Saschas Stimme verstummte, wurde aber wieder laut, als Wanja, der auf dem Bette lag, aus der Dunkelheit keine Antwort gab.
„Ihnen, dem Abseitsstehenden, wird unser Leben, unser Glaube, unser Ritus verständlicher, deutlicher sichtbar sein, als uns selbst, und auch unsere Leute werden Sie verstehen können, aber Sie werden von ihnen nicht verstanden werden, oder Papa und unsere Ältesten werden bloss einen Teil und zwar nicht den wichtigsten begreifen und Sie würden ihnen immerein Fremder, ein Aussenstehender bleiben. Dabei lässt sich nichts machen! Wie ich selbst Sie auch lieben und achten möge, lieber Wanja, ich fühle dennoch, dass etwas in Ihnen ist, was mich bedrückt, mich befangen macht. Und unsere Väter haben, wie unsere Grossväter auch, ein anderes Leben geführt, anders gedacht und anderes gewusst, und wir selbst können noch nicht einmal ihnen gleich werden, — in irgendeinem Punkte macht sich doch schliesslich der Unterschied bemerkbar, und der Wunsch allein ändert nichts an der Sache.“
Saschas Stimme war wieder verstummt und lange Zeit hörte man nur den Gesang, der weit, weit her durch die offenstehenden Türen des Bethauses herüberdrang.
„Wie macht es denn Marja Dmitrijewna?“
„Wieso Marja Dmitrijewna?“
„Wie denkt denn sie darüber, wie wird sie damit fertig?“
„Wer weiss, wie sie’s macht; sie betet viel und grämt sich um ihren Mann.“
„Ist ihr Mann schon lange tot?“
„Schon lange, an die acht Jahre, ich war noch ein ganz kleiner Junge.“
„Sie ist eine prächtige Frau.“
„Na ja, aber allzu viel begreift auchsie nicht,“ meinte Sascha, das Fenster schliessend.
*
Vor der Pforte machte noch ein Wagen mit Gästen halt; Arina Dmitrijewna, die sich fast gar nicht an den Tisch gesetzt hatte, lief hinaus, sie zu empfangen und man hörte im Stiegenhause Rufe und das Geräusch von Küssen. Im Saal, in dem zehn Männer beim Mittag sassen, war es heiss und geräuschvoll; die barfüssige Frosja, die Malanja zur Aushilfe genommen war, lief immer wieder mit einem grossen Glaskrug in den Keller und brachte ihn mit schäumendem Kwass gefüllt zurück. Im Zimmer, wo die Frauen Mittag assen, sass Marja Dmitrijewna auf dem Platze der Hausfrau, die von Tische zu Tische ging, um die Gäste zum Essen zu nötigen, in die Küche lief und die immer wieder vorfahrenden Gäste empfing, neben ihr sassen Anna Nikolajewna und Nata, weiter die fünf anderen Frauen, die sich mit bereits feuchten Taschentüchern den Schweiss vom Gesichte wischten, während immer noch eine Schüssel nach der anderen aufgetragen wurde, man trank Madeira und Naliwka, den zu Hause bereiteten Beerenlikör. Die Fliegen krochen in die geleerten Gläser, sassen in ganzen Haufen an den weissgetünchten Wänden und auf dem mit Brotkrumenbesäten Tischtuche. Die Männer hatten die Röcke ausgezogen und sassen stumpf und laut lachend, plaudernd und rülpsend mit unter der Weste hervorgezogenen bunten Hemden um den Tisch.
Die brennenden Lämpchen vor den Heiligenbildern glänzten in der Sonne, die zur offenen Tür durch den gläsernen Prunkschrank in den Saal hineinschien und auch die gestrichenen Käfige im Nebenzimmer beleuchtete, in denen die Kanarienvögel, durch den allgemeinen Lärm erregt, schmetternd sangen. Immerfort mussten die Hunde hinausgetrieben werden, die sich vom Hofe hereinstahlen und die von Frosjas nacktem Fuss für einen Augenblick aufgesperrte, mit Gegengewichten versehene Tür schlug kreischend zu; es roch nach Himbeeren, Pirogen, Wein und Schweiss.
„Nun, sagen Sie selbst, ich schreibe ihm vor, mir telegraphisch nach Samara zu antworten und er lässt keine Silbe von sich hören.“
„Zuerst muss man es mit Spiritus übergossen in den Keller stellen, dann am folgenden Tage mit Eichenrinde abkochen — es ist dann äusserst schmackhaft.“
„Am Himmelfahrtstage hielt der Priester Wassilij in Gromowo eine famose Predigt: ‚Selig sind die Friedfertigen, deshalb lasst euch das Armenhaus in Tschubykino gefallen, erlasstdem Kurator seine Schulden und verlangt keinen Rechenschaftsbericht!‘ einfach zum Lachen . . .!“
„Ich sage 35 Rubel und er bietet mir 15 . . .“
„Himmelblau, ganz himmelblau und rosa gemustert,“ klang es aus dem Zimmer, wo die Frauen sassen, herüber.
„Auf Ihr Wohl! Arina Dmitrijewna, auf Ihr Wohl!“ riefen die Männer der Hausfrau zu, die in die Küche eilte.
Mit einemmal wurden die Stühle gerückt und alle begannen sich schweigend in der Richtung des Heiligenbildes zu bekreuzigen, das in einer Ecke des Zimmers hing; Frosja schleppte schon den Samowar heran, und Arina Dmitrijewna schärfte den Gästen ein, vor dem Tee nicht zu weit in den Garten hinauszugehen.
„Gefällt dir denn dieses Leben wirklich?“ fragte Nata Wanja, der gekommen war, sie über den Hof zu begleiten, wo die Sorokinschen Kettenhunde frei umherliefen.
„Nein, aber es könnte noch schlimmer sein.“
„Selten,“ bemerkte Anna Nikolajewna, die das Gartenpförtchen wieder öffnete, um den eingeklemmten Saum ihres grauseidenen Kleides freizumachen.
*
„Setzen wir uns hierher, Nata, ich möchte mit dir sprechen.“
„Setzen wir uns. Wovon willst du denn sprechen?“ sagte das Mädchen und liess sich neben Wanja auf die Bank im Schatten der hohen Birke nieder. Die etwas abseits stehende Kirche wurde renoviert und durch die offenen Türen schallte der Kirchengesang der Maler herüber, denen der Priester bei der Arbeit im Innern der Kirche verboten hatte weltliche Lieder zu singen. Man konnte die Kirchenpforte hinter den Spiräagebüschen nicht sehen, hörte aber in der Abendluft deutlich jedes Wort: in weiter Ferne brüllte eine Herde auf dem Heimwege.
„Worüber wolltest du denn mit mir sprechen?“
„Ich weiss nicht; vielleicht wird es dir schwer fallen oder unangenehm sein, dich daran zu erinnern.“
„Du willst wohl von dieser unglücklichen Geschichte sprechen?“ fragte Nata nach einer Pause.
„Ja, wenn du sie mir auch nur ein wenig erklären kannst, dann tu es bitte.“
„Du täuschest dich, wenn du glaubst, dass ich mehr weiss, als alle anderen; ich weiss nur, dass Ida Holberg sich selbst erschossen hat,aber nicht einmal die Beweggründe zu ihrer Tat sind mir bekannt.“
„Du warst doch zu jener Zeit dort?“
„Ich war dort, obgleich es nicht eine halbe Stunde vorher war, sondern vielleicht zehn Minuten, von denen ich sieben im leeren Vorzimmer wartete.“
„Hat sie sich in deiner Gegenwart erschossen?“
„Nein, der Schuss war es ja gerade, der mich veranlasste das Arbeitszimmer zu betreten . . .“
„Und sie war schon tot?“
Nata nickte stumm mit dem Kopfe die Bestätigung.
Die Maler in der Kirche stimmten den Gesang: ‚Herr Gott, erhör mein Rufen‘ an.
„Lass mich los, Teufel! Was machst du? Lass mich!“
„Ah!“ schrie eine Entrüstung heuchelnde Weiberstimme in der Kirchenvorhalle, während ihr unsichtbarer Partner es vorzog sein Werk schweigend fortzusetzen.
„Ah!“ kreischte die Stimme noch lauter, wie die eines Ertrinkenden und die Spiräagebüsche begannen an einer Stelle heftig zu schwanken, obgleich es windstill war.
„. . . das Abendopfer!“ schlossen versöhnlich die Sänger in der Kirche.
„Auf dem Tische stand eine Karaffe oderein Siphon, etwas aus Glas, eine Flasche Kognak, ein Mensch in rotem Hemde sass auf dem Lederdiwan und machte sich am selben Tisch zu schaffen, Stroop selbst stand rechts, Ida sass am Schreibtische, den Kopf auf die Stuhllehne zurückgeworfen . . .“
„Sie lebte schon nicht mehr?“
„Ja, ich glaube, sie war tot. Als ich eintrat, sagte Stroop zu mir: ‚Weshalb sind Sie hier? Um Ihres Glückes, um Ihrer Ruhe willen, gehen Sie fort! Gehen Sie, bitte, augenblicklich fort!‘ Der Mensch auf dem Diwan erhob sich und ich sah, dass er ohne Gürtel und sehr hübsch war; sein Gesicht war rot und glühte und das Haar kräuselte sich; er schien mir betrunken zu sein. Und Stroop sagte zu ihm: ‚Fjodor, lassen Sie die Dame hinaus‘.“
„Dein Wille geschehe,“ sangen die Maler in der Kirche; die Stimmen im Spiräagebüsch klangen, jetzt schon versöhnt, leise murmelnd herüber; die Frau schien zu weinen.
