IX.Feinde.
Einst trug der dänische und deutsche Dichter Öhlenschläger ein paar scharfe Spottgedichte vor, die gegen bekannte Schriftsteller gerichtet waren. „So etwas sollt Ihr nicht machen!“ rief ihm Goethe zu; „wer Wein machen kann, soll keinen Essig machen!“ – „Haben Sie denn keinen Essig gemacht?“ fragte der kluge Däne, aber „Teufel noch einmal!“ erwiderte Goethe: „Weil ich es gemacht habe, ist es darum recht?“
Jugendlust am Kampfe
Als Goethe in die deutsche Schriftstellerwelt eintrat, mit 22 bis 25 Jahren, zog er sich aus Mutwillen nicht wenige Feinde und Tadler zu. Trotz aller angeborenen Ernsthaftigkeit und Gutmütigkeit liebte er das Raufen: den kecken Angriff, das Necken und Daraufhauen, wohlverstanden: nur mit der Feder, also das Pasquilieren, wie man damals sagte. Er und seine Freunde hänselten sich gegenseitig; Das war nicht nur eine lustige Unterhaltung, sondern es übte auch die Selbstbeherrschung und Geistesgegenwart; man konnte es mit dem Degenfechten vergleichen oder gar an jene Flibustier erinnern, „welche sich in jedem Augenblicke der Ruhe zu verweichlichen fürchteten, weshalb der Anführer, wenn es keine Feinde und nichts zu rauben gab, unter dem Gelagtisch eine Pistole losschoß, damit es auch im Frieden nicht an Wunden und Schmerzen fehlen möge.“ Aber Goethe richtete seine Waffen auch gegen Schriftsteller,nach deren Bereitwilligkeit zu solchem Spiel er nicht vorher fragte.
Unangenehme Gegenwirkungen konnten nicht ausbleiben. Namentlich aber erfuhr Goethe, daß einige der Verletzten recht vortreffliche Menschen waren, die er achten und lieben mußte, sobald er sie in der Nähe sah. Besonders beschämte ihn auch die vornehme und sehr kluge Art, mit der Wieland seine Pfeile abschüttelte. „Ich bin eben prostituiert!“ rief er aus, als er sah, daß Wieland keineswegs auf Rache sann, sondern des jungen Angreifers Talent lobte und seine Fehler als Eigenschaften brausender Jugend rechtfertigte. Bald danach lernte er weimarische Freunde Wielands kennen, und namentlich mit Knebel sprach er sich über seine Streitschriften aus. „Es ist ein Bedürfnis seines Geistes, sich Feinde zu machen“ schrieb damals Knebel heim; „der Bube ist kampflustig, er hat den Geist eines Athleten.“ Und weiter: „Wie er der allereigenste Mensch ist, der vielleicht nur gewesen sein mag, so fing er mir einmal abends in Mainz ganz traurig an: „Nun bin ich mit all den Leuten wieder gut Freund, den Jacobis, Wieland ... Das ist mir gar nicht recht! Es ist der Zustand meiner Seele, daß, sowie ich Etwas haben muß, auf das ich eine Zeitlang das Ideal des Vortrefflichen lege, so auch wieder Etwas für das Ideal meines Zorns. Ich weiß, Das sind lauter vortreffliche Leute, aber just deshalb: was kann ich ihnen schaden? Was nicht Stroh ist, bleibt doch!““
Xenien und Versöhnung
Auch in der ersten weimarischen Zeit juckte das unruhige Blut noch in ihm, und der neue Freundeskreisbetrieb das Pasquilieren so gern wie die früheren „oberrheinischen Gesellen.“ Doch war Goethe jetzt schon vorsichtiger, und als er dann in den Staatsdienst trat und die Arbeit für das Gemeinwohl als Pflicht ergriff, da blieb in seiner Seele nur wenig Raum für Negation und Opposition. Nur einmal noch fiel er in den Jugendfehler zurück; 1796, als Schiller und er vom Gefühl ihrer Doppelkraft berauscht waren, ließen sie sich hinreißen, gegen die Zeitgenossen, die ihnen nicht anstanden, „Xenien“ zu schmieden und sie im Druck auszusenden. Freude konnte Goethe an diesen Erzeugnissen übermütiger Laune nicht erleben; Nutzen konnten sie nicht stiften. Andere hatten Ärger und Kummer davon; er selber erfuhr nicht selten Beschämung und Verlegenheiten daraus. Er mußte wohl erkennen, daß er vielen ehrenwerten Menschen wehgetan hatte und daß er ihre Fehler durch seine Spötterei nicht beseitigte: kein Herkules kann den Parnaß von den Schwächlingen rein kehren, die immer wieder bergauf zu krabbeln suchen.
Gern ergriff darum Goethe die Gelegenheit, wenn er mit einem literarischen Gegner sich wieder versöhnen konnte. So war er mit dem Kapellmeister Reichardt befreundet gewesen, der manches seiner Lieder in Musik gesetzt hatte; später hatte Reichardt, besonders auch als Politiker, Goethes Zorn erregt, und da auch Schiller ihm nicht gewogen war, wurde er in den ‚Xenien‘ hart mitgenommen. Reichardt blieb die Antwort nicht schuldig. War er ein böses Insekt gescholten, so nannte Reichardt Goethes und Schillers Stachelverse einen „Pasquillanten-Unfug aus empörter Eitelkeit“, drückteseine „herzliche Verachtung“ aus gegen Schillers „nichtswürdiges und niedriges Betragen“ und sprach davon, daß Goethe sich durch Unsittlichkeit beflecke. Kurz: hier hatte Goethe sich einen begabten Freund zum Feinde gemacht. Als aber Goethe zu Beginn des Jahres 1801 so schwer erkrankte, daß allgemein sein Ableben erwartet wurde, gedachte Reichardt der früheren Freundschaft mehr als des späteren Zwistes und schrieb ihm freundlich, und der Dichter antwortete nach der Genesung mit einem Gedanken, der echt goethisch war:
Freunde und Bekannte nicht allein, sondern auch Fremde und Entfremdete bezeigten mir ihr Wohlwollen, und, wie Kinder ohne Haß geboren werden, wie das Glück der ersten Jahre darin besteht, daß in ihnen mehr die Neigung als die Abneigung herrscht, so sollte ich auch bei meinem Wiedereintritt in’s Leben dieses Glücks teilhaft werden, mit aufgehobenem Widerwillen eine neue Bahn anzutreten ... Ein altes, gegründetes Verhältnis wie das unsrige konnte nur, wie Blutsfreundschaft, durch unnatürliche Ereignisse gestört werden. Um so erfreulicher ist es, wenn Natur und Überzeugung es wieder herstellt ... Senden Sie mir doch ja Ihre neuesten Kompositionen! Ich will mir und einigen Freunden damit einen Festabend machen ... Nehmen Sie wiederholten Dank für Ihre Annäherung in diesem Zeitpunkt!
