Chapter 15

Diese Absichten wurden durch die Ankunft Albuquerque’s vor Ormuz, am 26. März, vereitelt. Der alte Fürst sah sich noch nicht in der Lage, der Forderung des Generalcapitäns, ihm die Citadelle zu übergeben, lange zu widerstehen. Das Wasserthor der Festung wurde schon am dritten Tage den Portugiesen geöffnet, und ohne Blutvergießen zogen dieselben ein. Das Thor gegen die Stadt wurde geschlossen und die Mauern mit Kanonen bepflanzt,um die Burg vor einem Ueberfalle zu sichern. Dann wurden die Festungswerke weiter ausgebaut und Pero d’Albuquerque als Commandant eingesetzt. Nun galt es, um den Frieden vollständig zu befestigen, den ehrgeizigen Rais Ahmed mit seinem Anhange zu beseitigen. Bei einer Zusammenkunft Albuquerque’s mit dem bejahrten Fürsten wagte Ahmed es, seinen Oheim von einer persönlichen Begrüßung zurückzuhalten und sich sogar an der Person des portugiesischen Befehlshabers zu vergreifen. Er rechnete nämlich auf fünfzig Leute seines Gefolges, die mit verborgenen Waffen vor dem Hause standen. Albuquerque war darauf vorbereitet und befahl seinen Hauptleuten, den Anführer der Verrätherei niederzumachen. Den alten Fürsten führte man aus dem Getümmel fort und das Gefolge des gefallenen Ahmed wurde von portugiesischen Soldaten zurückgetrieben. Vom Dache des Hauses mußte sich der alte Rais Nordin seinem Volke zeigen und dasselbe über seine Person beruhigen. Dem aufgeregten Anhange und den Verwandten Ahmeds, welche den Palast des Fürsten plündern wollten, ließ Albuquerque erklären, wenn sie sich nicht sofort beeilten, bis Sonnenuntergang die Stadt zu verlassen und auf persischen Boden zurückzukehren, so solle keiner von ihnen mit dem Leben davon kommen; denn die Portugiesen beherrschten mit der Flotte die See und von der Citadelle aus die Stadt und die Insel. So wanderten denn die 25 Familien der persischen Partei aus und Rais Nordin konnte unter dem Schutze und Geleite Albuquerque’s wieder als Herrscher in seinen Palast zurückkehren. Die Stadt war über den Zwischenfall bald beruhigt, und durch eine Gesandtschaft nach Persien, unter der Führung Fernão’s Gomez de Lemos, wurde auch das gute Einvernehmen mit Schah Ismail wieder hergestellt. Dieser leicht gewonnene Friede erklärte sich besonders aus dem religiösen Zwiespalt zwischen den schiitischen Persern und den sunnitischen Arabern.

Albuquerque schickte einen Theil der Flotte unter seinem Neffen Garcia de Noronha nach Kotschin und blieb selbst noch einige Monate in Ormuz, um die Angelegenheiten vollständig zu ordnen, ehe er die Weiterführung der Geschäfte dem Commandanten der Citadelle überlassen konnte. Vielleicht wollte er auch noch Vorbereitungen zu einem zweiten Angriff auf Aden treffen. Doch dieser Wunsch sollte unerfüllt bleiben. Schon seit Anfang August litt er an der Ruhr, und da das Uebel sich verschlimmerte, mußte er endlich dem Anrathen seiner Aerzte nachgeben, vorläufig nach Indien zurückzukehren. Er begab sich an Bord des Schiffes, welches Diogo Fernandez da Beja befehligte und übergab sein eigenes Schiff seinem Neffen Vicente d’Albuquerque. Im Anfang November segelte er von Ormuz ab; bei Kalhât an der Küste von Oman traf man mit einem arabischen Schiffe zusammen, welches von Diu kam und die Nachricht mitbrachte, Lopo Soarez sei zum Nachfolger im Generalcapitanate ernannt worden.

König Manuel hatte also endlich doch den feindlichen Einflüsterungen nachgegeben. Nach diesen Verläumdungen sollte Albuquerque bald wahnsinnig verwegen, bald von maßlosem Ehrgeize erfüllt sein. Man ersann sogar dasMärchen: er strebe danach, sich zum unabhängigen Herrscher von ganz Indien zu machen. Dazu stütze er sich nur auf seine Verwandten und begünstige sie bei allen wichtigen Stellungen. — Wenn dies als Vorwurf gelten kann (denn die Thatsache ist richtig, daß er die Vertheidigung von Ormuz und Malaka, unzweifelhaft die wichtigsten Positionen außerhalb Indiens, seinen Neffen übertrug), so darf doch nicht unberücksichtigt bleiben, daß er dadurch diese beiden Plätze am sichersten bewahrt glaubte, da er sich auf die Befehlshaber verlassen konnte. — Selbst daß er mit den Fürsten in Indien Frieden schloß, galt als Zeichen des Verraths, denn diese neue Freundschaft, hieß es, sei nur ein weiterer Schritt zur Unabhängigkeit, nach der er strebe.[116]

Albuquerque war gewarnt, er kannte solche Verdächtigungen, aber er hatte, gestützt auf seine Verdienste und die Makellosigkeit seines politischen Charakters, es für unnöthig gehalten, ihnen entgegen zu treten. Er antwortete nur durch seine Thaten. Aber er hatte in Portugal wenig Fürsprecher mehr; alle Edelleute, welche er wegen Vergehen und Ungehorsamkeit zurückschickte und dem König zur Bestrafung überwies, vermehrten die Zahl seiner Widersacher, und so glaubte Manuel endlich, indem er, statt eine Untersuchung über die wiederholt vorgebrachten Beschwerden anzuordnen und nach deren Ausfall zu entscheiden, sich mit einer halben Maßregel begnügte, den Generalcapitän wenigstens zurückrufen zu müssen. Und das war es eben, was diesen so tief kränkte. Als er vernahm, daß Lopo Soarez ihn ersetzen solle und daß andere Befehlshaber für die wichtigsten Positionen ernannt seien, rief er wehmüthig aus: „Lopo Soarez Generalcapitän?! Konnte es nicht ein anderer sein! Und solche Männer, wie Diogo Mendez und Diogo Pereira,[117]die ich wegen ihrer Vergehen als Gefangene nach Portugal heimgesandt, schickt mir der König als Capitäne und Secretäre wieder zu?! Um des Königs willen habe ich es mit diesen Leuten verdorben, und falle um der Leute willen bei dem Könige in Ungnade.“[118]

Sein Lebensmuth und seine Lebenskraft waren gebrochen. Er wünschte nur noch Goa zu erreichen, denn hier hoffte er Briefe zu finden, welche ihm den plötzlichen Umschlag erklärten und ihn wenigstens durch Anerkennung seiner Verdienste trösten könnten.

Auf Zureden seiner Freunde schrieb er mit zitternder Hand einen letzten Brief an den König: „Sire, dies sind die letzten Worte, welche ich an Ew. Majestät richte, schwergebeugt, nachdem ich so viele Berichte mit heiterem Lebensmuthe geschrieben. Ich hinterlasse hier einen Sohn,[119]Bras Albuquerque; ihm bitte meine Verdienste anrechnen zu wollen. Die Angelegenheiten in Indien werden für sich selbst und für mich sprechen.“ Im Angesicht des Hafens von Goa starb er am Bord des Schiffes, am 16. December 1515, 63 Jahre alt. Angethan mit dem weißen Gewande des St. Jago-Ordens, dessen Commandeur er war, und geschmückt mit den Ordenszeichen, um die Schultern den Sammetmantel gelegt und über dem Goldnetz, welches das Haar umschloß, mit einem Sammtbarett: so wurde seine Leiche auf einem mit Goldbrokat bedeckten Sessel ans Land getragen. Die Augen waren halb geöffnet, aber ohne die Häßlichkeit des Todes. Der lange, weiße Bart wallte bis auf die Brust herab, so daß er auch im Tode noch dieselbe Achtung und Ehrfurcht gebot, die man ihm im Leben zollte. Am Ufer wurde er von dem Commandanten und allen Edelleuten empfangen und in der Capelle beigesetzt, welche er selbst vor den Thoren der Stadt hatte erbauen lassen.

Er hatte die Tugenden und Fehler eines Imperators. Er übte strenges Recht, aber den Treubruch bestrafte er hart. Er war zäh im Ausharren und Ertragen von Mühen. Er ging bei allen Kämpfen nicht mit Worten, sondern mit dem besten, eigenen Beispiel voran. Schmeichler und Ohrenbläser ließ er hart an und hielt sie von sich fern. Den gefaßten Plänen folgte schnellste Ausführung. Persönliche Beleidigungen ertrug er großmüthig, aber er litt es nicht, daß man seine Befehle überschritt oder seine Pläne durchkreuzte; dann schreckte er auch vor Gewaltmaßregeln nicht zurück. In seinen Todesurtheilen ist er mehrmals zu rasch gewesen, denn er war eine leicht erregbare Natur, die schwer zu befriedigen war; aber eine übereilte Handlung hat er alsbald bereut.

Er forderte volle Hingebung an den Beruf und das Amt und verlangte die Anspannung aller Kräfte. Darin that er selbst es allen zuvor. Im Frieden war er Tag und Nacht thätig. G. Correa erzählt,[120]daß er gewöhnlich des Morgens in aller Frühe die Messe hörte und dann zu Pferde stieg, um, von seiner Leibwache umgeben, die Bauten, Werften, Magazine zu besichtigen. Im Staatsdienst duldete er keine Verschwendung und konnte über unnütze Verschleuderung des königlichen Gutes leidenschaftlich aufbrausen. Seine Entscheidungen traf er rasch; man hat mehrfach gesehen, daß er unterwegs, auf der Straße, Befehle und Dokumente auf den Knien unterzeichnete. Er war leutselig gegen jedermann und verstand die Hindus und Mohammedaner nach ihrer Art zu behandeln. Für alle war er bedacht, die friedliche Entwicklung des Handels zur Verbesserung der Lage und Vermehrung des Wohlstandes zu fördern. Jedermann hatte Zutritt zu ihm. Seine Thür war nie verschlossen, nur nach dem Mittagsessen gönnte er sich eine kurze Ruhe und diese wurde an den Wochentagen noch auf das geringste Maß beschränkt. Am Tage fast immer draußen beschäftigt, verwendete er die Stunden der Nacht dazu mit seinen Secretären zu arbeiten, um dem Könige von allemRechenschaft zu geben bis ins Kleinste. An den König, die Königin, die königlichen Räthe entwarf er die Briefe selbst.

Da er immer nur darauf bedacht war, die königliche Macht in Indien zu stärken, so lag es ihm ganz fern, für sich selbst Reichthümer zu erwerben. Alle Geschenke, welche ihm von den Fürsten und Herren in Indien verehrt wurden, übergab er dem König oder der Königin, oder vertheilte sie unter die Hauptleute und Ritter. Auch gegen die Armen erwies er sich hilfreich.

Im Kriege und in der Schlacht stellte er sich den Soldaten gleich und achtete auf sein Leben ebensowenig als auf das Leben der andern, wenn es ein großes Ziel galt. Bei dem ersten unglücklichen Kampfe um den Palast in Kalikut gerieth er selbst mehrfach in Lebensgefahr. Sein Fahnenträger und einer seiner Pagen fielen an seiner Seite und er hielt aus, bis ihn ein Steinwurf besinnungslos niederwarf. Ebenso begab er sich beim ersten Sturm auf Malaka in Lebensgefahr, wurde dabei von den Feinden umstürmt und mußte von João Lemos herausgehauen werden. Dann ging er aber sofort wieder zum Angriff über. Er war ein vorsichtiger Feldherr und nie tollkühn; aber wenn er Großes erreichen wollte, setzte er alles daran. Vor dem zweiten Sturm auf Malaka erklärte er seinen schwankenden Capitänen, daß er seine Mannschaft nur darum aufs Spiel setzte, weil er die Position von Malaka für außerordentlich wichtig halte. So griff er auch zweimal Goa an und ließ sich durch einen ersten Mißerfolg nicht abschrecken, die blutige Entscheidung noch einmal zu wagen. Darum hielt er bei der ersten Belagerung in Goa auch so zäh bis zum äußersten aus. Als hier dem feindlichen Feldherrn durch portugiesische Ueberläufer mitgetheilt war, daß auf seiner im Flusse abgesperrten Flotte Mangel und Hungersnoth herrsche, und jener Heerführer des Adil Schah den Portugiesen großmüthig mehrere Böte mit Erfrischungen anbot, ließ Albuquerque seine letzten Vorräthe, einige Faß Wein und Schiffszwieback auf Deck bringen, zeigte dieselben den Abgesandten und erklärte: andere Leckerbissen als diese Speisen kennten die Portugiesen nicht und bedürften sie nicht. Sollten ihnen diese ausgehen, dann würden seine Soldaten sich schon ungebeten an der Tafel des Adil Schah melden. Jetzt leide er noch keine Noth.

So bewahrte er auch in schwerer Bedrängniß seinen Gleichmuth. Trotz seiner großen Erfolge sah man ihn nie übermüthig werden, auch warnte er seine Capitäne vor jeder Ueberhebung. Als einige von seinen Hauptleuten meinten, die Mauern der neuen Festung in Ormuz seien nicht stark genug, erwiderte er: „Wenn diejenigen, denen die Burg anvertraut ist, sich nicht als Tyrannen geberden, werden sie stark genug sein. Lassen sie sich aber zum Uebermuth hinreißen, so ist auch die stärkste Mauer zu schwach.“

Er suchte zwar die Rechte des Siegers voll und ganz zu vertreten, wünschte aber doch, aus politischen Rücksichten, eine Annäherung zwischen Portugiesen und Eingebornen. Darum begünstigte er die Heiraten der Portugiesen mit Hindumädchen. In Goa waren diese letzteren wenigerschwierig als die Töchter der Brahminen und Nair weiter im Süden. Jedem neuvermählten Paare verehrte er 18 Milreis aus der königlichen Kasse und vertheilte unter die Ansiedler die Häuser und Aecker der vertriebenen Mohammedaner. Dadurch wollte er Goa zum Mittelpunkt der portugiesischen Herrschaft machen und seinen Besitz dauernd befestigen.

Die indischen Gegner fürchtete er dabei weniger als den Sultan Aegyptens. Von dort schien ihm auch in Zukunft allein ernste Gefahr zu drohen. — Das ganze Zeitalter war so reich an überkühnen, himmelstürmenden Gedanken und Plänen, daß wir uns nicht wundern dürfen, auch Albuquerque in eine solche Schwäche verfallen zu sehen. Wie man von Michel Angelo erzählt, daß er den Marmorgipfel des Monte Altissimo in den Bergen von Carrara zu einer einzigen Statue habe umgestalten wollen, und damit ein ganzes Gebirgsprofil verändert hätte, so hatte auch Albuquerque, indem er der Oberfläche der Erde durch Verlegung eines Stroms ein anderes Ansehen geben wollte, nichts geringeres im Sinne, als den Nil in seinem Oberlaufe nach Habesch abzuleiten, um den alten Kulturboden von Aegypten des segenspendenden Wassers zu berauben; denn nur so hoffte er die mohammedanischen Herren für immer aus dem Lande der Pyramiden vertreiben zu können.

Verständiger klingt schon sein Vorschlag, einen großen Feldzug ins rothe Meer hinauf zu machen und nach Eroberung Medina’s die Gebeine Mohammeds zu entführen, um dafür das heilige Grab in Jerusalem von den Ungläubigen auszutauschen.

So genial wie in seinen Plänen, so reich war er an treffenden Aussprüchen. Die zeitgenössischen Geschichtsschreiber haben uns manche davon überliefert, die offenbar von Mund zu Mund gegangen waren. Dadurch wußte er auch die Gemüther wieder zu besänftigen, die er durch sein leidenschaftliches Temperament verletzt hatte. Ein witziger Einfall machte eine scheinbare Ungerechtigkeit, die er begangen, bald vergessen. Man sah, er wollte nur die Pflichtvergessenen treffen.

Als nach der Eroberung Malaka’s Albuquerque beim Bau der Citadelle auf einem Gedenkstein, der in der Mauer angebracht werden sollte, die Namen der Tapfersten hatte einmeißeln lassen, beschwerten seine Leute sich darüber, daß nur einige genannt seien, während sie doch alle ihre Schuldigkeit gethan hatten. Da befahl der Generalcapitän den Stein umzukehren, daß dieSchriftnach innen kam, und ließ ihn als Schlußstein über das Thor der Festung setzen mit der neuen Inschrift: Der Stein, den die Bauleute verworfen haben. (Psalm 118. 22).[121]

Sicher war Albuquerque der bedeutendste unter den portugiesischen Heerführern in Indien. Er verdunkelte auch die Thaten seiner Nachfolger. Zu spät sah Manuel seinen Fehler ein, daß er durch seinen Undank dem Begründerseiner indischen Macht das Herz gebrochen. Dann wollte er ihn wieder an Stelle des Soarez einsetzen und ihm sogar den Rang eines Vicekönigs verleihen. Aber dieser reuige Beschluß kam zu spät, und der König selbst mußte es noch erleben, wie mühsam sich nach Albuquerque’s Tode die indischen Angelegenheiten in befriedigender Weise entwickelten.

Lopo Soarez d’Albergaria, welcher als nächster Nachfolger Albuquerque’s von 1515–1518 den Oberbefehl in Indien führte, war kein Neuling mehr im Orient; er hatte schon 1504 ein Commando gehabt. Nun war er am 7. April von Lissabon mit 13 Segeln abgegangen und erreichte am 8. September 1515 Goa. Als Capitäne der einzelnen Schiffe begleiteten ihn alle die Widersacher Albuquerque’s, wie Diogo Mendes de Vascogoncellos, Jorge de Brito u. a.

Bei seiner Ankunft in Goa fand er allgemeine Niedergeschlagenheit über seine Ernennung und Betrübniß über die rücksichtslose Beseitigung seines verdienstvollen Vorgängers, der sich in der von ihm geschaffenen Stadt der ungetheiltesten Verehrung erfreute. Im October ging Soarez nach Kotschin und fand dort, wie überall, nur kühlen Empfang; selbst die indischen Fürsten außer dem von Kalikut theilten die allgemeine Stimmung. Um diese Zeit kehrte Albuquerque von Ormuz zurück und in Kotschin erfuhr Soarez durch Simão d’Andrade zuerst von dem Hinscheiden des bisherigen Generalgouverneurs. Nun hatte Soarez freie Hand, aber auch im folgenden Jahre geschah noch nichts Erhebliches, er rüstete zu einem großen Zuge nach dem rothen Meere und brachte eine stattliche Flotte von 37 Schiffen zusammen, mit welcher er im Februar aufbrach, um einem ägyptischen Geschwader entgegenzutreten, welches angeblich 27 Segel stark, wiederum nach den indischen Gewässern bestimmt sein sollte. Die feindliche Macht hatte in der That noch vor Aufbruch des Soarez sich auf den Weg gemacht, die wichtige Insel Kamaran befestigt, damit dieselbe nicht wieder, wie unter Albuquerque, zum Stützpunkt der portugiesischen Unternehmungen dienen könnte, war dann vor Aden erschienen und hatte diese Festung vergeblich berannt. Dann war sie nach Dschidda, dem Hafen von Mekka zurückgekehrt, wo man in gesicherter Lage die Schiffe an den Strand gezogen hatte.

Soarez erlitt zwar durch einen Sturm in der Babelmandeb-Enge einige Verluste, drang aber trotzdem bis nach Dschidda vor. Er kam also weiter als Albuquerque, allein damit hatten seine Erfolge ein Ende. Denn der Hafen von Dschidda ist, wie fast alle Häfen am rothen Meere, durch Korallenbänke gebildet und geschützt. Zwischen den Riffen wand sich das schmale Fahrwasser wohl eine Meile weit, ehe man den Landungsplatz erreichte, und diese gefährliche Straße war durch Batterien vertheidigt. Eine Ueberrumpelung des Platzes mit bewaffneten Böten mißlang, es konnten nur einige Schiffein Brand gesteckt werden. Während Soarez den Hafen noch blokirte, erhielt er bestimmte Nachrichten über den Einbruch der Türken in Aegypten und die Niederlage des ägyptischen Sultans. Dadurch war vorläufig die Kriegslust desselben vernichtet, und da man vor der Hand von den Türken nichts für Indien zu befürchten hatte, so wollte auch Soarez seine Leute nicht unnützerweise in den ungesunden Gewässern opfern, sondern zog sich zurück. Die Insel Kamaran war bei ihrer Ankunft von der mohammedanischen Besatzung zwar verlassen; aber außer Trinkwasser bot die Insel nichts. Für Lebensmittel war auf der Flotte nicht hinreichend gesorgt; nur um solche zu gewinnen, wurde die Stadt Zeila, auf der afrikanischen Küste, erstürmt und geplündert. Viele Leute verschmachteten oder verhungerten, andere kamen in Krankheiten um, andere bei Schiffbrüchen. Barros schätzt die Zahl der also Hinweggerafften auf achthundert. Osorio[122]äußert sich in heftigem Unwillen über diese Mißerfolge: „Mit Verlust von Menschen und Schiffen, mit Schimpf und Schande ging Soarez nach Ormuz zurück. Weder besetzte er Aden, noch zerstörte er die Flotte des Sultans in Dschidda, ja er setzte nicht einmal den Gesandten des Königs Matthäus von Habesch, der sich an Bord befand, in seiner Heimat ans Land.“ Auf dem Rückwege wurde die Flotte durch Unwetter dermaßen auseinander gejagt, daß einige Schiffe sich bis nach Melinde und gar nach Mosambik verschlagen fanden. So kläglich endete dieses Unternehmen. Mehr Erfolg hatte Soarez 1513 mit seinem Zuge gegenCeylon. Diese Insel war seit 1506 von Portugiesen besucht. Nach der Eroberung von Ormuz, Goa und Malaka, und nach der Besetzung der Haupthäfen auf der Westküste Vorder-Indiens durch Albuquerque, nahmen die arabischen Kauffahrer einen anderen Weg, um von den Gewürzinseln in ihre Heimat zurückzukehren. Sie vermieden das früher besuchte malabarische Küstenland, legten dafür in Ceylon, namentlich in Kolombo, an und steuerten dann über die Malediven nach Aden. Um ihnen nun diesen Weg gleichfalls zu verlegen, hatte Manuel den Befehl gesandt, in Kolombo sich festzusetzen. Der dortige Fürst bequemte sich erst nach einer Niederlage dazu, den Bau einer portugiesischen Citadelle zu gestatten, und mußte, indem er vollständig zinsbar wurde, jährlich 300 Bahar Zimmt (à4 Centner), 12 Ringe mit Rubinen und Saphiren, und 6 Elephanten als Tribut in die Factorei von Kotschin liefern.

Nachdem dieser Zug geglückt war, übergab Soarez den Oberbefehl seinem Nachfolger und ging am 20. Januar 1519 mit neun beladenen Schiffen nach Portugal ab. „Sein ganzes Glück scheint darin bestanden zu haben, daß er seine Flotten und seine Ladungen wohlbehalten nach Hause brachte.“[123]

Indem wir vorläufig die weiter östlich ausgeführten Entdeckungsfahrten übergehen, um sie später im Zusammenhange übersichtlich darzustellen, verweilenwir noch bei den Angelegenheiten, welche sich in Vorder-Indien und im westlichen Theile des indischen Oceans abspielen. Aber auch diese Ereignisse sollen nur summarisch geschildert werden, da wenige bedeutende Erfolge im nächsten Jahrzehnt zu verzeichnen sind. Auf Soarez folgte als GeneralgouverneurDiogo Lopez de Sequeiravon 1519–1521. Derselbe ist uns bereits bekannt durch seinen ersten Besuch in Malaka 1509. Er kam als oberster Befehlshaber wieder mit einer ansehnlichen Flotte und 1500 Mann im September 1518 nach Indien, und unternahm auch, auf königlichen Befehl, 1520 einen erfolglosen Zug nach dem rothen Meere, weil man in Portugal in Erfahrung gebracht, daß die Türken in Aegypten einen Zug nach Indien vorbereiteten. In der Nähe der Meerenge von Babelmandeb litt Sequeira selbst Schiffbruch; er rettete sich mit seinen Leuten auf ein anderes Fahrzeug, gelangte aber nicht einmal bis Dschidda, suchte dann den Hafen Massaua an der Küste von Habesch auf — er war der erste Portugiese, der hier anlief — und brachte endlich den habessinischen Gesandten, den schon Soarez bei seinem Zuge an Bord gehabt, wieder in sein Vaterland. Dann begab er sich von da nach Ormuz und wurde mit neuen Befehlen von Portugal aus förmlich überschüttet, so daß er nicht wußte, was er zuerst vornehmen sollte. Danach sollte er auf den Molukken, auf Sumatra, auf den Malediven, in Tschaul (Vorder-Indien) Festungen anlegen, dann wieder nach dem rothen Meere gehen, Diu erobern, Schiffe nach China senden u. s. w. Aber von alledem hat er nur eins, die Anlegung eines Forts in Tschaul, ausgeführt. Denn sein großer Zug gegen Diu mit mehr als vierzig Schiffen mißlang und zu einem zweiten Zuge gegen Aegypten fehlte ihm die Zeit. Seine Amtszeit war abgelaufen. Bis an das nördliche Ende des rothen Meeres, bis nach Sues vorzudringen, war erst 1541 dem Sohne Vasco’s, Estevan da Gama vergönnt.

Schon ehe Sequeira vom Oberbefehl zurücktrat, starb König Manuel am 13. Januar 1521. Sein Sohn und Nachfolger Johann III. schickte 1522 denDuarte de Menezesals Obergeneral nach Indien. Derselbe hatte sich im afrikanischen Kriege vor Tanger ausgezeichnet und galt als einer der vorzüglichsten Männer Portugals; aber auf indischem Boden grünte ihm kein Lorbeer, denn um diese Zeit wäre beinahe die wichtige Position von Ormuz verloren gegangen. Dort war nämlich gegen Ende des Jahres 1521 ein Aufstand ausgebrochen, weil Portugiesen als Hafenmeister angestellt waren, welche die Hafeneinkünfte controlliren sollten. Darüber bildete sich eine Verschwörung, welche die Fremden vernichten sollte. In einer Nacht wurden 125 Portugiesen, welche sorglos in der Stadt wohnten, überfallen und niedergemacht. Glücklicherweise aber hielt sich die Festung. Der König von Ormuz begab sich daher, da der verrätherische Plan nicht vollständig geglückt war, mit allem Volk nach der weiter nördlich gelegenen Insel Kishm, nachdem er die Stadt den Flammen preisgegeben hatte. Der Bruder des Generalcapitäns, Luis de Menezes, welcher auf die Kunde von diesem Vorfall sofort dorthin gesendet wurde, stellte indeß den Frieden wieder her. DasHandelsvolk kehrte in die Stadt zurück und der König mußte sich zu einem jährlichen Tribut von 20,000 Scherafinen verpflichten. Dann erschien auch Duarte de Menezes in Ormuz, ordnete die Verhältnisse wieder und befestigte die portugiesische Stellung.

Wenn als sein NachfolgerVasco da Gamanoch einmal in Indien erscheint, so durfte man wohl erwarten, daß er mit fester, rücksichtsloser Hand die indischen Angelegenheiten leiten und das eintretende Gefühl einer Ermattung durch glänzende Thaten bannen würde. Leider sollte diese Erwartung nicht in Erfüllung gehen, da er nur ein Vierteljahr die Oberleitung besaß.

Facsimile des Namenszuges von Vasco da Gama (und zwei Zeugen) in dem Dokument, in welchem er König Johann III. huldigte, als derselbe ihn zum Vicekönig von Indien ernannt hatte. — Das Dokument befindet sich im Archiv von Lissabon. Die Unterschriften lauten:Ho conde do vymyoso.Ho comde almirante.Bertolomeu de paiva.

Facsimile des Namenszuges von Vasco da Gama (und zwei Zeugen) in dem Dokument, in welchem er König Johann III. huldigte, als derselbe ihn zum Vicekönig von Indien ernannt hatte. — Das Dokument befindet sich im Archiv von Lissabon. Die Unterschriften lauten:Ho conde do vymyoso.Ho comde almirante.Bertolomeu de paiva.

Es ist mit Recht aufgefallen, daß der Entdecker des Seeweges seit 1502 keine Verwendung in indischen Diensten gefunden hatte. War Don Manuel nicht einverstanden gewesen mit dem schroffen Auftreten Gama’s? Erst unter König Johann III. begegnen wir ihm wieder und dann mit dem Range eines Vicekönigs, den seit Almeida kein Heerführer in Indien mehr erhalten hatte. Im Gefolge Gama’s befanden sich außer seinen Söhnen Estevan und Paulo die Capitäne Henrique de Menezes und Lopo Vaz de Sampayo, welche beide später als Generalcapitäne fungirten. Am 23. September langte der neue Vicekönig in Goa an, und wandte seine Aufmerksamkeit und Thätigkeit zunächst einer sorgfältigen Prüfung der Verwaltung zu. Hier waren allerlei Mißbräuche eingerissen und Unterschleife vorgekommen, welche die Einkünfte des Königs schmälerten. Dabei handelte Gama im Interessedes Staates, denn, sagte er, er wolle lieber den König reich machen, da es das größte Glück für ein Volk sei, einen reichen König zu haben, als die Leute sich bereichern lassen, die arm von Portugal kämen, um, ohne für den Dienst besonders befähigt zu sein, in Indien Schätze zu sammeln. Darum verfuhr er gegen die reichen Beamten des Königs sehr streng und stellte niemanden an, ehe er seine Fähigkeiten geprüft hatte. Ohne Erlaubnißschein sollte kein portugiesischer Privatmann Handel treiben, bei Todesstrafe, und wenn gar ein Beamter sich an den Geschäften betheiligte, sollten Schiff und Ladung confiscirt werden.

Da auch die portugiesischen Kauffahrteischiffe wegen der kriegerischen Verhältnisse in den indischen Gewässern mit Geschützen versehen waren und sich dieselben auf unerlaubte Weise vielfach aus den königlichen Arsenalen zu verschaffen gewußt hatten, so forderte Gama diese Waffen wieder zurück. Binnen einem Monate mußten sie an die Zeughäuser wieder abgeliefert werden. Waren die Händler auf diese Weise wieder wehrlos gemacht, dann war auch ihre Unternehmungslust dadurch gedämpft. Aber nicht blos Waffen waren, mit Genehmigung der königlichen Verwalter, aus den königlichen Magazinen abgegeben; manche höhere Beamte hatten sogar königliche Gelder zurückbehalten. Diese trieb, so weit sie ermittelt werden konnten, der Vicekönig ohne Ansehen der Person ein. So forderte er selbst von seinem Vorgänger im Amte, Duarte de Menezes Summen zurück, welche dieser sich aus den Einnahmen der Factoreien angeeignet hatte. Eine längere Dauer seines Regiments würde für die Verwaltung von heilsamer Wirkung gewesen sein. Aber diese letztere wurde bald verwischt, da Vasco da Gama schon am 24. December 1524 in Kotschin starb. Die Leiche wurde, in seidenen Kleidern mit dem Mantel des Christusordens bedeckt, mit Schwert und goldenen Sporen, zuerst in einer Halle ausgestellt und dann in der Kapelle des Franziskanerklosters in Kotschin beigesetzt. Im Jahre 1538 wurden die Gebeine nach Portugal gebracht und in Vidigueira bestattet, wo das Grabmal 1840 vom Pöbel zerstört wurde.

Wappen von Vasco da Gama.

Wappen von Vasco da Gama.

Barros schildert ihn als einen Mann von mittler Größe, kühn und tapfer in seinen kriegerischen Unternehmungen, strenge in seinen Befehlen, furchtbar in seinem Zorn, unverdrossen in der Arbeit, beharrlich selbst in Gefahren, unbestechlich in der Handhabung der Gerechtigkeit. Und wenn Correa hinzufügt, daß er sich nur aus religiösem Eifer und zur Ehre Portugals so oft in Lebensgefahr begeben habe, so liegen auch bei Vasco da Gama als die treibenden Kräfte: ritterlicher Waffenruhm und die Verbreitung des heiligen Glaubens offen vor Augen; denn vielen, und darunter den Edleren, erschienen die indischen Kämpfe als heilige Kriege, als Kreuzzüge gegen den Erbfeind des Christenthums.

Nach dem Tode des Vaters kehrten die Söhne Gama’s zunächst nach Portugal zurück.

Gama’s Nachfolger wurdeHenrique de Menezes, ein junger, tapferer Mann, welcher sich zuvor im marokkanischen Kriege ausgezeichnet hatte und zu jener Zeit Gouverneur von Goa war. Derselbe starb aber schon am 23. Februar 1526 in Folge eines Beinschadens. Zu seinem Nachfolger bestimmte eine königliche Verordnung denPero Mascarenhas. Derselbe war aber damals Statthalter in Malaka, und weil man voraussah, daß eine geraume Zeit darüber vergehen werde, ehe er mit günstigem Monsun nach Vorder-Indien kommen könne, und weil man augenblicklich bei den fortwährenden Kämpfen an der Küste von Malabar schleunigst einer Oberleitung bedurfte, so entschieden sich die Hauptleute dahin, nach einer weitern königlichen Verfügung, welche bereits in Indien schriftlich vorlag, denLopo Vaz de Sampayoprovisorisch als Generalgouverneur anzuerkennen, jedoch mit dem Vorbehalte, daß er bei Ankunft des Mascarenhas zurückzutreten habe. Lopo Vaz war damals Commandant in Kotschin und trat sofort sein Amt an. Noch in demselben Jahre traf von Europa eine neue Verfügung des Königs ein, welcher von den oben erwähnten Vorfällen und von dem Tode des Menezes noch keine Kunde hatte und nun neuerdings bestimmte, daß, falls Menezes stürbe, Lopo Vaz in seine Stelle treten solle. Daraus entstanden unliebsame Verwicklungen. Als Mascarenhas am 26. Februar 1527 vor Kotschin ankam, wurde ihm bedeutet, er dürfe sich nicht als Generalgouverneur betrachten und mit seinen bewaffneten Leuten landen. Wolle er ohne Waffen als Privatmann ans Land kommen, so solle das gestattet sein. Pero Mascarenhas hoffte durch sein persönliches Erscheinen seinen Anhang zu vermehren und dann doch anerkannt zu werden. Aber er fand am Ufer bewaffneten Widerstand und mußte, nachdem er zweimal am Arme verwundet war, sich auf sein Schiff zurückziehen. Er lieferte die von Malaka mitgebrachten Frachtschiffe und die Beute aus einem glücklichen Kriege mit dem Fürsten von Bintang ohne Weigerung ab und begab sich ohne Gefolge nach Goa, wo er durch friedliche Entscheidung zu seinem Rechte zu kommen gedachte. Vor der Barre von Goa wurde aber sein Fahrzeug auf Befehl des Lopo Vaz angehalten und er selbst in Ketten gelegt und nach Kananor gebracht. Die starke Parteides Mascarenhas ruhte aber nicht eher, als bis Lopo Vaz zu einem Vergleich sich herbeiließ und das Urtheil einem Schiedsgerichte anheimstellte. Als dieses sich für ihn entschieden hatte, kehrte Pero Mascarenhas nach Portugal zurück (December 1527). Vor seiner Ankunft hatte der König schon beschlossen, um die in Indien ausgebrochenen Parteistreitigkeiten zu beseitigen, einen neuen Generalgouverneur zu entsenden, dem beide Parteien gehorchen könnten. Es wurdeNuno da Cunhaernannt, der schon mit seinem Vater Tristão in Indien gewesen war. Diese Wahl war sehr glücklich, denn seit Albuquerque’s Tode war nichts Bedeutendes mehr geleistet und die verfügbare Macht in fruchtlosen Unternehmungen zersplittert. Im April 1528 verließ da Cunha Lissabon mit 11 Schiffen und 2500 Mann. An der Küste von Madagascar verlor er sein Schiff, wandte sich an den Komoren vorbei nach Sansibar, eroberte im November Mombas fast ohne Blutvergießen und legte es in Asche, da der Scheich nur in der Erwartung, daß das höchst ungesunde Klima die Portugiesen bald vertreiben werde, den verlangten Tribut zu zahlen sich weigerte. Dann ging da Cunha, obwohl er von dem Streite über den Oberbefehl in Indien genauere briefliche Nachrichten erhalten hatte, zuerst nach Ormuz, um dort zu überwintern und zugleich die Angelegenheiten in der Stadt zu ordnen. Er traf zu Gunsten des Königs von Ormuz uneigennützige Verfügungen und übte strenges Gericht über hochgestellte einheimische Beamte, welche sich große Unterschlagungen königlichen Gutes hatten zu Schulden kommen lassen. Dadurch gewann er das Vertrauen des Herren der Stadt. Während seiner Anwesenheit daselbst kam Belchior de Sousa Tavaros von einem Kriegs- und Entdeckungszuge nach Basra in den Hafen zurück. Er war der erste Portugiese, welcher in den vereinigten Mündungsstrom des Euphrat und Tigris eindrang.

Pero Mascarenhas in Ketten.Aus den„Lendas da India“

Pero Mascarenhas in Ketten.

Aus den„Lendas da India“

Am 15. September 1529 begab sich da Cunha nach Indien und erreichte Goa am 22. October. Sofort begann er seine Vorbereitungen zu einem energischen Angriff auf Diu, dem wichtigen und sehr festen Hafenplatz im Reiche Gudjerat. Schon Albuquerque hatte, in richtiger Würdigung der Wichtigkeit dieses Platzes, den Hafen von Diu ins Auge gefaßt, war aber durch andere Angelegenheiten zu sehr in Anspruch genommen gewesen, um einen Anschlag darauf ausführen zu können. Unter seinen Nachfolgern war die Stadt, welche lange unter der Verwaltung des Melek Aias gestanden, mehrfach vergeblich bestürmt. Auch unter den Nachfolgern des genannten Statthalters, seinen Söhnen Melek Saka und Melek Toghan war sie eine gefährliche Nachbarin der Portugiesen geblieben, denn der Sultan Bahadur (Badur) von Gudjerat, zu dessen Gebiet sie gehörte, war einer der mächtigsten Fürsten Indiens.

Inzwischen traf da Cunha mit seinem Vorgänger Lopo Vaz vor Kananor zusammen und übernahm aus dessen Hand die Oberleitung der indischen Angelegenheiten. Auf Befehl des Königs Johann III. mußte er sogar den bisherigen Generalcapitän verhaften lassen, weil von Ormuz und Kotschin ausKlagen gegen denselben eingelaufen waren. In Portugal aber wurde Lopo Vaz bald wieder in Freiheit gesetzt.

Dem wankelmüthigen Samudrin, welcher den Frieden immer wieder brach, sowie sich die portugiesische Macht aus seiner Nähe entfernte, wurden die Häfen gesperrt und der einträgliche Handel gelähmt. Er wurde nämlich von den Mohammedanern, in deren Interesse er handelte, immer wieder heimlich unterstützt und aufgestachelt. Auch jetzt erbot er sich wieder zum Frieden, allein da er die ihm auferlegten Bedingungen nicht erfüllen wollte, zerschlugen sich die Verhandlungen, und der friedelose Zustand dauerte fort. Im Jahre 1531 gelang es aber doch durch geschickte Unterhandlungen dem Samudrin das Zugeständniß abzugewinnen, die Erlaubniß zu ertheilen für die Anlegung einer Festung in Chali, drei Meilen südlich von Kalikut, im Gebiet des untergebenen Radscha von Tanur. Da Cunha ließ den Bau sofort beginnen und belegte den festen Platz bereits im Februar 1532 mit 250 Mann. Trotzdem blieb der Samudrin offen oder versteckt ein Gegner der Portugiesen.

Das Reich Gudjerat, gegen welches Nuno da Cunha seinen großen Zug richten wollte, erstreckte sich auf beiden Seiten des Golfs von Kambaya vom Golf von Katsch bis südlich von Bombay. Hier lagen an der Küste die reichen Handels- und Gewerbstädte Pattana, Diu, Kambaya, Barotsch, Sorâth, Damân und Bassein, alte, wohlhabende und berühmte Orte, theils von indischen, theils von mohammedanischen Kaufleuten bewohnt. Schon ehe der Generalcapitän mit seiner großen Flotte aufbrach, schickte er im Anfange des Jahres 1530 den Antonio da Silveira mit einer Anzahl von Schiffen ab und ließ mehrere dieser Städte angreifen und plündern.

Dann folgte im nächsten Jahre da Cunha selbst von Bombay aus mit einem so gewaltigen Geschwader, wie es vorher von den Portugiesen noch nicht aufgebracht war. Es sollen gegen 400 große und kleine Schiffe gewesen sein mit 3600 Portugiesen und dazu eine bedeutende Schaar indischer Hilfstruppen. Statt aber geradenwegs auf Diu zu steuern, wandte sich der portugiesische Befehlshaber weiter ostwärts, wo in einer Entfernung von 8 Meilen nordöstlich von Diu eine kleine felsenumsäumte Insel, jetzt Searbett, damals Bete genannt, liegt. Dieselbe war in letzter Zeit mit Festungswerken versehen und hatte eine Besatzung von 800 Mann. Nuno da Cunha glaubte diese feste Position, welche den genannten großen Handelsemporien näher lag, nicht im Rücken lassen zu dürfen und hoffte sie ohne großen Verlust wegnehmen zu können. Allein die mohammedanische Besatzung wehrte sich mit dem Muthe der Verzweiflung, bis sie vernichtet war. Dadurch büßte da Cunha nicht blos viele Leute und darunter hervorragende Führer ein, sondern er verlor auch viel Zeit, welche von seinen Gegnern in Diu trefflich benutzt wurde, um den ohnehin festen Platz noch mehr mit Vertheidigungswerken zu versehen. Diu liegt vor dem Südende der Halbinsel Gudjerat auf einer Insel hart an der Küste. Dieses Eiland erstreckt sich 1½ Meilen von Osten nach Westen und ist etwa ½ Meile breit. Am schmäleren Ostende liegt die Stadt,zwischen der Insel und dem nördlichen Festlande der gegen Osten geöffnete Hafen. Klippenreihen umsäumen die Insel gegen Süden und decken die Stadt. Auf und zwischen den Felsen waren Batterien errichtet, um einen Angriff von der Seeseite abzuwehren. Weiter ostwärts erstrecken sich Sandbänke vor der Einfahrt in die Bucht, und der Hafen selbst war mit eisernen Ketten versperrt.

Hätten die Portugiesen es nur mit den einheimischen Truppen zu thun gehabt, so wäre der Angriff auf diese starke Position vielleicht von Erfolg gekrönt gewesen; allein der Sultan Bahadur hatte kurz vorher einen unschätzbaren Bundesgenossen bekommen in der Person des türkischen Generals Mustafa, der auf die Kunde von den drohenden Ereignissen vom rothen Meere her mit zwei Schiffen und 800 tüchtigen türkischen Soldaten der Stadt zu Hilfe geeilt war. Mustafa verstand die europäische Kriegführung und war namentlich als Artillerieoffizier berühmt. Er wurde der Leiter der ganzen Vertheidigung und die gutgezielten Schüsse seiner Batterien richteten unter den Portugiesen unerwartet großen Schaden an. Nuno da Cunha übersah bald die veränderte Lage und das Bedenkliche eines Sturmes auf die Festung; da aber sein König den Angriff befohlen, so wagte er ihn, um nicht als zaghaft gescholten zu werden. Sein Hauptsturm, am 16. August, wurde indeß durch die Vertheidiger der Stadt abgeschlagen, und die Portugiesen mußten sich zurückziehen. Mustafa erhielt in Anerkennung seiner rühmlichen Leistung den Titel eines Chan und wurde mit der Verwaltung des Districts von Barotsch belohnt. Nuno beschränkte sich auf eine Blokade und ging dann nach Tschaul, südlich von Bombay, zurück. Der kleine Krieg zur See, die Wegnahme von Handelsschiffen, die Verwüstung von Küstenhäfen wurde auch im folgenden Jahre noch fortgesetzt.

Bahadur, welcher bald darauf mit dem Sultan Humajun von Dehli in einen Krieg verwickelt wurde und daher in den Küstenstädten nur wenige Truppen zurücklassen konnte, wünschte indeß mit den Portugiesen Frieden zu schließen und bot ihnen statt Diu die Stadt Bassein sammt der Insel Salsette und Bombay (Mombain) an; der portugiesische Gouverneur ging darauf bereitwillig ein und ließ schon im Januar 1535 ein Fort in Bassein anlegen. Im Verlauf desselben Jahres lief aber Bahadurs Feldzug gegen Dehli unglücklich ab, er wurde geschlagen und flüchtete, verfolgt von dem Sieger Humajun, welcher Kambaya besetzte, nach Diu. Dem Sultan war darum zu thun, in seiner Noth die Portugiesen als Freunde zu gewinnen. Er erbot sich daher noch im Herbst 1535, ihnen einen Platz bei Diu einzuräumen, um eine Festung anzulegen, die den Hafen beherrschen könne. Dagegen sicherte Nuno da Cunha freien Handel der Städte in der Richtung nach dem rothen Meere zu; alle Schiffe konnten frei passiren, nur die türkischen nicht. Auf diesen Grundlagen wurde ein Schutz- und Trutzbündniß geschlossen. Der Bau einer starken Burg wurde alsbald begonnen.

Als aber Humajun nach anderen Theilen seines Reiches abgerufen wurdeund Bahadur sich von diesem gefährlichen Feinde erlöst sah, wurde ihm die Burg der Portugiesen lästig. Er knüpfte daher mit anderen Fürsten in Dekhan Verbindungen an, bewahrte aber äußerlich noch ein gutes Einvernehmen. Nuno da Cunha erfuhr von dieser Sinnesänderung und ging im Januar 1537 nach Diu. Als der Sultan den Gouverneur auf seinem Schiffe besucht hatte und nach der Stadt zurückfuhr, kam es in Folge eines unglücklichen Mißverständnisses zu einem feindseligen Zusammenstoß mit einigen nachfolgenden portugiesischen Fahrzeugen. Daraus entwickelte sich ein blutiges Gefecht, in welchem Bahadur selbst getödtet wurde. Bei der allgemeinen Bestürzung, die darüber entstand, ward es den Portugiesen leicht, die Stadt zu besetzen. Als die Gudjeraten aber mit einem größeren Heere heranrückten, mußten die Portugiesen sich wieder in die Festung zurückziehen. Hier hatten sie bald eine sehr ernste Belagerung zu bestehen, denn im Jahre 1538 rückte eine gewaltige türkische Flotte mit 7000 Soldaten vor Diu. Fünfundzwanzig Tage lang wurde die Festung aus schwerem Geschütz beschossen, aber der tapfere Commandant Antonio da Silveira hielt Stand, und das Beispiel edler Frauen, welche nach dem Bericht Barros’ mit Hand anlegten, um die durch die türkischen Geschosse zertrümmerten Mauern wieder herzustellen, feuerte den Muth der kleinen Besatzung an. Ein Hauptangriff gegen die geschossene Bresche wurde glücklich abgeschlagen, die Türken mußten sich zurückziehen und die Belagerung aufheben, weil Nuno da Cunha einige Schiffe zum Entsatz gesandt hatte, welche von den Belagerern für einen Theil der großen erwarteten Flotten gehalten wurden.[124]Es war für die hartbedrängte Schaar auch die höchste Zeit für eine Erlösung, denn aller Kriegsvorrath war verbraucht, und nur noch 40 Mann waren gefechtstüchtig geblieben. Alle übrigen waren gefallen oder verwundet, oder lagen am Scorbut krank, welcher in Folge des schlechten Trinkwassers in der Festung ausgebrochen war.

So war Diu gerettet, und die türkische Macht kehrte am 5. November nach dem rothen Meere zurück.

Es war dies das letzte bedeutende Ereigniß unter der Regierungszeit Nunos. Sein Nachfolger war bereits angekommen. Garcia de Noronha, ein Neffe Albuquerque’s, kam am 11. September 1538 mit einer Flotte nach Goa und übernahm als Vicekönig die Leitung. Nuno da Cunha’s Stellung war in Portugal erschüttert, das konnte er aus dieser Ernennung zu deutlich erkennen. Statt einen kräftigen, energischen Mann, wie er gewünscht hatte, und wie er es selbst gewesen war, ehe das indische Klima seine Gesundheit untergraben hatte, schickte man einen Greis von 70 Jahren, der auch dann als Diu in höchster Gefahr schwebte, mit äußerster Bedächtigkeit seine Rüstungen vornahm. Statt geschulter Soldaten brachte er entlassene Sträflinge mit,die erst eingeübt werden mußten und so wenig Vertrauen erweckten, daß die portugiesischen Hauptleute in Indien lieber eingeborene Truppen nahmen.[125]In Portugal machte sich der Mangel an junger Mannschaft bereits so fühlbar, daß man zu einem so bedenklichen Ersatz gegriffen hatte. Aus Mißmuth darüber nahmen mehrere Hauptleute den Abschied und kehrten mit da Cunha nach Portugal zurück.

Die letzten Tage seines Aufenthalts in Indien wurden dem bisherigen Gouverneur noch dadurch verbittert, daß der Vicekönig ihm ein Schiff zur Heimreise verweigerte, unter dem Vorwande, er könne keins entbehren. Dadurch wurde da Cunha noch bis zum Januar 1539 in Kananor zurückgehalten und mußte sich, nachdem er zehn Jahre die portugiesische Macht in rühmlicher Weise erweitert und seinem Könige die Festungen in Diu, Bassein und Chali gegründet hatte, welche, wie Barros meint, nicht weniger wichtig waren als Ormuz, Malaka und Goa, die Eroberungen Albuquerque’s, auf eigene Kosten ein Schiff miethen, um in die Heimat zurückkehren zu können. Den Keim einer tödtlichen Krankheit in sich tragend und niedergebeugt durch den Undank des Herrschers, dem er ebenso uneigennützig als erfolgreich sein Leben lang gedient, denn er war schon sehr früh nach Indien gekommen, stieg da Cunha zu Schiff. Als er den Tod nahen sah, erklärte er in seinem Testamente an Eides statt, daß er niemals königliches Eigenthum sich angeeignet habe, außer fünf goldenen Münzen aus dem Schatze des Sultans Bahadur, die er dem König habe zeigen wollen. Als man ihn fragte, ob er wünsche, daß, falls er sterbe, seine Leiche mit nach Portugal genommen würde, antwortete er: „Soll ich nach Gottes Rathschluß auf der See sterben, so mag auch die See mein Grab sein. Das Vaterland, das mich voll Undank von sich gestoßen, soll auch mein Gebein nicht decken.“

Sieben Wochen nach der Abfahrt von Kananor starb er und wurde, nach seinem Willen mit dem Gewande des Christusordens bekleidet und mit dem Schwert umgürtet, ins Meer gesenkt. So ward er wenigstens vor noch tieferer Kränkung bewahrt; denn allzu leicht geneigt, den geheimen Anklagen und Verleumdungen ein williges Ohr zu leihen, hatte die portugiesische Regierung ihm bereits ein Schiff entgegengesandt mit dem ausdrücklichen Befehl, den heimkehrenden Generalgouverneur in Ketten zu legen.

Vielleicht war Johann III. dem Nuno deshalb nicht wohl gesinnt, weil dieser sich zu wenig die Ausbreitung des Christenthums hatte angelegen sein lassen und aus politischem Interesse dem Sultan Bahadur zu große Zugeständnisse gemacht hatte. Denn gerade zu jener Zeit war die Geistlichkeit von maßgebendem Einfluß im Rathe Johanns III., welcher die Inquisition in Portugal eingeführt hatte.


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