Die erste Flugschrift, welche die Kunde von der Entdeckung Amerikas brachte.Original im brit. Museum.Ein Brief des Christoforus Colonus, dem unsere Zeit viel verdankt: Von den neulich entdeckten Indischen Inseln jenseit des Ganges. Um dieselben aufzusuchen war er acht Monate früher unter den Auspicien und auf Kosten des unüberwindlichsten Königs Ferdinand von Spanien ausgesendet. Der Brief ist an den Schatzmeister desselben durchlauchtigsten Königs, an Raphael Sanxis gerichtet, und durch den edlen und gelehrten Aliander de Cosco aus dem Spanischen ins Lateinische übersetzt: am 29. April 1493 im ersten Jahre des Papstes Alexander VI. (Gedruckt in Rom.)
Die erste Flugschrift, welche die Kunde von der Entdeckung Amerikas brachte.Original im brit. Museum.
Ein Brief des Christoforus Colonus, dem unsere Zeit viel verdankt: Von den neulich entdeckten Indischen Inseln jenseit des Ganges. Um dieselben aufzusuchen war er acht Monate früher unter den Auspicien und auf Kosten des unüberwindlichsten Königs Ferdinand von Spanien ausgesendet. Der Brief ist an den Schatzmeister desselben durchlauchtigsten Königs, an Raphael Sanxis gerichtet, und durch den edlen und gelehrten Aliander de Cosco aus dem Spanischen ins Lateinische übersetzt: am 29. April 1493 im ersten Jahre des Papstes Alexander VI. (Gedruckt in Rom.)
Titel des ersten deutschen Flugblattes, welches die Entdeckung Amerikas meldet.
Titel des ersten deutschen Flugblattes, welches die Entdeckung Amerikas meldet.
Schluß des deutschen Flugblattes.Nach dem Original in der Staatsbibliothek in München.
Schluß des deutschen Flugblattes.Nach dem Original in der Staatsbibliothek in München.
Anfang des Berichts über die ersten Entdeckungen, nach dem ersten deutschen Flugblatte.Nach dem Original in der Staatsbibliothek in München.Dieser Bericht enthält eine freie Uebersetzung des lateinischen Briefes, dessen AnfangSeite 262gegeben ist. Ein merkwürdiger Uebersetzungsfehler ist bei der Wiedergabe des Namens der vierten Insel begangen, indem man statt Hysabella oder Isabella Isla bella las und durch „schöne Insel“ übersetzte.
Anfang des Berichts über die ersten Entdeckungen, nach dem ersten deutschen Flugblatte.Nach dem Original in der Staatsbibliothek in München.
Dieser Bericht enthält eine freie Uebersetzung des lateinischen Briefes, dessen AnfangSeite 262gegeben ist. Ein merkwürdiger Uebersetzungsfehler ist bei der Wiedergabe des Namens der vierten Insel begangen, indem man statt Hysabella oder Isabella Isla bella las und durch „schöne Insel“ übersetzte.
Seine schwärmerische Begeisterung, welche der Admiral auch bei dieser Gelegenheit zur Schau trug, mochte recht wohl zu dem eignen Entzücken über die herrliche Natur der neuentdeckten Welt passen und dem beredten Munde des heimgekehrten Helden Ohr und Herz aller Hörer zuwenden. Aber wenn dann die praktischen, nüchternen Fragen herantraten: wo auf der Erde liegt das neue Indien, wie groß sind die bedeutendsten Inseln, dann mußte doch manchem kritischen Geiste hie und da ein Bedenken über die Zuverlässigkeit der Angaben und die Sicherheit der Behauptungen des Columbus auftauchen, zumal derselbe nicht im Stande gewesen war, eine Karte der entdeckten Gebiete zu entwerfen. An der Küste von Cuba war er nach seiner Meinung 107 Leguas in gerader Linie von Osten nach Westen entlang gefahren, ohne das westliche Ende erreicht zu haben; und doch liegt sein Cours nur zwischen 78 n. 74 w. v. Gr. Die Länge der Nordküste Haitis schätzte er gar auf 138 Leguas, während die von ihm besegelte Nordseite der Insel in der That in grader Richtung nur 60 geogr. Meilen lang ist. Aus diesen Irrthümern erwuchsen die Ueberschätzungen der Größe jener Inseln. Cuba war demnach größer als England und Schottland zusammen, Haiti größer im Umfange als ganz Spanien von Catalonien herum bis nach Fuentarabia in Biscaya. Cuba galt ihm, trotz der bestimmten Erklärung der befragten Insulaner, für das Festland von Catayo, Haiti für Cipangu, oder, wie P. Martyr angibt, auch wohl für das Salomonische Ophir. Dazu kommen noch die ganz unbegründeten Breitenangaben dieser Inseln, die Nordküste Cubas soll unter 42° n. Br., der Westen Haitis unter 34°,[223]der Osten unter 26° n. Br. liegen, wenn er die letzte Bestimmung auch nur als Vermuthung gibt.[224]Vor allem aber konnte ihm mit Recht eingewendet werden, daß er nicht gehalten, was er versprochen, daß er Katai nicht erreicht, daß er die eigentlichen Gewürzländer nicht gefunden habe und daß die geringen Goldproben und die zweifelhaften Gewürze die rege gemachten Erwartungen nicht befriedigen könnten.
Darum schreibt auch Peter Martyr kaum einen Monat nach jenem großartigen Aufzuge und Empfang in Barcelona an den Grafen Boromeo ziemlich nüchtern: „Bald darauf (nämlich nach dem Mordanfall gegen den KönigFerdinand im December 1492) kehrte von den westlichen Antipoden ein gewisser Cristóbal Cólon zurück, ein Ligure, welcher von meinen Monarchen nur mit Mühe zur Reise nach jener Gegend drei Fahrzeuge erhalten hatte, weil, was er behauptete, als Fabel erschien. Er kam mit vielen werthvollen Dingen heim und brachte namentlich Proben von Gold mit, welches jene Länder von Natur liefern. Doch lassen wir so fern liegende Dinge bei Seite.“[225]
In einem späteren Briefe vom 1. October 1493 an den Erzbischof von Braga bemerkt derselbe fleißige Schriftsteller, Colon habe mehrere Inseln entdeckt an einem Gestade, das er für das indische halte. Angeblich seien es dieselben, welche nach den Kosmographen (Toscanelli?) in dem Ostmeere von Indien liegen sollten. „Ich will das nicht ganz in Abrede stellen; allein die Größe des Umkreises der Erde scheint zu einer andern Annahme führen zu müssen. Doch gibt es Leute, welche meinen, daß die Entfernung zwischen der spanischen Seeküste und dem Gestade Indiens nur gering sei.“[226]
Manche Irrthümer des Columbus wurden auch bald von der Kritik berichtigt oder zu berichtigen gesucht. So sagt Martyr, daß wenn man die Karten genau prüfe, Haiti in der Gegend der Antillen, aber nicht bei Asien liegen müsse,[227]und daß der Admiral die Größe dieser Insel übertrieben habe.[228]
Zunächst aber stand Columbus in der Gunst der Monarchen so fest und wurde so mit Ehren überhäuft, daß auch die kühleren Herzen sich mit ihm zu befreunden beflissen waren. So stand auch Peter Martyr bald mit dem berühmten Entdecker, dem Granden Spaniens, in Briefwechsel und bezeichnete ihn nicht ohne Eitelkeit als seinen intimen Freund.
Am 28. Mai 1493 erhielt Columbus eine neue Bestätigung seiner ausbedungenen Privilegien und Gerechtsame als Admiral und Vicekönig und ein Wappen verliehen, in welchem außer seinem Familienwappen die Wappen von Castilien und Leon und goldene Inseln in blauen Meereswogen enthalten waren. Fünf Anker waren das Abzeichen seiner Admiralswürde und die Umschrift lautete:A Castilla y a Leon Nuevo Mondo dió Colon. (Columbus gab Castilien und Leon eine neue Welt.)
Dann beeilte man sich, den Papst Alexander VI. für die Pläne weiterer Entdeckungen und der damit zu verbindenden Ausbreitung des Christenthums zu gewinnen. Man mußte vor allem gesichert sein vor den Ansprüchen der Portugiesen, denen bereits zu wiederholten Malen durch päpstliche Erlasse alle neuen Erwerbungen in Afrika und Indien sanctionirt und monopolisirt waren. So gelang es auch schon im Mai 1493, die gewünschte Concession von Seiten des Papstes zu erhalten. Die darauf bezüglichen Decrete sind vom 3. und 4. Mai datirt, in denen natürlich die Verkündigung der christlichen Lehre unter den Indianern als ein Gott wohlgefälliges Werk vorangestellt wurde. „Da nun,“ heißt es weiter, „Columbus gewisse weit entlegene Inseln und Festländer (terras firmasmit Anspielung auf Cuba), welche bisher noch nicht gefunden waren, entdeckt hat, so geben wir aus freier Bewegung, ohne Euren (d. h. der spanischen Monarchen) oder irgend jemandes Antrieb, und aus apostolischer Machtvollkommenheit, Euch alle diese neu entdeckten und neu zu entdeckenden Inseln und Länder, so weit sie noch keinem christlichen König gehören, Euch und Euren Erben und verbieten allen anderen, bei Strafe der Excommunication, dahin zu fahren und ohne Eure Erlaubniß Handel zu treiben.“ Da aber bei der zu allgemein gehaltenen Erklärung doch Verwicklungen und Streitigkeiten mit der portugiesischen Krone entstehen konnten, wenn die Entdeckungsbereiche beider Mächte nicht genauer abgegrenzt wurden, so wurde in einem Decret vom folgenden Tage, vom 4. Mai, noch eineDemarcationslinieeingefügt und bestimmt, daß eine meridional gezogene Linie, welche hundert Leguas westlich jenseits der Açoren und Caboverdischen Inseln vom Nordpol zum Südpol laufe, beide Nationen in ihren Unternehmungen von einander halten solle.[229]Die westliche Erdhälfte solle spanisch, die östliche dagegen portugiesisch sein. Es sollte also der Erdball wie ein Apfel halbirt, und jedem Staate eine Hemisphäre zugewiesen werden. Warum man die Scheidelinie hundert Meilen westlich von den bisher bekannten westlichen Inseln verlegte, darf wohl auf die Ansichten und Beobachtungen des Columbus zurückgeführt werden, welcher an der genannten Linie glaubte ein wesentlich anderes Klima, und den Anfang eines neuen Himmels und einer neuen Erde gefunden zu haben.
