Dritter Abschnitt.Die Besiedelung des Obererzgebirges.
Im 4. Jahrhundert rückten dieslawischen Stämmevon Osten her vor. Zwischen 454 und 495 drangen die Tschechen in Böhmen ein. Ungefähr zu gleicher Zeit kamen aus der Weichsel- und Odergegend die Milczener, Lutizier, Obotriten und Sorben bis in die später sächsischen, mecklen- und brandenburgischen Länder. Von diesen rückten die Sorben oder Serben, deren Name sie ganz besonders als ackerbautreibendes Volk bezeichnet, in das spätere Meißnische und, da 531 von den Franken und Sachsen das mächtige Reich der Thüringer vernichtet wurde, westwärts bis zur Saale vor. DieSorbenwaren demnach die unmittelbar nördlichen Nachbarn des alten Miriquidi. Sie gründeten sehr bald in den fruchtbaren Niederungen und Thälern Orte und bebauten das Land. Aber noch wurde dieses Volk von der Ansiedelung auf den rauhen, unwirtlichen Waldhöhen abgeschreckt, bis endlich nach den langen Vernichtungskämpfen der mächtigen deutschen Kaiser im 9. Jahrhundert, denen die Erbauung der Burg Meißen folgte, und ganz besonders, als unterOtto I.die Grafen Hermann Billung und Gero glücklich die letzte Erhebung an der niederen Elbe und in den Lausitzen niederschlagen, die Macht der Slaven völlig gebrochen war. Der Zinspflichtigkeit zu entgehen, festhaltend an dem Glauben ihrer Väter, erfüllt mit tiefem Haß gegen die christliche Geistlichkeit, welche von ihren Einkünften an Getreide und Vieh, Leinwand, Honig und Wachs den zehnten Teil forderte, zogen sich nun nach den für ihr Volk unglücklichen Kämpfen zahlreiche sorbische Familien in das unfreundliche und von wilden Tieren bevölkerte, aber ihnen doch Freiheit und Sicherheit gegen ihre Besieger verheißende Erzgebirge zurück. So wurden bereits gegen Ende des 10. Jahrhunderts von diesen slawischen Einwanderern daselbst einzelne feste Niederlassungen gegründet. Immer höher stiegen sie, vorzugsweise wohl in den Thälern und so dem Laufe der Gewässer entgegen, auf der nordwestlichen Senkung des Gebirges bis ungefähr zur Linie Eibenstock-Schlettau-Zöblitz-Sayda auf. Erst vom 12. Jahrhundert an, da das Gebirge durch die Entdeckung reicher Silbererze zum Erzgebirge wurde, drangen auch dieDeutschenzahlreicher vor, gründeten Städte und Dörfer. Das germanische Element verschlang sehr bald die slavischen Reste, wo sich dieselben bis dahin noch in einiger Selbständigkeit erhalten hatten. Wohl erhielt sich noch, wenigstens am Fuße des eigentlichen Gebirges, ihre Sprache; denn im Jahre 1327 wurde der Gebrauch derselben bei den Zwickauer Gerichten und in Meißen sogar erst 1424 verboten; jedoch auch in den höher gelegenen slavischen Ansiedelungen wird die Muttersprache nach Berührung mit den später vorgedrungenen Deutschen nicht sobald erloschen sein, da viele slavische Wörter, die selbst in der Gegenwart nicht verschwunden sind, von den Deutschen festgehalten wurden.
NachDr.Köhler.
Vor über 400 Jahren, bis zum Jahre 1496, wo manAnnaberggründete, war die Stelle, an der jetzt die Stadt steht, nichts denn dicker, finsterer Wald voll Steinblöcke und Felsen, überragt gleich einer Warte von dem Pöhlberge. In den dichten Wäldern hauste mancherlei unzähliges Getier. Des Nachts erklang das gellende Geschrei des Uhus und am Tage krächzten Raubvögel und Unglück verkündende Raben massig in der Luft und horsteten auf den hohen Fichten. Der Bär brummte, der Wolf heulte und die Wildkatze schlich nach Beute. Der Fuchs und der Dachs führten ihre Baue auf und auch das Wildschwein grunzte in den geringen grünen Eichenwaldungen. Scheuen Blickes und eilenden Fußes umgingen die bewaffneten Bewohner der benachbarten Häuerdorfer die »wilde Ecke«, um nicht eine Beute der Raubtiere zu werden. Da die Gegend noch wenig angebaut war, so mußte man die Nahrungsmittel weit herholen. Die »wilde Ecke« führte darum auch noch den Namen »Hungerloch«.
Noch heute erinnert uns manches an die ehemalige Wildheit. Von Süden grüßt uns der Bärenstein, im Norden liegen rechts vom Sehmaflusse die Wolfshöhle und links der Sauwald. Auch die Fuchsgasse mag mit genannt werden.
»Sehr wild und felsicht war's in diesen Wald-Sudöden;Da hauste Wolf und Bär mehr als ein Menschenkind;Man sahe nichts von Feld, von Handelschaft und Städten;Die Luft war angestrengt mit Nebel, Frost und Wind.«
»Sehr wild und felsicht war's in diesen Wald-Sudöden;Da hauste Wolf und Bär mehr als ein Menschenkind;Man sahe nichts von Feld, von Handelschaft und Städten;Die Luft war angestrengt mit Nebel, Frost und Wind.«
Nach Arnold und M. Chr. Lehmann.
Die Ansiedelungen im oberen Erzgebirge sind von sehr verschiedenem Alter. Es läßt sich die Zeit der Gründung der einzelnen Städte und Dörfer nur annähernd bestimmen. Im allgemeinen gilt, daß die Bebauung für das Gebirge später eintrat, als für das Niederland und der Bergbau auch in ältester Zeit Anlaß gab, die sonst gemiedene Wald- und Berggegend zur Wohnstätte zu wählen. Aus der Benennung, welche man den Ansiedelungen gab, läßt sich schließen, daß z. B. die Städte des oberen Gebirges:Lößnitz,Zwönitz,Zöblitz,Schlettaubereits während der Zeit der Sorben-Wenden, also vor dem 10. Jahrhundert gegründet worden sind.
Um das Jahr 1173 wurde das KlosterZellebei Aue durch Mönche aus dem Kloster zu Zelle bei Freiberg gegründet. – Vorher, im 11. Jahrhundert, mögen zum Schutz und Trutz die BurgenWolkensteinundSchwarzenbergmit den sich anschließenden Stadtgründungen entstanden sein.Elterleinscheint seine Entstehung dem Bergbaue auf Eisen im 12. Jahrhundert zu verdanken.
Unter MarkgrafHeinrich dem Erlauchten, vielleicht auch früher, entstand westlich von Elterlein die Ansiedelung vonGrünhain. Daselbst stiftete, wahrscheinlich 1238,Meinherr II., Graf zu Hartenstein und Burggraf zu Meißen, das Kloster Grünhain und stattete dasselbe 1240 mit zehn Dörfern der Umgegend aus. Später kamen teils durch Kauf, teils durch Schenkung noch andere Besitzungen hinzu, sodaß eine große Anzahl Städte und Dörfer dem Kloster gehörten und sein Gebiet im 15. Jahrhundert sich bis unterhalb Zwickau und einige Meilen nach Böhmen hinein erstreckte. – Außer dem Kloster Grünhain gehört dem 13. Jahrhundert noch die Entstehung der StadtEhrenfriedersdorf, d. i. Herrenfriedersdorf, um 1240 an.
Das StädtchenGeyerist um 1395 infolge der reichen Anbrüche auf Zinn, Silber und Kupfer von Ehrenfriedersdorf aus angelegt worden. – Bald nach der Ansiedelung in Geyer soll zu Anfang des 15. Jahrhunderts ebenfalls infolge des Bergbaues die benachbarte StadtThumentstanden sein.
Die um Annaberg gelegenen DörferFrohnau,Kleinrückerswalde,Geyersdorfu. a. sind früheren Ursprungs als Annaberg und Buchholz.
