Dritter Abschnitt.Der Einzug der antiseptischen Behandlung in die deutsche Chirurgie. Die Asepsis. Das Langenbeckhaus.

Hatte sich das geschilderte Verfahren auch auf das beste für einfachere Verwundungen bewährt, so nötigte doch die Vielgestaltigkeit der Verletzungen zu immer neuen Maßnahmen. Insbesondere waren es die durch Operation erzeugten Wunden, die zu besonderen Vorsichtsmaßregeln zwangen, um von dem Kranken jede schädliche Einwirkung fernzuhalten. So entstanden neue Vervollkommnungen, die der Unermüdliche in seinem Vortrage gelegentlich der 39. Jahressitzung der British Medical Association zu Plymouth im August 1871 besprach. Als die unverrückbare Grundlage seiner Methode sieht er nach wie vorPasteursVersuche an, die er selbsttätig fortsetzte und ergänzte. So erweiterte er den aufS. 20geschilderten VersuchPasteur-Chevreuilsin folgender Weise: An vier, zum Teil mit frischem Harn gefüllten Flaschen zog er bei dreien den Hals lang aus mit mehrmaligen winkligen Knickungen, während er den der vierten Flasche noch enger machte, aber kurz und senkrecht stehen ließ. Dann wurde der Inhalt aller vier Gefäße 5 Minuten lang gekocht und unverschlossen weggestellt. In dem Behälter mit geradem Halse entwickelten sich schon nach wenigen Tagen ein Pilzrasen und Zersetzung, während der Urin der drei anderen Flaschen noch nach 4 Jahren unverändert war. Mit Recht deutetListerden Versuch dahin, daß die in alle vier Gefäße gleichmäßig ein- und ausströmende Luft ihre Keime an den Winkeln absetze, während diese durch den zwar engen, aber geraden Hals ohne Hindernis zur Flüssigkeit gelangen. Auch physikalisch konnte diese Annahme bestätigt werden, indem sich zeigte, daß die in den Flaschen enthaltene Luft optisch leer, d. h. ohne alle Staubteilchen war.

Auf dieser Grundlage baute er an der Vervollkommnung seiner Behandlungsmethode unentwegt weiter. Bei seinen Versuchen hatte er die Entdeckung gemacht, daß die durch Watte hindurchströmende Luft ihres Gehaltes an Staub und Keimen entkleidet wurde; demgemäß spielte auch die „antiseptische Watte“ in seinen späteren Verbänden eine hervorragende Rolle. Im übrigen gibt er über den dermaligen Stand seiner Maßnahmen einen Bericht, dem noch die weiteren Verbesserungen bis zum Jahre 1874 eingefügt werden sollen.

Als neu ist derZerstäuber(Spray) eingeführt, ein mit verdünnter Karbolsäure gefülltes Glas, dessen Inhalt durch ein Gebläse mit doppeltem Gummiballon in Form eines Dunstkegels ausgeworfen wurde und denZweck hatte, die während einer Operation anzulegende Wunde vor dem Eindringen von Luftkeimen zu schützen. Zuvor wurde die Oberhaut antiseptisch befeuchtet und die zum Gebrauche bestimmten Geräte, sowie alle Schwämme zum Reinigen der Wunden in eine Karbolsäurelösung getaucht, deren Stärke eine Zeitlang bis auf 1:100 heruntergegangen war, späterhin aber wieder auf 1:40 = 2½ % oder selbst auf 5:100 erhöht wurde. Wunden, die erst längere Zeit nach der Verletzung zur Behandlung kamen, wurden mit einer noch stärkeren Lösung, nämlich 1:5 Weingeist, gewaschen.

Schon seit 1870 stellte sich das Bedürfnis heraus, bei genähten und unregelmäßigen Wunden für den Abfluß der Wundabsonderungen zu sorgen. Das geschah zunächst durch Einführung eines in Karbolöl getauchten Lintstreifens, der später durch Gummiröhrchen, endlich durch aufsaugbare Drains ersetzt wurde.

So hatte sich denn der eigentliche Wundverband seit jenem Jahre zum antiseptischen Dauerverbande entwickelt. Er bestand aus einem grobmaschigen Baumwollengewebe, dem antiseptischen Mull, der in eine Mischung von Karbolsäure 1, Harz 5 und Paraffin 7 eingetaucht, dann zwischen zwei Rollen ausgepreßt und getrocknet wurde. Auf diese Weise erreichte man die völlige Durchtränkung der Fäden, die Maschen des Gewebes aber blieben offen. Das Harz sollte die antiseptische Flüssigkeit längere Zeit festhalten, der Paraffinzusatz das nachteilige Ankleben verhindern. Der Verband wurde in folgender Weise angelegt: Unter fortgesetzter Karbolzerstäubung legte man auf die offene oder genähte Wunde ein Stück Schutzhülle (Protective silk), d. h. ein Stück undurchlässigen Stoffes von dem Umfange der Wunde, um diese vor der fortdauernden Reizung durch die Karbolsäure des Verbandes zu schützen. Darüber kam eine achtfache Lage des antiseptischen Mulls, die Wundränder weit überragend, zwischen dessen zwei obersten Lagen wiederum ein Blatt guten, wasserdichten Stoffes (Mackintosh-Zeug) eingefügt war. Das Ganze wurde später, wenigstens in Deutschland, gewöhnlich noch mit einer Schicht antiseptisch gemachter, trockener Watte überdeckt, die Verbandstücke durch eine darübergelegte Binde, entweder aus dem gleichen antiseptischen Mullstoffe, oder mit steif werdenden Gazebinden befestigt. Auf letztere hat späterVolkmanneinen besonderen Wert gelegt, da sie eine Art von Schienung darstellten, welche die Bewegungen des verletzten Körperteiles einschränkte. — Die beschriebene Anordnung hatte den Zweck, einesteils die Wunde vor jeder Reizung zu schützen, andernteils die Wundflüssigkeiten zu einem weiten Wege durch die Verbandstoffe zu zwingen, ehe sie an der Oberfläche erschienen. Geschah dies, so mußte der Verband sofort gewechselt werden, entweder ganz oder wenigstens in den oberen Schichten; dagegen konnte er bei nur geringer Absonderung zuweilen 8 und selbst 14 Tage liegen bleiben, so daß die Heilung nicht selten unter einem einzigen Verbande ganz oder doch zum größten Teile erfolgte.

Die Karbolsäure wurde damals fast ausschließlich in wäßriger Lösung benutzt; nur selten kamen noch ölige Lösungen oder Chlorzink zur Anwendung.

Der hier beschriebene Verband ist lange Jahre unter dem Namen des „ListerschenVerbandes“ gegangen. Die deutsche Sprache wurde sogar um ein Zeitwort bereichert, indem man die Anwendung der Methode mit dem Worte „listern“ bezeichnete. Ihre Beschreibung dürfteden Beweis geliefert haben, daßListervöllig im Rechte war, als er gegen die Gleichstellung seines Verfahrens mit der alten Anwendung antiseptischer Mittel auf Wunden Verwahrung einlegte. Es gewährt einen nicht geringen ästhetischen Genuß, die in allen Einzelheiten fein ausgeklügelte Methode in ihren Entwicklungsstufen zu verfolgen; nicht minder aber, zu sehen, mit welcher wachsenden Zuversicht der edle, ganz seinen Zielen sich hingebende Mann das Wesen und die Wirksamkeit seiner Behandlung darlegt und mit welcher nachdrücklichen, aber trotzdem bescheidenen Weise er von deren Erfolgen spricht.

Man hätte denken sollen, daß ein wissenschaftlich so sorgfältig vorbereitetes, bis ins kleinste durchdachtes Behandlungssystem mit seinen schon damals glänzenden Ergebnissen, wie sie vonListerbruchstückweise mitgeteilt wurden, sich die Welt im Fluge hätte erobern müssen. Davon war indessen auf lange hinaus nichts zu verspüren. Der völlige Bruch mit den hergebrachten Anschauungen und Überlieferungen, die menschliche Trägheit, welche es verschmäht, sich in Gedankengänge hineinzuarbeiten, denen gegenüber von vornherein ein gewisses Mißtrauen erwacht, der bequeme Schlendrian des bisherigen Verfahrens, die teilweisen Mißerfolge der ersten halben Versuche und die Furcht, zu schaden, die häufigen Abänderungen der Methode, endlich hier und da Neid und Mißgunst: alles das kam zusammen, um den Siegeslauf der neuen Gedanken in einer Weise zu mäßigen, daß man bei der Rückschau in jene Zeit fast vor einem Rätsel steht. InEngland, zumal in Schottland, und sogar in der nächsten UmgebungListersverhielt man sich ablehnend, bestenfalls abwartend. Von seinen chirurgischen Kollegen (Namen wieWatson, Spence, Annandale) in der alten Infirmary zu Edinburgh, wo jener seine klinische Abteilung hatte, war noch im Jahre 1876 kein einziger über die ersten schüchternen Versuche hinausgelangt; meistens verhielten sie sich gleichgültig oder gar feindlich. Und noch lange darüber hinaus bewährte sich das Wort, daß der Prophet in seinem Vaterlande nichts gilt; denn die größere Menge der englischen Chirurgen folgte erst nach, als der Ruhm des Landsmannes im Auslande bereits fest begründet war.

Noch viel länger freilich als in England dauerte der Widerstand in Frankreich. Nicht zum wenigsten trug hierzu der nationale Widerwille gegen eine Neuerung bei, die alle Errungenschaften der bis dahin führenden französischen Chirurgie umzuwerfen oder auf den Kopf zu stellen drohte. Im Laufe des 18. und 19. Jahrhunderts war Frankreich fast unbestritten das Land des chirurgischen Fortschritts gewesen, obwohl hervorragende Geister in England wie in Deutschland wiederholt den Versuch gemacht hatten, ihre Wissenschaft von der geistlosen und unselbständigen Bewunderung des Fremden zu befreien und ihr ein mehr völkisches, auf gesunder Kritik beruhendes Gepräge zu geben. Solche Wege waren, freilich ohne allzu große Erfolge, schon vonAugust Gottlieb RichterundVinzenz v. Kern, späterhin mit größerem Nachdrucke vonKarl Ferdinand v. Gräfe, C. F.DieffenbachundBernhard v. Langenbeckeingeschlagen worden; aber die hohe Stellung der französischen Chirurgie, der Einfluß insbesondere der Schule von Paris auf das Urteil der deutschen Ärzte blieb dennochfast unerschüttert. So begreift sich seelisch die Abneigung der Franzosen gegen die Neuerungen aus einem Lande, welches man damals noch als Sitz des Erbfeindes zu betrachten niemals aufgehört hatte. Freilich hat die französische Chirurgie ihr sehr langes Zögern mit der zeitweilig starken Verminderung ihres Ansehens bezahlen müssen, obwohl sie späterhin in glänzendem Aufschwunge ihre Fehler gutzumachen, das Versäumte einzuholen verstand.

Indessen soll es nicht unsere Aufgabe sein, diese Entwicklung in England und Frankreich, bald auch in allen anderen europäischen Ländern und in Amerika zu verfolgen; vielmehr müssen wir uns damit begnügen, den Umschwung zu schildern, wie er sich in Deutschland vollzog. Denn Deutschland ist das Land, demListerseine ersten großen Erfolge in allgemeiner Anerkennung verdankt, wie er selber es wiederholt ausgesprochen hat. Die Hoffnung, der er in einer Julinacht des Jahres 1874 in Edinburgh dem jungen DozentenOtto Madelunggegenüber bewegten Herzens Worte lieh, daß seine jungen ausländischen Schüler, insbesondere die deutschen, ihm helfen würden, alle die Widerstände zu überwinden, die ihm in seiner nächsten Umgebung, wie in ganz England, auf Schritt und Tritt begegneten, ist denn auch nicht getäuscht worden.

Schon die erste ArbeitListers: „Über ein neues Verfahren, offene Knochenbrüche und Abszesse zu behandeln, mit Beobachtungen über Eiterung“, vom Jahre 1867 war in Deutschland nicht unbeachtet geblieben; allein der einzige Gewinn, den man daraus zog, beruhte in der Annahme, daß die Karbolsäure in öliger, später auch in wäßriger Lösung ein vortreffliches Verbandmittel sei. Nur wenige deutsche Chirurgen wagten sich einen Schritt weiter, indem sie an die Stelle der CharpieListersKarbolpflaster zur Bedeckung der kleinen Wunden bei Durchstechungsfrakturen setzten. Im Deutsch-Französischen Kriege von 1870/71 spielten die Karbollösungen in Öl oder Wasser eine große Rolle; da man sie aber nur zur Anfeuchtung von Charpie überaus zweifelhafter Herkunft benutzte, so rochen zwar die Dauerlazarette innen und außen stark nach dem Verbandmittel, aber für die Heilung und das Wohlergehen der Kranken war damit nichts gewonnen. Die Wundkrankheiten forderten demnach in den überfüllten Kriegslazaretten ebenso regelmäßig ihre Opfer, wie dies in alten, verseuchten Krankenhäusern des Friedens bisher der Fall gewesen war. Auf das eigentliche Wesen der antiseptischen Wundbehandlung war bisher niemand eingegangen.

Ein Umschwung trat erst ein, als der StabsarztA. W.Schultze, ein Schüler derBardelebenschen Klinik in der Berliner Charité, in der Sitzung der Militärärztlichen Gesellschaft vom April 1872 einen Vortrag überListersantiseptische Wundbehandlung hielt, als Frucht einer Studienreise, die er im Oktober 1871 durch Deutschland, Belgien, Holland und England bis Edinburgh unternommen hatte. Dieser Vortrag erschien im Februar 1873 inVolkmannsSammlung klinischer Vorträge. In klarer und umfassender Weise gingSchultzeauf die Idee ein, welche dem ganzen Verfahren zugrunde lag und schilderte letzteres in allen Einzelheiten so genau, daß fortan die Verbreitung einer gründlichen Kenntnis bei allen deutschen Chirurgen mindestens angebahnt wurde. Der schnelle Aufschwung indessen, welchen dieListerschenLehren von nun an in Deutschland erfuhren, würde gar nicht zu verstehen sein ohne die Berücksichtigung jenes großen, nunmehr zu besprechenden Ereignisses, durch welches die deutsche Chirurgie in den Stand gesetzt wurde, binnen wenigen Jahren die führende Stelle in den Wettbestrebungen zur Verbesserung des Loses verwundeter und erkrankter Menschen zu übernehmen.

Auf eine vonGustav Simonschon im Herbste des Jahres 1871 erfolgte Anregung erließen nämlich im März 1872Bernhard v. Langenbeck(Berlin),Gustav Simon(Heidelberg) undRichard Volkmann(Halle) ein Rundschreiben, welches die Aufforderung zurGründung einer Deutschen Gesellschaft für Chirurgieund zur Abhaltung eines Kongresses in Berlin in den Tagen vom 10. bis 14. April enthielt. Man hatte sich zuvor der Zustimmung einer größeren Anzahl deutscher Chirurgen versichert, zunächst aber noch keine Satzungen entworfen, vielmehr nur in allgemeinen Umrissen die Ziele bezeichnet, denen man zustrebte. Die Ausarbeitung der Satzungen blieb einem Ausschusse vorbehalten, der in der ersten Sitzung des Kongresses gewählt werden sollte. Der Kongreß wurde am 10. April 1872 im Hôtel de Rome zu Berlin unter dem Vorsitzev. Langenbeckseröffnet, der bei der Wahl des Vorstandes Vorsitzender blieb. Eine glücklichere Wahl hätte nicht getroffen werden können, um das neue Unternehmen über die ersten Schwierigkeiten hinweg in geordnete Bahnen überzuführen. Der gleich vielen großen Deutschen einem evangelischen Pfarrhause entsprossene, im hannöverschen Horneburg geborene Wundarzt stand damals mit seinen 61 Jahren auf der Höhe seines Ruhmes. Aber es waren nicht allein seine Stellung als Leiter der angesehensten Universitätsklinik Deutschlands, nicht nur seine hohe wissenschaftliche Bedeutung, welche die Wahl auf ihn lenkten, sondern mindestens in gleichem Maße die Eigenschaften seines Körpers und Charakters. Der kaum mittelgroße zierliche Mann mit vollem, grauem, leicht gewelltem Haupthaar hatte in Haltung, Bewegung und Rede etwas so ungesucht Vornehmes, daß er auch unter vielen sofort die bewundernden Blicke auf sich zog. Dazu kam sein stets verbindliches und maßvolles Wesen, welches auch kleinen Geistern gegenüber niemals sein Übergewicht hervorkehrte. Mit Recht nennt ihn der im Zentralblatte für Chirurgie nach seinem Tode erschienene Nachruf den ersten und edelsten Chirurgen seiner Zeit. Ein Mann mit solchen Eigenschaften war der geborene Vorsitzende der von ihm gegründeten Gesellschaft und seine alljährliche Wiederwahl erschien trotz seinem Widerstreben als eine Selbstverständlichkeit, auch als er im Jahre 1881 auf sein Amt als Leiter der Klinik verzichtete und seinen Wohnsitz nach Wiesbaden verlegte. Erst mit dem Kongreß von 1885 trat er endgültig zurück, nachdem die Gesellschaft ihn zum Ehrenmitgliede ernannt hatte. Im folgenden Jahre war die Leitung zum erstenmal in anderen Händen, da R.v. Volkmannzum ersten Vorsitzenden gewählt worden war; aber keiner der NachfolgerLangenbecksauf dem Stuhle des Vorsitzenden hat es zu ähnlicher stillschweigender Anerkennung seines Wesens gebracht, wie sie jenem entgegengetragen wurde.

Schon die dritte Sitzung des ersten Kongresses wurde nicht mehr im Römischen Hofe, sondern in der chirurgischen Universitätsklinik abgehalten; von da an bis zum Jahre 1891 stand der Gesellschaft die alteAula im Universitätsgebäude zur Verfügung. Die Übersiedlung in ein eigenes Heim soll später erzählt werden.

Die Gesellschaft zählte im Eröffnungsjahre 130 Mitglieder, von denen 81 sich am Kongresse beteiligten. Dem Ausschusse gehörten außer dem Vorsitzenden an:Viktor v. Brunsals stellvertretender Vorsitzender,VolkmannundGurltals Schriftführer,Trendelenburgals Kassenführer. Die Vermehrung der Mitglieder erfolgte in den ersten 10 Jahren des Bestehens in einem keineswegs überstürzten Zeitmaße; vielmehr war auf dem X. Kongreß von 1881 erst die Zahl 287 erreicht. Seitdem aber begann ein so schnelles Ansteigen, daß im Jahre 1900 das erste, 10 Jahre später bereits das zweite Tausend überstiegen war. Von den Schwierigkeiten, welche dadurch für die Unterbringung der Teilnehmer an den Kongressen, für die Geschäftsführung und die Verständigung der Mitglieder untereinander erwuchsen, soll später gesprochen werden; doch wird man ohne Übertreibung sagen können, daß die ersten 15 Jahre die glücklichsten der Gesellschaft gewesen sind, da die kleine Zahl allen Mitgliedern Gelegenheit zu persönlicher und freundschaftlicher Annäherung bot, durch welche manche Schärfe in den Verhandlungen vermieden wurde. Und doch gab gerade jene Periode, in der um die Einführung der Antisepsis zuweilen erbitterte Kämpfe ausgefochten wurden, Gelegenheit genug zu Reibungen aller Art. Niemals wieder hat späterhin eine gleich bewegte, fast begeisterte Teilnahme an den Verhandlungen stattgefunden, wie damals, als ein großes Ziel des Strebens erst in den Umrissen gezeigt, aber noch nicht erreicht war.

Wenden wir uns nun wiederum der Art und Weise zu, in welcher die neuen Lehren Boden suchten und fanden, so müssen wir vor allen Dingen eines Mannes gedenken, der mit fast jugendlicher Begeisterung — er war damals 42 Jahre alt — sie ergriff und in stetem, oft überaus lebhaft geführtem Kampfe, in welchem sein Geist, seine dichterische Begabung, sowie seine Meisterschaft in der Beherrschung der Sprache ihm die schärfsten Waffen liehen, die widerstrebende Masse der Ärzte und Chirurgen allmählich zu überzeugen und fortzureißen wußte.Richard Volkmann, dem mittelgroßen, zierlich gebauten, beweglichen Manne mit den stahlblauen Augen, dem rötlichen Haupthaare und dem das Kinn freilassenden roten Backenbarte, verdankt die deutsche Chirurgie die frühzeitige Erkenntnis des Wertes der neuen Behandlung, für die er seine ganze Persönlichkeit einlegte. Der Leipziger Professorensohn war in der Tat der rechte Mann zur Durchführung einer solchen Aufgabe, für welche ihm neben seiner überragenden Klugheit ein schneidender Sarkasmus, der selbst in unverhüllte Derbheit übergehen konnte, zu Gebote standen. So geschah es denn, daß er bis zu seinem im Jahre 1889 erfolgten Tode nahezu unbestritten der Führer der deutschen Chirurgen auf dem Gebiete der Wundbehandlung gewesen ist, die alle, einige sehr früh, die meisten erst spät, seinen Spuren gefolgt sind.

Volkmannhatte in seiner Klinik zu Halle, die außerordentlich ungünstige hygienische Verhältnisse darbot, bisher die offene Wundbehandlung geübt, in Verbindung mit einer regelmäßigen Waschung der Wunden durch Lösungen von übermangansaurem Kali, Chlorkalk, später Karbolsäure. Bei der übergroßen Zahl schwerer Verletzungen, die in dem kleinen, überfüllten Krankenhause mit 50 Betten zuweilen bis zu45 v. H. aller Aufnahmen betrugen, verschlechterten sich aber die Verhältnisse in einem Maße, forderten die Wundkrankheiten so hohe Opfer, daß er im Sommer 1871 nahe daran war, die vorübergehende Schließung der Anstalt zu beantragen. Nur aus dem Gesichtspunkte einer lästigen, aber unabweislichen Pflichterfüllung begann er Ende November 1872 die Prüfung derListerschen Methode, in der bestimmten Überzeugung, daß es sich nur um einen wenige Wochen dauernden, vergeblichen Versuch handeln würde. Die Ergebnisse aber, welche er unter genauer Befolgung aller Vorschriften erzielte, waren so verblüffend, daß er nicht wieder davon abkam. Am 10. April 1874, den wir mitMadelungals einen denkwürdigen Tag in der Geschichte der deutschen Chirurgie ansehen müssen, hielt er auf dem III. Kongreß einen Vortrag: „Über den antiseptischen Okklusionsverband und seinen Einfluß auf den Heilungsprozeß der Wunden“, in welchem er seine seit 15 Monaten gesammelten Erfahrungen besprach. Der Vortrag ist in seinen im Jahre 1875 erschienenen Beiträgen zur Chirurgie ausführlich wiedergegeben. Eigentümlich berührt in ihm die große Vorsicht, mit der der Redner sich gegen den Gedanken einer unbedingten Annahme der wissenschaftlichen Grundlage der Antisepsis, nämlich der bakteriellen Entstehung von Eiterung und Wundkrankheiten, verwahren zu müssen glaubt. Es braucht keineswegs angenommen zu werden, daß auch in diesem klaren Kopfe die Idee der Urzeugung der Keime, welche bei englischen Ärzten damals noch eine erhebliche Rolle spielte, mitgewirkt habe; immerhin hielt er es für geboten, die einfache Tatsache einer stark veränderten, besseren Wundheilung hinzunehmen, ohne sich durch eine bisher noch umstrittene Theorie die Hände binden zu lassen. Dagegen sprach er es unumwunden aus, daß mit den neuestenListerschen Abänderungen seines Verbandes noch nicht das letzte Wort gesprochen sein könne. Insbesondere hoffe er, daß die Benutzung der Karbolsäure, „eines fatalen und nicht einmal ungefährlichen Mittels“, möglichst bald wieder aus der Chirurgie verschwinden werde. Darin hat er sich nicht getäuscht.

Seit jenem Tage ist die Frage der allgemeinen Wundbehandlung mehr als 25 Jahre lang in den Tagesordnungen der Chirurgenkongresse zu finden gewesen; denn die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie war das Manometer, welches die Hebungen und Senkungen der Anschauungen stets getreulich aufzeichnete.

Mit gleichem Eifer wie die Entwicklung der Verbandtechnik behandelte sie aber auch dessen wissenschaftliche Grundlage, so sehr ablehnend sichVolkmannzunächst auch dagegen verhielt. Wir sind daher genötigt, auf das Aufkommen und den Ausbau derBakterienkunde, soweit sie einen unmittelbaren Einfluß auf die Chirurgie ausgeübt hat, einen zusammenfassenden Rückblick zu werfen.

AufS. 19ist bereits erzählt worden, wieSchwannals erster alle Zersetzungsvorgänge auf Luftkeime zurückführte und wie zahlreiche Nachfolger er für seine Anschauungen fand. Aber trotz allem Geist und Scharfsinn, mit denen diese Theorie vorgetragen, verfochten und durch äußerst sinnreiche Versuche bestätigt wurde, blieb sie für die Lehre von der Entstehung der Wundkrankheiten dennoch zunächst unfruchtbar. Der Grund dafür lag in der schon 1840 vonHenlebeklagten Unfähigkeit,die Erreger der Zersetzung, in denen er kleinste Pflanzen vermutete, auch dem bewaffneten Auge sichtbar zu machen. Zwar hatteListerdie Pilzrasen auf einem entsprechenden Nährboden zu züchten und die Art ihres Wachstumes zu beobachten gelernt; aber auch damit war man über den allgemeinen Begriff der „Keime“ nicht hinausgekommen.

An diesem toten Punkte erschien die Hilfe in Gestalt der seit dem Jahre 1855 durch J.v. Gerlacheingeführten Färbemethoden, durch welche es möglich wurde, einzelne Gewebe und Gewebsteile derart mit einem Farbstoffe zu tränken, daß sie im mikroskopischen Bilde mit Leichtigkeit von den Nachbargeweben unterschieden werden konnten. Allerdings dauerte es noch mehr als zwei Jahrzehnte, ehe man auch die pflanzlichen Schmarotzer zu färben und dem Auge sichtbar zu machen lernte; aber schon die in die gleiche Zeit fallende Verbesserung und Vervollkommnung der Mikroskope hatte die Forscher zu allerlei beachtenswerten Entdeckungen geführt. So hatteRindfleischschon im Jahre 1866 das Vorkommen von Bakterien in den Organen der an Wundinfektionskrankheiten Gestorbenen nachgewiesen, was durchWaldeyerundv. Recklinghausen1871 bestätigt wurde. Im gleichen Jahre beschriebKlebsdas Microsporon septicum als den Erreger der Eiterung und Gewebsfäulnis, indem er unter jenem Namen die Stäbchen- und Kugelbakterien zusammenfaßte, wie es vor ihm schonKarl Hütermit seinen „Monaden“ getan hatte. Dagegen stellte sichBillrothin seiner sehr umfangreichen und fleißigen, der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie gewidmeten Arbeit „über die Vegetationsformen der Coccobacteria septica“ (1874) auf einen wesentlich verschiedenen Standpunkt. Auch er fand solche, zuweilen ungemein voneinander abweichende Vegetationsformen, die er einheitlich unter jenem Namen zusammenfaßte, zwar in allen gärenden und faulenden Flüssigkeiten und eiternden Geweben, sah sie aber nicht als die Ursache der Zersetzung an, sondern ließ diese aus der akuten Entzündung der Gewebe hervorgehen. Erst eine solche führe zur Bildung eines „phlogistischen Zymoids“, welches einen sehr günstigen Nährboden für die Entwicklung von Kokkobakterien darstelle. — Eine so geschraubte Deutung wird nur erklärlich, wenn man berücksichtigt, daßBillrothsan sich vortreffliche Bakterienbilder doch sämtlich ohne Färbemittel gewonnen sind und daß, mit dem Fehlen der Unterscheidung bestimmter Arten, auch eine experimentelle Prüfung der Lebensvorgänge noch nicht hatte angebahnt werden können.

Wenn auch die übrigen Forscher sich mehr und mehr der vonRindfleisch,KlebsundKarl Hütervertretenen Auffassung zuneigten, daß die in den Wundflüssigkeiten vorhandenen pflanzlichen Schmarotzer als Erreger der Wundkrankheiten anzusehen seien, so konnte man doch so lange nicht weiterkommen, als alle diese Lebewesen einheitlich betrachtet wurden; denn bis dahin war es weder möglich, die verschiedenen Formen systematisch zu ordnen, noch ihre Lebensäußerungen in nutzbringender Weise zu verfolgen. Für die Notwendigkeit einer Scheidung sprachen sich zwar einzelne Botaniker wie Pathologen aus; aber nachhaltig gelang dies erst durch die bahnbrechende ArbeitRobert Kochsüber die Ätiologie der Wundinfektionskrankheiten (1878).Koch, der als erster in umfangreicher Weise mit Färbemitteln und Tierversuchen arbeitete und der die in den verschiedenen Wundkrankheiten vorkommenden Bakterien einer genauen, durch Reinkulturen unterstützten Untersuchungunterwarf, kommt zu dem Schluß, daß die verschiedenen Formen der krankheitserzeugenden Keime als verschiedene, unabänderliche Arten anzusehen seien. Hiermit trat er dem größten Teile der Botaniker, die, wie vor allen anderenNägeliin München, auf dem Standpunkt standen, daß keinerlei Nötigung vorliege, um auch nurzweispezifische Arten voneinander zu unterscheiden, mit voller Schärfe entgegen. Neben den Studien über Septichämie, Pyämie, Erysipelas, Gewebsnekrose und fortschreitende Abszeßbildung bei Tieren gabKochauch eine solche über den Milzbrand und dessen Erreger, die seitdem in allen ihren Teilen bestätigt worden ist.

DieKochschen Untersuchungen und Methoden sind die Grundlagen der neueren Bakteriologie geworden und haben eine ganze Reihe der wichtigsten und weittragendsten Entdeckungen herbeigeführt. —

Wie bereits erwähnt, beschäftigte sich die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie von Anfang an auch mit derBedeutung der Bakterien für die praktische Chirurgie. Schon auf dem ersten Kongreß wurde ein SchreibenWilhelm Rosers(Marburg) verlesen, in welchem er sich über den „Pyämiepilz“, über das Sepsin und das Microsporon septicum ausspricht und für die Forschung und Fragestellung auf diesem Gebiete einige Winke gibt. Auf dem zweiten Kongreß von 1873 tratErnst Bergmann(Dorpat), der später für die deutsche Chirurgie eine erhebliche Bedeutung gewinnen sollte, mit einem experimentellen Beitrage zu der Lehre von den septischen Entzündungen in die Reihe der Redner, in welchem er nachwies, daß bakterienhaltige Flüssigkeiten in tierische Gewebe eingespritzt, tödliche septische Lungenentzündungen hervorzurufen vermöchten. Wie alle solche Fragen verlief auch die Besprechung desBergmannschen Vortrages nicht ohne starken Widerspruch. — Auf demselben Kongresse behandelteMartini(Hamburg) einen verwandten Gegenstand, die Mikrokokkenembolien innerer Organe und die durch sie hervorgerufenen Veränderungen der Gefäßwand. Auch auf den nächsten Kongressen setzte sich das Für und Wider der Anschauungen über die beiden Hauptfragen: Ob die Bakterien die Wundkrankheiten erzeugen, oder sie wenigstens unterstützen, sowie ob die in zersetzten Geweben gefundenen Pflänzchen als einheitliche Art aufzufassen seien oder nicht, unverändert fort. Die Stellung, welche infolge der bis zu denKochschen Entdeckungen immer noch sehr unvollkommenen Untersuchungs- und Beobachtungsmethoden ein großer Teil der Kongreßmitglieder im Gegensatz zu zahlreichen Rednern einnahm, kennzeichnete sehr gut eine Äußerung des geistvollen Humoristen der GesellschaftKarl Thierschaus Leipzig, der auf einem späteren Kongreß am Schlusse einer langen und erregten Debatte seine eigenen Bemerkungen mit den Worten schloß: „Mein Herz zieht mich zu den Bakterien, aber mein Verstand sagt: Warte noch!“

DieKochschen Arbeiten, seine Reinkulturen der einzelnen Bakterienarten, die er nicht nur nach ihrer Form, sondern auch nach ihrem biologischen Verhalten unterscheiden lehrte, seine Färbemethoden für mikroskopische Untersuchungen, endlich seine Wiedergabe der gefärbten Pflänzchen in Lichtbildern führten überall einen mächtigen Anstoß zur Beschäftigung mit den neuen Erkenntnissen herbei und wirkten in hohem Maße klärend. Grundlegend für die weitere Entwicklung der Chirurgie wurden insbesondere die „Mitteilungen aus dem Kaiserlichen Gesundheitsamte1881, Bd. I.“, in denen die beiden Aufsätze R.Kochs: „Zur Untersuchung von pathogenen Organismen“ und: „Über Desinfektion“ von höchster Bedeutung waren, nicht weniger auch die seiner MitarbeiterGeorg Gaffky, Friedrich Löfflerund vieler anderer. Mit einem Schlage waren alle Zweifel gelöst und nur ganz vereinzelt erhoben sich noch Stimmen gegen die Artverschiedenheiten der Bakterien, oder gegen ihre Auffassung als Krankheitserreger; und wenn auch die oft sehr verschlungenen und verdeckten Wege der Körpervergiftung im einzelnen nicht ohne weiteres klar zutage traten, so setzte doch nunmehr auf allen Gebieten eine so rüstige Forschungsarbeit ein, daß die Umrisse der die Chirurgie angehenden Bakterienkrankheiten in wenigen Jahren gezeichnet waren. Die Ausfüllung des Rahmens freilich machte noch manche mühevolle Untersuchung und eine durch die bisherigen Forschungen geschärfte Beobachtung am Krankenbette notwendig.

Diese Bemerkungen treffen auch auf die überaus wertvollen Arbeiten zu, welche im Jahre 1884 im II. Bande der „Mitteilungen“ veröffentlicht worden sind. Er enthält an erster StelleKochsberühmte Arbeit: „Die Ätiologie der Tuberkulose“, in welcher der staunenden Welt die Entdeckung des Tuberkelbazillus, über welche schon zwei Aufsätze vom Jahre 1882 berichtet hatten, in erweiterter Form und in meisterhafter Darstellung vor Augen geführt wurde. Die ganz vereinzelten Einsprüche gegen diese GroßtatKochssind sehr schnell verstummt; und so bilden denn diese seine Arbeiten den Ausgang aller jener Bestrebungen, durch welche die schlimmste Geißel des menschlichen Geschlechtes bekämpft, in ihren Wirkungen eingeengt und der Heilungsmöglichkeit entgegengeführt worden ist. — Daneben enthält jener Band auchLöfflersausgezeichnete Arbeit über den Diphtheriebazillus.

Der brennende Eifer, mit welchem die Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie jede Bereicherung ihrer Kenntnisse aufnahmen, zeigte sich nicht am wenigsten in der Verfolgung derbakteriologischenForschungen; denn daß die ganzeListersche Wundbehandlung mit ihrer bakteriologischen Grundlage stand und fiel, war im Beginne des neunten Jahrzehntes des 19. Jahrhunderts auch dem blödesten Auge klar geworden.

Vor allen Dingen suchte man die vonKochim wesentlichen an Tieren studierten Infektionskrankheiten auch am Menschen in ihrer bakteriellen Bedeutung zu erfassen. Freilich waren es meistens nur Nachprüfungen, welche der bei weitem größte Teil der Mitglieder sich erlauben durfte, selbst wenn die volle Beherrschung der bakteriellen Technik zuvor erworben worden war. Denn der in der praktischen Tätigkeit stehende und von ihr in vollstem Maße in Anspruch genommene Wundarzt, dem täglich und stündlich am Krankenbette neue Fragen auftauchten, mit denen er sich doch praktisch abzufinden hatte, behielt nur selten die Muße, um sich mit sehr zeitraubenden Untersuchungen auf dem Gebiete der Keimlehre abzugeben. Mehr und mehr wurde es daher Sitte, daß chirurgische Kliniken und große Krankenhausabteilungen wenigstenseinenpathologisch-anatomisch und bakteriologisch völlig geschulten Gehilfen anstellten, dem die Sonderarbeiten auf diesen Gebieten übertragen werden konnten. Auch waren die Vertreter der bald auf allen deutschen Universitäten begründeten Professuren für Hygiene und Bakterienforschung meistens gern bereit, den chirurgischen Abteilungen die Arbeit entweder ganz abzunehmen,oder doch zu erleichtern. Um so beachtenswerter ist es, daß auch aus chirurgischen Arbeitsstuben manche wichtige und fördernde Entdeckungen hervorgegangen sind. Vor allen anderen sind zwei jüngere Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie zu nennen, deren Studien berechtigtes Aufsehen erregten.

Der junge SchwabeFehleisen, damals Assistent anErnstv. BergmannsUniversitätsklinik in Berlin, veröffentlichte im Jahre 1883 eine Einzelschrift unter dem Titel: „Die Ätiologie des Erysipels“, in welcher er den Nachweis erbrachte, daß die Wundrose durch eine in die Saftkanälchen und Lymphbahnen der Umgebung der Wunde gelangende Streptokokkenart erzeugt werde, die er Streptococcus erysipelatis benannte und als spezifisch ansah. In letzterer Beziehung hat er sich allerdings geirrt, da später durch andere Forscher nachgewiesen wurde, daßFehleisensKettenkokkus nichts anderes als der überall verbreitete und zahlreiche Krankheiten eitriger Art erzeugende Streptococcus pyogenes sei; dennoch bleibtFehleisensVerdienst ungeschmälert, daß er jene Wundkrankheit auf eine ganz bestimmte Bakterienart zurückführte und deren Verbreitungswege erkannte und schilderte. Um so bedauerlicher ist es, daß der Entdecker wenige Jahre später verstimmt und unbefriedigt seinem Vaterlande den Rücken kehrte.

