62.Goethe an Kestner.

62.Goethe an Kestner.Gott seegn euch denn ihr habt mich überrascht. Auf den Charfreytag wollt ich heilig Grab machen und Lottens Sillhouette begraben. So hängt sie noch und soll denn auch hängen biss ich sterbe. Lebt wohl. Grüsst mir euren Engel und Lengen sie soll die zweyte Lotte werden, und es soll ihr eben so wohl gehn. Ich wandre in Wüsten da kein Wasser ist, meine Haare sind mir Schatten und mein Blut mein Brunnen. Und euer Schiff doch mit bunten Flaggen und Jauchzen zuerst im Hafen freut mich. Ich gehe nicht in die Schweiz. Und unter und über Gottes Himmel binn ich euer Freund und Lottens.63.Goethe an Kestner.Ich hatte gleich auf eure Nachricht Kielmansegge sey hier in die meisten Wirthshäusser geschickt, konnt ihn aber nicht erfragen. Nun sagt mir Pottozelli er sey wieder fort, und habe gehört ich sey nicht hier. Sagt ihm er hätte nicht so fortgehen sollen, ich war Montags schon wieder hier als er Mittwoche wegging, und ich hatte eben um die Zeit an ihn gedacht, und gewünscht mit ihm zu seyn. Sagt ihm, von unserm Nachdruck Ossians ist Fingal ausmachend den ersten Teil fertig, kostet 36 kr., wenn er ihn will, schick ich ihn mit dem übrigen und bitte mir meinen Ossian zurück. Ich weis nicht ob ich euch schon im vorigen Briefe gebeten habe was an Boje mitzunehmen. bestimmt mir doch die Zeit wenn ihr geht. Wie stehts euerm Engel. Ich habe ein groses Commerz mit ihr. Ihre Silhouette ist mit Nadeln an die Wand befestigt und ich verliehre meist alle Nadeln und wenn ich beim Anziehen eine brauche, borg ich meist eine von Lotten, und frage auch erst um Erlaubniß &c.Etwas verdrüsst mich. In Wetzlar hatte ich ein Gedicht gemacht, das von Rechtswegen Niemand besser verstehen sollte als ihr. Ich möcht es euch so gern schicken, hab aber keine Abschrift mehr davon. Boie hat eine durch Mercken, und ich glaube, es wird in den Musenalmanach kommen. es ist überschriebender Wandrerund fängt an: Gott seegne dich iunge Frau. Ihr würdets auch ohne das gleich gekannt haben.So weit dann lieb K. Lotte weis wie lieb ich sie habe. Adieu.G.64.Goethe an Kestner.Ich habe, lieber K. im letzten Pack vergessen euch die Anhänge zu schicken. Nr. 6 ist nie gedruckt worden aus Versehen. Lebt wohl und liebt mich und schreibt mir wies euch geht unterwegs und eurem Engel. Adieu FalkensMscpt.schick ich euch nach, Entschuldigt mich doch.65.Goethe an Kestner.acc.d. 12. Apr. 73. Wetzl.Da tuht ihr wohl Kestner dass ihr mich beym Wort nehmt! O den trefflichen Menschen! „Ihr wollt ia nichts mehr von uns wissen.“ Gar schön! Ich wollte freylich nichts von euch wissen, weil ich wusste ihr würdet mir nicht schreiben mögen. Sonst feiner Herr war der Tag eurem Fürsten der Abend, eurer Lotte, und die Nacht für mich und meinen Bruder Schlaff. Die Nacht fließt nun in den Abend und der arme Goethe behilft sich wie immer. Es stände euch wohl zu Gesichte — Doch das will ich nicht sagen, ich würde mich zum Teufel geben, wenn ich euch erst darauf bringen sollte. Also Hr. Kestner und Madam Kestner Gute Nacht.Ich würde auch hier geschlossen haben wenn ich was besseres im Bett erwartete als meinen lieben Bruder. Sieh doch mein Bett da, so steril stehts wie ein Sandfeld. Und ich habe heut einen Schönen Taggehabt so schön dass mir Arbeit und Freude und Streben und Geniessen zusammen flossen. Dass auch am schönen hohen Sternen Abend ganz mein Herz voll war von wunderbaren Augenblick da ich zu’n Füßen eurer an Lottens Garnirung spielte, und ach mit einem Herzen, das auchdasnicht mehr genießen sollte, von drüben sprach, und nicht die Wolken, nur die Berge meinte. Von der Lotte wegzugehn. Ich begreifs noch nicht wies möglich war. Denn seht nur seid kein Stock. Wer nun, oder vorher, oder nachher zu euch sagte geht weg von Lotten — Nun was würdet ihr —? Das ist keine Frage — Nun ich bin auch kein Stock, und binn gegangen, und sagt ists Heldentaht oder was. Ich binn mit mir zufrieden und nicht. Es kostete mich wenig, und doch begreif ich nicht wies möglich war. — Da liegt der Haas in Pfeffer. —Wir redeten wies drüben aussäh über den Wolken, das weis ich zwar nicht, das weis ich aber, dass unser Herr Gott ein sehr kaltblütiger Mann seyn muss der euch die Lotte lässt. Wenn ich sterbe und habe droben was zu sagen ich hohl sie euch warrlich. Drum betet fein für mein Leben und Gesundheit, Waden und Bauch &c. und sterb ich so versöhnt meine Seele mit Trähnen, Opfer, und dergleichen sonst Kestner siehts schief aus.Ich weis nicht darum ich Narr so viel schreibe.eben um die Zeit da ihr bey eurer Lotte gewiß nicht an mich denkt. Doch bescheid ich mich gern nach dem Gesez der Antipatie. Da wir die Liebenden, fliehen, und die Fliehenden lieben.66.Goethe an Kestner.acc.d. 12. Apr. 73.Den Brief von gestern Abend hab ich gleich zugemacht also auf euer ProMem.1) Die Zugabe braucht wie es euch beliebt.[22]Wenn ihr die Zeitungen wollt binden lassen was soll das Sauzeug Reichswesen dabey. es war express so eingericht daß man sie wegschmeissen sollt. Auch wird der Band zu dick. Doch will ich fragen nach den Nummern.2) Will der Hr. v. Hille einen Merkur für sich allein? und wie stehts mit Falcken, nimmt der jetzo das Exemplar allein was ihr mit teilen wolltet?3) diePlayssind in meinen händen. Heute ists so ein schöner tag dass ich möchte mit euch spazieren gehn. Adieu grüsst Hansen.67.Goethe an Kestner.acc.W. 16. Apr. 73.Mittwochs. Ich habe Annchen gestern verfehlt, und will ietzo hingehen, ich fürchtet halb ihr mögtets seyn und mich anführen. denn ich geh morgen nach Darmstadt, und da wär überall leid gewesen. Eure Plays kriegt Anngen mit. Auch an Hansen ein Paquet. Ich habe noch denPränumerations Scheinauf die Biblischen Kupfer, ich will ihn behalten, und wenn sie herauskommen disponirt drüber. Anngen bringt euch auch fl. 2: 30 Kr. von der Karoline wieder. Der grose kostete einen Dukaten, der kleine 3 fl. 30. Auch euren Ring. Lottens Granatring will ich behalten ich hab ihr ihn so Tausendmal am Finger gesehn und am Finger geküsst er soll unter meinen Bijous liegen biss ich ein Mädgen habe die soll ihn tragen. Grüsst mir euren Engel und Lengen lieb, und schreibt wegen des Merkurs an meine Schwester, die euch grüsst.Anngen ist lieb und brav, hat mir Lottens Brautstraus mitgebracht wohl conservirt, und ich hab ihn heut vorstecken. Ich höre Lotte soll noch schöner lieber und besser seyn als sonst, und dass ihr nicht mit kommen seyd, ist auf alle Art nicht hübsch. Grüsst mir Lengen und ihre Freundinn Dorthel, Anne hat mir alles erzählt, wie sie beysammen schlafen, und in Alles nur nicht in die Liebhaber teilen, wie derquasiHofrath fortfährt ein Esel zu seyn &c. Alles erzählt und ich mich ergötze zu hören von euch, gleich wie ich Johannistrauben zu pflücken und Quetschen zu schütteln mir ehedessen wünschte heute morgen übermorgen und mein ganzes Leben.[23]Grüßt Schneidern wenn er mein denkt, und Kielmansegg.Pottocellihat mir gestern in der Messe einen Grus von ihm bracht. Wir haben einen Teufels Reuter hier, und Comödien und Schatten und Puppenspiel, das könnt ihr Lotte sagen hätt ich ihr all gewiesen wenn sie kommen wäre, nun aber — wärs auch gut — Schattenspiel Puppenspiel.68.Goethe an Kestner.acc.W. 16. Apr. 73.Nun will ich nichts weiter lieber Kestner, das wars was ich wünschte, was ich nicht verlangen wollte, denn den Geschencken der Liebe giebt die Freywilligkeit all den Werth, ihr solltet mir aus dem Schoose eures Glücks an der Seite von Eurer Lotte, die ich euch, vor tausend andern gönne, wie all das Gute was mir die Götter versagen. Aber dass ihr, weil euch das Glück die Karten gemischt hat, mit der Spadille stecht, mir ein höhnisch gesicht zieht, und euch zu eurem Weibe legt find ich unartig, ihr sollt euch darüber bey Lotten verklagen und sie mag entscheiden.Mich einen Neider und Nexer zu heissen, und dergleichen mehr, das ist all nur seit ihr verheurathet seyd. Meine Grillen lieber müssen nun so drein gehen. Ich war mit Anngen in der Comödie. Es ist gut dass ich morgen nach Darmstadt gehe, ich verliebte mich warrlich in sie. Ihre Gegenwart hat alles Andencken an euchwieder aufbrausen gemacht, mein ganzes Leben unter euch, ihr wollt alles erzählen biss auf die Kleider und Stellungen so lebhaft, sie mag euch sagen was sie kann. O Kestner, wenn hab ich euch Lotten missgönnt im menschlichen Sinn, denn um sie euch nicht zu missgönnen im heiligen Sinn, müsst ich ein Engel seyn ohne Lung und Leber. Doch muss ich euch ein Geheimniss entdecken. Dass ihr erkennet und schauet. Wie ich mich an Lottenattachirteund das war ich wie ihr wisst von Herzen, redete Born mit mir davon,wie man spricht. „Wenn ich K. wäre, mir gefiels nicht. Worauf kann das hinausgehn? Du spannst sie ihm wohl gar ab?“ und dergleichen. Da sagt ich ihm, Mit diesen Worten in seiner Stube, es war des Morgens: „Ich binn nun der Narr das Mädchen für was besonders zu halten, betrügt sie mich, und wäre so wie ordinair, und hätte den K. zum Fond ihrer Handlung um desto sicherer mit ihren Reizen zu wuchern, der erste Augenblick der mir das entdeckte, der erste der sie mir näher brächte, wäre der letzte unsrer Bekanntschafft,“ und das beteuert ich und schwur. Und unter uns ohne Pralerey ich verstehe mich einigermassen auf die Mädgen, und ihr wißt wie ich geblieben binn, und bleibe für Sie und alles was sie gesehen angerührt und wo sie gewesen ist, biss an der Welt Ende. Und nun seht wie fern ich neidisch binn und es seyn muß. Denn entweder ich binn ein Narr,das schweer zu glauben fällt, oder sie ist die feinste Betrügerinn, oder denn — Lotte, eben die Lotte von der die Rede ist. —Ich gehe morgen zu Fuss nach Darmstadt und hab auf meinem Hut die Reste ihres Brautstrausses. Adieu. Es tuht mir leid von Anngen zu gehen, was würds von euch seyn es ist besser so, nur dass ich ihr Portrait nicht gemacht habe, ärgert mich. Aber es ist ein Herz und Sinn lebendig. Adieu. Ich habe nichts als ein Herz voll Wünsche. Gute Nacht Lotte. Anngen sagte heut ich hätte den NamenLotteimmer so schön ausgesprochen.Ausgesprochen! dacht ich!69.Goethe an Kestner.acc.W. 23. Apr. 73. Darmst.Dank euch Kestner für eure zwey liebe Briefe lieb wie alles was von euch kommt, und besonders jezt. Der Todt einer teuer geliebten Freundinn ist noch um mich. Heut früh ward sie begraben und ich binn immer an ihrem Grabe, und verweile, da noch meines Lebens Hauch und Wärme hinzugeben, und eine Stimme zu seyn aus dem Steine dem Zukünftigen. Aber ach auch ist mir verboten einen Stein zu sezen ihrem Andencken, und mich verdriesst dass ich nicht streiten mag mit dem Gewäsch und Geträtsch.Lieber Kestner, der du hast lebens in deinem Arm ein Füllhorn, lasse dir Gott dich freuen. Meine arme Existenz starrt zum öden Fels. Diesen Sommer geht alles. Merck mit dem Hofe nach Berlin, sein Weib in die Schweiz, meine Schwester, die Flachsland, ihr, alles. Und ich binn allein. Wenn ich kein Weib nehme oder mich erhänge, so sagt ich habe das Leben recht lieb, oder was, daß mir mehr Ehre macht, wenn ihr wollt. Adieu. Eurem Engel tausend Grüsse70.Goethe an Hans.Hier schick ich mein lieber Hr. Hans, aus der Messe was, wird hoffentlich zu West und Hosen reichen, sollt was abgehn schreiben Sies ohne Umstände. Wenn Sie es anhaben und herumspringen, auf die Jagd gehen, oder sonst lustig sind, so gedenken Sie meiner. Küssen Sie Lotten die Hand und Lenchen von mir, und die Kleine viel hundertmal von Ihrem FreundeGoethe.71.Goethe an Hans.Lieber Herr Hans. Ich danke von Herzen für ihr Andencken, werden Sie nicht müde mir zu schreiben. Ich binn manchmal sehr allein, und so ein lieb Brieflein freut mich sehr. Gott vergelts wenn ichs gleich nicht kann, und mache Sie gros und starck und so glücklich als Sie brav sind.Goethe72.Goethe an Kestner.acc.30. Apr. 73. Darmst. Sonntag.Lieber Kestner ihr wisst mein Leben läßt sich nie detailliren und vielleicht heute weniger als jemals, heut wars ein Gewirre, ein recht toll und wunderbaar Leben. Sonntag! Wie ruhig werdet ihr bey Lotten gesessen haben.In 14 Tagen sind wir all auseinander; und es geht so im Hurry dass ich nicht weiss wo mir der Kopf steht, wie noch Hoffnung und Furcht ist. Gott verzeihs den Göttern die so mit uns spielen. Auf dem Grabe — Ich will nicht davon wissen will alles vergessen. Vergesst alles in Lottens Armen, und dann arbeitet euer Tagewerk Genießt der Sonne, und wie ich euch liebe sey euch gegenwärtig in Stunden der Ruh.Ich hab Hansens Brief kriegt und euer Nachschreiben. Sagt ihm er soll mehr ins Detail gehn. Er denkt nur er müssteMerkwürdigkeitenschreiben, ist nicht alles dorten merkwürdig?73.Goethe an Kestner.acc.W. 5.Maii73.Lieber Kestner ich binn wieder in Franckfurt und Gott sey Dank, wir haben wunderbare Scenen gehabt und bald wird alles ausgerauscht haben.Wie lebt ihr und wie lang bleibt ihr noch?Die Flachsland ist verheurathet, an Herdern. Wißt ihr schon was davon. Vorgestern war ich gegenwärtig der Trauung und gestern ging ich herüber.Den Merkur induploschick ich euch, sorgt doch noch daß ich das Geld kriege. Die zwey machen iust 9 fl.Adieu lieber küßt Lotten von meinetwegen auch einmal. Adieu.74.Goethe an Hans.Lotte ist nun fort, und ich nehme so viel teil dran dass sie weg ist als eins vom Hause. Aber ohngeachtet dessen lieber Hans wollen wir nicht aufhören einander zu schreiben. Sie hören doch immer eher etwas von unsrer Lotte und das melden sie mir treulich. Grüsen sie mir das liebe Lengen und sagen Sie ihr, da nun Lotte weg sey und sie die zweyte Lotte sey für euch, so sey sies auch für mich, und ich sehne mich sie zu sehn, wenns möglich ist, so komm ich den Sommer. Adieu lieber Hans. Empfehlen sie mich dem Papa. Und grüssen mir die Jungens.Wenn Schwester Caroline sich meiner erinnert so küssen sie ihr die Hand, und Sophien und Amalgen ein paar Mäulger von mir.G.75.Goethe an Hans.Ich dank ihm lieber Hans für den braven Brief. Schick er innliegenden Hrn. Kestnern grüsse er den Papa u. alle. Und behalt er mich lieb.Goethe.76.Goethe an Kestner.acc.Hannover. 18. Jun. 73.Euer Brief hat mich ergözt, ich wusste durch Hansen schon manches von euch. Heute Nacht hat mirs von Lotten wunderlich geträumt. Ich führte sie am Arm durch die Allee, und alle Leute blieben stehn und sahn sie an, ich kann noch einige nennen die stehen blieben und uns nachsahen. Auf einmal zog sie eine Calesche über und die Leute waren sehr betreten. (Das kommt von Hansens Briefe der mir die Geschichte von Minden schrieb.) Ich bat sie sie mögte sie doch zurückschlagen das that sie. Und sah mich an mit den Augen, ihr wisst ja wies einem ist wenn sie einen ansieht. Wir gingen geschwind. Die Leute sahen wie vorher. O Lotte, sagt ich zu ihr, Lotte, dass sie nur nicht erfahren dass du eines andern Frau bist. Wir kamen zu einem Tanzplaz &c. &c.Und so träume ich denn und gängle durchs Leben, führe garstige Prozesse schreibe Dramata, und Romanenund dergleichen. Zeichne und poussire und treibe es so geschwind es gehen will. Und ihr seyd geseegnet wie der Mann der den Herren fürchtet. Von mir sagen die Leute der Fluch Cains läge auf mir. Keinen Bruder hab ich erschlagen! Und ich denke die Leute sind Narren. Da hast du lieber Kestner ein Stück Arbeit, das lies deinem Weiblein vor, wenn ihr euch sammlet in Gott und euch und die Tühren zuschließt.NB.Die Frau Archivarius (ich hoffe das ist der rechte Titel) wird hoffentlich ihr blau gestreiftes Nachtjäckgen nicht etwa aus leidigem Hochmuth zurückgelassen, oder es einer kleinen Schwester geschenkt haben, es sollte mich sehr verdriessen, denn es scheint ich habe es fast lieber als sie selbst, wenigstens erscheint mir oft das Jäckgen wenn ihre Gesichtszüge sich aus dem Nebel der Imagination nicht losmachen können.77.Goethe an Hans.Ich habe, lieber Hans, allerley Angelegenheiten warum ich ihm schreiben Muss. Erstl. zu fragen wies bey euch aussieht? Ich habe so lang aus dem teutschen Haus nichts gehört.Und hernachCommissionen, wenn er die Recht ausrichtet so soll er einmal Agent von Churfürsten, Fürsten und Ständen des Reichs werden.Erstl. bestellt er den Brief an Kestnern, wie den Vorigen.2tens ist er so gut zum Hrn. Hofrath Sachs zu gehen, und zu sagen: „Hier sey ein Brief an Hrn. von Kielmansegg. Ob sie wohl so gütig seyn wollten ihn zu bestellen. Der Hr. Baron habe mir geschrieben ich soll meine Briefe an Hrn. Hofrathadressiren.