„Allein auf der von mir entdeckten Erdseite,“ meint Columbus, „liegen die Verhältnisse anders und nöthigen zu anderen Schlußfolgerungen. Denn an der Küste Afrikas, unter dem Parallel von Arguin (vgl. obenS. 91) fand ich die Bewohner dunkel und die Erde wie ausgeglüht. Unter der Breite der Capverden waren die Eingebornen noch schwärzer[261]und je weiter nach Süden, desto schwärzer dergestalt, daß unter dem Parallel von Serra Leona, wo der Polarstern sich 5 Grad erhebt, auch die allerschwärzesten Menschen wohnen.“
„Bei meiner Fahrt von hier gegen Westen stieg anfangs die Hitze noch aufs höchste; so bald ich aber die Grenzlinie (100 Meilen westlich von den Açoren) überschritten hatte, fühlte ich, wie die Temperatur milder wurde, so daß mir bei der Insel Trinidad und dem Lande Gracia, welche gleichfalls unter dem 5. Grad n. Br. liegen,[262]das Klima so milde erschien, und Felder und Bäume so schön grün waren, wie im Monat April in den Gärten vonValencia. Dazu waren die Eingebornen nicht so dunkel, als ich sie früher in Indien gesehen hatte. Die liebliche Temperatur rührt nur von der Höhe dieses Theils der Erdoberfläche her. Folglich kann die Erde hier nicht sphärisch gestaltet sein.“
Wenn schon zu diesen mit großer Zuversicht ausgesprochenen neuen Lehrsätzen Alexander von Humboldt bemerkt,[263]daß die Hypothese von der Unregelmäßigkeit der Figur der Erdkugel einen Mangel an mathematischen Vorkenntnissen und eine Verirrung der Einbildungskraft verrathe, die uns mit Recht überraschen müsse; so wächst unser Erstaunen und unsere Verwunderung noch mehr, wenn wir aus dem Munde des Columbus vernehmen, daß er sich in Bezug auf astronomische Vorgänge auf den naivsten Standpunkt des Kinderglaubens der Naturvölker stellt. Um nämlich zu beweisen, daß auf jener birnenförmigen Anschwellung das irdische Paradies liege, und daß er selbst so glücklich gewesen sei, in dessen Nähe zu kommen, fährt er in seiner Deduction also fort: „Was aber noch besonders zur Unterstützung meiner Ansicht beiträgt, ist dieses: Als der Herr die Sonne schuf, geschah es amersten Punkte des Orients, wodas erste Licht erschien(!)[264]und wo die höchste Erhebung der Erde ist. Obwohl nun Aristoteles der Ansicht gewesen, daß der antarktische Pol oder das Land unter ihm der höchste Theil der Erde und dem Himmel am nächsten sei,[265]haben doch andere Gelehrte sich dagegen erklärt und sich für den arktischen Pol ausgesprochen. Demnach scheint also die Annahme gerechtfertigt, daßeinTheil der Erde dem Himmel näher sei als der andere. An die äquatoriale Zone dachten sie nicht, und das ist keineswegs zu verwundern, denn über diese Region fehlte es an einer genauen Kenntniß, da vor mir noch niemand zur Entdeckung ausgesendet worden.“ „Dort nun,“ führt Columbus aus, „in der Nähe des Drachenschlundes rasen die Wasser des Oceans und kämpfen mit den Ergüssen des Orinoco, welche mit ungeheurer Wucht nach den Ausgängen des Golfes von Paria drängen.“ Diese gewaltigen Strömungen lassen sich nach seiner Meinung nicht anders deuten, als daß die Süßwasserströme aus einer bedeutenden Höhe (von der birnenförmigen Anschwellung) herabrauschen, auf welcher das irdische Paradies gelegen ist.
„Die heilige Schrift bezeugt, daß unser Herr das irdische Paradies schuf, und daß dort vier Flüsse aus einer Quelle entspringen. Ich finde nicht und habe noch nie gefunden irgend eine Schrift der Griechen oder Lateiner, welche genau die Lage des Paradieses angebe und habe es noch auf keiner Karte gefunden, welche nach zuverlässigen Angaben gemacht ist. Einige verlegen es nach Aethiopien an die Quellen des Nil; aber andere, welche diese Länder durchzogen, fanden weder die Temperatur, noch die Sonnenhöhe ihrenIdeen entsprechend. Andere wieder haben das Paradies auf den Canarischen Inseln gesucht.“
„St. Isidor, Beda, Strabon (Walafried Strabo, der Verfasser der scholastischen Geschichte) und St. Ambrosius, Scotus und alle gelehrten Theologen stimmen darin überein, daß das Paradies im Osten lag. Ich nehme nicht an, daß das irdische Paradies auf einem steilen Berge liege, wie man es uns gelehrt hat, sondern daß dasselbe auf der Höhe der angedeuteten Anschwellung der Erde gelegen sei, welche sich aus weiter Ferne in unmerklichem Ansteigen erhebt, und daß niemand auf den Gipfel kommen kann; daß aber alle die Wasser, welche hier die See bedecken (am Golfe von Paria), von dort herabkommen. Auch glaube ich nicht, daß dieser erhabene Ort schiffbar ist oder daß dort Wasser sich findet, vielmehr halte ich es für unmöglich, dahinanzusteigen, weil ich überzeugt bin, daß ohne den Willen Gottes niemand zu dem Orte des irdischen Paradieses gelangen kann.“
„Es sind hier also gewichtige Anzeichen für die Nähe des Paradieses, und die Ansichten der heiligen und gelehrten Theologen stimmen mit meinen Beobachtungen überein. Und wenn die Wasser (des Orinoco) nicht aus dem irdischen Paradiese kommen, so scheint das ein noch größeres Wunder zu sein, weil ich nicht glaube, daß man auf der ganzen Welt einen so mächtigen und tiefen Fluß findet. Und ich glaube,“ fügt Columbus an einer andern Stelle hinzu, „daß, wenn der erwähnte Fluß nicht aus dem irdischen Paradiese käme, derselbe in einem ausgedehnten Lande im Süden entspringen müßte, von welchem wir bisher noch keine Kunde gehabt haben.“
Las Casas läßt den Entdecker sogar die Worte gebrauchen: „Sollte es doch ein Festland sein, so wird die gelehrte Welt tief darüber erstaunen.“[266]Der Verfasser dervida del Almiranteberichtet dazu noch bestimmter, daß Columbus, nachdem er mehrere Inseln entdeckt hatte, überzeugt gewesen sei, in Paria das Festland erreicht zu haben, weil er darin einen mächtigen Strom gefunden, und weil er die Angabe der Bewohner auf den kleinen Antillen bestätigt gesehen, welche von einem großen Lande im Süden gesprochen. Um so befremdender erscheint das Benehmen des Admirals, der schon am zweiten Tage, nachdem er den Drachenschlund glücklich durchsegelt hatte, mit der Strömung gegen Nordwesten zwischen den Testigos und der Insel Margarita hindurchsteuernd, die kaum als continental erkannten Küsten wieder verließ und, indem er die begonnene Entdeckung kurz abbrach, nach Haiti segelte.
War der Eindruck seiner Paradies-Hypothese so mächtig, daß er sein Auge gegen die ermittelte Existenz einer großen Landmasse verschloß, oder beherrschten seine Autoritäten, welche in diesen Erdstrichen von einem Festlande nichts wußten und nichts berichteten, auch jetzt noch seine Ansichten so sehr, daß er ihnen gegenüber und ihnen entgegengesetzt nicht auszusprechen wagte, was der Augenschein lehrte? Das Räthsel wird nicht gelöst durchdie vorgebrachte Entschuldigung, es habe seinen Schiffen bereits an Lebensmitteln gefehlt und er selbst sei von einem Augenleiden befallen gewesen, so daß er sich von den Piloten habe berichten lassen müssen. Denn wenn er wirklich zu einer längeren Erforschungsreise ausgerüstet war, konnten doch die Vorräthe nach Verlauf von 14 Tagen (denn länger weilte er nicht an der Küste Südamerikas) nicht schon erschöpft sein. Auch auf den früheren Reisen war er wochenlang durch Krankheiten an der persönlichen Leitung der Schiffe behindert, ohne seine Unternehmungen deshalb sofort abzubrechen. Vielleicht war es, wie Peschel angibt,[267]innere Unruhe über das Schicksal der Colonie, die er seit 29 Monaten verlassen; weniger wohl Besorgniß, daß die Lebensmittel, welche er zuführte, verderben möchten, denn der größere Theil seiner Flotte war bereits von den Canarien aus direct nach Hispaniola gegangen.
Daß er selbst den rein geographischen Werth seiner neuen Entdeckung weniger würdigte, darf man wohl aus den wunderlichen Theorien schließen, welche er darauf aufbaute, und daß er gegen die Weiterführung der Küstenaufnahmen ziemlich gleichgültig geworden war, spricht auch Humboldt aus:[268]„Columbus legte bei seiner dritten Reise mehr Werth auf die Perlen der Insel Margarita und Cubagua als auf die Entdeckung der Terra firma, da er bis zu seinem Tode fest überzeugt war, schon im November 1492 auf seiner ersten Reise in Cuba einen Theil des festen Landes von Asien berührt zu haben.“
Möglicherweise wollte er auch den immer lauter werdenden Widersachern in Spanien nicht neue Veranlassung zu dem schon oft gehörten Vorwurf geben, daß er in nutzlosen Fahrten viel Geld vergeude, sondern wollte sich ganz der Pflege und Ausbeutung seiner Colonie widmen, um sie so bald wie möglich von den Unterstützungen durch das Mutterland unabhängig zu machen.
