I.Beruf und Erwerb.
Die ersten poetischen Werke, die Goethe in die Welt sandte, sein ‚Götz von Berlichingen‘ und erst recht seine ‚Leiden des jungen Werthers‘, erregten großes Aufsehen: sie ergriffen, packten, erschütterten viele Tausende; der Name ihres Verfassers ward bei allen „schönen Geistern“ und „fühlbaren Herzen“ schnell berühmt: nun erwarteten sie neue große Gaben von ihm.
Die Brotgeber des Künstlers
Heute wird ein erfolgreicher junger Dichter, wenn ihm sein Brotberuf so wenig zusagt wie dem Doktor Goethe die Advokatengeschäfte, kurzweg Schriftsteller; er erhält dann vom Publikum durch die Verleger und die Bühnenleiter das Nötige zum Leben, wenn er es sonst versteht, die erlangte Gunst festzuhalten. Zu jener Zeit, um 1774, gab es zwar auch schon einige Literaten, die durch Anfertigung der von den Buchhändlern verlangten Bücher und namentlich durch Übersetzungen aus dem Französischen und Englischen ein kärgliches Auskommen fanden; aber ein Dichter, ein Originalschriftsteller, konnte die Honorare nur als glückliche Nebengewinne betrachten: sie reichten für einige festlicheTage, aber nicht für die bürgerliche Nahrung eines ganzen Jahres. Die Zahl der deutschen Bühnen war noch gering; die paar seßhaften wie die reisenden Theatergesellschaften kämpften immer um ihren eigenen nötigsten Bedarf; die Buchverleger aber konnten selbst dann, wenn ein Buch viel Beifall fand, keinen großen Gewinn mit dem Verfasser teilen, weil sich gar rasch in irgend einem deutschen Nachbarstaate ein Drucker fand, der dies Buch nachdruckte, und weil die Obrigkeiten dann keineswegs bereit waren, solchen erwerbseifrigen Untertanen um „ausländischer“ Verleger oder Verfasser willen dies Geschäft zu untersagen. „Ich bedauere einen jeden Autor, der Nutzen von seinen Werken ziehen will“ urteilte 1775 Friedrich Nicolai in Berlin, der Schriftsteller und Buchhändler zugleich war, und ein andrer Berliner Buchhändler, Mylius, beschwerte sich im selben Jahre, als Goethe für seine ‚Stella‘ zwanzig Taler Honorar begehrte; er meinte, dann werde er ja wohl für Goethes nächstes Stück 50 Taler und für seinen ‚Doktor Faust‘ gar 100 Louisdor (1820 M.) zahlen sollen: „Das ist aber wider die Natur der Sache und nicht auszuhalten.“ Es war wirklich wider die Natur der Sache, und deshalb war das Dichten für Goethe zunächst noch eine kostspielige Beschäftigung, zumal wenn er es nicht bloß als Spiel der Phantasie in Mußestunden betrieb, sondern Leben und Dichten, Erleben und Schaffen verflocht und verquickte. Noch 1789 fragte und antwortete er mit Recht:
Hat mich Europa gelobt, was hat mir Europa gegeben?Nichts! ich habe wie schwer! meine Gedichte bezahlt!
Hat mich Europa gelobt, was hat mir Europa gegeben?Nichts! ich habe wie schwer! meine Gedichte bezahlt!
Hat mich Europa gelobt, was hat mir Europa gegeben?Nichts! ich habe wie schwer! meine Gedichte bezahlt!
Hat mich Europa gelobt, was hat mir Europa gegeben?
Nichts! ich habe wie schwer! meine Gedichte bezahlt!
Aber die Künste gediehen auch zu jener Zeit. In der Wirtschaftsordnung des Feudalstaates gehörte es zu den Pflichten der Landesfürsten, die Gelehrten, Dichter, Musiker, Maler, Bildhauer und Baumeister zu ernähren und ihnen die Aufgaben zu stellen. Zur höfischen Repräsentation, zur Entfaltung von Prunk und Pracht, um des Ansehens und Ruhmes willen bedurfte man solcher Leute, die wegen ihrer Geschicklichkeit in Wissenschaften und Künsten weithin bekannt waren; viele Landesväter aber hatten auch ein eigenes herzliches Verhältnis zu einigen oder vielen Künsten und Wissenschaften und ihren Angehörigen. Im ‚Tasso‘ hat uns Goethe die zarte Fürsorge eines edlen Fürsten für einen empfindlichen Poeten auf das schönste vor Augen gestellt; sein lebendiges Vorbild für Tassos Gönner, den Herzog Alfons von Ferrara, aber war der junge Herzog Karl August von Weimar, den er selber seit 1775 als seinen Ernährer und Freund rühmen mußte:
Klein ist unter den Fürsten Germaniens freilich der meine;Kurz und schmal ist sein Land, mäßig nur, was er vermag.Aber so wende nach innen, so wende nach außen die KräfteJeder; da wär’s ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein!– – – – – – – – – – – – – – – – – –Denn mir hat er gegeben, was Große selten gewähren:Neigung, Muße, Vertrau’n, Felder und Garten und Haus.Niemand braucht’ ich zu danken als ihm, und Manches bedurft’ ich,Der ich mich auf den Erwerb schlecht, als ein Dichter, verstand.
Klein ist unter den Fürsten Germaniens freilich der meine;Kurz und schmal ist sein Land, mäßig nur, was er vermag.Aber so wende nach innen, so wende nach außen die KräfteJeder; da wär’s ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein!– – – – – – – – – – – – – – – – – –Denn mir hat er gegeben, was Große selten gewähren:Neigung, Muße, Vertrau’n, Felder und Garten und Haus.Niemand braucht’ ich zu danken als ihm, und Manches bedurft’ ich,Der ich mich auf den Erwerb schlecht, als ein Dichter, verstand.
Klein ist unter den Fürsten Germaniens freilich der meine;Kurz und schmal ist sein Land, mäßig nur, was er vermag.Aber so wende nach innen, so wende nach außen die KräfteJeder; da wär’s ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein!– – – – – – – – – – – – – – – – – –Denn mir hat er gegeben, was Große selten gewähren:Neigung, Muße, Vertrau’n, Felder und Garten und Haus.Niemand braucht’ ich zu danken als ihm, und Manches bedurft’ ich,Der ich mich auf den Erwerb schlecht, als ein Dichter, verstand.
Klein ist unter den Fürsten Germaniens freilich der meine;
Kurz und schmal ist sein Land, mäßig nur, was er vermag.
Aber so wende nach innen, so wende nach außen die Kräfte
Jeder; da wär’s ein Fest, Deutscher mit Deutschen zu sein!
– – – – – – – – – – – – – – – – – –
Denn mir hat er gegeben, was Große selten gewähren:
Neigung, Muße, Vertrau’n, Felder und Garten und Haus.
Niemand braucht’ ich zu danken als ihm, und Manches bedurft’ ich,
Der ich mich auf den Erwerb schlecht, als ein Dichter, verstand.
Als Gast des achtzehnjährigen Herzogs kam Goethe 1775 nach Weimar; der Gast wurde ein naher Freund, und der Freund mußte ein Arbeitsgenosse des Fürsten werden, teils weil Dieser in der Verwaltung seinesLandes eines solchen Engverbündeten bedurfte, teils weil er nicht die Mittel hatte, Künstlern oder Gelehrten zu einem bloßen freien Dichten, Malen oder Forschen einen Ehrensold zu geben. Goethe war nun gleichzeitig Dichter und Geschäftsmann, wie damals der Beamte genannt wurde; für Beides empfing er seinen Unterhalt, denn beiderlei Tätigkeit begehrte der Landesherr. Ob er die ‚Iphigenie‘ dichtete, oder junge Bursche zum Militär aushob, oder im herzoglichen Liebhabertheater eine Rolle einstudierte, oder eine Feuerlöschordnung ausarbeitete, oder an benachbarten Höfen aufwartete, oder seinen Herzog zu Manöver, Krieg und Belagerung begleitete: immer war es Fürstendienst; Karl August besoldete und beschenkte ihn für das Eine wie das Andere. Alle die sechs Schöpfer unserer neuen deutschen Sprache und Literatur: Klopstock und Herder, Lessing und Wieland, Goethe und Schiller, betrachteten ihr Dichten und Schreiben als Arbeit an der Erleuchtung und Erhöhung des Menschengeschlechts in den deutschen Volksstämmen; edle Fürsten dienten gleichen Aufgaben; deshalb entstanden damals so manche Verbindungen zwischen Fürsten und Dichtern. Die schönste und mannigfaltigste war die durch zweiundfünfzig Jahre dauernde Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft zwischen Goethe und Karl August.
Dichter und „Geschäftsmann“
Mit heutigen Amtsbezeichnungen läßt sich Goethes Tätigkeit in Weimar nicht deutlich machen; er besorgte die verschiedenartigsten Aufgaben, wenn unter den übrigen Beamten keiner war, der besser dazu taugte; fand sich ein Brauchbarer, so zog er sich rasch zu seinenpoetischen und wissenschaftlichen Arbeiten zurück. Zumeist bezogen sich seine Aufträge auf die Anstalten für Wissenschaft und Kunst: das Hoftheater leitete er von 1791 bis 1817; außerdem hatte er viele Jahrzehnte die Oberaufsicht über die Bibliotheken zu Weimar und Jena, über die wissenschaftlichen Anstalten der Akademie zu Jena, über die Zeichenschulen zu Weimar und Eisenach, über die Kunstsammlungen und Kunstausstellungen zu Weimar; auch die Veranstaltung und poetische Ausschmückung von Hof- und Volksfesten war lange Zeit hindurch eine häufig wiederkehrende Pflicht, die bald als Lust, bald als Last empfunden wurde. In jüngeren Jahren, als es seinem Fürsten an guten Dienern noch sehr fehlte, bekümmerte sich Goethe aber auch um Landwirtschaft und Industrie, um den Ilmenauer Bergbau, um Wege und Flußläufe, um Verbesserung des Kassenwesens und Mehrung des Landesvermögens.
Diese Kraftzersplitterung wurde oft getadelt. Seine Amtskollegen wünschten, daß er ihnen mehr Arbeit abnehme. Andere erklärten es geradezu für eine Verschwendung, daß der Fürst eines so armen Landes einen Geheimen Rat oder Minister hielt, der sich einen großen Teil des Jahres den Staatsgeschäften entzog, um in Jena oder Karlsbad, einmal sogar fast zwei Jahre in Italien, seiner eigenen Ausbildung oder seinen Dichtungen und Forschungen zu leben. Auf der anderen Seite zürnten alte Freunde Goethes, daß er sein Genie zu höfischen Unterhaltungen und kleinlichen Verwaltungsgeschäften verbrauche, statt jährlich solche Gaben wie ‚Götz‘ und ‚Werther‘ der deutschen Nation auf den Tisch zu legen.
Goethe kannte solche Urteile und durfte sie nicht verachten. Der einen Partei erwiderte er in seinem Innern, daß er nur dem Herzoge für den Gebrauch seiner Zeit und Kraft verantwortlich sei. Dessen Sache war es, ob er einen Beamten von Goethes Art ernähren konnte; wollte der Fürst dies Opfer für die allgemeine Kultur des deutschen Volkes bringen, so konnte Goethe nur herzlich-dankbar zustimmen. In die konstitutionelle Zeit, die er im Alter auch noch erlebte, paßte solche Auffassung, paßte Goethe als Beamter freilich nur schlecht hinein. Seinen alten Freunden dagegen antwortete er, daß er lieber von seinem Herzoge als von der stets unberechenbaren und oft sehr törichten Leserwelt abhängen wolle und aus dem Dichten keinen Broterwerb machen könne. Sodann: daß ein Dichter, der nur Dichter sei, sich bald ausschöpfen und seine Gedanken und Empfindungen allzu oft wiederholen würde und daß ein fleißiger Mensch auch in solchen Tagen und Stunden schaffen wolle, wenn die Musen nicht geneigt sind, ihn zu umschweben. Erst durch Berufsgeschäfte, durch Arbeiten, die uns schwer fallen und zu denen wir keine Neigung haben, erwerben wir ein wertvolles Stück Bildung: und eigener reicher Bildung bedarf doch der Schriftsteller zumeist, der auf seine Volksgenossen Einfluß ausüben zu wollen die Kühnheit hat.
Und zuweilen dachte Goethe: es kommt nicht so sehr darauf an, was wir machen, sondern darauf, daß wir unsere jeweilige Aufgabe so vorzüglich lösen, wie irgend in unseren Kräften steht. Wer als Jurist und Sohn eines Juristen Genauigkeit und Vorsicht im Denken gelernthat, meinte er einmal, könne davon auch bei der Farbenlehre Gebrauch machen. „Freilich!“ gestand er ein andermal, als von der vielen Zeit die Rede war, die er mit der Theaterleitung verloren hatte, „ich hätte indes manches gute Stück schreiben können! Doch, wenn ich es recht bedenke, gereut es mich nicht. Ich habe all mein Wirken und Leisten immer nur symbolisch angesehen, und es ist mir im Grunde ziemlich gleichgültig gewesen, ob ich Töpfe machte oder Schüsseln.“
Gefahr der Zersplitterung
Bleibt freilich die Frage, ob solche nach manchen Richtungen verfließende Arbeit höchste Leistungen ergibt. Ein Mittel, die Gefahr des Verrinnens und Versandens aufzuheben, hatte Goethe in seinem gern gepriesenen Grundsatz der „Folge“, d. h. des Immer-wieder-Anknüpfens an alte Fäden. Er schuf zwar immer nur Bruchstücke einer Faust-Dichtung und ward dieser Arbeit immer wieder untreu, aber er kehrte auch immer wieder zu ihr zurück, so daß am Ende seines Lebens das große Werk doch vollendet ward. Wer sich beschränkt und zusammenfaßt, leistet auf seinem engen Gebiete schneller und sicherer etwas von Wert; dagegen gewinnt der Kenner vieler Gedanken, der Sammler vieler Erfahrungen in jedem Gebiete, das er betritt, rasch neue Erkenntnisse, die dem Kleinfachmann verborgen blieben. Bildung von allen Seiten her, Entfaltung nach allen Seiten hin, Erlangung eines vollständigen All-Menschentums ist schließlich doch eine höhere Aufgabe für unsere Kräfte und in einigen Fällen das bessere Mittel, vom eigenen Erwerb Anderen Wertvolles mitzuteilen.
***
Gehalt und Autorgewinn
Die Fürsten zahlten zu Goethes Zeiten ihren Dienern – so hießen auch die höchsten Beamten – nur niedrige Gehälter. Goethe bekam anfangs 1200 Taler, von 1781 an 1400, von 1785 an 1600, später 1800 Taler; als 1815 Weimar zu einem Großherzogtum erhoben wurde, erhielt er als ältester Staatsminister 3000 Taler. Aber zum Gehalte kamen manche andere Lieferungen, Geschenke und Vorteile. Die Besoldungen waren damals nicht so genau festgelegt wie heute; die Fürsten übernahmen für ihre Beamten im Grunde die gesamte Fürsorge, auch für ihre Witwen und für die Erziehung ihrer Kinder, die in der Regel recht jung in fürstliche Brotstellen gelangten, so daß die Väter großer Familien mehr empfingen als die kinderlosen und ledigen Männer. Auch Goethe erhielt manche besonderen Zuwendungen: den schönen Garten an der Ilm, das stattliche Haus am Frauenplan, Wagen und Pferde, frühzeitige Anstellung seines einzigen Sohnes und manches Andere.
