Auf einem schwierigen Gebirgspasse nördlich vom Iztaccihuatl zog er nach Tezcuco, dessen Bewohner sich theils zu Boot über den See, theils zu Fuß über das Gebirge geflüchtet hatten.
In Mexiko war der Bruder und Nachfolger Montezuma’s nach viermonatiger Regierung gestorben und an seine Stelle der Neffe der beiden letzten Regenten, der 25jährige Quauhtemotzin[383]oder Guatemotzin gewählt worden. Dieser ließ die Stadt gegen den beabsichtigten Angriff der Spanier von allen Seiten befestigen. Nachdem Cortes sich in Tezcuco festgesetzt hatte, ließ er einen Graben, welcher zu dem eine halbe Legua entfernten See führte, so weit vertiefen, daß seine 13 neuerbauten Schiffe in den See einlaufen konnten. Dann unternahm er einen Recognoscirungszug rings um den See, um die Zugänge zur Hauptstadt kennen zu lernen, unterwarf die Städte, welche am Seeufer lagen und griff, nachdem er von Haiti noch eine erbetene Verstärkung an Truppen, 200 Mann zu Fuß und 70 bis 80 Pferde, erhalten hatte, die Stadt Xochimilco (d. h. Blumenfeld, nach den schwimmenden Gärten so genannt) an, welche theilweise im See lag. Bei der Erstürmung wäre Cortes fast in Gefangenschaft gerathen. Im Getümmel des Kampfes that sein Roß einen Fehltritt und stürzte nieder. Augenblicklich war er von Feinden umringt, gegen die er sich mit seiner Lanze vertheidigte. Er wäre fortgeschleppt worden, wenn nicht ein treuer Diener und ein Tlascalaner ihn aus der drohenden Gefahr befreit hätten. Kurz darauf hatte er einen Angriff Guatemotzins abzuschlagen, der mit 2000 Kähnen und 12,000 Mann der Stadt zu Hilfe eilte.
Die Anhänger des Velasquez, deren es noch manche in dem spanischen Heere gab, und denen die gewaltigen Anstrengungen, welche Cortes ihnen auferlegte, nur eine nutzlose Vergeudung von Menschenleben schienen, ohne Aussicht, endlich in den Besitz der gehofften Schätze zu gelangen, stifteten wieder eine Verschwörung an und beabsichtigten, den Feldherrn sammt seinen treusten Officieren zu ermorden und dann nach der Heimat zurückzukehren. Aber auch von diesem Verrath erhielt Cortes rechtzeitig Kunde, ließ denAnstifter hinrichten und zerriß die Liste aller Verschworenen, die er bereits in Händen hatte. Doch umgab er sich von da an mit einer zuverlässigen Leibwache.
Endlich war nach einer Arbeit von 50 Tagen der 12 Fuß tiefe Graben durch 8000 Arbeiter am 28. April 1521 vollendet und die Schiffe liefen vor den Augen des versammelten Heeres in den See. Nun erst konnte man den unaufhörlichen Belästigungen durch die feindlichen Böte, welche jeden Vormarsch auf die Seedämme erschwerten, ein Ende machen. Jedes Schiff erhielt eine Kanone und 25 Mann Besatzung. Dann wurde das Heer, welches wieder auf mehr als 800 Mann angewachsen war, in drei Haufen getheilt und diese unter den Befehl von Alvarado, Olid und Sandoval gestellt. Durch einen glänzenden Sieg über die feindliche Flotille machte sich Cortes zum Meister des Sees. Anfänglich war es seine Absicht gewesen, die aztekischen Böte, die in einer Anzahl von 500 gegen ihn auf Kundschaft ausgeschickt waren, unbehelligt herankommen zu lassen, um sie dann mit Kanonenschüssen zu empfangen und so bei dem ersten Zusammentreffen eine für den ganzen Krieg wichtige Entscheidung durch die Ueberlegenheit der europäischen Schifffahrtskunst herbeizuführen. Da erhob sich aber plötzlich ein günstiger Wind vom Lande her. Sofort ließ Cortes die Brigantinen mit vollen Segeln gegen die Böte steuern und gab Befehl, die feindlichen Fahrzeuge bis an die Stadt zu verfolgen. Zahllose Kähne wurden übersegelt und die Mannschaft in den See gestürzt und getödtet. Drei Meilen weit wurde die Verfolgung fortgesetzt und ein Sieg errungen, herrlicher als man gehofft hatte.[384]Dann wurde den Mexikanern das Trinkwasser der Röhrenleitung abgeschnitten und die südlichen Dämme besetzt, welche von den Vertheidigern der Stadt verschanzt waren, aber, sobald die Brigantinen vorgingen, verlassen worden waren. Die drei Heerführer der Truppentheile erhielten zu ihrer Unterstützung mehrere Brigantinen, Alvarado und Olid besetzten die südlichen Dammstraßen, Sandoval die nördlichen. So war die ganze Stadt cernirt. Die Dammlücken wurden unter heftigen Kämpfen zugeschüttet, aber näher der Stadt warfen die Belagerten immer neue Gräben aus und erwiesen sich trotz der Einschließung unerschüttert und todesmuthig. Ueberall zu Lande und zu Wasser ertönte ihr wildes Kriegsgeschrei, als ob das Weltall einstürzen sollte.[385]Endlich gelang es den Spaniern, bis an die Stadt vorzudringen. Die in den Straßen aufgeworfenen Bollwerke wurden von den Kanonen zusammengeschossen und über dieselben hinweg gelangten die Sieger bis zu dem großen Tempel, dessen erneuertes Götzenbild sie zertrümmerten. In einem wüthenden Angriff der Indianer wurde das spanische Fußvolk zurückgetrieben, aber durch einen kühnen Reiterangriff aus der Bedrängniß gerettet. Die Stadt schon jetztzu behaupten war unmöglich, weil man bei Tag und Nacht von allen Seiten bedroht war. Aber unter dem Eindruck der spanischen Erfolge lockerte sich der Lehnsverband im aztekischen Reiche immer mehr; der Fürst von Tezcuco, der lange zweifelhaft gestanden, ging mit 50,000 Mann zu den Eroberern über; andere Städte folgten seinem Beispiel und begaben sich in die spanische Botmäßigkeit. Täglich wurden die Angriffe auf die Stadt wiederholt und einzelne Gebäude niedergebrannt, Hungersnoth stellte sich ein, aber die Mexikaner wiesen alle Friedensbedingungen zurück. „Wir waren,“ berichtet Cortes, „mehrere Tage nacheinander in der Stadt gewesen, viermal schon hatte sich das Gemetzel wiederholt. Ein Theil der Stadt war abgebrannt, die meisten Terrassen waren zerstört, die natürlichen und künstlichen Hindernisse wurden überwunden; immer siegreich hatten wir den Feind mit Kanonen und Musketen niedergeschmettert. Ich erwartete daher täglich, sie würden um Frieden bitten und mein Herz wünschte sehnlich, daß sie den nothwendigen Schritt thun würden. Erbittert über den zähen Widerstand glaubte ich sie zum äußersten zwingen zu müssen.“[386]So wurde, nachdem der Kampf bereits drei Wochen gedauert hatte, ein allgemeiner Angriff befohlen und zwar von Süden und Westen her. Beim Vorrücken war der Hauptmann Alderete zu eilig gewesen und drang, ohne eine Dammlücke gehörig ausfüllen zu lassen, unvorsichtig bis auf den großen Marktplatz vor. Von dort wurde er durch die Azteken zurückgetrieben und mit seiner Schar ins Wasser gedrängt. Cortes wollte ihnen mit einer Handvoll Soldaten zu Hilfe kommen, wurde im Gewühl am Bein verwundet und niedergeworfen. Schon legten mehrere Mexikaner Hand an ihn und hätten ihn unfehlbar gefangen genommen, wenn ihm Antonio de Quiñones nicht beigesprungen und ein anderer junger Spanier sich für ihn geopfert hätte. Trotzdem wollte Cortes noch nicht zurückweichen und mußte von mehreren Officieren mit Gewalt aus dem Getümmel fortgetragen werden. In diesem unglücklichen Gefechte kamen gegen 40 Spanier um und 62 wurden nebst vielen Verbündeten lebendig fortgeschleppt, um den Göttern geopfert zu werden. Am Abend hörte man die große Trommel in dem Tempel des Kriegsgottes, und ein langer Zug von Kriegern bewegte sich die hohe Treppenflucht hinauf zum Tempel. Da die Entfernung nicht sehr groß war und man die Plattform des Tempels ganz deutlich sehen konnte, so mußten die Spanier mit Entsetzen gewahren, wie die Mexikaner ihren unglücklichen Kameraden die Köpfe mit Federn schmückten und sie zwangen, vor dem Götzenbilde zu tanzen, und wie sie dieselben dann auf dem Opfersteine niederstreckten, ihnen mit Feuersteinmessern die Brust aufschlitzten, die zuckenden Herzen herausrissen und sie ihren Götzen darbrachten. Cortes spricht mit Entsetzen von dem Anblick dieser Gräuel, der das Herz seiner Soldaten erstarren machte.
Nach einer Ruhe von 8 Tagen wurde der Angriff erneuert und wurdebeschlossen, weil kein anderes Mittel von Erfolg war, die Stadt, so weit man sie besetzt hatte, Haus für Haus niederzureißen; denn jedes diente den Vertheidigern als Festung. So dauerte nun Kampf und Zerstörung tagelang fort, auch Guatemotzins Palast ging in Flammen auf, die Hungersnoth wuchs, die Einwohner verzehrten Wurzeln, Kraut und selbst Holz; aber an Unterwerfung dachten die Azteken nicht. Sie wollten unter den Trümmern ihrer Hauptstadt begraben sein und den Fall des Reiches nicht überleben.
Die Belagerung währte vom 30. Mai bis zum 13. August, 75 Tage lang, und erreichte erst ihr Ende, als Guatemotzin bei seinem Versuch, in einem Boote über den See zu flüchten, von den Brigantinen eingeholt und gefangen genommen wurde. Die auswärtigen Krieger ließ Cortes auf Bitten des gefangenen Königs aus der Stadt abziehen. Drei Tage und Nächte waren die Dammstraßen mit großen Zügen von Männern, Weibern und Kindern bedeckt, die sich vor Entkräftung nur noch mühsam fortschleppten. Der Zustand der Stadt, welche nun allen Widerstand aufgab, war entsetzlich. Alle Häuser in dem Stadttheile, den Guatemotzin bis zuletzt behauptet hatte, waren mit Todten angefüllt, und was noch am Leben war, hatte kaum noch Kraft sich zu erheben. Der Verlust an Menschenleben wird auf 120,000 bis 240,000 angegeben. Dem Fall Mexiko’s folgte rasch die Unterwerfung aller Nachbarstaaten. Die Menge des erbeuteten Goldes belief sich auf 130,000 Goldcastellanos. Die goldenen Schilde und die kostbaren Federschmuckarbeiten als einzig in ihrer Art wurden mit allgemeiner Zustimmung an den König nach Spanien gesendet. Dann schritt Cortes zum Wiederaufbau der Stadt und zeigte darin sein organisatorisches Geschick. Viele Gräben wurden zugeschüttet, die Straßen breiter angelegt, aber die Hauptstraße der alten Stadt in ihrer Anlage erhalten. An Stelle des Tempels des Kriegsgottes erhob sich eine Kirche des heiligen Franciscus, welche seit 1573 durch eine prachtvolle Kirche, die Kathedrale der heiligen Maria de la Asuncion, ersetzt wurde. Eine starke Festung auf dem heutigen Matadoroplatze hatte auch den Zweck, die Brigantinen zu decken, welche im Falle eines Aufstandes wichtig waren für die Beherrschung des Sees. In wenigen Jahren waren bereits 2000 spanische Familien ansässig, denn der Zuzug von den Antillen und vom Mutterlande her wurde nach der Eroberung von Mexiko immer lebhafter. Im Jahre 1524 konnte Cortes die Größe der Einwohnerschaft schon zu 30,000 Seelen angeben. Die Zerstörung der alten Kultur, mit welcher zugleich das Gewerbe der Eingebornen zu Grunde ging, ist zwar zu beklagen, da mit dem Fall des Adels und der Priesterschaft alle höheren Bildungselemente verloren gingen; allein die Beseitigung der gräßlichen Menschenopfer und des Canibalismus ist höher anzuschlagen. Leider riß mit der Vernichtung der bisherigen staatlichen und socialen Ordnung eine beklagenswerthe Demoralisation des Volkes ein. Land und Leute wurden den Conquistadoren zugetheilt und die Eingeborenen geriethenin drückende Knechtschaft.[387]Doch nahm sich die spanische Geistlichkeit ihrer nach Kräften an und daher schlossen sich die Indianer leicht an die Priester an und ließen sich taufen.
Unter den einheimischen Fürsten, welche sich dem siegreichen Spanier unterwarfen, befand sich auch der Beherrscher von Michoacan. Durch seine Abgesandten erhielt man zuerst zuverlässige Nachrichten über die Nähe der Südsee. Cortes sandte vier Spanier dahin, mit der bestimmten Weisung, nicht eher zurückzukehren, als bis sie für den König von Spanien von diesem Meere Besitz genommen. Zwei der Abgesandten führten den Befehl vollständig aus. Sandoval und Alvarado drangen mit Heeresabtheilungen in die südlichen Länder, namentlich nach dem reichen Thal von Oaxaca, welches später zur Hälfte dem Eroberer Mexiko’s als Privateigenthum zufiel und wovon er den Titel Marques de Valle erhielt. Dann wurden die Landschaften Colima im Westen und Tabasco im Südosten dem spanischen Gebiet einverleibt, selbst der Fürst von Guatemala zeigte seine Unterwerfung an. Cortes bezwang nach hartnäckigem Widerstand das Gebiet von Panuco und erweiterte damit den Küstenbesitz am Golf von Mexiko. Das westliche Weltmeer aber hatte für ihn eine besondere Anziehung, weil er hier, der Anschauung der Zeit huldigend, mit Gold und Spezereien gesegnete Inseln zu finden hoffte. Sowie die Landschaft Michoacan ihn als Oberherrn anerkannt hatte, befahl er in dem Hafen von Zacatula vier Schiffe zu bauen, um die Südsee zu erforschen. Leider brach noch während des Baues auf der Werfte Feuer aus und zerstörte die Fahrzeuge, sodaß der Plan einer Entdeckungsreise noch verschoben werden mußte.
Noch hatte Cortes von der spanischen Regierung kein Schreiben, keine Anerkennung seiner Verdienste erhalten. Fonseca war vielmehr immer noch der Ansicht, man müsse den Usurpator und Empörer absetzen. Ja, er unterzeichnete sogar am 11. April 1521 einen Verhaftsbefehl gegen Cortes und übertrug die Ausführung desselben dem Cristoval de Tapia. Als dieser in Vera Cruz ans Land stieg, ließ man nicht zu, daß er ins Innere zur Hauptstadt reise; er verstand sich dann auch dazu, seine Ausrüstung und Waffen gegen Bezahlung zurückzulassen und ging nach Cuba.
Erst im Jahre 1522, als Karl V. nach Spanien kam, und die Abgesandten des Cortes nebst den ausführlichen Berichten des glücklichen Eroberers auch die Kostbarkeiten und kunstreichen mexikanischen Arbeiten ihrem Könige vorlegen konnten, übertrug derselbe die Entscheidung der wichtigen Streitfrage einem besonderem Rathe, und dieser erklärte sich für Cortes. So wurde derselbe durch königliches Dekret vom 15. October 1522 als Statthalter und Oberbefehlshaber von Neuspanien bestätigt.
Von dem Augenblicke an fühlte sich Cortes erst sicher in dem errungenen Besitz und entwarf weitschauenden Blickes eine Reihe kühner Pläne zur festen Begründung der spanischen Macht in Mexiko und den Nachbargebieten und zur Erweiterung der Kenntniß von unbekannten Regionen, mit denen und durch welche eine Verbindung und ein Verkehr ihm für die Erweiterung seiner politischen Machtstellung in Neuspanien von großer Bedeutung schien. Aus den kleineren Streifzügen wurden unter diesen Gesichtspunkten bedeutende Entdeckungsfahrten und kühne Eroberungszüge, theils um die Ausdehnung der Südsee kennen zu lernen, theils um eine Verbindung des östlichen und westlichen Oceans, also einemittelamerikanische Meerengeausfindig zu machen, theils um die Grenzen seiner Herrschaft nach Südosten bis zur Statthalterschaft des Pedrarias auszudehnen.
Die Idee einer Meerenge hat Cortes beschäftigt, seitdem ihm Montezuma eine Küstenkarte seines Reiches übergab. Alle Land- und Wasserexpeditionen, welche er in den ersten Jahren nach Bezwingung der Hauptstadt aussandte, hatten den Auftrag danach zu forschen. Von beiden Oceanen, von den gegenüberliegenden Küsten wurde zu gleicher Zeit nach dieser Meerenge gesucht.[388]Anfänglich glaubte er, sie in der Nähe des Goatzacoalcoflusses zu treffen, weil auf der mexikanischen Karte in dieser Gegend eine große Hafenbucht zwischen Gebirgen angegeben war. Der genannte Fluß ist an der Mündung ein Kilometer breit, weitet sich oft seenartig aus und hat selbst noch oberhalb der neuen Stadt Amatitlan einen Durchmesser, wie der Rhein bei Cöln.[389]
Als sich hier am Isthmus von Tehuantepec die gewünschte Durchfahrt nicht fand, richtete er seinen Blick auf die zweite Verengung des centroamerikanischen Landes, auf den Golf von Honduras, und sandteCristoval d’Olid(Dolid) dahin, um das Gebiet zu besetzen, weil, wie er an den König von Spanien schrieb, nach der Ansicht vieler Piloten dort eine Wasserstraße zum andern Meere führe, und es sein sehnlichster Wunsch sei, dieselbe zu entdecken, da eine solche Wasserverbindung für die Entwicklung der spanischen Macht von großer Bedeutung sei.[390]Mit der Expedition d’Olid’s sandte er zugleich seinen Vetter Hurtado de Mendoza mit drei kleinen Schiffen aus, welche, während Olid am Golf von Honduras eine Colonie gründete, die Küsten des caribischen Meeres bis nach Darien hin auf das Vorhandensein eines natürlichen Canals untersuchen sollten.
Später suchte Cortes die Straße weiter nordwärts. Nachdem Magalhães durch das Südmeer den Weg bis zu den Molukken gebahnt hatte, wuchs die Bedeutung einer solchen Straße in hohem Maße. Wie leicht konnte, wenn eine solche Meerenge in Mittelamerika vorhanden war, derWeg von Spanien nach den Gewürzinseln zurückgelegt werden. Es war nicht mehr ein auf haltlose Hypothesen gebautes nautisches Problem, wie zur Zeit des Columbus, welches den Eroberer Mexiko’s zu diesen Unternehmungen trieb, sondern ein weiter, staatsmännischer Blick; denn wenn sein neuspanisches Reich an die Hauptfahrbahn des Weltmeers gerückt wurde, mußte seinem Pflanzlande an einer solchen Weltstraße zwischen Europa und dem gewürzreichen Indien eine glänzende Entwicklung zu theil werden.
All sein Sinnen und Trachten ging nur darauf aus, diese höchstwichtige Straße zu finden.[391]Er suchte sie entweder zwischen Mexiko und Florida, oder zwischen Florida und Neufundland. Die Fahrt durch diese Straße würde den Weg zu den Gewürzländern bedeutend abkürzen und ganz sicher sein, weil er stets durch spanisches Gebiet führe.
An Stelle der beiden ersten auf der Werft von Zacatula verbrannten Caravelen wurden neue Schiffe gebaut und in den Jahren 1523 und 1524 von beiden Gestaden Mexiko’s aus die Untersuchungen nach einer Passage fortgesetzt, aber umsonst. Und der Plan, die Schiffe an der Westseite bis zur Magalhãesstraße auszusenden, unterblieb, seitdem er selbst sich durch seinen (im nächsten Capitel zu schildernden) Feldzug von Honduras überzeugt hatte, daß bis dorthin keine Verbindung zwischen den beiden Meeren vorhanden sei. Dazu waren die weiter südlich gelegenen Striche in der Statthalterschaft von Darien bereits genauer bekannt, und kurz darauf nahmen die von Pizarro begonnenen Unternehmungen gegen Peru ihm nach dieser Seite die Arbeit ab. Um so lebhafter wurden die Forschungen in den nordwestlichen Gewässern, aber erst zehn Jahre später aufgenommen. Ehe er dazu vorschreiten konnte, mußte das weite Gebiet Neuspaniens am großen Ocean erst völlig unter die Verwaltung der neuen Herren gebracht und die Communication nach den Küstenplätzen geregelt sein.
Zunächst war Cortes noch mit der Organisation des eigentlichen, engeren Gebiets von Mexiko beschäftigt. Ueber die Zahl der Städte, Dörfer und Bewohner wurden statistische Erhebungen veranstaltet. Der Landbau wurdedurch Einfuhr von neuen Kulturgewächsen: Wein, Oliven, Orangen, Mandeln, Pfirsichen und Zuckerrohr bereichert, und für die Auffindung von Kupfer, welches zur Herstellung von Waffen von großer Wichtigkeit war, wurden Prämien ausgesetzt. So wurden im Lande selbst kupferne Feldschlangen gegossen, und da sich Salpeter und Schwefel in reichlicher Menge vorfand, auch das für den Kriegsbedarf erforderliche Pulver fabricirt.
Dann wurden nacheinander zwei größere Expeditionen gegen Südosten ausgeschickt. Die eine unter Alvarado wendete sich zu Lande nach der Küste der Südsee und drang durch den heutigen Staat Guatemala bis in das Gebiet von S. Salvador vor, die andere unterOlidnahm den Weg zur See nach Honduras.
Alvaradobrach zuerst auf, angeregt durch das Gerücht von einem Kulturvolke, welches in den Landstrichen südlich von Tabasco wohnen sollte. Da der Fürst von Tehuantepec sich bereits den neuen Herrn von Mexiko unterworfen hatte, und dem Alvarado bei seinem Erscheinen auch Soconusco huldigte, so waren damit die Thore des Hochlandes von Guatemala, wo jenes gesuchte Kulturvolk seinen Sitz hatte, geöffnet. Ansteckende Krankheiten hatten dort kurz vorher die Hälfte der Bewohner hinweggerafft und ihre Widerstandsfähigkeit gebrochen; daher wurden die Abgesandten Alvarado’s freundlich aufgenommen und reich beschenkt entlassen. Diese Geschenke reizten aber den spanischen Heerführer nur noch mehr, das Land zu unterwerfen. Den Grundstock der Bevölkerung bildeten Mayastämme: die Quiché, die Kakchiquel, zur Zeit der Eroberung der mächtigste Stamm, und die Zutugil. Seit 1500 war Guatemala dem Aztekenreiche einverleibt gewesen; aber mit dem Fall von Mexiko hatte sich der Verband gelockert. Aztekische Ortsnamen reichten durch Guatemala bis nach Honduras; doch verdankte das alte Quichéreich den Tolteken seine Kultur. Unter der Anregung und Leitung dieser altamerikanischen Baumeister waren auch hier prächtige Steinbauten, Terrassentempel und mit reichen, buntbemalten Stuckaturen versehene Paläste entstanden, deren dicht überwachsene Ruinen nur theilweise erst wieder ans Licht gezogen und bekannt geworden sind.[392]Ihre Waffen bestanden in Schwertern mit Steinschneiden, Bogen, Pfeilen, zum Theil vergiftet, Lanzen und Schleudern; die Krieger trugen dicke, bis auf die Füße reichende und daher schwerfällige Baumwollpanzer. Der religiöse Cultus war ähnlich, wie in Mexiko.
Karte zu den Feldzügen Alvarado’s nach Guatemala und des Cortes nach Honduras.❏GRÖSSERE BILDANSICHT
Karte zu den Feldzügen Alvarado’s nach Guatemala und des Cortes nach Honduras.
❏GRÖSSERE BILDANSICHT
Ausschnitte aus der obenstehenden Karte:
Ausschnitte aus der obenstehenden Karte:
Am Ende des Jahres 1523 hatte Alvarado ein Heer von 120 Reitern und 300 Mann spanischen Fußvolks, sowie 20,000 einheimische Krieger um sich versammelt und brach damit im Februar 1524 von der Südküste her, von Soconusco, in Guatemala ein. Unter großen Schwierigkeiten stieg er durchdie Bergschluchten ins Hochland hinauf, wo sich ihm ein Heer von 60,000 Mann entgegenstellte. Aber diese Scharen wurden in mehreren Gefechten besiegt und die schwerfällig gepanzerten Krieger von den spanischen Reitern niedergeritten. Alvarado gründete die Stadt Quetzaltenango, welche nach dem prächtigen Vogel Quejal oder Quetzal (Trogon) benannt wurde, dessen lange, glänzend grüne Federn ein schmückendes Abzeichen des Adels waren. Oestlich von der Stadt wurde der Kampf erneuert. Der König Tecum Umam griff selbst die Spanier an, brachte das Pferd Alvarado’s zu Fall, wurde aber von der Lanze seines Gegners durchbohrt. Utatlan, die alte Hauptstadt der Quiché, stand in der Nähe des heutigen Sa. Cruz del Quiché. Der königliche Palast galt als eines der schönsten Gebäude in ganz Mittelamerika. Hieher lud der neue König, indem er sich scheinbar den Siegern unterwarf, die Spanier zu einem Besuche ein. Allein schon beim Einrücken in die Stadt wurde ihr Verdacht rege. Die Einwohner waren sämmtlich in Waffen, die Gassen der Stadt zeigten sich so schmal, daß die Rosse sich kaum bewegen konnten. In den Wohnungen waren Holz und Reißig in Menge aufgehäuft. Die indianischen Verbündeten Alvarado’s brachten bald bestimmtere Nachrichten von dem Plane des Feindes, die ganze Stadt sammt den Spaniern zu verbrennen, nachdem man die zu dem Orte führenden Brücken abgebrochen. Alvarado ritt scheinbar unbefangen in die Versammlung des Adels der Quiché und zog sich dann, unter dem Vorwande, erst für die Unterkunft der PferdeSorge tragen zu wollen, zurück. Als dann der König mit seinen Edlen den Besuch im Lager der Spanier erwiderte, wurde er mit seinem Gefolge gefangen genommen. Man machte ihm zwar Hoffnung auf Befreiung, wenn er ein hohes Lösegeld an Gold zahle; aber ohne dieses abzuwarten, wurde sein Gefolge theils gehängt, theils lebendig verbrannt; dem Könige erwies man die Gnade der christlichen Taufe, ehe er ebenfalls mit dem Strange gerichtet wurde.[393]Die Burg der Quiché wurde zerstört und das Land unterworfen. Im April 1524 rückte Alvarado weiter nach Patinamit (Guatemala), der Hauptstadt der Kakchiquel. Der alte König kam den Spaniern in feierlichem Zuge friedlich entgegen und ersparte seinem Lande, indem er sich unterwarf, die Gräuel des Kriegs und der Verwüstung.
Dann wurde auch der Fürst von Amatitlan aufgefordert, sich unter die Botmäßigkeit der Spanier zu begeben, aber trotzig ließ dieser die Abgesandten der Eroberer tödten und zwang Alvarado ihn zu züchtigen. Die Hauptburg des Landes lag im See vonAtitlan, einem gegen 1000 Meter hoch gelegenen Gebirgssee, der in malerischer Landschaft von drei Vulkanen überragt wird. Ein mehrfach durch Holzbrücken unterbrochener Damm führte zu dem Inselfelsen. Nach einem siegreichen Kampfe am Gestade des Sees drangen die Spanier zugleich mit den flüchtigen Indianern über die Brücken und bemeisterten die Burg. Mit ihrem Fall war der Widerstand des Volkes gebrochen.
Von hier marschirte Alvarado ins Küstenland hinab nach Escuintla (Itzcuintlan); durch dichte, unwegsame Urwaldterrassen stieg er in drei Tagen ins Land hinunter, wo angebaute Felder und Sümpfe abwechselten. Nachdem die Hauptstadt überrumpelt und gestürmt war, unterwarf sich das Volk. Bei seinem weiteren Vorrücken gegen Südosten fand aber Alvarado das ganze Land unter Waffen, dazu wurden in der beginnenden Regenzeit die Wege immer schwieriger. Trotzdem drang er durch eine Reihe von Küstenstädten bis in das Gebiet des heutigen Staates S. Salvador. Vor der Küstenstadt Acayutla widersetzte sich ihm in fester Stellung ein großes Heer. Durch einen scheinbaren Rückzug wurde dasselbe aus seiner gut gewählten Position herausgelockt, und dann machten die Spanier Kehrt, die Reiter holten die Indianer, welche in ihren Panzern nicht entfliehen konnten, ein und ritten sie nieder. Alvarado, der durch mehrere empfangene Wunden über den Widerstand erbittert war, ließ es geschehen, daß die meisten am Boden liegenden Feinde abgeschlachtet wurden. Verheerend rückte er weiter bis Cuscatlan (S. Salvador). Dort aber zwang ihn der Regen zur Umkehr nach Guatemala. Mit neuen, von Mexiko kommenden Truppen wurden weitere Aufstände der Indianer unterdrückt, 1525 die Stadt S. Salvador gegründet und damit die Unterwerfung des Gebiets vollendet, in welchem eine ähnliche Besitzergreifung des Landes undVertheilung der Bewohner an die Conquistadoren durchgeführt wurde, wie in Mexiko. Zwar wurden auch hier 1529 Gesetze zum Schutz der Indianer erlassen und suchten seit 1538 die Dominikaner sich der Unterworfenen anzunehmen, aber mit geringem Erfolg. Die alte Kultur wurde zertreten, das Volk geknechtet und decimirt und so das herrliche Land in die traurigste Lage gebracht, aus welcher es sich, auch nach Befreiung von der spanischen Herrschaft, nicht hat erheben können.
Bald nachdem Alvarado seinen Eroberungszug begonnen, ging auchCristoval d’Olid, ein Edelmann aus Baeza oder Linares, auf Cortes’ Befehl, am 11. Januar 1524 von Vera Cruz unter Segel. Er sollte jenseits der Halbinsel Yukatan, an der Küste von Honduras eine Niederlassung gründen, um das Reich von Neuspanien möglichst weit gegen Südosten zu erweitern. Ein Geschwader von vier großen Schiffen und einer Brigantine, mit 400 Soldaten bemannt, sollte zunächst in Cuba anlaufen und sich dort mit Vorräthen versehen. Zu gleicher Zeit bekam (wie bereits obenS. 388erwähnt ist) der Vetter des Cortes, Hurtado de Mendoza, den Auftrag, nach einer mittelamerikanischen Meerenge zu forschen, allein derselbe konnte wegen der eigenthümlichen Stellung, welche Olid bald einnahm, nicht ausgeführt werden. Cortes wirft nämlich seinem Unterfeldherrn vor, er habe sich von seinem alten Widersacher, Velasquez, dem Statthalter von Cuba, bei seiner Anwesenheit auf der Insel zum Abfall von seinem Oberfeldherrn verleiten lassen und, durch Velasquez beredet, den Plan gefaßt, seine Colonie von Neuspanien unabhängig zu gestalten. Wenn dieses Gerücht sich bestätigen sollte, schrieb Cortes bald darauf an den König, werde er mit Truppen nach Cuba gehen, den Velasquez gefangen nehmen und gefesselt nach Spanien dem Gericht überliefern. Olid sollte von Velasquez sogar die Zusage kräftiger Unterstützung bei seinen verrätherischen Plänen erhalten haben. Er ging von Cuba zunächst nach dem Golf von Higueras, wie man damals den inneren Theil des Golfs von Honduras nannte.[394]Vierzehn Meilen östlich vom Hafen Caballos[395]ging er am 3. Mai 1524 ans Land und nahm dasselbe zunächst noch im Namen des Cortes in Besitz. Die Stadt, welche er anlegte, erhielt nach dem Tage der Landung den Namen Triumfo de la Cruz. Das Land war weit und breit friedlich, die Indianer widersetzten sich den Fremden nirgends. Einzelne Spanier konnten ohne Belästigung die Gegend nach Gefallen durchstreifen.[396]
Bald aber trat Olid mit seinen Plänen hervor und fand bei den meisten seiner Leute Zustimmung. Als die erste Kunde davon nach Mexiko gelangte, und zwar über Cuba, entsandte Cortes seinen SchwagerFrancisco de las Casasmit vier Schiffen und 150 Mann nach Honduras,[397]wo Olidihm die Landung verwehren wollte. Casas nahm die beiden Schiffe Olid’s mit Gewalt, während die Mannschaft ans Ufer entfloh. Unter dem Vorwande, die Vorbereitungen zur Uebergabe der Colonie zu treffen, bat Olid um Waffenstillstand, benutzte aber die Zeit, um seinen im Innern befindlichen Hauptmann Pedro de Briones mit seiner Schar herbeizurufen. Dieser erhielt aber zu gleicher Zeit eine Warnung durch Las Casas und zog es vor, dem Befehl seines Vorgesetzten nicht zu folgen und ihn im Stich zu lassen. So zog sich eine Kette des Verraths von S. Domingo, der Hauptstadt Indiens, über Mexiko bis zu den Wildnissen Centroamerika’s: Velasquez empört sich gegen Diego Colon, Cortes gegen Velasquez, Olid gegen Cortes, Briones gegen Olid.[398]In der nächsten Nacht warf ein Sturm die ganze Flotille des Las Casas an den Strand, 40 Mann ertranken dabei und der Capitän selbst gerieth in Olid’s Gefangenschaft. Dann nahm dieser auch den von Süden hergekommenen Gil Gonzalez, der mit seiner zusammengeschmolzenen Mannschaft ziellos umherschweifte, gefangen, behandelte aber beide Gegner mit äußerster Milde, zog sie ins Haus und an seinen Tisch, als ob er sie dadurch gewinnen wollte, gab ihnen aber dadurch die bequemste Gelegenheit, sich zu verständigen, wie man sich am sichersten des Usurpators entledigen könne. Sie fielen eines Mittags über Olid her, welcher, da er unbewaffnet war und sich nicht vertheidigen konnte, flüchten mußte, um das Leben zu retten, und sich im nahen Walde verbarg. Sein Versteck wurde durch einen Geistlichen verrathen. Seine Leute hatten ebenso leicht seine Partei verlassen, wie früher ergriffen; den Verschworenen der königlichen Partei wurde es dadurch leicht gemacht, sich seiner Person zu bemächtigen und ihm den Proceß zu machen. Er büßte seinen Verrath mit dem Leben. Dann gründete Las Casas die Stadt Trujillo[399]und entließ sämmtliche Spanier, welche sich der neuen Niederlassung nicht anschließen wollten, nach Mexiko oder Spanien.
Dem Statthalter von Neuspanien lag seine Colonie in Honduras sehr am Herzen; mit großer Sorge hatte er die Nachricht von dem Verrathe seines Waffengefährten Olid erhalten, mit Spannung erwartete er günstigere Kunde über den Verlauf der Sendung seines Schwagers. Da aber jede Botschaft ausblieb, weil derselbe seine Schiffe verloren und selbst in Gefangenschaft gerathen war, so fürchtete er schon, sein Rivale Velasquez möchte in Gemeinschaft mit Olid in Honduras festen Fuß gefaßt haben und könnte ihn von dieser Seite her bedrohen oder seinem Pflanzlande Schwierigkeiten bereiten. Ehe er also von dem für ihn glücklichen Ausgang der Sendung desLas Casas vernommen, beschloß er selbst zu Lande nach Honduras zu ziehen und seinen ungehorsamen Vasallen zu bändigen.
Nachdem er den Schatzmeister Alonso de Estrada zu seinem Stellvertreter in der Statthalterei ernannt hatte, verließ er mit seinen Truppen im October 1524 die Hauptstadt Mexiko. Um etwaigen Aufständen und Unruhen während seiner Abwesenheit vorzubeugen, veranlaßte er den letzten aztekischen Kaiser Guatemotzin und andere mexikanische Fürsten, ihn zu begleiten. Als Dolmetscherin folgte ihm wieder die bewährte Donna Marina. Wenn er den schwierigsten Weg zu Lande wählte, so wurde er dazu zum Theil durch den Besitz einer aztekischen Karte veranlaßt, welche ihm in der ersten Hälfte seines Marsches durch Angabe der hauptsächlichsten Oertlichkeiten wesentliche Dienste leistete; dann trieb ihn aber auch der Drang zu neuen Entdeckungen. Sollte zwischen Mexiko und Honduras eine Meerenge existiren, so mußte sie auf diese Weise sicher gefunden werden. Cortes sagt selbst, er sei mehrere Jahre bereits unthätig gewesen; der Abfall Olid’s bot ihm also die beste Gelegenheit, nicht nur diesen wieder zu unterwerfen, sondern auch sich zu neuen Thaten auszumachen und neue Länder zu entdecken. Niemand hat diesen Feuergeist treffender gezeichnet als sein Waffengefährte Bernal Diaz, wenn er schreibt: „Wie denn Cortes’ Gedanken immer sehr hoch gingen, so gedachte er in allen Dingen den König Alexander von Macedonien nachzuahmen.“[400]
Seine Schar bestand aus 140 Arkebusieren und Armbrustschützen und aus 93 Reitern, dazu kamen noch 3000 Mann indianischer Hilfstruppen. So lang der Weg von dem Plateau von Anahuac nach der Landschaft Tabasco führte, fand er gebahnte Straßen und konnte sich auf der mitgenommenen Karte orientiren. Vom Isthmus von Tehuantepec bis an die Wurzel der Halbinsel Yukatan ist aber das Küstenland von einem Gewirre wasserreicher Flußadern durchzogen. Die Kulturen der Indianer bilden nur Oasen in dem Waldlande und zwischen den ausgedehnten Sümpfen. Der Verkehr der Eingeborenen ist fast ganz auf die zahlreichen Wasserwege angewiesen, und ein Marsch mit Truppen und Heerestroß wird ebenso häufig durch die von Wald umschlossenen Wasserläufe, welche meist erst überbrückt werden mußten, aufgehalten, als die Verpflegung einer größeren Menschenmenge in den Urwaldwildnissen immer mehr erschwert wird.
In Tabasco versanken die Pferde zwischen Chilapan und Tepetitan fast im Sumpfe[401]. Die indianischen Ortschaften waren beinahe alle niedergebrannt und verlassen, man fand nur noch wenig Getreide vor und mußte sich mit unreifen, von den Feldern gepflückten Maiskolben behelfen. Ehe man das ganze Heer der Gefahr aussetzte, in den Wüsteneien zu verhungern, mußte man einige Abtheilungen auf Kundschaft voraussenden. „In Tepetitan,“ berichtet Cortes, „fanden wireinenIndianer. Der Mann kannte den Wegnach Iztapan, dem nächsten Ort auf meiner Karte, nicht. Es gäbe dahin keinen Landweg, doch unternahm er uns zu führen. Mit diesem Indianer sandte ich 30 Reiter und 30 Mann zu Fuß voraus mit dem Befehl Iztapan aufzusuchen und mir dann eine genaue Beschreibung ihres Weges zu machen, der ich folgen könnte. Ich beschloß so lange Rast zu machen, bis ich von ihnen eine Nachricht bekäme. Nach zwei Tagen, als weder ein Brief noch eine Meldung eintraf, beschloß ich, da die Truppen bereits Mangel litten, ihnen zu folgen, ohne Führer, ohne andere Anzeichen als die Spuren der Vorausgesandten in den Schlammsümpfen, welche das ganze Land bedeckten, und ich kann Ew. Majestät versichern, daß selbst auf den höheren Stellen unsere Pferde, die wir am Zügel führten, bis an den Gurt in den Morast sanken. So marschirten wir zwei Tage ohne irgend eine Nachricht zu erhalten, so daß ich fast rathlos wurde. Ich konnte nicht zurück, und vorwärts zu gehen ohne Gewißheit von der Richtung des einzuschlagenden Weges, war eben so gefährlich. In dieser Noth, als wir erschöpft und niedergeschlagen schon fürchteten verhungern zu müssen, kamen zwei Indianer mit Briefen von der vorausgeschickten Schar.“ Dieselbe hatte Iztapan erreicht. Der Ort lag, von Sümpfen umgeben, an einem großen Flusse und war voll Indianer, welche sich durch die Natur der Oertlichkeit sicher glaubten. Als sie aber sahen, daß die spanischen Reiter durch den Fluß schwammen, wollten sie das Dorf in Brand stecken. Hieran wurden sie zwar durch die Spanier gehindert; doch begann eine allgemeine Flucht auf Böten, oder schwimmend, wobei viele ertranken. In Iztapan fand man ausreichende Lebensmittel, und die Truppen konnten sich erholen, auch gelang es ihnen die Einwohner zu beruhigen und zur Rückkehr ins Dorf zu bewegen. Der Beschreibung nach lag dasselbe am Usumaçinta, dem größten Flusse Mittelamerika’s, dessen Gebiet den ganzen Norden der gegenwärtigen Republik Guatemala umfaßt, und der sich nach einem Lauf von über 100 Meilen in die Laguna de Terminos ergießt.
Beim Weitermarsch gegen Südosten gerieth das Heer in den dichtesten Urwald, wo die indianischen Führer den Weg verloren. Der Wald war undurchdringlich und hemmte jeden weitern Blick, selbst von dem Gipfel der mächtigen Bäume, zu welchen die Späher hinaufkletterten, konnte man höchstens einen Steinwurf weit sehen. Man mußte umkehren, um den Pferden, die seit 18 Stunden nichts zu fressen bekommen hatten, Futter zu verschaffen. Die Menschen waren vor Erschöpfung und Hunger halb todt. Da ließ sich Cortes seinen Schiffscompaß bringen, welcher ihm schon oft große Dienste geleistet hatte, aber nie mehr als in dieser gefährlichen Lage,[402]er erkundigte sich bei den begleitenden Eingebornen nach der Lage des Dorfes, wohin sie siehatten führen wollen, und schloß daraus, daß ein Marsch in nordöstlicher Richtung sie dahin bringen werde. Der Weg wurde nach der angegebenen Himmelsgegend gebahnt und das Dorf glücklich gefunden. Die freudige Aufregung über die Entdeckung des Ortes war so groß, daß die meisten Leute, ohne auf die weiten Sümpfe vor ihnen zu achten, gerade auf die in der Ferne sichtbare Ansiedlung zueilten, wobei manche Pferde so tief in den Morast einsanken, daß man sie erst am nächsten Tage herausbringen konnte, denn in ihrem Hunger hatten die Reiter sie im Stich gelassen. Glücklicherweise ging kein Thier dabei verloren. Auch dieser, am Usumaçinta gelegene Ort war niedergebrannt und verlassen, bot aber für alle Mannschaften genug Vorräthe, so daß man sich eine Rast von acht Tagen gönnte. Der directe Weg nach Honduras hatte sich als unmöglich erwiesen, Cortes mußte in einem nördlichen Bogen ausweichend, durch Yukatan sein Ziel zu erreichen suchen. Er setzte über den Fluß und zog nach der Landschaft Acalan, welche an die Laguna de Terminos stößt. Nach einem dreitägigen Marsch durch die Bergwälder wurde der Zug durch einen weiten Sumpfsee aufgehalten. Die Führer meinten, man brauche 20 Tage, um ihn zu umgehen. Mittelst eines kleinen Kahns, den man fand, wurde das Wasser untersucht, es war vier Klafter tief und an den zusammengebundenen Speeren, die man hinabsenkte, zeigte es sich, daß eine zwei Klafter dicke Schlammschicht den Boden bedeckte. Der Sumpf war nicht zu durchwaten und wegen der vielen Bäume und verschlungenen Wurzeln in demselben konnten auch die Pferde nicht hindurchschwimmen. Da die Lagune nur etwa 500 Schritt breit schien, entschloß sich Cortes, eine Brücke zu bauen. Man fertigte mehrere Flöße an und trieb von ihnen aus eine Reihe von 9 bis 10 Klafter langen Pfosten senkrecht in den Boden. Die schwere Arbeit erschöpfte die Kräfte der Spanier, die zu ihrer Nahrung nur wildwachsende Kräuter und Wurzeln hatten, derart, daß sie sich weigerten, sie weiter zu führen. Da erklärte Cortes, dann werde er mit seinen Indianern, denen er bei seiner Rückkehr nach Mexiko reichliche Belohnung versprach, den Bau allein vollenden. Jenseit des Sumpfes läge das fruchtbare Acalan; man müsse über das Wasser, oder davor verhungern, denn hinter ihnen seien durch die vom Regen angeschwellten Bäche alle ihre Brücken weggerissen. Diese Erwägungen verfehlten ihre Wirkung nicht. Die Spanier legten mit Hand an und in vier Tagen wurde die Brücke fertig, zu der man gegen 1000 Stämme gefällt und eingerammt hatte. Aber nachdem der See glücklich überwunden war, gerieth man wieder in Sümpfe, wo die Pferde tief einsanken; man mußte ihnen, da sie, unruhig geworden, immer tiefer zu versinken drohten, Reißigbündel und Buschwerk unter den Bauch schieben, um sie zu erhalten. Glücklicherweise kamen einige vorausgesandte Spanier mit 80 Indianern zurück, welche von Acalan Lebensmittel brachten. Die Hauptstadt Çancanar (Izancanas) lag am Ufer einer Seebucht, die sich bis zur Laguna de Terminos erstreckte. Der Fürst von Acalan unterstützte die Spanier nach Kräften und zeigte ihrem Heerführerauf einer Karte, welchen Weg er einzuschlagen habe.[403]Acalan ist fast ganz von Seen und Sümpfen umgeben, die mit der Bai von Terminos in Verbindung stehen, und da das Land gut bevölkert und reich an Produkten war, so trieben die Bewohner einen lebhaften Handel nach Tabasco. Ob, wie man damals im Lande behauptete, das nordöstlich gelegene Yukatan eine Insel sei, wollte Cortes auf seinem weiteren Zuge zunächst ermitteln. Am ersten Sonntag in den Fasten des Jahres 1525 zog er mit indianischen Führern weiter. Während dieses Marsches durch Acalan erfolgte dieHinrichtung Guatemotzinsund des Fürsten von Tacuba, weil sie die Absicht gehabt haben sollten, alle Spanier sammt Cortes niederzumachen, Mexiko zur Befreiung aufzurufen und das Joch der Fremden abzuschütteln. Ob eine solche Verschwörung wirklich stattgefunden, ist nicht erwiesen. Befremdlich bleibt die Eile, mit welcher Cortes, sobald ihm von dem Plan der aztekischen Fürsten eine Mittheilung geworden, Verhör, Verurtheilung und Vollstreckung des Urtheils aufeinander folgen ließ. Aber die rasche Entscheidung war wohl durch die schwierige Lage geboten, in welcher sich die ganze Unternehmung befand. Da Cortes niemals leichtfertige und unnütze Bluturtheile gefällt hat, so müssen auch bei dieser wichtigen Entscheidung die Verdachtsgründe schwerwiegend gewesen sein. „Als ich mich überzeugt hatte,“ schreibt er an Karl V., „daß diese beiden (Guatemotzin und Tacuba) die Hauptschuldigen seien, gab ich Befehl, sie zu hängen, und so wurden sie gehängt.“[404]Sich rasch zu entschließen und ungesäumt zu handeln, lag in seiner Art; aber in diesem Falle kam selbst den begleitenden Spaniern der Verlauf des Processes binnen 24 Stunden so unerwartet und plötzlich, daß sie an der Rechtmäßigkeit des Spruches zweifelten. Bernal Diaz erklärt unumwunden, daß der Tod der aztekischen Fürsten ihn aufs tiefste geschmerzt und daß derselbe in den Augen aller, die den Zug mitmachten, eine Ungerechtigkeit gewesen sei.[405]Jedenfalls verfehlte das summarische Verfahren auf die übrigen Mitwisser des Planes seine Wirkung nicht; sie schrieben dem spanischen Heerführer Zauberkräfte zu und meinten, er bringe alle Geheimnisse durch seine Seekarte und seinen Compaß (carte de marear y un ahuja) heraus. Cortes ließ sie bei dem Wahn, welcher ihn seinen Gegnern so furchtbar machte.
Von Acalan zog er gegen Südosten zum Peténsee in der Landschaft Taiza, welcher auf allen Seiten von 60 bis 150 Meter hohen, waldbedeckten Kalksteinketten umgeben ist und keinen oberirdischen Abfluß hat. Die Halbinsel, welche von Osten her in den See hineinragt und denselben in ein nördliches und südliches Becken theilt, ist noch mit künstlichen Hügeln bedeckt, auf denen die Spuren alter Gebäude zu sehen sind.[406]Zu Cortes’ Zeit lagdie Hauptstadt des Gebiets auf einer Insel am Ende dieser Landzunge und umfaßte eine Menge Tempel und Steinbilder. Von menschenleeren Wildnissen umgeben, behauptete sich hier ein kleiner selbstständiger Staat, welcher erst 1697 von den Spaniern zertrümmert wurde.[407]Denn wenn sich auch bei Cortes’ Ankunft der Fürst des Landes der spanischen Oberhoheit unterwarf und Geschenke brachte, so hatte doch diese Herrschaft nur bis zum Abzuge der Spanier Bestand.
Weiter ging der Zug zuerst über ebenes, nur hier und da waldiges Land; dann gelangte man aber an mehrere Reihen niedriger, sehr steiler Bergzüge, welche dem Vorrücken die größten Schwierigkeiten bereiteten. Ueber die erste Kette konnte man die Pferde am Zügel noch sicher hinüberführen, auf der zweiten verloren die Reitthiere fast alle die Hufeisen, so daß man einen Rasttag machen mußte, um dieselben wieder zu beschlagen. Dann folgte aber der beschwerlichste von allen Paßübergängen. Das Gebirge war von unbeschreiblicher Wildheit[408]. Man brauchte 12 Tage zu einem Wege von 8 Meilen und verlor eine Anzahl von Rossen durch Sturz von jähen Felsen, oder durch Erschöpfung. Alle Thiere waren beschädigt und blieben drei Monate zum Reiten untauglich. Dabei regnete es Tag und Nacht unaufhörlich und trotzdem litten Roß und Mann Durst, weil zwischen den schneidigen Felskämmen sich nirgend Wasser ansammelte und das, was man in Gefäßen zur Nachtzeit auffing, für das Heer nur auf kurze Zeit ausreichte. Ein Neffe des Cortes erlitt durch den Sturz seines Pferdes mehrfachen Beinbruch in schwerer Rüstung und konnte nur mit Mühe fortgebracht werden. Am Fuß dieses Gebirges, dem die Spanier den Namen Feuersteingebirge beilegten, mußten wieder gegen 20 Bergschluchten, in denen das Regenwasser über Klippen brauste, überbrückt werden. Erst am 15. April, am Tage vor Ostern, waren die bedeutendsten Schwierigkeiten überwunden und erfuhr Cortes hoch erfreut, daß er nur noch einige Tagereisen von der durch Gil Gonzalez in Nito gegründeten Niederlassung entfernt sei. Man war also endlich bis in die Nähe des Golfs von Honduras vorgedrungen und hatte den Polochic erreicht, der sich in den Golfo dulce ergießt und aus diesem, nach einer zweiten seenartigen Erweiterung als Rio dulce in die Bucht von Amatique, den innern Theil des Golfes von Honduras, fällt. Die spanische Colonie konnte allerdings den heranziehenden Truppen keine Unterstützung gewähren, denn fast alle Ansiedler lagen fieberkrank darnieder und litten Mangel, so daß ohne Cortes’ Dazwischenkunft ihr Schicksal besiegelt schien. Statt also mitdem Reste seiner noch kriegstüchtigen Mannschaft sofort weiter auf Olid’s Niederlassung marschiren zu können, mußten zunächst für die Truppen und Colonisten neue Vorräthe vom Golfo dulce herbeigeschafft werden. Uebrigens hoffte Cortes bei dieser Gelegenheit mancherlei nützliche Entdeckungen im Binnenlande machen zu können. Er unternahm diese Fahrt mit einer Brigantine, zwei Böten und vier Canoes. In dem tiefen Fahrwasser des Rio dulce, der zwischen 100 Meter hohen malerischen Felswänden in den See mündet, gelangte die kleine Flotille, gegen den Strom rudernd, in einer anstrengenden Fahrt von zwei Nächten und einem Tage zu der ersten nur zwei Leguas vom Meere entfernten Flußerweiterung, einem von sumpfigen Ufern umgebenen Flußsee, und von hier nach 24 stündiger Arbeit durch die zweite Flußenge in den Golfo dulce oder den See von Izabal, wie er nach einem neuerdings an der Südseite angelegten Orte benannt wird. Dieser See, welcher etwa 30 engl. Meilen lang und 12 Meilen breit ist, wird von hohen Bergketten umrahmt. Am südlichen Ufer ging Cortes ans Land, fand aber das erste Dorf verlassen; denn offenbar hatten die Indianer die Fahrzeuge ankommen sehen und sich geflüchtet. Nur ein einziger rauher Bergpfad führte südlich vom See an den Micobergen entlang nach Westen. Unter Führung von zwei eingefangenen Indianern folgte man dem Pfade, mußte auf dem Steilgehänge theilweise auf Händen und Füßen weiter klettern, mehrere Bergströme durchwaten und endlich, von Moskitos gepeinigt, unter Sturm und Regen die Nacht zubringen. In der Morgendämmerung wurde das nächste Dorf überfallen; da es aber wenig Lebensmittel bot, erkundigte sich Cortes nach größeren Ortschaften und gelangte endlich nach Chacujal.[409]Eine Stadt von dieser Ausdehnung mit Tempeln, Steingebäuden und großem Platze hatte man seit Acalan nicht mehr angetroffen. Es schien daher zweifelhaft, ob man mit der geringen Mannschaft den volkreichen Ort werde bezwingen können. Einige riethen zur Umkehr, aber Cortes hoffte durch Verwegenheit die Einwohner zu entwaffnen. Er überfiel den Ort bei Nacht, vertrieb die Bewohner und bemächtigte sich der reichen Vorräthe an trocknem Mais, Cacao, Bohnen, Pfeffer, Salz, Hühnern und einer Art Fasanen, die man in Käfigen hielt; außerdem fand man hübsche Webstoffe und rohe Baumwolle. Hier blieb die kleine Schar 18 Tage, ging dann nordwärts ins Thal des Polochic hinab und holte, da sich der Fluß schiffbar erwies, ein Boot und ein Canoe vom Golfo dulce herauf, um bei dem Transporte von Lebensmitteln Hilfe zu leisten. Cortes ließ dann vier Flöße bauen, um die Lebensmittel, namentlich Mais, auf dem Fluß herunter zu schaffen. Da man während der Fahrt auf dem Wasser erwartete von den Indianern angegriffen zu werden, so wurde die Mannschaft getheilt und begleitete entweder die Schiffsfracht oder ging zu Lande an den See (Golfo dulce) hinunter, wo ein Sammelplatz bestimmtwar. Cortes selbst überwachte die Beförderung der Vorräthe auf den Flößen. Das Canoe wurde vorausgesandt, um nach etwaigen Hinterhalten der Indianer auszuspähen, dann folgten die Flöße und zuletzt das Boot, in welchem Cortes mit zwei Armbrustschützen sich befand, um, wenn nöthig, den Flößen beispringen zu können. Die Flußfahrt war gefährlich, sowohl wegen der bedeutenden Strömung, als auch wegen der Angriffe der Indianer. Gegen Abend stieß ein Floß so heftig gegen einen im Flußbett festsitzenden Baumstamm, daß es ganz untertauchte und die Hälfte der Ladung verlor. Bei einer Wendung des Stroms, wo die Fahrzeuge durch den Strudel hart an den einen Uferrand getrieben wurden, erwarteten sie die Indianer und überschütteten sie mit einem Hagel von Geschossen, so daß fast alle Spanier verwundet wurden. Cortes selbst, der seinen Helm abgenommen, erhielt einen Steinwurf an den Kopf. Glücklicherweise war das Wasser an jener Stelle tief, die Ufer hoch, so daß die Fahrzeuge in wenigen Minuten an dem Hinterhalte vorbeigetrieben wurden. Auch war die Nacht zu dunkel, um den Angreifern deutliche Zielpunkte für ihre Geschosse zu zeigen. Am nächsten Tage erreichte man den Golfo dulce und fand die Brigantine zur Stelle. Die von den Flößen hinübergeschafften Vorräthe wurden aus den Maisfeldern am See, wo inzwischen das Getreide zur Reife gelangt war, noch vervollständigt, und als die von Chacujal zu Lande kommende Schar ebenfalls eingetroffen war, kehrte die Expedition, nach Verlauf von 25 Tagen, befriedigt zur Niederlassung an der Bai St. Andres zurück. Der Platz der bisherigen Ansiedlung wurde wegen seiner ungesunden Lage aufgegeben und weiter ostwärts eine neue Stadt gegründet, welche den Namen Natividad de nuestra señora erhielt. Dann erst brach Cortes nach dem letzten Ziel seines mühevollen Zuges, nach Triumfo de la Cruz, der Niederlassung Olid’s, auf. Hier erfuhr er den Tod seines ungetreuen Vasallen; das ganze Unternehmen erwies sich somit eigentlich als unnöthig. Aber unermüdlich, und trotz aller Strapazen immer noch mit weiter gehenden Plänen beschäftigt, hoffte er die Küste von Honduras zum Ausgangspunkt weiterer Eroberungen zu machen. Die Indianer der Umgebung von Trujillo, dessen Hafen sich besonders günstig erwies, wußte er zu beruhigen, so daß sie den Platz wieder mit Lebensmitteln versorgten, und befuhr die weiter nach Osten streichenden Küsten, um auch Nicaragua seinem Colonialreiche einzuverleiben. Allein diese Unternehmung fand einen vorzeitigen Abschluß, weil in Mexiko Unruhen ausgebrochen waren, da sich das Gerücht verbreitet hatte, Cortes sei in den Sümpfen von Chiapas, südlich von Tabasco, mit seinem ganzen Heere umgekommen. Er wollte rasch zu Schiffe die Rhede von Vera Cruz zu erreichen suchen, aber zweimal trieb der Sturm das Fahrzeug mit gebrochenem Maste an die Küste zurück. Cortes lag am Fieber schwer krank darnieder. Erst am 25. April 1526 konnte er Honduras verlassen, erreichte Ende Mai Vera Cruz und hielt im Juni seinen festlichen Einzug in Mexiko.
Vier Wochen später langte Luis Ponçe de Leon als Bevollmächtigterder spanischen Regierung dort an, um die von den Widersachern des Cortes vorgebrachten Klagen über Verschwendung der Staatsgelder zu unnützen Unternehmungen zu untersuchen und die Civilverwaltung von Neuspanien zu übernehmen. Man hatte in Europa sogar das verleumderische Gerücht verbreitet, Cortes wolle sich ganz unabhängig machen. Da aber Ponçe de Leon, dessen trefflicher, unparteiischer Charakter gerühmt wird, leider bald starb, so folgte ihm zuerst Marcos de Aguilar und nach dessen Tode der Schatzmeister Estrada, welcher, voll feindlicher Gesinnung, danach trachtete, den Eroberer von Mexiko zu demüthigen; er verbannte ihn aus der Hauptstadt, und wenn er auch bald darauf diesen Befehl zurücknahm und sich mit Cortes zu versöhnen suchte, so vermied dieser doch absichtlich, die Stadt Mexiko zu betreten.[410]
Um den unaufhörlichen Verleumdungen und Beschuldigungen, welche seine Feinde in Spanien gegen ihn erhoben und welche darin gipfelten, daß er den Tod der kaiserlichen Statthalter durch Gift veranlaßt habe, auf das kräftigste entgegentreten zu können, beschloß Cortes, sich persönlich nach Spanien zu begeben, um mündlich seine Sache zu führen und sich zu rechtfertigen. In seinem Gefolge befanden sich mehrere treuergebene Ritter, namentlich Sandoval, sodann die Söhne der Fürsten von Tlascala, eine Anzahl Gaukler, indianische Tänzer und Zwerge, von denen einige später dem Papste verehrt wurden, und endlich Proben von verschiedenen merkwürdigen Landesprodukten, dazu kam noch eine reiche Sammlung von Edelsteinen, 200,000pesos d’oround 1500 Mark Silber. Die Fahrt ging rasch von statten und in 41 Tagen segelte er, ohne irgendwo anzuhalten, über den Ocean und landete im December 1527 bei dem Kloster La Rabida vor Palos. Dort traf er mit Franz Pizarro zusammen, welcher ebenfalls in die Heimat geeilt war, um für seine kühnen Eroberungspläne sich die Unterstützung der Regierung zu sichern und die Geldmittel aufzutreiben. Cortes erlitt kurz nach seiner Landung einen schmerzlichen Verlust, denn es starb sein treuer Waffenbruder Gonzalo de Sandoval, welcher bereits krank ans Land gebracht war, kurze Zeit darauf in Palos, im kräftigsten Mannesalter, erst 31 Jahre alt. Er war der ausgezeichnetste unter den Gefährten des Cortes; in seinem 22. Jahre kam er nach Mexiko und erwies sich überaus tapfer und entschlossen. Sein grades, offnes Wesen, sein schlichtes Aeußere, seine ritterliche Freigebigkeit bei der Austheilung der Beute, seine Besonnenheit und Ruhe in der Gefahr, machten ihn zum Liebling aller Soldaten. Und wenn man auch hie und da seine Art zu sprechen — er stieß nämlich mit der Zunge an — im Lager nachahmte; seine Befehle wurden befolgt, sein Vorbild riß die Lässigen mit fort. Cortes verlor in ihm seine zuverlässigste Stütze.
In Toledo empfing ihn Karl V. in glänzender Audienz und ließ ihm auch die Urkunde[411]über seine bereits 1522 erfolgte Ernennung zum Marques de Valle (nämlich Oaxaca) aushändigen, wobei ihm in diesem schönsten Theile Neuspaniens große Ländereien als Eigenthum überwiesen wurden. Aber die Regierung von Mexiko erhielt er nicht zurück, sondern nur das Commando über die Militärmacht. Im Frühjahr 1530 kehrte er, vor seinen Feinden allerdings gerechtfertigt, aber doch unbefriedigt, weil ihm die Civilverwaltung entzogen war, nach Mexiko zurück und beschäftigte sich einige Jahre auf seinen Gütern, namentlich in Cuernavaca, südlich von der Hauptstadt, mit dem Landbau, bis er im Jahre 1532 seine Entdeckungen in dem westlichen Ocean wieder ausnahm.
Die erste von ihm ausgerüstete Expedition ging unter seinem VetterDiego Hurtado de Mendozaam 30. Juni 1532 mit zwei Schiffen von Acapulco aus, ging an der Westküste nach Norden, entdeckte die kleine Inselgruppe der „drei Marien“ (las tres Marias) zwischen 21 und 22° n. Br., erreichte weiterhin Culiacan in Sonora, welches in späteren Zeiten der Ausgangspunkt merkwürdiger Entdeckungszüge wurde und segelte von da nach der Küste der Halbinsel Californien hinüber. Dort brach unter dem Schiffsvolk eine Meuterei aus, der Capitän Mendoza wurde erschlagen, die beiden Schiffe trennten sich, das Hauptschiff mit den Meuterern blieb verschollen, das andere kehrte nach Jalisco zurück.
Auch die zweite Expedition, welche bereits im October 1533 segelfertig war, wurde von Misgeschick verfolgt. Die beiden Schiffe, welche am 30. October von St. Jago (19° n. Br.) ausgingen, wurden schon am nächsten Tage durch Sturm getrennt und vereinigten sich nicht wieder. Der Capitän des Hauptschiffes,Diego Bezerra, wurde von seinem Lotsen Fortun Ximenes im Schlaf überfallen und getödtet. Dann steuerte dieser nach Californien hinüber, wurde aber bei seiner Landung in der Bai von Sa. Cruz (jetzt Bahia de la Paz) mit etwa zwanzig seiner Leute von Indianern erschlagen. Die übrige Mannschaft kehrte darauf nach dem Hafen von Chamatla, südlich von Mazatlan, zurück. Das andere Schiff unter Hernando de Grijalva und dem Portugiesen Martin de Acosta als Pilot suchte zuerst nach dem Sturm das Hauptschiff in südlicher Richtung, angeblich bis 13½° n. Br.,[412]wandte sich am 9. November wieder nordwärts, kam aber, von Windstillen aufgehalten, nur langsam vorwärts, ging am 7. December über den Wendekreis und entdeckte, sich wiederum nach S.-W. wendend, am 28. December die Revilla-Gigedo-Gruppe, deren Hauptinsel San Tomas (jetzt Socorro) genannt wurde. Nachdem man durch Errichtung eines Kreuzes von der Entdeckung Besitz genommen, ging man an die Küste Neuspaniens zurück und lief im Januar 1534 in den Hafen von Zacatula (18° n. Br.) ein.
Da die bisherigen Resultate den Erwartungen, welcheCortesvon diesen Fahrten gehegt hatte, zu wenig entsprachen, so machte er sich im Jahre 1535 selbst auf mit drei Schiffen, welche er in Tehuantepec hatte bauen lassen und nach Chamatla (Chiametlan, 23° n. Br.) schickte, wo er sich an Bord begab und am 15. April 1535 unter Segel ging. Am 3. Mai erreichte er die Friedensbucht an der Halbinsel Californien und fand dort den Tod des Lotsen Ximenes bestätigt. Seine Versuche, sich dort festzusetzen, schlugen, bei der Unfruchtbarkeit des Landes, fehl. Von hier ging er noch 50 Meilen in den Golf von Californien nordwärts, lief auf der Rückkehr noch einmal in der Friedensbucht an, verlor aber, da die Lebensmittel ausgingen, viel Mannschaft; denn die wenigen Eingebornen, welche man antraf, nährten sich kärglich nur vom Fischfange. Man hatte ihn in Mexiko bereits aufgegeben, als er im Anfang des Jahres 1537 nach Acapulco zurückkam. Trotz aller Miserfolge schickte Cortes im nächsten Jahre noch einmal denFrancisco Ulloavon Acapulco ab. Eins von den drei Schiffen ging kurz nach der Abfahrt (8. Juli 1538) unter, die beiden andern steuerten nach der Halbinsel Californien und erreichten an der Westseite die Punta del Engaño[413](Cabo bajo), unter 21½° n. B. Da das eine der beiden Schiffe stark beschädigt war, so ging es nach der Westküste von Mexiko zurück, wo es glücklich anlangte. Ulloa setzte in der „Trinidad“ allein seine Entdeckungsfahrt fort und kehrte nicht zurück.
Cortes blieb trotz aller Unglücksfälle unerschütterlich. Das Glück versagte ihm beharrlich auf dem Meere die Ruhmestitel, womit es seine Unternehmungen zu Lande ausgezeichnet hatte. Wenn daher der Vicekönig von Neuspanien, Mendoza, ihm nicht gestatten wollte, dem westlichen Ocean weitere Opfer zu bringen, so fühlte sich Cortes dadurch in seinem eigentlichen Amte als Oberfeldherr und Befehlshaber an der Küste der Südsee beeinträchtigt. Sein Geist war viel zu lebhaft, um sich in müßiger Ruhe dem Genusse des Errungenen hinzugeben. Um die Entscheidung über seine Differenz mit dem Vicekönig dem König vorzulegen, ging er 1540 zum zweitenmale nach Spanien. Aber Karl V. empfing ihn ziemlich kühl, und so blieb Cortes, nachdem er 1541 an Karls Feldzug gegen Algier theilgenommen hatte, jahrelang auf günstigen Bescheid hoffend in Spanien, bis er am 2. December 1547 in Castilleja de la Cuesta, einem Dorfe bei Sevilla, starb. Er war 63 Jahre alt geworden. Sein Schicksal erinnert an das des Columbus. In den späteren Jahren war sein Name schon halb vergessen und durch den Glanz des peruanischen Goldes auch sein Ruhm verdunkelt. Er starb wie Columbus, in beständiger Erwartung, wieder in seine Rechte eingesetzt zu werden. Die Sonne, die im Zenith gestrahlt und am Abend hinter Wolkenuntergeht, ist ein treffendes Bild, welches auf beide Entdecker paßt. Aber Cortes war ein reicher Mann geworden, Columbus starb in Dürftigkeit. Seine Gebeine wurden 1562 nach Neuspanien und zwar nach Tezcuco gebracht, dann 1629 in der Kirche des heiligen Francisco in Mexiko beigesetzt und 1794 in das von ihm gegründete Hospital Jesus von Nazareth übergeführt. Von hier wurden die irdischen Überreste 1823 während des Aufstandes entfernt, man weiß nicht, wohin? Seine männlichen Nachkommen starben im vierten Gliede aus.