In fünf Tagen segelte das Geschwader von der Küste des Continents über das caribische Meer nach Haiti. Die westliche Abdrift führte die Schiffe über ihr Ziel hinaus, so daß, als Columbus das Ufer seines Coloniallandes erreicht hatte, der Cours, nach Osten zurück, eingeschlagen werden mußte, um den Platz der neuen von Bartolomé Colon gegründeten Stadt San Domingo zu erreichen, welche an der Mündung des Ozamáflusses lag.
Während der Abwesenheit des Vicekönigs hatte sein Bruder Bartolomé als Adelantado oder Statthalter die Colonie verwaltet, die Zahl der festen Häuser auf der Insel vermehrt und die Häuptlinge zur Anerkennung der spanischen Oberhoheit gebracht. Der ihnen auferlegte Tribut bestand entweder in Gold oder in anderen den Spaniern willkommenen Erzeugnissen des Landes. Unter dem thätigen Hieronymiten Fray Ramon Pane, welcherinnerhalb eines Jahres die Sprache der Eingeborenen erlernte, und unter dem Franziskaner Fray Juan Borgoñon hatte das Bekehrungswerk unter den Indianern begonnen. Nach dieser Richtung war also die Befestigung der Colonie in günstiger Entwicklung begriffen. Anders verhielt es sich mit den eingewanderten Spaniern, den Soldaten und Colonisten. Hier trat der tiefe Gegensatz der Nationalitäten immer greller zu Tage. Daß sie genuesischen Fremdlingen gehorchen mußten, ertrug ihr Stolz mit Widerwillen. Der Adelantado forderte strenge Manneszucht; statt des erträumten glückseligen Lebens, dessen Vorspiegelungen sie über das Meer gelockt hatten, warteten ihrer angestrengte Arbeiten, sollten sie mit Entbehrungen aller Art, selbst mit Hungersnoth kämpfen und wurden in unablässigen Märschen nach allen Theilen des Landes ermüdet.
Während der Abwesenheit des Statthalters brach in der Stadt Isabella der Aufstand aus. Der Commandant Diego Colon, dem es überhaupt an Energie zu fehlen schien, gerieth in eine mißliche Lage, um so mehr, als der OberrichterFrancisco Roldansich an die Spitze der Unzufriedenen stellte. Bei der Rückkehr des Adelantado mußte Roldan mit seinem Anhange aus der Stadt weichen, fuhr aber fort, die Familie des Columbus zu verdächtigen und zu schmähen als Feinde des spanischen Blutes. Auch das wurde besonders den Genuesen zum Vorwurf gemacht, daß sie die Goldminen als Familienmonopol behandelten. Um die Indianer für sich zu gewinnen, erklärte Roldan ihnen, er wolle sie gegen die Bedrückungen des Statthalters schützen. In Folge dessen verweigerten jene den Tribut und lieferten keine Nahrungsmittel mehr. Selbst die treugebliebenen Spanier wurden durch die nun eintretende Noth entmuthigt und begannen zu desertiren, und wenn nicht im Anfange des Jahres 1498 zwei Schiffe von Spanien neue Lebensmittel und Mannschaften gebracht, so hätte schon damals die Colonie sich vielleicht aufgelöst. Durch diese Zufuhr gewann Bartolomé Colon neue Kräfte, die aufrührerischen Caziken zu bändigen und Roldan in den entfernten Gau von Jaragua zu verdrängen, wo derselbe sich einem üppigen Leben hingab und seinem Gefolge Zügellosigkeiten und Bedrückungen aller Art gestattete. Ende Juli kamen die drei von Columbus vorausgesendeten Schiffe an die Südseite von Haiti, wo Roldan Gelegenheit fand, sofort einen Theil der neuen Ankömmlinge auf seine Seite zu ziehen, und grade einen Monat später traf auch der Admiral selbst bei der neugegründeten Stadt San Domingo ein. Vor allem war ihm daran gelegen, den Unfrieden unter den Spaniern, durch welchen die Entwicklung der Colonisation vollständig gelähmt wurde, zu beseitigen. Da er sah und hörte, daß viele des unerquicklichen Lebens und Treibens auf der Insel überdrüssig geworden waren, denn man vernahm oft den auffälligen Schwur: „So wahr mich Gott wieder nach Castilien bringe“, so erließ Columbus eine Bekanntmachung, in welcher er jedem Spanier gestattete, auf einem der fünf zur Abfahrt nach Spanien vorbereiteten Schiffe in die Heimat zurückzukehren. Er hoffte dadurch besonders die Zahl seinerWidersacher und der Misvergnügten zu lichten. Aber Roldan und seine Partei gingen darauf nicht ein; sie hielten sich für mächtig genug, dem Vicekönige zu trotzen. Dieser ließ sich dann sogar dazu herbei, einen freundlichen Brief an den Oberrichter zu schreiben und eine Versöhnung anzutragen, fand aber auch dafür kein Gehör; denn seine Gegner erkannten seine hilflose Lage, daß er ohne Geld gekommen und seinen Soldaten den rückständigen Sold nicht bezahlen, sich bei einem ausbrechenden Kampfe also auch nicht auf sie verlassen konnte.
Die Flotte, auf welcher Columbus gekommen war, mußte, nach dem Vertrage mit den Rhedern, binnen Monatsfrist wieder abgefertigt werden, und wenn er sie auch bis über sechs Wochen zurückbehielt, so mußte er sie doch endlich am 18. October entlassen, ohne, wie er gewünscht hatte, den spanischen Monarchen von dem wiedergewonnenen Frieden in der Colonie berichten zu können. Er schilderte in seinem Briefe seine Gegner als Diebe, Schurken, Räuber und Landstreicher und erklärte in seiner Aufregung, er werde sich noch genöthigt sehen, die äußersten Gewaltmaßregeln anzuwenden, um diese Friedensstörer zu vernichten.
Natürlich hatte auch die Gegenpartei Gelegenheit gefunden, in einem Schreiben an die Regierung ihr Verhalten zu begründen und über den Admiral und seine Verwandten die ärgsten Beschuldigungen von Willkürherrschaft und Grausamkeit vorzubringen, wodurch die Feindschaft gegen die Genuesen am spanischen Hof neue Nahrung gewann. Das konnte freilich nicht ohne bedenkliche Folgen auf die Anschauung der Monarchen bleiben.
Columbus sah sich wieder zu neuen Verhandlungen getrieben und mußte schließlich, wenn auch widerstrebend, unter schimpflichen Bedingungen mit den Meuterern Frieden machen. Dieselben erhielten demgemäß zwei Schiffe mit Proviant, um nach Spanien zurückkehren zu können. Auch mußte ihnen der Vicekönig einen Schein ausstellen, wonach ihnen der rückständige Sold in Spanien bezahlt werden sollte und ertheilte ihnen schließlich sogar noch das Zeugniß, daß sie sich in Indien um den König wohl verdient gemacht hätten. Alle, welche in Indien bleiben wollten, erhielten freie Geleitsbriefe.
Weil aber Columbus die versprochenen Schiffe zur gesetzten Frist nicht ausrüsten konnte, erklärten seine Gegner auch diesen Vertrag für nichtig. So dauerte die Zwietracht bis zum September 1499. Endlich bequemte sich Columbus sogar dazu, Roldan wieder als Oberrichter einzusetzen, dessen Parteigenossen mit Ländereien zu beschenken und zu gestatten, daß, wenn der rückständige Sold nicht voll ausgezahlt werde, die Meuterer das Recht haben sollten, diese Zusagen mit Gewalt zu erzwingen.
Tiefer konnte sich ein Statthalter nicht erniedrigen, als in solcher Weise den Aufruhr durch Belohnung auszuzeichnen. Zwar hatte Columbus gar nicht die Absicht, diese Versprechungen zu halten, und darum den Vertrag an Bord eines Schiffes unterzeichnet, wo er, wie er sich selbst und auch seinem königlichen Herrn zu bereden suchte, nur in seiner Stellung alsAdmiralrechtskräftige Urkunden unterzeichnen konnte, während der Ausgleich mit den Meuterern hätte von ihm auf dem Lande in seiner Eigenschaft alsVicekönigvollzogen werden müssen.[269]Aber zeigte er durch solche Handlungs- und Denkweise nicht auf das klarste, daß ihm zu einer höchsten Verwaltungsstelle alle Befähigung abging?
In Spanien hörten die Klagen gegen ihn nicht auf. Daß er den Antheil der Krone an der Ausbeute aus den Goldminen nicht rechtzeitig einsandte, nannte man bereits Unterschlagung; und daß er den Oberrichter Roldan, den er selbst gleichsam als seinen Liebling großgezogen und zu der hohen Stellung vorgeschlagen hatte, jetzt als seinen gefährlichsten Feind bezeichnete, mußte Bedenken erregen. Die Königin war erzürnt, daß Columbus mit dem letzten Geschwader wiederum, um dem Fiscus Geld zuzuführen, eine Fracht von Sklaven gesendet hatte, statt der so oft in Aussicht gestellten Schätze von edlem Metall und Gewürzen.
