Ismael in den Schierlingstannen

Er war wirklich ein Ismael. Seine Zähne und Krallen waren gegen jedes Geschöpf der Wildnis, ob groß oder klein, und jedes andere Geschöpf der Wildnis war gegen ihn – die Schwachen in nie ruhender Angst, und selbst die Stärkeren in einem Haß, dem Furcht sich beimischte. Der Bär sogar, der so herablassend höhnisch auf viel größere Feinde blickte, bequemte sich, ihn mit wachsamer Feindseligkeit zu betrachten. Ganz gleichgültig war nur das riesige Elen-Tier. Es stolzierte durch den Forst und beachtete seine Existenz nicht.

Und doch war dieses Geschöpf, dem es glückte, einen so gewaltigen Tribut an Furcht und Haß zu erheben, wie dieser Ismael aus den Schierlingstannen, nicht größer als ein Fuchs. Unter den Waldleuten und den Trappern war er unter verschiedenen Namen bekannt. Meist nannte man ihn den »Fischer«, obwohl es im Dunkel liegt, warum er so genannt wurde. Seine Tüchtigkeit im Fischen war bei weitem nicht so groß wie die des Waschbären, und mit der Geschicklichkeit solcher Meister, wie Mink und Otter, konnte er sich nicht vergleichen. Auch unter dem Namen »schwarze Katze« war er bekannt, obwohl er weder schwarz, noch eine Katze war. Daß er so unpassende Namen trug, istjedoch weniger erstaunlich, als es auf den ersten Blick schien. Er gehörte nicht zu denen, die sich einer peinlichen und sorgfältigen Beobachtung fügen. Was die Menschen dann und wann von ihm zu sehen bekamen, war nur geeignet, Irrtümer zu erregen.

Als ein Mitglied der großen und gefürchteten Mustela-Familie besaß dieser Ismael aus den Schierlingstannen ganz die blitzhafte Gewandtheit und den wilden Mut seines kleinen Vetters, des Wiesels, aber zugleich die unerbittliche List und die erstaunliche Muskelkraft seines größeren Stammesgenossen, des verhaßten Vielfraßes, den man auch den »indianischen Teufel« nennt. Obwohl von der scharfen, grausamen Schnauze bis zum Ende seines hübschen, buschigen Schweifes keine drei Fuß lang, war er durch unglaubliche Gewandtheit und die Wut seines Angriffs selbst dem stärksten Fuchs und jedem Hund, der nicht mindestens zweimal so groß war, ein überaus gefährlicher Gegner. Die wenigen Feinde, die er als überlegen an Kraft anerkennen mußte, konnte er im allgemeinen durch List besiegen.

Im tiefen Dickicht der Schierlingstannen hatte Ismael seine Zuflucht, dort, wo die tiefen, immergrünen Bäume Winters wie Sommers die Sonne abschließen, wo geborstene und faulende Baumstämme die Erde zu einem Labyrinth gewundener Schleichwege und unübersehbarer Verstecke machen. Hier war sein eigentliches Gebiet, denn er konnte wie ein Eichhörnchen klettern, und es war ihm gleichgültig, ob er auf dem Erdboden marschierte, oder in den bebenden Spitzen der Tanne. Doch gab es, dank seiner allzu großen Jagdtüchtigkeit, im Schierlingswald nicht mehr allzu viel Wild, und so mußte er seine Beutezüge weit über Land führen. Da er geräuschlos wie ein Mink und unermüdlich wie einWolf lief, legte er zwischen Abend- und Morgenrot ungeheure Entfernungen zurück. Irgendwelche Grenze erkannte er nicht an. Ganz unparteiisch brach er in alle Reservate ein und forderte jeden anderen Waldfrevler zum Wettbewerb an Kraft und Arglist heraus. Den ganzen Tag aber schlief er im tiefen, grünen Schatten der Schierlingstannen, zusammengeknüllt wie eine friedliche Katze, die in einem Heiligenschrein ruht. Sein ungeheurer Kraftaufwand forderte lange Ruhe. Und das war ein Glück für alle anderen Waldtiere, denn so konnten sie den ganzen Tag ungehindert durch den Tannenwald ziehen und ihren verstohlenen Geschäften nachgehen, ohne an den schrecklichen Schläfer in dem Baum zu denken. Verschwand aber die Sonne, dann fürchteten sich selbst die schnellen Waldmäuse vor seiner Nachbarschaft. Und die wilden Kaninchen, die auf Ismaels Speisezettel eine Hauptrolle spielten, flohen den wegsameren Hartholzwäldern zu, um ihre Mondscheinfeste zu feiern. Das Wiesel sogar, dieser unversöhnliche Mörder aller Brut, versagte es sich, im Schierlingswald zu jagen. Denn es wußte, Ismael würde es nicht nur hetzen – etwa in blinder Freude an dem schwierigen Sport –, nein, er würde auch sein zähes, sehniges Fleisch, das trocken wie eine Peitschenschnur ist, herunterwürgen, dies Fleisch, das kein anderer Forsträuber berührte, solange ihn nicht verzweifelter Hunger trieb.

An einem Frühlingsabend – das Licht des aufgehenden Mondes versilberte die dünne Spitze, ehe noch der letzte Sonnenstrahl im Nebel verschwunden war – wachte Ismael mit ungewöhnlichem Appetit auf. Ein bißchen hastig kroch er aus seinem Lager und gönnte sich nicht, wie sonst, die Zeit, an dem langen, schräg liegenden Baumstumpf, hinter dem seine Höhle lag,hinzuscheuern. In der vergangenen Nacht hatte er ausschließlich von Kaninchen gelebt, und Kaninchenfleisch hat seine Eigenart, der Hinterwäldler sagt, »es hält nicht vor«. Man wird sofort wieder hungrig, auch nach einem noch so herzhaften Kaninchenmahl, so daß man sehr häufig essen muß, wenn man von diesem Fleisch leben will. Vielleicht ist das eine Fürsorge der Natur, die hindern will, daß das fruchtbare Geschlecht der Kaninchen die ganze Erde überschwemmt.

Als Ismael auf seiner Treppe auftauchte, hallte eine dumpfe, hohle Stimme plötzlich durch die Baumspitze. Diese Stimme war schrecklich, und sie klang ganz nahe, aber dennoch war es fast unbestimmbar, woher sie kam. Ismael kannte ihr Drohen sehr gut. Aber ohne sich daran zu kehren, sprang er den schiefen Baumstamm hinab. Für ihn hatte die große Horneule, der Schrecken aller kleineren Räuber, keine Bedeutung.

Zufällig aber war dieser fremde Marodeur ein Neuankömmling, eingewandert aus den wenig besiedelten Distrikten südlich des Ottanoon-Tales, wo »Fischer«, die Nachbarschaft und Gewohnheiten der Menschen fürchten, selten sind. Die Eule kannte Ismael nicht. Ihre blassen, starren Augen sahen eine pelzumkleidete Gestalt am Baum hinuntergleiten. Als auf diesen huschenden Körper ein Strahl des Mondlichts fiel, schloß die Eule ihre Schwingen über den Rücken und stieß geräuschlos nieder. Gerade da blickte Ismael mit tiefem Knurren auf. Mit einem heftigen Satz sprang er zur Seite, es war für ihn kein schwieriges Abenteuer. Ismaels geschmeidiger Hals reckte sich und seine langen Zähne senkten sich tief in die gepolsterten Schenkel der Eule. Zwar bekam er nur ein Maul voll dauniger Federn, aber der verletzte Vogel ließ rasch von einerso gefährlichen Begegnung ab. Ismael spuckte gewaltig, um sein Maul von dem zähen, würgenden Gefieder zu befreien.

Dann trat er in großer Geschwindigkeit seinen Marsch an. In der Nachbarschaft hatte er kein Wild zu erwarten, deshalb war er in Eile, und wie er so in langen, geräuschlosen Sprüngen auszog, war er eine schöne Verkörperung von Kraft, Gliederbeherrschung und Schnelligkeit. Um aber keine Gelegenheit zu versäumen, die irgendein Jagdzufall ihm in den Weg führen konnte, hielt er im Laufen die Nase hoch und achtete auf jede Witterung. Als er den Schierlingswald verlassen hatte, geriet er in ein Gebiet von jungem Nachwuchs, in ein Dickicht aus halbhohen Kiefern, vermischt mit Birken, Pappeln, Ahorn und Weichseln. Hier nahm er ganz unerwartet eine scharfe Witterung auf. Er stand still wie vor einem Schuß, erstarrte im Augenblick zur Unbeweglichkeit, hielt die Schnauze hoch, und seine scharfen Nüstern prüften die Luft in jeder Richtung. Die Witterung kam von einem Stachelschwein und war so frisch, so einladend, daß er wußte: das stachlige Nagetier war nicht weit. Seine unermüdlichen Augen spähten die Umgebung ab. Endlich, in die Höhe blickend, bemerkte er einen dunklen Ball, der sich im schlanken Ast einer Birke wiegte.

Nun ist das Stachelschwein eine Beute, auf die sich die meisten Waldjäger nur ungern einlassen. Seine todbringenden Stacheln sind scharf wie Nadeln und mit dünnen Widerhaken so besetzt, daß sie sich, einmal ins Fleisch eingedrungen, immer weiter bohren, bis sie ein Zentrum des Lebens erreichen. Wiesel, Fuchs oder Luchs setzen sich dieser Gefahr nur aus, wenn der Hungertod sie bedroht. Aber Ismael hatte seine eigeneArt, mit Stachelschweinen umzugehen und er wußte, daß das Fleisch unter diesem gefährlichen Panzer kräftig und wohlschmeckend ist. Ehe das stumpfsinnige Stachelschwein seine Nähe auch nur ahnte, saß er schon auf der Birke, weit draußen auf dem wiegenden Ast.

Der dünne Ast bog sich unter seinem Gewicht, als Ismael vorsichtig darauf hinschlich. Das Stachelschwein wunderte sich, daß es plötzlich so viel schwerer wurde, und zog sich auf einen weniger gefährdeten Punkt zurück. Aber ehe es seinen Weg noch halb gemacht hatte, stand es plötzlich, nur ein paar Zoll weit, dem schweigenden, todbringenden Gesicht Ismaels gegenüber.

Im Augenblick stand jede Stachel zur Verteidigung auf. Aber die Lage auf dem schwankenden Ast war so schwierig, daß das Tier sich nicht sofort in jene Kugel aus spitzen Nadeln verwandeln konnte, vor der alle seine Feinde sich fürchten. Krampfhaft versuchte es, sein nacktes, ungeschütztes Gesicht zwischen den Pfoten zu verbergen. Die Erscheinung vor ihm schlug zu rasch zu. Ismaels Kopf schnellte vor, schnell und geradeaus wie das Maul eines Rattlers, bohrte sich unter die drohende Front der Widerhaken und grub in die Nase des Stachelschweins seine unwiderstehlichen Fangzähne.

Im selben Augenblick begann Ismael, der alle nur möglichen Gefahren dieser Lage kannte, auf dem Zweige rückwärts zu kriechen. Das Stachelschwein kämpfte darum, sich zu wenden, um den Feind mit seinem mächtigen Schwanz niederzuschlagen, aber es wurde allzu heftig fortgerissen. Es wehrte sich mit den Pfoten, hielt sich mit aller Kraft zurück und trachtete, seine blutende Nase freizubekommen. Aber da war jede List und jeder Widerstand zu schwach, so unwiderstehlich zerrte Ismael.

Bis jetzt war das Abend-Zwielicht in seiner geisterhaften Mischung aus Sonnenuntergang und erstem Mond ganz ohne Stimmen gewesen. Nur der friedliche Ruf eines Nachtfalken klang manchmal hoch über dem violetten Gewölk der Abendnebel. Jetzt brach in diesen Frieden ein jammervolles Gewirr von Tönen, halb unterdrückt und dennoch verzweifelt. Nur wer unmittelbar unter dem Baum stand, hätte den Kampf mit ansehen können. Aber das heftige Brechen von Zweigen, atemlos stöhnende Seufzer, das Knirschen von Klauen, die unbarmherzig aus der Rinde gerissen wurden, waren beredte Künder des Trauerspiels. An der Gabel des Astes angekommen, krallte Ismael seine kräftigen Hinterläufe in den Stamm ein, und mit einem plötzlichen Ruck brachte er das Stachelschwein um seinen Halt, schlug es mit Gewalt gegen einen tiefer liegenden Ast. Halb ohnmächtig und von Entsetzen gepackt, legte das Opfer all seine Stacheln zurück und suchte krampfhaft nach einem Halt. Ismael ließ es diesen Halt beinahe finden, aber als die Beute so ausgestreckt und verteidigungslos hing, gab er die Nase frei und schnappte nach der Gurgel. Sofort erlahmte der Widerstand und hörte im Augenblick ganz auf. Als das Tier bewegungslos hing, ließ es Ismael los, und der Körper fiel in die Tiefe. Voll Angst, irgendein anderer Räuber könnte ihm zuvorkommen, folgte Ismael ihm nach, wälzte ihn sorgfältig auf den Rücken – denn er wußte, daß die unteren Teile unbeschützt waren – und dann begann er sein Mahl.

Nachdem er gefressen hatte, so viel er konnte, ließ er die Ueberbleibsel achtlos für den nächsten Hungrigen zurück, mit dem ganzen Selbstvertrauen eines immer erfolgreichen Jägers. Er selbst begab sich indie Krone einer nahen, hochstämmigen Buche. Hier machte er sich an eine sorgfältige Toilette, putzte seinen schönen Pelz, bis auch nicht eine Spur des blutigen Abenteuers zurückblieb. Dann verließ er die Buche und schlich durch die mondsilbrige Stille, so wach und jagdlustig, als hungerte er seit vielen Stunden.

Durch diese Stille kam jetzt das leichte Plätschern eines laufenden Wassers. Als hätte dieser Laut eine Erinnerung in ihm geweckt, schwenkte er scharf zur Seite, und in ein paar Sekunden erreichte er eine kleine grasige Halde am Ufer eines seichten Baches, der sanft über die Kiesel plätscherte. Ismael war nicht durstig. Er schenkte dem Wasser keine Aufmerksamkeit, sondern kroch schnüffelnd durch Gras und Kräuter, bis er plötzlich gefunden hatte, wonach er suchte. Da stürzte er sich hinein, überschlug sich wieder und wieder und biß in einer Art von Wollust um sich. Was er gefunden hatte, war ein Beet mit Katzenkraut, ein Gewürz, für das er die halb wahnsinnige Leidenschaft der Katzen selbst fühlte.

Als Ismael sich an dieser Kostbarkeit genug getan hatte, ging er stromabwärts, die Nase hoch, wie immer. Aber die Schärfe seiner Witterung hatte im Augenblick durch das Gewürz gelitten. So geschah es, daß Ismael, als er einen schweren verfaulten Baumstamm umschlich, geradezu in eine große schwarze Bärin hinein rannte, die im Moder nach Käfern grub. Die Bärin machte mit ihrer riesigen Tatze einen furchtbaren Angriff, und nur durch einen blitzschnellen Seitensprung entging Ismael einem bösen Schicksal. Wütend und feindselig umschlich er den Stamm und erschien plötzlich auf der andern Seite, knurrte giftig und duckte sich, als wollte er dem großen Tier an die Kehle fahren. Doch warer keineswegs wahnsinnig; als die Bärin mit zornigem Brummen nach ihm schlug, duckte er sich zur Seite und verschwand wie eine Schlange im Unterholz.

Unter den Aesten eines Tannen-Dickichts hinkriechend, stieß er fünf Minuten später auf etwas, das warm und lebendig war und zusammengeknüllt auf dem Boden lag. Ismaels Nase hatte diesmal versagt – vielleicht weil die Brut der wilden Tiere bisweilen, gleichsam zu ihrem Schutz, keine Witterung gibt –, und seine Augen hatten gleichfalls versagt, weil die unbewegte kleine Gestalt in Farbe und Linie ganz in ihre Umgebung verschmolz. Die Ueberraschung war für Ismael nicht überwältigend. Seine geübten Zähne fuhren sofort und ohne Ueberlegung nach der Gurgel des neuen Opfers. Es erklang ein scharfes Wimmern, voll Ohnmacht und Sehnsucht, dann kämpften hilflose Glieder einen tragisch-kurzen und matten Kampf. So sorgsam die Mutter es versteckt hatte, das Rehkalb war allzu früh dem Schrecken der Wildnis erlegen.

Ismael liebte Wildpret fast noch mehr als Stachelschwein. So trank er gierig das warme Blut, obwohl er nicht gerade hungrig war, und brachte es sogar fertig, noch einen soliden, kleinen Nachtisch zu sich zu nehmen. Bei dieser angenehmen Beschäftigung versäumte er es doch nicht, nach der alten Rehkuh zu wittern, denn er wußte, daß ihre messerscharfen Hufe und ihre Mutterverzweiflung selbst ihm gefährlich werden konnten. Plötzlich dröhnte und krachte etwas durch die Aeste. Es war jedoch nicht die Hindin, die in das Dickicht einbrach, es war die große, schwarze Bärin. Sie hatte ihn verfolgt, und jetzt war sie da, ihm seine Beute abzunehmen. Eine oder zwei Sekunden lang war Ismael blind vor Zorn, stemmte sich über das Wildpret, undso gefährlich war die Wut, mit der er den Eindringling anfletschte, daß es schien, als würde die Ungleichheit ihrer Kampfmittel ausgeglichen. Aber die Bärin kümmerte sich nicht um diesen Zorn. Sie polterte vorwärts und schlug plötzlich nach dem kleinen braunen Tier, das so unverschämt war, ihr Widerstand zu leisten.

Der Hieb fiel natürlich in die Luft, denn Ismael war wie ein Schatten verschwunden. Aber gleich darauf fühlte die Bärin einen stechenden Schmerz in den großen Muskeln über ihrer Ferse. Wie der Blitz fuhr sie herum und schlug abermals. Aber wieder war Ismael verschwunden. Laut knurrend duckte er sich, zwölf Fuß weit fort von ihr, als forderte er sie zur Verfolgung auf.

Die Bärin jedoch, so böse sie war, ließ sich nicht verlocken. Ihre Wunde war wohl schmerzhaft, aber nicht gefährlich, denn der Rachen ihres Gegners war viel zu schmal, um ihren großen pelz-geschützten Gliedern ernsthaften Schaden zu tun. An Gewandtheit aber, das wußte sie, konnte sie sich mit dem durchtriebenen kleinen Gegner nicht messen. Vor allem war sie hungrig. In ihrem Lager, unter der Felsnase eines nahen Bergrückens, hatte sie zwei helläugige, lustige Bärenjunge liegen, und der Appetit dieser Jungen stellte Anforderungen an ihre Brüste, denen sie mit einer Nahrung aus Waldkäfern und wilden Knollen kaum entsprechen konnte. Das Fleisch der Rehkitze war für sie ein Gottesgeschenk. Unfreundlich brummend, machte sie sich an die Mahlzeit, hielt aber dabei einen wachsamen Blick auf den Feind.

Nun traf es sich durch Zufall, daß Ismael von dem Lager unter der Felsnase und seinen verwöhnten Inhabern wußte. Aus sicherem Hinterhalt hatte er allesbeobachtet, vor Bosheit mit den Zähnen knirschend, aber doch nicht wagemutig genug für das gefährliche Abenteuer, dort einzudringen. Jetzt war seine Wut stärker als jeder Gedanke an Vorsicht. Trotzdem verließ die Schlauheit ihn nicht ganz. Er machte einen zweiten drohenden Vorstoß gegen seine Gegnerin, um sich ihrer ungeteilten Aufmerksamkeit zu versichern, und dann drehte er sich zur Seite, als hätte die Wut ihres Gegenangriffs ihn gelähmt. Er verzog sich nicht allzu schnell, und in einer Richtung, die entgegengesetzt zu der des Bärenlagers war. Pfiffig hielt er sich im Mondlicht der offenen Wiese, die Augen der alten Bärin folgten ihm aufmerksam, bis er unter dem Schatten verschwand.

Endlich, als er sicher war, daß kein Auge mehr ihm folgte, machte er Kehrt, beschrieb einen kurzen Umweg und eilte dann schnurstracks zur Felsnase.

Das Lager der alten Bärin lag in einer kleinen Höhle mit engem Eingang, gerade dort, wo die geneigte Fläche aus Schiefergestein, die einen Ausläufer des Blauberges bildet, plötzlich abbricht und einen tiefen Hohlweg überschattet. Dort, etwa fünfzehn Fuß unter dem Schiefer-Vordach lief ein halb zerborstenes Riff, das zum Eingang der Höhle führte. Auf diesen Eingang fiel jetzt ganz unbewölkt das Licht des Mondes und tauchte die Spitzen der Tannen im Tal darunter in schneeiges Weiß.

Es war zweifellos eine gefährliche Sackgasse, ohne Hintertür zum Entweichen, aber Ismael zögerte nicht. Er wußte, daß die alte Bärin weit fort war, in dem Dickicht auf der anderen Seite des Felsens, und ihr gestohlenes Mahl verzehrte. So glitt er an dem Schieferdach hin, einen Augenblick lang stand sein dunkler, biegsamer Schatten verräterisch im Licht. Dann schlüpfte er in die Höhle. Die beiden schwarzen, glänzendenBärenjungen, die vielleicht die Größe einer Hauskatze hatten, fingen gerade an, hungrig zu werden. Im Hintergrund der Höhle zusammengekauert, wimmerten sie sich gegenseitig an, ihre kleinen, spitzen Ohren mühten sich ab, die schlürfenden Fußtritte der heimkehrenden Mutter zu hören. Ihre hellen, schalkhaften, kleinen Augen hingen sehnsüchtig an dem Flecken von Licht, der den Eingang zu ihrer Behausung füllte. Plötzlich sahen sie nicht die große Gestalt ihrer Mutter, hinter der alles Licht verschwand, sondern einen kleinen flinken Schatten, der mit zierlichem Sprung hereinkam. Und da wußten sie, daß dies springende Geschöpf ein Todfeind war, daß es sie deshalb mit so grausam gierigen Augen anstarrte, und beide erhoben sie ein schrilles, jammervolles Hilfegeschrei.

Wie es unter so persönlich gearteten, so hoch entwickelten Tieren wie den Bären oft vorkommt, waren die beiden Jungen in ihrem Temperament ganz verschieden. Eins von ihnen stellte sich tapfer der Gefahr, sein weiches Pfötchen fuhr zum Schlag empor, und die dünnen, schwarzen Ränder seiner Lippen fletschten sich mutig über den dünnen Zähnen. Das andere erstarrte im Blick der nahen, drohenden Augen, es zitterte bang und verlor alle Kraft, sich zu bewegen.

Dies unglückliche kleine Geschöpf war es, auf das Ismaels Auge zuerst fiel. Mit einem Sprung saß er an seiner Kehle, drehte es auf den Rücken und begann wild, das Blut zu saugen. In diesem Mord war die Wollust befriedigter Rache, und darüber vergaß Ismael alle Vorsicht.

Eine Sekunde später wurde Ismael durch ein schwaches Kratzen und Nagen an seinem Hinterbein gestört. Das andere Bärenjunge, von jenem Schlag,der die Gefahr nicht abwägt, war seinem kleinen Bettgenossen tapfer zu Hilfe gekommen. Mit triefenden Backen und furchtbarem Knurren sprang Ismael zur Seite, um sich auf den machtlosen Angreifer zu werfen. Im selben Augenblick aber fingen seine Ohren das Schleichen rascher Schritte draußen in dem Felsen. Mit einer blitzschnellen Bewegung, als wäre sein Körper ganz aus stählernen Federn, kam er bis zum Eingang zur Höhle. Dort aber erreichte ihn auch die Bärenmutter, atemlos vor Hast. Kaum beim Mahl, war plötzlich instinktive Angst über sie gekommen, sie hatte diese Angst nicht abschütteln können – jetzt war sie da! Ihre furchtbare Tatze traf Ismael mit aller Wucht ins Gesicht, trieb ihm den Kopf zwischen die Schultern und klebte ihn an den Felsen. Dann traf die andere Tatze, wie ein Rammklotz, auf seine schlanken Lenden. Aber selbst in Todesnot arbeiteten seine Zähne noch, schnappte er wild und furchtbar um sich. Freilich, in ein oder zwei Sekunden war alles vorbei, lag er ohne Atem, eine formlose Masse aus Blut und Pelz, zu Füßen der Siegerin.

Die alte Bärin nahm Abstand und warf noch einen langen Blick auf den Kadaver, dann hastete sie wimmernd vor Angst in ihr Lager. Das unverletzte Junge kam ihr entgegen gekrabbelt. Mit hastigem Lecken und Beschnüffeln überzeugte sie sich, daß ihm nichts fehlte, dann wandte sie sich zu dem toten. Heulend beroch sie es, liebkoste es mit ihrer Zunge, bewegte es zärtlich mit der Tatze. Vielleicht eine volle Minute dauerte es, bis sie ganz begriffen hatte, daß es tot war. Als sie an der Wahrheit nicht länger zweifeln konnte, hörte sie auf zu jammern. Mit dem starren kleinen Leichnam im Maul verließ sie die Höhle und legte ihn sorgsam auf eine steil abfallende Felsecke. Als hätte sie ihm eineArt Beerdigung zugedacht, ließ sie den Körper langsam den Felsen hinabgleiten. Er fiel schneller und schneller, überschlug sich und blieb endlich in den Zweigen einer alten Pechtanne hängen, die, wohl fünfzig Fuß tiefer, gleichsam gewartet hatte, ihn aufzunehmen.

Die Mutter gönnte sich nicht die Zeit, diesen Fall zu beobachten. Heftig wandte sie sich um und warf sich noch einmal auf die Ueberreste Ismaels. Da schlug und bearbeitete sie diese mit ihren Tatzen, bis sie an kein Geschöpf mehr erinnerten, das je die Wildnis durchstreift hatte. Sie dachte nicht daran, sein widerwärtiges, zähes Fleisch zu verzehren – sie war wählerisch im Essen, liebte Honig und Früchte und reine Nahrung. Als sie an dem Kadaver ihre ganze Wut ausgetobt hatte, schleuderte sie ihn rechts über die Felsnase, dann zog sie sich in die Höhle zurück, um das Kleine zu säugen, das ihr geblieben war. Was von Ismael übrig geblieben war, fiel in einen Hohlweg hinab, der viel begangen war. Dort balgten sich vielleicht um sein Fleisch ein paar neidische alte Füchse oder Wildkatzen, vielleicht bot er – noch unrühmlicher – ein lang ausgedehntes Fest für aasfressende Käfer und Schmeißfliegen.


Back to IndexNext