Die Medizin im Mittelalter.

[1]Die von mancher Seite ins 3. oder 4. Jahrhundert verlegte AnonymiIntroductio anatomica(εἰσαγωγὴ ἀνατομική), welche 1616 angeblich nach einer Handschrift von Peter Lauremberg veröffentlicht und übersetzt wurde (vgl. Anonymi Intr. anat. etc. cum not. Wilh. Trilleri et Jo. Steph. Bernard, Lugd. Batav. 1744), dürfte eineFälschungsein. Der Inhalt ist größtenteils aus anatomischen Angaben des Aristoteles zusammengestoppelt.[2]Vgl. den Index im 20. Bande der Kühnschen Ausgabe, in welchem mehr als zweihundert von Galen zitierte Autoren vorkommen.[3]Oreibasios dient als Quelle für:Agathinos,Antyllos,Apollonios von Pergamon,Archigenes,Asklepiades,Athenaios,Demosthenes,Dieuches,Diokles,Erasistratos,Heliodoros,Herodotos,Kriton,Lykos,Meges,Menemachos,Mnesitheos,Philagrios,Philumenos,Philotimos,Rhuphos,Theophrastos,Xenokrates,Zopyrosu. a.[4]Hierher zählt z. B.Sabinos, von dessenklimatologischerAbhandlung Oreibasios ein sehr interessantes Fragment bringt. Der Verfasser erinnert in seiner Auffassung lebhaft an das hippokratische Buch de aëre, aq. et loc. und leitet aus seinen Wahrnehmungen Regeln ab für die Anlage der Straßen in den Städten. Sie sollen breit sein, um der Sonne Zutritt zu gestatten, gerade und ununterbrochen verlaufend, von Nord nach Süd und von Ost nach West sich schneidend, um den Winden offen zu stehen.[5]Vgl. hierzu den entsprechenden Abschnitt bei Galenos, Bd. I, S. 391.[6]Augustinus nennt den Vindicianus Afer „vir sagax, acutus senex, magnus ille nostrorum temporum medicus”, auch berichtet er, daß Vindicianus im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen der Astrologie keinen Glauben schenkte. Welch großen Ansehens er sich erfreute, geht auch aus den Worten des Theodorus Priscianus hervor, welcher von ihm sagen durfte: „nunc toto orbe celebratur”.[7]Der Herausgeber Hermann Graf von Neuenar nennt den Theodorus Priscianus —Octavius Horatianus(Octavii Horatiani rer. medicar. libr. quatuor etc. Argent. 1532). Wellmann (Sammlung der Fragmente griechischer Aerzte, herausgegeben von Wellmann und Fredrich, Bd. I, Berlin 1901) hat gezeigt, daß verschiedene Abschnitte desAnonymus Parisiensis(teilweise ediert von Rob. Fuchs, Rhein. Mus. 1894/95 — wahrscheinlich von dem Eklektiker Herodotos herrührend) mit dem Traktat des Vindicianus übereinstimmen.[8]Vgl. hierzu die Vorgänger in dieser Richtung Xenokrates (Bd. I, S. 323), Markellos (ibid. S. 336).[9]Cuius scientiae beneficia vice mutua caritatis humanae cum omnibus infirmis, amicis, notis ignotisque, imo vero cum advenis magis et pauperculis communicare debetis, quia et deo acceptior et homini laudabilior misericordia, quae aegro hospiti ac peregrino egenoque defertur.[10]Das Latein des Caelius Aurelianus ist ein höchst schwülstiges, zum Romanismus neigendes, auch seine griechischen Kenntnisse (Etymologie medizinischer Technizismen) sind voll von Irrtümern, wahrscheinlich waren beide Sprachen nicht seine Muttersprachen.[11]Er selbst drückt sich darüber z. B. folgendermaßen aus: Soranus vero cujus haec sunt quae latinizanda suscepimus. ... Soranus autem cujus verissimas apprehensiones latino sermone describere laboramus. Es ist übrigens hervorzuheben, daß im Mittelalter immer wieder der Name des Soranos (nicht der des Caelius Aurelianus) auftaucht und mit Schriften in Verbindung gebracht wurde, die ihm gar nicht angehörten.[12]Von der lateinischen Uebersetzung der gynäkologischen Schrift des Soranos ist noch ein Fragment erhalten, das dem zehnten Kapitel entspricht und zeigt, daß Caelius Aurelianus wörtlich übersetzt, aber abkürzt.[13]Im Anschluß an die beiden Fragmente veröffentlichte Val. Rose l. c. die beiden pseudosoranischen Schriften Quaestiones medicinales (lateinische Bearbeitung der pseudogalenischen ὅροι ἰατρικοί vgl. Bd. I, S. 367, durch einen Gegner der Methodiker) und de pulsibus. Die quaestiones medicinales sind nach Art der responsionum libri des Caelius Aurelianus gearbeitet und enthalten in Fragen und Antworten die Erklärung zahlreicher medizinischer Termini, allgemeine Pathologie, Fieberlehre, Pulslehre (sehr kompliziert), Semiotik, allgemeine Chirurgie. Eingeleitet wird das Ganze (wörtlich übereinstimmend mit dem einschlägigen Texte in der pseudosoranischen Schrift in artem medicam isagoge) durch eine recht interessante Hodegetik und Deontologie. Es heißt daselbst bezüglich der Zeit, wann mit dem medizinischen Unterricht begonnen werden soll: sit ergo aetate quidem illa ex qua maxime a pueris homines transeunt ad juvenem, qui est in annis XV. haec enim aetas apta est ad sumendam sanctam artem medicinae. Gewünscht werden vom Jünger zum ärztlichen Berufe passende körperliche und moralische Eigenschaften und eine Vorbildung, die sich auf Rhetorik, Geometrie und Astronomie erstrecken solle. Die Deontologie fängt mit den schönen Worten an: Perspiciamus autem qualem oporteat esse medicum. Sit ergo moribus clemens et modestus cum debita honestate, nec desit ei sanctitas, nec sit superbus, sed pauperes et divites, servos et liberos pariter curet. Una enim est apud eos medicina. Die Schrift de pulsibus wird durch recht interessante Bemerkungen über das Verhalten am Krankenbette (Fragen an den Patienten etc.) und über das Pulsfühlen eingeleitet (comprehensa itaque manu quattuor aut tribus digitis conversis ad arteriam, eorum capitibus in aliquantum premere debebis immobilem custodiens manum, ut etiam vires ordinemque omnemque motus differentiam pulsus comprehendere possis). —Die Form von „Fragen und Antworten”hatte schon Soranos bei der Darstellung gynäkologischer Dinge gewählt.[14]Hier sei darauf aufmerksam gemacht, daß Empyem in der antiken Pathologie im weiteren Sinne nicht bloß die Eiteransammlung in der Brust, sondern Eiteransammlung im Körperinnern überhaupt bedeutete. Die am Beginne des einschlägigen Kapitels De vomicis sive internis collectionibus, quas Graeci ἐμπυήματα vocant (De morb. chron. V, cap. 10) stehende Definition lautet: Haec enim sunt quae in occultis nata collectiones nuncupantur, ut in splanchnis, ac membrana quae latera cingit, vel in pulmone, aut discrimine thoracis ac ventris, quod Graeci diaphragma vocant, item stomacho vel ventre, jecore, liene, intestinis, renibus, vesica aut mictuali via, vel matrice aut peritonaeo.[15]De acut. Lib. II, cap. 30-40. Dort finden sich die mannigfachen Theorien der alten Aerzte über den Morb. cardiacus zusammengetragen. Für die Methodiker hatte die Frage, ob Herz oder „Magenmund” Sitz der Affektion, wenig Bedeutung, weil die Behandlung des allgemeinen Zustandes den therapeutischen Angriffspunkt bildete. Hervorhebenswert ist die Empfehlung vonNährklysmenals letztes Mittel. At si omnis spes fuerit absumpta erit per clysterem cibus injiciendus (l. c. cap. 37).[16]Unter den Vorschriften für die Zubereitung der Milch (Einkochen zu einer gallertartigen Masse) ist namentlich jene bemerkenswert, welche den Zusatz von gebrannten Flußmuscheln während des Einkochens empfiehlt. Um den etwaigen Widerwillen der Patienten zu bekämpfen, verabreichte man das Präparat (vorher in Schnee) eingekühlt.[17]Nam literalis etiam lectio adhibenda est, quae sit aliqua falsitate culpata, quo interius mentem exerceant aegrotantes. Quapropter interrogationibus quoque erunt fatigandi ... tum sibi dimittendi, data lectione, quae non sit intellectu difficilis, ne plurimo labore vexentur. Haec enim si supra vires fuerint, non minus afficiunt quam corporis immodicae gestationes.... Tunc proficiente curatione erunt pro possibilitate meditationes adhibendae, vel disputationes.... Tunc post meditationem vel disputationem deducendus mox est atque perungendus leviter aegrotans et deambulatione levi movendus. Ei autem qui literas nescit immittendae quaestiones erunt, quae sint ejus artis propriae, ut rustico rusticationis, gubernatori navigationis: ac si ex omni parte iners fuerit curandus, erunt vulgaria quaedam quaestionibus tradenda vel calculorum ludus (De morb. chron. I, cap. 5, vgl. hierzu Bd. I, S. 316).