„Ich erinnere mich,“ schreibt der Entdecker 1498, „daß, so oft ich nach Indien segelte, 100 Leguas westlich von den Açoren sich die Temperatur änderte, und daß dies überall von Norden nach Süden stattfand.“ An einer späteren Stelle desselben Berichtes kommt Columbus noch einmal auf dasselbe Thema zurück. „Wenn ich von Spanien nach Indien segelte, fand ich, sobald ich hundert Meilen (Leguas) westlich von den Açoren zurückgelegt hatte, einesehr große Veränderung am Himmel und den Gestirnen, in der Temperatur der Luft, in dem Wasser des Meeres, und ich habe diese Erscheinungen mit großer Sorgfalt beobachtet. Ich bemerkte, daß wenn man die genannten 100 Leguas vor den genannten Inseln passirt, von Norden nach Süden, die Compaßnadeln, welche bisher nach Nordosten abwichen, sich nun einen vollen Viertelwind[230]nach Nordwesten wandten, und daß dies stattfand von der Zeit an, wo ich jene Linie erreichte. Und zur selben Zeit trat eine Erscheinung ein, als wenn eine Erhöhung der Erde sich hier fände; denn ich fand die See ganz mit einem Kraut überdeckt, welches Tannenzweigen glich und Früchte wie vom Mastixbaum trug und zwar so dicht, daß ich auf meiner ersten Reise meinte, es sei eine Untiefe, und die Schiffe müßten auflaufen. Sobald wir jenen Strich erreicht hatten, fand sich nicht ein Zweig mehr. Auch bemerkte ich, daß an diesem Punkte das Meer ruhig und glatt und fast nie von einem Winde bewegt war. Desgleichen fand ich, daß von derselben Linie an, gegen Westen, die Temperatur immer milde war, und daß Sommer und Winter sich wenig unterschieden.“[231]
„Diese Stelle,“ bemerkt A. v. Humboldt,[232]„enthält Ansichten der physischen Erdkunde, Bemerkungen über den Einfluß der geographischen Länge auf die Abweichung der Magnetnadel, über die Inflexion der isothermen Linien zwischen den Westküsten des alten und den Ostküsten des neuen Continents, über die Lage der großen Sargasso-Bank in dem Becken des atlantischen Meeres, und die Beziehungen, in welchen dieser Meeresstrich zu dem über ihm liegenden Theile der Atmosphäre steht. Irrige Beobachtungen der Bewegung des Polarsternes in der Nähe der açorischen Inseln hatten Columbus schon auf der ersten Reise,bei der Schwäche seiner mathematischen Kenntnisse, zu dem Glauben an eine Unregelmäßigkeit in der Kugelgestalt der Erde verführt. In der westlichen Hemisphäre ist nach ihm die Erde „angeschwollener“, die Schiffe gelangen allmählich in größere Nähe des Himmels, wenn sie an den Meeresstrich kommen, wo die Magnetnadel nach dem wahren Norden weist; eine solche Erhöhung ist die Ursache der kühleren Temperatur. Wenn man dazu erwägt, daß Columbus gleich nach seiner Rückkehr von der ersten Entdeckungsreise die Absicht hatte, selbst nach Rom zu gehen, um, wie er sagt, dem Papste über alles, was er entdeckt, Bericht abzustatten; wenn man der Wichtigkeit gedenkt, welche die Zeitgenossen des Columbus auf die Auffindung dermagnetischen Curve ohne Abweichunglegten, so kann man wohl eine von mir zuerst aufgestellte historische Behauptung gerechtfertigt finden, die Behauptung, daß der Admiral in dem Augenblick der höchsten Hofgunst daran gearbeitet hat,die physische Abgrenzungslinie in eine politische verwandeln zu lassen.“
Es ist klar, daß die von Columbus auf einer Meridianlinie zusammengelegten großen Unterscheidungsmerkmale der östlichen und westlichen Welt einen ungeheuren Eindruck auf den Entdecker machen mußten, und daß er die Hemisphäre jenseit der 100 Seemeilen, von den Açoren ab, für die in den alten Weissagungen genannte und durch ihn zuerst betretene „neue Erde“ ansah, von welcher er auch keinen Fußbreit abtreten möchte. Die Merkmale schienen ja auch zahlreich und sicher genug zu sein, um eine erkennbare Scheidelinie zu bilden. Der entschiedene Ausspruch des Entdeckers, daß eine so auffällige Veränderung am Himmel und auf der Erde hundert Leguas westlich von den Açoren sich zeige, konnte dem Papste genügen. Wenn es in dem Erlasse auffälligerweise heißt, die Linie soll 100 Meilen westlich von jeder beliebigen (qualibet) Insel der AçorenoderCapverden gelegt werden, so wird auch dabei unentschieden gelassen, welche Gruppe und welche Insel die westlichste ist. Gegenwärtig wissen wir, daß die westliche der Capverden beinahe 6 Meridiangrade weiter östlich liegt als die äußerste der Açoren; in jenen Tagen, wo bekanntlich noch alle Mittel fehlten zu einer exacten Längenbestimmung, war diese Frage noch nicht entschieden. Und eben bei der Unmöglichkeit, die nach den Angaben des Columbus postulirte Demarcationslinie wirklich ermitteln zu können, sahen sich die beiden Seemächte bald in die Lage versetzt, mit einander in Unterhandlungen zu treten, um diesen Unklarheiten, als möglicher Ursache unendlicher Streitigkeiten, baldigst eine Grenze zu setzen. Denn wie sehr der portugiesische Monarch über seine vermeintlichen Rechte in Bezug auf den Ocean wachte, sieht man daraus, daß er, kurz nachdem er Columbus entlassen hatte, dem Hof in Spanien seine vom Papst sanctionirten Entdeckungsräume nachweisen ließ und sogar mit dem Plane umging, eine Flotte nach der neuen Welt zu entsenden. Seine Gesandten Pedro Dias und Ruy de Pina verlangten in Spanien den Parallelkreis der Canarischen Inseln als Grenze oder Demarcationslinie. Die Spanier sollten nur nördlich von dieser Inselgruppe über den westlichen Ocean segeln und also nur außerhalb der Tropen sich auch in den neuentdeckten Gewässern bewegen dürfen. Man wünschte sie von allem Eindringen in die heiße Zone fern zu halten. Lope de Herrera ging wiederum als Gesandter Spaniens nach Lissabon. So schienen sich durch das Hin- und Wiedersenden der Botschafter die Verhandlungen verschleppen zu wollen, als durch ein anderweites Ereigniß der politische Einfluß Spaniens bedeutend hervortrat und dadurch ein Druck auf Portugal ausgeübt wurde, welcher es zu unerwartetem Nachgeben geneigt machte. Spanien hatte nämlich von Frankreich die Rückgabe der Grafschaften Roussillon und Cerdaigne erlangt. Damit war eine wichtige Streitfrage erledigt, Spanien hatte keinen äußeren Feind mehr zu fürchten und konnte, falls Portugal noch länger gerechten Anforderungen widerstreben sollte, wenn es sein mußte, die Entscheidung der wichtigen maritimen Frage dem Schwerte anvertrauen.
So kam denn am 7. Juni 1494 der berühmte Vertrag von Tordesillas(in Altcastilien am Duero, südwestlich von Valladolid, wo Columbus 12 Jahre später starb) zustande, in welchem die Monarchen Spaniens zunächst die Gerechtsame des Nachbarstaats auf Guinea u. s. w. in vollem Umfange anerkannten und ferner zugaben, daß die Demarcationslinie 270 Leguas über die anfänglich vom Papste genehmigte Grenze hinaus, nämlich auf 370 Leguas westlich von den Capverden verlegt wurde. Nach unserer jetzigen Kenntniß von dem Unterschiede der Lage der westlichen Açoren und westlichsten Capverden können wir hinzufügen, daß der von Spanien noch eingeräumte Meridiangürtel von 270 Leguas sich noch weiter um mindestens 90 Leguas verminderte, weil man nach dem neusten Vertrage nur von den Capverden ausging und die Açoren nicht weiter in die Streitfrage hineinzog.
Da nun der von Columbus über den Ocean zurückgelegte Weg von den Canarien aus mindestens 600 Leguas bis zu den neuen Inseln betrug, so konnte man unbedenklich den mittleren Strich des atlantischen Ocean preisgeben. Was man auf dieser Seite aufgab, erhielt man natürlich, da die Theilungslinie auch über die andere noch unbekannte Erdhälfte hinweglief, auf jener Seite, im Westen wieder. Und gerade hier sollte sich später den Spaniern ein ganz unerwarteter Gewinn zeigen, als es nach Entdeckung der eigentlichen Gewürzinseln fraglich wurde, ob dieselben auf spanischer oder portugiesischer Hemisphäre lägen. Wir werden darüber noch im Verfolg der Weltreise Magalhães’ zu berichten haben. Vorläufig war in dem Vertrag auch noch die Frage offen gelassen, auf welche Weise die Demarcationslinie festzulegen sei, ob durch eine Gradbestimmung oder auf eine andere Weise, „wie es sich am genauesten werde berechnen lassen“. Innerhalb der nächsten zehn Monate nach Ratification des Vertrages sollten von beiden Parteien eine oder zwei Caravelen oder auch noch mehr, je nach Uebereinkommen, auf Gran Canaria zusammenkommen, um durch Piloten und Astronomen, von beiden Seiten gleich viel Personen, die Grenzlinie zu fixiren. Diese Commission sollte von Canaria sich nach den Capverden begeben und von da 370 Leguas weit westwärts segeln, um dann die Entfernung entweder durch Schiffstagereisen oder sonst wie zu bestimmen. Diese von beiden Parteien gemeinschaftlich bestimmte Linie sollte dann für alle Zeiten gültig bleiben.[233]Allein diese Expedition kam nie zustande, vielleicht weil beiderseits keine Autoritäten sich fanden, welche mit Sicherheit die gewünschte Demarcation anzugeben wagten. Ueber diese Linie war man auch noch 20 Jahre später ebenso im Unklaren. Peter Martyr erzählt,[234]wie er in Burgos die Karten der neuen Entdeckungen, nach den Aufnahmen des Amerigo Vespucci, Bartolomeo Colon, Juan de la Cosa, Morales und anderer Castilier, auch auf einem Globus die Entfernungen geprüft und mittelst eines Zirkels den Abstand von der Westspitze Portugals und von den Capverden bis zur Theilungslinie und weiter bis zu den Küsten Brasiliens gemessen habe; aber die Kartenstimmten nicht genau überein und nahmen die Küstenabstände der alten und neuen Welt verschieden an, so daß also ein entscheidendes Urtheil nicht gefällt werden konnte.
Wenn auch im atlantischen Ocean kein streitiges Object lag, so mußte doch die Unbestimmtheit und Unbestimmbarkeit der Demarcationslinie nothwendigerweise in Südamerika noch wieder zu Differenzen führen.
Inzwischen war aber bereits der Admiral des indischen Meeres mit einer stattlichen Flotte zum zweiten Male über den Ocean gesegelt, ohne den Abschluß der Verhandlungen abwarten zu können. Juan Rodriguez de Fonseca erhielt die Leitung der indischen Angelegenheiten und mußte, wenn auch widerstrebend, allen Forderungen des Columbus bezüglich der Ausrüstung einer großen und theuren Flotte nachgeben, welche aus 14 Caravelen und drei großen Lastschiffen bestand und 1200 Bewaffnete und Reiter mit an Bord nahm. Es waren Vorkehrungen getroffen, die europäischen Hausthiere in genügender Anzahl nach Westindien zu verpflanzen, sowie Getreide, Gemüse und Weinreben anbauen zu können. Es war nicht mehr ein bloßes Entdeckungsgeschwader, sondern eine Flotte mit Auswanderern; denn es galt die thatsächliche Besitzergreifung der neuen Welt. Columbus wollte nicht allein Admiral des Meeres sein, sondern auch den andern Theil seines neuen Titels „Vicekönig“ durch Gründung von Colonien verwirklichen. Ein großes Gefolge von Beamten und Soldaten mußte diesen Plan unterstützen. Als Geistlicher wurde Fray Bernardo Boïl, ein Benediktiner von Monserrat in Catalonien, mitgegeben, welcher von Rom aus zum apostolischen Vicar in den neuen Ländern ernannt worden war. Auch war der spanische Adel in diesem Seezuge vertreten: Alonso de Hojeda, Juan Ponce de Leon, der Entdecker Floridas, sowie die späteren Statthalter von Cuba und Jamaica, Diego Velasquez und Juan de Esquivel nahmen an dem Zuge theil, welcher ebensowohl glänzenden Gewinn als die mannigfachsten Abenteuer in Aussicht stellte. War dann an geeignetem Platze die erste Niederlassung, in größerem Maßstabe als bei der ersten Fahrt in Navidad, begründet, dann wollte Columbus seine an der Küste Cubas abgebrochenen Entdeckungen wieder aufnehmen und nicht blos bis nach Cipangu und Katai zu den Weltmärkten Ostasiens vordringen, sondern wo möglich von da aus, in derselben Richtung weiter steuernd, den Erdball umkreisen. Es war also auch eine Erdumsegelung geplant, welche der Admiral um so eher auszuführen hoffte, weil er nach den auf der ersten Reise gemachten Beobachtungen überzeugt war, die Erde sei nicht so groß, als die Astronomen und Kosmographen behaupteten.
Am 25. September 1493 brach die Flotte von der Bucht von Cadix auf und steuerte zunächst nach den Canarischen Inseln. Wir besitzen über diese Expedition den Bericht eines Augenzeugen, des Doctor Chanca ausSevilla, welcher als Arzt die Fahrt mitmachte und in objectiver Weise seine Beobachtungen aufgezeichnet hat.[235]
Am 2. October erreichte die Flotte Gran Canaria und mußte hier und später auch in Gomera einlaufen, weil eines der Schiffe leck geworden war und ausgebessert werden mußte. Erst am 13. October stach man von Ferro aus in See, durchschnitt in 20 Tagen den atlantischen Ocean, wobei Columbus einen südlicheren Weg einschlug, als auf der ersten Fahrt.
Am 3. November, am ersten Sonntage nach Allerheiligen, entdeckte man, unter dem allgemeinen Jubel des Schiffsvolks, das erste Land. Die Piloten schätzten die Entfernung von Ferro auf 780 bis 800 Leguas. Rechts neben der ersten Insel wurde noch eine andere sichtbar. Jene war hoch und gebirgig, diese flach, aber dicht bewaldet. Als es heller Tag wurde, erschienen auf beiden Seiten noch andere Inseln. Die zuerst gesehene erhielt den NamenDominica. Dieselbe liegt in der Mitte der Reihe der kleinen Antillen, zwischen 15 und 16° n. Br. Columbus erreichte also auf dieser Fahrt die westindischen Inseln an einem Punkte, welcher 8 bis 9 Breitengrade südlicher lag, als bei seiner ersten Unternehmung. Dominica bot aber keinen Hafen, und so steuerte die Flotte nach der zweiten nördlicheren Insel, welche nach dem Admiralschiffe den NamenMaria galanteerhielt. Hier stieg der Flottenführer ans Land und nahm, mit dem spanischen Banner in der Hand, von der Insel Besitz. Dieselbe schien aber unbewohnt. Der nächste Tag führte die Entdecker nach der DoppelinselGuadalupe. Einem Versprechen zufolge, welches Columbus den Mönchen des Klosters von Guadalupe in Estremadura gegeben, erhielt die Insel den neuen Namen. Von der See aus bot sie einen großartigen Anblick dar: vom hohen Gebirge stürzte sich ein prachtvoller Wasserfall ins Thal herab. Die Landung erfolgte bei mehreren verlassenen Hütten, in denen man Lebensmittel und viel, zum Theil verarbeitete Baumwolle fand, aber auch Menschenknochen. Die Insel war also von Menschenfressern bewohnt. „Menschenfleisch ist ihr bestes Essen, Knaben werden verschnitten und zu Festmahlen aufgemästet.“ Von einzelnen gefangenen Insulanern erfuhr man, daß die Bewohner Cariben hießen. Man deutete den Namen auf Canib und dachte sich die Leute als Unterthanen des Großchanes, nach dessen Lande man suchte. So entstand durch Misverständniß und falsche Deutung bald die Bezeichnung der Canibalen für die wilden Stämme, welche ihre Mitmenschen verzehrten. Bei dem Verkehr mit den Indianern leisteten die auf der ersten Entdeckungsreise entführten Bahama-Insulaner als Dolmetscher wesentliche Dienste. Leider waren von den sieben Mitgenommenen nur noch zwei am Leben geblieben. Die Canibalen zeigten offenbar eine höhere Entwicklung als die an Hilfsmitteln armen Bahama-Indianer und verstanden auch bessere Häuser zu bauen. Die einheimischen Freien und die von andern Inseln weggefangenen und zu Sklavinnen gemachtenWeiber unterschieden sich durch Bänder von gewebter Baumwolle, welche am Knie und Fußgelenke getragen wurden. Die Sklavinnen ließen sich von den Fremdlingen leicht gefangen nehmen, oder kamen auch wohl aus freien Stücken zu den Schiffen. Von ihnen erfuhr man auch, daß die weiterhin entdeckte InselMonserratdurch die Cariben erst entvölkert worden sei. Sodann gelangte man zu den InselnSa. Maria la Redonda, Sa. Maria la Antigua, San Martin. Sie erhielten ihre Namen nach den spanischen Kirchen, in denen man besondere Gelübde gethan hatte. Dann folgte am 15. November die Entdeckung vonSa. Cruz, Sa. Ursulaundder 11,000 Jungfrauen, und endlich tauchte die schöne und fruchtbare InselPuerto rico, die östlichste der großen Antillen, vor den Augen der Entdecker auf. Die Eingebornen nannten sie Burequen oder Burenquen,[236]der von Columbus zuerst gegebene Name „San Juan Bautista“ fand nicht lange Verbreitung. Hier lebten keine Cariben mehr.
Von dieser Insel aus erreichte das Geschwader am 22. Nov. die Insel Hispaniola; derjenige Theil der Küste, wo man zuerst landete, hieß Haiti. Aber man verweilte nicht lange, sondern strebte der Ansiedlung Navidad zu, welche man nach der Meinung des Admirals in blühendem Zustande und vielleicht auch schon im Besitz reichlichen Goldes, welches von den Indianern so leicht zu erlangen war, anzutreffen wähnte. Aber es sollte bald eine furchtbare Enttäuschung eintreten. Das Vorspiel dazu bot sich ihnen im Hafen von Monte Christi, 12 Meilen von Navidad, dar. Zuerst fand man zwei Leichen nicht weit vom Strande im hohen Grase, unbekleidet und bereits unkenntlich geworden; von denen trug die eine noch einen Strick um den Hals, die andere um die Füße. Am zweiten Tage wurden noch zwei Leichen entdeckt, von denen eine durch ihren großen Bart auffiel; ein sehr verdächtiges Zeichen, weil die Insulaner sämmtlich bartlos waren. Am Abend des 27. November, kurz vor Mitternacht, kam die Flotte vor Navidad an, aber wegen den Klippen blieb man die Nacht auf See und landete erst am folgenden Morgen. Der Admiral ließ zwei Kanonen lösen, um seine Ankunft zu melden und wartete in höchster Spannung auf Antwort. Aber alles blieb still. Statt, wie man gehofft hatte, eine fröhliche, jubelnde Menge sich am Strande versammeln zu sehen, ließ sich in der Nähe des Hafens nur ein einsamer, indianischer Nachen sehen. Bange Ahnung erfüllte das Schiffsvolk. Endlich kam das Boot näher und fragte nach dem Admiral. Die Indianer brachten zwei goldene Masken als Geschenk ihres Königs mit und erwiderten auf die Fragen nach den zurückgebliebenen Spaniern in zurückhaltender, dunkler Weise: diejenigen, welche im Kastelle geblieben seien, befänden sich wohl. Einige seien an Krankheiten gestorben, andere in einem unter ihnen ausgebrochenen Streite erschlagen worden. Ihr Land, berichteten die Indianer ferner, sei von zwei Fürsten, Caonabo und Mayreni überfallenund verheert, die Hütten niedergebrannt. Ihr König Guacamari[237]sei im Kampfe verwundet und habe daher nicht kommen können.
Das hölzerne Kastell in Navidad war bis auf den Grund niedergebrannt, man sollte danach wohl annehmen, es sei von feindlicher Hand vernichtet. Aber auffällig blieb, daß die Indianer in der Nähe sich gegen früher sehr scheu zeigten. Nur mit Mühe wußte man einige zu bewegen, an Bord zu kommen. Hier gestanden sie nun, daß die Spanier sämmtlich todt seien. Aber man fand in der nächsten Umgebung von Navidad keine Leiche. Man durchstreifte nun weiterhin das Land und entdeckte zunächst in einem kleinen aus 7 oder 8 Hütten bestehenden Dorfe, deren Insassen geflohen waren, mancherlei Gegenstände, namentlich Kleidungsstücke, welche den Spaniern gehört hatten. Nach der Stätte der Festung zurückgekehrt, zeigten die inzwischen bereits dreister gewordenen Indianer die Stellen, wo man von hohem Grase überwuchert, die Leichen von eilf Spaniern fand. Dann suchte der Admiral in stärkerer Begleitung den anscheinend kranken Guacanagari auf. Derselbe lag, mit verbundenem Bein, ausgestreckt auf einem Lager, das nach Landesart aus einem von starken Baumwollfäden gefertigten Netzwerk bestand, welches an beiden Enden an die Pfosten der Hütte befestigt war. Es ist die erste Erwähnung der Hängematte. Der König beklagte thränenden Auges den Tod der Spanier. Einige seien an Krankheiten gestorben, andere auf einem beabsichtigten Beutezuge nach den Goldminen im Gebiete Caonabos erschlagen, der Rest in der Citadelle angegriffen und bei der Vertheidigung gefallen. Der begleitende Arzt, Doktor Chanca, welcher über diese Vorfälle ausführlich berichtet hat,[238]erbot sich, den Verwundeten zu heilen. Dieser schien gerne dazu bereit; da es aber in der Hütte zu dunkel war, um die Wunde untersuchen zu können, so mußte er seine Lagerstelle verlassen. Mehr aus Furcht vor den Spaniern, als aus Neigung begab er sich, auf den Admiral gestützt, ins Freie. Er wollte durch einen Steinwurf empfindlich getroffen sein. Als der Verband entfernt war, war keine Verletzung zu bemerken, trotzdem klagte der Indianer über heftigen Schmerz. Unbekannt mit dem wahren Verlauf der betrübenden Katastrophe, konnte Columbus nicht zu einem entscheidenden Schritte bewogen werden. Mehrere seiner Begleiter glaubten entschieden an die Mitschuld Guacanagari und riethen deshalb dem Admiral, den Fürsten gefangen zu nehmen. Aber Columbus lehnte dieses trotz mancherlei Verdachtsgründe ab. Er suchte so lange wie möglich mit den Eingebornen in Frieden zu leben. Auf seinen Plan, die niedergebrannte Festung wieder zu errichten, wollte Guacanagari keine zustimmende Meinung äußern, er wies vielmehr, und wohl auch mit Recht, auf die ungesunde Lage des Platzes hin. So entschloß sich denn Columbus, eine geeignetere Stelle auszusuchen; aber man suchte lange vergeblich nach einer günstigen Oertlichkeit. Man steuerte an der Küste zurückund kämpfte dabei mühsam gegen Wind und Wetter. So vergingen drei Monate, ehe man 10 Leguas östlich von Monte Christi den Fuß ans Land setzte und hier sich zu befestigen beschloß. Die neue Burg erhielt den Namen Isabella. Daneben wurde der Plan zu einer Stadt entworfen, in welcher die Hauptgebäude aus Stein errichtet werden sollten. Jetzt finden sich nur noch einige Trümmer dieser Anlagen, alles ist mit Wald bedeckt; denn es zeigte sich bald, daß auch dieser Platz ein ungesundes Klima hatte, welches den dritten Theil der neuen Ankömmlinge aufs Krankenlager warf. Selbst der Admiral blieb nicht verschont und konnte in Folge dessen ein Vierteljahr lang sein Tagebuch nicht fortführen.
Von der Willfährigkeit der Indianer äußerte Chanca:[239]„Ich glaube, wenn wir mit dem Volke sprechen könnten, würde man es leicht bekehren können, denn sie machen alles nach, beugen die Knie vor den Altären und machen bei dem Ave Maria sowie bei den anderen Ceremonien das Zeichen des Kreuzes. Sie sind zwar Götzendiener, denn man findet in allen Hütten Götzenbilder; aber sie wünschen Christen zu werden.“ Die Gegend schien reich an werthvollen Produkten, man glaubte mancherlei Gewürze, Zimmt und Muskatnüsse entdeckt zu haben und sammelte Wachs und Baumwolle. Besonders aber lockte die Kunde von Goldfeldern, welche im Innern der Insel, 25 bis 30 Leguas von der Küste entfernt, in einer Landschaft, Namens Cibao, liegen sollten. Im Januar 1494 machte sich der muthige Alonso Hojeda mit 15 Begleitern auf den Weg, kam nach 7 Tagen ans Ziel und brachte als besten Beleg für den Erfolg seines Streifzuges aus den Bächen gesammelten Goldsand mit.
Nachdem Columbus am 2. Februar sodann 12 Schiffe unter Antonio de Torres nach Spanien zurückgeschickt hatte, theils um die Kranken heimzubringen, welche bei dem zunehmenden Mangel an guten Lebensmitteln sich nicht erholen konnten und der Colonie zur Last fielen, theils um den spanischen Majestäten einen Bericht über den Verlauf seiner Reise zu überreichen, brach er selbst mit einer größeren Schar nach dem Goldlande auf. Mit kriegerischer Musik und mit fliegenden Fahnen zog er durch die Dörfer, erreichte am 16. März das Bergland von Cibao und ließ dort zum Schutze für die Goldgräber aus Holz und Erde ein festes Haus anlegen, in welchem eine Besatzung von 56 Mann unter dem Befehle des Pedro Margarita zurückblieb. Columbus kehrte dann wieder nach Isabella zurück. Er war der Ueberzeugung, das Ophir Salomos gefunden zu haben.[240]Den unerwartet reichen Goldfund bestätigt auch Chanca am Ende seines Berichtes. „Seit Anfang der Welt ist kein solches Wunder gesehen oder davon gelesen. Man wird Gold in solcher Menge mitbringen, daß man staunen soll. Man mag michvielleicht für einen Schwärmer halten; aber Gott ist mein Zeuge, daß ich auch nicht im mindesten übertreibe.“
Dann schickte sich Columbus an, nachdem er von den wiederholten Fieberanfällen genesen war, den Plan seiner ersten Reise wieder aufzunehmen und den Weg nach Katai zu vollenden. In der Niederlassung ließ er seinen Bruder Diego als Statthalter zurück und lichtete am 24. April die Anker, um zunächst nach Cuba zu segeln. Am folgenden Tage erreichte er mit seinen drei Schiffen Niña, S. Juan und Cardera die Insel Tortuga und steuerte am 29. April von der Nordwestspitze Haitis, von dem Cap S. Nicolas, nach der Südküste Cubas hinüber.
Während Columbus an dieser Küste entlang fuhr, näherten sich ihm die Indianer zutraulich in ihren Böten und brachten Früchte, Fische, Wasser, oder luden ihn ein ans Gestade zu kommen und ihre Gastfreundschaft anzunehmen. Wenn sie nach Gold befragt wurden, wiesen sie in der Regel nach Süden. Ihrem Fingerzeige folgte der Admiral, verließ am 3. Mai das Gestade von Cuba und steuerte nach Südwesten. Am 2. Tage erreichte er die Mitte der NordküsteJamaicas, deren landschaftliche Schönheit ihn über alles entzückte, so daß er sie nur mit den Wohnungen der Seligen vergleichen zu können meinte, und nannte die Gegend daher Santa Gloria und den zuerst gefundenen Hafen Santa Anna. Da er aber zur Ausbesserung seines leck gewordenen Hauptschiffes einen günstigeren Ankerplatz wählen wollte, richtete er den Lauf seiner Schiffe wieder nach Westen bis zum Hafen, der noch heute Puerto bueno heißt. Die Insulaner zeigten sich weit kriegerischer als auf Cuba, umschwärmten in ihren Kähnen unter wildem Geschrei seine Schiffe, schossen ihre Pfeile ab und schienen eine beabsichtigte Landung ernstlich hindern zu wollen. Aber man vertrieb die Indianer leicht durch einige Schüsse, ganz besonders aber dadurch, daß man große Bluthunde auf sie hetzte. Als die Einwohner, welche vor solchen unbekannten Angriffswaffen zurückwichen, in den folgenden Tagen sich wieder ermannten und allmählich näherten, zeigten sie sich in ihrer Haltung wesentlich verändert, sie begannen sogar den üblichen Tauschhandel mit den Spaniern. Man bemerkte mit Vergnügen, daß sie in manchen Dingen sich weiter entwickelt zeigten als auf Cuba, ihre großen, bis zu 96 Fuß langen und 8 Fuß breiten, aus einem Stamm gefertigten Kriegsböte waren an beiden Enden mit Schnitzwerk hübsch verziert; aber, was man vor allem bei ihnen suchte, Gold, war nirgends zu finden. Darum verließ Columbus, nachdem sein Schiff wieder in Stand gesetzt war, die Insel, der er den Namen Santiago gab, und kehrte, nordwärts steuernd, wieder nach Cuba zurück. Vom Cap Santa Cruz, wo das Gebirge an der Südostküste jener Insel endigt, drang er in das Labyrinth von Klippen und kleinen zum Theil grünbewachsenen Inseln ein, welche den größten Theil der Südküste Cubas umsäumen. In diesem „Garten der Königin“, wie Columbus diesen Theil Westindiens nannte, hatte er, unter täglich wiederkehrenden Gewittern mit tausend Gefahren zu kämpfenund mußte die äußerste Wachsamkeit üben, um seine Fahrzeuge sicher hindurchzuführen. Die unzähligen kahlen Korallenbänke und grünen Eilande, die er um sich sah, hielt er für jenen Archipel, welcher nach Marco Polos Erkundigungen östlich von Cim (China) liegen und über 7000 Inseln umfassen sollte.[241]Von diesem wunderbaren Inselgarten erzählt auch eine Inschrift auf dem Globus Behaims, westlich von Cipango, also in jener Weltgegend, wo sich Columbus bereits zu befinden glaubte. Er athmete ja auch die Wohlgerüche, die von den mancherlei Gewürzbäumen und prächtigen Blumen übers Wasser zu ihm herüberwehten.
In Kreuz- und Querfahrten, bald nach Norden, bald nach Westen steuernd, tastete der Admiral in dem gefährlichen Wundergarten weiter, ohne die Küste von Cuba aus dem Gesicht zu verlieren. Unzählige buntfarbige Fische tummelten sich in den klaren Gewässern, die Muscheln umschlossen kostbare Perlen, das Meer wimmelte von großen Schildkröten.[242]In seiner Meinung, in Cuba bereits das Festland von Asien erreicht zu haben, wurde er von neuem durch die falsche Deutung eines Namens bestärkt, als er von den Eingeborenen erfuhr, daß weiter im Westen ein großer Fürst namens Magon wohne. Magon und Mango waren identisch, und Mango war der König von Mangî (China). Er gelangte endlich zu der größern Insel de Pinos, nahe dem Westende Cubas. Auf Befragen hatten die Cubaner erklärt, daß man die Grenzen ihres Landes nicht kenne, er könne wohl noch 20 Tage weiter fahren, ehe er das Ende erreiche. Nach seiner Berechnung war er bereits 335 Leguas an diesem großen Lande entlang gesegelt,[243]welches er mit größter Bestimmtheit für den Anfang Indiens erklärte. Er wähnte, nur noch 2 Sonnenstunden (also 30 Meridiangrade) von dem goldenen Chersones — mit diesem Namen bezeichnete man seit dem Alterthum die Halbinsel Malaka in Hinter-Indien — entfernt zu sein.[244]So schmal dachte er sich den noch völlig unbekannten, noch nie betretenen Abschnitt auf dem Erdball. Als er dann der Insel de Pinos gegenüber die Küste Cubas sich nach Süden wenden sah, war auch der letzte Zweifel gehoben: denn die asiatische Küstelief nun, nach seiner Meinung, in südöstlicher Richtung bis zum goldenen Chersones weiter. Bei der Insel Evangelista, denn so nannte er die Isla de Pinos, nahm er neue Vorräthe an Wasser und Lebensmitteln ein. Wäre er nur noch einen oder höchstens zwei Tage weiter gesegelt, so hätte er das Ende des vermeintlichen Continentes erreicht. Schon von der Höhe des Mastes aus hätte man das freie Meer westlich vom Cap S. Antonio sehen können. Leider nöthigte ihn der üble Zustand seiner Schiffe zur Umkehr, so daß er die eigentlich beabsichtigte Fahrt um Indien, wodurch er eine erstmalige Erdumsegelung zu beschließen hoffte, aufgeben mußte. Aber er nöthigte auch noch die gesammte Mannschaft, ein von dem Schreiber Fernan Perez de Luna aufgesetztes Protokoll zu unterzeichnen, in welchem sie sich alle bei schwerer Ahndung zu der verkehrten Ansicht ihres Admirals bekennen mußten, daß man die Provinz Mango vor sich habe.[245]Das geschah am 12. Juni 1494.
Dann wandte sich Columbus wieder nach Osten. Bei ungünstigem Wetter legten die Schiffe den gefährlichen Weg noch einmal unter steten Sorgen zurück. Am 6. Juli gerieth die Niña auf den Strand, wurde zwar mit großer Anstrengung wieder flott gemacht, war aber dabei dermaßen beschädigt, daß man, behufs der Ausbesserung, in der Bucht bei Cap S. Cruz landen mußte. Erst nach 10 Tagen konnte die Fahrt weiter fortgesetzt werden. Am 8. Juli wurde das Cap S. Cruz dublirt und am 20. Juli ging Columbus nach Jamaica hinüber, um diese Insel auch auf der Südseite zu erforschen. Das Land entzückte durch seine Schönheit und Fruchtbarkeit. Von der Menge seiner Bewohner zeugten die zahlreichen Dörfer an der Küste. Auch hier mit widrigen Winden kämpfend, gelangten die Schiffe erst am 19. August an die Ostspitze Jamaicas (das heutige Cap Morante). Am folgenden Tage sah man eine neue Küste vor sich aufsteigen. Das nächste Vorgebirge erhielt den Namen S. Michael (jetzt Cap Tiburon); es war die Westspitze von Haiti erreicht. Gewißheit darüber, daß man die Insel ihrer Niederlassung glücklich wieder gefunden, gewann man erst am zweiten Tage, als einige Indianer am Strande den Seefahrern außer einigen spanischen Ausdrücken auch das Wort „Almirante“ zuriefen.
Bald darauf jagte ein Sturm das kleine Geschwader auseinander, doch fanden sich die Fahrzeuge nach sechs Tagen glücklich wieder zusammen, segeltennach der kleinen Insel Beata weiter, welche mitten vor der Südseite Haitis liegt, entdeckten die reizende Bucht an der Mündung des Neivaflusses und empfingen hier von den Eingebornen die frohe Kunde, daß neue Schiffe von Spanien bei der Colonie angelangt seien. Um seine bevorstehende Ankunft zu melden, sandte Columbus neun Mann mitten durch die Insel nach seinem Blockhause S. Thomas und setzte dann seine Fahrt weiter fort. Die Schiffe wurden durch Sturm und Unwetter von einander getrennt. Der Admiral selbst, der aus gewissen Anzeichen den Ausbruch desselben vorhergesehen, brachte sein gebrechliches Fahrzeug noch bei Zeiten in den geschützten Canal, welcher von der Insel Saona (nahe der Südostecke Haitis) und der Hauptinsel gebildet wird. Aus einer Mondfinsterniß, welche er hier beobachten konnte (14./15. September), berechnete er den Abstand von Cadiz bis Saona auf fünf Stunden 23 Minuten[246](oder 80° 45′). Nach Ablauf einer bangen Woche konnten sich die drei Schiffe wieder vereinigen. Zwar beabsichtigte der Admiral noch weiter nach Osten zu gehen, Puertorico und die kleinen Antillen vollständig zu entdecken und zugleich die unbändigen Cariben zu züchtigen, allein als er die kleine zwischen Haiti und Puertorico gelegene Insel Mona am 24. September erreicht hatte, brach seine Kraft zusammen. Die übermenschlichen Anstrengungen, die steten Aufregungen der gefahrvollen Reise, (er hatte 32 Nächte nicht geschlafen) hatten seine Energie übermannt. Er brach zusammen und verfiel in eine tiefe, einer Ohnmacht ähnliche Schlafsucht. Alle weiteren Pläne wurden aufgegeben und noch zweifelnd, ob sie ihren Admiral am Leben erhalten könnten, richteten die Piloten den Lauf der Schiffe gegen Nordwesten und segelten nach Isabella, wo sie am 29. September anlangten. Hier erholte sich Columbus bald wieder unter entsprechender Pflege und konnte nun mit Befriedigung die Resultate seiner zweiten Entdeckungsfahrt überblicken, auf welcher ein Gesammtbild von den vier großen Antillen gewonnen war, von denen Haiti und Jamaica vollständig, Cuba fast ganz umsegelt worden war. Wäre er hier nicht durch seine kosmographischen Autoritäten irregeleitet und wie in einem Zauberbanne gefangen, welcher ihn die Inselnatur Cubas nicht erkennen ließ; so hätte er seine weiteren Entdeckungen an jenem Westende der Insel wieder aufnehmen müssen, und wäre vielleicht schon nach dem Goldlande Mexiko gelangt. So aber traute er den Angaben der Indianer zu sehr, welche ihn bei allen Fragen nach Gold immer nach Süden wiesen, und suchte darum auf seiner dritten Reise einen südlichern Weg schon über den Ocean einzuschlagen.
In seiner Colonie fand Columbus eine unerwartete, aber sehr willkommene Stütze an seinem Bruder Bartholomäus. Derselbe war schon vorBeginn der ersten Reise in seines Bruders Auftrage nach England gegangen, um dem britischen Könige Vorschläge behufs einer Fahrt nach Indien zu machen, und war 1493, ehe ihm selbst sichere Kunde von dem Erfolge seines Bruders zugekommen war, von dem Könige Heinrich, welcher directe Nachricht von der Entdeckung der neuen Welt erhalten hatte, mit dem Versprechen entlassen, die Pläne des Christoph Columbus unterstützen zu wollen. Bartholomäus eilte über Frankreich nach Spanien, wo er, für den ihm in England gewordenen Auftrag allerdings zu spät, eintraf, aber doch bei Hofe sehr wohlwollend aufgenommen wurde und durch sein festes männliches Auftreten, durch seine gewandte Rede und seine nautischen Fertigkeiten sich bald einen günstigen Boden bereitete. Man ertheilte ihm den Titel eines „Don“ und übergab ihm die Führung dreier Schiffe, welche, mit den von dem Admiral erbetenen Vorräthen und Hilfsmitteln versehen, nach Haiti abgehen sollten. Columbus erhielt zugleich Nachricht von dem mit Portugal abgeschlossenen Theilungsvertrage und fand in dem Briefe der Monarchen vollständige Zustimmung zu den bisher von ihm getroffenen Maßnahmen. Auch noch andere in demselben Jahre 1494 einlaufende Briefe ließen in schmeichelhafter Weise die ungeminderte Gunst des Hofes erkennen. Aber neben diesen erfreulichen Zeichen seiner wachsenden Macht fand der Vicekönig von Indien unter den Spaniern Mißstimmung, Unzufriedenheit, Aufruhr. Der Geistliche Boïl, dem man das Seelenheil der Indianer anvertraut, war seines mühevollen Amtes überdrüssig geworden, der Anführer der Truppen, Margarit, der sich den Anordnungen des vom Admiral eingesetzten Statthalters nicht gefügt hatte: beide verließen auf den Schiffen, mit denen Don Bartolome Colon gekommen war, die Ansiedlung und kehrten nach Spanien zurück. Unter den spanischen Truppen war die Manneszucht in bedenklicher Weise gelockert. „Margarit,“ sagt Muñoz,[247]„brachte unter unsere Leute die Pest der Zwietracht und veranlaßte bei den Indianern einen tödtlichen Abscheu gegen den spanischen Namen. Er hielt das Kriegsvolk beständig in der angebautesten und wohlversehensten Gegend der Vega-Real (Königsgau), wo es schwelgen und sich alle Freiheit erlauben durfte.“ Dieser Uebermuth der Soldateska trieb die Indianer aus ihrer Schlaffheit auf, die bedeutendsten und mächtigsten Häuptlinge der Insel traten zu einem Bunde zusammen, um die fremden Eindringlinge zu vernichten. An der Spitze der Verschwörung stand Caonabo. Diesen gefährlichsten Gegner zu beseitigen, übernahm der verwegene Alonso Hojeda, welcher mit einer Handvoll unternehmender Gesellen den feindlichen Caziken aufsuchte und unter der Vorspiegelung besonderer Auszeichnung zu bereden wußte, sich mit glänzenden Handfesseln schmücken zu lassen, an denen kleine Glöckchen, woran die Indianer ganz besonders Gefallen fanden, befestigt waren. Der auf solche Weise bereits halbgefangene Häuptling mußte sich dann zu Hojeda auf sein Roß setzen, um dergestalt, mit den neuen Abzeichen eineshohen Ranges geschmückt, in der Mitte seines Volkes zu erscheinen. Statt aber in das Dorf, wie versprochen war, einzureiten, jagte Hojeda mit seinem Gefangenen der Küste zu; die Indianer aber wurden durch das kühne Auftreten des spanischen Ritters und durch das ihnen unbekannte Roß so in Schrecken gesetzt, daß sie zu spät an die Befreiung ihres Herren dachten. Hojeda kam glücklich, wenn auch erschöpft und halbverhungert, mit seinem Gefangenen in Isabella an, wo er den Caziken in die Burg ablieferte. Caonabo blieb hier, sorgfältig bewacht, bis er von Columbus selbst auf seiner Rückreise mit nach Spanien genommen wurde; aber er starb auf der See.
Der Admiral sah sich aus verschiedenen Ursachen bewogen, im Frühjahr 1496 nach Spanien zurückzukehren. Zwar war von Seiten der Regierung ein strenges Verbot ergangen, welches allen privaten Handel mit der neuen Colonie untersagte, daneben war es aber jedem Spanier gestattet, dahin auszuwandern, und überdies durften Handelsschiffe zur Aufsuchung neuer Länder über den Ocean und überall, ausgenommen in Haiti, Handel treiben. Dadurch wurde offenbar das dem Entdecker der neuen Welt gegebene Privilegium verletzt. Columbus wollte daher seine Gerechtsame persönlich wieder in Erinnerung bringen, außerdem aber den Anfeindungen und Verleumdungen, welche bereits gegen ihn und seine Verwaltung laut wurden, entgegen treten. Bei dieser Gelegenheit sollten auch mehr als 200 Colonisten, welche dem Lande zur Last lagen und auf Staatskosten erhalten werden mußten, zurück gebracht werden. So verließ denn der Admiral, nachdem er die Verwaltung der Insel seinem Bruder Bartolome als Adelantado übertragen hatte, am 10. März 1496 mit zwei Schiffen, 225 Spaniern und 30 Indianern Haiti, steuerte durch die Reihe der kleinen Antillen, berührte Guadalupe und langte am 11. Juni in Cadiz an.
Wiederum zog der Entdecker, wie bei seiner Rückkehr von der ersten Fahrt, mit prunkendem Gefolge durch Spanien an den Königshof. Die vornehmsten Indianer wurden mit goldenem Schmuck behängt, den sie recht augenfällig zur Schau tragen mußten. Andere zeigten Gewürze und feine Hölzer. Dadurch sollte der Glaube an den Reichthum der neuen Länder wieder aufgefrischt und beim Volke verbreitet werden. Durch die Sicherheit seines Auftretens wußte er selbst seiner Behauptung, in Haiti das Ophir Salomos gefunden zu haben, Eingang zu verschaffen. Zwar waren die Zeitverhältnisse seinen weiteren Plänen wenig günstig, denn einerseits war Aragonien mit Frankreich in Krieg verwickelt und alle verfügbaren Mittel und Kräfte des Landes wurden gesammelt, um das Königreich Neapel den Franzosen wieder zu entreißen, andererseits war die große Gönnerin des Columbus, die Königin Isabella, durch Familienangelegenheiten, durch die bevorstehende Vermählung ihrer Kinder, des Infanten Don Juan und der Infantin Dona Juana mit den Kindern des Kaisers Maximilian, dem ErzherzogPhilipp und der Prinzessin Margarethe von Oesterreich, vollständig in Anspruch genommen. Trotzdem fanden die spanischen Monarchen noch Gelegenheit, den Bericht des Admirals anzuhören und ihm die wiederholte Versicherung ihrer Gunst auszusprechen. Wenn somit auch nicht sofort zur Ausrüstung eines neuen Geschwaders verschritten werden konnte, so fand Columbus doch Gelegenheit, sich seine Privilegien von neuem bestätigen und die Rechte eines Admirals neu verbriefen zu lassen. Auch die eigenmächtig vorgenommene Ernennung seines Bruders Bartolome zum Statthalter (adelantado) wurde nachträglich bestätigt. Eine neue Verzögerung erlitt die Vorbereitung zur dritten Reise durch den unerwarteten Tod des spanischen Thronerben Don Juan, am 4. October 1497. Die bereits für die indischen Unternehmungen bewilligten Gelder mußten für den französischen Krieg verausgabt werden, so daß erst im Januar 1498 zwei Schiffe mit Vorräthen nach Haiti, zur Versorgung der Colonie, vorausgesendet werden konnten. Die fortdauernden Störungen seines Planes, die in einflußreichen Kreisen offen zu Tage tretende Misgunst gegen seine kostspieligen Unternehmungen lasteten schwer auf dem ungeduldig harrenden Admiral und verstimmten ihn tief. Da für eine neue, auf der Südseite der Insel anzulegende Colonie sich nur mit Mühe eine hinlängliche Anzahl von Auswanderern freiwillig aufbringen ließ, so verfiel Columbus auf den gefährlichen Gedanken, sein indisches Reich mit Sträflingen zu bevölkern. Die spanischen Gerichte erhielten die Anweisung, alle Verbrecher, welche mit Verbannung bestraft werden mußten, nach Indien zu verweisen. Auch die portugiesische Regierung hatte bei den Fahrten Gamas und seiner Nachfolger zu dem Mittel gegriffen, einige Verbrecher zur Ausführung lebensgefährlicher Unternehmungen, Kundschaften und dergleichen mit an Bord zu senden; Columbus ging aber in seinem Plane weiter, und machte die Verbrecher zu Colonisten, welche in der jungen, nur mühsam zu erhaltenden Ansiedlung die Elemente der Unzufriedenheit und Gährung verstärkten. Dazu kam der immer mehr zu Tage tretende Zwiespalt des Admirals mit dem Bischof Fonseca als dem Leiter des indischen Amts, welcher sich den zu hohen Anforderungen des Columbus überall widersetzte. In Folge dieser Misstände und des Miskredits, dem die indischen Angelegenheiten bereits unterlagen, konnte Columbus erst am 30. Mai 1498 die Rhede von San Lucar de Barrameda an der Mündung des Guadalquivir mit sechs Schiffen verlassen und in See gehen.
Um französischen Kaperschiffen, welche ihm vom Cap S. Vicente aus den Weg verlegen wollten, auszuweichen, steuerte der Admiral auf einem Umwege nach Madeira, wo er sich sechs Tage aufhielt, und dann weiter nach den Canarien. Auf der Höhe der Insel Ferro entsandte er drei Schiffe direct nach Haiti und gebot ihnen denselben Cours einzuschlagen, welchen er 1493 genommen hatte, und an der Küste Hispaniolas entlang zu seiner Colonie zu segeln, um derselben neue Hilfsmittel zuzuführen. Er selbst ging weiter gegen Südwesten nach den Capverden, indem er ein größeres Schiff und zwei Caravelenbei sich behielt. Seine Absicht war, die heiße Zone aufzusuchen und in der Nähe des Aequator über das Weltmeer nach Westen zu steuern, denn hier hoffte er die kostbarsten Produkte zu finden. In dem allgemeinen Glauben der Zeit, daß nur die heiße Zone neben den schwarzhäutigen Bewohnern auch die edelsten Erzeugnisse hervorbringe, wurde er durch die Mittheilungen eines angesehenen Seemanns bestärkt, welcher auf Anregung der Monarchen ihm seine Gedanken darüber in einem schmeichelhaften Briefe[248]mittheilte. Moisen Jaime Ferrer aus Blanes, einem catalonischen Hafenorte nordöstlich von Barcelona, huldigte in seinem Schreiben den überschwenglichen Vorstellungen, welche der Admiral von seiner Sendung selbst hatte. Er nannte die Entdeckungsfahrt mehr göttlich als menschlich, bezeichnete den Führer als einen Abgesandten Gottes, welcher ausersehen sei, in den unbekannten Westen das Christenthum zu tragen, wie einst der heilige Apostel Thomas nach dem Osten, nach Indien gezogen sei. Er sprach dabei die Hoffnung aus, daß sein Unternehmen zur Ehre Gottes und zu Nutz und Frommen der ganzen Christenheit, besonders Spaniens gedeihen werde und behauptete, daß nach allen seinen Erkundigungen, welche er in Syrien und Aegypten bei den Händlern über die Herkunft der werthvollsten Produkte eingezogen habe, Edelsteine, Gold, Gewürze und Droguen größtentheils aus der heißen Zone stammten, und daß Columbus diese Dinge nur dort erst in Ueberfluß antreffen werde, wo die Menschen schwarz oder dunkelhäutig wären.
Diese Ideen waren für den Admiral maßgebend, und er machte sie sich dergestalt zu eigen, daß er aus ihnen wiederum als aus unanfechtbaren Lehrsätzen seine seltsamen kosmographischen Folgerungen zog. Wir besitzen von Columbus selbst einen ausführlichen Bericht über den Verlauf seiner dritten Reise,[249]in welchem diese merkwürdigen Ansichten niedergelegt sind. Die eigenthümliche Gemüthsstimmung, welche diese Erzählung durchweht, und welche die Behauptung Ferrers, daß auch er den Columbus für das unmittelbare Werkzeug Gottes halte, noch verstärkte, lernen wir am besten aus den eigenen Worten des Entdeckers kennen, mit denen er den Verlauf seiner ersten Fahrten und die später lautwerdende Misgunst berührt. „Ich zog aus,“ schreibt der Admiral, „im Namen der heiligen Trinität und kehrte bald wieder heim, mit dem Beweis in der Hand von alle dem, was ich gesagt hatte. Ew. Hoheiten schickten mich zum zweitenmale und ich entdeckte in kurzer Zeit durch Gottes Gnade das Festland im äußersten Osten auf einer Strecke von 330 Leguas,[250]und dazu noch 700 Inseln. (!) Ich umsegelte die Insel Hispaniola, welche größer als Spanien ist.“ Diese arge Uebertreibung erklärt sich nur daraus, daß Columbus, ohne eigne Berechnung einfach die auf den Karten (man vergleiche den Globus Behaims) niedergelegte Größe Cipangus (denn dafür hielt er die Insel Haiti), mit jener von Spanien verglich und beide Länder ziemlichgleichgroß gezeichnet fand; denn in Wahrheit ist Spanien mindestens sechsmal und die ganze pyreneische Halbinsel, welche Columbus wahrscheinlich im Auge hatte, sogar mehr als siebenmal so groß wie Haiti. „Dann,“ fährt der Admiral fort, „erhoben sich Klagen und Verdächtigungen, um meine Unternehmungen zu verkleinern, weil ich nicht gleich mit goldbeladenen Schiffen heimkehrte. Die Kürze der Zeit und andere Hemmnisse wurden dabei nicht in Rechnung gebracht. Daher fiel ich, entweder wegen meiner Sünden oder zu meinem Heile, wie ich glaube, in Misgunst und fand bei allem, was ich sagte und wünschte, Widerstand.“ Weiter zeigt er dann mit ausführlichen historischen Belegen, daß er für Spanien das Goldland Ophir wiedergefunden und in Besitz genommen habe. „Von den Capverden segelte ich 480millasoder 120 Leguas gegen Südwesten (Anfang Juli), wo ich fand, daß der Polarstern 5 Grad hoch stand. Da trat Windstille ein,[251]die Hitze war so groß, daß ich fürchtete, Schiffe und Mannschaften würden versengt. Kein Mann wagte sich unter Deck, um auf Wasser- und Mundvorräthe zu achten.[252]Diese Hitze dauerte acht Tage; am ersten Tage war der Himmel klar, am zweiten wurde es nebelig und regnete es; aber wir fanden keine Erleichterung, so daß ich glaube, wir wären alle umgekommen, wenn die Sonne wie am ersten Tage geschienen hätte. Nach acht Tagen sandte mir Gott einen günstigen Wind und ich steuerte nun nach Westen.“ Columbus gab also den weitern Cours gegen Südwesten auf, weil er sich von seinen frühern Fahrten erinnerte, daß er jenseits von 100 Leguas westlich von den Açoren stets eine merkliche Abnahme der Hitze beobachtet hatte und daher auch jetzt die Region der milderen Temperatur aufzusuchen beschloß. Unter der Breite von Serra Leona, wie er meinte, steuerte der Admiral 17 Tage mit günstigem Winde nach Westen und fand am Morgen des 31. Juli Land. Es war eine in drei Bergen aufsteigende Inselküste. Unter dem Gesange desSalve reginanäherte man sich in freudiger Erregung dem Strande. Die Insel erhielt den NamenTrinidad, das zuerst berührte Vorgebirge wurde Cabo de la Galea (jetzt Cap Galeota) benannt. Man hatte also die südlichste der kleinen Antillen erreicht, welche nahe an der Küste des südamerikanischen Continentes liegt. Dieser zunächst gelegene flache Streifen des Festlandes erhielt den Namen Gracia. Auf Trinidad bemerkte man Häuser, von gutgepflegten Gärten umgeben und zahlreiche Menschen. Auch Böte ließen sich blicken, aber scheu vermieden die Schiffer jede Annäherung an die fremdartigen großen Fahrzeuge. Man suchte sie durch Lockmittel, auch durch Musik, die vom Verdeck ertönte, zu bewegen, näher zu kommen; aber vergebens. Man sah nur aus der Ferne, daß sie mit Bogen und Pfeilen und hölzernen Schilden bewaffnet waren, und bemerkte mit Staunen, daß diese Indianer eine viel hellereHautfarbe hatten, als die früher gesehenen. Ihre Haare waren nach spanischer Art vor der Stirn abgeschnitten.[253]Als Bekleidung trugen sie nur einen aus buntfarbigen Baumwollfäden gefertigten Schamgürtel.
An der Südküste Trinidads segelte der Entdecker gegen Westen, erreichte am 1. August die westliche „Sandspitze“ der Insel, welche sich auf zwei Leguas dem gegenüberliegenden Orinocodelta nähert. Trichterartig verengt sich gegen Westen der Ocean zwischen Insel und Festland und drängt die gewaltigen Massen süßen Wassers, welche sich aus den Deltaarmen des Orinoco ergießen, unter der Wucht des nordwestlich flutenden Aequatorialstromes zu der immer enger werdenden Straße nach dem Pariagolfe. Das Wasser strömte mit solcher Gewalt in den Golf hinein, wie der Guadalquibir bei Hochwasser, also ungefähr 2½ Meilen in einer Stunde. „Wenn man weiter nach Norden fahren will,“ schreibt Columbus, „so trifft man auf eine Reihe von Stromschnellen, welche den Canal durchsetzen und einen furchtbaren Lärm machen. Ich glaubte, dies komme von Felsen und Riffen, welche den Eingang sperren. Dahinter zeigten sich zahlreiche tosende Strudel, wie wenn die Wogen sich über Felsen brechen.“ Außerhalb des Canals gingen die Schiffe vor Anker, denn Columbus fürchtete wegen der Strömung nicht zurückkehren und wegen der vor ihm liegenden Untiefen nicht vorwärts kommen zu können. „Tief in der Nacht vernahm ich vom Decke des Schiffes aus ein furchtbares Getöse, welches von Süden her gegen das Schiff kam.“ Die wirbelnden schiffshohen Wasserberge, welche heranrollten, drohten die Schiffe zu kentern. Columbus war von Jugend auf mit den mannigfachsten Gefahren der See vertraut, aber niemals war er durch die übermächtigen Gewalten des Ocean so in Angst und Schrecken versetzt, als hier.[254]
„Am folgenden Tage,“ erzählt Columbus weiter, „sandte ich unsere Böte aus, um die Straße zu sondiren. Man fand 6 bis 7 Faden Tiefe, aber in heftigen Gegenströmungen flutete das Wasser hier in den Golf hinein und dort wieder aus demselben heraus. Doch gefiel es Gott, uns günstigen Fahrwind zu geben, und so passirte ich diese Straße glücklich und kam bald in ruhiges Wasser. Zum Erstaunen der ganzen Mannschaft war das Wasser im ganzen Golfe, wo man es auch schöpfte, süß und trinkbar. Columbus steuerte nordwärts über das Becken des Golfs auf die gebirgige HalbinselPariazu, welche die Bucht im Norden abschließt. Hier zeigte sich ein zweiter, noch engerer und gefährlicherer Schlund, wo sich thurmartig einzelne dunkele Klippen aus der brandenden Flut erhoben. Die Küste der Pariahalbinsel zog sich gegen Südwesten, und da Columbus in dieser Richtung eine ruhige Fahrt hoffte, wendete er sich nach Westen. Je weiter man kam, desto frischer und gesunder zeigte sich das Wasser. Das Land schien angebaut, dasGeschwader ging vor Anker, Böte wurden zur Kundschaft ans Gestade geschickt, aber die Hütten waren verlassen. Weiter im Westen, wo das Land flacher wurde, hoffte man mehr Menschen zu finden und wünschte mit ihnen in Verkehr zu treten. Wiederum wurden an der Mündung eines Flusses die Anker ausgeworfen. Dort waren die Eingeborenen zutraulicher, näherten sich den Fremden und gaben an, daß ihr Land Paria heiße, und daß dasselbe weiter gegen Westen noch mehr bewohnt sei. Dies bestätigte sich auch bald, als man noch weiter an dem Lande entlang segelte. Reizende, dicht bewohnte Gegenden luden zum Verkehr ein. Die Eingeborenen kamen an Bord und baten den Admiral, im Namen ihres Königs, ans Land zu kommen. Sie trugen Goldschmuck auf der Brust und mit Perlen besetzte Armbänder. Auf die Nachfrage, wo die Perlen gefunden würden, wiesen sie nach Norden und bemerkten, die Fundstätten lägen nicht allzufern. Am Lande zeigten sich die Indianer sehr höflich, die Häuptlinge an ihrer Spitze empfingen sie, führten sie zu großen, geräumigen Häusern, wo man die Gäste zum Niedersitzen nöthigte und mit Brod, Früchten und verschiedenen Arten von rothem und weißem Wein bewirthete, welcher nicht aus Trauben, sondern aus anderen Früchten bereitet war. Leider konnte man sich nur wenig verständigen, weil man keine Dolmetscher hatte. Von dem Mais, welchen sie anbauten, nahm Columbus später mit nach Spanien, um dieses amerikanische Getreide auch nach der alten Welt zu verpflanzen. Das Gold, womit sie sich schmückten, stammte aus den Bergen an der Grenze des Landes, doch warnte man die Spanier durch Zeichen, sich nicht dahin zu wagen, weil dort Menschenfresser wohnten.[255]
Aber Columbus hatte nicht die Absicht, sich dahin zu wenden, noch auch die Perlenbänke zu besuchen, denn die Mundvorräthe drohten bei der längeren Dauer der Reise zu verderben, auch waren die Schiffe für eine schwierige Entdeckungsfahrt nicht mehr geeignet, und endlich litt er selbst an den Augen und fürchtete, wie es auf einer der früheren Reisen schon geschehen war, zeitweilig des freien Gebrauchs des Augenlichts beraubt zu werden. Da er Paria noch für eine Insel hielt, so hoffte er sie westlich umsegeln zu können, um sich dann nordwärts zu wenden. Ein Caravele wurde zur Prüfung des Fahrwassers vorausgesendet, man fand aber leider, daß sich der Golf westwärts immer mehr verengte, daß unter dem Einströmen zahlreicher Flüsse das Wasser der Bucht vollständig Süßwasser werde, daß demnach nach dieser Richtung kein Ausgang zu finden sei. Man mußte also umkehren, konnte aber der Strömung wegen nicht an dem bisher besuchten und bevölkerten Gestade von Paria wieder entlang gehen, sondern mußte, der Wirbelbewegung des Wassers im Golfe folgend, an den flachen Ufern der Orinocoinseln hin fast bis zum südlichen Eingang zurücksegeln und dann nordwärts den einzigen Ausweg durch den gefürchteten Drachenschlund zwischen Trinidad und Pariawählen. Die Erscheinung der stürmischen Wirbel an den beiden Ausgängen aus der Pariabucht erkannte der Admiral richtig als die Folge des Zusammenstoßes der gewaltigen Wassermassen, welche der Orinoco ergoß, mit der Strömung des Meeres und bezeichnete die Insel Trinidad als ein durch die abspülende Kraft der Gewässer losgetrenntes Stück des Continents. Am 13. August gelang es dem Geschwader glücklich die gefürchtete Straße des Drachenschlundes zu passiren und in das caribische Meer zu kommen. „Als ich den Drachenschlund verließ,“ berichtet der Admiral weiter, „strömte das Meer so mächtig westwärts, daß ich in einem Tage 65 Leguas zurücklegen konnte; und dabei blies nicht etwa ein starker Wind, sondern es wehte ganz gelinde, was mich zu dem Schlusse führte, daß das Meer gegen Süden beständig ansteigt und dem entsprechend gegen Norden abfällt. Ich halte es für sicher, daß das Meerwasser sich mit dem Himmel von Osten nach Westen bewegt und daß es, weil es in diesem Striche reißender fließt, so viel Land abgespült hat, woher die große Zahl von Inseln — Columbus hat die Reihe der kleinen Antillen im Auge — entstanden ist. Und in der That bieten diese Inseln einen weiteren Beweis dafür, da einerseits alle diejenigen Eilande, welche sich von Osten nach Westen oder genauer von Nordwesten nach Südosten erstrecken, breit sind, andererseits diejenigen, die sich von Norden nach Süden oder von Nordosten nach Südwesten ausdehnen, schmal und kleiner sind. Allerdings scheinen die Wasser in einigen Strichen nicht dieselbe Strömungsrichtung zu haben; aber man trifft dies nur an vereinzelten Stellen, wo sie, durch Land aufgehalten, in eine andere Richtung gedrängt werden.
Neben diesen großartigen Anschauungen über physische Erdkunde begegnen wir auch den wunderlichsten Vorstellungen über die Gestaltung der Erde, die jemals ein Seefahrer ausgesprochen. Aus falschen Voraussetzungen, ungenauen astronomischen Beobachtungen und irrigen Verknüpfungen der Naturerscheinungen mit ein für allemal bei dem Entdecker feststehenden Lehrsätzen, die er aus seiner mittelalterlichen Kosmographie geschöpft hatte, baute er sich ein System von Schlüssen auf, welches in der ungeheuerlichen Behauptung gipfelte,die Erde habe nicht Kugelgestalt, sondern sei wie eine Birnegeformt.
„Irrige Beobachtungen der Bewegungen des Polarsternes in der Nähe der açorischen Inseln hatten Columbus schon auf seiner ersten Reise bei der Schwäche seiner mathematischen Kenntnisse zu dem Glauben an eine Unregelmäßigkeit in der Kugelgestalt der Erde geführt.“ Dieser Ausspruch Humboldts[256]findet seine Erklärung in den Bemerkungen des Columbus über seine dritte Reise. „Ich bemerkte,“ sagt er, „daß ich den Polarstern während der Nacht in einer Höhe von 5 Grad hatte und seine Geleitsterne (die Sterne β und γ des kleinen Bären) grade über dem Kopfe; dann um Mitternachtbefand sich der Stern in 10 Grad Höhe und bei Anbruch des Tages waren die Begleiter zu Füßen, in 5 Grad Höhe. Ich sah das mit Staunen, beobachtete die Sterne mehrere Nächte hindurch auf das sorgfältigste und mußte, da ich meine erste Wahrnehmung bestätigt fand, es für etwas ganzneuesansehen, daß auf einem so kleinen Raume eine so große Differenz am Himmel vor sich gehen könne.“[257]Zur Erklärung dieser „neuen“ Thatsache verfiel nun Columbus auf die Birnengestalt der Erde. Man wird den Trugschlüssen, welche zu diesem Resultate führten, um so leichter folgen können, wenn wir auch im Folgenden die eigenen Worte des Admirals wiedergeben, und dadurch zugleicherzeit die historische Localfarbe des Gemäldes bewahren.
„Ich habe stets gelesen, daß die Welt, Land und Wasser zusammen, sphärisch sei, und die von Ptolemäus gemachten Beobachtungen, so wie diejenigen der anderen Gelehrten, welche über diesen Gegenstand geschrieben, haben durch die Mondfinsternisse und andere Erscheinungen oder Beweise, welche in der Richtung nach Osten und Westen beobachtet sind, so wie durch die Erhebung des Poles über den Horizont von Süden nach Norden, dasselbe dargethan.“
„Ich sah aber eine so große Unregelmäßigkeit (disformidad, Unterschied in der Elevation des Polarsternes), daß ich mir eine andere Vorstellung von der Welt machte, und daß ich daraus schloß, sie sei nicht rund, wie man es bisher beschrieben hat, sondern wie eine Birne gestaltet (de la forma de una pera), welche vollkommen rund ist, mit Ausnahme der Stelle, wo der Stil ansetzt, oder auch wie ein ganz runder Ball, an dem auf irgend einem Punkte eine Art Warze, wie die Brustwarze einer Frau, aufgesetzt ist, und daß dieser Punkt der Warze höher und dem Himmel näher liegt und im äußersten Osten im Ocean sich unter dem Aequator befindet. Ich nenne den äußersten Osten jene Gegend, in welcher alles Land und alle Inseln endigen.[258]Zur Unterstützung dieser Ansicht verweise ich auf die Linie 100 Meilen westlich von den Açoren,[259]von wo gegen Westen sich die Schiffe sanft gegen den Himmel erheben und man sich einer milderen Temperatur erfreut. Die Magnetnadel verändert in Folge dieser Milde ihre Richtung um einenViertelswind, und je mehr man westwärts kommt und sich (zu der Anschwellung der Birnenform) erhebt, um so mehr weist die Nadel nach Nordwesten. Und diese Erhebung bewirkt die Abweichung des Kreises, welchen der Polarstern mit seinen Begleitern beschreibt. Je mehr man sich dem Aequator nähert, desto höher erheben sich die Gestirne über den Horizont und desto größer wird der Unterschied in den Kreisen sein, welche die Begleitsterne beschreiben. Ptolemäus und andere Gelehrte, welche von dieser Welt geschrieben haben, betrachten die Erde als kugelförmig und meinen, daß sie es überall ebenso sein müsse wie an jenen Orten, wo sie sich befanden; namentlich auf jener Hemisphäre, deren Mittelpunkt mit der Insel Arin zusammenfällt,[260]welche unter dem Aequator (!) zwischen dem arabischen und persischen Meerbusen liegt. Die Grenzen dieser Hemisphäre laufen im Westen durch das Cap S. Vincente in Portugal, im Osten durch Cangara (Cattigara) und das Land der Serer (vgl. obenS. 6.und7.); und so findet sich keine Schwierigkeit anzunehmen, daß die Erde auf dieser Hälfte kugelförmig sei. Aber die westliche Erdhälfte gleicht einer halben Birne mit der Anschwellung am Stiel. Ptolemäus und die übrigen, welche über die Welt geschrieben haben, kannten diesen Theil der Erde nicht, der damals unbekannt war, und so urtheilten sie nur nach der sphärischen Gestalt auf der ihnen bekannten Seite.“