„Dennoch ist es schrecklich!“ sagte Wanja.
„Schrecklich!“ wiederholte Nata, wie ein Echo: „Und für mich um so mehr: ich habe diesen Menschen so geliebt!“ und sie brach in Tränen aus.
Wanja blickte feindselig auf dieses plötzlich gealterte, aufgedunsene Mädchen mit dem gedrungenen Munde, den Sommersprossen, diesich jetzt zu grossen braunen Flecken verschmolzen hatten, und mit den zerzausten roten Haaren, und sagte:
„Hast du denn Larion Dmitrijewitsch geliebt?“
Sie nickte stumm mit dem Kopfe und begann nach einigem Schweigen ungewöhnlich freundlich:
„Du korrespondierst jetzt nicht mit ihm, Wanja?“
„Nein, ich kenne nicht einmal seine Adresse, er hat doch seine Petersburger Wohnung aufgegeben.“
„Seine Adresse kann man doch finden.“
„Und was wäre, wenn ich mit ihm korrespondierte?“
„Nein, nichts, ich fragte nur so.“
Aus den Gebüschen kam ein junger Mann in einer Jacke, die Mütze auf dem Kopfe, hervor, und als er, an Wanja vorübergehend, diesen grüsste, erkannte er, dass es Sergej war.
„Wer ist das?“ fragte Nata.
„Der Kommis von Sorokins.“
„Das ist wohl der Held des Romans, der sich eben abspielte,“ setzte Nata mit frechem Lächeln hinzu.
„Welches Romans?“
„Vor der Kirche, hast du denn nichts gehört?“
„Ich habe Weiber kreischen gehört, aber was geht das mich an?“
*
Wanja wäre fast auf einen Menschen draufgerannt, der am schattigen Flussufer mit den Armen unter dem Kopfe schlafend lag. Er trug einen weissen Anzug und die Sommeruniformsmütze, die er sich aufs Gesicht gelegt hatte, war heruntergerutscht. Wanja war nicht wenig erstaunt, an der Glatze, der aufgestülpten Nase, dem schütteren roten Bärtchen und der ganz kleinen Gestalt seinen griechischen Lehrer zu erkennen.
„Sind Sie denn hier, Daniil Iwanowitsch?“ fragte Wanja, der vor Staunen vergass, ihn zu begrüssen.
„Wie Sie sehen! Aber was wundert Sie denn dabei so, wo Sie doch selbst aus Petersburg hierher gekommen sind?“
„Wie bin ich Ihnen denn nicht früher begegnet?“
„Das ist ganz erklärlich, wo ich doch erst gestern angekommen bin. Leben Sie mit Ihrer Familie hier?“ fragte der Grieche, der sich endgültig aufgerichtet hatte und seine Glatze mit einem rotgeränderten Taschentuche abtrocknete: „Setzen Sie sich her, es ist hier schattig und der Wind weht kühl.“
„Ja, meine Tante und meine Cousine sindauch hier, aber ich lebe nicht bei ihnen, sondern bei Sorokins, Sie haben vielleicht von ihnen gehört?“
„Ich habe einstweilen noch nicht das Glück gehabt. Aber hier ist es nicht übel, durchaus nicht übel: die Wolga, die Gärten und alles Weitere.“
„Und wo ist denn Ihr Katerchen und die Drossel, haben Sie die auch mitgenommen?“
„Nein, ich werde eine weitere Reise machen.“
Und er begann mit Begeisterung zu erzählen, wie er ganz unerwartet eine kleine Erbschaft gemacht und Urlaub genommen habe, um seinen langgehegten Traum zu verwirklichen: nach Athen, Alexandria, Rom zu reisen. In Erwartung des Herbstes, wenn es weniger heiss für eine Reise im Süden sein werde, sei er mit einem kleinen Handkoffer und drei, vier Lieblingsbüchern an die Wolga gegangen, um haltzumachen, wo es ihm gerade gefalle.
„Jetzt werden in Rom, Pompeji, in Asien interessante Ausgrabungen gemacht und man hat dort neue literarische Erzeugnisse der Alten gefunden.“ Und der Grieche sprach lange mit glänzenden Augen, die Mütze wieder ins Gras werfend, von seinen Träumen, Plänen, Genüssen, und Wanja blickte traurig in das strahlende lebenbewegte hässliche Gesicht des kleinen kahlköpfigen Lehrers.
„Ja, das alles ist interessant, sehr interessant,“ murmelte er träumerisch vor sich hin, als jener seinen Bericht schloss und eine Zigarette anrauchte.
„Sie bleiben bis zum Herbste hier?“ fragte plötzlich Daniil Iwanowitsch.
„Wahrscheinlich. Ich will nach Nishni zur Messe,“ gestand Wanja, als schäme er sich der Nichtigkeit seiner Pläne.
„Sind Sie zufrieden? Sind diese Sorokins interessante Leute?“
„Sie sind ganz einfache, aber gute und treuherzige Menschen,“ antwortete Wanja und dachte mit Feindseligkeit an sie, die ihm plötzlich so fremd geworden waren. „Ich habe es langweilig, sehr langweilig! Wissen Sie, es gibt niemand, der einen mit seiner Begeisterung anstecken könnte, oder auch nur fähig wäre einen bloss zu verstehen, die geringste Bewegung der Seele zu teilen,“ entrang es sich plötzlich Wanja, „hier nicht und vielleicht auch in Petersburg nicht.“
Der Grieche schaute ihn scharf an.
„Smurow,“ begann er etwas feierlich. „Sie haben einen Freund, der befähigt ist die höchsten Wallungen des Geistes zu schätzen, und bei dem Sie immer Sympathie und Liebe finden können.“
„Ich danke Ihnen, Daniil Iwanowitsch,“sagte Wanja, dem Griechen die Hand hinstreckend.
„Keine Ursache,“ antwortete der, „um so weniger als ich eigentlich nicht von mir sprach.“
„Von wem sprachen Sie denn?“
„Von Larion Dmitrijewitsch.“
„Von Stroop?“
„Ja, . . . warten Sie, unterbrechen Sie mich nicht. Ich kenne Larion Dmitrijewitsch ausgezeichnet, ich habe ihn nach jenem unglücklichen Vorfall gesehen und ich bezeuge Ihnen, dass er daran ebensoviel Schuld trägt, wie etwa Sie, wenn ich mich zum Beispiel in den Fluss stürzen wollte, weil Sie blondes Haar haben. Natürlich ist es Larion Dmitrijewitsch höchst gleichgültig, was man über ihn spricht, aber er drückte mir sein Bedauern darüber aus, dass einige ihm teure Menschen ihre Meinung über ihn ändern könnten und unter anderen nannte er auch Sie. Behalten Sie das im Auge, sowie auch, dass er eben in München im Hotel ‚Zu den vier Jahreszeiten‘ lebt.“
„Ich verurteile Stroop nicht, aber seine Adresse brauche ich auch nicht, und wenn Sie hierher gekommen sind, um mir dies mitzuteilen, so haben Sie sich umsonst bemüht.“
„Mein Freund, hüten Sie sich vor Eigendünkel! Es sollte mir, dem alten Manne, einfallen,auf dem Wege von Petersburg nach Rom nach Wassilsursk zu kommen, um Wanja Smurow Stroops Adresse mitzuteilen?! Ich wusste überhaupt nicht, dass Sie hier seien. Sie sind erregt, Wanja, Sie sind krank, und ich zeige Ihnen als guter Arzt und Lehrer, dass Ihnen jenes Leben fehlt, welches sich für Sie in Stroop verkörpert, und nichts weiter.“
*
„Wie Sie schön gewachsen sind, lieber Wanja,“ sagte Sascha beim Auskleiden, die nackte Gestalt Wanjas betrachtend, der auf dem trockenen Sande stand und sich zum Flusse neigte, um Wasser zu schöpfen und sich den Kopf und die Achselhöhlen zu benetzen, bevor er ins Wasser ging. Wanja blickte auf das durch die auseinandergleitenden Kreise im Wasser bewegte Ebenbild seines hohen, geschmeidigen, von Bädern und Sonne gebräunten Körpers mit den schmalen Hüften und schlanken langen Beinen, die langgewordenen Locken über dem dünnen Halse, den grossen Augen im abgemagerten Gesicht und stieg mit stummem Lächeln ins kalte Wasser. Der trotz seines hohen Wuchses kurzbeinige, weisse und volle Sascha liess sich an einer tieferen Stelle ins Wasser fallen, dass es nach allen Seiten aufspritzte.
Dem ganzen Ufer entlang bis zur weidendenHerde badeten Kinder, die kreischend durch das Wasser oder am Ufer hinliefen, hie und da lagen Haufen von roten Hemden und Wäsche, und in der Ferne, höher den Fluss aufwärts, unter den Weiden auf dem saftig grünen gemähten Grase huschten zart rosa Körper von Kindern und Halbwüchslingen vorüber, an ein Bild des Paradieses in der Art Thomas erinnernd. Wanja fühlte mit fast leidenschaftlicher Freude, wie sein Körper das kalte tiefe Wasser zerteilte und in schnellen Wendungen, wie ein Fisch, die wärmere Oberfläche aufschäumen machte. Er war müde geworden und schwamm auf dem Rücken, ohne die Arme zu bewegen, und sah nur den in der Sonne leuchtenden Himmel, ohne zu wissen, wohin er getragen wurde. Er kam wieder zu sich, als die Rufe am Ufer lauter wurden, die sich immer weiter in der Richtung entfernt hatten, wo die Herde weidete und die Baggermaschine arbeitete.
Die Kinder eilten, im Laufen ihre Hemden anziehend, am Ufer entlang, und ihnen schollen Rufe entgegen: „Sie haben ihn, sie haben ihn, man hat ihn aus dem Wasser gezogen.“
„Wen das?“
„Den Ertrunkenen, der schon im Frühling ins Wasser ging; erst jetzt hat man ihn gefunden, er hat sich an einem Balken verhakt und konnte nicht zur Oberfläche aufsteigen,“ erzähltendie laufenden und einander überholenden Kinder.
Vom Berge her kam, laut weinend, eine Frau in rotem Kleide und weissem Kopftuche gelaufen; als sie an die Stelle kam, wo auf einer Bastmatte die Leiche lag, warf sie sich mit dem Gesicht in den Sand und schluchzte, noch lauter wehklagend.
„Arina, die Mutter! . . .“ flüsterte es ringsum.
„Erinnern Sie sich, ich habe Ihnen seine Lebensgeschichte erzählt,“ wiederholte Sergej, der von irgendwoher aufgetaucht war, Wanja, der mit Entsetzen auf die aufgedunsene schleimige Leiche mit dem bereits formlosen Gesicht starrte, die nackt, bloss mit den Stiefeln an den Füssen im grellen Sonnenschein ekelhaft und fürchterlich inmitten der lärmenden neugierigen Kinder mit ihren zart rosa Körpern, die unter den offenen Hemden sichtbar waren, dalag. — „Es war der einzige Sohn seiner Mutter, wollte immer Mönch werden, dreimal ist er von Hause fortgelaufen, aber sie haben ihn immer wieder zurückgebracht: geprügelt haben sie ihn sogar, aber es half nichts; andere Kinder kaufen sichPfefferkuchen, er gab alles für Kirchenkerzen fort; lief da so ein Weibsbild, so’n Ekel, ihm über den Weg, er verstand nichts, als ihm aber die Augen aufgingen, da ging er mit den Kindern baden und ertrank;er war nur sechzehn Jahre alt . . .“ klang Sergejs Erzählung, als spräche er unter dem Wasser.
„Wanja! Wanja!“ schrie durchdringend die Frau, die sich bald erhob, bald wieder sich in den Sand fallen liess, beim Anblick der aufgedunsenen schleimigen Leiche.
Wanja stürzte entsetzt den Berg hinan, er stolperte, zerkratzte sich an den Büschen und Nesseln, sah sich aber nicht um, als jage man hinter ihm her, und machte erst im Sorokinschen Garten halt. Hier war es still, die Äpfel schimmerten aus dem Grün der weit auseinander gepflanzten Bäume hervor, hinter der stillen Wolga dehnten sich die dunklen Wälder, im Grase zirpten Grillen, es duftete nach Honig und Frauenminze.
*
„Es gibt am menschlichen Körper Muskeln und Sehnen, die man nicht ohne Herzklopfen betrachten kann,“ fielen Wanja Stroops Worte ein, als er entsetzt beim Schein einer Kerze sein feines, jetzt schrecklich bleiches Gesicht mit den feinen Brauen und den grauen Augen, dem purpurroten Munde und dem lockigen Haar über dem dünnen Halse im Spiegel betrachtete. Er wunderte sich nicht einmal, dass plötzlich Marja Dmitrijewna zu einer so späten Stundegeräuschlos in sein Zimmer trat und leise, aber fest, die Tür hinter sich schloss.
„Was wird denn daraus werden? Was wird daraus werden?“ fragte er sie erregt. „Die Wangen werden einfallen und erblassen, der Körper wird aufdunsen und schwammig werden, die Würmer werden die Augen ausfressen, alle Gelenke des lieben Körpers werden auseinanderfallen! Und es gibt Muskeln, Sehnen am menschlichen Körper, die man nicht ohne Herzklopfen betrachten kann! Alles wird vergehen, verderben! Und ich weiss nichts, ich habe nichts gesehen, und ich will, ich will . . . Ich bin doch nicht gefühllos, bin kein Stein; und ich kenne jetzt meine Schönheit! Es ist schrecklich, schrecklich! Wer wird mich retten?“
Marja Dmitrijewna blickte, ohne zu staunen, freudig auf Wanja.
„Wanja, Teurer, Sie tun mir leid! Ich habe mich vor diesem Augenblick gefürchtet, aber die Stunde ist wohl gekommen, wo der Wille des Herrn geschehe,“ und langsam die Kerze verlöschend, umarmte sie Wanja und bedeckte seinen Mund, seine Augen und Wangen mit Küssen und drückte ihn immer fester an ihre Brust. Wanja war sofort ernüchtert, ihm wurde heiss, schwül und peinlich, und sich aus der Umarmung befreiend, sagte er mit einer Stimme,die schon ganz anders klang: „Marja Dmitrijewna! Marja Dmitrijewna! Was haben Sie? Lassen Sie mich! Nicht doch!“ Aber jene drückte ihn nur um so fester an ihre Brust, küsste ihn schnell und lautlos auf Wangen, Mund und Augen und flüsterte: „Wanja, mein Lieb, du meine Freude!“
„So lass mich doch, widerliches Weib!“ schrie Wanja schliesslich, stiess Marja Dmitrijewna zur Seite und lief hinaus, die Tür hinter sich zuschlagend.
*
„Was soll ich denn jetzt tun?“ fragte Wanja Daniil Iwanowitsch, zu dem er geraden Wegs aus dem Hause durch die Nacht gelaufen war.
„Meiner Ansicht nach,“ sagte der Grieche, im Schlafrock über der Unterwäsche und mit Morgenschuhen an den Füssen, „meiner Ansicht nach, müssen Sie fortfahren.“
„Wohin soll ich denn fahren? Bleibt mir wirklich nichts anderes übrig, als Petersburg? Und man wird mich fragen, weshalb ich zurückgekommen bin und langweilig ist es da auch noch.“
„Ja, das ist unangenehm, aber hier bleiben ist auch unmöglich, Sie sind — ganz krank.“
„Was soll ich denn tun?“ wiederholte Wanja, hilflos auf die Hand des Griechen herabblickend, die auf der Tischplatte trommelte.
„Ich kenne ja Ihre Umstände und Vermögensverhältnisse nicht und weiss nicht, wie weit Sie reisen können; und allein können Sie auch gar nicht reisen.“
„Was soll ich denn tun?“
„Wenn Sie meiner Zuneigung zu Ihnen glauben und nicht weiss Gott was für Geschichten machen wollten, würde ich Ihnen vorschlagen mit mir zu reisen.“
„Wohin?“
„Ins Ausland.“
„Ich habe kein Geld.“
„Es würde für uns beide reichen; später, mit der Zeit, würden wir uns verrechnen; wir würden zusammen nach Rom gehen und da würde man dann eben sehen, mit wem Sie zurückreisen und wohin ich weiterreisen werde. Das wäre das allerbeste.“
„Sprechen Sie wirklich im Ernst, Daniil Iwanowitsch?“
„Man kann nicht ernster.“
„Ist denn das möglich: ich — in Rom?“
„Und sogar sehr!“ lächelte der Grieche.
„Ich kann es nicht glauben!“ . . . rief Wanja erregt aus.
Der Grieche rauchte schweigend seine Zigarette und blickte lächelnd auf Wanja.
„Was für ein Prachtmensch, wie gut Sie sind!“ strömte der über.
„Es ist mir sehr angenehm, nicht allein zu reisen; wir werden natürlich unterwegs ökonomisch sein, nicht in allzu feinen Hotels, sondern in einheimischen Gasthäusern absteigen.“
„Oh, das wird nur noch lustiger sein!“ freute sich Wanja.
Und bis zum frühen Morgen sprachen sie von der Reise, bestimmten, wo sie Station machen wollten, die Städte, Orte, entwarfen Pläne für Ausflüge — und als Wanja im hellen Sonnenschein auf die grasbewachsene Strasse hinaustrat, wunderte er sich, dass er noch in Wassil sei und noch die Wolga und die dunklen Wälder vor sich sähe.
Sie sassen nach dem ‚Tannhäuser‘ zu dreien im Café auf dem Corso und inmitten des geräuschvollen unverständlichen italienischen Stimmengewirrs, beim Klappern der Teller und Gläser mit Gefrorenem, unter den fernen Klängen des Streichorchesters, die durch den Tabaksqualm herüberdrangen, fühlten sie sich vor der bald bevorstehenden Trennung fast intim, besonders freundschaftlich gestimmt. Der Offizier mit einem ganzen Hahnenflügel auf dem Hute und die beiden Damen, die schwarz, aber auffallend gekleidet, am Nebentische sassen, schenkten ihnen keine Aufmerksamkeit und durch die Tüllgardinen des offen stehenden Fensters konnte man die Strassenlaternen, die vorüberfahrenden Equipagen, und die über Trottoir und Fahrdamm vorbeigehenden Fussgänger sehen und man hörte das Rauschen des Springbrunnens auf dem nahen Platze.
Wanja hatte seine Gymnasiastenuniform gegen Zivilkleider vertauscht, die ihm, trotzdem sie ganz gewöhnlich waren, eine gewisse Eleganz verliehen, ohne das Knabenhafte seinesÄusseren zu beeinträchtigen. Er sah blass, hoch und schlank aus. Daniil Iwanowitsch, der ‚in der Eigenschaft des Mentors eines reisenden Prinzen‘, wie er scherzend zu sagen pflegte, seinen jungen Freund überallhin begleitete, plauderte jetzt wohlwollend und gönnerhaft mit ihm und Ugo Orsini.