Man sah wohl, daß die Colonie unter den beständigen Wirren ihrer Auflösung entgegenging. Ein Mittel, die Ordnung wieder herzustellen, bot sich in dem Wunsche des Vicekönigs, welcher um einen tüchtigen Richter bat, um die Streitigkeiten auf der Insel zu untersuchen und Recht zu sprechen. Aber die königliche Vollmacht, welche dem neuen Richter auch die ganze Verwaltung der Insel übertrug und von Columbus sogar die Uebergabe der höchsten militärischen Gewalt verlangte, ging wiederum zu weit, weil sie die wiederholt bestätigten Rechte des Genuesen als Vicekönig ohne weiteres bei Seite schob.[270]Francisco de Bobadilla, dem so weitgehende Befugnisse durch Decret vom Mai 1499 ertheilt wurden, erhielt sogar das Recht, jeden, der ihm für das Wohl der Colonie gefährlich schien, mit Gewalt aus der Insel zu entfernen. Seine Entsendung nach Haiti erfolgte aber erst im Sommer 1500, seine Ankunft vor San Domingo am 23. August. In der Woche zuvor hatte Columbus noch sieben Spanier mit dem Tode am Galgen bestraft, weil sie Unruhen anstifteten; und doch schrieb er an die Amme des Prinzen Juan: „als Bobadilla nach S. Domingo kam, wardie Insel ruhig“. Bobadilla sah die Leichen der Erhängten noch am Galgen beiderseits der Einfahrt in den Hafen, und sah diese Art der Justiz als einen Beleg für die Grausamkeit des Genuesen an, welcher er entgegentreten müßte. Weder der Admiral noch sein Bruder Bartolomé waren um diese Zeit in der Stadt anwesend. Bobadilla landete am nächsten Morgen mit seiner Schar, und ließ, nachdem er in der Kirche der Messe beigewohnt, seine Beglaubigungsschreiben der versammelten Menge vorlesen. Als er dann noch zum Schluß das königliche Mandat verkündigte, daß allen in königlichen Diensten Stehenden der rückständige Gehalt ausgezahlt werden solle, hatte erbereits einen großen Theil der Spanier gewonnen. Dann drang er mit Gewalt, aber ohne Blutvergießen in die Festung ein und ließ sich die Gefangenen ausliefern, um seinem Amte gemäß ihre Vergehen zu untersuchen. Seine Wohnung nahm er im Hause des Columbus, dessen Eigenthum und Papiere er mit Beschlag belegte, als sei er nur abgesendet, dem Vicekönig den Proceß zu machen, nicht aber, die RechtsansprüchebeiderParteien zu prüfen. Das ganze Volk zog er aber dadurch auf seine Seite, daß er am nächsten Tage verkündigen ließ, in den nächsten 20 Jahren könne jedermann ungehindert sich mit Goldgewinnung befassen, falls nur der eilfte Theil des Ertrages an die Krone abgeliefert würde. So entfremdete er mit Ausnahme der wenigen Getreuen dem Vicekönig die Gemüther aller Spanier und konnte es auch wagen, indem er den ihm gewordenen königlichen Auftrag verkannte und überschritt, Hand an den Admiral und seine Verwandten zu legen. Gebieterisch fordert er diesen auf, vor ihm zu erscheinen, und Columbus leistete, als er die königlichen Befehle gesehen, Folge, indem er ohne Begleitung nach San Domingo reiste. Mittlerweile hatte Bobadilla den Bruder des Vicekönigs, Don Diego, in Ketten an Bord eines seiner Schiffe bringen lassen. Gleiches Schicksal widerfuhr kurz darauf dem Admiral selbst. Bobadilla erreichte von dem Gefangenen sogar, daß dieser seinem energischen Bruder Bartolomé schrieb, er möge sich gleichfalls der königlichen Entscheidung unterwerfen. So wurde auch der dritte von den genuesischen Brüdern gefesselt. Bobadilla scheute sich, persönlich mit den Gefangenen zu verkehren. „Ich habe nie mit ihm gesprochen,“ klagte Columbus in seinem Briefe an die Amme des Prinzen, „auch hat er keinem anderen erlaubt, mit mir zu sprechen. Ein Gouverneur, der z. B. nach Sicilien geschickt wird und das Land nach bestehenden Gesetzen friedlich regiert, hat eine ganz andere Stellung als ich in einem ganz fremden, neu unterworfenen Lande mit fremden Menschen und Sitten. Wenn ich geirrt habe, so geschah es ohne Schuld oder unter dem Zwange der Verhältnisse. Was mich am meisten kränkt, ist die Wegnahme meiner Papiere, die ich nie wieder sammeln kann, und die meine Unschuld am besten beweisen würden.“[271]
Columbus war durch die ihm widerfahrene Schmach so vollständig gebrochen, daß er selbst für sein Leben fürchtete. Als der Hidalgo Alonso de Villejo, ein Verwandter Fonsecas, mit der Wache bei ihm erschien, um ihn aufs Schiff zu bringen, fragte Columbus, in dem Glauben, man führe ihn zum Tode: „Villejo, wohin führt Ihr mich?“ „Aufs Schiff um abzusegeln,“ lautete die Antwort. „Abzusegeln?“ wiederholte der Admiral fast ungläubig. „Villejo, redet Ihr die Wahrheit?“ Erst bei der wiederholten Versicherung,daß man ihn nicht täusche, fühlte sich Columbus beruhigt. Auch fand er sowohl bei dem Schiffscapitän Andreas Martin als bei Villejo Ehrerbietung und Theilnahme. Man wollte ihm die Ketten abnehmen; aber er lehnte es ab: Spanien sollte die Schmach sehen, die ihm, angeblich auf königliches Geheiß, als Lohn für seine hohen Verdienste angethan war. Eine kurze und glückliche Ueberfahrt ließ ihn schon in der letzten Woche des November 1500 in Cadiz landen.
Der Hof befand sich in Granada. Der Capitän Andreas Martin hatte gestattet, daß Columbus einen Brief an die Amme des Prinzen richten dürfe, welche, wie er wußte, bei der Königin bedeutenden Einfluß besaß. So gelangte die Darstellung der Verhältnisse nach seiner Auffassung eher zu Ohren des Königpaars, als der bestimmt feindselige Bericht Bobadilla’s.
Wie es schon in Cadiz und Sevilla, soweit die Kunde gedrungen war, das größte Aufsehen erregte, daß man den Entdecker der neuen Welt in Ketten nach Spanien zurückbefördert hatte, so fühlten auch die Monarchen, daß die gleichsam in ihren Namen dem Vicekönig angethane Schmach ihren Schatten auf die eigne Majestät werfe, und gaben daher sofort ihr höchstes Misfallen darüber zu erkennen. Columbus sollte sogleich seiner Fesseln entledigt und mit aller ihm gebührenden Auszeichnung behandelt werden. Zu gleicher Zeit ließen sie ihm eine bedeutende Summe (2000 Ducaten) zustellen, damit er seinem Range gemäß reisen und bei Hofe erscheinen könne. Daß er in seinen Ketten vor dem Thron erschienen, darf wohl als romantische Ausschmückung bezeichnet werden; eher aber dürfen wir dem Zeugniß Herreras[272]glauben, daß Columbus, als er vor den Majestäten am 17. December erschien, und dem Königspaar knieend seine Huldigung darbrachte, vor innerer Bewegung nicht sprechen konnte.
Wenn ihm auch bei dieser Gelegenheit und in Zukunft stets mit Auszeichnung begegnet wurde, und er darin eine Vergeltung für das ihm zugefügte bittere Unrecht erblicken konnte, so sah er sich in dem Einen, was er vor allem wünschte, getäuscht, daß er nicht wieder in seine Hoheitsrechte über die neue Welt eingesetzt wurde.
Es scheint, als ob König Ferdinand vor der Hand nicht daran dachte, den einmal vollendeten Eingriff in die Rechte des Columbus wieder rückgängig zu machen. Die Verwaltung der indischen Colonien mußte vor allem in einen geregelten Gang gebracht werden. Bobadilla hatte sich durchaus untauglich gezeigt durch die übereilte Parteinahme gegen den rechtmäßigen Statthalter, den er, ohne ihn nur zu sehen und zu hören, von der Insel entfernte. Seine Anordnungen lockerten alle Bande, Zügellosigkeit und Gesetzwidrigkeitentraten an die Stelle der straffen Zucht Bartolomé’s, so daß die bessern Elemente sich von dem neuen Regimente abwandten. Auch war man auf der Insel selbst dem beseitigten Befehlshaber eine entschiedene Genugthuung schuldig. Daher wurde im königlichen Rathe beschlossen, Bobadilla durch den gerechten und unparteiischen Don Nicolas deOvandozu ersetzen; denn es galt zu gleicher Zeit auch, den nutzlosen Bedrückungen und Grausamkeiten, welche sich die spanischen Herren über ihre indischen Unterthanen erlaubten, ein Ziel zu setzen. Ovando erhielt von der Königin Isabella den ausdrücklichen Befehl, den Caziken und andern Indianern die bestimmte Versicherung zu geben, daß sie selbst ihre neuen Unterthanen in jeder Beziehung zu beschützen gesonnen sei. Nur für den königlichen Dienst sollten die Indianer zu Arbeiten herangezogen werden dürfen. Dieses letzte Recht bot aber in der Folgezeit wieder die Handhabe für fortdauernde neue Quälereien. Auch sollte es gestattet sein, gewiß in der guten Absicht, die Indianer zu entlasten, Negersklaven nach Haiti einzuführen entweder von Spanien oder von der Westküste Afrikas, wo der Menschenhandel schon seit langer Zeit bestand. Damit war der erste Anlaß zu dem für Amerika so verhängnißvoll gewordenen schwarzen Sklaventhum gegeben, welches in den folgenden Jahrhunderten so oft zu blutigen Conflicten und staatserschütternden Kämpfen führen und — ein eignes Verhängniß — nach 300 Jahren grade die erste spanische Colonie, Haiti, ganz in die Hände der Schwarzen und Farbigen liefern sollte.