Freunde und Bekannte nicht allein, sondern auch Fremde und Entfremdete bezeigten mir ihr Wohlwollen, und, wie Kinder ohne Haß geboren werden, wie das Glück der ersten Jahre darin besteht, daß in ihnen mehr die Neigung als die Abneigung herrscht, so sollte ich auch bei meinem Wiedereintritt in’s Leben dieses Glücks teilhaft werden, mit aufgehobenem Widerwillen eine neue Bahn anzutreten ... Ein altes, gegründetes Verhältnis wie das unsrige konnte nur, wie Blutsfreundschaft, durch unnatürliche Ereignisse gestört werden. Um so erfreulicher ist es, wenn Natur und Überzeugung es wieder herstellt ... Senden Sie mir doch ja Ihre neuesten Kompositionen! Ich will mir und einigen Freunden damit einen Festabend machen ... Nehmen Sie wiederholten Dank für Ihre Annäherung in diesem Zeitpunkt!
Nach dem Xenien-Abenteuer hat Goethe niemals wieder die Verse veröffentlicht, zu denen ihn seine Widersacher reizten. Wenn er sie später benutzte, so löste er sie vom einzelnen Falle so sehr ab, „daß es zwar dem Leser nicht an Beziehungen fehlen, aber Niemand wissen wird, worauf es eigentlichgemeintist.“[19]Soret fragte ihn einst, warum er gewisse Epigramme gegen Kotzebue nicht drucken ließe – Kotzebue war damals schon längst tot – und Goethe antwortete, er wolle das Publikum mit seinen Privatstreitigkeiten nicht belästigen oder gar Lebende damit quälen.
Zu gelegener Zeit kann man, ohne unziemlich zu werden, von Dem, was in der Richtung gut ist, Gebrauch machen. Meinerseits habe ich darin immer nur ein Mittel gesehen, meinen Unmut an den Tag zu bringen, ohne andere Personen in’s Vertrauen zu ziehen, höchstens einmal eine mir ganz nahestehende.
Zu gelegener Zeit kann man, ohne unziemlich zu werden, von Dem, was in der Richtung gut ist, Gebrauch machen. Meinerseits habe ich darin immer nur ein Mittel gesehen, meinen Unmut an den Tag zu bringen, ohne andere Personen in’s Vertrauen zu ziehen, höchstens einmal eine mir ganz nahestehende.
Ebenso zeigte er ein Gedicht ‚Das Gastmahl der Weisen‘ von 1815 nur wenigen Freunden: „Wenn es bekannt würde, so müßte es gewisse Individuen sehr tief verletzen, und die Welt ist denn doch nicht wert, daß man sich, um ihr Spaß zu machen, mit der Welt überwerfe.“ Das Gedicht ist denn auch nur nach Wegnahme der Stacheln im Druck erschienen; ‚Die Weisen und die Leute‘ heißt es in seiner neuen Gestalt.
Zeitlebens behielt er das Bedürfnis, auch auf seine Gegner und alles ihm Verdrießliche Verse zu machen; er erwiderte jeden starken Eindruck durch einen poetischen Ausdruck. Aber die Erfüllung dieses Bedürfnisses war, wenn es sich um einen Feind handelte, weniger ein Akt der Feindseligkeit als ein Friedensschluß, denn dadurch wurde der Dichter die unfreundliche Stimmung vom Herzen los. Erst dasVeröffentlichensolcher Zornesergüsse oder witziger Angriffe kann Feindschaft erregen oder verschlimmern.
***
Spätere Friedensliebe
Der gereifte Goethe hütete sich, Feindschaft zu erregen oder die vorhandene zu vergrößern, oder gar in der eigenen Brust der Feindschaft Raum zu geben. Dem Gehaßten schadet die Feindschaft zuweilen, dem Hassenden immer.
Der Haß ist eine läst’ge Bürde,Er senkt das Herz tief in die Brust hinabUnd legt sich wie ein Grabstein schwer auf alle Freuden.
Der Haß ist eine läst’ge Bürde,Er senkt das Herz tief in die Brust hinabUnd legt sich wie ein Grabstein schwer auf alle Freuden.
Der Haß ist eine läst’ge Bürde,Er senkt das Herz tief in die Brust hinabUnd legt sich wie ein Grabstein schwer auf alle Freuden.
Der Haß ist eine läst’ge Bürde,
Er senkt das Herz tief in die Brust hinab
Und legt sich wie ein Grabstein schwer auf alle Freuden.
Als Heinrich Voß mit einem andern jungen Gelehrten einen Streit bekam, der sich an die Dramen von Sophokles anknüpfte, hinderte Goethe das Anwachsen dieses Streites schon deshalb, weil seinem jungen Freunde dadurch schließlich sogar der Sophokles verleidet werden könnte. Erst recht war Goethe unglücklich, als er bemerkte, daß ein so hoch begabter Dichter wie Graf Platen in der herrlichen Umgebung von Rom und Neapel an seine deutschen literarischen Gegner dachte und seine Zeit und Kraft der Polemik mit ihnen gönnte. „Solche Händel okkupieren das Gemüt!“ rief Goethe aus,
Die Bilder unserer Feinde werden zu Gespenstern, die zwischen aller freien Produktion ihren Spuk treiben und in einer ohnehin zarten Natur große Unordnung anrichten! Lord Byron ist an seiner polemischen Richtung zugrunde gegangen, und Platen hat Ursache, zur Ehre der deutschen Literatur von einer so unerfreulichen Bahn für immer abzulenken!
Die Bilder unserer Feinde werden zu Gespenstern, die zwischen aller freien Produktion ihren Spuk treiben und in einer ohnehin zarten Natur große Unordnung anrichten! Lord Byron ist an seiner polemischen Richtung zugrunde gegangen, und Platen hat Ursache, zur Ehre der deutschen Literatur von einer so unerfreulichen Bahn für immer abzulenken!
In Jena lehrte seit 1810 ein Philosoph Bachmann, der sich besonders mit den Ergebnissen der Naturwissenschaften beschäftigte; einst schickte er an Goetheeine Abhandlung, in der ein Stück, ein Loblied nämlich auf Newton und die Mathematiker, dem Verfasser der gegen Newton ankämpfenden ‚Farbenlehre‘ peinlich sein mußte. Goethe las die Schrift nur bis zu diesem Teil:
Hier mach’ ich Halt nach längst geprüfter Lebensregel: was mit mir übereinstimmt, bringt eine heitere Stunde; Dem aber ein Ohr zu leihen, was mir widerstrebt, warte ich auf einen Augenblick, wo ich mir selbst gewissermaßen gleichgültig bin und auch wohl das Gegenteil meiner Überzeugungen geschichtlich anhören mag. Der Menschenkenner sollte sich überzeugen, daß Niemand durch seines Gegners Gründe überzeugt wird. Alle Argumente sind nur Variationen eines ersten festgefaßten Meinungs-Thema, deswegen unsere Vorfahren so weislich gesagt haben: mit Einem, der deine Prinzipien leugnet, streite nicht!
Hier mach’ ich Halt nach längst geprüfter Lebensregel: was mit mir übereinstimmt, bringt eine heitere Stunde; Dem aber ein Ohr zu leihen, was mir widerstrebt, warte ich auf einen Augenblick, wo ich mir selbst gewissermaßen gleichgültig bin und auch wohl das Gegenteil meiner Überzeugungen geschichtlich anhören mag. Der Menschenkenner sollte sich überzeugen, daß Niemand durch seines Gegners Gründe überzeugt wird. Alle Argumente sind nur Variationen eines ersten festgefaßten Meinungs-Thema, deswegen unsere Vorfahren so weislich gesagt haben: mit Einem, der deine Prinzipien leugnet, streite nicht!
Literarischer Streit
So hütete er sich vor allem literarischen Streit. Als Wolfgang Menzel an ihm zum Helden zu werden begehrte, las Goethe seine Angriffe gar nicht, sondern meinte: „Ich habe Breite genug, mich in der Welt zu bewegen, und es darf mich nicht kümmern, ob sich Irgendeiner da oder dort in den Weg stellt, den ich einmal gegangen bin.“ Er gestand den Andersgesinnten gern das Recht zu, sich ihren Widerspruch oder ihren Ärger von der Brust wegzureden. „In der großen deutschen Nationalversammlung tut man wohl, wenn man seine Meinung gesagt hat, Andern auch den Ausdruck der ihrigen zu gönnen.“ So an Kosegarten 1822, und an Eichstädt, den ihm unterstellten Redakteur der Jenaischen Literaturzeitung 1804: „Adelungen würdemeo votonicht geantwortet. Wenn man Jemand so tüchtig durchdrischt, so ist es billig, daß man ihn Gesichterschneiden lasse, soviel er will. Durch Dupliken wird nichts ausgerichtet vor dem Publikum; es ist schon eine Art defensiver Stellung, die niemals vorteilhaft ist.“
Man hat die Polemik zwischen Gelehrten, Schriftstellern und Rednern wohl öfters mit den Turnieren des Mittelalters verglichen; Goethe aber betonte, daß es diesen geistigen Kämpfen an ritterlichem Schrankenraum, an Kreiswärteln und Kampfrichtern fehle, „und in jedem Schaukreise wirft sich, wie vor alters im Zirkus, die ungestüme Menge parteiisch auf die Seite der Grünen oder Blauen; die größte Masse beherrscht den Augenblick.“
Die Menge als Richter
Ist es schon töricht, das Publikum in einem wissenschaftlichen Streite zum Richter zu machen, so ist jeder öffentliche Hader in politischen Dingen noch viel bedenklicher. Diejenigen, die zu gemeinsamer Arbeit für das Wohl der Stadt oder des Landes berufen sind, können freilich nicht immer einig bleiben, und zwischen heftigen Naturen wird heftiger Streit entstehen. Aber kluge Freunde werden dann sorgen, daß dies Feuer auf seinen Herd beschränkt werde, daß nicht die Funken und brennenden Scheite nach allen Seiten fliegen. Ein junger Anverwandter Goethes, J. F. H. Schlosser in Frankfurt, hatte 1816 einen Amtsgenossen öffentlich angegriffen; Goethe schrieb ihm, er würde in solcher Lage verzweifeln.
Beurteilen kann ich nicht, ob es unvermeidliche Notwendigkeit war, Herrn v. Guaita auf eine unwiderrufliche Weise anzugreifen. In ähnlichen Verhältnissen habe ich mich auch gewehrt, aber innerhalb der Verhältnisse selbst, undes wäre mir unmöglich gewesen, das Publikum, das nie rechten kann noch wird, dergestalt als Instanz zu ehren ... Wenn ich mir denke, daß Sie mit diesem angesehenen, bedeutenden Manne zeitlebens ineinerStadt wohnen, öfters ineinemKollegium, vielleicht gar als Ratsherr ineinerReihe mit ihm sitzen sollen, nachdem Sie ihm seine Herkunft vorgeworfen, seine Tüchtigkeit zu einem Geschäfte, zu dem er sich erboten, öffentlich bezweifelt und nicht allein ihn, sondern auch seine Freunde, Verwandte, Verbündete sich zu Todfeinden gemacht haben, ohne vielleicht von dem gleichgültigen und schwankenden Publikum gebilligt zu werden, so stelle ich mir Ihre und Ihres würdigen Bruders Lage so schrecklich vor, daß ich mich darüber kaum beruhigen kann.
Beurteilen kann ich nicht, ob es unvermeidliche Notwendigkeit war, Herrn v. Guaita auf eine unwiderrufliche Weise anzugreifen. In ähnlichen Verhältnissen habe ich mich auch gewehrt, aber innerhalb der Verhältnisse selbst, undes wäre mir unmöglich gewesen, das Publikum, das nie rechten kann noch wird, dergestalt als Instanz zu ehren ... Wenn ich mir denke, daß Sie mit diesem angesehenen, bedeutenden Manne zeitlebens ineinerStadt wohnen, öfters ineinemKollegium, vielleicht gar als Ratsherr ineinerReihe mit ihm sitzen sollen, nachdem Sie ihm seine Herkunft vorgeworfen, seine Tüchtigkeit zu einem Geschäfte, zu dem er sich erboten, öffentlich bezweifelt und nicht allein ihn, sondern auch seine Freunde, Verwandte, Verbündete sich zu Todfeinden gemacht haben, ohne vielleicht von dem gleichgültigen und schwankenden Publikum gebilligt zu werden, so stelle ich mir Ihre und Ihres würdigen Bruders Lage so schrecklich vor, daß ich mich darüber kaum beruhigen kann.
In solcher Gesinnung kam Goethe auch zu der weiteren Meinung, daß man über Ortsgenossen sich überhaupt nie öffentlich äußern solle.
Über den Ort, wo man gewöhnlich sich aufhält, wird Niemand wagen, etwas zu schreiben, es müßte denn von bloßer Aufzählung der vorhandenen Gegenstände die Rede sein. Ebenso geht es mit Allem, was uns noch einigermaßen nah ist. Man fühlt erst, daß es eine Impietät wäre, wenn man auch sein gerechtestes, mäßigstes Urteil über die Dinge öffentlich aussprechen wollte.
Über den Ort, wo man gewöhnlich sich aufhält, wird Niemand wagen, etwas zu schreiben, es müßte denn von bloßer Aufzählung der vorhandenen Gegenstände die Rede sein. Ebenso geht es mit Allem, was uns noch einigermaßen nah ist. Man fühlt erst, daß es eine Impietät wäre, wenn man auch sein gerechtestes, mäßigstes Urteil über die Dinge öffentlich aussprechen wollte.
Es dachten freilich auch damals (1799) schon Viele anders! Die Zeitungen fingen an, auch örtliche Nachrichten zu bringen und die persönlichen Angelegenheiten zu berühren; nach der Schlacht bei Jena erzählten sie z. B. auch, daß Goethe seine Haushälterin geheiratet habe und wie es bei der Plünderung dem Romanfabrikanten Vulpius und seiner Gattin gegangen sei. Aber solche schamlose Neuigkeitskrämerei, solches öffentliche Zeigen von Abneigung und Haß empfand Goethefast ebenso schmerzlich wie die Gewalttaten der Franzosen. Denn dies war eine Herabwürdigung, die von innen kam!
***
Manche Feindschaft entsteht aus einer plumpen Auffassung der Wahrhaftigkeit. Alle menschliche Gesellschaft ist aber auf Höflichkeit, Gefälligkeit und Duldung angewiesen; wer dazwischen fährt und Anderen „seine Meinung“ oder „die Wahrheit“ sagen will, stiftet Ärger und Haß. Eines Abends 1819 erzählten bei Goethe die jungen Gräfinnen Egloffstein von dem damaligen Posthalter zu Langensalza, der wegen seiner lächerlichen Eitelkeit weithin bekannt war, und die Damen gestanden, daß sie dem Manne noch gröblich geschmeichelt hätten, wobei sie ihm sehr wohl getan und sich heimlich vergnügt hätten. Goethe erfreute sich an dem Berichte und meinte: darin, im Eingehen auf die Schwäche eines Andern, bestehe die eigentliche Lebensklugheit und er rate Jedermann ein solches Benehmen an.
Auf Juliens Frage, warum man nur gegen Karikaturen sich diese augenblickliche Verleugnung seiner Ansichten gestatte, erwiderte er mit sichtbarer Freude über die Bemerkung, daß diese Gattung von Menschen, indem sie aus ihrer Natur heraustrete, auch alle Verpflichtungen, so wir gegen uns und Andere üben, auflösten und man daher diese Personen als halb Wahnwitzige dulde und, statt sie zu widerlegen, in ihre Ideen eingehe.Julie zitierte eine Person aus ihrer Bekanntschaft, wo man täglich diese Regel übe. Jedes glaubte sie erraten zu haben, als der alte Herr mit Feinheit einfiel, daß man nur im Staatskalender suchen dürfe, um so einen Gegenstand zu finden. „Erhaltet eure Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebesoviel wie möglich“ fuhr er fort, „aber verfallt nicht in den Fehler der jetzigen Zeit: nämlich durch allzu große Aufrichtigkeit grob zu werden!“Hierauf erzählte er uns eine niedliche Anekdote von einer alten würdigen Kastellanin zu Nürnberg, welche in einer Gesellschaft von jungen Leuten, die sich mit ungeziemender Heftigkeit und Unart über die Schmeichler und Heuchler äußerten, plötzlich hinter ihrem Kaffeetisch mit zusammengeschlagenen Händen in vollem Unmut ausrief: „Ach, wie lieb’ ich die Schmeichler und Heuchler!“
Auf Juliens Frage, warum man nur gegen Karikaturen sich diese augenblickliche Verleugnung seiner Ansichten gestatte, erwiderte er mit sichtbarer Freude über die Bemerkung, daß diese Gattung von Menschen, indem sie aus ihrer Natur heraustrete, auch alle Verpflichtungen, so wir gegen uns und Andere üben, auflösten und man daher diese Personen als halb Wahnwitzige dulde und, statt sie zu widerlegen, in ihre Ideen eingehe.