[18]Vgl. Bd. I, S. 388. Zu dem dort Gesagten sei noch eine Stelle aus dem römischen Geschichtschreiber Ammianus Marcellinus (um 330-400) angeführt, welche zeigt, daß man die Weiterverbreitung ansteckender Affektionen durch passende Maßregeln zu verhindern bemüht war. Es heißt dort nämlich: Hat man einen schwer erkrankten Freund, nach dessen Befinden sich ein Sklave erkundigt hat, so ist es gut, den mit Nachrichten zurückkehrenden Boten nicht in das Haus des Herrn einzulassen, bevor er in einer Badeanstalt ein Bad genommen hat. So verhütet man wohl am ehesten die eigene Erkrankung.[19]Die Persönlichkeit des Verfassers ist historisch nicht bestimmt festgestellt, keinesfalls ist sie mit dem bei Soranos und Galenos erwähnten Arzte Moschion identisch. Das Werk spielte in der Geburtshilfe lange eine sehr bedeutende Rolle und hatte in der Literatur ein ganz eigenes Schicksal. Es wurde nämlich ins Griechische übertragen (in mehreren Handschriften erhalten) und, da man diese Uebersetzung für das Original hielt, später wieder ins Lateinische zurückübersetzt (ebenfalls in mehreren Handschriften). Vgl. Sorani gynaeciorum vetus translatio latina, in der Soranosausgabe von Val. Rose, Lips. 1882. Aeltere Ausgaben: Μοσχίωνος περὶ τῶν γυναικείων παθῶν, Basil. 1566, und griechisch-lateinisch ed. Dewez, Vienn. 1793. — Einige Handschriften besitzen Abbildungen des Uterus mit Eileitern und Ovarien, welche von Autoren der Renaissancezeit als Vorlage benützt worden zu sein scheinen. „Moschion” benützte auch das der Cleopatra zugeschriebene (wahrscheinlich aus dem 4.-5. Jahrhundert stammende) gynäkologische Werkγενέσια(abgedruckt in Spach, Harmania Gynaecior. Argent. 1597).[20]Bemerkenswert ist es, daß aus Nordafrika eine ganze Reihe von Männern hervorging, welche sich in der römischen Literatur einen Namen machten, z. B. Fronto, Apulejus, Gargilius Martialis, die Kirchenväter Tertullian, Cyprian, Augustinus, der Rhetor Arnobius, Martianus Capella, die medizinischen Autoren „Apulejus”, Vindicianus, Caelius Aurelianus.[21]Zu den hervorragenden Anhängern der neuplatonischen Schule zählten auch Aerzte.[22]Damaskios, der letzte Lehrer der Philosophenschule von Athen, sprach sich folgendermaßen über Asklepiodotos aus: „Von Jugend auf galt er für den scharfsinnigsten und kenntnisreichsten seiner Altersgenossen, indem er unablässig nach allem forschte, was die Natur oder irgend eine Kunst Bewunderungswürdiges hervorbringt. So lernte er in kurzer Zeit alle Mischungen der Farbstoffe und alle zur Verschönerung der Gewänder angewandte Tünchen kennen, ebenso die tausendfachen Verschiedenheiten der Holzarten mit bald gewundenem, bald geradem Verlauf ihrer Fasern. Ferner beobachtete und erforschte er die Eigenschaften und Gestalten der Steine und Pflanzen, nicht nur der gewöhnlichen, sondern auch der seltensten, auf jede Weise. Den Handwerkern machte er viel zu schaffen, indem er sich fortwährend bei ihnen aufhielt und nach allem aufs genaueste fragte. Sehr hohen Wert legte er auch auf die Naturgeschichte der Pflanzen, noch höheren auf die der Tiere, indem er die einheimischendurch eigene Anschauungunterschied, über die fremden so viel als möglich Erkundigungen einzog und las, was die Alten darüber geschrieben.” An dieses Lob knüpfte Damaskios einige Worte, die vom Standpunkt der neuplatonischen Hyperspekulation einen leisen Tadel einschließen, tatsächlich aber dem Asklepiodotos zum höchsten Ruhme gereichen. Er soll nämlich trotz seines tiefen Verständnisses der platonischen Philosophie doch in „der höheren orphischen und chaldäischen Weisheit, die den gewöhnlichen Verstand übersteige”, zurückgeblieben sein und habe (auf ethischem Gebiete) die Theorie auf das Niedere und auf diePhänomenebeschränkt, indem er, abweichend von den alten Spekulationen,alles auf die Natur der irdischen Dinge bezog und zurückführte.[23]Ein verwerfendes Urteil hat Tertullian auch über die angeblichen Vivisektionen des Herophilos mit den Worten gefällt: Ille medicus aut lanius, qui sexcentos homines exsecuit, ut naturam scrutaretur, qui hominem odit, ut nosset, nescio an omnia ejus liquido explorarit, ipsa morte mutante quae vixerant, et morte non simplici, sed ipsa inter artificia exsectionis.[24]Diese Art der naturphilosophischen Schriften der kirchlichen Autoren nahm ihren Ausgangspunkt von dem Hexaëmeron (Ueber die sechs Tage der Weltschöpfung), welchesBasileios der Große(älterer Bruder des Gregorios von Nyssa) verfaßt hatte. In dem von glühender Phantasie, echtem Natursinn, aber auch starrem Buchstabenglauben erfüllten Werke (das später im Abendlande vom hl. Ambrosius lateinisch überarbeitet wurde) fehlte eine Betrachtung über den Menschen. Die Lücke fülltenGregorios von Nyssaund späterNemesiosaus. Von Basileios wollen wir hier anführen, daß er in seinen Schriften auffallend viele medizinische Gleichnisse verwendete und sich über den Wert der Medizin äußerst anerkennend ausgesprochen hat. Wie hoch er den ärztlichen Beruf schätzte, geht aus den schönen Worten hervor: ἔστι μὲν καὶ πᾶσιν τοῖς τὴν ἰατρικὴν μετιοῦσιφιλανθρωπία τὸ ἐπιτήδευμα(Brief an den Arzt Eustathios).[25]Et ideo attendite, quod prius seminatur homo, postea concipitur in vulva et ibi caro formatur, deinde post dies quadraginta septem creatur anima et corpori infunditur (Sermones ad fratres, Sermo 25).[26]An einzelnen Stellen ist die Rede von Sektionen, welche Gelehrte an Tieren vornahmen, um den Bau der Organe oder Funktionsstörungen zu erforschen.[27]Nach den Autoren des Talmuds besteht das Skelett aus 248 Knochen. Diese Zahl wurde vielleicht bei der Untersuchung einer 16-17jährigen Person gewonnen, deren Leiche dem Kochungsprozeß unterworfen worden war, wobei die noch nicht durch feste Verknöcherung verschmolzenen Teile auseinanderfielen. Es wird berichtet, daß sich die Schüler des R. Ismael (um 100 n. Chr.) die Leiche einer zum Tode verurteilten Prostituierten ausbaten und dieselbe kochten, um die überlieferten Angaben über die Zahl der Knochen nachzuprüfen. — Der Arzt Thodos konnte als Experte mit Sicherheit aussprechen, daß eine ihm vorgelegte Anzahl von Wirbeln nicht von demselben Menschen stammte. — Die im Talmud vorkommende Legende von dem Knöchelchen Luz, welches infolge seiner Härte der Verwesung widerstehe, wurde von leichtgläubigen Anatomen noch im 17. Jahrhundert für bare Münze genommen; bald schien der 7. Halswirbel oder das Steißbein, bald ein Nahtknochen des Schädels oder ein Sesambein der großen Zehe dem Wunderknöchelchen zu entsprechen.[28]Manche der Beschreibungen sind vom Standpunkt der Tieranatomie überraschend gelungen, das gilt namentlich für die pathologischen Befunde.[29]Man berief sich darauf, daß die ägyptischen Händler den Kühen und Schweinen vor dem Verkauf in die Fremde die Gebärmutter ausschnitten, damit die Rasse in anderen Ländern nicht fortgepflanzt werden konnte.[30]Interessant ist die Erwähnung der Tracheotomie an einem Schafe. Man schnitt demselben ein fensterartiges Stück aus der Luftröhre aus und verschloß es mit einer Rohrhaut. Der Bericht stammt aus dem 2. nachchristlichen Jahrhundert und bezieht sich vielleicht auf alexandrinische Aerzte.

[1]Die von mancher Seite ins 3. oder 4. Jahrhundert verlegte AnonymiIntroductio anatomica(εἰσαγωγὴ ἀνατομική), welche 1616 angeblich nach einer Handschrift von Peter Lauremberg veröffentlicht und übersetzt wurde (vgl. Anonymi Intr. anat. etc. cum not. Wilh. Trilleri et Jo. Steph. Bernard, Lugd. Batav. 1744), dürfte eineFälschungsein. Der Inhalt ist größtenteils aus anatomischen Angaben des Aristoteles zusammengestoppelt.

[2]Vgl. den Index im 20. Bande der Kühnschen Ausgabe, in welchem mehr als zweihundert von Galen zitierte Autoren vorkommen.

[3]Oreibasios dient als Quelle für:Agathinos,Antyllos,Apollonios von Pergamon,Archigenes,Asklepiades,Athenaios,Demosthenes,Dieuches,Diokles,Erasistratos,Heliodoros,Herodotos,Kriton,Lykos,Meges,Menemachos,Mnesitheos,Philagrios,Philumenos,Philotimos,Rhuphos,Theophrastos,Xenokrates,Zopyrosu. a.

[4]Hierher zählt z. B.Sabinos, von dessenklimatologischerAbhandlung Oreibasios ein sehr interessantes Fragment bringt. Der Verfasser erinnert in seiner Auffassung lebhaft an das hippokratische Buch de aëre, aq. et loc. und leitet aus seinen Wahrnehmungen Regeln ab für die Anlage der Straßen in den Städten. Sie sollen breit sein, um der Sonne Zutritt zu gestatten, gerade und ununterbrochen verlaufend, von Nord nach Süd und von Ost nach West sich schneidend, um den Winden offen zu stehen.

[5]Vgl. hierzu den entsprechenden Abschnitt bei Galenos, Bd. I, S. 391.

[6]Augustinus nennt den Vindicianus Afer „vir sagax, acutus senex, magnus ille nostrorum temporum medicus”, auch berichtet er, daß Vindicianus im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen der Astrologie keinen Glauben schenkte. Welch großen Ansehens er sich erfreute, geht auch aus den Worten des Theodorus Priscianus hervor, welcher von ihm sagen durfte: „nunc toto orbe celebratur”.

[7]Der Herausgeber Hermann Graf von Neuenar nennt den Theodorus Priscianus —Octavius Horatianus(Octavii Horatiani rer. medicar. libr. quatuor etc. Argent. 1532). Wellmann (Sammlung der Fragmente griechischer Aerzte, herausgegeben von Wellmann und Fredrich, Bd. I, Berlin 1901) hat gezeigt, daß verschiedene Abschnitte desAnonymus Parisiensis(teilweise ediert von Rob. Fuchs, Rhein. Mus. 1894/95 — wahrscheinlich von dem Eklektiker Herodotos herrührend) mit dem Traktat des Vindicianus übereinstimmen.

[8]Vgl. hierzu die Vorgänger in dieser Richtung Xenokrates (Bd. I, S. 323), Markellos (ibid. S. 336).

[9]Cuius scientiae beneficia vice mutua caritatis humanae cum omnibus infirmis, amicis, notis ignotisque, imo vero cum advenis magis et pauperculis communicare debetis, quia et deo acceptior et homini laudabilior misericordia, quae aegro hospiti ac peregrino egenoque defertur.

[10]Das Latein des Caelius Aurelianus ist ein höchst schwülstiges, zum Romanismus neigendes, auch seine griechischen Kenntnisse (Etymologie medizinischer Technizismen) sind voll von Irrtümern, wahrscheinlich waren beide Sprachen nicht seine Muttersprachen.

[11]Er selbst drückt sich darüber z. B. folgendermaßen aus: Soranus vero cujus haec sunt quae latinizanda suscepimus. ... Soranus autem cujus verissimas apprehensiones latino sermone describere laboramus. Es ist übrigens hervorzuheben, daß im Mittelalter immer wieder der Name des Soranos (nicht der des Caelius Aurelianus) auftaucht und mit Schriften in Verbindung gebracht wurde, die ihm gar nicht angehörten.

[12]Von der lateinischen Uebersetzung der gynäkologischen Schrift des Soranos ist noch ein Fragment erhalten, das dem zehnten Kapitel entspricht und zeigt, daß Caelius Aurelianus wörtlich übersetzt, aber abkürzt.

[13]Im Anschluß an die beiden Fragmente veröffentlichte Val. Rose l. c. die beiden pseudosoranischen Schriften Quaestiones medicinales (lateinische Bearbeitung der pseudogalenischen ὅροι ἰατρικοί vgl. Bd. I, S. 367, durch einen Gegner der Methodiker) und de pulsibus. Die quaestiones medicinales sind nach Art der responsionum libri des Caelius Aurelianus gearbeitet und enthalten in Fragen und Antworten die Erklärung zahlreicher medizinischer Termini, allgemeine Pathologie, Fieberlehre, Pulslehre (sehr kompliziert), Semiotik, allgemeine Chirurgie. Eingeleitet wird das Ganze (wörtlich übereinstimmend mit dem einschlägigen Texte in der pseudosoranischen Schrift in artem medicam isagoge) durch eine recht interessante Hodegetik und Deontologie. Es heißt daselbst bezüglich der Zeit, wann mit dem medizinischen Unterricht begonnen werden soll: sit ergo aetate quidem illa ex qua maxime a pueris homines transeunt ad juvenem, qui est in annis XV. haec enim aetas apta est ad sumendam sanctam artem medicinae. Gewünscht werden vom Jünger zum ärztlichen Berufe passende körperliche und moralische Eigenschaften und eine Vorbildung, die sich auf Rhetorik, Geometrie und Astronomie erstrecken solle. Die Deontologie fängt mit den schönen Worten an: Perspiciamus autem qualem oporteat esse medicum. Sit ergo moribus clemens et modestus cum debita honestate, nec desit ei sanctitas, nec sit superbus, sed pauperes et divites, servos et liberos pariter curet. Una enim est apud eos medicina. Die Schrift de pulsibus wird durch recht interessante Bemerkungen über das Verhalten am Krankenbette (Fragen an den Patienten etc.) und über das Pulsfühlen eingeleitet (comprehensa itaque manu quattuor aut tribus digitis conversis ad arteriam, eorum capitibus in aliquantum premere debebis immobilem custodiens manum, ut etiam vires ordinemque omnemque motus differentiam pulsus comprehendere possis). —Die Form von „Fragen und Antworten”hatte schon Soranos bei der Darstellung gynäkologischer Dinge gewählt.

[14]Hier sei darauf aufmerksam gemacht, daß Empyem in der antiken Pathologie im weiteren Sinne nicht bloß die Eiteransammlung in der Brust, sondern Eiteransammlung im Körperinnern überhaupt bedeutete. Die am Beginne des einschlägigen Kapitels De vomicis sive internis collectionibus, quas Graeci ἐμπυήματα vocant (De morb. chron. V, cap. 10) stehende Definition lautet: Haec enim sunt quae in occultis nata collectiones nuncupantur, ut in splanchnis, ac membrana quae latera cingit, vel in pulmone, aut discrimine thoracis ac ventris, quod Graeci diaphragma vocant, item stomacho vel ventre, jecore, liene, intestinis, renibus, vesica aut mictuali via, vel matrice aut peritonaeo.

[15]De acut. Lib. II, cap. 30-40. Dort finden sich die mannigfachen Theorien der alten Aerzte über den Morb. cardiacus zusammengetragen. Für die Methodiker hatte die Frage, ob Herz oder „Magenmund” Sitz der Affektion, wenig Bedeutung, weil die Behandlung des allgemeinen Zustandes den therapeutischen Angriffspunkt bildete. Hervorhebenswert ist die Empfehlung vonNährklysmenals letztes Mittel. At si omnis spes fuerit absumpta erit per clysterem cibus injiciendus (l. c. cap. 37).

[16]Unter den Vorschriften für die Zubereitung der Milch (Einkochen zu einer gallertartigen Masse) ist namentlich jene bemerkenswert, welche den Zusatz von gebrannten Flußmuscheln während des Einkochens empfiehlt. Um den etwaigen Widerwillen der Patienten zu bekämpfen, verabreichte man das Präparat (vorher in Schnee) eingekühlt.

[17]Nam literalis etiam lectio adhibenda est, quae sit aliqua falsitate culpata, quo interius mentem exerceant aegrotantes. Quapropter interrogationibus quoque erunt fatigandi ... tum sibi dimittendi, data lectione, quae non sit intellectu difficilis, ne plurimo labore vexentur. Haec enim si supra vires fuerint, non minus afficiunt quam corporis immodicae gestationes.... Tunc proficiente curatione erunt pro possibilitate meditationes adhibendae, vel disputationes.... Tunc post meditationem vel disputationem deducendus mox est atque perungendus leviter aegrotans et deambulatione levi movendus. Ei autem qui literas nescit immittendae quaestiones erunt, quae sint ejus artis propriae, ut rustico rusticationis, gubernatori navigationis: ac si ex omni parte iners fuerit curandus, erunt vulgaria quaedam quaestionibus tradenda vel calculorum ludus (De morb. chron. I, cap. 5, vgl. hierzu Bd. I, S. 316).

