Eine Seite aus der Mayahandschrift der kgl. Bibliothek zu Dresden; (Originalgröße).❏GRÖSSERE BILDANSICHT
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Tempelruine zu Uxmal.❏GRÖSSERE BILDANSICHT
Tempelruine zu Uxmal.
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Die Spanier unter Cordova versuchten an mehreren Punkten der Küste zu landen, wurden aber von den kriegerischen Bewohnern blutig zurückgewiesen. Alaminos segelte an der Nord- und Westseite der Halbinsel bis Champoton, südlich von Campeche; aber als hier in einem Gefechte der Anführer lebensgefährlich verwundet wurde, stand man von der Fortführung des Kampfes ab, da man sich zu einer Eroberung zu schwach fühlte, und ging wieder in See. In dem Irrthum befangen, daß der nächste Weg nach Cuba über die Halbinsel Florida führe, steuerte Alaminos zuerst nach diesem Lande, welches er von der ersten Fahrt Juan Ponçe’s kannte, sah sich aber auch hier von den Indianern feindlich empfangen und segelte nach Cuba, wo Cordova 10 Tage nach der Landung seinen Wunden erlag. Der Statthalter Velasquez berichtete über den Verlauf der Expedition nach Spanien und rühmte sich der Entdeckung, sowie der darauf verwendeten Kosten.[352]„Von uns aber,“ fügt Bernal Diaz bitter hinzu, „die wir das Land gefunden hatten, wurde keiner genannt.“[353]Im nächsten Jahre rüstete Velasquez eine neue Flotte aus und sandte im April oder Mai 1518 vier Schiffe unter seinem Neffen Juande Grijalvanach Yukatan ab. Als Pilot fungirte wiederum Antonio de Alaminos; außerdem begleitete ihn der tapfere Pedro de Alvarado, welcher sich später unter Cortes bei der Eroberung Mexiko’s hervorthat. Südlich vom Cap Catoche erreichten sie bei der Insel Cozumel, welche damals ein berühmtes Heiligthum besaß, gegenwärtig aber dicht bewaldet und unbewohnt ist, die Küste Yukatans und umfuhren die ganze Halbinsel bis zur Laguna de Terminos und bis Tabasco. Die zahlreichen gut gebauten Ortschaften, welche man mit ihren weißen Steinhäusern am Strande schimmern sah, erinnerten die Seefahrer an ihre Heimat, weshalb man das Land „Neuspanien“ zu nennen anfing. Auf der Halbinsel zeigten sich die Bewohner ebenso feindlich als bei der ersten Expedition und erst am Rio Tabasco, welchen man den Grijalvafluß nannte, gelang es einen friedlichen Verkehr mit dem Volke und seinen Häuptlingen zu eröffnen. Dann ging die Fahrt nach Westen an dem gefährlichen Gestade[354]weiter bis in die Nähe der heutigen Hafenstadt von Vera Cruz. Hier liegen mehrere kleine Inseln am Strande, wo man landete. Die erste erhielt den Namen Opferinsel (Isla de Sacrificios), weil im Tempel kurz zuvor fünf Indianer geopfert waren. Auch auf der näher an Vera Cruz gelegenen Insel S. Juan de Ulua waren zwei Knaben unter dem Opfermesser der schwarzgekleideten Priester verblutet. Mit den wachsenden Anzeichen einer höheren Kulturmehrten sich, zum Entsetzen der Spanier, auch die Spuren des gräßlichen Opfercultus der Mexikaner. Nichts desto weniger landete Grijalva hier mit seiner ganzen Macht und verstand es, mit den Caziken in freundlicher Weise Geschenke zu wechseln und die Schätze des Landes, Gold, Edelsteine und Gefäße von wunderbarer Form im Werthe von 15 bis 20,000 Goldpesos gegen Glasperlen, Nadeln und Scheeren auszutauschen. Hier war also ein wirkliches Goldland gefunden, welches eine unermeßliche Beute verhieß. Alvarado wurde mit dem ersten Gewinn und mit der Botschaft der wichtigen Entdeckung nach Cuba zurückgesandt, während Grijalva seine Küstenfahrt noch bis zur Landschaft Panuco, bis nach Tampico, unter 22° n. Br., weiter ausdehnte und erst an einem stürmischen Vorgebirge abbrach, um dann über Yukatan nach Cuba zurückzukehren, wo er am 15. November 1518 in St. Jago landete. Die bedeutsamen Nachrichten, welche Grijalva mitbrachte, regten die Unternehmungslust des Statthalters von Cuba mächtig an und drängten ihn zu raschen Entschließungen, um sich den Gewinn dieser Entdeckung zu sichern. Während er einerseits Boten mit reichen Geschenken nach Spanien sendete, um die Krone zu bewegen, die entdeckten Gebiete seiner Statthalterschaft unterzuordnen, rüstete er andererseits eine größere Flotte, um jene Länder zu erobern, und ernannte Ferdinand Cortes zum Befehlshaber der Expedition.
Sculpturen von Copán.
Am Fuße einer Pyramide an einem Altar stehende männliche Figur. Ueber derselben ein baldachinartiger Aufbau von Ornamenten mit mehreren sitzenden menschlichen Figürchen. Die Figur trägt auf dem Haupte einen Helm in der Form eines phantastischen Thierkopfes; von ihm hängen Zierrathen aus Goldblechstreifen, mit Perlen besetzt, zu beiden Seiten herab. Die übermäßig großen Ohren scheinen Symbole der Würde des Dargestellten zu sein. Die Brust bedeckt ein Panzer, der oben aus Kugeln, unten aus gewebten Stoffen in Form von Rollen zusammengesetzt ist. Letztere umschließt ein breiter Gürtel mit Masken und verzierten Goldblechtafeln zwischen ihnen. Vorn hängt der Gürtel bis auf den Boden herab. Um den Hals trägt die Figur an einem Bande eine Zierrath. Die Arme sind mit dreifachen Armbändern, die Beine mit Kniebändern, aus Masken und Perlen gebildet, und über den Knöcheln mit Ringen geschmückt. Die Sculptur ist ineinemSteine ausgehauen und mißt in der Höhe 364, in der Breite 133, in der Dicke 91 Centimeter.Weibliche Figur, an einem Opfersteine stehend. Das kurze Gewand ist mit netzartigen Ornamenten und am Saume mit Perlen und Fransen geschmückt. Ein in derselben Weise verzierter Gürtel umschließt den Leib; derselbe hat einen Thierkopf als Mittelpunkt und ist an den Seiten, über den Hüften der Figur mit menschlichen Masken besetzt. Ein breiter mit Goldblech und Perlen besetzter Streifen fällt vom Gürtel auf den Boden herab. Die Figur trägt einen prächtigen Kopfschmuck, dessen Kern ein phantastisches Thierhaupt ist, in welchem die Zähne durch mit Perlen besetzte Fransen dargestellt werden. Von demselben gehen nach beiden Seiten und oben viele Federn aus, deren größere Ringe tragen und die auch sonst mit Rosetten, Perlen und Quasten reich geschmückt sind. Eine kleine menschliche Figur krönt den Federschmuck; unter ihm hängen vor den Ohren lange dünne Locken herab. Die nackten Arme sind von Armbändern aus kleinen Platten, Perlen und Fransen umschlossen. Die Brust wird von einem aus viereckigen, plattenartigen Stücken zusammengesetzten Gewand bekleidet. Auf demselben liegt ein Geschmeide, welches bis zu den Schultern reicht und daselbst in Masken und Arabesken endigt. Die Füße sind von Halbschuhen, welche die vordere Fußhälfte freilassen, bedeckt. Maaße: Höhe 345, Breite 98, Dicke 101 Centimeter.
Am Fuße einer Pyramide an einem Altar stehende männliche Figur. Ueber derselben ein baldachinartiger Aufbau von Ornamenten mit mehreren sitzenden menschlichen Figürchen. Die Figur trägt auf dem Haupte einen Helm in der Form eines phantastischen Thierkopfes; von ihm hängen Zierrathen aus Goldblechstreifen, mit Perlen besetzt, zu beiden Seiten herab. Die übermäßig großen Ohren scheinen Symbole der Würde des Dargestellten zu sein. Die Brust bedeckt ein Panzer, der oben aus Kugeln, unten aus gewebten Stoffen in Form von Rollen zusammengesetzt ist. Letztere umschließt ein breiter Gürtel mit Masken und verzierten Goldblechtafeln zwischen ihnen. Vorn hängt der Gürtel bis auf den Boden herab. Um den Hals trägt die Figur an einem Bande eine Zierrath. Die Arme sind mit dreifachen Armbändern, die Beine mit Kniebändern, aus Masken und Perlen gebildet, und über den Knöcheln mit Ringen geschmückt. Die Sculptur ist ineinemSteine ausgehauen und mißt in der Höhe 364, in der Breite 133, in der Dicke 91 Centimeter.
Weibliche Figur, an einem Opfersteine stehend. Das kurze Gewand ist mit netzartigen Ornamenten und am Saume mit Perlen und Fransen geschmückt. Ein in derselben Weise verzierter Gürtel umschließt den Leib; derselbe hat einen Thierkopf als Mittelpunkt und ist an den Seiten, über den Hüften der Figur mit menschlichen Masken besetzt. Ein breiter mit Goldblech und Perlen besetzter Streifen fällt vom Gürtel auf den Boden herab. Die Figur trägt einen prächtigen Kopfschmuck, dessen Kern ein phantastisches Thierhaupt ist, in welchem die Zähne durch mit Perlen besetzte Fransen dargestellt werden. Von demselben gehen nach beiden Seiten und oben viele Federn aus, deren größere Ringe tragen und die auch sonst mit Rosetten, Perlen und Quasten reich geschmückt sind. Eine kleine menschliche Figur krönt den Federschmuck; unter ihm hängen vor den Ohren lange dünne Locken herab. Die nackten Arme sind von Armbändern aus kleinen Platten, Perlen und Fransen umschlossen. Die Brust wird von einem aus viereckigen, plattenartigen Stücken zusammengesetzten Gewand bekleidet. Auf demselben liegt ein Geschmeide, welches bis zu den Schultern reicht und daselbst in Masken und Arabesken endigt. Die Füße sind von Halbschuhen, welche die vordere Fußhälfte freilassen, bedeckt. Maaße: Höhe 345, Breite 98, Dicke 101 Centimeter.
Sculpturen von Copán: als Trachtenbilder.❏GRÖSSERE BILDANSICHT
Sculpturen von Copán: als Trachtenbilder.
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Für die erfolgreichste Ausdehnung der spanischen Macht in der neuen, indischen Welt war die auf Cortes gefallene Wahl eine überaus glückliche, wenn sie auch für Velasquez selbst eine Reihe bitterer Enttäuschungen brachte und ihm den gehofften Lohn gänzlich aus den Händen riß. Unter den wenigen wahren Heldengestalten der spanischen Conquistadoren, welche jenes Zeitalter gebar, ragt Cortes vor allen hervor. Sein edler, großer Charakter, seine kühnen Thaten erfüllen uns mit Bewunderung. Cortes war 1485 in Medellin in Estremadura geboren, hatte in Salamanca zwei Jahre studirt und sich dort, wenn er auch keine ausgesprochene Neigung zu den Wissenschaften zeigte, doch einen Grad allgemeiner Bildung erworben, wie er unter den Heerführern in den Colonialländern selten war. Der Reiz des Wunderbaren, welches die neue Welt belebte, die Lockung zu romantischen Abenteuern, welche jenseits des Oceans goldene Berge verhieß, erfüllte, wie die ganze spanische Jugend, so auch ihn. Und so ging er schon 1504 zum Statthalter Ovando nach San Domingo. Sieben Jahre später nahm er an der Eroberung Cuba’s theil und erwarb sich dadurch Landbesitz. Seine literarische Bildung beförderte ihn zum Secretair des Velasquez und später zum Alcalden von St. Jago, so daß er bereits eine der ersten Beamtenstellen auf der Insel einnahm. Seine Zeitgenossen schildern ihn als einen übermittelgroßen, schönen Mann mit breiter männlicher Brust und großen, dunkeln Augen in dem blassen Gesichte. In allen ritterlichen Uebungen gewandt, muthig und fest in seinen Entschlüssen,wie klar und überlegend in seinen Plänen; durch rasche Auffassung und klaren Geist, wie durch gewandte und feurige Rede seine Umgebung beherrschend, war er zum Anführer wie selten ein Mann in der neuen Welt geschaffen. Als Velasquez ihm das Commando übertrug, zählte er 33 Jahre. Es war dem Statthalter willkommen, daß Cortes aus eignen Mitteln einen Theil der Ausrüstung bestreiten konnte, welche mit 11 Schiffen den kühnen Angriff auf einen mächtigen Staat ausführen sollte.[355]
Aber noch ehe Cortes seine Vorbereitungen getroffen hatte, erwachte bereits die Eifersucht des Statthalters, welcher, durch seine Getreuen gewarnt, bereits fürchtete, dem gewählten Führer zu viele Machtmittel anvertraut zu haben, mit denen er sich womöglich eine unabhängige Stellung schaffen könnte. Er schien entschlossen zu sein, die Ernennung des Cortes zum General wieder zurückzunehmen; aber dieser brach, noch ehe der zögernde Velasquez sich entschied, mit seiner Flotte von St. Jago auf, bevor die Ausrüstung und Verproviantirung vollendet war, und ging zunächst nach der ebenfalls auf der Südseite von Cuba gelegenen Stadt Trinidad und, nachdem er hier noch 100 Mann von der zurückgekehrten Expedition Grijalva’s angeworben hatte, weiter nach Habana. Hieher sandte Velasquez an die Behörden des Orts den Befehl, Cortes zu verhaften, und gebot diesem in einem Briefe, er solle nicht eher absegeln, als bis er selbst nach Habana gekommen sei. Aber Cortes ließ sich an der Spitze seiner bedeutenden Macht weder als ein einzelner Edelmann gefangen setzen, noch befolgte er das unglaublich ungeschickt vorgebrachte Gebot des Velasquez, auf ihn zu warten; vielmehr begab er sich am 10. Febr. 1519 nach dem Sammelpunkt seiner Flotte am Cap S. Antonio, der Westspitze von Cuba, und ging von hier aus acht Tage später mit seinen eilf Schiffen unter Segel. Der erfahrene Steuermann Alaminos, der nun zum viertenmale nach Yukatan steuerte, denn er hatte bereits die letzte Fahrt des Columbus mitgemacht und dann die Expedition Cordova’s und Grijalva’s geleitet, war sein Hauptpilot. Seine bewaffnete Macht bestand aus 400 spanischen Soldaten, darunter 13 Büchsenschützen und 32 Armbrustschützen, und 200 Indianern, ferner aus 16 Reitern, 10 schweren Bronzegeschützen und 4 leichten Feldschlangen. Auch begleiteten zwei Geistliche den Zug, um den Götzendienst zu vernichten und die Indianer zu taufen. Das Geschwader steuerte nach der Insel Cozumel. Die Einwohner flohen bei der Landung zwar anfangs aus Furcht ins Innere, kamen dann, durch Dolmetscher beschwichtigt, zurück, ließen es geschehen, daß ihre blutigen Altäre gestürzt und daß in ihren Tempeln christlicher Gottesdienst gefeiert wurde, ja sie bequemten sich sogar zur äußerlichen Annahme des Christenthums.
Medaillenbildniß von Ferdinand Cortes; Originalgröße.(Berlin, kgl. Münzcabinet.)
Medaillenbildniß von Ferdinand Cortes; Originalgröße.
(Berlin, kgl. Münzcabinet.)
Schon auf der Expedition Cordova’s hatte Alaminos mehrfach das Wort Castillan gehört, ohne sich dasselbe in dem Munde der Indianer erklären zukönnen. Cortes vermuthete sofort richtig, es müßten Spanier bereits früher hieher gelangt sein. Diese Vermuthung wurde durch die Angabe eines Häuptlings bestätigt, daß noch zwei Spanier als Gefangene im Lande lebten. Unter ihnen befand sich Fray Jeronimo de Aguilar (s. o.S. 346), den Cortes befreite und der ihm als Dolmetscher wichtige Dienste leistete. Dann ging die Fahrt in gewohnter Weise um Yukatan herum nach dem Rio de Tabasco oder Grijalva. Die Einfahrt in den Fluß war so seicht, daß keins der größeren Schiffe einlaufen konnte; Cortes befuhr ihn daher in den kleinen Brigantinen und mit bewaffneten Böten, um die Stadt Tabasco selbst zu besuchen. Seine Erklärung, er komme in friedlicher Absicht, wurde mit Drohungen und Kriegsgeschrei beantwortet. Aber die Spanier ließen sich dadurch nicht abschrecken. Der Kampf begann schon in den Böten, dann im Wasser am Strande, das den Angreifenden bis an den Gürtel ging, und setzte sich am Lande fort, wo am 25. März mit Geschütz und Reiterei eine förmliche Schlacht geliefert wurde, in welcher die tapferen Tabascaner, deren Heer nach der eigenen Angabe des Cortes[356]aus 40,000 Mann bestand, durch die ungewohnte Kriegsmacht einerReiterei in die Flucht geschlagen wurden und 220 Todte auf dem Schlachtfelde zurückließen.
Am nächsten Tage unterwarfen sich die Caziken und brachten unter anderen Geschenken 20 Sklavinnen, deren eine, eine geborene Mexikanerin, von den Spaniern den NamenDonna Marinaerhielt und sich den Eroberern anschloß, denen sie als Dolmetscherin die wesentlichsten Dienste leistete. In Tabasco vernahm man auch die Worte Culhua, womit die gewerbreiche Stadt Cholula[357]westlich von Mexiko bezeichnet wurde, und den Namen Mexiko selbst. Nachdem am Palmsonntag noch in feierlicher Messe die Häuptlinge die Taufe empfangen hatten, segelte Cortes weiter und landete am Charfreitag, 21. April 1519, mit seiner ganzen Macht an der Stelle der heutigen Stadt Vera Cruz; zwei Tage später stattete ihm bereits der aztekische Statthalter einen Besuch ab und erhielt die Mittheilung, daß Cortes von einem mächtigen Herrscher jenseits des Meeres mit Geschenken und einer persönlichen Botschaft an den Fürsten des Landes abgesendet sei und freien Durchmarsch begehre. Die Mexikaner waren geschickte Maler; um seinen Bericht an den Kaiser möglichst anschaulich zu machen über die seltsamen, weißen, dem Meere entstiegenen Fremdlinge, ließ der Gouverneur des Küstenlandes die Spanier abzeichnen. Cortes ließ dies gern geschehen und, um den Eindruck, den sein Erscheinen offenbar hervorrief, noch zu verstärken, mußte die Reiterei und die Artillerie kriegerische Uebungen ausführen, damit auch diese mit abgebildet würden. Dann richtete er sich hinter den Dünen ein festes Lager ein und erwartete die Antwort auf seine Botschaft.
Ehe wir den Verlauf der Verhandlungen weiter verfolgen, werfen wir zunächst einen Blick auf die Natur des Landes und die Geschichte der Bevölkerung.
KARTE ZU CORTES’ EROBERUNG von MEXICO.❏GRÖSSERE BILDANSICHT
KARTE ZU CORTES’ EROBERUNG von MEXICO.
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Ausschnitte aus der obenstehenden Karte:
Ausschnitte aus der obenstehenden Karte:
Hinter einem mehrere Meilen breiten, flachen Küstenstriche, der durch seine Fieber verrufen ist, und an dem es keinen einzigen guten, natürlichen Hafen gibt, erhebt sich das mittlere Land zu einem mächtigen Plateau von durchschnittlich 2000 Meter Höhe. Der östliche Steilrand des Hochlands wird von einzelnen Bergriesen, die über 5000 Meter emporsteigen, überragt. Hier besitzt Mexiko keinen schiffbaren Strom; von der Küste führen nur schwierige Landwege und Gebirgspässe auf das innere Hochland von Anahuac, das Centrum des alten Reichs, welches sich nordwärts etwa bis zum Wendekreise erstreckte. Das Hochthal von Mexiko, der Hauptstadt, erhebt sich bis über 2200 Meter und erscheint als ein Oval von 73 Kil. Länge und 35 Kil. Breite. Von einem thurmartigen Walle von Porphyrfelsen umschlossen, war dieses Thal früher grün und dicht mit Bäumen bewachsen, erscheint aber gegenwärtig an manchen Stellen weißlich von den Salzefflorescenzen und macht von den Höhen aus fast den Eindruck einer Steppe in folge der Abnahme des Sees, welcher ehedem, die Stadt umgebend, eine weit größere Ausdehnung hatte. Trotzdem ist die ganze Landschaft von großer, eigenartigen Schönheit, erhöht durch den Kranz von Bergen, über welche die beiden Schneegipfel, der Popocatepetl (5400 Meter) und der Ixtaccihuatl (5200 Meter) mit breitem Rücken mächtig emporragen.
Nördlich von dem Thale von Mexiko liegtTula, die erste Ansiedlung der Tolteken, jenes räthselhaften Kulturvolkes, welches aus dem unbekannten Norden zu unbekannter Zeit (man nennt in der Regel das 7. Jahrh. n. Chr.) hier einzog. Sie führten den Anbau von Mais, Baumwolle und des sog. spanischen Pfeffers als unentbehrliches Gewürz ein. Sie bearbeiteten die edlen Metalle und entfalteten eine originelle Baukunst. Sie liebten es, ihre Steinhäuser und Tempel auf Anhöhen anzulegen, die verschiedenen Wohnräume lagen in verschiedener Höhe und waren durch kleine Treppen und enge Corridore verbunden.[358]Eigenartig waren auch die Stufenthürme oder Tempelpyramiden.
Nach einem Aufenthalte von mehreren Jahrhunderten verschwanden die Tolteken wieder, wahrscheinlich zogen sie weiter nach Süden und verbreiteten ihre Kultur über Yukatan und Honduras.
Nach ihnen rückten von Nordwesten dieChichimekenein und wählten die Ostseite des Sees von Mexiko zu ihrer Hauptansiedlung, wo sie die Stadt Tezcuco gründeten. Dort verschmolzen sie mit den Acolhuern oder Acolhuas. Ihre Herrschaft unterlag wieder unter den Angriffen eines verwandten kriegerischen Stammes, derTepaneken, bis sie sich mit Hilfe der Azteken in Mexiko wieder befreiten und sich mit diesen verbanden. Als letzter Zug der Einwanderer treten dieAztekenauf, welche wahrscheinlich erst im Anfang des 14. Jahrhunderts die Stadt Tenochtitlan (Mexiko) auf einer Insel im See gründeten. Allmählich erst gelangten sie zu bedeutenderer Macht, hatten aber zur Zeit der Ankunft der Spanier durch ihre Kriegstüchtigkeit ihre Herrschaft von einem Meere zum andern ausgebreitet, und dabei zahlreiche fremde, nicht verwandte Stämme unterworfen, ohne aber in der verhältnißmäßigkurzen Zeit trotz ihres Gewaltregiments die verschiedenartigen Volkselemente mit einander verschmelzen zu können. Eine blutige Schreckensherrschaft lastete auf dem weiten Länderraume zwischen dem Golf von Mexiko und der Südsee, denn die Azteken verlangten für ihre Götzenaltäre zahllose Menschenleben von den unterworfenen Stämmen. Man gibt die Zahl der Menschenopfer auf jährlich 20,000 an. Die Schädel der Geschlachteten wurden zu Pyramiden aufgethürmt; Spanier aus dem Gefolge des Cortes wollten aneinemOrte 136,000 Schädel gezählt haben.
Nur Furcht und Schrecken hielt das große Reich zusammen; ein Angriff von außen mußte viele nach Befreiung seufzende Völkerstämme in das Lager der Feinde treiben. So fiel nach diesem Gesichtspunkte die Ankunft des Cortes in eine ihm günstige Zeit, und es stand zu erwarten, daß er nach den ersten bedeutenden Waffenerfolgen den aztekischen Staatsverband lockern und manche der unterworfenen Völker auf seine Seite ziehen werde.
Aus einer ursprünglich aristokratischen Regierung hatte sich bei den Azteken ein fast unumschränktes Königthum entwickelt. Wenn die Könige auch nur durch Wahl, welche von den vier vornehmsten Adligen vollzogen wurde, auf den Thron gelangten, so blieb doch die höchste Würde stets in derselben Familie. Bei Hofe war ein ängstliches Ceremoniell und morgenländisches Gepränge eingeführt, den unmittelbaren Dienst bei der Person des Monarchen versah der zahlreiche Lehnsadel.
Der Nationalgott der Azteken (man zählte an 2000 Localgötter), Huitzilopochtli[359], war der zur Gottheit erhobene erste Anführer gewesen, der das Volk nach Anahuac geführt. Er verlangte die meisten Menschenopfer. Dagegen war Quetzalcoatl, ursprünglich ein Priester und Reformator der Tolteken in Tula, aus dem Lande vertrieben, weil er die Menschenopfer abschaffen wollte, und sollte der Sage nach an der östlichen Meeresküste im niedrigen Waldlande am Goatzocoalco verschwunden sein. Später verehrte man ihn als einen Gott der Luft, als den Wohlthäter des Volkes, welches ihm die Kunst des Landbaues und der Metallbearbeitung verdankte. Man dachte ihn sich von hoher Gestalt, mitweißerHautfarbe und wallendem Barte. An das östliche Meer vertrieben, schiffte er sich dort auf einem aus Schlangenhaut gefertigten Zauberschiffe ein, nachdem er feierlich erklärt, er werde dereinst zurückkehren und sein Reich wieder in Besitz nehmen. An seine baldige Wiederkunft glaubte das ganze Volk. Die Unterdrückten und selbst der König sahen in Cortes die Prophezeihung verwirklicht.
Die von den Tolteken geschaffene materielle Kultur hatten die Azteken weiter entwickelt. Der Landbau stand in hoher Blüte; außer Mais, Baumwolle und Pfeffer baute man die Aloe (Magnay) an, deren Blattfasern Papier, deren Saft den berauschenden Pulquewein lieferte, erntete Cacao,deren Bohnen als kleinste Münze cursirten, oder zur Bereitung des Chocolatl (Chokolade) verwendet wurden, und Vanille. Bananen boten die beliebteste Frucht, den Tabak rauchte man aus Pfeifen oder in Form von Cigarren. Der Bergbau wurde eifrig betrieben, doch verstand man die Gewinnung des Eisens nicht und bediente sich zu Messern und Schwertern der scharfen Splitter des glasartigen Obsidians. Die Töpferei war allgemein verbreitet, Trinkschalen schnitzte man aus Holz, bemalte sie und überzog sie mit Firniß. Sehr geschickt waren die Handwerker in der Herstellung buntfarbig gestickter Baumwollgewänder, wie in den zum Schmuck dienenden prächtigen Federarbeiten. Ein lebhafter Marktverkehr fand zu bestimmten Zeiten in den Städten statt, und durch das ganze Land zog sich ein Netz von mit Posthäusern besetzten Straßen. Eilboten beförderten die Befehle der Regierung. Die militärische Einrichtung war durch Bildung von Kriegerorden und Abzeichen am Kleide darauf berechnet, den Ehrgeiz anzustacheln. Die Soldaten trugen ein dichtes Baumwollkleid, welches die leichten Wurfgeschosse nicht durchdringen ließ. Die Brust der Führer war außerdem durch goldene oder silberne Platten gedeckt. Man trug hölzerne, zuweilen mit Silber belegte und mit Federn geschmückte Helme, außerdem auch Arm- und Beinschienen. Das Heer war in Armeecorps von 8000 Mann und diese wieder in Compagnien zu 3–400 Mann abgetheilt. Die Waffen bestanden aus Schwertern, Lanzen, Keulen, Bogen und Pfeilen und Schleudern. Wenn es zur Schlacht ging, trug der Feldherr die Standarte. Im Kampfe war man vor allem darauf bedacht, Gefangene zu machen, um sie den Götzen zu opfern.
Unter den Wissenschaften, welche von den Priestern gepflegt wurden, hatte die Eintheilung des Sonnenjahres in 18 Monate zu 20 Tagen, wozu am Ende des Jahres noch fünf Ergänzungstage kamen, religiöse Bedeutung, weil danach die Opfer- und Feiertage geregelt wurden. Eine farbige Bilderschrift wurde auf die Faserstoffe der Agave, auf baumwollene Tücher oder sorgfältig bereitete Häute aufgetragen. Auch verstand man auf dem gleichen Material große Karten des Reichs, der Provinzen und der Küsten zu zeichnen. Cortes zog eine solche Karte auf seinem Feldzuge nach Honduras zu Rathe.
Seit 1502 regierte der König Montezuma (Cortes schrieb Muteczuma). Ehrgeizig, wie alle aztekischen Fürsten auf die Ausbreitung ihres Reiches und ihres Cultus bedacht, denn er hatte die Stelle eines Oberpriesters bekleidet, hatte er, allzueifrig und unbesonnen, den Krieg in zu entfernte Landstriche getragen, bevor er alle seine Feinde in der Nähe vollständig bezwungen hatte. So war er mit seinem Heere bis Guatemala und Honduras (Vera-Paz), vielleicht sogar bis Nicaragua vorgedrungen und hatte doch die Tlascalaner, in der östlichen Nachbarschaft seiner Hauptstadt, nicht unterworfen. Ernst, zurückhaltend, stolz, hatte er sich die Gemüther des Volkes entfremdet und schlich mistrauisch, wie man es ähnlich von Harun al Raschid erzählt, des Nachts vermummt durch die Gassen seiner Residenz, um die Stimmung zu belauschen, angeblich um den ihm etwa verheimlichten Misbräuchen in derVerwaltung auf die Spur zu kommen. Aus Mistrauen hatte er seine Verwandten beseitigt, um des Thrones sicherer zu sein und ließ sich den Spaniern gegenüber dann doch durch seinen Aberglauben entwaffnen.[360]
Dieser Aberglaube bezog sich auf die bereits berührte Sage von der Wiederkunft des Quetzalcoatl. Allerlei Zeichen deutete das Volk auf die baldige Erfüllung dieser Prophezeihung. Der Thurm des Haupttempels war abgebrannt, im Osten war ein seltsames Licht aufgegangen, drei Kometen waren am Himmel erschienen u. dgl. mehr.
Im Jahre 1516 starb der Fürst von Tezcuco; in dem nun ausbrechenden Thronstreite begünstigte Montezuma denCacamaund wußte ihm das Haupterbtheil nebst der Hauptstadt zuzuwenden, während die nördliche Hälfte an den zweiten SohnIxtlixochitlfiel, den sich der aztekische König dadurch zum Feinde machte.
Unter diesen Ereignissen kam die Kunde von der Landung der Spanier. Das Volk sah in ihnen die Erben des vertriebenen Gottes. Montezuma berief seine Räthe. Die muthigen verlangten energischen Kampf, die bedächtigen riethen zum Frieden. Montezuma wollte selbständig scheinen und schlug einen gefährlichen Mittelweg ein. Auf die Botschaft des Cortes antwortete er mit reichen Geschenken und mit der Bitte, den beabsichtigten Besuch in der Hauptstadt zu unterlassen. Aber diese wunderbaren Geschenke reizten die Spanier nur noch mehr.[361]
Den Wunsch Montezuma’s, die Spanier möchten mit diesen reichen Geschenken heimkehren, befolgte Cortes nicht, er erwiderte vielmehr: er habe den Auftrag erhalten, den König selbst zu sprechen. Eine zweite mexikanische Gesandtschaft erschien mit neuen Gaben und wiederholte das frühere Gesuch. Umsonst. Die Spanier blieben, aber sie mußten bald empfinden, daß dieBeziehungen zu dem aztekischen Fürstenhofe kühler wurden. Die Indianer verließen die Nähe des spanischen Lagers, sie lieferten keine Lebensmittel mehr und brachten dadurch die Fremden in eine schwierige Lage. Da erschienen glücklicherweise mehrere Totomaken, ein von den Azteken physisch und sprachlich verschiedener Volksstamm, welcher nördlich von Vera Cruz an der Küste wohnte und erst kürzlich von Montezuma unterworfen war, und luden Cortes zu einem Besuch in ihrer Stadt Cempoalla ein. Der spanische Heerführer erkannte daraus, daß das Reich Montezuma’s manche widerstrebende Elemente umfaßte, welche er für sich gewinnen konnte. Ehe er aber diese Einladung annahm, wurde in Vera Cruz eine förmliche Stadt mit spanischen Einrichtungen gegründet. Dieselbe erhielt in glücklicher Verbindung der beiden Hauptziele der Spanier: Gold und Christenthum, den Namen „Die reiche Stadt des wahren Kreuzes“ (Villa rica de la vera cruz). Vor dem aus seinen Getreuen zusammengesetzten Rathe der neuen Stadt legte Cortes dann, indem er sich erlaubte, eine kleine Komödie aufzuführen, das ihm von Velasquez anvertraute Amt feierlich nieder. Der Rath ernannte ihn natürlich sofort „im Namen der spanischen Majestät“ zum obersten Feldherrn und Richter und damit war das Abhängigkeitsverhältniß von der Statthalterschaft Cuba als gelöst zu betrachten. Die neue Colonie stellte sich unmittelbar unter die spanische Krone. Die Anhänger des Velasquez, welche sich dadurch überrumpelt sahen, rotteten sich zusammen; aber Cortes ließ die Rädelsführer in Ketten werfen und beugte einem Aufstande vor. Dann marschirte er nach Cempoalla. Damals zählte der Ort wenigstens 20–30,000 Einwohner, jetzt ist er verfallen. Die Spanier wurden festlich empfangen und die Totomaken begaben sich unter die spanische Botmäßigkeit. An Stelle der Götzentempel wurden christliche Altäre errichtet und die Einwohner ließen sich taufen. Hier erfuhr Cortes auch genauere Nachrichten von der feindlichen Stellung des tlascalanischen Staats zu den Azteken.
Das Zerwürfniß, welches zwischen beiden Stämmen herrschte, bestärkte den kühnen Spanier in seinen Eroberungsplänen. Aber ehe er ins Innere des Landes hineindrang, mußten an der Küste die Verhältnisse geordnet und befestigt werden. Mit Zustimmung der Soldaten wurde der ganze bisher erworbene Schatz an Gold und Schmuck an den König von Spanien gesendet; auch mußte der Rath von Villa rica denselben ersuchen, Cortes als Oberfeldherrn zu bestätigen. Am 26. Juli 1519 ging Alaminos mit einem Schiffe nach Spanien; er hatte zwar die strengste Weisung erhalten, direct nach der Heimat zu steuern, trotzdem lief er in Cuba an, und so erhielt Velasquez die ersten zuverlässigen Nachrichten über den Abfall der Truppen und beschloß die Empörer zu züchtigen. Seine Partei im Heere des Cortes erhob sich von neuem, sie wollten sich von Cortes trennen und heimlich nach Cuba zurückkehren. Dadurch wäre dessen Macht zersplittert, sein großer Plan erschwert. Die Hauptanstifter wurden mit dem Tode bestraft, und um ähnlichen Verschwörungen für alle Zeiten ein Ende zu machen, griff der Feldherrzu dem verzweifelten Mittel und ließ die Flotte, mit Ausnahme eines einzigen kleinen Schiffes, auf den Strand laufen, nachdem ein ihm willkommenes Gutachten dieselbe für nicht mehr seetüchtig erklärt hatte. Alles brauchbare Geräth, alles Eisen wurde ans Land geschafft. Bernal Diaz (I, 52), indem er die Erzählung des Historikers Gomara corrigirt, welcher behauptete, Cortes habe die Fahrzeugeheimlichversenken lassen, schreibt dagegen: „Es ist weltkundig, daß Cortes die Schiffe mitZustimmung der ganzen Mannschaftund vor aller Augen auf den Strand laufen ließ, damit auch die Seeleute an unserem Feldzuge theilnehmen könnten.“ So war also der Rückzug abgeschnitten; es gab fortan nur noch ein Ziel: die feindliche Hauptstadt zu erobern, zu siegen oder zu fallen.
Nachdem in Villa rica 150 Mann und 2 Reiter als Besatzung zurückgelassen waren, brach Cortes am 16. August mit 300 Spaniern, 1300 totomakischen Kriegern, 1000 Trägern, 15 Reitern und 7 Geschützen auf und marschirte ins Bergland nach Westen. Durch das tropische Küstenland kam der Zug in zwei Tagen nach Jalapa, wo in einer Höhe von 1300 Metern die Palmen verschwinden. Je höher man stieg, desto kühler wurde das Klima; die Pflanzenwelt änderte sich, und ehe man die Gebirgspässe erreichte, hatte man auch die Region der Eichenwälder bereits hinter sich gelassen. Drei Tage marschirten sie durch rauhes, unbewohntes Land, wo mehrere von den cubanischen Indianern der Kälte erlagen. Dann erreichten sie, an dem mehr als 4000 Meter hohen Cofre de Perote vorbei, der südlich von ihnen lag, das Plateau von Anahuac. Als Cortes hier einen Dorfhäuptling fragte, ob er auch ein Unterthan Montezuma’s sei, antwortete dieser: „Wer wäre es denn nicht? Er ist der Herr der Welt.“[362]Obwohl das Landvolk sich friedlich verhielt, zog Cortes doch stets in fester Schlachtordnung weiter auf Tlascala. Auf der Hochebene wurde bedeutender Maisbau getrieben, Tlascala bedeutet „Brotland“. Das Volk der Tlascalaner war im 12. Jahrhundert eingewandert und hatte sich nach mancherlei Kämpfen in dem Gebiete niedergelassen. Sie standen nicht unter einem Könige, sondern sie bildeten eine Art Bundesstaat, dessen vier Fürsten sämmtlich in der Hauptstadt wohnten. In heftigen Kämpfen mit den Azteken hatten sie sich auf ihrem Gebiet behauptet und ihre Freiheit bewahrt. Den eindringenden Spaniern setzten sie den heftigsten Widerstand entgegen. Die Anzahl ihrer Krieger schätzte Cortes auf 100,000. Nach mehrtägigem, verzweifeltem Ringen, in welchem auch zwei Pferde getödtet wurden, gewannen die Spanier, besonders durch ihre Kanonen, am 5. September einen entscheidenden Sieg. Als dann auch noch der Versuch eines nächtlichen Ueberfalls durch die Wachsamkeit des Cortes vereitelt worden, welcher das Geständniß von der beabsichtigten Ueberrumpelung von einem gefangenen Indianer herausgelockt hatte, nahmen die Tlascalaner das Freundschaftsanerbieten des Siegers an und schlossen Frieden. Dertapfere Fürst Xicotencatl erschien persönlich im Lager der Spanier. Zum Abschluß eines Bündnisses trug besonders die Erklärung der Leute von Cempoalla bei, daß die FremdenFeindedes Montezuma seien. Ohne den Bund mit Tlascala wäre das Unternehmen des Cortes schwerlich gelungen. Sehr richtig befolgte dieser überall das Princip sich Freunde zu erwerben und Frieden zu schließen. Der römische Wahlspruch:Divide et imperaverhalf auch ihm zum endlichen Siege.
Als die Nachricht von den wiederholten Siegen über die Tlascalaner zu Montezuma drang, welcher trotz seiner großen Machtmittel den kleinen Freistaat nicht hatte bezwingen können, befestigte sich in ihm der Glaube immer mehr, die Spanier seien jene längst erwarteten Erben Quetzalcoatls. Seine Boten suchten unter Ueberreichung wiederholter Geschenke dem Heerführer der Weißen den Marsch in die Hauptstadt des mexikanischen Reiches als ein höchst gefährliches Unterfangen hinzustellen. Montezuma erklärte sich sogar zu einem Tribut an den König Karl von Spanien bereit und ließ Cortes ersuchen, die Höhe und den Umfang an Gold, Silber, edlen Steinen, Sklaven und bunten Baumwolltüchern nach seinem Gutdünken zu bestimmen;[363]allein dieser beharrte um so mehr bei seiner einmal abgegebenen Erklärung: er habe von seinem königlichen Herrn den ganz bestimmten Befehl erhalten, Mexiko selbst zu besuchen.
Am 23. September 1519 zog Cortes in Tlascala ein, die Stadt schien ihm größer als Granada zu sein.[364]Vor einer großen Zahl von neugierigen Zuschauern wurde täglich Messe gelesen. Mehrere vornehme Indianerinnen, darunter die Tochter Xicotencatls ließen sich taufen und gingen mit spanischen Officieren ein Ehebündniß ein.
In Tlascala erfuhr Cortes Genaueres über die Streitkräfte des Beherrschers von Mexiko. Montezuma, so erzählten die Tlascalaner, habe eine so große Kriegsmacht, daß er, wenn er einen großen Ort erobern, oder in eine Provinz einfallen wolle, jedesmal 100,000 Mann ins Feld rücken lasse. Die Mexikaner seien aber in allen Provinzen und bei allen Völkerschaften, welche Montezuma ausgeplündert und unterjocht habe, äußerst verhaßt und die mit Gewalt ausgehobenen Truppen schlügen sich nur mit Widerwillen und ohne Tapferkeit. Dann berichteten sie weiter von der Bewaffnung und Kriegsführung der Mexikaner und brachten zur Erklärung alles dessen große Stücke Nequen herbei, worauf ihre Schlachten abgebildet waren.[365]Es war also eine Militärherrschaft, welche nur aus Furcht vor einem noch schlimmeren Regiment ertragen wurde.
Nach einer Rast von drei Wochen rückte Cortes weiter nach Cholula, einer der größten Städte, welche unter mexikanischer Botmäßigkeit stand, denn sie zählte 20,000 Häuser, war ein Haupthandelsplatz und besaß ein blühendesGewerbe. Hier hatte Quetzalcoatl auf seinem Marsch an die Küste 20 Jahre geweilt. Ihm war ein gewaltiger Tempelbau geweiht, dessen Stufenabsätze im ganzen 177 Fuß hoch sich erhoben. Oben in dem Tempel befand sich das riesige Bild des Gottes. Außerdem gab es noch 400 andere Opferthürme in der Stadt. Die Scheußlichkeit der Menschenopfer trat immer greller hervor, jemehr man sich der Hauptstadt näherte. Aus mächtigen Balken waren große Käfige gezimmert, in welchen Männer und Knaben zum Opfer gemästet wurden. Diese Menschenställe wurden von den Spaniern zerstört und die Gefangenen in ihre Heimat entlassen. Schon in Tlascala hatte man Cortes vor dem hinterlistigen, heuchlerischen Charakter der Cholulaner gewarnt; aber 6000 tlascalanische Krieger, welche mit ihm zogen, um an dem Feldzuge gegen Montezuma theilzunehmen, meldeten ihm alles, was auf eine gegen ihn geplante Verrätherei hindeutete. So erfuhr er denn, daß ein Theil der Stadt verbarrikadirt sei, und daß viele Einwohner den Ort bereits verlassen hätten. Donna Marina erfuhr ferner, daß man die Spanier bei ihrem Abzuge aus der Stadt überfallen wolle. Deshalb kam Cortes ihnen zuvor und ließ einen Theil der versammelten Caziken und Soldaten niederhauen. Dann drangen auch die tlascalanischen Hilfstruppen aus ihrem Lager vor der Stadt ein und setzten, aus Haß gegen Cholula, das Plündern und Morden fort, bis Cortes ihnen Einhalt gebot. In diesem Straßenkampfe kamen gegen 3000 Menschen um. Der große Tempel wurde erstürmt und verbrannt. Diese rasche Züchtigung eines Verrathes, welcher, wie sich nachher herausstellte, auf Montezuma’s Befehl geplant war, übte einen gewaltigen Eindruck, so daß die Nachbarstädte sich, um einem ähnlichen Geschick zu entgehen, schleunig unterwarfen.
Dann ging der Marsch weiter nach Mexiko, dessen Thalbecken von Cholula durch eine kurze von Süden nach Norden streichende Gebirgskette, über welche einige Vulkankegel emporsteigen, getrennt wird. Der Gebirgspaß, welchen die Spanier überschritten, führt zwischen den beiden Hochgipfeln des Popocatépetl („rauchender Berg“) und dem nördlich davon gelegenen Iztaccihuatl („weiße Frau“) hindurch. Von der Höhe des Passes aus ließ Cortes durch den spanischen Hauptmann Diego Ordaz eine Besteigung des Popocatépetl versuchen; aber es war wegen der Menge Schnee, der großen Kälte und der Wirbelstürme in der Höhe nicht möglich, den höchsten Gipfel zu erreichen. Von der Höhe des Gebirgskammes genoß man eine herrliche Ansicht des schönen Thals von Mexiko mit der Hauptstadt, welche, gleich Venedig, in einem See erbaut war. Der See war damals größer als jetzt und verlängerte sich gegen Südosten in das schmale Wasserbecken von Xochimilco und weiter gegen Osten in den rundlichen See von Chalco, welcher von den ersteren durch einen künstlichen Damm getrennt war. Nach der Hauptstadt selbst führten von verschiedenen Seiten drei Dammstraßen, jede mit mehreren Durchschnitten, über welche Holzbrücken gelegt waren. Unter denselben konnten die Kähne von einem See-Abschnitt in den andern gelangen.Wurden aber die Brücken abgenommen, so bestand die Dammstraße aus mehreren inselartig von Wasser umgebenen Stücken, und es war nicht möglich in die Stadt einzudringen. Diese war auch im Innern von zahlreichen Canälen durchschnitten, über welche Zugbrücken führten. Die Häuser waren mit einer Art von Brustwehr versehen und dienten jedes als eine kleine Festung für sich.
Außer der Hauptstadt lagen noch zahlreiche Städte und Dörfer am See, welcher zum Theil auch noch schwimmende Gärten trug, die den Reiz der eigenthümlichen Scenerie erhöhten. Derartige Gärten haben sich noch bis in die Gegenwart erhalten. Die Stadt Mexiko selbst zählte damals wenigstens 60,000 Häuser, woraus man auf eine Bevölkerung von über 300,000 Einwohnern schließen kann, besaß aber auch große Marktplätze, von denen einer so groß wie die Stadt Salamanca gewesen sein soll; der große Opfertempel, von dessen hoher Plattform, zu welcher 114 Stufen hinanführten, man die ganze Stadt überschauen konnte, ragte mächtig über alle Gebäude empor. Der Haupttempel hatte 40 Thürme, alle sehr stark von behauenen Steinen gebaut, das Gebälk wohl zusammengefügt und bemalt. Die vornehmsten Herren in der Stadt hatten in diesen Thürmen ihre Götzen und Familiengrüfte. Auf der Höhe der Plattform befanden sich in einer Tempelhalle zwei Götzenbilder, welche von Gold und Edelgestein strotzten. Hier war die Hauptopferstätte, wo die Gefangenen auf einem Jaspisblocke geschlachtet wurden. Boden und Wände der Halle waren schwarz von Menschenblut. Die Köpfe der Schlachtopfer wurden auf Gerüsten aufbewahrt. An einem dieser Schädelberge wollte ein Spanier 136,000 Köpfe gezählt haben.
Trotzdem Montezuma immer wieder durch Botschafter seinen schon mehrfach ausgesprochenen Wunsch erneuern ließ, marschirte doch Cortes gerade auf die Stadt zu. Den Eindruck, welchen die Capitale der Azteken auf die Europäer machte, malt Bernal Diaz in einzelnen charakteristischen Zügen aus. „Wir gelangten,“ erzählt er, „auf die breite Heerstraße von Iztallapan, wo uns zu erstenmale die Menge von Städten und Dörfern, welche mitten in den See gebaut waren, die noch größere Zahl von bedeutenden Ortschaften am Ufer und die schöne schnurgrade Straße, welche nach Mexiko führte, ins Auge fiel. Unsere Verwunderung stieg in der That auf das höchste, und wir sprachen unter einander, daß hier alles den Zauberpalästen in Amadis’ Ritterbuche gleiche: so hoch und stolz stiegen Thürme, Tempel und Häuser mitten aus dem Wasser hervor. Ja manche unserer Leute behaupteten gradezu, daß alles, was sie sähen, nur ein Traumgesicht sei. In Iztallapan selbst stiegen unsere Vorstellungen von der Macht und dem Reichthum dieses Landes immer höher. Wir wurden in wahre Paläste einquartirt, die von ansehnlichem Umfange, mit großen Höfen umgeben, aus schön behauenen Quadersteinen, aus Cedern- und anderm wohlriechenden Holze aufgeführt waren. Sämmtliche Gemächer waren mit Tapeten von baumwollenen Zeugen behangen.“
„Am nächsten Morgen zogen wir nach Mexiko. Die Dammstraße war acht Schritt breit, aber gegenwärtig für die Menge von Menschen, welche in die Stadt hineinwollten und aus derselben herausströmten, um uns zu sehen, viel zu enge, so daß wir uns kaum bewegen konnten. Alle Thürme und Opfertempel waren mit Zuschauern bedeckt, der ganze See lag voll von Fahrzeugen, die mit Neugierigen angefüllt waren. Wer wollte sich auch darüber wundern, da man Leute unserer Art und Pferde noch nie hier gesehen hatte. Von Strecke zu Strecke hatten wir eine neue Brücke zu passiren und vor uns dehnte sich die große Stadt Mexiko in all ihrer Herrlichkeit aus. Und wir, die wir durch die zahllosen Menschenmassen hinzogen, waren ein Häufchen von 450 Mann und hatten den Kopf noch voll von den Warnungen der Bewohner von Tlascala und anderer Städte, und von den Vorsichtsmaßregeln, die sie uns empfohlen, um unser Leben gegen die Mexikaner sicher zu stellen. Wenn man unsere Lage erwägt, darf man wohl fragen, ob es je Männer gegeben, welche ein so kühnes Wagestück unternommen haben.“[366]
Dieser denkwürdige Einzug in Mexiko geschah am 8. Nov. 1519. In der Hauptstraße der Stadt kam der König dem einrückenden spanischen Feldherrn mit einem glänzenden Gefolge von 200 Personen entgegen, sämmtlich barfuß, mit Ausnahme des Herrschers, welcher von Edelleuten in einem goldverzierten Sessel getragen wurde, über dem sich eine Art Thronhimmel, mit grünen Federn, Gold, Silber und edeln Steinen geschmückt, erhob. Als die Spanier nahten, verließ Montezuma seinen Sitz und schritt über ausgebreitete Decken den Fremden entgegen, angethan mit einer reichen, malerischen Kleidung, auf dem Kopf den Federbusch von grüner Farbe. Grün galt als die königliche Farbe. Seine mit Juwelen besetzten Halbstiefel hatten goldene Sohlen. Wie er durch die Menge daher schritt, durfte keiner zu ihm aufschauen; alle senkten demüthig den Blick. Cortes stieg, als er des Königs ansichtig wurde, vom Pferde, ging dem aztekischen Herrscher entgegen und hing ihm als Geschenk eine Kette von funkelndem Kristallglas um den Hals, er wollte ihn sogar umarmen, wurde daran aber durch die beiden begleitenden Fürsten, welche dem Kaiser zunächst standen, verhindert, damit die Person des Landesherrn nicht entweiht würde. Nachdem dieser dann für Cortes noch ein reiches Geschenk zurückgelassen, zog er sich mit seinem Gefolge zurück.
Mit Musik und fliegenden Fahnen hielten die Spanier ihren Einzug. Sechstausend Tlascalaner folgten ihnen. Inmitten der Stadt lagen an einem geräumigen Marktplatze der hohe Tempel des Kriegsgottes, da wo jetzt die Stiftskirche in Mexiko steht, und die weitläufigen Gebäude des Palastes, welchen der Vater Montezuma’s gebaut. Diesen wies Montezuma seinenGästen als Wohnung an. Die besten Zimmer waren auch hier mit bunten baumwollenen Vorhängen bedeckt und der Fußboden mit Matten belegt. Cortes ließ den ganzen Gebäudecomplex, der durch die umgebende dicke Mauer und die Mauerthürme an sich schon einer Festung glich, mit Wachen besetzen und vor die Eingänge Kanonen aufpflanzen. Am Abend erschien Montezuma zum Besuch, erzählte dem Cortes ausführlich die Sage von Quetzalcoatl und erklärte schließlich: nach allem, was er bisher von den Spaniern über ihr Land und über ihren König gehört, glaube er ganz fest, dieser sei der rechtmäßige Herr von Mexiko.[367]Cortes möge daher über ihn und über sein Land verfügen.
Am nächsten Morgen erwiderte Cortes in Begleitung von vier Hauptleuten, Pedro de Alvarado, Juan Velasquez de Leon, Diego de Ordaz und Gonzalo de Sandoval, den Besuch. Der königliche Palast umschloß mehrere Höfe, in einem derselben spielte ein Springbrunnen. Der ganze Bau war aus behauenen Steinen ausgeführt. Die Wände der Gemächer waren mit Marmor, Jaspis und Porphyr belegt, in dessen glattpolirten Flächen man sich spiegeln konnte, oder sie waren mit kostbaren Webstoffen oder Federteppichen behängt, auf denen Vögel und Blumen eingestickt waren. Im Laufe des Gesprächs ließ Cortes durch den Dolmetscher erklären, er habe von seinem Herrn den Auftrag erhalten, Montezuma zum Christenthum zu bekehren und begann daher ihm die Grundlehren des Glaubens auseinanderzusetzen. Allein der König, welcher früher selbst das Amt eines Oberpriesters bekleidet hatte, wich einer weiteren Erörterung über die Vorzüge der beiden Religionen aus; doch wiederholte er auch hier seine Bereitwilligkeit, dem spanischen Könige als seinem Oberherrn Tribut zu bezahlen. Bernal Diaz, welcher im Gefolge des Cortes dieser Audienz beiwohnte, gibt bei dieser Gelegenheit folgende Beschreibung von der Person Montezuma’s.[368]
„Der große Montezuma mochte um diese Zeit in seinem vierzigsten Jahre stehen. Er hatte eine ansehnliche Statur, war von schlankem Wuchs, etwas mager von Gliedern, aber in den besten Verhältnissen gebaut. Seine Farbe fiel nicht sehr ins Braune, sondern streifte blos an das Colorit der Indianer. Die Haare trug er nur über den Ohren stark, welche ganz von den Locken bedeckt wurden. Er hatte einen schwachen, aber wohlaussehenden, schwarzen Bart. Sein Gesicht war länglich und heiter, und seine wohlgeformten Augen drückten, je nachdem es paßte, Liebe und Ernst aus.“
Die Spanier richteten sich dann, mit Genehmigung des Königs, in ihrem Palaste eine christliche Kapelle ein, entdeckten dabei eine vermauerte Thür und dahinter den verborgenen Privatschatz des Königs. Nachdem eine Woche verstrichen war, entschloß sich Cortes, den aztekischen Herrscher gefangen zu nehmen. Den Vorwand dazu boten die Ereignisse in seiner Station ander Küste, wo Juan de Escalante mit 150 Mann als Besatzung zurückgeblieben war. Ein benachbarter Cazike hatte dieselbe verrätherisch überfallen, mehrere Spanier getödtet und den Befehlshaber tödtlich verwundet. Mit mehreren zuverlässigen Leuten ging Cortes zu Montezuma, sowie er von diesen Vorfällen benachrichtigt war, und beschuldigte denselben als geheimen Urheber des Verraths, auch verlangte er die Bestrafung des Caziken. Montezuma sagte dieses bereitwillig zu und ließ den Frevler sofort nach der Hauptstadt zur Verantwortung rufen. Damit noch nicht zufrieden, forderte Cortes, der König solle solange, bis die Sache entschieden sei, in dem Palaste der Spanier seine Wohnung nehmen. Montezuma bot seinen Sohn und seine Töchter als Geißeln an; aber Cortes ging nicht darauf ein, sondern bestand darauf, daß nur die eigne Person des Königs den Spaniern in der Hauptstadt die nöthige Sicherheit gewähren könne. Als dieser Wortwechsel schon eine gute halbe Stunde gedauert hatte, verloren die Officiere des Cortes die Geduld und Velasquez de Leon rief erregt: „Wozu noch viele Worte! Entweder geht er freiwillig mit uns, oder wir stoßen ihn nieder. Denn hier kömmt es darauf an, unser eignes Leben zu retten; und geschieht es nicht auf diese Weise, so sind wir unfehlbar verloren.“[369]
Durch diese Drohung erschreckt, gab Montezuma nach und ging mit. Dem Volke, das sich zusammenrottete, gab er die Erklärung, er gehe freiwillig. Man behandelte ihn ehrfurchtsvoll, wie den Herrn eines großen Reichs und ließ ihm seinen ganzen Hofstaat sammt dem ceremoniellen Gepränge. Er ertheilte in gewohnter Weise Audienzen und stand mit seinem Volke ununterbrochen in Verkehr.[370]Esschienfast keine Veränderung eingetreten, aber Montezuma selbst empfand sie tief.
Als der aztekische Statthalter Quauhpopoca (Cortes schreibt Qualpopoca), welcher die Spanier an der Küste überfallen hatte, auf Befehl Montezuma’s mit seinem Sohne und 15 Hauptleuten in der Hauptstadt erschien, wurde er Cortes zur Verurtheilung übergeben. Sie gestanden alle, daß Montezuma sie zu dem Ueberfall veranlaßt habe, und wurden dann auf dem großen Platze vor dem Palaste verbrannt. Während der Hinrichtung ließ Cortes den König als Urheber des Verraths in Fesseln legen. Wenn es nun auch nach dieser Demüthigung Montezuma freigestellt wurde, in seinen eignen Palast zurückzukehren, so wagte er es doch nicht mehr aus Furcht, die Azteken möchten sich dann gegen die Fremden erheben und er könne dem Ingrimm seines Volks keinen Einhalt gebieten. Er zog es also vor, unter dem Schutze der Spanier zu bleiben. Da beschloß der Neffe des Königs, Cacama, Fürst von Tezcuco, einer großen Stadt am östlichen Seeufer, welche etwa 150,000 Einwohner zählte, der unwürdigen Behandlung des Landesherrn mit Gewalt ein Ende zu machen. Aber da der Adel ohne ZustimmungMontezuma’s nichts unternehmen wollte, so erfuhr auch Cortes von dem Plan, ließ Cacama mit Hilfe von tezcucanischen Edelleuten, die im Dienste Montezuma’s standen, gefangen nehmen und durch seinen Oberherrn für abgesetzt erklären. Auch die übrigen Verschworenen wurden auf Montezuma’s Befehl verhaftet. Dann leistete dieser in öffentlicher Versammlung der Caziken und Vornehmen den Huldigungseid dem Könige von Spanien, wobei er darauf hinwies, daß die Prophezeihung Quetzalcoatl’s nun in Erfüllung gegangen sei. Er schloß seine Ansprache an die Häuptlinge des Landes mit den Worten: „Gehorchet also von nun an dem großen König Karl als eurem natürlichen Oberherrn, und dem General, der ihn vertritt. Bezahlt ihm die Abgaben, die ihr mir entrichtet habt und dienet ihm, wie ihr mir gedient habt.“[371]Montezuma sprach unter Thränen und Seufzern, er fügte sich fatalistisch ergeben in sein Geschick. Cortes ließ die Akte der Unterwerfung von einem Notar aufsetzen und von beiden Parteien unterzeichnen.
Von eingebornen Beamten begleitet, zogen dann die Spanier weit und breit durchs Land, um Steuern zu erheben und den Tribut für den König von Spanien in Empfang zu nehmen. Sie drangen bis zu 100 Meilen Entfernung von der Hauptstadt ohne Schwierigkeit vor und kehrten mit Gold und Silber beladen zurück. Montezuma fügte dem aus seinem Privatschatze noch andere Kostbarkeiten hinzu. „Die Kleinodien,“ schrieb Cortes, „sind, abgesehen von ihrem Metallwerth, wegen ihrer Neuheit und eigenartigen Form unschätzbar. Kein Fürst der Welt kann dergleichen haben. Alles, was Montezuma auf der Erde gesehen, oder aus der Tiefe des Meeres gezogen, wurde auf seinen Befehl in Gold, Silber, Edelsteinen und bunten Federn aufs vollkommenste nachgebildet. Er hat auch nach meinen Zeichnungen Crucifixe, Medaillen, Kleinodien und Halsbänder nach europäischem Geschmack anfertigen lassen. Außerdem hat mir Montezuma eine große Menge baumwollner Stoffe von der größten Schönheit, sowohl wegen der Farbe als der Arbeit, ferner Tapeten für Kirchen und Wohnhäuser, baumwollne und aus Kaninchenwolle gefertigte Decken, sowie zwölf prächtig verzierte und gemalte Blasrohre geschenkt.“[372]Ungerechnet die feinern Kunstarbeiten, die nicht eingeschmolzen wurden, betrug von den übrigen Tributen und Geschenken der königliche Quint 32,400pesos d’oro.
Um eine genauere Vorstellung von der Größe des Landes und seiner Küsten zu bekommen, namentlich, um die Ankerplätze ausfindig zu machen, ließ sich Cortes vom Kaiser eine auf Nequenstoff gemalte Karte geben.[373]Durch die dadurch gewonnene Kenntniß wuchs der Einfluß der Spanier im Lande immer mehr, und es schien, als ob sich der Uebergang der Herrschaft allmählich und auf friedlichem Wege vollziehen sollte. Da trat aber ein Ereignißein, durch welches Cortes genöthigt wurde, die Hauptstadt zu verlassen und die bereits gewonnene Machtstellung gegen die eignen Landsleute zu vertheidigen.
Der Statthalter von Cuba, Velasquez, hatte, nachdem sich Cortes mit seinem Heere von ihm losgesagt, die Hoffnung noch nicht aufgegeben, den abtrünnigen Befehlshaber zu bezwingen und das Goldland Mexiko für sich zu gewinnen. Seine in Spanien angebrachte Beschwerde hatte bei Fonseca Gehör gefunden, welcher in folge dessen die Abgesandten des Cortes nicht, wie sie erwartet hatten, empfing, sondern ihr Anliegen verschob. Velasquez rüstete inzwischen ein neues Heer in der Stärke von wenigstens 800 Mann, darunter 80 Musketiere und 120 Armbrustschützen, ferner 80 Reiter und 17 bis 18 Kanonen und übergab das Commando demPanfilo de Narvaez, mit dem Befehl, Cortes abzusetzen und gefangen nach Cuba abzuführen. Sobald der Vicekönig von Haiti, Diego Colon, von diesen Rüstungen hörte, sandte er einen gewandten Mann, den Licentiaten Lucas Vasquez de Ayllon nach Cuba, um dem dortigen Statthalter zu bedeuten, daß er unter keinen Umständen gegen Cortes feindlich auftreten dürfe, um den Erfolg des so glänzend begonnenen Unternehmens nicht in Frage zu stellen. Als Velasquez auf diese Vorstellungen nicht eingehen wollte, hielt sich Ayllon für verpflichtet, die bereits segelfertige Flotte von 18 Schiffen nach Mexiko zu begleiten. Narvaez kam am 23. April 1520 an dieselbe Stelle der mexikanischen Küste, bei der heutigen Stadt Vera Cruz, wo auch Cortes gelandet war. Als auch hier Ayllon seinen Protest gegen ein feindliches Vorgehen wiederholte, ließ Narvaez ihn auf ein Schiff bringen und nach Haiti zurückschaffen, wo er dem Vicekönige über die Verhältnisse Bericht erstattete. Da dieser sich durch die seinem Gesandten angethane Beleidigung in seiner Autorität verletzt sah, führte er beim königlichen Gerichtshof in Spanien gegen Velasquez und Narvaez Beschwerde. Er nahm also für Cortes Partei, was für diesen in der Folgezeit von Wichtigkeit wurde und eine ihm selbst günstige Entscheidung herbeiführte.
Nachdem Narvaez mit seinem Heere gelandet war, forderte er den Befehlshaber von Villa Rica, Gonzalo de Sandoval, auf, sich ihm zu ergeben und den Platz zu überliefern. Dieser aber schickte die Gesandten, den Priester Guevara und fünf andere Spanier, gebunden auf dem Rücken indianischer Lastträger direct nach Mexiko, welches sie in vier Tagen erreichten, um ihren Auftrag persönlich an Cortes auszurichten. Dieser ließ die unfreiwilligen Gesandten vor der Stadt beritten machen, damit sie würdig einziehen könnten, und empfing sie sehr höflich. Nachdem er ihnen die Verhältnisse in der Hauptstadt auseinandergesetzt hatte, gewann er sie bald alle für sich und schöpfte auch aus den Mittheilungen der Gesandten die Hoffnung, das gegen ihn ausgeschickte Heer zu gewinnen. Man fürchte, sagte man ihm, nur denFeldherrn Narvaez; allein sein Einfluß sei nicht groß, da er sich durch seine Anmaßung und seinen Geiz viele entfremdet habe.
Cortes entsandte darauf den klugen Pater Olmedo mit einem versöhnlichen Briefe an Narvaez, in welchem er ihm Waffenbrüderschaft und Theilung der Macht anbot. Außerdem waren für die Officiere des gelandeten Heeres reichliche Goldgeschenke beigelegt. Die Erzählungen und Berichte Guevara’s und Olmedo’s gewannen die Soldaten bald für Cortes, aber Narvaez wollte von einem Vergleiche nichts wissen. Ohne die Antwort abzuwarten, deren Inhalt ihm nicht zweifelhaft sein konnte, beschloß Cortes, seinem Rivalen entgegenzurücken, ehe er Zeit gewinnen könne, ins Innere vorzudringen. Nachdem er den König Montezuma unter der Obhut des tapferen und zuverlässigen Pedro de Alvarado mit 140 Mann und allem Geschütz zurückgelassen hatte, brach er selbst mit nur 70 seiner tapfersten Leute und 2000 Indianern, welche gegen die Reiter des Narvaez mit langen Lanzen bewaffnet waren, im Mai 1520 von der Hauptstadt auf, traf in Cholula mit einer Abtheilung seines Heeres, welche, 120 Mann stark, unter Velasquez de Leon südlich von Vera Cruz einen Hafen hatte aufsuchen sollen, aber auf die Nachricht von der Landung des Narvaez zurückgerufen war, zusammen, begegnete in der Nähe von Tlascala seinem zurückkehrenden Gesandten Olmedo und verfügte nun, nachdem in der Nähe des Pico de Perote noch Sandoval von Villa rica mit 60 Mann zu ihm gestoßen war, über eine Streitmacht von etwa 260 Spaniern. Mit diesen rückte er dem Narvaez, welcher bei Cempoalla lagerte, kühn entgegen. In einer regnerischen, dunkeln Nacht, am Abend vor Pfingsten, überfiel er seinen Gegner, dessen Stellung er genau ausgekundschaftet hatte. Er benutzte die Nacht, damit seine Gegner nicht durch die geringe Zahl seiner Mannschaft zu stärkerem Widerstande gereizt würden. „Als wir eindrangen,“ erzählt Bernal Diaz, „war es stockfinster und es regnete stark, und erst später ging der Mond auf; aber auch die Finsterniß war uns von großem Nutzen, denn in der dunklen Nacht flogen eine Menge Leuchtkäfer umher, die von Narvaez’ Leuten für Lunten zum Losbrennen der Musketen gehalten wurden und ihnen daher einen ganz besonderen Begriff von der großen Zahl unserer Feuergewehre beibrachten.“[374]Cortes wußte genau das Quartier des feindlichen Heerführers und kam unbemerkt bis in den Hof des Hauses, wo erst die Gegner allarmirt wurden. Sandoval drang in das Thurmzimmer ein, wo Narvaez wohnte. Im nächtlichen Getümmel verlor dieser durch einen Lanzenstich ein Auge und wurde gefangen genommen. Der Kampf gegen seine Truppen dauerte nur kurze Zeit, ihr Widerstand hörte mit der Gefangennahme des Feldherrn auf. Nur zwei Spanier waren gefallen. Die Soldaten huldigten Cortes, welcher den verwundeten Gegner und seine entschiedensten Anhänger nach Villa rica bringen ließ. Erst am nächsten Morgen kamen die 2000 indianischen Hilfstruppenan, welche Cortes am Kampfe gegen seine Landsleute nicht hatte theilnehmen lassen, damit sie sich nicht eines Sieges über die Weißen rühmen könnten. Es war ein leicht errungener Erfolg gewesen. „Ich kann Euch versichern,“ hatte Cortes zu dem gefangenen Narvaez gesagt, „daß dieser Sieg eine der geringsten Waffenthaten ist, die wir in Neu-Spanien verrichtet.“ Aber der Sieg war trotzdem von höchster Bedeutung, weil ohne ihn die begonnene Unterwerfung des aztekischen Reichs unmöglich gewesen wäre.
Kurze Zeit darauf erhielt Cortes eine Nachricht, welche ihn veranlaßte, so rasch als möglich nach Mexiko zu eilen. Alvarado hatte bei einem großen Opferfeste in der Stadt, welches angeblich von den Mexikanern hatte benutzt werden sollen, um ihren König wieder zu befreien, allzurasch zu Gewaltmaßregeln sich hinreißen lassen, auf die versammelte Menge einzuhauen befohlen und ein Blutbad angerichtet, wobei viele vom aztekischen Adel niedergestoßen waren. In folge dessen erhob sich die ganze Stadt und griff die spanische Besatzung in ihrem Palaste so energisch an, daß Alvarado Boten entsenden und den Oberfeldherrn um schleunige Hilfe bitten mußte. Die Kranken und Verwundeten in Cempoalla zurücklassend, eilte Cortes mit seiner ganzen Macht auf das Tafelland zurück. In Tlascala hielt er kurze Rast und musterte sein Heer. Er verfügte wieder über eine Streitmacht von 1300 Mann, darunter 90 Reiter, 80 Armbrustschützen und ebensoviel Musketiere. Je näher er der Hauptstadt kam, um so kühler wurde der Empfang von seiten der Bewohner. Alvarado war seit vierzehn Tagen in seiner Festung belagert. Als Cortes am Johannistage 1520 wieder in die Hauptstadt einrückte, empfing ihn nicht mehr eine neugierige Volksmenge, wie das erste Mal. Alle Bewohner hielten sich scheu zurück. Die Stadt schien wie verödet.
Bald nachdem Cortes sich mit Alvarado vereinigt hatte, erfolgte ein wüthender Angriff auf die Festung, der bis zur Nacht andauerte, aber durch die Kanonen abgeschlagen wurde. Die Brustwehren und Hauswände waren mit Pfeilen dermaßen bedeckt, daß man kaum gehen konnte. Die Menge der Schleudersteine verdeckte fast den ganzen Boden der Palasthöfe. Am nächsten Morgen machten die Spanier einen Ausfall und begannen einen erbitterten Kampf gegen die dichten Massen der Indianer. Sie feuerten Schuß auf Schuß gegen sie, sie rückten dicht an sie heran und stießen in jedem Anlauf 30 bis 40 Indianer nieder; umsonst, die Feinde behaupteten ihre Stelle und ihre Kraft schien eher zu wachsen als abzunehmen. Von den Dächern der Häuser warf man große Steine auf die Weißen. Cortes ließ zwar, um seine Gegner zu vertreiben, die nächsten Häuser anzünden; allein da dieselben durch Wassergräben von einander getrennt waren, so verbreitete sich das Feuer nicht weiter.
Da ein fortgesetzter Kampf aus dem Innern der Stadt für die Spaniervöllig nutzlos war, so forderte Cortes den König auf, sich seinem Volk zu zeigen und demselben zu erklären, daß die Fremden bereit seien, die Stadt zu verlassen, wenn man ihnen unbelästigten Abzug gestatte. Nach einigem Zögern erschien Montezuma in vollem königlichen Schmucke auf der Plattform des Thurmes. So wie das Volk seiner ansichtig wurde, trat eine ehrfurchtsvolle Stille ein. Er erklärte laut: er sei kein Gefangener und die Spanier wollten abziehen. Aber das erzürnte Volk nahm die Worte des Herrschers für ein Zeichen von Feigheit und rief ihm zu, sie hätten seinen Vetter, den Fürsten von Iztapalapan, auf den Thron gehoben und geschworen, die Waffen nicht eher niederzulegen, als bis alle Spanier getödtet seien. Ein Hagel von Steinen und Geschossen begleitete diese Worte. Ehe die neben dem Könige stehenden Spanier ihn mit ihren Schilden decken konnten, erhielt er mehrere Wunden und wurde durch einen Steinwurf an den Kopf besinnungslos niedergeworfen.[375]Diese Demüthigung durch sein eignes Volk empfand Montezuma so tief, daß er, als er aus seiner Betäubung erwacht war, alle ärztliche Hilfeleistung von sich wies, den Verband abriß und am dritten Tage starb, am 30. Juni 1520. Mit seinem Tode hörte auch der letzte Rest von Rücksicht auf, welche die Azteken um ihres Königs willen noch an den Tag gelegt. Ihr Ziel war auf die vollständige Vernichtung ihrer gefährlichen Feinde gerichtet, und zu dem Zwecke hatte man auch die Dammbrücken beseitigt, um den Spaniern den Rückzug abzuschneiden. Dazu gingen die Lebensmittel aus. Cortes mußte den Abmarsch vorbereiten und ließ zu dem Vorhaben eine tragbare Brücke zimmern, um damit die Dammbrücken, eine nach der andern, überschreiten zu können. Bei dunkler Nacht, am 1. Juli 1520, brach Cortes mit seinem Heere auf und schlug den Weg über den westlichen Damm ein. Die Töchter des Montezuma und den Fürsten Cacama nahm er als Gefangene mit. Da die Goldschätze wegen ihres bedeutenden Gewichtes nicht auf einmal zu transportiren waren, so ließ er nur den königlichen Antheil aufpacken; von dem übrigen Vorrathe konnte sich jeder Soldat nehmen. Doch warnte der Feldherr, sich nicht zu sehr zu beladen. Mancher wurde durch seine Habgier ins Verderben gezogen, wenn er in dem Gedränge des nächtlichen Kampfes durch seine Goldlast in der Führung seiner Waffen gehemmt wurde. Ebenso kamen alle Tlascalaner ums Leben, denen der Kronschatz anvertraut war.
Die erste Dammlücke wurde mittelst der tragbaren Brücke glücklich überschritten, obwohl die Azteken zu Lande lebhaft nachdrängten und von zahlreichen Kähnen aus die Abziehenden mit Wurfgeschossen überschütteten. Schon bei der zweiten Lücke wurde die Lage der Spanier höchst bedenklich. Da es regnete, waren die Brückenbalken glatt geworden; zwei Pferde glitten aus, wurden scheu, überschlugen sich in den See und auch die Brücke schlug um.Nun entstand ein verzweifeltes Gedränge, die vorderen Reihen wurden ins Wasser gestoßen, wo sich Kampf und Gemetzel fortsetzte. Wer sich durch Schwimmen zu retten suchte, wurde von den Kähnen eingeholt und gefangen fortgeschleppt. Die Dammlücke füllte sich mit todten Rossen und Menschenleibern, mit Kanonen und Karren und darüber ging der Strom der dichten, wogenden, kämpfenden Menschenmenge. Jeder war nur noch auf die Rettung des eignen Lebens bedacht, es galt kein Commando, es gab keinen Zusammenhalt mehr. Alles drängte nach dem festen Lande hinüber. Von den 1300 Soldaten, welche mit Cortes in die Stadt gezogen waren, kamen nicht mehr als 440 mit dem Leben davon, und auch sie waren alle verwundet. Ueber 860 Mann wurden getödtet oder fielen den Azteken in die Hände, welche sie ihren Göttern opferten.[376]Verloren gingen ferner alle Kanonen, aller Schießbedarf, alle Büchsen und 46 Pferde, so daß die Reiterei nur noch aus 23 Mann bestand. Dieser Rückzug ist unter dem Namen der traurigen Nacht (la noche triste) bekannt. In Popotla zeigt man noch den Cederbaum, um welchen Cortes mit dem Reste seiner Truppen in jener Nacht lagerte.[377]Am nächsten Morgen zog der Feldherr der Spanier nordwärts und um den See herum gegen Osten, unter steter Verfolgung des Feindes die Schwerverwundeten in der Mitte führend und mit seiner Reiterschar die Flanken deckend. Am 7. Juli gelangte er zu den noch vorhandenen, vielleicht ältesten Baudenkmälern des Landes, den beiden Pyramiden von Teotihuacan (d. h. „Wohnung der Götter“), von denen die größere an der Basis 208 Meter lang ist und eine senkrechte Höhe von 55 Metern hat. Beide waren genau nach den Himmelsgegenden orientirt. Oestlich davon in der Ebene von Otumba suchte ihnen ein mexikanisches Heer den Rückzug zu verlegen. Die große Uebermacht — ihre Zahl wird auf 200,000 angegeben — schloß die kleine spanische Schar völlig ein. Sie stand da wie eine Insel in stürmisch brandender See[378], aber Cortes wußte seine Leute durch ermunternden Zuspruch zu beleben: „Heute ist noch nicht der Tag, an dem wir besiegt werden sollen.“ Trotzdem erkannte er den ganzen Umfang der Gefahr. Er schrieb später an den König: „Wir fochten, so zu sagen, unter einander gemischt, und wir hielten dies für unser letztes Gefecht in unserem Leben: so schwach waren wir, so mächtig und stark waren hingegen die Feinde.“[379]Cortes wurde durch zwei Steinwürfe empfindlich am Kopfe verwundet und mußte sich verbinden lassen. Da rettete der Ritter Juan Salamanca seine Genossen durch eine kühne That. Er sah mitten im Getümmel den feindlichen Anführer, der das Feldzeichen trug, drang mit wenig Reitern auf ihn ein, indem er alles vor sich niederritt, tödtete den Gegner und nahm die Standarte.[380]Der Fall des Führers gab das Signal zur Flucht. Nachdem die erschöpften Truppen drei Tage in der Stadt Huejotlipan gerastet, zogen sie nach Tlascala, wo sie freundlich empfangen wurden und in Ruhe die Heilung ihrer Wunden abwarten konnten. Cortes selbst bedurfte vor allem der Pflege. Seine Kopfwunden hatten sich verschlimmert, er hatte außerdem zwei Finger der linken Hand eingebüßt und war durch die gewaltige Aufregung und Ueberanstrengung nicht unbedenklich erkrankt. Kein Wunder, daß unter solchen Verhältnissen auch den Soldaten der Muth sank, und daß ein großer Theil nach der Küste zurückzukehren wünschte. Dazu wurde ihre Lage höchst unsicher, weil eine Gesandtschaft der Mexikaner die Tlascalaner zum Bündniß gegen die Spanier aufforderte und der Häuptling Xicotencatl nicht abgeneigt schien, sich auf die Seite der Azteken zu stellen. Glücklicherweise hielt sein eigner Vater fest an dem Bunde mit Cortes.
Nachdem sich das Heer genügend erholt hatte, und Cortes wieder genesen war, kehrte auch der alte Unternehmungsgeist der Truppen wieder zurück. In glücklichen Kämpfen unterwarfen sie mit Hilfe der Tlascalaner das Land zwischen dem Popocatépetl und dem Citlaltépetl. Neue Scharen, welche Velasquez gesendet, in dem Glauben, Narvaez sei Herr des Landes, traten sofort zu Cortes über. Dann schrieb dieser von der Stadt Tepeaca aus, welche er Segura de la frontera nannte, seinen berühmten Brief, vom 30. October 1520 datirt, an den König von Spanien, in welchem er über die bisherigen Vorgänge genau Bericht erstattete, und schloß mit den Worten: „Wegen aller Aehnlichkeiten, welche ich zwischen diesen Ländern (Mexiko und Spanien) gefunden, in Bezug auf Fruchtbarkeit, Größe, Klima u. a. habe ich für passend gehalten, ihnen den Namen „Neuspanien des Oceans“ (la nueva España del Mar Oceano) zu geben und wage, Ew. Maj. zu ersuchen, diese Benennung zu bestätigen.[381]Aus diesem Berichte ersah man zuerst in Spanien, daß Cortes im Begriff stand, ein mächtiges Reich, das eine Fülle der geschätztesten Produkte besaß, der spanischen Krone zu unterwerfen, und Peter Martyr beeilte sich seinen Gönnern und Freunden die Pracht der Hauptstadt „TenustitanaliasMexiko“ und die Reichthümer des Landes zu schildern.[382]
Cortes hatte beschlossen, die feindliche Hauptstadt von neuem anzugreifen. Aber um von dem See aus nicht wieder durch die Kriegsböte der Azteken belästigt zu werden, wollte er sich vor allem zum Herrn der dieStadt umgebenden Gewässer machen, um derselben die Verbindung mit dem Lande abzuschneiden. Zu dem Zwecke ließ er eine Anzahl von Brigantinen bauen, wozu er das Takelwerk und Eisen von Vera Cruz heraufschaffen ließ. Die Schiffstheile wurden in Tlascala angefertigt und von da an den See geschafft, wo sie zusammengesetzt wurden. Als er in der Mitte des December von Tepeaca aufbrach, bestand sein Heer aus 550 Mann zu Fuß, 40 Reitern und 8 oder 9 Kanonen. Das Heer der mit ihm verbündeten Indianer, welche mit der Eroberung der aztekischen Hauptstadt ihre Unabhängigkeit von dem drückenden Joche zu gewinnen hofften, zählte über 100,000 Mann.