„Immer, wenn ich diese erste Szene in der zweiten, der Fassung jenes Wagner höre, der schon den Tristan geschaffen, fühle ich ein wundersames Entzücken, einen prophetischen Schauer, wie bei den Bildern Klingers und der Poesie d’Annunzios. Diese Tänze der Faune und Nymphen, diese leuchtenden, strahlenden, niedagewesenen, aber bis zum Schmerze tief vertrauten antiken Landschaften, die sich plötzlich auftun, die Erscheinungen der Leda und Europa, diese Amouretten, die wie auf Botticellis ‚Primavera‘, auf die Bäume und die tanzenden und unter ihren Pfeilen in schmachtenden Stellungen ersterbenden Faune schiessen — und das alles vor Venus, die mit überirdischer Liebe und Zärtlichkeit Tannhäusers Schlaf hütet, das ist alles, wie der Hauch eines neuen Frühlings, einer neuen, heiss aus dunklen Tiefen aufsteigenden Leidenschaft für das Leben und die Sonne!“ Und Orsini wischte sich das blasse, glattrasierte, bereits voll werdende Gesicht mit den schwarzenglanzlosen Augen und dem fein gewundenen Munde.
„Es ist dies das einzige Mal, dass Wagner die Antike berührt,“ bemerkte Daniil Iwanowitsch, „ich habe mehr als einmal diese Szene mit Venus, jedoch vor der Bearbeitung, gesehen und mir gedacht, dass sie dem Gedanken nach mit ‚Parsifal‘ verwandt ist und mit diesem die grösste der Wagnerschen Konzeptionen darstellt; aber ich begreife ihren Schluss nicht und mag ihn auch nicht gelten lassen: wozu diese Entsagung? Wozu dieser Asketismus? Weder der Charakter von Wagners Genius, noch sonst etwas lockte zu solchen Ausklängen!“
„Musikalisch harmoniert diese Szene nicht sonderlich mit dem früher Geschriebenen, und Venus ist ein wenigNachahmung von Isolde.“
„Sie, als Musiker, müssen das besser wissen, aber der Gedanke, die Idee, das ist schon des Dichters, des Philosophen Gebiet.“
„Der Asketismus ist eigentlich die naturwidrigste aller Erscheinungen, und die Keuschheit gewisser Tiere ist nichts anderes als Fabel.“
Ihnen wurde hartes Gefrorenes und Wasser in grossen Gläsern auf hohen Füssen serviert. Das Cafe begann schon leer zu werden und die Musikanten wiederholten bereits ihre Stücke.
„Reisen Sie schon morgen?“ fragte Ugo, an der roten Nelke in seinem Knopfloch nestelnd.
„Nein, ich möchte noch von Rom Abschied nehmen und etwas länger mit Daniil Iwanowitsch zusammenbleiben,“ sagte Wanja.
„Sie gehen nach Neapel und Sizilien? Und Sie?“
„Ich gehe mit dem Kanonikus nach Florenz.“
„Mit Mori?“
„Ja, mit ihm.“
„Woher kennen Sie ihn?“
„Wir haben uns bei Bossi Gaëtano kennen gelernt, Sie wissen, der Archäolog?“
„Der in der Via Nazionale lebt?“
„Ja; er ist doch sehr lieb, der Kanonikus.“
„Ja, ich kann jetzt mit Recht sagen: heute lässest du deinen Diener in Frieden fahren, ich übergebe Sie Monsignore zu eigenen Händen.“
Wanja lächelte freundlich.
„Bin ich Ihnen denn wirklich so langweilig geworden?“
„Furchtbar!“ scherzte Daniil Iwanowitsch.
„In Florenz werden wir uns wohl noch treffen; ich gehe in acht Tagen dahin: man spielt dort mein Quartett.“
„Ich werde mich freuen. Sie wissen, Monsignore finden Sie immer in der Kathedrale, und er wird meine Adresse kennen.“
„Ich steige bei der Marchesa Moratti ab, Borgo Santi Apostoli. Bitte, kommen Sie ohne Umstände, die Marchesa lebt allein und wirdsich freuen. Sie ist meine Tante und ich bin ihr Erbe.“
Orsini lächelte süsslich mit den dünnen Lippen im weissen, voll werdenden Gesicht mit den schwarzen glanzlosen Augen und die Ringe an seinen Fingern mit den kurzgeschnittenen Nägeln und der entwickelten Muskulatur des Pianisten funkelten im elektrischen Lichte.
„Dieser Ugo sieht aus, wie ein Giftmischer, finden Sie nicht?“ fragte Wanja seinen Begleiter, als sie den Corso hinauf nach Hause gingen.
„Welch ein Einfall! Er ist ein lieber Mensch, nichts weiter.“
*
Trotzdem ein feiner Regen herabsickerte, der in Bächlein neben dem Fusssteige den Berg hinunterfloss, war die Kühle des Museums erwünscht und angenehm. Nachdem sie im Kolosseum, auf dem Forum und dem Palatin gewesen waren, standen sie, ganz zum Schluss, kurz vor der Abreise, fast allein im kleinen Saale vor dem „Laufenden Jüngling“.
„Nur der Torso des sogenannten ‚Ilioneus‘ kann sich an Schönheit und Leben mit diesem Jünglingskörper messen, an dem man unter der weissen Haut das rote Blut sehen kann, an dem alle Muskeln berauschend schön und bestrickend sind. Das Fehlen der Arme und des Kopfes stört uns heute nicht weiter. Der Körperselbst, die Materie wird untergehen, angenommen sogar, dass die Werke der Kunst, Phidias, Mozart, Shakespeare, zugrunde gehen werden, aber die Idee, der Schönheitstypus, die in ihnen leben, können nicht untergehen, und das ist vielleicht das einzig Wertvolle in der wechselnden und vergänglichen Buntheit des Lebens. Und wie grob auch die Verwirklichung dieser Ideen sein möge, sie sind göttlich und rein; wurden nicht in den religiösen Praktiken die höchsten Ideen des Asketismus in einen wilden, fanatischen, aber vom Symbol, das er in sich trug, erleuchteten Kultus eingekleidet, und blieben sie nicht göttlich?“
Bei den letzten Ermahnungen vor dem Abschiede sagte Daniil Iwanowitsch:
„Folgen Sie mir, Smurow; wenn Sie geistlichen Zuspruch brauchen, wenn Sie sich billig einrichten wollen, dann wenden Sie sich an Monsignore, aber wenn Ihnen Ihr Geld ganz ausgehen sollte, oder wenn Sie einen klugen und vortrefflichen Rat brauchen — wenden Sie sich an Larion Dmitrijewitsch. Ich werde Ihnen seine Adresse geben. Einverstanden? Versprechen Sie mir das?“
„Kann ich mich denn wirklich an niemand anders wenden? Ich täte es so ungern.“
„Ich habe niemand, der zuverlässiger wäre; suchen Sie dann schon selbst.“
„Und Ugo? Wird er mir nicht helfen?“
„Kaum, er sitzt selbst immer ohne Geld. Ich begreife wirklich nicht, was Sie gegen Larion Dmitrijewitsch haben, dass Sie sich nicht einmal brieflich an ihn wenden können! Was ist geschehen, das diese Veränderung triftig erklären könnte?“
Wanja sah lange die Büste des jugendlichen Marc Aurel an, ohne zu antworten, dann begann er schliesslich monoton und langsam:
„Ich lege ihm keine Schuld zur Last, ich habe nicht die Spur von Recht, mich über ihn zu ärgern, aber es tut mir unsäglich leid, dass ich, seitdem mir gewisse Dinge bekannt geworden sind, mich, unabhängig von meinem Willen, zu Stroop nicht mehr stellen kann, wie früher; das hindert mich, in ihm den erwünschten Führer und Freund zu erblicken.“
„Welch eine Romantik, wenn es bloss nicht auswendig gelernt klingen würde! Sie sind wie die ‚ätherischen‘ Fräuleins seligen Angedenkens, die sich einbildeten, ihre Verehrer müssten glauben, dass Jungfrauen weder essen, noch trinken, noch schlafen, noch schnarchen, noch sich die Näschen putzen. Jeder Mensch hat seine natürlichen Verrichtungen, die ihn keineswegs erniedrigen, wie unangenehm sie einem anderen auch sein mögen. Auf Fjodor eifersüchtig sein, heisst sich selbst mit ihm auf eine Stufestellen, als hätte man dieselbe Bestimmung, denselben Zweck, wie er. Wie wenig geistreich das auch sein möge, es ist immerhin noch besser als romantische Prüderie.“
„Lassen wir das alles; wenn es anders nicht möglich sein wird, werde ich an Stroop schreiben.“
„Und werden gut daran tun, mein kleiner Kato.“
„Sie selbst haben mich ja Kato verachten gelehrt.“
„Augenscheinlich ohne sonderlichen Erfolg.“
*
Sie gingen über den geraden Gartenweg, über einen Rasenplatz und an Beeten mit in der Dämmerung verschwimmenden Blumen vorbei zur Terrasse; der weissliche Nebel zog sich hin, als liefe er ihnen nach, um sie einzuholen: irgendwo schrien junge Eulen; im Osten leuchtete flimmernd ein strahlender Stern durch den sich rosa färbenden Nebel, und die erleuchteten Fenster des alten Hauses vor ihnen flammten ungewöhnlich und sonderbar, bereits den Widerschein des Morgenhimmels in ihren Scheiben spiegelnd. Ugo hatte aufgehört, sein Quartett vor sich hinzupfeifen und rauchte schweigend eine Zigarette. Als sie an der Terrasse vorübergingen,hörte Wanja deutlich Russisch sprechen und blieb stehen.
„Sie werden also noch lange in Italien bleiben?“
„Ich weiss nicht, Sie sehen ja, wie schwach Mama ist; aus Neapel werden wir nach Lugano gehen, aber wie lange wir dort bleiben werden, weiss ich nicht.“
„So lange werde ich Sie nicht sehen, Ihre Stimme nicht hören dürfen . . .“ begann eine männliche Stimme. — „Vielleicht vier Monate,“ unterbrach sie hastig eine weibliche. — „Vier Monate!“ wiederholte, wie ein Echo, die erste. — „Ich glaube nicht, dass Sie sich langweilen werden . . .“
Sie schwiegen als sie die Schritte von Wanja und Orsini sich nähern hörten, und in der Morgendämmerung konnte man nur undeutlich die Gestalt einer sitzenden Frau und die eines neben ihr stehenden, nicht sehr hohen Mannes unterscheiden.
Als sie den Saal betraten, aus dem ihnen die etwas drückende Wärme des mit Menschen gefüllten Raumes entgegenschlug, fragte Wanja Ugo:
„Wer waren diese Russen?“
„Anna Blonskaja und einer von euren Künstlern, ich komme eben nicht auf seinen Namen.“
„Er scheint in sie verliebt zu sein?“
„Oh, das wissen alle, ebenso, wie man sein zügelloses Leben kennt.“
„Ist sie schön?“ fragte Wanja noch etwas naiv.
„Sehen Sie sie an, da kommt sie.“
Wanja kehrte sich um und sah ein schlankes, bleiches Mädchen mit glatt über die Ohren gekämmtem Haar, feinen Gesichtszügen, einem etwas grossen Munde und blauen Augen. Ihr folgte nach einigen Minuten vornübergebeugt ein etwa sechsundzwanzigjähriger Mann mit blondem Spitzbärtchen und sich kräuselndem Haar, stark hervortretenden hellen Augen unter dichten, wie altes Gold gefärbten Brauen und spitzen Faunsohren.
„Er liebt sie und führt ein ausschweifendes Leben, und das eine ist, wie das andere, allgemein bekannt?“ fragte Wanja.
„Ja, er liebt sie zu sehr, um in ihr das Weib zu erblicken. Russische Phantasien!“ fügte der Italiener hinzu.
Man begann aufzubrechen und ein dicker Geistlicher wiederholte, die Augen verdrehend:
„Seine Heiligkeit ermüdet so sehr, ermüdet so sehr . . .“
Ein heller Sonnenstrahl blitzte in die Fenster,und man hörte das dumpfe Geräusch der vorfahrenden Wagen.
„Also auf Wiedersehen in Florenz,“ sagte Orsini, Wanja die Hand drückend.
„Ja, morgen reise ich.“
*
Sie lagen alle auf den bunten gesteppten Polstern, mit denen die Fensterbretter belegt waren: Signora Poldina und Filumena in einem, Scholastica mit der Köchin Santina im anderen Fenster, als Monsignore mit Wanja durch die schmale, dunkle und kühle Gasse vor dem alten Hause mit dem eisernen Klopfring statt einer Klingel, vorfuhr. Als die erste Woge des Lärmes, der Freudenrufe und Schreie bei der Begrüssung verebbt war, liess Signora Poldina allein den Strom ihrer Beredsamkeit sich ergiessen.
„Ullyss sagt, ‚ich bringe einen russischen Signor mit, er wird bei uns leben‘. Ullyss, du scherzest, niemals hat jemand bei uns gelebt; er ist ein Prinz, ein russischer Edelmann, wie werden wir ihn verpflegen? — Ja, was dem Bruder einfällt, das macht er auch. Wir dachten, dass der russische Signor gross und dick sein werde, wie Herr Buturlin, den wir hier gesehen haben, und jetzt kommt dieser Knabe an, so ein schlanker, so ein Täubchen, so einCherubino,“ und die greisenhafte Stimme Signora Poldinas klang in süssen Kadenzen aus.
Monsignore führte Wanja in die Bibliothek, um ihm seine Bücher zu zeigen und die Schwestern entfernten sich in die Küche und in ihr Zimmer. Monsignore stieg, die Soutane hochgerafft, auf der Leiter empor, so dass man seine dicken mit zu Hause gestrickten schwarzen Strümpfen bespannten Waden und die übermässig derben Schuhe sehen konnte; er las laut mit der Intonation des Geistlichen die Titel der Bücher, die seiner Meinung nach Wanja interessieren konnten und überging die übrigen schweigend. Er war trotz seiner fünfundsechzig Jahre stämmig und rotbäckig, eigensinnig, beschränkt und lehrhaft. Auf den Bücherbrettern standen und lagen italienische, lateinische, französische, spanische, englische und griechische Bücher. Thomas von Aquino neben Don Quixote, Shakespeare mit Heiligenlegenden, Seneka mit Anakreon zusammen.
„Ein konfisziertes Buch,“ erklärte der Kanonikus, der den erstaunten Blick Wanjas aufgefangen hatte und einen kleinen illustrierten Band Anakreon beiseite schob: „Hier gibt es viele, bei meinen Beichtkindern konfiszierte Bücher. Mir können sie keinen Schaden antun.“
„Das ist Ihr Zimmer!“ sagte Mori, Wanja ineinen grossen quadratischen Raum führend, der mit bläulichen Tapeten ausgeklebt war. Vor den Fenstern hingen weisse Vorhänge, in der Mitte des Zimmers stand ein Himmelbett; den Schmuck der ziemlich kahlen Wände bildeten ein paar Stiche von Heiligen und der Madonna ‚vom guten Rat‘, ein einfacher Tisch, das Bücherbrett mit Erbauungsschriften, die bemalte Wachsfigur des heiligen Luigi Gonzaga, in ein aus Stoff genähtes Kleid enfant de choeur gehüllt, unter dem Glassturz auf der Kommode, das Weihwasserbecken an der Tür vervollständigten die Einrichtung des Zimmers und gaben ihm das Aussehen einer Klosterzelle, das nur durch das Pianino an der Balkontür und den Toilettentisch am Fenster beeinträchtigt wurde.
„Die Katze, ach, die Katze, wirst du wohl gehen!“ und Poldina stürzte sich auf den fetten weissen Kater, der zur Vervollständigung der Feier im Saal erschienen war.
„Weshalb verjagen Sie ihn denn? Ich liebe Katzen sehr,“ bemerkte Wanja.
„Der Signor liebt Katzen! Ach, mein Söhnchen! Ach, mein Täubchen! Filumena, bring einmal Miscina mit den Jungen her, ich will sie dem Signor zeigen . . . Ach, mein Täubchen!“
Sie durchstreiften vom Morgen an Florenzund Monsignore erzählte mit singender lauter Stimme Ereignisse, Anekdoten und Tatsachen des XIV., wie des XX. Jahrhunderts, gab mit gleicher Begeisterung die Skandalchronik der Gegenwart, wie die Histörchen aus Vasari wieder; inmitten belebter Quergassen blieb er stehen, um seine schönrednerischen, meist anklagenden Perioden zu entwickeln, sprach Vorübergehende an, unterhielt sich mit Pferden und Hunden, lachte laut, sang vor sich hin, und die ganze Atmosphäre um ihn mit seiner etwas plebejischen Höflichkeit, seiner ein wenig groben Delikatesse, in seiner Belehrung ebensowenig spitzfindig, wie in seiner Heiterkeit, erinnerte an die Atmosphäre Sacchettischer Novellen. Mitunter, wenn der Vorrat an Geschichten seinem Bedürfnis, in Bildern, mit Intonation und Gesten zu reden, aus der Unterhaltung ein primitives Kunstwerk zu machen, nicht mehr entsprach, kehrte er zu den allerältesten Novellisten zurück und gab sie mit naiver Rhetorik und Überzeugung zum besten. Er kannte alle und alles und jede Ecke, jeder Stein seines Toskana und geliebten Florenz hatte seine Legenden, seine historischen Anekdoten. Er führte, den Umstand, dass Wanja sich auf der Durchreise befand, ausnutzend, seinen Schützling überall umher. Da gab es vor dem Bankrott stehende Marchesen,und Grafen, die in vernachlässigten Palästen wohnten, Karten spielten und sich mit ihren Lakaien um das Spiel zankten; da gab es Ingenieure und Ärzte, Kaufleute, die einfach, nach alter Art: haushälterisch und zurückgezogen lebten; anfangende Musiker, die nach Puccinis Ruhm strebten und ihn mit bartlosen, dicken Gesichtern und Krawatten zu kopieren versuchten; ferner war da ein feister, wichtiger und wohlwollender persischer Konsul, der mit sechs Nichten unterhalb von San Miniato lebte; Apotheker; Jünglinge, die als Laufburschen fungierten; zum Katholizismus bekehrte Engländerinnen und schliesslich auch noch M-me Monier, eine Ästhetin und Künstlerin, die mit einer ganzen Gesellschaft von Gästen in Fiesole eine mit zarten Frühlingsallegorien ausgemalte Villa bewohnte, von der man einen Ausblick auf Florenz und das Arnotal genoss. M-me Monier war immer heiter, klein von Wuchs, schwatzhaft, rothaarig und schrecklich hässlich.
Sie waren am Tisch auf der Terrasse sitzengeblieben. Die Teller auf dem rosa Tischtuche sahen in der sich bereits herabsenkenden Dämmerung wie schwarzrote Blutlachen aus, und der Duft von Zigarren, Erdbeeren und dem Wein in den nicht geleerten Gläsern mischte sich mit dem Blumenduft im Garten. Man hörte eine Frauenstimme im Hause alte Lieder singen,hin und wieder wurde sie durch ein kurzes Schweigen oder eine längere Unterhaltung und Lachen unterbrochen; als drinnen Licht gemacht wurde, sah die jetzt schon halbdunkle Terrasse wie eine Dekoration zu Maeterlincks ‚L’Intérieur‘ aus. Und der blasse und bartlose Ugo Orsini mit der roten Nelke im Knopfloch erzählte weiter:
„Sie können sich keine Vorstellung machen, an was für ein Frauenzimmer er sich fortwirft! Wenn der Mensch nicht Asket ist, so gibt es kein grösseres Verbrechen, als keusche Liebe. Er liebt die Blonskaja und sehen Sie bloss, mit wem er sich abgibt: gut an der Cybò sind nur die lasterhaften Nixenaugen in ihrem bleichen Gesicht. Ihr Mund, ach, ihr Mund! — hören Sie nur, wie sie spricht; es gibt keine Gemeinheit, die sie nicht wiederholte, und jedes ihrer Worte ist vulgär! Wie bei jenem Mädchen im Märchen springt mit jedem Wort, das sie sagt, eine Kröte oder eine Maus aus ihrem Munde. Tatsächlich! . . . Und sie wird ihn nicht loslassen: er wird die Blonskaja und sein Talent und alles auf der Welt für dieses Weib vergessen. Der Mensch in ihm geht zugrunde und vor allem der Künstler.“
„Und Sie glauben, wenn die Blonskaja . . . wenn er die anders lieben würde, dass er dann mit der Cybò brechen könnte?“
„Ich glaube, ja.“
Nach einigem Schweigen begann Wanja wieder schüchtern:
„Und ihn selbst halten Sie wirklich einer keuschen Liebe nicht für fähig?“
„Sie sehen, was dabei herauskommt! Man braucht ihn nur anzuschauen, um das zu verstehen. Ich behaupte nichts, weil man für nichts einstehen kann, aber ich sehe, dass er zugrunde geht, und sehe auch woran, und das macht mich wütend, weil ich ihn sehr liebhabe und ihn schätze, und deshalb hasse ich gleichermassen die Cybò, wie die Blonskaja.“
Orsini rauchte seine Zigarette zu Ende und ging ins Haus, und Wanja, der allein zurückblieb, dachte an den jungen Künstler mit der gebeugten Haltung, mit den blonden Locken und dem Spitzbärtchen und den hellen, grauen, stark vortretenden Augen unter den wie altes Gold gefärbten Brauen, Augen, die gleichzeitig spöttisch und traurig blickten. Und ihm fiel, er wusste selbst nicht weshalb, Stroop ein.
Aus dem Saal schallte M-me Moniers affektierte Vogelstimme herüber:
„Erinnern Sie sich an Segantinis Genius mit den mächtigen Flügeln über dem Liebespaar, beim Quell auf den Höhen? Die Verliebten selbst müssten Flügel haben, wie alle, die kühn, frei sind, wie alle, die lieben.“
„Ein Brief von Iwan Strannik; welche liebe Frau! Sie sendet uns Grüsse und den Segen Anatol Frances. Ich küsse deinen Namen, grosser Meister.“
„Ihre eigene Komposition? Zu d’Annunzios Worten? Natürlich, selbstverständlich, warum singen Sie denn nicht?“
Und man hörte das Geräusch zurückgeschobener Stühle, den Klang des Klaviers, auf dem laute und stolze Akkorde angeschlagen wurden, und die Stimme Orsinis, der mit etwas grober Leidenschaft eine breite, ein wenig banale Melodie einsetzte.
„Ob, wie mich das freut! Onkel, sagen Sie? grossartig! . . .“ zwitscherte M-me Monier, ganz in Rosa, rothaarig, hässlich und kokett, auf die Terrasse hinaustretend.
„Sie sind hier?“ rief sie, Wanja erblickend. „Eine Neuigkeit! Ein Landsmann von Ihnen ist angekommen. Aber er ist kein Russe, obgleich er in Petersburg lebt. Ein guter Freund von mir; er ist Engländer. Wie? Was?“ warf sie hin und lief, ohne die Antwort abzuwarten den Ankommenden auf der Fahrstrasse zum Garten entgegen, der jetzt schon im Mondschein dalag.
„Um Gottes willen, gehen wir, ich fürchte mich, ich will das nicht, gehen wir, ohne uns zu verabschieden, gleich, augenblicklich!“ drängteWanja den Kanonikus, der vor seinem Gefrorenen sass und ihn erstaunt ansah.
„Nun ja doch, mein Kind! Aber ich begreife nicht, weshalb Sie sich aufregen; gehen wir, ich suche bloss noch meinen Hut.“
„Schneller, schneller, cher père!“ verging Wanja vor grundloser Angst. „Hierher, hierher, dort kommen sie!“ zog er den Kanonikus von der Strasse, auf der Pferdegetrappel und Wagenrollen hörbar wurden, in einen Seitengang, und an der nächsten Wendung stieg, ganz nahe bei ihnen, um das Haus auf einem Fusspfade zu erreichen, M-me Monier mit einigen ihrer Gäste aus dem Wagen, und ohne dass ein Versehen möglich war, erkannte Wanja im hellen Mondschein Stroop.
„Bleiben wir,“ flüsterte Wanja, den Arm des Kanonikus drückend, der deutlich sah, wie das lächelnde, erregte Gesicht seines Schützlings sich mit tiefem, sogar im Mondlicht bemerkbarem Rot überzog.
*
Sie fuhren in zweirädrigen mit Eseln bespannten Wagen durch die Pforte des Hauses, das schon im XIII. Jahrhundert erbaut war und einen Brunnen im Speisesaal des zweiten Stockes für den Belagerungsfall besass, einen Kamin hatte, in dem sich bequem eine Hütte hätte unterbringenlassen, und eine Bibliothek, Porträts und eine Kapelle beherbergte. Für den Fall, dass es beim Aufstieg kalt sein sollte, brachten Diener Mäntel und Plaids an die Wagen, andere Diener waren mit Mundvorräten vorausgeschickt worden. Aus Florenz waren sie mit der Bahn bis Borgo San Lorenzo und dann mit Pferden an Scarperia mit dem Schlosse und den Stahlwarenfabriken und an Santa Agatha vorbei weitergefahren, und eilten das Frühstück zu beenden, um noch vor Anbruch der Dunkelheit von den Bergen zurückzukehren. Man unterhielt sich nicht, nur das Klappern von Gabeln und Messern und gleichzeitig auch schon das der Kaffeelöffel war zu hören. Sie fuhren durch Weingärten, an Molkereien unter Kastanien vorbei, immer höher und höher auf dem sich schlängelnden Wege empor, es kam dabei vor, dass der erste Wagen sich gerade oberhalb des letzten befand, die südliche Vegetation wurde von Birken, Fichten, Moosen und Veilchen abgelöst und man sah die Wolken schon unter sich. Noch bevor sie den Gipfel des Giuogo erreicht hatten, von wo man, wie es hiess, das Adriatische und das Mittelmeer sehen könne, erblickten sie plötzlich an einer Biegung Fierenzuola unter sich, das wie ein Haufen rotgrauer Steine aussah, und die sich Faënza zu windende Heerstrasse, über die eine altmodische Diligencehinkroch. Der Omnibus machte halt, um eine Frau aussteigen zu lassen und der Kutscher auf dem hohen Bocke rauchte friedlich in Erwartung des Zeichens zum Weiterfahren.
„Wie das an Goldoni, seligen Angedenkens, erinnert! Welch eine bezaubernde Schlichtheit!“ geriet M-me Monier in Entzücken, und liess ihre Peitsche mit dem roten Griffe knallen. Man setzte ihnen in der verräucherten Taverne, die wie eine Räuberhöhle aussah, Rührei, Käse, Chianti und Salami vor, und die Wirtin, ein einäugiges, sonnverbranntes Weib, hörte, die Wange auf die Lehne eines hölzernen Stuhles gedrückt, zu, wie ein Mann mit schwarzen Brauen und grossen Augen, in Hemdsärmeln, einen grün gewordenen Filzhut auf dem Kopfe, den Herrschaften ihre Geschichte erzählte:
„Es war schon längst bekannt, dass Beppo nachts hierher komme . . . Die Carabinieri sagten zu ihr: ‚Tante Pasqua, verschmähe unser Geld nicht, Beppo muss ja doch in unsere Hände fallen.‘ Sie überlegte sich’s und konnte sich lange nicht entschliessen . . . sie ist eine ehrliche Frau, sehen Sie sie nur an . . . Aber Schicksal ist Schicksal; einmal kam er von der Hochzeit eines Landsmannes betrunken zurück und legte sich schlafen . . . Pasqua hatte die Carabinieri früher verständigt und pfiff, das Gewehr und die Messer hatte sie Beppo schon vorher abgenommen.Was konnte er machen? Er war ein Mensch, Signori.“
„Wie er fluchte! Als er schon gefesselt war, schleuderte er diese Bank hier mit den Füssen ins Zimmer, warf sich auf die Erde und fing an sich herumzuwälzen!“ sagte Pasqua mit heiserer Stimme und ihre Zähne und das einzige Auge, das sie besass, blitzten dabei, während ihre Lippen lächelten, als erzähle sie die angenehmsten Geschichten.