[18]Vgl. Bd. I, S. 388. Zu dem dort Gesagten sei noch eine Stelle aus dem römischen Geschichtschreiber Ammianus Marcellinus (um 330-400) angeführt, welche zeigt, daß man die Weiterverbreitung ansteckender Affektionen durch passende Maßregeln zu verhindern bemüht war. Es heißt dort nämlich: Hat man einen schwer erkrankten Freund, nach dessen Befinden sich ein Sklave erkundigt hat, so ist es gut, den mit Nachrichten zurückkehrenden Boten nicht in das Haus des Herrn einzulassen, bevor er in einer Badeanstalt ein Bad genommen hat. So verhütet man wohl am ehesten die eigene Erkrankung.

[19]Die Persönlichkeit des Verfassers ist historisch nicht bestimmt festgestellt, keinesfalls ist sie mit dem bei Soranos und Galenos erwähnten Arzte Moschion identisch. Das Werk spielte in der Geburtshilfe lange eine sehr bedeutende Rolle und hatte in der Literatur ein ganz eigenes Schicksal. Es wurde nämlich ins Griechische übertragen (in mehreren Handschriften erhalten) und, da man diese Uebersetzung für das Original hielt, später wieder ins Lateinische zurückübersetzt (ebenfalls in mehreren Handschriften). Vgl. Sorani gynaeciorum vetus translatio latina, in der Soranosausgabe von Val. Rose, Lips. 1882. Aeltere Ausgaben: Μοσχίωνος περὶ τῶν γυναικείων παθῶν, Basil. 1566, und griechisch-lateinisch ed. Dewez, Vienn. 1793. — Einige Handschriften besitzen Abbildungen des Uterus mit Eileitern und Ovarien, welche von Autoren der Renaissancezeit als Vorlage benützt worden zu sein scheinen. „Moschion” benützte auch das der Cleopatra zugeschriebene (wahrscheinlich aus dem 4.-5. Jahrhundert stammende) gynäkologische Werkγενέσια(abgedruckt in Spach, Harmania Gynaecior. Argent. 1597).

[20]Bemerkenswert ist es, daß aus Nordafrika eine ganze Reihe von Männern hervorging, welche sich in der römischen Literatur einen Namen machten, z. B. Fronto, Apulejus, Gargilius Martialis, die Kirchenväter Tertullian, Cyprian, Augustinus, der Rhetor Arnobius, Martianus Capella, die medizinischen Autoren „Apulejus”, Vindicianus, Caelius Aurelianus.

[21]Zu den hervorragenden Anhängern der neuplatonischen Schule zählten auch Aerzte.

[22]Damaskios, der letzte Lehrer der Philosophenschule von Athen, sprach sich folgendermaßen über Asklepiodotos aus: „Von Jugend auf galt er für den scharfsinnigsten und kenntnisreichsten seiner Altersgenossen, indem er unablässig nach allem forschte, was die Natur oder irgend eine Kunst Bewunderungswürdiges hervorbringt. So lernte er in kurzer Zeit alle Mischungen der Farbstoffe und alle zur Verschönerung der Gewänder angewandte Tünchen kennen, ebenso die tausendfachen Verschiedenheiten der Holzarten mit bald gewundenem, bald geradem Verlauf ihrer Fasern. Ferner beobachtete und erforschte er die Eigenschaften und Gestalten der Steine und Pflanzen, nicht nur der gewöhnlichen, sondern auch der seltensten, auf jede Weise. Den Handwerkern machte er viel zu schaffen, indem er sich fortwährend bei ihnen aufhielt und nach allem aufs genaueste fragte. Sehr hohen Wert legte er auch auf die Naturgeschichte der Pflanzen, noch höheren auf die der Tiere, indem er die einheimischendurch eigene Anschauungunterschied, über die fremden so viel als möglich Erkundigungen einzog und las, was die Alten darüber geschrieben.” An dieses Lob knüpfte Damaskios einige Worte, die vom Standpunkt der neuplatonischen Hyperspekulation einen leisen Tadel einschließen, tatsächlich aber dem Asklepiodotos zum höchsten Ruhme gereichen. Er soll nämlich trotz seines tiefen Verständnisses der platonischen Philosophie doch in „der höheren orphischen und chaldäischen Weisheit, die den gewöhnlichen Verstand übersteige”, zurückgeblieben sein und habe (auf ethischem Gebiete) die Theorie auf das Niedere und auf diePhänomenebeschränkt, indem er, abweichend von den alten Spekulationen,alles auf die Natur der irdischen Dinge bezog und zurückführte.

[23]Ein verwerfendes Urteil hat Tertullian auch über die angeblichen Vivisektionen des Herophilos mit den Worten gefällt: Ille medicus aut lanius, qui sexcentos homines exsecuit, ut naturam scrutaretur, qui hominem odit, ut nosset, nescio an omnia ejus liquido explorarit, ipsa morte mutante quae vixerant, et morte non simplici, sed ipsa inter artificia exsectionis.

[24]Diese Art der naturphilosophischen Schriften der kirchlichen Autoren nahm ihren Ausgangspunkt von dem Hexaëmeron (Ueber die sechs Tage der Weltschöpfung), welchesBasileios der Große(älterer Bruder des Gregorios von Nyssa) verfaßt hatte. In dem von glühender Phantasie, echtem Natursinn, aber auch starrem Buchstabenglauben erfüllten Werke (das später im Abendlande vom hl. Ambrosius lateinisch überarbeitet wurde) fehlte eine Betrachtung über den Menschen. Die Lücke fülltenGregorios von Nyssaund späterNemesiosaus. Von Basileios wollen wir hier anführen, daß er in seinen Schriften auffallend viele medizinische Gleichnisse verwendete und sich über den Wert der Medizin äußerst anerkennend ausgesprochen hat. Wie hoch er den ärztlichen Beruf schätzte, geht aus den schönen Worten hervor: ἔστι μὲν καὶ πᾶσιν τοῖς τὴν ἰατρικὴν μετιοῦσιφιλανθρωπία τὸ ἐπιτήδευμα(Brief an den Arzt Eustathios).

[25]Et ideo attendite, quod prius seminatur homo, postea concipitur in vulva et ibi caro formatur, deinde post dies quadraginta septem creatur anima et corpori infunditur (Sermones ad fratres, Sermo 25).

[26]An einzelnen Stellen ist die Rede von Sektionen, welche Gelehrte an Tieren vornahmen, um den Bau der Organe oder Funktionsstörungen zu erforschen.

[27]Nach den Autoren des Talmuds besteht das Skelett aus 248 Knochen. Diese Zahl wurde vielleicht bei der Untersuchung einer 16-17jährigen Person gewonnen, deren Leiche dem Kochungsprozeß unterworfen worden war, wobei die noch nicht durch feste Verknöcherung verschmolzenen Teile auseinanderfielen. Es wird berichtet, daß sich die Schüler des R. Ismael (um 100 n. Chr.) die Leiche einer zum Tode verurteilten Prostituierten ausbaten und dieselbe kochten, um die überlieferten Angaben über die Zahl der Knochen nachzuprüfen. — Der Arzt Thodos konnte als Experte mit Sicherheit aussprechen, daß eine ihm vorgelegte Anzahl von Wirbeln nicht von demselben Menschen stammte. — Die im Talmud vorkommende Legende von dem Knöchelchen Luz, welches infolge seiner Härte der Verwesung widerstehe, wurde von leichtgläubigen Anatomen noch im 17. Jahrhundert für bare Münze genommen; bald schien der 7. Halswirbel oder das Steißbein, bald ein Nahtknochen des Schädels oder ein Sesambein der großen Zehe dem Wunderknöchelchen zu entsprechen.

[28]Manche der Beschreibungen sind vom Standpunkt der Tieranatomie überraschend gelungen, das gilt namentlich für die pathologischen Befunde.

[29]Man berief sich darauf, daß die ägyptischen Händler den Kühen und Schweinen vor dem Verkauf in die Fremde die Gebärmutter ausschnitten, damit die Rasse in anderen Ländern nicht fortgepflanzt werden konnte.

[30]Interessant ist die Erwähnung der Tracheotomie an einem Schafe. Man schnitt demselben ein fensterartiges Stück aus der Luftröhre aus und verschloß es mit einer Rohrhaut. Der Bericht stammt aus dem 2. nachchristlichen Jahrhundert und bezieht sich vielleicht auf alexandrinische Aerzte.

Die Medizin im Mittelalter.[←]

[←]

[←]

Den Jahrhunderten des Verfalls der antiken Medizin folgte ein Jahrtausend, welches nur bei tieferem Eindringen und höchstens auf einzelnen Gebieten einen schwachen Fortschritt der Heilwissenschaft erkennen läßt, im großen und ganzen aber den Anschein zähen Stillstands erweckt.

Zwar versiegte der Quell der griechischen Heilkunst niemals gänzlich, aber er wurde getrübt und vorübergehend sogar verschüttet.

Während das Abendland von kümmerlichen Resten der antiken Literatur zehrte und die Heilkunde inmitten trostloser Barbarei nur bei denMönchenZuflucht fand, trat Ostrom das Erbe des reichen Bildungsschatzes an, wurde dieMedizin der Byzantinerzur kontinuierlichen Fortsetzung der hellenisch-römischen. Aber diese Fortsetzung war keine wahre Weiterentwicklung. Mehr darauf bedacht, die Form unversehrt zu erhalten, als den geistigen Kern aus der Hülle zu lösen, in stolzem Selbstgefühl des Hellenismus auf den Besitz des Ueberkommenen pochend, jeder Neuerung abhold, ließen die Byzantiner die Medizin veröden. Sie waren eifersüchtige Schatzhüter, welche das Kleinod für bessere Zeiten, für andere Völker hüteten, aber sie verstanden das Ererbte nicht zu verwerten oder gar zu mehren.

Von diesem im späteren Verlaufe versandenden Hauptarme der hellenischen Heilkunst zweigte — auf dem Umwege syrisch-persischer und ägyptischer Vermittlung — die weit lebhafter pulsierende, neue Elemente heranziehende, aber im Wesen demGalenismussklavisch folgendeMedizin der Araberab. Sie schloß manchen hoffnungsvollen Keim für die Zukunft in sich, ihre welthistorische Bedeutung liegt aber vornehmlich darin, daß sie als Kollateralbahn griechisches Wissen und Können, allerdings in bizarrer, phantastischer Verzerrung, dem Westen zutrug und im Verein mit derScholastikdie abendländische Heilkundeauf eine wissenschaftliche Stufe erhob.

In der byzantinischen, in der arabischen, in der scholastischen Medizin usurpierte ein mit gelehrten Flittern prächtig umhülltes Phantom den Platz der wahren hippokratischen Heilkunst.

Der Hippokratismus war erloschen oder glomm nur im Verborgenen weiter. Erst am Schlusse des Zeitraums wurde er von neuem angefacht, als dem sinkenden, untergehenden Byzanz der echt antike Geist entströmte, um nunmehr in ungehemmtem Aufflug, hoch erhaben über die Schranken der Nation und Heimat, die Welt zu durchwehen.

[←]

Motto:Was du ererbt von deinen Vätern hast,Erwirb es, um es zu besitzen.   Goethe.

Motto:Was du ererbt von deinen Vätern hast,Erwirb es, um es zu besitzen.   Goethe.

Durch die Zertrümmerung des weströmischen Reiches erlitt die abendländische Kultur unermeßliche Verluste. Herrliche Schöpfungen der Kunst, reiche Schätze der Literatur fielen der Zerstörung anheim, verfeinerte Lebensformen schwanden unter dem Tritt der rohen Gewalt; die urwüchsigen Eroberer knüpfte kein Band an die große Vergangenheit, unter dem tosenden Kriegslärm verstummten die geistigen Regungen, und bloß die Kirche verhinderte, in ihrer Weise, den völligen Untergang der alten Bildung. Nur äußerst langsam wandten sich die Dinge zum Besseren, aus einzelnen Kristallisationskernen wuchsen allmählich Neugestaltungen von kultureller Eigenart heran, aber es währte ein Jahrtausend, bis die abendländische Menschheit wieder jene Stufe erklomm, von der sie seit dem 2. Jahrhundert herabgesunken war.

Die Flut des geistigen Lebens strömte vom Westen zurück, Byzanz blieb der einzige Hort der Kultur, bis es von der noch unverbrauchten Kraft orientalischer Völker abgelöst wurde.

Die politische und kulturelle Präponderanz der Byzantiner beruhte auf dem ununterbrochenen Zusammenhang mit der hellenisch-römischen Vorzeit.Mühelos und unmittelbar übernahmen sie dasjenige als legitimen Besitz, was andere Völker erst in hartem Ringen und stückweise erwerben mußten. Unter der Flagge der ruhmvollen Ueberlieferung des Imperium Romanum stützte sich ihr Staat auf das römische Verwaltungs-, Rechts- und Heerwesen und verfügte über alle technischen Behelfe der Kaiserzeit; dieses breite historische Fundament erhielt das Reich der Romäer aufrecht inmitten der germanisch-slawisch-hunnischen Völkerflut und sicherte ihm die erstaunliche Widerstandskraft im aufreibenden Kampfe mit den Persern und Muslim, wiewohl die Bevölkerung nicht durch wahre Vaterlandstreue, sondern bloß durch straffe Zentralisation, sprachliche und kirchliche Gemeinschaft zu einer künstlichen Einheit verbunden war. Die wissenschaftlichen Bestrebungen schlossen sich direkt an die antike Literatur, und die reichlichstvorhandenen Bildungsmittel bewahrten das geistige Leben trotz des lähmenden Einflusses fortgesetzter äußerer und innerer Wirren vor dem oftmals drohenden gänzlichen Erlöschen, denn zündend blitzte auch aus der Asche griechisches Denken immer wieder empor. Ganz von selbst bot sich der Kunst die Antike als heimisches Vorbild dar, bereit zur Verflechtung mit den nach sinnlichem Ausdruck ringenden christlichen und den in Volksanschauungen, im Hof- und Kirchenzeremoniell, in der Gewandung vordringenden orientalischen Motiven.

Aber ebenso wie die anfangs kräftig zur Weltmacht aufstrebende Herrschaft der Romäer verhältnismäßig bald in ihren Expansionsgelüsten behindert und zu einer immer kläglicher werdenden Defensive gezwungen wurde, so büßte auch die byzantinische Kultur schon nach kurzdauernder Blüte ihre fortzeugende Kraft ein, worüber alle Breitenentfaltung nicht hinwegtäuschen kann, und verfiel einervorzeitigen Seneszenz, die sich, wie bei den altorientalischen Völkern, durch starres Festhalten an versteiften Typen, durch ängstliche Abwehr des Neuen und Fremden, durch den Mangel der Anpassung an die veränderte Umgebung kundgab.

Abgesehen davon, daß es an günstigen Bedingungen für eine freie, aufsteigende Kulturentwicklung in einem Reiche fehlte, welches von außen von Feinden umlauert, im Inneren durch religiösen Zwist und Unduldsamkeit, Palastrevolutionen, Thronumwälzungen, Weiberintrigen und Günstlingswirtschaft zerrüttet war, dessen Untertanen unter dem Drucke des Cäsaropapismus schmachteten — läßt sich die frühe Ermattung des geistigen Lebens gerade auf jene Ursache zurückführen, die von vornherein den gewaltigen Vorsprung der Byzantiner bewirkt hatte, auf ihrEpigonentum. Angesichts des faszinierenden Reichtums der ererbten Schätze versiegte der Trieb und die Kraft zu eigenen Leistungen.

Schon in den letzten Jahrhunderten der römischen Kaiserzeit war unter dem Einflusse der geistigen Depression jede Hoffnung entschwunden, über die gegebene Kultur durch Erneuerung der wesentlichen Grundstoffe, durch Zufuhr frischer Triebkräfte jemals hinausdringen zu können; der Steinbruch der klassischen Antike galt als unerschöpflich, und die Aufgabe der Gegenwart wie der Zukunft schien lediglich in der Sammlung, Sichtung, Erklärung, Verarbeitung des aus der Vergangenheit überlieferten Wissensmaterials zu bestehen; die Kirche, welche ohnedies die Geister, von Natur und Leben abseits, dem Transzendenten zuwandte und auf allen Gebieten kanonischen Abschluß herbeiwünschte, nährte diese Anschauung ganz erheblich.

Die Byzantiner gingen auf der abschüssigen Bahn nur weiter. Uebersättigt mit Traditionen, welche alle Denkgewohnheiten zu Denknotwendigkeiten stempelten, erfüllt von dem hochfahrendsten Nationaldünkel, dersich mit dem Adel der hellenisch-römischen Vergangenheit brüstete, konnten und wollten sie die historische Brücke nicht abreißen, die morsche Ruine durch ein neues Gebäude ersetzen; ja es lag außerhalb ihres Interessenkreises, unter Betonung des merklicher werdenden Gegensatzes zwischen Gegenwart und Vergangenheit, nach Abscheidung des Veralteten und Leblosen in jenen bewußten Wettkampf mit der Antike zu treten, der den wahren Humanismus beseelt. Vergessend, daß eben der frei entfaltete Volksgeist die Vorzeit so groß gemacht hatte, ging man so weit, sogar die lebendigste Aeußerung desselben zu unterdrücken, indem man, steif am Attizismus festhaltend, der Umgangssprache den Zutritt zur Literatur verschloß; mehr und mehr unfähig, das Wesen zu erfassen, klammerte man sich krampfhaft an dieFormen— ein Spiegelbild der Zeremonien- und Titelsucht im Staatsleben — und schleppte den totenMechanismus, dieMumie der Antikefort durch ein Jahrtausend, statt aus den Elementen der alten Kultur ein neues Gebilde organisch zu entwickeln.