Ausreichend waren allerdings alle Gaben Karl Augusts nicht für „die etwas breite Existenz“ Goethes. Er verbrauchte schon 1776 1411 Taler; in den nächsten Jahren waren es rund 1600, 1780: 2249, 1782: 2605 Taler, also stets erheblich mehr, als sein Gehalt einbrachte. Das konnte er zunächst als Sohn eines wohlhabenden Vaters so halten; aber auch sein Wort, daß ihm Europa für seine Gedichte nur Lob und sonst nichts gebe, blieb nicht zutreffend. Seine ersten Werke hatte er vertändelt; zu der Zeit, wo alle Welt seinen ‚Götz‘ bewunderte, mußte er sorgen, woher er das Geldnehme, um das Papier dafür zu bezahlen. Aber bald lernte er recht gut, von den Verlegern die größten Honorare, die sie wagen durften, zu erlangen. Für die erste Sammlung seiner Werke, die 1786 begann, zahlte ihm Göschen 2000 Taler. Für die zweite Sammlung, die bei Unger in Berlin erschien, bekam er 500 Taler den Band und für die zwei Bände ‚Wilhelm Meisters Lehrjahre‘ 1500 Taler. Für ‚Hermann und Dorothea‘ forderte und erhielt er von Vieweg 1000 Taler in Gold, eine Summe, die selbst die Freunde Schiller und Wilhelm v. Humboldt „ungeheuer“ fanden, denn es machte zwölf Groschen für jeden Vers. Als Cotta 1802 neue Werke von ihm wünschte, obwohl er an den ‚Propyläen‘ schon erheblich zugesetzt hatte, warnte Schiller seinen Landsmann beinahe vor seinem Freunde:
Es ist, um es gerade heraus zu sagen, kein guter Handel mit G. zu treffen, weil er seinen Wert ganz kennt und sich selbst hoch taxiert und auf das Glück des Buchhandels, davon er überhaupt nur eine vage Idee hat, keine Rücksicht nimmt. Es ist noch kein Buchhändler mit ihm in Verbindung geblieben; er war noch mit keinem zufrieden, und mancher mochte mit ihm nicht zufrieden sein. Liberalität gegen seine Verleger ist seine Sache nicht.
Es ist, um es gerade heraus zu sagen, kein guter Handel mit G. zu treffen, weil er seinen Wert ganz kennt und sich selbst hoch taxiert und auf das Glück des Buchhandels, davon er überhaupt nur eine vage Idee hat, keine Rücksicht nimmt. Es ist noch kein Buchhändler mit ihm in Verbindung geblieben; er war noch mit keinem zufrieden, und mancher mochte mit ihm nicht zufrieden sein. Liberalität gegen seine Verleger ist seine Sache nicht.
Honorare
Cotta war und blieb dennoch Goethes Verleger; freilich bedurfte es geschickter Vermittler, um sie zusammenzuhalten. Das Mißtrauen der Verfasser gegen die Ehrlichkeit der Verleger war zu jener Zeit ein allgemeines; Goethe aber ärgerte sich nicht selten über die politischen und anderen Schriften, die Cotta gleichfalls verlegte. Über seine Honorare durfte er sich jedoch nicht beklagen. Für die ‚Wahlverwandtschaften‘ bekamer 2500 Taler, für ‚Wahrheit und Dichtung‘ 12000, für die erste zwölfbändige Cottasche Ausgabe der Werke (1805-1808) volle 10000 Taler für das Verlagsrecht auf acht Jahre, für die neue Ausgabe in zwanzig Bänden 1816 auf weitere acht Jahre 16000 Taler, 1824 gab August v. Goethe der Steuerschätzungs-Kommission als das jährliche literarische Einkommen seines Vaters „in maximo1400 Taler“ an. Das war Steuer-Pessimismus, obwohl das Einkommen im letztvergangenen Jahre nur 500 betragen hatte; denn im Durchschnitt der letzten zehn Jahre hätte man rund 3500 Taler errechnen können. 1826 forderte und erhielt Goethe von Cotta für eine neue, in 20000 Exemplaren zu druckende Ausgabe seiner Werke in vierzig Bänden sogar 60000 Taler. Im ganzen wurden in den Jahren 1795-1832 von Cotta an Goethe 401090 Mark in heutigem Gelde gezahlt und von 1832-1865 an die Erben noch 464474 Mark. Dagegen blieben die Einnahmen des Dichters von den Bühnen gering; von der Berliner Hofbühne erhielt Goethe in zwanzig Jahren nur 319 Taler, während Kotzebue es dort in der gleichen Zeit auf 4579 Taler brachte.
***
Goethe war nie ein Verschwender, aber ängstliche Sparsamkeit war auch nicht seine Sache; wie er sein Leben lang in Lotterien spielte, so wendete er manchmal sein Geld an Hoffnungen und Liebhabereien. Als Privatmann hätte er sich in einfachsten Verhältnissen wohlgefühlt; als erster weimarischer Beamter und als Repräsentant der deutschen Künste und Wissenschaften zog er die „etwas breite Existenz“ vor. „Einen Parvenüwie mich konnte nur die entschiedenste Uneigennützigkeit aufrechterhalten“ sagte er im Alter zu Riemer und Friedrich v. Müller, und zu Eckermann: „Eine halbe Million meines Privatvermögens ist durch meine Hände gegangen, nicht allein das ganze Vermögen meines Vaters, sondern auch mein Gehalt und mein bedeutendes literarisches Einkommen.“ Schon im kleinen Gartenhause an der Ilm hatte er verschiedene Diener: Philipp Seidel, Christoph Sutor, Paul Götze, die Köchin Dorothee. Große Opfer brachte er der Gastfreundlichkeit; große Summen kosteten auch seine Sammlungen, deren Wert damals nur von Wenigen erkannt wurde.
In Geldknappheit befand sich Goethe auch nach den Jugendjahren. 1792 lieh er sich von dem Juristen Hufeland in Jena 1000 Taler, die er viele Jahre verzinste. 1796 wollte er seinen Garten an der Ilm an den Herzog verkaufen, weil er Geld brauchte; aber seine Christiane vermutete, daß dies Geld doch nur wieder für Kunstgegenstände und Mineralien daraufgehen werde, und verlangte einen Umtausch gegen Krautländereien oder andere Grundstücke.
Während der napoleonischen Kriege mit ihren beständigen Einquartierungen war Goethe erst recht oft in Geldnot. Als sein Sohn in Heidelberg studierte und mit seinem Wechsel nicht ausgekommen war, so daß er 50 Taler Schulden hatte, mußte Christiane den Jüngling und seine Gläubiger hinhalten. „Wegen des Geldes können wir Dir aber jetzt nicht gleich welches schicken“ schrieb sie im Januar 1809, „da wir diese Weihnachten sehr viele Ausgaben gehabt und viel Abzugwegen der Kontribution haben .... Die Ausgaben hier übersteigen meine Einnahmen, so daß mir auch Alles ganz knapp zugeschnitten wird.“ Noch viel übler sah es im Jahre 1812 aus. Nicht ohne Grund schrieb Goethe damals, er müsse auf seinen Vorteil aus dem Buchhandel sehen, „wenn ich nicht nach einem mühsamen und mäßigen Leben verschuldet von der Bühne abtreten will.“ Im Jahre 1815 war man auch noch recht arm. Damals mußte Christiane an die Weinhändler Gebrüder Ramann in Erfurt schreiben: „Wegen der Zahlung tragen Sie keine Sorge, mein Mann ist zwar angekommen, aber wegen Gelde, sagte er mir, müßten Sie noch etwas in Geduld stehen.“
In den nachfolgenden Friedenszeiten verbesserte sich seine Lage allmählich und erheblich. Es ging aber noch lange die Sage, daß der alte Dichter zu viel arbeiten oder auch zu viel Unfertiges und Minderwertiges in die Druckerei geben müsse, weil die Ausgaben des Hauses rasche und große Einnahmen verlangten. Erst von seinem 76. Jahre an konnte sich Goethe in gesicherten Verhältnissen als wohlhabender Mann fühlen.
***
Vermögen, Ordnung, Bürgschaften
Wie in allen andern Dingen war Goethe auch in Geldsachen für strenge Ordnung. Er führte über seine Einnahmen und Ausgaben sorgfältig Buch; wir können heute noch nachlesen, wieviel er als Junggeselle für Göttinger Wurst ausgegeben hat und daß er z. B. 1778 34 Tischtücher, 267 Servietten, 108 Handtücher, 194 Hemden mit und 82 ohne Manschetten besaß. Von seinem Besuche in Heidelberg im Jahre 1814 erzähltuns Sulpiz Boisserée: Jeden Abend ließ Goethe seinen Bedienten zu sich auf die Stube kommen, um Rechnung mit ihm abzuhalten über alle Ausgaben des Tages, die größten wie die kleinsten, und für den folgenden Tag den vorläufigen Etat im Ausgabebuch festzustellen. Als Boisserées Freund Bertram über diese haushälterische, dem Materiellen zugewendete Sorgfalt des Dichters seine Verwunderung äußerte, sagte Goethe: „Wenn die Prosa abgetan ist, kann die Poesie um so lustiger gedeihen. Man muß sich das Unangenehme vom Halse schaffen, um angenehm leben zu können, und der Schlaf bekommt uns um so besser.“
Aus ähnlicher Gesinnung entsprang der nachfolgende ernste Brief, den Goethe am 19. September 1816 an seinen Sohn August über Borgen und Bürgen schrieb:
Ohne in den besonderen Fall einer zu übernehmenden Bürgschaft, den Du mir, mein lieber Sohn, vorlegtest, einzugehen, muß ich Dir Nachstehendes zu Herzen geben.Als mich mein seliger Vater einigermaßen ausstattete, war unter andern guten Lehren, die er mir zugleich erteilte, eine, die einem Befehl glich, daß ich bei seinem Leben keine Bürgschaft eingehen und auch nach seinem Tode diese Warnung immer bedenken solle.Denn, sagte er, wenn du bares Geld hast, so magst du es einem Freunde auch ohne große Sicherheit leihen. Willst du es verschenken, so ist auch nichts dagegen zu sagen. Borgst du, so wirst du dich einrichten, Interessen zu bezahlen und das Kapital abzutragen. Verbürgst du dich aber, so versetzest du dich in einen unruhigen Zustand, der desto peinlicher ist, als du dich untätig, ja leidend verhalten mußt. Niemand verbürgt sich leicht, außer wenn er glaubt, er laufe keine Gefahr; ist aber die Verbürgung geschehen, so fühlt er sich gar bald, besonders in sorglichenAugenblicken, von einem in der Ferne sich zeigenden Übel bedroht, welches um so fürchterlicher erscheint, als er fühlt, daß er ihm nicht gewachsen sei, wenn es näher treten sollte.Das Leben für einen Freund zu wagen wie für dich selbst ist löblich, denn der Augenblick entscheidet; aber dir auf unbestimmte Zeit oder wohl gar auf’s ganze Leben Sorge zu bereiten und deinen sichern Besitz wenigstens in der Einbildungskraft zu untergraben, ist keineswegs rätlich: denn unsere körperlichen Zustände und der Lauf der Dinge bereiten uns manche hypochondrische Stunde, und die Sorge ruft alsdann alle Gespenster hervor, die ein heiterer Tag verscheucht. – – –So war die Gesinnung meines Vaters und so ist auch die meinige geblieben. Ich habe in meinem Leben viel, vielleicht mehr als billig, für Andere getan und mich und die Meinigen dabei vergessen. Dies kann ich Dir ohne Ruhmredigkeit sagen, da Du Manches weißt. Aber ich habe mich nie verbürgt,[1]und unter meinem Nachlaß findest Du keinen solchen Akt. Habe daher das alte Sprichwort vor Augen und gedenke mein!
Ohne in den besonderen Fall einer zu übernehmenden Bürgschaft, den Du mir, mein lieber Sohn, vorlegtest, einzugehen, muß ich Dir Nachstehendes zu Herzen geben.
Als mich mein seliger Vater einigermaßen ausstattete, war unter andern guten Lehren, die er mir zugleich erteilte, eine, die einem Befehl glich, daß ich bei seinem Leben keine Bürgschaft eingehen und auch nach seinem Tode diese Warnung immer bedenken solle.
Denn, sagte er, wenn du bares Geld hast, so magst du es einem Freunde auch ohne große Sicherheit leihen. Willst du es verschenken, so ist auch nichts dagegen zu sagen. Borgst du, so wirst du dich einrichten, Interessen zu bezahlen und das Kapital abzutragen. Verbürgst du dich aber, so versetzest du dich in einen unruhigen Zustand, der desto peinlicher ist, als du dich untätig, ja leidend verhalten mußt. Niemand verbürgt sich leicht, außer wenn er glaubt, er laufe keine Gefahr; ist aber die Verbürgung geschehen, so fühlt er sich gar bald, besonders in sorglichenAugenblicken, von einem in der Ferne sich zeigenden Übel bedroht, welches um so fürchterlicher erscheint, als er fühlt, daß er ihm nicht gewachsen sei, wenn es näher treten sollte.
Das Leben für einen Freund zu wagen wie für dich selbst ist löblich, denn der Augenblick entscheidet; aber dir auf unbestimmte Zeit oder wohl gar auf’s ganze Leben Sorge zu bereiten und deinen sichern Besitz wenigstens in der Einbildungskraft zu untergraben, ist keineswegs rätlich: denn unsere körperlichen Zustände und der Lauf der Dinge bereiten uns manche hypochondrische Stunde, und die Sorge ruft alsdann alle Gespenster hervor, die ein heiterer Tag verscheucht. – – –
So war die Gesinnung meines Vaters und so ist auch die meinige geblieben. Ich habe in meinem Leben viel, vielleicht mehr als billig, für Andere getan und mich und die Meinigen dabei vergessen. Dies kann ich Dir ohne Ruhmredigkeit sagen, da Du Manches weißt. Aber ich habe mich nie verbürgt,[1]und unter meinem Nachlaß findest Du keinen solchen Akt. Habe daher das alte Sprichwort vor Augen und gedenke mein!
***
Entgegengesetzte Eigenschaften
Wir können nicht lange von Goethe reden, ohne ihm entgegengesetzte Eigenschaften zuzuschreiben; hier müssen wir zusammenfassen: Goethe war sparsam und verschwenderisch.
Sehr sparsam erscheint er z. B. im Gegensatz zu Herder während des Aufenthaltes in Italien; Herder und Schiller lebten stets über ihre Mittel hinaus,wurden die Schulden nicht los und brauchten für die Erziehung ihrer Kinder fremde Hilfe. In Goethes Hause standen die Ausgaben zu seinem Vermögen und seiner Einnahme doch im rechten Verhältnis. In mancher Hinsicht war er recht sparsam. Wir lesen z. B., daß auch in seinen alten Tagen die Besuchsstuben ganze Wintermonate hindurch nicht geheizt wurden, und noch in seinen letzten Jahren wunderten sich Kinder, die seine Enkel besuchten, daß in einem so vornehmen Hause gewöhnliche Talgkerzen gebrannt wurden. „Er hat den Schlüssel des Holzstalles unter seinem Kopfkissen und läßt das Brot abwiegen“ liest man in einem Briefe von 1831 über den Greis: da war er arger Lotterei im Hause auf die Spur gekommen. Zu andern Zeiten war er sehr freigebig und spielte mit dem Gelde. Einmal wagte er etwas ganz Verwegenes: er kaufte für 14000 Taler ein Landgut, ohne es auch nur anzusehen! Und zwar, obwohl er lange darum handelte und obwohl er in zwei Stunden am Platze sein konnte! Im ganzen erscheint er als einHerrdes Geldes, es nie ängstlich festhaltend, es stets gern gegen unmittelbare Güter eintauschend, auch wenn seine Nächsten den Wert dieser Güter nicht erkennen konnten, wie Das bei seinen Sammlungen der Fall war.
Bei seinem Tode hinterließ er 30000 Taler in bar, außer seinen beiden Grundstücken, seinen Sammlungen und seinem literarischen Eigentum. Geerbt hatte er beim Tode seiner Mutter 22252 Gulden.
[1]Zwei kleine Bürgschaften Goethes sind uns jedoch bekannt. Zunächst für Philipp Seidel, als Dieser in den Staatsdienst und zwar in das Steuerfach eintrat. Sodann für seinen anderen ehemaligen Diener Sutor, der ein Kartenfabrikant wurde; hier handelte es sich um ein Darlehen von 300 Talern.
[1]Zwei kleine Bürgschaften Goethes sind uns jedoch bekannt. Zunächst für Philipp Seidel, als Dieser in den Staatsdienst und zwar in das Steuerfach eintrat. Sodann für seinen anderen ehemaligen Diener Sutor, der ein Kartenfabrikant wurde; hier handelte es sich um ein Darlehen von 300 Talern.
[1]Zwei kleine Bürgschaften Goethes sind uns jedoch bekannt. Zunächst für Philipp Seidel, als Dieser in den Staatsdienst und zwar in das Steuerfach eintrat. Sodann für seinen anderen ehemaligen Diener Sutor, der ein Kartenfabrikant wurde; hier handelte es sich um ein Darlehen von 300 Talern.
Goethes Garten am Stern 1826.VonE. A. Schwerdgeburth.⇒GRÖSSERES BILD
Goethes Garten am Stern 1826.VonE. A. Schwerdgeburth.⇒GRÖSSERES BILD
⇒GRÖSSERES BILD