„Ja, ja, sie ist ein ganzer Kerl, die Pasqua, wenn sie auch nur ein Auge hat! Noch ein Gläschen?“ forderte der bärtige Mann auf und klopfte der Wirtin auf die Schulter.
„Smurow, Orsini! Gehen Sie bitte rasch nach oben zurück, ich habe meinen Sonnenschirm vergessen. Ihr seid die Letzten, wir warten auf euch! Wie? Was? Den Sonnenschirm, den Sonnenschirm,“ rief M-me Monier aus dem ersten Wagen, ihr lächelndes hässliches rosa Gesicht zurückwendend und hielt ihr Eselgespann auf.
Die Taverne war leer, der noch nicht abgeräumte Tisch, die verschobenen Bänke und Stühle erinnerten an die Gäste, die eben hier gewesen waren, und hinter dem Vorhang, wo das Bett stand, hörte man Seufzen und leises Geflüster.
„Ist niemand da“ rief Orsini auf der Schwelle.„Eine Signora hat ihren Schirm hier stehen lassen, habt ihr ihn nicht gesehen?“
Hinter dem Vorhang wurde wieder geflüstert; dann kam Pasqua mit verwühltem Haar, ohne Tuch und Mieder heraus, im Gehen ihren schmutzigen Rock zurechtrückend, hager und ungeachtet ihrer Jugend, so schrecklich alt, und zeigte schweigend auf den weissen, spitzenbesetzten Sonnenschirm mit einem unbestimmten gelblichen Muster und einem weissen Griff. Hinter dem Vorhang rief eine Männerstimme: „Pasqua, hörst du, Pasqua? Wird’s bald? Sind sie schon fort?“
„Gleich,“ antwortete das Weib mit heiserer Stimme und steckte sich, vor die Spiegelscherbe an der Wand tretend, die rote Nelke, die Orsini vergessen hatte, ins verwühlte Haar.
*
Sie waren fast die einzigen im Theater, die mit ganzer Aufmerksamkeit Isoldens Ergüssen vor Brangäne folgten und fast nicht bemerkten, wie der König mit beiden Königinnen die Loge der Szene gegenüber betrat und sich, nachdem er dem Publikum, das ihn mit Rufen begrüsste, eine ungeschickte Verbeugung gemacht hatte, auf einen Stuhl an der Balustrade niederliess. Das sentimentale und harte Gesicht des kleinen Mannes mit dem grossen Kopfe und demSchnurrbart hatte den gelangweilten Ausdruck eines von Geschäften in Anspruch genommenen Menschen. Obgleich es keine Pause war, war der Saal voll erleuchtet: die Damen in den Logen, in Décolleté und Halsschmuck, sassen fast mit dem Rücken zur Bühne und plauderten lächelnd; die Herren mit Blumen im Knopfloch, gelangweilt und korrekt, machten von Loge zu Loge Besuche. Es wurde Gefrorenes herumgereicht, und die älteren Herren sassen im Hintergrunde der Logen, in vor sich ausgebreitete Zeitungen vertieft.
Wanja, der zwischen Stroop und Orsini sass, hörte nicht das Flüstern und Geräusch ringsumher und war ganz vom Gedanken an Isolde in Anspruch genommen, der aus dem Rauschen der Blätter Hifthörner zu erklingen schienen.
„Das ist die Apotheose der Liebe! Ohne Nacht und Tod wäre es das höchste Lied der Leidenschaft und die Konturen der Melodie und der Szene selbst, wie rituell sind sie, wie ähneln sie ergreifenden Hymnen!“ sagte Orsini zu Wanja, der bleich geworden war.
Stroop sah, ohne sich umzukehren, durch das Opernglas zur gegenüberliegenden Loge hinüber, wo nahe nebeneinander der blonde Künstler und eine kleine Frau sassen. Sie hatte rabenschwarzes gewelltes Haar. Ein Paar riesige farblose Augen starrten aus ihrem ungeschminktenGesicht mit dem grossen tiefroten Munde und dem vulgären Kinn, das von grenzenloser Entschlossenheit sprach. Sie trug ein grellgelbes goldbesticktes Kleid und war prätentiös auffallend. Und Wanja hörte mechanisch den Berichten von den Abenteuern dieser Veronica Cybò zu, in denen viele Namen von Männern und Weibern genannt wurden, die sie alle zugrunde gerichtet hatte.
„Eine Nichtswürdige ist sie, diese Canaille,“ hörte er Ugos Stimme, „ein Typus aus dem XVI. Jahrhundert.“
„Bah, das ist viel zu vornehm für sie! Einfach eine schmutzige Dirne,“ und aus dem Munde der korrekten Herren, die gierig zum gelben Kleide und den lasterhaften Nixenaugen hinüberäugten, kamen die gröbsten Bezeichnungen.
Wenn Wanja sich, selbst mit einer ganz harmlosen Frage, an Stroop wandte, wurde er rot und lächelte und es machte den Eindruck, als spräche er mit einem Freunde nach einem stürmischen Zwist oder mit einem Rekonvaleszenten, der eine schwere Krankheit überstanden.
„Ich denke immer an Tristan und Isolde,“ sagte Wanja zu Orsini, im Korridor auf und ab gehend. „Es ist eine ideale Darstellung der Liebe, eine Apotheose der Leidenschaft, aberwenn man die äussere Seite und das Ende der Geschichte in Betracht zieht, ist es dann eigentlich nicht ganz dasselbe, was wir in der Taverne auf dem Giuogo gesehen haben?“
„Ich verstehe nicht ganz, was Sie sagen wollen. Beunruhigt Sie das Vorhandensein der fleischlichen Vereinigung?“
„Nein, aber jede reale Handlung hat etwas Komisches und Beschämendes: Isolde und Tristan mussten doch ihre Kleider aufknöpfen und ausziehen, Mäntel und Beinkleider waren auch damals schon ebensowenig poetisch, wie unsere Röcke.“
„Welche Gedanken! Das ist komisch!“ lachte Orsini auf, und sah Wanja verwundert an. „Das ist doch immer so; ich verstehe nicht was Sie eigentlich wollen.“
„Wenn die nackte Tatsache ein und dieselbe ist, ist es da nicht gleichgültig, wie man zu ihr gelangt, ob nun in weltenerfüllender Liebe oder in tierischer Brunst?“
„Was haben Sie? Ich erkenne den Freund des Kanonikus Mori nicht wieder! Es ist selbstverständlich, dass die nackte Tatsache nicht wichtig ist, sondern, dass es auf die Stellungnahme zu ihr ankommt, und die empörendste Tatsache, die unglaublichste Situation kann durch die Stellungnahme zu ihr gerechtfertigtund geläutert werden,“ sagte Orsini ernst und fast lehrhaft.
„Vielleicht ist das auch, trotz seiner Erbaulichkeit, wahr,“ bemerkte Wanja lächelnd und setzte sich neben Stroop, den er aufmerksam betrachtete.
*
Sie kamen etwas zu früh auf den Bahnhof, um M-me Monier zu begleiten, die vor der Saison in Paris zwei Wochen in der Bretagne zubringen wollte. Auf dem blassgelben Himmel leuchteten die Kugeln der elektrischen Lampen, man hörte rufen: „Pronti, partenza“, die Reisenden eilten zu den früher abgehenden Zügen, und aus dem Büfett klangen ununterbrochen Bestellungen und das Klappern der Löffel herüber. In Erwartung des Zuges tranken sie Kaffee; auf einem ausgebreiteten „Figaro“ lag ein Bukett Gloire-de-Dijon-Rosen neben den Handschuhen von M-me Monier, die in einem maisfarbenen Kleide mit blassgelben Bändern abseits sass, die Herren witzelten über die eben gelesenen politischen Tagesneuigkeiten, da erschien am nächststehenden Tische Veronica Cybò im Reisekleide mit heruntergezogenem grünem Schleier, der Künstler folgte ihr mit einem Porteplaid und dem Träger mit dem Gepäck.
„Sehen Sie doch, sie reisen fort! Er gehtendgültig zugrunde!“ sagte Ugo, der sich mit dem Künstler begrüsst hatte, als er zu seiner Gesellschaft zurückkehrte.
„Wohin reisen sie denn? Sieht er denn gar nichts? Ah, diese Canaille, diese Canaille!“
Die Cybò hob den Schleier, sie sah blass und herausfordernd aus, und wies stumm dem Träger den Platz, wohin er die Sachen stellen sollte, dann legte sie ihre Hand auf den Arm ihres Begleiters, als ergriffe sie Besitz von ihm.
„Sehen Sie da — die Blonskaja! Wie sie es bloss erfahren hat. Ich beneide weder sie noch die Cybò,“ flüsterte M-me Monier, während die andere Frau, die ganz in Grau gekleidet war, schnell auf den Künstler und seine Begleiterin zuging. Der Künstler sass mit dem Rücken zu ihr und konnte sie nicht sehen, die Cybò starrte bewegungslos mit ihrem Nixenblick vor sich hin. Als die Blonskaja dicht vor beiden stand, sagte sie leise auf russisch:
„Sergej, wohin und weshalb reisen Sie? Und weshalb ist das ein Geheimnis für mich, für uns alle? Sind Sie denn nicht unser aller Freund? Es ist einerlei, ich weiss . . . ich weiss, dass das Ihr Untergang ist! Vielleicht trage ich selbst Schuld daran und kann etwas wieder gutmachen?“
Die Cybò starrte die Blonskaja bewegungslos an, als sei sie blind und sähe sie nicht.
„Vielleicht hält es Sie zurück, wenn ich Sie heirate? Dass ich Sie liebe, wissen Sie.“
„Nein, nein, ich will nicht!“ stiess er grob hervor, als befürchte er nachgeben zu können.
„Kann denn hier wirklich nichts helfen? Ist das denn wirklich unabwendbar?“
„Vielleicht. Vieles geschieht zu spät.“
„Sergej, kommen Sie zu sich! Kehren Sie zurück, es wird ja nicht nur der Künstler in Ihnen zugrunde gehen, sondern Sie selbst richten sich zugrunde.“
„Was soll das Gerede? Es ist zu spät gut zu machen, und dann will ich es auch so!“ Die Cybò heftete jetzt ihre Augen auf ihn.
„Nein, Sie wollen es nicht so,“ sagte die Blonskaja.
„Weiss ich am Ende selbst nicht, was ich will?“
„Sie wissen es nicht. Und welch ein Knabe Sie sind, Sergej.“
Die Cybò hatte sich erhoben, um dem Träger, der den Handkoffer voraustrug, zu folgen und wandte sich geräuschlos ihrem Begleiter zu; dieser erhob sich, seinen Mantel anziehend, ohne der Blonskaja zu antworten.
„Sergej, Sie reisen also doch, Sergej?“
M-me Monier verabschiedete sich, laut zwitschernd, von ihren Freunden und nickte schon hinter dem Bukett Gloire-de-Dijon-Rosen hervoraus dem Waggon die letzten Grüsse. Als sie zurückgingen, sahen sie die Blonskaja, die ganz in Grau, auf ihren Sonnenschirm gestützt, zu Fuss ging.
„Es ist, als wären wir auf einem Begräbnis gewesen,“ bemerkte Wanja.
„Es gibt Leute, die jeden Augenblick auf ihrem eigenen Begräbnis zu sein scheinen,“ meinte Stroop, ohne Wanja anzusehen.
„Wenn ein Künstler zugrunde geht, so ist das sehr schwer.“
„Es gibt Menschen, die Künstler des Lebens sind; ihr Untergang ist nicht weniger schwer zu ertragen.“
„Und es gibt Dinge,“ fügte Wanja hinzu, „die zu tun es mitunter zu spät ist.“
„Ja, es gibt Dinge, die zu tun es mitunter zu spät ist,“ wiederholte Stroop.
*
Sie traten in eine niedrige Kammer, die nur durch die offenstehende Tür erleuchtet wurde, und in der ein alter Schuster mit einer runden Brille, wie auf einem Bilde von Dou, über einen Stiefel gebückt sass. Nach der Sonne auf der Strasse war es kühl. Es roch nach Leder und Jasmin, von dem einige Blüten in einer Flasche ganz oben unter der Oberlage auf dem letzten Brett eines Regals mit Stiefeln standen; der Gesellebetrachtete den Kanonikus, der mit gespreizten Beinen, sich das Gesicht mit einem roten Seidentuche wischend, dasass. Und der alte Giuseppe sagte mit singendem gutmütigem Ton:
„Was bin ich? Ich bin bloss ein armer Handwerker, aber es gibt Künstler, Künstler! Oh, das ist nicht so einfach, einen Stiefel nach den Regeln der Kunst zu nähen; man muss den Fuss studieren, muss ihn kennen, für den man einen Stiefel nähen soll, man muss wissen, wo der Knochen breiter, wo er schmäler ist, wo ein Hühnerauge sitzt, wo das Blatt höher ist, als es sollte. Kein Mensch hat einen Fuss, wie der andere, und man muss ein Pfuscher sein, um zu glauben, dass jeder Stiefel auf jeden Fuss passt. Und ach, was für Füsse gibt es, Signori! Und alle müssen gehen. Gott der Herr hat den Fuss mit fünf Zehen und einer Ferse ausgestattet, und doch hat alles andere, verstehen Sie, ebenso seine Berechtigung. Und wenn einer sechs oder vier Zehen hat, so hat doch auch Gott der Herr selbst ihm solche Füsse gegeben und er muss gehen, wie andere Leute, das muss der Schuhmachermeister dann wissen und es möglich machen.“
Der Kanonikus trank, laut schluckend, Chianti aus einem grossen Glase und fächelte mit seinem breitrandigen Hut die Fliegen weg, diesich ihm auf die mit Schweisstropfen bedeckte Stirn setzten; der Geselle fuhr fort, ihn zu betrachten und Giuseppes Rede klang monoton, singend und einschläfernd.
Als sie über den Platz vor der Kathedrale ins Restaurant Giotto gingen, wo die Geistlichkeit zu verkehren pflegte, begegneten sie dem alten Grafen Ghidetti, der geschminkt, eine Perücke auf dem Kopfe, daherkam und sich fast auf die beiden blutjungen Mädchen stützte, die bescheiden und ehrbar ihm zur Seite gingen. Wanja fielen die Geschichten ein, die über den entnervten Greis, über seine sogenannten ‚Nichten‘, über die Erregungen erzählt wurden, die die abgestumpften Sinne des alten Wüstlings mit dem leichenhaften, geschminkten Gesicht und den von Geist und Witz sprühenden, lebhaften Augen, erheischten; ihm fielen seine Gespräche ein, bei denen aus dem stammelnden Munde Paradoxa, Witze und Geschichten hervorsprudelten, wie sie in unserer Zeit immer seltener werden, und er hörte Giuseppes Stimme sagen: „Wenn einer auch sechs oder nur vier Zehen hat, so hat doch Gott der Herr selbst ihm solche Füsse gegeben, und er muss gehen, wie andere Leute.“
„Die Steine, die Mauern wurden rot, als der Prozess des Grafen verhandelt wurde,“ sagte Mori, in das Zimmer links tretend, das vonschwarzen Gestalten Geistlicher und einiger weniger weltlicher Personen gefüllt war, die am Freitage Fastenspeisen zu essen wünschten. Eine ältliche Engländerin unterhielt sich mit einem glattrasierten Jüngling in stark gebrochenem Französisch.
„Wir Konvertiten lieben den Katholizismus um so mehr, sind uns tiefer der ganzen Schönheit und Anmut seines Ritus, seiner Dogmen und Disziplin bewusst.“
„Arme Frau,“ erläuterte der Kanonikus, seinen Hut neben sich auf die Holzbank legend, „sie stammt aus einer reichen, guten Familie, und jetzt läuft sie umher und gibt Stunden, leidet Not, denn sie ist des wahren Glaubens teilhaftig geworden und alle haben sich von ihr losgesagt.“
„Risotto! Dreimal.“
„Wir waren unser dreihundert, als wir aus Pontasieve aufbrachen, Pilger zur Annunziata gibt es immer genug. Der heilige Georg, der Erzengel Michael, die heilige Jungfrau, mit solchen Beschützern braucht man sich im Leben vor nichts zu fürchten!“ verschwamm die Stimme der Engländerin im allgemeinen Lärm.
*
„Er war aus Bithynien gebürtig; Bithynien ist mit seinen grünenden Bergen, Wildbächen,Triften die Schweiz Kleinasiens, und er selbst war Hirt, bevor Hadrian ihn zu sich nahm; er begleitete seinen Imperator auf dessen Reisen, und auf einer solchen hat er auch in Ägypten den Tod gefunden. Es waren damals dunkle Gerüchte im Umlauf, dass er sich selbst den Göttern für das Leben seines Beschützers zum Opfer gebracht und den Tod im Nil gesucht habe, andre behaupteten, er sei ertrunken, wie er beim Baden Hadrian retten wollte. In seiner Todesstunde entdeckten die Astronomen einen neuen Stern am Himmel; sein vom Nimbus des Geheimnisvollen umgebener Tod belebte die Kunst, die bereits zu stagnieren begann, seine ungewöhnliche Schönheit wirkte nicht nur auf die Kreise des Hofes, und der untröstliche Imperator, der seinen Liebling ehren wollte, verleibte ihn der Zahl der Götter ein, stiftete ihm zu Ehren Spiele, gründete Palästren, baute Tempel, rief Orakel ins Leben, in denen er zu Anfang selbst in altem Versmass die Antworten schrieb. Aber es wäre ein Irrtum, anzunehmen, dass der neue Kultus nur mit Gewalt im Kreise der Höflinge verbreitet worden, offiziell gewesen und mit seinem Begründer gefallen sei. Wir finden noch mehrere Jahrhunderte später Vereine zu Ehren der Diana und des Antinous, deren Zweck Beerdigung ihrer Mitglieder auf Vereinskosten, Veranstaltung gemeinsamer Mahlzeitenund schlichter Gottesdienste war. Die Mitglieder dieser Vereine — Prototypen der ersten Christenvereinigungen — waren Leute der ärmsten Volksschichten, und auf uns ist ein ganzes Statut einer ähnlichen Einrichtung gekommen. So gewinnt im Laufe der Zeit die Göttlichkeit des Kaiserlieblings den Charakter einer nächtlichen, dem Leben nach dem Tode angehörigen Gottheit, die bei den Alten sehr populär war, freilich nicht die Verbreitung des Mithrakultus erreichte, aber doch eine der stärksten Strömungen der Vergöttlichung des Menschen darstellte.“
Der Kanonikus klappte das Heft zu, sah Wanja über die Brillengläser an und bemerkte: