Es war das Hungerjahr – für alle fleischfressende Kreatur der nördlichen Wildnis ein Jahr voll nie unterbrochenen Lauerns, hellster Wachsamkeit, ungeahnt heftiger Fehde. In diesem Jahre brach jede Schonung, jeglicher Vertrag.
Denn es war das Jahr ohne Kaninchen! Was kaum einmal in Jahrzehnten vorkommt, ihre schwärmenden Rudel waren auf rätselhafte Art verschwunden, als hätte eine Pestilenz sie ausgerottet oder als hätte eine Laune unbekannter Mächte sie ins Exil verstoßen. Seitdem herrschte Anarchie in der Wildnis, denn das Kaninchen ist dort die letzte Auskunft, der große Erhalter des Friedens. Das Kaninchen ist es, das unter den gefährlich selbständigen und unleitbaren Jägern und Räubern dem Leben eine gewisse Gleichmäßigkeit gibt. Auf seine unerschöpfliche Fruchtbarkeit, auf den Vorrat an Nahrung, den es mit der Legion seiner lebendigen Körper bietet, sind alle anderen Leben angewiesen. Die leichte Jagd auf Kaninchen befriedigt den Blutdurst der Raubtiere. Dank dieser mühelosen Jagd können die Raubtiere des Waldes sich nutzlose Kämpfe ersparen, und indem sie eins das Leben der anderen schonen, vermeiden sie Gefahren und unnützes Blutvergießen. Denn, mit Ausnahme mancher Männchen in der Brunstzeit,suchen nur wenige Raubtiere den Kampf um des Kampfes willen. Mit einem Gegner von annähernd gleicher Tüchtigkeit lassen sie sich nur dann ein, wenn es die Verteidigung ihrer Jungen gilt. Ein zu kostspieliger Sieg ist ja meist so schlimm wie eine Niederlage. Er schwächt auch den Sieger, daß er dem nächsten Feind, den der Zufall über seinen Weg führt, zur leichten Beute wird.
Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich, wenn man unter den größeren Tieren manchmal so etwas wie Waffenstillstand beobachten kann, soweit er die hilflosen Jungen angeht. Es handelt sich da nicht um Wohlwollen, es ist einzig und allein die Frage kühler Ueberlegung. Werden aber ihre Jungen bedroht, dann sind selbst die Schwachen gefährlich, die Starken von unversöhnlichem Rachedurst. Im allgemeinen gilt deshalb unter gleich Starken das Beschleichen von Brutplätzen nicht als gute Jagd. Die Gefahr ist zu groß für den Gewinn. Als jedoch die Kaninchen verschwunden waren, hatte sich alles geändert. Da wurde jede Jagd gute Jagd.
Man kann sich schwer vorstellen, daß diese kleinen, huschenden, schlau-äugigen Tierchen im Haushalt der Wildnis eine so bedeutsame Rolle spielen. Dennoch war kein Tier so stark oder hochmütig, daß es bei ihrem Verschwinden gleichgültig geblieben wäre. Der Mensch sogar wurde davon betroffen; denn jetzt kamen die Füchse und die Wildkatzen seiner Siedlung nahe, pürschten sich an die Hühnerhöfe und die Weideplätze abgelegener Farmen. Auch die großen Pflanzenfresser, Hirsche, das Renntier und sogar das gewaltige Elen wurden von der plötzlich einreißenden Anarchie ergriffen. Jetzt mußten Elen und Renntier ihre Jungen mit einer Wachsamkeit behüten, wie nie zuvor. Dieschwächeren Tiere aber bekamen Feinde, die sie bisher kaum beachtet hatten, die aber grausam gefährlich wurden.
Von allen Bewohnern der Wildnis war der Bär am wenigsten betroffen. Er hatte nie mehr als einen gleichgültigen Seitenblick für ein so geringes Wesen wie das Kaninchen gehabt, und solange er im Forst Wurzeln, Früchte und Schwämme, Maden und Käfer, Ameisen und Honig fand, spielte Fleischnahrung für ihn kaum eine Rolle. Wurde aber einmal der Hunger auf Fleisch mächtig in ihm, dann liebte er große Jagd auf Rehe, Schafe oder eine verlaufene Färse. Aber trotz all ihrer Unabhängigkeit mußten selbst die Bären auf das Verschwinden des Kaninchens Rücksicht nehmen. Sie bekamen Furcht, sich allzu weit von ihrem Lager zu entfernen, denn in ihrer Abwesenheit konnte ein besonders kühner Fuchs oder Luchs oder Fischer eindringen und die Jungen töten.
Die Luchse waren es andererseits, die am meisten zu leiden hatten. Sie und die Wiesel waren die eifrigsten Kaninchenjäger, dem Luchs aber fehlte die Anpassungsfähigkeit des Wiesels. Der Luchs geht seinen von Alters her bestimmten Weg; obwohl er viel wilder und auch viel kampftüchtiger ist als sein kleiner Vetter, die Wildkatze, ist er doch dem Menschen und all seinem Beginnen gegenüber besonders scheu. Statt mit Fuchs und Wildkatze die Bauernhöfe zu umschleichen, blieb der Luchs, wo er einmal war, hungerte oder ging auf gefährliche Jagd.
Fast auf der Spitze eines steilen und felsigen Hügels, im Herzen eines Zedern-Dickichts, hatte eine weise alte Luchsmutter ihr Lager. Die Oberfläche des Hügels war ein Wirrwarr aus verknorrten Birken und Schierlingstannen,in brüchige Felsblöcke eingekeilt, das Lager aber eine Höhle mit engem Eingang, nahe der Spitze. Hier glaubte die Mutter der Wildnis ihre Brut wohl versorgt. Alle Zugänge zu der Höhle waren eng und schwierig, und nur ein kühner Feind hätte diesen gefährlichen Eingang betreten, solange er nicht ganz sicher war, ob die Mutter zurückkehren würde. So wagte sie es, was in dieser gefährlichen Zeit nur wenige Mütter wagten, weit hinaus auf Beute zu schweifen. Und das war gut. Denn ihre getigerten, samtigen Kätzchen waren derbe und hungrige Kinder, deren Säuglingsgewinsel schon einen herben, streitlustigen Klang hatte, selbst da sie noch blind im Nest krabbelten. Die Mutter mußte tüchtig jagen, um für die Ansprüche dieser geliebten Brut Milch genug in den Brüsten zu haben.
Im Gegensatz zu den meist glücklicheren Müttern der Wildnis hatte sie ganz allein für ihre Familie zu sorgen. Ihr zügelloser Gatte durfte nicht einmal wissen, wo das Familienversteck lag, sonst war es möglich, daß er sich in einer Anwandlung unväterlicher Gier aus dem eigenen Nachwuchs ein Festmahl machte. Für gewöhnlich sah sich dies wilde und verschlafene Ehepaar, ausgenommen in der Brunstzeit, nur selten. In diesem Hungerjahr aber trafen sie sich häufig zu gemeinsamer Jagd auf irgendein Wild, mit dem sie einzeln nicht fertig werden konnten. War das Glück ihnen günstig, dann konnten sie zusammen vielleicht einen Bock zur Strecke bringen. Aber kaum hatten sie sich brav daran gesättigt und die Ueberreste im Dickicht verborgen, floh das Weibchen in angstvoller Hast zu ihrem Lager. Das Männchen stellte sich, als wollte es ihr folgen; aber da wandte sie sich mit so drohenderWut gegen ihn, daß er zurücksprang, sich auf seine Keulen setzte, seine noch bluttriefenden Lippen schleckte und sie so unschuldig anblickte wie ein Kätzchen seinen Herrn, nachdem der Kanarienvogel verschwunden ist. Die erfahrene Mutter aber ließ sich nicht täuschen. Ueber ihre graue Schulter zurückäugend, knurrte, spuckte und zischte sie, bis die gefährliche Erscheinung ihres Gatten außer Sicht war. Dann schwenkte sie von ihrem Wechsel ab und schlug eine entgegengesetzte Richtung ein. Ihr Eheherr aber hatte viel zu viel Liebe zu seinem Fell, als daß er es gewagt hätte, ihr zu folgen.
Als die Luchsmutter eines Tages von solch einem Ausfluge heimkehrte, bald wie ein Lichtstrahl durchs Dickicht gleitend, dann wieder in großen, geräuschlosen Sprüngen, fühlte sie plötzlich etwas wie eine dumpfe Vorahnung. Vielleicht war sie länger als gewöhnlich fort gewesen. Mit gespanntem Körper schlich sie voran, hinein in das Gewirr aus Blöcken und Felsen. Kaum am Ziel, fing ihre Nase eine scharfe, fremde Witterung, und ein Streifen rötlich-gelben Fells verschwand unter einem Busch. Schnell wie der Blitz war auch sie in diesem Busch – aber da war nichts mehr! Um die nächste Ecke jedoch bog ein großer Fuchs. Sie zauderte einen Augenblick. Besinnungslos vor Wut, war sie nahe daran, ihn zu verfolgen, ihn mit ihren furchtbaren Krallen in Stücke zu reißen – dann war die Mutterliebe stärker. Sie eilte zu ihrem Lager, schnüffelte hinein, wimmernd vor Angst und Sehnsucht.
Die Kätzchen waren alle da, ungestört, und drängten sich an ihre Zitzen, als sie es fühlten und rochen, daß die Mutter sich über sie beugte. Aber sie hatte jetzt keine Zeit, sich den Wünschen der Jungen zu widmen. Der Gedanke an ihren Feind ließ sie nicht ruhen.In aller Hast beleckte sie die Kleinen, um sie ein wenig zu beruhigen, dann ließ sie sie wieder allein, und hinter ihr klang hell der Jammer von Hunger und Enttäuschung.
Sorgfältiges Abschnüffeln belehrte die Mutter bald, daß der Fuchs kaum auf zehn Fuß weit an den Einschlupf herangekommen war. Aber für ihr liebendes Herz war das schon mehr als genug. Der Feind hatte aufgeklärt, er hatte das Versteck gefunden, in dem sie ihren Schatz verbarg! Es war ein Feind, den sie fürchtete, denn er war stärker als sie selbst, und ganz außer sich vor Wut und Angst suchte sie jeden Winkel und jeden Spalt auf dem Hügel ab. Natürlich fand sie nichts als Moschus-Duft, den er so freigebig zurückzulassen pflegt. Der Zufall aber wollte es, daß sie am Fuße des Hügels, fast unmittelbar unter ihrem Lager, einen anderen Eindringling entdeckte. Ein schwarzer Bär grub dort Wurzeln aus der fetten Erde zwischen den Felsen. Sein Besuch war so harmlos wie möglich, er dachte nicht einmal an junge Luchse. In den Augen der sorgenden Mutter aber spionierte auch er den Weg zum Versteck ihrer Kleinen auf!
Natürlich kann auch der stärkste Luchs den Kampf mit einem Bären nicht wagen. Eine Mutter aber ist Mutter, und dies ist das große Wunder unserer Schöpfung. Der Bär wühlte aufmerksam Moos und Gras durcheinander und dachte an keine Gefahr, als wie ein Wirbelwind Klauen und Zähne und wildes Fauchen ihm ins Genick kamen. Er war völlig überrascht, blutete schwer und schlug vergeblich mit seinen schweren Pranken über die Schulter. Jeder Schlag hätte seinen wütenden Angreifer getötet, aber nicht ein Mal traf er; kaum daß er ein Stückchen armseliges Fell berührte.Im nächsten Augenblick floh er, und von Entsetzen gepackt, tobte er durch die Zedern. Die Luchsmutter saß ihm im Nacken, biß und kratzte, bis ein niedriger Zweig sie abschüttelte. Worauf sie eine Pause machte, um die langen, schwarzen Haare, die sie so eifrig ausgerissen hatte, aus ihren Zähnen zu spucken und dann mit erleichtertem Herzen zu ihrem Lager zurückzukehren.