Ein Jahr später erschien eine noch bedeutungsvollere Arbeit vonFriedrich Julius Rosenbachin Göttingen, damals Assistenzarzt derKönigschen Klinik, in der er die Poliklinik leitete. Die unter dem Titel: „Mikroorganismen bei den Wundinfektionskrankheiten des Menschen“ erschienene Schrift teilt zunächst sehr sorgfältige Untersuchungen über die verschiedenen Schmarotzerformen mit, welche in fast allen eitrigen Erkrankungen des Menschen (mit Ausnahme der später zu erwähnenden kalten Abszesse) vorkommen. Er bespricht fernerhin die Entstehung der akuten Knochenmarkentzündung, die in den meisten Fällen durch den Staphylococcus pyogenes aureus, seltener durch den albus hervorgerufen werde, und macht darauf aufmerksam, daß diese beiden Schmarotzer durch das Vergrößerungsglas allein nicht zu unterscheiden seien, wohl aber im Impfstrich auf Gelatine schon durch die verschiedene Färbung leicht erkannt werden können; zeigt aber auch, daß noch andere Mikrobien, wie die Streptokokken, die Krankheit hervorzurufen vermögen. Demnach ist die Osteomyelitis, wie die ihr nahestehende Pyämie, keine einheitliche d. h. keine durch einen spezifischen Pilz erzeugte Entzündung. Mit gleicher Sorgfalt werden die Fäulnisvorgänge in den Geweben oder die septischen Erkrankungen geschildert, sowie dem von anderen Untersuchern bestätigten Gedanken Raum gegeben, daß nicht die bloße Vermehrung der Bakterien, sondern die von ihnen erzeugten Gifte (Ptomaine) die gefährlichen Zufälle veranlassen, und zum Schluß eine neue, ungefährliche Krankheit, das Fingererysipeloid, mit ihrem spezifischen Erreger geschildert; alles das unter sorgfältiger Benutzung und Besprechung früherer wertvoller Arbeiten, unter denen die des EngländersOgstonundPasteurshervorgehoben werden, die bereits mit menschlichem Eiter gearbeitet hatten. Auch istRosenbachder erste, derFehleisensStreptococcus erysipelatis als einen spezifischen Krankheitserreger abweist.

Ein gewaltiger Schritt vorwärts war mit diesen beiden Arbeiten für die praktische Chirurgie getan worden. Wenn auchRosenbachsTierversuche, sowie die mancher anderer Chirurgen zeigten, daß auch durch Einspritzung giftiger Reizmittel ohne Bakteriengehalt, wie des Krotonöles, eine Eiterung im Gewebe zu erzeugen möglich sei, so blieb diese Tatsache doch praktisch ohne alle Bedeutung. Vielmehr stand es nunmehr unumstößlich fest, daß der klinische Betrieb nur mit der Bakterienwirkung als Ursache der Eiterung und der verschiedenen Wundkrankheiten zu rechnen habe. Nur für den Wundstarrkrampf stand der naturwissenschaftliche Nachweis noch aus. Er sollte aber nicht zu lange auf sich warten lassen; denn noch gegen Ende des Jahres 1884 trat der erst 22jährigeNicolaier, Student der Medizin in Göttingen, mit einer im hygienischen Institut der Universität angefertigten Arbeit hervor, in welcher als Erreger des Wundstarrkrampfes ein in der Erde lebendes stecknadelförmiges Bakterium beschrieben wurde. So war auch diese Lücke in der Erkenntnis der Entstehungsweise der Wundkrankheiten glücklich geschlossen worden.

Nach dieser Abschweifung auf das Gebiet der Keimlehre kehren wir zu dem weiterenAusbau der antiseptischen Wundbehandlungzurück.Volkmannwar nicht der einzige Chirurg geblieben, der unter dem Einflusse derSchultzeschen Arbeit sich der neuen Behandlungsmethode zugewandt hatte. Dahin gehörte vor allen DingenAdolf Bardelebenvon der Berliner Charité, dessen Assistent der StabsarztSchultzedamals noch war und der deshalb auf des letzteren Veranlassung dieListersche Wundbehandlung auf seiner Abteilung ziemlich streng durchführte, nachdem er schon einige Zeit zuvor tastende Versuche mit der Karbolpaste gemacht hatte. Auf dem gleichen Kongreß von 1874 konnte daherBardeleben, im Anschluß anVolkmannsgrundlegenden Vortrag, über ziemlich ausgedehnte Erfahrungen mit demListerschen Verbande berichten, ebensoSchönborn(Königsberg),Hüter(Greifswald) undThiersch(Leipzig). Aber abgesehen von diesen Klinikern hatte das antiseptische Verfahren auch schon manche Krankenhausleiter zu Versuchen angespornt; so gehörte der kleine, überaus tätigeHagedorn(Magdeburg) schon frühzeitig zu seinen eifrigsten Vertretern. Es waren nicht nur die immer häufiger in der chirurgischen Literatur auftauchenden Besprechungen des neuen Verfahrens, welche werbend wirkten, sondern es kam noch ein anderer Umstand hinzu. Einzelne Kliniker und manche Krankenhausleiter folgten dem BeispieleSchultzes, indem sie sich in Edinburgh selber an der Quelle zu unterrichten suchten, oder wenigstens ihre Assistenten schickten. Als erster deutscher Kliniker tratJohann Nepomuk v. Nußbaumin München bald nachSchultzesundVolkmannsVeröffentlichungen die Reise an, von der er als ein begeisterter Anhänger der Neuerung zurückkehrte. Ihm in erster Linie galt daher der Besuch, denListerim Jahre 1875 Deutschland abstattete, um sich persönlich von dem Stande seiner Lehre in diesem Lande zu überzeugen.Nußbaumund seine Schüler bereiteten ihm in seiner Klinik, die früher in ganz entsetzlicher Weise unter Pyämie und Hospitalbrand gelitten hatte, eine erhebende Feier, von der der englische Meister beglückt und befriedigt in seine Heimat zurückkehrte. — Unter den jüngeren Chirurgen schriebLesserschon im Jahre 1873über einen Besuch beiLister; ferner konnten auf dem Kongreß von 1874Schönbornund besonders der DeutschrusseReyhereingehend über das Gesehene berichten, währendMadelung, Privatdozent und Assistent der chirurgischen Klinik in Bonn, und J.Israel, Assistent am jüdischen Krankenhause in Berlin, zwar in dem gleichen Frühling Edinburgh besuchten, aber mit ihren Beobachtungen zunächst noch zurückhielten. Im Februar 1876 machte auch E.Küstereine Reise nach Edinburgh, deren Frucht die Einführung der antiseptischen Behandlung im Berliner Augusta-Hospital unter genauester Beobachtung derListerschen Methoden war. Nach diesen Reisen begann ein Strom besserer Erkenntnis sich von der fernen Stadt des Nordens über einen großen Teil von Europa zu ergießen; zumal in Deutschland bildeten sich immer zahlreichere Mittelpunkte, von denen die neue Lehre in immer weitere Kreise getragen wurde.

Aber in den kritisch angelegten Köpfen einzelner deutscher Chirurgen regte sich auch, früher wie in anderen Ländern, die Neigung zuAbänderungenund Vereinfachungen des immerhin etwas umständlichen, schwerfälligen und kostspieligen Verbandes. Dazu hatte freilichListerselber die Bahn eröffnet, teils durch seine zahlreichen Verbesserungen, teils durch seinen Ausspruch, er hege die Hoffnung, daß die Chemie einen der Karbolsäure in der Wirksamkeit ebenbürtigen, aber von deren unangenehmen Eigenschaften freien Stoff zu finden imstande sein werde. Dem gleichen Gedanken gabVolkmann, wie oben erwähnt, schon in seinem ersten Vortrage Ausdruck; und auf demselben Kongresse machte sein damaliger AssistentMax Schededie Mitteilung, daß in Halle alle nicht ganz frischen Verletzungen erst einer Ätzung mit 8 %iger Chlorzinklösung unterzogen würden, ehe der Okklusivverband zur Anwendung gelange. Alles das hielt sich noch in dem vonListerselber vorgetragenen Gedankenkreise; wirkliche Neuerungen aber brachten schon bei diesem ersten Waffengange auf dem Gebiete der AntisepsisBardelebenmit seiner, freilich etwas zurückhaltenden Empfehlung nasser Karbolsäureverbände anstatt der trockenenListerschen, undThierschdurch den Vorschlag, die Karbolsäure durch die von dem ChemikerKolbein Leipzig dargestellte Salizylsäure zu ersetzen. In der Tat hat das letztgenannte Mittel, zumal nach Veröffentlichung einer größeren Arbeit vonThiersch(Klinische Ergebnisse derListerschen Wundbehandlung und über den Ersatz der Karbolsäure durch Salizylsäure inVolkmannsSammlung klinischer Vorträge 84 und 85) vom Jahre 1875, für eine Reihe von Jahren Aufnahme gefunden und zwar sowohl als trockener, wie als nasser Watteverband bzw. in der Form der Berieselung bei sonst offener Wundbehandlung. Auch der Verbandstoff fand durch ihn, hauptsächlich aus Rücksichten der Verbilligung, eine Abänderung, indem er auf den Ratv. Mosengeilsdie Jute, einen aus den Fasern einer ostindischen Tiliazee hergestellten Stoff, als Grundlage des antiseptischen Verbandes in seiner Klinik einführte. Nunmehr häuften sich die Neuerungen. H.Ranke, Assistent derVolkmannschen Klinik, berichtete 1878 über den Ersatz der Karbolsäure durch Thymol, so daß bereits eine erhebliche Vielfältigkeit für die Abänderung des eigentlichenListerverbandes vorlag. Eine eingehende Besprechung fand die Frage der Behandlungsform auf dem Kongreß von 1878, im Anschluß an einen Vortrag E.Küsters: „Über die giftigen Eigenschaften der Karbolsäure“, dessen Endbetrachtungendarin gipfelten, daß dies Mittel zwar zunächst, als sicherstes der bisher angewandten antiseptischen Verbandmittel, noch nicht zu entbehren sei, daß es aber nur mit großer Vorsicht gebraucht werden dürfe, da es bei manchen Personen gefährliche und selbst tödliche Zufälle hervorzurufen imstande sei. In der Tat wurde bei der ausgiebigen Erörterung dieses Vortrages die Giftigkeit der Karbolsäure mehr oder weniger unumwunden fast von allen Rednern zugestanden.

Bald darauf, im Jahre 1880, erfolgte auch der erste kraftvolle Vorstoß gegen den Zerstäuber (Spray) durchViktor v. Bruns(Tübingen) in einem Aufsatze unter dem Titel: „Fort mit dem Spray!“ Der Verfasser hatte bereits seit zwei Jahren, sowohl bei Operationen wie bei Verbandwechseln, auf den Sprühnebel verzichtet und sich auf nachträgliche kurze Bespülungen der Wunde mit Karbolsäure beschränkt. Die Ergebnisse waren vortrefflich. Freilich war der alte Doppelballon nachRichardson, der mit Hand oder Fuß in Bewegung gesetzt wurde, schon längst durch schmucke Dampfzerstäuber ersetzt worden; aber auch diese brachten recht große Unannehmlichkeiten für den Kranken sowohl wie für den handelnden Chirurgen und seine Gehilfen mit sich. Denn der Körper des Kranken, selbst wenn er sorgfältig mit reinen Leintüchern abgedeckt war, wurde doch bei längeren Eingriffen allmählich naß; und die ganze Umgebung des Operationstisches befand sich oft 1–2 Stunden lang in einem Sprühnebel, der alle freien Körperteile triefend machte und mit dem Atemstrome in die Luftwege eingesogen wurde. So waren Vergiftungen auf beiden Seiten möglich; und es hat nicht lange gedauert, bis die Ärzte selber die unangenehmen Wirkungen zu spüren bekamen, meist allerdings nur in Form dunklen Urins nach jedem langen Aufenthalte im Operationszimmer. Allein es sind in jenen Jahrzehnten und bald hinterher so viele Chirurgen an chronischen Nierenentzündungen zugrunde gegangen daß der Verdacht nicht ganz abgewiesen werden kann, sie seien als Opfer ihres Berufes und der neuen Behandlungsmethode gefallen. So hat auch dieser gewaltige Fortschritt zum Heile der Menschheit nur unter schweren Opfern erkämpft werden können.

Hiernach wird es begreiflich, daß nicht wenige Chirurgen sich von der lästigen Beigabe des Zerstäubers nachBruns' Beispiel mit Freuden losmachten, zumal da die zerstäubte Karbolsäure in Haupt- und Barthaar der Ärzte so fest haftete, daß die Träger durch den Geruch schon auf weite Entfernungen gekennzeichnet waren. Andere freilich, und wohl noch auf Jahre hinaus die Mehrzahl, glaubten den Zerstäuber nicht entbehren zu können, wenn auch an die Stelle der giftigen und stark riechenden Flüssigkeit vielfach Salizyl- und Thymollösungen gesetzt wurden.

So war denn eine neue Bresche in den scheinbar so fest gefügten Wall derListerschen Methode gelegt worden; aber da auch die letzten Veränderungen keineswegs allgemeine Befriedigung hervorriefen, so konnten weitere Versuche nicht ausbleiben. Insbesondere war es die mächtig emporblühende chemische Industrie, die immer neue Mittel mit antiseptischen Eigenschaften zu erfinden und den Chirurgen zur Prüfung anzubieten nicht müde wurde. Viele dieser neuen Mittel haben nur ein kurzes Dasein gehabt, so daß sich nicht einmal ihre Erwähnung lohnt; andere aber haben nicht nur jahrelang eine große Rolle gespielt, sondern sind auch heute noch nicht bis auf die letzte Spur aus unserem Behandlungsschatze ausgetilgt.

Zu letzteren gehört in vorderster Linie dasJodoform, welchesim Jahre 1880 zuerst vonMosetig v. Moorhofin Wien als ein ganz vorzügliches Pulver zur Behandlung tuberkulöser Wunden und Geschwüre empfohlen, aber schon im Jahre darauf auch auf nicht tuberkulöse Verletzungen und Operationswunden übertragen wurde. In demselben Jahre berichtete auchMikuliczvonBillrothsKlinik in Wien über sehr gute Erfolge mit dem Jodoformpulververbande, den er als den größten Fortschritt seit der Einführung desListerschen Verbandes ansah. In gleicher Weise sprach sichFranz Königin Göttingen aus, dessen großes Ansehen vor allen anderen für die schnelle Verbreitung der Jodoformbehandlung ausschlaggebend wurde, zumal da er die Leichtigkeit der Anwendung und die Sicherheit des Verfahrens auch für solche Wunden betonte, die wie manche Höhlenwunden dem antiseptischen Okklusivverbande nicht zugänglich seien. Eine wahre Flut von begeisterten Schriften über den Wert des Jodoforms ergoß sich seitdem in alle medizinischen Zeitschriften; aber sehr schnell kam auch der Rückschlag. SchonMikuliczhatte in dem obengenannten Aufsatze auf Jodvergiftungen hingewiesen. Da wurden fast gleichzeitig mitKönigsArbeit durchHenry(Breslau) bereits zwei Todesfälle durch Jodoformvergiftung mitgeteilt; und schon am 21. Januar 1882 war in einer ArbeitMax Schedesder Satz zu lesen: „Der anfängliche Enthusiasmus für das Jodoform ist längst verraucht und hat einer sehr vorsichtigen Beurteilung desselben Platz gemacht.“ AuchErnst Küstersprach sich ungefähr gleichzeitig in einem Vortrage in der Berliner medizinischen Gesellschaft dahin aus, daß die Pulververbände, d. h. neben dem Jodoform auch die gepulverte Salizylsäure, zwar an sich ein ausgezeichnetes und dabei in der Anwendung sehr einfaches Mittel seien, welches für gewisse, schwer aseptisch zu haltende Wunden vorläufig noch nicht entbehrt werden könne; daß aber beide Pulverarten giftig seien und an Sicherheit dem strengenListerschen Verbande nicht gleichkämen. Dabei ist es denn auch auf Jahre hinaus geblieben, davon abgesehen, daß an Stelle der Karbolsäure und der bald wieder verlassenen Salizylsäure- und Thymollösungen immer neue antiseptische Stoffe versucht wurden.

Den Anstoß dazu hatte schon im Jahre 1881 R.Kochswichtige Untersuchung über Desinfektion gegeben, in welcher die gänzliche Wirkungslosigkeit öliger Karbollösungen, aber auch eine ungenügende Wirksamkeit der Karbolsäure in wäßriger Lösung von 5:100 nachgewiesen worden war, soweit es sich um Unschädlichmachung der bei den Versuchen hauptsächlich benutzten Milzbrandsporen handelte. Dagegen wurde dasSublimatschon in einer Lösung von 1:5000 als durchaus zuverlässig erkannt, wenn auch die Giftigkeit des Mittels gewisse Vorsichtsmaßregeln unerläßlich machte. So wurde denn Sublimat an die Stelle der Karbolsäure imListerschen Verbande gesetzt und begann seinen Nebenbuhler allmählich mehr oder weniger zu verdrängen. Aber auch hier blieben üble Erfahrungen nicht aus, da das Sublimat selbst in schwacher Lösung sich als recht gefährlich erwies. Auch noch andere Arzneistoffe, außer den genannten, tauchten weiterhin auf, um gewöhnlich bald wieder zu verschwinden, meist als Pulververbände, wie das Naphthalin und das Bismuthum hydrico-nitricum. Daneben haben auch die Bemühungen fortgedauert, den teuren Baumwollenmull durchbillige Stoffe zu ersetzen; so entstanden die Versuche mit Torfmull (Neuber), Sumpfmoos (Hagedorn), Holzwolle (P.Bruns), Sand, Asche und Glaswolle (Kümmell), unter denen nur das Sumpfmoos (Sphagnum) und zum Teil die Holzwolle als bequem und billig sich einige Jahre eines gewissen Ansehens erfreut haben.

Schon längst hatte man denGummidrainzur Ableitung der von der gereizten Wunde gelieferten Flüssigkeiten als eine unangenehme Beigabe des antiseptischen Verbandes empfunden, da er teils in die Wunde rutschte und dort als aseptischer Fremdkörper gelegentlich einheilte, teils den frühzeitigen Schluß einer sonst gut heilenden Wunde verzögerte, teils bei einer aus irgendeinem Grunde langsam vorschreitenden Heilung als Ansteckungspforte zu dienen vermochte. Es wurden daher schon seit dem Jahre 1878 die vonTrendelenburgzuerst angegebenen resorbierbaren Drains, d. h. Röhrchen aus Knochen hergestellt, entkalkt und in antiseptischer Flüssigkeit (Spiritus) aufbewahrt, vielfach an ihre Stelle gesetzt. Aber auch dies Verfahren genügte nicht, sondern immer neue Versuche wurden angestellt, die Anwendung von Ableitungsröhrchen ganz überflüssig zu machen. Dies Ziel suchte man in doppelter Weise zu erreichen: einmal dadurch, daß man die starke Reizung der Wunden durch antiseptische Mittel einschränkte (Weglassung des Zerstäubers, einmalige kurze Waschung der Wunde), oder daß man, unter Beseitigung der Drains, nur die Wundwinkel offen ließ, wie esAlbert(Innsbruck) schon 1884 versuchte, oder die Wunde ganz nähte, aber neue Öffnungen von einer Form schuf, die sich nicht leicht verstopfen konnten (Locheisenöffnung nachv. EsmarchundNeuber). Hierher gehört auch der Versuch, die Wunden durch versenkte Darmsaiten in der Tiefe zusammenzunähen, um sie dann bis auf den letzten Rest zu schließen und sie nur mit Jodoformkollodium zu bepinseln, also eine trockene Schorfheilung anzustreben (v. Esmarch, Werth, Karl Schröder, E.Küster,Neuber).

In ganz eigenartiger Weise suchte das gleiche Ziel, die Weglassung jedes Fremdkörpers aus der Wunde, die vonSchedeangegebene neueBehandlung unter dem feuchten Blutschorfezu erreichen. Bis dahin hatte man die Ansammlung von Blut in der Wunde als eine Gefahr angesehen und die ganze Behandlung auf schnelle Beseitigung des aus den durchtrennten Gefäßen hervorsickernden Blutes zugeschnitten.Schedezeigte nun, daß der Blutpflock einer aseptisch bleibenden Wunde sich so schnell organisiere, insbesondere mit neugebildeten Gefäßen versehe, daß er zur Ausfüllung von Höhlen und Gewebsverlusten benutzt werden könne. Die nach Möglichkeit aseptisch gemachte Höhle, zumal im Knochen, wurde daher absichtlich mit Blut gefüllt, die Wunde bis auf die Wundwinkel durch die Naht geschlossen und durch einen Streifen Gummipapier, sowie einen ihn deckenden Sublimatverband geschützt. Inzwischen zeigte sich auch hierbei, daß die anfänglich gehegten Hoffnungen trogen; denn weder bei tuberkulösen Erkrankungen, noch bei der osteomyelitischen Nekrose erwies sich das Verfahren als zuverlässig. Demnach blieb seine Verallgemeinerung ausgeschlossen so vortrefflich es sich auch in manchen Fällen bewährte. Immerhin brachte es aber eine sehr dankenswerte Förderung und Erweiterung der bisherigen Anschauungen über die Vorgänge der Wundheilung.

Alle diese Änderungen bereiteten eine Wandlung in den Anschauungenvor, die mit dem Anfange der neunziger Jahre zu einer grundsätzlichen Veränderung der Wundbehandlung führte, insofern, als man die bisher für unentbehrlich gehaltenen chemischen Mittel, die sich doch sämtlich als mehr oder weniger gefährlich erwiesen hatten, gänzlich zu verbannen suchte. Aber trotzdem hörte die Empfehlung neuer Antiseptika keineswegs gänzlich auf. So rühmteSalzwedelim Jahre 1894 die Behandlung phlegmonöser und ähnlicher Entzündungen mit dauernden Alkoholverbänden in der Form, daß der Entzündungsherd mit nur mäßig von Alkohol durchtränkten Wattelagen bedeckt und über diese eine durchlöcherte Schutzhülle gelegt wurde, um die Verdunstung des Mittels zwar einzuschränken, aber nicht ganz aufzuheben; so trat im Jahre 1896Credémit der Besprechung der ausgezeichneten Eigenschaften der Silbersalze vor den XXV. Kongreß, deren allgemeine Anwendung als eines keimtötenden und dabei ganz ungefährlichen Mittels er auf das dringendste anriet. So empfahl 1905Schloffer(Innsbruck) den Perubalsam zur Behandlung unreiner Wunden. Im Jahre 1901 habenv. BrunsundHonsellauch noch einmal auf die Karbolsäure zurückgegriffen durch Empfehlung des Verfahrens des AmerikanersPhelps, der septische und eiternde Wunden mitreinerKarbolsäure zu ätzen und dann mit Alkohol zu waschen empfahl. Aber alle diese Dinge haben den ruhigen Gang der Entwicklung, wenigstens bei frischen Wunden, nicht mehr aufzuhalten vermocht; man strebte, unter steter Einwirkung der genaueren Kenntnis der Lebensbedingungen aller gefährlichen Schmarotzer, möglichster Vereinfachung der Behandlungsmethoden zu, bei der man nicht mehr auf die Beihilfe zweifelhafter und in ihren pharmakologischen Wirkungen unsicherer chemischer Mittel angewiesen zu sein wünschte. An die Stelle der antiseptischen trat fortan die aseptische Wundbehandlung, an die Stelle der Ströme antiseptischer Flüssigkeiten, welche die Operationsräume jahrelang überflutet und die Wundärzte zu besonderen, wasserdichten Fußbekleidungen gezwungen hatten, traten Dampfsterilisatoren und Kochapparate.

Wenn man auf die Zeit des Werdens der neuen Wundbehandlungsmethoden, die im Vorstehenden zu schildern versucht worden ist, einen prüfenden Rückblick wirft, so mag sie einem späteren Geschlechte als ein wissenschaftliches Chaos erscheinen, in welchem Erfindungssucht und Wagemut allein das Wort zu führen berufen waren. Indessen muß man sich vergegenwärtigen, in welchen Zustand die chirurgische Welt durchListersMitteilungen der ersten Jahre versetzt worden war. Die älteren, über eine große Erfahrung gebietenden Fachgenossen, die schon so manchen schönen Traum, so manche Hoffnung auf Besserung der Verhältnisse in ein Nichts hatten zerrinnen sehen, lächelten über die anscheinend kritiklose Begeisterung, mit der sich das jüngere Geschlecht den neuen Ideen hingab. Ihre Zweifel wurden wesentlich durch die Beobachtung unterstützt, daßListerselber seine Erfindung fortdauerndabänderte, sie also noch nicht als vollkommen ansah. Aber auch bei den überzeugten Anhängern führte die eigene Erfahrung doch immer wieder zu dem Schluß, daß die Methode schwache Seiten habe, demnach verbesserungsfähig sei. In dieser bald allgemein gewordenen Erkenntnis entwickelte sich nun ein edler, aber zuweilen fast atemlos machender Wettlauf um die Palme, die dem Sieger im Kampfe winkte. So waren es keineswegs Neuerungssucht oder blinder Ehrgeiz, von denen jene Entwicklungsperiode beherrscht wurde, sondern die ehrliche, im Kampfe mit Krankheit und menschlichem Elend gewonnene Überzeugung der Besten, daß über den gewonnenen Boden hinaus noch ein Höheres erreichbar sein müsse.

Es ist zweifellos unrichtig, zu sagen, daß von der eigentlichListerschen Methode so gut wie nichts übriggeblieben, daß etwas ganz Neues an ihre Stelle getreten sei. Vielmehr läßt sich mit vollem Rechte behaupten, daß jene Behandlungmehrals nur eineAnregunggegeben habe, daß dieListerschen Grundsätze auch heute noch Gehirn und Hand des Wundarztes lenken. Nur hat die wachsende Erkenntnis gelehrt, daß zu dem erhabenen Ziele verschiedene Wege führen, daß es sich daher empfiehlt, je nach den Umständen bald diese, bald jene Straße einzuschlagen So hat denn auch die neueste Wendung der Dinge dem Ruhme des naturwissenschaftlich-philosophischen Kopfes auf dem schottischen Lehrstuhle für Chirurgie keinen Abbruch zu tun vermocht. —

DieEinführung der Asepsisbedeutet den Übergang von der bisher üblichen chemischen zur physikalischen Desinfektion durch Hitze, wie er gleichfalls schon durch R.Kochangebahnt und vorgezeichnet worden war. Den unmittelbaren Anstoß zu einem neuen Wechsel der Behandlungsmethode gab der Umstand, daß das vonKochempfohlene zuverlässigste Antiseptikum, das Sublimat, welches allmählich in sehr verstärkter Lösung von 1:1000 in Gebrauch gekommen war, doch so viele unangenehme und unerwünschte Nebenwirkungen hatte, daß man auchdiesMittel loszuwerden versuchen mußte. Dazu kam der Umstand, daß die durchListereingeführte, keimfrei gemachte Darmsaite, soviel man auch die Sicherheit ihrer Herstellung zu erhöhen sich bemühte, dennoch ein unzuverlässiges Unterbindungs- und Nahtmaterial geblieben war. SchonVolkmannhatte einen Fall mitgeteilt, in welchem er die Einimpfung von Milzbrand in eine Wunde durch Catgutfäden nachzuweisen vermochte. Im Jahre 1888 folgte die MitteilungKochers, daß eine Reihe von Mißerfolgen der Wundbehandlung in seiner Klinik auf unvollkommen sterilisierte Darmsaiten zurückgeführt werden konnte; er schlug daher vor, ein so unsicheres Material durch gekochte Seide zu ersetzen. Mehr und mehr rang sich die Erkenntnis durch, daß auch die besten antiseptischen Mittel nicht imstande seien, Krankheitserreger aus einer frischen Wunde fernzuhalten oder sie gänzlich und überall unschädlich zu machen, mehr und mehr aber auch die Einsicht, daß nicht, wieListergelehrt hatte, die in der Luft schwebenden Keime die Wunde am meisten bedrohen, sondern daß, im Sinne des unglücklichenSemmelweis, vor allen Dingen die Kontaktinfektion, die Einimpfung durch Berührung mit ungenügend entkeimten Fingern, Werkzeugen und Verbandstoffen, die Hauptgefahr darstelle. So begann denn eine neue, fieberhafte Arbeit unter den Chirurgen, um eine zuverlässige Methode zu finden, welche auch ohne chemische Mittel die frischeWunde zu schützen imstande sei. Es bleibt ein unvergängliches Verdienst derv. Bergmannschen Klinik in Berlin, hierfür die Wege gewiesen zu haben, wenngleich manche deutsche Chirurgen vor ihm, wieBardenheuerin Köln schon 1888, die Dampfsterilisation für Verbandstoffe eingeführt hatten.

Im Jahre 1891 veröffentlichte der viel zu früh dahingeschiedene Assistent jener Klinik,Kurt Schimmelbusch, der wenige Jahre später seinem Berufe zum Opfer fiel, eine Arbeit unter dem Titel: „Die Durchführung der Asepsis in der Klinik des Herrn Geheimratv. Bergmannin Berlin“. Sie ist ein Markstein für die Entwicklung der Wundbehandlung geblieben; denn von dem Augenblick an war für alle frischen Wunden der Sieg der Asepsis über die Antisepsis entschieden. Nach Besprechung der Fehlerquellen, welche zu irrigen Auffassungen über die Desinfektionskraft der hauptsächlichen Antiseptika geführt haben, sowie nach Mitteilung eigener Versuche, welche deren Anwendung am lebenden Körper und in der Wunde als ein höchst unsicheres Verfahren kennzeichnen, kommtSchimmelbuschzu dem Schluß, daß nur die einfache Reinigung auf mechanischem Wege und die Hitze die Beseitigung aller gefährlichen Keime gewährleisten. Dann folgen genaue Vorschriften über Sterilisation der Verbandstoffe im heißen Dampfe, der Metallinstrumente in Sodalösung, sowie endlich über Entkeimung ärztlicher Bürsten, welche, in Verbindung mit der Angabe und Beschreibung sehr brauchbarer Apparate, in kürzester Zeit eine Ausbreitung fast über die ganze Erde erfahren haben. Mit dieser Arbeit war aber zugleich die sichere Grundlage für eine weitere Entwicklung geschaffen. Sie richtete sich in erster Linie auf die zuverlässige Keimbefreiung der Hände, die mehr und mehr als die verdächtigste Quelle der Wundinfektionen von Geburtshelfern und Wundärzten angesehen wurden. Schon seit Jahren hattenFürbringer,Ahlfeldu. a. sich mit der zweckmäßigsten Form der Händesäuberung vor Operationen abgegeben; im Jahre 1897 empfahlen beide als das beste Verfahren die Heißwasser-Alkohol-Desinfektion oder das Waschen mit Alkohol und einem Antiseptikum, meist Sublimat. In dem gleichen Jahre wurde neben dieser Handpflege ein verstärkter Händeschutz bzw.Wundschutzangebahnt, indemZöge v. Manteuffel(Dorpat) Handschuhe aus Gummi,Mikulicz(Breslau) solche aus Zwirn,PerthesvonTrendelenburgsKlinik in Leipzig solche aus Seide empfahlen. Alle aber betonten, daß dem Anziehen der Handschuhe stets eine sorgfältige Reinigung der Hände voraufzuschicken sei.Mikuliczging in diesem und dem folgenden Jahre in seiner Verstärkung des Wundschutzes noch einen Schritt weiter, indem er, um die Wunde vor den in feuchten Tröpfchen schwebenden Keimen aus den Atemorganen der bei einer Operation beschäftigten Ärzte zu schützen, deren Mund und Nase mit einer Binde bedecken ließ. Später hat man auch die in den Haaren der Ärzte haftenden Keime durch eine besondere Kappe abzuhalten versucht; und daneben spielte ein häufiger Wechsel frischgewaschener Mäntel, Hauben, Handschuhe usw. eine erhebliche Rolle. So wurde die äußere Erscheinung des modernen Wundarztes in seiner Hülle tadelloser weißer Wäsche gegenüber der des alten Chirurgen in seinem nie gewechselten, unsauberen Operationsrocke erheblich anziehender gestaltet, ein Wechsel, für denBillrothden Ausdruck der „Reinlichkeit bis zur Ausschweifung“ prägte. Demgemäß stieg der Wäscheverbrauchchirurgischer Abteilungen allmählich zu einem sehr ansehnlichen Ausgabeposten an, bei dem Ersparnisse nur dadurch erzielt werden, daß man mehr den Besonderheiten des Einzelfalles Rechnung zu tragen gelernt hat und nicht überflüssigerweise den großen Apparat in Bewegung setzt, wo er nichts nützen kann. Auf diesem Stande hat sich die Wundbehandlung bis heute mit geringfügigen Abänderungen erhalten; sie bietet, abgesehen von ganz vereinzelten Mißerfolgen, die der menschlichen Unvollkommenheit und Ungleichmäßigkeit des Wesens in Rechnung gesetzt werden müssen, eine Sicherheit, die dem Kranken mit frischer Wunde einen fast vollkommenen Schutz gegen Infektionsgefahr gewährt.

Dagegen ist bei der Behandlung bereits eiternder unreiner Wunden, wie auch solcher, die gegen nachträgliche Verunreinigung wegen ihrer Lage nur schwer oder gar nicht geschützt werden können, dem persönlichen Ermessen ein erheblich breiterer Spielraum gelassen. Hier haben auch die chemischen Mittel noch keineswegs ihre Berechtigung verloren; insbesondere ist das Jodoform bei nicht aseptisch zu haltenden Operationswunden dauernd in Gebrauch geblieben.

Die große Umwälzung, welche in ihren Umrissen geschildert wurde und die auf den Kongressen der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie jahrelang die lebhaftesten Besprechungen und Erörterungen hervorrief, traf die Gesellschaft auch in einer bemerkenswerten Umformung des äußeren Rahmens, in dem ihr geistiges Leben sich abspielte. Nachdem sie 20 Jahre lang als Gast der Berliner Universität ihre Hauptsitzungen in der Aula des Universitätsgebäudes abgehalten hatte, während die Demonstrationen meist in der chirurgischen Klinik stattfanden, schuf sie sich ein eigenes Heim, dasLangenbeckhaus, in welchem fortan die Kongreßverhandlungen in vollem Umfange vor sich gingen.

Die Vorgeschichte dieses Baues ist aus dem Grunde von ganz besonderem Interesse, weil der Gedanke nicht von einem Mitgliede der Gesellschaft ausgegangen ist, sondern von der höchsten Frau des Deutschen Reiches, derKaiserin Augusta. Die Ausführungen, welche E.v. Bergmannauf dem Kongresse von 1890 gegeben hat, bedürfen hiernach einer Ergänzung.

Von Anfang an hatte die hohe Frau, die schon während der drei voraufgegangenen Kriege und in deren Zwischenzeit mit menschenfreundlichen Gründungen in Form von Vereinen (Vaterländischer Frauenverein, Berliner Frauenlazarettverein) und Krankenhäusern (Barackenlazarett auf dem Tempelhofer Felde, Berliner Augusta-Hospital), unter Beihilfe ihrer gleichgesinnten Tochter, der edlen GroßherzoginLuise von Baden, vorangegangen war, der neugegründeten Gesellschaft für Chirurgie ein außerordentliches Wohlwollen entgegengebracht. Das zeigte sich insbesondere in dem lebhaften Interesse, mit welchem sie alle Vorgänge in den Verhandlungen verfolgte, sowie in den alljährlich sich wiederholenden Empfängen, durch welche die Führer der deutschen Chirurgie immer von neuem ausgezeichnet und zu Äußerungen und kurzen Vorträgen überschwebende Tagesfragen veranlaßt wurden. So entstand eine Wechselwirkung zwischen dem preußischen Königshause und der Gesellschaft für Chirurgie, die nach beiden Seiten anregend und belehrend wirkte und die von den Mitgliedern als eine hohe, der Gesellschaft angetane Ehre empfunden wurde.

Am 23. Mai 1877 überreichte die Kaiserin ihrem zweiten Leibarzte Dr.Schliepin Baden-Baden, mit dem sie tags zuvor eine eingehende Besprechung über die ärztlichen Verhältnisse Englands gehabt hatte, einen schriftlichen Entwurf mit dem Auftrage, ihn an B.v. Langenbeckweiterzugeben und diesem die Absichten der hohen Frau mündlich auseinanderzusetzen. Im Folgenden ist dies Schriftstück im Wortlaute und in der ursprünglichen Schreibweise mitgeteilt. Es enthält den Plan der Gründung eines Vereinshauses für die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie, der erst 15 Jahre später seine Verwirklichung gefunden hat; denn wenn auch der scharf umschriebene Entwurf der Kaiserin bereits in klarer Fassung die Wege zur Aufbringung der Mittel bespricht, so waren doch die Bedenken hinsichtlich der Geldgrundlage eines so bedeutenden Unternehmens so stark, daßLangenbeckdamit zunächst noch nicht vor die Öffentlichkeit zu treten wagte. Die Kaiserin aber hat den Gedanken niemals fallen lassen; denn fast bei allen Empfängen besprach sie die Angelegenheit mit den zu ihr berufenen Chirurgen und suchte sie, allen Schwierigkeiten zum Trotz, bei jeder Gelegenheit zu fördern.


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