16. Kapitel.Ostafrika unter Herrn von Soden.
Übernahme des Gouvernements. — Umwandlung der Schutztruppe. — Sodens erste Maßnahmen. — Starkes Beamtenpersonal. — Einteilung der Ressorts. — Einteilung der Küste in Bezirke. — Bezirkshauptleute und Stationschefs. — Verringerung des weißen Personals der Schutztruppe. — Verteilung der Truppe. — Doppelwirtschaft in der Unterstellung der Truppen unter Reichs-Marine-Amt und Auswärtiges Amt. — Einfall der Wahehe in Usagara. — Unterbrechung des Karawanen-Verkehrs. — Beschimpfung der deutschen Flagge im Innern. — Die Expedition des Kommandeurs von Zelewski und ihr Untergang. — Rückzug des Restes der Truppe. — Wirkung der Expedition auf die Wahehe; Wirkung an der Küste. — Verhandlungen des Gouverneurs durch Missionare mit den Wahehe gescheitert. — Die gefallenen Europäer und Farbigen in Uhehe noch unbeerdigt. — Schwierigkeiten auf afrikanischen Expeditionen; Sicherung auf denselben; afrikanisches Terrain. — Expedition des Verfassers durch Usegua, Nguru, Usagara wegen Unruhen der Wakuafi; Mitwirkung Bana Heris. — Expedition des Verfassers ins Mafitiland. — Rekognoszierungstour unter Lieutenant Prince nach Mpapua. — Erhebung der Wadigo bei Tanga. — Kämpfe am Kilimandscharo unterDr.Peters. — Neuorganisation der Schutztruppe. — Der Gouverneur übernimmt das Kommando; der Verfasser als militärischer Beirat. — Ergänzung der Schutztruppe durch Wißmann in Egypten und durch von Perbandt in Massaua. — Korvetten-Kapitän Rüdiger wird Stellvertreter des Gouverneurs. — Rückkehr des Verfassers nach Deutschland. — Teilung der Schutztruppe in die eigentliche Schutztruppe und Polizeimacht. — Verteilung auf die Bezirksämter. — Beurteilung dieser Organisation. — Wirkungskreis der Stationen im Innern. — Prinzipien bei der Besetzung der Bezirksämter. — Die Bemühungen des Gouverneurs, Bagamoyo durch Daressalam zu ersetzen. — Die Postverbindung mit dem Innern. — Erlasse des Gouverneurs, Zolleinnahmen betreffend. — Verhältnis des Gouverneurs zu den Eingeborenen. — Berater des Gouverneurs. — Nachrichten vom Kilimandscharo.
Übernahme des Gouvernements. — Umwandlung der Schutztruppe. — Sodens erste Maßnahmen. — Starkes Beamtenpersonal. — Einteilung der Ressorts. — Einteilung der Küste in Bezirke. — Bezirkshauptleute und Stationschefs. — Verringerung des weißen Personals der Schutztruppe. — Verteilung der Truppe. — Doppelwirtschaft in der Unterstellung der Truppen unter Reichs-Marine-Amt und Auswärtiges Amt. — Einfall der Wahehe in Usagara. — Unterbrechung des Karawanen-Verkehrs. — Beschimpfung der deutschen Flagge im Innern. — Die Expedition des Kommandeurs von Zelewski und ihr Untergang. — Rückzug des Restes der Truppe. — Wirkung der Expedition auf die Wahehe; Wirkung an der Küste. — Verhandlungen des Gouverneurs durch Missionare mit den Wahehe gescheitert. — Die gefallenen Europäer und Farbigen in Uhehe noch unbeerdigt. — Schwierigkeiten auf afrikanischen Expeditionen; Sicherung auf denselben; afrikanisches Terrain. — Expedition des Verfassers durch Usegua, Nguru, Usagara wegen Unruhen der Wakuafi; Mitwirkung Bana Heris. — Expedition des Verfassers ins Mafitiland. — Rekognoszierungstour unter Lieutenant Prince nach Mpapua. — Erhebung der Wadigo bei Tanga. — Kämpfe am Kilimandscharo unterDr.Peters. — Neuorganisation der Schutztruppe. — Der Gouverneur übernimmt das Kommando; der Verfasser als militärischer Beirat. — Ergänzung der Schutztruppe durch Wißmann in Egypten und durch von Perbandt in Massaua. — Korvetten-Kapitän Rüdiger wird Stellvertreter des Gouverneurs. — Rückkehr des Verfassers nach Deutschland. — Teilung der Schutztruppe in die eigentliche Schutztruppe und Polizeimacht. — Verteilung auf die Bezirksämter. — Beurteilung dieser Organisation. — Wirkungskreis der Stationen im Innern. — Prinzipien bei der Besetzung der Bezirksämter. — Die Bemühungen des Gouverneurs, Bagamoyo durch Daressalam zu ersetzen. — Die Postverbindung mit dem Innern. — Erlasse des Gouverneurs, Zolleinnahmen betreffend. — Verhältnis des Gouverneurs zu den Eingeborenen. — Berater des Gouverneurs. — Nachrichten vom Kilimandscharo.
Wir haben bereits erwähnt, daß während des Monats November 1890 der bisherige Gouverneur von Kamerun,Freiherr von Soden, sich in Sansibar und Ostafrika aufhielt, um sich über die dortigen Verhältnisse zu orientieren. Bei der Überleitung Deutsch-Ostafrikas in eine Kronkolonie war Major von Wißmann vom Reichskanzler nicht für den Gouverneursposten in Deutsch-Ostafrika in Aussicht genommen. Nachdem Soden Anfang Dezember von Sansibar wieder abgereist war, um in Deutschland die nötigen Vorbereitungen zu treffen und im Auswärtigen Amt seine Instruktionen entgegenzunehmen, ging er im März 1891 nach seiner Ernennung zum kaiserlichen Gouverneur (für die Dauer seiner Amtsthätigkeit mit dem Prädikat Excellenz) wiederum aus Berlin nach Ostafrika ab.
Nach seiner Ankunft besuchte er die Plätze Tanga, Bagamoyo und Daressalam; zu Bagamoyo fand die Übergabe durch den bisherigen kaiserlichen Reichskommissar statt. Bei der Neuordnung der Verhältnisse wurde durch Gesetz vom 22. März 1891 die Wißmann'sche Schutztruppe in eine kaiserliche umgewandelt, und zum Kommandeur derselben der bisherige Chef in der Schutztruppe Herr von Zelewski ernannt. Bezüglich der Verwendung der Schutztruppe in Ostafrika hatte der Gouverneur das Erforderliche zu bestimmen. Im Übrigen, auch im Civildienst waren die nötigen Organe ihm beigegeben worden.
Ursprünglich war beabsichtigt, für seinen Vertreter und sachkundigen Berater die Stellung eines Gouvernementsrates zu schaffen und diese dem früheren stellvertretenden Reichskommissar und Chef in der SchutztruppeDr.Karl Wilhelm Schmidt zu übergeben. Es wäre dies sehr praktisch gewesen; die Ruhe und Besonnenheit des älteren, im Verwaltungsdienst des Auswärtigen Amtes erfahrenen Herrn von Soden hätte einen Anhalt an der Praxis und Sachkunde des durchaus objektiven, von Optimismus gänzlich freien und ebenfalls besonnenen und ruhigenDr.Schmidt gefunden. Herr von Soden scheint sich jedoch mit allen Kräften dagegen gesträubt zu haben, einen wirklich an Ort und Stelle erfahrenen Herrn als Berater zu erhalten. Vielleicht besorgte er, dieser möchte zu viel Einfluß auf seine Amtsthätigkeit erlangen und am Ende das Heft gar selbst in die Hände bekommen. So setzte es denn Herr von Soden durch, daß die Stelle des Gouvernementsrates durchdie eines Oberrichters ersetzt wurde, der das Richteramt zweiter Instanz im Schutzgebiet ausüben sollte. Diese Stelle wurde zunächst garnicht besetzt, und erst ein halbes Jahr später dem bisherigen Legationsrat im Auswärtigen Amt, Sonnenschein, der im Ausland früher als Kommissar der Marschalls-Inseln thätig gewesen war, übertragen. Da die Wahl wegen der mit diesem Amte verbundenen Funktionen auf einen Juristen fallen mußte und an Ort und Stelle erfahrene Juristen nicht vorhanden waren, kann die Wahl dieses ruhigen und unparteiischen Herrn nur als eine glückliche bezeichnet werden. Im Übrigen erhielt die Verwaltung der Finanzen einen Chef in dem bisherigen Intendantur-AssessorDr.Kanzki, der zugleich Intendant der kaiserlichen Schutztruppe wurde. Seine Hauptstütze war der ihm unterstellte Land-Rentmeister, der ebenfalls an Ort und Stelle Erfahrungen nicht gesammelt hatte. Zu diesem Posten wurde zuerst ein früherer Marine-Zahlmeister, dann aber, da letzterer abgelöst werden mußte, ein früherer Post-Sekretair ausersehen. Dem letzteren war die in Ostafrika nötige Art der Verwaltung ebenso fremd wie demDr.Kanzki.
