II. Urgeschichte.
Als Urgeschichte unserer Wissenschaft sondert sich dasjenige Stadium ab, in welchemVölker längst entschwundener Zeiten, Naturvölker unserer Tage, niedere Schichten der Kulturvölker und Kinderübereinstimmen. Eine bestimmte Aufmerksamkeit gegenüber der Eigenart lebender Wesen fehlt; demgemäß auch eine bestimmte Bezeichnung und Beachtung unterscheidender Merkmale. Im Gegenteil, dem Tier werden seine spezifischen Eigenschaften genommenund es wird als Karikatur menschlichen Wesens erfaßt, wie in der Tierfabel. Daneben bildet es ein Stück des erweiterten Hausrates, als den der Urmensch die Natur betrachtet, wird auf Nutzen und Schaden geprüft, ja, auch in kultische Gebräuche einbezogen. Erst wo der Mensch sich das lebende Tier und seine Produkte dienstbar macht und in Zusammenhang mit Pflanzenkultur entsteht Tierzucht, eine der ältesten und tiefsten Quellen für zoologische Beobachtung. Löst sich aus derKulturpraxisdie Tierkenntnis an diesem Punkte ab, so ist eine andere Quelle für sie inJagden und Reisenzu suchen. Eine dritte rinnt aus derMedizin, besonders der Kenntnis des menschlichen Körpers und seiner Teile, endlich auch aus derOpferschau. Aber auch allgemeinere Beziehungen knüpfen den Anfang der Zoologie an Urzeiten und Urzustände, religiöse Vorstellungen über die Zusammensetzung der Körperwelt, über Veränderungen in ihr, über Entstehung der belebten und unbelebten Welt überhaupt. Ja, dieseaußerhalb der Tierkenntnis entstandenen, der kosmologischen Spekulation entspringendenVerallgemeinerungenkehren mit zwingender Notwendigkeit wieder und teilen sich mit den Interessen der Praxis wie Tierzucht und Medizin zeitweise in die Beherrschung zoologischen Wissens auch späterer Zeiten. Dieses erste Entwicklungsstadium der Zoologie, das mit einer gewissen Regelmäßigkeit sich wiederholt, hat seine ältesten bleibenden Spuren bereits in Denkmälern der westasiatischen Völker hinterlassen.
So wissen wir, daß schon Wu-Wang, der Ahnherr derchinesischenTschendynastie (ca. 1150 v. Chr.), einen „Park der Intelligenz“ anlegte, der noch im 4. Jahrhundert v. Chr. bestand und Säugetiere, Vögel, Schildkröten und Fische enthielt.
Die Vorstufe des biblischen Schöpfungsberichts sowiedie Lehre von der Sintflut und den vier Elementen finden sich schon bei denBabyloniern. Der Verstand hat seinen Sitz im Herzen, die Leber ist das Zentralorgan fürs Blut, das in Blut des Tages (arterielles?) und der Nacht (venöses?) unterschieden wird. Wo die Körperteile des Menschen aufgezählt werden, wird die Reihenfolge vom Kopf bis zu den Füßen beobachtet. Modelle einzelner Eingeweide, in Terrakotta nachgebildet, verraten nicht nur Kenntnis der Anatomie in Babylon, sondern auch den Zusammenhang mit der altetrurischen Plastik. Die Existenz von Tierärzten mit geregelten Standesverhältnissen, wie sie die Codices Hammurabi melden, lassen auf den hohen Stand der Tierzucht schließen. Eine stattliche Anzahl von Tiernamen verzeichnet die Keilschrifttafel von Onima. Bedenkt man, daß für andere Zweige der Wissenschaft Babylon den Ägyptern, den Hebräern und den griechischen Küstenbewohnern maßgebend war, so wird auch ein gewisser Bestand zoologischer Erfahrung mit überliefert worden sein.
Aus der weit jüngeren KulturAssyrienskennen wir eine „Jagdinschrift“, die wahrscheinlich auf Asurnasirabal Bezug hat (884-860 v. Chr.), und die davon zu berichten weiß, daß der König allerlei Tiere in seiner Stadt Asur zusammenbrachte: „Kamele sammelte er, ließ sie gebären. Ihre Herden zeigte er den Leuten seines Landes. Einen großen Pagutu hatte der König aus Ägypten dahin gesandt. Von den übrigen vielen Tieren und den geflügelten Vögeln des Himmels, der Jagd des Feldes, den Werken seiner Hand ließ er den Namen sowie alle übrigen zur Zeit seiner Väter nicht aufgeschriebenen Tiernamen aufschreiben, ebenso ihre Zahl.“ Ferner ist nachgewiesen, daß zu Sardanapals Zeiten (ca. 670 v. Chr.) in Assur eine Menagerie bestand mit gesonderten Zellen für Kamele, Pferde, Esel, Ziegen, Maultiere, Rinder, Schafe, Hirsche, Gazellen, Hasen, Vögel. Noch zu den Zeitengriechischer Überlieferung stand Uruk als Ärzteschule in hohem Ansehen, welches schon 1980 v. Chr. Universitäts- und Bibliotheksstadt war.
Reichlicher fließen die Quellen für die FühlungÄgyptensmit der organischen Natur. In alter Zeit herrschten die Sitten der Leichenzerstückelung und der Skelettpräparation, die erst durch das Eindringen der Einbalsamierung aus Nubien verdrängt wurden. Damit war die Möglichkeit für Anatomie von Menschen und Tieren abgeschnitten. Neben der Aufzählung der menschlichen Körperteile vom Kopf zum Fuß geht eine solche nach ritueller Ordnung her. Das Herz ist Sitz der Vernunft. Der Papyrus Ebers (ca. 1550 v. Chr.) bringt die ersten Berichte über die Entwicklung des Skarabäus aus dem Ei, der Schmeißfliege aus der Larve, des Frosches aus der Kaulquappe. Tierhaltung, Tierzucht und Tierverehrung blühten hier auf. Besonders interessiert das Heer von Parasiten und veranlaßte zu näherer Erforschung der niederen Tierwelt. Man kann auch Spuren einer zoologischen Klassifikation darin erblicken, daß gewisse Tierzeichen zugleich als Gesamtbezeichnungen galten. So erhielt man vier größere Abteilungen, die zugleich den vier Elementen entsprachen, und zwar:
abgezogenes Tierfell
=
Quadruped
Erde
Gans
=
Vogel
Luft
Fisch
=
Wassertier
Wasser
Wurm
=
alle niederen Tiere
Feuer
Es existieren zahlreiche Tierzeichen, die eine nähere Präzisierung von etwa 30 höheren Tieren verraten, ferner werden gegen 20 Parasiten namhaft gemacht. Eine tiefere wissenschaftliche Verarbeitung dieses schon recht stattlichen Wissens fand jedoch nicht statt.
DiejüdischeZoologie ist im Alten Testament und für diespätere Zeit in den nicht genau zeitlich zu bestimmenden Schriften des Talmud niedergelegt.
Das erste Buch Mose enthält die Schöpfungsgeschichte in einer Form, die an die babylonische anschließt und die ins 6. Jahrhundert v. Chr. datiert wird. Stärker als in anderen antiken Schriftwerken wird die Eigenart einer jeden Tierform betont. Der Schöpfungsakt ist ein Willensakt Gottes, der im übrigen die geschaffene Lebewelt sich selbst überläßt, aber den Menschen nach seinem Ebenbilde schafft, zum Herrn über die gesamte Schöpfung, und zwar Mann und Weib. „Wie der Mensch allerlei lebendige Tiere nennen würde, so sollten sie heißen.“ Als Tiere werden die Vögel des Himmels, die Wale und allerlei Wassertiere, die Tiere der Erde, Vieh, Gewürm aufgezählt. Bei Anlaß der Sintflut wird eine Neuschöpfung erspart, indem die Land- und Lufttiere, in Noahs Arche gesammelt, die Katastrophe überdauern. Unterscheidungen in reine und unreine Tiere, Opfervorschriften, Tierplagen, Vorschriften der Tierzucht verraten keine eigenartige, den vorderasiatischen Völkern sonst etwa fremde Verhältnisse praktischer oder theoretischer Art zwischen Mensch und tierischer Lebewelt. Zu ausführlicherer Aufzählung von Tierarten geben die Speisegebote (III. Mose 11) Veranlassung, gleichzeitig auch zu allgemeinere Gruppen zusammenfassenden Unterscheidungen (Spaltung der Hufe, Wiederkäuer, Flossen und Schuppen besitzende Wasserbewohner). Die Vogelwelt wird in einzelnen Charakterformen aufgezählt, wobei die Fledermaus einbezogen ist und die eßbaren Insekten (Heuschrecken) angeschlossen werden. Vor ihnen werden die Haustiere, hinter ihnen die wilden kleinen Säugetiere, mit Einschluß der Amphibien und Reptilien, erwähnt. In einer zweiten Aufzählung wird die Reihenfolge: zahme und wilde Säuger, Wassertiere, Vögel innegehalten. Zu irgendwelcher wissenschaftlicher Betrachtung der Tierwelt kam es nicht, auch schlossen die Anschauungenüber die Berührung unreiner Tiere und Unreinheit des Toten jede anatomische Beobachtung aus.
Die Zoologie des Talmud zeigt weder ein einheitliches Bild, noch ein wissenschaftlicheres Gepräge als die übrige vorderasiatische Zoologie; darin finden sich Gemengteile griechischen Wissens mit den bekannten des Alten Testaments verschmolzen.
Die gesamte jüdische Zoologie ist für die Entwicklung der wissenschaftlichen Zoologie von großer historischer Bedeutung geworden, nicht weil von ihr fruchtbare Neuerungen ausgegangen wären, sondern weil sie als Grundlage christlich-dogmatischer Anschauungen zu jenen Widerständen gehörte, die erst von der Neuzeit überwunden wurden.