekte derEssäeroder Essener (mit ihnen war die Sekte der Therapeuten am maräotischen See in der Nähe Alexandrias verwandt) zeigt viele Analogien mit der pythagoräischen Ordensgenossenschaft. Die Essäer pflegten die allegorische Schriftauslegung und entwickelten eine auf der (ursprünglich parsischen) Engellehre fußende Geheimlehre, die sich möglicherweise mit den Anfängen der im Mittelalter und in der Renaissance zu so großer Bedeutung gelangenden Kabbala berührt. Sie standen beim Volke im Rufe medizinischer Wundertäter (Heilungen durch Berühren, Händeauflegen, magische Kräuter und Steine, Beschwörungsformeln).
[49]Der Platoniker Celsus verfaßte im 2. Jahrhundert eine den Götterglauben verherrlichende Streitschrift gegen das Christentum.
[50]Die auf uns gekommenen„hermetischen”Schriften rühren aus verschiedenen Zeiten her und gehören verschiedenen theologischen Systemen an; unter diesen ragt besonders der aus 18 Abschnitten bestehende „Poimandres” hervor (vgl. R. Reitzenstein, Poimandres, Leipzig 1904). — Hermes ═ Thot galt in Aegypten seit uralter Zeit als Lehrer aller geheimen Weisheit und als Verfasser heiliger Schriften. Auf die medizinisch-hermetische Literatur weist schon Galen hin an der Stelle, wo er den Grammatiker Pamphilos wegen Benützung derselben tadelt.
[51]In dem Lehrgedichte (Astronomicon), welches Marcus Manilius dem Augustus widmete, ist unter anderem des näheren ausgeführt, wie jeder Körperteil unter dem Einfluß eines bestimmten Sternbildes stehe.
[52]Es kann daher nicht wundernehmen, daß mehrere astrologische Schriften der späteren Zeit fälschlich unter seinem Namen liefen.
[53]Das Wort χημεία wird meist mit dem alten Namen Aegyptens χημι (═ Schwarz) in Zusammenhang gebracht. Der Ausdruck Chemie findet sich in dem Sinne für „Goldmacherkunst” (ἱερὰ τέχνη, χρυσοποεία) zuerst in der astrologischen Schrift des Firmicus Maternus (vgl. oben). Eine Hauptpflegestätte bestand im Tempel zu Edfu, wo sich zu Ptolemäerzeiten ein Buch, betitelt „Die Verrichtung jedes Geheimnisses des Laboratoriums”, vorfand.
[54]Die Kyraniden gehören in den Kreis der „hermetischen” Bücher. Möglicherweise deutet der Name Κυρανίδες ═ Κυρηνίδης auf den Einfluß der einst berühmten und dann verschollenen Aerzteschule von Kyrene.
[55]Auch diese Strömung läßt sich weit zurück verfolgen. Bei Plato ist der Dämonismus im ganzen mehr ein Zierat seiner Spekulationen, unter den Vertretern der alten Akademie schreckte schon Xenokrates vor der Annahme von zahllosen Dämonen, Quäl- und Plagegeistern nicht zurück, die Stoiker gingen darin noch bedeutend weiter, die an orphisch-pythagoräische Traditionen auch hierin anknüpfenden Neupythagoräer vertieften den Dämonenglauben im mystischen Sinne. Daß sehr viele der Gebildeten schon im 2. Jahrhundert den Dämonismus als feststehende Tatsache ansahen, ersehen wir aus Plutarch, Maximus von Tyrus, Apulejus u. a. Bei Plotin sind die Dämonen noch im wesentlichen personifizierte Naturkräfte, Emanationen der Weltseele, sein Schüler Porphyrios beschreibt dieselben in seiner reichen Klassifikation schon mehr als greifbare, gute oder heimtückische Wesen, die ganz den parsisch-jüdischen Engeln entsprechen, Iamblichos und Proklos verweben völlig den rohen Volksglauben in ihre theosophische Spekulation.Daß vorderasiatisch-ägyptische Einflüsse und Vorbilder für die Verbreitung und Ausbildung der Dämonologie maßgebend waren, ist gewiß.
[56]Wunderheilungen galten jederzeit als besonderer Beweis göttlicher Inspiration oder übermenschlicher Kräfte, daher spielen sie auch in den Biographien der mystischen Philosophen eine wichtige Rolle. Philostratus berichtet von Zauberkuren des Apollonios von Tyana, ebenso hören wir von magischen Heilungen, welche Plotin und Porphyrios vollbracht haben sollen.Die kirchliche Literatur ist seit Justin erfüllt von Hinweisen auf Wunderheilungen und Exorzismen; wie sehr sich die Apologetik gerade auf dieses Moment stützt, zeigt namentlich die Polemik zwischen Origenes und dem Platoniker Celsus. — Bei den Christen kam allmählich ein eigener Stand von Exorzisten zur Entwicklung, welcher der niederen Hierarchie eingegliedert wurde. Die christlichen Beschwörungsformeln enthielten Hauptstücke aus der Geschichte Jesu.Sowohl die Kirche als auch die neuplatonischen Philosophen wendeten sich aber gegen den Unfug, welchen die Gnostiker mit Zauberkuren trieben. Die Gnostiker haben den Gebrauch von Amuletten, Talismanen, magischen Zeichen ungemein gefördert, so sollen z. B. von den Anhängern des Basilides die bekannten Abraxasgemmen verbreitet worden sein. (Abraxas ═ Gott, der die Macht der 7 Planeten vereinigt ═ Jahr; der Zahlenwert der Namensbuchstaben beträgt 365.)
[57]Z. B. Taufe ═ Bad zur Wiederherstellung der Gesundheit der Seele, Abendmahl ═ Pharmakon der Unsterblichkeit, Buße ═ vera de satisfactione medicina. In den apostolischen Konstitutionen heißt es: „Heile auch du (Bischof) wie ein mitleidiger Arzt alle Sünder, indem du heilsame, zur Rettung dienliche Mittel anwendest. Beschränke dich nicht auf Schneiden und Brennen und auf die Anwendung austrocknender Streupulver, sondern gebrauche auch Verbandzeug und Charpie, gib milde und zuheilende Arzneien und spende Trostworte als mildernde Umschläge. Wenn aber die Wunde tief und hohl ist, so pflege sie mit Pflastern, damit sie sich wieder fülle und dem Gesunden gleich wieder ausheile. Wenn sie aber eitert, dann reinige sie mit Streupulver, d. h. mit einer Strafrede; wenn sie sich aber durch wildes Fleisch vergrößert, so mache sie mit scharfer Salbe gleich, d. h. durch Androhung des Gerichts; wenn sie aber um sich frißt, so brenne sie mit Eisen und schneide das eitrige Geschwür aus, nämlich durch Auferlegen von Fasten. Hast du dies getan und gefunden, daß vom Fuß bis zum Kopf kein milderndes Pflaster aufzulegen ist, weder Oel noch Bandage, sondern das Geschwür um sich greift und jedem Heilungsversuch zuvorkommt — wie der Krebs jegliches Glied in Fäulnis versetzt —, dann schneide mit vieler Umsicht und nach gepflogener Beratung mit anderen erfahrenen Aerzten das faule Glied ab, damit nicht der ganze Leib der Kirche verdorben werde. Nicht voreilig also sei zum Schneiden bereit und nicht so rasch stürze dich auf die vielgezähnte Säge, sondern brauche zuerst das Messer und entferne die Abszesse, damit durch Entfernung der innen liegenden Ursache der Krankheit der Körper von Schmerzen geschützt bleibe. Triffst du aber auf einen Unbußfertigen und (innerlich) Abgestorbenen, dann schneide ihn mit Trauer und Schmerz als einen Unheilbaren ab.” Dieser bis in alle feineren Einzelheiten durchgeführte Vergleich des Bischofs mit dem Chirurgen ist nicht nur an sich interessant, sondern gewährt auch Einblick in die antike Wundarzneikunst.
[58]Die byzantinischen Berichte über die Krankenheilungen der großen Wundertäter (Engel, Märtyrer) erinnern lebhaft, stilistisch und inhaltlich, an die Wundergeschichten der Asklepiosheiligtümer. Das Erbe des Asklepios wurde von zahlreichen Heiligen angetreten, ganz besonders aber vonKosmasundDamian— den beiden Schutzpatronen der Aerzte. Ihr Kult, der im 6. Jahrhundert seine Blüte in Konstantinopel erreichte, ging höchstwahrscheinlich von Aegae aus, einer Stadt Ciliciens, wo ein besonders berühmtes Asklepieion bestanden hatte. Die Kranken verbrachten die Nacht in der Kirche (Kirchenschlaf), meist in großer Zahl auf Decken liegend, um im Schlafe der himmlischen Erscheinung gewürdigt zu werden; die Heiligen verordneten entweder die zu befolgende Kur oder heilten durch unmittelbare Wunderwirkung.
[59]Der erste Arzt, welcher dem Evangelium gefolgt ist, war der Gehilfe des Paulus, der heilige Lukas. Als der erste Arzt, der (zur Zeit Marc Aurels) den Märtyrertod starb, wird der Phrygier Alexander erwähnt. Im Beginne des 3. Jahrhunderts wurde einigen Christen von ihren wissensfeindlichen Glaubensgenossen gehässig vorgeworfen, daß sie Galen abgöttisch verehren, Γαληνὸς γὰρ ἴσως ὑπὸ τινῶν προσκυνεῖται. Dem Kaiser Alexander Severus widmete der, als christlicher Chronograph bekannte, Julius Africanus seine „Kestoi”. Als Aerzte wirkten der Priester zu Sidon, Zenobius (Märtyrer zur Zeit Diokletians), die Bischöfe Theodotos in Laodicea (um 305), Eusebius in Rom (310), Basilios von Ancyra (unter Konstantin), der Arianer Aetius; das römische Martyrologium gedenkt eines Arztes Diomedes aus Tarsus, der zur Zeit Diokletians hingerichtet wurde u. s. w.
[60]Sehr bedeutungsvoll war der Kampf, welchen die Kirchenväter gegen die Fruchtabtreibung, sowie gegen die sexuellen Ausschweifungen und Perversitäten führten. In hygienischen Fragen wurden sie wegen dem, mit dem übermäßigen Bädergebrauch etc. verbundenen Luxus oder Laster oft zu einer Opposition hingerissen, die in der Folge ungünstig auf die allgemeine Körperpflege (Gymnastik, das großartige antike Badewesen u. s. w.) einwirkte. Gleichfalls kann es wenigstens vom medizinischen Standpunkt kaum gebilligt werden, daß das Christentum mit den hygienischen Vorschriften der mosaischen Religion (Speisegesetze, Händewaschen) gänzlich gebrochen hat.
[61]Den Kirchenvätern erschienen die naturphilosophischen Spekulationen als Mißbrauch der geistigen Kräfte; sie wollten diese lieber den großen moralischen Lehren der geoffenbarten Religion zugewendet wissen. Im Hinblick auf die unversöhnlichen Widersprüche der Jahrhunderte alten Forschung, und erfüllt von unerschütterlichem Bibelglauben, mußten sie die menschliche Vernunft für unzureichend halten, wobei nicht zu übersehen ist, daß Skeptiker und Neuplatoniker sich in ähnlichem Ideenkreise bewegten. Zur Verwerfung oder doch Beschränkung der Forschung war dann freilich nur ein kleiner Schritt. Tertullian sagt: Nobis curiositate opus non est post Jesum Christum, nec inquisitione post Evangelium. Lactantius: Nam si facultas inveniendae veritatis huic studio subjaceret, aliquando esset inventa. Cum vero tot temporibus, tot ingeniis in ejus inquisitione contritis, non sit comprehensa, apparet nullam esse ibi sapientiam.
[62]Es sei an das tragische Schicksal der Hypatia erinnert.
[63]Die Kompendienliteratur bildet geradezu die Signatur des wissenschaftlichen Betriebs in allen Zweigen. Für die Naturkunde wurde der Auszug bedeutsam, welchen im 3. Jahrhundert Solinus aus dem Plinius nach einer älteren Vorlage zusammenstoppelte. Medizinische Kompilationen dürften übrigens schon vor der Zeit Galens insbesondere von den Anhängern der pneumatischen Schule verfaßt worden sein.
[64]Bemerkenswerterweise erklärte auch sein Zeitgenosse, der heilige Basilios, daß die Medizin unter allen profanen Wissenszweigen am meisten des Studiums würdig sei.
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Die medizinische Literatur, welche aus dem Zeitraum vom Beginn des 3. bis zum Ausgang des 5. Jahrhunderts auf uns gekommen ist, bildet ein Wahrzeichen des Stillstands oder sogar des Verfalls der antiken Heilkunde.Selbständige Beobachtungen, neue Ideen oder praktische Fortschritte treten nur ausnahmsweise aus der geistigen Oede hervor, fleißigeKompilationzählt schon zu den wertvollsten Leistungen.Das griechische Schrifttum bewahrt bei all dem durchwegs wenigstens den wissenschaftlichen Charakter, das lateinische dagegen rührt zum Teile von Laien her, welche volksmedizinischen Aberglauben und grobe Empirie zur Geltung brachten.Gerade in der römischen Welt fanden Machwerke letzterer Gattung besondere Anerkennung und Verbreitung, weil dort ohnedies kein regeres Interesse für theoretische Erörterungen aufkam; freilich darf nicht außer acht gelassen werden, daß diese pseudowissenschaftlichen Schriften eigentlich erst in späteren Jahrhunderten ihre ganz ungebührliche Stellung inmitten der Fachliteratur erhielten.
Am dürftigsten ist die literarische Hinterlassenschaft des3. Jahrhunderts— entsprechend den traurigen allgemeinen Zuständen und dem Tiefstand der gesamten Wissenschaft — sie besteht aus dem Lehrgedicht desQuintus Serenus Samonicus:De medicina praecepta saluberrimaund dermedicina ex oleribus et pomisdesGargilius Martialis. Beide Schriften beruhen vorzugsweise auf Plinius und stellen im wesentlichen volksmedizinische Rezeptbücher dar, namentlich die erstere strotzt von Aberglauben.