In dem bei der Teilung 1485 vonAlbertgewählten Meißnerlande war nach dem Tode dieses Fürsten im Jahre 1500 sein SohnGeorg der Bärtige(1500–1539) gefolgt. Dieser war der eigentliche Gründer von Annaberg, da sein Vater zu jener Zeit als »des Kaisers gewaltiger Marschall und Bannermeister« Krieg mit den Niederländern führte und seinem Sohne während seiner Abwesenheit die Regierung des Meißnerlandes übertragen hatte. Als Georg 1500 zur selbständigen Regierung gelangte, bewies er der durch ihn gegründeten Stadt vor allen seine Gunst und Zuneigung und besuchte die reiche Bergstadt mehrmals von Dresden aus. Er spendete bedeutende Beihilfen zum Bau der schönen Annenkirche (1499–1525), ließ das Franziskaner-Kloster (1502–1512) erbauen und begnadigte die Stadt mit vielen Rechten und Freiheiten.
Bald nach der Gründung der beiden sächsischen StädteAnnabergundBuchholzentdeckte man auch Silber auf der böhmischen Seite des Erzgebirges. Im Jahre 1516 wardJoachimsthalin Böhmen gegründet und 1520 zur freien Bergstadt erhoben. Gewöhnlich nimmt man an, daß die dort vom Jahre 1519 an geprägten Münzen abgekürzt »Thaler« genannt worden seien und dadurch dieser Name für jede Münze von gleichem Werte in Gebrauch kam, was aber von Sachkundigen bezweifelt wird. Man leitet richtiger den Münznamen vontalentumab.
Was die Gründung anderer Städte des Obererzgebirges infolge reicher Erzanbrüche betrifft, so merke man noch: Im Jahre 1517 wurdenGottesgab,EibenstockundJöhstadt, eigentlich Josephsstadt, gegründet, 1521Marienberg, 1522Scheibenberg, 1526Wiesenthal, 1532Platten.
Das Gebiet, wo die Städte Gottesgab und Platten damals erbaut wurden, gehörte 1459–1547 durch den Vertrag zu Eger zur Mark Meißen, fiel aber infolge des Wittenberger Vertrages an Böhmen zurück.
Jenesiussagt in seiner Geschichte Annabergs: »Die Bergstädte haben ihren Namen nicht von ohngefähr, sondern aus reifem Nachdenken bekommen. Meine Vaterstadt ist anfangsSchreckenberggenannt worden. Aber es wurde kurz hernach, auf Ansuchen des Herzogs Georg und der Bürgerschaft durch den Kaiser Maximilian I. bewilligt, daß dieselbeSankt Annabergheißen sollte. Die böhmischen Grafen von Schlick nahmen von der Benennung dieser Stadt Veranlassung, die von ihnen erbaute Stadt nach dem Ehemanne der AnnaJoachimsthalzu nennen. Dies bewog ferner den sächsischen Fürsten Heinrich den Frommen, den Bruder Georgs, daß er der von ihm gegründeten Stadt den NamenMarienbergbeilegte und den Flecken, welcher an der äußersten Grenze des Meißener Landes in waldiger Gegend liegt,Jöhstadt, d. i. Josephsstadt, benannte. Es gefiel also den Herren dieser Länder, die Städte nach denen zu benennen, die die Voreltern des Heilandes nach dem Fleische waren, damit die Einwohner zur Verkündigung der Wohlthaten Christi entzündet würden und sich ihnen mit Seele und Leib, mit Hab' und Gut weihten.«
Der Bergbau in Buchholz war durch einen furchtbaren Wolkenbruch am 21. Juli 1565 fast ganz vernichtet worden, und im Jahre 1568 hatte die Pest Annaberg und die Umgegend verheert. Auf Anregung desKurfürsten Augustward damals überall im Lande nach neuen Schätzen des Erdbodens geforscht. So wurde 1546 der Serpentin beiZöblitzentdeckt. In den Kalkbrüchen vonCrottendorffand man 1575 abbauwürdige Marmorlager. Der daselbst gebrochene Marmor ist bis auf die Gegenwart herab vielfach zu Bauwerken und Kunstgegenständen verwendet worden. Seit einigen Jahren hat jedoch die Ausbeute an Marmor aufgehört und es wird nur Kalk gefunden.
Nach SchulratDr.Spieß.
Das wilde Gebirge ist auf mannigfaltige Weise urbar gemacht worden. Es geschah durch Räumung und Abziehung der Wälder, Anlegung geraumer Wege und Pässe, Brückung und Austrocknung der Moräste, Ausbrennung der Heiden, Ebnung der struppichten und wilden Beerhübel. Auch geschah es durch Ausrottung der Stockräume, Ablesung der Steine und mühsame Wegschaffung der Wacken, womit die Berge und Felder überhäuft waren. Das ist besonders bei so vielen mitten im wilden Walde angelegten und erbauten Dörfern, Flecken und Städten geschehen. Ferner trug der Bergbau zur Urbarmachung bei, indem dadurch vermöge der Bergfreiheit viele hunderttausend Stämme und Schragen Holz weggetrieben und verbaut wurden. Die Hammerwerke, welche durch ihre Holzbauer und Kohlenbrenner die allergrößten Wälder sehr gelichtet haben, hatten auch daran Teil.
Bis tief in das 13. Jahrhundert hinein, dann wieder zu Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts, stellenweise selbst bis in die neueste Zeit ist das Ausroden des Waldes, um Ackerland und auch Wiesenland für neue Ansiedelungen zu gewinnen, im umfangreichsten Maße betrieben worden. Jahrhunderte lang bildete der Wald den unerschöpflich erscheinenden Vorrat, durch dessen Niederschlagen man Raum für Feld, Holz für Bauten, Bergwerks- und Hüttenanlagen, Geld für Zinsen und Steuern u. s. w. erlangen konnte, ohne an die Wiederaufforstung kahl geschlagener Höhenzüge und Abhänge denken zu müssen. Der Wald war die unerschöpfliche Geldquelle für den fortschreitenden Anbau. Erst Jahrhunderte später, nachdem das Land durch die länger als ein halbes Jahrtausend fortgesetzte Urbarmachung und Zerstörung des Waldgebietes seine gegenwärtige Oberflächengestalt und Bedeckung gewonnen hat, ist man zu der Überzeugung gekommen, der Waldvernichtung nicht bloß Einhalt thun zu müssen, sondern auch das Waldgebiet durch Neuanpflanzung erhalten und vergrößern zu sollen.
Mit dem Vordringen des deutschen Stammes in das Gebiet der Slaven und in das Gebiet des waldbedeckten Gebirges beginnt erst die geschichtliche Zeit diesem Landes. Wenn auch die Vorgänge, besonders auf dem letzteren, vielfach unbekannt geblieben oder verschleiert und entstellt auf die Nachwelt gekommen sind, lassen sich doch die allgemeinen Grundzüge dieser Entwickelung noch erkennen.
NachM.Lehmann und Süßmilch.
Bei der anzutretenden Wanderung durch das Gebiet der Ortsnamen des Obererzgebirges halten wir zuerst eine Umschau über dieBerge. Die Namenderselben tragen fast durchgehends deutsches Gepräge und sind nach den verschiedensten Gesichtspunkten gegeben. Auf die Gestalt weisen hin: Spitzberg, Ochsenkopf, Hut- und Kanzelberg, Hirnschädel; auf das Klima oder die Unfruchtbarkeit einzelner Höhen: Kaltes Feld, Kalter Muff, Kahler Berg, Kahle Höhe und Thürmrich, d. i. Dürrer Berg (bei Frauenstein); nach den Pflanzen, die auf ihnen wuchsen oder noch wachsen, sind benannt: Buch-, Eichel-, Ahorn-, Kiefern- und Fichtelberg; nach den Tieren, die häufig dort angetroffen wurden: Bären-, Wiesel- und Wolfsstein, Krahstein, d. i. Krähenstein und Adlerstein; nach Erzen: der Kupferhübel und der Eisenberg. Einzelne, wie der Kapellenberg, der Hofberg, der Zechenberg verdanken ihren Namen bestimmten auf ihnen errichteten Gebäuden, andere, wie Andreasberg, Gastberg, Geringsberg, Richterberg dem Besitzer der Fluren, auf denen sie lagen. Einer ausdrücklichen Erwähnung verdient noch der Name der bei Schwarzenberg sich erhebenden Morgenleite. Der zweite Teil dieses Worten ist das ahd.hlita, mhd.lite, in Norwegen noch in der FormLidbekannt. Derselbe bezeichnet eine Berglehne oder einen Abhang und kommt in dieser Bedeutung im Erzgebirge außerordentlich häufig vor. Man unterscheidet die Süd- und Nordseite eines Berges als Sommer- und Winterleite: den ersteren Namen tragen in Annaberg zwei an der Sommerseite eines Abhanges angelegte Gassen, den letzteren ein Teil des Geyerschen Waldes; an der unteren Preßnitz heißt ein Abhang die Hirschleite; in der Nähe von Dorfchemnitz bei Sayda finden sich Buch- und Thonleite, bei Oederan die Hammerleite. In der sächsischen Holz- und Forstordnung von 1560 werden aufgeführt: Habichts-, Pech-, Grase-, Brand- und Trachenleite, und bei Elterlein heißt ein Dorf, in welchem sich früher eine Bergwäsche befand, Waschleite. Von dem in vielen unserer Bergnamen hervortretenden Grundworte Hübel, wie bei Lerchen-, Zeisig- und Hahnenhübel, begegnet uns in oberdeutschen Gegenden in Orts- und Bergnamen die umgestellte Form Bühel, ahd.puhil. In unserem Gebirge ist der Ausdruck unbekannt. Es ist durchaus nicht unwahrscheinlich, daß der ehrwürdige Annaberger Geschichtsschreiber Jenisius auf dem richtigen Wege ist, wenn er Pöhlberg auf jenes Bühel zurückführt, aus welchem dann Pihl und Pehl als entstellte Formen hervorgegangen sein würden.