Wie im Leben, so war auch im Schrifttum die Form, der glänzende Schein, das oberste Gesetz, und gerade das Mißverhältnis zwischen dem schwülstigen Prunk der Rhetorik, dem geistheuchelnden Gaukelspiel der Dialektik einerseits und dem dürftigen Inhalt anderseits, verlieh der Literatur jene Züge von Steifheit, von gekünsteltem Wesen, von gleißnerischer Unwahrheit, welche den Byzantinismus sprichwörtlich gemacht haben; zu wirklichem Fortschritt konnte es dort nicht kommen, wo stets mit denselben Elementen gewirtschaftet wurde, wo diemaßlose Verehrung der alten Autoritätendie freie Kritik erstickte, den Gedankenflug fesselte und den Mut zum originellen Schaffen verkümmern ließ. Bloß die Kunst gebar unter christlichem Anhauch einen neuen Stil, der auch orientalischer Prachtliebe Genüge leistete, und die Technik wurde durch die drängenden Erfordernisse des Tages vorwärts getrieben.

Aber die Wegspur der Antike war breit, und den Kärrnern bot gerade der Traditionalismus ein weites Arbeitsfeld des Excerpierens, Kommentierens, der enzyklopädischen Abrundung. Gefördert von wissensfreundlichen Herrschern, über den reichen Bücherschatz großangelegter Bibliotheken verfügend, war die literarische Tätigkeit der Byzantiner eine ungemein mannigfaltige, und was besonders hervorzuheben, unter den Autoren herrschte, obwohl theologische Fragen stets auf der Tagesordnung standen, das gebildete Laientum vor — ungleich dem Abendlande, wo um diese Zeit fast nur Mönche für Mönche schrieben. Am meisten und darunter höchst Ansehnliches wurde auf den Gebieten der Theologie, Rechtspflege, Philologie, Archäologie, Geschichte, Kriegswissenschaft geschaffen, während der letzten Jahrhunderte (als griechisches Wissen von den Persern und Arabern zurückströmte) auch in der Mathematikund Astronomie, ohne daß es jedoch zu wirklich originären Neuschöpfungen gekommen wäre. Dort aber, wo die eherne Kette der Ueberlieferung im Stiche ließ, wo es auf unbefangene Beobachtung, mutige Kritik, auf Gefühl und Phantasie ankam, versagte der Pedantismus der Byzantiner gänzlich, darum haben sie in den Naturwissenschaften nichts hervorgebracht, darum blieb ihre Philosophie eine bloß formale, und abgesehen von der kirchlichen oder volkstümlichen, war ihre Poesie ein totgeborenes Kind. Wie stets in den Zeiten geistigen Druckes, suchte der individuelle Drang seine Zuflucht im Halbdunkel der Mystik; neben Astrologie und Alchemie wucherte das Unkraut aller Gattungen des Aberglaubens üppig fort. Das künstlerische Schaffen mußte gerade deshalb, weil es den Kerngehalt des neuen Daseins, das Wesen des Byzantinismus zu charakteristischem Ausdruck brachte, ins Typische, Konventionelle, Schablonenhafte verfallen, sowie einmal die neue eigenartige Stilgattung entwickelt war; virtuose Darstellung fertig ausgebildeter Formen und höchste Prachtentfaltung bezeichnete das Endziel des Strebens, und alles lief auf einen künstlichen Mechanismus hinaus. Diese Tendenz führte die Architektur, mit ihrem geistvoll kombinierten stolzen Kuppelsystem, zur technischen Vollkommenheit (Hagia Sophia), erweckte eine bewunderungswürdige Kleinkunst, beschränkte hingegen die Plastik auf das Relief und hemmte den Aufschwung der ans Mosaik gebannten Malerei zur Wirklichkeitsfrische; die farbenglänzenden würdevollen, aber unendlich steifen, ausdruckslosen, langgestreckten Gestalten auf Goldgrund, bezeugen dies genügend.

Eingehende Detailstudien lehren freilich, daß im Verlaufe der byzantinischen Kultur Phasen des Aufschwungs (im Zeitalter Justinians, unter den Herrschern aus dem mazedonischen Hause, unter den Komnenen und Paläologen) und Phasen des Niedergangs und Stillstands (während des Bilderstreits, unter der Lateinerherrschaft) aufeinander folgen, zeitweilig wurde auch der starre Zauberbann von einzelnen großen Individualitäten (z. B. Photios, Psellos) durchbrochen, die dem Humanismus vorarbeiteten — von einer wahrhaft organischen Entwicklung kann aber nicht gesprochen werden. Die welthistorische Bedeutung des Byzantinertums liegt nicht in der Neugestaltung, sondern bloß in der mechanischen Aufbewahrung des antiken Denkstoffes.

Dem Rahmen der allgemeinen Kulturverhältnisse fügt sich die Medizin stilgerecht ein, die Beharrung macht ihren Grundzug aus und von origineller Schaffenstätigkeit finden sich bloß vereinzelte Spuren. Der Hauptsache nach istdas ärztliche Schrifttum der Byzantinereine Blumenlese aus der antiken Literatur und gipfelt in enzyklopädischen Kompilationen, die sich weniger durch den Inhalt als durch die Ausführlichkeit und die mehr oder minder selbständige Kritik voneinanderunterscheiden; aus der Reihe der fleißigen Sammler und gelehrten Interpreten ragt bloß ausnahmsweise einmal ein wirklicher Beobachter hervor, der überwiegenden Mehrheit galten die Lehrmeinungen der Alten als geheiligter Kanon, an dem nichts Wesentliches geändert werden dürfe. Nichtsdestoweniger besitzt die byzantinische Epoche für die Medizin eine sehr große Bedeutung, weil sie die Errungenschaften der Antike vor dem Untergang schützte und den Faden der Tradition so lange getreulich festhielt, bis das edle Reis der hellenischen Heilkunst in ein neues, für die Weiterentwicklung günstiges Erdreich überpflanzt werden konnte.

Die Phasen des Aufstiegs oder Niedergangs der byzantinischen Kulturmacht gingen zwar nicht spurlos an der medizinischen Literatur vorüber, aber tiefgreifend war die Wirkung kaum, da die ärztliche Kunst vom spezifisch byzantinischen Geistesleben wenig berührt wurde und ihre Impulse nicht von der Akademie in Konstantinopel[1], sondern von jenen Stätten empfing, die noch vom echten Geist der Antike umwoben waren. Deshalb bildete tatsächlich nur dieEroberung Alexandrias(642) durch die Araber, welche dem Griechentum die wichtigste ärztliche Schule raubte, eine wahre Cäsur im Ablauf des Ganzen,die Grenzscheide zweier wohlcharakterisierter Perioden der byzantinischen medizinischen Literatur.

Die erste dieser beiden Perioden fällt mit dem frühbyzantinischen, d. h. mit jenem Zeitalter zusammen, in welchem dasantike römisch-hellenische Wesenerst nach langen Kämpfen dem allmählich erstarkendenmittelalterlichen christlich-byzantinischen Geisteunterlag. Da der letztere der wissenschaftlichen Heilkunde keine positive Förderung zu bringen vermochte, so wurde die Medizin von den allgemeinen Strömungen der Epoche nur so weit günstig beeinflußt, als die Antike noch darin prävalierte.

Das frühbyzantinische Zeitalter, mit der Aera des Justinian als Höhepunkt, reicht bis zur Mitte des 7. Jahrhunderts. Byzanz, das durch glänzende Eroberungen im Westen und Osten (Belisar, Narses, Kaiser Herakleios) schon auf dem Wege war, ein zweites Rom zu werden, wurde am Ende des Zeitraums auf enge Grenzen beschränkt (unglückliche Feldzüge gegen die Perser, Siegeslauf der Araber), nachdem schon lange vorher der Sektenstreit seine verheerende Wirkung entfaltet und eine fast 50 Jahre dauernde, von Erdbeben begleitete Seuche („Pest des Justinian” 531 bis 580) schwerstes Leid über das Reich verhängt hatte.Die literarische Tätigkeit dieser Epoche war, auch abgesehen von der theologischen, eine reiche; die kirchliche Dichtung war jugendfrisch, die Geschichtschreibung nahm einen neuen Aufschwung, die Philosophie erlebte eine Nachblüte desNeuplatonismus und zeitigte wertvolle Kommentare zu Aristoteles (Johannes Philoponos). Unter Justinian wirkten treffliche Historiker (Agathias, Prokop), fand das Recht (Tribonianus) seinen Abschluß (Codex Justinianeus, Pandekten, Institutionen, Novellen), schuf die Baukunst die herrliche Hagia Sophia (Anthemios von Tralles, Isidoros von Milet), blühte Handel und Industrie (Einführung der Seidenraupenzucht). Aber die Schattenseite bildet die enorme Erhöhung der Abgabenlast und die Intoleranz der Orthodoxie, welche letztere sich in der Schließung der Schule von Athen (529) und Vertreibung der (heidnischen) Philosophen ein herostratisches Denkmal setzte; wurde doch damit die Vernichtung der antiken Geistesfreiheit offenkundig dokumentiert.

Das frühbyzantinische Zeitalter, mit der Aera des Justinian als Höhepunkt, reicht bis zur Mitte des 7. Jahrhunderts. Byzanz, das durch glänzende Eroberungen im Westen und Osten (Belisar, Narses, Kaiser Herakleios) schon auf dem Wege war, ein zweites Rom zu werden, wurde am Ende des Zeitraums auf enge Grenzen beschränkt (unglückliche Feldzüge gegen die Perser, Siegeslauf der Araber), nachdem schon lange vorher der Sektenstreit seine verheerende Wirkung entfaltet und eine fast 50 Jahre dauernde, von Erdbeben begleitete Seuche („Pest des Justinian” 531 bis 580) schwerstes Leid über das Reich verhängt hatte.

Die literarische Tätigkeit dieser Epoche war, auch abgesehen von der theologischen, eine reiche; die kirchliche Dichtung war jugendfrisch, die Geschichtschreibung nahm einen neuen Aufschwung, die Philosophie erlebte eine Nachblüte desNeuplatonismus und zeitigte wertvolle Kommentare zu Aristoteles (Johannes Philoponos). Unter Justinian wirkten treffliche Historiker (Agathias, Prokop), fand das Recht (Tribonianus) seinen Abschluß (Codex Justinianeus, Pandekten, Institutionen, Novellen), schuf die Baukunst die herrliche Hagia Sophia (Anthemios von Tralles, Isidoros von Milet), blühte Handel und Industrie (Einführung der Seidenraupenzucht). Aber die Schattenseite bildet die enorme Erhöhung der Abgabenlast und die Intoleranz der Orthodoxie, welche letztere sich in der Schließung der Schule von Athen (529) und Vertreibung der (heidnischen) Philosophen ein herostratisches Denkmal setzte; wurde doch damit die Vernichtung der antiken Geistesfreiheit offenkundig dokumentiert.

Die Tendenz nach abschließender Zusammenfassung, welche dem frühbyzantinischen Zeitalter eignet und auf dem Gebiete der Kunst im Kuppelbau der Hagia Sophia, auf dem Felde der Wissenschaft in der Kodifizierung des Rechts vollendetsten Ausdruck fand, beherrschte auch die ärztliche Literatur, ohne aber den Trieb zur eigenen Beobachtung, den Mut zur unbefangenen Kritik völlig zu unterdrücken.Die Enzyklopädie des Oreibasios diente als Vorbild, aber man erstrebte das gleiche Ziel mit größerer Selbständigkeit und Kürze; Galen galt zwar viel, aber noch nicht alles, neben ihm blieb auch den übrigen Meistern der Antike die gebührende Stellung bewahrt, und wiewohl niemand mehr am theoretischen Lehrgebäude des Pergameners zu rütteln wagte, in praktischen Fragen wich man oft erheblich von ihm ab.

Repräsentiert wird die Epoche durch drei Autoren, welche in sehr ungleichem Maße eigenes Urteil und selbständige Erfahrung mit der Tradition zu verknüpfen verstanden, durch:Aëtios, Alexandros von Tralles und Paulos von Aigina.Aëtioserhob sich am wenigsten über den Stoff; sein„Tetrabiblon”, welches das Gesamtgebiet der Heilkunde in sehr zweckmäßiger Anordnung behandelt, verrät zwar stellenweise die reiche Erfahrung und die selbständig erworbene Anschauung eines geistig hochstehenden Praktikers, haftet aber zum größten Teile sklavisch an den überaus fleißig benützten Quellen. Den wohltuendsten Gegensatz zu Aëtios bildet sein jüngerer ZeitgenosseAlexandros von Tralles, dessen zwölf Bücher über Pathologie und Therapie der inneren Krankheiten trotz sorgfältigster Berücksichtigung der vorausgegangenen Literatur nirgends frische Beobachtung, klare Auffassung und freies Urteil vermissen lassen, ja durch Inhalt und edle Darstellung geradezu an die Blütezeit der antiken medizinischen Literatur lebhaft erinnern; es ist der unverfälschte hippokratische Geist, der aus diesem Werke — für lange zum letzten Male — spricht. Auch das verhältnismäßig kurz, aber dabei sehr vollständig abgefaßte — aus sieben Büchern bestehende — Kompendium desPaulos von Aiginabildet zwar, wie der Verfasser selbst in der Vorrede zugesteht, im wesentlichen nur einen Auszug aus den alten Schriftstellern, enthält aber eine Fülle von eigenen Zutaten, die der lebendigen Praxis entnommen wurden; insbesondere tritt die Selbständigkeit des Autors im sechsten Buche hervor, welches die Chirurgie in glänzender Weise zur Darstellung bringt. Diese drei Hauptvertreter der frühbyzantinischen Heilkunde, auf denen der Nachglanz der Antike ruht, besitzen hohen literarhistorischen Wert — verdanken wir ihnen doch reichen Einblick in die hellenisch-römische Medizin, wo der Untergang der Originalschriften unausfüllbare Lücken hinterließ — sie haben aber auch, namentlich Alexandros und Paulos, den Werdegang der Wissenschaft außerhalb der griechischen Heimat in bedeutendem Maße beeinflußt.

Was sonst aus der Literatur dieser Epoche auf uns gekommen, besteht aus Exegesen zu hippokratisch-galenischen Schriften, Machwerken, die größtenteils dem Galen entstammen, hygienisch-diätetischen Abhandlungen. Von Interesse sind höchstens einige Schriften des„Theophilos”, welche der zunehmenden Vorliebe fürsubtile Pulsuntersuchung und UroskopieRechnung tragen und vom Standpunkte einer religiös angehauchten aprioristischen Teleologie die Lehre vom Bau und von den Funktionen der Körperteile behandeln. Eine zu betrübenden Schlußfolgerungen anregende Erscheinung bildet es, daß (im Gegensatze zu den Historikern Euagrios, Prokopios und Agathias) kein einziger ärztlicher Schriftsteller von den schweren, unzählige Opfer fordernden Seuchen etwas erwähnt, welche zur Zeit des Justinian im byzantinischen Reiche wüteten.

Durch den Eifer hervorragender Aerzte konnte wohldie spezielle Pathologiegefördert,die chirurgische Technikauf der Höhe erhalten werden — der allgemeinen Krankheitslehre aber verwehrte die völlige Stagnation der anatomisch-physiologischen Forschung[2]jeden tatsächlichen Fortschritt; die iatrosophistische Spekulation vermochte nicht einmal einen scheinbaren Ersatz zu bieten, da sie sich infolge ihrer Ideenarmut stets in jenem Kreise bewegen mußte, den die Antike gezogen hatte.

Die zweite, mit dem Untergang der alexandrinischen Schule einsetzende Hauptperiode stand unter einer ziemlich ungünstigen Konstellation. Die Heilkunde litt schwer in den Phasen des kulturellen Verfalls, ohne wie andere Wissenszweige in den Phasen des Aufschwungs an den fördernden Einflüssen entsprechend zu partizipieren; wenn man die bekannt gewordene medizinische Literatur überschaut[3], gewahrt man einweites Flachland, aus dem nur einige wenige, nicht gar steile Höhen hervorragen.