Obwohl daher am 1. April 1891 und in den folgenden Monaten in allen Zweigen der Verwaltung in Deutschland thätig gewesene Kassenbeamte nach Ostafrika hinausgeschickt wurden, und, wie wir bereits früher erwähnt, statt der paar Leute, die Wißmann für jene Verwaltungszwecke sich erst selbst hatte heranbilden müssen, ein wirklich umfangreiches Personal zur Verfügung stand, konnte doch die Verwaltung zunächst gar nicht recht in Gang kommen. Selbst heute, wo die Zahl der reinen Kassenbeamten und Schreiber ein viertel Hundert weit übersteigt, wird noch immer über Mangel an Bureaupersonal geklagt.
Eine geordnete Übergabe der Kassengeschäfte war durch die Thätigkeit der Revisions-Kommission in Ostafrika möglich gewesen. Von Seiten des Auswärtigen Amtes hatte man im Jahre 1890 zwei Revisoren nach Ostafrika geschickt, um sich einen genauen Einblick in die Kassenverwaltung des Reichskommissars zu verschaffen. Die Ursache dieser Maßregel war der Umstand, daß es dem Reichskommissar nicht gelungen war, bei den ungeordneten Verhältnissen und der Vielseitigkeitseiner sonstigen Thätigkeit, für alle ausgegebenen Summen die nötigen Belege der Legationskasse des Auswärtigen Amtes zu bringen. Die beiden Revisoren brachten nun alles ins rechte Geleis und stellten vor allen Dingen das Faktum fest, daß eine durchaus sachgemäße, den örtlichen Verhältnissen entsprechende Geldverwaltung vom Reichskommissar ausgeübt worden war.
Der ältere der beiden Revisoren war der bisherige Marine-Zahlmeister Sturz, der als Geschwader-Zahlmeister eine längere Erfahrung in Ostafrika hinter sich hatte und sich stets durch große Umsicht und Gewandtheit wie durch seinen praktischen Sinn ausgezeichnet hatte, auch besonders wegen der vorzüglichen ihm zur Seite stehenden Empfehlungen seines bisherigen Chefs, des Admirals Deinhard, für jenen schwierigen Posten als erster Revisor geeignet erschien. Er erfüllte seine Pflichten nicht nur mit der ihm eigenen Sachkunde, sondern auch mit großem Taktgefühl. Ihm zur Seite stand ein anderer Beamter der Marine Namens Selle. Leider ist der Versuch entweder nicht gelungen oder nicht gemacht worden, diese beiden Herren für den Verwaltungsdienst in Ost-Afrika zu gewinnen. Der Marine-Zahlmeister Sturz wäre jedenfalls eine im höchsten Grade geeignete Persönlichkeit für die Stelle des Chefs der Verwaltung in Ostafrika gewesen.
Andere Civil-Organe für den Gouverneur bildeten die Bezirks-Hauptleute, welche den Küstenbezirks-Ämtern vorstanden. Es wurde die Küste in 5 Bezirke, Tanga, Bagamoyo, Daressalam, Kilwa und Mgau eingeteilt. Für jeden dieser Bezirke wurde ein Bezirks-Amt, dem der betreffende Bezirkshauptmann vorstand, geschaffen. Diese Bezirkshauptleute hatten alle die Verwaltungs-Funktionen, welche die Stationschefs unter dem Reichskommissariat ausgeübt hatten. Da einige Bezirksämter mehrere Küsten-Stationen unter sich hatten, waren die Stationschefs der Neben-Stationen den Bezirkshauptleuten unterstellt.
Die Bezirkshauptleute wie die Stationschefs hatten auch wie früher die Gerichtsbarkeit in den Plätzen unter sich. Bei verwickelten Sachen, oder wo es sich um größere Objekte handelte, oder endlich wenn die eine der streitenden Parteienaus Europäern bestand, trat der zwei Monat vorher herausgeschickte, den ostafrikanischen Verhältnissen fremd gegenüberstehende Kanzler Eschke als Adlat des Gouverneurs in Thätigkeit.
Um die Verbindungen an der Küste zu unterhalten, verwandte man, wie zu Wißmanns Zeiten, die Flottille, nunmehr Gouvernements-Flottille genannt, die aus den kleinen Wißmann-Dampfern bestand und, wie wir bereits erwähnten, trotz vieler Mängel in den vergangenen Jahren gute Dienste geleistet hatte.
Zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit in Deutsch-Ostafrika, insbesondere zur Bekämpfung des Sklavenhandels diente, wie erwähnt, die kaiserliche Schutztruppe, bestehend aus 1500 farbigen Soldaten. Der Etat an für den eigentlichen Truppendienst in Betracht kommenden Europäern wurde jedoch mit dem 1. April 1891 erheblich verringert, und bestand nunmehr nur noch aus 24 Offizieren und 35 Unteroffizieren gegenüber 35 Offizieren, 16 Deckoffizieren und 107 Unteroffizieren zu Wißmanns Zeiten. Dazu traten noch für die kaiserliche Schutztruppe 10 Ärzte, gegenüber 5 unter Wißmann, ferner 15 Zahlmeister-Aspiranten, 16 Lazarettgehülfen und 2 Schreiber. Im ganzen jetzt 102 Europäer, früher 163. Viele der Europäer der Schutztruppe, besonders die Zahlmeister-Aspiranten und eine Reihe von Unteroffizieren waren gänzlich zum Gouvernementsdienst abkommandiert und gingen so der Truppe verloren.
Die Schutztruppe wurde auf Befehl von Berlin in 10 Kompagnien formiert, von denen 4 als Besatzungs-Kompagnien der Küste dienten, 4 Expeditions-Kompagnien und 2 Ersatz-Kompagnien für die Besetzungen des Innern und die Ablösungs-Mannschaften im Innern bildeten. Die 4 Besatzungs-Kompagnien waren auf die 5 Küsten-Bezirke derart verteilt, daß jeder Bezirk eine Kompagnie hatte, die Bezirke Bagamoyo und Daressalam dagegen zusammen eine Kompagnie mit dem Stabe in Bagamoyo. Die Kompagnieführer standen zugleich als Bezirks-Hauptleute den Bezirksämtern vor, hatten also doppelte Funktionen, und waren in civiler Hinsicht dem Gouverneur, in militärischer dem Kommandeur unterstellt. Es war dies ein bedeutender Mißstand, der zu Reibereiender betreffenden Behörden Veranlassung geben und die betreffenden Offiziere in Kollision mit den verschiedenen Pflichten bringen konnte. In gleicher Weise war dies beim Intendanten, der, wie erwähnt, ebenfalls den beiden Herren unterstellt war, beim Kanzler, der zugleich Auditeur der Schutztruppe war, endlich beim Landrentmeister der Fall.
Die Schutztruppe selbst unterstand, was Personalien und die militärische Verwaltung anlangte, jetzt dem Reichs-Marine-Amt, für ihre Verwendung und die ökonomische Verwaltung dagegen dem Gouverneur und der Kolonial-Abteilung des Auswärtigen Amtes, an deren Spitze der Dirigent derselben, Wirkliche Geheime Legations-RathDr.Kayser steht. In der Kolonial-Abteilung hatten wir in der Heimat eine Behörde, deren einzelne Beamten sich durch mehrjährige Thätigkeit in der Verwaltung der Kolonien sowohl in Berlin, wie teils auch an Ort und Stelle Erfahrungen erworben hatten, die, wie besonders der Dirigent derselben, den Kolonien nicht nur ein reges Interesse, sondern auch ein praktisches Verständnis entgegenbringen. Das Reichs-Marine-Amt dagegen bekam eigentlich in der Verwaltung der Schutztruppe ein Anhängsel: die Schutztruppe stand bis dahin der Marine vollkommen fremd gegenüber und dürfte wohl auch jetzt, wie dies ja auch erklärlich ist, als Stiefkind und unliebsames Anhängsel von der Marine angesehen werden. In keinem Falle kann die doppelte Unterstellung der Schutztruppe unter das Auswärtige Amt und das Reichs-Marine-Amt als vorteilhaft angesehen werden. Eine Vereinfachung hierin erscheint als dringendes Bedürfnis und man wird sich wohl auf die Dauer der Schaffung eines eigenen Kolonial-Amtes, in dem die betreffenden Behörden vereinigt und dem Leiter dieses Kolonial-Amtes unterstellt sein müßten, nicht entziehen können.
Bei der Überleitung des Reichskommissariats in das Gouvernement wurden die neu herausgesandten Beamten schon im Etat auffallend gut behandelt; weit weniger kümmerte man sich um viele der älteren Wißmann-Offiziere, für die der neue Etat geradezu eine bedeutende Verschlechterung bedeutete; ein Teil derselben wurde im Jahresgehalt um 2400 Mark heruntergesetzt. Junge Juristen, die Ostafrika im vorigenJahre das erste Mal erblickten und vorher daheim Assessoren gewesen waren, erhielten für ihre wenig aufreibende Thätigkeit im reinen Küsten- und Verwaltungsdienst ein Gehalt, das den Jahre lang in Afrika unter allerlei Gefahren und Entbehrungen thätig gewesenen älteren Offizieren genommen wurde; und wenn auch von den letzteren wohl kein einziger allein aus materiellen Gründen draußen seine Thätigkeit fortsetzte, so bewirkte doch diese Behandlung immerhin den Anfang einer Verstimmung.
Nachdem die Besetzung des Küstengebietes nach der erwähnten Einteilung neu durchgeführt war, ging der Gouverneur daran, die Verwaltung in seinem Sinne einzurichten. Es gehört nicht in den Rahmen dieses Buches, ausführlich alles das, was nach der Uebergabe der Geschäfte durch von Soden geschehen ist, zu beschreiben; es sollen nur in kurzen Zügen die Ereignisse des letzten Jahres geschildert werden. Wißmanns Arbeit hatte dem Gouverneur eine Basis geschaffen, auf welcher der letztere seine Thätigkeit aufbauen konnte. —
Der in einem früheren Kapitel erwähnte Zug des Chefs Ramsay ins Mukondogua-Thal und sein Abkommen mit den Wahehe hatte diese bewogen, Gesandte nach der Küste zu schicken, die einen endgültigen Frieden mit dem Gouverneur abschließen sollten. In Bagamoyo angekommen, wurde den Leuten, da gerade damals das ganze Expeditionskorps in Bagamoyo sich befand, ein Begriff von unserer Stärke beigebracht. Man gab sich der Hoffnung hin, daß die Wahehe auf ihren Raubzügen jetzt etwas vorsichtiger sein würden und jedenfalls die Karawanenstraße und Usagara nicht mehr beunruhigen, sondern sich auf Kriege mit den Wagogo, Massai und Warori beschränken würden. Die Wahehe heuchelten in jeder Beziehung Unterwürfigkeit und versprachen alles, was von ihnen verlangt wurde. Befremdlich war es jedoch, daß, nachdem die Gesandtschaft entlassen und in ihr Land zurückgekehrt war, sogleich wieder ein neuer Einfall nach Usagara gemacht und dieses wichtige Land aufs empfindlichste von den Räuberhorden beunruhigt wurde.
Der Verkehr auf der nach Bagamoyo führenden Straße war vollständig unterbrochen, unsere Schutzbefohlenen ausUsagara klagten ihre Not nach Bagamoyo, sie meldeten, daß die deutsche Flagge in den Dörfern, die sie geführt hätten, von den Wahehe herunter gerissen worden sei und daß dieselben unsere Behörden verhöhnt hätten. Ein Eingriff der Schutztruppe in dem bedrohten Gebiet war demnach selbstverständlich. Der dem Gouverneur oder vielmehr, da dieser neu nach Ostafrika gekommen war, seinen Beratern, — und das waren diesem Falle wir, die ältesten Offiziere, speziell der Verfasser als Bezirks-Hauptmann von Bagamoyo, — gemachte Vorwurf, daß die gegen die Wahehe ausgerüstete Strafexpedition leichtsinnig und überflüssig gewesen wäre, ist durchaus unverständlich.
Die Frechheit der Wahehe, welche über unsere Leichtgläubigkeit und die ihnen bewiesene Nachsicht nur spotteten, mußte bestraft werden, die Bewohner der blühenden Ortschaften im Mukondoguathal durften nicht in ihrem Vertrauen auf uns getäuscht werden, die Ruhe an der Karawanenstraße mußte hergestellt werden: das waren doch wohl vollwichtige Gründe, aus denen der Verfasser beim Gouverneur die Ausrüstung einer Expedition, die schleunigst von Bagamoyo in die bedrohte Gegend marschieren sollte, beantragte. Die Führung derselben wurde auf seinen Vorschlag vom Gouverneur ursprünglich dem Verfasser zugedacht; Nachrichten indes, welche aus Kilwa nach Daressalam drangen und besagten, daß dort die Mafiti wie alljährlich einen Einfall in das Hinterland von Kilwa gemacht hätten und bis ganz dicht an die Stadt vorgedrungen wären, machten zunächst ein Einschreiten um Kilwa notwendig, da hier die Küstenbevölkerung selbst bedroht schien.
So ging denn der Kommandant der Schutztruppe von Zelewski mit dem gesamten Expeditionskorps von 4 Kompagnien nach Kilwa, um nach Beseitigung der Mafiti-Gefahr im Einverständnis mit dem Gouverneur durch das Hinterland über den Rufidji nach Usagara zu marschieren. Der Verfasser hat sich zu jener Zeit in Daressalam dahin ausgesprochen, daß dieser Marsch ihm nicht empfehlenswert erschien. Ein Eingreifen des Expeditionskorps war allerdings zunächst bei Kilwa absolut notwendig. Indes nach Beseitigung der Gefahr von Kilwa wäre die Überführung der für die Wahehe-Expeditionnotwendigen Truppen durch Dampfer nach Bagamoyo richtig gewesen, von wo aus dann die Expedition in Eilmärschen auf der Karawanenstraße nach Mpapua hätte vorgehen können. In Mpapua lag die Möglichkeit vor, aus den Reihen der Wagogo und Massai, den Feinden der Wahehe, für uns sehr wertvolle Bundesgenossen zu erhalten, durch diese mehr gesichert, von Mpapua aus nach Süden in Uhehe einzudringen und hier nach Osten auf Kondoa herumzugreifen. Der Zweck eines Marsches durch das Hinterland von Kilwa erschien aus militärischen und politischen Gründen verfehlt. Die Schwierigkeiten, die sich der Verpflegung einer großen Truppe entgegenstellen mußten, die Notwendigkeit, daß man nicht zu unterschätzende, räuberische Stämme zu passieren hatte, die uns einerseits immer ausweichen, andererseits aber in ungünstiger Gegend, auf Lagerplätzen und beim Marsch leicht gefährlich werden konnten, sprachen zu laut dagegen. Im besten Falle war dieser Marsch eine gute Sports-, vielleicht auch eine geographische Leistung, aber einen bedeutenden Erfolg konnte er nicht haben. Die Absicht, nach Mpapua zu gehen und von hier aus die Expedition durch Verbündete aus den Reihen der genannten Stämme zu verstärken, hatte der Kommandant ebenfalls, aber er wollte von Kilwa aus nach Mpapua gelangen; der Gouverneur genehmigte trotz der zur Sprache gekommenen Bedenken diesen Plan.
Um Zeit zu sparen, war Zelewski gezwungen, nach der Ankunft am Jombofluss von dem Marsch nach Mpapua Abstand zu nehmen und die Expedition von diesem Flusse aus direkt nach Uhehe zu führen. Auf dem bisherigen Marsche waren die Mafiti nirgends angetroffen worden, sondern überall der marschierenden Truppe ausgewichen; bei Kilwa selbst fand man auch nur ein verlassenes Lager der Mafiti vor. Das Land der nördlichen Mahenge wurde passiert und mit diesen ein durchaus friedlicher Verkehr gepflogen. Aber auch da zeigte sich die Unzuverlässigkeit gerade dieser Stämme. Nachdem das Expeditionskorps kaum ihr Land verlassen hatte, benutzten sie die Gelegenheit zu einem Einfall nach Usaramo, in der Annahme, daß nun an der Küste nicht mehr genügend starke Kräfte vorhanden seien, um ihnen entgegenzutreten.