Zwei bekannte Bergnamen, Auersberg und Rammelsberg, haben insofern noch eine besondere Bedeutung, als sie auf die Frage nach der Besiedelung unseres Gebirges führen. Wie die in andere Erdteile Ausgewanderten ihre neuen Ansiedelungen mit Vorliebe nach heimatlichen Orten benennen, so haben auch die durch Krieg und Hungersnot leidenden Harzer Bergleute, die einst massenhaft in die silberhegenden Berge unseres Vaterlandes einwanderten, Namen aus ihrer alten Heimat auf Wohnsitze und Örtlichkeiten übertragen. Noch heute finden sich im Harze nicht nur die erwähnten beiden Bergnamen, sondern auch zahlreiche Ortsnamen des Gebirges wie Hohenstein, Kirchberg, Stollberg und der bekannte Name Quedlinburg, den einmal unser Elterlein geführt haben soll. Ein anderer heute noch im Harze vorkommender Bergname, der Eibenberg, läßt es kaum zweifelhaft erscheinen, daß auch die Stadt Eibenstock als eine Niederlassung jener Harzer Bergleute zu gelten habe und daß der Name derselben wie der jenes Eibenberges auf die in Norddeutschland und auch im Harze heimische Eibe oder den Taxusbaum zurückzuführen sei.
Wir steigen von den Höhen herab und wenden uns nach denWaldungenundFluren. Wir beschränken uns namentlich auf Hervorhebung einiger aus älterer Zeit überlieferter, jetzt unverständlich gewordener Benennungen von Waldbezirken. Dahin gehören vor allem die mit »Struth« bezeichneten Waldungenbei Bernsbach, Flöha und Plaue, sowie die obere und niedere Struth im Westen von Langenau bei Freiberg. In diesem Ausdrucke lebt noch ein altes deutsches Wort für Wald, Buschwerk oder Dickicht, das heute nur noch in Hessen gebräuchliche, mhd. diestrutoderstruot, fort. Der von Chemnitzer Geschichtsschreibern aufgeführte Name Bramenwald, der heutige Zeisigwald bei Chemnitz, erklärt sich aus dem ahd. derprâmound dieprâmà, d. h. Dornstrauch, Dorngebüsch, insbesondere Brombeerstrauch. Daß der bei Zöblitz wie bei Satzung vorkommende Name Kriegwald in Beziehung steht zu den in diesen Wäldern ausgefochtenen Kämpfen im Hussitenkriege, daran ist wohl um so weniger zu zweifeln, als man dort noch im 17. Jahrhundert aufgeschichtete Haufen von Totengebeinen und Waffen gefunden hat. Nicht an den Krieg, wohl aber an die um Grenze und Rainung geführten Rechtsstreitigkeiten einzelner Personen oder ganzer Gemeinden mag die in verschiedenen Gegenden erscheinende Bezeichnung Streitwald erinnern. Die meisten dieser Wald- und Flurbezeichnungen lehnen sich wiederum anTiernamenan: von diesen Bildungen seien nur die in Lehmanns »Schauplatz« angeführten erwähnt: Aus den Lautersteinschen Wäldern: der Drachenwald, Rabenberg, die Dachslöcher; auf dem Crottendorfer Oberforstgebiete: die Vogelleite, Hirsch- und Auerhahnpfalz, der Säu- und Bärenfang, Tier- und Saugarten; im Grünhainer Gebiete: der Bärenacker, Fuchs- und Wolfsstein; auf dem Lauterschen: das Wolfslager, der Hirschstein, Habichtshübel, die Bärenstallung, der Wolfsgarten, Rabenberg, die Drachenleite, Bärenlage und Sauwiese.
Von den Höhen steigen wir herab in dieThälerund gelangen so zu denFlüssen. Bei ihnen ist die Namengebung ausgegangen vom Laufe und der Gestalt derselben, der Farbe des Wassers, den anstehenden Pflanzen, der Umgebung und zuweilen wohl auch von anliegenden Ortschaften. Die Namen der größeren Flüsse Elbe, Elster und Mulde lassen ohne weiteres ihren deutschen Ursprung erkennen. Auch die kleineren Gebirgsbäche wie das Schwarzwasser, der Saubach, Rauschenbach, Sandbach, Schindelbach, Goldkrönlebach, die zwei letzteren bei Großrückerswalde und Pobershau, und andere sind von den Deutschen benannt worden. Für eine größere Anzahl unserer Gebirgswässer läßt sich dagegen eine Ableitung aus dem Deutschen nicht gewinnen. Aus der slawischen oder sorbenwendischen Zeit stammen denn auch die zahlreichen slawischen Orts- und Flußnamen unseres Gebirges. Der Name der Zschopau, nach welchem auch die Stadt genannt ist, wird zurückgeführt auf slawischSapawa= die Reißende, Zischende, Tosende; gleiche Bedeutung hat das tschechischebistry, von welchem die in Urkunden alsflumen Bistrice, späterWistriczaufgeführte Weißeritz den Namen hat; nach der Buche, slawischbuky, tschechischbukist die Bockau, nach der Birke, slawischbrizaoderbrschizadie Preßnitz, nach dem Biber, slawischbibra, tschechischbobrdie Bobritzsch, nach dem Wildschwein, slawischsvisnijadie Zwönitz benannt. Die Chemnitz, urkundlichflumen Caminizi, heißt Steinbach, nach dem slawischenKameni= Stein, und Lößnitz, urkundlichLessenitzaus slawischlêsu, tschechischles= der Wald oder Busch, bedeutet der Waldbach.
Unsere Wanderung in den Flußthälern auf- und abwärts und über die Scheiden der Wasserläufe führt uns weiter zu den verschiedenenOrtschaften, den freundlichen Städten und Städtchen und den friedlichen, sauberen Dörfern unseres Gebirges.
Das Dorf Drebach bei Wolkenstein erscheint urkundlich alsTräte-,Tretebach,Dratbach. Der erste Teil diesem Namens,DratoderTräte, ist ein gutes deutsches Wort, ahd.drâti, mhd.draetemit der Bedeutung schnell, rasch. Dasselbebezog sich auf den raschen Lauf des durch den Ort eilenden Baches. Aber da es längst schon dem Sprachbewußtsein entschwunden ist, suchte man sich den Namen Trätebach durch Anlehnung an das geläufige Zeitwort drehen verständlich zu machen und bildete mit Unterdrückung des inlautenden t Drehbach. Daß der Volksgeist oft mit recht kühnen Deutungen bei der Hand ist, beweist eine Mitteilung über das Städtchen Geyer, wonach dasselbe seinen Namen vom Teufel haben soll, der auf einem Spaziergange beim Anblick der unwirtlichen Gegend ausgerufen habe: »Pfui Geyer!«
Noch 1402 heißt der Ort Cappel bei Chemnitz zu der Capelln, das heißt zu der zur Nikolaikirche gehörigen Kapelle. Die Namen Altenberg, Breitenbrunn, Weißenborn heißen dementsprechend ursprünglich zu dem alten Berge, dem breiten Brunnen, dem weißen Born. Gleiche Bedeutung haben Neundorf, Naundorf, Neudorf, nämlich zu dem neuen Dorfe. Siebenhöfen heißt eigentlich zu den sieben Höfen und ist benannt nach den sieben Wirtschaftsgebäuden, aus welchen der zwischen Tannenberg und Geyer liegende Ort anfangs bestand. Bei Lengefeld zeigt nur noch die urkundliche Form Langenfeld die eigentliche Bedeutung.
Nun ist noch auf die äußeren Gründe einzugehen, von welchen sich die einstigen Ansiedler bei der Benennung ihrerWohnplätzehaben leiten lassen. Als natürlichster Ausgangspunkt erscheint zunächst dieBodenerhebung, das heißt, ob ein Ort auf oder an dem Berge, im Thale oder in der Ebene angelegt wurde. Zahlreich sind die Zusammensetzungen, wie die Städtenamen: Schneeberg, Schwarzenberg, Freiberg, und die Dorfnamen: Grünthal, Blauenthal, Rothenthal. Auf die Höhenlage weisen hin: Steinhübel, Berggießhübel, Scharfenstein, Wolkenstein. Höhen- und Thallage zugleich deuten an Ober- und Unterwiesenthal. Nach der Bodenbeschaffenheit ist benannt der Ort Sand bei Freiberg. Auch die beiden Dörfer Grießbach bei Wolkenstein und Schneeberg haben ihren Namen von dem Sande erhalten, den die hier fließenden Bäche an ihren Ufern absetzen; denn der Ausdruck Grieß (mhd.griez) bedeutet den Sand am Ufer oder Grunde des Wassers. Bei den mit Haide gebildeten Namen müssen wir an Orte denken, die im Heidelande gegründet wurden. Kühnhaide oderKienhainheißt eigentlich Fichtenheide.
Namengebend dient auch derWald. Bildungen wie in Königswalde, Fürstenwalde u. a. lassen sich schon seit dem 8. Jahrhundert nachweisen. Ein Wäldchen nennen wir jetzt Hain; früher bedeutete das aushaganzusammengezogene Wort einen Dornbusch. Hierher gehören Namen wie Grünhain, Altenhain, Pfaffenhain. Eine weitere Gruppe lehnt sich anTier-undPflanzennamenan. Dem Worte Gablenz liegt zu Grunde das Wortjablu, der Apfelbaum, Geyer stammt vonjawor, der Ahorn, Gelenau vonjeleni, der Hirsch. Zahlreiche Orte verdanken dem Wasser ihre Namen. Flußnamen kehren als Ortsnamen wieder: Sehma, Pöhla, Preßnitz. Dorfschaften wie Krumbach, Steinbach, Lauterbach sind nach dem Laufe oder der besondern Eigentümlichkeit des sie berührenden Gewässers benannt. Benennung wie Furth bei Chemnitz weisen auf Übergangsstellen über die Gewässer hin.
Auch auf Personennamen sind Ortsnamen zurückzuführen. So ist es bei den vier Städten, die nach der heiligen Familie genannt sind: Annaberg, Marienberg, Jöhstadt, Joachimsthal; Johanngeorgenstadt, Ober- und Niederneuschönberg sind in Anknüpfung an Johann Georg I. und Caspar von Schönberg auf Pfaffroda benannt. Ohne weiteres verständlich sind: Hermannsdorf, Erdmannsdorf. Cunersdorf weist aufCunradisdorfund dies auf einen Konrad. Leukersdorfbei Zwönitz wird noch 1306Leutgersdorfgenannt. Leutger ist der alte NamenLiutger. Seifersdorf bei Dippoldiswalde, 1312Syvirdisdorf, führt auf Siegfried, Röhrsdorf bei Chemnitz, urkundlichRudigersdorfauf Rüdiger, Hilbersdorf, um 1290Hillebrandisdorfauf Hildebrand und Dittersbach bei Frankenberg, ehemalsDyterychsbach, auf den vielberühmten Namen Dietrich. Die letzten fünf Namen finden sich sämtlich in Volksepos der Nibelungen; ihnen ließe sich leicht eine Reihe anderer erzgebirgischer Ortsnamen anfügen, in denen uns Personennamen aus der ältesten Zeit unserer deutschen Geschichte entgegentreten.
Nach Prof.Dr.Göpfert.
Das slawische oder sorbenwendische Dorf, für dessen Anlage noch zahlreiche Beispiele nördlich vom Erzgebirgsfuße zu finden sind, bildet ein geschlossenes Ganze und bestätigt schon in seiner äußeren Form und seinem Grundrisse die Verbindung des Gemeindewesens. Die vorwiegende Form, gewissermaßen die Urgestalt des altslawischen Dorfes, ist dieKreisform. Die sämtlichen Höfe desselben liegen aneinandergeschlossen in einem Kreise, und nur ein Eingang führt in das Innere des Dorfes; während die äußere Umfassung von Hecken oder Lehmwänden gewissermaßen die erste Verteidigungslinie bildet. In der Mitte des Dorfes liegt in der Regel ein Teich. Ein von Linden umfaßter Platz bildet die Stätte der Gemeindeversammlungen und Beratungen. Häufig ist eine kleine Kapelle neben demselben; während die Kirche in der Reihe der Höfe liegt. Man kann für diese Dorfform noch zahlreiche Beispiele sorbenwendischen Ursprungs auf dem unteren Rande und am Fuße des Erzgebirgsabhanges nachweisen, häufig selbst da, wo die ursprüngliche Form durch das Anwachsen des Ortes schon bedeutend verändert ist. Auf dem eigentlichen Gebirgsabhange kommen sie über 250mMeereshöhe nicht mehr vor.
Als oberster Grundsatz allen Besitzes galt, daß die ganze Feldmark des Dorfes an Äckern, Wiesen, Weiden, Waldung, Umland und Wüstungen, Bächen, Teichen u. s. w. der Gemeinde als Gesamtbesitz angehörte und daß der einzelne Hofbesitzer nur als Mitglied der Gemeinde gewissermaßen den Nießbrauch eines entsprechenden Teiles des Gesamtbesitzes hatte.
Nach M. v. Süßmilch.
Anders als bei dem slawischen war es bei der Anlage der deutschen Dörfer im Waldgebiete. Hier wurde das Gesamtgebiet des anzulegenden Dorfes in so viele Teile geteilt, als Höfe gegründet werden sollten, und der dieser Zahl entsprechende Raum in so viele geschlossene aneinander stoßende Hufen zerlegt, als die Dorfgemeinde Höfe zählen sollte. Daher bildeten die mit dem Gehöfte besetzten Hufe ein geschlossenes Ganze. Garten, Feld, Wiese, Wald reihten sich im Zusammenhange aneinander, wenn auch die Reihenfolge dieser Teile des Ganzen in den einzelnen Fällen eine verschiedene war.
In der Regel wurden die einzelnen Höfe innerhalb der Gemeindeflurlängs des Hauptwegesmit entsprechendem Abstande aneinander gereiht. Da die Niederlassung vorwiegend in breiteren Thalmulden erfolgte, so wurde auf jeder Seite des Wasserlaufes in entsprechender Höhe über der Thalsohle ein Hauptweg geführt, längs dessen die Höfe erbaut wurden. Bei dieser Art von Ansiedelungen in den Thälern, wie sie im Erzgebirge die vorwiegende ist, lageninnerhalb der Waldungen, welche die verschiedene Thalgebiete trennenden Höhenrückenzüge bedeckten, die Grenzlinien zwischen den in gleicher oder ähnlicher Weise angeordneten Nachbargemeinden.
Ein jeder der Höfe lag in seinem ein unzertrenntes Ganze bildenden Besitz. In der mehr oder weniger breiten Sohle der Thäler waren die Wiesen, weiter oben auf dem Abhange und dessen weniger steiler Fläche das Ackerfeld und auf dem Rande zwischen beiden der Hof mit seinen Gebäuden und dem Garten. Weiter aufwärts lagen die Hutungen und oben auf der Höhe der Wald.
Diese Art der Hufenteilung ist die im Erzgebirge bei seiner Besiedelung vorwiegende gewesen. Weniger gebräuchlich, aber doch auch vorkommend, ist die z. B. in Thüringen vorherrschende, mit der slawischen oder sorbenwendischen Hufeneinteilung im Grundgedanken übereinstimmende Hufengattung, bei welcher die Hufe aus einer großen Anzahl einzelner Ackerstücke besteht, welche durch die Feldflur der Dorfgemeinde verstreut liegen. Das gesamte Pflugland wird in eine Anzahl von Vierecken dergestalt geteilt, daß der Boden eines jeden dieser Vierecke von möglichst gleicher Beschaffenheit ist. Nun wird ein jedes dieser Vierecke in so viele Streifen oder Gewende zerlegt, als die Flur Hufen oder Höfe zählt, sodaß eine Hufe wie die andere aus ganz gleichen Teilen zusammengesetzt ist.
Die Wiesen werden auch bei dieser Hufengattung besonders verteilt. In der Regel erhielt eine jede Hufe Wiesenanteile in den drei schon im frühesten Mittelalter unterschiedenen Wiesenlagen, und zwar Thal- oder Bewässerungswiesen, Wiesen an den Hängen oder Thalhängen und Berg- oder Höhenwiesen. Jede aus dieser Hufengattung bestehende Dorfflur bildet ebenfalls ein geschlossenes Ganzes; die Hufe ist sogar vollständig abgeschlossen, wie bei der ersten Hufengattung: denn jedes neugerodete Stück Land liegt außerhalb der Hufe. Daher kommen neben der Hufe häufig noch einzelne Äcker vor, besonders dann, wenn der Wald ursprünglich geschlossenes Gemeindeeigentum war. – Die zu dieser Hufengattung gehörigen Hoferaithen liegen stets zu einem geschlossenen Dorfe vereinigt beisammen.
Für die große Mehrzahl aller Dörfer im Erzgebirge, wenigstens soweit sie mit Ackerbau und Viehzucht in Verbindung stehen oder wenigstens in Verbindung gestanden haben, kann man die Ansiedelung der Dorfgemeinde im ganzen als die Regel annehmen. Dies schließt jedoch nicht aus, daß eine kleine Ansiedelung durch Zuzug einer geschlossenen Menge neuer Ansiedler mit einem Male oder durch allmählichen Zuwachs nach und nach im Laufe der Jahrhunderte wesentlich vergrößert worden ist.
Nach M. v. Süßmilch.
Noch heuzutage sind auf dem Abhange des Erzgebirges mancherlei Wörter und Bezeichnungen inmitten einer vollkommen deutsch erscheinenden Bevölkerung gebräuchlich, welche auf sorbenwendischen Ursprung zurückweisen. In der bergmännischen Sprache begegnen wir den Wörtern »Halde« für eine Aufschüttung von Gesteinen, was aufhalda= der Weiler führt; »Perl«, der Breithammer, aufperlik; »Kaue«, das Stollenhaus, aufkavna= die Hütte; »Tscherper«, das Messer der Bergleute, aufserp= die Sichel; »Nusche«, das schlechte Messer (auch Kutternusche), aufnuz= das Messerchen; »Schragen«, Holzschragen, ein bestimmtes Maß Holz aufsrak= das Gestell (zum Messen des Holzes); »Bähnert«, ein runder Korb, aufbane= der Flechtkorb. Unteranderen Benennungen deuten »Latschen«, schlechte oder geringe Schuhe, aufhlacice= Strümpfe; »Hütsche« aufhecna= die niedere Bank; »Hurkel« aufhurka= der Hügel, Buckel; »Zieche« aufcicha= der Bettüberzug. Ferner »Schlottig« aufslota= Lumpengesindel; »Klike«, die Gesellschaft, aufklika= das Gespann, Joch; »Schmant« aufsmanta= Schmutz; ferner weist »Wischka« aufmiska= der Eber; »Kunzen« aufcunce= das männliche Spanferkel. An Orts- und Richtungsbezeichnungen und dergl. kann man aufführen: »Nische« vonnize= schrägüber; »lätsch« vonlezny= falsch; »quatsch« vonkvaz= das Gekrächze; »pritsch« vonpric= fort; dergleichen an Zeitwörtern »hätscheln« vonhejckám= auf dem Arme schaukeln; »bischen«, das Kind auf dem Arme tragen und einsingen, vonpisenka= das Lied; »dahlen« vondal= weitläufig (sprechen); »tatschen« vontacim= im Kreise drehen (mit seiner Rede); »pesteln« vonpestam= vorsorgen, pflegen; »pitzeln« vonpiclam= mit stumpfem Messer schneiden; »anfuzen«, jemand grob anreden, vonfucim= sausen; »balzen« vonpalcivy= hitzig sein; »Husche« vonhusa(Hus) = Gans; »Kaluppe« oder Schaluppe (schlechte Hütte) vonchalupa= Hütte; »paddeln« vonpadlám= in der Erde wühlen; »pomäle« (behaglich, bequem) vonpomalu= langsam; »ketscheln« vonkecam= spritzen, sudeln, besudeln u. a.
NachDr.Göpfert u. M. v. Süßmilch.
Der Einzelansiedler hatte vollständig freie Hand, sich anzubauen, wo es ihm gefiel. Da gab es bis in die neueste Zeit Einzelhäuser im Walde und Einzelgehöfte vor dem Walde und an dessen Rande, ungerechnet die zahlreichen Mühlen, welche einsam an den Wasserläufen und in den prächtigsten Thalstrecken entlang verstreut liegen. Die verschiedenen Häusergruppen auf dem Gebirgszuge zwischen Freiberg und Brand, die Höfe von Drachenwald und Neusorge, die Gehöfte und Häusergruppen »Auf dem Gebirge« bei Marienberg, die verschiedenen Vorwerke bei Ehrenfriedersdorf und Geyer, sowie im Nordosten von Annaberg und im Norden von Buchholz, die Höfe am Bärenstein, die Vorwerke bei Oberwiesenthal, die Berghäuser bei Unterwiesenthal, die Tellerhäuser bei Oberwiesenthal, die verschiedenen Vorwerke bei Schwarzenberg, Brünnlaß am Gleesberge, die Sonnenwirbelhäuser, die Unruhe, die Spitzberghäuser, die Försterhäuser und andere geben sämtlich Beispiele für die Einzelansiedelungen, sei es als Jäger, Wilddieb, Kohlenbrenner, Bergmann, Viehzüchter und Ackerbauer.
Nach M. v. Süßmilch.
Das für das Erzgebirge eigentümliche Wohnhaus ist das Blockhaus. Das ursprüngliche Blockhaus ist allerdings nur noch in mäßiger Anzahl zu finden, da bei allen neuen Bauten die gesteigerten Holzpreise, sowie staatliche und örtliche Bauvorschriften die Errichtung von wirklichen Blockhäusern verbieten. Das Blockhaus, wie man es in der ursprünglichen Bauweise an einzelnen Stellen noch vortrefflich erhalten findet, und zwar für eine Familie, ist die Grundform für alle Hausbauten auf dem Gebirge.
Auf einem Viereck von großen Steinen in Trockenmauer, seltener in Lehm- oder Kalkbau, steht das aus zweikantig beschlagenen, auf den beiden übrigen Seiten nur geschälten Balken errichtete Haus. Die Balken liegen wagerecht;ihre Enden sind über einander geschnitten und ragen etwa eine Hand breit vor. Die Balken waren 30 bis 35cmstarke Bohlen, und man fügte dieselben zwischen stehende Säulen von 30cmStärke. Für Thüre und Fenster sind entsprechende Öffnungen gelassen. Die inneren Zwischenwände sind ebenfalls Blockwände. Nur zur Aufnahme der Esse und Abgrenzung einer kleinen, schwarzberußten Sommerküche ist Mauerwerk von mehr oder weniger hart gebrannten Ziegeln aufgeführt. Die Fugen zwischen den Balken sind mit Moos, Erde oder Lehm ausgestopft und das Innere ist mit Kalkfarbe gestrichen, bei wohlhäbigeren Bauten aber mit Holzverkleidung bedeckt. Die Stuben- und Kammerdecke ist mit Brettern zwischen den Balken verschlagen; die Fenster sind mit Läden versehen. Die Holzverkleidungen sind meist in Felder geteilt; aber eigentliche Holzschnitzereien sind nirgends zu treffen. Zunächst der kleinen Hausflur befindet sich eine ungefähr 5mim Gevierte haltende Stube, an dieser eine Kammer. In der Stube steht ein großer Kachelofen, in der kleinen Küche ein Herd. Das zweiseitige, mit Schindeln gedeckte Dach bildet ein gleichseitiges Dreieck über den niederen Außenwänden. Die über das Dach wenig aufragende Esse ist von Lehmsteinen oder Ziegeln gebaut, mit einer Holzverkleidung umfaßt und mit einem Wetter- und Schneedache überdeckt. Zu dem Dachboden führt eine offene Stiege. Dem Verlaufe der Ansiedelung entsprechend, liegen die Häuser vereinzelt, mitten im Lande, am Wege oder in Gruppen über oder nebeneinander, am Abhange oder auf dem Bergvorsprunge.
Nach M. v. Süßmilch.
Die Grundrisse der erzgebirgischen Kirchen verraten eine gemeinsame Kunstanschauung. Die zu Annaberg besteht aus drei Schiffen, von welchen das mittlere nur wenig breiter ist als die äußeren. Gegen Osten sind drei aus dem Achteck gebildete Chorbauten angeordnet. Der Bau bildet im übrigen ein Rechteck, welches etwa doppelt so lang als breit ist.
Die Kirche zu Pirna entspricht der Annaberger fast völlig. In dieser Planbildung sehen wir die ältere Schule jener Gegend; denn die Pirnaer Kirche entstand seit 1504. Ihr Meister dürfte jenerPeter von Pirnasein, von dem wir wissen, daß er vorJakob von Schweinfurtin Annaberg baute.
Diese Grundrißform war keine neue. Ihre Wahl war vielleicht durch Jerusalem beeinflußt; dort stand die Abtei St. Anna, die im 12. Jahrhunderte von den Kreuzfahrern über der Gruft der Großmutter Christi errichtet worden war. Auch sie zeigt jene Form und war eine jener Heilstätten, die damals kein Wallfahrer unberührt ließ. Schwerlich ist aber die Annenkirche in Jerusalem allein maßgebend gewesen. Das Vorbild der Teynkirche zu Prag und verwandter Bauten wirkte jedenfalls mit. Das dortige Chor findet sich schon 1388 an der Moritzkirche zu Halle wiederholt.
Aber zwischen allen diesen Bauten und dem Annaberger besteht ein sehr einschneidender Unterschied. Dort sind die Umfassungsmauern zwischen die inneren Endungen der Strebepfeiler gestellt, sodaß diese nach außen die Wandfläche gliedern; hier ist die Außenwand völlig glatt gebildet, sind die Streben ganz nach innen gezogen. Ursprünglich war die Hallenkirche geplant. Die folgenden Meister gingen erst zur Emporenkirche über, wie in der Wolfgangskirche zu Schneeberg und der Kirche zu Laun. Der Emporenumgang über den eingebauten Kapellen erstreckte sich in Brüx nun auch über das Chor. Die reiche, bildnerische Ausschmückung der Emporenbrüstungen, die feine Gliederung derPfeiler, die die Decke zu einem ganzen zusammenfassende Bildung der sich durchdringenden Kurvenrippen, die Stellung der Kanzel – alles dies giebt solchen Kirchen im hohen Grade den Eindruck des Saalartigen, des Gemeindebaues, der Predigtkirche, soweit dies bei gotischen Formen überhaupt erreichbar ist. Ähnlich ist die Schneeberger Kirche gestaltet. Schon hielt man hier nicht mehr für nötig, dem Mittelschiffe einen chorartigen Abschluß zu geben. Der Altar steht frei vor der ringsumlaufenden, den Eindruck des Raumes künstlerisch beherrschenden Empore. Diese Form war entlehnt von der Marienkirche zu Zwickau, welche 1465–1475 erbaut wurde.
In der Kirche zu Oederan aber, wie in jenen zu Penig und Geithain und sämtlichen kleineren Orten des Erzgebirges, ließ man auch die Pfeiler als Dachstützen fort und schuf lediglich den von den Emporen umgebenen Saal, an den das Chor als etwas Selbständiges sich anlegt. Am entschiedensten und merkwürdigsten zeigt sich die neue Richtung an der Kirche zu Joachimsthal, die erst nach dem Beginne der lutherischen Reformation angelegt wurde. Die böhmische Bergstadt ist in vielen Beziehungen eine Tochter Annabergs. Die ganze Anlage der Kirche ist sehr nüchtern. Sie ist durchaus protestantisch, durchaus zweckmäßig, durchaus im bewußten Gegensatze zu der Altarkirche des alten Glaubens errichtet, sodaß hier dem Katholizismus ernste Schwierigkeiten erwuchsen, als er den Bau für seinen Gottesdienst einrichten ließ.
War also das Aufgeben der malerisch reizvollen Grundrißformen der Gotik zu Gunsten einer möglichst klaren, einheitlichen Raumgestaltung ein Werk des Bestrebens, Predigt- und Gemeindekirchen zu schaffen, so zeigt sich dies auch in der Pfeilerbildung. Die Pfeiler wurden nun fast notwendige Übel. Man bildete sie deshalb so einfach als möglich und suchte einen Stolz darin, die Zahl der Stützen unter den Gewölben thunlichst zu beschränken. In Schneeberg ist die sehr nüchterne Führung der Gewölblinien in allen drei Schiffen dieselbe; in Laun tritt eine Eigentümlichkeit der Spätzeit der Gotik auf, nämlich die, daß die Rippennetze aus Bogen gebildet sind, eine Erscheinung, die sich in Brüx, am Hauptchor in Pirna, am Chor der Stadtkirche zu Lommatzsch und an der Annaberger Kirche wiederholt. Diese Formen finden sich auch wieder am Wradislavsaale des Schlosses auf dem Hradschin und in dem erst durchJakob von Schweinfurterrichteten Wappensaale der Albrechtsburg in Meißen. – Von besonderer Wichtigkeit ist, zu sehen, wie die Baumeister sich den Emporen gegenüber verhielten. Man errichtete neben den Pfeilern des Mittelschiffes der alten Kirche die neuen, schwächeren Pfeiler, spannte die Gewölbe ein und konnte dann die alte Kirche aus dem Innern der neuen entfernen. So geschah es in Annaberg. In Annaberg entwickelte sich der Emporenbau nur schrittweise; der älteste Teil ist die »Musika«, die Orgelempore. In der Marienberger Kirche (1558–1564 erbaut) liegt die Sakristei hinter der Empore, welche den ganzen Bau umzieht. Das Chor als solches ist ganz aus dem Plane gestrichen. In der Bergkirche zu Annaberg ruhen die Emporen auf Säulen und ziehen sich ringsum. Jemehr die Strebepfeiler nach innen rückten, desto ungegliederter wurde das Äußere. In Laun, Freiberg, Schneeberg, Oederan, Buchholz erscheinen die Streben als mehr oder minder schwache Wandstreifen. In Brüx und Annaberg sind die Umfassungswände ebenso glatt wie an den meisten Schloßkapellen. Die Art der Gotik ist umgewendet.
Während an dem Dome zu Köln, wie an den großen französischen Kirchen eine gewaltige Zahl von Nebenkapellen, Strebepfeilern und Bogen, Fialen,Brüstungen und Wimpergen sich äußerlich zeigt, die ein schmales, schlank aufsteigendes Mittelschiff als eigentlichen Hauptraum der Kirche umrahmen, erscheint hier ein äußerlich schmuckloser, ganz nach innen gekehrter Hallenbau; während dort das Ganze in seinen zahlreichen Teilen, seinen verschiedenen Schiffen und Kapellen dem Wesen der Heiligen-, Klerikerkirche entspricht, ist hier der Predigtbau bei allem Bauaufwande doch in seiner zweckdienlichen Einfachheit ausgebildet, ein durchaus neues, zwar aus der Gotik entwickeltes, aber keineswegs mehr mittelalterliches Werk geschaffen.
Licht! lautet eine Grundforderung der erzgebirgischen Bauten. Die Meister der erzgebirgischen Predigtkirche fanden auch statt der Abteilung des Baues in verschieden heilige Teile eine einheitliche Form durch unbefangene Ausgestaltung der Forderungen des neuen Gottesdienstes.
Nach Gurlitt.
Es ist lehrreich, die Städtewappen des Erzgebirges zu vergleichen. Dieselben trennen sich in zwei große Gruppen: in die Wappen der Städte, welche vor 1500 bestanden, und in die der Städte, welche nach 1500 gegründet wurden. Diese letzteren sind alles Bergstädte, wie auch ihre Bergmannswappen bezeugen.
Der größte Teil der alten Städte führt eine Stadtmauer mit Thor und Türmen als Beleg ihrer Wehrhaftigkeit im Wappen. Diese Städte sind sämtlich im 13. Jahrhundert, jedenfalls zu Anfang desselben, wo nicht schon früher, am Ausgang des 12. Jahrhunderts, gegründet worden. So haben Colditz, Leisnig, Döbeln, die drei alten Städte vor dem Fuße des Erzgebirges, eine Mauer mit offenem Thor, Döbeln sogar drei, und drei Türme. Colditz hat über dem mittelsten Turme einen Schild mit dem Meißener Löwen, Leisnig vor dem Thore den Wappenschild der Burggrafen von Leisnig. Freiberg führt eine Mauer mit Thor und drei Türmen, vor dem Thore den Schild mit dem Meißener Löwen; Lößnitz eine Mauer mit drei Türmen, vor deren mittelsten den Schild der Burggrafen von Meißen; Elterlein eine Mauer mit Thor und zwei Türmen, rechts oben an der Mauer den Schild der Burggrafen von Meißen mit dem Andreaskreuz, links oben den Schild der Grafen von Schönburg mit seinen zwei roten Schrägstreifen. Wolkenstein führt eine Mauer mit offenem Thor und drei Türmen, auf dem rechten bläst der Wächter ins Horn. Später hat man das Wappen durch zwei zwischen die Türme gesetzte Schilderhäuschen verunziert. Frankenberg hat eine Mauer mit Thor und zwei Türmen, zwischen denen eine Jungfrau mit Kranz steht. Kirchberg, sowie Zschopau hat eine Mauer mit Thor und drei Türmen; Chemnitz ebenfalls, an dem mittelsten Turme jedoch den Schild mit dem Reichsadler. Öderan hat eine Mauer mit Thor und zwei Türmen, zwischen denen sich ein Wagenrad als Wahrzeichen der Heerstraße befindet. Die uralte Stadt Sayda hat nur den Schönburgschen Löwen.
Die Ansiedelung im Waldgebiete bezeugen die Wappen von Geringswalde oder Gerungiswalde, eine Tanne, an welcher sich ein Eber reibt, von Grünhain mit drei Tannen, vor welchen ein Auerhahn steht. Hainichen führt zwei umgeschlagene Tannen, auf dem einen Zweige sitzt ein Vogel. Nossen hat drei große Bäume, zwischen denen ein Turm steht. Dippoldiswalde zeigt zwei gekreuzteEichen und das Brustbild eines Mannes mit Bart. Zöblitz führt einen Bärenkopf in goldenem Schilde.
Die Wappen von Dohna und Frauenstein haben keine geschichtlichen Beziehungen; ebensowenig das am Rathause von Geyer 1496 angebrachte Stadtwappen mit den drei Geiersköpfen.
Ein uraltes, redendes Bergmannswappen führt Eibenstock, nämlich Rechen und Radehaue als Wahrzeichen des Zinnseifens.
Die Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts gegründeten Bergstädte Altenberg, Schneeberg, Aue, Annaberg, Buchholz, Sebastiansberg, Marienberg, Scheibenberg, Oberwiesenthal, Sonneberg, Kupferberg, Gottesgab, Platten, Jöhstadt, sowie das weit später gegründete Johanngeorgenstadt führen sämtlich Bergmannswappen mit Schlägel und Eisen, Hacken, Hauen, Keilen u. a. mit Heiligen- oder anderen Schmuckbildern oder ohne solche.
Nach M. v. Süßmilch.
Die ersten Pfadmacher in den unwirtlichen, waldigen Schluchten und Bergen unseres Gebirges sind jene großen Säugetiere gewesen, welche in alter Zeit zahlreich unsere Gegenden durchstreiften. Die ersten, die Wege herstellten, sind slavische Ansiedler gewesen. Es entstanden eine Reihe von Burgen und Grenzfestungen, welche teils zum Schutz der Straßen dienten, teils aber wohl auch allerlei Raubgesindel Unterschlupf gewährten. So hören wir schon aus dem Jahre 968 von der Burg Schellenberg, weiter von Rauenstein, Nieder- und Oberlauterstein, Purschenstein, Sayda, Scharfenstein, Wolkenstein, Tannenberg, Stein, Hartenstein, Schlettau, Schwarzenberg. Ums Jahr 923 wird bereits die Burg Wildeck erwähnt, von deren Vorhandensein heute noch der Berchfrit, der einen wesentlichen Bestandteil des Schlosses in Zschopau bildet, Zeugnis ablegt. Ebenso soll bei Rittersgrün und Rübenau eine Burg gestanden haben. Rauenstein wird zuerst urkundlich 1289 erwähnt, Niederlauterstein 1315, während Sayda und Purschenstein im Jahre 1240 aus böhmischem in sächsischen Besitz kamen und Scharfenstein, Wolkenstein und Schlettau im 12. Jahrhundert entstanden sein dürften. Von der Burg Tannenberg, von der nur noch der bekannte alte viereckige Turm übrig geblieben ist, wird in zeitgenössischen Quellen nichts erwähnt. Alle diese Burgen lagen in der Nähe der großen Straßen, welche am Gebirge entlang oder über dasselbe führten. Da ist zunächst die alte Frankenstraße, welche vom Vogtlande durch das niedere Erzgebirge nach Osten ging und von Plauen aus Reichenbach, Zwickau, Lichtenstein, Chemnitz, Flöha und Freiberg berührte. Hier teilte sich die Straße, indem die obere über Wilsdruff, die untere über Bobritzsch nach Dresden führte. Parallel zu ihr hatte schon frühzeitig eine große Handelsstraße im Egerthale Bedeutung, welche von Eger über Falkenau, Karlsbad, Kaden, Komotau, Brüx nach Aussig lief. In die ersterwähnte Frankenstraße mündeten von Norden mehrere Straßenzüge ein. So kreuzten dieselbe in Plauen und Zwickau Straßen von Leipzig, welch letztere sich über Kloster Grünhain, das ja früh schon mit Zwickau in enger Verbindung stand, Elterlein, Schlettau nach Böhmen zog. Eine dritte Straße von Leipzig fand in Chemnitz Anschluß an die Frankenstraße, welche von hier aus nach dem Egerthale weiterführte. Ob diese Straße Karl der Große bei seinem Zug nach Böhmen im Jahre 805 und Heinrich II. im Jahre 1004 benutzte, ist nicht genau festzustellen, aber nicht ausgeschlossen. Die Straße istin ihrem Vorhandensein bis Zschopau urkundlich festgestellt, wie sie weiter verlief, ist nicht genau bekannt. Andere Straßen führten von Zöblitz über Rübenau nach Görkau, von Marienberg über Reitzenhain, Bastelberg (Sebastiansberg) nach Komotau, von Zschopau über Mildenau, Jöhstadt nach Preßnitz. Auch Kühberg war schon frühzeitig ein wichtiger Straßenpunkt. Alle diese Straßen dienten nicht nur friedlichen Zwecken, oft sind Kriegsheere auf ihnen hin gezogen und haben sich plündernd in die nächsten Marken ergossen. Ferner wird Wolkenstein als an einer Straße nach Preßnitz liegend erwähnt, welche vielleicht von Wolkenstein nach Chemnitz über Erfenschlag ging. Christian Lehmann gedenkt auch eines Weges nach Satzung. Von der Frankenstraße zweigte in Oederan die sogenannte alte Salzstraße nach Süden ab, welche Freiberg und Sayda berührte und in Brüx Anschluß an die nordböhmische Handelsstraße fand. Sayda war schon 1210 eine Zoll- und Gerichtsstätte und das nahe gelegene Schloß Purschenstein findet schon 1213 Erwähnung. Eine andere Straße ging schon in alter Zeit von Freiberg über Frauenstein nach Teplitz. Freilich waren dies alles nicht Straßen im heutigen Sinne, sie folgten meist weder den Höhenzügen, noch den Thälern, sondern gingen bergauf, bergab, wie gerade das Gebiet es ergab. Infolgedessen waren die Wege sehr beschwerlich, und die Gefahren, die sie an sich boten, wurden noch durch die Unsicherheit vermehrt, die durch allerlei Räuber und Buschklepper entstand. So blieb es bis in das 15. Jahrhundert. Allmählich wurden die Straßen besser, sie wurden vermessen und ordentlich in Stand gehalten, bis aus ihnen die prächtigen Kunststraßen wurden, deren wir uns heute erfreuen.
NachDr.Simon.
Die größeren Städte und Verkehrsmittelpunkte am Fuße des höheren Erzgebirges verdanken ihre Entstehung nicht den Verkehrsstraßen. Es haben vielmehr die Städte, die ursprünglich Mittelpunkte der Kultur fruchtbarer Landstriche oder ergiebiger Bergbaugebiete waren, mit der Zeit bewirkt, daß sich aus der Fülle möglicher Straßen bestimmte Gruppen ausschieden.
Über den Kamm des Erzgebirges bestanden schon sehr früh verschiedene Übergangspunkte. So bestand ein wichtiger Gebirgsübergang des Passes von Dohna am Mückenberge. Der Name des »Langenbrückeberges« bei Häselich scheint darauf hinzuweisen, daß sumpfige Strecken durch Knüppeldämme wegsam gemacht waren. Die Pirnaer Straße kreuzte das Gottleubathal und erreichte Nollendorf. Die Straßen bestanden, bevor Dresden 1455 das Niederlagsrecht für die nach Böhmen gehenden Güter erhalten hatte. Freiberg ist ebenfalls jünger als die Gebirgsübergänge im Quellgebiete der östlichen Mulde und Flöha. Der Verkehr zog sich hier über den Paß von Sayda. Diese auf dem hohen Gebirge gelegene Stadt mußte als ein Ruhepunkt und wahrscheinlich auch als ehemalige Grenz- und Zollstätte einzig durch die Straße nach Böhmen an Bedeutung gewinnen. Übergangspunkte von Chemnitzer Straßen waren die Pässe von Reitzenhain und Preßnitz. Es gab noch eine Anzahl Straßen, in der sich die Chemnitzer Straße fächerartig spaltete.
Während im östlichen Gebirge auf böhmischer Seite die Stadt Teplitz einen Teil der Straßen auf sich lenkte, fehlte nach Westen ein solcher Mittelpunkt. So überschritten die von Chemnitz kommenden und nach Prag Reisenden die Eger an einem andern Punkte als die, welche das restliche Böhmen besuchten.Die Prager Straße lief über Reitzenhain und überschritt bei Saaz oder Bostelberg die Eger, der westliche Paß dagegen, der von Preßnitz, führte auf Kaaden.
Das westliche Erzgebirge haben immer nachbarliche Beziehungen mit Böhmen verbunden. Wenn auch infolge der Silberfunde von Annaberg, Joachimsthal, Schneeberg und Marienberg und dem Anwachsen der Einwohner neue Straßen entstanden, so hat sich die Zahl der eigentlichen Pässe nicht vermehrt, da der Abfluß des Silbers nach Norden in die Münze des Landesherrn stattfand und so der Austausch der Waren auch dorthin wies. Jedoch hat es weder vor noch nach der Blütezeit des Bergbaues ganz an Verkehrsstraßen über das Gebirge gefehlt. So führte eine solche von Zwickau über Eibenstock, Wildenthal, Sauersack, Frühbuß und Schönlind. Eine Ablenkung von dieser Richtung von Wildenthal über Johanngeorgenstadt, Platten und Bäringen nach Karlsbad ist erst durch Aufblühen Johanngeorgenstadts veranlaßt worden.
Von Zwickau führte außerdem eine Straße über Lindenau, Zschorlau, Bockau und Konradswiese nach Schwarzenberg und spaltete sich hier in zwei Linien, deren eine über Bermsgrün, Crandorf, Breitenbrunn, Wittigsthal, Platten und Bäringen sich nach Karlsbad wandte, die andere dagegen den Paß aufsuchte, der dem Chemnitzer Straßenzuge angehörte, also die Ortschaften Grünstädtel, Raschau, Crottendorf, Cranzahl, Pleil, Preßnitz berührte. Karlsbad als Endpunkt der Zwickauer Straßenzüge kommt erst seit dem Aufblühen der Stadt nach 1347 in Betracht, vorher dürften Elbogen oder Falkenau die Straßenausgänge beherrscht haben.
Die Pässe des Erzgebirges werden nur in Einzelheiten durch das Gelände bestimmt. Die Flußthäler werden im Gebirge sorgfältig vermieden. Die Eisenbahnen dringen meist bis zum Kamme in den Thälern vor. Die alten Straßen teilen sich auf dem Kamme gewöhnlich in mehrere Züge. Sie sind vom Verkehr zäh festgehalten worden.
Nach Prof.Dr.Schurtz.
Ihrer Eröffnungszeit nach durchziehen das Obererzgebirge zur Zeit folgende Eisenbahnlinien: seit 1858 Zwickau-Schwarzenberg, 1859 Niederschlema-Schneeberg, 1866 Chemnitz-Annaberg, 1872 Annaberg-Weipert, 1875 Flöha-Reitzenhain mit Pockau-Olbernhau, Chemnitz-Aue-Adorf, 1883 Schwarzenberg-Johanngeorgenstadt, 1886 Wilischthal-Ehrenfriedersdorf, Thum-Herold, 1888 Schönfeld-Geyer, 1889 Buchholz-Schwarzenberg mit Zweigbahn nach Obercrottendorf und Oberrittersgrün, Zwönitz-Stollberg, 1892 Wolkenstein-Jöhstadt, 1897 Wilzschhaus-Carlsfeld, Mulda-Sayda, Cranzahl-Oberwiesenthal. – Auf böhmischer Seite sind folgende Linien zu merken: 1872 Komotau-Weipert, 1875 Krima-Reitzenhain, 1899 Johanngeorgenstadt-Neudeck.
Die Eisenbahnlinie Zwickau-Glauchau-Chemnitz-Flöha-Freiberg-Hainsberg-Dresden ist die Hauptlinie, an welche sich fast sämtliche erzgebirgische Eisenbahnlinien anschließen.
Längs des Südfußes des Gebirges führt die Linie Tellnitz-Ossegg-Komotau und Komotau-Karlsbad-Falkenau hin.
Wenn in der alten guten Zeit jemand eine größere Reise unternahm, so machte er wohl sein Testament, versammelte seine Familie um sich und nahm rührend Abschied. Dann vertraute er sich dem Postillon an, der ihm die anstrengende Fahrt durch die lustigen Weisen seinem Hornes etwas angenehmer machte. An größeren Haltestellen besichtigten die Reisenden die in der Nähe der Postmeisterei aufgestelltenPostsäulen, welche in Stein geschriebene Auskunft erteilten. Sie waren Spitzsäulen, auf deren Seiten die Orte der Poststraße samt Entfernungszahl in Meilen eingetragen waren. Viele solcher Säulen sind unterAugust dem Starkenerrichtet worden. Sie trugen das kurfürstlich sächsische und königlich polnische Wappen. Manchenorts trifft man noch diese Reste einer guten alten Zeit, über welche die Gegenwart mit Unrecht bei ihren Verkehrserleichterungen lächelt.
Diese Säulen sind gewissermaßen Denkmale für die frühere Bedeutung der Orte als Verkehrshauptpunkte.
Nach dem Glückauf.
Die Einwohnerzahl erzgebirgischer Städte vor 100 Jahren unter Beifügung der Ergebnisse der letzten Volkszählung im Jahre 1859 zeigt folgende Zusammenstellung:
Es zählten im Jahre
Wie schnell die Bevölkerungszahl unserer sächsischen Städte gewachsen ist, dürften folgende Ergebnisse derVolkszählung aus dem Jahre 1830darthun. Vor 70 Jahren hatte Dresden 63 000 Einwohner; Freiberg 10 000; Chemnitz 16 500; Zschopau 5000: Annaberg 4500; Buchholz 2000; Ehrenfriedersdorf 2000; Elterlein 1750; Geyer 2650; Grünhain 1500; Jöhstadt 1500; Johanngeorgenstadt 3000; Lengefeld 1200; Marienberg 3000; Oberwiesenthal 1800; Scheibenberg 1400; Schlettau 1180; Schwarzenberg 1800; Thum 1150; Wolkenstein 1600; Zöblitz 1150; Leipzig 40 000; Schneeberg 6200; Zwickau 5500; Zwönitz 1600; Plauen 6600; Oelsnitz 3200 etc.
Die Ergebnisse derletzten Volkszählungensind nach erfolgter Zusammenstellung in Sachsen für die Stadtgemeinden bis zu 5000 Einwohnern folgende: