Drittes Buch.Die Seewege nach Indien.

Drittes Buch.Die Seewege nach Indien.

Erstes Capitel.Die Bahn der Portugiesen nach Südosten.

Nach dem Hinscheiden des großen Prinzen, seines Oheims, nahm König Affonso V. in den ersten Jahren noch ein lebhaftes Interesse an den weitern Fahrten. Pedro de Cintra befuhr von Rio Grande aus die Küste im Jahre 1461 oder 1462, erreichte zuerst das Cap Verga (10° 12′ n. Br.) und benannte weiterhin ein kühn vorspringendes Vorgebirge, wie man es von solcher Höhe an der Küste bisher noch nicht angetroffen hatte, zu Ehren des Infanten und der Stätte seines Wirkens das Cap Sagres. Die schwarzen Strandbewohner zeigten in ihrem Ohren- und Nasenschmuck einen Reichthum an Goldringen, schienen aber kein Eisen zu besitzen.

Die Küste wurde felsig, hoch, bot aber geeignete Ankerplätze. Hier erhob sich ein Berg, in dessen Wolkengipfel beständige Gewitter zu zürnen schienen. Nach dem grollenden Donner erhielt derselbe den Namen Sierra Leona. Dahinter öffnete sich ein von Sandbänken erfüllter Golf, in welchem das Meer gewaltig brandete. Den jenseitigen Abschluß der Bucht bildete das Vorgebirge der heiligen Anna (Cabo de Sa. Anna), (7° 34′ n. Br.), am 26. Juli, als am Tage der Heiligen benannt. Dann folgte das Cap Mesurado[78](6° 19′ n. Br.), wo die Bewohner das Nahen des Schiffes durch eine große Anzahl Feuer signalisirten, in ähnlicher Weise, wie es in dieser Gegend fast 2000 Jahre früher der carthaginiensische Admiral Hanno mochte gesehen haben.

Wenige Meilen jenseit dieses Küstenvorsprungs, in der Nähe des heutigen Monrovia endigte die Fahrt. In der Folgezeit wurde der König von den Seeunternehmungen abgezogen durch die politischen Angelegenheiten des Heimatlandes und dadurch, daß er sich in den castilischen Erbschaftsstreit mischte. Indessen wurde, um den immer schwunghafter betriebenen Handel mit Sklaven und Gold zu decken, in Arguim ein Castell gebaut und das Handelsmonopol einem Portugiesen für den jährlichen Preis von 250 Ducaten (100,000 Realen) verliehen. Im Jahre 1469 wurde auch das Monopol des Handels an der Guineaküste für die doppelte Summe jährlich anFernão Gomezvergeben, und zwar auf fünf Jahre; doch mußte derselbe sich auch noch verpflichten, auf seine Kosten die Fahrten fortzusetzen zu weiteren Entdeckungen, und von der Sierra Leona an gerechnet, jährlich 100 Leguas weiter vordringen, sowie dem Könige alles Elfenbein für eine festgesetzte Summe, 1500 Realen für den Centner, überlassen.

So konnte das Jahr 1471 einen bedeutenden Fortschritt verzeichnen, indemJoão de SantaremundPedro de Escovarunter Beihilfe des damals ausgezeichnetsten aller portugiesischen PilotenAlvaro Estevesnicht nur die Goldküste entdeckten, an welcher später zur Ausbeutung des Edelmetalls König Johann im Jahre 1482 bei dem Dorfe Aldea das duas Partes eine Festung unter dem Namen S. Jorge da Mina anlegen ließ, sondern sie drangen über die Nigermündungen und den Aequator hinaus nach Süden bis zum Cap Sa. Catarina (1° 51′ s. Br.) vor.

In dem nämlichen oder dem folgenden Jahre entdeckt Fernão do Po die Insel, welche jetzt seinen Namen trägt, von ihm aber Formosa getauft war. Auch die südlichen Guinea-Inseln wurden bald darauf gefunden. Martin Behaim verlegt dies Ereigniß ins Jahr 1484 und bemerkt auf seinem Globus, daß „eitel wildnus und keine Menschen“ dort gefunden seien und daß der König von Portugal jährlich Volk dahin sende, das sonst den Tod verschuldet habe, Männer und Frauen, und daß er ihnen gebe, damit sie das Feld bauen und sich nähren und damit dies Land von den Portugalesern bewohnt werde.

Auf Alfons V. folgte 1481 sein Sohn Johann II. Auf ihn schien der Geist des Prinzen Heinrich übergegangen zu sein, er nahm regern Antheil an der weiteren Ausdehnung der afrikanischen Fahrten; aber er hatte auch ein unmittelbares Interesse daran. Denn seit 1473 war ihm bereits als Einkommen ein Theil der Erträgnisse des Guineahandels zugewiesen. Er wußte, welche Reichthümer Fernão Gomez sich durch das fünfjährige Monopol erworben hatte. Dazu kam noch ein neuer Impuls, als Pabst Sixtus IV. durch die Bulle vom 21. Juli 1481 Portugal den Besitz aller afrikanischen Entdeckungen bestätigte. Nachdem er im Mittelpunkte der Goldwäschereien von Mina seine Macht befestigt hatte, nahm er den TitelHerr von Guineaan und führte auch die Sitte ein, statt der bis dahin üblichen vergänglichen Holzkreuze, welche die Entdecker an den hervorragendsten Küstenpunkten errichteten, um ihr Vorrecht zu dokumentiren, steinerne Wappenpfeiler, s. g.padrãos, mit lateinischer und portugiesischer Inschrift zu setzen. Der erste, welcher solche Steinpfeiler mit an Bord nahm, warDiogo Cãooder Cam, welcher 1484 mit seinen zwei Schiffen auslief. An Bord befand sich in der Function eines KosmographenMartin Behaim, welcher um 1459 geboren war und sich rühmen durfte, in der Zeit zwischen 1471 und 1475, in welchen Jahren Regiomontan in Nürnberg weilte, dessen Schüler gewesen zu sein. Bald darauf hatte er sich als Kaufmann zuerst nach den Niederlanden und von da nach Portugal gewendet. Zwischen beiden Ländern bestand ein lebhafter Verkehr. Flandrische Colonisten gingen nach den Açoren. Unter ihnen hatte sich auch ein Edelmann aus Brügge, Jobst von Hurter befunden, welcher durch seine Verbindung mit einer vornehmen Portugiesin,einer Palastdame der Königin, als Statthalter in den erblichen Besitz der Inseln Fayal und Pico gelangte, von denen die erste vlaamische, die andere portugiesische Ansiedler erhalten hatte. Mit der Tochter dieses Hurter verheiratete sich Behaim nach seiner Heimkehr im Jahre 1486.

Martin Behaim.

Martin Behaim.

Die Expedition des Diogo Cão war für 3 Jahre verproviantirt, hatte allerlei Handelswaaren mitgenommen und außerdem als Geschenke an die Mohrenkönige 18 köstlich aufgezäumte Rosse an Bord. Südlich vom Cap der heiligen Catharina begannen die neuen Entdeckungen. Zuerst wurde der gewaltigste aller afrikanischen Ströme, der Congo, erreicht, an dessen Mündung der erste Wappenpfeiler,[79]und zwar auf der Südküste errichtet wurde. Danach hieß man anfänglich den Fluß Rio de padrão (bei Behaim Rio de patron). Die Pfeilerspitze liegt unter 6° 8′ s. Br., auf dem Globus Behaims ward aber die Mündung des Flusses bereits vom südlichen Wendekreise durchschnitten. Später nannte man den Strom nach dem gleichnamigen Königreiche Congo, obwohl man von den Eingebornen den Namen Zaire gehört hatte. Den Entdeckern fiel bereits die Mächtigkeit des Stromes auf, der vor seiner Mündung meilenweit das Meer mit süßem Wasser bedeckte. Diogo Cão fuhr eine Strecke in den Unterlauf hinein und fand allenthalben viel schwarzes Volk. Von der ganzen Küste wurde im Namen des Königs von Portugal Besitz ergriffen. Hie und da wurden auch Eingeborene mitgenommen, um, nachdem sie etwas Portugiesisch gelernt hätten, als Dolmetscher zu dienen. Der König von Congo, mit dem Cão Verkehranknüpfte, bat sogar um christliche Lehren, und sein Abgesandter, Kassuta, ließ sich in Portugal taufen. Man war erfreut über die Menge neuer Gewürze. Behaim wähnte sogar die echte Zimmtrinde gefunden zu haben. Vom Congo drang Cão noch über 200 Leguas nach Süden, errichtete den zweiten Wappenstein am Cap Agostinho nördlich von Cap Negro unter 13° 27′ s. Br. und den dritten am Cap Negro selbst unter 15° 40′ s. Br.[80]Dieser Berg ist auf Behaims Globus besonders ausgezeichnet als ein eigenthümlich schroffer Fels, der in seiner Form von der conventionellen Bergzeichnung abweicht und in rother Schrift den Namen Monte nigro trägt. Daneben lesen wir die Inschrift: „Hie wurden gesetzt die säulen des konigs von portugal anno domini 1485 d. 18. jan.“ Irrthümlich hielt Behaim diese Spitze aber später für das Cap der guten Hoffnung, welches Dias imnächstfolgenden Jahre entdeckte. Das Datum des 18. Januar scheint zu gleicher Zeit den Zeitpunkt anzugeben, wo man auf dieser Reise den südlichsten Punkt erreichte. Die Dauer der ganzen Fahrt betrug 19 Monate.

Astrolabium des Joh. Regiomontanus vom Jahre 1468.[81]

Astrolabium des Joh. Regiomontanus vom Jahre 1468.[81]

Man muß die Verdienste Behaims bei dieser Entdeckungsfahrt sehr hoch angerechnet haben, da er nach seiner Rückkehr vom Könige selbst zum Ritter des Christusordens, welcher aus dem Tempelherrnorden hervorgegangen war, geschlagen wurde, und zwar in Gegenwart des ganzen Hofes.

Schon im nächsten Jahre ging ein neues Geschwader aus, aber nach den Maximen der Regierung unter einem andern Commando: man wollte nichteinemManne zu sehr verpflichtet sein. Es war ein staatskluger Grundsatz, dessen Vortheile erst recht ins Licht traten, als die spanische Regierung in Folge zu weitgehender Zugeständnisse gegen Columbus in mancherlei Verlegenheiten gerieth.

Im August 1486 segelte Bartolomeu Dias mit zwei kleinen Fahrzeugen von 50 Tons Gehalt, von denen das eine unter dem Befehl des João Infante stand, und einem Proviantschiff unter dem Befehl seines Bruders Pero Dias aus, um die Küstenforschung DiogoCão’sfortzusetzen. Die Familie der Dias hatte sich seit dem Anfange der Unternehmungen des Infanten Don Enrique im Seedienst ausgezeichnet. João Dias, der Ahne des Geschlechts, war zuerst mit ums gefürchtete Cap Bojador gesegelt; Diniz Dias erreichte zuerst das grüne Vorgebirge.

Bartolomeu sollte die rühmlichen Thaten der Vorfahren noch verdunkeln; und seinen Namen volksthümlich machen.

An der Congoküste und bis über das südliche Cap der guten Hoffnung hinaus wurden während der Fahrt Negerinnen mit Geschenken ans Land gesetzt, um dasselbe zu erkunden und den Eingeborenen von der Macht und Pracht der Portugiesen zu erzählen, welche gekommen seien, das Land des Priesters Johannes aufzusuchen. Durch das sich weiter verbreitende Gerücht sollte der Priesterkönig veranlaßt werden, seinerseits Boten auszusenden, welche mit den Portugiesen eine Annäherung suchten. Den ersten Wappenstein setzte Dias bei der Serra parda nördlich von der Walfischbucht. Dann wurde er durch widrige Winde mehrere Tage aufgehalten und mußte mühsam laviren. Er nannte diese Bucht Angra das voltas. Der Name eines Cap Voltas haftet noch an der Küste, nahe der Mündung des Oranjestroms. Vom St. Helenagolf mußte er 13 Tage lang mit eingerafften Segeln sich von dem Sturm nach Südost treiben lassen. Dabei gerieth er in kältere Meeresströmungen und war von der schnellen Abnahme der Temperatur überrascht. Als der Sturm nachließ, steuerte er wieder gegen Osten, um die Küste zu gewinnen, welche nach seiner Vorstellung von Norden nach Süden vorlaufen mußte wie bisher. Als er aber nach mehreren Tagen noch kein Land in Sicht bekam, richtete er den Lauf der Schiffe nach Nordenund erreichte so das Südende des Continents an einer Bucht, wo Hottentotten mit ihren Herden weideten und über den Anblick den Schiffe erschreckt ins Binnenland flohen. Die Bai erhielt den Namen der Kuhhirtenbai (Angra dos Vaqueiros); jetzt heißt sie Flesh-Bai.

Weiter gegen Osten in der San Bras-Bai (Mosselbai) nahm er Wasser ein, wobei es zum Conflict mit den Eingeborenen kam; auf einer kleinen Insel Santa Cruz in der Algoabucht wurde der äußerste Wappenpfeiler gesetzt. Erschöpft durch die unerhörten Strapazen, welche sie erlitten, forderten die Schiffsleute den Capitän auf, umzukehren. Man wies auch darauf hin, daß der Proviant zu Ende gehe. Dias bedang sich noch eine Fahrt von zwei bis drei Tagen aus; wenn sich dann nicht ein Erfolg zeige (er erwartete wohl, daß die Küste wieder gegen Norden streiche) wolle er umkehren. Daß das Südende Afrikas umsegelt sei, sah er gewiß; daß das lang erstrebte Ziel sich nunmehr ohne große Schwierigkeiten werde gewinnen lassen, war seine feste Ueberzeugung. Nach einer Fahrt von zwei Tagen, in welchen die Schiffe noch 25 Meilen über den Wappenpfeiler hinaus bis zum großen Fischfluß vordrangen, welcher damals den Namen Rio do Infante erhielt, weil der zweite Capitän João Infante das Land zuerst betrat, sah sich Dias genöthigt, schmerzerfüllt den Heimweg anzutreten. Es wird uns erzählt, daß, als er zum zweiten Male die Insel Sa Cruz betrat, er den Wappenstein umklammert und nur mit schwerem Herzen Abschied von ihm genommen habe, wie wenn er einen geliebten Sohn scheiden sehe.

Beim weiteren Verfolg erkannte er auch das imposante Felsencap am südwestlichen Ende des Festlandes, um welches ihn bei der Hinfahrt der Sturm herumgeführt. Er gab ihm den Namen des Sturmcaps (Cabo tormentoso). Aber der König änderte diesen ominösen Namen in den Glück verheißenden „Cap der guten Hoffnung“ (Cabo da boa esperanza), weil er der festen Zuversicht war, die Pforte zum indischen Ocean stehe offen und der Wasserweg zu den Gewürzländern werde endlich gefunden. Das Transportschiff, welches auf der Westküste Afrikas zurückgeblieben, zeigte sich in bedauerlichem Zustande, als die beiden Schiffe des Dias auf ihrer Heimkehr dasselbe trafen. Sechs Mann an Bord waren von den Negern erschlagen, drei nur noch am Leben, dazu das Schiff selbst, in Folge von Wurmfraß, nicht mehr seetüchtig. Es mußte daher in Brand gesteckt werden, ehe man sich zum letzten Theil der Rückreise anschickte. Im December 1487 langte Dias, nach einer Fahrt von 16 Monaten und 17 Tagen, in Lissabon wieder an. Er hatte auf dieser Reise weitere 350 Leguas Küstenlinie entdeckt.

Inzwischen hatte aber der König auch Leute ausgesendet, welche das Reich Habesch und die Verkehrsverhältnisse am indischen Meere ermitteln sollten. Der erste Versuch einer Sendung schlug allerdings fehl, denn der Pater Antonio de Lisboa und Pedro de Montorryo, welche nach Jerusalem geschickt wurden, um dort abessinische Mönche auszuforschen, die damals häufig zu der heiligen Stadt walfahrteten, kehrten unverrichteter Sache wiederzurück, weil sie ohne Kenntniß der arabischen Sprache sich nicht getrauten, mit den Abessiniern ins Land des Priesters Johannes zu reisen.

So wurden denn, noch ehe Dias heimgekehrt war, zwei andere, bewährte Männer abgesandt.Pero de CovilhamundAffonso de Paiva[82]machten sich am 7. Mai 1487 nach dem Orient auf, erreichten über Rhodos und Alexandrien die Hauptstadt Aegyptens, Cairo, und fuhren auf dem rothen Meere nach Aden. Hier trennten sie sich, nachdem als Ort späterer Vereinigung Cairo bestimmt war. Covilham ging zu Schiff nach der indischen Malabarküste, besuchte Kananor, Kalikut, Goa und kehrte von da nach der Ostküste Afrikas zurück, besuchte die Häfen, erreichte als südlichsten Punkt das durch seinen Goldreichthum berühmte Sofala und zog über die Insel Madagascar Erkundigungen ein.

Als er auf der Rückreise Cairo wieder erreicht, erfuhr er, daß sein Gefährte Paiva inzwischen gestorben sei. Doch traf er dort zwei andere Sendlinge des Königs Johann von Portugal, den RabbiAbrahamausBejaund den JudenJoseph, einen Schuster aus Lamego. Der letztere ging mit den wichtigen Nachrichten, welche Covilham eingezogen, sofort nach Portugal zurück. Covilham schrieb in seinem Briefe, daß die portugiesischen Schiffe an der Küste Guineas nach Süden zu steuern hätten, bis sie das Ende Afrikas erreicht, und daß sie im indischen Meere ihren Cours nach Sofala und der Mondinsel oder Madagascar richten müßten. Covilham besuchte mit Rabbi Abraham sodann noch Ormuz und sandte seinen Gefährten mit einer Karawane auf dem üblichen Wege über Bagdad und Haleb nach Syrien und in die Heimat zurück, während er selbst Habesch aufzusuchen beschloß. Der König nahm ihn in seiner Hauptstadt Schoa sehr freundlich auf, wußte aber den ersten europäischen Besucher an sich zu fesseln, so daß Covilham im Lande blieb, sich dort verheiratete und noch ein Menschenalter später, als ein portugiesischer Gesandter 1525 unter Rodriguez de Lima in Habesch eintraf, lebte. Er wurde über den Besuch seiner Landsleute zu Thränen gerührt, blieb aber in Habesch und starb dort.

Das waren die letzten wichtigen Unternehmungen, welche der Regierungszeit des Königs Johann noch angehören. Zwar noch bei Lebzeiten dieses Fürsten sollte von unerwarteter Seite der Impuls kommen, welcher die Portugiesen antreiben mußte, durch eine letzte kühne Seefahrt ihre fast ein Jahrhundert bereits andauernden Arbeiten zu krönen; aber Johann II. starb, ehe er an die Ausführung gehen konnte. Den angedeuteten Impuls gab aber Columbus dadurch, daß er, von seiner ersten Fahrt nach Westindien heimkehrend, durch Sturm genöthigt worden war, in den Hafen von Lissabon einzulaufenund dem portugiesischen Könige auf dessen Einladung von seinem vermeintlichen Besuch in Zipangu (Japan) Bericht erstatten konnte. Die mitgebrachten braunen Indianer ließen nun mit Recht vermuthen, daß der kühne Genuese, dessen Pläne in Portugal keinen Beifall gefunden hatten, wenigstens bis in die Nähe Asiens gelangt sei, da die vorgeführten fremden Menschen den wirklichen Indern ähnlich zu sein schienen. Auch war zu befürchten, daß Columbus auf einer zweiten Fahrt noch vor den Portugiesen die Gewürzländer erreichen und damit den Preis und Lohn so vieler Mühen vorweg nehmen könnte. Glücklicherweise konnten sich die Portugiesen darauf berufen, daß Pabst Nicolaus V. schon im Jahre 1454 durch eine Bulle ihnen das Privilegium über den Handel mit Indien verliehen hatte. Trotzdem beeilten sich nun doch die spanischen Monarchen Ferdinand und Isabella, sich die neuen Entdeckungen durch päbstliche Sanction zu sichern. Die Bulle des Pabstes Alexanders VI. vom 3. Mai 1493 spricht der spanischen Krone alle Inseln und Festländer, welche in der von Columbus eingeschlagenen Richtung gefunden sind und noch gefunden werden sollen, zu in Anerkennung der Verdienste um den christlichen Glauben, um die Vertreibung der Mauren aus Spanien, und hofft, daß auch in den neu entdeckten Gebieten die friedlichen nackten Bewohner, welche keine Canibalen sind und sogar an einen Schöpfer im Himmel glauben, durch spanische Missionäre bald bekehrt werden möchten. Auf die weiteren Eigenthümlichkeiten und Schwächen der päbstlichen Erlasse vom 3. und 4. Mai genauer einzugehen, ist hier nicht der Ort, wo wir die portugiesischen Entdeckungen allein im Auge haben. Allein es mag hier noch erwähnt werden, daß in Folge dieser päbstlichen Verleihungen am 7. Juni 1494 zwischen Spanien und Portugal ein Vertrag abgeschlossen wurde, welcher die Grenzlinie der maritimen Entdeckungen beider Mächte in Gestalt einer von Pol zu Pol gezogenen Meridianlinie festsetzte.

Spanien erhielt den Westen der Erde, Portugal den Osten. Aber Spanien schien dem Ziel näher zu sein als sein älterer Nebenbuhler. Darum rüstete bereits Johann zu neuen Seefahrten; aber der Tod hemmte 1495 den Fortgang. Ihm folgte der jugendlich kühneManuel, dem die Nachwelt den Namen des Großen zuerkannt hat, weil unter ihm die portugiesische Macht zu größter Entfaltung gelangte. Manuel, Herzog von Beja, war 26 Jahr alt, als er den Thron bestieg. Er wollte sofort die Entdeckungsarbeiten wieder beginnen lassen, aber seine Räthe machten anfangs Schwierigkeiten. So verzögerte sich die Fertigstellung des Geschwaders bis zum Jahre 1497. Der erfahrene Bartolomeu Dias wurde damit betraut, diese kleine aus 3 Schiffen bestehende, zur Fahrt nach Indien bestimmte Flotte sorgfältig auszurüsten, aber selbst sollte er sie nur bis zur Factorei La Mina an der Goldküste begleiten. Den Oberbefehl erhieltVasca da Gama[83], im zweiten Schiffe sein BruderPaulo da Gama, im drittenNicolao Coelho.Der Raumgehalt der Schiffe betrug 100 bis 120 Tons. Die Schiffe trugen die Namen S. Rafael, S. Gabriel und S. Michael.

Die portugiesischen Historiker weichen in ihren Berichten über Gama’s Fahrt in vielen wesentlichen Punkten von einander ab. Gaspar Correa, dessenLendas da Indiaerst 1858–1861 von der Academie in Lissabon veröffentlicht worden sind, kam von allen Chronisten am frühesten, vielleicht schon 1512, nach Indien und konnte als Secretär des berühmten Affonso d’Albuquerque zum Theil das Tagebuch des Geistlichen João Figueira, welcher die erste Fahrt Vasco da Gama’s mitmachte, benutzen und zu Rathe ziehen. Castanheda (Historia da India) kam um 1528 nach Indien, Damian de Goes (Rey Emanuel) gelangte nicht nach dem Orient, und Osorio (de rebus Emanueli) fußt vielfach auf Goes. João de Barros, dessen Decaden lange Zeit fast allein die Grundlage der Darstellung gebildet, schrieb viel später.[84]Correa’s Werk sollte bei seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht werden, vielleicht um manchen Lebenden nicht zu verletzen. So kam sein Manuscript erst nach seinem Tode nach Europa, erlebte dort zwar, wenigstens in dem ersten Theile, mehrere Abschriften, aber erst vor 20 Jahren eine sorgfältige Drucklegung. In manchen Punkten, wo Correa von den übrigen Historikern abweicht, spricht aber die innere Wahrheit und Wahrscheinlichkeit für ihn.

Vasco da Gama.

Vasco da Gama.

Wie weit die Differenzen unter den einzelnen Berichten über Gama’s erste Fahrt gehen, erhellt schon daraus, daß sie nur ineinemTages-Datum, nämlich in der Ankunft am Flusse Dos Reis, am heiligen Dreikönigstage 1498 zusammen stimmen. Correa setzt die Abfahrt der Flotte von Lissabon auf den 25. März 1497, Barros auf den 8. Juli, Osorio auf den 9. Juli. Correa nennt die Schiffe S. Rafael (Capitän Vasco da Gama), S. Gabriel,(Paulo da Gama), S. Michael, (Nicol. Coelho). Barros versetzt den ersten Capitän auf den Gabriel, seinen Bruder Paulo auf den Rafael, und nennt das Schiff Coelho’s Berrio.

Bei der Benennung neuentdeckter Küstenpunkte mußte dem Hauptschiffe, auf welchem Vasco da Gama befehligte, naturgemäß der Vorrang eingeräumt werden. Mustern wir nun einige der bedeutendsten Weltkarten des 16. Jahrhunderts, die Karten Cabots und des Königs Heinrich II. von Frankreich (Jomard,Monuments de la géographie), so treffen wir die Namen Gabriel und Berrio gar nicht; Rafael erscheint auf Heinrichs II. Karte zweimal, ein Rio de S. Miguel bei Cabot. Ferner zeigt die Baseler Ausgabe des Ptolemäus, 1513, einen padrão de S. Rafael, und auch Ortelius (Theatrum mundi) bietet uns die Namen Rafaels und Michaels. Dadurch wird die Existenz dieser Schiffsnamen bestätigt, und wenn alle Autoren in der Angabe des Namens Gabriel übereinstimmen, muß wohl der Name „Berrio“, den Barros angibt, falsch sein. Stanley (l. c. p. V.) führt nach einem weiteren Beweis an, daß das Hauptschiff den Namen Rafael führte. Nach dem glänzenden Verlauf der ersten Reise wurde Vasco da Gama zum Grafen von Vidigueira in Alemtejo erhoben. Vor dieser kleinen Stadt befindet sich eine Capelle des heil. Rafael mit dem Bilde des Erzengels, dem das Schiff geweiht war.

Der Oberbefehlshaber erhielt Empfehlungsschreiben an den Priester Johannes, an den Beherrscher von Kalikut und an andere Fürsten Indiens. Die ganze Bemannung zählte nach Barros 170 Köpfe, während Correa sagt, in jedem Schiffe seien 80 Personen gewesen. Nach Osorio und Goes zogen 148 Mann aus und kehrten nur 55 wieder zurück. Ueber die Canarien gelangte das kleine Geschwader, nachdem es schon am Rio d’Ouro durch Sturm getrennt war, zu den Capverden und blieb einige Tage in St. Jago. Hier trennte sich Bartolomeu Dias, welcher sie bis dahin begleitet hatte, von ihnen und steuerte nach seinem Bestimmungsorte, nach La Mina an der Guineaküste. Gama richtete, das afrikanische Gestade verlassend, seinen Cours direct nach dem Caplande.

Der Wind war sehr heftig, erzählt Correa, so daß die See einen furchtbaren Anblick gewährte; unter den rastlosen Arbeiten während dieser Stürme litt das Volk sehr. Nachdem sie so einen Monat gesegelt waren, wandten sie sich wieder der Küste zu, in der Hoffnung, das Cap zu erreichen. Aber viel zu zeitig. Es sollten noch Monate vergehen, ehe sie das Südende des Continents umfahren konnten. Alle Historiker stimmen darin überein, daß die Fahrt mindestens 4 Monate währte, Correa setzt sogar volle 6 Monate an. So ging’s also wieder in die offene See hinaus, obwohl schon damals die Mannschaft lieber wieder umgekehrt wäre. Gama selbst theilte mit ihnen alle Arbeiten und Mühen und gönnte sich keinen Schlaf. Die Tage wurden immer kürzer, denn man fuhr in den südlichen Winter hinein. Es schien fast immer Nacht zu sein. Die Leute wurden krank vor Furcht und Mühsal, sie konnten nicht einmal ihr Essen bereiten. Sie begannen zu murren undwollten umkehren; aber Gama wies sie, als ein leidenschaftlicher Mann, mit scharfen Worten zur Ruhe, obwohl er sah, daß man in beständiger Lebensgefahr schwebte. Und wenn auch die Mannschaft unter den kalten Regenschauern fast erstarrte, so schwur doch der Capitän, es möge kommen, was Gott wolle, umkehren werde er nicht.

Erst in der Nähe des Landes wurde die See ruhiger. Um die Polhöhe am festen Lande zu bestimmen, ging das Geschwader in der St. Helenabai vor Anker. Da die Seeleute mit dem Gebrauche des Astrolabiums noch nicht lange vertraut waren, vermochten sie an Bord der kleinen Schiffe wegen der Schwankungen der Fahrzeuge noch keine sichern Bestimmungen zu machen. Das Beobachtungsinstrument hatte 3 Palmen im Durchmesser und ruhte auf einem dreifüßigen hölzernen Gestell. Wahrscheinlich war es hier, wo das begleitende (vierte) Proviantschiff entleert und in Brand gesteckt wurde, nachdem die Mannschaft auf die andern Schiffe vertheilt war.[85]

In einem mehrtägigen Sturme dublirten sie endlich das gefürchtete Cap, Stürme verfolgten sie auch auf der weiteren Fahrt. Sturzseen brachen von oben herein, das Wasser im Schiffsraume stieg immer höher. Sie hatten keine Ruhe, weder bei Tage noch bei Nacht, weder für die Seele noch für den Leib. Aber Gama schwur hoch und theuer, er werde keinen Fuß breit zurückgehen, bis er Indien erreicht. Bei dieser verzweifelten Lage wuchs die Mißstimmung unter der Bemannung immer mehr und gestaltete sich zu einer Verschwörung: man wolle sich nicht blindlings ins Verderben jagen lassen, Er sei nur Einer, sie aber seien Viele. Durch einen Schiffsjungen verrathen, wurde der Plan, den Capitän zu beseitigen, vereitelt. Gama brachte die Verschworenen mit List in seine Gewalt und ließ sie in Ketten werfen. Vor Wuth soll er sogar alle nautischen Bücher über Bord geworfen und erklärt haben: nun möchten sie versuchen, ohne Steuermann und Pilot den Rückweg zu finden. Denn die Capitäne und Steuerleute hielten alle treu zum Führer.

Erst im Anfang Januar 1498 näherten sie sich wieder dem Lande. Die Schiffe bedurften einer Reparatur, an Trinkwasser trat ein fühlbarer Mangel ein, manche Fässer waren in den unaufhörlichen Stürmen geborsten und ausgelaufen. Aber sie segelten noch mehrere Tage, ehe sie einen günstigen Ankerplatz fanden. Am 6. Januar liefen sie in die bequeme Mündung eines Flusses ein, der nach dem Tage Rio des Reyes, Drei-Königsfluß, genannt wurde. Der Wasserplatz, an welchem Gama fünf Tage verweilte, wurdewegen des friedlichen Benehmens der Bewohner Agua da boa Paz genannt. Beim Weitersegeln hatten sie vom Cap Corrientes (Cabo das Corrientes) tagelang mit der heftigen Mosambikströmung zu kämpfen und mußten darum weiter von der Küste abhalten, um nicht gegen gefährliche Klippen getrieben zu werden. In Folge dessen segelten sie an dem in der innern Bucht des Landes gelegenen Sofala vorüber und erreichten nur mühsam die Mündung des Sambesi. Dieser mächtigste Strom erhielt den NamenRio dos bons Sinaes(Strom der guten Anzeichen), denn hier trafen sie zuerst mit hellfarbigen Mischlingen zusammen, die des Arabischen mächtig waren, und ihnen mittheilten, daß weiter nordwärts eine belebte Schifffahrt getrieben werde. Man hatte hier also die Sphäre des arabischen Handelsverkehrs erreicht und konnte hoffnungsvoll dem glücklichen Erfolg des kühnen Seezuges entgegensehen. Theils um die Schiffe auszubessern, theils um der erschöpften und am Scharbock leidenden Mannschaft Erholung und Erfrischung zu bieten, blieb Gama einen vollen Monat hier. Dort wurde ein Wappenstein errichtet mit der Inschrift:Do Senhorio de Portugal Reino de Christaõs. Dann stach Gama wieder in See und erreichte bald die Insel und den Hafenplatz Mosambik. Mehrere Sambuken, mit arabisch gekleideten Leuten bemannt, kamen heran und erkundigten sich nach Herkunft und Ziel der fremdartigen Flotille. Gama ließ ihnen antworten, sie seien Portugiesen, welche im Auftrage ihres Königs nach Indien führen und, da sie den Weg noch nicht gemacht hätten, um einige Lotsen bäten.

Anfänglich schien es, als ob der Verkehr sich ganz friedlich gestalten wolle. Der Scheich des Hafens stand unter der Botmäßigkeit des arabischen Fürsten von Kiloa. Die Araber hatten den sicheren Stapelplatz auf der Mosambik-Insel gewählt, um von hier aus lebhaften Handel mit den Negern zu treiben und Gold, Elfenbein, Wachs u. a. einzutauschen. Nachdem Gama dem Scheich mehre Geschenke gesendet, kam dieser selbst an Bord, in faltenreicher, farbiger Tracht, das dunkle Gesicht von einem mächtigen, buntseidenen Turban beschattet. Unter seinem Gefolge befanden sich viele Mischlinge. Nach einem ehrenvollen Empfange von Seiten der Capitäne nahm der Scheich alles neue auf den Schiffen in Augenschein und ließ sich vermittelst eines Dolmetschers von dem Flottenführer noch einmal erzählen, daß sie von dem mächtigsten Könige der Christenheit abgesandt, bereits zwei Jahre auf der stürmischen See umhergeworfen und von ihren Gefährten getrennt nunmehr dem Lande der Gewürze zusteuerten und, des Weges unkundig, um zuverlässige Piloten bäten. Bald nachdem der Scheich zurückgekehrt war und frische Lebensmittel für die Portugiesen gesandt hatte, erschienen auch drei Habessinier, mit denen aber die Verständigung nur unvollkommen gelang. Werthvoller war der Verkehr mit einem Mauren, Namens Davané, welcher sich bereit finden ließ, die Schiffe nach Indien zu begleiten. Inzwischen änderte sich aber die günstige Stimmung am Lande. Die Araber schöpften wegen der Herkunft und Zwecke der Fremdlinge Verdacht oder wurden wegenihres Handels besorgt, für den ihnen so unerwartet eine Concurrenz zu drohen schien. Zwar erhielt Gama die gewünschten Lotsen, aber sie waren nicht zuverlässig; denn nachdem die Portugiesen als Christen erkannt und somit als die natürlichen Feinde des Islam erklärt worden, wurde auch der Scheich von den einheimischen Händlern gewonnen, die Hand zu einem geplanten Verrath und Ueberfall zu bieten. Und hierzu sollten die Lotsen behilflich sein. Eine Einladung des Scheich zu einem Besuche in der Stadt hatte Gama, durch Davané gewarnt, vorsichtig abgelehnt. Dagegen bat er, man möge ihm am festen Lande einen Platz anweisen, wo seine Böte Wasser holen könnten. Diese Gelegenheit sollte von Seiten der Moslemin zu einem Ueberfall benutzt werden; zu gleicher Zeit sollten andere mit Bewaffneten besetzte Fahrzeuge, wenn ein Theil der portugiesischen Matrosen beim Wassereinnehmen von den Schiffen fern sei, diese überrumpeln und das Geschwader zu erobern suchen. Allein dieser Plan wurde durch die Wachsamkeit und die Ueberlegenheit der portugiesischen Waffen vereitelt. Gama ließ das Wasserboot mit zwei Kanonen armiren und schickte zur Bedeckung der Matrosen bewaffnete Mannschaft mit unter Führung des Capitäns Coelho. Zur Nachtzeit sollte bei Hochflut Wasser eingenommen werden. Aber der begleitende Pilote führte sie bis zum anbrechenden Morgen, wo Ebbe eintrat, in der Irre herum und hoffte das Fahrzeug dann unversehens aufs Trockne zu setzen und dem geplanten Ueberfall leichter preiszugeben. Indeß kam ihm Coelho zuvor, indem er das Boot rechtzeitig wenden ließ und den Verräther, zum abschreckenden Beispiel, an den Mast aufknüpfen wollte. Der Lotse aber sprang über Bord, tauchte unter und kam erst in weiterer Entfernung wieder zum Vorschein. Bei seiner Verfolgung wurde nun das Boot vom Lande aus mit Pfeilen und Schleudersteinen angegriffen. Da man von den Schiffen aus diesen feindlichen Zusammenstoß sehen konnte, so ertheilte Gama dem Boote durch Flaggensignale den Befehl zur Umkehr. Auch ließ er, wie Correa betont, nicht gleich mit Kanonen unter die Verräther schießen, weil er sich in dem ersten arabischen Hafen nicht in schlechten Ruf bringen wollte und vielleicht noch auf ein friedliches Abkommen rechnete. Der Scheich, der wohl auch für seine wehrlose Stadt fürchten mochte, ließ über den unangenehmen Zwischenfall sein Bedauern ausdrücken und erbot sich andere Lotsen zu senden, die indeß wieder den Auftrag zu haben schienen, die portugiesischen Schiffe auf Korallenriffe zu führen.

Vasco da Gama hatte mehrere Verbrecher an Bord, die ihm mitgegeben waren, um an gefährlichen Stellen ans Land geschickt zu werden. In der Ausführung eines lebensgefährlichen Auftrages bestand die eigenthümliche Art der Begnadigung. João Machado, so hieß der zu dieser Mission ausersehene Sträfling, wurde ans Land gesetzt, um dem Scheich die Botschaft zu übermitteln, daß, da man an seiner Ehrlichkeit zweifele, der weitere Verkehr mit ihm abgebrochen werde. Machado richtete seinen Auftrag aus und gelangte später unter allerlei Abenteuern über Kiloa und Mombas nach Indien.Gama aber hielt noch an einer unbewohnten Insel vor Mosambik an und ließ zu Ehren des heil. Georg den Wappenstein San Jorge setzen. Dann stach er wieder in See. Davané war an Bord geblieben und begann bereits etwas Portugiesisch zu lernen, so daß man sich mehr und mehr verständigen und manche werthvolle Mittheilungen über den Seehandel durch ihn gewinnen konnte.

Der streng bewachte, aber treulose Lotse brachte bald darauf die Schiffe zwischen die Untiefen einer Inselgruppe und wurde, als man seine Verrätherei erkannte, dafür durchgepeitscht. Die Inseln erhielten aber zum Andenken daran den NamenIlhas do Azoutado, d. h. die Inseln des Durchgepeitschten. An der Küste entlang ging die Fahrt nun weiter auf Kiloa, welches als ein vielbesuchter Handelshafen galt, wohin sogar christliche Armenier gelangen sollten. Aber widrige Winde trieben die Schiffe ab. Das Schiff S. Rafael unter dem Commando des Vasco da Gama gerieth sogar auf eine Sandbank, wurde aber glücklich wieder losgebracht. So kamen sie in der letzten Woche des April[86]nach Mombas. Wieder erschien ein Fahrzeug der Einwohner, um sich nach den Zielen der Fremdlinge zu erkundigen. Gama erklärte, er komme, auf dem Wege nach Indien, sich in dem Hafen mit einigen Bedürfnissen zu versehen. Der Scheich, auch hier anfangs freundlich, mußte bald den falschen Einflüsterungen nachgegeben und schon von Mosambik Nachrichten erhalten haben, daß die Fremden Seeräuber seien und den Handel nur zum Vorwand nähmen. Als Gama in den Hafen einlaufen wollte, kamen viele kleine Schiffe heran, wie um die portugiesischen Fahrzeuge mit festlicher Musik an die Stadt zu geleiten. Aber man ließ höchstens 10 bis 12 Personen an Bord eines jeden Schiffes kommen. Vielleicht war es dabei auf eine Ueberrumpelung oder eine Verrätherei abgesehen, denn als das eine Schiff, rückwärts treibend, auf den Grund gerieth, da es dem Steuer nicht folgte, so gab der Capitän rasch Befehle, Anker auszuwerfen. Die dadurch hervorgerufene Unruhe machte die Araber auf den andern beiden Schiffen besorgt; sie fürchteten vielleicht, ihr Anschlag sei verrathen und sprangen eiligst wieder in ihre Schiffe. In einer hellen Mondnacht wurde der Hafen von Mombas verlassen und die Fahrt mit großer Vorsicht, weil man dem Lotsen nicht traute, fortgesetzt. Bald stießen sie auf zwei Sambuken, welche nach Mombas steuerten. Eine derselben wurde genöthigt, ihnen den Weg nach Melinde zu zeigen, wobei man die arabische Mannschaft auf die Schiffe vertheilte. Nach einer günstigen Fahrt von drei Nächten und zwei Tagen langten sie in den letzten Tagen des Monats April dort an und fanden hier endlich eine wohlgemeinte freundliche Aufnahme. Aber der Einladung des Fürsten, in dem Hafen anzulegen, folgte Gama, durch die Vorkommnisse in Mosambik und Mombas mißtrauisch gemacht, nicht sogleich, sondern schickte zunächst denCapitän Coelho und in seiner Begleitung den Davané ans Land. Am Ufer hatten sich so viele Menschen versammelt, daß die Beamten nur vermittelst ihrer Stöcke für die fremden Sendlinge Bahn schaffen konnten. Der Fürst ließ Coelho neben sich auf einem Stuhle niedersitzen, erkundigte sich vor allem nach europäischen Verhältnissen und ließ sich vom großen König Emanuel erzählen. Gegen Sonnenuntergang nahm der portugiesische Capitän Abschied und wurde, vom Herrscher von Melinde mit weißen und bunten Seidenkleidern und einem kostbaren Ringe beschenkt, an den Strand zurückgeleitet. Die von Gama auf einem Sambuk gewünschte Zusammenkunft fand in den nächsten Tagen statt. Der ganze Strand, die weißen Häuser und die Mauern der Stadt waren mit Schaulustigen dicht besetzt, als die beiden Flottenführer, Vasco und sein Bruder Paulo da Gama, im vollsten Schmucke, unter dem Donner der Salutschüsse in ihren beflaggten Böten von den Schiffen abstießen und sich dem Audienzschiffe näherten. Bei der herrschenden Rivalität zwischen Melinde und den anderen bereits besuchten Häfen war die Aufnahme eine sehr günstige. Dem arabischen Herrscher wurden ein kostbares Schwert, eine Lanze und ein Schild verehrt und beide Theile schieden in Freundschaft. Gama bat, die Piloten und übrigen Insassen des zur Mitfahrt gezwungenen Bootes sicher wieder in ihre Heimat befördern zu wollen, was auch zugesagt wurde. Die Portugiesen erhielten Lebensmittel und Wasser und konnten sich am Lande erholen, denn sie hatten an der ungesunden Ostküste Afrikas viel durch Krankheiten zu leiden gehabt und manchen Mann am Scharbock verloren.

Später besuchte Gama den Scheich in seinem Schlosse und wurde von diesem am Thor empfangen. Im Verlaufe des Gespräches erklärte der Araber, daß der Gewürzhandel in Kalikut seinen Hauptstapel habe und daß er dem Geschwader einen zuverlässigen Piloten dahin mitgeben werde. Auch rieth er den Portugiesen, die gewünschten Waaren nicht zu hoch zu bezahlen, um dadurch nicht den Markt zu verderben.

Davané erbot sich bis Indien mitzugehen. Vor dem Abschiede stattete der Fürst den Schiffen noch einen Besuch ab. Auf einer besonders angelegten Treppe leitete man ihn an Bord, wo eine festliche Tafel hergerichtet war. Dann ließ Gama mit Bewilligung des Herrschers einen marmornen Wappenpfeiler in Melinde setzen, segelte, von tüchtigen Lotsen geführt, am 24. April von der afrikanischen Küste ab und erreichte unter günstigem SW. Monsun in 22 Tagen die Gestade Indiens. Die Berge von Kananor traten hervor, die Häuser der Stadt zeigten sich bei dem Vorübersegeln. Fischerböte nahten sich und waren über die seltsam gebauten Schiffe und die weißen Menschen darin sehr verwundert. Am 20. Mai langte das Geschwader endlich im Hafen von Kalikut an.

Indien zerfiel damals in eine große Anzahl selbständiger Reiche, Barros nennt darunter die Königreiche von Multan, Delhi, Cospetir, Bengalen, Orissa, Mando, Tschitor, Guzarat oder Cambaya, Dekhan, Bisnaga und viele andere kleinere. Am Westfuße der Ghats erstreckte sich vom Flusse Karnat,nahe beim Vorgebirge Komorin bis zu der weit übers Meer sichtbaren Landmarke des Berges d’Ely (de Ly) oder Delly unter 12° n. Br., das Reich und die Landschaft Malabar mit der Hauptstadt Kalikut. Sechs bis zehn Leguas breit und 80 Leguas lang breitete sich dieser Landstrich aus, über welchen ein Kaiser die Oberherrschaft besaß. Der Titel dieses Oberherrn war eigentlich Samudrin, d. h. Herr der See, die Portugiesen nannten ihn Samorin. Zahlreiche Lehnsfürsten standen nominell unter ihm, wußten sich aber mehrfach seinem maßgebenden Einflusse zu entziehen oder fügten sich, wie die Fürsten von Kotschin und Kollam, nur widerstrebend. Das Uebergewicht Kalikuts beruhte in seinem Welthandel, in seinem Gewürzmarkte, welcher seit dem 14. Jahrhundert an Großartigkeit alle Hafenplätze der Westküste übertraf. Seine Blüte verdankte der Ort namentlich der Thätigkeit der mohammedanischen Kaufleute und Schiffer, welche bei den Portugiesen mit dem allgemeinen Namen der Mauren belegt wurden. Die Stadt zerfiel in zwei Abtheilungen; am Hafen gruppirten sich um die steinernen Wohnhäuser und Waarenlager der Mauren die mit Palmblättern gedeckten Holzhütten der eingeborenen Gewerbsleute, der Handwerker und des andern gemeinen Volks niedriger Kasten. Etwas entfernt lag in einem Palmenhain die Residenz des Samorin, umgeben von den Villen der vornehmsten Stände, der Brahmanen und der Kriegerkaste, der sog. Nair, die ihrem Oberherrn mit Leib und Seele ergeben, sich dem Handelsgewoge des Hafens entzogen, um ihren Standesvorurtheilen nichts zu vergeben durch zu enge Berührung mit den niederen Kasten. Diese hatten ihren Erwerb hauptsächlich durch die Mauren und waren, an deren Interesse gebunden, von denselben abhängig, oder wenigstens geneigt, auf ihre Seite zu treten. Denn den Vertrieb der geschätzten Waaren nach dem Abendlande hatten die mohammedanischen Kaufherren allein in der Hand; ihre Flotten kamen aus dem arabischen und persischen Golfe über Aden und Ormuz nach Indien und brachten namentlich über Aegypten die indischen Artikel ans Mittelmeer zu den christlichen Völkern. Aber nicht Araber und Aegypter im engern Sinne betheiligten sich allein an diesem indischen Handel. Mauren aus Tunis und Algerien, selbst Juden unternahmen die weite Reise ins Morgenland und wieder zurück in die Markthäfen Italiens und Spaniens. Die christlichen und mohammedanischen Staaten am Mittelmeer standen sich feindlich gegenüber; die Niederlagen des Islam und seine Verdrängung aus Spanien wurden bis Indien vernommen. Die Portugiesen waren politisch die Feinde der Araber und Mauren und sollten nun auch im indischen Handel als ihre Rivalen auf einem Gebiete erscheinen, wo die Moslemin Jahrhunderte lang allein sich des ungestörten Genusses und Gewinnes zu erfreuen gehabt hatten. Kein Wunder, daß das Erscheinen einer portugiesischen Flotte auf der Küste Malabar, vor dem Centralpunkte des Verkehrs, alle mohammedanischen Kaufleute in die größte Aufregung brachte. Daher der eigenthümliche Willkomm, den Gama vor Kalikut empfing. Schiffer im Hafen brachten nämlich zwei Mauren aus Tunis zu ihm, welche spanisch und italienisch sprachen und die Portugiesenmit den Worten begrüßten. „Schert Euch wieder zum Teufel, der Euch hergebracht hat.“

Die WESTKÜSTE von VORDER-INDIENEntworfen von S. Ruge.G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung.❏GRÖSSERE BILDANSICHT

Entworfen von S. Ruge.

G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung.

❏GRÖSSERE BILDANSICHT

Auch dem Samudrin war der Besuch sicher ungelegen. Der friedliche Verkehr und die Sicherheit der Einkünfte, auf denen seine Macht basirte, schienen in Frage gestellt durch das plötzliche Erscheinen der abendländischen Fremdlinge. Ließ sich der Friede und die Ordnung, welche eine ausgezeichnete Marktpolizei bisher aufrecht erhalten hatte, bei der Erregtheit der Concurrenten aufrecht erhalten?

Und konnte nicht durch einbrechende Unsicherheit gedrängt, der ganze Waarenverkehr sich aus seinem Gebiet und aus seinem Hafen wegwenden? Daß unter solchen Umständen die Bekenner des Islam leichtes Spiel hatten, durch Einflüsterungen und Verläumdungen den Kaiser gegen die neuen Ankömmlinge einzunehmen, liegt auf der Hand. Vasco da Gama hatte von Anbeginn einen schweren Stand, und es ist ein nicht geringes Verdienst, daß er vorsichtig und seine leidenschaftlichen Aufwallungen beherrschend die Verhandlungen leitete, gewandt allen Gefahren auswich und seinen Auftrag glänzend löste.

Die Handelssaison war bereits vorüber, die fremdasiatischen Handelsbarken hatten den Hafen schon seit Monatsfrist oder länger verlassen. Man war also am Lande nicht wenig erstaunt, zu so ungewohnter Zeit Schiffe ankommen zu sehen, die offenbar mit diesen Gewässern nicht vertraut waren. Aus Furcht vor einer sichtbaren starken Brandung war Gama in einiger Entfernung vom Hafen bei dem Ort Kapokate vor Anker gegangen. Hier näherten sich ihm zunächst Fischerböte, von denen man Fische gegen portugiesische kleine Silbermünzen einhandelte. Die Bootführer prüften die ihnen unbekannten Werthzeichen mit ihren Zähnen auf den muthmaßlichen Silbergehalt. Dann brachten sie Hühner, Kokosnüsse u. a. zum Verkauf. Durch diesen Verkehr erfuhr der Samorin, daß Gama von Melinde komme und nicht ohne Erlaubniß des Landesherrn das Ufer betreten wolle. Darauf erschien nach einigen Tagen ein Nair, nur mit weißem Lendentuch bekleidet, mit rundem Schild und nacktem, kurzem Schwert. Mit ihm ging dann einer der von der afrikanischen Küste mitgenommenen Lotsen ans Land, um ähnliches über die Herkunft und Schicksale des Geschwaders zu berichten, wie Gama selbst in Melinde erzählt hatte: nämlich, daß sie zu einer großen Flotte von 50 Schiffen gehörten, die der mächtigste christliche König des Abendlandes abgesendet, um Pfeffer und Droguen einzuhandeln, daß sie aber durch Sturm zerstreut seien. Mit dem Lotsen ging auch wieder ein Sträfling ans Land, Namens João Nuñez (oder Martins). Als diese ihre Botschaft ausgerichtet hatten und wie es schien, nach günstiger Aufnahme wieder zum Hafen zurückkehrten, wurden sie von einem Manne in morgenländischer Tracht auf castilisch angeredet und eingeladen, bei ihm zu bleiben, da sie sich bei ihrer Sendung verspätet hatten und kein Boot mehr fanden, das sie zu den Schiffen zurückgebracht hätte. Dieser neue Gastfreund stammte aus Sevilla, war als Gefangener und Sklavedurch viele Hände gekommen, hatte äußerlich den mohammedanischen Glauben angenommen und ging am nächsten Morgen mit den beiden Sendlingen an Bord, um den Flottencapitän über die Verhältnisse in der Stadt aufzuklären und namentlich vor den Ränken der arabischen Kaufherrn zu warnen.[87]

Gama ging darum nicht zuerst selbst ans Land, sondern schickte Coelho mit mehreren Begleitern zum König, damit er ihm die Bitte um freien Handel und friedlichen Verkehr vortrage. Wenn das zugesichert werde, wolle der Admiral persönlich die Geschenke und Briefe des königlichen Herrn überreichen.

Bei der Landung der Portugiesen lief das Volk zusammen, verhielt sich aber ruhig, als diese zum Palaste geleitet wurden. Da sich aber der Samorin inzwischen durch seine Beamten über das Erscheinen und Benehmen der Fremden genau berichten ließ, so verging darüber der Tag, ohne daß eine Audienz anberaumt wurde. Coelho blieb daher über Nacht im Hause eines Edelmanns.

Am nächsten Morgen kam der Schatzmeister und erklärte, sein Herr sei unwohl und könne die Gesandtschaft nicht empfangen, Coelho möge ihm daher den Inhalt seiner Botschaft anvertrauen, er werde ihn dem Könige übermitteln. Coelho aber erwiderte, er habe directen Auftrag, und wenn der König krank sei, werde er bis zu günstiger Zeit wieder aufs Schiff zurückkehren. So bequemte man sich denn zur Audienz. Coelho begrüßte den Samorin ehrfurchtsvoll, blieb aber schweigend stehen, bis ihn der König aufforderte, seinen Auftrag auszurichten. Als dies geschehen, wollte der König die Audienz schließen mit dem Bemerken, die Antwort werde ihm später durch den Schatzmeister zugehen. Allein auch darauf ging Coelho nicht ein, sondern erbat sich directen Bescheid, den ihm der Samorin dann in wohlwollender Weise gewährte. Zum Zeichen des Friedens erhielt Coelho den königlichen Namenszug auf einem Palmenblatte und begab sich damit wieder an Bord. Sobald dort der Erfolg bekannt geworden war, wurden die Schiffe beflaggt, Trompeten erklangen und die Kanonen donnerten Salutschüsse über den Hafen hin.

So war durch das feste Auftreten Coelho’s die schwankende Politik der königlichen Rathgeber bei Seite gedrängt. Das königliche Wort war eine Bürgschaft des Friedens.

Dann rüstete sich Gama selbst, zu einer Audienz ans Land zu gehen; aber, gewarnt durch den indischen Castilier, that er es nicht eher, als bis er durch eine Anzahl vornehmer Geißeln aus dem Stande der Nair genügend gedeckt war. Dann erst betrat er in festlichem Aufzuge, in Weiß und Roth gekleidete Trompeter voraus, die Stadt und wurde in einem Palankin zumPalaste getragen. Hier wurde er vom Samorin in feierlicher Audienz empfangen. Correa gibt uns von dieser Scene ein genaues Bild. Der König saß auf einem Divan. Er war von sehr dunkler Hautfarbe, der Oberkörper nackt, von der Mitte des Leibes an bis zu den Knien in Weiß gekleidet. Eines seiner Kleidungsstücke endigte in einer langen Spitze, an welcher mehrere goldene Ringe mit großen, glänzenden Rubinen angereiht waren. Am linken Arme über dem Ellbogen trug er eine Spange, die aus drei Ringen zusammengesetzt schien und von Juwelen strotzte; namentlich trug der mittlere höchst werthvolle Steine, und von ihm hing noch ein Diamant von der Dicke eines Fingers herab. Um den dunkeln Hals trug er eine helle Perlenschnur, deren Glieder die Größe einer Haselnuß hatten. Zweimal umgeschlungen reichte diese Schnur vorn bis auf die Mitte der Brust herab, und darüber trug er eine feine Goldkette mit einem Schmuck in Gestalt eines Herzens, welches aus einem Geschmeide von Perlen und Rubinen bestand, dessen Mittelpunkt ein großer Smaragd bildete. Das lange schwarze Haar trug der Samorin auf dem Wirbel in einen Knoten geschürzt und mit Perlenschnüren umwunden; an den Ohren prangten zahlreiche Goldringe.

Rechts und links vom Throne standen Leibpagen mit reichverzierten Waffen und mit einem goldenen Spucknapf. Der erste Brahmane reichte dem Fürsten von Zeit zu Zeit ein Blatt Betel, welches derselbe kaute und dann in den goldenen Napf ausspie.

Nachdem sich Gama tief vor der indischen Majestät verbeugt hatte, reichte ihm dieselbe die rechte Hand entgegen und berührte mit den Fingerspitzen die rechte Hand des Admirals, und dieser entledigte sich dann zuerst mündlich seines Auftrags in portugiesischer Sprache. Sein Dolmetscher João Nuñez übertrug den Inhalt zunächst ins Arabische und wendete sich an den Sensal, dieser gab in der Landessprache das Wort weiter an den Brahmanen, durch welchen dann endlich die Botschaft an den König selbst gelangte. Darauf überreichte Gama knieend den Brief des Königs Manuel, nachdem er ihn geküßt, auf seine Augen und aufs Haupt gelegt hatte. Der Samorin nahm den Brief in die Hand, drückte ihn an die Brust mit beiden Händen, öffnete ihn und übergab ihn seinem Schatzmeister, um ihn sich übersetzen zu lassen; denn er war portugiesisch und arabisch abgefaßt. Es war darin, was Gama bereits mündlich ausgesprochen, der Wunsch ausgedrückt nach einem Freundschaftsbündnisse und friedlichen Handelsverkehr. Damit war die Audienz beendet, der Admiral kehrte unter Trompetenschall zur Factorei zurück, wo er zu Nacht blieb. Die bald darauf folgende briefliche Antwort des indischen Fürsten enthielt die Stelle: Vasco da Gama, ein Edelmann aus Eurem Hause, hat mein Reich besucht, worüber ich mich sehr gefreut habe. In meinem Lande gibt es Zimmt, Gewürznelken, Ingwer und Pfeffer in Fülle, ich habe Perlen und Edelgestein. Was ich von Euch wünsche, ist Gold, Silber, Korallen und Scharlach.

Damit war die Genehmigung zur Eröffnung des Handels ertheilt.

Am Lande wurden den Portugiesen Lagerhäuser eingeräumt und Diogo Dias zum Factor bestellt. Um nun den Handel einzuleiten, wurde zunächst das Marktgewicht festgestellt, dann der Preis der Waaren bestimmt. Gold und Silber galt nicht nach Gepräge, sondern nach Gewicht und Feingehalt; es stellte sich dabei der Silberpreis höher als in Portugal. Außer Edelmetallen gab der Factor auch Korallen, Quecksilber und Kupfer zum Tausch. Die eingehandelten Droguen wurden dann durch indische Böte zu den Schiffen gebracht. Die Portugiesen waren über den billigen Einkauf erfreut und der Schatzmeister konnte hinwieder seinem Herrn melden, die Christen zahlten doppelte Preise und nähmen auch die weniger guten Produkte, deren Annahme die Araber verweigerten. Durch die blinde Kauflust der Fremden verlockt, begannen die einheimischen Händler die Gewürze zu fälschen, mit fremden Körpern zu vermischen oder gar unbrauchbare Waaren, wie ungenießbaren Zimmt zu liefern. Der Factor gewahrte wohl den Betrug, nahm aber auch die schlechte Waare an, um vorläufig jeden Grund zu Mißhelligkeiten fernzuhalten.

Inzwischen blieben die portugiesischen Boote stets in der Nähe auf der Hut, mit versteckten Waffen, scheinbar müßig, aber stets schlagfertig.

Da die Mauren sahen, daß sich der Handel mit den Portugiesen, zu ihrem Nachtheile, so rasch entwickelte, verdächtigten sie die Fremdlinge als Spione, welche nur gekommen seien, den Reichthum des Landes zu erkunden, um demnächst mit bewaffneter Macht als Eroberer wieder zu erscheinen. Als rechte Kaufleute würden sie doch die schlechte Waare nicht um doppelten Preis kaufen. Der Handel diene nur als Folie, um böse Absichten zu verdecken.

Die reichen Handelsherren in der Stadt gewannen nun zunächst den Katual, den mohammedanischen Gouverneur, oder, wie Correa ihn bezeichnet, den ersten Officier der königlichen Leibwache, für sich, daß er die Portugiesen am freien Verkehr hindern möge. Dies geschah auch. Man gestattete ihnen nicht, die Stadt zu besuchen, unter dem Vorgeben, als wolle man dadurch unliebsamen Begegnungen mit den Mauren vorbeugen, auch hoffte man, sich gelegentlich der Person des Admirals bemächtigen zu können. Vielleicht rechnete man auch bereits darauf, den unbequemen Besuch so lange hinzuhalten, bis die mohammedanischen Flotten mit dem neuen Monsun anlangten, um dann mit deren Hilfe die Portugiesen vollständig zu vernichten.

Als Gama die Handelsverschleppung bemerkte, ließ er die Absicht durchblicken, lieber den Heimweg anzutreten, ohne seine Gewürzfracht zu vervollständigen, um wenigstens seinem Könige die Kunde von dem erfolgreichen Zuge nach Indien bringen zu können. Kam dieser Plan zur Ausführung, dann hatten zwar die Mauren für den Augenblick das Feld behauptet, mußten aber einer verstärkten Wiederkehr des Erbfeindes gewärtig sein und waren keineswegs von einer drohend aufsteigenden Gefahr für ihr Handelsmonopol befreit. Der Samorin ließ den Admiral noch einmal zu sich rufen,der Katual erschien mit zwei Palankinen und bat ihn, ihm zur Audienz zu folgen. Wie in Folge derselben der Conflict endlich zum Ausbruch kam, wird verschieden berichtet, es scheint indeß am wahrscheinlichsten, daß er durch Gama’s Erklärung vor dem Könige beschleunigt wurde.[88]Denn als dieser ihn aufforderte, sich von dem überall in der Stadt ausgesprochenen Verdachte zu reinigen, als seien die Portugiesen gemeine Seeräuber, und ihm, dem Samorin offen die Wahrheit zu sagen, entgegnete Gama: Es wundere ihn gar nicht, daß die Vasallen des Samorin solche Verleumdungen ausstreuten, da er so weiten, bisher noch nicht betretenen Weges daherkomme; aber sein Herr und Gebieter sei durch den Ruf von der Größe und Macht des Samorin bewogen, seine Schiffe so weithin zu senden, um freundschaftliche Beziehungen und Handelsverkehr in Spezereien anzuknüpfen, daneben aber auch sich die Verbreitung des Christenthums angelegen sein zu lassen. Die Mauren seien in Europa die natürlichen Feinde der Portugiesen und suchten ihnen auch hier zu schaden. Dann bat Gama den König, ihn gegen dergleichen Ränke und Verdächtigungen zu schützen, damit nicht Krieg dadurch angefacht würde. Zum Zeichen der Wahrheit wies er auf die ihm zugestoßenen Verräthereien in Mosambik und Mombas hin. Und wenn auch ihn und sein Geschwader das Verhängniß träfe, nicht wieder nach Portugal heimzukehren, so werde König Manuel doch fortfahren, neue Flotten auszusenden, bis er gewisse Nachricht aus Indien erhalten habe. Der Samorin möge darum dafür Sorge tragen, daß nicht durch die Mauren der Zwist eingeleitet würde, denn die Portugiesen seien nicht gewillt, sich ungestraft beleidigen zu lassen, am wenigsten von den Mauren, über welche sie schon manchen Sieg davon getragen. Der Samorin hatte den Worten Gama’s mit Spannung gelauscht und erkannte aus dem Feuer und der Festigkeit der Rede, daß der Admiral die Wahrheit gesagt. Dann wünschte er, Gama möge aufs Schiff zurückkehren, wohin ihm die Antwort nachgesendet werden sollte. Der Katual, welcher die Portugiesen zum Landungsplatze zurückzuleiten hatte, bemächtigte sich aber unterwegs ihrer Personen, trennte den Admiral von seinen Begleitern und hielt sie unter verschiedenen Vorwänden tagelang wie in Gefangenschaft, angeblich weil er für ihre Sicherheit verantwortlich sei. Er hoffte, die Portugiesen würden, erbittert über diese Beleidigung, losschlagen und so einen Streit beginnen, in welchem man die Fremden sämmtlich beseitigen könne. Aber Gama behielt trotzdem seine Fassung und blieb ruhig. Die Mauren forderten den Tod Gama’s, aber ohne Anlaß wagte der Katual diese That nicht. Indeß mußte sich der Admiral dazu bequemen, den Factor als Geißel zurückzulassen, wenn er selbst wieder an Bord gehen wollte. Erließ nun zwar die für ihn gestellten Geißeln frei, weil er erwartete dadurch auch den Diogo Dias aus seiner Gefangenschaft lösen zu können. Allein er sah sich darin getäuscht. Als er dann seinen Handelsfactor nach Verabredung heimlich vom Strande durch seine Boote wollte abholen lassen, kamen ihm seine wachsamen Gegner zuvor und vereitelten die Flucht. Bei dem darüber entstandenen Tumult wurden auch die portugiesischen Lagerhäuser geplündert. Ergrimmt ließ Gama eine Anzahl Fischer auf der See aufgreifen und lichtete die Anker. Das Jammern und Wehklagen der zurückgelassenen Weiber bewog nun den Samorin, den Factor Dias zu entlassen und zugleich die Erklärung mitzusenden, daß er aufrichtig den Frieden wünsche, aber auch den Handel der Mohammedaner, die seit Alters in seinem Lande ansässig seien, schützen müsse. Gama gab darauf hin die meisten Indier wieder frei, drohte aber, er werde, wenn er in kurzer Zeit wiederkomme, die ihm angethane Schmach rächen. Die von ihm mitgenommenen Fischer, ließ er dem Könige melden, werde er zunächst nach Portugal führen, damit sein Herr sich von ihnen über Kalikut könne berichten lassen; dieselben würden aber auf der nächsten Flotte wieder zurückkehren, damit sie auch dem Samorin über Portugal Kunde bringen könnten. Dann brach er von Kalikut auf und segelte nach Norden. Als aber am nächsten Tage das Geschwader durch Windstille auf dem Wasser, kaum zwei Meilen von Kalikut gebannt war, machte sich eine bedeutende Anzahl kleiner Fahrzeuge, nach Barros etwa 60 Schiffe, auf, um die Portugiesen zu überfallen, aber sie wurden durch grobes Geschütz sehr rasch vertrieben.

Daß Gama sodann noch den nördlich von Kalikut gelegenen Hafen von Kananor besucht, wird unter allen Schriftstellern nur von Correa erwähnt. Der Beherrscher von Kananor, welcher über die Vorgänge in Kalikut wohl unterrichtet war, ließ Gama einladen, in seinem Hafen anzulegen, dann erschienen mehrere Boote mit Wasser und Holz, Feigen, Hühnern, Kokosnüssen, gedörrten Fischen und andern Lebensmitteln und meldeten, wenn die Portugiesen nicht anlegen wollten, möchten sie diese Artikel als Geschenke annehmen. Aber sie könnten im Hafen auch Gewürze bekommen, um ihre Ladung zu vervollständigen, und zwar bessere Waare, als man ihnen in Kalikut geboten.

Die Portugiesen schickten nun eine Liste aller Artikel, welche sie noch wünschten, ans Land und erhielten alles in Ueberfluß, was Gama ebenso reichlich in Korallen, Zinnober, Quecksilber, Kupfer und Messingschalen bezahlte. Es fand sodann auch eine Zusammenkunft mit dem Fürsten statt, indem am Ende einer vom Strande aus geschlagenen Brücke eine Art Pavillon über dem Wasser errichtet war, wo der Fürst die Befehlshaber der drei Schiffe empfing, mit ihnen Geschenke wechselte und ihnen im Auftrag des Samorin noch einmal dessen Bedauern über den feindlichen Abschied von Kalikut ausdrücken ließ.

Nachdem noch auf einer kleinen Gestade-Insel (13° 20′ n. Br.) ein WappenpfeilerSanta Maria errichtet worden, nach welchem dann später die Insel ihren Namen erhielt, ging Gama an der Küste weiter nordwärts bis zu der kleinen Gruppe der Andjediven (d. h. fünf Inseln), welche etwa 12 Leguas südlich von Goa (14° 45′ n. Br.) liegen, um dort Wasser einzunehmen und die Schiffe ausbessern zu lassen, ehe sie den Weg über den Ocean bis zur afrikanischen Küste anträten.

Die Nachricht von dem Aufenthalt der Portugiesen auf Andjediva gelangte durch Fischerboote bis nach Goa. Diese Stadt gehörte zum Reiche Bidjapur und war Jussuf Adil Chan untergeben, der, weil er aus Sava im westlichen Persien, bei Hamadan, stammte, den Beinamen Sabai führte, woraus die portugiesischen Historiker den Namen Sabayo bildeten. Dessen Statthalter in Goa hoffte nun, da er gehört hatte, daß zwei der portugiesischen Schiffe behufs der Reparatur an den Strand gezogen seien, sich dieser Fahrzeuge bemächtigen zu können und übertrug dies Unternehmen seinem Hafencapitän, d. i. dem Schah-bender, einem spanischen Juden, der bei der Einnahme Granadas jung vertrieben, durch die Türkei über Mekka nach Indien verschlagen war. Dieser recognoscirte bei Nacht die portugiesischen Schiffe, um zu sehen, ob er sie nehmen oder verbrennen könne. Indische Fischer, die mit den Portugiesen verkehrten, hatten aber bemerkt, daß in der Nähe mehrere bewaffnete Fahrzeuge, s. g. Fusten versteckt und zum Ueberfall bereit lagen. Gama ließ, von ihnen unterrichtet, den Juden, der anderen Tages wie von ungefähr vorübersegelnd die Schiffe auf spanisch begrüßte, ungehindert herankommen und an Bord steigen, dann aber sofort binden und mit der Tortur bedrohen, wenn er seine Absichten nicht bekenne. So gezwungen, den Schlupfwinkel seiner Boote zu verrathen, mußte er die Portugiesen selbst dahin begleiten und zusehen, wie diese über seine Leute herfielen und sie tödteten oder gefangen nahmen, um sie an den Schiffspumpen arbeiten zu lassen. Barros fügt hinzu, der Jude habe sich dazu bequemt, Christ zu werden und habe den Namen Gaspar Gama erhalten. Da der Mißerfolg seines Planes ihm die Rückkehr nach Goa abschnitt, zog er es vor mit nach Europa zu gehen. Später zeigte er sich außerordentlich geschickt und nützlich bei den weiteren Fahrten und Unternehmungen in Indien. Er war es auch, der die Portugiesen auf die günstige Lage des Hafens von Goa hinwies, welcher bald der Stützpunkt der portugiesischen Macht werden sollte.

Die endliche Abfahrt von den Gestaden des Gewürzlandes setzen Goes und Castanheda auf den 5. October, Correa dagegen auf den 10. December. Letzterer bemerkt ausdrücklich, die Piloten hätten dem Admiral gerathen, das Eintreten des Nordost-Monsun abzuwarten. Daher ging die Ueberfahrt dann bequem von statten und wurde der Hafen von Melinde am 8. Januar 1499 erreicht,[89]nachdem man schon am 2. Januar die afrikanische Küste bei Magadoschugesehen hatte. Der Fürst von Melinde nahm sie wieder sehr freundlich auf und versorgte sie mit Lebensmitteln. Während des dortigen Aufenthalts, der von Einigen auf fünf Tage, von Andern auf elf Tage angegeben wird, starben noch mehrere Matrosen, so daß die Bemannung kaum noch zur Führung der Schiffe ausreichte. Beim Abschied erhielt Gama noch einen Brief an den König Manuel von dem Beherrscher Melindes, welcher dem Admiral zugleich versicherte, die Portugiesen würden ihm jederzeit willkommen sein, wenn sie auf der Fahrt nach Indien in seinen Hafen einliefen.

Bald darauf ging eins der drei Schiffe verloren. Ueber die Veranlassung gehen die Berichte wieder bedeutend auseinander. Barros sagt, der San Rafael sei wieder auf dieselben Klippen aufgefahren, auf die er schon bei der Hinfahrt gestoßen; Osorio berichtet, Gama habe das Schiff seines Bruders vor Melinde verbrannt, weil es untauglich war; Goes verlegt diese Thatsache vor eine Stadt Tagata; Correa kennt dieses Ereigniß gar nicht, denn noch nach der Umsegelung des Caps der guten Hoffnung auf der Rückreise spricht er von dem Schiffe Paulo da Gama’s als noch unter dem Geschwader vorhanden.[90]

Bei der weitern Fahrt wurden alle Details der Landmarken an der Küste sorgfältig aufgenommen, um den späteren Flotten mehr Sicherheit in der Fahrt zu geben. Am 2. Februar wurde auf einer Insel bei Mosambik noch der letzte, S. Georg getaufte, Wappenstein gesetzt und dann später ohne Schwierigkeit das gefürchtete Sturmcap dublirt. Hier in den kühleren Meeresregionen genasen die meisten Kranken. Aber als man sich wieder dem Aequator näherte und die fieberschwangeren Gewässer von Guinea erreichte, brachen die Seuchen von neuem aus. Weniger widerstandsfähig als früher, erlagen viele von der Mannschaft. Auch Paulo da Gama trug seit dem Aufenthalte im Golf von Guinea den Todeskeim in sich. Die Schiffe waren wieder sehr leck und hielten sich kaum noch über Wasser. So sah sich Gama genöthigt, auf der Açoren-Insel Terceira anzulaufen. Hier starb der edle Paulo da Gama in den Armen seines Bruders und wurde im Kloster des heiligen Franciscus zuAngra bestattet. Dadurch trat eine neue Verzögerung in dem Abschluß der Reise ein, so daß die Nachricht von der Rückkehr der indischen Flotte eher nach Lissabon gelangte, als Vasco da Gama selber dort einlaufen konnte.[91]Die erste Kunde von der Ankunft der indischen Schiffe brachte Arthur Rodriguez aus Terceira. Derselbe wollte grade mit seinem Schiffchen von den Açoren nach Algarbe segeln, als Gama mit seinem Schiffe anlangte, aber noch nicht bei Angra vor Anker gegangen war. Im Vorbeifahren fragte Rodriguez, woher das Schiff komme und als er hörte, aus Indien, steuerte er direct nach Lissabon und brachte schon nach vier Tagen dem Könige, welcher sich grade in Cintra befand, die erste Meldung von der Heimkehr Gama’s und wurde für diese erfreuliche Botschaft auf das freigebigste beschenkt.

Als nun Vasco da Gama endlich selbst den Hafen der portugiesischen Hauptstadt erreichte — Coelho soll durch Sturm von ihm getrennt, eher angelangt sein — sandte ihm der König mehrere Würdenträger zur Begrüßung entgegen und verlieh dem glücklichen Seemanne den Adelsrang und Titel eines Admirals der indischen Meere. Ferner erhielt er das Recht, sich am indischen Gewürzhandel jährlich mit 200 Cruzados[92]zu betheiligen, ohne Fracht und Zoll zu zahlen. Endlich wurde ihm ein einmaliges Geschenk von 20,000 Cruzados und 10 Quintal Pfeffer zu theil.

Nicolaus Coelho erhielt 3000 Cruzados monatlich für die Dauer der Reise und ein Quintal von allen Droguen, sowie die Capitänschaft auf einem Indienfahrer in allen Flotten, an denen er theil zu nehmen wünschte, oder das Recht, dieselbe zu vergeben oder zu verkaufen.

Den Erben Paulo da Gama’s gab man die Hälfte von allem, was Vasco bekommen hatte.

Jeder Steuermann und Bootsmann erhielt einen halben Quintal Gewürze, ausgenommen Zimmt und Mazis, weil von diesem Artikel wenig mitgebracht war[93].

Auch Klöster und Kirchen wurden reichlich beschenkt, und die königlichen Majestäten wohnten allen feierlichen Processionen und Messen bei, die bei diesen Gelegenheiten in Lissabon celebrirt wurden.

Man sprach durch alle diese Schenkungen und Stiftungen deutlich aus, welchen Werth man auf die glückliche Vollendung der indischen Seefahrt legte, welche unter dem Prinzen Heinrich begonnen, unter mehreren Königen fortgesetzt, doch noch am Ausgange desselben Jahrhunderts, welches den Keim gepflanzt, gelungen war. Es war für die Entwickelung der Seemacht Portugals und seines Handels ein großartiger Impuls gegeben. Der glänzende Erfolg rechtfertigte die zähe Ausdauer. Aber in der Kühnheit des Planessteht doch die Fahrt Gama’s hinter derjenigen eines Columbus und Magalhaens zurück, denn sie bildete nur den Abschluß einer ganzen Reihe von Unternehmungen, deren Leiter dem glücklichen Vollender tüchtig vorgearbeitet hatten, so daß nur ein Theil der Reise durch gänzlich unbekanntes Gebiet führte, während Columbus und Magalhaens vollständig neue Bahnen einschlugen. Beide durchschnitten, auf sich selbst angewiesen, breite, unbekannte Weltmeere, Gama’s Zug erscheint mehr als eine Küstenfahrt im großen Stil, und wo es galt, den indischen Ocean zu kreuzen, vertraute er die Führung seines Geschwaders zuverlässigen Lotsen an, die mit jenen Gewässern vollkommen vertraut waren.

Dazu war Gama’s Stellung viel gesicherter, sowohl nach oben, gegen die Behörden, die ihn aussendeten, als auch nach unten, gegen seine Untergebenen. Gama erhielt den Auftrag von seinem Landesherrn, Columbus und Magalhaens waren Fremdlinge, welche ihre Dienste einem auswärtigen Fürsten anboten. Gama konnte sich seine Mannschaft aus den bewährten, eigenen Landsleuten auslesen, Columbus und Magalhaens dagegen geboten über Angehörige einer anderen Nation, die nur widerstrebend dem vorgesetzten Ausländer gehorchten.

Aus den Berichten Gama’s über seine Begegnisse in Indien war es ersichtlich geworden, daß man, falls man den indischen Handelsbetrieb fortsetzen wollte, sich auf ernste Kämpfe mit den Mauren gefaßt machen müsse, welche das Gewürzmonopol seit langer Zeit in Händen gehabt hatten, und daß die Glaubensfeindschaft den Streit um so erbitterter machen werde. Eine friedliche Lösung schien ausgeschlossen; man mußte einen bewaffneten und auch für Kriegsfälle gerüsteten Handel in Aussicht nehmen. Dazu bedurfte es vor allem einer imponirenden Flotte. Zum Befehlshaber wurdePedralvarez Cabral, ein intimer Freund Gama’s, ausersehen. Während man in Spanien das Monopol des westindischen Verkehrs nebst einer lästigen Reihe der höchsten Auszeichnungen und Privilegien einem Einzigen, dem Columbus, übertragen hatte, behielten sich die portugiesischen Fürsten, da sie von Anfang an die Initiative dazu ergriffen hatten, alle Rechte freier Wahl vor, belohnten die Erfolge nach Gebühr, aber wechselten in der Wahl der Oberleitung der Expeditionen nach reiflichem Ermessen. Gama wurde nicht ganz bei Seite geschoben, aber er wurde nur als Rathgeber herangezogen. Er entwarf die Verhaltungsmaßregeln für den zweiten Zug nach Indien. Er überwachte die Ausrüstung und schrieb den einzuschlagenden Schiffscours vor. Er gab an, wie man sich in Kalikut gegenüber dem Samudrin zu verhalten habe und empfahl, um den von den Mauren ausgestreuten Verdacht, als ob die Portugiesen lediglich Seeräuber wären, zu beseitigen, man solle die Beamten des Samudrin einladen, an Bord zu kommen, um die mitgebrachten Tauschwaaren zu besichtigen. Vor allem wurde aber Cabral eindringlich gewarnt, nicht ohne Geißel sich an Land zu begeben. Als beste Zeit für die Abfahrt wurde der März bestimmt, weil man dann zu günstiger Zeit die Region der Monsune im indischen Meere erreiche. Die Flotte bestand aus zehn großen und drei kleinen Schiffen und hatte 1200 Mann an Bord. Unter den Schiffscapitänen befanden sichBartolomeu Dias, der Entdecker des Sturmcaps und Nicolao Coelho, der Begleiter Gama’s. Auch Franziskanermönche und Weltpriester gingen mit, um den christlichen Glauben zu verbreiten. An der Ausrüstung der Flotte betheiligten sich auch reiche Florentiner Kaufleute. Es war die Absicht, in Malabar festen Fuß zu fassen.


Back to IndexNext