Julie zitierte eine Person aus ihrer Bekanntschaft, wo man täglich diese Regel übe. Jedes glaubte sie erraten zu haben, als der alte Herr mit Feinheit einfiel, daß man nur im Staatskalender suchen dürfe, um so einen Gegenstand zu finden. „Erhaltet eure Aufrichtigkeit und Wahrheitsliebesoviel wie möglich“ fuhr er fort, „aber verfallt nicht in den Fehler der jetzigen Zeit: nämlich durch allzu große Aufrichtigkeit grob zu werden!“
Hierauf erzählte er uns eine niedliche Anekdote von einer alten würdigen Kastellanin zu Nürnberg, welche in einer Gesellschaft von jungen Leuten, die sich mit ungeziemender Heftigkeit und Unart über die Schmeichler und Heuchler äußerten, plötzlich hinter ihrem Kaffeetisch mit zusammengeschlagenen Händen in vollem Unmut ausrief: „Ach, wie lieb’ ich die Schmeichler und Heuchler!“
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Die Gegner zu erwarten
Je älter er wurde, um so tiefer ward seine Friedfertigkeit. Schon 1816 scherzte Goethe, er habe auf seinen letzten Reisen am Rhein und Main das Evangelium Johannis gepredigt: „Kindlein, liebt euch, und wenn Das nicht gehen will, laßt wenigstens einander gelten!“ Später drückte er philosophisch-naturwissenschaftlich aus, daß wir dem Andersgesinnten, Andersgearteten nie gram sein dürfen. So meinte er 1829 gegen seinen jungen Anhänger Schubarth, er wolle zwar die Jugend nicht tadeln, wenn sie sich in den Kampf stürze, müsse aber bekennen, daß bei ihm, dem Alten, die polemischen Richtungen immer schwächer würden „und sich nach der inneren Einheit zusammenziehen: denn die Gegenstellungen sind überall dergestalt unvermeidlich, daß, wenn man den Menschen selbst ganz genau in zwei Hälften spaltete, die rechte Seite sogleich mit der linken in einen unversöhnlichen Streit geraten würde.“ Ähnlich sprach er zu Eckermann:
Man sagt von den Blättern eines Baumes, daß deren kaum zwei vollkommen gleich befunden werden: und so möchtensich auch unter tausend Menschen kaum zwei finden, die in ihrer Gesinnungs- und Denkungsweise vollkommen harmonieren. Setze ich Dieses voraus, so sollte ich mich billig weniger darüber wundern, daß die Zahl meiner Widersacher so groß ist, als vielmehr darüber, daß ich noch so viele Freunde und Anhänger habe. Meine ganze Zeit wich von mir ab, denn sie war ganz in subjektiver Richtung begriffen, während ich in meinem objektiven Bestreben im Nachteile und völlig allein stand.
Man sagt von den Blättern eines Baumes, daß deren kaum zwei vollkommen gleich befunden werden: und so möchtensich auch unter tausend Menschen kaum zwei finden, die in ihrer Gesinnungs- und Denkungsweise vollkommen harmonieren. Setze ich Dieses voraus, so sollte ich mich billig weniger darüber wundern, daß die Zahl meiner Widersacher so groß ist, als vielmehr darüber, daß ich noch so viele Freunde und Anhänger habe. Meine ganze Zeit wich von mir ab, denn sie war ganz in subjektiver Richtung begriffen, während ich in meinem objektiven Bestreben im Nachteile und völlig allein stand.
Das bezieht sich auf die Gegner aus abweichender Denkungsweise. Aber er hatte noch viele andere.
Zuerst nenne ich meine Gegner aus Dummheit; es sind Solche, die mich nicht verstanden und die mich tadelten, ohne mich zu kennen. Diese ansehnliche Masse hat mir in meinem Leben viele Langeweile gemacht; doch es soll ihnen verziehen sein, denn sie wußten nicht, was sie taten.Eine zweite große Menge bilden sodann meine Neider. Diese Leute gönnen mir das Glück und die ehrenvolle Stellung nicht, die ich durch mein Talent mir erworben. Sie zerren an meinem Ruhm und hätten mich gern vernichtet. Wäre ich unglücklich und elend, so würden sie aufhören.Ferner kommt eine große Anzahl Derer, die aus Mangel an eigenem Sukzeß meine Gegner geworden. Es sind begabte Talente darunter, allein sie können mir nicht verzeihen, daß ich sie verdunkele.Viertens nenne ich meine Gegner aus Gründen. Denn da ich ein Mensch bin und als solcher menschliche Fehler und Schwächen habe, so können auch meine Schriften davon nicht frei sein. Da es mir aber mit meiner Bildung Ernst war und ich an meiner Veredelung unablässig arbeitete, so war ich im beständigen Fortstreben begriffen, und es ereignete sich oft, daß sie mich wegen eines Fehlers tadelten, den ich längst abgelegt hatte. Diese Guten haben mich am wenigsten verletzt; sie schossen nach mir, wenn ich schon meilenweit von ihnen entfernt war.
Zuerst nenne ich meine Gegner aus Dummheit; es sind Solche, die mich nicht verstanden und die mich tadelten, ohne mich zu kennen. Diese ansehnliche Masse hat mir in meinem Leben viele Langeweile gemacht; doch es soll ihnen verziehen sein, denn sie wußten nicht, was sie taten.
Eine zweite große Menge bilden sodann meine Neider. Diese Leute gönnen mir das Glück und die ehrenvolle Stellung nicht, die ich durch mein Talent mir erworben. Sie zerren an meinem Ruhm und hätten mich gern vernichtet. Wäre ich unglücklich und elend, so würden sie aufhören.
Ferner kommt eine große Anzahl Derer, die aus Mangel an eigenem Sukzeß meine Gegner geworden. Es sind begabte Talente darunter, allein sie können mir nicht verzeihen, daß ich sie verdunkele.
Viertens nenne ich meine Gegner aus Gründen. Denn da ich ein Mensch bin und als solcher menschliche Fehler und Schwächen habe, so können auch meine Schriften davon nicht frei sein. Da es mir aber mit meiner Bildung Ernst war und ich an meiner Veredelung unablässig arbeitete, so war ich im beständigen Fortstreben begriffen, und es ereignete sich oft, daß sie mich wegen eines Fehlers tadelten, den ich längst abgelegt hatte. Diese Guten haben mich am wenigsten verletzt; sie schossen nach mir, wenn ich schon meilenweit von ihnen entfernt war.
Übrigens muß schon ein denkenderLeserder Novellen, Romane und Dramen zu solcher Duldung gelangen, also erst recht Derjenige, der solche Werke schafft! Als geborener Dichter konnte sich Goethe in die verschiedenartigsten Charaktere hineindenken und hineinfühlen; er wußte also, daß sie in ihrer Art Recht hatten, daß ihr Wesen und Handeln ausreichend begründet war. „So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen“: dies eingeborene Gesetz gilt für unsere Gegner so gut wie für uns. Da Goethe nun sein Leben lang die Menschen auch noch fleißig beobachtete und studierte, so wurde sein Verhältnis zu ihnen immer sachlicher: der Gegner erschien ihm immer mehr das natürlichste Ding von der Welt.
Was klagst du über Feinde?Sollten Solche je werden Freunde,Denen ein Wesen, wie du bist,Im Stillen ein ewiger Vorwurf ist?
Was klagst du über Feinde?Sollten Solche je werden Freunde,Denen ein Wesen, wie du bist,Im Stillen ein ewiger Vorwurf ist?
Was klagst du über Feinde?Sollten Solche je werden Freunde,Denen ein Wesen, wie du bist,Im Stillen ein ewiger Vorwurf ist?
Was klagst du über Feinde?
Sollten Solche je werden Freunde,
Denen ein Wesen, wie du bist,
Im Stillen ein ewiger Vorwurf ist?
***
Die philosophische Betrachtung der Feinde
Aber ist diese philosophische Betrachtung der Feinde durchzuführen? Die Feinde schaden uns doch, wenn sie es irgend können, oder sie schaden unsern Freunden und der guten Sache. Dürfen wir die Schlechten, die Verblendeten, die Unwissenden ruhig gewähren oder gar herrschen lassen?
Goethes Antwort ist, daß die Feinde, solange wir selber richtig handeln, uns nur selten schaden können und daß der Krieg nicht das Mittel ist, ihnen Abbruch zu tun. Lassen wir uns auf den Ringkampf ein, so verbrauchen wir unsere Zeit und Kraft dazu, ihre Stößeabzuwehren, ihre Blöße zu erspähen, und wir ermüden sogar durch die Schläge, die wir selber austeilen. Mit demselben Aufwand können wir ohne Kampf unserer Sache erfolgreicher dienen. In einer der letzten hundert Nächte seines Lebens lag Goethe lange schlaflos; er hatte Vorträge von Carus in Dresden über Psychologie gelesen; sie reizten ihn zu Gegengedanken, und er arbeitete im Kopfe aus, was er über den gleichen Gegenstand sagen würde. Und diktierte am andern Morgen ins Tagebuch: „Streiten soll man nicht, aber das Entgegengesetzte faßlich zu machen, ist Schuldigkeit.“
Verwandte Maximen hatte er schon früher aufgeschrieben: „Der Irrtum wiederholt sich immerfort in der Tat; deswegen muß man das Wahre unermüdlich in Worten wiederholen.“ Oder:
Es mag sich Feindliches eräugnen,Du bleibe ruhig, bleibe stumm!Und wenn sie dir die Bewegung läugnen,Geh’ ihnen vor der Nase herum!
Es mag sich Feindliches eräugnen,Du bleibe ruhig, bleibe stumm!Und wenn sie dir die Bewegung läugnen,Geh’ ihnen vor der Nase herum!
Es mag sich Feindliches eräugnen,Du bleibe ruhig, bleibe stumm!Und wenn sie dir die Bewegung läugnen,Geh’ ihnen vor der Nase herum!
Es mag sich Feindliches eräugnen,
Du bleibe ruhig, bleibe stumm!
Und wenn sie dir die Bewegung läugnen,
Geh’ ihnen vor der Nase herum!
Schon als Sechsundzwanzigjähriger, im ersten weimarischen Dienstjahre, hielt Goethe es so und lebte, während er nach Wielands Ausdruck die ganze Hennebergische Natur abzeichnete, in Ilmenau völlig unbekümmert, „daß die Welt, die er vergessen hat, soviel von ihm und gegen ihn spricht.“ Er sah damals wohl ein, daß er von den gegen ihn, den Günstling eines unreifen Fürsten, erhobenen Anklagen sich rein waschen müsse; aber nicht Reden waren die beste Verteidigung, sondern ein andauerndes uneigennütziges Handeln. Als Schriftsteller hatte er die gleiche Politik. „Lassen Sie unsnur unsern Gang unverrückt fortgehen!“ schrieb er 1795 an Schiller; „ich kenne das Possenspiel des deutschen Autorwesens schon zwanzig Jahre in- und auswendig. Es muß nurfortgespieltwerden: weiter ist dabei nichts zu sagen.“ Und das Gleiche lehrte er für häusliche und bürgerliche Dinge. Als seine Christiane nach der kirchlichen Trauung mit ihm noch mehr als früher angegriffen und verleumdet wurde, antwortete er ihr:
Wenn Dir die Leute Deinen guten Zustand nicht gönnen und Dir ihn zu verkümmern suchen, so denke nur, daß Das die Art der Welt ist, der wir nicht entgehen. Bekümmere Dich nur nichts drum, so heißt’s auch nichts! Wie mancher Schuft macht sich jetzt ein Geschäft daraus, meine Werke zu verkleinern! Ich achte nicht darauf und arbeite fort.
Wenn Dir die Leute Deinen guten Zustand nicht gönnen und Dir ihn zu verkümmern suchen, so denke nur, daß Das die Art der Welt ist, der wir nicht entgehen. Bekümmere Dich nur nichts drum, so heißt’s auch nichts! Wie mancher Schuft macht sich jetzt ein Geschäft daraus, meine Werke zu verkleinern! Ich achte nicht darauf und arbeite fort.
Wo aber die Feindseligkeiten in der Tat nicht wirkungslos bleiben, fragt es sich noch, ob sie schaden oder nützen. Gegen den französischen Diplomaten Reinhardt meinte Goethe 1807:
Der böse Wille, der den Ruf eines bedeutenden Mannes gern vernichten möchte, bringt sehr oft das Entgegengesetzte hervor: er macht die Welt aufmerksam auf eine Persönlichkeit, und da die Welt, wo nicht gerecht, doch gleichgültig ist, so läßt sie sich’s gefallen, nach und nach die guten Eigenschaften Desjenigen gewahr zu werden, den man ihr auf das schlimmste zu zeigen Lust hatte. Ja, es ist sogar im Publikum ein Geist des Widerspruchs, der sich dem Tadel wie dem Lobe entgegensetzt.
Der böse Wille, der den Ruf eines bedeutenden Mannes gern vernichten möchte, bringt sehr oft das Entgegengesetzte hervor: er macht die Welt aufmerksam auf eine Persönlichkeit, und da die Welt, wo nicht gerecht, doch gleichgültig ist, so läßt sie sich’s gefallen, nach und nach die guten Eigenschaften Desjenigen gewahr zu werden, den man ihr auf das schlimmste zu zeigen Lust hatte. Ja, es ist sogar im Publikum ein Geist des Widerspruchs, der sich dem Tadel wie dem Lobe entgegensetzt.
Und an Schiller schrieb Goethe sogar, die gegen sie beide gerichteten Schmähschriften seien ganz nach seinem Wunsche, denn
es ist eine nicht genug gekannte und geübte Politik, daß Jeder, der auf einigen Nachruhm Anspruch macht, seine Zeitgenossen zwingen soll, Alles, was sie gegen ihn in petto haben, von sich zu geben. Den Eindruck tilgt er durch Gegenwart, Leben und Wirken jederzeit wieder. Was half’s manchem bescheidenen, verdienstvollen und klugen Mann, daß er durch unglaubliche Nachgiebigkeit, Untätigkeit, Schmeichelei und Rücken und Zurechtlegen einen leidlichen Ruf zeitlebens erhielt? Gleich nach dem Tode sitzt der Advokat des Teufels neben dem Leichnam, und der Engel, der ihm Widerpart halten soll, macht gewöhnlich eine klägliche Gebärde.
es ist eine nicht genug gekannte und geübte Politik, daß Jeder, der auf einigen Nachruhm Anspruch macht, seine Zeitgenossen zwingen soll, Alles, was sie gegen ihn in petto haben, von sich zu geben. Den Eindruck tilgt er durch Gegenwart, Leben und Wirken jederzeit wieder. Was half’s manchem bescheidenen, verdienstvollen und klugen Mann, daß er durch unglaubliche Nachgiebigkeit, Untätigkeit, Schmeichelei und Rücken und Zurechtlegen einen leidlichen Ruf zeitlebens erhielt? Gleich nach dem Tode sitzt der Advokat des Teufels neben dem Leichnam, und der Engel, der ihm Widerpart halten soll, macht gewöhnlich eine klägliche Gebärde.
***
Kluge Politik gegen Feinde
Eine andere zwar nicht unbekannte, aber doch „nicht genug gekannte und geübte Politik“, die Angreifer loszuwerden, üben wir, indem wir uns unempfindlich stellen. Wehe dem Knaben, der andere Buben merken läßt, daß er sehr kitzlich ist, und wehe dem im öffentlichen Leben stehenden Manne, der dem Gegner verrät, daß seine Pfeile schmerzen! Wer die Zähne zusammenbeißt und eine gute, oder doch gleichgültige Miene zum bösen Spiel macht, setzt die Angreifer matt und stärkt sich nebenbei im Stoizismus, der ihn den nächsten Angriff schon viel leichter ertragen läßt. Goethe hat (Dichtung und Wahrheit I, 2) in seiner Knabenzeit unter roheren Gespielen auch diese Schule durchgemacht und im Unterdrücken des Schmerzes Tüchtiges geleistet. „Dadurch setzt man sich in einen großen Vorteil, der uns von Andern so geschwind nicht abgewonnen wird.“
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Kotzebue
Ein sehr derbes, aber auch sehr richtiges Bild hat Goethe einmal vom Hassen gegeben: „Der Haß gleicht einer Krankheit, dem Miserere, wo man vorn herausgibt, was eigentlich hinten weggehen sollte.“ Wie Goethe seine Feinde verdaute und zur eigenen Ernährung ausnutzte, Das sieht man am besten an seinem Verhalten zu Kotzebue. Dieser machte es sich, als er aus Goethes Kreise zurückgewiesen war, zum Geschäft, auf jede Art und Weise seinem Talent, seiner Tätigkeit, seinem Glück entgegenzutreten.[20]Goethes Hausmittel dagegen war: „die Existenz Desjenigen, der mit Abneigung und Haß verfolgt, als ein notwendiges, und zwar günstiges Ingrediens zu der seinigen zu betrachten.“ So hielt er es auch mit diesem Angreifer:
Ich denke ihn mir gern als Weimaraner und freue mich, daß er der mir so werten Stadt das Verdienst nicht rauben kann, sein Geburtsort gewesen zu sein. Ich denke mir ihn gern als schönen, muntern Knaben, der in meinem Garten Sprengel stellte und mich durch seine freie Tätigkeit sehr oft ergötzte. Ich gedenke seiner gern als Bruder eines liebenswürdigen Frauenzimmers [Malchen K.], die sich als Gattin [des Dr. Gildemeister in Bremen] und Mutter immer verehrenswert gezeigt hat. Gehe ich nun seine schriftstellerischen Wirkungen durch, so vergegenwärtige ich mir mit Vergnügen heitere Eindrücke einzelner Stellen, obschon nicht leicht ein Ganzes, weder als Kunst- noch Gemütsprodukt, weder als Das, was es aussprach, noch was es andeutete, mich jemals anmuten und sich mit meiner Natur vereinbaren konnte. Sehr großen Vorteil dagegen hat mir seine literarische Laufbahn in Absicht auf Übung des Urteils gebracht, welches wir am eigentlichsten durch die Produktionen der Gegenwartzu schärfen vermögend sind. Er hat mir Gelegenheit gegeben, manche Andere, ja das ganze Publikum, kennen zu lernen. Ja, ich finde noch öfters Anlaß, seine Leistungen, denen man Verdienst und Talent nicht absprechen kann, gegen überhinfahrendes Tadeln und Verwerfen in Schutz zu nehmen. Betrachte ich mich nun gar als Vorsteher eines Theaters und bedenke, wie viele Mittel er uns in die Hand gegeben hat, die Zuschauer zu unterhalten und der Kasse zu nutzen, so wüßte ich nicht, wie ich es anfangen sollte, um den Einfluß, den er auf mein Wesen und Vornehmen ausgeübt, zu verachten, zu schelten oder gar zu leugnen; vielmehr glaube ich alle Ursache zu haben, mich seiner Wirkung zu freuen und zu wünschen, daß er sie noch lange fortsetzen möge.
Ich denke ihn mir gern als Weimaraner und freue mich, daß er der mir so werten Stadt das Verdienst nicht rauben kann, sein Geburtsort gewesen zu sein. Ich denke mir ihn gern als schönen, muntern Knaben, der in meinem Garten Sprengel stellte und mich durch seine freie Tätigkeit sehr oft ergötzte. Ich gedenke seiner gern als Bruder eines liebenswürdigen Frauenzimmers [Malchen K.], die sich als Gattin [des Dr. Gildemeister in Bremen] und Mutter immer verehrenswert gezeigt hat. Gehe ich nun seine schriftstellerischen Wirkungen durch, so vergegenwärtige ich mir mit Vergnügen heitere Eindrücke einzelner Stellen, obschon nicht leicht ein Ganzes, weder als Kunst- noch Gemütsprodukt, weder als Das, was es aussprach, noch was es andeutete, mich jemals anmuten und sich mit meiner Natur vereinbaren konnte. Sehr großen Vorteil dagegen hat mir seine literarische Laufbahn in Absicht auf Übung des Urteils gebracht, welches wir am eigentlichsten durch die Produktionen der Gegenwartzu schärfen vermögend sind. Er hat mir Gelegenheit gegeben, manche Andere, ja das ganze Publikum, kennen zu lernen. Ja, ich finde noch öfters Anlaß, seine Leistungen, denen man Verdienst und Talent nicht absprechen kann, gegen überhinfahrendes Tadeln und Verwerfen in Schutz zu nehmen. Betrachte ich mich nun gar als Vorsteher eines Theaters und bedenke, wie viele Mittel er uns in die Hand gegeben hat, die Zuschauer zu unterhalten und der Kasse zu nutzen, so wüßte ich nicht, wie ich es anfangen sollte, um den Einfluß, den er auf mein Wesen und Vornehmen ausgeübt, zu verachten, zu schelten oder gar zu leugnen; vielmehr glaube ich alle Ursache zu haben, mich seiner Wirkung zu freuen und zu wünschen, daß er sie noch lange fortsetzen möge.
Goethe ließ in der Tat von 1791-1817 nicht weniger als 84 Stücke seines Feindes Kotzebue aufführen; weit über 600 Abende besetzte er damit; weder Schiller, noch Goethe, noch sonst ein Dichter wurden auf der weimarischen Bühne auch nur annähernd so viel gespielt. Einmal verschob Goethe seine Badereise, um Kotzebues Posse ‚Der Rehbock‘ völlig einzustudieren; ja, im Jahre 1817 wandte er vier Wochen fleißiger Arbeit daran, um den ‚Schutzgeist‘ zu kürzen und umzuarbeiten, weil sonst das Stück auf der Bühne nicht zu halten gewesen wäre. Und gleich danach widmete er ebensoviel Sorgfalt dem Lustspiel ‚Die Bestohlenen‘.
Goethes Hausmittel gegen diesen Feind sieht beinahe christlich aus; er will es aber weder als christlich noch als sonst hochmoralisch empfehlen: es sei einfach einem verklärten Egoismus entsprungen und bewähre sich als praktisch, um die unangenehmsten von allen Empfindungen aus dem Gemüt zu verbannen: kraftloses Widerstreben und ohnmächtigen Haß. In der Lehre,man solle seine Feinde lieben, scheint ihm das Wort „lieben“ gemißbraucht oder doch in einem andern Sinne gebraucht zu sein, als es sonst hat; er will deshalb lieber jenen weisen Spruch mit Überzeugung wiederholen, daß man einen guten Haushalter hauptsächlich dann erkenne, wenn er sich auch des Widerwärtigen vorteilhaft zu bedienen wisse.
Goethe hatte auf Kotzebue das Verschen gemacht:
Natur gab dir so schöne Gaben,Als tausend andre Menschen nicht haben;Sie versagte dir aber den schönen Gewinst:Zu schätzen mit Freude fremdes Verdienst.
Natur gab dir so schöne Gaben,Als tausend andre Menschen nicht haben;Sie versagte dir aber den schönen Gewinst:Zu schätzen mit Freude fremdes Verdienst.
Natur gab dir so schöne Gaben,Als tausend andre Menschen nicht haben;Sie versagte dir aber den schönen Gewinst:Zu schätzen mit Freude fremdes Verdienst.
Natur gab dir so schöne Gaben,
Als tausend andre Menschen nicht haben;
Sie versagte dir aber den schönen Gewinst:
Zu schätzen mit Freude fremdes Verdienst.
Wollte er diesen Feind völlig überwinden und von ihm Gewinn statt Schaden haben, so mußte er dessen Fehler mit der entgegengesetzten Tugend vernichten:
Nicht größeren Vorteil wüßt’ ich zu nennen,Als des FeindesVerdiensterkennen.
Nicht größeren Vorteil wüßt’ ich zu nennen,Als des FeindesVerdiensterkennen.
Nicht größeren Vorteil wüßt’ ich zu nennen,Als des FeindesVerdiensterkennen.
Nicht größeren Vorteil wüßt’ ich zu nennen,
Als des FeindesVerdiensterkennen.
[19]Zu Eckermann 21. März 1830 über die ‚Piken‘ in der ‚Walpurgisnacht‘.[20]Biographische Einzelheiten. Kotzebue.
[19]Zu Eckermann 21. März 1830 über die ‚Piken‘ in der ‚Walpurgisnacht‘.
[19]Zu Eckermann 21. März 1830 über die ‚Piken‘ in der ‚Walpurgisnacht‘.
[20]Biographische Einzelheiten. Kotzebue.
[20]Biographische Einzelheiten. Kotzebue.