Geschichte der schönen Danae
Die Dame, mit welcher unsre Leser im vorigen Kapitel Bekanntschaft gemacht, hat vermutlich einem guten Teil derselben nicht so übel gefallen, daß sie nicht eine nähere Nachricht von dem Charakter und der Geschichte derselben erwarten sollten; und wir sind desto geneigter, ihrem Verlangen ein Genüge zu tun, je nötiger der Verfolg unsrer Geschichten zu machen scheint, daß der Leser in den Stand gesetzt werde, der schönen Danae Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Die allgemeine Meinung zu Smyrna war, daß sie eine Tochter der berühmten Aspasia von Milet sei, die, nachdem sie in ihrer Vaterstadt die Kunst der Galanterie, wovon sie Profession machte, durch die Verbindung derselben mit der Philosophie und den Künsten der Musen, zu jenem Grade der Vollkommenheit erhoben hatte, der sie zur wahren Erfinderin derselben zu machen schien, nach Athen gezogen war, wo sie sich ihrer seltnen Vorzüge auf eine so kluge Art zu bedienen gewußt, daß sie sich endlich zur unumschränkten Beherrscherin des großen Perikles, der das ganze Griechenland beherrschte, oder wie die komischen Dichter ihrer Zeit sich ausdrückten, zur Juno dieses atheniensischen Jupiters erhoben hatte. Allein die Vermutungen, worauf sich diese Meinung von der Abkunft der Danae gründeten, können nicht für hinlänglich angesehen werden, das Zeugnis verschiedner Geschichtschreiber zu überwägen, welche versichern, daß sie aus der Insel Scios gebürtig gewesen, und nach dem Tod ihrer Eltern, in ihrem vierzehnten Jahr mit einem Bruder nach Athen gekommen, um in dieser Stadt, worin alle angenehmen Talente willkommen waren, durch die ihrigen ihren Unterhalt zu gewinnen. Die Kunst, welche sie hier trieb, war eine Art von pantomimischen Tänzen, wozu gemeiniglich nur eine oder zwo Personen erfordert wurden, und worin die tanzende Person, nach der Modulation einer Flöte oder Leier, gewisse Stücke aus der Götter—und Heldengeschichte der Griechen, durch Gebärden und Bewegungen vorstellte. Allein, da diese Kunst wegen der Menge derer die sie trieben, nicht zureichte sie zu unterhalten, so sahe sich die junge Danae genötiget, den Künstlern zu Athen die Dienste eines Models zu tun; und erhielt dadurch außer dem Nutzen, den sie davon zog, die schmeichelnde Ehre, bald als Diana, bald als Venus auf die Altäre gestellt, die Bewunderung der Kenner und die Anbetung des Pöbels zu erhalten. Bei einer solchen Gelegenheit trug es sich zu, daß sie von dem jungen Alcibiades überraschet, und in der Stellung der Danae des Acrisius, welche sie eben vorstellte, allzureizend befunden wurde, als daß einem geringern als Alcibiades auch nur der Anblick so vieler Schönheiten erlaubt sein sollte. Auf der andern Seite wurde die junge Danae von der Figur, den Manieren, dem Stand und den Reichtümern dieses liebenswürdigen Verführers so sehr eingenommen, daß er keine große Mühe hatte, sie zu bereden sich in seinen Schutz zu begeben. Er brachte sie also in das Haus der Aspasia, welches zu gleicher Zeit eine Akademie der schönsten Geister von Athen, und eine Frauenzimmer-Schule war, worin junge Mädchen von den vorzüglichsten Gaben, unter der Aufsicht einer so vollkommen Meisterin, eine Erziehung erhielten, welche sie zu der Bestimmung geschickt machen sollte, die Großen und die Weisen der Republik in ihren Ruhestunden zu ergötzen. Danae machte sich diese Gelegenheit sowohl zu Nutze, daß sie die Gunst, und endlich selbst die Vertraulichkeit der Aspasia erhielt, welche, weit über die Niederträchtigkeit gemeiner Seelen erhaben, sich mit so vielem Vergnügen in dieser jungen Person wieder hervorgebracht sah, daß sie dadurch zu der Vermutung Anlaß gab, deren wir bereits Erwähnung getan haben. Inzwischen genoß Alcibiades allein der Früchte einer Erziehung, wodurch die natürlichen Gaben seiner jungen Freundin zu einer Vollkommenheit entwickelt wurden, die ihr den Namen der zweiten Aspasia erwarb; und die schöne Danae legte sich selbst die Pflicht auf, eine Treue gegen ihn zu beobachten, die er nicht zu erwidern nötig fand. Da die Liebe zur Veränderung eine stärkere Leidenschaft bei ihm war, als die Liebe die ihm irgend ein Frauenzimmer einflößen konnte, so mußte auch Danae, nachdem sie sich eine geraume Zeit in dem ersten Platz bei ihm erhalten hatte, einer andern weichen, die keinen Vorzug vor ihr hatte, als daß sie ihm neu war. So schwach Danae von einer gewissen Seite sein mochte, so edel war ihr Herz in andern Stücken. Sie liebte den Alcibiades, weil sie von seiner Person und von seinen Eigenschaften bezaubert war, und dachte wenig daran, von seinen Reichtümern Vorteil zu ziehen. Sie würde also nichts von ihm übrig behalten haben, als das Andenken von dem liebenswürdigsten Mann ihrer Zeit geliebt worden zu sein; wenn er nicht eben so stolz und freigebig gewesen wäre, als sie, wider die Gewohnheit ihrer Gespielen, uneigennützig war. "Ich verlasse dich Danae", sagte er zu ihr, "allein ich werde nicht zugeben, daß diejenige, die einst dem Alcibiades zugehörte, jemals genötiget sein soll, dem Reichsten zu überlassen, was nur dem Liebenswürdigsten gehört." Mit diesen Worten drang er ihr eine Summe auf, die mehr als zulänglich war, sie von dieser Seite außer aller Gefahr zu setzen. Der Tod der Aspasia und die Veränderungen, die er nach sich zog, bewogen sie, wenige Jahre darauf Athen zu verlassen, und nach etlichen Begebenheiten, an denen ihr Herz keinen geringen Anteil hatte, Smyrna zu ihrem beständigen Sitz zu erwählen. Hier hatte sie Gelegenheit dem jüngern Cyrus bekannt zu werden, dessen liebenswürdige Eigenschaften durch die Feder des Xenophon eben so bekannt worden sind, als der unglückliche Ausgang der Unternehmung, wodurch er sich auf den Thron des ersten Cyrus zu schwingen hoffte. Ihr erster Anblick unterwarf ihr das Herz dieses Prinzen, der so empfindlich gegen diejenige Art von Reizungen war, wodurch sich die Schülerinnen der Aspasia von den lebenden Statuen unterschieden, die in den Morgenländern zum Vergnügen der Großen bestimmt werden, und in der Tat zu dem einzigen Gebrauch den diese von ihnen zu machen wissen, wenig Seele nötig haben. Allein so schmeichelhaft diese Eroberung für sie war, so konnte sie doch nichts bewegen, ihn nach Sardes zu begleiten, und ihre Freiheit der Ehre aufzuopfern, die erste seiner Sklavinnen zu sein. Sie blieb also in Smyrna zurück, wo sie durch die großmütige Freigebigkeit des Cyrus, der sich hierin von keinem Athenienser übertreffen lassen wollte, in den Stand gesetzt war, ihre einzige Sorge sein zu lassen, wie sie auf die angenehmste Art leben wollte. Sie bediente sich dieses Glücks, wie es der Name der zwoten Aspasia erfoderte. Ihre Wohnung schien ein Tempel der Musen und Grazien zu sein, und wenn Amor von einer so reizenden Gesellschaft nicht ausgeschlossen war, so war es jener Amor, den die Musen beim Anacreon mit Blumenkränzen binden, und der sich in dieser Gefangenschaft so wohl gefällt, daß Venus ihn vergeblich bereden will, sich in seine vorige Freiheit setzen zu lassen. Die Spiele, die Scherze und die Freuden, (wenn es uns erlaubt ist, die Sprache Homers zu gebrauchen, wo die gewöhnliche zu matt scheint), schlossen mit den lächelnden Stunden einen unauflöslichen Reihentanz um sie her, und Schwermut, überdruß, und Langeweile waren mit allen andern Feinden der Ruhe und des Vergnügens aus diesem Wohnplatz der Freude verbannt.
Wir haben, deucht uns, schon mehr als genug gesagt, um unsre Leser in keine mittelmäßige Sorge für die Tugend unsers Helden zu setzen. In der Tat hatte er sich noch niemals in Umständen befunden, wo wir weniger hoffen dürfen, daß sie sich werde erhalten können; die Gefahr worin sie bei der üppigen Pythia, unter den rasenden Bachantinnen und in dem Hause des weisen Hippias, welches dem Stalle der Circe so ähnlich sah, geschwebet hatte, verdient nur nicht neben derjenigen genannt zu werden, welcher wir ihn bald ausgesetzt sehen werden, und deren wir ihn gerne überhoben hätten, wenn uns die Pflichten eines Geschichtschreibers erlaubten, unsrer freundschaftlichen Parteilichkeit für ihn, auf Unkosten der Wahrheit nachzugeben.
Wie gefährlich es ist, der Besitzer einer verschönernden Einbildungskraft zu sein
Wenn eine lebhafte Einbildungskraft ihrem Besitzer eine unendliche Menge von Vergnügen gewährt, die den übrigen Sterblichen versagt sind; wenn ihre magische Würkung alles Schöne in seinen Augen verschönert, und ihn da in Entzückung setzt, wo andre kaum empfinden; wenn sie in glücklichen Stunden, ihm diese Welt zu einem Paradiese macht, und in traurigen seine Seele von der Szene seines Kummers hinwegzieht, und in andre Welten versetzt, die durch die vergrößernden Schatten einer vollkommnen Wonne seinen Schmerz bezaubern: So müssen wir auf der andern Seite gestehen, daß sie nicht weniger eine Quelle von Irrtümern, von Ausschweifungen und von Qualen für ihn ist, wovon er, selbst mit Beihülfe der Weisheit und mit der feurigsten Liebe zur Tugend, sich nicht eher losmachen kann, bis er, auf welche Art es nun sein mag, so weit gekommen ist, die allzugroße Lebhaftigkeit derselben zu mäßigen. Der weise Hippias hatte, die Wahrheit zu gestehen, unserm Helden sehr wenig Unrecht getan, als er ihm eine Einbildungskraft von dieser Art zuschrieb; ob wir ihm gleich in Absicht des Mittels nicht völlig beifallen können, wodurch selbige, seiner Meinung nach, am besten in das gehörige Gleichgewicht mit den übrigen Kräften der Seele gesetzt werden könne. Die schlaue Danae hatte sich aus der Beschreibung des Hippias eine solche Vorstellung von dem Agathon gemacht, daß sie alles gewonnen zu haben glaubte, wenn sie nur seine Einbildungskraft auf ihre Seite gebracht haben würde. Hippias, dachte sie, hatte nur darin gefehlt, daß er ihn durch die Sinnen verführen wollte. Auf diese Voraussetzung machte sie einen Plan, über den sie nicht wenig vergnügt war; und dachte so wenig daran, daß die Ausführung sie ihr eignes Herz kosten könnte, als Agathon sich von der Gefahr träumen ließ, die dem seinigen zubereitet wurde. Endlich kam die Stunde, die dem Hippias bestimmt worden war. Agathon begleitete seinen Herrn, ohne zu wissen wohin. Sie traten in einen Palast, der auf einer doppelten Reihe von jonischen Säulen ruhte, und mit vielen vergoldeten Bildsäulen ausgezieret war. Das Inwendige dieses Hauses stimmte vollkommen mit der Pracht des äußerlichen Anblicks überein. Allenthalben begegnete ihm das geschäftige Gewimmel von unzählichen Sklaven und Sklavinnen, wovon die erstern alle unter zwölf Jahren zu sein schienen, und so wie die letztern von außerordentlicher Schönheit waren. Ihre Kleidung stellte dem Aug' eine angenehme Verbindung der Einförmigkeit mit der Abwechslung vor; einige waren in weiß, andre in himmelblau, andre in rosenfarb, andre in andre Farben gekleidet, und jede Farbe schien eine besondere Klasse zu bezeichnen, welcher ihre eigne Dienste angewiesen waren. Agathon, auf den alles lebhaftere Eindrücke machte, als es nötig war, um nach dem Maßstab der Moralisten genug zu sein, wurde durch alles was er sah, so sehr bezaubert, daß er sich in eine von seinen idealischen Welten versetzt glaubte. Allein eh er Zeit hatte zu sich selbst zu kommen, führte ihn Hippias in einen großen und hellerleuchteten Saal, worin die Gesellschaft versammelt war, welche sie vermehren sollten. Er hatte kaum einen Blick auf sie geworfen, als die schöne Danae ihm mit einer Anmut und Leutseligkeit die ihr eigen war, entgegen kam, und ihm sagte, daß ein Freund des Hippias das Recht habe, sich in ihrem Hause und in dieser Gesellschaft als einheimisch anzusehen. Ein so verbindliches Kompliment verdiente wohl eine Antwort in eben diesem Ton; allein Agathon war in diesem Augenblick außer Stand, höflich zu sein: Ein Blick, womit man den äußersten Grad des angenehmsten Erstaunens malen müßte, war alles, was er auf diese Anred' erwidern konnte. Die Gesellschaft, die er versammelt fand, war aus lauter solchen Personen zusammengesetzt, welche die Vorrechte des vertrautesten Umgangs in diesem Hause genossen, und die attische Urbanität, die von der spröden, regelmäßigen und manierenreichen Politesse der heutigen Europäer so sehr verschieden war, in einem so hohen Grad als Danae selbst, besaßen. In einer Gesellschaft nach der heutigen Art würde Agathon, in den ersten Augenblicken, da er sich darstellte, zu einer unendlichen Menge von boshaften und spöttischen Anmerkungen Stoff gegeben haben; allein in dieser war ein flüchtiger Blick alles, was er auszuhalten hatte. Die Unterredung wurde fortgesetzt, niemand zischelte dem andern ins Ohr, oder schien das Erstaunen zu bemerken, mit der seine Augen die schöne Danae zu verschlingen schienen; kurz, man ließ ihm alle Zeit die er brauchte um wieder zu sich selbst zu kommen, wofern sich anders dieser Ausdruck für die Verfassung schickt, in der er sich diesen ganzen Abend durch befand. Vielleicht erwartet man, daß wir eine nähere Erläuterung über diesen außerordentlichen Eindruck geben sollen, welchen Danae auf unsern allzureizbaren Helden machte; allein wir sehen uns noch außer Stand, die Neugierde des Lesers über einen Punkt zu befriedigen, wovon Agathon selbst noch nicht fähig gewesen wäre, Rechenschaft zu geben: Soviel können wir inzwischen sagen, daß diese Dame dem Anschein nach niemals weniger erwarten konnte, eine solche Würkung zu machen; so wenig Mühe hatte sie sich gegeben, durch einen schlauen Putz ihre Reizungen in ein günstiges Licht zu setzen. Ein Kleid von weißem Taft, mit kleinen Streifen von Purpur, und eine halberöffnete Rose in ihrem schwarzen Haar, machte ihren ganzen Staat aus; und von der Durchsichtigkeit, wodurch die Kleidung der Cyane den Augen unsers Helden anstößig gewesen, war die ihrige so weit entfernt, daß man mit besserm Recht an ihr hätte aussetzen können, daß sie zu sehr verhüllt sei. Es ist wahr, sie hatte Sorge getragen, daß ein kleiner niedlicher Fuß, der an Weiße den Alabaster übertraf, dem Auge nicht immer entzogen würde; und die ganze Schönheit ihres Gesichts war nicht vermögend, den Agathon aufmerksam zu erhalten, wenn sich dieser reizende Fuß sehen ließ. Allein dieses, und eine schneeweiße Hand mit dem Anfang eines vollkommen schönen Arms war alles, was das neidische Gewand den vorwitzigen Blicken nicht versagte; was es also auch sein mochte, was in seinem Herzen vorging, so ist doch dieses gewiß, daß an der Person und dem Betragen der schönen Danae nicht das mindeste zu entdecken war, das einige besondere Absicht auf unsern Helden hätte anzeigen können; und daß sie, es sei nun aus Unachtsamkeit oder Bescheidenheit, nicht einmal zu bemerken schien, daß Agathon für sie allein Augen, und über ihrem Anschauen den Gebrauch aller andern Sinnen verloren hatte.
Pantomimen
Nach Endigung der Mahlzeit, bei welcher Agathon beinahe einen bloßen Zuschauer abgegeben hatte, trat ein Tänzer und eine junge Tänzerin herein, die nach der Modulation eben so vieler Flöten die Geschichte des Apollo und der Daphne tanzten. Die Geschicklichkeit der Tanzenden befriedigte alle Zuschauer; alles an ihnen war Seele und Ausdruck, und man glaubte sie immer zu hören, ob man sie gleich nur sah. "Wie gefällt dir diese Tänzerin, Callias", fragte Danae den Agathon, welcher nur mittelmäßig aufmerksam auf dieses Spiel zu sein schien, und der einzige war, der nicht beobachtete, daß die Tänzerin von ungemeiner Schönheit, und eben so wie Cyane, kaum mit etwas mehr als gewebter Luft umhüllt war. "Mich deucht", versetzte Agathon, der itzt erst anfing sie aufmerksamer anzusehen, "mich deucht, daß sie, vielleicht aus allzugroßer Begierde zu gefallen, den Charakter verläßt den sie vorstellen soll. Warum sieht sie sich im Fliehen um? Und mit einem Blick, der es ihrem Verfolger zu verweisen scheint, daß er nicht schneller ist als sie?—Gut, sehr gut!" (fuhr er fort, wie die Stelle kam, wo Daphne den Flußgott um Hülfe anruft,) "unverbesserlich! Wie sie mitten in ihrem Gebet sich verwandelt! Wie sie erbleicht! Wie sie schauert! Ihre Füße wurzeln mitten in einer schreckhaften Bewegung ein; umsonst will sie ihre ausgebreiteten Arme zurückziehen.—Aber warum dieser zärtlichbange Blick auf ihren Liebhaber? Warum diese Träne, die in ihrem Auge zu erstarren scheint?"—Ein allgemeines Lächeln beantwortete die Frage Agathons. "Du tadelst gerade", versetzte zuletzt einer von den Gästen, "was wir am meisten bewundern. Eine gewöhnliche Tänzerin würde nicht fähig gewesen sein, deinen Tadel zu verdienen. Es ist unmöglich mehr Geist, mehr Feinheit und einen schönern Kontrast in diese Rolle zu bringen, als die kleine Psyche, (so hieß die Tänzerin) getan hat." Daphne selbst war nicht bestürzter gewesen, da sie sich verwandelt fühlte, als Agathon in dem Augenblick, als er den Namen Psyche hörte; er stockte mitten in einem Worte, das er sagen wollte; er errötete, und seine Verwirrung war so merklich, daß Danae, welche sie der Beschämung seines Tadels zuschrieb, für nötig hielt, ihm zu Hülfe zu kommen. "Der Tadel des Callias", sagte sie, "beweist, daß er den Geist, womit Psyche ihre Rolle gespielt, so gut empfunden hat, als Phädrias. Aber vielleicht ist er darum nicht minder gegründet. Psyche sollte die Person der Daphne gespielt haben, und hat ihre eigene gespielt; ist es nicht so, Psyche? Du dachtest, wie würde mir's an Daphnens Stelle gewesen sein?"—"Und wie hätte ichs anders machen können, meine Gebieterin?" fragte die kleine Tänzerin. "Du hättest den Charakter annehmen sollen, den ihr die Dichter geben, und hast dich begnügt dich selbst in ihre Umstände zu setzen." "Was für ein Charakter ist denn das", erwiderte Psyche. "Einer Spröden", sagte der weise Hippias; "das ist der Lieblings-Charakter des Callias." Abermalige Gelegenheit zum Erröten für den guten Agathon. "Du hast es nicht erraten", sagte er; "der Charakter, den Daphne nach meiner Idee haben soll, ist Gleichgültigkeit und Unschuld; sie kann beides haben, ohne eine Spröde zu sein." "Psyche verdient also desto mehr Lob", erwiderte Phädrias (für den sie, wie die Geschichte meldet, noch etwas mehr als eine Tänzerin war) "weil sie den Charakter verschönert hat, den sie vorstellen sollte. Der Streit zwischen Liebe und Ehre erfordert mehr Genie um nachgeahmt zu werden, und ist für den Zuschauer rührender, als die Gleichgültigkeit, die ihr Callias geben will. Und zudem, wo ist die junge Nymphe, die gegen die Liebe eines so schönen Gottes wie Apollo ist, gleichgültig sein könnte?" "Ich bin deiner Meinung", sagte Hippias. "Daphne flieht vor dem Apollo, weil sie ein junges Mädchen ist; und weil sie ein junges Mädchen ist, so wünscht sie heimlich, daß er sie erhaschen möge. Warum sieht sie sich so oft um, als um ihm zu verweisen, daß er nicht schneller sei? Wie er ihr so nahe ist, daß sie nicht mehr entfliehen kann, so fleht sie dem Flußgotte, daß er sie verwandeln soll. Grimasse! Warum stürzte sie sich nicht in den Fluß, wenn es ihr Ernst war? Sie tat was eine Nymphe tun soll, da sie den Flußgott anrief; das war in der Ordnung: Aber wer konnte auch fürchten, so schnell erhört zu werden? Und in welchem Augenblick konnte sie es weniger wünschen, als in eben diesem, da sie sich von den begierigen Armen ihres Liebhabers schon umschlungen fühlte? Hatte sie sich denn aus einem andern Grund außer Atem geloffen, als damit er sie desto gewisser erhaschen möchte? Was ist also natürlicher als der Unwille, der Schmerz und die Traurigkeit, womit sie sein Betragen erwidert, da sie die Arme, womit sie ihn—zurückstoßen will, zu Lorbeerzweigen erstarret fühlt? Selbst der zärtliche Blick ist natürlich; die Verstellung hört auf, wenn man in einen Lorbeerbaum verwandelt wird. War nicht dieses das ganze Spiel der Psyche? Und kann etwas natürlicher sein? Es ist der Charakter eines jungen Mädchens; eines von denen jungen Mädchen, versteht sichs, mein lieber Callias, wie man sie in dieser materiellen Welt findet." "Ich ergebe mich", versetzte Agathon; "die Tänzerin hat alles getan, was man von ihr fodern konnte, und ich war lächerlich zu erwarten, daß sie die Idee ausführen sollte, die ich von einer Daphne in meiner Phantasie habe." Agathon hatte dieses kaum gesprochen, als Danae, ohne ein Wort zu sagen, aufstund, der Tänzerin einen Wink gab, und mit ihr verschwand. In einer kleinen Weile kam die Tänzerin allein wieder zurück, die Flöten fingen wieder an, und Apollo und Daphne wiederholten ihre Pantomime. Aber wie erstaunte Agathon als er sah, daß es Danae selbst war, die in der Kleidung der Tänzerin die Person der Daphne spielte! Armer Agathon! Allzureizende Danae! Wer hätte es glauben sollen? Ihr ganzes Spiel drückte die eigenste Idee des Agathon aus, aber mit einer Anmut, mit einer Zauberei, wovon ihm seine Phantasie keine Idee gegeben hatte. Die Empfindungen, von denen seine Seele in diesen Augenblicken überfallen wurde, waren so lebhaft, daß er sich bemühte, seine Augen von diesem zu sehr bezaubernden Gegenstand abzuziehen; aber vergeblich! Eine unwiderstehliche Gewalt zog sie zurück. Wie edel, wie schön waren ihre Bewegungen! Mit welch einer rührenden Einfalt drückte sie den Charakter der Unschuld aus! Er sah noch in sprachloser Entzückung nach dem Orte, wo sie zum Lorbeerbaum erstarrte, als sie schon wieder verschwunden war, ohne das Lob und das Händeklatschen der Zuschauer zu erwarten, welche nicht Worte genug finden konnten, das Vergnügen auszudrücken, das ihnen Danae durch diese unerwartete Probe ihres Talents gemacht hatte. In wenigen Minuten kam sie schon wieder in ihrer eignen Person zurück. "Wie sehr ist Callias dir verbunden, schöne Danae", sagte Phädrias indem sie hereintrat! "Du allein konntest seinen Tadel rechtfertigen, nur diejenige konnte es, die liebenswürdig genug ist, um die Sprödigkeit selbst reizend zu machen. Wie sehr wäre ein Apollo zu bedauren, für den du Daphne wärest!" Es war glücklich für den guten Agathon, daß er, indem dieses mit einem bedeutenden Blick gesagt wurde, in dem Anschauen der schönen Danae so verloren war, daß er nichts hörte; denn sonst würde ein abermaliges Erröten die Auslegung zu diesem Text gemacht haben. Das Lob dieser Dame, und ein Gespräch über die Tanzkunst füllte den überrest der Zeit aus, welche diese Gesellschaft noch beieinander zubrachte; ein Gespräch, dessen Mitteilung uns der Leser gerne nachlassen wird, da wir seine Begierde nach angelegenern Materien zu befriedigen haben. Nur diesen Umstand können wir nicht vorbeigehen, daß Agathon bei diesem Anlaß auf einmal so beredt wurde, als er vorher tiefsinnig und stillschweigend gewesen war; eine lächelnde Heiterkeit schimmerte um sein ganzes Gesicht, und noch niemal hatte sein Witz sich mit solcher Lebhaftigkeit hervorgetan. Er erhielt den Beifall der ganzen Gesellschaft, und die schöne Danae selbst konnte sich nicht enthalten, ihn von Zeit zu Zeit mit einem Ausdruck von Vergnügen und Zufriedenheit anzusehen; indessen daß in seinen nur selten von ihr abgewandten Augen etwas glänzte, für welches wir uns umsonst bemühet haben, in der Sprache der Menschen einen Namen zu finden.
Geheime Nachrichten
Wir haben von unserm Freunde Plutarch gelernt, daß sehr kleine Begebenheiten öfters durch große Folgen merkwürdig werden, und sehr kleine Handlungen uns nicht selten tiefere Blicke in das Inwendige der Menschen tun lassen, als die feierlichen Handlungen, wozu man, weil sie dem öffentlichen Urteil ausgesetzt sind, sich ordentlicher Weise in eine gewisse mit sich selbst abgeredete Verfassung zu setzen pflegt. Die Gründlichkeit dieser Beobachtung hat uns bewogen, in der Geschichte der Pantomime, welche das vorige Kapitel ausfüllt, so umständlich zu sein; und wir hoffen uns deshalb vollkommen zu rechtfertigen, wenn wir diese Erzählung durch dasjenige ergänzen, was die liebenswürdige Psyche betrifft, mit welcher der Leser schon im ersten Buche, wiewohl nur im Vorbeigehen, bekannt zu werden angefangen hat. Diese Psyche, so wie sie war, hatte bisher unter allen Wesen, welche in die Sinne fallen, (wir setzen diese Einschränkung nicht ohne Ursach hinzu, so seltsam sie auch in anti-platonischen Ohren klingen mag) den ersten Platz in seinem Herzen eingenommen, und er hatte, seitdem sie von ihm entfernt war, kein Frauenzimmer gesehen, die nicht durch die bloße Erinnerung an Psyche alle Macht über sein Herz und selbst über seine Sinnen verloren hätte; deren Bewegungen, wie man weiß, sonst nicht immer mit den erstern so parallel laufen, als gewisse Romanenschreiber vorauszusetzen scheinen. Die Wahrheit zu gestehen, so war dieses nicht die Würkung derjenigen heroischen Treue und Standhaftigkeit in der Liebe, welche in besagten Romanen zu einer Tugend von der ersten Klasse gemacht wird; Psyche erhielt sich im Besitz seines Herzens, weil ihm die Erinnerungen, die er von ihr hatte, angenehmer waren, als die Empfindungen, die ihm irgend eine andre Schöne einzuflößen vermocht, oder weil er bisher keine andre gesehen hatte, die so sehr nach seinem Herzen gewesen wäre. Eine Erfahrung von etlichen Jahren beredete ihn, daß es allezeit so sein würde, und daher kam vielleicht die Bestürzung, wovon er befallen wurde, als der erste Anblick der schönen Danae ihm eine Vollkommenheit darstellte, die seiner Einbildung nach allein jenseits des Mondes anzutreffen sein sollte. Er müßte nicht Agathon gewesen sein, wenn diese Erscheinung sich nicht seiner ganzen Seele so sehr bemeistert hätte, wie wir gesehen haben. Niemals, deuchte ihn, hatte er in einem so hohen Grad und in einer so seltnen Harmonie alle diese feinern Schönheiten, von denen gemeine Seelen nicht gerührt zu werden fähig sind, vereiniget gesehen. Ihre Gestalt, ihre Blicke, ihr Lächeln, ihre Gebärden, ihr Gang, alles hatte diese Vollkommenheit, welche die Dichter den Göttinnen zuzuschreiben pflegen. Was Wunder also, daß er in den ersten Stunden nichts als anschauen und bewundern konnte, und daß seine entzückte Seele noch keine Zeit hatte auf dasjenige acht zu geben, was in ihr vorging. In der Tat waren alle ihre übrigen Kräfte so gebunden, daß er wider seine Gewohnheit in dieser ganzen Zeit sich seiner Psyche eben so wenig erinnerte, als ob sie nie gewesen wäre. Allein als die junge Tänzerin zum Vorschein kam, welche die Person der Daphne spielte, so stellte einige ähnlichkeit, die sie würklich in der Gesichtsbildung und Figur mit Psyche hatte, ihm auf einmal, wiewohl ohne daß er sich dessen deutlich bewußt war, das Bild seiner abwesenden Geliebten vor die Augen; seine Einbildungskraft setzte durch eine gewöhnliche mechanische Würkung Psyche an die Stelle dieser Daphne, und wenn er so vieles an der Tänzerin auszusetzen fand, so war es im Grunde nur darum, weil die Vergleichung den Betrug des ersten Anblicks entdeckte, oder weil sie nicht Psyche war. So gewöhnlich dergleichen Spiele der Einbildung sind, so selten ist es, daß man den Einfluß deutlich unterscheidet, den sie auf unsre Urteile oder Neigungen zu haben pflegen. Agathon selbst, der sich von seiner ersten Jugend an eine Beschäftigung daraus gemacht hatte, den geheimen Triebfedern seiner innerlichen Bewegungen nachzuspüren, merkte dennoch nicht eher, was bei diesem Anlaß in seiner Phantasie vorging, bis der Name Psyche, dieser Name, dessen bloßer Ton sonst Musik in seinen Ohren gewesen war, ihn erschütterte, und in eine Verwirrung von Empfindungen setzte, die er selbst zu beschreiben Mühe gehabt hat; wenn wir anders hievon nach der besondern Dunkelheit, die in unsrer Urkunde über diese Stelle liegt, urteilen dürfen. Was auch die Ursache dieser Bestürzung gewesen sein mag, so ist gewiß, daß er weit davon entfernt war nur zu argwöhnen, der Genius seiner ersten Liebe stutze vielleicht darüber, eine Nebenbuhlerin in einem Herzen zu finden, welches er von Psyche allein ausgefüllt zu sehen gewohnt war. Sein Selbstbetrug, wofern es anders einer war, scheint desto mehr Entschuldigung zu verdienen, weil dieser geliebte Name würklich in wenig Augenblicken seine ganze Zärtlichkeit rege machte. Er bemerkte nun erst deutlich die ähnlichkeiten, welche die beiden Psychen mit einander hatten; er verglich sie mit einem Vorurteile, welches der Abwesenden so günstig war, daß die Gegenwärtige ihr nur zum Schatten dienen mußte; ja wir wissen nicht, ob eine so lebhafte Erinnerung nicht endlich der schönen Danae selbst Abbruch getan hätte, wenn diese, gleich als ob sie durch eine Art von Divination erraten hätte was in seiner Seele vorging, nicht auf den glücklichen Einfall gekommen wäre, sich an den Platz der kleinen Tänzerin zu setzen, um die Vorstellung auszuführen, welche sich Agathon von einer idealischen Daphne gemacht, und deren die Geschmeidigkeit ihres Geistes sich so schnell und so glücklich zu bemächtigen gewußt hatte. Einen schlimmern Streich konnte sie in der Tat der einen und der andern Psyche nicht spielen. Beide wurden von ihrem blendenden Glanze, wie benachbarte Sterne von dem vollen Mond, ausgelöscht. Und wie hätte ihn auch das Bild seiner abwesenden Geliebten noch länger beschäftigen können, da alle Anschauungskräfte seiner Seele, auf diesen einzigen bezaubernden Gegenstand geheftet, ihm kaum zureichend schienen, dessen ganze Vollkommenheit zu empfinden; da er diese sittliche Venus mit allen ihren geistigen Grazien würklich vor sich sah, zu deren bloßen Schattenbild ihn Psyche zu erheben vermocht hatte?
Wir wissen nicht, ob man eben ein Hippias sein müßte, um zu glauben, daß gewisse Schönheiten von einer nicht so unkörperlichen, wiewohl in ihrer Art eben so vollkommenen Natur, weit mehr als Agathon selbst gewahr wurde, zu dieser Verzückung in die idealischen Welten beigetragen haben könnten, worin er während dem pantomimischen Tanz der Danae sich befand. Die Nymphen-mäßige Kleidung, welche dieser Tanz erforderte, war nur allzugeschickt diese Reizungen in ihrer ganzen Macht und in dem mannigfaltigsten Lichte zu entwickeln; und wir müssen gestehen, die Göttin der Liebe selbst hätte sich nicht zuversichtlicher als die untadelliche Danae dem Auge der schärfsten Kenner, ja selbst den Augen einer Nebenbuhlerin, in diesem Aufzug überlassen dürfen. Der Charakter der ungeschminkten Unschuld, welchen sie so unverbesserlich nachahmte, schien dadurch einen noch lebhaftern Ausdruck zu erhalten; aber einen so lebhaften, daß ein jeder andrer als ein Agathon dabei in Gefahr gewesen wäre, die seinige zu verlieren. Freilich hatten die übrigen Zuschauer Mühe genug, sich zu enthalten, die Rolle des Apollo in ganzem Ernste zu machen; aber von unsern Helden hatte Danae nichts zu besorgen; und sie fand, daß Hippias nicht zuviel von ihm versprochen hatte. Diese materiellen Schönheiten, die er nicht einmal deutlich unterschied, weil sie in seinen Augen mit den geistigen in Eins zusammengeflossen waren, mochten den Grad der Lebhaftigkeit seiner Empfindungen noch so sehr erhöhen, so konnten sie doch die Natur derselben nicht verändern; niemals in seinem Leben waren sie reiner, Begierden-freier, unkörperlicher gewesen. Kurz, so widersinnisch es jenen aus gröberm Stoff gebildeten Erdensöhnen, welche in dem vollkommensten Weibe nur ein Weib sehen, scheinen mag, so gewiß war es, daß Danae mit einer Gestalt und in einem Aufzug, welcher (mit dem weisen Hippias zu reden) einen Geist hätte verkörpern mögen, diesen seltsamen Jüngling in einen so völligen Geist verwandelte, als man jemals diesseits und vielleicht auch jenseits des Mondes gesehen hat.
Was die Nacht durch in den Gemütern einiger von unsern Personen vorgegangen
Wir haben schon so viel von der gegenwärtigen Gemütsverfassung unsers Helden gesagt, daß man sich nicht verwundern wird, wenn wir hinzusetzen, daß er den übrigen Teil der Nacht in ununterbrochenem Anschauen dieser idealen Vollkommenheit zubrachte, die seine Einbildungskraft mit einer ihr gewöhnlichen Kunst, und ohne daß er den Betrug merkte, an die Stelle der schönen Danae geschoben hatte. Dieses Anschauen setzte sein Gemüt in eine so angenehme und ruhige Entzückung, daß er, gleich als ob nun alle seine Wünsche befriediget wären, nicht das geringste von der Unruhe, den Begierden, der innerlichen Gärung, der Abwechslung von Frost und Hitze fühlte, womit die Leidenschaft, mit der man ihn, nicht ohne Wahrscheinlichkeit, behaftet glauben konnte, sich ordentlicher Weise anzukündigen pflegt.
Was die Danae betrifft, welche die Ehre hatte, diese erhabene Entzückungen in ihm zu erwecken, so brachte sie den Rest der Nacht wo nicht mit eben so erhabenen doch in ihrer Art mit eben so angenehmen Betrachtungen zu. Agathon hatte ihr gefallen, sie war mit dem Eindruck, den sie auf ihn gemacht, zufrieden; und sie glaubte, nach den Beobachtungen, die ihr dieser Abend bereits an die Hand gegeben, daß sie sich selbst mit gutem Grunde zutrauen könne, ihn, durch die gehörigen Gradationen, zu einem zweiten und vielleicht standhaftern Alcibiades zu machen. Nichts war ihr hiebei angenehmer als die Bestätigung des Plans, den sie sich über die Art und Weise, wie man seinem Herzen am leichtesten beikommen könne, gemacht hatte. Es ist wahr, daß der Einfall, sich an die Stelle der Tänzerin zu setzen, ihr erst in dem Augenblick gekommen war, da sie ihn ausführte; allein sie würde ihn nicht ausgeführt haben, wenn sie nicht die gute Würkung davon mit einer Art von Gewißheit vorausgesehen hätte. Hätte sie in dem ersten Augenblick, da sie sich ihm darstellte, in ihren Gebärden, oder in ihrem Anzug das mindeste gehabt, das ihm anstößig hätte sein können, so würde es ihr schwer gewesen sein, den widrigen Eindruck dieses ersten Augenblicks jemals wieder gut zu machen. Agathon mußte in den Fall gesetzt werden, sich selbst zu hintergehen, ohne es gewahr zu werden; und wenn er für subalterne Reizungen empfindlich gemacht werden sollte, so mußte es durch Vermittlung der Einbildungskraft und auf eine solche Art geschehen, daß die geistigen und die materiellen Schönheiten sich in seinen Augen vermengten, und daß er in den letztern nichts als den Widerschein der ersten zu sehen glaubte. Danae wußte sehr wohl, daß die intelligible Schönheit keine Leidenschaft erweckt, und daß die Tugend selbst, wenn sie (wie Plato sagt) in sichtbarer Gestalt unaussprechliche Liebe einflößen würde, diese Würkung mehr der blendenden Weiße und dem reizenden Contour eines schönen Busens, als der Unschuld, die aus demselben hervorschimmerte, zuzuschreiben haben würde. Allein das wußte Agathon noch nicht; er mußte also betrogen werden, und, so wie sie es anging, konnte sie mit der größten Wahrscheinlichkeit hoffen, daß es ihr gelingen würde.
Der weise Hippias hatte zuviel Ursache, den Agathon bei dieser Gelegenheit zu beobachten, als daß ihm das geringste entgangen wäre, was ihn von dem glücklichen Fortgang seines Anschlags zu versichern schien. Allein er schmeichelte sich zuviel, wenn er hoffte, Callias werde, in dem ekstatischen Zustande, worin er zu sein schien, ihn zum Vertrauten seiner Empfindungen machen. Das Vorurteil, welches dieser wider ihn gefaßt hatte, verschloß ihm den Mund, so gern er auch dem Strome seiner Begeisterung den Lauf gelassen hätte. Eine Danae war in seinen Augen ein so vortrefflicher Gegenstand, und das was er für sie empfand, so rein, so weit über die brutale Denkungsart eines Hippias erhaben; daß er durch eine unzeitige Vertraulichkeit gegen diesen Ungeweihten beides zu entheiligen geglaubt hätte.
Eine kleine metaphysische Abschweifung
Es gibt so verschiedne Gattungen von Liebe, daß es, wie uns ein Kenner derselben versichert hat, nicht unmöglich wäre, drei oder vier Personen zu gleicher Zeit zu lieben, ohne daß sich eine derselben über Untreue zu beklagen hätte. Agathon hatte in einem Alter von siebzehn Jahren für die Priesterin zu Delphi etwas zu empfinden angefangen, das derjenigen Art von Liebe glich, die, nach dem Ausdruck des Fieldings, ein wohlzubereiteter Rostbeef einem Menschen einflößt, der guten Appetit hat. Diese Liebe hatte, ehe er selbst noch wußte, was daraus werden könnte, der Zärtlichkeit weichen müssen, welche ihm Psyche einflößte. Die Zuneigung, die er zu diesem liebenswürdigen Geschöpfe trug, war eine Liebe der Sympathie, eine Harmonie der Herzen, eine geheime Verwandtschaft der Seelen, die sich denen, so sie nicht aus Erfahrung kennen, unmöglich beschreiben läßt; eine Liebe an der das Herz und der Geist mehr Anteil nimmt als die Sinnen, und die vielleicht die einzige Art von Verbindung ist, welche, (wofern sie allgemein sein könnte) den Sterblichen einigen Begriff von den Verbindungen und Vergnügen himmlischer Geister zu geben fähig wäre. Wir sehen voraus, daß unsre meisten Leser bei dieser Stelle die Nase rümpfen, und zweifeln werden, ob wir uns selbst verstehen; allein wir lassen uns dieses gar nicht anfechten. Sancho, wenn er (wie es ihm zuweilen begegnete) eine Menge schöner Sachen vorgebracht hatte, wovon weder sein Herr noch irgend ein andrer, oder auch er selbst etwas verstehen konnte, pflegte sich damit zu trösten, daß er sagte: "Gott versteht mich"; und der Geschichtschreiber des Agathons kann es ganz wohl leiden, daß diese und ähnliche Stellen seines Werkes von allen andern Lesern für Galimathias gehalten werden, da er versichert ist, daß *** ihn versteht—Agathon könnte also von dieser gedoppelten Art von Liebe, wovon eine die Antipode der andern ist, aus Erfahrung sprechen; allein diejenige, worin jene beiden sich in einander mischen, die Liebe, welche die Sinnen, den Geist und das Herz zugleich bezaubert, die heftigste, die reizendste und gefährlichste aller Leidenschaften, war ihm mit allen ihren Symptomen und Würkungen noch unbekannt; und es ist also kein Wunder, daß sie sich schon seines ganzen Wesens bemeistert hatte, eh es ihm nur eingefallen war, ihr zu widerstehen. Es ist wahr, dasjenige was in seinem Gemüte vorging, nachdem er in zween oder drei Tagen die schöne Danae weder gesehen, noch etwas von ihr gehört hatte, hätte den Zustand seines Herzens einem unbefangnen Zuschauer verdächtig gemacht; aber er selbst war weit entfernt das geringste Mißtrauen in die Unschuld seiner Gesinnungen zu setzen. Was ist natürlicher, als das Verlangen, das vollkommenste und liebenswürdigste unter allen Wesen, nachdem man es einmal gesehen hat, immer zu sehen? Solche Schlüsse macht die Leidenschaft. Aber was sagte denn die Vernunft dazu? die Vernunft? O, die sagte gar nichts. übrigens müssen wir doch, es mag nun zur Entschuldigung unsers Helden dienen oder nicht, den Umstand nicht aus der Acht lassen, daß er von der schönen Danae nichts anders wußte, als was er gesehen hatte. Der Charakter, den ihr die Welt beilegte, war ihm gänzlich unbekannt; er hatte noch keinen Anlaß, und, die Wahrheit zu sagen, auch kein Verlangen gehabt, sich darnach zu erkundigen.
Worin die Absichten des Hippias einen merklichen Schritt machen
Inzwischen waren ungefähr acht Tage verflossen, welche dem stillschweigenden und melancholischen Agathon, zu großem Vergnügen des boshaften Sophisten, achthundert Jahre dauchten, als dieser an einem Morgen zu ihm kam, und mit einer gleichgültigen Art zu ihm sagte: "Danae hat einen Aufseher über ihre Gärten und Landgüter vonnöten; was sagst du zu dem Einfall, den ich habe, dich an diesen Platz zu setzen? Mich daucht, du würdest dich nicht übel zu einem solchen Amte schicken; hast du nicht Lust in ihre Dienste zu treten?" Ein Wort, welches Bestürzung und übermäßige Freude, Mißtrauen und Hoffnung, Erblassen und Glühen zu gleicher Zeit ausdrückte, würde uns wohl zustatten kommen, die Verwirrung auszudrücken, worein diese Anrede den guten Agathon setzte. Sie war zu groß, als daß er sogleich hätte antworten können. Allein die Augen des Hippias, in denen er einen Teil der Bosheit lase, die der Sophist zu verbergen sich bemühte, gaben ihm bald die Sprache wieder. "Wenn du Lust hast, dich auf diese Art von mir los zu machen", versetzte er mit so vieler Fassung als ihm möglich war, "so hab ich nur eine Bedenklichkeit -" "Und diese ist?" "—daß ich mich sehr schlecht auf die Landwirtschaft verstehe." "Das hat nichts zu bedeuten", antwortete der Sophist; "du wirst Leute unter dir haben, die sich desto besser darauf verstehen, und das ist genug. Im übrigen glaube ich, daß du mit Vergnügen in diesem Hause sein wirst. Du liebest das Landleben, und du wirst Gelegenheit haben alle seine Annehmlichkeiten zu schmecken. Wenn du es zufrieden bist, so geh ich, um diese Sache in Richtigkeit zu bringen." "Du hast dir das Recht erkauft, mit mir zu machen was du willt", erwiderte Agathon. "Die Wahrheit zu sagen", fuhr Hippias fort, "ungeachtet der kleinen Mißhelligkeiten unsrer Köpfe, verlier ich dich ungern: Allein Danae scheint es zu wünschen, und ich habe Verbindlichkeiten gegen sie; sie hat, ich weiß nicht woher, eine große Meinung von deiner Fähigkeit gefaßt, und da ich alle Tage Gelegenheit haben werde, dich in ihrem Hause zu sehen, so kann ich mirs um so eher gefallen lassen, dich an eine Freundin abzutreten, von der ich gewiß bin, daß dir so begegnet werden wird, wie du es verdienest." Agathon beharrte in dem Ton der Gleichgültigkeit, den er angenommen hatte, und Hippias, dem es Mühe genug kostete, die Spöttereien zurückzuhalten, die ihm alle Augenblicke auf die Lippen kamen, verließ ihn, ohne sich merken zu lassen, daß er wüßte, was er von dieser Gleichgültigkeit denken sollte. Das Betragen Agathons bei diesem Anlaß wird ihn vielleicht in den Verdacht setzen, daß er sich bewußt gewesen sei, daß es nicht richtig in seinem Herzen stehe, warum hätte er sonst nötig gehabt sich zu verbergen? Allein man muß sich der Vorurteile erinnern, die er wider den Sophisten gefaßt hatte, um zu sehen, daß er vollkommen in seinem Charakter blieb, indem er Empfindungen vor ihm zu verbergen suchte, die einem so unverbesserlichen Anti-Platon ganz unverständlich oder vollkommen lächerlich gewesen wären. Die Freude, welcher er sich überließ, so bald er sich allein sah, läßt uns keinen Zweifel übrig, daß er damals noch nicht das geringste Mißtrauen in sein Herz gesetzt habe. Diese Freude war über allen Ausdruck.
Liebhaber von einer gewissen Art können sich eine Vorstellung davon machen, welche der allerbesten Beschreibung wert ist; und den übrigen würde diese Beschreibung ohngefähr so viel helfen, als eine Seekarte einem Fußgänger. Die unvergleichliche Danae wieder zu sehen; nicht nur wieder zu sehen, in ihrem Hause zu sein, unter ihren Augen zu leben, ihres Umgangs zu genießen, vielleicht—ihrer Freundschaft gewürdiget zu werden—hier hielt seine entzückte Einbildungskraft stille. Die Hoffnungen eines gewöhnlichen Liebhabers würden weiter gegangen sein; allein Agathon war kein gewöhnlicher Liebhaber. "Ich liebe die schöne Danae", sagte Hyacinthus, da er nach ihrem Genuß lüstern war; "eben darum liebt ihr sie nicht", würde ihm die Sokratische Diotima geantwortet haben. Derjenige, der in dem Augenblick, da ihm seine Geliebte den ersten Kuß auf ihre Hand gestattet, einen Wunsch nach einer größern Glückseligkeit hat, muß nicht sagen, daß er liebe.
Veränderung der Szene
Danae hatte von der Freigebigkeit des Prinzen Cyrus, außer dem Hause, welches sie zu Smyrna bewohnte, ein Landgut, in der anmutigsten Gegend außerhalb dieser Stadt, wo sie von Zeit zu Zeit einige dem Vergnügen geweihte Tage zuzubringen pflegte. Hieher mußte sich Agathon begeben, um von seinem neuen Amte Besitz zu nehmen, und dasjenige zu veranstalten, was zum Empfang seiner Gebieterin nötig war, welche sich vorgenommen hatte, den Rest der schönen Jahrszeit auf dem Lande zu genießen. Wir widerstehen der Versuchung, eine Beschreibung von diesem Landgut zu machen, um dem Leser das Vergnügen zu lassen, sich dasselbe so wohlangelegt, so prächtig und so angenehm vorzustellen als er selbst es will. Alles, was wir davon sagen wollen, ist, daß diejenigen, deren Einbildungskraft einiger Unterstützung nötig hat, den sechszehnten Gesang des "befreiten Jerusalems" lesen müßten, um sich eine Vorstellung von dem Orte zu machen, den sich diese griechische Armide zum Schauplatz der Siege auswählte, die sie über unsern Helden zu erhalten hoffte. Sie fand nicht für gut, oder konnte es nicht über sich selbst erhalten, ihn lange auf ihre Ankunft warten zu lassen; und sie war kaum angelangt, als sie ihn zu sich rufen ließ, und ihn durch folgende Anrede in eine angenehme Bestürzung setzte: "Die Bekanntschaft, die wir vor einigen Tagen mit einander gemacht haben, wäre, auch ohne die Nachrichten, die mir Hippias von dir gegeben, schon genug gewesen, mich zu überzeugen, daß du für den Stand nicht geboren bist, in den dich ein widriger Zufall gesetzt hat. Die Gerechtigkeit, die ich Personen von Verdiensten widerfahren zu lassen fähig bin, gab mir das Verlangen ein, dich aus einer Abhänglichkeit von dem Hippias zu setzen, welche die Verschiedenheit deiner Denkungsart von der seinigen, dir in die Länge beschwerlich gemacht hätte. Er hatte die Gefälligkeit, dich mir als eine Person vorzuschlagen, die sich schickte, die Stelle eines Aufsehers in meinem Hause zu vertreten. Ich nahm sein Erbieten an, um das Vergnügen zu haben, den Gebrauch davon zu machen, den ich deinen Verdiensten und meiner Denkungsart schuldig bin. Du bist frei, Callias, und vollkommen Meister zu tun was du für gut befindest. Kann die Freundschaft, die ich dir anbiete, dich bewegen bei mir zu bleiben, so wird der Name eines Amtes, von dessen Pflichten ich dich völlig freispreche, wenigstens dazu dienen, der Welt eine begreifliche Ursache zu geben, warum du in meinem Hause bist; wo nicht, so soll das Vergnügen, womit ich zu Beförderung der Entwürfe, die du wegen deines künftigen Lebens machen kannst, die Hand bieten werde, dich von der Lauterkeit der Bewegungsgründe überzeugen, welche mich so gegen dich zu handeln angetrieben haben." Die edle und ungezwungene Anmut, womit dieses gesprochen wurde, vollendete die Würkung, die eine so großmütige Erklärung auf den Empfindungs-vollen Agathon machen mußte, "was für eine Art zu denken! was für eine Seele!" Konnt' er weniger tun, als sich zu ihren Füßen werfen, um in Ausdrücken, deren Verwirrung ihre ganze Beredsamkeit ausmachte, der Bewundrung und der Dankbarkeit Luft zu machen, deren übermaß seine Brust zersprengen zu wollen schien. "Keine Danksagungen, Callias", unterbrach ihn die großmütige Danae, "was ich getan habe, ist nicht mehr als ich einem jeden andern, der deine Verdienste hätte, eben sowohl schuldig zu sein glaubte -" "Ich habe keine Ausdrücke für das was ich empfinde, anbetungswürdige Danae", rief der entzückte Agathon, "ich nehme dein Geschenk an, um das Vergnügen zu genießen, dein freiwilliger Sklave zu sein; eine Ehre, gegen die ich die Krone des Königs von Persien verschmähen würde. Ja, schönste Danae, seitdem ich dich gesehen habe, kenne ich kein größeres Glück als dich zu sehen; und wenn alles, was ich in deinem Dienste tun kann, fähig sein kann, dich von der unaussprechlichen Empfindung, die ich von deinem Werte habe, zu überzeugen; würdig sein kann, mit einem zufriednen Blick von dir belohnt zu werden—o Danae! wer wird denn so glücklich sein als ich?" "Laßt uns", sagte die bescheidne Nymphe, "ein Gespräch enden, das die allzugroße Dankbarkeit deines Herzens auf einen zu hohen Ton gestimmt hat. Ich habe dir gesagt, auf was für einem Fuß du hier sein wirst. Ich sehe dich als einen Freund meines Hauses an, dessen Gegenwart mir Vergnügen macht, dessen Wert ich hoch schätze, und dessen Dienste mir in meinen Angelegenheiten desto nützlicher sein können, da sie freiwillig und die Frucht einer uneigennützigen Freundschaft sein werden." Mit diesen Worten verließ sie den dankbaren Agathon, in dessen Erklärung einige vielleicht Schwulst und Unsinn, oder wenigstens zuviel Feuer und Entzückung gefunden haben werden. Allein sie werden sich zu erinnern belieben, daß Agathon weder in einer so gelassenen Gemütsverfassung war, wie sie; noch alles wußte, was sie durch unsere Indiskretion von der schönen Danae erfahren haben. Wir wissen freilich was wir ungefähr von ihr denken sollen; allein in seinen Augen war sie eine Göttin; und zu ihren Füßen liegend konnte er, zumal bei der Verbindlichkeit, die er ihr hatte, natürlicher Weise, diese Danae nicht mit einer so philosophischen Gleichgültigkeit ansehen, wie wir andern.
Agathon war nun also ein Hausgenosse der schönen Danae, und entfaltete mit jedem Tage neue Verdienste, die ihm dieses Glück würdig zeigten, und die seine geringe Achtung für den Hippias ihn verhindert hatte, in dessen Hause sehen zu lassen. Da nebst den besondern Ergötzungen des Landlebens diese feinere Art von Belustigungen, an denen der Witz und die Musen den meisten Anteil haben, die hauptsächlichste Beschäftigung war, wozu man die Zeit in diesem angenehmen Aufenthalt anwendete; so hatte er Gelegenheit genug, seine Talente von dieser Seite schimmern zu lassen; und seine bezauberte Phantasie gab ihm so viele Erfindungen an die Hand, daß er keine andre Mühe hatte, als diejenigen auszuwählen, die er am geschicktesten glaubte, seine Gebieterin und die kleine Gesellschaft von vertrauten Freunden, die sich bei ihr einfanden, zu ergötzen. So weit war es schon mit demjenigen gekommen, der vor wenigen Wochen es für eine geringschätzige Bestimmung hielt, in der Person eines unschuldigen Anagnosten die jonischen Ohren zu bezaubern.
In der Tat können wir länger nicht verbergen, daß diese unbeschreibliche Empfindung (wie er dasjenige nannte was ihm die schöne Danae eingeflößt hatte) dieses ich weiß nicht was, welches wir, so wenig er es auch gestanden hätte, ganz ungescheut Liebe nennen wollen, in dem Lauf von wenigen Tagen so sehr zugenommen hatte, daß einem jeden andern als einem Agathon die Augen über den wahren Zustand seines Herzens aufgegangen wären. Wir wissen wohl, daß die Umständlichkeit unsrer Erzählung bei diesem Teile seiner Geschichte, den Ernsthaftern unter unsern Lesern, wenn wir anders dergleichen haben werden, sehr langweilig vorkommen wird. Allein die Achtung, die wir ihnen schuldig sind, kann uns nicht verhindern, uns die Vorstellung zu machen, daß diese Geschichte vielleicht künftig, und wenn es auch nur aus einem Gewürzladen wäre, einem jungen noch nicht ganz ausgebrüteten Agathon in die Hände fallen könnte, der aus einer genauern Beschreibung der Veränderungen, welche die Göttin Danae nach und nach in dem Herzen und der Denkungsart unsers Helden hervorgebracht, sich gewisse Beobachtungen und Kautelen ziehen könnte, von denen er vielleicht einen guten Gebrauch zu machen Gelegenheit bekommen möchte. Wir glauben also, wenn wir diesem zukünftigen Agathon zu Gefallen uns die Mühe nehmen, der Leidenschaft unsers Helden von der Quelle an in ihrem wiewohl noch geheimen Lauf nachzugehen, desto eher entschuldiget zu sein, da es allen übrigen, die mit diesen Anekdoten nichts zu machen wissen, frei steht, das folgende Kapitel zu überschlagen.
Natürliche Geschichte der Platonischen Liebe
"Die Quelle der Liebe", sagt Zoroaster, oder hätte es doch sagen können, "ist das Anschauen eines Gegenstandes, der unsre Einbildungskraft bezaubert." Der Wunsch diesen Gegenstand immer anzuschauen, ist der erste Grad derselben. Je bezaubernder dieses Anschauen ist, und je mehr die an dieses Bild der Vollkommenheit angeheftete Seele daran zu entdecken und zu bewundern findet, desto länger bleibt sie in den Grenzen dieses ersten Grades der Liebe stehen. Dasjenige was sie hiebei erfährt, kommt anfangs demjenigen außerordentlichen Zustande ganz nahe, den man Verzückung nennt; alle andere Sinnen, alle wirksamen Kräfte der Seele scheinen stille zu stehen, und in einen einzigen Blick, worin man keiner Zeitfolge gewahr wird, verschlungen zu sein. Dieser Zustand ist zu gewaltsam, als daß er lange dauern könnte; langsamer oder schneller macht er der Empfindung eines unaussprechlichen Vergnügens Platz, welches die natürliche Folge jenes ekstatischen Anschauens ist, und wovon, wie einige Adepten uns versichert haben, keine andre Art von Vergnügen oder Wollust uns einen bessern Begriff geben kann, als der unreine und düstre Schein einer Pechfackel von der Klarheit des unkörperlichen Lichts, worin, nach der Meinung der Morgenländischen Weisen, die Geister als in ihrem Elemente leben. Dieses innerliche Vergnügen äußert sich bald durch die Veränderungen, die es in dem mechanischen Teil unsers Wesens hervorbringt; es wallt mit hüpfender Munterkeit in unsern Adern, es schimmert aus unsern Augen, es gießt eine lächelnde Heiterkeit über unser Gesicht, und gibt allen unsern Bewegungen eine neue Lebhaftigkeit und Anmut: es stimmt und erhöhet alle Kräfte unsrer Seele, belebt das Spiel der Phantasie und des Witzes, und kleidet, so zu sagen, alle unsre Ideen in den Schimmer und die Farbe der Liebe. Ein Liebhaber ist in diesem Augenblick mehr als ein gewöhnlicher Mensch; er ist (wie Plato sagt) von einer Gottheit voll, die aus ihm redet und würket; und es ist keine Vollkommenheit, keine Tugend, keine Heldentat so groß, wozu er in diesem Stande der Begeistrung und unter den Augen des geliebten Gegenstands nicht fähig wäre. Dieser Zustand dauert noch fort, wenn er gleich von demselben entfernt wird, und das Bild desselben, das seine ganze Seele auszufüllen scheint, ist so lebhaft, daß es einige Zeit braucht, bis er der Abwesenheit des Urbildes gewahr wird. Aber kaum empfindet die Seele diese Abwesenheit, so verschwindet jenes Vergnügen mit seinem ganzen bezauberten Gefolge; man erfährt in immer zunehmenden Graden das Gegenteil von allen Würkungen jener Begeisterung, wovon wir geredet haben; und derjenige der vor kurzem mehr als ein Mensch schien, scheint nun nichts als der Schatten von sich selbst, ohne Leben, ohne Geist, zu nichts geschickt als in einöden Wildnissen wie ein Gespenst umherzuirren, den Namen seiner Göttin in Felsen einzugraben, und den tauben Bäumen seine Schmerzen vorzuseufzen; ein kläglicher Zustand, in Wahrheit, wenn nicht ein einziger Blick des Gegenstands, von dem diese seltsame Bezauberung herrührt, hinlänglich wäre, in einem Wink diesem Schatten wieder einen Leib, dem Leib eine Seele, und der Seele diese Begeisterung wieder zu geben, durch welche sie ohne Beobachtung einiger Gradation von der Verzweiflung zu unermeßlicher Wonne übergeht. Wenn Agathon dieses alles nicht völlig in so hohem Grad erfuhr, als andre von seiner Art, so muß dieses vermutlich allein dem Einfluß beigemessen werden, den seine werte Psyche noch in dasjenige hatte, was in seinem Herzen vorging. Allein wir müssen gestehen, dieser Einfluß wurde immer schwächer; die lebhaften Farben, womit ihr Bild seiner Phantasie ehemals vorgeschwebt hatte, wurden immer matter; und anstatt daß ihn sonst sein Herz an sie erinnert hatte, mußte es itzt von ohngefähr und durch einen Zufall geschehen. Endlich verschwand dieses Bild gänzlich; Psyche hörte auf für ihn zu existieren, ja kaum erinnerte er sich alles dessen, was vor seiner Bekanntschaft mit der schönen Danae vorgegangen war anders, als ein erwachsener Mensch sich seiner ersten Kindheit erinnert. Es ist also leicht zu begreifen, daß seine ganze vormalige Art zu empfinden und zu sein, einige Veränderung erlitt, und gleichsam die Farbe und den Ton des Gegenstands bekam, der mit einer so unumschränkten Macht auf ihn würkte. Sein ernsthaftes Wesen machte nach und nach einer gewissen Munterkeit Platz, die ihm vieles, das er ehmals mißbilligst hatte, in einem günstigern Lichte zeigte; seine Sittenlehre wurde unvermerkt freier und gefälliger, und seine ehmaligen guten Freunde, die ätherischen Geister, wenn sie ja noch einigen Zutritt bei ihm hatten, mußten sich gefallen lassen, die Gestalt der schönen Danae anzunehmen, um vorgelassen zu werden. Vor Begierde der Beherrscherin seines Herzens zu gefallen, vergaß er, sich um den Beifall unsichtbarer Zuschauer seines Lebens zu bekümmern; und der Zustand der entkörperten Seelen deuchte ihn nicht mehr so beneidenswürdig, seitdem er im Anschauen dieser irdischen Göttin ein Vergnügen genoß, welches alle seine Einbildungen überstieg. Der Wunsch immer bei ihr zu sein, war nun erfüllt, dem zweiten, der auf diesen gefolget sein würde, dem Verlangen ihre Freundschaft zu besitzen war sie selbst gleich anfangs großmütiger Weise zuvorgekommen, und die verbindliche und vertraute Art, wie sie etliche Tage lang mit ihm umging, ließ ihm von dieser Seite nichts zu wünschen übrig. Er hatte ihre Freundschaft, nun wünschte er auch ihre Zärtlichkeit zu haben—Ihre Zärtlichkeit!—Ja, aber eine Zärtlichkeit, wie nur die Einbildungskraft eines Agathons fähig ist, sich vorzustellen. Kurz, da er anfing zu merken, daß er sie liebe, so wünschte er wieder geliebt zu werden. Allein er liebte sie mit einer so uneigennützigen, so geistigen, so begierdenfreien Liebe, als ob sie eine Sylphide gewesen wäre; und der kühnste Wunsch, den er zu wagen fähig war, war nur, in derjenigen sympathetischen Verbindung der Seelen mit ihr zu stehen, wovon ihm Psyche die Erfahrung gegeben hatte. "Wie angenehm" (dacht er) "wie entzückungsvoll, wie sehr über alles, was die Sprache der Sterblichen ausdrücken kann, mußte eine solche Sympathie mit einer Danae sein, da sie mit Psyche schon so angenehm gewesen war!" Zum Unglück für unsern Platoniker war dieses ein Plan, wozu Danae, welche dieses mal keine Sylphide spielen wollte, sich nicht so gut anließ, als er es gewünscht hatte. Sie fuhr immer fort sich in den Grenzen der Freundschaft zu halten, und, die Wahrheit zu sagen, sie war entweder nicht geistig genug, sich von dieser intellektualischen Liebe, von der er ihr so viel schönes vorsagte, einen rechten Begriff zu machen; oder sie fand es lächerlich, in ihrem Alter und mit ihrer Figur eine Rolle zu spielen, die, nach ihrer Denkungsart, sich nur für eine Person schickte, die im Bade keine Besuche mehr annimmt; wenn sie gleich allzu bescheiden war, ihm dieses mit Worten zu sagen, so fand sie doch Mittel genug, ihm ihre Gedanken über diesen Punkt auf eine vielleicht eben so nachdrückliche Art zu erkennen zu geben. Gewisse kleine Nachlässigkeiten in ihrem Putz, ein verräterischer Zephir, oder ihr Sperling, der indem sie neben Agathon auf einer Ruhebank saß, mit mutwilligem Schnabel an dem Gewand zerrte, das zu ihren Füßen herabfloß, schienen seiner ätherischen Liebe zu spotten, und ihm Aufmunterungen zu geben, die ein minder bezauberter Liebhaber nicht nötig gehabt hätte. Danae hatte Ursache mit der Würkung dieser kleinen Kunstgriffe zufrieden zu sein. Agathon, welcher sich angewöhnt hatte, den Leib und die Seele als zwei verschiedene Wesen zu betrachten, und in dessen Augen Danae eine geraume Zeit nichts anders, als (nach dem Ausdruck des Guidi) eine himmlische Schönheit in einem irdischen Schleier gewesen war, vermengte diese beiden Wesen je länger je mehr in seiner Phantasie mit einander, und er konnte es desto leichter, da in der Tat alle körperlichen Schönheiten seiner Göttin so beseelt waren, und alle Schönheiten ihrer Seele so lebhaft aus diesem reizenden Schleier hervorschimmerten, daß es beinahe unmöglich war, sich eine ohne die andre vorzustellen. Dieser Umstand brachte zwar keine wesentliche Veränderung in seiner Art zu lieben hervor; doch ist gewiß, daß er nicht wenig dazu beitrug, ihn unvermerkt in eine Verfassung zu setzen, welche die Absichten der schlauen Danae mehr zu begünstigen als abzuschrecken schien. "O du, für den wir aus großmütiger Freundschaft uns die Mühe gegeben haben, dieses dir allein gewidmete Kapitel zu schreiben, halte hier ein und frage dein Herz. Wenn du eine Danae gefunden hast (armer Jüngling! welche Molly Seagrim kann es nicht in deinen bezauberten Augen sein?) und du verstehest den Schluß dieses Kapitels, so kömmt unsre Warnung schon zu spät, und du bist verloren, fliehe, von dem Augenblick an, da du sie gesehen; fliehe, und ersticke den Wunsch sie wieder zu sehen! Wenn du das nicht kannst; wenn du, nachdem du diese Warnung gelesen, nicht willst: so bist du kein Agathon mehr, so bist du was wir andern alle sind; tue was du willst, es ist nichts mehr an dir zu verderben."
Worin der Geschichtschreiber sich einiger Indiskretion schuldig macht
Die schöne Danae war sehr weit entfernt, gleichgültig gegen die Vorzüge des Callias zu sein, und es kostete ihr würklich, so gesetzt sie auch war, einige Mühe, ihm zu verbergen, wie sehr sie von seiner Liebe gerührt war, und wie gern sie sich dieselbe zu Nutz gemacht hätte. Allein aus einem Agathon einen Alcibiades zu machen, das konnte nicht das Werk von etlichen Tagen sein, und um so viel weniger, da er durch unmerkliche Schritte, und ohne, daß sie selbst etwas dabei zu tun schien, zu einer so großen Veränderung gebracht werden mußte, wenn sie anders dauerhaft sein sollte. Die große Kunst war, unter der Masque der Freundschaft seine Begierden zu eben der Zeit zu reizen, da sie selbige durch eine unaffektierte Zurückhaltung abzuschrecken schien. Allein auch dieses war nicht genug; er mußte vorher die Macht zu widerstehen verlieren; wenn der Augenblick einmal gekommen sein würde, da sie die ganze Gewalt ihrer Reizungen an ihm zu prüfen entschlossen war. Eine zärtliche Weichlichkeit mußte sich vorher seiner ganzen Seele bemeistern, und seine in Vergnügen schwimmende Sinnen mußten von einer süßen Unruhe und wollüstigen Sehnsucht eingenommen werden, ehe sie es wagen wollte, einen Versuch zu machen, der, wenn er zu früh gemacht worden wäre, gar leicht ihren ganzen Plan hätte vereiteln können. Zum Unglück für unsern Helden ersparte ihr seine magische Einbildungskraft die Hälfte der Mühe, welche sie aus einem übermaß von Freundschaft anwenden wollte, ihm die Verwandlung, die mit ihm vorgehen sollte, zu verbergen. Ein Lächeln seiner Göttin war genug, ihn in Vergnügen zu zerschmelzen; ihre Blicke schienen ihm einen überirdischen Glanz über alles auszugießen, und ihr Atem der ganzen Natur den Geist der Liebe einzuhauchen: Was mußte denn aus ihm werden, da sie zu Vollendung ihres Sieges alles anwendete, was auch den unempfindlichsten unter allen Menschen zu ihren Füßen hätte legen können? Agathon wußte noch nicht, daß sie die Laute spielte, und in der Musik eine eben so große Virtuosin als in der Tanzkunst war. Die Feste und Lustbarkeiten, in deren Erfindung er unerschöpflich war, um ihr den ländlichen Aufenthalt angenehmer zu machen, gaben ihr Anlaß, ihn durch Entdeckung dieser neuen Reizungen in Erstaunung zu setzen. "Es ist billig", sagte sie zu ihm, "daß ich deine Bemühungen, mir Vergnügen zu machen, durch eine Erfindung von meiner Art erwidre. Diesen Abend will ich dir den Wettstreit der Sirenen und der Musen geben, ein Stück des berühmten Damons, das ich noch aus Aspasiens Zeiten übrig habe, und das von den Kennern für das Meisterstück der Tonkunst erklärt wurde. Die Anstalten sind schon dazu gemacht, und du allein sollst der Zuhörer und Richter dieses Wettgesangs sein." Niemals hatte den Agathon eine Zeit länger gedaucht, als die wenigen Stunden, die er in Erwartung dieses versprochenen Vergnügens zubrachte. Danae hatte ihn verlassen, um durch ein erfrischendes Bad ihrer Schönheit einen neuen Glanz zu geben, indessen daß er die verschwindenden Strahlen der untergehenden Sonne einen nach dem andern zu zählen schien. Endlich kam die angesetzte Stunde. Der schönste Tag hatte der anmutigsten Nacht Platz gemacht, und eine süße Dämmerung hatte schon die ganze schlummernde Natur eingeschleiert; als plötzlich ein neuer zauberischer Tag, den eine unendliche Menge künstlich versteckter Lampen verursachte, den reizenden Schauplatz sichtbar machte, welchen die Fee dieses Orts zu diesem Lustspiel hatte zubereiten lassen. Eine mit Lorbeerbäumen beschattete Anhöhe erhob sich aus einem spiegelhellen See, der mit Marmor gepflastert, und ringsum mit Myrten und Rosenhecken eingefaßt war. Kleine Quellen schlängelten den Lorbeerhain herab, und rieselten mit sanftem Murmeln oder lächelndem Klatschen in den See, an dessen Ufer hier und da kleine Grotten, mit Korallenmuscheln und andern Seegewächsen ausgeschmückt hervorragten, und die Wohnung der Nymphen dieses Wassers zu sein schienen. Ein kleiner Nachen in Gestalt einer Perlenmuschel, der von einem marmornen Triton emporgehalten wurde, stund der Anhöhe gegen über am Ufer, und war der Sitz, auf welchem Agathon als Richter den Wettgesang hören sollte.