Das von Bobadilla confiscirte Vermögen des Statthalters sollte Ovando zurückfordern, die dem Vicekönig zustehenden Einkünfte ihm ungeschmälert überweisen, die von Bobadilla erlassene Verfügung bezüglich des freien Bergbaus auf Gold wieder aufheben.
Das Vertrauen, welches man in Spanien auf die Tüchtigkeit Ovando’s setzte und die Hoffnung, mit seinem Eintreffen in Haiti die Colonie geordneten Verhältnissen wieder zugeführt zu sehen, ermuthigte eine große Zahl von Auswanderungslustigen, ihr Heil in der neuen Welt zu suchen. So segelte er mit 30 Schiffen und 2500 Personen am 13. Februar 1502 von San Lucar de Barrameda ab. Ein Schiff ging leider im Sturm unter, die übrigen erreichten indeß am 15. April ihr Ziel. Ovando wurde ohne Schwierigkeit, nachdem er die königlichen Befehle vorgelegt, als Statthalter anerkannt. Gegen Bobadilla, dessen Ansehen mit einem Male verschwand, wurde keine Untersuchung eingeleitet, doch mußte er nach Spanien zurückkehren. Roldan dagegen und seine eifrigsten Parteigänger wurden in Haft genommen und zur Verurtheilung auf die Flotte gebracht, welche den neuen Befehlshaber herübergeführt hatte. Nachdem dieselbe befrachtet war, sollte sie in die Heimat zurückkehren.
Columbus hatte inzwischen, da er sah, daß er nicht sofort in seine westindische Herrschaft wieder eingesetzt werde, sich zu einer neuen großen Entdeckungsfahrt gegen Westen erboten. Man darf annehmen, daß die Erfolge der Portugiesen einen wesentlichen Einfluß auf seine neuen Pläne ausübten. Vasco da Gama war im September 1499 aus dem indischen Gewürzlande zurückgekehrt, zu einer Zeit also, wo Columbus noch in heftigem Kampfe gegen Roldan lag. In Spanien hatte er weitere Nachrichten über Indien eingezogen, und da er sich überzeugt hielt, das Ostgestade des asiatischen Continents bereits in Cuba und Paria berührt zu haben, da ferner durch die Entdeckungsfahrten spanischer Privatunternehmer, der Hojeda, Vespucci, Pinzon noch weitere Küsten des Festlandes, zu welchem Paria gehörte, besucht waren, so schloß er daraus, eine Fahrt zwischen Cuba und Paria gegen Westen werde ihn nach dem portugiesischen Indien bringen. Die gewaltige Meeresströmung, welche an der Küste Südamerikas ungestüm nach Westen drängte, mußte nach seiner Vorstellung durch eine noch unerforschte Meerenge führen, hinter welcher er das indische Meer „jenseits des Ganges“, wie es seit dem Alterthum genannt wurde, zu finden meinte. Durch diese Vorstellungen war die Richtung der neuen von ihm ins Auge gefaßten Unternehmung bestimmt. Sein Plan wurde von den spanischen Souveränen gern genehmigt, und so konnte er bereits im Herbste 1501 an die Vorbereitungen zur Ausrüstung der bewilligten Schiffe gehen. Er scheint selbst sein Leben daran setzen zu wollen, um einen großen Erfolg zu erzielen; aber als ein vorsichtiger Mann wollte er dabei die Zukunft seiner Familie möglichst sicher stellen. Darum ließ er von den wichtigsten Dokumenten beglaubigte Abschriften nehmen und dieselben in der Bank von Genua niederlegen. Darunter befand sich auch die am 14. März 1502 von der Krone gegebene erneuerte Versicherung, daß ihm und seinen Kindern alle seine verbrieften Rechte unverkürzt erhalten bleiben sollten. Er hatte vier kleine Caravelen, von 70 resp. 50 Tons ausgerüstet und mit 150 Leuten bemannt. Sein Bruder Bartolomé, der ihm überall die kräftigste Stütze gewesen war, sowie sein jüngerer, damals erst 13jähriger Sohn Ferdinand begleiteten ihn.
Am 9. Mai 1502 ging er von Cadiz aus in See. Beseelt von frommer Hoffnung, daß seine Unternehmung gelingen werde, schrieb er von den Canarien aus an seinen Freund und Rathgeber, der Karthäusermönch Gaspar Gorricio in Sevilla. „Ich reise im Namen der heiligen Trinität und hoffe auf Sieg“.[273]Eine rasche Fahrt von 19 Tagen brachte das Geschwader von den Canarischen Inseln über den Ocean nach Martinique (Matinino) und von hier an den kleinen Antillen und der Südküste von Puertorico entlang nach San Domingo. So lange seine Schiffe im Stande waren, wollte er seine Reise beeilen, aber da eins derselben zur Forschungsreise untauglich war und schlecht segelte, so wollte er dasselbe gegen ein besseres vertauschen und dieses auf seine Kosten ausrüsten lassen. Im Haupthafen von San Domingo lag die große Flotte noch vor Anker, als er am 29. Juni vor der Stadt erschien. Aber Ovando gestattete dem Admiral nicht, ans Land zukommen und Columbus hinwieder hatte sich mit der Hoffnung geschmeichelt, sein gesunkenes Ansehen in seiner Colonie wieder zu heben, wenn er als Befehlshaber eines Geschwaders einlaufe. Nur die von ihm aus Spanien mitgebrachten Briefe konnten abgegeben werden, Ovando lehnte jede weitere Annäherung ab. Auch darin fand Columbus kein Gehör, daß er aus astrologischen Ursachen[274]den nahebevorstehenden Ausbruch eines furchtbaren Sturmes verkündete und daher den Statthalter Ovando warnte, vor Ablauf einer Woche die im Hafen segelbereite Flotte, auf welcher sich Bobadilla, Roldan u. a. befanden, nicht abfertigen zu wollen.