Der reichen literarischen Tätigkeit des frühbyzantinischen Zeitalters folgte fast unvermittelt eine trostlose geistige Verödung, welche sich von der Mitte des 7. Jahrhunderts bis in die ersten Dezennien des 9. Jahrhunderts erstreckte und mit Ausnahme der Theologie alle Gebiete betraf. Besonders verhängnisvoll wirkten die Wirren des Bilderstreits (726-842), denn das Schwert, welches gegen das Mönchtum gezückt war, traf unbeabsichtigt gerade die Wissenschaft am empfindlichsten; mit der durch Leo den Isaurier geschlossenen Akademie in Konstantinopel verlor sie ihre wichtigste Pflegestätte. Vorboten des kommenden Aufschwungs machten sich zwar unter der Regierung des Kaisers Theophilos, der die öffentlichen Lehranstalten wiederherstellte, bemerkbar, der eigentliche Beginn einer kräftig aufstrebenden Entwicklung fällt aber erst in die Mitte des 9. Jahrhunderts und ist vorwiegend auf den gelehrten PatriarchenPhotioszurückzuführen, welcher, begünstigt vom bildungsfreundlichen Cäsar Bardas und von Basilios I., den Sinn für höhere Bildung durch Wiederbelebung des Studiums der Antike erweckte. Unter der Herrschaft der Mazedonier, von denen manche (wie Leo der Weise und Konstantin Porphyrogennetos) selbst als Schriftsteller auftraten, unter den Komnenen und Dukas, entfaltete sich das wissenschaftliche Leben zu ungeahnter Blüte, freilich ohne wirkliche Schöpferkraft und in innigster Anlehnung an die Antike. Im 10. Jahrhundert wurden bedeutende Enzyklopädien (z. B. Lexikon des Suidas) geschaffen, das 11. wird durch die Lichtgestalt desPsellosrepräsentiert, welcher den Platonismus erneuerte und als erstaunlicher Polyhistor auf verschiedenen Gebieten höchst anregend wirkte. Das 12. Jahrhundert bedeutet geradezu eine Renaissance für alle Arten des literarischen Schaffens und lockerte auch einigermaßen die konservative Starre durch Berücksichtigung der Zeitverhältnisse und der fremden Kultureinflüsse. Neuerdings wurde der Fortschritt gewaltsam unterbrochen, ja scheinbar vernichtet, als die Kreuzfahrer Konstantinopel einnahmen, die Schätze der Literatur und Kunst barbarisch zerstörten und die Herrschaft der lateinischen Kaiser aufrichteten. In dieser Zeit (1204-1261) fand die byzantinische Kultur nur an den Höfen von Nicaea und Trapezunt Zuflucht. Die Thronbesteigung der Paläologen eröffnete nach einem halben Jahrhundert der Verfinsterung eine neue — die letzte — Glanzepoche. Während der staatliche Organismus unaufhaltsam dem Verfall entgegenschritt, herrschte die regste wissenschaftliche Tätigkeit auf dem Felde der Exegese, Philologie, Geschichtschreibung, Philosophie, Naturkunde, Mathematik, Astronomie, versuchten sich rhetorisch-philosophisch gebildete, vom Geiste des Platonismus erfüllte Männer (z. B. Blemmydes und Georgios Pachymeres im 13., Nikephoros Gregoras im 14., Gemistos Plethon und Bessarion im 15. Jahrhundert) auf den verschiedensten Gebieten, blühte die Volkspoesie. Dem neuerwachten Geistesleben vermochte der Tag, da der Halbmond das Kreuz auf der Hagia Sophia (29. Mai 1453) verdrängte, kein Ende zu bereiten — die griechische Wissenschaft war durch Emissäre längst nach dem Westen verbreitet worden und hatte dort eine gesicherte Heimstätte gefunden.

Der reichen literarischen Tätigkeit des frühbyzantinischen Zeitalters folgte fast unvermittelt eine trostlose geistige Verödung, welche sich von der Mitte des 7. Jahrhunderts bis in die ersten Dezennien des 9. Jahrhunderts erstreckte und mit Ausnahme der Theologie alle Gebiete betraf. Besonders verhängnisvoll wirkten die Wirren des Bilderstreits (726-842), denn das Schwert, welches gegen das Mönchtum gezückt war, traf unbeabsichtigt gerade die Wissenschaft am empfindlichsten; mit der durch Leo den Isaurier geschlossenen Akademie in Konstantinopel verlor sie ihre wichtigste Pflegestätte. Vorboten des kommenden Aufschwungs machten sich zwar unter der Regierung des Kaisers Theophilos, der die öffentlichen Lehranstalten wiederherstellte, bemerkbar, der eigentliche Beginn einer kräftig aufstrebenden Entwicklung fällt aber erst in die Mitte des 9. Jahrhunderts und ist vorwiegend auf den gelehrten PatriarchenPhotioszurückzuführen, welcher, begünstigt vom bildungsfreundlichen Cäsar Bardas und von Basilios I., den Sinn für höhere Bildung durch Wiederbelebung des Studiums der Antike erweckte. Unter der Herrschaft der Mazedonier, von denen manche (wie Leo der Weise und Konstantin Porphyrogennetos) selbst als Schriftsteller auftraten, unter den Komnenen und Dukas, entfaltete sich das wissenschaftliche Leben zu ungeahnter Blüte, freilich ohne wirkliche Schöpferkraft und in innigster Anlehnung an die Antike. Im 10. Jahrhundert wurden bedeutende Enzyklopädien (z. B. Lexikon des Suidas) geschaffen, das 11. wird durch die Lichtgestalt desPsellosrepräsentiert, welcher den Platonismus erneuerte und als erstaunlicher Polyhistor auf verschiedenen Gebieten höchst anregend wirkte. Das 12. Jahrhundert bedeutet geradezu eine Renaissance für alle Arten des literarischen Schaffens und lockerte auch einigermaßen die konservative Starre durch Berücksichtigung der Zeitverhältnisse und der fremden Kultureinflüsse. Neuerdings wurde der Fortschritt gewaltsam unterbrochen, ja scheinbar vernichtet, als die Kreuzfahrer Konstantinopel einnahmen, die Schätze der Literatur und Kunst barbarisch zerstörten und die Herrschaft der lateinischen Kaiser aufrichteten. In dieser Zeit (1204-1261) fand die byzantinische Kultur nur an den Höfen von Nicaea und Trapezunt Zuflucht. Die Thronbesteigung der Paläologen eröffnete nach einem halben Jahrhundert der Verfinsterung eine neue — die letzte — Glanzepoche. Während der staatliche Organismus unaufhaltsam dem Verfall entgegenschritt, herrschte die regste wissenschaftliche Tätigkeit auf dem Felde der Exegese, Philologie, Geschichtschreibung, Philosophie, Naturkunde, Mathematik, Astronomie, versuchten sich rhetorisch-philosophisch gebildete, vom Geiste des Platonismus erfüllte Männer (z. B. Blemmydes und Georgios Pachymeres im 13., Nikephoros Gregoras im 14., Gemistos Plethon und Bessarion im 15. Jahrhundert) auf den verschiedensten Gebieten, blühte die Volkspoesie. Dem neuerwachten Geistesleben vermochte der Tag, da der Halbmond das Kreuz auf der Hagia Sophia (29. Mai 1453) verdrängte, kein Ende zu bereiten — die griechische Wissenschaft war durch Emissäre längst nach dem Westen verbreitet worden und hatte dort eine gesicherte Heimstätte gefunden.

Entsprechend dem allgemeinen kulturellen Tiefstand während der Epoche des Bilderstreits klafft auch in der medizinischen Literatur von der Mitte des 7. bis zum 9. Jahrhundert eine gewaltige Lücke, welche höchstens durch die (nach Art des Theophilos verfaßte) teleologische Abhandlung desMeletiosüber den Bau des Menschen und durch (handschriftlich erhaltene) Rezeptbücher oder populärmedizinische Schriften,Lehrgedichte u. dgl. ausgefüllt wird. Das 9. und 10. Jahrhundert ist durch die Kompendien des IatrosophistenLeonund desTheophanes Nonnosrepräsentiert. Eine reichere literarische Tätigkeit entfaltete sich erst wieder im 11. Jahrhundert. Hiervon liefert besonders die enzyklopädische, naturphilosophisch angehauchte Schriftstellerei des PolyhistorsMichaël Psellosund seines AusschreibersSimeon Seth, das chirurgische Sammelwerk desNiketasund das Arzneibuch desStephanos MagnetesZeugnis. Die für die Kultur so verhängnisvolle Herrschaft der lateinischen Kaiser markiert sich in der medizinischen Literatur durch eine neuerliche Lücke; erst in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts stoßen wir auf die umfangreiche Rezeptsammlung desNikolaos Myrepsos, welche auch für die Pharmakopöen des Abendlandes bedeutsam wurde, und auf die einer frischen Beobachtung entsprungene Spezialschrift desDemetrios Pepagomenosüber die Gicht. Wie auf allen übrigen Gebieten, scheidet das Griechentum auch in der Medizin mit würdigem Abgang; in wahrhaft glänzender Weise schließt die byzantinische Medizin mit den Werken desJoannes Aktuariosüber Diagnostik und Therapie, über Uroskopie, über Psychologie und Psychopathologie. Es ist ein in der antiken Literatur gründlichst bewanderter, philosophisch gebildeter, feinsinniger Schriftsteller, ein mit scharfer Beobachtungsgabe und gesunder Urteilskraft begabter Arzt, der sein Zeitalter und seine Umgebung weit überragend, zur Nachwelt spricht.

Auch von dieser zweiten Hauptepoche der byzantinischen Medizin gilt das oben Gesagte, nämlich daß zwar dieKenntnis einzelner Krankheitenerweitert wurde, aber die antiken Grundlagen der allgemeinen Pathologie unerschüttert blieben. Der Drang nach Betätigung führte zur Ausbildung einersubtilen Pulslehreund zu den Verwirrungen derUroskopie, welche beide in Spezialschriften Vertretung fanden. Charakteristisch für die späteren Jahrhunderte ist es besonders, daß unter dem langsam zur Geltung kommenden Einflusse kultureller Beziehungen zum asiatischen Osten[4]persische, arabische und indische Arzneimittel in den Heilapparat Aufnahme fanden (Psellos, Simeon Seth), ja daß sogar arabische oder persische Werke ins Griechische übertragen wurden.


Back to IndexNext