Nach der Überschreitung des Rufidji war eine Zulukompagnie vom Expeditionskorps nach Daressalam zurückgeschickt worden, um für etwa notwendige Unterstützungen hier zur Verfügung zu stehen, und wurde der Weitermarsch mit nur drei Kompagnien vorgenommen. Vom Jomboflusse aus ging es mehr südlich nach Uhehe hinein. Die Wahehe, die nirgends einen ernstlichen Widerstand leisteten, wurden überall vertrieben und ihnen, da sie eben allerorten zurückwichen, die einzig mögliche Strafe durch Niederbrennung ihrer Tembes (befestigte Ortschaften) und Plünderung ihres Eigentums zu Teil.
Am 17. August ereilte die Expedition ihr unglückliches Schicksal. Als die Kolonne in der Gegend von Lula das in Uhehe häufig sehr coupierte und stark bewachsene Terrain passierte, wurde sie in ihrer ganzen Länge gleichzeitig von den nach Tausenden zählenden Wahehe-Horden, die auf dem Marsche einen Hinterhalt gelegt hatten, plötzlich überfallen, und gleich im Anfang des sich entspinnenden Gefechtes die meisten Europäer der Truppe, an ihrer Spitze der Kommandeur, niedergemacht. Insgesamt bedeckten die Leichen von 10 Europäern, 250 farbigen Soldaten und etwa 100 Trägern das Schlachtfeld.
Es wurde gleich zuerst bekannt, daß auch die Wahehe ungeheure Verluste, wie sie solche bis dahin noch nie gehabt, erlitten hätten, doch wurde dies zuerst wenig geglaubt, weil die näheren Umstände, unter denen die Schutztruppe überfallen war, es höchst zweifelhaft erscheinen ließen. Indes scheint es doch nach den einstimmigen Angaben der Wahehe, als müsse man die Zahl der auf ihrer Seite Gefallenen auf annähernd 900 annehmen; dem Verfasser will auch heute noch die angegebene Zahl ganz unglaublich scheinen.
Die gefallenen Offiziere waren der Kommandeur von Zelewski, die Lieutenants von Zitzewitz, von Pirch, ArztDr.Buschow, die Unteroffiziere Herrich, von Tiedewitz, Schmidt, Tiedemann, Hemprich und Büchsenmacher Hengelhaupt: ein nicht nur durch die große Zahl der Gefallenen, sondern insbesondere durch den persönlichen Wert und die in Afrika erwiesene außerordentliche Tüchtigkeit der einzelnen außerordentlich schmerzlicher Verlust für die Truppe.
Von den verschiedensten Seiten ist behauptet worden, Kommandeur v. Zelewski trage die alleinige Schuld an dem Unglück, das ihn und seine Truppe betroffen; seiner nicht zu entschuldigenden Sorglosigkeit sei die Herbeiführung der Katastrophe zuzuschreiben. Es hat diese Beurteilung ihres Kommandeurs die Offiziere der Schutztruppe auf das schmerzlichste berührt, da gerade Herr v. Zelewski ein durch seine Umsicht und Vorsicht bekannter Offizier war. Bei den schwierigen Terrainverhältnissen der Landschaft Uhehe kann nicht der bei uns für Marschsicherung etc. geltende Maßstab auf die Expedition angelegt werden.
Das tiefe Eindringen der Expedition in die Landschaft Uhehe ist aus der Absicht des Expeditions-Führers zu erklären, die vorher auf der Expedition erlangten Vorteile über den räuberischen Stamm militärisch gründlich auszunutzen. Ob indes das vom rein militärischen Gesichtspunkt richtige weite Vordringen ins Innere auch politisch zweckmäßig war, bleibe dahingestellt. Zweifellos muß zugegeben werden, daß von Zelewski den Charakter der Mafitistämme, mit denen er früher nicht in Berührung gekommen war, nicht ganz erkannt hat. v. Zelewski war ausschließlich Soldat, das aber mit Leib und Seele, ebenso ein tüchtiger Organisator, als welcher er Wißmann speziell bei der Organisation der Truppe stets helfend zur Seite stand.
Die Reste der Expedition wurden durch den Lieutenant von Tettenborn, der auf dem Marsche die Arrieregarde kommandierte, und der beim Überfall selbst in das Gefecht nicht verwickelt wurde, zunächst nach Kondoa und von dort nach der Küste zurückgeführt. An Europäern waren der Katastrophe entgangen mit Herrn von Tettenborn Lieutenant v. Heydebreck, der im Gefecht selbst verwundet worden war, der Feldwebel Kay und der Unteroffizier Wutzer, dazu 64 farbige Soldaten, darunter die Offiziere Murgan Effendi und Gaber Effendi.
Da Herr von Heydebreck gleich anfangs durch einen erhaltenen Keulenschlag besinnungslos geworden war, fällt jenen beiden schwarzen Offizieren, — die übrigen Europäer hatten sich im eigentlichen Gefecht nicht befunden, — das Verdienstzu, mit den noch vorhandenen Truppen einen sehr energischen Widerstand geleistet zu haben. Von den Wahehe wird angegeben, daß gerade bei diesem Gefecht die Zulus sich ungemein schneidig benommen haben, die Gefallenen der Zulus hätten ihr Leben sehr teuer verkauft.
Leider verboten die Umstände dem ältesten Offizier der Expedition, Lieutenant von Tettenborn, bis in das Terrain, wo der Überfall stattgefunden hatte, mit dem intakten Rest der Truppe vorzudringen. Er mußte, um nicht Alles aufs Spiel zu setzen, sich auf die Besetzung einer Tembe vor der Unglücksstätte beschränken, wo er den angreifenden Wahehe erfolgreich Widerstand leistete, und die aus dem Überfall entkommenen Truppen um sich sammelte. Tettenborn übernahm alsdann die Leitung des Rückzugs nach der Küste, nachdem die Europäer und Soldaten hatten mitansehen müssen, wie die teuren gefallenen Kameraden unbestattet vor ihren Augen durch Anzünden des Grases verbrannt wurden. Die Geschütze — 2 Maxim-Guns und 1 4,7cmGeschütz, — wie die Mehrzahl der Gewehre und Munition hatte man in den Händen der Gegner zurücklassen müssen.
Nach den zu uns gelangten Berichten haben die Wahehe, wie bereits erwähnt, bedeutende Verluste gehabt und ihre besten Krieger, auch einen Teil der Unterhäuptlinge, im Kampfe mit der Expedition verloren; von den letzteren soll außerdem der Oberhäuptling der Wahehe mehrere haben hinrichten lassen. Der Oberhäuptling befand sich nach der Katastrophe in steter Furcht vor einer Racheexpedition unsererseits und soll überhaupt den Überfall der Expedition, von dem er selbst keine Kenntnis gehabt haben will, nicht gebilligt haben.
Die Katastrophe wirkte auf die Soldaten der Schutztruppe ungemein demoralisierend und machte auch die Bewohner an der Küste übermütig. Die letzteren waren dem Gouverneur von Soden so wie so nicht wohlgesinnt: einmal wegen seiner Steuermaßregeln und dann, weil er der Bevölkerung, insbesondere den Großen derselben, nicht die ihnen sonst immer zu Teil werdende Beachtung schenkte und sich über die im Orient nun einmal üblichen Umgangsformen und Äußerlichkeiten hinwegsetzte; auf der andern Seite lavierte derGouverneur mit den Eingeborenen häufig gerade an der unrechten Stelle.
Hätte nach der Katastrophe ein Rachezug mit der nötigen Macht, mit intakten oder nicht entmutigten Truppen gemacht werden können, wäre dies für uns außerordentlich günstig gewesen, aber leider war dies ausgeschlossen; es mußte erst eine Rekrutierung in der Truppe abgewartet werden.
Die Wahehe knüpften durch die Araber in Kondoa Friedensverhandlungen mit dem Gouverneur an und boten die Auslieferung der erbeuteten Kanonen, Gewehre und Munition an, sowie Zahlung einer Strafe in Elephantenzähnen und Rindvieh. Es wurde von einer Strafexpedition abgesehen; die Verhandlungen mit den Wahehe, bei welchen der Gouverneur durch denpater superiorder Mission in Longa vertreten war, kamen aber nicht recht in den Gang, sodaß inzwischen einige der Mauser-Gewehre mit Munition von den Wahehe nach den verschiedensten Plätzen verkauft wurden und sogar bis auf den Markt nach Tabora kamen. Inzwischen schwoll den Arabern und Belutschen von Kondoa, die von jeher nicht gerade von der besten Sorte waren, der Kamm.
Der in Afrika wohlbewährte Lieutenant Prince, welcher zur Unterdrückung von etwa in Kondoa vorkommenden Unruhen daselbst mit einer Truppe von ca. 100 Mann sich befand, hatte mit dem GeologenDr.Lieder, den er dort getroffen, die Absicht, auf die Einleitung von Friedensunterhandlungen von Seiten der Wahehe hin, nach dem Schauplatz der Zelewskischen Katastrophe abzumarschieren. Lieder hatte hinreichend Gelegenheit gehabt, die Mafitistämme im Norden wie im Süden kennen zu lernen; er wie Prince hatten das sehr richtige Gefühl, es müßten die Überreste der auf dem Kampfplatz gefallenen und verbrannten Europäer und Soldaten beerdigt werden. Sie verlangten daher von den Wahehe Stellung von Geißeln, damit sie mit ihrer Truppe die Aussicht hätten, sicher hin- und zurückzukommen, ebenso Stellung von Begleitmannschaften.
Die Herren wurden jedoch durch einen Befehl des Gouverneurs, der durch die Missionare zu verhandeln wünschte, an der Ausführung ihrer Absicht gehindert. Die Verhandlungen,welche der Gouverneur mit den Wahehe dann durch die Missionare angeknüpft hat, sind jetzt als gescheitert und wir als die Getäuschten zu betrachten. Es wird zwar angegeben, der Oberhäuptling der Wahehe wünsche ehrlich Frieden mit uns Deutschen zu halten, doch besteht das Faktum, daß er die geraubten Geschütze und Gewehre wie Munition zur Zeit noch nicht ausgeliefert hat. Es ist bei solchen Räuberstämmen, wie die Wahehe sind, überhaupt von vornherein falsch, zuviel auf Besprechungen und Betheuerungen zu geben. Die Grundlage, auf der die Herren Prince und Lieder verhandeln wollten, nämlich nach Stellung von Geißeln, war die einzig richtige. So aber ist unsere Würde bei den Verhandlungen nicht gewahrt worden, auch haben unsere braven Gefallenen in Uhehe noch kein christliches Grab erhalten!
Die Massai, die Erbfeinde der Wahehe, mit denen zuletzt der Stationschef von Mpapua, Lieutenant von Elpons, ein gutes Verhältnis erhalten hatte, baten diesen nach der Katastrophe um die Erlaubnis, nun ihrerseits über die Wahehe herfallen zu dürfen; von Elpons mußte ihnen jedoch seiner dringenden Instruktion vom Gouverneur gemäß diese Bitte abschlagen. —
Es sei gestattet, bei dieser Gelegenheit einiges über die Schwierigkeiten, die sich auf Expeditionen häufig darbieten, zu sagen. Wesentlich von Belang ist der Zweck der Expedition und das Verhältnis derselben gegenüber den Eingeborenen: ob diese die Expedition von vornherein als feindlich ansehen oder nicht. Bei den Expeditionen der Schutztruppe, soweit diese Straf-Expeditionen sind, oder zur Ausdehnung der Macht an Stellen dienen sollen, wo sich die eingeborene Bevölkerung selbständig zu halten sucht, tritt natürlich das Ziel der Expedition den Eingeborenen selbst als ein ihnen direkt feindliches vor Augen, und werden sie einer solchen Expedition nach Möglichkeit Schwierigkeiten im Vordringen entgegensetzen.
Anders ist es bei Expeditionen einfacher Reisender, die blos den Zweck haben, durch das Land zu marschieren, in demselben aber keinerlei Hoheitsrechte auszuüben. Für solche Expeditionen kann man sagen, daß je klarer den Eingeborenendas friedliche Ziel derselben vor Augen tritt, desto leichter das Vorwärtskommen der Expedition sein wird. Es kommt also oft vor, daß das Mitnehmen von einer geringen Menge von Soldaten oder überhaupt gar keiner Soldaten die Expedition ungemein erleichtert. So ist es auch erklärlich, daß Missions-Expeditionen und wissenschaftliche Expeditionen mit viel geringeren Mitteln als die Expeditionen unserer Schutztruppe ausgeführt werden können, da deren friedliche Bestrebungen im allgemeinen bekannt sind, wenngleich auch hier natürlich Ausnahmen von der Regel vorkommen. Denn auch solche Expeditionen leiden zuweilen unter der Raubsucht einzelner Häuptlinge oder deren Rachgier für irgend welche früheren Ereignisse.
Befassen wir uns hier indes nur mit den Expeditionen, wie sie von Seiten der Schutztruppe häufig nötig werden. Die Expeditionen richten sich zum Teil gegen Völkerstämme, die mit Gewehren, bei Beginn der Niederwerfung des Aufstandes sogar mit allen möglichen Hinterladergewehren und deren Munition reichlich versehen sind, zum Teil gegen Stämme, welche nur die einheimischen Waffen führen. Diese Waffen sind entweder Speere, nämlich ein großer Stoßspeer und mehrere kleine Wurfspeere, oder Bogen und Pfeile nebst Keulen, zuweilen beide Arten der Bewaffnung bei demselben Gegner, aber nie in der Hand eines Einzelnen vereinigt.
Es wird häufig angenommen, daß allein die Bewaffnung unserer Gegner mit Gewehren für uns nachteilig sei. Dies ist nicht immer der Fall, denn gerade die ausschließlich mit Speeren kämpfenden Völkerstämme sind in ganz Ostafrika unter den Eingeborenen die bei weitem gefürchtetsten. Sie verlassen sich nicht, wie die übrigen Eingeborenen, auf die Überlegenheit der Feuerwaffen, sondern ganz allein auf die Wucht ihres Angriffs und die Überlegenheit ihrer im Nahkampfe hervortretenden Persönlichkeit, wie sie auch stets durch größeren Mut vor andern Völkerstämmen ausgezeichnet sind. Auch sind gerade diese Stämme diejenigen, welche durch die Benutzung von Hinterhalten, durch Überfälle jeder Art bei Tag und bei Nacht, ihrem Gegner gefährlich zu werden suchen, und welche die größten Marsch- und sonstigen körperlichen Leistungen verrichten.
Es soll damit nicht gesagt sein, daß es unter den Gewehrkriegern nicht auch vorzüglich organisierte Scharen gäbe. Solche sind z. B. im Süden die Wahiyao Maschembas und andere, die während des Aufstandes durch die fortwährenden Kämpfe mit uns klug geworden sind und namentlich, wie früher Bana Heri mit seinen Leuten, die Ausnutzung des Terrains uns gegenüber gelernt haben. Sie haben mit der Zeit erfahren, daß sie auch in gut befestigten Stellungen uns auf die Dauer nicht zu widerstehen vermögen, sondern daß ihre Stärke uns gegenüber gerade der dichte afrikanische Busch ist. In diesem Busch liegt für uns die Hauptgefahr, wofern er nicht überall so undurchdringlich ist, daß auch unsern leichter beweglichen Gegnern die Benutzung desselben zu unserm Nachteil unmöglich gemacht wird. Auf den Märschen unserer Expeditionen können ja bekanntlich nur die schmalen Fußstege benutzt werden, von denen die hauptsächlichsten die Karawanenstraßen sind.
Das Terrain zu den Seiten dieser Wege ist je nach der Jahreszeit und der Örtlichkeit mit mehr oder weniger hohem und dichtem, trocknem oder grünem, zuweilen doppelt mannshohem Grase bewachsen, teils von dem afrikanischen Busch durchzogen, mit Mimosen und Lianen bestanden, und bietet so ein recht bedeutendes Bewegungshindernis wenigstens für uns und für unsere mit Gepäck versehenen, mit Munition, Ausrüstungs- und Montierungsstücken belasteten Soldaten.
Eine andere Art der Bewachsung, wie solche sich fast überall im nördlichen Mahenge, in Uhehe, Ugogo und im größten Teil des Hinterlandes unseres südlichen Küstengebietes befindet, besteht aus völlig undurchdringlichem Dickicht. Zuweilen sind dann selbst die schmalen Fußpfade sehr schwer, besonders von Lastträgern, zu passieren. Man muß sich ohne Gepäck entweder bücken, oder sogar kriechen, nur um überhaupt fortzukommen. Die Fußpfade schlängeln sich von rechts nach links, vorwärts und wieder rückwärts, so daß es in solchem Terrain ungeheuer schwer ist, nur die allgemeine Marschrichtung im Auge zu behalten. Hier ist eine Sicherung natürlich gänzlich ausgeschlossen; doch bietet uns da die Eigenart des Terrains selbst einen natürlichen Schutz. Von speerkämpfenden Stämmen droht uns auf dem Marsche durch solches Gebietkeine Gefahr, unter Umständen dagegen von Büchsenkämpfern. Diesen ist natürlich immer ihr Land mit allen seinen Seitenpfaden besser bekannt als uns, sie können etwaige in diesem Terrain vorhandene Blößen geschickt benutzen, wie sie dies auch thatsächlich verstanden haben. Sie setzten des öfteren durch ein plötzliches, unerwartetes Schnellfeuer die Truppe in Verwirrung und brachten ihr Verluste bei.
Auf solchen sich lang hinziehenden Märschen hat der Führer selbst wenig Gelegenheit und Möglichkeit einzugreifen, es liegt dann alles in der Hand der Unterführer, speziell der einzelnen Zugführer. Man wird dann häufig gut thun, das Feuer, wenn es kein ernstlich anhaltendes ist, ganz zu ignorieren, um nicht unnütz gegen einen unsichtbaren Feind Munition zu verschwenden; ist man indes genötigt, ein anhaltendes Feuer zu erwidern, so kann gerade in solchem Terrain auf den unregelmäßig sich dahinziehenden Pfaden die eigene Truppe durch eine abgegebene Salve stark gefährdet werden. Man wird, wie erwähnt, die Marschrichtung in vielen Fällen nicht genau kennen, und unter Umständen einen davor oder dahinter marschierenden Teil der Truppe, der sich im Holze in einer Wegekrümmung gerade in der Schußlinie befindet, durch das Schießen in Gefahr bringen. Im übrigen findet eine Sicherung auf dem Marsch unserer Expeditionen stets durch die Voraussendung einer Spitze oder mehr oder minder großen Avantgarde je nach den Verhältnissen statt. Nach vorn ist unter allen Umständen eine Sicherung möglich.
Ein weiteres bedeutendes Sicherungsmittel erblickt der Verfasser in der Mitnahme eines Maxim-Guns, vorausgesetzt, daß zur Bedienung desselben, — welches ja für Ostafrika den entschiedenen Nachteil der Komplikation in seinem System hat, — ein Techniker zur Verfügung steht. Wenn das Maxim-Gun ziemlich an der Tête der Kolonne, gedeckt etwa durch einen Trupp von 20 vor demselben marschierenden Leuten, getragen wird, so ist es im Augenblick zusammenzusetzen, und gestattet dann eine recht schnelle und intensive Feuerwirkung. Nach vorn hin auf dem einfachen schmalen Fußstege, wo die Entfaltung einer breiten Front unmöglich ist, ersetzt es reichlich die Feuerwirkung einer Kompagnie und vermag ebenso auchnach allen Seiten ein intensives Feuer abzugeben. Bezüglich der sonst mitzuführenden Artillerie schlägt der Verfasser 3,7cmGeschütze wegen des geringen Gewichts, der Leichtigkeit des Transportes und der genügenden Feuerwirkung vor.
Zu bedenken ist, daß bei größeren Expeditionen der Mitnahme von Patronen wegen der großen Zahl der erforderlichen Träger doch ein Maß gesetzt ist, obgleich ja unsere Soldaten je nach den Verhältnissen immerhin 100-150 Patronen, teils eingenäht in ihre Patronentaschen, teils im Tornister oder Brotbeutel bei sich tragen. Es muß einem leichtsinnigen Patronenverbrauch auf Expeditionen aufs entschiedenste vorgebeugt werden und sind die Soldaten hierin aufs Strengste zu kontrolieren. Eine Sicherung, wie sie von einer Seite vorgeschlagen worden ist: daß man in unübersichtliches coupiertes Terrain der Kontrolle halber Salven hereinschießen läßt, ist schon aus diesem Grunde ausgeschlossen.
Eine weitere Sicherung wird zwar — außer in der erwähnten dritten, besonders coupierten und bewachsenen Art des Terrains — möglich, aber fast immer schwierig sein, nämlich eine Sicherung durch Seitenpatrouillen. Abseits des Weges ergeben sich für die seitlich detachierten Truppen oder die Seitenpatrouillen weit bedeutendere Hindernisse, als für das den Weg benutzende Gros. Man kommt daher, wenn die Seiten-Detachements oder -Patrouillen nicht seitlich hinter der Truppe zurückbleiben und somit ganz ihren Zweck verfehlen sollen, in die Notwendigkeit, das Marschtempo der Truppe bedeutend zu verkürzen. Hierdurch verzögert sich der Marsch einer Expedition sehr erheblich, das Seitendetachement wird stark ermüdet, der Marsch von Expeditionen, die sonst die Dauer einiger Wochen in Anspruch nehmen, erfordert eine unendlich längere Zeit für ihre Durchführung, und kosten die Expeditionen demgemäß viel mehr Geld und Anstrengung. Es ergiebt sich hieraus als praktisch, diese Seitensicherung in solchem Terrain nur dann eintreten zu lassen, wenn sie unbedingt nötig erscheint. Da unsere Expeditionen sich übrigens häufig durch Gegenden bewegen, wo man absolut vor Überfällen sicher ist, wäre es eine Zeit- und Geldvergeudung, mit solchen komplizierten Sicherheitsmaßregeln zu marschieren.
Natürlich ist, besonders in Feindesland und in unsicheren Gegenden, jeder sich seiner Verantwortung bewußte Führer verpflichtet, alle möglichen Vorsichtsmaßregeln anzuwenden. Beurteilen zu können, wo und wann diese Vorsichtsmaßregeln nötig sind, muß unbedingt vom Führer einer Expedition verlangt werden. Er wird auch stets dazu in der Lage sein, namentlich wenn er es versteht, sich geeignete Vertrauensleute zu halten, welche Fühlung mit den Bewohnern der von ihm durchzogenen Gebiete haben. Hat der Führer solche Leute zur Hand, und das muß er haben, so hat er durch sie eine ganz wesentliche Garantie für die Sicherheit des Marsches.
Eine ebenfalls große Sicherheit bieten irreguläre Truppen aus den Eingeborenen selbst, welche die Expedition begleiten. Solche werden bei den ostafrikanischen Verhältnissen, speziell bei der zwischen den einzelnen Stämmen bestehenden Feindschaft, in der Regel zu haben sein. Sie sind besonders gut am Tage zum Aufklärungs-und Patrouillendienst jeder Art zu verwenden, auch zu detachieren, und kommen hervorragend gegen die Mafiti in Betracht, welche besonders, wie schon erwähnt, durch ihre ungeheure Elastizität, große Beweglichkeit und ihre Marschleistungen uns gefährlich werden. Die Mafiti sind, soweit dem Verfasser bekannt ist, in Ostafrika die einzigen Krieger, welche das leicht bewachsene Terrain seitwärts der Wege ohne Rücksicht auf diese inbreiterKolonne, häufig im Laufschritt, durchschreiten und so in der Lage sind, plötzlich und mit großer Wucht in Frontbreite aufzutreten. Beim Bivouak kann eine große Zahl Irregulärer dadurch wesentlich zur Sicherung unseres kostbaren Soldatenmaterials beitragen, daß man um das in der Regel im Kreise oder sonst in einer dem Terrain angepaßten Form errichtete Lager der eigentlichen regulären Expeditionstruppen in weiterem Umkreise die irregulären ein Lager beziehen läßt, gewissermaßen als dichte nächste Postenkette; dieses Lager wird wiederum in noch weiterem Umkreise durch mehr oder weniger dichte Vorposten der Truppe gesichert.
Das Alarmieren bei Nacht wird selbstverständlich für solche Zwecke besonders eingeübt. Ein Feuergefecht aus dem Lager heraus zur Nachtzeit ist indes, soweit angängig, zuvermeiden und namentlich nicht auf das SchießeneinzelnerGegner, die keinen oder wenig Schaden anrichten, allgemein aufzunehmen.
Für eine marschierende Truppe liegt ferner ein großer Nachteil in der Unzuverlässigkeit der angenommenen Träger, die häufig ihre Lasten wegwerfen und durch Flucht Unordnung und Bestürzung in die Expedition bringen. Bei der Notwendigkeit, häufiger Expeditionen zu unternehmen, würde die Ausbildung ordentlicher bewaffneter Trägerkolonnen, die auch zugleich als Arbeiter auf den Stationen dienen könnten, nützlich sein.
Ein von Herrn von Zelewski gemachter Versuch, die Träger zum Teil wenigstens durch Lasttiere zu ersetzen, nämlich für den Transport des für Kriegszwecke notwendigsten Materiales an Geschützteilen und Munition für die Geschütze, das Maxim-Gun und Gewehrmunition, ist als gescheitert zu betrachten. Zwar kann man rechnen, daß ein Esel zwei Trägerlasten bei entsprechender praktischer Verpackung auf sich nimmt, doch erfordern, wenn die Expedition nicht gar zu sehr aufgehalten und die Ordnung gewahrt sein soll, immerhin zwei Esel einen Treiber, und erweist sich, wie man bei der Zelewskischen Katastrophe gesehen hat, im kritischen Moment diese Art als unpraktisch, da die Tiere scheu werden, durcheinander rennen und Unordnung in die Kolonne bringen. —
Es mögen nun noch die anderen unter dem Gouvernement im Jahre 1891 unternommenen Expeditionen kurz Erwähnung finden.
Im nördlichen Nguru vorgekommene Unruhen und Belästigungen der Eingeborenen durch Wakuafi und Massai machten ein Einschreiten von unserer Seite notwendig. Der Verfasser unternahm daher im Juni vorigen Jahres, da das in Frage kommende Gebiet zum Hinterlande seines Bezirkes gehörte, eine Expedition durch Usegua, Nguru und Usagara, durch welche es gelang, ein vollkommen friedliches Verhältnis mit den Eingeborenen herzustellen und auch die räuberischen Wakuafi zur Vernunft zu bringen. Ebenso wurde die vorher bedroht erscheinende französische Missionsstation in Nguru, Mhonda, vollkommen sicher gestellt.
Nicht von geringem Nutzen war bei dieser Expedition die Hülfe Bana Heris, dessen Einfluß auf die Eingeborenen sich der Verfasser zu nutze gemacht hatte, und dessen Sohn Abdallah ebenso wie der des öfteren erwähnte Jumbe Makanda von Bagamoyo auf der Expedition mitgenommen wurden. Der früher bereits öfters angeführte Jehasi war bei den Streitigkeiten der Wanguru mit den Wakuafi bei Einnahme einer Wakuafi-Tembe gefallen.
Bereits im Juli war der Verfasser von dieser Expedition nach Bagamoyo zurückgekehrt und führte in dieser Zeit teils die Bezirksgeschäfte in Bagamoyo, teils vertrat er den auf der Wahehe-Expedition sich befindenden Kommandeur v. Zelewski in Daressalam. Da machte sich durch inzwischen erfolgte Einfälle der nördlichen Mafiti nach Usaramo die Unternehmung einer Expedition gegen diese zur Sicherung der gefährdeten Wasaramo notwendig. Alle an der Küste noch disponiblen Truppen wurden vereinigt, die vom Kommandeur zurückgeschickte Zulu-Kompagnie, sowie aus Pangani, Bagamoyo und Daressalam herausgenommene Truppen wurden in Bagamoyo als Expeditionskorps zusammengezogen, und der Verfasser unternahm mit den Offizieren, Kompagnieführer End und Lieutenant Prince, wie dem ArztDr.Kanzki die erwähnte Expedition. Dieselbe durchzog zunächst Usaramo in südwestlicher Richtung nach Tununguo hin, wo fast alle Dörfer aus Furcht vor den Mafiti verlassen waren, außerdem beredte Zeugnisse für die Grausamkeiten der Mafiti, wie sie in diesem Buche gelegentlich der Erwähnung des Mafiti-Einfalls im Jahre 1889 bereits geschildert sind, gefunden wurden. Sodann wurde der Kingani bei Mafiti überschritten und nach der Missions-Station Tununguo marschiert. Von dort aus richtete sich der Marsch direkt ins Land der nördlichen Mahenge, welche große Komplexe von Kutu occupiert haben und die Wakutu in großer Abhängigkeit von sich halten. Die Bestrafung der Mafiti war für die Expedition nicht so bequem wie vor zwei Jahren, wo das Eingreifen Gravenreuths nur 5 Stunden von Bagamoyo nothwendig war. In ihrem Lande wurden die Mafiti nur im Dorfe Korongo angetroffen, doch räumten sie auch diesen Ort nach dem vollständig überraschendenEintreffen der Expedition bald nach Eröffnung des Feuers. Im übrigen zogen es die Mafiti vor, uns überall auszuweichen. Für die Expedition lag die Gefahr nahe, daß das ungemein coupierte, für uns selbst auf den schmalen Fußstegen nur schwer zu passierende Terrain von den gewandten leichtfüßigen Mafitis zu einem Überfall gegen uns benutzt werden könnte. Wir mußten uns daher, so gut es ging, gegen Überraschungen sichern.
In Hongo fanden wir eine Anzahl der von den Mafiti gefangenen Wasaramo noch vor und setzten dieselben in Freiheit. Im übrigen beschränkte sich der Verfasser darauf, den Mahenge in ihrem Lande, wo sie ebenfalls überall zurückwichen, die einzig mögliche Strafe zu teil werden zu lassen, nämlich sie an ihrem Hab und Gut nach Kräften zu schädigen. Es wurden alle Ortschaften niedergebrannt, die überaus reichlich daselbst vorgefundenen Vorräte, soweit wir sie nicht aufbrauchen und mit uns führen konnten, den Flammen preisgegeben, und die reichen, wohlbestellten Felder der Eingeborenen, soweit es in der kurzen Zeit möglich war, durch uns und die eingeborenen Hülfsvölker, — welche besonders der Häuptling Kingo von Morogro und einzelne andere mächtige Häuptlinge in der Zahl von mehreren Hundert Mann der Expedition gestellt hatten, — verwüstet.
Diese grausame Art der Bestrafung ist bei eingeborenen Gegnern, die man auf andere Weise nicht fassen kann, leider notwendig, und sie ist den Eingeborenen auf die Dauer fühlbarer, als selbst erhebliche, ihnen im offenen Kampfe beigebrachte Verluste an Menschenleben, die sie mit der Zeit viel eher verschmerzen. Aber auch der Vermögensverlust übt einen sehr lange anhaltenden Einfluß bei einem so gewohnheitsmäßigen Räubergesindel, wie die Mafiti sind, nicht aus. Es wurde daher vom Verfasser bereits als wirksames Mittel die Anlage einer Station in der Landschaft Kisaki vorgeschlagen, die jetzt in Angriff genommen ist.
Es sei hier bemerkt, daß vielleicht in späterer Zeit gerade das jetzt verrufene Mafitiland für unsere Kolonie eine größere Rolle spielen wird. Wir haben im Kutuland einen der fruchtbarsten und bestbewässertsten Distrikte unseres Gebietes, derin jeder Hinsicht die reichsten Ernten liefert. Dann aber lehnen sich hier die Sedimentärformationen an den Gneis der Uruguruberge an. Dort ist nach dem Urteil des HerrnDr.Lieder, der einen großen Teil der Gebiete Deutsch-Ostafrikas geologisch erforscht hat und den der Verfasser damals in Uruguru (Teil von Kutu, an das Mafitiland grenzend) traf, das Vorkommen von nutzbaren Mineralien im höchsten Grade wahrscheinlich, deren Transport zur Küste keine Schwierigkeiten machen würde. —
Von der Expedition nach Bagamoyo zurückgekehrt, erfuhr der Verfasser die Trauernachricht von der Katastrophe in Uhehe. Abgesehen von einer nach der Katastrophe abgesandten Rekognoszierungs-Expedition nach Mpapua unter Lieutenant Prince fanden keine weiteren Expeditionen der Schutztruppe ins Innere im Bezirk von Bagamoyo und den weiter südlichen Bezirken statt, im Hinterland von Tanga dagegen wurde das Einschreiten des Bezirkshauptmanns Krenzler durch eine unter den Wadigo vorgekommene Erhebung notwendig.
Gerade der Umstand, daß unter einem bisher so wenig kriegerischen, geradezu für erbärmlich geltenden Stamme, wie die Wadigo, eine Erhebung gegen die deutsche Herrschaft vorgekommen war, war kein günstiges Zeichen und machte ein schleuniges Einschreiten notwendig. Die erste zu diesem Zweck vom Bezirkshauptmann Krenzler unternommene Expedition verlief ungünstig, da sich die Expedition wieder nach der Station Tanga zurückziehen mußte. Eine zweite stärkere, ebenfalls von dem bald darauf am perniziösen Fieber verstorbenen, um die Entwickelung von Tanga hoch verdienten Hauptmann Krenzler geführte Expedition bewirkte die Wiederunterwerfung der Wadigo.
Andere Kämpfe hatte am Kilimandscharo der dortige Reichskommissar zur Verfügung des Gouverneurs,Dr.Karl Peters, der als Wirkungskreis das Kilimandscharo-Gebiet erhalten hatte, zu bestehen. Nachdem Peters zunächst die Station Moschi mit der 9. Kompagnie der Schutztruppe unter Kompagnieführer Johannes erreicht hatte, ging er von dort aus weiter nach Osten, um hier eine neue nach seiner Ansicht notwendigere Stations-Anlage zu schaffen. Hierfür wurde Marangu, der Sitz des unbedeutenden Sultans Mareale, ausgesucht undder daselbst von Peters gegründeten Station der Name Kilimandscharo-Station beigelegt. Bei einer von dort mit einem Teil der Besatzungs-Kompagnie gegen die Warombo unternommenen Expedition fiel der Sergeant Schubert von der Schutztruppe, doch gelang es Peters, den Stamm, der sich nicht unterwerfen wollte, zu strafen und unter die deutsche Herrschaft zu bringen. — In späterer Zeit fandDr.Peters Verwendung als deutscher Kommissar bei der an unserer nördlichen Grenze vorgenommenen Grenzregulierung gegen das englische Gebiet.
Nach der Katastrophe in Uhehe und der Rückkehr der Reste der Expedition unter Tettenborn war durch die großen Verluste der Schutztruppe eine vorläufige Umänderung in der Organisation derselben geboten. Auf telegraphischem Wege gelangte eine Allerhöchste Kabinets-Ordre nach Ostafrika, nach welcher der Gouverneur zugleich das Kommando der Schutztruppe bis auf weiteres übernehmen sollte. Da der Gouverneur jedoch nicht selbst Offizier war und daher eines sachkundigen Beistandes bedurfte, wählte er hierzu den Verfasser, der als militärischer Beirat nach Daressalam überzusiedeln hatte. Die Maßregeln, welche vom Gouverneur teils mit, teils ohne Einverständnis mit dem militärischen Beirat getroffen wurden, sind mehr innerer Natur und bereiteten die spätere Änderung in der Organisation der Truppe vor. In der äußeren Organisation wurden, — abgesehen von einer durch den Verfasser vorbereiteten Umgestaltung der Expeditions-Artillerie, die dann wieder fallen gelassen wurde, — die Reste der 6., 7. und 9. Kompagnie mit denen der 5., 8. und 10. vereinigt, so daß die Schutztruppe nur noch 7 Kompagnien aufzuweisen hatte, die durch Rekrutierung zu ergänzen waren. Diese Ergänzung wurde noch besonders nötig, da auch ein Teil der alten sudanesischen Soldaten sich entweder nicht mehr als dienstfähig erwies oder die Erlaubnis zur Rückkehr nach Egypten erbat, und da auch die Zulus erklärten, nach Ablauf ihres dreijährigen Kontrakt-Verhältnisses nicht mehr im Dienst bleiben zu wollen.
Die Neuergänzungen sind von Major v. Wißmann in Egypten und Kompagnieführer von Perbandt um Massaua herum, endlich im Gebiet der Zulus von Inhambane aus vorgenommen worden, aber man erhielt nicht die erwünschte Zahl,da die Rekrutierung bei den Zulus, auf deren Gelingen man bestimmt gerechnet hatte, vollkommen scheiterte. Die Zulus, wird ferner gesagt, würden sich entschieden weigern, über ihre Verpflichtung hinaus, in der Schutztruppe zu verbleiben; es thut daher auf das dringendste not, sich nach anderem Material umzusehen.
Sehr zu wünschen wäre die endliche definitive Herbeiführung einer Organisation der Artillerie, so zwar, daß unsere hiesigen Feldgeschütze als Positionsgeschütze auf den Küstenstationen, die 4,7cmfür die Stationen des Innern, und 3,7 cm und Maxim-Guns für die Expeditions-Artillerie dienen. Vor der Hand hat man darin noch gar keine Organisation.
Der älteste Offizier der Kaiserlichen Schutztruppe, der des öfteren in den früheren Kapiteln erwähnt worden ist, zuletzt als Stellvertreter des Kaiserlichen Reichskommissars,Dr.Karl Wilhelm Schmidt, hatte die Oberführerstelle in der Truppe, d. i. die zweite Stabsoffizierstelle erhalten. Man hatte in der Truppe geglaubt, daß entweder der Oberführer, dessen Rückkehr nach längerem Urlaub in Deutschland im Oktober vorigen Jahres erfolgte, zum Kommandeur der Kaiserlichen Schutztruppe ernannt werden, oder daß ein hierzu geeigneter deutscher Stabsoffizier als Kommandeur herausgesandt werden würde. Das letztere wäre wohl möglich gewesen, da die Stelle des Kommandeurs der Schutztruppe eigentlich der Hauptsache nach eine Verwaltungs-Stellung ist und ihm die Fürsorge für das Offizier-Korps obliegt. Andererseits konnte sich ja zur Ausübung des praktisch-afrikanischen Dienstes der Kommandeur an die erfahrenen Wißmannschen Offiziere halten. Die Heraussendung eines Stabsoffiziers hätte also, wenn man demDr.Schmidt trotz seiner zweifellos auch großen militärischen Verdienste, — wir erwähnen bloß die Gefangennahme Buschiris, — das Kommando der Schutztruppe etwa prinzipiell nicht übertragen wollte, eine Enttäuschung im Offizierkorps nicht veranlaßt. Die Stelle des Verfassers als militärischer Beirat des Gouverneurs war von vornherein eine durchaus unhaltbare, da derselbe zwar mit dem Kommando der Schutztruppe im Namen des Gouverneurs beauftragt war, er der Anciennität nach aber im Offizier-Korps der Schutztruppe erstder viertälteste Offizier war. Dazu kam noch die Verschiedenartigkeit der Ansichten des Gouverneurs und des Verfassers. Der zwischen beiden hervortretende prinzipielle Gegensatz veranlaßte denn auch bald eine Änderung, so daß nach einem zwischen Daressalam und Berlin gepflogenen Depeschenwechsel der Kommandant des Kreuzers »Schwalbe«, Korvettenkapitän Rüdiger von dem Kommando der »Schwalbe« entbunden und zum Stellvertreter des Gouverneurs ernannt wurde. Von diesem erhielt Rüdiger insbesondere auch seine, des Gouverneurs Vertretung im Kommando der Schutztruppe, und die Geschäfte wurden vom Verfasser dem Herrn Kapitän Rüdiger übergeben. Rüdiger war zwar in afrikanischen Festlandsangelegenheiten gänzlich unerfahren, brachte aber ein großes Interesse unserer Kolonie entgegen und hat sich mit größtem Eifer seinem neuen Amt gewidmet.
Der Verfasser, der als Beirat mit dem Gouverneur nur dann ersprießlich zusammenwirken konnte, wenn Übereinstimmung in den Ansichten herrschte, kehrte zunächst als Bezirkshauptmann nach Bagamoyo zurück, aber sein Gesundheits-Zustand, besonders die seit der letzten Expedition immer wiederkehrenden heftigen Erkrankungen an Malaria boten neben den inneren Gründen die äußere Veranlagung für eine zweimonatliche Beurlaubung nach Egypten zur Erholung. Dort angekommen wurde dem Verfasser nach dem Tode Gravenreuths in Kamerun die Übernahme der Gravenreuthschen Expedition telegraphisch angeboten. Er nahm dieselbe an und wurde telegraphisch nach Berlin befohlen. Hier machten jedoch wiederum Gesundheitsrücksichten seine Abreise nach Kamerun unmöglich, sodaß der ebenfalls nach Deutschland beurlaubte Kompagnie-Führer Ramsay die Führung der Expedition erhielt, während der Verfasser im Februar 1892 nach Ablauf seines Kommandos bei der Schutztruppe auf den beim Reichskanzler eingebrachten Antrag des Gouverneurs aus der Schutztruppe ausschied.
Das letzte Jahr riß auch außerdem große Lücken in den Reihen der früheren Offiziere Wißmanns; von den im Frühjahr 1889 herausgegangenen Offizieren gehören zur Zeit nur noch folgende Herren der Schutztruppe an: