Unter gespenstischen Lichtern

In jene ungeheure Tiefe drang nie ein Strahl von Licht, sie lag eine halbe Meile unter der wild gepeitschten grünpurpurnen Fläche des Ozeans und ihren milchweißen Schaumkämmen. Die seltsamen Bewohner dieser Tiefen konnten nicht bis zu den sonnenbestrahlten Flächen emporsteigen, durften nie erfahren, wie es dort oben war. Sie waren für gewaltigen Druck gebaut, unter dem sie geboren waren – bei einer Reise zum Licht wäre ihr Gerüst zerstört, wären ihre Eingeweide nach außen gedreht, ihre Augen aus den Höhlen gerissen worden, und die zerbrechlichen Gewebe ihres Körpers hätten zerfallen müssen. So lebten sie ihre Jahre hin, ohne zu wissen oder zu ahnen, was Sonne ist, in einer Ruhe, die auch der wildeste Orkan nicht stören konnte.

Und doch waren diese Tiefen nicht in völlige und ewige Dunkelheit versenkt. Dann und wann verbreitete ein Schwarm zarter Infusorien vom Stamm jener Lebewesen, die nachts an der Oberfläche der See leuchten, ein Fleckchen nebelhaften Schimmers. Dann und wann kam ein blasser, trügerischer Schein, der immer wieder verlosch und wie ein Atemzug neu auflebte, von den weithin gebreiteten Büschen jener seltsamen pflanzenähnlichen Geschöpfe, die man Seelilien nennt. Und aus dem weiten Beben des tangbestreuten Meeresgrundesstieg ein seltsam phosphoreszierendes Leuchten auf, das die Dunkelheit bekämpfte. So herrschte für Augen, die empfindlich genug waren, diese leichten Bewegungen wahrzunehmen, etwas wie gespenstisches Zwielicht, das sich zumindest in Lichtflecken über das Bett der Tiefsee hinzog.

Neben diesem unruhigen Schimmer, der stets an seiner eigenen Schwäche hinzusterben schien, tauchte ab und zu ein Schwarm von Glühwürmern auf, die unter irgend einem Riff oder einem Busch von Lilien erstrahlten, um Sekunden später wieder zu verlöschen. Oft auch entflammten ein paar bescheidene Lämpchen in blauen oder violetten Farben, die sich in sanfter Bewegung rechts und links neigten, als ob ein unsichtbarer Träger das grausige Dunkel mit ihnen absuchte. Auf beiden Seiten dieses unkenntlichen Geschöpfs schimmerten blasse, lichte Büschel, helle Augen leuchteten auf, wurden größer und verschwanden. Manchmal bewegte sich durch das Dunkel etwas wie ein anderes Wesen, gleichsam das Gespenst eines Lichts; zwei lichte Büschel wehten von seiner Nase, seine Flossen schimmerten wie durchsichtige Nebel, und auf jeder Seite trug es eine doppelte Reihe sanft glühender Punkte. Oft folgte ihm eine größere Gestalt, geisterblaß, der Kopf gewaltig groß und lang, der Körper bebend und stürzte sich wie zur Flucht ins Gewirr der Seelilien. Gespenstische Lichter hasteten immer, in irgendwie phantastischer Form durch das lautlose Dunkel. Ueber einem Ding, das wie ein riesiger flacher Stein aussah, schwebte, zwei Fuß hoch, ein Büschel violetter Flammen, gleichsam eine Aureole zartleuchtender Gewebe, die wie Flaum aus einem Keim schwachen Lichts erwuchsen. Diese leuchtende Blüte hing, das verriet ihre duftige Durchsichtigkeit, an der Spitze eines dünnen Rohrs, dasleise schwankte, obwohl in dem umgebenden Wasser keine Bewegung war. Diese Stütze aus Rohr schien aus einem flachen Felsstück zu wachsen, dessen schwärzliche Ränder im bewegten Schatten des Schlammes ringsum verschwanden. Die schöne kleine Flamme zitterte manchmal, manchmal zerrte sie an ihrer Stütze, manchmal verblaßte sie bis zur Unsichtbarkeit, um dann wieder in hellerem Glanz aufzustrahlen, im ganzen hatte sie eine Lebhaftigkeit, für die sich kein Anlaß zeigte.

Plötzlich erspähte einer der gespenstigen Fischkörper mit doppelter Linie glühwurmartiger Punkte auf den Seiten und riesigen weißlichen Augen die zitternde Flamme und nahm Richtung, sie zu erforschen. Der Besucher war klein, kaum einen Fuß lang und schien deswegen mit einiger Bescheidenheit aufzutreten. Doch als er näherkam, glaubte er, dies kleine violette Licht sei etwas, das man nicht nur mit Behagen essen, sondern auch ohne Gefahr in Besitz nehmen könnte. Er beeilte sich, daß nicht irgend ein hungriger Wanderer ihm zuvorkäme. Abgesehen von seiner seltsamen Beleuchtung machte er den Eindruck eines gewöhnlichen Fischleins aus höher gelegenen Wassern. Aber im Sturm auf das Flammenbüschel tat er einen erschreckend weiten Rachen auf, einen Rachen, aufgerissen bis zum Scheitel seines langen Kopfes!

Die kleine Flamme entwischte zur Seite und beugte sich zierlich zum Grund, als hätte sie Augen und wollte dem Angriff geschickt ausweichen. Gleich darauf geschah etwas Entsetzliches. Der flache, schwarze Block, der die Flamme getragen hatte, klaffte auf. Es tat sich eine Höhle auf, mit langen Zähnen bewehrt, die alle nach innen strebten. Der tollkühne Gespensterfisch war gefangen. Mit Schnappen schloß die Höhle sich; rechtsund links schimmerten, wo sie gewesen war, zwei blasse, kalte Totenaugen. Ihr Phosphoreszieren dauerte nur eine Sekunde oder zwei, dann schien der schwarze Stein wieder eine leblose Platte wie zuvor, an der Augen wie dumpfe Warzen saßen. Und wieder stieg das violette Flämmchen sanft empor, zitterte und bewegte sich grundlos wie zuvor.

Plötzlich aber ging die Flamme aus, verlöschte ganz. Eine Reihe harter Stöße hatte die Wasser durchzuckt. Auch alle die anderen Lichtchen in der Nachbarschaft verlöschten plötzlich, die Glühwurmbüschel, die flimmernden Punkte und Sterne, die suchenden Augen und gespenstigen Lichtbüschel, ja selbst das bläßliche Leuchten der unerschütterlichen Seelilien war nicht mehr. Nichts war mehr zu sehen als die Nebelflecken der Infusorien und trügerischer Schein über dem Schlammbett. Irgendwo im Dunkel, viel zu weit, um sichtbar zu sein, aber nahe genug, sich schrecklich fühlbar zu machen, tobte eine Schlacht von Giganten. Für all die kleineren Wesen der Unterwelt hieß das »Licht aus und nicht gerührt!« Selbst jener große Steinblock von Kreatur, der doch sieben oder acht Fuß lang war und gut zwei Fuß breit – dort wo sein Höllenmund sich geöffnet hatte, wünschte die Aufmerksamkeit dieser Kämpfer nicht auf sich zu lenken. Er hielt seinen zarten, violett schimmernden Köder gut versteckt und freute sich, unter allen Steinblöcken auf dem Meeresgrund am wenigsten beachtet zu sein. Allmählich verschwand die Unruhe, wieder lag das Wasser in schwerer Ruhe. Als erste Tiefseebewohner, die Vertrauen faßten, suchten die Seelilien das Dunkel, das eine unwiderstehliche Lockung für alle Arten zartlebender Organismen war, die ihr zuschwammen oder zuwehten, um von den fleischgierigen, immer hungrigen Blumen verschlungen zu werden.

Bald ließen auch andere vorsichtige Geschöpfe ihr Geisterlicht wieder ausstrahlen, nahmen ihr Schweifen, Schwimmen und Krabbeln wieder auf, – Fische, Krebse, Seesterne, Krabben, mächtige Seeigel und purpurschwarze Rochen. Zu allerletzt schwenkte der riesige Wegelagerer, der Tiefseeräuber, seine liebliche violett schimmernde Todeslampe wieder über dem geheimen Abgrund seines Rachens.

Die Geistertiefe war keineswegs verlassen, wenigstens nicht in dieser Region. Geheimnisvoll geschäftiges, fast unsichtbares Leben schwärmte überall, jagte und wurde gejagt; aber ein paar Augenblicke lang kam dem schwebenden Köder nichts mehr nahe. Das Ungeheuer verlor die Geduld. Sein Hunger wuchs, es lebte doch nur, ihn zu befriedigen! Aber da es bei aller Kraft keine Schnelle besaß, die Beute zu verfolgen, konnte es nichts tun, als warten, immer tiefer in dem Schlamm versinken, der sein Versteck sicher machte. Sein einziger Ausdruck von Ungeduld war gesteigertes Wiegen und Beben des violetten Flämmchens am schlanken Rohr.

Ganz unerwartet wurde solcher Eifer belohnt. Das Licht erregte die Aufmerksamkeit einer drollig aussehenden krabbenartigen Kreatur, deren kleiner, runder, rosenfarbiger Körper sich auf unendlich langen Stengeln von Beinen bewegte. Seine Freßpartie war fast so groß wie sein Körper, und vom Kopf hingen zwei peitschenähnliche Antennen oder Fühler, die in ihrer Endlosigkeit fast noch lächerlicher waren als die Beine. In seinen Fühlern mochte irgend ein geheimnisvolles Organ, die Umgebung wahrzunehmen, verborgen sein, denn das Tier bemerkte das zitternde Violett der Flamme. Wo seine Augen hingehörten, da waren nur zwei schwarze Punkte, eine Art Nagelköpfe und dürftige Andeutungdessen, was bei einem seiner Tiefseevorväter Augen gewesen sein mochten. Dennoch, wie immer es geschehen sein mochte, die Storchenkrabbe hatte den Köder wahrgenommen. Tolpatschig, aber mit großer Geschwindigkeit pürschte sie sich heran, ihre mächtigen Kinnbacken arbeiteten gierig.

Ein anderer Landstreicher hatte das lockende Violett gleichzeitig wahrgenommen! Ein riesiger Purpurkrebs, stark wie eine Languste, schwamm vom Rücken heran. Der konnte freilich sehen, denn er trug ein Paar ausschweifend großer Augen und jedes dieser Augen hatte ein breites weißes Licht, strahlend wie eine Automobillampe. Er sah nicht nur den Köder, sondern auch den langbeinigen Rivalen, der sich von der Seite heranpürschte, und in eifersüchtiger Hast schoß er auf die Beute. Beide kamen gleichzeitig an, das Flämmchen gab sein Winken auf und sank. Beide verfolgten es, krachten aneinander und verschwanden in einer schwarzen Höhle, die ihnen jählings entgegenklaffte. Die Höhle tat nur einen saugenden Laut, dann schloß sie sich mit Schnappen. Für Sekunden erwachten die fahlen Augen an ihrer Seite, glühten im satten Grün und verloschen abermals. Dann wieder hob die violette Flamme sich lockend über schlammigem Grund. – – –

Der nächste Passant sah so stattlich aus, daß man glauben mußte, der Wegelagerer würde sich erschreckt vor ihm in Schatten hüllen. Es war ein gewaltiger Tintenruderfisch, gut achtzehn Fuß lang, mit zwei langen, dünnen Floßfühlern, die wie ein Paar Ruder von den Seiten seines Kopfes weg schwenkten. Für seine Größe war der Körper außerordentlich schlank, kaum einen Fuß im Durchmesser, er trug eine Rückenflosse, die vom Schwanz bis zum Ende des Kopfes reichte. Auf demKopf aber krönten diese Flosse ein paar schwere Stacheln, wohl zwei Fuß lang, die drohend über der Schnauze des Besitzers wachten. Der Körper war silbrig, in einer Art Kleid, das mattgrün phosphoreszierte.

Gleichgültig schwamm der Ruderfisch das zitternde lila Lämpchen an, das, so bedrohlich er aussah, sein Kommen kühn erwartete. Als er herankam, tat er ein schmales, nicht sehr gefährliches Maul auf, natürlich verschwand das Licht. Die Höhle darunter öffnete sich, schlürfte empor und schloß sich hinter den Kiemen des Ruderfisches. Minutenlang peitschte der lange Schwanz verzweifelt das Wasser, daß alle Lichter rings vor Schreck erloschen. Aber in der Gewalt dieses schrecklichen Rachens, dieser langen, reißenden Fänge, war der Tintenfisch hilflos trotz aller Kraft und Größe. Rasch wurde er reinlich in zwei Hälften zerbissen, der Kopf mit seinen Schutzstacheln rollte zur Seite. Die breite, nicht gerade einnehmende Gestalt des Räubers schwang sich aus dem Schlamm empor, schnappte gierig nach dem zitternden Körper, riß ein Stück von zwei Fuß Länge ab und verschlang es mühelos. Sein Magen schwoll und schwoll, aber er hielt das Festmahl durch, bis nur mehr ein zwei oder drei Fuß langes Stück Schwanzende an das Opfer erinnerte. Dann sank er auf sein Lager zurück, paddelte mit den Flossen, bis sein geschwollener Körper wieder ganz im Schlamm vergraben war und fuhr fort, das Riesenmahl zu verarbeiten. Da für den Augenblick kein Nahrungsbedürfnis bestand, wurde die violette Lampe eingezogen.

Sobald der Tumult sich gelegt hatte und die gespenstischen Lichter wieder erschienen waren, lief auf irgendwelchem seltsamen Weg das Gerücht um, neben dem großen Stein würde ein Festmahl gehalten. Nach wenigenMinuten schon wurden die beiden Ueberbleibsel des toten Ruderfisches, sein Schwanz und sein bewehrtes Haupt der Mittelpunkt von gierigem Leben und scharfen Kämpfen, über die in seltsamer Verwirrung Lichter spielten. Der blutrote Tiefseekrahfisch, gewaltige Krabben, Fische, die nur aus Kopf, Rachen und langen, peitschenähnlichen Schwänzen bestanden, Fische, die nur Magen und Därme waren, Fische mit Papageienschnäbeln, Geschöpfe ohne Augen, aber mit langen tastenden Antennen ausgerüstet, Fische, deren riesige, starrende Augen in gar keinem Verhältnis zu ihrem übrigen Körper standen, rissen Bündel von den beiden widerstandslosen Fetzen Fleisch oder fielen sich gegenseitig an, – wie ihr Geschmack sie reizte. Ihre Lichter spielten ineinander und verwoben sich, bis jedes Stück des Opfers eine Masse aus pulsendem Dämmerlicht schien.

Da jeder dieser rasenden Genießer von kleiner Figur war – die größte der Fischgestalten maß nicht mehr als einen Fuß Länge – herrschte während der ersten Zeit unter den Festgenossen keinerlei Mangel. Dann aber kamen drei seltsam blickende Fremdlinge angesegelt, zu sehen, was los war. Schwarze Fische mit kurzen Leibern, etwa zwei Fuß lang, mit schleppenden, traurigen Säcken am Bauch. Ohne Eile schwammen sie herbei, überblickten die Sachlage, öffneten ihre Mäuler. So weit waren diese Mäuler, daß der eigene Körper des Fisches bis zum Schwanz darin Platz gehabt hätte. Neben diesen gähnenden Fallen wurden ihre Träger selbst beinahe zierlich.

Ohne Gier begannen die Besucher sich zu nähren, nicht vom Aufgetragenen, sondern von ihren Festgenossen. Sie schlürften ein wenig und verschlangen mühelos die ganz in Anspruch genommenen Esser. Warman einmal in diesem Rachen, dann gab es nur noch einen Weg, denn die Kinnbacken waren mit langen, scharfen Zähnen besetzt, die alle hineinführten in die fassungskräftige und glitschige Gurgel. Fische, Garnelen, Krabben, sie alle wurden unparteiisch aber energisch in diese breiten elastischen Mägen gepumpt, in denen sie zu Paketen gequetscht liegen blieben, bis die Säure mächtig einsetzender Verdauung ihnen die letzte Ruhe gab.

Nach ein paar Minuten hing unter jedem der drei Fremdlinge ein Bauch, der größer war, als sein gesamter übriger Organismus. Dann segelten sie gewichtig und nachdenklich von dannen, das Versteck eines Tiefsee-Anemonen-Dickichts zu suchen, in dessen Schutz sie friedlich verdauen konnten. Die unbeschädigten Festteilnehmer aber setzten ihr Bankett fort, als hätte sie nichts gestört.

Verdauung ist für die Bäuche dieser Tiefseebewohner ein Prozeß, der mit erstaunlicher Schnelligkeit vor sich geht. Schon nach einer oder zwei Stunden hatte der Körper des überfüllten Wegelagerers seine normale Gestalt annähernd wiedergewonnen, sofort auch erwachte sein Hunger von neuem, sah man wieder sein lockendes, violettes Flämmchen über der Schlammplatte funkeln und tanzen.

Diesmal hatte er nicht lange zu warten, denn der Erfolg des vorangegangenen Gelages machte die sonst einsame Stätte zu einem Treffpunkt der Tiefseewelt. Eine unglaublich monströse, phantastisch formlose Gestalt kam langsam an. Mit großen, leeren Augen sah sie den Köder, machte sich langsam auf, ihn zu verschlingen. Der Neuankömmling, der sich in grünsilbriger Beleuchtung nur schattenhaft kundgab, sah aus wie eineArt Doppeldecker. Bei einer Länge von etwa fünf Fuß erinnerten Kopf und Hinterkörper an einen ungewöhnlich fetten und großmäuligen Aal. Tatsächlich war er eine seltsam entstellte Abart der Aalfamilie. Was ihn vom Familientyp abweichen ließ, war sein Bauch, der ausgewalzt schien, an den Randflossen fast durchsichtig, und der ungefähr wie ein lenkbares Luftschiff zigarrenförmig unter seinem Körper hing. In dieses amüsante Gepäckstück von Bauch war ein starker, schwärzlicher Fisch, von nicht weniger als zwei Fuß Länge hineingepackt, zusammen mit einer Masse zinnoberroter kleiner Seekrebse.

Selbst mit so außerordentlichem Proviant war die seltsame Kreatur noch wohl bei Appetit, vielleicht hielt sie das hübsche, violette Lämpchen für einen pikanten Nachtisch. Sie riß den Rachen auf und schoß herbei. Mit der unteren Kinnlade berührte sie schon beinahe das glühende Ding, indes sie sich leicht zur Seite warf, dabei aber hatte der pendelnde Zylinder ihres Magens den Felsblock im Schlamm beinahe berührt. Es öffnete sich der Felsblock und nahm gemächlich beides zugleich auf: den Bauch selbst und seine halbverdaute Beute. Dann schloß sich der felsähnliche Rachen, mit krampfhaftem Schwanzschlagen machte sich der Schwimmer davon, von Gestalt nun etwa einem gewöhnlichen Aal gleichend. Minutenlang drehte er sich in wahnsinnigen Kreisen, dachte nicht mehr an Feind noch Beute, für die er ja keine Verwendung mehr hatte. Dann, mit seinem Bauch jeden Lebensinhalts beraubt, legte er sich zur Seite und sank auf den Meeresgrund. Ehe er noch ausgezuckt hatte, war er schon zum Fraß einer Kolonie winzig kleiner, zitronengelber, augenloser Krabben geworden.

Die gelben Krabben hätten in kaum fünf Minuten eine bunte und zahlreiche Auswahl ungeladener Gäste bei ihrem Bankett gesehen, hätte nicht ein seltsames Etwas nun alle Aufmerksamkeit in etwas höhere Wasserschichten gezogen. Unmittelbar über ihren Köpfen erschien eine massige Gestalt, die im Niedergehen immer größer und glänzender wurde. Als sie näherkam, erwies sie sich als blaßgrünlicher Körper, mit langen Reihen und Bündeln aus weißem, gelbem, blauem und violettem Licht übersät! Der verwandelte sich in eine strudelnde Masse wildkämpfenden Lebens. Endlich ließ er sich langsam auf die Seelilien nieder und war nun das fast nackte Skelett eines Walfisches, innen und außen von jeder Species Tiefseeschmarotzer überschwemmt. Kein Wunder, daß unter solchen Umständen die zitronengelben Krabben ihren Raub in Ruhe verzehren durften.

Der Walfisch war an der Oberfläche von Fischern harpuniert, abgetrant und weggeworfen worden. Als das blutende Stück Aas versank, hatten sich zuerst Scharen von Haien gierig daraufgeworfen, sein Fleisch in großen, dreieckigen Stücken vom Skelett gerissen. In einer Tiefe, in der Haie den Druck des Wassers nicht länger ertragen können, war das riesige Skelett schon beinahe kahl. Den Haien folgten in immer größerer Zahl Scharen hungriger Tiefseebewohner, von jeder Familie und Art, schreckliche, 12 bis 15 Fuß lange, lanzenähnliche Geschöpfe, deren bewaffnete Kinnladen dem gewaltigsten Hai Respekt einflößen, kleine, schwarze, taschenähnliche Fische, die nicht größer sind, als eine Menschenhand, die nur aus Magen und Rachen bestehen, die aber keine Schwimmkraft haben, um die saftigen, Fleischstücke an sich zu reißen, in die sie die bissigenZähne versenken. Während das mächtige Knochengerüst im größeren Wasserdruck immer langsamer niedersank, retteten die kleineren Geschöpfe sich so weit wie möglich in sein Inneres, um vor den größeren und gierigeren Tafelgenossen sicher zu sein. Aber innerhalb wie außerhalb des Skeletts war dieses Mahl ein unaufhörlicher und unbarmherzig geführter Krieg, denn großzügig und unparteiisch fraßen die Gäste einander auf.

Sobald das Skelett in seinem zitternden Glanz in das Bett von Seelilien gesunken war, eilten meilenweit alle Kriechtiere herbei, die meisten ohne Augen, aber mit langen Antennen von wundervoller Empfindlichkeit, und jedes wollte seinen Teil erobern. Jetzt strahlte das riesige Aas von Licht und Funken.

Nach kaum einer Stunde waren die Knochen so sauber, daß nur jenen Kreaturen etwas blieb, die am Kopf Bohrer tragen und imstande sind, aus dem festen Knochenbau Säfte zu saugen. Und dann war die Schar der Gäste wieder verschwunden: teils von ihren Feinden verschlungen, teils beschäftigt, andere zu verschlingen. Von den mächtigen Rippen und aus dem porösen Rückgrat des Skeletts schwanden die Lichter.

Zu seinem Mißvergnügen hatte der Wegelagerer, obwohl sein Versteck kaum fünfzig Fuß weit vom Seelilienbett entfernt war, keinen Teil an dem Trubel nehmen können. Es war gegen seine Methode, sich aus dem Schlamm zu erheben und in fremde Händel einzugreifen. Für ihn war es am besten, wenn er sein Lämpchen emporreckte und ein paar unzufriedene Mitläufer solchen Gelages an sich zog. Ein paar bescheidene Bissen waren ihm auf diese Art zuteil geworden, gerade genug, seinen Appetit zu erregen.

In seiner Gier erlaubte er sich, aus seinen seltsam verhüllten Augen einen fahlen Schimmer auf der Suche nach Beute umherzustrahlen.

Diese glimmernden Augen entdeckten etwas, das ihr Licht sofort verlöschen, die violette Farbe verschwinden ließ, als hätte man ein Lämpchen entzwei geschlagen. Mit einem Ruck vergrub der Wegelagerer sich tiefer im Schlamm. Was er gesehen hatte, war ein langer, kränklich weißer, suchender Fühler, der – viele Schritte fern – die Rippen des Skeletts abtastete. Andere, gleich neugierige Sucher waren gefolgt. Aber der Wegelagerer hatte sich nicht die Zeit gegönnt, sie zu beobachten. So viel Schlamm wie möglich wünschte er über sich, selbst über seine Augen gebreitet, solange diese Fühler, Riesenschlangen gleich, durch die Nachbarschaft geisterten.

Ein Zufall hatte es gewollt, daß ein riesiger, weißer Tintenfisch, auch Tiefsee-Teufelsfisch genannt, der mit Hunderten seinesgleichen ein paar Meilen weit sein Lager hatte, über sein Jagdgebiet hinausgeschweift war. Vielleicht hatte der Angriff eines Zuges von Pottwalen ihn aufgeschreckt und zur Wanderschaft veranlaßt. Seine weiten, alles umfassenden Augen hatten das schimmernde Sinken des Skeletts beobachtet. Er bewegte sich langsam; wenn die Not nicht große Eile bedingt, pflegt er seinen Körper über den Meeresboden zu schleppen, statt wie der kleine Tintenfisch in höheren Gewässern auf dem Rücken zu schwimmen.

So war, als er den Schauplatz erreichte, von dem großen Mahl nichts übrig geblieben, seinen Hunger zu stillen.

Dieser träge Wandersmann war keineswegs unter seinesgleichen besonders beachtenswert. Zusammen mitseinem Kopf, der einen Papageienschnabel trug, maß der kriechende Sack seines Körpers kaum zehn Fuß, denen allerdings die gespreizten Fühler noch weitere zwanzig Fuß Reichweite gaben. So stark wie der Arm eines Mannes war jeder dieser Fühler, die sich in einem Büschel wie Karottenblätter von der Stirn ausbreiteten. Jeder Fühler trug an seinem Ende eine Saugplatte von großer Gewalt und war empfindlich wie der empfindlichste Menschenfinger. Wie ebensoviele blasse, hungrige Schlangen waren sie in emsiger, steter, suchender Bewegung. Das unheimlichste an dem unbeschreiblichen Monstrum aber waren die Augen: zwei tintenschwarze Linsen, weit ausgebuchtet und so hoch, daß ihre oberen Ränder den Kopfansatz fast berührten. Ohne Lider, unbeweglich und von einer nicht beschreibbaren Bösartigkeit, blickten sie drein, als könnte ihrer wachsamen Gier nichts entgehen.

Die schrecklichen Fühler betasteten jeden nackten Knochen des Walfischskeletts, ergriffen jede armselige Kreatur, die dort noch hing und warfen sie in den grausigen Schnabel. In furchtbarer Schnelle und Präzision vollendeten bei dieser Gelegenheit auch ein paar arme Fische ihr Schicksal, unklug genug, den Schauplatz nicht längst verlassen zu haben. Im Papageienschnabel begegneten sie sich mit etlichen Krabben und Krahfischen, die vergeblich versucht hatten, sich ins Versteck der Seelilien zu retten. So bescheidene Beute aber diente nur als Appetitanreger. Voll Jagdlust hob das blasse Ungeheuer sich auf den Grat des Walfischskeletts, spähte aus und ließ sich gemächlich auf die andere Seite gleiten, seine unfehlbare Gier hatte in dem benachbarten Felsstück etwas Bemerkenswertes entdeckt. Rasch zogen zwei neugierige Fühler zur Aufklärungaus. Mit einem Griff, der das zähe Fleisch des Wegelagerers krampfte, faßten sie zu.

Entdeckt und ohne Hoffnung sich zu retten, geriet der Straßenräuber nicht in Verzweiflung, sondern in sinnlose Wut. Er stammte aus grimmigem Kämpferblut, seine Augen spieen grüne Flammen, wie wahnsinnig schnappte das Tor seines Rachens. Wohl zwei Fuß weit tat dieser Rachen sich auf, packte einen der Fühler, wo er vier oder fünf Zoll dick war, und zermalmte ihn ohne Anstrengung, so sehnig er war. Dann aber hatten vier weitere Fühler sich in seinen Körper geheftet, daß alles Schnauben und Spucken und Schnappen keinen Widerstand mehr bedeutete.

Nicht schnell, aber unwiderstehlich wurde er aus seinem Lager geholt und in das Gezüngel schnürender Arme gezogen. Weite, tintenschwarze Augen glühten ihn ausdruckslos an. Dann tat der Papageienschnabel sich furchtbar auf, in einem langen, durstigen Schlürfen verschwand der Wegelagerer, den Kopf voraus, wehrlos, wohlschmeckend.

Mit diesem nahrhaften Bissen war das weiße Monstrum einstweilen gesättigt. Er setzte seinen Körper langsam in Bewegung und verkroch sich in die Rippen des Walfischs. Dort schien es mit offenen Augen zu schlafen, die Fühler sorglos um sich gebreitet. Als es wiederum still wurde, steckten die Glühwürmer ihre Lichterchen in Brand, ganze Büsche weißer Strahlen umschlangen rote und grüne Sterne, all die schwebenden, kaum erkenntlichen gespenstischen Lichter zogen Phosphorglanz durch stille Wasser. Nur das schöne zarte Violett tanzte nicht mehr über der verankerten Felsplatte im Schlamm der Tiefe, fünfhundert Faden unter dem Meeresspiegel.


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