Wanja schickte sich an, nach Hause zu gehen; der Kater humpelte, von Wanjas Mütze, wo er gelegen hatte, vertrieben, auf seinen verkrüppelten Vorderpfoten weiter.
„Sie sind gewiss ein guter Mensch, Daniil Iwanowitsch, allerhand Krüppel lesen Sie auf.“
„Der Kater gefällt mir und es ist mir angenehm, ihn bei mir zu haben. Wenn das tun, was einem Vergnügen macht, gut sein heisst, dann bin ich gut.“
„Sagen Sie bitte, Smurow,“ sagte Daniil Iwanowitsch, Wanja zum Abschied die Hand drückend, „sind Sie selbst darauf verfallen mit griechischen Unterhaltungen zu mir zu kommen?“
„Ja, das heisst, diesen Gedanken hat mir vielleicht jemand anderes eingegeben.“
„Wer denn, wenn es kein Geheimnis ist?“
„Nein, weshalb wohl? Aber Sie kennen ihn nicht.“
„Vielleicht doch?“
„Ein gewisser Stroop.“
„Larion Dmitrijewitsch?“
„Kennen Sie ihn denn?“
„Sogar sehr nahe,“ antwortete der Grieche, Wanja mit der Lampe die Treppe hinunterleuchtend.
*
Die geschlossene Kajüte des kleinen finnischen Newadampfers war ganz leer, aber Nata, die sich vor Zugwind und Zahngeschwüren fürchtete, führte die ganze Gesellschaft gerade hierher.
„Es gibt ganz und gar keine Landhäuser mehr!“ sagte Anna Nikolajewna, die müde geworden war. „Alle gleich schlecht, mit Ritzen und Zugwind!“
„In einem Sommerhause zieht es immer — was haben Sie denn erwartet? Leben Sie vielleicht das erstemal in der Sommerfrische?“
„Willst du?“ bot Koka sein geöffnetes Zigarettenetui, mit einer nackten Dame auf dem Deckel, Boba an.
„Nicht deshalb ist es in der Sommerfrische so urscheusslich, weil es dort scheusslich ist, sondern weil man sich wie auf Biwak, bloss zu vorübergehendem Aufenthalte dorthin gekommen, fühlt. Und das Leben dort ist auch nicht in feste Rahmen eingeteilt, in der Stadt dagegen weiss man immer, was man zu jeder Zeit des Tages zu tun hat.“
„Wenn du nun aber immer, Sommer und Winter, in einem Villenort leben müsstest?“
„Dann wäre es auch nicht so schlimm: ich würde mir ein Programm machen.“
„Das ist richtig,“ fiel Anna Nikolajewna ein, „für kurze Zeit hat man keine Lust sich einzurichten.Im vorvorigen Sommer zum Beispiel hatten wir frisch tapezieren lassen und mussten die reinen Tapeten dem Hauswirt schenken; man konnte sie doch nicht herunterreissen.“
„Bedauerst du vielleicht, dass wir sie nicht beschmutzt haben!“
Nata blickte mit einer Grimasse zum Ufer hinüber, wo die Fenster der Paläste im Schein der untergehenden Sonne flammten, während die rosig-goldenen Wellen der Newa hinter dem Dampfer breit und glatt auseinanderrauschten.
„Und dann diese Menge Menschen, jeder weiss alles vom anderen, was gekocht wird, wieviel die Dienstboten Lohn bekommen.“
„Überhaupt ein Ekel!“
„Weshalb ziehst du denn hinaus?“
„Was heisst weshalb? Wo soll man denn bleiben? Etwa in der Stadt?“
„Nun, was wäre denn dabei? Man kann wenigstens bei Sonnenglut auf der Schattenseite gehen.“
„Onkel Kostja denkt sich doch immer etwas aus!“
„Mama,“ wandte sich Nata plötzlich um, „reisen wir an die Wolga, Liebe: es gibt dort kleine Städte, Pless, Wassilsursk, wo man sich ganz billig einrichten kann. Warwara Nikolajewna Speier erzählte . . . . Sie lebten in Pless mit einer ganzen Gesellschaft, wisst ihr, dortlebte noch der berühmte Landschaftsmaler Levithan; in Uglitsch haben sie auch gelebt.“
„Nun, in Uglitsch hat man sie, glaub’ ich, herausgeschmissen,“ warf Koka dazwischen.
„Nun, und hat sie herausgeschmissen, und was ist denn dabei? Uns wird man eben nicht herausschmeissen! Die Wirtsleute sagten ihnen: Sie sind da eine ganze Gesellschaft von Damen und Herren, unsere Stadt ist still, niemand reist hierher, nun so haben wir halt Angst: entschuldigen Sie schon, aber räumen Sie die Wohnung.“
Der Dampfer legte beim Alexandergarten an, im unteren Stockwerke der schwimmenden Anlegebrücke sah man die hellerleuchtete Restaurationsküche, einen Küchenjungen, der Fische abschuppte, und im Hintergrunde den glühenden Herd.
„Tante, ich gehe von hier zu Larion Dmitrijewitsch,“ sagte Wanja.
„Nun, meinetwegen geh; hast dir da auch einen Kameraden gefunden!“ knurrte Anna Nikolajewna.
„Ist er denn ein schlechter Mensch?“
„Ich sage nicht, dass er ein schlechter Mensch, sondern dass er kein Kamerad für dich ist.“
„Ich treibe mit ihm Englisch.“
„Alles unnützes Zeug, du solltest lieber deine Aufgaben machen . . .“
„Nein, Tante, wissen Sie, ich gehe doch.“
„So geh doch, wer hält dich denn?“
„Küsse dich nur mit deinem Stroop,“ setzte Nata hinzu.
„Nun, ich werd’ auch, und werd’ auch, und niemand hat sich darum zu kümmern!“
„Nun, es käme darauf an,“ wollte Boba anfangen, aber Wanja unterbrach ihn, über Nata herfallend.
„Du selbst würdest dich mit ihm küssen, aber er will nicht, weil du . . . ein rothaariger Frosch bist, weil du eine Gans bist! Ja!“
„Iwan, hör auf!“ ertönte die Stimme Alexej Wassiljewitschs.
„Was wollen diese Weiber bloss von mir haben? Weshalb lassen sie mich nicht gehen? Bin ich vielleicht ein kleines Kind? Morgen schreibe ich an Onkel Kolja . . .“
„Iwan, hör auf!“ rief Alexej Wassiljewitsch, seine Stimme erhebend.
„So ein Bengel, so ein Ferkel, und hat die Frechheit, sich so zu betragen!“ regte Anna Nikolajewna sich auf.
„Und Stroop wird dich niemals heiraten, wird dich nicht heiraten, wird dich nicht heiraten! . . .“ stiess Wanja, ausser sich, hervor.
Nata wurde sofort still und sagte, fast beruhigt, leise:
„Und Ida Holberg wird er heiraten?“
„Ich weiss nicht,“ antwortete Wanja ebenso leise und einfach, „ich glaube kaum,“ fügte er dann fast freundlich hinzu.
„Was sind das für Gespräche!“ berief sie Anna Nikolajewna. „Du glaubst doch nicht am Ende diesem Bengel?“
„Vielleicht, glaube ich ihm,“ brummte Nata und wandte sich zum Fenster.
„Glaube nur nicht, Iwan, dass sie so naiv sind, wie sie scheinen möchten,“ beruhigte Boba Wanja, „sie sind überglücklich, dass sie durch dich noch zu Stroop in Beziehung stehen und Nachrichten über Ida Holberg erhalten können; aber wenn du wirklich mit Larion Dmitrijewitsch sympathisierst, sei vorsichtig, verrat dich nicht.“
„Womit verrat ich mich denn?“ wunderte sich Wanja.
„Hat mein Rat so bald gefruchtet?“ lachte Boba und trat auf den Anlegeplatz hinaus.
*
Als Wanja die Stroopsche Wohnung betrat, hörte er Gesang mit Klavierbegleitung. Er ging leise in das Arbeitszimmer, links von der Entree, ohne das Empfangszimmer zu betreten, und begann zu lauschen. Eine ihm unbekannte Männerstimme sang:
Am lauen Meer der verdämmernde Abend,Leuchtturmfeuer am dunkelnden Himmel,Verbenenduft beim Ausklang des Festes,Morgenfrische nach schlaflosen Nächten,Ein Gang durch Alleen des Frühlingsgartens,Schreie und Lachen badender Weiber,Am Tempel der Juno die heiligen Pfauen,Händler mit Veilchen, Granaten, Limonen,Tauben girren, es leuchtet die Sonne, —Wann, Heimatstadt, seh’ ich dich wieder!
Am lauen Meer der verdämmernde Abend,
Leuchtturmfeuer am dunkelnden Himmel,
Verbenenduft beim Ausklang des Festes,
Morgenfrische nach schlaflosen Nächten,
Ein Gang durch Alleen des Frühlingsgartens,
Schreie und Lachen badender Weiber,
Am Tempel der Juno die heiligen Pfauen,
Händler mit Veilchen, Granaten, Limonen,
Tauben girren, es leuchtet die Sonne, —
Wann, Heimatstadt, seh’ ich dich wieder!
Und das Klavier hüllte mit tiefen Akkorden die sehnsüchtigen Worte der singenden Stimme in dichte Nebel. Es begann ein Kreuzfeuer von Männerstimmen und Wanja betrat den Saal. Wie liebte er dieses grünliche geräumige Zimmer, in dem die Töne Rameaus und Debussys erklangen, wie liebte er Stroops Freunde, welche den Leuten so unähnlich waren, die er bei Kasanskis traf; diese Diskussionen; diese späten Abendessen der Männer bei Wein und leichtem Geplauder; dieses Arbeitszimmer bis zur Decke voll Bücher, wo Marlowe und Swinburne gelesen wurden, dieses Schlafzimmer mit dem grellgrünen, von einer dunkelrotenGirlande tanzender Faune umrandeten Waschbestecke dieses ganz in rotem Kupfer gehaltene Speisezimmer; diese Erzählungen von Italien, Ägypten, Indien; dieses Entzücken, das jede wahre Schönheit aller Länder, aller Zeiten erregte; diese Spaziergänge durch die Parks auf den Newainseln; diese beunruhigenden und dochlockenden Erörterungen; dieses Lächeln im hässlichen Gesichte; dieser moderatmende Duft von Peau d’Espagne; diese mageren, starken, ringgeschmückten Finger, die Schuhe mit den ungewöhnlich dicken Sohlen, — wie er das alles liebte, ohne zu begreifen, aber schon in einem dunkeln Bann befangen.
*
„Wir sind Hellenen: uns ist der unduldsame Monotheismus der Juden fremd, die sich von den darstellenden Künsten abwenden und doch am Fleische, an der Nachkommenschaft, am Samen hängen. In der ganzen Bibel findet sich nicht ein Hinweis auf den Glauben an eine Seligkeit nach dein Tode, und der einzige Lohn, dessen die Gebote Erwähnung tun (nämlich für die Achtung der Erzeuger), ist, ‚auf dass du lange lebest auf Erden‘. Eine fruchtlose Ehe ist ein Schandfleck und ein Fluch, der sogar des Rechtes am Gottesdienste teilzunehmen verlustig macht, als hätte man vergessen, dass nach derselben jüdischen Legende Gebären und Arbeiten eine Strafe für den Sündenfall und nicht der Zweck des Lebens sei. Und je weiter die Menschen sich von der Sünde entfernen werden, um so weiter werden sie auch von Zeugung und körperlicher Arbeit stehen. Die Christen haben das dunkel verstanden,wenn das Weib nach der Geburt und nicht nachdem es die Ehe geschlossen hat, sich durch das Gebet reinigen muss, während vom Manne nichts Ähnliches verlangt wird. Die Liebe hat ausser sich selbst keinen anderen Zweck; ebenso fehlt in der Natur jegliche Idee der Finalität. Die Gesetze der Natur gehören einer ganz anderen Ordnung an, als die sogenannten göttlichen Gesetze und die menschlichen. Das Gesetz der Natur ist nicht das, dass der Baum seine Frucht tragen soll, sondern dass er unter gewissen Bedingungen Frucht tragen, und unter anderen keine Frucht tragen, ja, sogar zugrunde gehen wird, und das ebenso gerecht und einfach, wie er seine Frucht getragen hätte. Dass das Herz aufhören kann zu schlagen, wenn es von einem Messer durchbohrt wird, darin liegt keine Finalität, das ist weder gut noch böse. Und das Gesetz der Natur verletzen kann nur der, der seine Augen küssen kann, ohne sie aus den Höhlen gerissen zu haben, und der ohne Spiegel seinen eigenen Nacken zu sehen vermag. Und wenn man euch sagen wird: ‚naturwidrig‘, so schaut auf den redenden Blinden herab und gehet vorüber an ihm, machet euch nicht den Sperlingen gleich, die vor einer Vogelscheuche auseinanderflattern. Die Menschen gehen, wie Blinde, wie Tote einher, wo sie sich ein flammendes Leben schaffenkönnten, in welchem jeder Genuss so verfeinert sein würde, als wäret ihr eben geboren und müsstet gleich wieder sterben. Mit solch einem Heisshunger muss man alles in sich aufnehmen. Wunder gibt es rings um uns auf Schritt und Tritt: es gibt Muskeln und Sehnen am menschlichen Körper, die man nicht ohne Herzklopfen betrachten kann. Und nur gemeine Lüsternheit lässt den Mann den Begriff von Schönheit mit der Schönheit des Weibes verbinden, und das liegt so weit, so weit von der wahren Idee der Schönheit. Wir sind Hellenen, Liebhaber der Schönheit, Bacchanten des nahenden Lebens. Wie die Visionen Tannhäusers in Frau Venus’ Hörselberg, wie Klingers und Thomas’ Blick in weite, helle Fernen gibt es ein Stammland voll Sonne und Freiheit, mit schönen und kühnen Menschen, und dahin, über Meere, durch Nebel und Finsternis führt uns, Argonauten, der Weg! Und in der unerhörtesten Neuerung erkennen wir urälteste Wurzeln, und in niemals geschautem Leuchten spüren wir unsre Heimat!“
*
„Wanja, sehen Sie bitte im Speisezimmer nach, wieviel Uhr es ist,“ sagte Ida Holberg und liess eine farbige Stickerei auf den Schoss fallen.
Das grosse Zimmer im neuerbauten Hause, das einer hellen Schiffskajüte ähnelte, war dürftig mit einfachen Möbeln ausgestattet; ein gelber Vorhang, der die ganze Wand bedeckte, schloss gleichzeitig alle drei Fenster, und auf die ledernen grossen Koffer, die noch nicht gepackten, mit Messingnägeln beschlagenen Handkoffer, den Kasten mit verspäteten Hyazinthen, legte sich gelbes unruhiges Licht. Wanja klappte den Dante zu, aus dem er vorgelesen hatte, und ging ins Nebenzimmer.
„Halb sechs,“ sagte er, als er zurückkam. „Larion Dmitrijewitsch lässt lange auf sich warten,“ murmelte er dann vor sich hin, als beantworte er die Gedanken des jungen Mädchens. „Werden wir nicht weiter lesen?“
„Es lohnt sich nicht einen neuen Gesang anzufangen, Wanja. Also:
„e vidi che con risoUdito havevan l’ultimo construtto;Poi a la bella donna tornai il viso“
„e vidi che con riso
Udito havevan l’ultimo construtto;
Poi a la bella donna tornai il viso“
und er sah, dass sie mit einem Lächeln die letzte Meinung gehört hatten, dann wandte er sich der schönen Dame zu.“
„Die schöne Dame, das ist die Betrachtung des aktiven Lebens?“
„Man kann den Kommentatoren nicht unbedingt Glauben schenken, Wanja, wenn es sich nicht bloss um historische Auskünfte handelt;verstehen Sie ihn einfach und schön, — das ist die Hauptsache, sonst kommt wahrhaftig statt des Dante so was wie Mathematik heraus.“
Sie hatte ihre Arbeit endgültig zusammengelegt und sass, mit dem Papiermesser auf die helle Stuhllehne klopfend, wie in Erwartung da.
„Larion Dmitrijewitsch wird wohl bald kommen,“ meinte Wanja, wieder die Gedanken des Mädchens erratend, fast mit dem Ton des Beschützers.
„Haben Sie ihn gestern gesehen?“
„Weder gestern, noch vorgestern. Gestern fuhr er am Tage nach Zarskoje Selo, am Abend war er im Klub und vorgestern fuhr er auf die Wiborger Seite, ich weiss nicht wozu,“ berichtete Wanja ehrerbietig und stolz.
„Zu wem er wohl gefahren sein mag?“
„Ich weiss nicht, in Geschäften.“
„Sie wissen nicht?“
„Nein.“
„Hören Sie Wanja,“ begann das Mädchen, das Papiermesser betrachtend. „Ich bitte Sie, — nicht meinethalben allein, auch Ihretwegen, Larion Dmitrijewitschs wegen, im Interesse von uns allen drei, erfahren Sie, was dies für eine Adresse ist. Es ist sehr wichtig, sehr wichtig für alle drei,“ und sie reichte Wanja einen Zettel, auf den Stroop mit seiner grosszügigenweiten Handschrift geschrieben hatte: ‚Wiborger Seite. Simbirskaja Str. Nr. 36, Wohnung 103. Fjodor Wassiljewitsch Solowjew.‘
*
Niemand war sonderlich erstaunt darüber, dass Stroop unter anderen Interessen sich mit dem russischen Altertum zu beschäftigen begann, und dass sich bei ihm teils redselige europäisch gekleidete, teils alte ‚gottesfürchtige‘ in langen russischen Röcken steckende, aber ebenso gaunerische Händler mit Manuskripten, Heiligenbildern, alten Stoffen, imitierten Bronzen einzufinden begannen: dass er sich für alten Kirchengesang zu interessieren anfing, die Smolenski, Rasumowski und Metallow las, auf die Nikolajewskaja Strasse ging, um Kirchengesang zu hören und schliesslich unter Anleitung eines pockennarbigen Kirchenchorsängers begann altrussische Noten zu studieren. „Mir war diese Sackgasse des Weltgeistes ganz unbekannt,“ wiederholte Stroop, bemüht Wanja für seine neue Liebhaberei zu interessieren, der sich jedoch, zu seiner Verwunderung, gerade in dieser Richtung nicht so leicht begeistern liess.
Eines Tags erklärte Stroop beim Tee:
„Das müssen Sie aber unbedingt sehen, Wanja, ein authentischer Raskolnik alter Richtung.Stellen Sie sich vor: er ist 18 Jahre alt, trägt die Podjowka, trinkt keinen Tee; seine Schwestern leben in einem altgläubigen Kloster; er hat ein Haus an der Wolga mit hohem Palisadenzaun und Kettenhunden, wo man sich um neun Uhr abends schlafen legt, so etwas wie Petscherski es beschreibt, nur weniger süsslich. Das müssen Sie unbedingt sehen. Gehen wir morgen zu Sassadin, er besitzt eine interessante ‚Himmelfahrt‘; dorthin kommt auch unser Typ, und ich mache Sie mit ihm bekannt. Notieren Sie sich auf alle Fälle die Adresse; ich fahre vielleicht direkt von der Ausstellung hin und Sie werden ihn selbst aufsuchen müssen.“ Und Stroop diktierte, wie etwas Wohlbekanntes, ohne in sein Notizbuch zu blicken: „Simbirskaja Strasse Nr. 36, Wohnung 103, Möblierte Zimmer. — Sie werden sich dort schon zurechtfragen.“
*
Hinter der Wand hörte man das dumpfe Gespräch zweier Stimmen; die Uhr mit den Gewichten tickte leise; auf Stühlen und Fensterbrettern waren verräucherte Heiligenbilder und in lederbezogene Bretter gebundene Bücher aufgestapelt; es war staubig und roch muffelig und aus dem Korridor drang durch das Fenster über der Tür der faulige Geruch vonSauerkohlsuppe. Sassadin, der vor Wanja stehend, sich seinen russischen langen Rock anzog, sagte:
„Larion Dmitrijewitsch wird erst nach vierzig Minuten, vielleicht sogar nach einer Stunde kommen; ich muss hier in der Nähe ein Heiligenbild holen gehen und weiss nun nicht, wie wir das jetzt machen. Warten Sie vielleicht hier oder gehen Sie unterdessen irgendwohin?“
„Ich bleibe hier.“
„Nun gut, und ich komme gleich wieder. Sehen Sie sich nicht, bis ich komme, die Bücher an?“ und Sassadin, der Wanja ein verstaubtes Exemplar des Limonarj hingelegt hatte, verschwand eilig durch die Tür, durch die jetzt stärker der faulige Geruch von Sauerkohlsuppe hereindrang. Wanja trat ans Fenster und schlug die Legende auf, die berichtet, wie ein frommer Greis nach dem zufälligen Besuche eines Weibes, das einsam, in derselben Wüste wie er, lebte, immer wieder mit sündigen Gedanken zu jenem Weibe zurückkehrte und es schliesslich nicht mehr ertragen konnte, in sengender Glut seinen Stab ergriff und, wie ein Blinder vor sündiger Begier taumelnd, sich zu der Stelle aufmachte, wo er das Weib zu finden hoffte; und in der Verzückung sah er die Erde sich auftun und in ihr lagen drei Leichen: ein Weib, ein Mann und ein Kind. Und er hörteeine Stimme: ‚Das ist ein Weib, das ist ein Mann und das ist ein Kind, wer vermag sie jetzt zu unterscheiden? Gehe hin und stille deine Begierde.‘ Alle sind gleich, alle sind gleich vor dem Tode, vor der Liebe und vor der Schönheit, alle schönen Leiber sind gleich, und nur die sündige Begier lässt den Mann dem Weibe nachstellen und das Weib dürsten nach dem Manne.
Hinter der Wand fuhr die junge, etwas heisere Stimme fort:
„Na, Onkel Jermolai, wenn du immer schimpfst, geh’ ich fort.“
„Ja, wie soll man dich faulen Schlingel nicht schelten? Hat der Kerl angefangen Dummheiten zu treiben!“
„Wassjka hat dir wohl alles vorgelogen; was hörst du auf ihn?“
„Was hat Wassjka für einen Grund zu lügen? Nu, sag doch selbst, leugne es doch ab, dass du Dummheiten treibst?“
„Nun, und was ist dabei? Nu ja, ich tu’s! Und Wassjka, macht er’s vielleicht nicht? Bei uns tun’s alle, vielleicht ist nur Dmitri Pawlowitsch eine Ausnahme, der . . . .“ und man hörte den Sprecher auflachen. Nach einigem Schweigen begann er wieder intim und halblaut: „Wassjka hat mir’s angezeigt; kam da ’nmal ’n junger Herr und sagt zu Dmitri Pawlowitsch:‚Ich will, dass mich der wäscht, der mir die Tür geöffnet hat,‘ die Tür nun hatte ich ihm aufgemacht und früher hatte ihn Wassjka immer gebadet, der sagte ihm denn auch: ‚Das geht nicht an, Euer Gnaden, dass der allein geht, er ist nicht an der Reihe und versteht nichts von so was.‘ — ‚Na, hol’ euch der Teufel, so kommt alle beide!‘ Als Wassjka in die Badekabine trat, sagt’ er: ‚Was werden Sie uns denn geben?‘ — ‚Bier und zehn Rubel.‘ Bei uns aber ist’s ausgemacht, wenn jemand den Vorhang am Türfenster herunterlässt, so heisst das, dass man Dummheiten treiben wird, und dann darf man dem Oberbader nicht weniger als fünf Rubel abgeben. So sagt ihm Wassjka denn auch: ‚Nein, Hochgeboren, dafür können wir’s nicht machen.‘ Er versprach noch fünf Rubel. Wassjka ging das Wasser im Baderaum vorzubereiten und ich fing an mich auszukleiden, da sagt der Herr: ‚Was hast du da auf deiner Wange, Fjodor? Ist das ein Muttermal oder Schmutz?‘ und lacht dabei und streckt seine Hand nach mir aus. Und ich steh’ da, wie ein Narr, und weiss selbst nicht, hab’ ich ein Muttermal auf der Wange oder nicht. Aber da kam Wassjka wütend zurück und sagte zu dem Herrn: ‚Bitte, das Bad ist fertig,“ so gingen wir denn alle zusammen.‘
„Ist Matwej noch bei euch?“
„Nein, er hat eine Dienerstelle angenommen.“
„Bei wem denn? Beim Oberst?“
„Ja, bei ihm. Dreissig Rubel gibt er ihm und alles frei.“
„Hat Matwej nicht geheiratet?“
„Ja, und der Oberst hat ihm das Geld zur Hochzeit gegeben und ihm einen Paletot für achtzig Rubel machen lassen. Na, und seine Frau, die lebt eben im Dorf. Auf so einer Stelle erlaubt man doch natürlich nicht mit einem Weibe zu leben. Ich will auch eine Stelle annehmen,“ setzte der Erzähler nach einer Pause hinzu.
„Wie Matwej?“
„Ja. Es ist ein guter Herr, er lebt allein. Dreissig Rubel, wie Matwej.“
„Du verkommst, Fedja, sieh zu!“
„Vielleicht verkomm’ ich auch nicht.“
„Was ist denn das für ein Herr, ein Bekannter von dir?“
„Auf der Furstadtskaja Strasse wohnt er, wo Dmitri früher als Laufbursche diente, im zweiten Stock. Er kommt auch hierher, zu Stepan Stepanowitsch.“
„Doch nicht ein Altgläubiger?“
„I wo denn! Er ist gar kein Busse, ein Engländer, glaub’ ich.“
„Lobt man ihn?“
„Ja, man sagt ein guter, lieber Herr.“
„Na, mit Gott!“
„Adieu, Onkel Jermolai, dank’ auch für die Bewirtung.“
„Na, komm doch wieder mal ran, Fedja.“
„Ich komm schon,“ und leichten Schrittes ging Fjodor, mit den Stiefelabsätzen klopfend, durch den Korridor und warf die Tür hinter sich zu. Wanja trat schnell hinaus, ohne sich ganz bewusst zu werden, weshalb er das tat. Er erblickte einen Burschen in einer Jacke über dem russischen Hemde, dessen Gürtelschnüre heraushingen. Er trug niedrige Lackstiefel und hatte sich die Mütze aufs Ohr gestülpt. Wanja rief ihm nach:
„Hören Sie, wissen Sie nicht, wird Stepan Stepanowitsch Sassadin bald zurück sein?“
Der Bursche kehrte sich um und im Lichte, das durch die offene Zimmertür drang, sah Wanja in ein Paar unstete, diebische graue Augen und ein bleiches Gesicht, wie Leute es haben, die immer im Zimmer oder in ewigem Dampfe leben. Das Haar war nach russischer Volkssitte in der Mitte gescheitelt und rundherum glatt beschoren. Sein Mund war schön geschnitten. Ungeachtet einer gewissen Grobheit der Züge, lag in diesem Gesichte etwas Verweichlichtes, und obgleich Wanja voller Vorurteil in diesediebischen freundlichen Augen blickte und das freche Lächeln des Mundes sah, fand er doch in diesem Gesicht und in der ganzen hohen Gestalt, deren Ebenmass selbst unter dem Anzug in die Augen fiel, etwas Bestrickendes, Beunruhigendes.
„Belieben Sie ihn zu erwarten?“
„Ja, es ist schon bald sieben Uhr.“
„Halb sieben,“ verbesserte Fjodor, der seine Uhr herausgezogen hatte, „und wir glaubten, dass niemand bei Stepan Stepanowitsch im Zimmer sei. Er wird gewiss bald zurück sein,“ fügte er hinzu, um etwas zu sagen.
„Ja. Danke Ihnen, pardon, dass ich Sie aufgehalten habe,“ sagte Wanja, ohne sich von der Stelle zu rühren.
„Aber, bitte,“ sagte jener mit einer verbindlichen Geste.
Es wurde laut geklingelt, und Stroop, Sassadin und ein junger hochgewachsener Mann traten ein. Stroop warf einen schnellen Blick auf Fjodor und Wanja, die noch immer einander gegenüberstanden.
„Entschuldigen Sie, dass ich Sie habe warten lassen,“ wandte er sich an Wanja, während Fjodor auf ihn zustürzte, um ihm den Mantel abzunehmen.
Wanja sah dies alles wie im Traume und erfühlte, dass er in einen Abgrund hinuntersinke, dass alles sich in Nebel hülle.
*
Als Wanja das Speisezimmer betrat, schloss Anna Nikolajewna gerade ihren Satz: „und es tut einem leid, dass ein solcher Mensch sich so kompromittiert.“ Konstantin Wassiljewitsch wies stumm mit den Augen auf Wanja, der ein Buch genommen und sich ans Fenster gesetzt hatte und meinte dann:
„So sagt man da ‚gekünstelt, unnatürlich, überflüssig‘, aber wenn man bei dem Gebrauche unseres Körpers bleiben sollte, der als natürlich gilt, so müsste man mit den Händen rohes Fleisch zerreissen, um es zu verschlingen und Feinde bekämpfen; mit den Beinen Hasen verfolgen oder vor Wölfen flüchten usw. Das erinnert an ein Märchen aus ‚Tausendundeiner Nacht‘, wo ein von der Finalität gequältes Mädchen immerfort fragt, wozu dieses und wozu jenes geschaffen sei. Und als das Mädchen nach einem bekannten Körperteile fragt, da verabfolgt die Mutter ihm eine Tracht Prügel und wiederholt dabei: ‚Jetzt siehst du, wozu dies geschaffen ist.‘ Diese Mama hat zwar die Richtigkeit ihrer Behauptung anschaulich bewiesen, aber damit dürfte die Handlungsfähigkeit besagter Körperstelle schwerlich erschöpftsein. Und sämtliche moralische Erklärungen der Natürlichkeit von Handlungen bestehen darin, dass die Nase geschaffen ist, um grün angestrichen zu werden. Der Mensch muss alle Fähigkeiten des Geistes und Körpers bis zur letzten Möglichkeit entwickeln und nach Verwendung dieser seiner Möglichkeiten forschen, wenn er nicht Caliban bleiben will.“
„Nun, die Gymnastiker können ja schon auf den Köpfen gehen …“
„Das bedeutet in jedem Falle ein Plus und vielleicht ist das sehr angenehm, würde Larion Dmitrijewitsch sagen,“ und Onkel Kostja blickte herausfordernd zu Wanja hinüber, der fortfuhr zu lesen.
„Was hat Larion Dmitrijewitsch damit zu tun?“ bemerkte sogar Anna Nikolajewna.
„Du denkst doch wohl nicht, dass ich meine eigenen Anschauungen entwickele?“
„Ich gehe zu Nata,“ erklärte Anna Nikolajewna und erhob sich.
„Sie ist doch gesund? Ich sehe sie gar nicht mehr,“ erinnerte sich Wanja.
„Das ist ganz natürlich. Du verschwindest ja tagelang.“
„Wohin verschwinde ich denn?“
„Das muss man schon dich fragen,“ sagte die Tante, das Zimmer verlassend.
Onkel Kostja trank seinen kalten Kaffee aus, und im Zimmer roch es stark nach Naphthalin.
„Sprachen Sie über Stroop, Onkel Kostja, als ich kam?“ entschloss sich Wanja zu fragen.
„Über Stroop? Wirklich, ich entsinne mich nicht. Annette erzählte mir etwas.“
„Ich dachte, es sei von ihm die Rede gewesen.“
„Nein, was sollte ich mit ihr über Stroop zu reden haben?“
„Glauben Sie wirklich, dass Stroop die Überzeugung hat, die Sie eben aussprachen?“
„So spricht er jedenfalls; seine Handlungen kenne ich nicht und die Überzeugungen mancher Menschen sind ein dunkles und heikles Gebiet.“
„Glauben Sie denn, dass seine Handlungen sich nicht mit seinen Worten decken?“
„Ich weiss nicht; ich kenne seine Handlungen nicht, und dann kann man nicht immer seinen Wünschen entsprechend handeln. Wir wollten zum Beispiel schon längst aufs Land ziehen und doch . . .“
„Wissen Sie, Onkel, dieser Altgläubige, Sorokin, ladet mich zu sich an die Wolga ein: ‚Kommen Sie,‘ sagt er, ‚Väterchen wird nichts dagegen haben; sehen Sie sich einmal an, wie man bei uns zu Lande lebt, wenn Sie das interessiert.‘ Er hat plötzlich Zuneigung zu mir gefasst, ich weiss gar nicht warum.“
„Nun was, reise doch.“
„Tante wird kein Geld geben und überhaupt lohnt es sich nicht.“
„Weshalb lohnt es sich nicht?“
„Ach es ist alles ekelhaft, so ekelhaft!“
„Weshalb ist denn alles plötzlich so ekelhaft geworden?“
„Ich weiss wirklich nicht“, sagte Wanja und bedeckte sein Gesicht mit den Händen.
Konstantin Wassiljewitsch blickte auf Wanjas herabgesunkenen Kopf und ging leise aus dem Zimmer.
*
Der Portier war nicht auf seinem Platze, die Treppentür stand offen und hinter der Tür zum Arbeitszimmer konnte man eine zornige Stimme hören. Wenn sie schwieg kam eine andere leise, eine weibliche Stimme, wie es schien, in die Entree herüber. Wanja blieb im Vorzimmer stehen, ohne Mantel und Mütze abzunehmen; der Griff der Tür des Arbeitszimmers wurde hinuntergedrückt und im Türspalt erschien eine Hand, die den Türgriff gefasst hielt und der zu ihr gehörende, im roten Ärmel eines russischen Hemdes steckende Arm. Man vernahm deutlich Stroops Worte: „Ich erlaube nicht, dass jemand sich dahineinmischt! Am allerwenigsten eine Frau. Ich verbiete Ihnen, hören Sie?ich verbiete Ihnen darüber zu sprechen!“ Die Tür wurde wieder geschlossen und die Stimme wieder undeutlicher. Wanja sah sich traurig im so gut bekannten Vorzimmer um; die elektrischen Lampen vor dem Spiegel und über dem Tische, die Kleider an den Ständern; auf dem Tische lagen zwei Damenhandschuhe, aber es war kein Hut und kein Mantel zu sehen. Die Tür wurde wieder krachend geöffnet und Stroop ging mit wütendem, erblasstem Gesicht, ohne Wanja zu bemerken, in den Korridor; einen Augenblick später folgte ihm, fast laufend, Fjodor in einem roten Seidenhemde ohne Gürtel, eine Karaffe in der Hand. „Was wünschen Sie?“ wandte er sich an Wanja, augenscheinlich ohne ihn zu erkennen. Fjodors Gesicht war erregt und gerötet, als hätte er getrunken oder sich geschminkt, das Hemd war nicht gegürtet, die sorgfältig auseinandergekämmten Haare schienen etwas gekräuselt zu sein, er roch stark nach Stroops Parfüm.
„Was wünschen Sie?“ wiederholte er Wanja, der ihn anstarrte.
„Larion Dmitrijewitsch.“
„Ist nicht zu Hause.“
„Wieso? ich habe ihn doch eben gesehen.“
„Entschuldigen Sie, aber er ist sehr beschäftigt, er kann Sie unmöglich empfangen.“
„Gehen Sie nur und melden Sie mich.“
„Nein wirklich, kommen Sie schon lieber ein anderes Mal: eben kann er Sie unmöglich empfangen. Er ist nicht allein,“ fügte Fjodor, seine Stimme dämpfend, hinzu.
„Fjodor!“ rief Stroop aus dem Hintergrunde des Korridors, und Fjodor stürzte geräuschlos fort.
Wanja wartete ein paar Minuten und ging dann auf die Treppe hinaus, die Tür zuziehend, hinter der wieder gedämpfte, aber laute und zornige Stimmen hörbar wurden. Unten, im Vestibül stand eine kleine Dame in graugrünem Kleide und schwarzer Jacke vor dem Spiegel und nestelte an ihrem Schleier. Hinter ihrem Rücken vorbeigehend, erkannte Wanja sie, ohne dass sie ihn bemerkte, es war Nata. Nachdem sie ihren Schleier in Ordnung gebracht hatte, stieg sie langsam die Treppe hinauf und drückte den Knopf der Klingel an Stroops Wohnung, während der zurückgekommene Portier Wanja auf die Strasse hinausliess.
*
„Was ist das?“ unterbrach sich Alexej Wassiljewitsch bei der Lektüre des Morgenblattes: „Rätselhafter Selbstmord. Gestern, den 21. Mai, machte auf der Furstadtskaja Strasse in der Wohnung des englischen UntertansL. D. Stroop, das junge, hoffnungsvolle Fräulein Ida Holberg die Abrechnung mit dem Leben. Die jugendliche Selbstmörderin bittet in einem hinterlassenen Schreiben, ihren Tod niemand zur Last zu legen, allein die Umgebung, in der der traurige Vorfall sich abgespielt hat, ruft die Annahme hervor, dass er einen romantischen Hintergrund habe. Nach Angaben des Wohnungsinhabers, hat die Verschiedene, während einer heftigen Auseinandersetzung, nachdem sie etwas auf ein Stück Papier geschrieben, plötzlich seinen, Stroops, für eine Reise vorbereiteten Revolver ergriffen und, bevor die Anwesenden noch etwas zu tun vermochten, sich eine Kugel in die rechte Schläfe geschossen. Die Lösung des Rätsels wird dadurch erschwert, dass der Diener des Herrn Stroop, Fjodor Wassiljew Solowjew, Bauer aus dem Gouvernement Orel, am selben Tage spurlos verschwunden ist, und dass die Personalien der Dame, die eine halbe Stunde vor dem fatalen Ereignis die Stroopsche Wohnung betreten hat, wie der Grad ihres Einflusses auf die tragische Lösung bisher nicht festgestellt werden konnten. Die Untersuchung ist eingeleitet.“
Am Frühstückstische schwiegen alle und im Zimmer, das von Naphthalingeruch erfüllt war, hörte man nur das Ticken der Uhr.
„Nata, was war denn da? Nata? Du weisst es doch?!“ schrie Wanja ausser sich, aber Nata fuhr fort mit der Gabel auf dem leeren Teller zu zeichnen und sagte kein Wort.
„Denk nur, Wanja, wie sonderbar das ist: ein fremder Mensch, ein ganz fremder Mensch, andere Beine hat er und andere Haut und andere Augen, und doch ist er ganz dein Eigen, ganz, ganz. Überall kannst du ihn betrachten, küssen, berühren; und jedes Fleckchen auf seinem Körper, wo es auch sein möge, und die goldenen Härchen, die auf den Armen wachsen, und jede Furche, jede Vertiefung der Haut, die über alles Mass geliebt hat, es ist alles dein. Und du kennst alles: wie er geht, wie er isst, wie er schläft, wie sich die Fältchen in seinem Gesicht verziehen, wenn er lächelt, wie er denkt, weisst du und wie sein Körper riecht. Und dann kommt es über dich, dass du glaubst, du bist nicht mehr du selbst, sondern es ist, als wärest du und er ein und dasselbe: mit deinem Fleische, mit deiner Haut pressest du dich an ihn, und wenn dann die Liebe in dir ist, Wanja, dann gibt es kein grösseres Glück auf Erden; aber ohne Liebe ist es unerträglich, unerträglich. Und ich sage dir, Wanja, es ist leichter, liebend nicht zu besitzen, als besitzen ohneLiebe! Die Ehe, die Ehe: nicht das ist ein Sakrament, was der Priester einsegnet, und wenn dann Kinder kommen: die Katze da, die wirft viermal im Jahre; aber wenn die Seele in Verlangen entbrennt sich einem andern hinzugeben und ihn ganz zu nehmen, und sei es nur für eine Woche, nur für einen Tag, und wenn bei beiden die Seele in Flammen loht, dann ist’s ein Zeichen, dass Gott sie vereint hat. Sünde ist es mit kaltem Herzen oder aus Berechnung nehmen oder sich hingeben, wen aber der feurige Finger berührt hat, der bleibt rein vor dem Herrn, was er auch tun möge. Was er auch getan haben möge, wen der Geist feuriger Liebe berührt hat, alles wird ihm vergeben werden, denn er ist dann schon nicht mehr Herr seiner selbst, der Geist erfüllt ihn, er handelt in Verzückung . . .“
Und Marja Dmitrijewna war erregt aufgestanden, ging bis zum nächsten Apfelbaum, und kam zurück und liess sich wieder auf der Bank neben Wanja nieder, von wo aus man einen Teil der Wolga, unendliche Wälder auf dem anderen Ufer und weit nach rechts eine weisse Dorfkirche jenseits des Flusses sehen konnte.
„Es ist schrecklich, Wanja, wenn die Liebe uns berührt; freudig und doch schrecklich; als flöge man, ist es, und fiele immer tiefer, oderals stürbe man, wie man das zu träumen pflegt; und dann sieht man immer nur eins, das, was im Gesicht des Geliebten uns traf: ob’s nun die Augen sind oder die Haare oder sein Gang. Und es ist doch sonderbar: man sieht das Gesicht — was ist denn Besonderes darin? Eine Nase in der Mitte, ein Mund, zwei Augen. Was erregt uns denn so, was fesselt uns in diesem Gesicht? Und man sieht doch viele Gesichter, und hübsche darunter, man hat seine Freude daran, wie an einer Blume oder an einem Stück Brokatstoff, und ein anderes Gesicht ist gar nicht hübsch und doch dreht’s uns die Seele im Leibe um, und nicht allen, nein, nur dir allein und nur dieses Gesicht: woher kommt das? Und noch eins,“ setzte die Sprecherin zögernd hinzu, „Männer lieben Weiber und Weiber lieben Männer, man sagt es kommt vor, dass auch Weiber Weiber lieben und Männer Männer, man sagt es soll vorkommen, ich habe selbst in den Legenden der Heiligen davon gelesen: von der heiligen Jewgenia, von den heiligen Nifont, Pawnutj Borowski; dann auch vom Zaren Iwan Wassiljewitsch, dem Grausen. Ja, und es ist auch nicht schwer daran zu glauben, kann denn nicht Gott auch diesen Stachel in das Menschenherz drücken? Und es ist schwer, Wanja, gegen das zu kämpfen, was in uns gelegt ist, und es ist vielleicht auch Sünde.“
Die Sonne war fast schon hinter dem fernen zackigen Forst verschwunden und der an drei Windungen sichtbare Spiegel der Wolga leuchtete in Gelb und rosigem Golde auf. Marja Dmitrijewna blickte stumm zu den dunklen Wäldern am anderen Ufer und zum verblassenden Abendrot am Himmel hinüber; auch Wanja schwieg, den Mund halb geschlossen, als fahre er fort, Marja Dmitrijewna mit seinem ganzen Wesen zu lauschen, dann sagte er plötzlich halb traurig und halb verurteilend:
„Aber es kommt doch vor, dass die Menschen auch so sündigen: aus Neugier oder aus Stolz, aus Eigennutz.“
„Ja, es kommt vor, was kommt nicht alles vor! Das ist dann ihre Sünde,“ gestand Marja Dmitrijewna gedrückt, ohne ihre Stellung zu ändern, und ohne sich Wanja zuzuwenden, „aber die, denen es eingegeben ist, die haben es schwer, ach Wanja, so schwer! Ich murre nicht; anderen mag ja das Leben leichter werden, aber es ist ohne Zweck, wie Suppe ohne Salz: sättigend, aber nicht schmackhaft.“
*
Nachdem man zuerst in den Wohnzimmern, auf der Veranda, im Flur, auf dem Hofe unter den Apfelbäumen das Mittagessen hatte decken lassen, setzte man sich jetzt im Keller zu Tische.Im Keller war es dunkel, es roch nach Malz, Kohl und ein wenig auch nach Mäusen, aber es hiess, dass es hier nicht so heiss sei, und dass es keine Fliegen gäbe; der Tisch wurde gerade vor die Tür gestellt, um mehr Licht zu haben, und wenn Malanja, die fast im Laufschritt mit den Speisen über den Hof daherkam, vor der Kellertür stehenblieb, um im Dunkeln die Stufen hinunterzusteigen, wurde es noch finsterer und die Köchin unterliess es niemals zu knurren: „Das ist aber eine Finsternis, Gott verzeih’s! Sag nun ein Mensch, was sie sich ausdenken, wohin sie sich verkrochen haben!“ Mitunter, wenn es zu lange dauerte, lief der kraushaarige Sergej, der Gehilfe aus dem Laden, welcher zusammen mit Iwan Ossipowitsch zu Hause ass, das Essen holen; und wenn er dann die Speisen über den Hof trug und die Schüssel mit beiden Händen hoch emporhob, trottete auch die Köchin, einen Löffel oder eine Gabel in der Hand, hinter ihm her und schrie: „Ja, was soll denn das, als ob ich das Essen nicht selbst bringen könnte?! Wozu war es nötig, Sergej zu jagen? Ich hätte es ja bald gebracht . . .“
„Sie hätten es bald gebracht und ich bringe es gleich,“ parierte Sergej, der selbstzufrieden mit dem Geschirr klappernd, die Schüssel vor Arina Dmitrijewna hinstellte und sich auf seinenPlatz zwischen Iwan Ossipowitsch und Sascha setzte.
„Und wozu hat nur Gott eine solche Hitze erdacht?“ forschte Sergej. „Niemand braucht sie: das Wasser trocknet aus, die Bäume verdorren, — alle haben es schwer . . .“
„Die Felder brauchen die Hitze.“
„Und auch den Feldern bringt Hitze zu unrechter Zeit und ohne Mass keinen rechten Nutzen. Aber ob nun zu rechter Zeit oder nicht, alles ist von Gott gesandt.“
„Wenn’s nicht zur rechten Zeit ist, dann ist es eben eine Prüfung für Sünden.“
„Da aber wurde bei uns“, mischte sich Iwan Ossipowitsch in die Unterhaltung, „ein Greis vom Hitzschlage getroffen, der niemand gekränkt hatte und gerade auf der Pilgerfahrt war, und doch hat ihn der Hitzschlag getötet. Wie soll man denn das deuten?“
Sergej triumphierte schweigend.
„So hat er eben für andre, nicht für seine eigenen Sünden gebüsst,“ entschied Prochor Nikititsch mit nicht ganz überzeugtem Ton.
„Wie ist denn das? Andre werden saufen und sich herumtreiben und der Herr wird, statt ihrer, schuldlose Greise totschlagen?“
„Oder — entschuldigen Sie den Vergleich — Sie zahlten Ihre Schulden nicht und michwürde man ins Loch stecken an Ihrer Statt; wäre das denn gut?“ bemerkte Sergej.
„Iss lieber deine Suppe, statt dummes Zeug zu schwatzen, warum und wozu! Selbst lebst du wozu? Du denkst von der Hitze, dass sie zu nichts da sei, und sie denkt vielleicht von dir, dass du, Sergej, zu nichts da bist.“
Nachdem man sich gesättigt hatte, trank man lange und schwerfällig Tee mit Äpfeln oder Eingemachtem. Sergej fing wieder an zu räsonieren.
„Oft ist es sehr beschwerlich, zu begreifen, wie was verstanden werden muss; nehmen wir ein Beispiel: ein Soldat tötet einen Menschen und ich töte einen Menschen; er bekommt das Georgskreuz dafür und mich schickt man nach Sibirien, — weshalb ist das so?“
„Wo sollst du das verstehen? Ich frage aber: es lebt ein Mann mit seiner Frau und ein Junggeselle hat ein Verhältnis mit einem Weibsbilde; mancher wird sagen, das ist ganz dasselbe, und ist doch ein grosser Unterschied. Worin besteht aber dieser Unterschied?“
„Das weiss ich nicht,“ meinte Sergej aufhorchend.
„Stellen wir uns vor: der erste Fall,“ sagte Prochor Nikititsch, als suche er nicht nur nach Worten, sondern auch nach Gedanken, „— der erste Fall: der Verheiratete hat nur mit seinemWeibe zu schaffen, das ist eins; das andere ist, dass sie still, friedlich miteinander leben, sich aneinander gewöhnt haben, und der Mann liebt seine Frau genau so, wie er seine Grütze isst und seine Leute schilt, jene aber haben nur Dummheiten im Kopfe, nur hi-hi und ha-ha, weder Beständigkeit noch Anstand; deshalb ist das eine Gesetz und das andere Sünde. Nicht in der Handlung liegt die Sünde, sondern in der Anwendung, das heisst, welche Verwendung eine Handlung findet.“
„Erlauben Sie, aber es kommt doch vor, dass auch ein Ehemann seine Gattin mit Beben des Herzens anbetet, und ein anderer hat sich an seine Geliebte so gewöhnt, dass es ihm einerlei ist, ob er sie küsst oder eine Mücke zerdrückt: wo soll man denn da unterscheiden, was Gesetz ist und was Sünde?“
„So etwas ohne Liebe zu tun ist nichts anderes, als unrein,“ warf Marja Dmitrijewna plötzlich dazwischen.
„Du sagst da ‚unrein‘, aber es genügt nicht, ein Wort zu wissen, man muss auch seine Kraft kennen. Es steht geschrieben: ‚unrein‘ ist ein Götzenopfer; Hasen essen zum Beispiel ist ‚unrein‘; jenes aber ist Sünde!“
„Nun hört ihr bald auf mit euren Gesprächen! Das gehört nicht vor Knabenohren,“ rief Arina Dmitrijewna.
„Nun, was ist denn dabei, sie können das schon selbst verstehen. Nicht wahr, Iwan Petrowitsch?“ wandte sich der alte Sorokin an Wanja.
„Was das?“ fuhr der auf.
„Wie denken Sie über das alles?“
„Wissen Sie, es ist sehr schwer, über fremde Angelegenheiten zu urteilen.“
„Da haben Sie die Wahrheit gesagt, lieber Wanja,“ freute sich Arina Dmitrijewna, „und urteilen Sie auch niemals darüber: es steht auch geschrieben: ‚Richtet nicht, auf dass ihr nicht gerichtet werdet‘.“
„Nun, es gibt Leute, die richten nicht und werden doch gerichtet,“ warf Sorokin hin und erhob sich vom Tische.
*
Auf der Anlegestelle und auf dem Dampferstege waren nur die Hökerinnen zurückgeblieben, die Semmeln, Fische, Himbeeren und saure Gurken feil hatten; die Lastträger in bunten Hemden standen ans Geländer gelehnt und spien ins Wasser, und Arina Dmitrijewna, die den alten Sorokin auf den Dampfer begleitet hatte, setzte sich neben Marja Dmitrijewna in der breiten Jagddroschke zurecht.
„Wie haben wir nur die Kuchen vergessen können, Marja? Prochor Nikititsch liebt sie so zum Tee.“
„Ich habe sie ja an die sichtbarste Stelle gelegt und hernach ist’s doch zu nichts nütze gewesen.“
„Du hättest doch daran erinnern können, Parfjon!“
„Wie sollte ich denn? Wenn Sie sie irgendwo draussen vergessen hätten, würde ich schon gerufen haben, aber in die Zimmer bin ich doch nicht hineingegangen,“ rechtfertigte sich der alte Arbeiter.
„Iwan Petrowitsch, Sascha! Wohin geht ihr denn?“ rief Arina Dmitrijewna den jungen Leuten zu, die schon die Höhe hinaufzusteigen begannen.
„Wir gehen zu Fuss, Mamachen, auf dem Fusswege kommen wir noch früher an als ihr.“
„Nun, geht, geht, habt ja junge Füsse. Aber fahren Sie nicht lieber, Iwan Petrowitsch?“ wollte sie Wanja überreden.
„Nein, es macht nichts, wir gehen zu Fuss, danke schön,“ rief der von oben herüber.
„Da ist der Ljubimowsche Dampfer angekommen,“ bemerkte Sascha, seine Mütze abnehmend, und wandte sein etwas beschwitztes, gerötetes Gesicht dem Winde zu.
„Ist Prochor Nikititsch für lange fortgefahren?“
„Nein, er bleibt nicht länger, als bis zum Peterstage an der Unsha, da gibt’s nicht viel zutun, man muss bloss nach dem Stande der Arbeit sehen.“
„Fahren Sie denn niemals mit Ihrem Vater mit, Sascha?“
„Ich fahre fast jedesmal mit ihm, nur weil Sie bei uns zu Gaste sind, bin ich dieses Mal nicht mitgefahren.“
„Weshalb sind Sie denn nicht gefahren? Weshalb lassen Sie sich durch mich stören?“
Sascha stülpte wieder die Mütze auf sein nach allen Seiten auseinandergewehtes, schwarzes Haar und meinte lächelnd:
„Das ist ja gar keine Störung, lieber Wanja, ich bin sehr froh, mit Ihnen sein zu können. Natürlich, wenn ich nur mit Mama und Tante allein zu Hause geblieben wäre, würde ich mich gelangweilt haben, so aber bin ich sehr froh“; nach einigem Schweigen fuhr er, wie im Nachdenken fort: „ich bin doch häufig an der Unsha, Wetluga, Moskwa und seh’ doch nichts, ausser meinem Geschäft, wie ein Blinder! Überall nur Wald, und von Holz und über Holz: wieviel es kostet und was die Abfuhr zu stehen kommen wird, und wieviel Bretter sich herausschneiden lassen und wieviel Balken — das ist alles! Papachen ist nun einmal schon so veranlagt und erzieht mich ebenso. Und wohin wir auch kommen, gleich geht’s zu den Waldhändlern, in die Teehäuser und überall ein und dasselbe Gespräch.Das ist langweilig, wissen Sie! In der Art, wie zum Beispiel ein Baumeister, der immerfort nur Kirchen baute, und nicht einmal ganze Kirchen, sondern nur die Gesimse an den Kirchen; und er würde die ganze Welt durchwandern und sähe nur Kirchengesimse, ohne die verschiedenartigen Menschen zu bemerken, ohne die Bäume und die Blumen dieser Gegenden zu gewahren — nichts würde er gesehen haben, nur seine Gesimse. Der Mensch muss wie ein Fluss sein, oder wie ein Spiegel — was sich in ihm spiegelt, das muss er auch aufnehmen; dann werden in ihm auch, wie in der Wolga, Sonne und Wolken sein, Wälder und hohe Berge, und Städte mit Kirchen, — für alles muss man das gleiche Interesse haben, dann vereinigt man auch alles in sich. Wenn aber den Menschen nur eins erfasst, den verschlingt es auch, am meisten der Eigennutz oder auch noch das Göttliche.“
„Das heisst, was meinen Sie mit dem Göttlichen?“
„Nun, sagen wir, die kirchlichen Fragen. Wer immer nur an sie denkt und über sie liest, der kann kaum etwas anderes verstehen.“
„Wieso denn? Es gibt doch sogar Bischöfe, die Weltliches nicht scheuen, selbst unter Ihren Glaubensgenossen, zum Beispiel Erzbischof Inokentij.“
„Natürlich gibt es solche, und wissen Sie,meiner Meinung nach, tun sie nicht recht daran: man kann nicht guter Offizier und Kaufmann sein, nicht alles gleich gut verstehen. Deshalb beneide ich Sie auch von ganzer Seele, Wanja, weil niemand aus Ihnen nur eins machen will, sondern, dass Sie alles wissen und alles verstehen, nicht, wie zum Beispiel ich, und doch sind Sie nicht älter, als ich.“
„Nun, wo weiss ich denn alles, im Gymnasium lernen wir ja nichts!“
„Immerhin ist es besser, nichts zu wissen, als nur das eine zu wissen, dass man alles begreifen kann.“
Unten wurde das dumpfe Rollen von Wagenrädern vernehmlich und weit in der Ferne hörte man über dem Wasser laut schimpfen und das Plätschern von Rudern.
„Die Unsrigen kommen lange nicht.“
„Sie sind wohl zu Loginow angefahren,“ bemerkte Sascha und setzte sich neben Smurow ins Gras.
„Sind wir denn im gleichen Alter?“ fragte der, zur Wolga hinüberblickend, wo Wolkenschatten über die Wiesen glitten.
„Gewiss, wir sind fast im selben Monat geboren, ich habe Larion Dmitrijewitsch gefragt.“
„Kennen Sie eigentlich Larion Dmitrijewitsch gut, Sascha?“
„Nicht allzu gut; wir haben uns ja erst vorkurzer Zeit kennen gelernt; und er ist auch nicht ein Mensch, den man auf den ersten Blick kennen lernt.“
„Haben Sie gehört, was für eine Geschichte ihm passiert ist.“
„Ich habe davon gehört, ich war damals noch in Petersburg; aber ich glaube nur, dass das alles nicht wahr ist.“
„Was ist nicht wahr?“
„Dass dieses Fräulein sich nicht selbst das Leben genommen hat. Ich habe das Fräulein einmal gesehen. Larion Dmitrijewitsch zeigte sie mir einmal im Garten: so eine Sonderbare. Ich sagte Larion Dmitrijewitsch schon damals: ‚denken Sie an mein Wort, dieses Fräulein nimmt kein gutes Ende.‘ Sie war, als sei sie nicht von dieser Welt.“
„Larion Dmitrijewitsch braucht sie ja gar nicht erschossen zu haben, kann aber doch der Urheber ihres Selbstmordes sein.“
„Nein, lieber Wanja, wenn sich jemand um etwas kränkt, was ihn nicht angeht und er legt Hand an sich, daran trägt niemand die Schuld daran.“
„Aber legen Sie Stroop das zur Last, weswegen sich Ida Holberg erschossen hat?“
„Weswegen hat sie sich denn erschossen?“
„Ich glaube, Sie wissen das selbst?“
„Wegen Fjodor?“
„Mir scheint es so,“ antwortete Wanja verlegen.
Sorokin schwieg lange, und als Wanja die Augen aufschlug, sah er, dass jener ganz gleichgültig, ja, ärgerlich auf die Strasse hinunterblickte, wo jetzt der Wagen mit Parfjon sichtbar wurde.
„Weshalb antworten Sie nicht, Sascha?“
Der warf einen flüchtigen Blick auf Wanja und sagte geärgert und einfach:
„Fjodor ist ein simpler Bursche, ein Bauernjunge, hat es einen Sinn, sich seinetwegen zu erschiessen? In solchem Falle dürfte Larion Dmitrijewitsch weder einen Kutscher für seine Pferde, noch einen Portier für seine Tür halten und nicht zum Arzte gehen, wenn er Zahnschmerzen hat. Damit es keinen Fjodor gäbe, müsste . . . . .“
„Wartet ihr uns schon?“ rief Arina Dmitrijewna, aus der Droschke steigend, während Parfjon und Marja Dmitrijewna die Säcke und Beutel aus dem Wagen herausholten und der schwarze Hofhund sie bellend umsprang.
*
Am Peterstage wollte man in ein altgläubiges Kloster fahren, das etwa vierzig Werst jenseits der Wolga lag, um an einem so hohen Feiertage den Gottesdienst mit einem Priester zuhören und Anna Nikanorowna, eine entfernte Verwandte von Sorokins, besuchen, die in der Klosterzeidlerei lebte; nach Tscheremschany zu fahren, wo die Töchter Prochor Nikititschs lebten, verschob man auf den Eliastag, um dort bis zum Schlusse der Messe in Nishni zu bleiben, die auch Wanja besuchen wollte. Im September sollten die Frauen aus Tscheremschany, die Männer aus Nishni zurückkehren, und Wanja sollte schon Ende August geraden Wegs, ohne hierher zurückzukommen, nach Petersburg reisen. Ein paar Tage vor dem Aufbruch, als alles schon gepackt war, und alle beim Abendtee sassen und sich zum zehntenmal darüber unterhielten, wohin und für wie lange jeder fahren werde, bekam Wanja, der seit seiner Ankunft noch keinen erhalten hatte, mit der Abendpost gleich zwei Briefe. Einer kam von Anna Nikolajewna, sie bat ihn, sich in Wassilsursk nach einem kleinen Landhause, nicht teurer als sechzig Rubel, umzusehen, weil Nata schliesslich so nervös geworden, dass sie unmöglich in der Nähe von Petersburg auf dem Lande leben könne; Koka sei, um seinen Kummer zu zerstreuen, nach Nodendal bei Hangö gereist, und Alexej Wassiljewitsch, Onkel Kostja und Boba würden ganz einfach in der Stadt bleiben. Der zweite Brief war von Koka, wo er unter Phrasen seines Schmerzes über ‚den Toddieses idealen Mädchens, das dieser Taugenichts ins Verderben gestürzt‘, berichtete, dass das Kurhaus sich in nächster Nähe befinde und es eine Menge Damen gäbe, dass er den ganzen Tag Veloziped fahre usw. usw.
„Weshalb schreibt er mir das alles?“ dachte Wanja, nachdem er den Brief durchgelesen hatte; „hat er niemand ausser mir, mit dem er davon sprechen kann?“
„Meine Tante und Cousine bitten mich, ein Landhaus für sie zu suchen, sie wollen hierher kommen.“
„Das trifft sich gut, die Hermannsche hat, glaub’ ich, gerade eins leer stehen, es wollten Leute aus Astrachanj kommen, aber bis jetzt sind sie noch nicht da; da hätten auch Sie es nicht weit.“
„Fragen Sie sie doch, Arina Dmitrijewna, ob sie es nicht für sechzig Rubel abgeben will und überhaupt, wie es damit bestellt ist.“
„Sie gibt es auch für fünfzig, seien Sie nur ruhig, ich besorge schon alles.“
Wanja war in sein Zimmer gegangen und sass noch lange, ohne Licht zu machen, am Fenster und dachte an Petersburg, die Kasanskis, Stroop und seine Wohnung, und ohne zu wissen weshalb, besonders an Fjodor, wie er ihn zum letzten Male gesehen hatte, im rotseidenen Hemde ohne Gürtel, mit dem Lächelnim geröteten, aber der Röte ungewohnten Gesicht, in der Hand die Karaffe; er zündete ein Licht an, holte den Band Shakespeare mit ‚Romeo und Julia‘ hervor und versuchte zu lesen; er hatte kein Wörterbuch und verstand ohne Stroop nur den geringsten Teil, aber ein Strom von Schönheit und Leben ergriff ihn, wie nie vorher, als wäre etwas Verwandtes, schon längst nicht Gesehenes, Halbvergessenes wieder lebendig geworden und hielte ihn mit heissen Armen umfasst. Es klopfte leise an die Tür.
„Wer ist da?“
„Ich, kann ich hineinkommen?“
„Bitte.“
„Entschuldigen Sie, ich habe Sie gestört,“ sagte Marja Dmitrijewna eintretend, „ich habe Ihnen einen ledernen Rosenkranz gebracht, wie wir Altgläubigen sie gebrauchen, packen Sie ihn in Ihren Koffer.“
„Ah, schön.“
„Was lasen Sie da?“ fragte Marja Dmitrijewna, die zögerte, hinauszugehen. „Ich dachte mir, ob es nicht das Andachtsbuch ist, aus dem Sie lesen.“
„Nein, es ist ein Stück, ein englisches Stück.“
„So? und ich dachte es sei das Andachtsbuch. Die Worte konnte man nicht verstehen, aber man hörte, dass Sie etwas mit Ausdruck lasen.“
„Habe ich denn laut gelesen?“ wunderte sich Wanja.
„Wie denn sonst? . . . Ich lege den Rosenkranz auf das Regal . . . Gute Nacht.“
„Gute Nacht.“
Und Marja Dmitrijewna entfernte sich lautlos, nachdem sie die Lämpchen vor den Heiligenbildern in Ordnung gebracht hatte, und schloss leise, aber fest, die Tür hinter sich. Wanja sah erstaunt, als sei er eben erwacht, auf den Schrank mit den Heiligenbildern, auf das Lämpchen davor, die mit Eisen beschlagene Truhe in der Ecke, das aufgemachte Bett, den festen Tisch am Fenster mit den weissen Gardinen, hinter denen man den Garten und den gestirnten Himmel sehen konnte. Dann klappte er das Buch zu und verlöschte das Licht.
*
„Was für eine Menge Vergissmeinnicht auf dem Sumpfe blühen!“ rief Marja Dmitrijewna ein Mal über das andere, als sie die sumpfige Wiese entlang fuhren, die ganz mit hohem Sumpfgrase und den blauen Blumen bedeckt war, auf denen mit den glänzenden Flügeln und grünlichen Körpern leise zitternde Libellen sassen. Sie war mit Wanja hinter dem ersten Wagen zurückgeblieben, in dem Arina Dmitrijewna mit Sascha fuhr. Bald stieg MarjaDmitrijewna aus dem Wagen und ging den Fussweg dem Sumpf und Wald entlang, bald stieg sie wieder ein, dann wieder ordnete sie die gepflückten Blumen, sang etwas vor sich hin, und unterhielt sich die ganze Zeit mit Wanja, als spräche sie mit sich selbst; sie schien trunken von der Sonne, dem blauen Himmel und den blauen Blumen. Und Wanja blickte mit fast herablassender Teilnahme in das strahlende und wie das eines Backfisches jung gewordene Gesicht dieser dreissigjährigen Frau.
„In Moskau hatten wir einen wunderschönen Garten, wir wohnten in der Samoskworetschje: Apfelbäume, Flieder blühten, in einer Ecke war ein Quell und ein Strauch schwarzer Johannisbeeren; im Sommer fuhren wir nirgendwohin, so sass ich denn den ganzen Tag im Garten; dort kochte ich auch den Beerensaft für den Winter ein . . . . Ich liebe so barfuss über die heisse Erde zu gehen, Wanja, oder im Flusse zu baden, man sieht durch das Wasser seinen Körper, sieht wie die vom Wasser zurückgeworfenen Sonnenflecken über ihn hingleiten und wenn man untertaucht und die Augen öffnet, dann ist alles so grün, und man kann die Fischchen vorbeihuschen sehen, und hernach legt man sich in den heissen Sand zum Trocknen, ein Windhauch weht vorüber. Wunderbar! Und am besten ist es, wenn man alleinliegt, keine Freundin dabei ist. Und es ist nicht wahr, was die alten Weiber sagen, dass der Körper Sünde ist, die Blumen, die Schönheit — Sünde, sich baden — Sünde. Hat nicht Gott dies alles geschaffen: das Wasser und die Bäume und den Körper? Sünde ist es, sich dem Willen des Herrn zu widersetzen: wenn jemand für etwas eine Bestimmung hat, zum Beispiel, wenn er nach etwas strebt, ihm dieses verbieten, das ist Sünde! Und wie muss man sich beeilen, Wanja, es lässt sich gar nicht sagen wie! Wie eine gute Hausfrau sich rechtzeitig mit Kohl und Gurken versorgt, weil sie weiss, dass sie später sie nicht bekommen wird, so müssen auch wir uns zu rechter Zeit sattsehen und sattlieben und sattatmen, Wanja! Wie lange währt unser Leben? Und die Jugendzeit ist noch kürzer, und der Augenblick, der vorübergeht, kehrt nie mehr wieder; und daran müsste man sich immer erinnern, dann wäre alles doppelt so süss, wie einem neugebornen Kinde, das eben erst die Augen aufgetan, oder wie einem Sterbenden.“
In der Ferne hörte man die Stimmen Arina Dmitrijewnas und Saschas; hinten holperte Parfjons Wagen über den Faschinenweg, die Fliegen summten, es roch nach Gras, Sumpf und Blumen; es war heiss und Marja Dmitrijewna sass in schwarzem Kleide, das weisse Kopftuch aufgeknüpft, von Müdigkeit und Hitzeblass geworden, mit strahlenden dunklen Augen, etwas gebeugt neben Wanja im Wagen und ordnete die gepflückten Blumen.
„Es ist mir ganz dasselbe, ob ich für mich denke oder mit Ihnen denke, lieber Wanja, oder mit Ihnen spreche, weil Sie eine kindliche Seele haben.“
Bei einer Wendung des Weges öffnete sich ein Blick auf eine grosse Lichtung und auf ihr stand ein Haufen Häuser mit den Türen nach innen; viele dieser Häuser hatten überhaupt keine Fenster oder bloss Fenster im oberen Geschoss, das machte sie Scheunen ähnlich, sie standen, von der Zeit grau geworden, in einen Haufen zusammengedrängt da, ohne dass man eine Strasse gewahrte oder Leute sah, nur das Hundegebell im Kloster begrüsste den bestaubten Wagen, in dem Arina Dmitrijewna und Sascha sassen.
*
Nach der Messe machten sich Sorokins und Wanja zum Einsiedler Leontij auf, der eine halbe Werst vom Kloster in der Zeidlerei lebte. Als sie durch den schattigen Waldstreifen auf die Lichtung hinaustraten, wo man unter dem hohen Grase und den Blumen einen unsichtbaren Bach in seiner Holzrinne rauschen hören konnte, berichtete Arina Dmitrijewna Wanja über den Einsiedler Leontij:
„Aus der grossrussischen Kirche ist er zur wahren Kirche übergetreten, schon lange, es ist an die dreissig Jahre her und schon damals war er nicht mehr jung. Ein starker Greis, ein Eiferer ist er, vier Jahre stand er vor Gericht, zwei Jahre hat er in Susdalj verbüsst; er ist gross im Fasten und betet mit einem Eifer, wie ein aufgezogenes Uhrwerk! Und alles sieht er voraus . . . Wanja, sagen Sie ihm lieber nicht, dass Sie zur griechisch-orthodoxen Konfession gehören, vielleicht nimmt er Anstoss daran.“
„Aber vielleicht unterweist er mich dann noch besser?“
„Nein, sagen Sie es ihm schon lieber nicht.“
„Gut, gut,“ sagte Wanja zerstreut und blickte interessiert zur niederen Hütte hinüber, die von rosenroten Malven umgeben war, und vor der ein grauhaariger Greis mit langem schmalem Barte und lebhaften, fröhlich dreinblickenden Augen sass, der ein weisses Gewand trug und ein Käppchen auf dem Kopfe hatte.
„Wie also der Pope zu mir nach oben kommt, geht er gleich an den Tisch und fängt an, im Evangelium herumzublättern: ‚Dein Glück, dass es eine erlaubte Ausgabe ist, sonst würde ich sie konfisziert haben, deine Porträts aber und die Handschriften, die nehme ich dir unbedingt weg.‘ Bei mir hingen nämlich die Bildnisse Semjon Denissows, Peter Filippows undnoch einiger anderer an der Wand. Ich war noch nicht alt und stark und sagte: ‚Das sollte mir grad noch fehlen, dass ich dir erlaubte, die Bilder anzurühren.‘ Der Diakon war ganz betrunken und meinte bloss stöhnend: ‚Vater, haltet ein!‘ Da warf der Pope mich aufs Bett und wollte mich aus einer Unterschale mit Tee begiessen, das sollte dann meine Taufe sein; aber ich wehrte mich und er musste mich loslassen. ‚Auf Wiedersehen,‘ sagte er, ‚wir sprechen uns noch.‘ Und wie ich hinausging, Sie zu begleiten, da packte er mich am Arm und stiess mich den Abhang hinunter.“
Und der Alte fuhr fort, als sage er eine Lektion auf, zu erzählen, wie er bei den Nekrassowzy in der Türkei gewesen, wie man ihn hatte ermorden wollen, wie über ihn gerichtet wurde, wie er im Klostergefängnis in Susdalj eingesperrt gewesen und wie ihn überall das Kreuz mit den Reliquien gerettet hatte, und er brachte tief gebeugt ein hohles Kreuz aus der Hütte heraus, auf dessen kupferner Fassung eingegraben stand: „Reliquien des heiligen Wundertäters Peter, des Metropoliten von Moskau, der heiligen rechtgläubigen Fürstin Fewronija von Murom, des heiligen Propheten Jonas, des heiligen rechtgläubigen Zarewitsch Dmitrij, unserer heiligen Mutter Maria von Ägypten.“
In der Hütte sah man Heiligenbilder auf den Wandbrettern stehen, das Licht der Lämpchen und der Kerzen schimmerte rötlich, auf dem Fensterbrett und auf dem Tische lagen Bücher, an einer Wand stand eine kahle Holzbank mit einem Scheit am Kopfende. Und der Einsiedler Leontij sprach mit singender Stimme und sah dabei Wanja mit lustigen Augen an, die nicht mit seinen Worten im Einklang standen:
„Sei standhaft im rechten Glauben, mein Sohn, denn was steht höher, denn der rechte Glaube? Er sühnt alle Sünden und führet in die Hallen des ewigen Lichtes. Das ewige Licht aber unseres Herrn Jesus Christus müssen wir lieben über alles in der Welt. Was ist ewig, was ist unvergänglich, wenn es nicht das lichte Paradies, der Seelen Rettung, ist? Lockt dich ein Blümlein — morgen wird es welken, liebst du einen Menschen — morgen wird er sterben: die hellen Äuglein verlöschen und fallen ein, die roten Wangen werden gelb, Haare und Zähne wirst du verlieren und du bist ganz der Würmer Beute. Wandelnde Leichen, das sind wir Menschen in dieser Welt.“
„Jetzt wird es ja leichter werden, man wird erlauben, altgläubige Kirchen zu bauen, öffentlichen Gottesdienst zu halten,“ versuchte Wanja den Alten abzulenken.
„Jage nicht dem nach, was leicht ist, sondernstrebe nach dem, was schwer ist! An dem, was leicht ist, an Freiheit und Reichtum, gehen die Völker zugrunde, aber in schweren Leiden bewahren sie ihren Glauben. Hinterlistig ist des Menschen Feind, geheim sind seine Ränke, und jede Gnade muss man darauf prüfen, woher sie kommen möge.“
„Woher rührt seine Verbitterung?“ fragte Wanja, als sie die Zeidlerei verliessen.
„Und sind denn die Menschen schuld daran, dass sie sterben müssen?“ stimmte Marja Dmitrijewna ihm bei. „Ich würde das nur noch mehr lieben, was bestimmt wäre, morgen unterzugehen.“
„Lieben kann man alles, man muss nur nicht sein Herz an eins allein hängen, damit es uns nicht verschlinge,“ bemerkte Sascha, der die ganze Zeit geschwiegen hatte.
„So ein Philosoph hat uns gerade noch gefehlt,“ sagte geringschätzend die Tante.
„Hab ich vielleicht keinen Kopf?“
„Und wie er bloss nicht erkannt hat, dass Sie nicht rechtgläubig sind? Aber vielleicht hat er vorausgesehen, dass Sie noch zum rechten Glauben kommen werden!“ sagte Arina Dmitrijewna, Wanja zärtlich ansehend.
Im Zimmer, das nur von einem Lämpchen vor dem Heiligenbilde beleuchtet wurde, war es fast ganz dunkel geworden; durchs Fenster konnte man den sattroten, nach oben zu gelblich abgetönten Abendhimmel sehen, von dem sich der schwarze Forst hinter der Lichtung abhob, und Sascha Sorokin, dessen schwarze Silhouette sich vom Fenster abzeichnete, das im Abendrot leuchtete, fuhr fort:
„Das ist schwer zu vereinigen! Wie einer von den Unsrigen einmal sagte: ‚Wie soll man nach dem Theater zu Jesus beten? Es ist leichter, jemand totzuschlagen.‘ Und tatsächlich, morden, stehlen, ehebrechen, das kann man unabhängig vom Glauben, den man hat, aber den ‚Faust‘ verstehen und dann mit Überzeugung den Rosenkranz herunterbeten, das ist undenkbar, das hiesse wahrhaftig den Teufel herausfordern. Und wenn der Mensch nicht sündigt und die Gebote hält, aber von ihrer Notwendigkeit und Heilsamkeit nicht überzeugt ist, so ist das schlimmer, als wenn er sie nicht hielte, aber glaubte. Und wie soll man glauben, wenn man keinen Glauben hat? Wie soll man nicht wissen, was man weiss, vergessen, woran man sich erinnert? Und da darf man nicht urteilen: dies ist weise und ich werde es erfüllen, und jenes sind Nichtigkeiten: wer heisst uns so zu urteilen? Solange die Kirche sie nichtaufgehoben hat, müssen wir alle ihre Vorschriften befolgen, und müssen die weltlichen Künste meiden, dürfen uns nicht von Ärzten behandeln lassen, die einen anderen Glauben haben, müssen alle Fasten halten. Den alten orthodoxen Glauben können nur die Einsiedler im Walde halten; weshalb aber soll ich mich als das bezeichnen, was ich nicht bin, und was zu sein ich nicht für nötig halte? Und wie kann ich glauben, dass nur unser Häuflein gerettet werden wird, und dass die ganze Welt in Sünden versunken ist? Und wenn ich das nicht glaube, wie kann man mich dann einen Altgläubigen nennen? So ist es auch hart, einen Glauben, eine Lebensauffassung, die keine anderen dulden, anzunehmen, und wenn man sie alle zugleich begreift, kann man in keinem rechtgläubig sein.“