Magische Kraft der Musik
Agathon hatte seinen Platz kaum eingenommen, als man in dem Wasser ein wühlendes Plätschern, und aus der Ferne, wie es ließ, eine sanft zerflossene Harmonie hörte, ohne jemand zu sehen, von dem sie herkäme. Unser Liebhaber, den dieser Anfang in ein stilles Entzücken setzte, wurde, ungeachtet er zu diesem Spiele vorbereitet war, zu glauben versucht, daß er die Harmonie der Sphären höre, von deren Würklichkeit ihn die Pythagorischen Weisen beredet hatten; allein, während daß sie immer näher kam und deutlicher wurde, sah er zu gleicher Zeit die Musen aus dem kleinen Lorbeerwäldchen und die Sirenen aus ihren Grotten hervorkommen. Danae hatte die jüngsten und schönsten aus ihren Aufwärterinnen ausgelesen, diese Meernymphen vorzustellen, die, nur von einem wallenden Streif von himmelblauem Byssus umflattert, mit Cithern und Flöten in der Hand sich über die Wellen erhuben, und mit jugendlichem Stolz untadeliche Schönheiten vor den Augen ihrer eifersüchtigen Gespielen entdeckten. Allein kleine Tritonen, bliesen, um sie her schwimmend, aus krummen Hörnern, und neckten sie durch mutwillige Spiele; indes daß Danae mitten unter den Musen, an den Rand der kleinen Halbinsel herabstieg, und, wie Venus unter den Grazien, oder Diana unter ihren Nymphen hervorglänzend, dem Auge keine Freiheit ließ, auf einem andern Gegenstande zu verweilen. Ein langes schneeweißes Gewand floß, unter dem halbentblößten Busen mit einem goldnen Gürtel umfaßt, in kleinen wallenden Falten zu ihren Füßen herab; ein Kranz von Rosen wand sich um ihre Locken, wovon ein Teil in kunstloser Anmut um ihren Nacken schwebte; ihr rechter Arm, auf dessen Weiße die Homerische Juno eifersüchtig hätte sein dürfen, umfaßte eine Laute von Elfenbein. Die übrigen Musen, mit verschiednen Saiteninstrumenten versehen, lagerten sich zu ihren Füßen; sie allein blieb in einer unnachahmlich reizenden Stellung stehen, und hörte lächelnd der Aufforderung zu, welche die übermütigen Syrenen ihr entgegensangen. Man muß ohne Zweifel gestehen, daß das Gemälde, welches sich in diesem Augenblick unserm Helden darstellte, nicht sehr geschickt war, weder sein Herz noch seine Sinnen in Ruhe zu lassen; allein die Absicht der Danae war nur, ihn durch die Augen zu den Vergnügungen eines andern Sinnes vorzubereiten, und ihr Stolz verlangte keinen geringern Triumph, als ein so reizendes Gemälde durch die Zaubergewalt ihrer Stimme und ihrer Saiten in seiner Seele auszulöschen. Sie schmeichelte sich nicht zu viel. Die Sirenen hörten auf zu singen, und die Musen antworteten ihrer Ausforderung durch eine Symphonie, welche auszudrucken schien, wie gewiß sie sich des Sieges hielten. Nach und nach verlor sich die Munterkeit, die in dieser Symphonie herrschte; ein feierlicher Ernst nahm ihren Platz ein, das Getön wurde immer einförmiger, bis es nach und nach in ein dunkles gedämpftes Murmeln und zuletzt in eine gänzliche Stille erstarb. Ein allgemeines Erwarten schien dem Erfolg dieser vorbereitenden Stille entgegen zu horchen, als es auf einmal durch eine liebliche Harmonie unterbrochen wurde, welche die geflügelten und seelenvollen Finger der schönen Danae aus ihrer Laute lockten. Eine Stimme, welche fähig schien, die Seelen ihren Leibern zu entführen, und Tote wieder zu beseelen (wenn wir einen Ausdruck des Liebhabers der schönen Laura entlehnen dürfen) eine so bezaubernde Stimme beseelte diese reizende Anrede. Der Inhalt des Wettgesangs war über den Vorzug der Liebe, die sich auf die Empfindung, oder derjenigen, die sich auf die bloße Begierde gründet. Nichts könnte rührender sein, als das Gemälde, welches Danae von der ersten Art der Liebe machte; "in solchen Tönen", dacht Agathon, "ganz gewiß in keinen andern, drücken die Unsterblichen einander aus, was sie empfinden; nur eine solche Sprache ist der Götter würdig." Die ganze Zeit da dieser Gesang dauerte, deuchte ihn ein Augenblick, und er wurde ganz unwillig, als Danae auf einmal aufhörte, und eine der Sirenen, von den Flöten ihrer Schwestern begleitet, kühn genug war, es mit seiner Göttin aufzunehmen. Allein er wurde bald gezwungen anders Sinnes zu werden, als er sie hörte; alle seine Vorurteile für die Muse konnten ihn nicht verhindern, sich selbst zu gestehen, daß eine fast unwiderstehliche Verführung in ihren Tönen atmete. Ihre Stimme, die an Weichheit und Biegsamkeit nicht übertroffen werden konnte, schien alle Grade der Entzückungen auszudrücken, deren die sinnliche Liebe fähig ist; und das weiche Getön der Flöten erhöhte die Lebhaftigkeit dieses Ausdrucks auf einen Grad, der kaum einen Unterschied zwischen der Nachahmung und der Wahrheit übrig ließ. "Wenn die Sirenen, bei denen der kluge Ulysses vorbeifahren mußte, so gesungen haben", (dachte Agathon) "so hatte er wohl Ursache, sich an Händen und Füßen an den Mastbaum binden zu lassen." Kaum hatten die Sirenen diesen Gesang geendiget, so erhub sich ein frohlockendes Klatschen aus dem Wasser, und die kleinen Tritonen stießen in ihre Hörner, den Sieg anzudeuten, den sie über die Musen erhalten zu haben glaubten. Allein diese hatten den Mut nicht verloren: Sie ermunterten sich bald wieder, und fingen eine Symphonie an, wovon der Anfang eine spottende Nachahmung des Gesanges der Sirenen zu sein schien. Nach einer Weile wechselten sie die Tonart und den Rhythmus durch ein Andante, welches in wenigen Takten nicht die mindeste Spur von den Eindrücken übrig ließ, die der Syrenen Gesang auf das Gemüte der Hörenden gemacht haben konnte. Eine süße Schwermut bemächtigte sich Agathons; er sank in ein angenehmes Staunen, unfreiwillige Seufzer entflohen seiner Brust, und wollüstige Tränen rollten über seine Wangen herab. Mitten aus dieser rührenden Harmonie erhob sich der Gesang der schönen Danae, welche durch die eifersüchtigen Bestrebungen ihrer Nebenbuhlerin aufgefordert war, die ganze Vollkommenheit ihrer Stimme, und alle Zauberkräfte der Kunst anzuwenden, um den Sieg gänzlich auf die Seite der Musen zu entscheiden. Ihr Gesang schilderte die rührenden Schmerzen einer wahren Liebe, die in ihrem Schmerzen selbst ein melancholisches Vergnügen findet; ihre standhafte Treue und die Belohnung, die sie zuletzt von der zärtlichsten Gegenliebe erhält. Die Art wie sie dieses ausführte, oder vielmehr die Eindrücke, die sie dadurch auf ihren Liebhaber machte, übertrafen alles was man sich davon vorstellen kann. Sein ganzes Wesen war Ohr, und seine ganze Seele zerfloß in die Empfindungen, die in ihrem Gesange herrscheten. Er war nicht so weit entfernt, daß Danae nicht bemerkt hätte, wie sehr er außer sich selbst war, und wie viel Mühe er hatte, um sich zu halten, aus seinem Sitz sich in das Wasser herabzustürzen, zu ihr hinüber zu schwimmen, und seine in Entzückung und Liebe zerschmolzene Seele zu ihren Füßen auszuhauchen. Sie wurde durch diesen Anblick selbst so gerührt, daß sie genötiget war, die Augen von ihm abzuwenden, um ihren Gesang vollenden zu können: Allein sie beschloß bei sich selbst, die Belohnung nicht länger aufzuschieben, welche sie einer so vollkommenen Liebe schuldig zu sein glaubte. Endlich endigte sich ihr Lied; die begleitende Symphonie hörte auf; die beschämten Sirenen flohen in ihre Grotten; die Musen verschwanden; und der staunende Agathon blieb in trauriger Entzückung allein.