Haus zu Valladolid, in dem Christoph Columbus gestorben.
Haus zu Valladolid, in dem Christoph Columbus gestorben.
Der König Ferdinand behandelte die ganze Angelegenheit ohne Wärme und persönliche Theilnahme und überließ die Ordnung derselben einem Tribunal, welches die testamentarischen Verfügungen der Königin ordnen sollte. Daher vermochte selbst Bartolomé Colon, der sich mit seinem Neffen Ferdinand ebenfalls an den Hof begab, nichts ausrichten. Endlich machte sich der Admiral im Mai 1505 selbst auf die beschwerliche Reise nach Segovia, wo sich damals der König aufhielt. Zwar erwies man ihm hier die seinem Range gebührende Achtung, aber eine von Herzen kommende Werthschätzung seiner Verdienste mußte er schmerzlich vermissen. Offenbar waren nach dem Tode der Königin die Stimmen der Gegner noch lauter aufgetreten und hatten den König Ferdinand gewonnen, so daß auch der edle Las Casas gestehen muß, er habe von manchen dem Monarchen nahe stehenden Personen zu seinem Bedauern Aeußerungen vernehmen müssen, welche diese Abneigung und den Mangel des königlichen Wohlwollens bestätigten.[283]Das einberufene Tribunal, die Junta de Descargos, hielt zwar mehrere Sitzungen, traf aber keine Entscheidung. Man behandelte die ganze Frage als eine rein castilische Angelegenheit. Als dann nach längerem Zögern dem Entdecker der neuen Weltder Vorschlag gemacht wurde, seine Rechte auf das Vicekönigthum gegen Besitzungen und Titel in Castilien zu vertauschen, wies Columbus diesen Antrag zurück, weil er darin einen Bruch des gegebenen königlichen Wortes erblickte und seine höchste Ehre darein setzte, den Ruhm seines mühevollen Lebens seiner Familie in vollem Maße zu erhalten. Auch als er sich bereit erklärte, zu Gunsten seines Sohnes Diego auf seine indischen Würden zu verzichten, ging man nicht darauf ein und zog es vor, die Entscheidung noch weiter hinauszuziehen. Man gewöhnte sich daran, die Verdienste eines Mannes zu unterschätzen, „welcher lästig zu werden anfing, als er zu nützen aufgehört hatte“.[284]Ein letzter Hoffnungsstrahl schien dem Verlassenen noch zu winken, als die neuen Monarchen Castiliens, Philipp und Johanna am 28. April 1506 von Flandern nach Spanien kamen. Selbst krank und leidend, sandte er seinen Bruder Bartolomé dem jungen Königspaar entgegen, um demselben in seinem Namen zu huldigen. Er erhoffte von der Tochter der Isabella dieselbe Güte und Gunst, welche ihm die Mutter stets bewiesen. Es war natürlich, daß die neuangekommenen Regenten nicht sofort eine Entscheidung treffen, sondern nur freundliche Zusagen machen konnten. Aber auch davon sollte Columbus nichts mehr vernehmen, er starb am Himmelfahrtstage, den 21. Mai 1506 zu Valladolid, nachdem er zwei Tage vorher, im Vorgefühl des Todes sein bereits 1505 verfaßtes Testament gerichtlich hatte bestätigen lassen. Er setzte seinen älteren Sohn Diego zum Haupterben ein, da dieser allein aus einer rechtmäßigen Ehe entsprossen war. Seine letzten Worte waren:In manus tuas, Domine, commendo spiritum meum. Er starb in den Armen der Franziskaner und wurde auch imFranciskanerkloster beigesetzt. Die Welt hatte ihn bereits vergessen; sein Tod machte keinen Eindruck mehr. DasCronicon de Valladolid, welches sonst die kleinsten Vorfälle in der Stadt bespricht, erwähnt des Todesfalls mit keiner Silbe. Selbst Peter Martyr, der sich 10 Jahre früher gerühmt hatte, mit dem Genuesen im Briefwechsel zu stehen, schweigt in seinen Briefen darüber, und erwähnt auch in den Decaden nur einmal ganz nebenbei, daß Columbus gestorben; und doch befand er sich vom 10. Februar bis zum 26. April 1506 zu Valladolid, also zu einer Zeit, wo Columbus schon den Keim des Todes in sich fühlte. Ruchhamer hatte bis zum 20. September 1508, wo er sein Werk (Unbekanthe landte) vollendete, noch nichts vom Tode des Columbus gehört, sondern schreibt vielmehr, daß er „noch auf den gegenwertigen Tage“ mit seinem Bruder Bartolomé am spanischen Hofe lebe.
Wahrscheinlich im Jahre 1513 wurde die Leiche nach Sevilla ins KlosterSanta Maria de las Cuevasübergeführt und vermuthlich erst hier erhielt der Sarg die Inschrift:A Castilla y à Leon Nuevo Mondo dió Colón, welche sich auch in dem Wappen des Vicekönigs befand. Der Admiral hatte den Wunsch ausgesprochen, in San Domingo auf Haiti beigesetzt zu werden. Dorthin wurden die sterblichen Ueberreste in der Zeit zwischen 1540 und 1559 gebracht und in dem Dome bestattet, in welchem später auch sein Sohn Diego und wahrscheinlich auch sein Bruder der Adelantado Bartolomé und seine Enkel Don Luis und Christoval ihre Ruhestätte fanden.
Als 1795 Domingo an Frankreich abgetreten wurde, ließ der Admiral Don Gabriel d’Artizabel die Gewölbe der Kathedrale in der Hauptstadt öffnen, die wenigen Reste des Entdeckers der neuen Welt auf dem Schiffe San Lorenzo nach Habana hinüberführen und dort im Dome am 19. Januar 1796 feierlich wieder beisetzen; denn es vertrug sich nicht mit der spanischen Ehre, die Asche des Mannes, welcher für Spanien so große Verdienste hatte, den Fremden zu überlassen. Wie Columbus in seinem Leben ruhelos umhergetrieben war, so sollten auch seine Gebeine erst nach Jahrhunderten Ruhe finden.[285]
Vor der welthistorischen Größe des Columbus stehen wir mit getheilten Gefühlen. Wir bewundern die Kühnheit, die aus der felsenfesten Ueberzeugung von der Richtigkeit seiner Theorien und Combinationen entsprang, wir fühlen uns vielseitig angeregt durch seine treffenden Naturbeobachtungen, in denen wir die ersten Keime einer physischen Erdkunde erblicken dürfen;[286]aber auf der andern Seite fühlen wir uns abgestoßen durch seinen blinden Autoritätsglauben, durch die Zuversichtlichkeit, mit der er seine aus falsch oder ungenügend angestellten Beobachtungen in seinem eignen Fache, der Nautik, abgeleiteten abenteuerlichen Lehrsätze verkündet, durch die schwärmerische Anmaßung, mit der er sich so oft als Abgesandten Gottes einführt, durch die kleinliche Habsucht, mit welcher er die einem armen Matrosen gebührende Belohnung sich selbst aneignet, durch die in der Verschwörung Roldan zu Tage tretende Charakterschwäche. Wenn Humboldt gemeint hat (a. a. O. II, 5), die großartige Gestalt des Columbus beherrsche das Jahrhundert, so muß dagegen daran erinnert werden, daß man den Entdecker der neuen Welt schon bei seinen Lebzeiten fast vergessen hatte, und daß das Gesammtgebiet seiner Entdeckung kurz nach seinem Tode nach einem seiner Nachfolger, nach Amerigo Vespucci benannt wurde, und daß erst im 7. Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts mit dem Erscheinen dervida del Almirantedie Aufmerksamkeit der Welt wieder in erhöhtem Maße auf Columbus gelenkt wurde. Die weiteren Folgen seiner Entdeckungszüge, die Eroberung der neuen Welt, die Erdumsegelungen, die Enthüllung der allgemeinen Züge des ganzen Erdballs beherrschten allerdings das Interesse aller seefahrenden Nationen des Abendlandes, aber die Person des Entdeckers trat dabei ganz zurück. Seine Stärke lag in dem scharfen Blick, mit dem er die Erscheinungen in der Natur auffaßte, nicht blos in den Schilderungen, welche er mit poetischer Begeisterung von den entdeckten Tropenländern gab, sondern in der Aufstellung allgemeiner Gesetze, zu denen er, ohne wissenschaftliche Bildung, in einzelnen Fällen das Richtige treffend, die wahrgenommenen Erscheinungen combinirte. „Dieses Bestreben, die Resultate der Beobachtung zu verallgemeinern, verdient um so größere Aufmerksamkeit, als kein ähnlicher Versuch vor dem Schlusse des 15. Jahrhunderts, fast hätte ich gesagt, vor den Tagen des Pater Acosta hervorgetreten war. Bei den Urtheilen, welche Columbus über Gegenstände der physischen Geographie fällte, ließ er sich ganz gegen seine sonstige Gewohnheitnichtvon Erinnerungen aus der scholastischen Philosophie leiten.[287]Dahin gehören seine Beobachtungen über die Vertheilung der Wärme, die Variation des Erdmagnetismus, die äquatoriale Meeresströmung und die durch diese Strömung bedingte GestaltungTrinidadsund der übrigen kleinen Antillen. „Columbus hat Fragen angeregt aus dem Gebiete der physischen Geographie und Anthropologie, die damals die aufgeklärten Geister Spaniens und Italiens beschäftigt: die Frage nach der Vertheilung der Menschenrassen, die Configuration der Ländermassen. Colon hat dem menschlichen Geschlechte wesentliche Dienste geleistet, indem er so viel neue Gegenstände auf einmal dem Nachdenken darbot; er hat die Masse der Ideen vergrößert; durch ihn hat ein wahrhafter Fortschritt des menschlichen Denkens stattgefunden. Das Zeitalter des Columbus war auch die Zeit des Copernicus, Ariosto, Dürer und Rafael.“[288]
Aber neben diesen persönlichen und sachlichen Verdiensten, neben den richtigen Beobachtungen und daraus abgeleiteten Lehrsätzen erscheint eine so breite Phalanx von veralteten Theorien und unverzeihlichen Verirrungen, wie sie nur in einem aller objectiven Beurtheilung unfähigen Kopfe entstehen und von einem dem blindesten Autoritätsglauben unterworfenen Geiste verkündigt werden konnten.
Wir brauchen hier nur auf die Abhängigkeit hinzuweisen, in welcher Columbus bei den Fragen über die Größe oder Kleinheit der Erde, über die Schmalheit des Oceans und den geringen Antheil, welcher der Wasserdecke gegenüber der Landhülle des Erdballs zugewiesen wird, ferner über die Theorien von der Lage des irdischen Paradieses und den Weltuntergang sich von den Schriften des Cardinal d’Ailly befand, auf seine Abhängigkeit von Toscanelli in Bezug auf Richtung und Ziel seiner Fahrten, um dieses Verzichtleisten auf eigne Kritik zu erkennen. Und wenn er in den erforschten Regionen Ophir und Cipangu, Katai und den goldenen Chersones wiedergefunden zu haben glaubte, so liegt eine Hauptursache in der Unfähigkeit des Admirals, annähernd richtige astronomische Bestimmungen zu machen, in Folge dessen nicht einmal sein Landungspunkt in der neuen Welt mit Sicherheit nachzuweisen ist. Weil er den Karten Toscanelli’s u. a. bezüglich der Größe Cipangus mehr traute, als seinen eignen Erfahrungen, hielt er die Insel Haiti für eben so groß als ganz Spanien und verlegte die Nordküste der großen Antillen bis unter den 40. Breitengrad.
Aber nicht blos, daß ihm thatsächlich in dieser Beziehung die wissenschaftliche Kenntniß in seinem eigentlichsten Fache abging,[289]er verschmähte sogar die Wissenschaft selbst, wenn er in seinemLibro de la profecias[290]behauptet: „Zur Ausführung einer Fahrt nach Indien haben Vernunftschlüsse, Mathematik und Weltkarten mir zu nichts geholfen. Es ist einfach in Erfüllung gegangen, was der Prophet Jesaias vorhergesagt hat.“
Man erkennt darin den mächtigen Einfluß, den die Geistlichkeit auf das gläubige Gemüth des Genuesen ausübte. Wie er das Zustandekommen seiner Unternehmung nur der Unterstützung und Befürwortung durch die Geistlichkeit verdankte, und diese ihm auch behilflich war bei der Sammlung und Erklärung der Stellen der heiligen Schrift, welche er in zuversichtlichem Glauben auf sich bezog, wie er sich für den Abgesandten Gottes erklärte, um die heiligen Prophezeiungen zu erfüllen, so trug er auch äußerlich diese schwärmerisch-religiöse Richtung zur Schau. „Da der Admiral,“ erzählt Las Casas (lib.I.Cap.102), „den Lehren des heiligen Franziskus sehr ergeben war, so liebte er vorzugsweise die braungraue Farbe; wir haben ihn zu Sevilla in einer Kleidung gesehen, welche mit der der Franziskanermönche fast vollkommen übereinstimmte.“
Dahin rechnen wir auch die pedantische Gruppirung, in welcher Columbus bei dem mystischen Bau seiner Namensunterschrift die seinem Eigennamen vorangestellten sieben Buchstaben, unter denen wieder das A größer als die übrigen sein mußte, theilweise nur mit Punkten versah. Diese Unterschrift (d. h. die einzelnen Buchstaben)
S.S. A. S.Χ Μ ΥΧΡΟ FERENS.
malte er mit peinlicher Genauigkeit unter alle seine Briefe, selbst an seine Söhne, und verlangte die sorgfältige Nachahmung ausdrücklich auch von den Erben seines Majorats. Diese Unterschrift ist verschieden gedeutet. Margry[292]erklärt sie:Supplex Servus Altissimi Servatoris. Christus Maria Joseph Christoferens. Becher[293]liest:Servidor Sus Altezas Sacras Jesus Maria Ysabel Christoferens. W. Irving macht zwar dabei darauf aufmerksam, daßes früher in Spanien Sitte gewesen, seinem Namen irgend eine abgekürzte Sentenz beizusetzen, welche, gegenüber den Juden und Mauren, den Schreiber alsChristenauswies;[294]aber Columbus hatte bei dieser langen Unterschrift, welche auch Humboldts gerechten Widerwillen erregte,[295]die Absicht, seinen Eigennamen Christoph, Christoferens in nicht mißzuverstehender Weise mit der heiligen Familie in Verbindung zu bringen und sich als den Christbringer zu erklären, welcher, dem ihm gewordenen göttlichen Auftrage gemäß, das Christenthum über den Ocean tragen sollte.
Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Christoph Columbus, datirt Granada, 6. Februar 1502„à los Reyes Católicos exponiendo algunas observaciones sobre el arte de naveger“.[291]
Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Christoph Columbus, datirt Granada, 6. Februar 1502„à los Reyes Católicos exponiendo algunas observaciones sobre el arte de naveger“.[291]
Diesem Gedanken, den Admiral als den Christusträger zu verherrlichen, hat auch Juan de la Cosa auf seiner Karte von Amerika vom Jahre 1500 bildlichen Ausdruck gegeben, indem er auf dem damals noch nicht enthüllten mittelamerikanischen Isthmus, wo Columbus 1503 eine Meerenge suchte, den heiligen Christopherus darstellt, welcher das Christkind durch den Ocean trägt. Einen erhöhten Reiz gewönne dies Bild, wenn die oben bereits (S. 233) mitgetheilte Vermuthung das Richtige träfe, daß der Kopf des Christopherus das Porträt des Entdeckers sei.
Die Insel Guanahani nach der Karte Diego Ribero’s von 1529.
Die Insel Guanahani nach der Karte Diego Ribero’s von 1529.
Dieselbe Karte enthält noch ein zweites bedeutsames Bild in der künstlerisch ausgeführten Strichrose, unter welcher der Wendekreis des Krebses hinläuft. Inmitten der nautischen Rose thront Maria mit dem Kinde, umgeben von anbetenden Engeln. Daß auch spätere Kartographen noch dem Glauben an die göttliche Sendung des Columbus huldigten, erkennt man aus der naiven Weise, in welcher Diego Ribero auf seiner 1529 entworfenen Weltkarte der zuerst von Columbus entdeckten InselSan Salvadoreine geradezu symbolische Gestalt gab. Er zeichnet sie nämlich in Gestalt eines Kreuzes und gruppirt die Korallenbänke ringsum als eilf rundliche Inseln. Wir sehen also den Erlöser (San Salvador) von seinen eilf Aposteln umgeben.
Endlich ist hieher noch das merkwürdige Titelbild zu rechnen, mit welchem die erste deutsche Ausgabe des Berichtes über die erste Entdeckungsfahrt des Columbus geziert ist, von welchem Anfang und Schluß bereits (S. 263) in Facsimiledruck mitgetheilt ist. Hier erscheint Christus vor dem Könige von Spanien und weist bedeutsam auf das Wundmal seiner Hand; ebendahin zeigte auch die rechte Hand des Königs. Ist es nicht eine deutliche Anspielung auf den Unglauben des Apostel Thomas, und ist der ungläubigespanische Monarch, welcher jahrelang der Versicherung des Columbus mistraute, nicht durch den Erfolg der ersten Reise bekehrt worden?
Den Glauben, daß der Genuese profane und heilige Prophezeihungen aus alter Zeit erfüllt habe, theilten die Zeitgenossen mehrfach. So schrieb der gelehrte Sohn des Columbus, Ferdinand in die Tragödien des Seneca zu der (S. 236) mitgetheilten Stelle aus der Medea:Venient etc.„Diese Prophezeihung hat mein Vater erfüllt.“ So machte Agostino Giustiniani (geb. 1470 in Genua, seit 1514 Bischof in Mebbio auf Corsica) in seinem polyglotten Psalter[296]zu der bekannten Stelle im 19. Psalm: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes“ die Bemerkung, Columbus habe oft gesagt, daß er von Gott berufen sei, den Gedanken des fünften Verses: „Durch alle Lande gehet ihr Klang, bis ans Ende der Welt ihr Ruf“ zu verwirklichen. Und dabei benutzt der Verfasser die Gelegenheit, an dieser Stelle seinem Commentare eine längere Lebensbeschreibung des Columbus einzuverleiben.[297]
Alle diese verschiedenen Aeußerungen des Glaubens und Vertrauens auf die Berufung des Columbus hatten ihren Ursprung in der felsenfesten Zuversicht des Genuesen zu seiner von Gott bestimmten Lebensaufgabe, welche von ihm selbst auf seine Umgebung überging. Im allgemeinen repräsentirt sich in ihm der unverwüstliche Drang der Zeit zu großen Entdeckungen, aber seine unerschütterliche Ausdauer entsprang nur seinem schwärmerischen Glauben. Dieser gab ihm den Muth, auf seinen ungemessenen Forderungen zu verharren, ehe noch die Unternehmung gesichert war, dieser verlieh ihm auch die unvergleichliche Energie, welche er sowohl auf der ersten, als auch auf der letzten Reise bewiesen. In dieser unerschütterlichen Ueberzeugung, in diesem Glauben an sich selbst lag eine Größe, welche seine Genossen zuweilen mit fortriß.
Den Eindruck, welchen die Kunde von den ersten Entdeckungen machte, fühlen wir am besten aus den Briefen Peter Martyrs.
Auf die erste Mittheilung vom 15. Mai 1493, worin er schreibt: „Von den westlichen Antipoden ist ein gewisser Christopherus Colon, ein Ligure, zurückgekehrt mit Proben von kostbaren Produkten, namentlich von Gold“[298]folgt im September desselben Jahres (13. Sept.) schon der Ausdruck wärmerer Theilnahme. „Merket auf und vernehmet die neue Entdeckung,“[299]worauf ein ausführlicher Bericht über die erste Fahrt des Columbus folgt. Ein anderer Brief[300]von demselben Tage bezeichnet die Entdeckung als ein wunderbares Ereigniß, als eine gesegnete That. Kurz darauf (1. Oct. 1493) spricht er seine Freude darüber aus, daß die bisher noch unbekannte Erdhälfte durch den Wetteifer der Spanier und Portugiesen, welche immer weiter südwärts vordringen, nun immer mehr enthüllt werde.[301]Er bezeichnet Columbus alsden Entdecker der „neuen Welt“ (novi orbis repertor) und jubelt, daß Tag für Tag neue Wunder aus jenen Regionen gemeldet werden, und daß der Admiral fast schon den goldenen Chersones erreicht habe.[302]Er nimmt sich vor, diese ewig denkwürdigen Ereignisse mit gespannter Aufmerksamkeit zu verfolgen, zu sammeln und den Gelehrten mitzutheilen. Sein Freund Pomponius Laetus, der ausgezeichnete Förderer der classischen römischen Literatur, war bei der Kunde von den wunderbaren Erfolgen der Westfahrten vor Entzücken aufgesprungen und hatte sich kaum der Freudenthränen erwehren können. „Ich ersehe,“ schreibt ihm Martyr, „aus deinem Briefe, was du empfunden hast und wie du die Bedeutung dieser Entdeckungen zu würdigen weißt. Welche Nahrung kann für erhabene Geister willkommener sein? Ich fühle es an mir selbst. Ich bin freudig erregt, wenn ich verständige Männer spreche, welche aus jenen Gegenden zurückkommen. Wer mag heute noch staunen über die Entdeckungen, welche Saturn, Ceres und Triptolemos gemacht haben sollen? Selbst die Phönizier müssen mit ihren Leistungen zurücktreten.“[303]Ganz ähnlich spricht er sich in den Decaden (I.lib. X. p.119) aus: „Weder dem Saturn, noch dem Herkules, noch irgend einem der Alten, welche neue Küsten aufgesucht haben, stehen die Spanier unserer Zeit nach. Wie weit wird die Nachwelt das Christenthum ausgebreitet sehen, ein wie weiter Raum ist der Ausbreitung der Menschen angewiesen? Was ich darüber empfinde, vermag ich weder mit Worten noch mit der Feder wiederzugeben.“
Aber diese hohe Begeisterung schien nur kurze Zeit zu dauern. Als das Ansehen des Columbus nach seiner dritten Reise sank, als er selbst in Ketten nach Europa geschafft wurde, wurde die Aufmerksamkeit der Handelsvölker vielmehr nach dem von den Portugiesenwirklich erreichten Indiengelenkt. Hier war das lang erstrebte Ziel thatsächlich gefunden, hier waren die Gewürzländer selbst erreicht, und gewinnbringende Frachten kehrten nach Lissabon zurück. An den Fahrten nach der neuen Welt betheiligten sich nur spanische Fahrzeuge, zum indischen Handel drängten sich deutsche und italienische Handelshäuser und unterstützten den wachsenden Verkehr mit Schiffen und Geld. Daher erklärt sich die merkwürdige Erscheinung, daß sich die Geschichtsschreiber in England, Frankreich und Portugal gar nicht um die Entdeckungen des Columbus bekümmerten, daß alle durch Flugblätter verbreiteten Berichte nur in lateinischen, deutschen oder italienischen Uebersetzungen vorhanden sind, und daß von den vier Reisen des Admirals nur eine einzige, und zwar die erste, in spanischer Sprache vorliegt. Daran ist aber der Entdecker selbst schuld, insofern er in ängstlicher Sorge um sein Monopol die große Angelegenheit als sorgfältig zu hütendes Geheimniß behandelte und von seinen Gefährten sogar die von ihnen entworfenen Karten abforderte, damit niemand ohne seine Erlaubniß sein privilegirtes Gebiete beträte. Selbst in seinen Mittheilungen an die Monarchen Spaniens war er in dieser Beziehung zurückhaltend.
Nur zwei Briefe des Columbus drangen in die Oeffentlichkeit — und zwar über die erste und vierte Reise. Der Inhalt des ersten an den Schatzmeister Raphael Sanchez gerichteten Briefes wurde in derersten Flugschrift über Amerika1493 in Rom veröffentlicht. Wir haben bereits oben (S. 262) das Facsimile des Anfangs dieses interessanten Blattes mitgetheilt. Von dieser lateinischen Ausgabe erschienen gleich im ersten Jahre sechs verschiedene Auflagen, dann folgten spanische und italienische Texte und endlich 1497 eine deutsche Bearbeitung unter dem Titel: Eyn schön hübsch lesen von etlichen inßlen u. s. w. Endlich folgte 1505 dielettera rarissima, ein Brief über die vierte Reise, welcher gleichfalls in Italien bekannt gemacht wurde.[304]Damit erlosch die speciell columbische Literatur; aber bereits seit 1503 beherrschten Amerigo Vespucci’s ausführliche Reiseberichte den buchhändlerischen Markt, und so erntete dieser den Ruhm, welcher dem Entdecker gebührte, so daß endlich sogar die ganze neue Welt seinen Namen erhielt. Columbus selbst hatte leider bis an seinen Tod nicht die Ueberzeugung gewinnen können, daß er einen neuen Erdtheil entdeckt habe.
Wir fügen diesem Abschnitt eine kurze Uebersicht über die Familie des Columbus an.
Bartolomeus Columbus, spanisch Don Bartolomé Colon, war der erste Vertraute und auf seinen späteren Reisen eine wesentliche Stütze seines Bruders. In dessen Auftrage war er schon 1488, ehe der Vertrag mit Spanien zum Abschluß gekommen, nach England gegangen, um dem Könige Heinrich VII. den Plan seines Bruders vorzulegen. Möglicher Weise entstanden aus den dabei gegebenen Anregungen die Pläne zu den Fahrten der Cabots. Bartolomé machte dann die zweite Entdeckungsreise mit, gründete als Adelantado die erste Stadt der neuen Welt, San Domingo, 1496 und machte sich namentlich auf der letzten Reise 1502 sehr verdient. Nach dem Tode des Admirals ging er mit seinem Neffen Diego wieder nach Westindien und war 1511 in Besitz der kleinen Insel Mona zwischen Haiti und Puertorico. Er starb am 12. August 1514 auf Haiti. Las Casas rühmt seine Tüchtigkeit als Kosmograph und Kartograph. Unzweifelhaft besaß er in der ganzen Familie am meisten Thatkraft und Charakterstärke.
Weniger bedeutend ist der zweite BruderDiego, der als Befehlshaber in Isabella und in der Stadt San Domingo auftritt, aber ohne diese schwierige Stelle befriedigend behaupten zu können. Auch er starb auf Haiti.
Der einzige rechtmäßige Sohn des Admirals und Vicekönigs war gleichfallsDiegobenannt. Er hatte von Kind auf den Vater während der langenpeinlichen Zeit des Hoffens und Harrens in Spanien auf seinen Wanderungen begleitet, war ihm zur Seite, als in dem Kloster la Rabida endlich die günstige Wendung des Geschickes eintrat, wurde später, als der Vater seine Fahrten begann, unter die Pagen der Königin aufgenommen und kam erst 1509 nach Haiti. Er hatte dann den langwierigen fiscalischen Proceß wegen der Würden und Privilegien, die dem Vater zugesichert waren, zu führen, und erbte endlich den Titel eines Admirals von Indien. Er starb am 23. Februar 1526.
FerdinandColumbus, der natürliche Sohn des Entdeckers, erhielt eine wissenschaftliche Bildung und wurde später Geistlicher. Nachdem er Amerika besucht hatte, ließ er sich in Sevilla nieder, wo er eine für jene Zeit bedeutende Bibliothek von 20,000 Bänden sammelte, welche noch unter dem NamenBiblioteca Colombinavorhanden ist. Es zeugt von seiner wissenschaftlichen Bedeutung, daß Cabot ihn einst als Schiedsrichter anrief. Er galt bisher als Verfasser der Lebensgeschichte seines Vaters, der s. g.vida del almirante (Historie et vera relatione della vita é de’ fatti dell Ammiraglio D. Christofero Colombo), welche 1571 erschien; allein dieses Werk enthält so viel gradezu legendenhaften Stoff und dazu anekdotenhafte Züge, welche nicht blos thatsächlich Unmögliches berichten, sondern auch aus der Feder des in der Nautik wohlerfahrenen Sohnes unmöglich stammen können,[305]so daß die Authenticität der„vida“mit vollem Rechte bestritten ist.[306]
Don Luis, der Sohn Diego’s, führte den fiscalischen Proceß zu Ende und gab seine Ansprüche auf das Vicekönigthum auf gegen den Titel Herzog von Veragua, Marquis von Jamaica, Admiral von Indien und für eine Pension von 1000 Dublonen Gold. Er starb 1572 und es folgte ihm der Sohn seines Bruders Christobal,Don DiegoII., als vierter Admiral von Indien. Mit ihm erlosch 1576 die directe männliche Linie des Columbus.
Es war eine natürliche Folge des Misgeschicks, welches den Entdecker Amerikas auf seiner dritten Reise während seines Aufenthalts auf Haiti traf, daß, da sein Ansehen in dem unerquicklichen Streite mit der Partei Roldans im Sinken begriffen war, eine Anzahl von kühnen Unternehmern von der bereits 1495 gegebenen Erlaubniß, auf Entdeckungsfahrten ausziehen zu dürfen,Gebrauch machte und die Untersuchung des Festlandes von Paria, welches Columbus auf seiner dritten Reise aufgefunden hatte, weiter fortsetzte. „Do aber Admirans (Admiral) jnn das vngluck kam, das man in acht als wer er jn vngnaden der könig, do vndernamen sich vil der seinen, die vast wol kundten auff dem Meer faren, und vnderstunden vestigklich sich jn das gluck zu begeben, und vnerfaren ort der welt zu ersuchen“.[307]
Der erste, welcher diese günstigen Zeitumstände benutzte, war der jugendliche RitterAlonso de Hojeda. Derselbe war ums Jahr 1470 in der Stadt Cuenca in Neu-Castilien aus einer angesehenen Familie geboren[308]und trat als Page in den Dienst eines der einflußreichsten, mächtigsten Granden Spaniens, des Don Luis de Cerda, Herzog von Medina Celi. Dieser ist uns bereits als einer der frühesten Gönner des Columbus bekannt, und in seinem Hause hatte Hojeda jedenfalls schon den Genuesen kennen gelernt und sich für dessen Pläne begeistert; denn wir haben schon oben (S. 280) mitgetheilt, daß Hojeda die zweite Reise des Columbus mitmachte und sich durch die Gefangennahme des Caziken Caonabo auszeichnete. Dann verweilte er einige Jahre in Spanien und wurde durch die Vermittlung seines Vetters, des Dominikanermönches Alonso de Hojeda, welcher als einer der ersten Inquisitoren Spaniens bei den Monarchen in Gunst stand, mit dem Bischof Fonseca, dem Leiter der indischen Angelegenheiten bekannt und erhielt durch diesen Einsicht in die Briefe und die Karte, welche Columbus über den Verlauf seiner dritten Reise und namentlich über die Entdeckung der Küsten von Südamerika eingesandt hatte. Diese Nachricht lief etwa um Weihnachten 1498 in Spanien ein. Wahrscheinlich ward bald nach dieser Zeit schon der Beschluß gefaßt, den Admiral von seiner Statthalterschaft in Haiti zu beseitigen; Fonseca förderte deshalb bereitwillig den Plan Hojeda’s, die perlenreiche Küste von Paria auszubeuten und stellte ihm einen Erlaubnißschein zur Ausrüstung von Schiffen aus; doch durfte Hojeda weder portugiesisches Gebiet berühren, noch jene Regionen besuchen, welche Columbus bis zum Jahre 1495 entdeckt hatte. Als Piloten für seine Expedition gewann der junge Ritter den BaskenJuan de la Cosa, welcher nach Abschluß dieser Fahrt seine Karte, die erste von der neuen Welt, entwarf. Außerdem nahm an dem abenteuerlichen Zuge der FlorentinerAmerigo Vespuccitheil, welcher es verstand, durch die lebendigen Schilderungen seiner Erlebnisse und Beobachtungen sich bald einen weltbekannten Namen zu machen.
In welcher Stellung Vespucci mitging, läßt sich nicht mehr ermitteln. Er war am 9. März 1451 in Florenz geboren, also nur wenige Jahre jünger als sein Landsmann Columbus. Er war der Sohn eines öffentlichen Notars und von seinem Oheim, einem gebildeten Geistlichen, unterrichtet worden und zwar in Gemeinschaft mit Pietro Soderini, dem späteren Gonfaloniere von Florenz. An diesen hat Vespucci im Jahre 1501 den Bericht seiner zweiten Reise gesandt. Seit dem Jahre 1493 finden wir Vespucci in Spanien, wohin sich damals viele unternehmende Italiener wandten. Dort trat er in den Dienst des seit 1486 in Spanien ansäßigen italienischen Handelshauses Berardi, welches für das indische Amt die Geschäfte besorgte und die Ausrüstung der nach Westindien gehenden Schiffe übernommen hatte. Hierbei war auch Vespucci thätig und wird 1495 und 1496 erwähnt.[309]
In der Zeit vom April 1497 bis zum Mai 1498 finden wir ihn fast immer unterwegs zwischen Sevilla, dem Sitze des indischen Amts, und dem Hafen von San Lucar, von wo Columbus aussegeln wollte.
Aelteste Karte vonAMERIKA.Westlichster Theil der im Jahre 1500 von Juan de la Cosa gezeichneten Erdkarte. Original (auf Pergament) im Marine-Museum zu Madrid. Facsimile-Reproduktion in ½ der Höhe des Originals.Die englischen Entdeckungen unter Cabot in Nordamerika und die spanischen Entdeckungen in Mittel- und Südamerika sind durch Wappenfähnlein kenntlich gemacht. — Die über das ganze Kartenblatt laufenden, von den Strichrosen ausgehenden Linien sind nur an ihren Durchschnittspunkten markiert. Die weissen Stellen im Festland von Amerika bezeichnen im Original befindliche Löcher.Alfr. Runge, Geogr.-artist. Inst. Leipzig-Reudnitz.G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin.❏GRÖSSERE BILDANSICHT
Aelteste Karte vonAMERIKA.
Westlichster Theil der im Jahre 1500 von Juan de la Cosa gezeichneten Erdkarte. Original (auf Pergament) im Marine-Museum zu Madrid. Facsimile-Reproduktion in ½ der Höhe des Originals.
Die englischen Entdeckungen unter Cabot in Nordamerika und die spanischen Entdeckungen in Mittel- und Südamerika sind durch Wappenfähnlein kenntlich gemacht. — Die über das ganze Kartenblatt laufenden, von den Strichrosen ausgehenden Linien sind nur an ihren Durchschnittspunkten markiert. Die weissen Stellen im Festland von Amerika bezeichnen im Original befindliche Löcher.
Alfr. Runge, Geogr.-artist. Inst. Leipzig-Reudnitz.
G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung in Berlin.
❏GRÖSSERE BILDANSICHT
Ausschnitte aus der obenstehenden Karte:
Ausschnitte aus der obenstehenden Karte:
Das kleine Geschwader Hojeda’s ging am 18. Mai 1499 von Cadix ab, steuerte zuerst nach den Canarischen Inseln hinüber und nahm von Gomera ab dieselbe Richtung, welche Columbus auf seiner dritten Reise eingeschlagen hatte. In 27 Tagen gelangten sie über den Ocean an die Gestade von Surinam etwa unter 6° n. Br. Sie folgten der flachen Küste nach Nordwesten, entdeckten die Mündung des Essequibo, den sie Rio dulce nannten, und das Delta des Orinoco und verfolgten von hier aus, nachdem sie 200 spanische Meilen Küstenlinien entdeckt hatten, den Spuren des Columbus. Auf Trinidad fanden sie Zeichen von der früheren Anwesenheit des Admirals und gingen durch den Golf von Paria und den Drachenschlund auf die Nordseite des Continents. Sie folgten der Küste, besuchten auch die Perleninsel (Margarita) und Curaçao, wo, wie aus dem Berichte Vespucci’s hervorgeht, die Seefahrer überrascht waren durch den großen indianischen Menschenschlag, den sie dort antrafen, infolge dessen man sie die Insel der Giganten nannte. Am 9. August erreichten sie das Cap S. Roman (nach dem Heiligen des Tages benannt) und entdeckten weiterhin den Golf von Venezuela, welcher seinen Namen daher erhält, weil man an der Ostküste des Golfes viel Volk antraf, welches an der Küste in auf Pfahlrosten errichteten Hütten über dem Wasser wohnte. Durch diese kunstreichen Pfahlbauten wurden die Entdecker an die Anlage Venedigs erinnert und nannten daher zunächst das Dorf, dessen einheimischer Name Coquibacoa war, Klein-Venedig, also Venezuela und demnachweiterhin auch den ganzen Golf. Bekanntlich hat späterhin die ganze Küste und neuerdings die spanisch-amerikanische Republik den Namen Venezuela erhalten.
Von dem Golf aus drangen die Schiffe am 24. August durch den engen Hals in die innere Bucht, in den See von Maracaibo ein, an dessen Eingange sie den Hafen San Bartolomé benannten. Langsam vorrückend, besuchten sie darauf die westlich vom Golf gelegene Halbinsel Guajira. Bis hieher ist auf der Karte Juans de la Cosa der Verlauf der Küste recht wohl zu erkennen; an dieser Halbinsel endete die Entdeckung am 16. September bei dem Cabo de la vela. In der Ferne sah man noch einen hohen Berg, welcher bei Cosa Monte de Santa Eufemia heißt, wahrscheinlich die Sierra nevada von Santa Marta. Dann brach man die Untersuchung des Continentes ab und steuerte in sieben Tagen nach Haiti hinüber und lief am 23. September in die Bucht von Yaquimo ein. Dem Vicekönig, welcher damals mitten in dem unerquicklichen Streit mit Roldan lag, war der Besuch Hojeda’s höchst unbequem, so daß er noch nach Jahren in dem Briefe an die Amme des Prinzen Juan darauf zurückkommt mit den Worten: „Dann kam Hojeda, in der Absicht, diese Unordnungen auf Haiti zu besiegeln.“
Nach dem Bericht Vespucci’s nahm das Geschwader von Haiti aus den Weg durch die Bahama-Inseln, wo man, um einen Theil der Ausrüstungskosten decken zu können, 232 Menschen raubte, um sie in Spanien als Sklaven zu verkaufen, und kehrte endlich, auf der Fahrt von den Açoren nach den Canarien verschlagen, in Mitte Juni 1500 nach Cadix zurück.
Wenn man auf Cosa’s Karte die Insel Cuba bereits als Insel dargestellt sieht, obwohl dieser Kartograph wenige Jahre früher eidlich seine Ueberzeugung hatte zu Protokoll geben müssen, daß er Cuba für das Festland von Asien halte (s.S. 278), so sollte man vermuthen, daß vielleicht auch auf dieser Expedition Hojeda’s schon das Westende Cubas aufgefunden sei. Darauf weist auch eine etwas unbestimmt gehaltene Bemerkung Peter Martyrs, daß von gewisser Seite behauptet sei, man habe Cuba umfahren.[310]
Der Gewinn der Unternehmung war gering. Nach Abzug der Kosten blieben nur 500 Ducaten, welche unter 55 Personen zu vertheilen waren.
Daher kam es auch, daß die geographischen Erfolge weniger Beachtung fanden, als sie verdienten, und daß die zwei Monate früher vollendete Expedition desPer Alonso Niñomehr Eindruck machte, weil der materielle Gewinn ein größerer war.
Palos und das benachbarte Moguer[311]waren durch die Unternehmung desColumbus mächtig angeregt. Wie die dortigen Seeleute sich der ersten Fahrt angeschlossen, so versuchten sie späterhin mehrfach in selbständigen Expeditionen nach der neuen Welt ihr Glück.
Der erste warPer(Pedro)Alonso Niñoaus Moguer, welcher unter Columbus die erste und dritte Reise mitgemacht hatte[312]und von dem Banquier Luis Guerra in Sevilla die Mittel zur Ausrüstung eines Schiffes unter der Bedingung erhielt, daß dessen Bruder Cristobal Guerra nominell die Leitung erhalte. Das kleine Fahrzeug von fünfzig Tons segelte mit 33 Mann im Juni 1499, einige Tage nach der Abfahrt Hojeda’s, von Palos ab. Fonseca hatte dazu die königliche Erlaubniß erwirkt, aber unter der Bedingung, daß sie sich wenigstens 50 Leguas von denjenigen Plätzen entfernt hielten, welche Columbus berührt hatte.[313]
Mit günstigem Fahrwinde erreichten Niño und Guerra die Küste von Paria etwas südlicher als Columbus und gingen, nachdem sie am Golfe Brasilholz geschlagen, durch den Drachenschlund nach der Perlenküste (Costa de perlasauf Cosa’s Karte) mit der Absicht, dort Perlen einzutauschen. An der Küste von Cumana und la Guaira machten sie den reichsten Eintausch, denn sie langten 14 Tage eher dahin als Hojeda. Westwärts gingen sie nur bis zu der Landschaft Cauchieto, wo nach Angabe der Indianer viel Gold zu finden war. Allein darin fanden sie sich getäuscht. In Folge dessen gingen sie im Anfang November noch einmal nach Cumana und der Insel Margarita zurück, welche Columbus nicht betreten hatte, und traten dann die Heimreise an, nachdem sie die feste Ueberzeugung gewonnen hatten, daß das entdeckte Land ein Continent und keine Insel sei, da sie Hirsche, Eber und anderes Wild angetroffen, wie man es auf Inseln nicht findet, und da sie eine bedeutende Strecke an der Küste hingefahren waren.[314]Im Februar (nach Andern im April) erreichten sie die Nordwestküste von Spanien wieder und liefen in den galicischen Hafen von Bagona ein. Die gesammte Ausbeute belief sich auf 96 Mark (libras octunciales) Perlen, von denen ein Fünftel an den königlichen Fiscus abgegeben wurde. Der glückliche Verlauf und der reiche Gewinn reizte zu neuen Fahrten.
Am Schlusse desselben Jahres 1499 brach von Palos ein zweites Geschwader auf. Die reiche Familie der Pinzone hatte es auf ihre Kosten ausgerüstet. An der Spitze standenVicente Yañez Pinzonund seine Neffen Diego Fernandez und Perez Arias. Am 18. November gingen 4 Caravelen unter Segel und steuerten von der capverdischen Insel St. Jago am 13. Januar 1500 gegen Südwesten trotz Stürme und großer Gefahr über denAequator. Jenseit des fünften Grades südl. Br. stießen sie am 26. Januar südlich von dem Cap S. Roque auf die brasilianische Küste und nannten den ersten Landvorsprung das schöne Vorgebirge, Rostro Hermoso. Die Portugiesen nannten dasselbe später Cap Sa. Cruz oder S. Agostinho. Juan de la Cosa bezeichnet diese Stelle mit der Inschrift: „Dieses Cap wurde im Jahre 1499 (irrthümlich statt 1500) für Castilien entdeckt, der Entdecker war Vicentians.“[315]Der Führer der Expedition stieg mit mehreren königlichen Notaren ans Land und nahm für den König von Spanien Besitz von demselben, indem er Zweige von den Bäumen abhieb, von dem Wasser des Landes trank und Kreuze errichtete. Ein Versuch, mit den Eingebornen in friedlichen Tauschverkehr zu treten, wurde durch das feindselige Benehmen derselben vereitelt. Man steuerte darauf an der Küste des Landes gegen WNW. So wurde also auch, wie Peter Martyr triumphirend schreibt, hier, jenseit des Oceans die alte Streitfrage, an welcher sich Philosophen, Dichter und Kosmographen lebhaft betheiligt hatten, ob nämlich der heiße Aequatorialgürtel für Menschen bewohnbar sei, endgiltig durch den Augenschein gelöst.[316]Auf der Weiterfahrt geriethen sie mit den Indianern in blutigen Streit, welcher mehreren Matrosen das Leben kostete. Sie hielten daher etwas von der Küste ab und gelangten vor die Mündung des mächtigen Amazonenstroms; sie waren nicht wenig erstaunt, als sie in einer Entfernung von 40 spanischen Meilen vom Lande trinkbares Wasser von der Meeresfläche schöpfen konnten. Daß solche gewaltige Massen von süßem Wasser, welche den Ocean bedeckten, nur von einem Riesenstrome herrühren konnten, wurde klar, jemehr sie sich nun dem Gestade näherten, an welchem sie mehrere Inseln entdeckten. Auf einer derselben nahmen sie 36 Eingeborene gefangen und führten sie als Sklaven mit sich fort. An der Mündung des Marañon, wo sie zuerst den Polarstern wieder zu Gesicht bekamen, beobachteten sie eine Springflut und glaubten aus den Angaben der Indianer zu verstehen, daß weiter aufwärts am Fluß viel Gold zu finden sei. Offenbar hatte man ein bedeutendes Festland vor sich, dem man unmöglich die kleine Bezeichnung „Insel“ ertheilen konnte, man müßte denn, wie Martyr bemerkt, die ganze bewohnte Erde (universum terrae orbem) als Insel ansehen. Wegen der ungeheuren Breite des Amazonenstroms, welche die Entdecker auf 30 spanische Meilen schätzten, hielt Martyr die Erzählung anfangs für eine Fabel. Als er sie dann aber weiter fragte, ob sie nicht etwa eine Meerenge für einen Fluß angesehen hätten, bemerkten ihm jene, daß, je weiter man in den Strom hinauf fahre, das Wasser um so süßer werde. Durch diese Erklärung beruhigt, ruft derVerfasser der Decaden aus: „Wer will es der Natur nehmen, daß sie nicht noch größeres selbst als diesen Fluß schaffen könne!“ Die Entdeckung des gewaltigsten Stroms der Erde erregte mit Recht die staunende Bewunderung der Zeitgenossen. So verschwommen aber waren damals noch die Vorstellungen, welche man über diese Gebiete in Spanien hatte, daß Peter Martyr glaubte, der Marañon sei derselbe Fluß, den Columbus auf seiner dritten Reise gefunden; der Amazonenstrom und Orinoco schienen ihm also identisch. Daß beide neben einander existiren könnten, schien unglaublich.
Aus den prachtvollen Urwäldern nördlich vom Strome, wo sie Riesenstämme antrafen, welche 16 Männer kaum zu umspannen vermochten, nahmen sie eine Ladung von Brasilholz[317]mit und gingen dann am Orinocodelta vorüber durch den Drachenschlund, entdeckten jenseit Trinidad die Insel Tabago, berührten mehrere der kleinen Antillen und trafen am 23. Juni 1500 in Haiti ein. Von hier aus wandte sich das Geschwader, welches weder Gold noch Perlen gewonnen hatte, zur Menschenjagd nach den Bahama-Inseln, verlor aber in einem furchtbaren Sturm zwei Schiffe. Die beiden andern Fahrzeuge erreichten am 30. September 1500 den heimatlichen Hafen. Der geographische Erfolg dieser Reise war ein bedeutender, aber der materielle Gewinn fehlte vollständig. Die Droguen und Hölzer, welche man für Ingwer und Zimmet gehalten, waren werthlos. Es blieb nur die Sklavenfracht und das Brasilholz; dazu stürzte der Verlust zweier Schiffe die Familie der Unternehmer in Schulden und ließ den Gedanken an eine Fortführung der Pläne nicht aufkommen, obwohl man dem Ziele weit näher gekommen zu sein meinte, als Columbus; denn man war überzeugt, über Catai hinaus das indische Gestade jenseit des Ganges erreicht zu haben.[318]
Kaum einen Monat später, als die Pinzone, brach ebenfalls von Palos, etwa in der Mitte des December 1499Diego de Lepemit zwei Schiffen auf und segelte von der capverdischen Insel Fuego 500 Leguas gegen Südwesten, bis er in der Nähe von Cap Agostinho auf die Küste des Festlandes stieß. Der Verlauf der Expedition am Marañon vorüber nach dem Parialande ist ziemlich derselbe wie bei der Fahrt der Pinzone; doch würde Lepe’s Reise noch ein besonderes Interesse gewinnen, wenn, wie vermuthet ist, Amerigo Vespucci daran theilgenommen hätte und der Bericht von der zweiten Schifffahrt des Florentiners sich auf Diego de Lepe’s Unternehmung bezöge.[319]Vespucci, welcher zweimal am Cap Agostinho war, bestimmte die südliche Breite desselben zu 8 Grad, nach den Aussagen Sebastian Cabots, Juan Vespucio’s u. a. (Navarrete III, 319. 320). Andreas Morales entwarf nach den Angaben der Entdecker und der nachfolgenden Expeditionen eine Karte für den Bischof Fonseca, auf welcher auch die Lage des Cap Agostinho nach Rücksprache mit Lepe angegeben war. Diego de Lepe’s Karte wurde später auch von Juan Diaz de Solis geprüft. Das Cap Agostinho gewann aber deshalb eine so große Wichtigkeit, weil man durch seine Fixirung den ersten festeren Anhalt für die Bestimmung der Demarcationslinie zu finden glaubte. Lepe’s Karte wurde dabei zu Rathe gezogen und Vespucci hat, nach der Aussage namhafter Zeugen, seine Lage bestimmt (Navarrete III, 319). Die Beziehungen zwischen Diego de Lepe und Amerigo Vespucci treten dadurch so deutlich hervor, daß die Vermuthung, Vespucci habe mit Lepe seine zweite Reise gemacht, dadurch an Wahrscheinlichkeit gewinnt. Ueber Haiti kehrten die Schiffe wieder heim und langten vor dem November 1500 in Spanien an, denn schon am 9. November desselben Jahres ist ein Erlaß der spanischen Majestäten, Diego Lepe betreffend, ergangen (Navarrete III, 80).
Um die Küsten des caribischen Meeres weiter zu erforschen, zogRodrigo de Bastidasim October 1500 mit zwei Schiffen von Cadiz aus, besuchte den Golf von Venezuela, sowie die Länder im Süden und Westen der Landschaft Coquibacoa. Von Cabo de la vela begann er seine Entdeckungen, berührte die Küste der Sierra nevada de Sa. Marta und drang über die Mündung des Magdalenenstroms in das Innere des Golfes von Darien (oder Urabá). Von hier wandte er sich nach Nordwesten und verfolgte den Saum der darischen Landenge bis zur Punta San Blas oder dem nahegelegenen Puerto de Escribanos.[320]Er erreichte also den Isthmus von Panama vor Columbus, welcher erst am 26. November 1502 hieher gelangte. Durch diese Reise des Bastidas wurde die Aufnahme der Nordküste Südamerikas vollendet.
Im Januar 1502 machte sichHojedazum zweitenmale auf, nachdem er zur Beschaffung der Mittel sich mit Juan de Vergara und Garcia de Ocampo oder del Campo verbunden und mit der Krone durch Vermittlung Fonseca’s einen Vertrag geschlossen hatte, wonach ihm die Umgebung des Golfes von Maracaibo unter dem Namen einer Statthalterschaft von Coquibacoa oder Cichibacoa überlassen wurde. Er ging mit vier Schiffen über die Capverden nach der Küste von Venezuela, entdeckte den Golf von Coro, den östlichen Theil des Golfs von Venezuela und beschloß dort eine Niederlassung zugründen; aber die Eingeborenen vertheidigten ihr Land mit den Waffen und tödteten in einem Gefechte zwanzig Spanier. Mangel an Lebensmitteln riefen unter der Mannschaft einen Aufruhr hervor, in welchem Hojeda gefangen genommen und in Ketten geworfen wurde. Dann gaben die Meuterer die Ansiedlung auf und gingen nach Haiti, wo Hojeda dem Gericht überliefert und nach Spanien gebracht, im Jahre 1503 aber völlig freigesprochen wurde.
Noch unglücklicher verliefen die beiden Expeditionen, welche 1504 nach jenen Gegenden auszogen. Das eine Geschwader unterCristobal GuerraundLuis Guerrabestand aus vier Schiffen, das andere unterJuan de la Cosaaus drei oder vier Schiffen. Nachdem sie die Gestade Venezuelas gebrandschatzt und Menschenraub getrieben hatten, scheiterten mehrere der Fahrzeuge am Golf von Darien. Man sah sich gezwungen, dreiviertel Jahr unter Hunger und Mühsal an der Küste auszuharren, wobei mehr als die Hälfte der Mannschaft dem Fieber erlag. Von den 200 Abenteurern beider Geschwader retteten sich schließlich nur etwa vierzig über Jamaica und Haiti nach Spanien. Trotz aller Mißerfolge fandAlonso de Hojedaim nächsten Jahre wieder Gelegenheit, mit drei Schiffen den Versuch, seine Statthalterschaft in Coquibacoa zu begründen, zu wiederholen. Nähere Umstände über diese 1505 ausgeführte Unternehmung sind aber nicht bekannt geworden.
Es ist bereits oben (S. 129) berichtet, unter welchen Umständen bei der zweiten portugiesischen Expedition nach Indien unter Pedralvarez Cabral im April 1500 die Küste Brasiliens zufällig berührt wurde. Da die Portugiesen von der fast gleichzeitig erfolgten Auffindung der nördlicheren Gestade des südamerikanischen Continents durch die Spanier noch keine Nachricht erhalten hatten, so hielt Cabral das entdeckte Land für eine große Insel, welcher er den Namen Santa Cruz beilegte, und schickte den Capitän Gaspar de Lemos mit der Kunde von dieser Entdeckung nach Portugal zurück, während er selbst seinen Weg nach Indien fortsetzte.
In Lissabon erkannte man sofort den Vortheil, welchen die neue Insel den Indienfahrern gewähren könne, da sie sehr günstig gelegen sei, um Schiffe auszubessern und Wasser einzunehmen.[321]Es wurde daher beschlossen, durch ein zu diesem Zweck entsendetes Geschwader den von Cabral gemachten Fund weiter untersuchen zu lassen. Um diese Zeit war Amerigo Vespucci von seiner zweiten Fahrt, auf welcher er bis zum 8. Grad s. Br. gekommen war, zurückgekehrt und weilte in Sevilla. Da nun Amerigo auch eine von Fachleuten anerkannte Geschicklichkeit besaß, mittelst Quadranten die geographische Breite zu bestimmen, so suchte König Manuel ihn zu gewinnen, die beabsichtigte Fahrt nach dem Sa. Cruzlande mitzumachen und sandte daher einen Florentiner,Giuliano di Bartolomeo del Giocondo von Lissabon nach Sevilla. Erst auf wiederholte Bitte erklärte Vespucci sich bereit und reiste nach Portugal. Im Mai 1501 liefen drei Schiffe von Lissabon aus, an Bord des einen befand sich Vespucci, wahrscheinlich als Astronom. Der Name des Capitäns ist unbekannt, da Vespucci, dessen Briefe die einzige Quelle über die Fahrt sind, uns denselben verschweigt. Das Geschwader ging an der afrikanischen Küste bis über das grüne Vorgebirge hinaus, nahm dort bei den Bissagos Lebensmittel, Holz und Wasser ein und steuerte dann mehr westlich haltend über den Ocean. In der Region der Calmen, in der Nähe des Aequators, brachen furchtbare Unwetter los, welche sie lange dort festbannten.[322]Erst am 16. August kam die Küste von Südamerika in Sicht in der Nähe von Cap S. Roque, unter 5° s. Br. Man nahm für den König von Portugal in üblicher Weise Besitz vom Lande und versuchte mit den Eingeborenen einen kleinen Tauschhandel zu eröffnen. Es entstand aber auch hier bald Mißhelligkeit und Streit und die Europäer mußten es erleben, daß einer ihrer jungen Matrosen am Strande erschlagen und verzehrt wurde. Man folgte nun der Küste weiter nach Südwesten und ertheilte, wie es scheint, einzelnen Punkten den Namen der Kalenderheiligen des Tages. Der Atlas des Vaz Dourado[323]läßt in solcher Weise den Fortschritt der Entdeckung klar erkennen. Demgemäß war man am 16. August, am Tage des heil. Rochus zuerst auf den Continent am Cap San Roque, gestoßen, hatte das Cap des heil. Augustin (8° südl. Br.) am 28. August erreicht, den Rio de San Miquel (10° südl. Br.) am Michaelistage berührt, den Rio de San Franciso am 4. October gefunden. Weiterhin streifte man die von Cabral entdeckte Küste und erkannte daraus, daß die von demselben als Ilha de Sa. Cruz bezeichneten Gestade einem gewaltigen Continente angehörten, und lief nun weiter über den Rio de Sa. Luzia, wahrscheinlich den heutigen Rio Doce, zu welchem man nach der Bestimmung des Tages am 13. December gelangte, zum Cabo de San Thomé (21. December). Das Sternbild des kleinen Bären war ihnen bereits entschwunden[324]und auch der große Bär stand nur noch sehr niedrig.[325]Vermuthlich entdeckte man den Eingang der prachtvollen Bucht am Rio de Janeiroam 1. Januar 1502 und westlich davon die Angra dos Reis am heiligen Dreikönigstage, also am 6. Januar, Porto de San Vicente am 22. Januar und gleich darauf Cananea (25° s. Br.), fälschlich auf den damaligen Karten als Cananor bezeichnet. Mit diesem Punkte hören auf den Karten, welche bis 1510 erschienen, die Küstenbenennungen auf, obwohl Vespucci berichtet, das Geschwader habe bis zum 32° südl. Br. das Land in Sicht behalten.
Bis hieher läßt sich der Verlauf der Entdeckungen also bestimmt verfolgen. Vespucci erzählt aber, man habe von da an ihm persönlich die weitere Leitung übertragen und er sei nun vom Lande ab gegen Süden bis zum 50° oder 52° s. Br. in das südliche Meer vorgedrungen, wo man am 2. April eine von Klippen umsäumte, unbewohnte, öde Küste entdeckt, an der man 20 Seemeilen entlang gesegelt; und weil man in den südlichen Winter hineingerieth, habe man nun die weitere Fahrt aufgegeben und sei über den Ocean nach der Serra Leona zugesteuert. Welche Küste er gesehen haben will, läßt sich nicht bestimmen.[326]Man hat an die Falkland-Inseln und die patagonische Küste gedacht.
An der Küste der Serra Leona wurde eins von den drei Schiffen, welches untauglich geworden war, verbrannt, die beiden andern langten über die Açoren am 7. September 1502 in Lissabon an, so daß also die ganze Reise 16 Monate gewährt hatte.
Der Erfolg dieser auf Staatskosten unternommenen Erforschungsreise war in geographischer Beziehung ein sehr bedeutender, und Vespucci verstand es, durch seine Briefe und Berichte sich dabei als den Hauptträger und wissenschaftlichen Leiter hinzustellen. Die ausführlichen Schilderungen der entzückend schönen, tropischen Küstenlandschaften des südamerikanischen Continents, dessen gewaltige Ausdehnung nach Süden durch diese Fahrt zuerst erkannt wurde, die Schönheit des südlichen Himmels, von dessen Sternbildern Vespucci einige unförmliche Zeichnungen entwarf, und endlich die sichere Behauptung, daß er mit seinen Schiffen wenigstens bis zum 50° s. Br. gekommen sei, alles dies trug ohne Zweifel dazu bei, gerade diese dritte Reise Vespucci’s berühmter als alle anderen zu machen; denn es war eine Seefahrt gewesen, welche sich von Lissabon, also etwa von 40° n. Br. an, in der Richtung der Meridiane über den vierten Theil des Erdumfanges ausdehnte. In der deutschen Uebersetzung eines Briefes des Florentiner Kosmographen an seinen Freund Lorenzo di Pierfrancesco de Medici wird dieses Resultat mit den Worten zusammengefaßt. „So ist küntlich vnnd offenbar das wir den vierdenteylder welt durchschyffet haben.“ In demselben Sinne gibt Ruchamer[327]diesem Abschnitt seines Werkes den Titel: „Wie Alberich den vierten Theil der Welt entdeckt hat.“ Der Brief Vespucci’s machte ungeheures Aufsehen, wurde 1503 zuerst durch Jean Lambert zu Paris in lateinischer Uebersetzung und weiter in Augsburg und Straßburg in deutscher Sprache gedruckt.