Der Bär rannte drauf los, aber sein Entsetzen wich allmählich einem Gefühl von Entrüstung, bis dieses jedes andere Gefühl unterdrückte. Da machte er Kehrt und trottete langsam auf der eigenen Spur zurück. Er wollte den unverschämten Wegelagerer aufspüren und erledigen!
Als er den Hügel erreicht hatte, änderte er abermals seine Absicht. Schließlich: war es der Mühe wert, der Hexe aufzulauern? Sie schien reichlich listig zu sein. So wechselte er zur anderen Seite des Hügels und tobte dort seine Wut aus, indem er einen alten Baumstamm zu Splittern riß.
Obwohl ein winziger Gegner ihn ruhmlos in die Flucht geschlagen hatte, war das Abenteuer für den Bären nicht allzu wichtig. Seine Wunden waren leicht und bald vergessen. Etwas anderes war es für die Luchsmutter. Ihre Sicherheit war dahin! Sie fühlte, daß beide, Fuchs und Bär, hinter ihren Jungen her waren, durfte sich nicht mehr aus dem Bau wagen, um zu jagen. Nahe dem Lager aber gab es, dank ihrem guten Ruf, selten ein Stückchen Wild zu sehen. So konnte sie nichts mehr tun, als in unermüdlicher Geduld auf wilde Hühner und Waldmäuse zu lauern. Dabei wuchs ihr Hunger, der Vorrat kostbarer Milch in ihren Brüsten wurde geringer, indes die Jungen, deren Augen sichgerade öffneten, in ihrer Gier immer dringlicher wurden.
Etwa drei Tage nach dem Besuch des Bären und des Fuchses tauchte eine riesige Elen-Kuh in der Gegend jener Höhle auf, die suchte, wie die Luchsmutter es jüngst getan hatte, Ruhe und Sicherheit. Sie langte auf der andern Seite des Hügels an und ahnte nichts von der Luchsin, die in ihrem Buschversteck, nahe der Spitze, auf der Lauer lag. Sie war schwarz und grimmig und sah sehr gefährlich aus, die große Elen-Kuh. Sicher konnte sie mit einem einzigen Schlag ihrer gespaltenen Vorderhufe auch die größte Katze zusammenschmettern. Deshalb dachte die Luchsin auch nicht daran, mit ihr selbst anzubinden. Aber sie wußte genau, weshalb die schwarze Pflanzenfresserin dies Versteck aufsuchte, und hoffnungsvoll leckte sie ihre schnurrbärtigen Lippen.
Bei Tagesanbruch gebar die Elen-Kuh ein langbeiniges, zitterndes Kalb und bettete es in das zarte Moos am Fuße des Felsens. All ihre Schmerzen waren im Augenblick vergessen, lang und zärtlich beleckte sie das Neugeborene, bis sein zartes Fell trocken war und dunkel glänzte. Als dann der warme Tag erwachte, krabbelte es auf seine schwachen Füße und machte den ersten Versuch, zu säugen. Es war so lächerlich mager und klapprig, dickköpfig und gliederschwach! Die wackligen Beine konnten das Gewicht des Körpers kaum tragen, nach zwei oder drei Minuten sank es wieder ins Moos zurück. Und da lag es, blickte mit sanften, neugierlosen Augen um sich, indeß die Mutter es mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit betrachtete. Für sie war dieses Kälbchen das Einzige im ganzen grünen Forst, das wirklich schön war …
Ein Raschellaut, aber anders als der von fallendem Laub oder Gezweig, kam plötzlich an ihr wachsames Ohr. Scharf wandte sie den Kopf. Da hockte, keine hundert Fuß weit ab, der Bär am Zedernstamm, wühlte Erde und hatte das Maul voll heller, gelber Pilze. Ein Bär! Unter allen nur möglichen Feinden war das der furchtbarste! Mit einem harten Schrei, einer Art heiseren Gebrülles, stürzte sie gegen ihn!
Der Bär war überrascht und erschrak beim Anblick des schwarzen Unwetters, das auf ihn niederging. Er war kein besonders großer Bär, aber sie war eine besonders große Elen-Kuh. Falls er imstande war, nachzudenken – eine Frage, in der die Gelehrten sich scharf widersprechen – dann überlegte er vielleicht, daß dieser Hügel keine besonders glückliche Gegend für ihn war. Zu viele Mütter und kaum genug Pilze. Jedenfalls beschloß er, eiligst zu verschwinden. Und diesen großen Entschluß führte er so geschwind aus, daß es ihm gelang, einen gewaltigen Abstand hinter sein Hinterteil und diese furchtbar schmetternden Hufe zu legen. Da empfand er, daß er sich mit einiger Berechtigung Glück wünschen dürfe.
Die Luchsin hatte aus ihrem hohen Versteck den wilden Angriff der Elen-Kuh auf den Bären beobachtet, und ihre blassen, runden Augen standen in Flammen. Unhörbar verließ sie ihr Versteck – das schwache Opfer ließ keinen Schrei hören. Viel zu erfahren, viel zu geschickt im Töten war die Luchsin! Sie wünschte keinen Kampf, der die Aufmerksamkeit der Mutter von der Verfolgung des Bären abzog. So verließ das unglückliche Kalb dies Leben, dem es eben erst seine Augen geöffnet hatte und wußte nicht, wie ihm geschah. Die Luchsin schleppte ihre widerstandslose, aber nochzitternde Beute eilig den Felsen hinauf. So rasch wie irgend denkbar mußte sie das Kälbchen aus dem Bereich seiner Mutter bringen.
Für ein Tier ihres Gewichts, nicht mehr als vierzig armselige Pfund, war die Luchsin bewundernswert stark, und dabei war sie leidenschaftlich in ihrem Entschluß. Dies Beutestück würde es ihr möglich machen, im Bau zu bleiben, bis die Jungen die Zeit der völligen Hülflosigkeit überwunden hatten. Nichts konnte sie mehr in die Ferne locken. Aber trotz aller verzweifelten Anstrengungen war das armselige Kälbchen mit seinen langen, schleppenden Beinen so unhandlich, daß sie nur gefährlich langsam über die brüchigen Felsen klettern konnte.
Als die Elen-Kuh erfaßt hatte, daß der Bär ihr entronnen war, machte sie eilends kehrt. Das leichte Moos flog unter ihren gespaltenen Vorderhufen, so schnell eilte sie zu ihrem Kalb zurück. Dann fiel sie in einen schlendernden Trott, dachte nichts Böses mehr und war stolz darauf, den Feind so tapfer vertrieben zu haben. Da war das Junge nicht mehr auf seinem Platz! Einen gewaltigen Satz tat sie vorwärts, ihre lodernden Augen suchten die ganze Fläche des Hügels ab, und da sah sie mit einem Blick nach der Höhe, was geschehen war!
Als diese schwarze Rachegestalt donnernd auf sie zutobte, strengte die Luchsin sich verzweifelt an, ihre Beute in Sicherheit zu bringen. Der Abhang war an dieser Stelle so steil, daß ein Elen ihn kaum erklettern konnte. Aber die verzweifelte Mutter schnellte sich dennoch empor, und ihre vorgeworfenen Hufe trommelten zu beiden Seiten des toten Kälbchens auf die Felsen. Im Augenblick verzagt, ließ die Luchsin ihre Beute fahren und duckte sich mit bösem Fauchen. Dannsah sie, daß der Gegner zu kurz gesprungen war, stieß wieder vor und senkte die Zähne aufs neue in die Gurgel des Opfers.
Von ihrem wilden Sprung war die Mutter heftig auf die Keulen zurückgefallen. Ohne den Stoß zu beachten, nahm sie einen neuen Anlauf, und dann ging's abermals zum Angriff. Diesmal war sie weniger ungestüm, und die Luchsin, die über die Schulter des Kälbchens nach ihr äugte, war ohne Angst. Aber in Wirklichkeit war die weiße alte Elen-Kuh nie so gefährlich wie gerade jetzt. Sie, die schon so manches Lebensjahr, so manche Gefahr triumphierend überstanden hatte, sie wußte, wie ihre Kraft am besten zu brauchen war. Und bei dem ersten Sprung schon hatte sie gesehen, daß ihrem Jungen nicht mehr zu helfen war. Rache war alles, woran sie denken konnte!
Bei diesem Angriff stemmte sie die beiden Hinterbeine ein und prallte in einem wundervoll berechneten Stoß vor. Die Luchsin wurde völlig überrumpelt. Nahe daran, das Gleichgewicht zu verlieren, klammerte sie sich mit aller Kraft auf ihren Stützpunkt, in wütendem Zorn, mit zitternden Ohren. Diesmal hatte sie sich gänzlich verrechnet. In der nächsten Sekunde schon traf sie die Wucht eines der stampfenden Vorderhufe, trieb ihren Kopf zwischen die Schultern – und da torkelte ihr zäher Körper, kraft- und willenlos über das tote Kälbchen hin.
Abermals fiel die Elen-Kuh zurück, denn es war ihr auf dem festen Abhang nicht möglich, festen Fuß zu fassen, dann wiederholte sie den wundervollen Sprung. Diesmal stampfte sie die beiden Körper ineinander und ließ sie den Abhang hinunterkollern. Klar und unerbittlich in ihrer Wut, fegte sie das Opfer sorgfältig zur Seite, trampelte seine Reste in die Erde.
Als die Rache ganz vollzogen war, kehrte sie um, beschnüffelte minutenlang zärtlich ihr Junges, und aus ihrer zottigen Kehle kamen tiefe Schmerzenslaute. Stundenlang stand sie noch so, das Haupt gesenkt, bewegungslos, bis der letzte Sonnenschein dahin war und der Wald im tiefen Schwarz lag. Dann ging der Mond auf, warf sein weißes Licht über die Baumspitzen und breitete sich wie eine blasse Hand über den Felsen, bis er das traurig-grausame Schauspiel am Fuße des Hügels beleuchtete. Da war es, als verstünde die Elen-Kuh plötzlich, daß das Geschick sich unerbittlich vollzogen hatte. Sie hob das schwere Haupt, sog die Nachtluft mit vollen Lungen ein, und lautlos verschwand sie in den Zedern.
Ein oder zwei Stunden später pürschte sich vorsichtig der Bär wieder heran. Erst versteckt, hatte er seine letzte Gegnerin abziehen sehen, mit einem Ausdruck, als würde sie in diesem Forst nie wieder erscheinen. Hocherstaunt kam er jetzt angetrottet, um eine Erklärung für dies Wunder zu suchen. Die Erklärung war ganz nach seinem Geschmack. Für die zerstampften Reste der Luchsin hatte er nur ein verächtliches Grunzen, aber gesegneten Hungers machte er sich über das herzhafte Mahl her, das ihm das Elen-Kalb bot. Glückselig saß er auf seinen Keulen und genoß dies Fest, vielleicht mit einem Gedanken daran, wie doch die Bären unter allen Geschöpfen der Wildnis die glücklichsten seien. Das wäre zumindest eine kluge und richtige Betrachtung gewesen, hätte er sie nur anstellen können, und nicht mehr als der gebührende Dank für jene Mächte, die seine Art so großmütig bevorzugt haben.
Die kleinen Luchse in ihrem Lager, Säuglinge, die jetzt über allen Begriff hungrig wurden und jammervollweinten, schienen einem langsamen und erbärmlichen Lebensende geweiht. Doch so grausam ist die Natur nur selten. Voll Neugier, zu wissen, ob auf dem Hügel etwas Neues passiert sei, kam der Fuchs durch die schwarzen Schatten geschlichen! Aus dem Dickicht heraus beobachtete er den Bären bei seinem Festmahl und begriff. Weiter durchforschte er das Hügelland und hörte das Jammern der Kätzchen. Sich diesen Ton zu erklären, fiel ihm nicht schwer. Noch eine kurze Erkundung, dann tauchte er in die Höhle unter. Ein paar Schreie, die schwach aber tapfer klangen, und nun war auch der Jammer von Hunger und Einsamkeit verklungen. Der Fuchs war viel zu sachlich, um mit seinen Opfern zu spielen und sie zu quälen, wie irgend ein Katzentier es getan hätte. Er tat sie auf einmal ab und schickte sich schleunigst an, sie in seinen Bau zu schleppen. Denn obgleich er selbst einen tüchtigen Imbiß wohl brauchen konnte, dachte er zuerst an sein Weibchen und seine Kinder, denen er mit ganzem Herzen ergeben war.
Jetzt, da die schreckliche Luchs-Mutter den Hügel nicht länger beherrschte, fing das kleinere Waldvolk wieder an ihn mit Vorsicht zu besuchen. In der Nachbarschaft des verlassenen Lagers hielten sie sich freilich nicht gerne auf, denn die Höhle im Gipfel konnte leicht einen neuen, gefährlichen Mieter finden. Von den beiden Körpern am Fuße des Felsens waren bald nur noch ein paar sauber und weiß geputzte Knochen übrig, dann verödete der Ort. Ein paar wilde Hühner und Spechte wurden seine einzigen Besucher.
So endete der Sommer. Als die Ahorn-Aeste sich langsam in herbstliches Gelb kleideten, erschienen wieder ein paar Kaninchen, einzeln und in Paaren, ein furchtsames,auseinander gestreutes Volk. Sie ließen sich nieder, und da die Zahl ihrer Feinde geringer geworden, vermehrten sie sich mit erstaunlicher Schnelligkeit, als wäre es ihr einziges Ziel, die Erde zu bevölkern. Bald horchten ihre langen Ohren, äugten ihre scharfen Augen wieder durchs Dickicht, empfindliche Nüstern witterten jeden Windhauch, und flockige, weiße Spiegel hoppelten aus dem goldigen Farrenkraut. Zwar liebten die Kaninchen den Zedernwald mit seinem feuchten und schwarzen Moos, seinen halb versteckten Teichen nicht, aber ein paar besonders abenteuerfrohe Gesellen unter ihnen streiften überall hin.
An einem frischen Oktobermorgen, als die Birkenbäume schon ganz in Gold getaucht zwischen den grauen Felsen des Hügels standen, streifte ein tapferer Kaninchen-Rammler am Fuße des Hügels hin und stöberte jenes Häuflein weißer Knochen auf. Erst erschrak er gewaltig und suchte mit großen Sätzen Zuflucht im Dickicht. Aber da die Knochen keine feindliche Haltung einnahmen, fühlte er sich bald beruhigt. Als er sie lange genug angestarrt hatte, kam er zur Ueberzeugung, sie seien harmlos. Mit verständnisloser Neugier umsprang er sie, dann ließ er sich wie ein Wachtposten auf dem Spiegel nieder, die langen Ohren in närrischer Wachsamkeit gespitzt. Nichts wäre ihm weniger in den Sinn gekommen, als die Tatsache, daß er und die Seinen verantwortlich waren für dieses Häuflein bleichender Gebeine.