“Drittens. Fragt er den Hrn. von Hille ob er habeeinen ersten Theil des teutschen Merkursdurch Hrn. Kestner bekommen, hat er ihn bekommen so lass ich ihn um die halbe Louisd’or bitten, undwill den zweyten Theil gleich mit der fahrenden Post nach Wetzlar schicken.Viertens fragt er den Papa ob er ein neues SchauspielGötz von Berlichingengelesen habe?Fünftens grüßt er mir alle im teutschen Haus, Lengen und Carlingen und Dortlgen und Anngen und fragt sie ob sie sich meiner noch erinnern in Ehre und Liebe. Und die Kleinen grüss er alle von mir, und schreibe er mir bald.Goethe.78.Goethe an Kestner.acc.H.21⁄773.Ihr sollt immer hören wie mirs geht, lieber Kestner. Denn zum Laufe meines Lebens hoff ich immer auf euch und euer Weib die Gott seegne und ihr solche Freuden gebe als sie gut ist. Euch kanns an Beförderung nicht fehlen. Ihr seyd von der Art Menschen die auf der Erde gedeyen und wachsen, von den gerechten Leuten und die den Herren fürchten, darob er dir auch hat ein tugendsam Weib gegeben, des lebest du noch eins so lange.Ich binn recht fleissig und wenns Glück gut ist kriegt ihr bald wieder was, auf eine andre Manier. Ich wollt Lotte wäre nicht gleichgültig gegen mein Drama. Ich hab schon vielerley Beyfalls Kränzlein von allerley Laub und Blumen, Italiänischen Blumen sogar, die ich wechselsweise ausprobiret, und mich vorm Spiegel ausgelacht habe. Die Götter haben mir einen Bildhauer hergesendet, und wenn er hier Arbeit findet, wie wir hoffen so will ich viel vergessen. Heilige Musenreicht mir dasAurum potabile,Elixir vitaeaus euren Schaalen, ich verschmachte. Was das kostet in Wüsten Brunnen zu graben und eine Hütte zu zimmern. Und meine Papageyen die ich erzogen habe, die schwäzen mit mir, wie ich, werden krank lassen die Flügel hängen. Heut vorm Jahr wars doch anders, ich wollt schwören in dieser Stunde vorm Jahr sass ich bey Lotten. Ich bearbeite meine Situation zum Schauspiel zum Truz Gottes und der Menschen. Ich weis was Lotte sagen wird wenn sies zu sehn kriegt und ich weis was ich ihr antworten werde. Hört wenn ihr mir wolltet Exemplare vomGötzverkaufen, ihr thätet mir einen Gefallen und vielleicht allerley Leuten. Boje hat ihrer, schreibt ihm wie viel ihr wollt, ich habs ihm geschrieben euch abfolgen zu lassen so viel ihr wollt. Verkauft sie alsdenn für zwölf gute groschen undnotirtdasportodas sie euch kosten. Der Verlag hört Mercken, der ist aber in Petersburg, ich schicke mich nicht zum Buchhändler, ich fürchte es bleibt hocken. Denn vielleicht kommt sonst in einem halben Jahr noch kein Exemplar zu euch. Schreibt mir doch wo ich die zweyten Stücke des Merkurs hinschaffen, und wo ichs Geld herkriegen soll. Wenn verschiedene Sachen nach meinem Kopfe gehn kriegt Lotte bald eine Schachtel von mir wo keineConfiturendrinne sind, auch kein Puzwerk, auch keine Bücher, also —Lassts euch wohl seyn, mich ergözt eure Genüglichkeit und eure Aussichten. Und wenn euch was dran liegt von mir zu hören, so lasst von euch offt hören. Adieu.79.Goethe an Hans.Lieber Hans. Bring er Hrn. v. Hille den 2ten Teil des Merkurs den ersten hat Kestner aus Versehn mit nach Hannover genommen. Hr. v. Falke wird ihn dem Hrn. v. Hille wieder zurück bringen. Und sodann bitt ich mir die Bezahlung aus.Hier das Schauspiel gieb er dem Papa und wenn ders gelesen hat und die Schwestern es auch etwa gelesen haben, so gib er es Anngen und Dorthel, und grüss er sie alle von mir. Der ich binnDer alteDoctor Goethe.Und ihm viel Prämia wünsche, die er verdient.80.Goethe an Kestner.Viel Glück zu allem was ihr unternehmt, und eurer besten Frau alle Freuden des Lebens.Ich kann euch nicht tadlen dass ihr in der Welt lebt, und Bekanntschaft macht mit Leuten von Stand und Pläzzen. Der Umgang mit Grossen ist immer dem vorteilhafft der ihrer mit Maas zu brauchen weis. Wie ich das Schiespulver ehre dessen Gewalt mir einen Vogel aus der Lufft herunterhohlt, und wenns weiter nichts wäre. Aber auch sie wissen Edelmuth und Brauchbaarkeit zu schäzzen, und ein iunger Mann wie ihr muss hoffen, muss auf den besten Platz aspiriren. Sakerment und wenn ihrs nur eures Weibes willen tähtet. Was die häuslichen Freuden betrifft, die hat dünkt mich der Canzler so gut als der Sekretarius, und ich wollte Fürst seyn und mir sie nicht nehmen lassen. Also treibts in Gottes Nahmen nach eurem Herzen und kümmert euch nicht um Urteile und verschliesst euer Herz dem Tadler wie dem Schmeichler. Hören mag ich sie beydegern hören, biss sie mich ennüiren. Mad. La Roche war hier, sie hat uns acht glückliche Tage gemacht, es ist ein Ergötzen mit solchen Geschöpfen zu leben. O Kestner und wie wohl ist mirs, hab ich sie nicht bey mir so stehen sie doch vor mir immer die Lieben all. Der Kreis von edlen Menschen ist das wehrteste alles dessen was ich errungen habe.Und nun meinen lieben Götz! Auf seine gute Natur verlaß ich mich, er wird fortkommen und dauern. Er ist ein Menschenkind mit viel Gebrechen und doch immer der besten einer. Viele werden sich am Kleid stosen und einigen rauhen Ecken. doch hab ich schon so viel Beyfall dass ich erstaune. Ich glaube nicht daß ich so bald was machen werde das wieder das Publikum findet. Unterdessen arbeit ich so fort, ob etwa dem Strudel der Dinge belieben mögte was gescheuters mit mir anzufangen.am 21 AugustDas war lang geschrieben biss einmal die Zeit zu siegeln bey mir kommt. Da ich euch nichts mehr zu sagen habe als liebt mich immer fort. und Lotte soll mich lieb behalten und glücklich ist sie. Adieu.81.Goethe an Kestner.Heut Abend des 15. September erhalt ich euern Brief, und habe mir eine Feder geschnitten um recht viel zu schreiben. Dass meine Geister biss zu Lotten reichen hoff ich. Wenn sie auch die Taschengelder ihrer Empfindung, daran der Mann keine Prätension hat, nicht an mich wenden wollte, der ich sie so liebe. Neulich hatte ich viel Angst in einem Traum über sie. Die Gefahr war so dringend, meine Anschläge all keine Aussicht. Wir waren bewacht, und ich hoffte alles, wenn ich den Fürsten sprechen könnte. Ich stand am Fenster, und überlegte hinunter zu springen, es war zwey Stock hoch, ein Bein brichst du, dacht ich, da kannst du dich wieder gefangen geben. Ja dacht ich, wenn nur ein guter Freund vorbey ging, so spräng ich hinunter und bräch ich ein Bein, so müsst mich der auf den Schultern zum Fürsten tragen. Siehst du alles erinnere ich mich noch, biss auf den bunten Teppich des Tisches an dem sie sas und Filet machte, und ihr strohern Kistgen bey sich stehn hatte. Ihre Hand habe ichtausendmal geküsst. Ihre Hand wars selbst! die Hand! so lebhafft ist mirs noch, und sieh wie ich mich noch immer mit Träumen schleppe.Meine Schwester ist mit Schlossern vor wie nach. Er sitzt noch in Carlsruhe wo man ihn herumzieht, Gott weis wie. Ich verstehs nicht. Meine Schwester ist jetzt in Darmstadt bey ihren Freunden. Ich verliere viel an ihr, sie versteht und trägt meine Grillen.Ich lieber Mann, lasse meinen Vater iezt ganz gewähren, der mich täglich mehr in Stadt CivilVerhältnisse einzuspinnen sucht, und ich lass es geschehn. So lang meine Kraft noch in mir ist! Ein Riss! und all die siebenfache Bastseile sind entzwey. Ich binn auch viel gelassener, und sehe dass man überall den Menschen, überall groses und kleines schönes und Hässliches finden kann. Auch arbeit ich sonst brav fort. und denke den Winter allerley zu fördern. Dem alten Amtmann hab ich einen Göz geschickt der viel Freude dran gehabt hat, es ist auch gleich (wahrscheinlich durch Brandts) weiter kommen, und der Kam. Richt.[24]und v. Folz habens begehrt; Das schreibt mir Hans, mit dem ich viel Correspondenz pflege. Ueber alles das, lieber K. vergess ich dir zu sagen, dass drunten im Visitenzimmer, diesen Augenblick sitzt — die liebe Frau GrostanteLangevon Wetzlar, mit der so teuern ältsten JungferNichte. Die haben nun schon in ihrem Leben mehr, um Lottens Willen, gesessen wo ich sie nicht hohlte, mögen sie auch diesmal sich behelfen. Hanngen ist nicht mit da. Sie haben viel Liebs und Guts von meiner Lotte geredt! Dank Ihnen der Teufel. —Meiner Lotte!Das schrieb ich so recht in Gedanken. Und doch ist sie gewissermassen mein. Hierin gehts mir wie andern ehrlichen Leuten, ich bin gescheut — biss auf diesen Punct. Also nichts mehr davon.Und zum Merkur um uns abzukühlen. Ich weiß nicht ob viel Grossprecherey dem Zeug mehr Schaden tuht, oder das Zeug der Großsprecherey. Das ist ein Wind und ein Gewäsch, dass eine Schand ist. Man ist durchgängig unzufrieden gewesen, der zweyte Teil ist was besser.Der Hans und die Hänsgen. Wiel.[25]und die Jackerls haben sich eben prostituirt! Glück zu! Für mich haben sie ohnedem nicht geschrieben. Fahr hin. Des Cammerrath Jakobis Frau war hier, eine recht liebe brave Frau, ich habe recht wohl mit ihr leben können, binn allen Erklärungen ausgewichen, und habe getahn als hätte sie weder Mann noch Schwager. Sie würde gesucht haben uns zu vergleichen, und ich mag ihre Freundschafft nicht. Sie sollen mich zwingen sie zu achten wie ich sie iezt verachte, und dann will und muss ich sie lieben.Heut früh hab ich von Falcken einen Brief kriegt, mit dem ersten Bogen des Musen Alman. Du wirst auf der 15ten S. denWandrerantreffen den ich Lotten ans Herz binde. Er ist in meinem Garten, an einem der besten Tage gemacht. Lotten ganz im Herzen und in einer ruhigen Genüglichkeit all eure künftige Glückseeligkeit vor meiner Seele. Du wirst, wenn dus recht ansiehst mehr Individualität in dem Dinge finden als es scheinen sollte, du wirst unter der AllegorieLottenundmich, und was ich so hunderttausendmal bey ihr gefühlt erkennen. Aber verraths keinem Menschen. Darob solls euch aber heilig seyn, und ich hab euch auch immer bey mir wenn ich was schreibe. Jezt arbeit ich einen Roman, es geht aber langsam. Und ein Drama fürs Aufführen damit die Kerls sehen dass nur an mir liegt Regeln zu beobachten und Sittlichkeit Empfindsamkeit darzustellen. Adieu. Noch ein Wort im Vertrauen als Schriftsteller, meine Ideale wachsen täglich aus an Schönheit und Grösse, und wenn mich meine Lebhafftigkeit nicht verlässt, und meine Liebe, so solls noch viel geben für meine Lieben, und das Publikum nimmt auch sein Teil.Und so gute Nacht liebe Lotte. Im Couvert sind Verse die wollt ich zu einem Portrait von mir an Lotten legen, da es aber nicht gerathen ist so hat sie inzwischen das. Biss auf weiters.82.Goethe an Lotte.Wenn einen seeligen BiedermannPastorn oder Rathsherrn lobesanDie Wittib läßt in Kupfer stechenUnd drunter ein Verslein radebrechenDa heißts:Seht hier von Kopf und Ohren,Den Herrn ehrwürdig, wohlgebohren,Seht seine Mienen und seine StirnAber sein verständig Gehirn,So manch Verdienst ums gemeine WesenKönnt ihr ihm nicht an der Nase lesen.So liebe Lotte heissts auch hier:Ich schicke da mein Bildniss dir!Magst wohl die lange Nase sehn,Der Augen Blick, der Locken Wehn,Es ist ohngefähr dasgarstge GsichtAber meine Liebe siehst du nicht.G.Dasselbe Gedicht, mit einigen Varianten und seiner Silhouette, hat Goethe bei dem späteren BriefeNr. 101übersandt. Beide sind, des Zusammenhangs wegen, imFac similehiernachgefügt.Dort ist der im Gedicht hier hervorgehobene Ausdruck: „garstge Gsicht“ erläutert.❏GRÖSSERE ANSICHTGoethes GedichtScherenschnitt von Goethe83.Goethe an Kestner.Die liebe Max de la Roche heurathet — hierher einen angesehnen Handelsmann. Schön! Gar schön.Euer Hans schreibt mir immer wies im deutschen Haus hergeht, und so hab ich eine komplete Chronick aller Löcher, Beulen, und Händel von einigem Belang seit eurer Abreise.Obs wahr ist daß Dorthel heurathet?In unsrer Stadt ist ein unerhörter Stern, seit einem halben Jahre haben wir wohl zwanzig Heurathen von Bedeutung. Unsre zwo nächsten Nachbarinnen haben mit meiner Schwester fast in einer Woche sich vergeben.Der Türner bläst, die Glocken läuten, die Trommel geht, und dort hinten fängts an zu tagen.Ich bin auch zeither fleisig gewest hab viele kleine Sachen gearbeitet, und ein Lustspiel mit Gesängen ist bald fertig, auch einige ansehnlichere Stücke in Grund gelegt, und nun wird drüber studirt.Obiges Lustspiel ist ohne grossen Aufwand von Geist und Gefühl, auf den Horizont unsrer Akteurs und unsrer Bühne gearbeitet. Und doch sagen die Leute es wären Stellen drinn die sie nicht prästiren würden. Dafür kann ich nachher nicht.Ihr sollts im Msspt. haben.Hat Lotte den Can. Jacobi gesehn, gesprochen. Er ist auf sie aufmerksam gewesen, merk ich. Ist er noch da.Falcke ist ein trefflicher Junge, mich freuts dass er Liebe zu mir hat, er schreibt mir manchmal. Merck und ich haben eine wunderliche Scene gehabt, über eine Silhouette die Lavater mir schickte, und die Lotten viel ähnlich sieht. Es lässt sich nicht sagen wies war. Es war den Abend seiner Ankunft, und ich habe draus gesehn dass er Lotten noch recht liebt. Denn wer Lotten kennt und nicht recht liebt, den mag ich auch nicht recht.Adieu ihr Kinder es wird Tag.Wisst ihr schon dass Höpfner die Jungfer Thomä geheurathet hat.Schreibt mir bald. Und ergözt euch an der Erinnerung meiner, wie ich mich an euch ergötze.G.84.Goethe an Hans.Gratulire lieber Hans zur glücklichen Genesung und wünsche dass mein Brief euch alle wieder gesund treffen möge. Geben Sie einliegenden Brief Hrn. Krafft Bremischen Canzellisten der so gut seyn wird ihn Hrn. Kestner zu übermachen. Empfelen sie mich dem lieben Papa und Schw. Carlingen. Viele Grüße an Msll Lenchen, Dorthel und Anngen, und die andern Mädgens und Bubens sollen brav seyn, und Mandeln haben und Bilder wenn ich komme.G.Sagen Sie doch Lengen sie soll Lotten die Läppgen zum Flicken des blaugestreiften Nachtjäckgens schicken, die sie vergessen hat. sie werden sich wohl finden. Oder besser lass er sich sie von Lengen geben und schick er mir sie mit der fahrenden Post ich will sie Lotten schicken es muß ihr aber niemand davon was schreiben.85.Goethe an Hans.Mich freuts lieber Hans dass er so brav ist, und sich dasPrimatnicht nehmen lässt. Wenn nun auch alles wieder hergestellt ist im Hause so wünsch ich guten bestand. Ich danke für die Läppgen, dass nur niemand Lotten was davon schreibt. Meld er mir doch baldigst wann der Fuhrmann nach Hannover geht, ich hab ein Kästgen, allein er müssts dem Manne wohl rekommandiren, denn es ist zerbrechliche Waar, daß säuberlich mit umgegangen würde.Adieu lieber Hans lassts euch das Obst recht schmecken, und grüss er den Papa und das ganze liebe Wesen im deutschen Haus. Adieu.G.86.Goethe an Hans.Lieber Hans ich dank ihm recht sehr für seine Briefe, fahr er ich bitte so fort.Hier sind vier Exemplar Iris, die ist er so gut und bestellt sie an die vier Damen die hier auf dem Zettelgen genannt sind.Er hat noch, wenn ich mich nicht irre Geld von mir in Verwahrung, das bitt ich ihn als ein Cristgeschenk anzunehmen, und seinen Geschwistern auch etwas davon zu Gute zu thun.Grüss er Papa und die Schwestern und Msll Brand. Will denn noch keine der Lotte nachfolgen?G.87.Goethe an Lotte.(Frankfurt den 31. Oct. 1773)Ich weis nicht liebe Lotte ob meine Muthmasung Grund hat, dass Sie in kurzem ein Negligee brauchen werden, wenigstens kommt mirs so vor. Und da ich über diesen wichtigen Punct nachdachte, sprach ich zu mir selbst: Sie geht gerne weis, alles Nesseltuch ist verbannt im Winter, außer gesteppt und da sieht sie zu altmütterlich drinn aus &c. hierüber trat die vorsichtige Göttin der Mode zu mir und überreichte mir beykommendes Zeug, das ausser der Dauer alle Qualitäten hat. Es ist Nesseltuch, hat also alle dessen Tugenden, die Atlassstreifen machen es zur Wintertracht; kurz und gut, zum Schneider mit, dass der aber fein säuberlich verfahre.NBes darf mit keiner andern Farbe als weis gefüttert werden, die ich gesehen habe, hatten weis Leinwand drunter. Das Stück gibt iust ein Negligee, über Poschen.Zugleich überschicke auch, die hinterlassene Läppchen des blau und weisen Nachtiäckchens, und bitte über dieneu angekommene Vornehme Freundschafft die alte treue nicht zu vergessen.Adieu liebe Lotte grüssen Sie mir das Männgen, erinnern Sie sich der alten Zeit wie ich.Frankfurt am 31. Octbr. 1773. als am Tage Wolfgang — — —Goethe.88.Goethe an Kestner.Am ersten Christtage, morgends nach sechs. (1773.)Es ist ein Jahr dass ich um eben die Stunde an euch schrieb, meine lieben, wie manches hat sich verändert seit der Zeit.Ich hab euch lange nicht geschrieben, das macht dass es bunt um mich zugeht.Ich danke dir liebe Lotte dass du mir für meine Spinneweben einen Brief geschenkt hast. Wenn ich das gehofft hätte, wäre mein Geschenk eigennützig gewesen. Ich habe ihn wohl hundertmal geküßt. Es giebt Augenblicke wo man erst merkt wie lieb man seine Freunde hat.Ich kann euch die Freude nicht beschreiben die ich hatteMerkenwieder zu sehn, er kam acht Tage eh ich’s vermuthete, und sas bey meinem Vater in der Stube, ich kam nach Hause, ohne was zu wissen, tret ich hinein und höre seine Stimme eher als ich ihn sehe. Du kennst mich Lotte.Die Stelle in deinem Brief die einen Wink enthält von möglicher Näherung zu euch, ist mir durch die Seele gangen. Ach es ist das schon so lange mein Traum als ihr weg seyd. Aber es wird wohl auch Traum bleiben. Mein Vater hätte zwar nichts dagegen wenn ich in fremde Dienste gienge, auch hält mich hier weder Liebe noch Hoffnung eines Amts — und so scheint es könnt ich wohl einen Versuch wagen, wieder einmal wie’s draussen aussieht.Aber Kestner, die Talente und Kräffte die ich habe, brauch ich für mich selbst gar zu sehr, ich binn von ieher gewohnt nur nach meinem Instinkt zu handeln, und damit könnte keinem Fürsten gedient seyn. Und dann biss ich politische Subordination lernte — Es ist ein verfluchtes Volk, die Franckfurter, pflegt der Präs. v. Moser zu sagen, man kann ihre eigensinnigen Köpfe nirgends hin brauchen. Und wenn auch das nicht wäre, unter all meinen Talenten ist meine Jurisprudenz der geringsten eins. Das bissgen Theorie und Menschenverstand richtens nicht aus — Hier geht meine Praxis mit meinen Kenntnissen Hand in Hand, ich lerne ieden Tag und haudere mich weiter. — Aber in einem Justiz-Collegio — Ich habe mich von ieher gehütet ein Spiel zu spielen da ich der unerfahrenste am Tisch war — Also — doch möcht ich wissen ob deine Worte etwas mehr als Wunsch und Einfall waren.Meine Schwester ist brav. Sie lernt leben! und nur bey verwickelten misslichen Fällen erkennt der Mensch was in ihm stickt. Es geht ihr wohl und Schl. ist der beste Ehemann wie er der zärtlichste und unverrückteste Liebhaber war.89.Goethe an Hans.Hier ist ein guter Freund von mir, ich wäre gern mitgekommen lieber Hans, aber das will nicht gehn. Wenn ihr mich lieb behaltet, so hoff ich doch einmal zu erleben, dass ich euch wieder sehe. Was er an Hr. Plitt thut will ich für mich annehmen. Bring er ihn zu Brandts, und grüs er die Schwestern denen der junge Mann auch ohne mein Empfel wohlgefallen wird. Meine Buben sollen mich lieb behalten. Ich schick ihnen was aus der Mess. Sophie und Annel haben mich hoff ich nicht vergessen. Sey er immer brav. DieFranckf. Zeitungenkauff er sich nicht, er kann sie zu nichts brauchen. Wenn ich ein gut Buch für ihn finde schicke ichs ihm. Adieu und vergiss er nicht zu schreiben.Goethe.90.Goethe an Hans.Lieber Hans bitt er Anngen um Verzeihung dass ich nicht ihr meine Comission ausgerichet. Hr. Schmidt kann keine Muster geben, aber Stücke will er einige schicken. Nun soll Anngen so gut seyn und schreiben was für Farben und Art sie verlangen, so will ichs besorgen.Noch eine Comission: bey Hr. v. Falck hab ich 9 fl. zu gut, hohl er sie doch ab und schick er sie mit der fahrenden Post.Grüß er das ganze Haus. Msll Dorthel — er weis wohl — und Lengen. Und was Lotte schreibt und schickt mögt ich gern hören.G.91.Goethe an Hans.Lieber Hans ich habe seinen letzten Brief unglücklicher Weise verlegt, also muss ich ihn bitten: mir Anngens und Carlingens Comission noch einmal zu melden, was sie für Farben haben wollen. Grüs er alles. Adieu.G.92.Goethe an Hans.Lieber Hans es ist da wieder ein Anstos an der Comission. Er schreibt mir ich soll Anngen von beyliegendem Stückgen ¾ Ellen schicken. Nun begreiff ich nicht was sie mit drey Viertel Ellen machen will. Sollens aber drey Ellen und ein Viertel seyn 3¼: so ists was anders weil aber das ins Geld laufft und über 16 fl. käme, so hab ich noch einmal anfragen wollen, grüs er sie alle. Und meld er mir was neues mitG.93.Goethe an Hans.Da schick ich lieber Hans indessen was für die Kleinen, theil er die Rosinen Feigen und Bilder unter sie, und das Buch mögen sie in Gemeinschaft haben, es kommt vom Hr. Kestner.Behaltet mich lieb. Grüsse den Papa die Schwestern und Brandts. Adieu.G.94.Goethe an Hans.Hier schick ich Ihm, lieber Hans, einpraemium virtutis et diligentiaezum neuen Jahr. Und dass er sieht was wir Franckfurter für Leute sind, auch einen neuenHeller.Grüs er mir alle liebe Leute und behalte er mich lieb.G.95.Goethe an Hans.Bestell er mir den Brief richtig und bald. Seiner ist auch bestellt. Wünsche Alberten und Ernst gute Besserung. Empfehl er mich dem Papa, grüss er die Schwestern und Lengen und Dorthel und schreib er mir manchmal.Goethe.96.Goethe an Lotte.(1773 oder 1774.)Liebe Lotte, es fällt mir den Augenblick so ein, dass ich lang einen Brief von dir habe, auf den ich nicht antwortete. Das macht du bist diese ganze Zeit, vielleicht mehr als jemalsin, cum et sub(lass dir das von deinem gnädigen Herrn erklären) mit mir gewesen. Ich lasse es dir ehstens drucken — Es wird gut meine Beste. Denn ist mirs nicht wohl wenn ich an euch dencke?Ich bin immer der Alte, und deine Silhouette ist noch in meiner Stube angesteckt, und ich borge die Nadeln davon wie vor Alters. Dass ich ein Tohr binn, daran zweifelst du nicht, und ich schäme mich mehr zu sagen. Denn wenn du nicht fühlst dass ich dich liebe, warum lieb ich dich? —!Goethe.97.Goethe an Kestner.(Märtz 1774.)Auf einen Brief vom 1tenWeynachtstage erst den 13 Februar Antwort zu haben, ist nicht schön. Künftig, Kestner, schick mir deine Briefe mit der Post. Und schreib öfter, sonst wend ich mich an Lotten dass die mir schreibt.Die Max La Roche ist hierher verheurathet, und das macht einem das Leben noch erträglich, wenn anders dran etwas erträglich zu machen ist. Wie offt ich bey euch binn, heisst das in Zeiten der Vergangenheit, werdet ihr vielleicht ehestens ein Document zu Gesichte kriegen. Und wenn ihr nicht oft schreibt, und wenns häusliche Kleinigkeiten wären. Ihr wisst dass mir daran am meisten gelegen ist.Der Jakobi hat Lotten in sofern Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Er hat eine sehr vorteilhafte Schilderung von ihr gemacht, und wie man mir es schrieb, so wusst ich warrlich nicht dass das all an ihr war, dennich hab sie viel zu lieb von jeher gehabt, um auf sie so acht zu haben. DieIrisist eine kindische Entreprise, und soll ihm verziehen werden, weil er Geld dabey zu schneiden denckt. Eigentlich wollen die Jackerls den Merkur miniren, seit sie sich mit Wieland überworfen haben.Was die Kerls von mir dencken ist mir einerley. Ehedessen haben sie auf mich geschimpft wie auf einen Hundejungen, und nun müssen sie fühlen, dass man ein braver Kerl seyn kann ohne sie iust leiden zu können. Dass Lotte in der Reihe der Protectrices steht, kleidet sie gut zu Gesichte.Von meinen Wünschen und Hoffnungen zu euch zu kommen mag ich nichts reden. Mir gehts wie euch — und also wollen wirs unterdessen auf sich beruhen lassen.Dass ihr Herdern nicht näher gesehn habt, ist doch fatal. War er denn alleinn? Oder sein Weib mit? Ich binn wohl fleissich, und meine Lebens Wirthschaft ist immer die alte. Wenn ich manchmal deine alten Briefe ansehe, erstaun ich, dass ich nach so mancherley Veränderungen noch derselbe binn. Und möchte das auch von euch hören. Desswegen schreibt mir öffter und bittet Lotten, dass sie mir nur manchmal ein Wörtchen schreibt, wenns ihr ums Herz ist. Das könnte sie wohl thun. Sie soll mir die Pestel grüssen, das muss auch ein braves Weib seyn.Die Kunckel hat dem Magistr. viel Schererey gemacht. Sie sas in Strasburg. Der dortige Magistrat wollte sie nicht ausliefern, und da der Kurfürst sich an den König gewendet, ist sie auf und davon in die Schweiz. Das sind die neusten und noch zur Zeit geheimen Nachrichten.Dass wir sehr Kayserlich sind, ist kein Wunder, da wir des Kaysers sind.Adieu. Lasst bald wieder was hören. Ich binn der Alte, von Ewigkeit zu Ewigkeit Amen.G.98.Goethe an Kestner.(May 1774.)Ist mir auch wieder eine Sorge vom Hals. Küsst mir den Buben, und die ewige Lotte. Sagt ihr ich kann mir sie nicht als Wöchnerinn vorstellen. Das ist nun unmöglich. Ich seh sie immer noch wie ich sie verlassen habe, (daher ich auch weder dich als Ehmann kenne, noch irgend ein ander Verhältniss als das alte, — und sodann bey einer gewissen Gelegenheit, fremde Leidenschaften aufgeflickt und ausgeführt habe, daran ich euch warne, euch nicht zu stosen) Ich bitte dich lass das eingeschlossene Radotage biss auf weiteres liegen, die Zeit wirds erklären. Habt mich lieb, wie ich euch, so hat die Welt keine vollkommenere Freunde.G.Mein garstig Zeug gegen Wieland macht mehr Lärm als ich dachte. Er führt sich gut dabey auf wie ich höre, und so binn ich im Tort.99.Goethe an Kestner.(11. May 1774.)Es hat mich überrascht, ich erwartete das nicht. Gehofft hatt ichs, doch da dein Brief nichts davon sagte, beschied ich mich dass die erstgebornen der Famille gehören. Nun aber — ich wünsche dass Lotte — denn getauft ist der Knabe am 11 May da ich das schreibe — dass Lotte, alle Ueberlegung möge auffahrend durchgebrochen haben, und gesagt:Wolfgangheister! und der Bub soll auch so heisen! — du scheinst dahin zu neigen, und ich wünsche dass er diesen Nahmen führe weil er mein ist. — Habt ihr ihm denanderngegeben, so halt ich mir aus dem nächsten den NahmenWolfgangzu geben, da ihr doch mehr Gevattern nehmt — und ich — wohl all eure Kinder aus der Taufe heben möchte, weil sie mir all so nah sind wie ihr. — Schreibt mir gleich was geschehn ist. — Ich habe närrische Ahndungen dadrüber, die ich nicht sage, sondern die Zeit will walten lassen.Adieu ihr Menschen die ich so liebe (dass ich auch der träumenden Darstellung des Unglücks unsers Freundes, die Fülle meiner Liebe borgen und anpassen musste) Die Parenthese bleibt versiegelt bis auf weiters.G.100.Goethe an Lotte.v. 16. Jun. 1774.Ich komme von Meyers liebe Lotte, habe mit ihnen zu Nacht gessen, und gestern auch, heute den Tag über waren sie zu Darmstadt. Es sind recht gute Menschen, ich schwöre sie lieben mich denn ich liebe sie auch. Wir waren so offen in der ersten Viertelstunde. O Lotte was ich ein Kind bin! Wie michs gleichsam überraschte da mir die Meyern sagte, dass du noch an mich denkst. Sagen mir das nicht Kestners Briefe, sagt mirs nicht mein Herz, und doch war mirs so ganz neu, da mir das liebe Weibchen, mit der wahren Stimme des Antheils sagte: dass du noch an mich denkst. O sie fühlte was sie mir sagte, sie ist eine liebe Frau. Schon gestern Nacht wollt ich dir schreiben, aber es war nicht möglich, ich ging in meiner Stube auf und ab, und redete mit deinem Schatten, und selbst ietzt fällt mir’s schweer das dahin zu krizzen! — Soll ich denn niemals wieder, niemals wieder deine Hand halten Lotte? Ichhabe der Meyern viel erzählt von dir, sie war mit mir im Wald und versprach mir, dich auf der Ellrie[26]von mir zu unterhalten. Ja Lotte ich hab lang so keine Freude gehabt — Ihr Mann ist iust einer der Menschen wie ich sie haben muss, die Erfahrung des Lebens, die schönen Kentnisse und Wissenschafften ohne Pedanterey und die gute offne Seele. Wir haben uns recht gut gefunden. Und so mit gute Nacht. Morgen früh gehn sie und ich will ihnen noch was schicken. Adieu! Adieu!Und mein Pathgen ist wohl, und Mamagen wills auch bald wieder werden; ich schwöre dir Lotte, das ist für meinen sinnlichen Kopf eine Marter, dich als Mamagen zu dencken und einen Buben derDeinist und der einen seiner Namen durch meinen Willen trägt. Ich komme damit nicht zurecht, ich kann mir’s nicht vorstellen, und bleibe also dabey: Lotte liebe Lotte, es soll alles seyn wie’s war, und ist so, und die Meyern sagt du habest dich auch nicht verändert. Und so grüse und küsse Papa Kestnern, und er soll mir hübsch schreiben, und du sollst mir auch hübsch schreiben, wenns Mamagen nicht zu beschweerlich fällt. Hier ist von der Meyern ein Brief an ihre Schwester, denk ich. Hansschickte mir einen an sie den ich richtig bestellt habe. Ich hoffe sie wird aus dem Bade wieder durch gehen, und da geb ich ihr eine Hand und Grus für dich mit. Adieu, liebe Lotte, ich schick euch ehstens einen Freund der viel änlichs mit mir hat, und hoffe ihr sollt ihn gut aufnehmen, er heisst Werther, und ist und war — das mag er euch selbst erklären.am 16tenJuni 1774.Goethe.101.Goethe an Lotte.v. 26. und 31. Aug. 1774.Wer geht den Augenblick aus meiner Stube? Lotte, liebe Lotte, das räthst du nicht. Räthst ehr von berühmten und unberühmten Leuten eine Reihe als die Frau Catrin Lisbet, meine alte Wetzlarer Strumpfwaschern, die Schwätzern die du kennst die dich lieb hat wie alle die um dich waren dein Lebenlang, sich nicht mehr in Wetzlar halten kann, der meine Mutter einen Dienst zu schaffen hofft. Ich hab sie mit herauf genommen in meine Stube, sie sah deine Silhouette, und rief: „Ach das herzelieb Lottgen,“ in all ihrer Zahnlosigkeit voll waren Ausdrucks. Mir hat sie zum Willkomm in voller Freude Rock und Hand geküsst. und mir erzählt von dir wie du so garstig warst, und ein gut Kind hernach und nicht verschwäzt hättest, wie sie um dich hätte Schläge gekriegt da sie dich zum Lieutt. Meyer führte der in deine Mutter verliebt war, und dich sehn und dir was schenken wollte, das sie abernicht litt &c. &c. alles, alles. Du kannst denken wie werth mir die Frau war, und dass ich für sie sorgen will. Wenn Beine der Heiligen, und leblose Lappen die der Heiligen Leib berührten, Anbetung und Bewahrung und Sorge verdienen, warum nicht das Menschengeschöpf das dich berührte, dich als Kind aufm Arm trug, dich an der Hand führte, das Geschöpf das du vielleicht um manches gebeten hast? Du Lotte gebeten. — Und das Geschöpf sollte von mir bitten! Engel vom Himmel. Liebe Lotte noch eins. Das machte mich lachen. Wie du sie oft geärgert hast mit deinen schlocker-Händgen, die du so machst, auch wohl noch, sie machte mir sie vor, und mir wars als wenn dein Geist umschwebte. Und von Carlinen, Lehngen allen, und was ich nicht gesehn und gesehn habe, und am Endlichen Ende war doch Lotte und Lotte und Lotte und Lotte, und Lotte und ohne Lotte nichts und Mangel und Trauer und der Todt. Adieu Lotte. kein Wort heut mehr. 26 Aug.d. 31. Aug. Hier herein gehört, meine Liebe, beyliegendes Blättchen das ich in Langen schrieb letzten Samstag eh Merk kam. Wir verbrachten einen glücklichen Tag, der Sonntag war leider sehr trocken. Doch die Nacht träumt ich von dir wie ich wäre wieder zudir gekommen und du mir einen herzlichen Kuss geben hättest. So lang ich von dir weg binn hab ich weder wachend noch träumend, dich so deutlich vor mir gesehn. Adieu. Von den Silhouetten hierbey ist eine für euch, für Meyers, für Zimmermann. Kestner soll mir doch auch wieder einmal schreiben. Adieu Lotte ich danke dir dass du wohl lesen magst was ich schreibe und drucken lasse, hab ich dich doch auch lieb. Küss mir den Buben. Und wenn ich kommen kann, ohne viel zu reden, und schreiben, steh ich wieder vor dir, wie ich einst von dir verschwand, darüber du denn nicht erschröcken, noch mich ein garstig Gesicht schelten magst. Grüs Meyers. Ich möchte dich doch sehen den Buben aufm Arm. Adieu Adieu.Hiezu gehört Goethe’s Gedicht nebst Silhouette, welche oben (Nr. 82) dem Duplicate des Gedichts imFac similebeigefügt sind.Der Schluß dieses Briefes erläutert den im Gedichte enthaltenen Ausdruck: „Garstges Gesicht.“102.Goethe an Lotte.(27. Aug. 1774.)Ich habe gestern den 26 einen Brief an dich angefangen, hier sitz ich nun in Langen zwischen Franckfurt und Darmstadt, erwarte Merken, den ich hierher beschieden habe, und mir ist im Sinn an dich zu schreiben. Heut vor zwey Jahren sas ich bey dir fast den ganzen Tag da wurden Bohnen geschnitten biss um Mitternacht, und der 28te[27]feyerlich mit Thee und freundlichen Gesichtern begonnen. O Lotte, und du versicherst mich mit all der Offenheit und Leichtigkeit der Seele, die mir so werth immer war an dir, dass ihr mich noch liebt, denn sieh es wäre gar traurig wenn auch über uns der Zeiten Lauf das Uebergewicht nehmen sollte. Ich werde dir ehestens ein Gebetbuch, Schatzkästchen oder wie du’s nennen magst schicken, um dich Morgends und Abends zu stärken in guten Errinnerungen der Freundschaft und Liebe. Morgen denkt ihr gewiss anmich. Morgen bin ich bey euch, und die liebe Meyern hat versprochen mir ihr Geistgen zu schicken mich abzuhohlen. Ein herrlicher Morgen ists, der erste lang ersehnte Regen nach einer Dürre über vier Wochen, der mich erquickt wie das Land, und dass ich ihn auch eben auf dem Land geniesse! Vorgestern war Gotter da, er geht mit zwey Schwestern nach Lyon, dort eine Schwester zu besuchen, ist immer gut, und sehr krank, doch munter, es ward unser altes Leben rekapitulirt, er grüsste herzlich dein Schattenbild, ich schwäzt ihm allerley vor &c. und so ging er wieder. Darin hab ichs gut, wenn meine Freunde halbweg reisen so müssen sie zu mir, bey mir vorbey und zollen.103.Goethe an Hans.v. 31. Aug. 1774.Ihr habt einen lieben Bruder verlohren, und ich einen von meinen lieben Buben. Seyd brav doppelt und dreyfach dass an euch Papa und ich getröstet werden über den Verlust. Grüss er mir alle. Schreib er mir öfter was passirt. Glaubt er denn nicht dass mich von euch alle Kleinigkeiten interessiren? Ich bin zwar lang weg, doch immer bey euch. Adieu; bestell er mir den Brief an Lotten aufs beste. am 31 Aug. 1774G.

Gott seegn euch denn ihr habt mich überrascht. Auf den Charfreytag wollt ich heilig Grab machen und Lottens Sillhouette begraben. So hängt sie noch und soll denn auch hängen biss ich sterbe. Lebt wohl. Grüsst mir euren Engel und Lengen sie soll die zweyte Lotte werden, und es soll ihr eben so wohl gehn. Ich wandre in Wüsten da kein Wasser ist, meine Haare sind mir Schatten und mein Blut mein Brunnen. Und euer Schiff doch mit bunten Flaggen und Jauchzen zuerst im Hafen freut mich. Ich gehe nicht in die Schweiz. Und unter und über Gottes Himmel binn ich euer Freund und Lottens.

Ich hatte gleich auf eure Nachricht Kielmansegge sey hier in die meisten Wirthshäusser geschickt, konnt ihn aber nicht erfragen. Nun sagt mir Pottozelli er sey wieder fort, und habe gehört ich sey nicht hier. Sagt ihm er hätte nicht so fortgehen sollen, ich war Montags schon wieder hier als er Mittwoche wegging, und ich hatte eben um die Zeit an ihn gedacht, und gewünscht mit ihm zu seyn. Sagt ihm, von unserm Nachdruck Ossians ist Fingal ausmachend den ersten Teil fertig, kostet 36 kr., wenn er ihn will, schick ich ihn mit dem übrigen und bitte mir meinen Ossian zurück. Ich weis nicht ob ich euch schon im vorigen Briefe gebeten habe was an Boje mitzunehmen. bestimmt mir doch die Zeit wenn ihr geht. Wie stehts euerm Engel. Ich habe ein groses Commerz mit ihr. Ihre Silhouette ist mit Nadeln an die Wand befestigt und ich verliehre meist alle Nadeln und wenn ich beim Anziehen eine brauche, borg ich meist eine von Lotten, und frage auch erst um Erlaubniß &c.

Etwas verdrüsst mich. In Wetzlar hatte ich ein Gedicht gemacht, das von Rechtswegen Niemand besser verstehen sollte als ihr. Ich möcht es euch so gern schicken, hab aber keine Abschrift mehr davon. Boie hat eine durch Mercken, und ich glaube, es wird in den Musenalmanach kommen. es ist überschriebender Wandrerund fängt an: Gott seegne dich iunge Frau. Ihr würdets auch ohne das gleich gekannt haben.

So weit dann lieb K. Lotte weis wie lieb ich sie habe. Adieu.

G.

Ich habe, lieber K. im letzten Pack vergessen euch die Anhänge zu schicken. Nr. 6 ist nie gedruckt worden aus Versehen. Lebt wohl und liebt mich und schreibt mir wies euch geht unterwegs und eurem Engel. Adieu FalkensMscpt.schick ich euch nach, Entschuldigt mich doch.

acc.d. 12. Apr. 73. Wetzl.

Da tuht ihr wohl Kestner dass ihr mich beym Wort nehmt! O den trefflichen Menschen! „Ihr wollt ia nichts mehr von uns wissen.“ Gar schön! Ich wollte freylich nichts von euch wissen, weil ich wusste ihr würdet mir nicht schreiben mögen. Sonst feiner Herr war der Tag eurem Fürsten der Abend, eurer Lotte, und die Nacht für mich und meinen Bruder Schlaff. Die Nacht fließt nun in den Abend und der arme Goethe behilft sich wie immer. Es stände euch wohl zu Gesichte — Doch das will ich nicht sagen, ich würde mich zum Teufel geben, wenn ich euch erst darauf bringen sollte. Also Hr. Kestner und Madam Kestner Gute Nacht.

Ich würde auch hier geschlossen haben wenn ich was besseres im Bett erwartete als meinen lieben Bruder. Sieh doch mein Bett da, so steril stehts wie ein Sandfeld. Und ich habe heut einen Schönen Taggehabt so schön dass mir Arbeit und Freude und Streben und Geniessen zusammen flossen. Dass auch am schönen hohen Sternen Abend ganz mein Herz voll war von wunderbaren Augenblick da ich zu’n Füßen eurer an Lottens Garnirung spielte, und ach mit einem Herzen, das auchdasnicht mehr genießen sollte, von drüben sprach, und nicht die Wolken, nur die Berge meinte. Von der Lotte wegzugehn. Ich begreifs noch nicht wies möglich war. Denn seht nur seid kein Stock. Wer nun, oder vorher, oder nachher zu euch sagte geht weg von Lotten — Nun was würdet ihr —? Das ist keine Frage — Nun ich bin auch kein Stock, und binn gegangen, und sagt ists Heldentaht oder was. Ich binn mit mir zufrieden und nicht. Es kostete mich wenig, und doch begreif ich nicht wies möglich war. — Da liegt der Haas in Pfeffer. —

Wir redeten wies drüben aussäh über den Wolken, das weis ich zwar nicht, das weis ich aber, dass unser Herr Gott ein sehr kaltblütiger Mann seyn muss der euch die Lotte lässt. Wenn ich sterbe und habe droben was zu sagen ich hohl sie euch warrlich. Drum betet fein für mein Leben und Gesundheit, Waden und Bauch &c. und sterb ich so versöhnt meine Seele mit Trähnen, Opfer, und dergleichen sonst Kestner siehts schief aus.

Ich weis nicht darum ich Narr so viel schreibe.eben um die Zeit da ihr bey eurer Lotte gewiß nicht an mich denkt. Doch bescheid ich mich gern nach dem Gesez der Antipatie. Da wir die Liebenden, fliehen, und die Fliehenden lieben.

acc.d. 12. Apr. 73.

Den Brief von gestern Abend hab ich gleich zugemacht also auf euer ProMem.

1) Die Zugabe braucht wie es euch beliebt.[22]Wenn ihr die Zeitungen wollt binden lassen was soll das Sauzeug Reichswesen dabey. es war express so eingericht daß man sie wegschmeissen sollt. Auch wird der Band zu dick. Doch will ich fragen nach den Nummern.

2) Will der Hr. v. Hille einen Merkur für sich allein? und wie stehts mit Falcken, nimmt der jetzo das Exemplar allein was ihr mit teilen wolltet?

3) diePlayssind in meinen händen. Heute ists so ein schöner tag dass ich möchte mit euch spazieren gehn. Adieu grüsst Hansen.

acc.W. 16. Apr. 73.

Mittwochs. Ich habe Annchen gestern verfehlt, und will ietzo hingehen, ich fürchtet halb ihr mögtets seyn und mich anführen. denn ich geh morgen nach Darmstadt, und da wär überall leid gewesen. Eure Plays kriegt Anngen mit. Auch an Hansen ein Paquet. Ich habe noch denPränumerations Scheinauf die Biblischen Kupfer, ich will ihn behalten, und wenn sie herauskommen disponirt drüber. Anngen bringt euch auch fl. 2: 30 Kr. von der Karoline wieder. Der grose kostete einen Dukaten, der kleine 3 fl. 30. Auch euren Ring. Lottens Granatring will ich behalten ich hab ihr ihn so Tausendmal am Finger gesehn und am Finger geküsst er soll unter meinen Bijous liegen biss ich ein Mädgen habe die soll ihn tragen. Grüsst mir euren Engel und Lengen lieb, und schreibt wegen des Merkurs an meine Schwester, die euch grüsst.

Anngen ist lieb und brav, hat mir Lottens Brautstraus mitgebracht wohl conservirt, und ich hab ihn heut vorstecken. Ich höre Lotte soll noch schöner lieber und besser seyn als sonst, und dass ihr nicht mit kommen seyd, ist auf alle Art nicht hübsch. Grüsst mir Lengen und ihre Freundinn Dorthel, Anne hat mir alles erzählt, wie sie beysammen schlafen, und in Alles nur nicht in die Liebhaber teilen, wie derquasiHofrath fortfährt ein Esel zu seyn &c. Alles erzählt und ich mich ergötze zu hören von euch, gleich wie ich Johannistrauben zu pflücken und Quetschen zu schütteln mir ehedessen wünschte heute morgen übermorgen und mein ganzes Leben.[23]Grüßt Schneidern wenn er mein denkt, und Kielmansegg.Pottocellihat mir gestern in der Messe einen Grus von ihm bracht. Wir haben einen Teufels Reuter hier, und Comödien und Schatten und Puppenspiel, das könnt ihr Lotte sagen hätt ich ihr all gewiesen wenn sie kommen wäre, nun aber — wärs auch gut — Schattenspiel Puppenspiel.

acc.W. 16. Apr. 73.

Nun will ich nichts weiter lieber Kestner, das wars was ich wünschte, was ich nicht verlangen wollte, denn den Geschencken der Liebe giebt die Freywilligkeit all den Werth, ihr solltet mir aus dem Schoose eures Glücks an der Seite von Eurer Lotte, die ich euch, vor tausend andern gönne, wie all das Gute was mir die Götter versagen. Aber dass ihr, weil euch das Glück die Karten gemischt hat, mit der Spadille stecht, mir ein höhnisch gesicht zieht, und euch zu eurem Weibe legt find ich unartig, ihr sollt euch darüber bey Lotten verklagen und sie mag entscheiden.

Mich einen Neider und Nexer zu heissen, und dergleichen mehr, das ist all nur seit ihr verheurathet seyd. Meine Grillen lieber müssen nun so drein gehen. Ich war mit Anngen in der Comödie. Es ist gut dass ich morgen nach Darmstadt gehe, ich verliebte mich warrlich in sie. Ihre Gegenwart hat alles Andencken an euchwieder aufbrausen gemacht, mein ganzes Leben unter euch, ihr wollt alles erzählen biss auf die Kleider und Stellungen so lebhaft, sie mag euch sagen was sie kann. O Kestner, wenn hab ich euch Lotten missgönnt im menschlichen Sinn, denn um sie euch nicht zu missgönnen im heiligen Sinn, müsst ich ein Engel seyn ohne Lung und Leber. Doch muss ich euch ein Geheimniss entdecken. Dass ihr erkennet und schauet. Wie ich mich an Lottenattachirteund das war ich wie ihr wisst von Herzen, redete Born mit mir davon,wie man spricht. „Wenn ich K. wäre, mir gefiels nicht. Worauf kann das hinausgehn? Du spannst sie ihm wohl gar ab?“ und dergleichen. Da sagt ich ihm, Mit diesen Worten in seiner Stube, es war des Morgens: „Ich binn nun der Narr das Mädchen für was besonders zu halten, betrügt sie mich, und wäre so wie ordinair, und hätte den K. zum Fond ihrer Handlung um desto sicherer mit ihren Reizen zu wuchern, der erste Augenblick der mir das entdeckte, der erste der sie mir näher brächte, wäre der letzte unsrer Bekanntschafft,“ und das beteuert ich und schwur. Und unter uns ohne Pralerey ich verstehe mich einigermassen auf die Mädgen, und ihr wißt wie ich geblieben binn, und bleibe für Sie und alles was sie gesehen angerührt und wo sie gewesen ist, biss an der Welt Ende. Und nun seht wie fern ich neidisch binn und es seyn muß. Denn entweder ich binn ein Narr,das schweer zu glauben fällt, oder sie ist die feinste Betrügerinn, oder denn — Lotte, eben die Lotte von der die Rede ist. —

Ich gehe morgen zu Fuss nach Darmstadt und hab auf meinem Hut die Reste ihres Brautstrausses. Adieu. Es tuht mir leid von Anngen zu gehen, was würds von euch seyn es ist besser so, nur dass ich ihr Portrait nicht gemacht habe, ärgert mich. Aber es ist ein Herz und Sinn lebendig. Adieu. Ich habe nichts als ein Herz voll Wünsche. Gute Nacht Lotte. Anngen sagte heut ich hätte den NamenLotteimmer so schön ausgesprochen.Ausgesprochen! dacht ich!

acc.W. 23. Apr. 73. Darmst.

Dank euch Kestner für eure zwey liebe Briefe lieb wie alles was von euch kommt, und besonders jezt. Der Todt einer teuer geliebten Freundinn ist noch um mich. Heut früh ward sie begraben und ich binn immer an ihrem Grabe, und verweile, da noch meines Lebens Hauch und Wärme hinzugeben, und eine Stimme zu seyn aus dem Steine dem Zukünftigen. Aber ach auch ist mir verboten einen Stein zu sezen ihrem Andencken, und mich verdriesst dass ich nicht streiten mag mit dem Gewäsch und Geträtsch.

Lieber Kestner, der du hast lebens in deinem Arm ein Füllhorn, lasse dir Gott dich freuen. Meine arme Existenz starrt zum öden Fels. Diesen Sommer geht alles. Merck mit dem Hofe nach Berlin, sein Weib in die Schweiz, meine Schwester, die Flachsland, ihr, alles. Und ich binn allein. Wenn ich kein Weib nehme oder mich erhänge, so sagt ich habe das Leben recht lieb, oder was, daß mir mehr Ehre macht, wenn ihr wollt. Adieu. Eurem Engel tausend Grüsse

Hier schick ich mein lieber Hr. Hans, aus der Messe was, wird hoffentlich zu West und Hosen reichen, sollt was abgehn schreiben Sies ohne Umstände. Wenn Sie es anhaben und herumspringen, auf die Jagd gehen, oder sonst lustig sind, so gedenken Sie meiner. Küssen Sie Lotten die Hand und Lenchen von mir, und die Kleine viel hundertmal von Ihrem Freunde

Goethe.

Lieber Herr Hans. Ich danke von Herzen für ihr Andencken, werden Sie nicht müde mir zu schreiben. Ich binn manchmal sehr allein, und so ein lieb Brieflein freut mich sehr. Gott vergelts wenn ichs gleich nicht kann, und mache Sie gros und starck und so glücklich als Sie brav sind.

Goethe

acc.30. Apr. 73. Darmst. Sonntag.

Lieber Kestner ihr wisst mein Leben läßt sich nie detailliren und vielleicht heute weniger als jemals, heut wars ein Gewirre, ein recht toll und wunderbaar Leben. Sonntag! Wie ruhig werdet ihr bey Lotten gesessen haben.

In 14 Tagen sind wir all auseinander; und es geht so im Hurry dass ich nicht weiss wo mir der Kopf steht, wie noch Hoffnung und Furcht ist. Gott verzeihs den Göttern die so mit uns spielen. Auf dem Grabe — Ich will nicht davon wissen will alles vergessen. Vergesst alles in Lottens Armen, und dann arbeitet euer Tagewerk Genießt der Sonne, und wie ich euch liebe sey euch gegenwärtig in Stunden der Ruh.

Ich hab Hansens Brief kriegt und euer Nachschreiben. Sagt ihm er soll mehr ins Detail gehn. Er denkt nur er müssteMerkwürdigkeitenschreiben, ist nicht alles dorten merkwürdig?

acc.W. 5.Maii73.

Lieber Kestner ich binn wieder in Franckfurt und Gott sey Dank, wir haben wunderbare Scenen gehabt und bald wird alles ausgerauscht haben.

Wie lebt ihr und wie lang bleibt ihr noch?

Die Flachsland ist verheurathet, an Herdern. Wißt ihr schon was davon. Vorgestern war ich gegenwärtig der Trauung und gestern ging ich herüber.

Den Merkur induploschick ich euch, sorgt doch noch daß ich das Geld kriege. Die zwey machen iust 9 fl.

Adieu lieber küßt Lotten von meinetwegen auch einmal. Adieu.

Lotte ist nun fort, und ich nehme so viel teil dran dass sie weg ist als eins vom Hause. Aber ohngeachtet dessen lieber Hans wollen wir nicht aufhören einander zu schreiben. Sie hören doch immer eher etwas von unsrer Lotte und das melden sie mir treulich. Grüsen sie mir das liebe Lengen und sagen Sie ihr, da nun Lotte weg sey und sie die zweyte Lotte sey für euch, so sey sies auch für mich, und ich sehne mich sie zu sehn, wenns möglich ist, so komm ich den Sommer. Adieu lieber Hans. Empfehlen sie mich dem Papa. Und grüssen mir die Jungens.

Wenn Schwester Caroline sich meiner erinnert so küssen sie ihr die Hand, und Sophien und Amalgen ein paar Mäulger von mir.

G.

Ich dank ihm lieber Hans für den braven Brief. Schick er innliegenden Hrn. Kestnern grüsse er den Papa u. alle. Und behalt er mich lieb.

Goethe.

acc.Hannover. 18. Jun. 73.

Euer Brief hat mich ergözt, ich wusste durch Hansen schon manches von euch. Heute Nacht hat mirs von Lotten wunderlich geträumt. Ich führte sie am Arm durch die Allee, und alle Leute blieben stehn und sahn sie an, ich kann noch einige nennen die stehen blieben und uns nachsahen. Auf einmal zog sie eine Calesche über und die Leute waren sehr betreten. (Das kommt von Hansens Briefe der mir die Geschichte von Minden schrieb.) Ich bat sie sie mögte sie doch zurückschlagen das that sie. Und sah mich an mit den Augen, ihr wisst ja wies einem ist wenn sie einen ansieht. Wir gingen geschwind. Die Leute sahen wie vorher. O Lotte, sagt ich zu ihr, Lotte, dass sie nur nicht erfahren dass du eines andern Frau bist. Wir kamen zu einem Tanzplaz &c. &c.

Und so träume ich denn und gängle durchs Leben, führe garstige Prozesse schreibe Dramata, und Romanenund dergleichen. Zeichne und poussire und treibe es so geschwind es gehen will. Und ihr seyd geseegnet wie der Mann der den Herren fürchtet. Von mir sagen die Leute der Fluch Cains läge auf mir. Keinen Bruder hab ich erschlagen! Und ich denke die Leute sind Narren. Da hast du lieber Kestner ein Stück Arbeit, das lies deinem Weiblein vor, wenn ihr euch sammlet in Gott und euch und die Tühren zuschließt.NB.Die Frau Archivarius (ich hoffe das ist der rechte Titel) wird hoffentlich ihr blau gestreiftes Nachtjäckgen nicht etwa aus leidigem Hochmuth zurückgelassen, oder es einer kleinen Schwester geschenkt haben, es sollte mich sehr verdriessen, denn es scheint ich habe es fast lieber als sie selbst, wenigstens erscheint mir oft das Jäckgen wenn ihre Gesichtszüge sich aus dem Nebel der Imagination nicht losmachen können.

Ich habe, lieber Hans, allerley Angelegenheiten warum ich ihm schreiben Muss. Erstl. zu fragen wies bey euch aussieht? Ich habe so lang aus dem teutschen Haus nichts gehört.

Und hernachCommissionen, wenn er die Recht ausrichtet so soll er einmal Agent von Churfürsten, Fürsten und Ständen des Reichs werden.

Erstl. bestellt er den Brief an Kestnern, wie den Vorigen.

2tens ist er so gut zum Hrn. Hofrath Sachs zu gehen, und zu sagen: „Hier sey ein Brief an Hrn. von Kielmansegg. Ob sie wohl so gütig seyn wollten ihn zu bestellen. Der Hr. Baron habe mir geschrieben ich soll meine Briefe an Hrn. Hofrathadressiren.“

Drittens. Fragt er den Hrn. von Hille ob er habeeinen ersten Theil des teutschen Merkursdurch Hrn. Kestner bekommen, hat er ihn bekommen so lass ich ihn um die halbe Louisd’or bitten, undwill den zweyten Theil gleich mit der fahrenden Post nach Wetzlar schicken.

Viertens fragt er den Papa ob er ein neues SchauspielGötz von Berlichingengelesen habe?

Fünftens grüßt er mir alle im teutschen Haus, Lengen und Carlingen und Dortlgen und Anngen und fragt sie ob sie sich meiner noch erinnern in Ehre und Liebe. Und die Kleinen grüss er alle von mir, und schreibe er mir bald.

Goethe.

acc.H.21⁄773.

Ihr sollt immer hören wie mirs geht, lieber Kestner. Denn zum Laufe meines Lebens hoff ich immer auf euch und euer Weib die Gott seegne und ihr solche Freuden gebe als sie gut ist. Euch kanns an Beförderung nicht fehlen. Ihr seyd von der Art Menschen die auf der Erde gedeyen und wachsen, von den gerechten Leuten und die den Herren fürchten, darob er dir auch hat ein tugendsam Weib gegeben, des lebest du noch eins so lange.

Ich binn recht fleissig und wenns Glück gut ist kriegt ihr bald wieder was, auf eine andre Manier. Ich wollt Lotte wäre nicht gleichgültig gegen mein Drama. Ich hab schon vielerley Beyfalls Kränzlein von allerley Laub und Blumen, Italiänischen Blumen sogar, die ich wechselsweise ausprobiret, und mich vorm Spiegel ausgelacht habe. Die Götter haben mir einen Bildhauer hergesendet, und wenn er hier Arbeit findet, wie wir hoffen so will ich viel vergessen. Heilige Musenreicht mir dasAurum potabile,Elixir vitaeaus euren Schaalen, ich verschmachte. Was das kostet in Wüsten Brunnen zu graben und eine Hütte zu zimmern. Und meine Papageyen die ich erzogen habe, die schwäzen mit mir, wie ich, werden krank lassen die Flügel hängen. Heut vorm Jahr wars doch anders, ich wollt schwören in dieser Stunde vorm Jahr sass ich bey Lotten. Ich bearbeite meine Situation zum Schauspiel zum Truz Gottes und der Menschen. Ich weis was Lotte sagen wird wenn sies zu sehn kriegt und ich weis was ich ihr antworten werde. Hört wenn ihr mir wolltet Exemplare vomGötzverkaufen, ihr thätet mir einen Gefallen und vielleicht allerley Leuten. Boje hat ihrer, schreibt ihm wie viel ihr wollt, ich habs ihm geschrieben euch abfolgen zu lassen so viel ihr wollt. Verkauft sie alsdenn für zwölf gute groschen undnotirtdasportodas sie euch kosten. Der Verlag hört Mercken, der ist aber in Petersburg, ich schicke mich nicht zum Buchhändler, ich fürchte es bleibt hocken. Denn vielleicht kommt sonst in einem halben Jahr noch kein Exemplar zu euch. Schreibt mir doch wo ich die zweyten Stücke des Merkurs hinschaffen, und wo ichs Geld herkriegen soll. Wenn verschiedene Sachen nach meinem Kopfe gehn kriegt Lotte bald eine Schachtel von mir wo keineConfiturendrinne sind, auch kein Puzwerk, auch keine Bücher, also —

Lassts euch wohl seyn, mich ergözt eure Genüglichkeit und eure Aussichten. Und wenn euch was dran liegt von mir zu hören, so lasst von euch offt hören. Adieu.

Lieber Hans. Bring er Hrn. v. Hille den 2ten Teil des Merkurs den ersten hat Kestner aus Versehn mit nach Hannover genommen. Hr. v. Falke wird ihn dem Hrn. v. Hille wieder zurück bringen. Und sodann bitt ich mir die Bezahlung aus.

Hier das Schauspiel gieb er dem Papa und wenn ders gelesen hat und die Schwestern es auch etwa gelesen haben, so gib er es Anngen und Dorthel, und grüss er sie alle von mir. Der ich binn

Der alte

Doctor Goethe.

Und ihm viel Prämia wünsche, die er verdient.

Viel Glück zu allem was ihr unternehmt, und eurer besten Frau alle Freuden des Lebens.

Ich kann euch nicht tadlen dass ihr in der Welt lebt, und Bekanntschaft macht mit Leuten von Stand und Pläzzen. Der Umgang mit Grossen ist immer dem vorteilhafft der ihrer mit Maas zu brauchen weis. Wie ich das Schiespulver ehre dessen Gewalt mir einen Vogel aus der Lufft herunterhohlt, und wenns weiter nichts wäre. Aber auch sie wissen Edelmuth und Brauchbaarkeit zu schäzzen, und ein iunger Mann wie ihr muss hoffen, muss auf den besten Platz aspiriren. Sakerment und wenn ihrs nur eures Weibes willen tähtet. Was die häuslichen Freuden betrifft, die hat dünkt mich der Canzler so gut als der Sekretarius, und ich wollte Fürst seyn und mir sie nicht nehmen lassen. Also treibts in Gottes Nahmen nach eurem Herzen und kümmert euch nicht um Urteile und verschliesst euer Herz dem Tadler wie dem Schmeichler. Hören mag ich sie beydegern hören, biss sie mich ennüiren. Mad. La Roche war hier, sie hat uns acht glückliche Tage gemacht, es ist ein Ergötzen mit solchen Geschöpfen zu leben. O Kestner und wie wohl ist mirs, hab ich sie nicht bey mir so stehen sie doch vor mir immer die Lieben all. Der Kreis von edlen Menschen ist das wehrteste alles dessen was ich errungen habe.

Und nun meinen lieben Götz! Auf seine gute Natur verlaß ich mich, er wird fortkommen und dauern. Er ist ein Menschenkind mit viel Gebrechen und doch immer der besten einer. Viele werden sich am Kleid stosen und einigen rauhen Ecken. doch hab ich schon so viel Beyfall dass ich erstaune. Ich glaube nicht daß ich so bald was machen werde das wieder das Publikum findet. Unterdessen arbeit ich so fort, ob etwa dem Strudel der Dinge belieben mögte was gescheuters mit mir anzufangen.

am 21 August

Das war lang geschrieben biss einmal die Zeit zu siegeln bey mir kommt. Da ich euch nichts mehr zu sagen habe als liebt mich immer fort. und Lotte soll mich lieb behalten und glücklich ist sie. Adieu.

Heut Abend des 15. September erhalt ich euern Brief, und habe mir eine Feder geschnitten um recht viel zu schreiben. Dass meine Geister biss zu Lotten reichen hoff ich. Wenn sie auch die Taschengelder ihrer Empfindung, daran der Mann keine Prätension hat, nicht an mich wenden wollte, der ich sie so liebe. Neulich hatte ich viel Angst in einem Traum über sie. Die Gefahr war so dringend, meine Anschläge all keine Aussicht. Wir waren bewacht, und ich hoffte alles, wenn ich den Fürsten sprechen könnte. Ich stand am Fenster, und überlegte hinunter zu springen, es war zwey Stock hoch, ein Bein brichst du, dacht ich, da kannst du dich wieder gefangen geben. Ja dacht ich, wenn nur ein guter Freund vorbey ging, so spräng ich hinunter und bräch ich ein Bein, so müsst mich der auf den Schultern zum Fürsten tragen. Siehst du alles erinnere ich mich noch, biss auf den bunten Teppich des Tisches an dem sie sas und Filet machte, und ihr strohern Kistgen bey sich stehn hatte. Ihre Hand habe ichtausendmal geküsst. Ihre Hand wars selbst! die Hand! so lebhafft ist mirs noch, und sieh wie ich mich noch immer mit Träumen schleppe.

Meine Schwester ist mit Schlossern vor wie nach. Er sitzt noch in Carlsruhe wo man ihn herumzieht, Gott weis wie. Ich verstehs nicht. Meine Schwester ist jetzt in Darmstadt bey ihren Freunden. Ich verliere viel an ihr, sie versteht und trägt meine Grillen.

Ich lieber Mann, lasse meinen Vater iezt ganz gewähren, der mich täglich mehr in Stadt CivilVerhältnisse einzuspinnen sucht, und ich lass es geschehn. So lang meine Kraft noch in mir ist! Ein Riss! und all die siebenfache Bastseile sind entzwey. Ich binn auch viel gelassener, und sehe dass man überall den Menschen, überall groses und kleines schönes und Hässliches finden kann. Auch arbeit ich sonst brav fort. und denke den Winter allerley zu fördern. Dem alten Amtmann hab ich einen Göz geschickt der viel Freude dran gehabt hat, es ist auch gleich (wahrscheinlich durch Brandts) weiter kommen, und der Kam. Richt.[24]und v. Folz habens begehrt; Das schreibt mir Hans, mit dem ich viel Correspondenz pflege. Ueber alles das, lieber K. vergess ich dir zu sagen, dass drunten im Visitenzimmer, diesen Augenblick sitzt — die liebe Frau GrostanteLangevon Wetzlar, mit der so teuern ältsten JungferNichte. Die haben nun schon in ihrem Leben mehr, um Lottens Willen, gesessen wo ich sie nicht hohlte, mögen sie auch diesmal sich behelfen. Hanngen ist nicht mit da. Sie haben viel Liebs und Guts von meiner Lotte geredt! Dank Ihnen der Teufel. —Meiner Lotte!Das schrieb ich so recht in Gedanken. Und doch ist sie gewissermassen mein. Hierin gehts mir wie andern ehrlichen Leuten, ich bin gescheut — biss auf diesen Punct. Also nichts mehr davon.

Und zum Merkur um uns abzukühlen. Ich weiß nicht ob viel Grossprecherey dem Zeug mehr Schaden tuht, oder das Zeug der Großsprecherey. Das ist ein Wind und ein Gewäsch, dass eine Schand ist. Man ist durchgängig unzufrieden gewesen, der zweyte Teil ist was besser.

Der Hans und die Hänsgen. Wiel.[25]und die Jackerls haben sich eben prostituirt! Glück zu! Für mich haben sie ohnedem nicht geschrieben. Fahr hin. Des Cammerrath Jakobis Frau war hier, eine recht liebe brave Frau, ich habe recht wohl mit ihr leben können, binn allen Erklärungen ausgewichen, und habe getahn als hätte sie weder Mann noch Schwager. Sie würde gesucht haben uns zu vergleichen, und ich mag ihre Freundschafft nicht. Sie sollen mich zwingen sie zu achten wie ich sie iezt verachte, und dann will und muss ich sie lieben.

Heut früh hab ich von Falcken einen Brief kriegt, mit dem ersten Bogen des Musen Alman. Du wirst auf der 15ten S. denWandrerantreffen den ich Lotten ans Herz binde. Er ist in meinem Garten, an einem der besten Tage gemacht. Lotten ganz im Herzen und in einer ruhigen Genüglichkeit all eure künftige Glückseeligkeit vor meiner Seele. Du wirst, wenn dus recht ansiehst mehr Individualität in dem Dinge finden als es scheinen sollte, du wirst unter der AllegorieLottenundmich, und was ich so hunderttausendmal bey ihr gefühlt erkennen. Aber verraths keinem Menschen. Darob solls euch aber heilig seyn, und ich hab euch auch immer bey mir wenn ich was schreibe. Jezt arbeit ich einen Roman, es geht aber langsam. Und ein Drama fürs Aufführen damit die Kerls sehen dass nur an mir liegt Regeln zu beobachten und Sittlichkeit Empfindsamkeit darzustellen. Adieu. Noch ein Wort im Vertrauen als Schriftsteller, meine Ideale wachsen täglich aus an Schönheit und Grösse, und wenn mich meine Lebhafftigkeit nicht verlässt, und meine Liebe, so solls noch viel geben für meine Lieben, und das Publikum nimmt auch sein Teil.

Und so gute Nacht liebe Lotte. Im Couvert sind Verse die wollt ich zu einem Portrait von mir an Lotten legen, da es aber nicht gerathen ist so hat sie inzwischen das. Biss auf weiters.

Wenn einen seeligen BiedermannPastorn oder Rathsherrn lobesanDie Wittib läßt in Kupfer stechenUnd drunter ein Verslein radebrechenDa heißts:Seht hier von Kopf und Ohren,Den Herrn ehrwürdig, wohlgebohren,Seht seine Mienen und seine StirnAber sein verständig Gehirn,So manch Verdienst ums gemeine WesenKönnt ihr ihm nicht an der Nase lesen.So liebe Lotte heissts auch hier:Ich schicke da mein Bildniss dir!Magst wohl die lange Nase sehn,Der Augen Blick, der Locken Wehn,Es ist ohngefähr dasgarstge GsichtAber meine Liebe siehst du nicht.

Wenn einen seeligen BiedermannPastorn oder Rathsherrn lobesanDie Wittib läßt in Kupfer stechenUnd drunter ein Verslein radebrechenDa heißts:Seht hier von Kopf und Ohren,Den Herrn ehrwürdig, wohlgebohren,Seht seine Mienen und seine StirnAber sein verständig Gehirn,So manch Verdienst ums gemeine WesenKönnt ihr ihm nicht an der Nase lesen.So liebe Lotte heissts auch hier:Ich schicke da mein Bildniss dir!Magst wohl die lange Nase sehn,Der Augen Blick, der Locken Wehn,Es ist ohngefähr dasgarstge GsichtAber meine Liebe siehst du nicht.

Wenn einen seeligen BiedermannPastorn oder Rathsherrn lobesanDie Wittib läßt in Kupfer stechenUnd drunter ein Verslein radebrechenDa heißts:

Wenn einen seeligen Biedermann

Pastorn oder Rathsherrn lobesan

Die Wittib läßt in Kupfer stechen

Und drunter ein Verslein radebrechen

Da heißts:

Seht hier von Kopf und Ohren,Den Herrn ehrwürdig, wohlgebohren,Seht seine Mienen und seine StirnAber sein verständig Gehirn,So manch Verdienst ums gemeine WesenKönnt ihr ihm nicht an der Nase lesen.

Seht hier von Kopf und Ohren,

Den Herrn ehrwürdig, wohlgebohren,

Seht seine Mienen und seine Stirn

Aber sein verständig Gehirn,

So manch Verdienst ums gemeine Wesen

Könnt ihr ihm nicht an der Nase lesen.

So liebe Lotte heissts auch hier:Ich schicke da mein Bildniss dir!Magst wohl die lange Nase sehn,Der Augen Blick, der Locken Wehn,Es ist ohngefähr dasgarstge GsichtAber meine Liebe siehst du nicht.

So liebe Lotte heissts auch hier:

Ich schicke da mein Bildniss dir!

Magst wohl die lange Nase sehn,

Der Augen Blick, der Locken Wehn,

Es ist ohngefähr dasgarstge Gsicht

Aber meine Liebe siehst du nicht.

G.

Dasselbe Gedicht, mit einigen Varianten und seiner Silhouette, hat Goethe bei dem späteren BriefeNr. 101übersandt. Beide sind, des Zusammenhangs wegen, imFac similehiernachgefügt.

Dort ist der im Gedicht hier hervorgehobene Ausdruck: „garstge Gsicht“ erläutert.

❏GRÖSSERE ANSICHTGoethes Gedicht

❏GRÖSSERE ANSICHT

Scherenschnitt von Goethe

Die liebe Max de la Roche heurathet — hierher einen angesehnen Handelsmann. Schön! Gar schön.

Euer Hans schreibt mir immer wies im deutschen Haus hergeht, und so hab ich eine komplete Chronick aller Löcher, Beulen, und Händel von einigem Belang seit eurer Abreise.

Obs wahr ist daß Dorthel heurathet?

In unsrer Stadt ist ein unerhörter Stern, seit einem halben Jahre haben wir wohl zwanzig Heurathen von Bedeutung. Unsre zwo nächsten Nachbarinnen haben mit meiner Schwester fast in einer Woche sich vergeben.

Der Türner bläst, die Glocken läuten, die Trommel geht, und dort hinten fängts an zu tagen.

Ich bin auch zeither fleisig gewest hab viele kleine Sachen gearbeitet, und ein Lustspiel mit Gesängen ist bald fertig, auch einige ansehnlichere Stücke in Grund gelegt, und nun wird drüber studirt.

Obiges Lustspiel ist ohne grossen Aufwand von Geist und Gefühl, auf den Horizont unsrer Akteurs und unsrer Bühne gearbeitet. Und doch sagen die Leute es wären Stellen drinn die sie nicht prästiren würden. Dafür kann ich nachher nicht.

Ihr sollts im Msspt. haben.

Hat Lotte den Can. Jacobi gesehn, gesprochen. Er ist auf sie aufmerksam gewesen, merk ich. Ist er noch da.

Falcke ist ein trefflicher Junge, mich freuts dass er Liebe zu mir hat, er schreibt mir manchmal. Merck und ich haben eine wunderliche Scene gehabt, über eine Silhouette die Lavater mir schickte, und die Lotten viel ähnlich sieht. Es lässt sich nicht sagen wies war. Es war den Abend seiner Ankunft, und ich habe draus gesehn dass er Lotten noch recht liebt. Denn wer Lotten kennt und nicht recht liebt, den mag ich auch nicht recht.

Adieu ihr Kinder es wird Tag.

Wisst ihr schon dass Höpfner die Jungfer Thomä geheurathet hat.

Schreibt mir bald. Und ergözt euch an der Erinnerung meiner, wie ich mich an euch ergötze.

G.

Gratulire lieber Hans zur glücklichen Genesung und wünsche dass mein Brief euch alle wieder gesund treffen möge. Geben Sie einliegenden Brief Hrn. Krafft Bremischen Canzellisten der so gut seyn wird ihn Hrn. Kestner zu übermachen. Empfelen sie mich dem lieben Papa und Schw. Carlingen. Viele Grüße an Msll Lenchen, Dorthel und Anngen, und die andern Mädgens und Bubens sollen brav seyn, und Mandeln haben und Bilder wenn ich komme.

G.

Sagen Sie doch Lengen sie soll Lotten die Läppgen zum Flicken des blaugestreiften Nachtjäckgens schicken, die sie vergessen hat. sie werden sich wohl finden. Oder besser lass er sich sie von Lengen geben und schick er mir sie mit der fahrenden Post ich will sie Lotten schicken es muß ihr aber niemand davon was schreiben.

Mich freuts lieber Hans dass er so brav ist, und sich dasPrimatnicht nehmen lässt. Wenn nun auch alles wieder hergestellt ist im Hause so wünsch ich guten bestand. Ich danke für die Läppgen, dass nur niemand Lotten was davon schreibt. Meld er mir doch baldigst wann der Fuhrmann nach Hannover geht, ich hab ein Kästgen, allein er müssts dem Manne wohl rekommandiren, denn es ist zerbrechliche Waar, daß säuberlich mit umgegangen würde.

Adieu lieber Hans lassts euch das Obst recht schmecken, und grüss er den Papa und das ganze liebe Wesen im deutschen Haus. Adieu.

G.

Lieber Hans ich dank ihm recht sehr für seine Briefe, fahr er ich bitte so fort.

Hier sind vier Exemplar Iris, die ist er so gut und bestellt sie an die vier Damen die hier auf dem Zettelgen genannt sind.

Er hat noch, wenn ich mich nicht irre Geld von mir in Verwahrung, das bitt ich ihn als ein Cristgeschenk anzunehmen, und seinen Geschwistern auch etwas davon zu Gute zu thun.

Grüss er Papa und die Schwestern und Msll Brand. Will denn noch keine der Lotte nachfolgen?

G.

(Frankfurt den 31. Oct. 1773)

Ich weis nicht liebe Lotte ob meine Muthmasung Grund hat, dass Sie in kurzem ein Negligee brauchen werden, wenigstens kommt mirs so vor. Und da ich über diesen wichtigen Punct nachdachte, sprach ich zu mir selbst: Sie geht gerne weis, alles Nesseltuch ist verbannt im Winter, außer gesteppt und da sieht sie zu altmütterlich drinn aus &c. hierüber trat die vorsichtige Göttin der Mode zu mir und überreichte mir beykommendes Zeug, das ausser der Dauer alle Qualitäten hat. Es ist Nesseltuch, hat also alle dessen Tugenden, die Atlassstreifen machen es zur Wintertracht; kurz und gut, zum Schneider mit, dass der aber fein säuberlich verfahre.NBes darf mit keiner andern Farbe als weis gefüttert werden, die ich gesehen habe, hatten weis Leinwand drunter. Das Stück gibt iust ein Negligee, über Poschen.

Zugleich überschicke auch, die hinterlassene Läppchen des blau und weisen Nachtiäckchens, und bitte über dieneu angekommene Vornehme Freundschafft die alte treue nicht zu vergessen.

Adieu liebe Lotte grüssen Sie mir das Männgen, erinnern Sie sich der alten Zeit wie ich.

Frankfurt am 31. Octbr. 1773. als am Tage Wolfgang — — —

Goethe.

Am ersten Christtage, morgends nach sechs. (1773.)

Es ist ein Jahr dass ich um eben die Stunde an euch schrieb, meine lieben, wie manches hat sich verändert seit der Zeit.

Ich hab euch lange nicht geschrieben, das macht dass es bunt um mich zugeht.

Ich danke dir liebe Lotte dass du mir für meine Spinneweben einen Brief geschenkt hast. Wenn ich das gehofft hätte, wäre mein Geschenk eigennützig gewesen. Ich habe ihn wohl hundertmal geküßt. Es giebt Augenblicke wo man erst merkt wie lieb man seine Freunde hat.

Ich kann euch die Freude nicht beschreiben die ich hatteMerkenwieder zu sehn, er kam acht Tage eh ich’s vermuthete, und sas bey meinem Vater in der Stube, ich kam nach Hause, ohne was zu wissen, tret ich hinein und höre seine Stimme eher als ich ihn sehe. Du kennst mich Lotte.

Die Stelle in deinem Brief die einen Wink enthält von möglicher Näherung zu euch, ist mir durch die Seele gangen. Ach es ist das schon so lange mein Traum als ihr weg seyd. Aber es wird wohl auch Traum bleiben. Mein Vater hätte zwar nichts dagegen wenn ich in fremde Dienste gienge, auch hält mich hier weder Liebe noch Hoffnung eines Amts — und so scheint es könnt ich wohl einen Versuch wagen, wieder einmal wie’s draussen aussieht.

Aber Kestner, die Talente und Kräffte die ich habe, brauch ich für mich selbst gar zu sehr, ich binn von ieher gewohnt nur nach meinem Instinkt zu handeln, und damit könnte keinem Fürsten gedient seyn. Und dann biss ich politische Subordination lernte — Es ist ein verfluchtes Volk, die Franckfurter, pflegt der Präs. v. Moser zu sagen, man kann ihre eigensinnigen Köpfe nirgends hin brauchen. Und wenn auch das nicht wäre, unter all meinen Talenten ist meine Jurisprudenz der geringsten eins. Das bissgen Theorie und Menschenverstand richtens nicht aus — Hier geht meine Praxis mit meinen Kenntnissen Hand in Hand, ich lerne ieden Tag und haudere mich weiter. — Aber in einem Justiz-Collegio — Ich habe mich von ieher gehütet ein Spiel zu spielen da ich der unerfahrenste am Tisch war — Also — doch möcht ich wissen ob deine Worte etwas mehr als Wunsch und Einfall waren.

Meine Schwester ist brav. Sie lernt leben! und nur bey verwickelten misslichen Fällen erkennt der Mensch was in ihm stickt. Es geht ihr wohl und Schl. ist der beste Ehemann wie er der zärtlichste und unverrückteste Liebhaber war.

Hier ist ein guter Freund von mir, ich wäre gern mitgekommen lieber Hans, aber das will nicht gehn. Wenn ihr mich lieb behaltet, so hoff ich doch einmal zu erleben, dass ich euch wieder sehe. Was er an Hr. Plitt thut will ich für mich annehmen. Bring er ihn zu Brandts, und grüs er die Schwestern denen der junge Mann auch ohne mein Empfel wohlgefallen wird. Meine Buben sollen mich lieb behalten. Ich schick ihnen was aus der Mess. Sophie und Annel haben mich hoff ich nicht vergessen. Sey er immer brav. DieFranckf. Zeitungenkauff er sich nicht, er kann sie zu nichts brauchen. Wenn ich ein gut Buch für ihn finde schicke ichs ihm. Adieu und vergiss er nicht zu schreiben.

Goethe.

Lieber Hans bitt er Anngen um Verzeihung dass ich nicht ihr meine Comission ausgerichet. Hr. Schmidt kann keine Muster geben, aber Stücke will er einige schicken. Nun soll Anngen so gut seyn und schreiben was für Farben und Art sie verlangen, so will ichs besorgen.

Noch eine Comission: bey Hr. v. Falck hab ich 9 fl. zu gut, hohl er sie doch ab und schick er sie mit der fahrenden Post.

Grüß er das ganze Haus. Msll Dorthel — er weis wohl — und Lengen. Und was Lotte schreibt und schickt mögt ich gern hören.

G.

Lieber Hans ich habe seinen letzten Brief unglücklicher Weise verlegt, also muss ich ihn bitten: mir Anngens und Carlingens Comission noch einmal zu melden, was sie für Farben haben wollen. Grüs er alles. Adieu.

G.

Lieber Hans es ist da wieder ein Anstos an der Comission. Er schreibt mir ich soll Anngen von beyliegendem Stückgen ¾ Ellen schicken. Nun begreiff ich nicht was sie mit drey Viertel Ellen machen will. Sollens aber drey Ellen und ein Viertel seyn 3¼: so ists was anders weil aber das ins Geld laufft und über 16 fl. käme, so hab ich noch einmal anfragen wollen, grüs er sie alle. Und meld er mir was neues mit

G.

Da schick ich lieber Hans indessen was für die Kleinen, theil er die Rosinen Feigen und Bilder unter sie, und das Buch mögen sie in Gemeinschaft haben, es kommt vom Hr. Kestner.

Behaltet mich lieb. Grüsse den Papa die Schwestern und Brandts. Adieu.

G.

Hier schick ich Ihm, lieber Hans, einpraemium virtutis et diligentiaezum neuen Jahr. Und dass er sieht was wir Franckfurter für Leute sind, auch einen neuenHeller.

Grüs er mir alle liebe Leute und behalte er mich lieb.

G.

Bestell er mir den Brief richtig und bald. Seiner ist auch bestellt. Wünsche Alberten und Ernst gute Besserung. Empfehl er mich dem Papa, grüss er die Schwestern und Lengen und Dorthel und schreib er mir manchmal.

Goethe.

(1773 oder 1774.)

Liebe Lotte, es fällt mir den Augenblick so ein, dass ich lang einen Brief von dir habe, auf den ich nicht antwortete. Das macht du bist diese ganze Zeit, vielleicht mehr als jemalsin, cum et sub(lass dir das von deinem gnädigen Herrn erklären) mit mir gewesen. Ich lasse es dir ehstens drucken — Es wird gut meine Beste. Denn ist mirs nicht wohl wenn ich an euch dencke?

Ich bin immer der Alte, und deine Silhouette ist noch in meiner Stube angesteckt, und ich borge die Nadeln davon wie vor Alters. Dass ich ein Tohr binn, daran zweifelst du nicht, und ich schäme mich mehr zu sagen. Denn wenn du nicht fühlst dass ich dich liebe, warum lieb ich dich? —!

Goethe.

(Märtz 1774.)

Auf einen Brief vom 1tenWeynachtstage erst den 13 Februar Antwort zu haben, ist nicht schön. Künftig, Kestner, schick mir deine Briefe mit der Post. Und schreib öfter, sonst wend ich mich an Lotten dass die mir schreibt.

Die Max La Roche ist hierher verheurathet, und das macht einem das Leben noch erträglich, wenn anders dran etwas erträglich zu machen ist. Wie offt ich bey euch binn, heisst das in Zeiten der Vergangenheit, werdet ihr vielleicht ehestens ein Document zu Gesichte kriegen. Und wenn ihr nicht oft schreibt, und wenns häusliche Kleinigkeiten wären. Ihr wisst dass mir daran am meisten gelegen ist.

Der Jakobi hat Lotten in sofern Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Er hat eine sehr vorteilhafte Schilderung von ihr gemacht, und wie man mir es schrieb, so wusst ich warrlich nicht dass das all an ihr war, dennich hab sie viel zu lieb von jeher gehabt, um auf sie so acht zu haben. DieIrisist eine kindische Entreprise, und soll ihm verziehen werden, weil er Geld dabey zu schneiden denckt. Eigentlich wollen die Jackerls den Merkur miniren, seit sie sich mit Wieland überworfen haben.

Was die Kerls von mir dencken ist mir einerley. Ehedessen haben sie auf mich geschimpft wie auf einen Hundejungen, und nun müssen sie fühlen, dass man ein braver Kerl seyn kann ohne sie iust leiden zu können. Dass Lotte in der Reihe der Protectrices steht, kleidet sie gut zu Gesichte.

Von meinen Wünschen und Hoffnungen zu euch zu kommen mag ich nichts reden. Mir gehts wie euch — und also wollen wirs unterdessen auf sich beruhen lassen.

Dass ihr Herdern nicht näher gesehn habt, ist doch fatal. War er denn alleinn? Oder sein Weib mit? Ich binn wohl fleissich, und meine Lebens Wirthschaft ist immer die alte. Wenn ich manchmal deine alten Briefe ansehe, erstaun ich, dass ich nach so mancherley Veränderungen noch derselbe binn. Und möchte das auch von euch hören. Desswegen schreibt mir öffter und bittet Lotten, dass sie mir nur manchmal ein Wörtchen schreibt, wenns ihr ums Herz ist. Das könnte sie wohl thun. Sie soll mir die Pestel grüssen, das muss auch ein braves Weib seyn.

Die Kunckel hat dem Magistr. viel Schererey gemacht. Sie sas in Strasburg. Der dortige Magistrat wollte sie nicht ausliefern, und da der Kurfürst sich an den König gewendet, ist sie auf und davon in die Schweiz. Das sind die neusten und noch zur Zeit geheimen Nachrichten.

Dass wir sehr Kayserlich sind, ist kein Wunder, da wir des Kaysers sind.

Adieu. Lasst bald wieder was hören. Ich binn der Alte, von Ewigkeit zu Ewigkeit Amen.

G.

(May 1774.)

Ist mir auch wieder eine Sorge vom Hals. Küsst mir den Buben, und die ewige Lotte. Sagt ihr ich kann mir sie nicht als Wöchnerinn vorstellen. Das ist nun unmöglich. Ich seh sie immer noch wie ich sie verlassen habe, (daher ich auch weder dich als Ehmann kenne, noch irgend ein ander Verhältniss als das alte, — und sodann bey einer gewissen Gelegenheit, fremde Leidenschaften aufgeflickt und ausgeführt habe, daran ich euch warne, euch nicht zu stosen) Ich bitte dich lass das eingeschlossene Radotage biss auf weiteres liegen, die Zeit wirds erklären. Habt mich lieb, wie ich euch, so hat die Welt keine vollkommenere Freunde.

G.

Mein garstig Zeug gegen Wieland macht mehr Lärm als ich dachte. Er führt sich gut dabey auf wie ich höre, und so binn ich im Tort.

(11. May 1774.)

Es hat mich überrascht, ich erwartete das nicht. Gehofft hatt ichs, doch da dein Brief nichts davon sagte, beschied ich mich dass die erstgebornen der Famille gehören. Nun aber — ich wünsche dass Lotte — denn getauft ist der Knabe am 11 May da ich das schreibe — dass Lotte, alle Ueberlegung möge auffahrend durchgebrochen haben, und gesagt:Wolfgangheister! und der Bub soll auch so heisen! — du scheinst dahin zu neigen, und ich wünsche dass er diesen Nahmen führe weil er mein ist. — Habt ihr ihm denanderngegeben, so halt ich mir aus dem nächsten den NahmenWolfgangzu geben, da ihr doch mehr Gevattern nehmt — und ich — wohl all eure Kinder aus der Taufe heben möchte, weil sie mir all so nah sind wie ihr. — Schreibt mir gleich was geschehn ist. — Ich habe närrische Ahndungen dadrüber, die ich nicht sage, sondern die Zeit will walten lassen.

Adieu ihr Menschen die ich so liebe (dass ich auch der träumenden Darstellung des Unglücks unsers Freundes, die Fülle meiner Liebe borgen und anpassen musste) Die Parenthese bleibt versiegelt bis auf weiters.

G.

v. 16. Jun. 1774.

Ich komme von Meyers liebe Lotte, habe mit ihnen zu Nacht gessen, und gestern auch, heute den Tag über waren sie zu Darmstadt. Es sind recht gute Menschen, ich schwöre sie lieben mich denn ich liebe sie auch. Wir waren so offen in der ersten Viertelstunde. O Lotte was ich ein Kind bin! Wie michs gleichsam überraschte da mir die Meyern sagte, dass du noch an mich denkst. Sagen mir das nicht Kestners Briefe, sagt mirs nicht mein Herz, und doch war mirs so ganz neu, da mir das liebe Weibchen, mit der wahren Stimme des Antheils sagte: dass du noch an mich denkst. O sie fühlte was sie mir sagte, sie ist eine liebe Frau. Schon gestern Nacht wollt ich dir schreiben, aber es war nicht möglich, ich ging in meiner Stube auf und ab, und redete mit deinem Schatten, und selbst ietzt fällt mir’s schweer das dahin zu krizzen! — Soll ich denn niemals wieder, niemals wieder deine Hand halten Lotte? Ichhabe der Meyern viel erzählt von dir, sie war mit mir im Wald und versprach mir, dich auf der Ellrie[26]von mir zu unterhalten. Ja Lotte ich hab lang so keine Freude gehabt — Ihr Mann ist iust einer der Menschen wie ich sie haben muss, die Erfahrung des Lebens, die schönen Kentnisse und Wissenschafften ohne Pedanterey und die gute offne Seele. Wir haben uns recht gut gefunden. Und so mit gute Nacht. Morgen früh gehn sie und ich will ihnen noch was schicken. Adieu! Adieu!

Und mein Pathgen ist wohl, und Mamagen wills auch bald wieder werden; ich schwöre dir Lotte, das ist für meinen sinnlichen Kopf eine Marter, dich als Mamagen zu dencken und einen Buben derDeinist und der einen seiner Namen durch meinen Willen trägt. Ich komme damit nicht zurecht, ich kann mir’s nicht vorstellen, und bleibe also dabey: Lotte liebe Lotte, es soll alles seyn wie’s war, und ist so, und die Meyern sagt du habest dich auch nicht verändert. Und so grüse und küsse Papa Kestnern, und er soll mir hübsch schreiben, und du sollst mir auch hübsch schreiben, wenns Mamagen nicht zu beschweerlich fällt. Hier ist von der Meyern ein Brief an ihre Schwester, denk ich. Hansschickte mir einen an sie den ich richtig bestellt habe. Ich hoffe sie wird aus dem Bade wieder durch gehen, und da geb ich ihr eine Hand und Grus für dich mit. Adieu, liebe Lotte, ich schick euch ehstens einen Freund der viel änlichs mit mir hat, und hoffe ihr sollt ihn gut aufnehmen, er heisst Werther, und ist und war — das mag er euch selbst erklären.

am 16tenJuni 1774.

Goethe.

v. 26. und 31. Aug. 1774.

Wer geht den Augenblick aus meiner Stube? Lotte, liebe Lotte, das räthst du nicht. Räthst ehr von berühmten und unberühmten Leuten eine Reihe als die Frau Catrin Lisbet, meine alte Wetzlarer Strumpfwaschern, die Schwätzern die du kennst die dich lieb hat wie alle die um dich waren dein Lebenlang, sich nicht mehr in Wetzlar halten kann, der meine Mutter einen Dienst zu schaffen hofft. Ich hab sie mit herauf genommen in meine Stube, sie sah deine Silhouette, und rief: „Ach das herzelieb Lottgen,“ in all ihrer Zahnlosigkeit voll waren Ausdrucks. Mir hat sie zum Willkomm in voller Freude Rock und Hand geküsst. und mir erzählt von dir wie du so garstig warst, und ein gut Kind hernach und nicht verschwäzt hättest, wie sie um dich hätte Schläge gekriegt da sie dich zum Lieutt. Meyer führte der in deine Mutter verliebt war, und dich sehn und dir was schenken wollte, das sie abernicht litt &c. &c. alles, alles. Du kannst denken wie werth mir die Frau war, und dass ich für sie sorgen will. Wenn Beine der Heiligen, und leblose Lappen die der Heiligen Leib berührten, Anbetung und Bewahrung und Sorge verdienen, warum nicht das Menschengeschöpf das dich berührte, dich als Kind aufm Arm trug, dich an der Hand führte, das Geschöpf das du vielleicht um manches gebeten hast? Du Lotte gebeten. — Und das Geschöpf sollte von mir bitten! Engel vom Himmel. Liebe Lotte noch eins. Das machte mich lachen. Wie du sie oft geärgert hast mit deinen schlocker-Händgen, die du so machst, auch wohl noch, sie machte mir sie vor, und mir wars als wenn dein Geist umschwebte. Und von Carlinen, Lehngen allen, und was ich nicht gesehn und gesehn habe, und am Endlichen Ende war doch Lotte und Lotte und Lotte und Lotte, und Lotte und ohne Lotte nichts und Mangel und Trauer und der Todt. Adieu Lotte. kein Wort heut mehr. 26 Aug.

d. 31. Aug. Hier herein gehört, meine Liebe, beyliegendes Blättchen das ich in Langen schrieb letzten Samstag eh Merk kam. Wir verbrachten einen glücklichen Tag, der Sonntag war leider sehr trocken. Doch die Nacht träumt ich von dir wie ich wäre wieder zudir gekommen und du mir einen herzlichen Kuss geben hättest. So lang ich von dir weg binn hab ich weder wachend noch träumend, dich so deutlich vor mir gesehn. Adieu. Von den Silhouetten hierbey ist eine für euch, für Meyers, für Zimmermann. Kestner soll mir doch auch wieder einmal schreiben. Adieu Lotte ich danke dir dass du wohl lesen magst was ich schreibe und drucken lasse, hab ich dich doch auch lieb. Küss mir den Buben. Und wenn ich kommen kann, ohne viel zu reden, und schreiben, steh ich wieder vor dir, wie ich einst von dir verschwand, darüber du denn nicht erschröcken, noch mich ein garstig Gesicht schelten magst. Grüs Meyers. Ich möchte dich doch sehen den Buben aufm Arm. Adieu Adieu.

Hiezu gehört Goethe’s Gedicht nebst Silhouette, welche oben (Nr. 82) dem Duplicate des Gedichts imFac similebeigefügt sind.

Der Schluß dieses Briefes erläutert den im Gedichte enthaltenen Ausdruck: „Garstges Gesicht.“

(27. Aug. 1774.)

Ich habe gestern den 26 einen Brief an dich angefangen, hier sitz ich nun in Langen zwischen Franckfurt und Darmstadt, erwarte Merken, den ich hierher beschieden habe, und mir ist im Sinn an dich zu schreiben. Heut vor zwey Jahren sas ich bey dir fast den ganzen Tag da wurden Bohnen geschnitten biss um Mitternacht, und der 28te[27]feyerlich mit Thee und freundlichen Gesichtern begonnen. O Lotte, und du versicherst mich mit all der Offenheit und Leichtigkeit der Seele, die mir so werth immer war an dir, dass ihr mich noch liebt, denn sieh es wäre gar traurig wenn auch über uns der Zeiten Lauf das Uebergewicht nehmen sollte. Ich werde dir ehestens ein Gebetbuch, Schatzkästchen oder wie du’s nennen magst schicken, um dich Morgends und Abends zu stärken in guten Errinnerungen der Freundschaft und Liebe. Morgen denkt ihr gewiss anmich. Morgen bin ich bey euch, und die liebe Meyern hat versprochen mir ihr Geistgen zu schicken mich abzuhohlen. Ein herrlicher Morgen ists, der erste lang ersehnte Regen nach einer Dürre über vier Wochen, der mich erquickt wie das Land, und dass ich ihn auch eben auf dem Land geniesse! Vorgestern war Gotter da, er geht mit zwey Schwestern nach Lyon, dort eine Schwester zu besuchen, ist immer gut, und sehr krank, doch munter, es ward unser altes Leben rekapitulirt, er grüsste herzlich dein Schattenbild, ich schwäzt ihm allerley vor &c. und so ging er wieder. Darin hab ichs gut, wenn meine Freunde halbweg reisen so müssen sie zu mir, bey mir vorbey und zollen.

v. 31. Aug. 1774.

Ihr habt einen lieben Bruder verlohren, und ich einen von meinen lieben Buben. Seyd brav doppelt und dreyfach dass an euch Papa und ich getröstet werden über den Verlust. Grüss er mir alle. Schreib er mir öfter was passirt. Glaubt er denn nicht dass mich von euch alle Kleinigkeiten interessiren? Ich bin zwar lang weg, doch immer bey euch. Adieu; bestell er mir den Brief an Lotten aufs beste. am 31 Aug. 1774

G.


Back to IndexNext