Wenn nun bald darauf, als die Flotte wirklich ausgelaufen war, der Orkan losbrach, gegen 20 Schiffe mit Mann und Maus verschlang und dabei auch Bobadilla und Roldan vernichtete; wenn von allen Fahrzeugen nur ein einziges, und dazu ziemlich gebrechliches, welches aber das wieder ausgelieferte Vermögen des Admirals an Bord hatte, endlich nach Spanien die Reise fortsetzen konnte: mußte Columbus in allem nicht die unmittelbare Hand Gottes und sein Strafgericht erkennen? Er selbst hatte sich mit seinen vier Schiffen in die Nähe der Küste geflüchtet und dort das verderbliche Unwetter glücklich überstanden, wenn auch der schlechte Segler, den sein Bruder befehligte, aufs Meer getrieben und seiner Böte beraubt wurde. „Der Sturm war furchtbar,“ schreibt Columbus, „die Schiffe wurden getrennt und ich fürchtete, daß die übrigen untergegangen. Wie schmerzlich ist es bei solcher Gefahr und in Angst um den Sohn, den Bruder, die Freunde, nicht ans Land oder in den Hafen flüchten zu dürfen, an einer Küste, welche ich unter so vielen Mühseligkeiten für Spanien selbst gewonnen habe.“
Am 14. Juli segelte Columbus von Haiti ab und steuerte, indem er die Inseln Jamaica und Cuba zur Rechten ließ, grade gegen Westen. Jenseits Jamaica trieb ihn aber eine heftige Strömung gegen Nordwesten bis zu der Region, wo die „Gärten der Königin“ lagen, doch sah er das Land nicht. Von hier steuerte er nach derterra firmahinüber und erreichte am 30. Juli die im äußeren Golf von Honduras gelegene Insel Guanaja,[275]welche er nach dem prächtigen Fichtenwalde Isla de Pinos nannte. Dort traf er mit yukatanischen Händlern zusammen, welche in ihren großen, aus einem Stamm gefertigte Barken allerlei Handelswaren hatten, als messingene Schellen, Messer und Beile von hellem, durchscheinenden Stein, hölzerne Schwerter, deren Schneiden aus scharfen Steinen bestanden, welche beiderseits in Rinnen eingefügt waren, schön geschnitzte hölzerne und marmorne Gefäße, baumwollene, in verschiedenen Farben gewebte Decken u. a. Columbus erkundigte sich bei den Insassen der Böte nach dem Lande im Westen. Man nannte das Land der Maya (Yukatan). Da die Handelswaren eine höhereKultur verriethen, als die Spanier bisher im westindischen Gebiete angetroffen, so wäre Columbus, wenn er die Heimat der einheimischen Händler aufgesucht hätte, zu den Städten in Yukatan, vielleicht gar an das Gestade von Mexiko gelangt. Aber von der Vorstellung einer Meerenge beherrscht, welche ihn weiter südlich um die vermeintliche hinterindische Halbinsel, in deren Nähe er sich zu befinden glaubte, in den Golf von Bengalen führen sollte, blieb der Admiral seinem Plane treu und segelte statt nach Westen, nach Osten, und sah sich dadurch auch bei der letzten Fahrt auf die Erforschung innerhalb des caribischen Meeres beschränkt. Zunächst ging der Admiral nach dem im Süden gelegenen festen Lande hinüber und landete in der Nähe des Cap Honduras, um von dem neu entdeckten Gebiete für Spanien Besitz zu ergreifen. Es scheint, daß er bei dem fortdauernd schlechten Wetter hier gegen 14 Tage verweilte, dann steuerte er an der Küste gegen Osten. Aber die heftigen Stürme und die furchtbare Gegenströmung ließen ihn kaum einen Schritt vorwärts gewinnen. In einem Zeitraum von vier Wochen, vom 14. August bis zum 12. September (Columbus gibt irrthümlich 60 Tage, Peter Martyr richtiger 40 Tage, den Aufenthalt bei Guanaja eingerechnet), legte er, unter stetem Laviren, nur einen Abstand von drei Meridianen zurück. „Es regnete, donnerte und blitzte unaufhörlich, es sah aus, als ob die Welt untergehen sollte. In der ganzen Zeit sah ich weder Sonne noch Sterne. Meine Schiffe hatten furchtbar gelitten, die Segel waren zerrissen. Wir hatten Anker, Takelwerk, Böte und eine große Menge Vorräthe eingebüßt. Das Schiffsvolk war krank und niedergedrückt. Manche gelobten ein religiöses Leben zu führen und alle verpflichteten sich zu Walfahrt und Beichte. Wir haben manche Stürme erlebt, aber nie einen von solcher Heftigkeit.“[276]Am meisten war Columbus um seinen 13jährigen Sohn besorgt; aber er fand einen Trost darin, daß dieser sich auf der See bewährte. Dann machte er sich Vorwürfe darüber, daß er seinen Bruder Bartolomé, den er gegen dessen Willen mitgenommen, stets der äußersten Gefahr ausgesetzt sah, weil er sich auf dem schlechtesten Fahrzeuge befand. Der Admiral selbst lag fieberkrank danieder, leitete aber trotzdem von einer kleinen Cabine aus, die auf Deck errichtet worden war, den Lauf des Schiffes. Krankheit und Sorgen preßten ihm die Klage aus, daß er nun in 20 Dienstjahren voll Mühen und Gefahren noch nichts gewonnen habe und bis jetzt in Castilien noch keinen Dachziegel erworben habe, daß er in Spanien beständig auf das Wirthshausleben angewiesen gewesen sei und meistens kaum die Mittel besessen habe, um seine Rechnungen bezahlen zu können.
So erreichte er endlich am 12. September das östlichste Vorgebirge von Honduras, von wo die Küste nach Süden lief und ihm besseres Wetter und günstiger Fahrwind in Aussicht stand.
Zum Dank für die Errettung Aller nannte er jenes VorgebirgeGraciasà Dios(Gott sei Dank), wie es noch heute heißt. Die Küste, welche sich von da ab, zwischen dem 15° und 10° n. Br. nach Süden zog, bewahrte zwar noch denselben Charakter, aber die Fahrt ging leichter von statten. Hinter dem flachen, sandigen Strande breiten sich zahlreiche Lagunen hin. Der Boden ist, bisweilen bis dicht ans Meer, mit Pechtannen bewachsen oder mit üppigem Platanenwald bedeckt. Große Savannenflächen breiten sich dazwischen aus. Die ganze Gegend gilt als gesund. Erzgänge kennt man hier nicht; aber manche Flüsse, wie der Rio Tinto gegen Norden, und der Rio Pataca scheinen reich an goldführendem Sande zu sein.
Am 25. September gelangte das Geschwader zu einer reizenden Gestadeinsel, welche Columbus den Garten (la Huerta) benannte. Am festen Lande lag, in der Nähe der Mündung eines Flusses, das Indianerdorf Cariai.[277]Hier gönnte er (vielleicht in der Nähe der heutigen Stadt Greytown) seiner Mannschaft eine längere Ruhe, ließ die Schiffe ausbessern und Vorräthe einnehmen. Aus den Erkundigungen, welche Bartolomé Colon am Lande einzog, ging hervor, daß weiter gegen Südosten reiche Goldgestade ihrer warteten. So steuerten denn die Schiffe am 5. October dieser verheißenden Küste zu und kamen nach zwei Tagen in die heutige inselreiche Bai von Chiriqui. Die Indianer nannten diese Gegend Cerabaró oder Carabaro. „Ich selbst,“ schreibt Columbus, „erhielt Mittheilung über die gesuchtenGoldbergwerke in der Provinz Ciambaund zwei Indianer führten mich nach Carambaru, wo das nackte Volk Goldschmuck am Halse trug.“
Die Provinz Ciamba, welche Columbus nennt, ist das schon von Polo erwähnte Königreich Tschampa in Hinter-Indien. Der Irrthum des Admirals erklärt sich aber, sowie wir einen Blick auf den Globus Behaims werfen. Westlich von Cipangu (Haiti, nach Ansicht des Columbus) erstreckt sich die Ostküste Asiens zwischen dem 20° und 10° n. Br. von Norden nach Süden. An dieser Küste glaubte der Admiral angelangt zu sein, und eben hier sehen wir auf Behaims Globus das Königreich Ciamba eingezeichnet. So fest war auch hier wieder Columbus von seinen Ideen eingenommen, daß er ohne weitere Erklärung und mit der größten Sicherheit von der „Provinz Ciamba“ spricht.
Wo südlich von der Mündung des Rio San Juan die Küste des mittelamerikanischen Isthmus in den Staaten Costarica und Panama sich im allgemeinen mehr nach Osten zieht, ändert sich die Natur des Gestades. Dicht bewaldete Berge treten bis an die See; größere und kleinere, zum Theil mit Berginseln malerisch besetzte Buchten öffnen sich und bieten guten Ankergrund. Gegenüber von Carabaró lag auf den anderen Seiten der herrlichen,fischreichen Bucht von Chiriqui die LandschaftAburéma, beide reich an Gold in allen Flüssen. Hier war es, wo Columbus die erste dunkle Kunde von dem großen Ocean erhielt, diese Nachricht aber auf das indische Meer jenseits des Ganges bezog. Neun Tagereisen quer durch das Land nach Westen lag nach den Angaben der Indianer, denen man Glauben schenken durfte, das goldreiche LandCiguara, dessen Bewohner Korallenschmuck im Haar und große Korallenarmbänder trugen. Auch sollte dort der Pfeffer bekannt sein. Columbus erfuhr weiter, daß in jenem Lande Messen und Märkte abgehalten würden, daß die Leute kunstreich gearbeitete Kleidung trügen, mit Schwertern, Bogen und Pfeilen bewaffnet, sogar mit Harnischen gerüstet seien. Auch glaubte der Admiral aus den weiteren Mittheilungen zu verstehen, daß das Volk auf seinen Schiffen Kanonen führe und Streitrosse besitze. Die goldreiche Küste jenseits der Bai von Chiriqui wurde nach einem IndianerorteVeraguagenannt. Eine höhere, der Küste parallel laufende Gebirgskette war fast immer in Wolken gehüllt. Ihre Gipfel schätzte Columbus auf 50,000 Fuß Höhe. Am Fuß der Gebirge, sagte er, öffne sich ein Pfad zu dem asiatischen Ostmeere, so daß Veragua und Ciguara einander gegenüber liegen wie Tortosa und Fuentarabia in Spanien, oder Venedig und Pisa in Italien. Er hoffte also, da er sich die mittelamerikanischen Landschaften auf den einander gegenüberliegenden Küsten einer Halbinsel, wie Spanien und Italien vorstellte, bei einer Weiterfahrt das Ende des Landes umsegeln zu können und eine Meerenge zu finden in ähnlicher Lage, wie südlich von Italien oder Spanien. Darum fügt er hinzu: Die See umgibt Ciguara und in 10 Tagen kommt man von da zum Ganges. Er glaubte also nahe dem südlichen Ende der hinterindischen Halbinsel zu sein, wo nach der Vorstellung des Ptolemäus der Hafen Catigara lag. Bestärkt wurde Columbus noch durch die Angaben der Kosmographie des Aeneas Sylvius[278](Papst Pius II.), welche er auf seinem Schiffe mit sich führte. Hier fand er bei der Beschreibung Ostasiens, Katais und Matschins (Großchinas) Mittheilungen über das Tätowiren, über den Sonnenkultus u. a., was er an der Küste von Mittelamerika auch beobachtet hatte, so daß er daraus folgerte, er sei in die Nähe des alten Handelshafens von Catigara angelangt, die Halbinsel sei nur noch 9 Tagereisen breit und jenseits derselben erreiche man bei günstiger Fahrt in 10 Tagen den Ganges.
War diese Berechnung richtig und hatte er damit, auf die Autorität des Ptolemäus bauend, welcher Catigara 180 Meridiane östlich von den Canarischen Inseln ansetzt, gegen Westen segelnd, die Hälfte des Erdballs umfahren, dann konnte auch der Umfang der Erde nicht so groß sein, wie seit der Berechnung des Alterthums allgemein angenommen wurde; denn er war sich wohl bewußt, daß er in geradem Abstande von Osten nach Westen noch nicht eine so große Strecke durchmessen hatte, welche der Hälfte des Erdumfangesentspräche. Aber auch vor dieser Consequenz schreckte er nicht zurück und erklärte darum in seinem Briefe aus Jamaica:Die Welt ist nicht so groß, als man gewöhnlich annimmt, denn ein Aequatorialgrad beträgt nicht 60 sondern nur 56⅔ Meilen (millas).[279]
Unter diesen Vorstellungen und in der sicheren Erwartung, die Meerenge bald zu erreichen, segelte er weiter, ohne das Goldland von Veragua genauer zu untersuchen. Am Abend vor Simon und Judä wurde er widerstandslos vom Sturme fortgetrieben und fand erst nach mehreren angstvollen Tagen Schutz vor der wilden See und dem rasenden Sturme in einem prächtigen Hafen, dem er den Namen Puerto bello gab. Hier blieb er vom 2. bis 9. November liegen, bis das Unwetter sich ausgetobt zu haben schien. Nach den Goldminen von Veragua wollte er nicht zurückkehren; er sah sie schon als spanisches Eigenthum an. Unter heftigen Regengüssen segelte er weiter, wurde aber schon nach kurzer Fahrt genöthigt, wider seinen Willen, an der schützenden Küste eine Zuflucht gegen die von neuem losbrechenden Wetter zu suchen. Die Umgebung des Hafenplatzes war wohl angebaut und bot eine willkommene Fülle von Nahrungsmitteln, daher erhielt die Bucht den NamenPuerto de los bastimentos(Hafen der Vorräthe). Sturm und Ungewitter hielten ihn hier bis zum 23. November fest. Als er sich ohne günstiges Wetter von neuem wieder hinauswagte, konnte er unter großer Anstrengung nur 15 Meilen zurücklegen; denn Wind und Strömung waren ihm dermaßen entgegen, daß er nach dem verlassenen Hafen zurückweichen mußte. Unterwegs fand er einen andern Hafen, den er Retrete nannte. Es war ein ganz kleiner, unbequemer Hafen, der von Sandbänken und Felsen umsäumt war. Hier ward er von neuem auf die Dauer von 14 Tagen festgehalten. Am 5. December, als er die Zufluchtsstätte verlassen und nur vier Meilen weit gekommen war, brach der Sturm mit gesteigerter Wuth wieder los und machte ihn völlig rathlos. Die schaumbedeckte See erhob sich zu furchtbarer Höhe, wie er noch nie erlebt hatte. „Der Wind war uns grade entgegen,“ so beschreibt Columbus diese Unwetter, „und machte es uns unmöglich, nach einer vor uns liegenden Landspitze zu steuern. Die See kochte wie ein Kessel über starkem Feuer. Tag und Nacht flammte der Himmel von den zuckenden Blitzen, welche von so entsetzlichem Donner begleitet waren, daß wir alle fürchteten, die Schiffe müßten untergehen.“ Neun Tage schwebte er so in Lebensgefahr und während dieser ganzen Zeit strömte das Wasser vom Himmel nicht wie Regen, sondern wie eine neue Sündflut. Die Mannschaft wurde so muthlos, daß sie den Tod als eine Erlösung aus diesem Jammer ansah. Zweimal hatten die Schiffe bereits Verluste an Böten, Ankern und Tauwerk erlitten und lagen nun ohne Segel bei.
In der Nähe der eigentlichen Landenge von Panama wurde Columbus zur Umkehr genöthigt. Seine Schiffe waren in dem erbärmlichsten Zustande und hielten sich, von Bohrwürmern angegriffen, kaum noch über Wasser. Aber auch auf dem Rückwege nach Veragua tobte das Wetter und hielten widrige Winde ihn beständig auf, so daß er wiederholt sich in den Schutz der Küste flüchten mußte; so auch am Weihnachtsabend, wo er aus der bevorstehenden Opposition des Saturns mit der Sonne auf ein neues Ausbrechen der Wuth der feindlichen Elemente sich glaubte gefaßt machen zu müssen. Erst mit dem Beginn des neuen Jahres 1503 trat günstigeres Wetter ein und so erreichte er, im Zustande höchster Erschöpfung, denn die Mannschaft lag größtentheils krank darnieder, die Küste von Veragua am Epiphaniastage und lief in den Fluß Belen oder Yebra ein, über dessen Barre er zwar mit großer Schwierigkeit, aber doch glücklich in stilles Fahrwasser gelangte. Am folgenden Tage brach der Sturm wieder los und hätte es ihm unmöglich gemacht über die Barre zu kommen, wenn er von dem Unwetter noch auf der See überrascht worden wäre. Der Regen hielt bis zum 14. Februar an, so daß man anfangs nicht im Stande war die Schiffe zu verlassen. Am 24. Januar schwoll der Fluß plötzlich so gewaltig an, daß er die Schiffe von ihren Kabeln losriß und beinahe wieder auf das Meer hinausgetrieben hätte.
Erst am 6. Februar konnte der Admiral es wagen, seinen Bruder Bartolomé mit 68 Mann auf Kundschaft nach dem Veraguafluß zu senden. Der Adelantado erreichte in seinen Böten bald das Dorf des Quibian oder Caziken von Veragua. Der Häuptling, nach Landessitte bemalt, aber nackt, kam den Fremden mit großem Gefolge, aber unbewaffnet entgegen. Bei der Zusammenkunft holten seine Begleiter aus der Nähe einen großen Stein herbei, wuschen denselben in dem Flusse sorgsam ab, rieben ihn trocken und legten ihn vor ihrem Fürsten nieder, damit er, seiner Würde gemäß, sitzend die Unterhaltung beginnen könne.[280]Auf den Wunsch der Spanier, zu den Fundstätten des Goldes geführt zu werden, zeigte sich der Quibian sofort bereit und bestellte drei Führer, um die Fremden dahin zu geleiten. Bartolomé Colon sandte einen Theil seiner Mannschaft zum Schutz der Böte zurück und brach mit den übrigen nach den Minen auf. In allen Gewässern konnte man mit leichter Mühe zwischen den Wurzeln der Bäume, unter dem Flußgeröll und im Sande Goldblättchen auflesen. Weiter brachten die Indianer den Adelantado mit seinem Gefolge auf einen hohen Berg, von wo aus man das Land weit und breit übersehen konnte und erklärten, daß überall, namentlich gegen Westen auf 20 Tagereisen weit sich Gold sammeln lasse und nannten Städte und Dörfer, welche in jenem Goldgebiete lägen. Nachher erfuhr man, daß der schlaue Quibian den Spaniern die ergiebigen Gebiete eines ihm feindlichen Nachbarfürsten hatte zeigen lassen, um dieFremdlinge mit seinem Feinde in Streit zu bringen, daß er aber die besten Goldfelder im eignen Lande verheimlicht hatte.
Am 16. Februar setzte Bartolomé die Erforschung des Landes weiter fort, fand überall reichliche Spuren von Gold, besuchte mehrere Caziken, bei denen er freundliche Aufnahme fand, erkannte aber, daß das Gebiet von Veragua von allen am reichsten sei. Auch wiederholte sich hier wieder die Kunde von einem mächtigen Kulturvolke, das an dem andern Meere wohnen sollte.
Es schien klar, daß man sich hier in der Nähe der reichsten Gebiete Asiens befand, und daher beschloß Columbus hier eine Niederlassung zu gründen. Veragua war der goldene Chersones. (Siehe obenS. 207.)[281]
Am Flusse Belen wurden Häuser errichtet, der Adelantado entschloß sich in der Colonie die Leitung zu übernehmen und mit einem Fahrzeuge zurückzubleiben, indeß Columbus nach Spanien zurückkehren und von da neue Verstärkungen herüberführen wollte. Der Quibian, den der Admiral durch Geschenke für seinen Plan gewonnen glaubte, sah die Versuche seiner Gäste, sich häuslich niederzulassen, mit schelem Blick und wachsendem Unbehagen. Das gute Einvernehmen zwischen Spaniern und Indianern wurde allmählich getrübt, denn die Eingeborenen hatten von der Anmaßung der Fremden zu leiden. Der Quibian benutzte die entstehende Zwietracht zu einer allgemeinen Verschwörung, man wollte die neuen Häuser der Colonie in Brand stecken und die Insassen tödten. Diego Mendez, ein dem Columbus treu ergebener Mann, erhielt zuerst von diesem Plan Kenntniß; er bewachte die Bewegungender bewaffneten indianischen Scharen, so daß sie im geheimen ihre Absicht nicht ausführen konnten, ja er drang sogar bis zu dem Mittelpunkte der feindlichen Macht, bis zur Behausung der Caziken vor, indem er sich für einen Wundarzt ausgab, welcher dem verwundeten Häuptling Linderung bringen wolle. Nachdem er sich dabei noch einmal vergewissert hatte, daß in der That ein Angriff auf die spanische Niederlassung bevorstehe, kehrte er nach dem Belen zurück. Bartolomé Colon wählte sofort gegen 50 tüchtige Leute aus, rückte vor das Haus des Quibian und nahm denselben sammt seiner zahlreichen Familie gefangen. Leider entkam der Häuptling in der darauf folgenden dunkeln Nacht wieder und gab nun das Signal zum Angriff auf die Ansiedlung. Inzwischen hatte der Admiral im Anfang April drei Schiffe aus dem Flusse wieder über die Barre aufs Meer gebracht, um nach Spanien zurückzukehren, während sein Bruder nebst einem Schiffe in Veragua zurückbleiben sollte. Als aber durch den erbitterten Angriff der Indianer die am Lande befindlichen Spanier aus ihren Hütten vertrieben wurden, und als vollends der Capitän Diego Tristan mit seiner Bootsmannschaft, welche den Fluß Belen hinaufgegangen war, um Wasser zu holen, von den Feinden erschlagen worden, war das Schicksal der Colonie besiegelt. Es galt nur noch, den Adelantado mit seinen Leuten, die sich am Strande verschanzt hatten, zu retten. Der Admiral, selbst in heftigem Fieber liegend, und fast aller seiner Böte beraubt, nicht fähig seinem Bruder Hilfe zu bringen, gerieth in die höchste Aufregung. „Ich war allein draußen,“ erzählte er später, „an der gefährlichen Küste, von schwerem Fieber befallen und todesmatt. Alle Hoffnung, zu entkommen, war dahin. Ich arbeitete mich mühsam auf den höchsten Theil des Schiffes und rief mit zitternder Stimme unter heißen Thränen die Hauptleute mir zu Hilfe zu kommen, aber es kam keine Antwort.“ In seinen Fieberphantasien glaubte Columbus nun, als er völlig erschöpft eingeschlafen war, eine mitleidige, tröstende Stimme zu vernehmen, welche zu ihm sprach: „Warum verzagst du in deinem Glauben an Gott? Was that er mehr für Moses oder für seine Knechte, als er für dich gethan? Seit deiner Geburt hat er die größte Sorge um dich gehabt. Als er dich zu den von ihm bestimmten Jahren kommen sah, hat er deinen Namen in der ganzen Welt ertönen lassen.Er gab dir Indien, den reichsten Erdtheil, du vertheiltest es nach deinem Belieben. Du empfingst von ihm die Schlüssel zum Ocean, der bisher mit starken Ketten verschlossen war. Man gehorchte deinen Befehlen in den unermeßlichen Ländern, und du hast unsterblichen Ruhm unter den Christen erworben. Was that er mehr für das Volk Israel, als er es ausAegyptenführte, und für David, den er aus dem Hirtenstand zum Throne Judas erhob? Kehre zurück zu deinem Gott, erkenne endlich deinen Irrthum; sein Mitleid ist ohne Grenzen. Dein Alter (ta vejez) wird dich nicht hindern, große Thaten zu thun. Er hält in seiner Hand die glänzendste Erbschaft... Sprich, wer hat dich so tief und so oft gebeugt, Gott oder die Welt? Gott hält stets, was er verspricht. Fürchte nichts, fasse Muth!“
Die peinliche Ungewißheit über die am Lande Zurückgelassenen währte tagelang, denn wegen der starken Brandung war aller Verkehr mit der Küste abgeschnitten. Endlich erbot sich der Pilot Pedro Ledesma, durch die Brandung zu schwimmen, wenn man ihn mit dem letzten verfügbaren Bote bis an die Grenze derselben bringe. Diese kühne That gelang, und so erhielt Columbus Nachricht, daß sein Bruder sich noch an der Küste vertheidige. Trotz seiner gefahrvollen Lage — denn die von Würmern zerfressenen Schiffe hielten sich kaum noch über Wasser — mußte er noch längere Zeit ausharren, bis das Wetter sich günstiger gestaltete und es ermöglichte, die am Lande befindliche Mannschaft, wenn auch mit Zurücklassung ihrer Caravele, wieder einzuschiffen und die Gründung einer Colonie einer späteren Zeit vorzubehalten. So gelang es denn Ende April, die gefährliche Goldküste von Veragua mit drei Schiffen zu verlassen. Das Geschwader ging nach Osten an der Küste entlang, mußte bei Puerto bello noch ein Schiff zurücklassen, welches zu einer Fahrt über das Meer völlig untauglich geworden war, und drang bis an den Golf von Darien vor. Von hier steuerten die beiden letzten Schiffe grade nach Norden, um womöglich Jamaica zu erreichen; aber Wind und Strömung trieben sie von ihrem Cours ab und zu weit nach Westen, so daß sie statt nach Jamaica an die kleine Cayman-Insel und von da nordwärts zu der Inselwolke kamen, welche Columbus bei seiner Erforschung der Südküste Cubas bereits besucht und mit dem Namen „Gärten der Königin“ belegt hatte. „Die See war sehr stürmisch und ich wurde rückwärts getrieben vor Top und Takel (volver atras sin velas). Das eine Schiff verlor drei Anker. Um Mitternacht brach ein Wetter los, als sollte die Welt untergehen, so daß auch die Kabel des andern Schiffes rissen und dasselbe mit solcher Gewalt auf uns zutrieb, daß alles in Stücke zu gehen drohte. NureinAnker hielt noch, und war nächst Gott unsere einzige Rettung.“[282]Erst nach sechs Tagen, als das Wetter ruhiger geworden war, konnte man weiter segeln. Es war eine verzweifelte Fahrt. Die Schiffe waren von den Würmern wie Honigwaben durchlöchert. Die Mannschaft war völlig verzagt und muthlos. Als Columbus die Südwestspitze Cubas, Cap de la Cruz erreicht hatte, hoffte er an der Küste entlang ostwärts nach Haiti zu kommen; aber Wind und Strömung waren ihm dermaßen entgegen, daß er mit seinen kaum noch haltbaren Schiffen nicht dagegen ankämpfen konnte und sich genöthigt sah, sich nach Jamaica zu wenden. Das Wasser drang unaufhaltsam in die Fahrzeuge ein und konnte, trotzdem man mit drei Pumpen, mit Töpfen und Kesseln am Ausschöpfen arbeitete, nicht bewältigt werden, sondern stieg im Schiffsraum immer höher. Man war froh, mit den sinkenden Schiffen bis nach Jamaica hinübergekommen und wenigstens das Leben gerettet zu haben. So ließ denn der Admiral beide Schiffe an einer günstigen Stelle an den Strand laufen. Es war am 25. Juni 1503, daß die Schiffe sich im Hafen Santa Gloria, jetzt Christovals-Bucht genannt, nahe am Lande auf seichtem Grunde mit Wasser füllten, so daß sie bis ans Verdeck sanken. Das Verdeck selbst blieb über Wasser, und hier wurde in gedeckten Cajüten die Mannschaft untergebracht. So konnten die Wracks noch als Holzfestungen gegenüber unerwarteten Angriffen von Seiten der Bewohner dienen, auch wurden die Mannschaften abgehalten, am Lande herumzuschweifen und den Indianern Anlaß zu Conflicten zu geben, welche bei der hilflosen Lage der Spanier allen den Untergang bereiten konnten, wenn ihnen vom Lande her die erforderlichen Lebensmittel versagt wurden, denn die Schiffsvorräthe waren natürlich sämmtlich verloren gegangen.
Glücklicherweise zeigten sich die Indianer, welche bald scharenweise am Strande erscheinen, geneigt, zum Tausch gegen europäische Artikel Lebensmittel herzuzuschaffen. Aber diese Art der Verproviantirung konnte bei ihrer Unregelmäßigkeit auf die Dauer die Spanier nicht vor Hungersnoth schützen. Es mußte das Gebiet der Bezugsquellen weiter ausgedehnt, es mußten mit den entfernteren Dörfern gewissermaßen Lieferungsverträge abgeschlossen werden.
Zu dem Ende erbot sich Diego Mendez, mit drei Leuten auf Kundschaft auszuziehen. Ueberall fand er freundliche Aufnahme; Cassavebrod und Fische wurden ihm in Fülle gereicht. So zog er von einem Dorf zum andern und gelangte endlich bis an den äußersten Osten der Insel, wo er sogar mit dem Caziken Blutsfreundschaft schloß und seinen Namen eintauschte. Hier kaufte Mendez ein Boot, belud es mit Nahrungsmitteln und brachte es nach der Hafenbucht von Santa Gloria.
War damit und mit dem in Folge des Uebereinkommens reichlich zugeführten Lebensbedarf die Noth der Schiffbrüchigen gehoben, so blieb doch ihre Lage eine absolut hoffnungslose, wenn es nicht gelang, nach Haiti zum Statthalter Ovando eine Mittheilung von ihrem Aufenthalte und ihrem Schicksal zu befördern. Auch zu diesem Wagniß erbot sich Mendez. Zwar schlug der erste Versuch fehl, da er mit seinen Genossen am östlichen Strande von Jamaica gefangen genommen wurde und nur mit Noth den Eingeborenen entrinnen konnte. Aber er war auch zum zweiten Male bereit, sein Leben für die Rettung des von ihm verehrten Admirals und seiner Begleiter zu wagen. Diese zweite Unternehmung wurde besser vorbereitet. Es gingen nämlich zwei Böte, indianische Canoes, welche für die Seefahrt besonders hergerichtet waren, unter Mendez und Bartolomeo Fiesco ab. In jedem Bote befanden sich sechs Spanier und zehn indianische Ruderer; es fand nämlich ein Verkehr über See zwischen den großen Inseln statt und die Indianer konnten dabei den Spaniern die Segelrichtung angeben. Damit aber die beiden Böte, welche erst vom Ostende Jamaicas sich nordwärts über das Meer wagen sollten, nicht wieder von Indianern überfallen werden könnten — denn es konnte der Fall eintreten, daß wegen widriger oder hochgehender See die Böte nicht sofort vom Strande ablaufen durften, sondern mehrere Tage auf günstiges Wetter zu warten hatten; — so begleitete sie der Adelantado mit50 Bewaffneten, die am Strande hinzogen und denselben so lange schützten, bis ihre Genossen sich mit den Canoes aufs Meer hinaus wagen durften. Diese kühne Bootfahrt fällt in den August 1503. Fünf Tage und vier Nächte wurde unablässig gerudert, Mendez saß ohne Unterbrechung am Steuer. So erreichten sie das Cap St. Miguel (jetzt Cap Tiburon), die Westspitze Haitis, wo sie, erschöpft von der großen Anstrengung, zwei Tage rasteten. Dann setzten sie ihre Fahrt längst der Südküste weiter fort. In der Landschaft Jaragua traf Mendez den Statthalter Ovando, welcher ihn zwar freundlich empfing, aber doch seinem Bericht über die trostlose Lage der Schiffbrüchigen auf Jamaica nicht trauete, vielmehr argwöhnte, Columbus wolle durch eine plumpe List ihn täuschen, um wieder den Boden seiner Colonie betreten zu dürfen.
Monate vergingen, ehe der Statthalter von Haiti dem Drängen des Mendez nachgab und ein Schiff unter Diego de Escobar auf Kundschaft nach Jamaica entsendete. Die Wahl dieses Sendboten war als eine für Columbus nicht günstige aufzufassen, denn Escobar hatte zu den Parteigängern Roldans gezählt, war aber später begnadigt worden. Er kürzte auch seinen Besuch in Jamaica möglichst ab, nahm Briefe des Columbus mit und ging bald wieder in See mit dem Versprechen, ein größeres Schiff zu senden, um den Admiral aus seiner gefährlichen Lage zu befreien; das Fahrzeug, auf welchem er gekommen, sei zu klein, um die Schiffbrüchigen alle aufzunehmen.
Mendez hatte sich indessen bemüht, mit dem Gelde des Columbus in Haiti ein Schiff zu miethen, konnte aber seine Absicht erst im Frühling 1504 erreichen, weil nicht eher Schiffe von Spanien angekommen waren. Er belud dann ein Fahrzeug mit Vorräthen aller Art und sandte es nach Jamaica, während er selbst nach Spanien ging, um dem Könige von dem Schicksal des Columbus Mittheilung zu machen. So kam es, daß der Admiral sich ein ganzes Jahr unter wachsender Gefahr und aufreibenden Sorgen auf Jamaica festgehalten sah.
Bald nach der Abfahrt des Mendez hatten die Indianer die weiteren Lieferungen von Lebensmitteln verweigert und konnten nur durch eine auf ihre Einfalt und ihren Aberglauben berechnete List bewogen werden, die weitere Verpflegung der fremden Gäste zu übernehmen. Columbus wußte, daß am 29. Februar 1504 eine Mondfinsterniß eintreten werde. Er drohte daher den Indianern mit dem Zorn der himmlischen Gottheit, welche ihr leuchtendes Angesicht von ihnen abwenden werde, wenn man den Spaniern den nöthigen Nahrungsbedarf entzöge. Die kindlichen Gemüther der Eingebornen wurden durch das rasche Eintreffen der drohenden Prophezeihung so erschreckt, daß sie, um den Zorn des Lichtgottes zu besänftigen, sich alsbald bereit erklärten, die Spanier mit Vorräthen zu versehen.
Weit gefährlicher und langwieriger gestaltete sich die Meuterei der beiden Brüder Francisco und Diego Porras, welche mit 48 Gesinnungsgenossen unter Drohungen, denen sich der muthige Adelantado vergebens zuwidersetzen suchte, die Schiffe verließen und auf demselben Wege wie Mendez und Fiesco ihr Heil versuchen und nach Haiti segeln wollten, weil sie meinten, Columbus habe gar nicht die Absicht, Jamaica wieder zu verlassen, sondern wolle sie zwingen, mit ihm dort eine dauernde Colonie zu gründen. Ihr Versuch, auf indianischen Böten ihre Flucht auszuführen, scheiterte an der Ungunst des Wetters, sie waren nach kurzem Kampf mit dem feindlichen Elemente genöthigt, nach Jamaica zurückzukehren. Columbus suchte vergebens eine Verständigung herbeizuführen, aber diese zerschlug sich an den unbilligen Forderungen der Meuterer. Und als diese vollends sich anschickten, einen geeigneten Hafenplatz, wo man die Landung der verheißenen rettenden Fahrzeuge erwartete, zu besetzen, und sich dadurch zu Herren der Rettungsschiffe zu machen, blieb der dem Columbus treu gebliebenen Mannschaft, an deren Spitze der Adelantado trat, nichts übrig, als die Entscheidung der Waffen anzurufen. So kam es am 19. Mai 1504 zu einem blutigen Zusammenstoß, in welchem mehrere Meuterer erschossen und Francisco Porras gefangen genommen wurde. Die Besiegten baten um Gnade und mußten unter feierlichem Eidschwur von neuem Treue geloben. Nur unter dieser Bedingung wurden sie in dem Schiffe mit aufgenommen, welches, von Diego Mendez gesendet, am 28. Juni vor der Bucht von Santa Gloria eintraf und alle Spanier nach Haiti hinüberbrachte, wo sie am 13. August den Hafen von San Domingo erreichten. Ovando nahm den Admiral mit seinen Leuten ehrerbietig auf, zeigte ihm aber auch seine höhere Amtsgewalt, indem er dem gefangenen Francisco Porras seine Fesseln abnehmen ließ. Am 12. September trat Columbus seine letzte Heimreise aus der neuen Welt an und erreichte im Anfang November nach einer stürmischen Ueberfahrt den spanischen Boden in Cadiz.
Gekränkt und in seiner Ehre verletzt, niedergedrückt durch den Verlust aller Schiffe, mit denen er von Spanien ausgezogen, siech an Körper und Geist kam er von dieser seiner letzten Fahrt zurück. Niemand kümmerte sich um die Heimkehr des armen Schiffbrüchigen. Der Jubel, der ihn sonst empfangen, war verstummt. Peter Martyr, welcher in seinen Briefen ehedem sich der intimen Freundschaft des Admirals gerühmt hatte, schweigt in seinen gleichzeitigen Briefen über die Resultate dieser Reise. Columbus ist ihm ein gefallener Mann, den man nicht mehr nennen darf, ohne sich zu compromittiren. Man darf wohl daran erinnern, daß Martyr auch in seinen Decaden (Dec.I.lib.10) am gehörigen Orte nur ganz kurz diese letzte Fahrt des Columbus erwähnt; und erst viel später, in den 1515 geschriebenen Abschnitten seines Werkes (Dec.III.lib.1–4) wo er die Ereignisse von 1513 auf dem mittelamerikanischen Isthmus erzählt, erinnert er sich seines an Columbus begangenen Unrechts und holt die Geschichte der letzten Fahrt nach.
Gewiß, Columbus hatte, als er wieder in Spanien eintraf, nur noch wenig Freunde und sollte bald nach seiner Ankunft auch noch die treueste Freundin, die Königin, verlieren. Isabella starb am 26. November 1504, also nur wenige Wochen, seitdem Columbus in Cadiz angekommen war. Daher fand dieser keine Gelegenheit, seine hohe Beschützerin noch einmal zu sehen.
Der Admiral brachte den folgenden Winter in Sevilla zu. Er erwartete, den schriftlichen Zusagen der Krone gemäß, baldigst in seine Rechte und Würden wieder eingesetzt zu werden, er rechnete darauf, daß ihm die versprochenen Einkünfte und der Antheil an den Erträgnissen der Colonie, welche er seit mehreren Jahren nicht erhalten, ausbezahlt würden. Wiederholt richtete er Briefe an seinen Sohn Diego, um seine Angelegenheiten bei Hofe nachdrücklicher zu betreiben. So schrieb er am 1. December 1504: „Mein Leiden gestattet mir nur des Nachts zu schreiben, denn bei Tage habe ich keine Kraft dazu in den Händen“. Er brannte vor Verlangen, von seinem Sohne zu hören, wie es bei Hofe zugehe und wie seine Sachen stünden. Er ermahnt ihn, so oft als irgend möglich zu schreiben.
Auch an den König Ferdinand richtete er einen langen Brief, in welchem er die Misstände der Colonialverwaltung ausführlich darlegte, und forderte, es solle ein Vertrauensmann zur Untersuchung hinübergesandt werden. Aber er erhielt keine Antwort darauf. Er beklagte sich bitter, daß ihm kein Mensch mehr schreibe.
Man liest diese Briefe des Verlassenen nicht ohne Mitleid; die steten Wiederholungen seiner Wünsche, die drängende Ungeduld, die wehmüthigen Klagen — alles zeigt uns den gebrochenen Mann.