Titelblatt der deutschen Uebersetzung des Briefes, welchen Am. Vespucci über seine dritte Reise an Pierfrancesco de Medici schrieb.(Königl. Bibliothek zu Dresden.)
Titelblatt der deutschen Uebersetzung des Briefes, welchen Am. Vespucci über seine dritte Reise an Pierfrancesco de Medici schrieb.
(Königl. Bibliothek zu Dresden.)
Rückseite des Titelblattes und Anfang desselben Briefes.(Königliche Bibliothek zu Dresden.[328])
Rückseite des Titelblattes und Anfang desselben Briefes.
(Königliche Bibliothek zu Dresden.[328])
Und wenn schon auf dem Titel, auf dem der König von Portugal in herausfordernder Weise sich spreizt und mit den Errungenschaften zu brüsten scheint, die neu entdeckten Länder als eineWeltbezeichnet werden, so spricht Vespucci selbst es in der Einleitung seines Briefes noch deutlicher aus, daß man die großen Länderräume, welche er im Auftrage des Königs von Portugalaufgefunden, dieneue Weltnennen könne, zumal da man früher gar keine Kunde davon gehabt, vielmehr der Ansicht gewesen sei, daß südlich vom Aequator sich nur Wasser über die ganze Hemisphäre erstrecke. Nun seien aber zahlreiche Völker und eine eben so reiche Thierwelt aufgefunden, wie sie in der alten Welt bekannt sei.
Durch die Erzählungen von einer neuen Welt, welche Vespucci mit bewußtem Stolze Asien, Afrika und Europa gegenüberstellte, verdunkelte er das niedergehende Gestirn seines Landsmannes Columbus vollständig und gab wenige Jahre später die Veranlassung, daß der neu entdeckte Erdtheil seinen Namen erhielt. Der Florentiner war aber mit seinen Erfolgen noch nicht zufrieden, er wollte, wie er an Lorenzo de Pierfrancesco schreibt, noch einen ausführlicheren Bericht über seine Beobachtungen und Entdeckungen liefern, „damit mein gedechtnuß bei vnßern nachfaren, löblich beleib, Vnd des almechtigen gots so groß köstlich, künstliche werk bekant werde.“ Zugleich kündigte er auch seine Absicht an, noch eine vierte Reise zu unternehmen, zu welcher bereits zwei Schiffe ausgerüstet seien. Er plante dabei nicht geringeres, als durch den Süden nach dem Orient zu segeln,[329]oder wie der Text der Dresdner Flugschrift noch bestimmter sagt „durch den wyndt, genant Affricus“, also gegen Südwesten.
Es ist also zuerst von Vespucci der Vorsatz klar ausgesprochen, auf südwestlichem Wege Indien zu erreichen und dabei vor allem den Gewürzmarkt von Malakka aufzusuchen — ein Gedanke, welchen Magalhães 16 Jahre später verwirklichte. Die Expedition, an welcher Vespucci Theil nahm, stand unter dem Befehle des Gonzalo Coelho; sie zählte sechs Schiffe und ging am 10. Juni 1503 von Lissabon ab. Von der Serra Leona steuerte sie nach Südwesten, nach der Küste Brasiliens hinüber; unter 4° s. B. scheiterte das größte Schiff an einer Klippe vor der öden Felseninsel Fernando Noronha. Getrennt von einander gingen die Fahrzeuge weiter nach dem verabredeten Sammelplatze der Allerheiligenbai (Bahia). Als Vespucci mit seinem Begleitschiff hier über zwei Monate vergebens gewartet hatte, folgte er der schon bekannten Küste weiter nach Süden und legte unter 18° s. B. die erste Niederlassung in Brasilien an, in welcher 24 Mann von dem gestrandeten Schiffe als Colonisten blieben, nahm darauf eine Ladung Rothholz mit und kehrte am 2. April nach Europa zurück. Am 18. Juni 1504 erreichte er den Hafen von Lissabon. Nach und nach kamen auch die übrigen Schiffe zurück. Das Unternehmen war vollständig misglückt, die der Expedition vom König von Portugal gestellte Aufgabe, auf jeden Fall nach Indien zu segeln, blieb ungelöst. Vespucci gab der Unerfahrenheit und dem Hochmuth Coelho’s alle Schuld und meinte, da derselbe noch nicht zurückgekehrt war, als Vespucci seinen Bericht entwarf, Gott werde ihn wegen seines Stolzes auf dem Meerevernichtet haben.[330]Er schwebte in Ungewißheit, was der König weiter über ihn selbst beschließen werde. Er sehnte sich nach so vielen Anstrengungen nach Ruhe; aber auf Belohnung für seine Dienste konnte er nicht rechnen, da die letzte Unternehmung fehlgeschlagen war. Er nahm daher gern die Gelegenheit wahr, mit einem Schreiben des portugiesischen Königs sich nach Sevilla zu begeben. Hier traf er im Februar 1505 mit Columbus zusammen, der ihn wie einen Leidensgenossen behandelte, welcher gleichfalls von dem Undanke der Könige betroffen sei. „Vespucci,“ so schrieb der Admiral an seinen Sohn Diego, „hat sich mir gefälllg erwiesen. Dem ehrenwerthen Manne ist das Glück abhold gewesen, wie so vielen andern. Auch er hat den gebührenden Lohn für seine Leistungen nicht empfangen.“[331]Der König Ferdinand benutzte die dargebotene Gelegenheit, den tüchtigen und kenntnißreichen Florentiner wieder für sich zu gewinnen; am 11. April ehrte er ihn durch ein königliches Geschenk, und vierzehn Tage später verlieh ihm sein Schwiegersohn, König Philipp, das Bürgerrecht in Spanien.
Von da an blieb Vespucci in spanischen Diensten.
Neuerdings sind noch einige venetiansche Gesandtschaftsberichte bekannt geworden,[332]aus denen hervorgeht, daß Vespucci noch eine fünfte Reise unternommen und wiederum die Terra Firma berührt hat, aber ohne neue bedeutende Entdeckungen zu machen.
Amerigo hatte von 1505 sich wieder in den Dienst Spaniens begeben und blieb demselben bis zu seinem Tode treu. Im Jahre 1508 wurde er mit 200 Ducaten Gehalt als Reichspilot angestellt und hatte das Amt, die Befähigung der Piloten zu prüfen und als Kartograph thätig zu sein. Daß er Seekarten entworfen hat, finden wir mehrfach bestätigt; aber leider hat sich kein Originalblatt erhalten. Dagegen darf mit Sicherheit angenommen werden, daß die in der Straßburger Ausgabe des Ptolemäus von 1513 enthaltene Karte der neuen Welt (tabula terre nove) von Vespucci stammt. Er starb am 22. Februar 1512 zu Sevilla und erhielt den Juan Diaz de Solis zum Nachfolger.
Während Columbus schon bei Lebzeiten seinen Ruhm vollständig erbleichen sah, widerfuhr dem Vespucci die unverdiente Ehre, daß bereits im Jahre 1507 der Vorschlag gemacht wurde, die neuentdeckten großen Landmassen Amerika zu nennen.
DieEntstehung des Namens Amerikaist beachtenswerth genug, um hier ausführlicher dargelegt zu werden. Es ist bereits mehrfach darauf hingewiesen, daß Amerigo ein fleißiger Briefsteller war, und indem er mit einer frischen Beobachtung auch die Gabe verband, namentlich das Völkerleben der neuen Welt in pikanter Weise zu schildern, so wurden seine Berichte außerordentlichgern gelesen und waren in vielfachen Ausgaben und Uebersetzungen verbreitet. Außer den einzelnen Briefen erschien seit 1507 eine zusammenfassende Darstellung seiner vier ersten Reisen nach der Fassung, welche der Reisende selbst in den Berichten an seinen florentinischen Freund Soderini gegeben hatte. Diese„Quatuor navigationes“(Vier Schifffahrten) erlebten wiederum eine Reihe von lateinischen Auflagen, während weder von Magalhães’ noch von Vespucci’s Reisen gleichzeitige spanische oder portugiesische Ausgaben bekannt sind.
Lies:De vuestra reverendisima señoria hymylmente beso las manos.Amerrigo Vespucci,piloto mayor.Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Amerigo Vespucci an den Cardinal Arzobispo de Toledo (Ximénez de Cisneros); datirt Sevilla, 9. December 1508.
Lies:De vuestra reverendisima señoria hymylmente beso las manos.
Amerrigo Vespucci,piloto mayor.
Facsimile der Schlußzeilen eines Briefes von Amerigo Vespucci an den Cardinal Arzobispo de Toledo (Ximénez de Cisneros); datirt Sevilla, 9. December 1508.
Unverkennbar macht sich in ihnen ein eitles Haschen nach Gelehrsamkeit bemerklich, denn Amerigo citirt den Plinius, Virgil und Aristoteles, auch ist der Verfasser, wie die meisten Reisenden seines Zeitalters zu Uebertreibungen geneigt und weiß sich auch als praktischer Astronom einen gewissen Nimbus zu verschaffen. Alexander von Humboldt hat es ganz treffend als ein Uebermaß astronomischer Ruhmredigkeit bezeichnet,[333]wenn Vespucci in Bezug auf die Längenbestimmungen zur See sich folgendermaßen äußert: Längenbestimmungen zu machen ist eine sehr schwierige Sache, und nur diejenigen Personen verstehen es, welche sich den Schlaf versagen können. Ich habe die nächtliche Ruhe so oft gemieden, daß ich mein Leben dadurch um zehn Jahre verkürzt habe, ein Opfer, welches ich keineswegs bedaure, weil ich hoffe dadurch in späteren Jahrhunderten mir noch Nachruhm zu erwerben. Und da er selbst nun von seiner dritten Fahrt berichtete, er habe seine Reise über den vierten Theil des Erdumfanges ausgedehnt und die von ihm berührten Länder könne man wohl füglich eine Welt für sich nennen und den Erdtheilen der alten Welt gegenüber stellen, so verbreitete sich nun sehr rasch die Meinung,Amerigo sei der Entdecker, und um so mehr wurde diese Ansicht widerspruchslos weitergetragen, weil über die Reisen des Columbus nach dem Lande Paria und dem Goldlande Veragua kaum ein Laut indie Oeffentlichkeit drang und weil man den Genuesen nur für den Entdecker von „etlichen Inseln“ hielt. Man staunt über die lange Reihe von Schriften und Verfassern, welche sämmtlich dem Amerigo das Verdienst der Entdeckung des Festlands von Amerika zuschreiben.[334]Daher erklärt sich auch, daß als einmal der Vorschlag aufgetaucht war, das neue Land „Amerika“ zu nennen, man ohne Zögern den Gedanken als einen glücklichen, treffenden bezeichnete und auch für die weitere Verbreitung des Ausdrucks sorgte.
Anfänglich waren die Bezeichnungen für die neuen Entdeckungen noch ziemlich unsicher und schüchtern aufgetreten, so lange man noch keine klare Vorstellung von der großen Ausdehnung zusammenhängender Landmassen besaß. Columbus hatte von einem neuen Himmel und einer neuen Erde gesprochen, in lateinischer Form lautete danach die Bezeichnungmundus novusodernovus orbis, was dann wieder in „neue Welt“ verdeutscht wurde. Während man in den wenigen von Columbus bekannten Mittheilungen nur von Inseln erzählen hörte, erklärte Vespucci mit großer Sicherheit, er habe einen neuen Erdtheil entdeckt. Kein Wunder, daß dann die jungen Gelehrten, welche sich in der lothringischen Stadt St. Dié mit Geographie befaßten und die vier Schifffahrten des Vespucci in lateinischer Uebersetzung verbreiteten, auch die Ueberzeugung gewannen, man müsse dann auch dem Florentiner zu Ehren jene Länder nennen. Der Urheber des Namens Amerika istMartin Waltzemüller.[335]In seiner 1507 zuerst veröffentlichten Einleitung zur Kosmographie(Cosmographiae introductio) gibt er im 9. Capitel eine ganz kurze Charakteristik der Erdtheile Europa, Afrika und Asia und bemerkt dazu, daß in der neusten Zeit diese Erdtheile nicht nur genauer bekannt geworden, sondern daß durch Amerigo Vespucci auch noch ein vierter Erdtheil entdeckt worden sei, welchem man mit gutem Fug und Recht den Namen Amerige, gleichsam Amerigo’s Land oderAmerikageben könne, da sowohl Europa als auch Asia nach Frauen benannt worden seien. Ueber Land und Leute dieses neuen Erdtheils sollen dann die der Kosmographie angehängten vier Schifffahrten des Vespucci genaueres berichten. Da an dieser Stelle der Name „Amerika“ zuerst in der Literatur erscheint, so geben wir hier vorstehend eine getreue Copie dieser interessanten Stelle.
Facsimile der Stelle, in welcher zum erstenmale der Name „Amerika“ vorgeschlagen wird.AusCosmographiae IntroductiodesHylacomylusvon 1507.
Facsimile der Stelle, in welcher zum erstenmale der Name „Amerika“ vorgeschlagen wird.AusCosmographiae IntroductiodesHylacomylusvon 1507.
Der Vorschlag Waltzemüllers fand zunächst unter den deutschen Gelehrten Anklang. So erschien denn der Name Amerika zuerst in dem kleinen anonym veröffentlichten WerkeGlobus mundi(Straßburg 1509) und in demselben Jahre auf einer in Wien befindlichen Karte. Zwei Jahre später lesen wir die neue Benennung in einem englischen Schauspiel (A new interlude). Weiterhin begegnen wir derselben in einem 1512 von Joachim Vadianus an Rudolf Agricola gerichteten Briefe, welcher in der 1518 erschienenen Ausgabe des Pomponius Mela abgedruckt wurde. Im Jahre 1515 schrieb Johannes Schöner in Bamberg den Namen Amerika auf seinen Globus. Dann folgte die wahrscheinlich 1516 entworfene merkwürdige Weltkarte Leonardo da Vinci’s, 1520 Peter Apian, welcher für die von Camers (Giov. Rienzi Vellini aus Camerino in Umbrien) besorgte Ausgabe des Solinus eine Weltkarte zeichnete, und sodann das von dem französischen Kosmographen Oronce Fine (Orontius Finaeus) 1531 gefertigte Weltbild. Aber allgemein befestigt war die Benennung damit noch nicht, denn durch das ganze 16. Jahrhundert begegnen wir für Südamerika auch den Bezeichnungen Peruana (Peru) oder Brasilia. Erst im 17. Jahrhundert erlangte der Name allgemeine Gültigkeit.
Alonso Hojeda hatte bereits drei Fahrten nach der Nordküste Südamerikas gemacht (vgl. obenS. 325und329), aber seine Versuche, sich in der ihm zuertheilten Statthalterschaft von Coquibacoa am Maracaibosee mit Waffengewalt festzusetzen, waren an dem zähen Widerstande der kriegerischen Cariben gescheitert. Trotzdem gab der unbeugsame spanische Ritter seine Pläne nicht auf, er ließ sich 1508 mit der ganzen Küste, welche nun den Namen Nueva Andalusia erhielt, von neuem belehnen und verpflichtete sich, daselbst zwei feste Plätze anzulegen. Zu gleicher Zeit wurde einem anderen Bewerber,Diego de Nicuesa, der Küstenstrich des mittelamerikanischen Isthmus von Honduras bis Darien überwiesen; die Grenze sollte der Atrato bilden, welcher sich in den Golf von Darien ergießt. Gegen Osten, auf dem Gebiet Hojeda’s, trug die Landschaft den indianischen Namen Uraba, gegen Westen erstreckte sich weiterhin das goldreiche Veragua. Hojeda ging im Herbst 1509 mit vier Schiffen und 300 Mann nach seinem Gebiete unter Segel. In seiner Begleitung befanden sich der Pilot Juan de la Cosa, als sein Stellvertreter, und Francisco Pizarro. Kurz darauf folgte Nicuesa, welcher über bedeutendere Mittel verfügte, mit sieben Segeln und 700 Mann und steuerte nach Veragua.
Hojeda landete in der Gegend von Cartagena und beschloß die Dörfer der Cariben zu überfallen, um die Einwohner zu Sklaven zu machen. Mit dem Erlös der Beute hoffte er einen Theil der Ausrüstungskosten decken zukönnen. Vergebens warnte Juan de la Cosa vor den vergifteten Geschossen der kriegerischen Küstenstämme, deren Gefährlichkeit er auf früheren Fahrten hatte kennen lernen, und empfahl weiter westlich zu landen; allein Hojeda verschmähte den wohlgemeinten Rath. Mit einer Schar von 70 Mann rückte er in der Morgendämmerung aus, überwältigte das erste Dorf, machte alles nieder, was Widerstand leistete, und brachte die Ueberlebenden als Menschenbeute auf seine Schiffe. Nach diesem ersten Erfolge aber überließen sich die Spanier in der heißen Mittagszeit sorglos der Ruhe und wurden nun von den benachbarten Indianern, deren Ortschaft gleichfalls bedroht war, vollständig überrumpelt. Unter den Giftpfeilen der Cariben fielen alle Spanier, zuletzt auch Juan de la Cosa; nur Hojeda, der sich hinter seinem großen Schilde vollständig decken konnte, schlug sich durch und rannte der Küste zu, aber ohne die Schiffe erreichen zu können. Zum Glück kam zur selben Zeit Nicuesa mit seinem Geschwader in dieselbe Gegend, fand Hojeda’s Schiffe und beschloß, mit dem Reste der Mannschaft desselben die Gegend zu durchstreifen, um das Schicksal der Expedition gegen die Indianer aufzuklären. Zuerst fand man Hojeda, tief im Mangrovegebüsch versteckt, wohin er sich geflüchtet hatte, entkräftet durch Hunger, sprachlos vor Erschöpfung, aber den Degen in der Faust und am Arme den Schild, auf welchem gegen 300 Pfeilschüsse zu zählen waren. Dann kam man zur Stätte des unheilvollen Ueberfalls und stieß auf die Leiche Cosa’s; dieselbe war an einen Baum gebunden und von zahllosen Geschossen durchbohrt, „ein Igel von Pfeilen“. Von dem todbringenden Gift gräßlich aufgedunsen, bot die Leiche ein so grauenvolles Bild, daß keiner der Spanier, aus Furcht, von einem ähnlichen Schicksal betroffen zu werden, auch nur noch eine Nacht an dem Orte zu bleiben wagte. Alle kehrten zu den Schiffen zurück: Nicuesa steuerte nach Veragua, Hojeda lief an dem Gestade westwärts und gründete im Anfange des folgenden Jahres 1510 am Golf von Uraba, hart an der Grenze seines Gebiets eine Niederlassung, welche er San Sebastian nannte und durch ein festes Blockhaus sicherte. Aber da die Indianer der Nachbarschaft ebenso kriegerisch und feindselig waren als bei Cartagena, so sahen sich die Ansiedler fast ganz auf ihr Blockhaus beschränkt und durften es einzeln nicht verlassen, aus Furcht, von den lauernden Cariben aus dem Hinterhalte erlegt zu werden. So stellte sich bald Mangel an Lebensmitteln ein und in seinem Gefolge Unmuth und Mißstimmung, welche zu Meutereien ausartete; und wenn auch Hojeda strenge Mannszucht zu halten verstand, so war er doch nicht im Stande, der immer drohender nahenden Hungersnoth vorzubeugen. Um Verstärkungen an Abenteurern heran zu ziehen, sandte er ein Schiff mit Sklaven und Gold nach Haiti. Durch die vielverheißenden Berichte ließ sich ein spanischer Colonist von Haiti, namens Talavera, welcher, weil er in Schulden steckte, die Insel zu verlassen wünschte, mit einer Anzahl verwegner Leute gleicher Lage verleiten, ein mit Lebensmitteln beladenes Schiff, welches an der äußersten Südwestspitze von Haitivor Anker lag, zu überfallen und in Besitz zu nehmen, um mit diesem Raube dem Goldlande zuzusteuern. Die Ankunft der Räuberbande mußte der bedrängten Colonie Hojeda’s willkommen sein; sie brachte eine namhafte Verstärkung an Mannschaft und — Brot. Nach dem rechtlichen Erwerb des Schiffes und der Fracht durfte der Leiter der kleinen Ansiedlung nicht fragen. Mit neubelebtem Muthe trat man den Indianern entgegen; aber schon bei einem der nächsten Ausfälle aus dem Blockhause erhielt Hojeda einen vergifteten Pfeilschuß in den Schenkel. Um den bekannten, unausbleiblichen Wirkungen der gefährlichen Verletzung zuvorzukommen, ließ der kühne Hidalgo sich die Wunde mit einem glühenden Eisen ausbrennen und einen in Essig getauchten Verband darumlegen. Und nur durch solche unerhörte Energie rettete er sein Leben.
Kaum war er genesen, so ging er auf Talavera’s Schiffe selbst nach Haiti, um neue Zufuhr herbeizuschaffen, da sich ohne dieselbe seine Colonie nicht aufrecht erhalten ließ. Als seinen Stellvertreter ließ er den Francisco Pizarro[336]zurück und setzte fest, daß, wenn er binnen 50 Tagen nicht wieder erschienen sei, Pizarro die Niederlassung ausheben und mit dem Reste der Leute Veragua aufsuchen könne.
Hojeda landete mit dem Piratenschiff an der Südküste Cuba’s. Unter unsäglichen Beschwerden wanderte er dreißig Meilen weit durch die menschenleeren Strandsümpfe und Lagunen ostwärts. Tagtäglich betete er zu seiner Patronin, der Jungfrau Maria, deren Bildniß, in Flandern gemalt und ein Geschenk seines Gönners Fonseca, er am Halse trug. In dem ersten Indianerdorfe, welches er antreffen würde, gelobte er dem Madonnenbilde eine Capelle zu bauen. Und als er mit seinen Leidensgefährten, halb verhungert und verschmachtet, dasselbe erreichte, führte er sein Gelübde aus. Denn er fand freundliche Aufnahme und die Indianer gaben ihm sogar Führer und ein Boot, um ihn nach Haiti hinüberzubringen. Talavera mit seinen Raubgesellen fiel hier in den Arm der Gerechtigkeit und erlitt für seine Verbrechen den Tod am Galgen. Hojeda wurde freigesprochen; aber auch sein Muth war gebrochen, er starb, von allen Freunden verlassen, in tiefster Armuth, wahrscheinlich 1515. Ein tragisches Geschick hatte alle seine hochfliegenden Pläne vereitelt. Die anmuthige Rittergestalt war ein Schreckbildfür alle Glücksjäger geworden. Er selbst fühlte dies in tiefster Seele und verfügte in seinem letzten Willen, man solle ihn an der Schwelle der Klosterkirche des heiligen Franciscus in San Domingo begraben, damit jeder, welcher das Gotteshaus besuche, den Fuß auf seinen Grabstein setzen müsse. So wollte er selbst noch im Grabe für seinen Stolz büßen und sich demüthigen.
Nachdem die verabredeten fünfzig Tage verflossen waren, ohne daß von Hojeda irgend welche Kunde einlief, entschloß sich Pizarro im Sommer 1510 mit den letzten sechzig Mann, die ihm noch geblieben waren, die unglückliche Niederlassung von San Sebastian in Uraba aufzulösen und mit seinen zwei Schiffen den Weg nach San Domingo (Haiti) einzuschlagen. Aber das Misgeschick verfolgte sie auch aufs Wasser. Das eine Fahrzeug ging im Sturme unter, das andere stieß unerwartet auf ein Schiff des Rechtsgelehrten (Baccalaureus) Martin Fernandez de Enciso, welcher auch an der Küste der Tierra firme als Entdecker und Colonisator sein Glück versuchen wollte. Aber auch Enciso verlor an der Ostspitze des Golfs von Darien, an der Punta Caribana, sein Schiff, und die Mannschaft sah sich genöthigt, am Strande hin nach der nahe gelegenen Niederlassung von San Sebastian zu gehen. Da man aber die kaum verlassenen Hütten bereits durch die Indianer zerstört und verbrannt antraf, entschloß sich der ganze Haufe der unglücklichen Abenteurer, auf die andere Seite des Golfs hinüber zu ziehen und sich dort festzusetzen, ohne sich viel darum zu kümmern, daß dieser Theil der Küste bereits zu Veragua, also unter die Botmäßigkeit Nicuesa’s gehörte. Die Anregung zu diesem Schritte gab Vasco NuñezBalboa, ein armer Edelmann aus Jerez de los Caballeros in Estremadura, südlich von Badajoz. Derselbe zählte damals etwa 38 Jahre, war aber schon vor fast zehn Jahren mit Bastidas in dieser Gegend gewesen und hoffte dort einen günstigern Boden für eine Ansiedlung zu finden, als in Uraba. Jahre lang hatte er dann auf Domingo, wo er Ländereien erhalten, Feldbau getrieben. Aber des einförmigen Landlebens überdrüssig und von Schulden gedrückt, suchte er eine Gelegenheit, sich seinen Verpflichtungen zu entziehen. Als Enciso im Hafen von Domingo seine Ausrüstung betrieb, nahm Balboa diese Gelegenheit wahr, ließ sich, da nach dem Gesetz kein Schuldner ohne Wissen seiner Gläubiger die Insel verlassen durfte, von seinem Landgute aus in einer Proviantkiste an Bord schaffen und kam erst auf offner See, als er sich sicher glaubte, aus seinem Versteck hervor. Enciso hatte zwar anfangs die Absicht, um nicht selbst durch Balboa’s Erscheinen in Ungelegenheit zu kommen, den Eindringling an der ersten wüsten Insel auszusetzen, ließ sich dann aber bewegen, den Flüchtling als guten Kriegsmann zu behalten.
In der neuen Niederlassung am Flusse Darien, welche den Namen Santa Maria del Antigua erhielt, wollte Enciso, der sich für den einzigen rechtmäßigen Leiter ansah, alles nach seinen gelehrten Rechtsbegriffen ordnen und leiten, fand aber dabei in der Schar der zügellosen Abenteurer den heftigsten Widerstand. Militärischem Commando entzogen sie sich nicht, aberdie Fesseln einer papiernen Rechtspflege ertrugen sie nicht. Balboa trat an die Spitze der Widersacher und erklärte den Baccalaureus für abgesetzt und gefangen; doch ließ man ihn später wieder los. Enciso durfte nach Spanien zurückkehren. Die Erbitterung Balboa’s gegen diesen Rechtsgelehrten war so groß, daß er noch im Anfange des Jahres 1513 an den König von Spanien schrieb und bat, er möge allen Juristen und studirten Leuten, außer den Medicinern verbieten, die Tierra firme zu betreten, denn sie hätten alle den Teufel im Leibe und stifteten mit ihren tausenderlei Rechtshändeln und Niederträchtigkeiten nur Unheil an.[337]
Doch in Santa Maria del Antigua erschien bald wieder die Noth und der Mangel an Lebensmitteln, welcher namentlich in den ersten Stadien der Bildung einer neuen Colonie verhängnißvoll geworden ist. Glücklicherweise brachten im November 1510 zwei Schiffe unter Rodrigo Enriquez de Colmenares unerwartete Hilfe. Dieselben waren für Rechnung Nicuesa’s mit Lebensmitteln befrachtet und liefen an der Küste hin, um dessen Niederlassung aufzusuchen. Colmenares ließ sich bewegen, einen Theil seiner Vorräthe an Balboa und seine Leute abzugeben und setzte dann seine Reise fort, umNicuesaaufzufinden.
Dieser war im November 1509, also ein Jahr vorher, von Cartagena nach Darien gegangen und steuerte von da nach Veragua. Einer Karte des Bartolomé Colon folgend, war er irrthümlich über das Ziel hinausgerathen. Der Sturm trieb die Schiffe auseinander, einige gingen unter, mit dem letzten lief er nothgedrungen in die Mündung eines Flusses ein, wo dasselbe auf den Grund gerieth und durch den heftigen Wogenschwall zerschlagen wurde. Die Mannschaft rettete sich ans Land. In der Nähe des von Columbus entdeckten Vorrathshafens (puerto de bastimentos) legte er nothgedrungen seine Niederlassung an und gab ihr den Namen Nombre de Dios. Von Lebensmitteln entblößt, an einer fieberschwangern Küste zwischen Sümpfen und dichten Wäldern festgehalten erlag die Schar der Colonisten größtentheils den vereinten Angriffen von Krankheit und Hunger. Colmenares fand nur noch die bleichen Trümmer einer stattlichen Ausrüstung. Als Nicuesa durch ihn von der Unternehmung Balboa’s hörte, der sich auf seinem Gebiet an einem günstigen Platze festgesetzt hatte, beschloß er mit den Ueberlebenden, — er zählte nicht mehr als sechzig Mann — sich dorthin zu wenden und Nombre de Dios aufzugeben. Als einige Jahre später (1515) Gonzalo de Badajoz mit achtzig Mann hier ans Land ging, um in das Innere des Isthmus einzudringen, fand er in der Nähe von Nicuesa’s Blockhaus nur noch zahlreiche Steinhaufen, mit rohen Holzkreuzen versehen, unter denen die Leichen der Verhungerten bestattet waren.
Balboa’s Colonie hatte sich indessen, dank der ihr durch Colmenares gewordenen Unterstützung, fester organisirt und die erste schwerste Prüfungszeitglücklich überwunden; aber sie war nicht gewillt, sich unter die Botmäßigkeit Nicuesa’s zu begeben. Man war gefaßt darauf, daß der nominelle Herr von Veragua seine Ansprüche werde geltend machen und hatte darum auf den Höhen an der See Wachtposten ausgestellt, um nicht durch einen unerwarteten Besuch Nicuesa’s überrascht zu werden. Als dieser nun mit seiner sehr gelichteten Schar auf dem Schiffe des Colmenares erschien, rotteten sich die Ansiedler von Santa Maria zusammen und der„procurador de la ciudad“rief ihm vom Strande mit lauter Stimme entgegen, bei Todesstrafe keinen Fuß ans Land zu setzen. Zurück in seine unheilvolle Colonie konnte Nicuesa nicht; ließ man ihn nicht in Santa Maria ans Land, so war er unabwendbar dem Verhängniß verfallen. Trotz aller Verhandlungen und Vorstellungen beharrte das Volk auf seinem Willen, und drohte zu den Waffen zu greifen. Erst am nächsten Morgen ließ man den unglücklichen Mann ans Land kommen, aber nur, um ihm einen Theil seiner Gefährten zu entfremden und ihm selbst dann hinterlistiger Weise einen Eid abzunehmen, der ihn verpflichtete, unverzüglich wieder in See zu gehen und an keinem Punkte in der neuen Welt anzulaufen, sondern direct nach Spanien zu segeln. Vergebens wies Nicuesa auf die gefährlichen Folgen eines solchen verrätherischen Verfahrens hin (auf Balboa’s Haupt sollte das gleiche Geschick fallen), man ließ ihm nur die schlechteste und am wenigsten seetüchtige Brigantine und stieß ihn im März 1511 mit 17 Leidensgefährten aufs Meer hinaus. Es ist ungewiß, ob Balboa oder sein Genosse Zamudio der Hauptanstifter dieses Verraths gewesen. Nicuesa ist verschollen, nirgends ist eine Spur von ihm aufgefunden. Die Reste von drei verunglückten Colonisationsversuchen waren von da ab, in einer Stärke von 300 Mann, unter Balboa’s energischer Leitung in Santa Maria del Antigua vereinigt.
Aus der ganzen Reihe der Abenteurer traten nur zwei Männer von bekanntem Namen hervor, Balboa und Pizarro. Pizarro, damals noch in untergeordneter Stellung, wurde von Balboa herangezogen und erhielt zu kleinen Unternehmungen das Commando. So kam er empor und sollte später an Balboa die Hand legen, um dessen Laufbahn ein plötzliches Ende zu bereiten. Aehnlich war dieser mit Enciso und Nicuesa verfahren.
Balboadrang auf glücklichen Streif- und Beutezügen ins freiere Binnenland von Darien und bis ins Quellgebiet des Chucunaque vor, der sich in den großen Ocean, in den Golf von San Miguel ergießt. Als ein eingeborner Fürst, Panciaco, die Goldgier der Spanier sah, wies er sie nach dem südlichen Meere, welches man in sechs Tagereisen übers Waldgebirge erreichen, aber auf dem näheren Gebirgskamme bereits sehen könne. Schon Columbus hatte dunkle Kunde von jenem anderen Meere erhalten, jetzt trat die Nachricht bestimmter auf. Um aber in jene völlig unbekannten Räume vordringen zu können und das Gestade des gegenüberliegenden Meeres zu erreichen, bedurfte man bedeutenderer Kräfte, als sie augenblicklich der in Noth befindlichen Colonie zur Verfügung standen. Dem Admiral Don DiegoColon sollte ein Schiff die wichtige Entdeckung nach Haiti melden und die Bitte um Zusendung von Waffen und Lebensmitteln vortragen; aber das Fahrzeug, welches zugleich den königlichen Fünften an Gold überbringen sollte, scheiterte an der Küste von Yukatan. Die Mannschaft rettete sich zwar anfänglich ans Land, fiel dort aber dem Stamm der Maya in die Hände, welche die Gefangenen zum Theil in ihren Tempeln opferten, zum Theil als Sklaven behielten. Einer dieser letzteren, der Pater Jeronimo de Aguilar wurde 1519 durch Cortes befreit. Als der Erfolg dieser Schiffssendung ausblieb, schickte Balboa das letzte verfügbare Schiff 1512 direct nach Spanien, zufällig kamen vom Admiral im folgenden Jahre zwei Fahrzeuge mit Lebensmitteln nach Darien und befreiten die hungerleidenden Ansiedler aus äußerster Noth. Noch günstiger war, daß eine Schar von 150 Mann die bereits zusammengeschmolzene Zahl der Colonisten verstärkte und daß der Statthalter von Haiti dem Balboa die Oberleitung übertrug. Aber trotz dieser Anerkennung fürchtete Balboa mit Recht, daß man ihn in Spanien als Empörer gegen Enciso und Nicuesa nicht so glimpflich behandeln und ihm einen Nachfolger senden werde, denn Enciso war nach Spanien gegangen und hatte beim indischen Rathe Klage gegen ihn erhoben und seinen Verrath gegen Nicuesa gebrandmarkt. Balboa war daher entschlossen, durch eine große That den übeln Eindruck seines Verrathes abzuschwächen. Er faßte den Plan, das südliche Meer auszusuchen und die daran grenzenden reichen Gebiete der spanischen Krone zu unterwerfen. So brach er am 1. September 1513 mit 190 Spaniern, 600 einheimischen Lastträgern und einer Meute von Bluthunden von seiner Niederlassung auf und ging mit einer Brigantine und neun großen Canoes an der Küste entlang nordwestlich nach Careta’s Dorf. Der Häuptling gab ihm von hier Wegweiser mit ins Innere. Diese Richtung des Marsches zeigt, daß Balboa über die Lage der Südsee wohl unterrichtet war, denn von dem Punkte aus, wo er landete, beträgt die Luftlinie zu dem gegenüberliegenden Gestade nur neun Meilen, und die Waldgebirge auf dieser Landenge erheben sich nur 700 Meter hoch. Aber dicht verschlungener Urwald umhüllt den mittelamerikanischen Isthmus dergestalt, daß kaum ein Sonnenstrahl das Blätterdach durchdringt und den Boden erreicht. Selbst noch in unserem Jahrhundert ist ein Marsch über die Landenge mit den größten Schwierigkeiten verbunden. So hat im Jahre 1853 der bekannte Reisende Carl v. Scherzer sich vergebens bemüht, weiter im Westen, im Staate Costarica, unter dem 10° n. Br. von Angostura aus, den Hafen von Limon zu erreichen. In Begleitung von 30 Trägern, unterstützt von Ingenieuren mußte man nach vergeblicher Arbeit von 16 Tagen davon abstehen, die Küste des nur 10 Meilen entfernten caribischen Meeres zu erreichen. Der Wald war überall so dicht, daß nur ein fahler Schein, der durch die Blätternacht brach, die Tageszeit verkündete.[338]
Karte zu Balboa’s Entdeckung der Südsee.
Karte zu Balboa’s Entdeckung der Südsee.
Auf versteckten Waldwegen, auf denen die Indianerstämme sich zu nächtlichem Ueberfall und Raub beschleichen, drang Balboa’s Schar ins Gebirge hinein, welches hier, der Ostküste näher, sich am Golfe von Darien hinzieht. Dahinter erstreckt sich, von zahlreichen Bächen durchschnitten, das Waldland bis ans südliche Meer. Der Uebergang über die Cordillere, ohnehin durch die natürlichen Verhältnisse erschwert, wurde überdies den Spaniern durch die Häuptlinge, in deren Gebiet Balboa eindrang, streitig gemacht. Erst am 25. September konnten die eingebornen Wegweiser dem spanischen Anführer die langersehnte Meldung machen, daß er auf dem nächsten, vor ihnen liegenden Bergrücken das neue Meer sehen werde. Balboa ließ den ganzen Zug halten, er wolltezuerstsich an dem Anblick der Südsee erfreuen. Allein schritt er voran und erreichte den Gipfel. Er fällt auf die Kniee, hebt die Hände zum Himmel empor, grüßt den Süden und dankt Gott und allen Himmlischen auf das innigste, daß ihm als einem Manne von nicht hervorragenden Gaben, nicht vornehmer Geburt ein solcher Ruhm zu theil geworden. Dann winkt er den Gefährten mit der Hand und zeigt ihnen das ersehnte Meer. Alle sinken auf die Kniee, und Balboa fleht zum Himmel, namentlich zur Jungfrau Maria, daß das Unternehmen einen glücklichen Ausgang finden möge. Jubelnd stimmen alle den Lobgesang an und blicken auf das Land hinunter. Kühner als Hannibal, der seinen Soldaten von den Alpenhöhen herab das italische Land zeigte, verheißt er den Genossen unermeßliche Schätze. Zum Zeichen der Besitznahme wird von rohen Steinen ein Altar aufgethürmt. Dann werden beim Hinabsteigen rechts und links die Namen des Königs in die Bäume geschnitten, damit die Nachwelt die kühnen Entdecker nicht der Lüge zeihen könne, daß die große That nicht wirklich ausgeführt sei.[339]Der begleitende Notar Andres de Valderrabano nahmüber das wichtige Ereigniß der Entdeckung und Besitzergreifung ein Protokoll auf, in welchem alle 67 anwesenden Spanier aufgezählt wurden, an zweiter Stelle nennt er den Geistlichen Andres de Vera, als dritten Francisco Pizarro. Noch ein siegreicher Kampf mußte ausgefochten werden, um die Häuptlinge zum Frieden und zum Bündniß zu bewegen, dann erreichte Balboa am 29. September mit 26 Begleitern die Mündung des Sabanas, der sich in den innern Golf von San Miguel ergießt, welcher nach dem Tage der wichtigen Entdeckung seinen noch jetzt gültigen Namen erhielt. Bei eintretender Flut schritt Balboa mit Schwert und Fahne bis an die Kniee ins Wasser der See und nahm von allen Ländern, Gestaden und Inseln dieses Meeres „vom Nordpol bis zum Südpol“ im Namen seines königlichen Herrn feierlich Besitz. Wochenlang blieb er dann an der Küste des Golfes, befuhr auf den Böten der Eingeborenen die Südsee und machte die anwohnenden Häuptlinge tributpflichtig. Vor den Augen der Spanier wurden im Golf von S. Miguel Perlen gefischt, doch wurde der weiter draußen gelegene Archipel der Perleninseln, wegen der stürmischen Jahreszeit, noch nicht aufgesucht. Der Anführer selbst zog auch hier wieder möglichst genaue Erkundigungen über die näheren und ferneren Landschaften ein und ließ sich von dem Caziken Tumaco über eine mächtige Nation im Süden berichten, welche unermeßlich reich sein, Schiffe und Lastthiere besitzen sollte, wie sie in der Nähe von Darien nicht bekannt waren. Eine Figur aus Thon, welche Tumaco von diesem Hausthiere fertigte, sah fast wie ein Kamel aus. Die Spanier erhielten so die erste Kunde von dem Goldlande Peru und von dem dort in Herden gezüchteten Lama. Auf keinen der Zuhörer machten diese Erzählungen einen tieferen Eindruck als auf Pizarro, der den lockenden Berichten mit gespannter Aufmerksamkeit lauschte.
Am 3. November trat Balboa den Rückmarsch an, er schlug einen anderen Weg ein und zog das Thal des Chucunaque, welches damals noch gut bevölkert war, bis zu den Quellen des Flusses hinauf. Trotz der mühevollen Märsche fanden die Spanier Gelegenheit den einheimischen Fürsten ihre Schätze an Gold abzupressen und für jedes kleine Vergehen die grausamste Justiz an denselben auszuüben. So wurde der Cazike Poncoa, nachdem er sein Gold hingegeben, nebst drei anderen Häuptlingen, schmachvoll den Bluthunden geopfert und von diesen zerrissen. Unter der täglich schwerer werdenden Last von Gold sanken die erschöpften Träger nieder; aber erst als auch den Spaniern die Kräfte zum Weiterzuge versagten, machte Balboa eine längere Rast in dem Dorfe Pocorosa’s und kehrte von da nach Careta zurück. Am 19. Januar 1514 erreichte er endlich seine Niederlassung in Sa. Maria del Antigua wieder, ohne einen Spanier verloren zu haben. Im darauffolgenden März sandte der glückliche Entdecker ein Schiff nach Spanien mit dem Berichte über seinen kühnen Zug und wußte den Werth seiner Eroberung durch Beifügung eines ansehnlichen Schatzes von 20,000 Castellanos an Gold und 200 der besten Perlen als königlichen Antheil an der Beute in das besteLicht zu setzen. Die Kunde von der Entdeckung eines neuen Oceans machte natürlich das größte Aufsehen. Von nun an konnte erst mit Recht die Frage aufgeworfen werden, ob die neue Welt wirklich, wie man bisher angenommen, einen Theil von Ostasien bilde, oder ob, was immer wahrscheinlicher wurde, das von Columbus erreichte Indien, einen Welttheil für sich bilde. Die Folgen der Entdeckung waren unermeßlich, sie gaben den ersten Anstoß zu der Weltumsegelung Magalhães’ und zu der Eroberung Peru’s durch Pizarro.
Aber Balboa sollte die Früchte seiner glänzenden That nicht ernten. Sein Schicksal war bereits besiegelt, als seine Sendung in Spanien eintraf. Bereits am 11. April 1514 war sein Nachfolger, der 60jährigePedrarias de Avilamit einer ansehnlichen Flotte von ca. 20 Schiffen und 1500 Mann nach Darien unter Segel gegangen. Hätte Balboa sich mit der Absendung des Schiffes mehr beeilen können, und wäre seine Botschaft um vier Wochen früher nach Spanien gelangt, so hätte sein Geschick und das der ganzen Colonie von Darien gewiß eine andere Wendung genommen. Allein der Leiter der indischen Angelegenheiten, der Bischof Fonseca, war über den an seinem Günstlinge Nicuesa verübten Verrath empört und daher entschlossen, gegen Balboa auf das strengste zu verfahren. Die Nachricht von Balboa’s Entdeckung würde seine Maßnahmen unfehlbar gemildert oder ganz verändert haben, aber bis zur Absendung Pedrarias’ hatte Balboa keinen Fürsprecher in Spanien.
Der neue Statthalter des Landes Castilla aurifia, denn so hatte der König befohlen, solle das Gebiet der Eroberung Balboa’s in Zukunft heißen,[340]landete am 30. Juni 1514 in Sa. Maria del Antigua. Er brachte ein so glänzendes Gefolge von Rittern und gelehrten Männern mit, wie es die neue Welt noch nicht beisammen gesehen. Viele von ihnen haben sich in der Folgezeit hervorgethan und in der Geschichte der Eroberung einen dauernden Namen erworben. Vier unter diesen Männern haben uns werthvolle historische und geographische Arbeiten über die neue Welt hinterlassen:Bernal Diaz del Castillo, der Waffengefährte des Cortes, schrieb eine Geschichte der Eroberung Mexiko’s, Gonzalo Fernandez deOviedo, welcher als Inspector (veedor) eingesetzt wurde, schrieb diehistoria general de las Indias, der BaccalaureusEnciso, welcher das Amt eines Alguacil mayor (Gerichtsbeamter) bekleidete, verfaßte eineSumma de geografia, undPascual de Andagoyaaus Cuartango in der Provinz Alava, der Mitentdecker von Nicaragua, entwarf eine Schilderung der Thaten der Spanier unter der Herrschaft des Pedrarias de Avila.[341]Außerdem betraten den Boden Amerika’s DiegoAlmagro, der Eroberer von Chile,Benalcazar, der Eroberer von Quito und Bogota, Fernando deSoto, der Waffengefährte Pizarro’s und Entdecker des mittleren Mississippithals, und Francisco VasquezCoronado, der Eroberer von Cibola und Quivira. Als erster Pilot der Flotte wird JuanSerranogenannt, welcher mit Magalhães die erste Reise um die Erde unternahm und zugleich mit diesem auf den Philippinen getödtet wurde.
Die große Schar der neuen Ankömmlinge sah sich bei der Landung sehr enttäuscht, da für die Urbarmachung des Landes und für Gewinnung von Feldfrüchten fast noch nichts geschehen war. Die Umgebung von Sa. Maria war mit Wald und Sümpfen bedeckt, der Landbau war völlig vernachlässigt und wurde erst nach Balboa’s Rückkehr von der Südsee in Angriff genommen. Auch Pedrarias de Avila war nicht der Mann, um hier energisch einzugreifen und Hilfe zu schaffen. In kurzer Zeit erlagen gegen 500 der Neuangekommenen dem Fieber und Hungertode, andere wurden von Indianern getödtet. Der neue Statthalter war zu alt für einen solchen gefährlichen und verantwortlichen Posten; mißtrauisch und eifersüchtig auf Balboa’s Ruhm, überwachte er seinen Nebenbuhler mit argwöhnischem Auge. Hart gegen die Indianer und auf gewaltsame Eroberungen bedacht, ward er mehr zum Verwüster als zum Begründer eines Colonialgebiets. Las Casas verurtheilt ihn, ohne seinen Namen zu nennen, aufs schärfste, wenn er schreibt: „Im Jahre 1514 kam ein unseliger Statthalter nach der Terra firme, der grausamste Tyrann, ohne Erbarmen und ohne Klugheit, ein Werkzeug des göttlichen Zorns.“[342]
Zunächst wurdeAyoramit 400 Mann ausgesandt, um eine Reihe von Stationen von einem Meere zum andern anzulegen. Es war ein Vernichtungszug gegen die eingeborenen Häuptlinge, die der grausame Spanier verbrennen, hängen oder von Hunden zerreißen ließ. Aber seine Gründungen wurden von den erbitterten Indianern wieder zerstört. Im November 1515 sollte Antonio Tello deGuzmandie Pläne Ayora’s wieder aufnehmen. Ebenso grausam wie dieser drang er gegen Westen über die Landenge und erreichte zuerstPanama. Von hier aus plünderte er die Landschaft Chagre, wurde auf dem Rückwege von Indianern angegriffen, kam indeß glücklich nach Maria del Antigua zurück.
Im Juni 1515 machten Balboa und der von Pedrarias ernannte Befehlshaber LuisCavilloeinen Zug nachDabaibaam Atrato gegen Süden, um die dortigen, angeblich von Gold strotzenden Tempel aufzusuchen. Aber die Indianer griffen die spanischen Böte auf dem Flusse an und stürzten dieselben um, wobei Cavillo das Leben einbüßte. Der Rest kehrte unverrichteter Sache nach der Colonie zurück. Als in der Folgezeit noch drei andere Expeditionen nach dem goldenen Tempel fehl schlugen, gab man die Eroberung nach dieser Richtung auf.
Inzwischen kam im Juli 1515 aus Spanien eine Anerkennung fürBalboa’s Leistungen; er wurde, allerdings unter dem Oberbefehl des Pedrarias, zum Adelantado der Südsee ernannt und bekam dadurch einen eignen Verwaltungs- oder Vergewaltigungsbezirk. Aber diese Gestade an der Südsee waren das einzige kostbare Land in der Terra firme, ohne welches die Ostseite, wo Pedrarias hauste, völlig werthlos war. Dazu war es gesünder und für Europäer zuträglicher. Sollte Pedrarias es seinem Rivalen überlassen? Er schickte seinen Neffen Gaspar de Morales und Pizarro mit 60 Mann an den Michaelsgolf, um die Perleninseln zu erobern. Mit 30 Mann gingen sie auf Böten nach der Isla rica, wie Balboa die größte Insel im Perlenarchipel genannt hatte, hinüber, vor dessen Häuptling selbst die Fürsten des Festlandes zu zittern schienen. Nach einem erbitterten Kampfe unterwarf sich der Inselfürst und bot den Fremden einen Korb voll kostbarer Perlen an. Dann führte er seine Gäste auf den Thurm seines Hauses, zeigte ihnen alle Inseln, die unter seiner Botmäßigkeit standen und sämmtlich ergiebige Perlenfischerei besaßen, und berichtete von der mächtigen Nation im fernen Süden, deren Schiffe er oft gesehen habe. Während Pizarro’s Phantasie aufs neue lebhaft dadurch angeregt wurde und mit kühnen Plänen ins Weite schweifte, hielt sich Morales an das vor Augen Liegende und dachte nur an die Ausbeutung der besetzten Inselgruppe. Zu dem Zweck legte er dem unterworfenen Fürsten einen jährlichen Tribut von 100 Mark Perlen auf. Dann kehrten die Spanier nach dem festen Lande und nach der Ostseite des Continents zurück, wobei wiederum unerhörte Schandthaten gegen die Eingebornen verübt wurden. Bei einer zu freundschaftlichem Gespräch berufenen Versammlung hetzte man die Bluthunde unter die Häuptlinge und ließ achtzehn Caziken zerreißen; zu Hunderten wurden die Indianer hingemordet und als die gefühllosen Räuber dann von dem ergrimmten Volke verfolgt wurden, schlugen sie hundert gefesselten Eingebornen, Weibern und Kindern, welche sie als Sklaven vor sich her getrieben hatten, die Köpfe ab oder skalpirten sie, nur um die Verfolger von weiterem Nachdringen abzuschrecken. Selbst Balboa berichtete mit höchstem Unwillen über solche Greuel; aber der Neffe des Gouverneurs ging ohne Strafe aus.
Um eine Versöhnung zwischen den beiden Rivalen Pedrarias und Balboa herbeizuführen, regte Quevedo, Bischof von Darien, eine Heirath zwischen der ältesten Tochter des Statthalters und dem Entdecker der Südsee an; beide Parteien schienen dazu geneigt, aber Pedrarias lauerte nur auf eine Gelegenheit, den ihm lästigen Eidam unschädlich zu machen. Diese Gelegenheit bot sich, sobald Balboa seine Machtstellung am großen Ocean erweitern wollte. Um den Befehl des Königs, eine sichere Verbindungslinie zwischen beiden Meeren herzustellen, in Ausführung zu bringen, wurde jenseit Careta der Hafenplatz Acla angelegt und auf trocknem Grund ein festes Blockhaus errichtet. Von diesem Punkte aus sollte dann Balboa das Material zum Bau mehrerer Schiffe über den Isthmus schaffen und am Strande der Südsee zu seetüchtigen Fahrzeugen zusammenzimmern lassen. Als Balboa aber nachAcla kam, fand er den Platz bereits durch die Indianer wieder zerstört, die spanische Besatzung todt. Es war also seine Aufgabe, zunächst das Blockhaus wieder herzustellen und die Indianer zu unterwerfen. Geraume Zeit verstrich, ehe das Baumaterial für die kleine Flotille mühsam auf dem Rücken indianischer Lastträger über die Landenge geschafft werden konnte, wo es am Rio Balsa, dem untern Laufe des Chucunaque, zusammengesetzt werden sollte. Aber hier zeigte sich, daß es zu lange am Strande von Acla der Witterung und zerstörendem Insektenfraß ausgesetzt gewesen war, so daß man aus den durchbohrten und morschen Planken kein seetüchtiges Fahrzeug bauen konnte. Und doch hatte der nutzlose Transport von Holz und Eisen über den Isthmus an 500 Indianern das Leben gekostet. Las Casas gibt den Verlust an Menschenleben sogar auf 2000 an. Man mußte also von neuem an die Arbeit gehen, um das Baumaterial herbeizuschaffen.
Inzwischen war König Ferdinand, 1516, gestorben und es hieß, Pedrarias werde in der Person des bisherigen Gouverneurs auf den Canarien, Lope de Sosa, einen Nachfolger erhalten. Um durch diesen nicht in seinen Unternehmungen an der Südsee gehemmt zu werden, beeilte sich Balboa, seine Schiffsausrüstung zu vollenden. Aber dieser Eifer wurde ihm falsch ausgelegt. Die Freunde des Pedrarias behaupteten, er wolle sich vom Statthalter von Darien unabhängig machen und direct mit der spanischen Krone in Verbindung treten. Das sah Pedrarias als Verrath an, denn Balboa hatte seinen Auftrag binnen 18 Monaten ausführen sollen und diese Zeit war unter den mühsamen Vorbereitungen verstrichen, ehe er hatte in See gehen können. Als nun Balboa zum letztenmal auf Einladung des Pedrarias nach Acla zurückkehrte, um durch persönliches Eingreifen die Ausrüstung zu beschleunigen, und mit dem Statthalter die Ziele seines Unternehmens zu besprechen, ließ dieser ihn durch Pizarro gefangen nehmen und nach kurzem Proceß, den Espinosa als Alcalde mayor zu führen hatte, nebst vier Anhängern enthaupten; wahrscheinlich im Jahre 1517. Balboa war etwa 42 Jahre alt geworden. Sein Tod war ein Unglück für die Entwicklung der spanischen Herrschaft. Rohe Abenteurer zertraten in kurzer Zeit Land und Volk und machten das Gebiet fast menschenleer. Sicher hatte Balboa sich gegen den unglücklichen Nicuesa schwer vergangen, aber das Urtheil des Pedrarias war ein ungerechtes. Nachdem die Krone seine Verdienste durch Ernennung zum Adelantado anerkannt hatte, war damit zugleich Verzeihung für sein früheres Benehmen ausgesprochen. Leider ist die ganze Geschichte der spanischen Eroberungen in der neuen Welt eine unausgesetzte Reihe von Treubruch und Verrath, und diesem Verhängniß erlag auch Balboa. Aber kühn in seinen Unternehmungen, fest im Entschluß, als Staatsmann und Krieger zum Befehlen geboren, gebildet und von reifem Urtheil, hätte unter seiner Leitung die Colonie einen ungeahnten Aufschwung nehmen können. Zwar hatte auch unter Balboa das Land gelitten, aber weit schlimmer wurden die Verhältnisse unter Pedrarias und die Verödung der einst volkreichenLandstriche nahm dermaßen zu, daß es im Anfange des 17. Jahrhunderts in der Provinz Panama mehr Neger als Indianer gab.
An der Südsee wurde Espinosa Balboa’s Nachfolger. Mit Hilfe der von Balboa erbauten Flotte von vier Brigantinen und der verfügbaren Mannschaft gründete er 1519 die Colonie von Panama, welcher Karl V. im Jahre 1521 Stadtrecht verlieh. Aber in dem ungesunden Klima gingen in den ersten 28 Jahren 40,000 Menschen dort zu Grunde. Daher befahl Philipp II. später den Ort zwei Meilen weiter westwärts an einer gesünderen Stelle anzulegen und bestimmte als Ausgangspunkt für die IsthmusstraßePuerto Bello, nordöstlich von Aspinwall oder Colon, von wo jetzt die Eisenbahn nach Panama hinüberführt.
Espinosa unterwarf die Stämme und Landschaften auf dem Isthmus und Bartolomé Hurtado befuhr die Küste der Südsee bis zum Golfe von Nicoya (unter 10° n. Br.), und in den folgenden Jahren gingen alle von Pedrarias angeordneten Entdeckungsfahrten nach Nordwesten, im ausgesprochenen Gegensatz zu den Plänen Balboa’s, der sein Augenmerk stets nach dem Süden gerichtet hatte. Möglicherweise ließ auch schon Pedrarias nach einer mittelamerikanischen Meerenge forschen, wie sie später so eifrig von Cortes gesucht wurde.
Noch weiter als Espinosa gelangteGil Gonzalez de Avila. Derselbe hatte zwar im Jahre 1519 durch königlichen Befehl das Commando über die Flotte Balboa’s erhalten, mußte aber, da Pedrarias über dieselbe bereits verfügt hatte, auf den Perleninseln 4 andere kleine Fahrzeuge bauen und segelte damit im Jahre 1521 zunächst nach dem Dorfe Nicoya’s, wo der Häuptling sich willig mit sammt seinem Volke taufen ließ, und entdeckte dann weiter das fruchtbare, offene, volkreiche Land, das nach seinem damaligen Fürsten noch den NamenNicaraguaträgt. Die Kultur zeigte sich bei den Indianern, je weiter man nach Norden kam, immer mehr entwickelt, denn die Landschaften von Nicaragua und Honduras standen bereits unter dem Einfluß der von Mexiko und Yukatan her verbreiteten höheren materiellen und geistigen Bildung. Gonzalez verließ seine Schiffe und zog friedlich zu dem Fürsten Nicaragua, der an dem See gleichen Namens hauste und von dessen Macht ihm bereits Nicoya erzählt hatte. Auch Nicaragua ließ sich mit 9000 Mann auf einmal taufen und ließ es ruhig geschehen, daß der Spanier mit seinem Pferde in den See hineinritt, von dem Wasser trank und durch diese Ceremonie von dem umgebenden Lande Besitz ergriff. Auch bei diesem Zuge sollen 100,000 Pesos in Gold erbeutet sein.[343]
Auf dem Rückwege an die Küste wurde Gonzalez zwar von den Eingebornen angegriffen, aber seine Schar behauptete den Sieg und erreichte glücklich den Strand der Südsee. Inzwischen hatte der Steuermann AndresNiñodie Entdeckungsfahrt weiter bis zur Fonsecabai und darüber hinaus bis auf „die Rückseite von Yukatan“ fortgesetzt.[344]
Am 25. Juni 1523 kam die ganze Expedition nach Panama zurück. Die alte Niederlassung Santa Maria del Darien (Antigua) begann schon 1521 zu veröden und wurde 1524 ganz aufgegeben. An ihre Stelle trat Panama.
Zur weiteren Ausbeutung seiner Entdeckungen, die ihm Pedrarias nur unterseinemNamen gestatten wollte, begab sich Gil Gonzalez nach S. Domingo, warb Schiffe und Mannschaften und segelte damit im Frühling 1524 nach der Ostküste von Nicaragua und Honduras und wollte an der Mündung des Rio Ulea landen. Er benannte den Hafen Puerto de Caballos, weil er gezwungen wurde, im Sturme mehrere Pferde über Bord zu werfen, um das Schiff zu retten. Dann ging er weiter nach Osten zum Cap Honduras und drang von hier aus gegen Süden in der Richtung zum Nicaraguasee vor. Dort stieß er auf eine Abtheilung der spanischen Schar, welche um dieselbe Zeit von Süden her unter dem Commando des Hernandez de Cordova dasselbe Gebiet zu erobern suchte. Gewissenlos fiel er über seine Landsleute her und nahm ihnen ihre Beute an Gold und ihre Waffen ab. Als er aber nach Puerto Caballos zurückkam, wurde ihm wiederum von Cristoval d’Olid, welchen Cortes entsendet, das Land streitig gemacht. Ueber den Ausgang dieser Unternehmungen werden wir im Verlauf der Eroberung Mexiko’s (Cap. 2. 24) weiter zu berichten haben.
Auch Francisco Hernandez de Cordova war von Pedrarias zur Eroberung Nicaragua’s ausgesendet. Er legte den Grund zu den Städten Granada, am nordwestlichen Ende des Sees und Leon, in der Nähe des Golfes von Fonseca. Eine Brigantine, am Gestade der Südsee auseinander genommen und im Nicaraguasee wieder zusammengesetzt, diente zur Befahrung des Binnensees und entdeckte den Abfluß desselben, den Rio S. Juan, den man aber wegen der Klippen und Stromschnellen nicht bis zum caribischen Meere verfolgen konnte. Wie fast alle Conquistadoren, wenn sie einigen Erfolg gehabt, strebte auch Cordova nach Unabhängigkeit von dem Statthalter Pedrarias. Seine Hauptleute Hernando de Soto und Compañon, welche den Verrath misbilligten, sagten sich von ihm los und kehrten nach Panama zurück. Da raffte sich Pedrarias zum letztenmal auf, erschien mit seinen Truppen unerwartet in Nicaragua, nahm den rebellischen Hauptmann gefangen und ließ ihn in Leon 1526 enthaupten. Als er im Februar 1527 nach Panama zurückkam, war sein Nachfolger Pedro de los Rios bereits auf dem Isthmus gelandet. Pedrarias zog sich nach Leon zurück und starb 1530. Dreizehn Jahre hatte das Land unter seiner Verwaltung geseufzt, er war nicht mehr fähig gewesen, seine Unterbefehlshaber zu zügeln, welche unter einander und gegen den Statthalter selbst zu den Waffen griffen.Die dissoluten Verhältnisse, welche seine schlechte Leitung über die herrlichen Landschaften von Mittelamerika gebracht, machten sich auf immer fühlbar. Sein Name war mit Recht verrufen.
Bisher hatten sich fast alle Unternehmungen im Umkreis des caribischen Meeres bewegt. Columbus selbst hatte dazu die Richtung angegeben. Seit dem ersten Zusammentreffen mit den Bewohnern der neuen Welt waren die Spanier bei ihren unermüdlichen Fragen nach den Goldländern auf den Südwesten gewiesen, und diese Richtung war selbst dann maßgebend geblieben, als Columbus an der Küste von Yukatan zuerst mit der Kultur der Mayastämme in Berührung kam. Daher blieb das Meer im Nordosten von Cuba zwanzig Jahre unbesucht. Der erste kühne Versuch in diesen unbekannten Norden einzudringen, ging merkwürdiger Weise von dem Statthalter von Puertorico,Juan Ponçe de Leonaus. Die Bewohner der Bahamainseln hatten von einem Wunderlande im Nordwesten berichtet, in dessen Heilquellen das Alter sich verjüngen könne.[345]Ponçe de Leon betrat dieses Land am Ostertage, 27. März, 1513 und nannte es nach dem Tage der Entdeckung PascuaFlorida. Er fuhr dann an der Ostküste von Florida bis zum 10° n. Br., ließ es aber noch unentschieden, ob es eine Insel oder ein Theil des Festlandes sei.[346]Von hier kehrte er zur Südspitze der Halbinsel zurück und ging eine Strecke weit an der Westküste nach Norden, wo zwischen 25° und 26° n. Br. die Bahia de Ponçe de Leon noch den Namen des Entdeckers trägt. Die erste Karte von Florida lieferte sein Pilot Antonio de Alaminos.[347]Die feindselige Haltung der kriegerischen Einwohner hatte jeden Versuch einer Besiedelung vereitelt. Mehr als Puertorico schien Cuba schon durch seine Lage berufen der Ausgangspunkt aller Unternehmungen zu werden, welche gegen die Länder im Westen gerichtet wurden. Die „Perle der Antillen“ war mit leichter Mühe vonDiego Velasquezunterjocht, welcher seit dem Jahre 1511 daselbst als Statthalter eingesetzt war. Die ganze Insel wurde sammt den Indianern unter die Eroberer vertheilt, und bei der großen Ausdehnung des Landes strömten immer mehr Abenteurer dahin. Aber zum friedlichen Landbau nicht geneigt, unternehmungslustig, unstät, durch jede neue Kunde von goldreichen Ländern aufgereizt, scharten sich die jüngeren Leute bald zusammen, um auf eigene Entdeckung und Eroberung auszuziehen. Sie rüsteten zwei Schiffe aus, wählten Hernandez de Cordova zu ihrem Hauptmann, gewannen Antonio de Alaminos aus Palos als Piloten und erhielten zur Ausrüstung eines dritten Schiffes von Velasquez das Geld vorgestreckt.[348]Am 8. Februar 1517 gingen die Schiffe unter Segel und steuerten von Cuba nach Westen. Beim Cap Catoche erreichten sie die Küste von Yukatan. Diese Entdeckung war von höchster Bedeutung, denn hier trafen die Spanier zuerst auf ein Kulturvolk, das prächtige Steinhäuser besaß, sich in baumwollene Gewänder kleidete und in Tempeln von behauenen Steinen, welche auf abgestumpften Pyramiden errichtet waren, ihren Götzen Menschenopfer darbrachten. Ueberrascht waren die Entdecker, hier mehrfach das Zeichen des Kreuzes in Stein gehauen zu finden, welches, wie sie später erfuhren, ein Symbol des regenbringenden Gottes war. Das Volk der Maya, welches das Land bewohnte, bediente sich sogar einer eigenartigen Bilderschrift, welche noch nicht entziffert ist. Abgesehen von der Verwendung derselben auf den monumentalen Bauwerken, welche sich, im Urwald begraben, zum Theil noch erhalten haben und das lebhafteste Interesse der europäischen Forscher auf sich gezogen haben,[349]sind nur drei oder vier Manuscripte derMaya-Sprachemit farbigen Bildern erhalten. Die werthvollste und umfangreichste dieser Mayahandschriften bewahrt die königliche Bibliothek in Dresden. Das Material dieser Handschriften besteht aus einzelnen Blättern, die aus den Fasern der mexikanischen Agave gefertigt und mit einer feinen Gypsschicht überzogen sind.[350]Neben den merkwürdigen Ruinen, deren bedeutendste Ueberreste sich im Süden des Landes bei Uxmal und Palenque finden, sind noch hohe Steinbilder, aus Monolithen geschaffen, vor der Zerstörung durch die Spanier, welche bei der fanatischen Verbreitung des Christenthums alle Erinnerungen an das Heidenthum der Eingeborenen zu vernichten strebten, sowohl in Yukatan als in den Nachbargebieten von Mexiko, Guatemala und Honduras erhalten. Diese Steinbilder stellen vielfach vergötterte Könige und Fürsten dar, denen, nach Weise des Heroencultus, Opfer gebracht wurden,[351]oder erschienen als Frauengestalten in der eigenthümlichen Landestracht, erstere mit kurzem Baumwollpanzer, letztere in gesticktem Rock mit Perlen und Fransen.