„Wie der Schwan, noch sterbend will ich singen,Sterbend noch sing ich voll Liebeslust,Liebend dich nur pocht in meiner BrustHeiss mein Herz und will vor Liebe springen . . .“
„Wie der Schwan, noch sterbend will ich singen,
Sterbend noch sing ich voll Liebeslust,
Liebend dich nur pocht in meiner Brust
Heiss mein Herz und will vor Liebe springen . . .“
Die Buckelige spielte aus Langerweile mit François Karten um Schokolade, ich sah zumFenster hinaus, im Hause drüben konnte man eine Küche sehen, in der Köche das Abendessen bereiteten. Plötzlich klopfte es an die Tür. Wir fuhren alle auf. François liess den alten Spaladetti herein, dem Sbirren und noch andere Leute folgten.
„Vater, Ihr hier? Wozu?“ schrie Giuseppe, der aufgesprungen war und Signorina Pasqua mit seinem Körper deckte.
„Sind das die Leute, die wir suchen?“ fragte der Sergeant, sich an Ieronymo wendend. Dieser nickte mit dem Kopfe. „Die ihr euch für die Grafen Francesco und Aimé Gozzi, die Gräfinnen Giulia und Pasqua ausgebet, im Namen des Gesetzes werdet ihr befragt, mit welchem Recht ihr euch diesen Titel und diesen alten Namen angeeignet habet? Erkennet Ihr, geehrter Graf, diese Leute, die Ihr in Venedig gesehen haben müsstet?“ wandte er sich an einen Greis mit einer runden Brille und in grauem Kamisol, der mitgekommen war. Dieser sah uns der Reihe nach lange an, schüttelte den Kopf und sagte:
„Nein, nein, ich habe sie niemals gesehen.“
„Ist er auch selbst ein Graf? Verrückt ist er oder betrunken! Hinaus aus unserem Hause!“ schrie François. Giuseppe zankte mit seinem Vater, das Zimmer mit Gurgellauten erfüllend. Signorina Pasqua weinte in den Armen vonSignora Giulia, die mit Würde irgendeine Erklärung abgab. Der Lärm wurde immer grösser. Klirrend kreuzten sich die Degen. Die Sergeanten riefen durch das Fenster nach Hilfe. Die Frauen fielen in Ohnmacht. François sank, vom alten Juden verwundet, zu Boden und riss, im Fallen auf die Tasten des Clavecins schlagend, die Kerzen vom Instrument mit. Im Halbdunkel stürzte ich mich in diese Richtung und bohrte mein Messer in den mageren Rücken von Ieronymo, der, sich krümmend, aufheulte. Ich lief durch das Zimmer, plötzlich wurde ich am Bein gepackt und fiel auf die Buckelige.
„Nimm im Vorzimmer eine von unseren Roben, rette dich,“ flüsterte sie mir zu. Eine kleine Abteilung der Wache nahte dem Hause: ich wartete hinter der Haustür bis sie an mir vorbei war, zog mir das unterwegs mitgenommene Frauenkleid an, warf mir ein Tuch über den Kopf und lief durch die leere schallende Strasse immer weiter vom Lärm fort.
Als ich mich genügend weit vom Hause entfernt hatte, um vor einer Verfolgung sicher zu sein, blieb ich stehen. Vor Erregung, vom Laufen und den doppelten Kleidern floss mir der Schweiss in Strömen den Körper herab.Ich trat in eine dunkle Mauernische, warf mein Kamisol und die Hosen ab und behielt der Sicherheit wegen nur das Frauenkleid an. Darauf band ich mir das Tuch sorgfältiger um den Kopf. Nachdem ich die mir unbekannte Strasse ein Stück entlanggegangen war, bemerkte ich, dass mir ein Mensch folge, der seinem Gang und Äusseren nach, dem geistlichen Stande anzugehören schien. Als er an der Strassenecke stand, pfiff er. Kaum war ich in die Nebenstrasse eingebogen, als ich mich von etwa sechs Männern, mit Larven vor den Gesichtern und ohne Laterne, umringt sah. Sie warfen mir etwas über den Kopf, was mich am Schreien hinderte, hoben mich auf und trugen mich auf ihren Armen davon, trotzdem ich mit meinen Füssen ihre Bäuche bearbeitete. Bald sah ich ein, dass ich mich vergeblich widersetze und hörte, in mein Schicksal ergeben, auf, mich zu wehren. Wir gingen ziemlich lange durch die Strassen, dann, nach dem dumpfen Schall der Schritte zu urteilen, durch lange Korridore, schliesslich stellte man mich auf die Beine und nahm mir die Binde ab. Ich war, wie mir schien, allein in einem stockfinsteren Raum. Ich tastete mich bis zu einem Stuhl, der an der Mauer stand. An der Wand tastete ich mich zu einem Bette, auf dessen Rand ich mich niederliess, ohne zu wissen, was weiter folgen werde. Baldjedoch stellte es sich heraus, dass ich im Zimmer nicht allein sei. Feiste, weiche Hände betasteten mich behutsam, als wollten sie mein Kleid aufnesteln und ich hörte flüstern:
„Fürchtet Euch nicht, holde Jungfrau, fürchtet Euch nicht, Ihr befindet Euch in Sicherheit, Ihr werdet nur Liebe und Ehrerbietung finden.“
Ich wurde fast nackt ausgekleidet; ich war müde und wollte schlafen, deshalb streckte ich mich ohne Umstände auf das Bett an der Wandseite aus. Das Flüstern, unterbrochen von Küssen, hörte nicht auf:
„Wie glücklich bin ich, dass Ihr mein Flehen erhört habet und mit diesem bescheidenen Lager fürliebnehmen wollet.“ Die Hände glitten über meine Schultern, den Rücken, die Lenden . . . Plötzlich schnellte mein Nachbar, wie von der Tarantel gestochen, vom krachenden Bette empor:
„Heilige Jungfrau! Sohn Gottes! Bewahre mich vor Versuchung!“ Da ich mich nicht regte und schwieg, so begab sich mein gottesfürchtiger Partner noch einmal auf Rekognoszierung, die nicht weniger trostlos verlief. Schliesslich unterbrach ich das Schweigen:
„Signor, Ihr täuschet Euch nicht und seid auch nicht in Versuchung geführt worden, ich bin tatsächlich weit davon entfernt eine Jungfrauzu sein. Bin ich nun aber schon einmal hier, so werde ich auch bis zum Morgen dableiben, um nicht Euch und mich selbst einer Gefahr auszusetzen; wenn alle zur Frühmesse gehen werden,“ meinte ich (denn ich hatte bereits begriffen, wo ich mich befand), „werde ich mich unbemerkt entfernen.“ Fassungslos sagte der Bruder, nachdem er einige Zeit geschwiegen hatte:
„Ihr habet recht, mein Sohn, und der Herr, der Wasser in Wein verwandelt hat, er möge Euch morgen helfen hinauszukommen. Jetzt bleibet auf diesem, wenn auch schmalen Lager liegen. Die an Euch geübte Gastfreundschaft wird mir helfen mein Missgeschick zu vergessen.“
„Amen,“ antwortete ich, und kehrte mich zur Wand.
Der Herr, der Wasser in Wein verwandelt hat, half mir nicht unbemerkt hinauszukommen, denn noch vor Sonnenaufgang weckte uns ein Klosterdiener und befahl uns im Namen des Abtes ins Refektorium zu kommen, wo die gesamte Bruderschaft bereits versammelt war. Der Abt antwortete kaum auf unseren Gruss, als man uns ins Refektorium hineinführte. Wirwurden abseits von der Brüderschaft aufgestellt. Mir war das Gesicht mit einem Tuche verhüllt worden. Nachdem der Abt auf die Bedeutung und die Wichtigkeit der Mönchsgelübde hingewiesen hatte, fuhr er mit einer Handbewegung in die Richtung, wo wir standen, fort:
„Aber siehe, in unserer so musterhaften Herde, in unserem vom Geruche der Frömmigkeit erfüllten Kloster, hat sich ein Schaf finden lassen, das die Herde verdirbt, hat sich ein Bruder finden lassen, der das Gelübde der Keuschheit, das Gebot des Gehorsams vergessend, im geheimen vor uns ein Weib in seine Zelle führt, die Nacht mit diesem Weihe zubringt, in unsere Umfriedung Sünde, Tod und Fluch trägt.“ Mein Mönch weinte, sich die feiste Brust schlagend, wobei er immerfort murmelte: „Mea culpa, mea culpa.“ Die übrigen Mönche schwiegen vorwurfsvoll. Als ich die Wendung der Dinge sah, die mir nichts Gutes verhiess, trat ich vor und sagte bescheiden, aber deutlich:
„Heiliger Vater, ehrwürdige Brüder, ihr beschuldiget ohne Grund diesen guten Bruder. Die Augenscheinlichkeit seines Vergehens wird sofort in ein Nichts zusammensinken, wenn ihr erfahret, dass ich kein Weib, sondern ein Mann bin, der vor Mördern Rettung suchend,glücklich war unter dem Dache dieses Klosters Zuflucht zu finden. Gott ist mein Zeuge, ausserdem beweist die Natur selbst die Wahrhaftigkeit meiner Worte.“ Hier hob ich meine Robe auf, und solange die Brüderschaft, überrascht durch das, was man an einem Manne sehen kann, der keine Hosen anhat und seinen Rock bis zum Gürtel schürzt, wie versteinert dastand, ging ich schnell durch eine Seitentür hinaus in den Garten, von wo aus ich ohne Mühe auf die Strasse gelangte.
Ich hatte mich davon überzeugt, wie wenig ein Frauenkleid vor Zufällen schützt, deshalb war ich zuallererst darauf bedacht das meinige loszuwerden. Nachdem ich es sorgsam im Gebüsch an der Heerstrasse versteckt hatte, begann ich, als wäre ich bis aufs Hemd ausgeraubt worden, laut um Hilfe zu rufen, bis ein vorüberfahrender Bauer mich zu sich nach Hause mitnahm und mir ein Paar alte Hosen und ein ahgetragenes Kamisol schenkte. Beim Bauern traf ich einen Kaufmann aus Venedig, der gerührt von meiner Lage und, glaub ich, auch von meinem Äusseren, mir vorschlug ihn nach Venedig zu begleiten, um Verkäufer in seinem Laden zu werden. Obgleich ich nichtdie Absicht hatte mich lange mit diesem Gewerbe zu befassen, ging ich doch auf seinen Vorschlag ein, in welchem ich eine Möglichkeit erblickte nach Venedig zu kommen, wohin es mich zog, wie einen echten Grafen Gozzi. Die Reise bot ausser den unbekannten Städten nichts Interessantes, denn Vivarini reiste bescheiden, ja geizig, und liess mich zudem keinen Schritt weit von sich. Das alles machte den Entschluss in mir reifen ihn bei der ersten Gelegenheit zu verlassen. In Venedig kam noch das Gezänk einer alten Haushälterin, schlechtes Abendessen und das tagelange Herumstehen vor den Ladentischen des halbdunkelen Warenlagers dazu. Schliesslich erklärte ich dem Signor, dass ich ihn verlasse, er murmelte etwas von Undankbarkeit der heutigen Jugend, aber eigentlich war mein Abgang ihm ziemlich gleichgültig. Ich hatte schon vorher mit dem Gondoliere Rudolfino verabredet, dass ich, als sein Gehilfe, zu ihm in Dienst treten werde. Ich vertauschte das ruhige, aber langweilige Leben bei Vivarini gegen das armselige eines Ruderknechtes, das jedoch mehr Möglichkeiten zu unerwarteten Begegnungen bot. Und in der Tat verhüllte so manches Mal die dunkele Nacht oder der Vorhang des „Felze“ das Glück des jungen Gondoliere und der Dame, die sich von ihm rudern liess, aber es gab nicht einen einzigenFall, der irgendwelche ernstere Folgen nach sich gezogen hätte.
Es war ein Fest, man riss sich förmlich um Gondeln. Meine, die ich sorgfältig gesäubert und mit gewaschenen Teppichen geschmückt hatte, nahm ein Abbate mit seiner Dame. Ich interessierte mich nicht besonders für die Zärtlichkeiten meiner Fahrgäste und beobachtete mehr die vorübergleitenden Gondeln, besonders eine, die sich die ganze Zeit neben uns hielt. In ihr sassen zwei ganz gleich gekleidete Damen, beide mit Perlen geschmückt, jede mit einer gelben Rose im Haar. Sie waren ohne Begleiter, blickten einander in die Augen und lächelten. Die Sonne versank in eine Wolke. Über den ganzen Hafen glitten Gondeln mit Musik. Einige hatten schon ihre Laternen angezündet. Die schwüle Windstille schien ein Gewitter anzukünden. Die Vergnügungen hatten ihren Höhepunkt erreicht, als das Gewitter losbrach. Der Himmel hatte sich ganz plötzlich verdunkelt, es donnerte, ein Platzregen goss herunter, die Musik verstummte, ohne Ordnung eilten die Gondeln dem Kanal zu. Das alles sah der Lust, die eben hier geherrscht hatte, so unähnlich, dass ein Philosoph sichdarüber durchaus lehrreiche Gedanken hätte machen können. Aber ich musste vor allem daran denken meine Gondel in Sicherheit zu bringen. In der fürchterlichen Enge hörte ich mit Entsetzen, wie unser Boot krachend an etwas anrannte; ich warf auf alle Fälle meinen einfachen Anzug ab. Und Scham und Nächstenliebe vergessend, war ich bereit mich ins Wasser zu stürzen und meine Passagiere im Boote, das sich bereits mit Wasser zu füllen begann, der Willkür des Sturmes zu überlassen. Da trieb der Sturm wieder die umherirrenden Gondeln zusammen, ich hörte ein neues, noch drohenderes Krachen und sprang — nicht ins Wasser, sondern in die nächste vorbeieilende Gondel, wozu ich natürlich nicht so nackt zu sein gebraucht hätte. Die Damen im Perlenschmuck und mit den gelben Rosen hatten sich aneinandergeschmiegt und waren bleich.
„Entschuldiget, Signorine!“ rief ich aus, als die Gondel sich unter meinem Sprunge auf die Seite neigte. Sie schrien gleichzeitig leise auf, es war, als hätte sie mein unerwartetes Erscheinen und der Anblick, den ich bot, erschreckt. Dann drängten sie ihren Gondoliere zur Eile.
Nackt, wie ich war, wurde ich durch eine Reihe von, dem Anschein nach, nicht geheizten Gemächern mit vernagelten Fenstern in ein kleines Zimmer geführt, in dem ein Kamin knisterte, dessen flackerndes rötliches Feuer die dunkeln Mauern beleuchtete. Die Damen im Perlenschmuck und mit den gelben Rosen sassen stumm auf einem Sofa an der Wand und sahen einander lächelnd an. Ich schämte mich meiner Nacktheit und fror, deshalb wandte ich mich an die Damen:
„Vielleicht hat einer eurer Diener, meine guten Signorine, ein überflüssiges Gewand, denn ich habe es kalt und bin nicht gewohnt nackt vor Damen zu erscheinen, ohne dass es mir peinlich wäre.“
Sie fuhren fort zu schweigen und, als ich meine Bitte wiederholte, kehrten sie mir gleichzeitig ihre Gesichter zu und blickten mich unverwandt und starr an, so dass es schien, als belebe nur das flackernde Kaminfeuer ihre Züge. Ihr Schweigen machte meine Lage noch sonderbarer und peinlicher. Ich beschloss nicht zu staunen und mir weiter keinen Zwang anzutun, nahm den Mantel, den jemand auf einen Stuhl geworfen hatte, und setzte mich ans Feuer. Eine der Damen sagte leise:
„Den Mantel, lasset den Mantel!“
Aus einem Schrank, der sich als Geheimtür erwies, trat eine alte Frau mit einer Kerze und einer Kanne Wein, sie stellte schweigend beides auf den Tisch, auf dem ein Abendessen gedeckt war, zündete an verschiedenen Stellen des Zimmers Kerzen an und schlug die schweren gelben Vorhänge auseinander, welche ein Bett verhüllt hatten. Ich begann unruhig zu werden.
„Ist Ambrosio zu Hause?“ fragte die eine der Damen.
„Wo sollte er denn sonst sein?“ entgegnete die Alte.
„Schläft Ambrosio?“ fragte die andere der Damen.
„Was sollte er sonst tun?“ entgegnete wieder die alte Dienerin.
„Heute musst du mehr essen, Bianca, morgen bist du an der Reihe,“ sagte die eine Dame.
„Ja, morgen bin ich an der Reihe,“ bestätigte die andere Dame.
„Wozu diesen Mantel?“ fragten dann beide laut zu gleicher Zeit.
Ich hielt es nicht mehr aus, stand auf, warf den Mantel ab, denn ich hatte mich schon erwärmt, und sagte laut:
„Machet das Mass eurer Güte voll, rettet mich, gebet mir ein Glas Wein, ein StückBrot, um meine geschwächten Kräfte zu stärken.“
Die Uhr schlug zehn, beide Damen gähnten gleichzeitig, begannen, wie nach dem Schlaf, ihre Augen zu reiben und sahen mich erstaunt an, als versuchten sie, sich an etwas zu erinnern, schliesslich sagte die Ältere, die Bianca angeredet wurde, mit tönender Stimme, die ganz anders klang, als ihre frühere:
„Jetzt entsinne ich mich . . . Der schöne gerettete Jüngling vom Meere? Gewiss, Abendessen, Wein, aber nicht den Mantel, nicht den Mantel! Die Frist ist vorüber, wir sind frei! Schwester, welch ein Körper, o welche Vollkommenheit!“
Der Wein funkelte rot in den breiten Gläsern, die kalten, aber würzigen Speisen, die reichlich aufgetragen waren, reizten den Hunger, im Hintergrunde schimmerte weiss das Bett. Die Damen waren lebhaft geworden, mit glänzenden Augen und geröteten Wangen betrachteten sie mich, wie Kinder, und machten naive entzückte Bemerkungen, die mich staunen liessen. Schliesslich gab die Jüngere, Catharina, ihr Haar auflösend, das Zeichen zum Schlaf. Ohne die Kerzen zu verlöschen, brachten wir vor dem riesigen Spiegel im Hintergrunde des Himmelbettes, fast schlaflos, diese lange, für Verliebte allzu kurze Nacht zu.
Laute Stimmen weckten mich; vor mir auf dem Bette, hinter den herabgelassenen Vorhängen, lag ein bescheidener, aber derber und sauberer Männeranzug. Ein Mann sagte mit rauher Stimme geärgert:
„’s ist noch gut, dass es euch gelungen ist, statt des Giovanni, diesen Narren herzubringen. Aber welche Unvorsichtigkeit! Welche Unvorsichtigkeit! Haben meine Damen das bedacht? An einem Festtag, vor allen Leuten sich in der Gondel hinauszuwagen und dazu noch zu einer solchen Stunde, zu einer solchen Stunde! Rechtfertigt euch nicht! Genügen euch die leeren Zimmer vielleicht nicht zu Spaziergängen? Die alte Ursula ist nicht schuld daran, die dreht, seit dieser Taugenichts davongelaufen ist, die Maschine allein. Ich wiederhole, es ist gut, dass ihr diesen Kerl hergelockt habet, aber dass das in Zukunft nicht wieder vorkommt!“
Ich blickte durch den Spalt zwischen den Vorhängen: im Zimmer ging ein riesiger pockennarbiger Mann von etwa fünfundvierzig Jahren auf und ab. Er trug keine Perücke, sondern hatte um seinen Kopf ein seidenes Tuch gewunden. Die bleichen Damen sassen mit müden, angegriffenen Gesichtern und mattenAugen auf dem Sofa nebeneinander und versuchten von Zeit zu Zeit schüchtern sich zu rechtfertigen. Die Sonne liess ihr Licht auf ihre Gesichter fallen und machte diese den gestrigen ebenso unähnlich, wie es das Zimmer war, das ein Werktagsaussehen hatte, nicht aufgeräumt war. Die gelben Rosen lagen, nicht ausgekehrt, auf dem Boden, die Perlen, neben dampfenden Tassen mit Schokolade auf dem Tische. Nachdem er hinter meinen Vorhängen Geräusch gehört hatte, trat der Mann, den Damen mit dem Finger drohend, in den Schrank, durch den gestern die Alte erschienen war, und verschwand. Ich bekam meine Schokolade, später ein Mittag-, dann ein Abendessen. Zwischen den Mahlzeiten spielten die Damen Gitarre und sangen leise zweistimmig Lieder. Gegen acht Uhr, als das Abendessen schon fertig war, und wir mit Signorina Bianca an der geöffneten Schranktür plauderten, erblasste die Dame plötzlich, schloss halb die Augen und wurde eigentümlich sich selbst wieder ähnlich, wie ich sie gestern gesehen hatte. Sie sprach leise und mit Unterbrechungen, während auch hinter der Tür verschwommene Stimmen hörbar wurden.
„Alcide da Buonovente . . . ja . . . Ihr werdet es nach neun Nächten finden . . . es wird nichts geschehen . . . der Tod, der Tod . . . zehntausendLouisdors . . . . der Rest im linken Schiebfach des Sekretärs . . . .“
Ich stürzte erschreckt zu Signorina Catharina, die den Finger an den Mund hielt, um mir Schweigen zu gebieten, und mich ans Fenster zog, während die bleiche Bianca fortfuhr, unverständliche, abgebrochene Sätze zu murmeln, als beantworte sie ihr allein vernehmliche Fragen.
Eines Morgens befahl mir Signor Ambrosio mich anzukleiden und ihm in die nächste Kirche zu folgen. Er sagte mir:
„Aimé, ich werde Euch ein grosses Geheimnis enthüllen, welches das Glück Eures Lebens werden kann; vorher jedoch muss ich Gewissheit haben, dass Ihr dieses Geheimnis niemand verraten werdet, deshalb werdet Ihr mir vor dem Altar ein Schriftstück vorlesen, das ich bei mir in der Tasche trage.“
Die gewisse Feierlichkeit, mit der diese einleitenden Worte vorgetragen wurden, die halbdunkele Kirche mit ihren wenigen Betern, der erste Ausgang nach ziemlich langer Zimmerhaft, das alles hatte mich selbst in gehobene Stimmung versetzt. In der Kirche, beim Altar, wo die ewige Lampe vor den geweihten Gabendes heiligen Abendmahles brannte, las ich das Folgende:
„Ich, Jean, Aimé, Ulysse, Bartholomé schwöre vor unserem Herrn Jesus Christus, seiner heiligen Mutter, der heiligen Jungfrau Maria und allen Heiligen, ewiges Schweigen darüber zu bewahren, was ich vom ehrenwerten Signor Ambrosio, Pietro, Ieronymo Scalzarocca erfahren werde, und niemand, weder Bruder, noch Vater, noch Sohn, noch Mutter, noch Schwester, noch Tochter, noch Onkel, noch Neffen, noch sonst einem Verwandten oder einer Verwandten, keinem Freunde, keinem Manne und keiner Frau dasselbe eröffnen, noch mit mir selber, weder mündlich noch schriftlich darüber sprechen, auch nicht sagen werde: „ich könnte etwas erzählen, wenn ich nicht durch ein Versprechen gebunden wäre“, oder: „ich weiss etwas“, oder andere Andeutungen machen werde. Möge Gottes Strafe mich, als einen Eidbrüchigen, treffen, möge ich der Seligkeit des Paradieses verlustig gehen, wenn ich diesen Schwur nicht halte, den ich vor den geweihten Gaben des heiligen Abendmahles, dem unbefleckten Leibe des Herrn, leiste, am Tage der Märtyrer, der Päpste Clytus und Marcellinus, im Monat Aprilis, am sechsundzwanzigsten Tage, zu Venedig. Amen. Das zu halten gelobe ich, Jean, Aimé, Ulysse, Bartholomé.Und alles das ist wahr, wie die ewige Seligkeit der gerechten Seelen und die ewigen Martern der reuelosen Sünder wahr sind. Amen, amen, amen.“
Wir gingen schweigend nach Hause. Nachdem Signor Ambrosio mich in ein kleines dunkeles Zimmer, eine Art Ablegeraum, geführt hatte, zündete er eine Laterne an. Ich erblickte eine ganze Kette vonRädern, Hebeln, Achsen, die allem Anschein nach auf irgendeine geheime Art mit dem Nebenzimmer in Zusammenhang gebracht waren. Die alte Ursula setzte diese Räder mit grosser Anstrengung mittels eines Griffes in Bewegung, wobei ihr der Schweiss in Strömen von der Stirn floss. Ambrosio begann wieder mit einer gewissen Wichtigkeit auf dem pockennarbigen Gesichte:
„Höre, Aimé, ich teile mein grösstes Geheimnis mit dir. Siehst du, diese ganze Anlage ist ein Schritt zum grossen Perpetuum mobile; jedoch der letzte Schritt ist noch nicht getan. Noch fehlt dem grössten Werke des menschlichen Genius die Krone. Den Leuten aber, deren Spott kleinmütig macht, will ich das Werk bereits in der äusseren Gestalt seiner künftigen Vollkommenheit zeigen. Einstweilen ersetzen deshalb meine eigenen Hände, die schwachen Arme dieser alten, mir ergebenen Frau, undvon jetzt ab auch die deinen, mein Sohn, den ewigen Stoss der Bewegung.“ Er umarmte mich begeistert, während die schweisstriefende Ursula leise stöhnte.
Bald hatte ich alles erfahren: die Signorine, Bianca und Catharina, waren Hellseherinnen, die täglich von Signor Scalzarocca in magischen Schlaf versenkt wurden, der bekanntlich die menschlichen Fähigkeiten so wundersamer Weise schärft. Diese ihre Fähigkeit benutzte Scalzarocca zu Wahrsagungen und zur Beantwortung von allen möglichen Fragen. Ausser dieser Beschäftigung und der mit dem Perpetuum mobile, trieb er noch Alchemie, zu welchem Zwecke er sich täglich für zwei, drei Stunden ganz allein, selbst ohne mich, den er doch in die Elemente der Magie und der Stellung des Horoskopes einzuführen begonnen hatte, in ein entlegenes Zimmer zurückzog. Ich kam selten aus dem Hause. Bald musste ich das Perpetuum mobile drehen, bald sass ich bei den Damen oder las im Albertus Magnus.
Eines Morgens, während unserer Beschäftigungen, sagte mir Ambrosio ernst und aufrichtig, dass er uns bald verlassen werde und mich mitnehmen könne, dass die beiden Damenjedoch mit der alten Ursula nach Ferrara ziehen sollten. Er, Scalzarocca, selbst werde von einem deutschen Herzog, als astrologischer Rat und Maitre de plaisir an dessen Hof geladen und in den nächsten Tagen träfen die Abgesandten des Herzogs ein, um ihn abzuholen. Hierauf entfernte er sich ins Laboratorium. Da Ursula die Maschine drehte, so benutzte ich die freie Zeit, um einem Duett der Damen, die auf dem Sofa sassen, zuzuhören. Meine Träume von der bevorstehenden Reise, von Elixieren, Horoskopen, von Geld, von in der Ferne winkender Grösse wurden durch einen fürchterlichen Knall unterbrochen, der das ganze Haus erschütterte.
„Was ist das?!“ riefen beide Damen, vom Sofa aufspringend, aus.
„Das war oben!“ entgegnete ich, erbleichend.
„Zu Hilfe! Der Herr, der Herr!“ schrie Ursula, die in der Tür zum Ablegeraum erschien. Ich befahl ihr zu schweigen und eilte die Treppe hinauf an die verschlossene Tür:
„Signor, Signor! Was ist mit Euch geschehen?“ rief ich und trommelte mit den Fäusten an die Tür, hinter der nur ein atemraubender Geruch hervorquoll. Ausserstande, die eisenbeschlagene Tür aufzubrechen, stieg ich auf einen Stuhl und sah durch das Fenster im Rauche,der das ganze Zimmer erfüllte, Signor Ambrosio am Boden ausgestreckt daliegen. Das Fenster einschlagen, durch das ätzender Qualm herausdrang, und ins Zimmer springen, war das Werk eines Augenblicks. Scalzarocca lag mit verbranntem Gesicht, ganz in Rauch gehüllt, neben einer gesprungenen Retorte, er war ohne Zweifel tot. Es wurde an die Tür geklopft und als ich von innen mit dem Schlüssel öffnete und hinaustrat, flüsterte Ursula entsetzt:
„Die Abgesandten des Herzogs!“
Ich war nahe daran, in Ohnmacht zu fallen, aber plötzlich erfüllte Entschlossenheit meinen Verstand mit kalter Ruhe. Ich verschloss die Tür, befahl Ursula zu schweigen und stieg wichtig und langsam die Treppen zu den rosigen jungen Deutschen hinunter.
„Ihr seid vom Herzog Ernst Johann nach mir gesandt?“ fragte ich ruhig. Die Deutschen verbeugten sich und begannen gleichzeitig:
„Wir haben die Ehre mit . . .?“
„Ja, Ihr sprechet mit dem berühmten Ambrosius, Petrus, Hieronymus Scalzarocca.“
„Aber, ehrenwerter Herr, man sagte uns . . . machte uns auf Eure Jahre aufmerksam . . . .“
„Am Tage der heiligen Jungfrau Praxedis, den einundzwanzigsten Juli, werde ich fünfundvierzig Jahre alt werden,“ sagte ich würdevollund lächelte träumerisch vor mich hin. Als ich den zweifelnden Blick der Deutschen gewahrte, fügte ich, auf die an der Tür herumstehende Ursula weisend, hinzu: „Diese Frau wird Euch meine Worte bestätigen. Dem Weisen erschliessen sich alle Geheimnisse der Natur, und selbst die Jahre haben, wie Gift und Verleumdung, keine Macht über ihn.“
Die Deutschen hörten mit halboffenem rosigem Munde ehrfurchtsvoll zu, während der ätzende Rauch aus Scalzaroccas Laboratorium in einem feinen Streifen sich an der Oberlage hinzog.
„Und Ihr glaubet, dass dieses Elixier den Flug der Zeit in unseren Zügen unsichtbar machen kann, dass mit vierzig Jahren unsre Augen glänzen, unsre Zähne schimmern, unsre Wangen blühen werden, unser Haar so üppig, unsere Stimme klangvoll sein wird, wie mit zwanzig Jahren?“ So sprach die kleine Prinzessin Amalia, während sie sich mit mir im Schlossparke unter den beschorenen Bäumen erging. Ich sah in ihr rundes, rötlich glänzendes kleines Gesichtchen, mit den runden hervorquellenden Augen, die so erschreckt-naiv in die Welt blickten, während das winzige Persönchen in einem grünlichen Kleide, das mit grell-rosa Buketts übersät war, hüpfenden Ganges über den Weg trippelte und den kleinen chinesischen Fächer bald auf- und bald zuklappte. Dann sagte ich:
„Glaubet mir, Prinzessin, dieser Wundertrank kann nicht bloss den Lauf der Zeit aufhalten, er kann die Zeit wiederbringen, dassdie Rosen, die schon zu verschwinden begonnen, wieder auf den Wangen erblühen und das Feuer der Augen, das als schwacher Funke glimmte, wieder in fröhlichen Flammen zu spielen beginnt. Ihr sehet in mir selbst das anschauliche Beispiel dafür.“
Da wir durch eine abgelegene Allee zum See, auf dem Schwäne hinglitten, hinuntergingen, lehnte sich die Prinzessin zärtlich auf meinen Arm und flüsterte noch zärtlicher:
„So dass auch mir, die sich schon bereit macht, auf alles zu verzichten, noch Hoffnung lächeln kann?“
„Prinzessin!“ rief ich aus, „jeder wird bestätigen, dass das Elixier, zu dem Ihr ohne Ursache zu greifen Euch herabliesset, bereits begonnen hat, seine Wirkung auszuüben.“
„Ach, Ambrosius, teurer Meister, sprechet zu mir, als mein Freund und nicht, wie ein Hofmann meines Bruders . . .“ Und die Prinzessin begann sich darüber zu beklagen, dass die Herzogin sie, die unglückliche Amalia, auf alle Art in den Hintergrund dränge, sie verfolge und sie mit ihrem Bruder, dem Herzog, zu veruneinigen trachte, weil sie selbst unter dem Einflusse des alten Rates von Hohenschwitz stehe, der ein schlauer und heimtückischer Höfling sei. Dieser Bericht war mir nicht neu, ebensowenig, wie die leidenschaftlichen Blicke,die Amalia mir schenkte. Ich küsste ehrerbietig ihre Hand, versprach alles aufzubieten, was in meinen Kräften stehen würde, um die Eintracht in der herzoglichen Familie wiederherzustellen, und ohne den Kopf nach dem zweiten Handkusse zu erheben, sagte ich kaum hörbar:
„Wann werden wir uns wiedersehen, göttliche Gönnerin?“
„Mittwoch abend, im kleinen Pavillon,“ antwortete die Prinzessin erfreut und tänzelte, wie eine hinter die Kulissen abgehende Ballerina, in eine Seitenallee. In Gedanken versunken war ich fast bis ans Gitter des Parkes weiter gegangen, als ich weibliche Stimmen vernahm. Mir schien, dass über die herzogliche Familie gesprochen werde, deshalb blieb ich stehen, denn ich wollte mir die Unterhaltung zunutze machen.
„. . . . nein, nein, das weiss man schon, die Mutter der seligen Herzogin, Therese Pauline und deren Mutter, Pauline Therese, und auch ihre Mutter, Ernestine Viktoria, bei allen, allen ist es, wie man sagt, so gewesen: das erste Kind ein Sohn, dann sechs Töchter. Und — denk an mein Wort! auch unsere Herzogin — Gott geb’ ihr eine leichte Geburt — wird als erstes Kind den Thronerben gebären.“
„Gäb’s Gott!“
„Und alle rothaarig, wie die Füchse . . .“
„Nun, dieser kann auch schwarze Haare bekommen.“
„Was willst du damit sagen, Barbara?“
„Hast du das Jugendbildnis des Rates gesehen, das in seinem Speisesaal hängt?“
„Dummheiten! Das geht uns nichts an! Ich glaub’s nimmer!“
„Gewiss, ich sag’s ja auch: meine Sache ist, dass die Kühe gefüttert werden, dass sie rein sind und gemelkt werden, ja, das ist meine Sache, aber was die herrschaftlichen Angelegenheiten anbetrifft, so bewahre mich der Herr davor, nicht wahr?“
Hier trat ich aus der Allee heraus, beantwortete den ehrerbietigen Gruss der beiden Viehmägde und ging langsam meinem Schlossflügel zu, an den Pfützen vom gestrigen Regen herum, in denen der grellrote Widerschein der vom Sonnenuntergang geröteten Wolken glühte.
Ich trat dem Diener nach eilig in das grosse rote Zimmer, in dem ich den Herzog Ernst Johann am offenen Fenster im Gespräch mit seinem jungen Bruder, Philipp Ludwig, antraf. Durch das Fenster sah man auf eine gerade, bereits gelb gewordene Weissbuchenallee. Mitweiten Schritten, irgendeinen König, den er sich zum Muster gemacht, nachahmend, kam der Herzog mir entgegen und drückte fest meine Hand. Dann fragte er mich nach dem Ergebnis meiner Beobachtungen und Berechnungen. Herzog Ernst Johann war hager, mittelgross von Wuchs, hatte eine lange Nase, ein skrophulöses Gesicht und schmale Schultern. Er ähnelte seinem Bruder Philipp Ludwig, der ein wenig frischer aussah mit dem etwas fieberhaften Rot auf den Backenknochen und den glänzenden hervortretenden Augen. Indem ich hier und da aufgegriffene Gerüchte in Einklang brachte, mich der Unterweisungen meines Lehrers, der aus magischen Büchern geschöpften Formeln und Verordnungen entsann, konnte ich, mehr oder weniger erfolgreich, die Zweifel meines Herrn lösen, Ratschläge in laufenden Angelegenheiten erteilen und Voraussetzungen über künftige Ereignisse machen. Der junge Herzog stand an den Fensterrahmen gelehnt und schien erleichtert die durch den Regen erfrischte Luft einzuatmen.
„Ew. Liebden werden einen Thronerben haben,“ sagte ich langsam, um dem Inhalt meiner Rede mehr Bedeutung zu geben: „Ew. Liebden werden einen Sohn haben, aber Eure Freude wird durch das Blut verstorbener Vorfahren und einen Knoten getrübt werden, deraus verschiedenen Fäden geknüpft, demjenigen Unheil droht, der ihn löst.“ Der Herzog hörte mir gespannt und errötend zu, drückte mir wieder die Hand und murmelte im Fortgehen:
„Ein Sohn, das ist das Erste, das andere wollen wir später in Erwägung ziehen.“
Ich hatte mich ehrerbietig verneigt und begleitete ihn zur Tür. Dann kehrte ich zu Philipp Ludwig zurück, dessen dunkle Gestalt sich noch immer scharf vom bereits erblassten Abendhimmel abhob.
„Also, mein junger Freund!“
Er wandte sich hastig zu mir und rief mit gerührter und begeisterter Stimme:
„Meister, Meister, ich neige mich vor Eurem Wissen, Eurer Wissenschaft, Eurer Person, ich verehre Euch, nehmet mich, lehret mich, leitet mich, sehet — ich bin ganz der Eure!“ Er warf sich an meine Brust und barg seinen Kopf an meiner Schulter.
Die Herzogin Elisabeth Beatrix sass, im Hinblick auf ihre sich dem Ende nähernde Schwangerschaft, in weitem Gewande, in einen tiefen Sessel zurückgelehnt, da und blickte mit verschämtem Stolz auf ihren hinter den Armen des Sessels hervorragenden dicken Leib. HerzogPhilipp Ludwig, der Rat und ich standen vor ihr und lauschten auf ihre leise, absichtlich noch leidender verstellte Stimme:
„Teurer Meister Ambrosius, Ihr handelt vielleicht nicht ganz überlegt, wenn Ihr Euch in unserem betrüblichen, freilich bloss leichten Familienzwist so offen gegen mich, gegen unseren ehrenwerten Freund, den verdienstvollen Rat, auf die Seite der Prinzessin Amalia stellet. Die krankhafte Einbildungskraft der armen Prinzessin und Eure Vertrauensseligkeit tragen allein die Schuld an alledem, teuerer Meister.“
„Ich bin überzeugt, dass der Meister sich, wie immer, nur von den edelsten Gefühlen hat leiten lassen,“ mischte sich Philipp Ludwig mit Leidenschaftlichkeit ein, indem er einen Schritt vortrat. Elisabeth Beatrix schlug ihre Augen zu dem Sprecher auf und senkte sie dann wieder auf ihre mageren Hände, die sie über dem Magen gefaltet hatte, worauf sie bemerkte:
„Ich habe auch gar nichts anderes gedacht, lieber Schwager!“
„Ew. Liebden, ich bin weit davon entfernt den Kreis meiner Befugnisse zu überschreiten und ich kann überhaupt nur ganz bescheiden zu handeln beginnen, wenn der gnädige Herzog sich selbst an mich um meinen ohnmächtigen Rat wenden sollte . . .“
Der Rat lächelte und bemerkte:
„Und deshalb, ehrenwerter Scalzarocca, wäre es uns erwünscht Euch mehr vom Wohle der Untertanen und der Förderung des Ansehens unseres guten Herzogs, als von den krankhaften Illusionen der unglücklichen Prinzessin geleitet zu sehen.“
„Ich bin überzeugt, dass der Meister immer von Gefühlen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit geleitet wird,“ erhob der junge Herzog wieder seine Stimme.
„Ich habe die gleiche Überzeugung, aber häufig überwiegt die Empfindsamkeit des Augenblickes die Erwägungen des klaren Verstandes zum Schaden der Gerechtigkeit,“ bemerkte Hohenschwitz.
„Aber der Meister wird jetzt auch unserer unbedeutenden Persönlichkeiten bei den Beratungen gedenken, nicht wahr?“ fragte die Herzogin, die den Versuch machte ihr eingefallenes Gesicht zu einem freundlichen Lächeln zu verziehen.
Ich hielt die Audienz für beendet, verneigte mich schweigend und ging in die Antichambre hinaus, wo ein Livreediener vor einer träufelnden Kerze schlummerte. Es schlug dumpf elf Uhr, als ich eine Tür zufallen und die hohen Stiefelabsätze des herzoglichen Bruders klopfen hörte, der mir mit jugendlichem Schritte nachlief.Ich blieb, den Griff der Ausgangstür in der Hand, stehen.
Als Lieschen vor dem kleinen Pavillon stand, legte sie den Finger an den Mund und öffnete die Tür, aus der das Licht in langen Streifen auf den Gartenweg, das Beet und den Rasen fiel, um in den Berberizensträuchern zu verschwinden. Die Prinzessin sass in schmachtender Stellung auf dem Sofa und liess träge die Finger über die Saiten einer Laute an grünem Bande gleiten. Wenn das kurze Ritornell schloss, fing sie es von vorne an, ohne mit dem Gesang einzusetzen. Ich war eingetreten und blieb an der Tür stehen; Die Prinzessin tat, als errate sie an den im Zugwinde flackernden Kerzen, dass jemand hereingekommen sei und flüsterte:
„Bist du es, Lieschen?“
„Prinzessin,“ sagte ich leise.
„Ambrosius!“ rief Amalia aus, mir schnell ihr, im Kerzenschimmer noch mehr, als sonst, glänzendes rundes Gesicht zukehrend, wobei sie die Laute aus den Händen gleiten liess, dass sie dumpf auf den dicken Teppich unter dem Tische aufschlug.
„Prinzessin . . .“ sagte ich noch leiser.
„Ambrosius!“ rief Amalia schmachtend und liess sich wieder aufs Sofa gleiten.
„Prinzessin,“ flüsterte ich fast, liess mich vor ihr aufs Knie sinken und bedeckte ihre Hand mit Küssen.
„Ambrosius,“ seufzte Amalia zwischen meinen Küssen. Beim Aufstehen stiess ich mit dem Fuss an die Laute, die einen schwachen Ton von sich gab. Durch das Fenster sah man grosse Sterne. Die Prinzessin sass verwirrt, mit gerötetem Gesicht in Erwartung meiner Rückkehr da. Plötzlich wurde laut an die Tür geklopft. Ich ordnete meine Perücke und öffnete dem erregten Lieschen die Tür.
„Der Herzog . . . verlangt . . . die Herzogin ist von einem Sohne entbunden worden,“ murmelte das Mädchen.
„Von einem Sohne?“ fragte ich zerstreut.
„Ambrosius!“ rief mir die Prinzessin zu, die sich mit süssem Lächeln etwas vom Sofa erhoben hatte.
„Prinzessin,“ antwortete ich und winkte der zurückbleibenden Dame einen Abschiedsgruss zu.
Die Sterne flimmerten grell über den Sträuchern beim Boskett. Ein im allgemeinen Trubel vergessener Springbrunnen plätscherte leise. Im Korridor traf ich den Bruder des Herzogs,der mich beim Mantel ergriff und mich abgebrochen und erregt ansprach:
„Meister, Meister, sehet, Eure Voraussagung ist eingetroffen, Euer Stern steigt, Euer Weg ist hell und strahlend: wie ich Euch liebe!“
Im Gehen ihn mit einem Arm umfassend, sagte ich:
„Ja, mein Freund, mit der Geburt dieses Kindes beginnt etwas Neues.“
Von der Treppe oben kam ein Diener mit einer Kerze geeilt:
„Meister, der Herzog bittet Euch unverzüglich ins Eckzimmer.“
Ich betrat einen dunklen Gang, aus dessen Tiefe, hinter verschlossenen Türen hervor, Kindergeschrei ertönte.
Ein glückliches Lächeln hinter affektierter Wichtigkeit verbergend, unterhielt sich Herzog Ernst Johann mit mir über Regierungsgeschäfte, während der Rat dastand und über unsere Vertraulichkeit lächelte, die seinen Einfluss zu verringern drohte. Die Paare gingen im Schritte der Polonaise an der seit kurzem wiederhergestellten Herzogin vorüber, die in einem Lehnstuhl unter einem hohen an der Marmorsäule angebrachten Kandelaber sass; sie warmagerer und etwas hübscher geworden, und zum Takte der lauten Musik, die von den Galerien erschallte, machten die Tanzenden ihre Verbeugungen vor ihr. Diener reichten Früchte umher und Philipp Ludwig stand in roter Uniform, hohen Kanonenstiefeln und weissen hirschledernen Hosen, einem Porträt Moritz’ von Sachsen etwas ähnlich, an der gegenüberliegenden Tür und sah, die Arme über der Brust gekreuzt, mit leuchtenden Augen zu uns herüber. Trompetenstösse kündeten im Garten den Beginn des Feuerwerkes an. Die erste Rakete war schon aufgestiegen und zerstäubte in buntfarbigem Regen, als wir mit Philipp Ludwig, nachdem ich das Gespräch mit dem Herzog beendet hatte, den glänzend illuminierten Park betraten. Als wir die Grotte mit dem „Raube der Sabinerinnen“ erreicht hatten, liessen wir uns auf einer Steinbank nieder. Das grüne Licht der Laternen, die man auf die Terrassen des künstlichen Wasserfalles gestellt hatte, beleuchtete uns phantastisch. Eine Zeitlang sassen wir schweigend da und sahen einander bedeutungsvoll an.
„Nun,“ unterbrach Philipp Ludwig das Schweigen, „wir können zufrieden sein, mein teurer Lehrer: wir stehen am Tore zu Grösse, Reichtum, Einfluss!“
In der Stimme des jungen Mannes schienenmir feindselige Noten mitzuklingen, weshalb ich mich beeilte ihn so zu unterbrechen:
„Mein lieber und teurer Freund, Ihr täuschet Euch, wenn Ihr glaubet, dass Einfluss, Reichtum und Ansehen mich so unwiderstehlich anziehen. Nur die Möglichkeit mehr Gutes zu tun freut mich bei der Erhöhung meiner Stellung. Und glaubet mir, ich lege mehr Wert auf Eure Zuneigung zu mir als auf das Aufsteigen meiner Ehrenämter.“
Wie man beim Schein der Laternen hinter dem Wasser sehen konnte, war das Gesicht Philipp Ludwigs traurig. Ich wollte ihn trösten, denn der arme Jüngling tat mir wirklich leid, obgleich ich den Grund seiner Trauer bloss vermutete, ohne ihn genau zu kennen, deshalb begann ich von seinen bevorstehenden wissenschaftlichen Beschäftigungen zu sprechen, aber das Gesicht des herzoglichen Bruders klärte sich kaum auf und nur ein fast nicht bemerkbares Lächeln spielte um seine Lippen. Nachdem er meine Worte angehört hatte, sagte er unerwartet:
„Meister, Ihr seid ein reiner Mensch, Ihr kennet die Liebe nicht, das Weib ist Euch fremd, deshalb liegt die Zukunft offen vor Eurem Blick und Ihr fürchtet Euch nicht Geheimnissen auf den Grund zu sehen. Und darum liebe ich Euch!
Und bevor ich noch Zeit gefunden mich zu besinnen, hatte er sich gebeugt und schnell meine Hand geküsst. Verlegen rief ich aus: „Was ist Euch, Prinz?!“ Und ich küsste seine Stirn.
„Nichts, ich bitte Euch, achtet nicht darauf,“ erwiderte tonlos Philipp Ludwig.
„Und dann könnet Ihr Euch in bezug auf meine Person irren; und wenn Ihr mich dann so erblicken werdet, wie ich wirklich bin, so wird Eure Unzufriedenheit mit mir wegen der Euch bereiteten Enttäuschung eine nur um so grössere sein.“
„Nein, Meister, nein, mein Teurer, redet nicht schlecht von Euch, ich kenne Euch besser, als Ihr selbst,“ sagte der Prinz zärtlich und lehnte, wie in Sehnsucht, seinen Kopf an meine Schulter.
Es war zum erstenmal, dass die Prinzessin es wagte zu einem Stelldichein zu mir auf mein Zimmer zu kommen. Wenn es auch gefährlicher war mich aufzusuchen, als mich in ihren Gemächern zu erwarten, so wurde das Wagnis doch durch die vollkommene Ungestörtheit während des Beisammenseins selbst reichlich belohnt. Ich hatte einen Geschäftsbrief beendigt und sass vor meinem Pult, aufdem eine Kerze brannte, in einen Stuhl zurückgelehnt. Ich bemühte mich nicht an die nahe Stunde des Stelldicheins zu denken. Ich war weit davon entfemt die Prinzessin zu lieben oder sie zu begehren, durch meine Stellung und eine gewisse am herzoglichen Hofe herrschende Strenge war ich genötigt mich mehr zu zügeln, als ich es gewohnt war, und ich hatte eine gewisse Sehnsucht nach dem freien Leben in Italien und unwillkürlich kehrte ich in Gedanken immer wieder zum Bruder des Herzogs zurück, dessen zärtliche, fast verliebte Ergebenheit mich aufrichtig rührte. Nachdem ich meinen Brief versiegelt hatte, versank ich, den Kopf auf die Hand gestützt, in die bewegungslose Flamme der Kerze starrend, in Nachdenken. Von einem leisen Klopfen an die Tür geweckt, liess ich eine kleine Gestalt in einem dunkellila Mantel, der vom Regen fast schwarz geworden war, ins Zimmer. Es war Prinzessin Amalia. Ich beeilte mich sie an das brennende Kaminfeuer zu setzen und goss ihr ein Glas Wein ein. Glücklich lächelnd, reichte die Prinzessin mir, ohne ein Wort zu sprechen, die Hand, welche ich ehrerbietig an meine Lippen zog. Dann legte ich meinen Arm auf die Lehne des Stuhles, in dem Amalia sass. Sie schmiegte sich an mich und blickte zärtlich und glücklich zu mir auf. Der Wind rüttelte an den Fensterrahmen, über den Mond jagtenWolken, der Regen schien aufgehört zu haben. Es klopfte wieder an die Tür, dieses Mal schnell und fest; Amalia sprang erbleichend auf.
„Was ist das?“ flüsterte sie.
„Seid ruhig, fürchtet Euch nicht,“ flüsterte ich, sie wieder in den Stuhl drückend, den ich mit seiner hohen Lehne zur Tür kehrte, nachdem ich über die Prinzessin einen grossen orientalischen Schal geworfen hatte. Man fuhr fort, immer stärker an die Tür zu klopfen und die Stimme Philipp Ludwigs wurde laut:
„Meister, Meister, ich bin’s, Prinz Philipp, machet auf!“
Die leuchtenden Augen des Jünglings, sein erregtes, ungleich gerötetes Gesicht, seine bebenden Hände, zeugten davon, dass sein Zustand ein aussergewöhnlicher sei.
„Was ist mit Euch, mein Freund?“ sagte ich, ein wenig zurücktretend.
„Ich habe mich entschlossen . . . ich bin entschlossen . . . und hier bin ich, um es Euch zu sagen . . .“ stiess der Prinz, der in seiner Erregung fast schön war, mit Unterbrechungen hervor.
„Beruhiget Euch, vielleicht wird es Euch gelegener sein, mir später das mitzuteilen, was Ihr auf dem Herzen habet?“
„Nein, nein! Jetzt! Gleich, o Meister! Höret, ich habe mich entschlossen. Ich schütte meinHerz vor Euch aus . . .“ rief der Prinz, und noch ehe ich die Möglichkeit hatte, irgend etwas zu tun, warf er sich in den Lehnstuhl, auf dem die versteckte Amalia sass.
Ein zwiefacher Schrei gellte durch das Zimmer: der Prinz hatte den Schal von Amalia, die, in eine Ecke des Stuhles gedrückt, ihre Augen zusammenkniff, heruntergerissen und starrte sie an wie einen Basilisk.
„Meister, ich hasse Euch . . .!“ zischte er, als er mir sein in Tränen gebadetes Gesicht zukehrte, und lief, die Tür hinter sich zuschlagend, aus dem Zimmer.
Zum kleinen Souper waren, ausser mir, noch der Rat von Hohenschwitz und die lustige Kammerfrau, Bertha von Liebkosenfeld, geladen; Prinz Philipp war nicht erschienen, er hatte sich krank gemeldet, Prinzessin Amalia und die Herzogin Elisabeth Beatrix, beide in Kleidern mit chinesischem Muster, sassen zu beiden Seiten des Herzogs, den Rat und mich zu Tischnachbarn, während die Liebkosenfeld Ernst Johann gegenübersass und mit ihrer vollen rosigen Gestalt unseren Kreis abschloss. Das Orchester spielte aus „Dardanus“, die Diener (der grösseren Intimität wegen warenihrer nur zwei befohlen) schenkten Wein ein, und der Herzog unterhielt sich, um die Etikette aufzuheben, über den Tisch laut mit der lustigen Bertha, die ihm mit einem Lachen antwortete, das zwei Reihen blendendweisser Zähne sehen liess.
„Ew. Liebden haben recht mit der Annahme, dass das Herz, so unter meinem linken Auge angeklebet, kein Zufall sei. Ich bin bis zum Wahnsinn verliebt, allein der Gegenstand meiner Verehrung ist allzu hoch und unerreichbar,“ sagte Bertha, ihre grossen blauen Kuhaugen senkend. Hohenschwitz hustete laut, nahm eine Prise, nieste und putzte seine Nase mit einem grünseidenen Tuche.
„Ohne jemand kränken zu wollen, frei von Parteilichkeit, einzig um das Wohl des Landes besorgt, ernennen wir Euch, lieber Scalzarocca, zu unserem Rat und ersten Minister. Der Bitte Gehör schenkend, welche der unserem gerechten Herzen nicht weniger nahestehende von Hohenschwitz kürzlich äusserte, gewähren wir ihm die Möglichkeit, in Ruhe und Frieden die ihm in so reichem Masse verliehenen philosophischen Fähigkeiten zu entwickeln.“
Die Herzogin war etwas blass geworden, gab dem Diener das Zeichen, die bereits vorher gefüllten Schaumweinkelche zu reichen. Sie wählte selbst den Kelch, den sie dem Herzoggab, dann reichte sie zum Zeichen besonderer Huld jedem von uns den seinen mit eigener Hand. Von Hohenschwitz hustete angestrengt.
Bertha von Liebkosenfeld lachte laut auf, als der Herzog über eine kleine Unpässlichkeit klagte und sich in seine Gemächer zurückzog.
Vor mir stand ein junger Mann, fast noch ein Knabe, ohne Perücke, in bescheidenem schwarzem Kamisol, blass, mit glänzenden Augen und spitzem Kinn und entwickelte mir utopistische Ideen von Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit, sprach von grossen Ereignissen, welche angeblich herannahten, von Welterschütterung und neuer Sintflut. Ich fragte ihn:
„Ihr seid Engländer?“
„Nein, ich bin Franzose und habe mich an Euch, als an meinen Landsmann, um Förderung gewandt.“
„Ja, ich kenne Eure Angelegenheit, sie wird geordnet werden, aber Eure Worte interessieren mich auf das lebhafteste; Ihr saget, dass diese Schwärmereien eine ganze Masse von Leuten beseelen, welche nicht nur um der eigenen Befreiung willen zu handeln bereit sind?“
„Wir werden die Welt befreien!“
„Befreien? Wovon befreien? Von mir zum Beispiel?“
„Von den Tyrannen!“ rief der Knabe, dessen Gesicht rot geworden war.
„Aber Vorurteile, Sitten, unsere Gefühle schliesslich, sind grausamere Tyrannen, als die gekrönten Häupter. Es heisst doch ganz mit Recht: