Chapter 7

Stammbaum der Familie:❏GRÖSSERE BILDANSICHT

Stammbaum der Familie:

❏GRÖSSERE BILDANSICHT

Marco der ältere scheint eine Zeit lang in Konstantinopel etablirt gewesen zu sein und ein Haus in Soldaia besessen zu haben. Seine Brüder Nicolo und Maffeo unternahmen ihre erste Reise nach Konstantinopel im Jahre 1260, kauften hier byzantinisches Geschmeide ein, welches unter den Mongolen sehr geschätzt war und tauschten außerdem ihre venetianischen Waaren gegen Edelsteine um. Ihre Absicht war, zunächst den Fürsten von Kiptschack zu besuchen.

Damals regierte von 1257–1265Barka(Berke, Berekeh), ein Enkel des Tschingiskaan, welcher theils in Sarai, theils in Bolgar residirte. Die nördliche Residenz lag bei dem jetzigen Dorfe Bolgari, südlich von Kasan an der Wolga; die südliche, Sarai, war von Batu, dem Bruder Barkas, an einem Arme der unteren Wolga, östlich von Zaritzyn gegründet, und wurde schon 1395 von Timur wieder zerstört.

Marco Polo.Nach einem Gemälde in der Galerie Badia zu Rom mit der Unterschrift:MARCUS POLUS VENETUS TOTIUS ORBIS ET INDIE PEREGRATOR PRIMUS.

Marco Polo.

Nach einem Gemälde in der Galerie Badia zu Rom mit der Unterschrift:MARCUS POLUS VENETUS TOTIUS ORBIS ET INDIE PEREGRATOR PRIMUS.

Als sie Bolgar verlassen wollten, brach ein Krieg zwischen Barka und seinem VetterHulagu(Hulaku, Alau) von Persien aus. Dadurch wurde ihnen der Rückweg abgeschnitten, sie kamen an der Wolga abwärts nur bis Ucaca, südlich von Saratov, gingen hier über den Strom und nach Südosten durch die Steppen, setzten über den Uralfluß (bei Polo Tigris genannt) und gelangten wahrscheinlich über Urgendsch (Chiva) nach Bochara. Hier hielten sie sich des Handels wegen drei Jahre auf, machten sich mit den Sitten derTataren bekannt, erlernten deren Sprache und beschlossen dann, mit einer tatarischen Gesandtschaft, welche von Persien nach China ging und sie zur Begleitung einlud, zum Mongolen-Kaan Kublai zu reisen. Der Großfürst nahm sie freundlich auf und gab ihnen dann bei der Heimkehr einen Gesandten an den Pabst mit, um sich für den Orient wissenschaftliche Lehrer der sieben freien Künste zu erbitten. Aber der kaiserliche Gesandte blieb auf der Reise krank zurück und die Gebrüder Poli kehrten 1269 allein in die Heimat und das Gestade des Mittelmeeres zurück, das sie bei Lajazzo erreichten. In Ptolemais (Acre) erfuhren sie, daß der Pabst Clemens IV. gestorben sei. Sie richteten ihren Auftrag daher zunächst an den päbstlichen Legaten Theobald (Tebaldo) von Piacenza aus.

Die Vacanz in Rom dauerte über zwei Jahre; inzwischen gingen die Poli nach Venedig und rüsteten sich dann zur zweiten Reise nach Asien, auf welcher sie der Sohn Nicolos,Marco Polo, welcher 1254 geboren war, begleiten sollte. Da die Pabstwahl sich immer noch verzögerte, so schien es, als sollten sie ohne päbstliches Antwortschreiben ihre Wanderung antreten. Weil seit 1261 die Handelslinie über das schwarze Meer, welche sie auf der ersten Reise eingeschlagen, gesperrt war, kehrten sie zunächst nach Palästina zurück, und nahmen für den Kaan Oel aus der heiligen Lampe am heiligen Grabe in Jerusalem mit und fuhren von da nach Lajazzo. Hier erfuhren sie, daß der Legat Theobald am 1. September 1271 alsGregorX. zum Pabste erwählt worden sei. Derselbe rief sie nach Acre zurück, übergab ihnen Briefe an den mongolischen Großfürsten und entsendete zwei Dominikaner, Nicolaus von Vicenza und Wilhelm von Tripolis (in Syrien) nach dem Wunsche Kublais. Da aber in Folge eines Krieges, welcher zwischen dem Könige von Armenien und dem Sultan von Babylon ausbrach, der Weg unsicher gemacht war, so blieben die beiden Predigermönche bereits in Armenien zurück. So zogen die Poli wiederum allein. Ihren Ausgang nahmen sie von Lajazzo, von wo sie im November 1271 ins Innere aufbrachen. Den Bericht über diese zweite große Reise, welche 24 Jahre währte, verdanken wir dem jüngeren,Marco Polo, welcher sich dadurch um die Erweiterung der geographischen Erkenntnisse des Orients unsterbliches Verdienst erworben und den Ruf des berühmtesten abendländischen Landreisenden im Mittelalter gewann.

Die Feststellung des Reiseweges, den er mit Vater und Oheim und in China zu Zeiten allein eingeschlagen, wird in mancher Beziehung erschwert, theils in Folge zu allgemein gehaltener Angaben, theils weil sich die vielfach verstümmelten Ortsnamen nur schwer identificiren lassen. Doch ist gegenwärtig durch die vorzüglichen Arbeiten Pauthier’s[23]und Yule’s[24]über Marco Polo und die durch von Richthofen in Bezug auf China gegebene Ergänzung die Möglichkeit geboten, in den wesentlichen Momenten dem großen Reisenden folgen zu können.

Von Lajazzo am issischen Golf ging die Route zunächst durch Klein-Armenien und Kleinasien wahrscheinlich über Kaisarie, Siwas, Arzingan und Musch, also denselben Weg, den Rubruck auf seiner Rückreise von Karakorum aus eingeschlagen hatte. Weiterhin erwähnt Polo den hohen mit ewigem Schnee bedeckten Berg, auf dem die unnahbare Arche Noahs ruhte; dann wandten sich die Reisenden südwärts nach Mardin und durch das Gebirge der räuberischen Kurden nach Mossul und Baudas (Bagdad). Den Fluß hinunter erreichte man in 18 Tagen Basra, von wo die Seefahrt begann, welche sie an Kisch (Kisi) vorüber nach Ormuz brachte. Die Insel und Hafenstadt Kisch (jetzt Ghes genannt) war lange Zeit ein Haupthandelsemporium, sie war gut bewaldet und mit frischem Wasser versehen. Polo scheint die Stadt nicht besucht zu haben, denn seine Angaben darüber klingen sehr dunkel. Die Ruinen der längst untergegangenen Stadt liegen an der Nordseite der Insel.

Hier beginnen die Schwierigkeiten, den Weg Polos zu fixiren, sich zu mehren. Marco Polo beschreibt uns nämlich denAbstieg vom Hochlande des inneren Iran zur Küste von Ormuz, während wir einenAufstieg erwarten. Wir können nur annehmen, daß Polo uns einen zweiten Besuch des Hafens während der Heimkehr erzählt. Die Stadt lag damals noch auf dem festen Lande, wurde aber um 1300 durch feindliche Ueberfälle gezwungen, sich auf die Insel zurückzuziehen, wo dieses Emporium eine zweite Blüte erlebte. Die Ruinen von Alt-Ormuz liegen im District von Minao, wo auch Spuren eines langen Hafendammes gefunden sind. Die Landschaft selbst hieß Hormuzdia, woraus unser Reisender Formosa machte. Um eine Probe der Erzählungsweise Polos zu geben, schalte ich hier seine Wanderung nach Ormuz ein, welche ich, um ihr die alterthümliche Färbung zu bewahren, aus einer der ersten deutschen Uebersetzungen entlehne.[25]

„Von dem lustigen veld vnd von der statt Cormos.“„Die eben do von yetzt gesagt ist, herstreckt sich jnn die funff tagreisen, vnd do sie ein end hat, do hebt der weg an vnder sich zu gohn, vnnd mus man bis jnn die zwentzig meilen stetzs vndersich gohn. Das ist ein vast böser weg, vnd vmb der rauber willen vnsicher. Zu letst kompt man zu eim vberaus hupschen veldt, das ist zwo tagreisen lang, vnd heisset das orth die schöne.“[26]„Jnn disem land seind vil wasser bäch, vnd palmen beum. Es seind auch mangerley vögel mit hauffen do, zuvor papageyen, die disseit des Meeres nicht funden werden. Von dannen kompt man zu dem meer Crean (verdruckt statt Ocean), do ligt am gestaden die statt Cormos, die hat ein guten port, do viel Kaufleut zusammen kommen, die bringen aus India specerey, berlin, edelgestein, gewant von seiden vnd gulden stucken, zeen von helffanten, sambtandern köstlichem ding. Dis ist ein königliche stadt, vnd hatt viel stett vnd schlösser vnder jr. Die landtschafft aber an jr selbs ist heis vnnd schwach. So ein frembder kauffman do stirbt, so nimbt der König als sein gut. Jnn disem landt macht man wein aus dateln vn̄ vō andern köstlichen specereiē, die sein aber nit gwont sind vn̄ erst anhebē zu trincken, den bewegt er dē bauchflus, aber die sein gewont sind, die werden seer feyst douō. Die jnwoner dises lands essen kein weitzen brot, auch kein fleisch, sunder datteln, ziblen vn̄ gesaltzen fisch. Sie haben schiff die sind nit vast sicher, dan̄ sie hefftens nit mit eisen neglen, sunder mit hültzen neglen vnd fedemen, die sind aus rinden gemacht der yndischen nus, die rinde bereit man wie leder, daraus schnidt man darnach fedem, vn̄ aus den fedemen macht man starke seyl, die den gewalt des wassers dulden mögen. Jedes schiff hat nit mehr dann einen mast, ein segel, ein leytruder, vnd ein Decke.“„Man schmiert sie auch nit mit Bech, sunder mit vischschmalz. So sie dan̄ jnn Jndiam farend vnnd pferd oder andere war mit jnen füren, so verlieren sie vil schiff, dan̄ das selb meer ist vast vngestüm, vnd sind die schiff nit mit eisen verwart. Die jnwoner dieses lands sind schwartz, vn̄ Machumets gsatz vnderworffen. Jm sommer so es vast heis wurt, so wonē sie nit in den stetten, sunder jn wol gewesserten gärten auswendig der stett, do leyten sie das wasser mit düncheln hin und her, doselbst wonen sie, vnd empfliehē der hitz ein wenig. Es geschieht auch etwan, das ein heisser brenner windt von einer wüsteney kompt, do nichts dann sandt ist, der wehet so stark, das so die leut nicht balde flühen, so hersteckte er sie alle mit der hitz.“„So bald sie prüfen, dz sich derselb wind erhebt so fliehen sie eilend zum wasser, darin erhalten sie sich, bis der windt vberget, also entwichen sie dem brunst den der sand bringt. Sie seehen jnn disem land jm Wintermonat, vn̄ jm Mertzen ernden sie, dan̄ sind auch andere frücht zeittig abzulesen, dan̄ nach dem Mertzen verdorren alle beum am laub vnd gras, vnd findt man den gantzen summer kein grien blat, es sey dan̄ an den wassern. Es ist ein gewonheit jnn disem land, wan̄ ein hausvater stirbt, so beweint jn sein weib vier jar lang allen tag zu eyner bestimbten zeit. Es samlen sich auch des abgestorbenen, gesipte frund jnn sein haus, sambt allen seinen nachbauren, die heulen vnd weynen, vnd machen bittere klagen do.“

„Von dem lustigen veld vnd von der statt Cormos.“

„Die eben do von yetzt gesagt ist, herstreckt sich jnn die funff tagreisen, vnd do sie ein end hat, do hebt der weg an vnder sich zu gohn, vnnd mus man bis jnn die zwentzig meilen stetzs vndersich gohn. Das ist ein vast böser weg, vnd vmb der rauber willen vnsicher. Zu letst kompt man zu eim vberaus hupschen veldt, das ist zwo tagreisen lang, vnd heisset das orth die schöne.“[26]„Jnn disem land seind vil wasser bäch, vnd palmen beum. Es seind auch mangerley vögel mit hauffen do, zuvor papageyen, die disseit des Meeres nicht funden werden. Von dannen kompt man zu dem meer Crean (verdruckt statt Ocean), do ligt am gestaden die statt Cormos, die hat ein guten port, do viel Kaufleut zusammen kommen, die bringen aus India specerey, berlin, edelgestein, gewant von seiden vnd gulden stucken, zeen von helffanten, sambtandern köstlichem ding. Dis ist ein königliche stadt, vnd hatt viel stett vnd schlösser vnder jr. Die landtschafft aber an jr selbs ist heis vnnd schwach. So ein frembder kauffman do stirbt, so nimbt der König als sein gut. Jnn disem landt macht man wein aus dateln vn̄ vō andern köstlichen specereiē, die sein aber nit gwont sind vn̄ erst anhebē zu trincken, den bewegt er dē bauchflus, aber die sein gewont sind, die werden seer feyst douō. Die jnwoner dises lands essen kein weitzen brot, auch kein fleisch, sunder datteln, ziblen vn̄ gesaltzen fisch. Sie haben schiff die sind nit vast sicher, dan̄ sie hefftens nit mit eisen neglen, sunder mit hültzen neglen vnd fedemen, die sind aus rinden gemacht der yndischen nus, die rinde bereit man wie leder, daraus schnidt man darnach fedem, vn̄ aus den fedemen macht man starke seyl, die den gewalt des wassers dulden mögen. Jedes schiff hat nit mehr dann einen mast, ein segel, ein leytruder, vnd ein Decke.“

„Man schmiert sie auch nit mit Bech, sunder mit vischschmalz. So sie dan̄ jnn Jndiam farend vnnd pferd oder andere war mit jnen füren, so verlieren sie vil schiff, dan̄ das selb meer ist vast vngestüm, vnd sind die schiff nit mit eisen verwart. Die jnwoner dieses lands sind schwartz, vn̄ Machumets gsatz vnderworffen. Jm sommer so es vast heis wurt, so wonē sie nit in den stetten, sunder jn wol gewesserten gärten auswendig der stett, do leyten sie das wasser mit düncheln hin und her, doselbst wonen sie, vnd empfliehē der hitz ein wenig. Es geschieht auch etwan, das ein heisser brenner windt von einer wüsteney kompt, do nichts dann sandt ist, der wehet so stark, das so die leut nicht balde flühen, so hersteckte er sie alle mit der hitz.“

„So bald sie prüfen, dz sich derselb wind erhebt so fliehen sie eilend zum wasser, darin erhalten sie sich, bis der windt vberget, also entwichen sie dem brunst den der sand bringt. Sie seehen jnn disem land jm Wintermonat, vn̄ jm Mertzen ernden sie, dan̄ sind auch andere frücht zeittig abzulesen, dan̄ nach dem Mertzen verdorren alle beum am laub vnd gras, vnd findt man den gantzen summer kein grien blat, es sey dan̄ an den wassern. Es ist ein gewonheit jnn disem land, wan̄ ein hausvater stirbt, so beweint jn sein weib vier jar lang allen tag zu eyner bestimbten zeit. Es samlen sich auch des abgestorbenen, gesipte frund jnn sein haus, sambt allen seinen nachbauren, die heulen vnd weynen, vnd machen bittere klagen do.“

Das innere Persien war den Abendländern erst seit der Mongoleninvasion geöffnet. Polo hat es auf dem Hin- und Herwege durchkreuzt. Von Ormuz reitet man 17 Tage über das Gebirge nach Kerman. Der Weg, den die Reisenden machten, entspricht so ziemlich der Route des englischen Major Smith 1866. Von Kerman aus mußte man in nördlicher Richtung die Wüste Lut durchschneiden, in welcher man nur bitteres und salziges Wasser findet. Die von Polo weiterhin genannte Stadt Cobinan dürfte wohl mit der Landschaft Kuh-banan identisch sein. An den nordpersischen Gebirgenwandte er sich ostwärts nach Balch. Hier war damals die Ostgrenze des persischen Reichs.

Diese Stadt war von den Mongolen zerstört, welche auch noch andere volkreiche Plätze im Gebiet des obern Oxus von der Erde vertilgt hatten. In Kunduz, der weiter östlich gelegenen Landschaft, betreten wir die Stufenländer des gewaltigsten aller Hochländer auf der Erde. Es werden noch die Orte Taican (d. h. Talikhan) und Casem (d. i. Kischm, jetzt südlich von der gewöhnlichen Karawanenroute) genannt, und wir gelangen weiter in das Hochgebirgsgebiet von Badachschan. Diese Landschaft lehnt sich im Süden an die Schneekette des Hindukusch, im Osten an den Steilrand der Pamir, der grasigen Hochthäler an den Quellenbächen des Oxus. Die Straße, welche Polo zog, um nach den tiefgelegenen Städten Yarkend und Kaschgar zu gelangen, ist in neuerer Zeit, was den westlichen Theil betrifft, zuerst von dem englischen Reisenden Wood 1838 wieder betreten, während die östlichen Hochpässe über die Pamirsteppen von einem Theil der von Indien nach Kaschgar beorderten englischen Mission unter Douglas Forsyth 1873 zum ersten Male in neuerer Zeit überschritten sind. Die Landschaft Badachschan war ehedem berühmt durch ihren Reichthum an Edelsteinen, namentlich Rubinen. Die Hauptfundgruben liegen am Panjah- oder Hamunflusse (d. i. Amu) in dem früher blühenden und volkreichen Districte von Gharan. Jetzt ist das Thal mit Dorfruinen besäet. Die 16 englische Meilen nördlich von dem kleinen Dorfe Barschar gelegenen Rubingruben, welche eine Quelle des Reichthums für die Herrscher von Badachschan abgaben, sind nahezu erschöpft. Im Jahre 1873 waren nur noch 30 Arbeiter dort beschäftigt. Im Süden Badachschans, am Fuß des Hindukusch, war die Fundstätte eines andern hochgeschätzten Steines, des Lasursteines oder Lapis Lazuli, welcher im Abendlande nach der Landschaft Badachschan oder Balakschan benannt wurde; Marco Polo schreibt Balaciam. Albertus Magnus kennt den Stein unter dem Namen Balagius, Dante als Balascio. Wood hat diese Fundstätten besucht. Polo rühmt hier zu Lande auch die berühmte Pferdezucht, welche noch gegenwärtig in Blüte steht. In der reinen Luft der Hochgebirgsthäler genas unser Reisender auch von dem Fieber, das er sich in Persien zugezogen und das ihn Jahre lang gepeinigt hatte. Die Schönheit der landschaftlichen Scenerien wird von ihm gepriesen. Von Faizabad zog Polo wahrscheinlich über den Aghirdapaß und durch die Schlucht, welche sich bei Barschar in der Nähe der Rubingruben öffnet, hinab ins Panjahthal und gelangte so ins Gebiet von Wakhan (Vocan), von wo der mühsame Uebergang über die Weidethäler der großen oder der kleinen Pamir erfolgte. Der District von Wakhan erstreckt sich von Westen nach Osten und besteht aus rauhen Hochthälern, welche beständig von heftigen und kalten Winden heimgesucht sind. Capitän Trotter, ein Mitglied der Gesandtschaft des erwähnten Sir Douglas Forsyth, hat denselben Weg, wie Polo, gemacht und ausführlich geschildert (Journal R. Ggr. Soc. Vol.XLVIII, 1878). Das am höchsten gelegene Dorf im Wakhan, Sarhadd, hat eine Seehöhevon 3350 Meter. Weiter aufwärts macht man im Winter die Reise auf dem gefrorenen Spiegel des Bergstroms und führt sie mit geringeren Schwierigkeiten aus, als im Hochsommer, weil dann bei der Schneeschmelze und der Hochfluth der Pfad im Thale vielfach versperrt ist. Dann geht es in beständiger Folge von steilen Auf- und Abstiegen am Gehänge hin; an einer Stelle muß man, wo der Weg abbricht, an einer Steilwand in kürzester Frist 1000 Fuß hinanklimmen. Das von den kirghisischen Hirten jetzt fast ganz verlassene Thal der kleinen Pamir liegt 4000 Meter hoch. Ein kalter Wind bläst so heftig durch das Thal, daß man kaum die Augen öffnen kann. Die verschneiten Paßhöhen, welche die Grenze zwischen Ost- und West-Turkestan bilden und zugleich die Wasserscheide zwischen den westlichen Abflüssen des Oxus und den östlichen des Tarim bezeichnen, liegen über 4500 Meter hoch. Dann beginnt die Wanderung über das eigentliche Plateau der Pamir, „des Daches der Welt“. Die kühnen, schroffen, himmelanstrebenden Bergformen verschwinden und flachwellige Thäler in einer Höhenlage von über 3000 Meter treten an die Stelle, bewohnt von Kirghisen und belebt von ihren Herden. Ueber dem breiten Thale ragt das altberühmte Taschkurghan („Steinschloß“) empor, der Sitz des Districtgouverneurs. Das Schloß ist uralt, und soll von Afrasiab, einem Könige von Turan, gebaut sein. Eine Zeit lang bestand hier eine blühende Tädschik-Colonie unter einem erblichen Herrscher, der an China Tribut zahlte. Von hier geht der Weg wieder zehn Tage lang durch wilde spärlich bevölkerte Gebirge und gefährliche Pässe. „Die Berge,“ schreibt Trotter, welcher von Kaschgar herüberkam, „sind kahl und unfruchtbar, der Weg ist schlecht und nach Uebersteigung des Toratpasses („Pferdeschweif“), 3400 Meter hoch, gradezu abscheulich. An einer Stelle führt er im Flußbette hin, der, voll großer Blöcke und tiefer Wasserlöcher, zwischen senkrechten Felswänden sich Bahn bricht. Ein paar entschlossene Leute können den Weg gegen eine ganze Armee vertheidigen. Fast ebenso schwierig ist der Abstieg ins Tiefland von Ost-Turkestan nach Yarkend.“

Die Schilderung dieses überaus mühsamen Uebergangs über die Pamir bildet eins der interessantesten Capitel in dem Berichte unseres Venetianers. Möge darum seine Darstellung hier in der alten deutschen Uebertragung eingereiht werden.

„So man von dannen (nämlich von Wakhan) gegen auffgang zeucht, so mus man drey gantz tag vbersich ziehen, bis man auff ein hohen berg kumbt, der kein höhern jn der welt hat. Daselbst findt man ein ebne zwischen zweyen bergen, darin fleußt ein schön lustig wasser, das gibt gute weyden darumb, also das ein mager pferdt oder rindt jn zehen tagen feyßt dauon wirt.“„Man findt auch vil wildbrets da, zuuor etlich wilde wider (Ovis Poli) oder castrone, die haben lange hörner, daraus macht man mangerley geschiir, dise ebne ist so lang, das man jr in zwelff tagen kein end finden kan und heyßt Pamer (andere Lesart Pamier). So man aber weyter zeucht, so wirt es wie eine wüsteney, vnd hat keins menschen wonung mer, auch kein grüngras mehr. Darumb müssen die leut mit jnen führen, was jnen von nötten ist zur erhaltung. Es ist auch kein vogel da, vmb der kelten willen, vnd grosser Höhe des erdtrichs, das dem vich kein futter tragen kan.“[27]„So man ein feur da anzündt, so ist es nicht so hell, vnnd so krefftig, als an anderen orten von wegen der vberschwencklichen kelten des lands.[28]Von dannen geth der weg durch die berg gen auffgang vnd mitnacht, da findt man berg vnd thal, vnd vil wasser da zwischen, aber keins menschen wonung, vnd kein kraut. Das landt heyßt Belor, das zeigt ein ewigen winter an. Derselb anblick weret viertzig tagreysen lang.[29]Fur so viel tag mus man auch prouiand bey sich haben, doch sicht man auff den allerhöchstn bergen, hin vnd her etlicher leut wonungen, die seind aber vberaus bös vnd grewlich, so seind sie auch abgöttisch, die geleben des weidwercks vnd bekleyden sich mit den heutten von den thieren.“

„So man von dannen (nämlich von Wakhan) gegen auffgang zeucht, so mus man drey gantz tag vbersich ziehen, bis man auff ein hohen berg kumbt, der kein höhern jn der welt hat. Daselbst findt man ein ebne zwischen zweyen bergen, darin fleußt ein schön lustig wasser, das gibt gute weyden darumb, also das ein mager pferdt oder rindt jn zehen tagen feyßt dauon wirt.“

„Man findt auch vil wildbrets da, zuuor etlich wilde wider (Ovis Poli) oder castrone, die haben lange hörner, daraus macht man mangerley geschiir, dise ebne ist so lang, das man jr in zwelff tagen kein end finden kan und heyßt Pamer (andere Lesart Pamier). So man aber weyter zeucht, so wirt es wie eine wüsteney, vnd hat keins menschen wonung mer, auch kein grüngras mehr. Darumb müssen die leut mit jnen führen, was jnen von nötten ist zur erhaltung. Es ist auch kein vogel da, vmb der kelten willen, vnd grosser Höhe des erdtrichs, das dem vich kein futter tragen kan.“[27]

„So man ein feur da anzündt, so ist es nicht so hell, vnnd so krefftig, als an anderen orten von wegen der vberschwencklichen kelten des lands.[28]Von dannen geth der weg durch die berg gen auffgang vnd mitnacht, da findt man berg vnd thal, vnd vil wasser da zwischen, aber keins menschen wonung, vnd kein kraut. Das landt heyßt Belor, das zeigt ein ewigen winter an. Derselb anblick weret viertzig tagreysen lang.[29]Fur so viel tag mus man auch prouiand bey sich haben, doch sicht man auff den allerhöchstn bergen, hin vnd her etlicher leut wonungen, die seind aber vberaus bös vnd grewlich, so seind sie auch abgöttisch, die geleben des weidwercks vnd bekleyden sich mit den heutten von den thieren.“

Außer Wood haben das Hochland auf zum Theil verschiedenen Wegen durchkreuzt 1861 der britische Agent Abdul Medschid auf dem Wege nach Kokan, und Mirza 1868/9 über den Tschitschiklikpaß nordöstlich von Taschkurgan, welchen Trotter und wahrscheinlich auch schon Polo überstiegen. Den gewaltigen Unterschied zwischen den unwirthlichen, menschenleeren Höhen und den blühenden Oasen in Ost-Turkestan empfanden die venetianischen Kaufleute sofort und Marco Polo verleiht der Wahrnehmung Worte, wenn er mit Befriedigung von den herrlichen Weinbergen, Fruchtgärten und „anderen Ackergütern“ erzählt. Während auf der Pamir sich einzelne Gipfel bis zu 8000 Meter erheben, ist der tiefste Thalboden im Tarimbecken kaum 700 Meter über See gelegen. Nur an den von der Umwallung der alpinen Hochketten aus Norden, Westen und Süden ablaufenden Gewässern ist durch künstliche Befeuchtung des Bodens um feste Städte eine oasenartige Kultur entstanden, die sich an die Gebirge anlehnt. Das Tarimsystem wird im Norden und Süden von den Schneegebirgen des Tienschan und Kwenlun begleitet, welche, fast parallel, weit gegen Osten streichen. Daher haben sich, weil an der Rinne des Tarim selbst wenig anbaufähiges Land sich findet, zwei Städtereihen im Norden und Süden entwickelt, durch welche der Weg nach China führt. Während in unsern Tagen die belebteste Karawanenstraße durch die nördliche Städtereihe Kaschgar, Aksu, Turfan und Komul geht, lief zu Polo’s Zeit die Route durch die südlichen Plätze Yarkend, Iltschi (Choten), Tschertschen und an den Lopnor, das Sammelbecken aller Gewässer Ost-Turkestans. Den Weg der Venetianer hat kein europäischer Reisender wieder verfolgt, nur durchkreuzt hat ihn in jüngster Zeit der kühne russische Oberst Prschewalsky, welcher nach Polo auch zuerst den Lopsee erreichte. Im Gebiet von Choten oderIltschi erwähnt unser Reisender den grünlichen Chalcedon, der dort unter dem Namen Jade bekannt ist. Die Chinesen schätzen ihn als Yu-stein, die Perser nennen ihn Yaschin, woraus unser „Jaspis“ geworden ist. Ueber die Stadt Tschertschen (bei Polo Ciarcian, ein lange vergeblich gesuchter Ort), welche nach den Erkundigungen von Prschewalsky am Tschertschen-Darja liegt, wurde die Oase Lop erreicht, wo man sich von der beschwerlichen Wüstenreise eine Zeit lang erholen konnte und den Thieren Rast gönnte, ehe man die große Wüstenreise zu der ersten chinesischen Stadt antrat. Der Wüstensand liegt hier in beweglichen Massen, die vom Winde aufgewirbelt werden. Bei den Chinesen war dieser Wüstenstrich in früherer Zeit unter dem bezeichnenden Namen Lu-scha, d. h. fließender Sand, bekannt. Er bildet die westliche Fortsetzung der bekannten Scha-mo, d. h. Sandmeer.

Die Bevölkerung der Oase[30]Lop (Polo bezeichnet diese als eine große Stadt) hat stets isolirt, wenn auch nicht völlig abgesondert von der übrigen Welt gelebt. Prschewalsky hält den Grundstamm für arisch, mit mongolischem und tatarischem Blute gemischt. Sie war schon zu Polo’s Zeit mohammedanisch. Auffällig ist, daß jetzt Kamele nicht mehr vorkommen, während unser Reisender ausdrücklich betont, daß man sich hier zur Weiterreise mit starken Kamelen versorge, denn die Wüstenwanderung währt einen ganzen Monat, und für diese Zeit muß man sich mit Lebensmitteln und Futter versehen. Trinkwasser findet sich an einigen Stellen, wenn auch nicht immer reichlich. Die größten Gefahren der Reise liegen aber nach der Ansicht unseres Berichterstatters in den Tücken böser Geister, die durch Namensruf und allerlei Geräusch die Reisenden in die Irre führen und ins Verderben locken. Bei Tage klingen diese Geisterstimmen wie „süß tönendes Saitenspiel, Pauken und Trommeln“. Chinesische und arabische Schriftsteller wissen gleicherweise von solchen geheimnißvollen Tönen in der Wüste zu erzählen; auch Capitän Wood vergleicht den Ton der Schritte im beweglichen Sande mit fernem Trommelwirbel und zarter Musik. Daß aber, abgesehen von den ungleich erwärmten in Bewegung gerathenen sogenannten klingenden Sandmassen andere eigenthümliche Sinnestäuschungen in den asiatischen Wüsten zu solchem Gespensterglauben veranlassen können, wie ihn der naive Bericht Polo’s kundgibt, dafür mögen hier die Beobachtungen des Botanikers A. v. Bunge eingeschaltet werden, welcher bei der Expedition Chanikoffs die auch von Polo durchschnittene Wüste Lut in Iran durchzog. „Der Tag war glühend heiß gewesen,“ schreibt Bunge, „die finstere Nacht — die Gewitterwolken waren herangezogen, aber sie schwanden über der dürren Wüste, fast ohne daß ein Tropfen herabfiel — war warm; beim gleichmäßigen Schaukeln auf demKamel ängstigte — nicht mich allein — eine eigenthümliche Sinnestäuschung, als ritte man in dichtem Walde zwischen hohen Bäumen und müsse sich fortwährend beugen, um den Zweigen auszuweichen. Schon ehe die Sonne aufging, traten die Erscheinungen der Luftspiegelung ein.“ (Petermann, Mitthl. 1860. 223.) AuchDr.O. Lenz hat bei seiner ruhmvollen Wanderung durch die westliche Sahara von Marokko nach Timbuktu 1880, die Erscheinungen des tönenden Sandes beobachtet als langgezogene dumpfe Trompetentöne, welche, um das Unheimliche dieser Wüstenlaute zu steigern, bald hier, bald dort, immer aus einer andern Gegend herüberklingen. Lenz sucht die Ursache an der Friction der erhitzten Quarzkörner.

Erst nach 30 Tagen gelangten die venetianischen Kaufleute zur ersten chinesischen Stadt Scha-tscheu (Saciu) d. h. Sand-ort, einem wichtigen Platze, weil alle Wege, welche von China aus nach Westen gerichtet sind, durch diese Stadt führen. Im Jahre 1292 ließ Kublaikaan, zur Zeit, als Polo sich zur Heimkehr nach Europa anschickte, die Einwohner ins Innere von China schaffen, und 1303 legte sein Nachfolger eine Besatzung von 10000 Mann dahin, um den Platz zu sichern. In weitern 10 Tagen erreichte man Su-tscheu (Succiur, Sukchu), welches 1226 von Tschingiskaan zerstört worden war, und weiterhin in südlicher Richtung Kan-tscheu (Campichu), damals die Hauptstadt von Tangut, jetzt Provinz Kan-su, nördlich vom Kuku-nor. Dann folgten die Städte Liang-tscheu-fu (Eritschu), Sining-fu (Sinju), und Ninghia (Egrigaia)[31]. Nicht weit davon lag die Sommerresidenz der ehemaligen Tangutkönige am Fuß des Alaschan (Calaschan). Von Liang-tscheu folgte Polo einer Reiseroute, die den modernen Postweg zur rechten ließ. Die Straße, welche er zog, heißt seit der Zeit des Kaisers Kang-hi die Courierstraße. Nach Tenduc (jetzt Kuku-choto) verlegte Polo den Sitz des Priesters Johann, den er in dem Ung-chan zu erkennen glaubte. Ihm fielen dort die Mischlinge auf, deren Nachkommen wahrscheinlich in den heutigen Dunganen zu suchen sind. Auf diesem Theil der Reise mußte Polo die berühmte chinesische Mauer berühren, aber er erwähnt sie nicht. Man mußte denn, wie H. Yule (Marco Polo I, 283) meint, eine versteckte Anspielung darauf in den folgenden Worten des Reisenden finden: „Hier ist auch der Ort, den wir das Land Gog und Magog nennen, dort heißt es Unc und Mugul.“ Yule deutet diese Stelle dahin: hier sind wir an der großen Mauer, die als Wall von Gog und Magog bekannt sind. Dort zu Lande nennt man sie nach zwei Volkstämmen Ung[32]und Mongolen, welche mit der Vertheidigung der großen Mauer betraut waren.

Sieben Tage weiter kommt man endlich in das große Land Cathay, welches überall von volkreichen Städten und Dörfern dicht besät ist. Ueberdie kunstgewerbreiche Stadt Sindatschu[33], welche unter der Kin-Dynastie als Siwant-tschu bekannt war, und jetzt Siwan-hwa-fu heißt, fünf Meilen südlich von Kalgan, gelangten die Reisenden nach Tschagannor (Ciagannor), einem ums Jahr 1280 erbauten Palaste des Großfürsten, wo der Kaan sich gern aufhielt, um der Jagd auf Wasservögel am See obzuliegen. Tschagannor bedeutet „weißer See“, die Ruinen liegen etwa 6 Meilen nördlich von Kalgan. Noch drei Tagereisen weiter gegen Norden lag die Stadt Tschan-du (Ciandu) oder Schang-tu, d. h. oberer Hof, obere Residenz, wo der Kaan gleichfalls einen prächtigen Marmorpalast hatte errichten lassen, dessen vergoldete Zimmer mit kunstvollen Gemälden geziert waren.Dr.S. W. Bushell hat den Platz 1872 besucht. Die Ruinen liegen etwa unter 40° 22′ n. Br., westlich vom Meridian von Peking. Der jetzt verödete, übergrünte Herrschersitz, den Polo mit besonderer Ausführlichkeit beschreibt, erhob sich am sumpfigen Ufer eines Flusses, der noch jetzt den Namen Schan-tu trägt. Bei den Mongolen heißen die Ruinen Djao-Naiman Sume Khotan, d. h. Stadt mit 108 Tempeln. Marmorfragmente von Löwen, Drachen und anderen Bildwerken zeigen die Stätten der ehemaligen Tempel und des Palastes.

Die bisher genannten Fürstensitze lagen jenseit der großen Mauer auf dem Gebiete der eigentlichen Mongolei. Seitdem China dem mongolischen Weltreiche einverleibt worden, war die erste und größte Residenz, in welcher der Kaiser die Wintermonate, December, Januar und Februar verlebt, hierher verlegt worden. Dieser „große Hof“, als Stadt Tatu oder Taidu genannt, bestand seit 1264. Sein Name Kaan-baligh, „Stadt des Kaan“, war in der abendländischen Form Cambaluc, Canbalu Jahrhunderte lang mit den Vorstellungen größter Fürstenpracht und größten Glanzes verbunden, ehe er dem modernen „Pe-king“ (Nord-Residenz) weichen mußte.

Der großartigen Hofhaltung des mongolischen Kaisers widmete Polo die eingehendste Beschreibung. Da die Venetianer von Kublai auch bei diesem ihren zweiten Besuche auf das Huldreichste aufgenommen wurden und sich seiner dauernden Gunst erfreuten, so war der jüngere Marco auch mehr als andere in der Lage, bei der Beschreibung des Hofstaates und tatarischen Regiments in China zahlreiche Einzelbeobachtungen und Wahrnehmungen mitzutheilen. Marco Polo gewann in dem Grade das Vertrauen des Großfürsten, daß dieser ihn in besonderer Sendung nach den südlichen Provinzen Chinas und bis an die Grenzen seines Reiches abordnete. Dadurch wurde dem Abendland zuerst der Blick in die Großartigkeit der chinesischen Welt eröffnet. Die Reise ging von Peking in südwestlicher Richtung durch die Provinzen Schansi, Schensi und Szytschuán bis nach Yün-nan und bog dann nach Osten gegen das Meer ab. Den ersten Theil des Weges hat v. Richthofen 1871 verfolgt und seinen Untersuchungen verdanken wir besonders das neue Licht,das auf die Weglinie des Venetianers gefallen ist. Wir begleiten den kaiserlichen Agenten über Tschou-tschou (Juju) zunächst nach T’aiyüan-fu (Taianfu) der Hauptstadt von Schansi, wo im 8. Jahrhundert die Tang- und später die Ming-Dynastie residirte und wo, bei dem sehr bedeutenden Reichthum an Kohlen und Eisen, seit alter Zeit die Eisenindustrie blühte, welche im 13. Jahrhundert namentlich Waffen fertigte. Sieben Tagereisen weiter folgte die in einem breiten Thal des nordchinesischen Lös gelegene Stadt Pingyang-fu (Pian-fu). Nach Ueberschreitung des Hwang-ho, den Polo unter dem mongolischen Namen Caramoran, d. h. schwarzer Fluß, kennt, gelangt man in 10 Tagen zu einer der merkwürdigsten Städte des Landes, nach Si-ngan-fu (Kenjanfu bei Polo, Kansan bei Odorich von Pordenone). Als die Hauptstadt vieler mächtiger Herrschergeschlechter, von deren Bedeutung auch unser Gewährsmann Kunde erhalten hat, vielleicht schon das Θιναι des Ptolemäus, und im 7. Jahrhundert der Sitz blühender Kirchen, kann man diese Stadt wohl als die berühmteste in der chinesischen Geschichte bezeichnen. Dann führt der Weg durch den von wilden Gebirgen erfüllten südlichen District der Provinz Schensi und jenseits Han-tschung durch das Tsinglinggebirge, wo seit alter Zeit die Straßen in Zickzack in den Felsen gehauen sind. Polo brauchte 20 Tage, um über diese Gebirge nach Tsching-tu-fu (Sindafu), der gegenwärtigen Hauptstadt von Szy-tschuan zu gelangen. Die herrliche Ebene, in welcher die Stadt liegt, die, von 800,000 Menschen bewohnt, jetzt zu den schönsten Städten Chinas zählt, breitet sich am Fuße des plötzlich abfallenden tibetanischen Plateaus aus und hatte damals „vil stett vnd schlösser vnd dörffer“. Die Ostgrenze Tibets war zu jener Zeit viel weiter nach Osten vorgeschoben als jetzt; die Stadt Ya-tschou-fu, welche man in weitern fünf Tagen erreicht, gehörte damals bereits zu Tibet und auch heutzutage liegt sie an der Westgrenze des nur von Chinesen bewohnten Gebietes. Sie bildet den Schlüssel zu dem westlichen Hochlande. Ueber 3000 Meter hohe Pässe ging’s weiter nach Süden, 20 Tage ritt Polo durch menschenleere Gebirge, so daß die Reisegesellschaft genöthigt war, alle Lebensmittel mitzuführen. Jetzt gibt es auch an dieser Straße einige Ansiedlungen und feste Plätze mit chinesischen Garnisonen, welche dem Wanderer gegen die unabhängigen Lolo Schutz gewähren. Kurz vor der Stadt Ning-juan-fu erreichte man wieder eine schöne, von einem Zufluß des Yang-tse-kjang bewässerte Thalebene, welche die Chinesen als eine Art irdisches Paradies preisen. Polo nennt die Stadt und Landschaft Caindu, ein Name, welcher der noch jetzt im Volke üblichen Bezeichnung Kian-tschang entspricht. Polo rühmt hier ein gewürztes Getränk, das aus Weizen, Reis und andern Spezereien bereitet werde. Dieser gewürzte Wein steht noch in gutem Ruf. Auch die Cassiablütenknospen, ein noch jetzt geschätztes Produkt des Thales, werden unter den Landesprodukten als „Gewürznelken“ aufgeführt.

Nahe der südlichsten Biegung des Stromes wurde der obere Yang-tse-kjang (bei Polo Brius) überschritten und dann die Landschaft Carajang (d. h.schwarzes Jang, nach den schwarzen Bewohnern) erreicht. Es bildet den nördlichen Theil von Yün-nan, dessen Hauptstadt damals Ya-schi, jetzt Yün-nanfu heißt. Der weiter westlich gelegene Hauptort von Carajang trägt auch bei Polo diesen Namen, jetzt Talifu.[34]Auf den südwestlichen Gebirgen, welche die Grenze gegen den modernen Staat Birma bilden, erkennen wir in den Bewohnern, welche ihre Zähne zu vergolden pflegen, die Kakhyens oder Singpho, deren waldiges Bergland Polo unter der persischen Bezeichnung Zardandan, d. h. „Goldzahn“ beschreibt. Jenseit dieser Gebirge, über die man mehrere Tage beständig abwärts reitet, öffnet sich das obere Thal des Irawadi. Polo nennt es Amien, bei den Chinesen heißt Birma oder Ava noch jetzt Mien. Durch das Thal des Schweli stieg der Reisende zum Iravadi hinab nach Alt-Pagan oder Tagoung (Tagong), wo über den Königsgräbern zwei fingerdick mit Gold und Silber belegte Thürme sich erhoben. Weiter scheint unser Reisender nicht vorgedrungen zu sein als bis nach Ta-gang, welches 1283 auch der mongolischen Weltmacht unterthan gemacht war. Nur von Hörensagen berichtet er weiter von den Landschaften Bangala (d. i. Bengalen), Cangigu (d. i. Tung-king, chines. Kiaotschi-kwe), Anin im südlichen Yün-nan,[35]Coloman, d. h. Kolo-barbaren, an der Grenze von Kwei-tschou (Cuiju bei Polo). Von hier aus macht die Vortragsweise Polo wieder den Eindruck, als ob er auf seiner Rückreise aus Südwesten die Schilderung seiner eignen Route wieder aufnehme. Er zog wahrscheinlich von Yünnan-fu auf einem mehr östlich gelegnen Wege gegen Norden, setzte bei Siü-tschou über den blauen Strom und erreichte in Tsching-tu-fu seine frühere Straße wieder, um nun nach Cambalu seine Rückkehr zu vollenden.

Drei Jahre stand Marco Polo dann als Gouverneur in der großen Stadt Yang-tschou nordöstlich von Nan-king, machte darauf mit seinem Onkel Maffeo längeren Aufenthalt in Kantschou in Tangut und hat wahrscheinlich auch Karakorum besucht. In diese Zeit fällt auch des Großfürsten vergeblicher Eroberungszug gegen das blühende Inselreich Zipangu (Japan), dessen Name Dschi-pen-kwe „Land des Sonnenaufgangs“ zur Zeit des Columbus neben Indien und Cathay einen besonderen Lockreiz auf alle abenteuernden Entdecker ausübte.

Die venetianischen Kaufleute weilten bereits über 20 Jahre in China, ehe sie eine günstige Gelegenheit fanden, ihre Heimat wieder zu sehen; denn der Kaan wollte sie ungern entlassen. Diesen günstigen Anlaß zur Abreisebot nun die Entsendung der Prinzessin Kokatschin nach Persien, wo sie mit Argunchan, dem Großneffen Kublais, vermählt werden sollte. Der Kaan gab ihnen 2 goldene Täfelchen als Geleitsbriefe und Empfehlung in allen seinen Landen und beauftragte sie auch noch mit einer Botschaft an die Könige von Frankreich, England und Spanien, sowie an andere Könige der Christenheit. Das Gefolge der Prinzessin bestand aus 600 Personen. Von Cambalu ging die Reise bis zum Seehafen von Zayton zu Land und dann zur See. Auf dieser Landreise, welche Polo gleichfalls beschreibt, sah er die der Ostküste näher gelegenen Provinzen mit ihrem wimmelnden Völkerleben in den Riesenstädten, die alles übertrafen, was das Abendland bieten konnte, die mit ihrem Reichthum, Gewerbfleiß und überaus belebten Handel einen unverlöschlichen Eindruck zunächst auf den Reisenden und nach dessen Erzählungen bei allen Völkern Europas, namentlich den seefahrenden Nationen hervorbrachte, so daß an diesen glühenden Schilderungen sich die Reise- und Entdeckungslust entzündete.

Goldenes Geleitstäfelchen mongolischer Fürsten.(Das Original, in Ost-Sibirien gefunden, ist viermal so lang und breit.)

Goldenes Geleitstäfelchen mongolischer Fürsten.

(Das Original, in Ost-Sibirien gefunden, ist viermal so lang und breit.)

Von Peking ging die Landreise zuerst gerade nach Süden über Hokian-fu (Cacanfu), bei Tsinanfu (Chinangli) erreichte man damals, wie auch heute wieder, den großen Strom, den Hwangho, welcher später und bis vor 30 Jahren südlich um das Bergland von Schantung sich ins gelbe Meer ergoß. Größtentheils auf dem Kaisercanal führt der Weg gegen Südsüdosten durch Kiangsu bis zum Yang-tse-kjang und zur altberühmten Stadt Jangtschen (Yanju, auf der catalanischen Karte von 1375 als Jangio) wo M. Polo auf Befehl des Kaan drei volle Jahre, zwischen 1282 und 1287 die Verwaltung geleitet hatte. In der Nähe dieser Stadt floß bei Tschin-tschou oder I-tschin-tschou (Sinju) der blaue Strom vorüber, auf dem Polo einmal 15,000 Schiffe vor der Stadt liegen sah. Nach den Angaben der dortigen Kaufherren liefen jährlich gegen 200,000 Schiffe den Fluß hinauf. Ueber die großen Plätze Tschang-tschen (Chinginju) und Su-tschen (Suju) zogen sie dann in Hang-tschen ein. Polo nennt diese größte aller Städte Kinsay oder Quinsai, nach dem chinesischen Namen King-sze, d. h. Hauptstadt; denn sie war seit 1127 die Residenz der Song-Dynastie gewesen. Keine Stadt der Welt hat unsern Reisenden mehr in Erstaunen gesetzt als diese, keine hat er so eingehend beschrieben; aber leider hat Polo, indem er das chinesische Wegmaß„Li“ einer Meile gleichsetzt, die Verhältnisse gewaltig übertrieben. Diese schönste Stadt der Welt mit ihren meilenlangen, gepflasterten Straßen sollte 100 Meilen[36]im Umfange haben. Die ganze Stadt lag, von Wasser umgeben, von Canälen durchzogen, in der Niederung, nahe dem Meere; 12,000 Steinbrücken führten über die Canäle. Es gab 1,600,000 Häuser und darunter viele stattliche Paläste. An jedem Hause war auf einer Tafel die Anzahl der Bewohner zu lesen. Die zwölf gewerbtreibenden Zünfte verfügten über 12,000 Häuser mit Arbeitern. In den Hauptstraßen wogte ein unaufhörlicher Verkehr, Wagen folgten auf Wagen. Die Einkünfte, welche der Kaan von hier bezog, sollten sich jährlich auf fast 200 Mill. Mark (!) belaufen. Und um die Größe der Bevölkerung zu veranschaulichen, hatte ein kaiserlicher Beamter erzählt, daß täglich fast 10,000 Pfd. Pfeffer consumirt würden. Der neben der Stadt gelegene Palast hatte 10 Meilen (Li) Umfang, umfaßte 20 in Gold gemalte, große Hallen, gegen 1000 auf das herrlichste geschmückte Zimmer und war von schönen Gärten mit Springbrunnen und Teichen umgeben. Die Stadt lag unfern des Meeres, an welchemGanfu[37]einen ausgezeichneten Hafen der Stadt bildete. Das ganze Küstengebiet hat seit jener Zeit wesentliche Veränderungen erlitten. Die See ist näher an die Stadt gerückt, die Stätte des Hafens ist unter den Spiegel des Wassers gesunken, und die Metropole selbst hat gegenwärtig nur 35 Li Umfang. Auch nach Polo’s Zeit ist diese Weltstadt von abendländischen und arabischen Reisenden beschrieben, so von Odorich, welcher 1324–27 in China weilte, von Marignolli (1342–47), welcher sie Campsay nennt, von Wassaf, Ibn Batuta u. a.

Von King-sze ging dann die Reise weiter durch die jetzigen Provinzen Tsche-kjang und Fu-kian nach dem Seehafen Fu-tschen (Fuju, aus der catal. Karte Fugio). Die leicht erregbare Bevölkerung dieser Capitale Südchinas mußte stets durch starke mongolische Besatzung niedergehalten werden, da sie zu Revolten geneigt war. Der weiter südlich gelegene berühmte Hafen Zayton (Caiton, Çaiton, auf der catalon. Karte Caxum) war der Sammelplatz der Indienfahrer und einer der größten Handelshäfen der Welt. Wir haben diesen später sprichwörtlich berühmten Hafen südlich von Fu-tschen in der Stadt Tsiuan-tschen zu suchen, doch mögen die Vorhäfen dieses Platzes sich noch bis an das wundervolle, geräumige Hafenbecken von Amoy erstreckt haben. Das östlich gelegene Meer ist das Meer von „Tschin“. Nur an dieser einzigen Stelle (lib. III, cap.4) nennt Polo den jetzt üblichen Landesnamen China, aber in persischer Form. Ein anderer Name dafür war das Meer von Manzi, d. h. Südchina. Nach Angabe der Seeleute, welche in diesen Gewässern verkehrten, gab es in jenem Meere 7459 Inseln.[38]Von dort kamen weißer und schwarzer Pfeffer und alle anderen geschätzten Spezereien. Jahreszeitliche, regelmäßig wechselnde Winde beförderten den Verkehr mit den Gewürz-Inseln.

Von Zayton aus verließ Polo das Reich der Mitte. Die Namen King-sze und Zayton, Zipangu und Manzi behielten Jahrhunderte lang ihren zauberisch lockenden Klang für die handeltreibenden Völker des Abendlandes. Nachdem man für das Gefolge der Prinzessin, welche nach Persien geleitet werden sollte, im Hafen von Zayton 13 Schiffe, jedes mit vier Masten, ausgerüstet und auf zwei Jahre mit Lebensmitteln versehen hatte, stach man im Anfang des Jahres 1292 in See. Nach einer Fahrt von angeblich 1500 Meilen kam die Ostküste von Hinterindien in Sicht, dort lag das seit 1278 dem Großkaan tributäre Königreich Tschampa (Cyamba) zwischen Tongking und Cambodja. Bei den Arabern hieß es Sanf, und durch das Meer von Sanf führt nordwärts der Seeweg nach China. Um die altberühmte, den Seefahrern bekannte Landmarke der jetzt französischen Inselgruppe Pulo Condor bog der Weg westwärts nach dem an Elephanten, Gold und Farbholz reichen Locac (Siam) ab. Eigentlich bestanden zwei Königreiche dort, von denen das nördliche eigentliche Siam bei den Chinesen Sien-lo, das andere, näher der See gelegene Lo-hoh hieß. Nach der bei Polo mehrfach vorkommenden Vertauschung von h mit c oder k, wurde aus Lo-hoh Lokok und Lococ (d. h. das Königreich Lo). Bei der weiteren Küstenfahrt gewann die Gesandtschaftsflotte bei der Insel Pentam (Bintang, östl. v. Singapur) das Südende Asiens, „wo alle Wälder aus wohlriechendem Holze“ bestehen, und steuerte nun nach Sumatra. Polo nennt hier einen Staat Malaiur; nach der Deutung H. Yules haben wir darin Palembang auf Sumatra zu erkennen, welches auch im 16. Jahrhundert noch bei den Malaien unter dem Namen Malayo bekannt war. Die ganze Insel nennt unser Gewährsmann Klein-Java. An den gewürzreichen Gestaden dieser großen Insel wurde die Expedition längere Zeit aufgehalten, so daß sich Gelegenheit bot, die sechs Königreiche in dem nördlichen Theil der Insel zu besuchen. Eines darunter trägt den Namen Samara, vermuthlich Samatra (Sumatra). Um zu zeigen, wie weit die Gebiete nach Süden gelegen sind, fügt Polo hinzu, daß man hier den Polarstern oder die Sterne des Maestro (großer Bär?) kaum noch zu sehen vermöge. In einem andern Königreiche Fanfur, woher der beste Kampfer stammte, lernte er auch das wohlschmeckende Mehl der Sagopalme kennen. Durch die Malakastraße steuerte das Geschwader nordwestlich zu den von wilden schwarzen Menschen bewohnten Inseln Necuveran (Nikobaren) und Angamanain (Andamanen), deren Bewohner Hundsköpfe haben. Das stupide, prognathe Gesicht jener Negrito ist schon frühzeitig den Abendländern aufgefallen, bereits der Grieche Ktesias spricht davon.

Von da segelte man mit südwestlichem Cours nach der durch ihre Edelsteine und Perlen berühmten Insel Seilan (Ceylon), aus deren Mitte sich über dem Waldlande die Felsenspitze des Adamspik als ein vielbesuchterWalfahrtsort erhob. Von da setzte man nach der Ostküste Vorderindiens über, wahrscheinlich nach Tandschur. Der ganze Landstrich hieß damals bei den Arabern Maabar oder Mabar, d. h. Ueberfahrt, (nämlich nach Ceylon); jetzt trägt die Küste den Namen Koromandel. Hier begegnen wir in der Gegend von Madras auch der sehr alten Ueberlieferung, daß der Apostel Thomas in Indien gepredigt habe und daß durch ihn die Gemeinde der Thomaschristen begründet sei. Dann wurde die zu jener Zeit blühende, jetzt verödete und zu einem Dorf herabgesunkene Handelsstadt Kail (bei Nicolo Conti im 15. Jahrhundert Kahila) besucht. Dieser Hafenplatz lag nahe der Mündung des Tamraparniflusses im District Tinnevelly. Die Südspitze Indiens bildete das Land Comari.[39]Im Reiche Melibar (Malabar) auf der Westküste, die besonders durch den Reichthum von Pfeffer und Ingwer gesegnet ist, war man schon bedeutend wieder nordwärts gerückt, „denn der Polarstern erhebt sich schon zwei Ellen über dem Wasser“. In Gozurat (Guzerat) steht er bereits sechs Ellen hoch. So wurde also eine Umfahrt fast um die ganze indische Halbinsel ausgeführt, ehe man an der öden Küste von Mekran entlang nach Ormuz steuerte. Bevor Polo das Schiff verläßt, wirft er noch einen Blick über die westlichen Regionen und Gestade des indischen Oceans. Hier beruhen seine Mittheilungen nur auf Erkundigungen und enthalten daher manches Irrige oder Falschverstandene. Bemerkenswerth sind seine Angaben über die Christen aus Socotra, welche bereits im 6. Jahrhundert dem Indienfahrer Kosmos bekannt waren, und sogar nach den Angaben des Carmelitermönches Vincenzo noch im 17. Jahrhundert existirt haben sollen. Auch die Insel Sansibar (Zanzhibar) tritt in den Gesichtskreis. Von allen Reisenden zuerst nannte Polo auch die große Insel Madagascar; da er sie aber irrthümlich von Elephanten und Kamelen belebt sein läßt, so liegt die Vermuthung nahe, daß er Nachrichten aus Magadascho auf der Ostküste Afrikas mit Berichten aus Madagascar zusammengeworfen habe.

Weiter südlich über jene Insel hinaus aber kann man nicht ohne Gefahr in den Ocean vordringen, weil eine gewaltige Strömung die Fahrzeuge unwiderbringlich nach Süden reißt. Und wenn uns von 12,700 Inseln erzählt wird, welche im indischen Meere liegen sollen, so werden wohl die Korallen-Ringe der Lakkediven, d. h. 100,000 Inseln und der Titel des Sultans der Malediven, der sich Herr der 12,000 Inseln nannte, dabei besondere Berücksichtigung gefunden haben.

Erst im Jahre 1294 kam die bedeutend an Mitgliederzahl zusammengeschmolzene Gesandschaft nach Persien, denn ein großer Theil des ursprünglich aus 600 Personen bestehenden Gefolges war während der Reise gestorben. Auch Argunchan, dem die Braut bestimmt war, war inzwischen (am10. März 1291) aus dem Leben geschieden. Ihm war sein Bruder Kaichatu (Kiacatu) in der Herrschaft gefolgt; dessen Sohn, Gasan (Casan), trat an die Stelle seines verstorbenen Ohms und heiratete die Braut. Kaichatu selbst aber empfing die Poli in fürstlicher Weise und gab ihnen auf ihrer Weiterreise die umfassendsten Geleitsbriefe mit, so daß sie in unsicheren Gegenden zuweilen unter dem Schutze von 200 bewaffneten Reitern dem Abendlande zueilten. Von Persien aus schlugen sie über Bagdad den nördlichen Weg ein über das armenische Hochland nach Trapezunt und gelangten von da zu Schiff über Konstantinopel und Negroponte im Jahre 1295, nach 25jähriger Abwesenheit wieder in ihre Vaterstadt Venedig.

Fassen wir noch einmal die Resultate dieser epochemachenden Reise zusammen,[40]so war Marco Polo der erste Reisende, welcher ganz Asien der Länge nach durchzog und die einzelnen Länder beschrieb. Er sah die Wüsten Persiens und die grünen Hochflächen und wilden Schluchten Badachschans, die Jade-führenden Flüsse Ost-Turkistans und die Steppen der Mongolei, die glänzende Hofhaltung in Cambalu und das Volksgewimmel in China. Er erzählte von Japan mit seinen goldbedeckten Palästen, von Birma mit seinen goldenen Pagoden, schildert zuerst die paradiesischen Eilandfluren der Sundawelt mit ihren aromatischen Gewürzen, das ferne Java und Sumatra mit seinen vielen Königreichen, mit seinen geschätzten Erzeugnissen und seinen Menschenfressern; er sah Ceylon mit seinen heiligen Bergen, besuchte viele Häfen Indiens und lernte dieses im Abendlande noch immer von Sagen verhüllte Land in seiner Größe und seinem Reichthum kennen. Er gab zuerst im Mittelalter einen klaren Bericht von dem christlichen Reiche in Abessinien und drang mit seinem Blick einerseits bis nach Madagascar vor, andererseits zog er im Innern Asiens Erkundigungen über den höchsten Norden, über Sibirien ein, über das Land der Finsterniß, wo weder Sonne noch Mond noch Sterne scheinen und ein ewiges Zwielicht herrscht, wo man auf Hundeschlitten fährt oder auf Renthieren reitet, ein Land, hinter welchem endlich ein eisiger Ocean sich ausdehnt.

Wissenschaftliche Bildung besaß Polo nicht. Er wundert sich darüber, daß Sumatra so weit im Süden liegt, daß der Polarstern aus dem Gesicht verschwindet und die Inseln im Eismeer auf der andern Seite so weit im hohen Norden sich befinden, daß man den Polarstern hinter sich läßt. Die Himmelsgegenden, nach denen der Weg führte, oder wohin Länder ihrer Lage nach angegeben werden, sind oft falsch bestimmt, seine Wegelängen erscheinen vielfach übertrieben.

Vor allem aber ist zu beklagen, daß er nicht Chinesisch verstand, obwohl er so lange im Lande weilte und sogar officiell mit dem Volke verkehren mußte. Daher die falschen Uebersetzungen und Erklärungen chinesischer Namen, wie wenn er King-sze als Stadt des Himmels deutet; daher auch die Verstümmelungder Ortsnamen und seltsame Schreibweise derselben. Zwar berichtet er über mancherlei interessante Einrichtungen im Lande, von den wohlgepflegten, mit Bäumen bepflanzten Heerstraßen, den Posten und Läufern, den zur Bequemlichkeit der Reisenden an der Straße errichteten Gasthäusern und der polizeilichen Beaufsichtigung des Fremdenverkehrs in den großen Städten. Er erwähnt zwar die Einrichtung von Kornmagazinen, den Gebrauch der Steinkohlen, die weitverbreitete Anwendung des Papiergeldes; aber andere wesentliche Eigenthümlichkeiten und Erfindungen bleiben unbeachtet und nach dieser Richtung erscheint das Werk lückenhaft. Wir vermissen Mittheilungen über die Magnetnadel, über Pulver, über Bücherdruck, künstliches Eierausbrüten und Fischerei mit Kormoranen; auch des Thees geschieht keine Erwähnung. In der neuen Geschichte Asiens erscheint Polo ungenau. Allein man muß auch erwägen, unter welchen Verhältnissen sein Buch entstand. Kaum von seiner weiten Reise zurückgekehrt, nahm er an dem Kriege theil, in welchen Venedig mit seiner Rivalin verwickelt war, wurde noch im Jahre 1295 in der Seeschlacht bei Corzola, einer der dalmatischen Inseln, gefangen genommen und nach Genua gebracht, wo er in der Gefangenschaft einem Genossen, dem Pisaner Rusticiano oder Rustichello seinen Bericht dictirte. — Trotzdem gehört Marco Polo zu den geographischen Classikern des Mittelalters.

Ursprünglich war der Bericht, noch nicht in Bücher und Capitel abgetheilt, in altfranzösischer Sprache niedergeschrieben, wie man dies aus der grade hier am meisten bewahrten Naivität der Erzählung mit ihrer stereotypen Redeweise und ihrer Unbehilflichkeit im Ausdruck, aber auch aus der hier annähernd correctesten Schreibweise der Eigennamen erkannt hat. Dann wurde das Werk ins Lateinische, Italienische übersetzt und überarbeitet.

Trotzdem hat sein Bericht nicht plötzlich gewirkt. Seine Zeitgenossen Dante und Sanudo erwähnen ihn noch nicht; wohl aber citirt ihn sein persönlicher Freund Pietro di Abano (geb. 1250 in Abano bei Padua, gest. 1316). Den ersten Einfluß auf die Ländergemälde verspürt man in der catalanischen Karte von 1375, wo Vorder-Indien als Halbinsel sich aus den von Ptolemäus gezogenen engen Schranken loslöst und manche Landschaften Indiens und Südchinas ganz richtig gezeichnet sind.


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