X.Familienleben.
„Glückselig Der, dessen Welt innerhalb des Hauses ist!“ schrieb Goethe an Kestner, der mit Lotte Buff aus Wetzlar sich einer aufblühenden Familie erfreute. Und als er im Mai 1790 freie Ferientage in Venedig verbrachte, dachte er sehnsüchtig an das eigene Heim im Jägerhause zu Weimar, wo seine Christiane seiner harrte:
Weit und schön ist die Welt, doch o, wie dank ich dem Himmel,Daß ein Gärtchen beschränkt zierlich mir eigen gehört!Bringet mich wieder nach Hause! Was hat ein Gärtner zu reisen?Ehre bringt’s ihm und Glück, wenn er sein Gärtchen besorgt!
Weit und schön ist die Welt, doch o, wie dank ich dem Himmel,Daß ein Gärtchen beschränkt zierlich mir eigen gehört!Bringet mich wieder nach Hause! Was hat ein Gärtner zu reisen?Ehre bringt’s ihm und Glück, wenn er sein Gärtchen besorgt!
Weit und schön ist die Welt, doch o, wie dank ich dem Himmel,Daß ein Gärtchen beschränkt zierlich mir eigen gehört!Bringet mich wieder nach Hause! Was hat ein Gärtner zu reisen?Ehre bringt’s ihm und Glück, wenn er sein Gärtchen besorgt!
Weit und schön ist die Welt, doch o, wie dank ich dem Himmel,
Daß ein Gärtchen beschränkt zierlich mir eigen gehört!
Bringet mich wieder nach Hause! Was hat ein Gärtner zu reisen?
Ehre bringt’s ihm und Glück, wenn er sein Gärtchen besorgt!
Zeitlebens war Goethe sehr häuslich gesinnt, und wenn er auch keineswegs zu den Damenfreunden gehörte, die die weibliche Gesellschaft der männlichen vorziehen, und wenn er noch weniger zu den Schmetterlingen und Don Juans gehörte, denen es um wechselreiches Naschen zu tun ist, so fühlte er sich doch aus seiner Arbeit und aus seinem männlichen Freundeskreise auch immer wieder zur weiblichen Natur hingezogen und war glücklich im gegenseitigen Geben und Empfangen mit geliebten Frauen.
Trotzdem gelangte er erst spät und dann auch nur halbwegs zur Ehe.
Es fiel ihm in allen Dingen sehr schwer, entscheidende Entschlüsse zu fassen. „Eine Verlobung oder Heirat aus dem Stegreife war mir von jeher ein wahrer Greuel“ sagte er 1825 zum Kanzler v. Müller.
Eine Liebe wohl kann im Nu entstehen, und jede echte Neigung muß irgend einmal gleich dem Blitze plötzlich aufgeflammt sein, aber wer wird sich denn gleich heiraten, wenn man liebt? Liebe ist etwas Ideelles, Heiraten etwas Reelles, und nie verwechselt man ungestraft das Ideelle mit dem Reellen. Solch ein wichtiger Lebensschritt will allseitig überlegt sein und längere Zeit hindurch, ob auch alle individuellen Beziehungen, wenigstens die meisten, zusammenpassen.
Eine Liebe wohl kann im Nu entstehen, und jede echte Neigung muß irgend einmal gleich dem Blitze plötzlich aufgeflammt sein, aber wer wird sich denn gleich heiraten, wenn man liebt? Liebe ist etwas Ideelles, Heiraten etwas Reelles, und nie verwechselt man ungestraft das Ideelle mit dem Reellen. Solch ein wichtiger Lebensschritt will allseitig überlegt sein und längere Zeit hindurch, ob auch alle individuellen Beziehungen, wenigstens die meisten, zusammenpassen.
So dachte er immer: „Lieben heißt leiden, manmußes nur, man will es nicht“, oder: „Als ob die Liebe etwas mit demVerstandezu tun hätte!“ Die Ehe aber galt zu Goethes Zeit viel allgemeiner als heute für eine Verstandessache; sie war also viel seltener eine Folge des Verliebens, hatte auch die Liebe nicht zur Voraussetzung. Vielmehr ward sie als eine praktische, gemeinnützige Einrichtung aufgefaßt, die den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zustand beider Gatten verbessern, ihr leibliches und seelisches Wohlbefinden erhöhen und zum Aufziehen eines neuen Geschlechtes die geschützte Stätte liefern sollte. Man nahm an, daß ein wünschenswertes Maß von Liebe sich in der Ehe von selbst einstelle, da die Gatten manche Annehmlichkeiten von einander haben und wirtschaftlich der Welt gegenüber verbündet sind. Die Brautleute waren in der Regel noch jung genug, um sich einander anzupassen; namentlich gab man dieMädchen fast noch im kindlichen Alter, wo sie noch biegsam und bildsam sind, an ihre Eheherren. Goethe hat einmal die Erfahrung ausgesprochen: die Liebe der Frauen sei meistens eine pflichteifrige, die der Männer eine enthusiastische. Aus dieser Erfahrung heraus sah man auch den verheirateten Männern neue Verliebtheiten nach, erklärte jedoch die Liebe zu einer Pflicht der Ehe, namentlich für die Ehefrauen. Und viele Frauen liebten in der Tat deshalb ihre Männer, weil sie an diese Pflicht glaubten, und waren ihnen treu und untertan, wie es der Pfarrer bei der Trauung als Gottes Gebot gelehrt hatte.
***
Auffassung der Ehe
Aber wenn Goethe in jungen Jahren um sich schaute, so sah er unter den Ehen, in die er die besten Einblicke hatte, kaum eine, wie er sie für sich wünschen konnte. Seine Mutter und seine Schwester waren an brave Männer und dennoch übel verheiratet. Herzog Karl August und Herzogin Luise waren vortreffliche junge Menschen, aber ihre Ehe war Verdruß und Not. Seine beste Freundin, Charlotte v. Stein, hatte einen achtungswerten Gatten, aber in ihrem inneren Leben ging er nur so nebenher. Dazu kamen dann die Ehepaare, deren Zank und Streit öffentlich bekannt war oder wo der Eine dem Andern davonlief. Es traten nicht wenige Frauen auf, die zu pflichtmäßiger Liebe nicht mehr fähig oder willig waren; es waren Frauen, die sich durch Stärke des Geistes und Gefühls auszeichneten. Charlotte v. Kalb und Karoline v. Beulwitz hatten gegen ihre Männer keine erheblichen Anklagen,aber sie drangen auf Scheidung, weil sie ein hohes Ideal vom Manne in ihren Herzen trugen; beide hängten eine Zeitlang ihre Herzen an Schiller. Eine noch schlimmere Plage ihres rechtschaffenen Gatten war Emilie v. Berlepsch, die den Jean Paul für sich verlangte und vorher sehr gern Frau v. Goethe geworden wäre. Die hübsche Frau v. Werthern entlief ihrem Gatten, weil sie in August v. Einsiedel einen romanhaft vollkommenen Mann gefunden zu haben glaubte. Immer wieder ward Goethe daran erinnert, daß die Ehe gerade für Menschen von verfeinerten Ansprüchen, für Menschen, die von Höhe zu Höhe schreiten, leicht zur qualvollsten Lebenslast wird.
Die Ehen ringsum
Zwei von seinen Freunden sah Goethe glücklich verheiratet. Herders Gattin war hochgebildet und hochbegabt; sie liebte ihren Mann von ganzem Herzen und lebte sein äußeres und inneres Leben vollkommen mit, war auch die gleichwertige Freundin seiner Freunde. Aber gerade diese innige Verbundenheit des Herderschen Paares erschien auch als etwas Schädliches und Verderbliches; Herder wurde durch seine Gattin in seinen Fehlern bestärkt; sein persönlicher Egoismus wurde durch die Erweiterung zum Familienegoismus nicht angenehmer; Herders machten ihr Pfarrhaus gar zu sehr zu einer eigenen Festung gegen die Mitlebenden und wurden immer ungerechter und verbitterter gegen die ehemaligen Freunde, die ihnen oder ihren Kindern nie genug tun konnten. Viel anspruchsloser und glücklicher war Wieland in seinem gleichfalls kinderreichen Heime. Er hatte in jungen Jahren die geistreichsten Freundinnengehabt; als er aber heiratete, tat er es ganz nach der alten Sitte. Er wählte die Braut, ehe er sie gesehen hatte; er heiratete sie nach einmaliger Zusammenkunft, obwohl er, der vielbewunderte Autor, wußte, daß sie außer der Bibel und dem Kalender nichts las. Auch durch Schönheit zeichnete sich Dorothea Hillenbrand nicht aus; sie war nur ein gutes Kind und hatte soviel Vermögen, daß sie im Witwenstande davon hätte leben können. Sie blieb auch als Wielands Gattin in einem kindlichen Verhältnis zu ihm, wagte nie, ihn mit „Du“ anzureden, ging nie mit ihm in Gesellschaften, und wenn Beide spazieren gingen, vermieden sie die allgemeine Promenade. Dabei gab es kein glücklicheres Paar und keine glücklichere Familie in Weimar!
Aber weder die wielandische noch die herdersche Ehe waren für Goethe verführerisch.
Und namentlich: es trat ihm, seit er in Weimar Amt und Heimat hatte, kein Mädchen entgegen, das ihn alle Bedenken vergessen ließ. Es konnte ihn kein Mädchen berauschen, weil er in eine zärtliche Freundschaft mit Charlotte v. Stein geraten war und dadurch einen „Maßstab für alle Frauen“ hatte. Diese Freundschaft konnte ihn nicht völlig befriedigen, aber sie verminderte Hunger und Durst nach der rechten Liebe. Und so paßte lange Jahre auf ihn sein eigenes Wort:
Wenn die Stunde nicht kommt, die rechte, wenn nicht das rechteMädchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das Wählen im Weiten,Und es wirket die Furcht, die Falsche zu greifen, am meisten.
Wenn die Stunde nicht kommt, die rechte, wenn nicht das rechteMädchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das Wählen im Weiten,Und es wirket die Furcht, die Falsche zu greifen, am meisten.
Wenn die Stunde nicht kommt, die rechte, wenn nicht das rechteMädchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das Wählen im Weiten,Und es wirket die Furcht, die Falsche zu greifen, am meisten.
Wenn die Stunde nicht kommt, die rechte, wenn nicht das rechte
Mädchen zur Stunde sich zeigt, so bleibt das Wählen im Weiten,
Und es wirket die Furcht, die Falsche zu greifen, am meisten.
***
Christiane
Als Goethe aus Italien heimkehrte, fühlte er sich in Weimar einsamer als je vorher; und namentlich fand auch Charlotte v. Stein ihn umgewandelt, ihr entfremdet. In dieser Lage lernte er die vierundzwanzigjährige Christiane Vulpius kennen, eine Waise aus einer verarmten Beamtenfamilie; eines Tages stand sie mit einer Bittschrift ihres Bruders im Garten vor ihm als ein hübsches Kind „von naivem, freundlichem Wesen, mit vollem, rundem Gesicht, langen Locken, kleinem Näschen, schwellenden Lippen, zierlichem Körperbau und niedlichen, tanzlustigen Füßchen.“ So war das Mädchen wie eine Blume unter den anderen Blumen. Und der Dichter erzählt weiter:
Ich wollt’ es brechen,Da sagt es fein:Soll ich zum WelkenGebrochen sein? – –Ich grub’s mit allenDen Wurzeln aus,Zum Garten trug ich’sAm hübschen Haus.Und pflanzt es wiederAm stillen Ort,Nun zweigt es immerUnd blüht so fort.
Ich wollt’ es brechen,Da sagt es fein:Soll ich zum WelkenGebrochen sein? – –Ich grub’s mit allenDen Wurzeln aus,Zum Garten trug ich’sAm hübschen Haus.Und pflanzt es wiederAm stillen Ort,Nun zweigt es immerUnd blüht so fort.
Ich wollt’ es brechen,Da sagt es fein:Soll ich zum WelkenGebrochen sein? – –Ich grub’s mit allenDen Wurzeln aus,Zum Garten trug ich’sAm hübschen Haus.Und pflanzt es wiederAm stillen Ort,Nun zweigt es immerUnd blüht so fort.
Ich wollt’ es brechen,
Da sagt es fein:
Soll ich zum Welken
Gebrochen sein? – –
Ich grub’s mit allen
Den Wurzeln aus,
Zum Garten trug ich’s
Am hübschen Haus.
Und pflanzt es wieder
Am stillen Ort,
Nun zweigt es immer
Und blüht so fort.
Er nahm Christiane mit ihrer Tante und Schwester in sein Haus und behielt das Verhältnis Jahr für Jahr bei. Auf die Entrüstung alter Freunde und Feinde antwortete er im stillen mit dem Tasso-Worte: „Viel lieber, was ihr euch unsittlich nennt, als was ich mir unedel nennen müßte!“ Schiller verstand ihn; „diese seineeinzige Blöße, die Niemand verletzt als ihn selbst, hängt mit einem sehr edeln Teil seines Charakters zusammen“ schrieb er an die Gräfin Schimmelmann. Goethe brachte für dies häusliche Verhältnis manches Opfer; er ward oft in peinlicher Weise daran erinnert, daß seine Nächste, die Mutter seiner Kinder, von seiner übrigen Gesellschaft nicht als Seines- und Ihresgleichen angenommen werden konnte; trotzdem, meinte er, Christiane passe besser als tausend vornehme, anspruchsvolle Damen zu ihm.
Ich wünsche mir eine hübsche Frau,Die nicht Alles nähme gar zu genau,Doch aber zugleich am besten verstände,Wie ich mich selbst am besten befände.
Ich wünsche mir eine hübsche Frau,Die nicht Alles nähme gar zu genau,Doch aber zugleich am besten verstände,Wie ich mich selbst am besten befände.
Ich wünsche mir eine hübsche Frau,Die nicht Alles nähme gar zu genau,Doch aber zugleich am besten verstände,Wie ich mich selbst am besten befände.
Ich wünsche mir eine hübsche Frau,
Die nicht Alles nähme gar zu genau,
Doch aber zugleich am besten verstände,
Wie ich mich selbst am besten befände.
Und Christiane dankte ihm alle seine Liebe. Sie war eine brave Hausfrau, die außer ihrem „Geheimen Rat“ und dem einzigen Sohne, der von fünf Kindern am Leben blieb, noch die vielen Gäste in sorgenden Gedanken trug. Unter der schwersten eigenen Last zeigte sie Jedermann ein munteres Wesen. Manchmal sprach sie ihre Not brieflich gegen einen fernen Freund aus, den Arzt Nikolaus Meyer in Bremen, mit dem sie fröhliche Stunden auf Bällen und Redouten vertanzt hatte. „Ich lebe ganz still und sehe fast keinen Menschen“ schrieb sie im April 1803, „das Theater nur ist meine Freude, denn wegen dem Geh. Rat lebe ich sehr in Sorge; er ist manchmal ganz hypochonder, und ich stehe oft viel aus; doch trage ich Alles gerne, da es ja nur krankhaft ist, habe aber so gar Niemanden, dem ich mich vertrauen kann. Schreiben Sie mir aberhierauf nichts, denn man muß ihm ja nicht sagen, daß er krank ist; ich glaube aber, er wird wieder einmal recht krank.“ Goethe ahnte nicht, welche Angst Christiane um ihn trug; er sah sie fast immer mit fröhlichem Gesicht. „Eine stille, ernsthafte Frau ist übel daran mit einem lustigen Manne, ein ernsthafter Mann nicht so mit einer lustigen Frau“ meinte er später einmal zu Riemer, und Der dachte sich dabei: „So dankt er Gott, daß er nicht nötig hat, lustig zu sein!“ Sie war namentlich eine treffliche Vermittlerin zu den Schauspielern und eine erwünschte Berichterstatterin über die Aufführungen. Aber auch sonst nahm sie an seinem geistigen Schaffen einen bescheidenen Anteil. Er betrachtete sie als seine Gattin, obwohl kein Priester ihren Bund gesegnet hatte. Und allmählich entstand in ihm der Entschluß, zu ihrem und seines Sohnes Vorteil die Ehe auch gesetzlich gültig zu machen. Dieser Entschluß verstärkte sich im Frühjahr 1806, weil damals Christianes Tante und Schwester starben, so daß sie nun keinen Frauen-Anhalt mehr im Hause hatte, gleichsam zu Niemand mehr gehörte. Als dann nach der Schlacht bei Jena die als „Wirtschafterin“ behandelte Person den französischen Soldaten, die auf Goethe sogar mit den Waffen eindrangen, mutig entgegengetreten war, als sie ihm vielleicht das Leben gerettet hatte, da war die rechte Stunde gekommen.
***
Es war und blieb nur eine halbe Ehe, aber beide Teile verlangten nichts Unmögliches voneinander und fühlten sich auch in der halben Ehe ziemlich wohl.Christiane redete ihren Geheimrat nach wie vor mit Sie an und lebte gewissermaßen ein Stockwerk tiefer als ihr Gatte. Dem Fremden klang es wunderlich, wenn bei einem Mittagessen im Goethe-Hause die Frau v. Goethe, die vielleicht eine Ausfahrt mit ihrer Gesellschafterin vorhatte, ihren Gatten fragte: „Erlauben Sie, daß wir uns zurückziehen?“ Wohl hatten sie einen gemeinsamen Freundeskreis, aber Jeder hatte daneben seine besondere Welt von Bekanntschaften und Neigungen. Goethes Genossin erfreute sich Dessen, daß er die Frauen gut kannte und ihnen das Recht, ihrer Natur nachzuleben, willigst einräumte und daß er die Eigenart jeder Persönlichkeit zu achten gewohnt war. Die Freiheit, deren er selber bedurfte, gönnte er auch der Gattin. Er konnte und wollte es sich nicht versagen, andere Mädchen und Frauen schön und liebenswert zu finden und ihr freundliches Lächeln zu genießen: so gestattete er auch Christianen das „Äugeln“ und scherzte mit ihr darüber. Da sie überaus gern tanzte, ließ er sie allein auf Bälle gehen, und die Leute mochten reden, was sie wollten. „Meine Frau besucht in Lauchstädt Theater und Tanzsaal“ berichtet er an Bettina v. Arnim, während er selber in Karlsbad an Silvie v. Ziegesar seine Freude hat. Und dann heißt es an Christiane: „Fräulein Silvie ist gar lieb und gut, wir haben viel zusammen spaziert; was sich in diesem Kapitel bei Dir ereignen wird, erfahre ich doch wohl auch.“ Ein anderes Jahr schreibt er wieder aus Karlsbad nach Lauchstädt: „Ich zweifle nicht, daß alter und neuer Äugelchen vollauf sein wird; dazu wünsche auch Glück; macht euch injener Gegend so viel Freude wie möglich!“ Und wie milde klingt auch seine Warnung aus etwas jüngeren Jahren: „Mit den Äugelchen geht es, merke ich, ein wenig stark; nimm Dich nur in acht, daß keine Augen daraus werden!“ Die große Wahrhaftigkeit zwischen Beiden lesen wir auch aus einem Briefe heraus, in dem er erwähnt, daß er bei Frommanns in Jena Minchen Herzlieb wiedergesehen habe. „Sie ist nun eben ein paar Jahre älter“ schreibt er seiner Frau, „an Gestalt und Betragen aber immer noch so hübsch und so artig, daß ich mir gar nicht übelnehme, sie einmal mehr als billig geliebt zu haben.“ Aber wenn er denkt, daß Christiane wohl auf seine feinen und gelehrten Freundinnen eifersüchtig sein könnte, beeilt er sich stets, ihr zu sagen, wie viel lieber sie ihm sei. Sie mag zuweilen nicht ohne Sorge an das andere Ende der Ackerwand gedacht haben, wo Frau v. Stein wohnte, die nach bitterem Gegensatz langsam wieder seine Freundin wurde; da weiß er ihr gar zart zu sagen, daß er doch nur mit ihr ganz einig, ganz heimisch sei. Als er mit einer andern hochgebildeten Dame, Marianne v. Eybenberg, in Karlsbad in einem Hause wohnte, beruhigte er sie: „Mit der lieben Hausfreundin bleibt’s, wie ich Dir schon gesagt habe; so angenehm und liebreich sie ist, so gehn wir doch nicht auseinander, daß sie nicht etwas gesagt hätte, was mich verdrießt. Es ist wie in der Ackerwand.“
Und in jedem Briefe bemühte er sich, eine Freude für sie anzubringen, ein neues Geschenk anzumelden. „Ich lege abermals ein Endchen Spitze bei, daß jakeine Sendung ohne eine kleine Gabe komme. Lebe recht wohl, liebe mich!“ – „Auch bringe ich Dir eine silberne Tee- und Milchkanne mit, zu der ich zufälligerweise ohne sonderliche Kosten gekommen bin.“ – „Ein recht zierliches Unterröckchen und einen großen Shawl nach der neuesten Mode bring ich Dir mit. In Kassel kannst Du Dir ein Hütchen kaufen und ein Kleid; sie haben die neuesten Waren so gut als irgendwo.“ Immer wieder denkt er daran, sie zu schmücken, und lebt ihre kleinen Freuden mit. „Schreibe mir ja, wie das schwarzseidene Kleid geraten ist und wann Du es zum ersten Male angehabt hast“ bittet er 1797 aus Frankfurt, und eine Woche später heißt es: „Ich bin recht wohl zufrieden, daß Du Dir die goldenen Schnuren anschaffst und Dich recht hübsch herausputzest.“
Und immer wieder versüßt er ihre Tage mit Liebesworten und spricht aus der Ferne von seinem Verlangen nach ihr und ihrem Kinde. „Mit Freuden werde ich Koppenfelsens Scheungiebel [seinem Hausgarten gegenüber] wiedersehen und Dich wieder an mein Herz drücken und Dir sagen, daß ich Dich immerfort und immer mehr liebe.“ „Lebe recht wohl und behalte mich so von Grunde des Herzens lieb wie ich Dich“ ist ein Briefschluß wie viele andere. Klagte sie ihm aber in ihrer ungelenken, naiven Ausdrucksweise, in ihrer sehr volkstümlichen Wortschreibung, daß die Leute wieder so schlecht über sie gesprochen hätten, daß etwa Frau v. Staël boshaft über sie hergezogen sei, da tröstet er sie mit schönen Worten und schließt: „Wir wollen in unserer Liebe verharren und unsimmer knapper und besser einrichten, damit wir nach unsrer Sinnesweise leben können, ohne uns um Andere zu bekümmern.“
***
Die Kinder, „so, wie Gott sie uns gab“
Am Sohne,[21]an der Schwiegertochter, an den drei Enkelkindern bewährte Goethe dieselbe Duldsamkeit, dieselbe Anerkennung der Persönlichkeit und ihres jeweiligen Zustandes, dieselbe immer neue Güte.
Gerade dem häuslichen Goethe war wenig häusliches Glück beschieden: die Gattin blieb ihm eine Halbfremde, der Sohn wurde kein glücklicher Mann, und die Schwiegertochter erfüllte seine Hoffnungen nur zum kleinsten Teile. Es kamen Zeiten, wo der alte Dichter den Sohn oder die Tochter wochenlang nicht sehen mochte und einem vertrautesten Freunde gegenüber heftig auf sie schalt. Immer wieder entschloß er sich jedoch zu freundlichster Duldsamkeit als zu dem einzigen Mittel, solche unabänderlichen Übel zu mildern. Er lobte den Sohn und die Schwiegertochter, soviel er nur konnte, stellte ihre Vorzüge in das hellste Licht und bestärkte sich immer wieder in seiner alten Gesinnung, daß man von Kindern und jüngeren Menschen nicht die Eigenschaften verlangen darf, die wir als Tugenden der älteren Jahre schätzen, und daß der Mann sich hüten muß, männliche Art von Frauen zu erwarten.
Denn wir können die Kinder nach unserm Sinne nicht formen,So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben,Sie erziehen auf’s beste und Jeglichen lassen gewähren.Denn das Eine hat die, die Anderen andere Gaben,Jedes braucht sie und Jedes ist doch nur auf eigene WeiseGut und glücklich.
Denn wir können die Kinder nach unserm Sinne nicht formen,So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben,Sie erziehen auf’s beste und Jeglichen lassen gewähren.Denn das Eine hat die, die Anderen andere Gaben,Jedes braucht sie und Jedes ist doch nur auf eigene WeiseGut und glücklich.
Denn wir können die Kinder nach unserm Sinne nicht formen,So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben,Sie erziehen auf’s beste und Jeglichen lassen gewähren.Denn das Eine hat die, die Anderen andere Gaben,Jedes braucht sie und Jedes ist doch nur auf eigene WeiseGut und glücklich.
Denn wir können die Kinder nach unserm Sinne nicht formen,
So wie Gott sie uns gab, so muß man sie haben und lieben,
Sie erziehen auf’s beste und Jeglichen lassen gewähren.
Denn das Eine hat die, die Anderen andere Gaben,
Jedes braucht sie und Jedes ist doch nur auf eigene Weise
Gut und glücklich.
Schon ehe er selber Kinder hatte, war er ein eifriger Beschützer der Kinder gegen die Erwachsenen. „Ein Blatt, das groß werden soll, ist voller Runzeln und Knittern, eh’ es sich entwickelt; wenn man nicht genug Geduld hat und es gleich so glatt haben will wie ein Weidenblatt, dann ist’s übel.“ So schrieb er an seinen Freund Jacobi in Düsseldorf, dessen Sohn schwer zu erziehen war. Der Vater – die treffliche Mutter war schon tot – hatte ihn zu Matthias Claudius nach Wandsbek zur Erziehung geschickt, danach zu der edeln Fürstin Gallitzin nach Münster; doch der Knabe tat nicht gut. Goethe redete immer zu Geduld: „Ich mische mich nicht gern in dergleichen Sachen ... aber das Kind dauert mich: es ist doch Dein und Bettys Kind und gewiß nicht zum Bösewicht, zum Nichtswürdigen geboren.“ Der Knabe wurde in der Tat kein Bösewicht, sondern ein preußischer Geheimer Regierungsrat.
Diese Duldsamkeit zeigte Goethe auch im eigenen Hause immer wieder. Der Sohn ist schon in seiner Kindheit von Charlotte v. Stein richtig gezeichnet: „Ich kann manchmal in ihm die vornehme Natur des Vaters und die gemeinere der Mutter unterscheiden. Einmal gab ich ihm ein neues Stück Geld; er drückte es an seinen Mund vor Freuden und küßte es, welches ich sonst am Vater auch gesehen habe. Ich gab ihm nochein zweites dazu, und da ruft er aus: Alle Wetter!“ August v. Goethe war ein schöner, stattlicher Mann, als Gehülfe seines Vaters und als Beamter wohl brauchbar, schließlich aber aus dem Geleise geratend, dem Weingeist verfallend, als untreuer Gatte einer untreuen Gattin zu Hause nicht glücklich, als mittelmäßig Begabter von der Größe seines Vaters bedrückt. Holtei schildert ihn, wie er ihn 1829 sah: „Seine Heiterkeit war wild und erzwungen, sein Ernst düster und schwer, seine Wehmut herzzerreißend; dabei suchte er aber immer eine gewisse Feierlichkeit der Formen zu bewahren, die oft wie eine unbewußte Nachahmung des Vaters erschien und sich deshalb im Gegensatz zum sonstigen Tun und Treiben gespenstig ausnahm.“ Und August selber läßt uns in sein Unglück hineinsehen durch Zeilen, die er Schillers Sohn Ernst in’s Stammbuch schrieb, als Dieser nach einem Besuche Weimars wieder abreiste:
Bin ich denn ganz allein?Ich habe Vater ja,Ich habe Frau,Ich habe Kinder auch,Doch keinen Freund!Er schied!
Bin ich denn ganz allein?Ich habe Vater ja,Ich habe Frau,Ich habe Kinder auch,Doch keinen Freund!Er schied!
Bin ich denn ganz allein?Ich habe Vater ja,Ich habe Frau,Ich habe Kinder auch,Doch keinen Freund!Er schied!
Bin ich denn ganz allein?
Ich habe Vater ja,
Ich habe Frau,
Ich habe Kinder auch,
Doch keinen Freund!
Er schied!
Auf einer Reise nach Italien sollte und wollte er sich von Übeln und Fehlern befreien: in Rom erlöste der Tod den Vierzigjährigen von allen Übeln und Fehlern. Der Vater verbarg auch jetzt seinen Kummer, so gut es ging, und wenn er von dem Verstorbenen sprach, suchte er die lichten Seiten auf. Aber als ermit Riemer einmal auf häusliche Dinge und besonders auf elterliche Gefühle zu sprechen kam, traten ihm Tränen in’s Auge, und er wiederholte das Wort eines Franzosen: das Zarteste, was die Natur erschaffen habe, sei ein Vaterherz.
***
August und Ottilie
„August kommt nicht wieder; desto fester müssenwirzusammenhalten“ sagte er zur Schwiegertochter, als die böse Nachricht aus Rom gekommen war. Diese Schwiegertochter, Ottilie v. Pogwisch, machte ihm viel Kummer. Das Treiben Ottiliens sei hohl, leer, es sei weder Leidenschaft, Neigung, noch wahres Interesse, es sei nur eine Wut, aufgeregt zu sein, ein abenteuerliches Treiben: so sagte er zum Kanzler einmal im Zorn über die beständigen Liebschaften Ottiliens mit den Engländern, die in Weimar lebten. Aber in der Regel lobte er, was gelobt werden konnte, und war gegen sie von größter Güte. Das Kränkende ward entschuldigt und vergessen; Ottilie blieb sein Töchterchen bis zu seiner letzten Stunde.
So sahen denn die Gäste trotz aller häuslichen Nöte im Goethehause manches schöne Familienbild. Als der böhmische Freund Grüner 1825 kam, führte ihm Goethe seine Enkel Wolfgang und Walter zu. „Sehen Sie meinem Wolf in die Augen“ sagte er; „es spricht so etwas heraus, daß ich meinen sollte, er werde ein Dichter. Mein Sohn hat keine Anlage dazu, wohl aber ist er auf seinem Platz als Kammerrat. Er versieht auch meine ganze Wirtschaft, um die ich mich nicht zu kümmern brauche. Meine Enkel machen mir vieleFreude; sie werden gut erzogen. Meine Schwiegertochter ist eine einsichtsvolle, in Sprachen geübte, im Umgange in höhern Zirkeln gewandte, unterrichtete Hausfrau. Sie dürften sich selbst bei der Soirée überzeugt haben, wie sie jeden Gast empfangen und sich bemüht hat, Jeden nach Höflichkeit zu unterhalten.“ – „Ich bewunderte“ antwortete Grüner „ihren edeln Anstand, ihr einnehmendes Wesen und ihre Sprachkenntnisse.“ – „Nun müssen Sie auch“ fuhr Goethe fort „die Sammlung meines Sohnes im Gartenhause ansehen, welches er sich für seine Passion für Petrefakte ganz eingeräumt hat.“
Alle, die Goethe im Umgang mit Kindern sahen, rühmten sein großes Geschick, mit ihnen umzugehen. Der Jüngling war in der Liebe zu den kleinen Menschen seinem Werther gleich; noch der Großvater bewährte diese Liebe am schönsten. „Er hat die Natursprache in seinem Besitz“ schreibt ein Freiherr v. Stackelberg über den Achtzigjährigen. „Es war eine Lust, ihn mit Kindern, die immer ab und zu bei ihm vorkamen, sprechen zu hören, denn er hat eine rührende Art, sich mit ihnen zu unterhalten, spricht ganz in ihrem Sinne, darum sie auch an ihm hängen und ganz mit ihm vertraut sind.“ Es ist nicht ganz Zufall, daß die letzten Menschen, die sich rühmen konnten, Goethe noch gekannt zu haben, nämlich drei sehr alt gewordene Damen: die Witwe des Staatsmanns v. der Gabelentz, die Witwe des Bleistiftfabrikanten Hardtmuth und die Witwe des Malers Karl Hummel, alle drei erzählen konnten, daß sie als Kinder von Goethe auf den Schoß genommen und gehätschelt seien.
Der Großvater
Eine jüngere Schwester der Schwiegertochter, Ulrike v. Pogwisch, wuchs mit im Hause auf. Sie erzählte später:
Wir nannten ihn immer den ‚Vatter‘; Das mochte er gern. O, Das war eine Ehrfurcht, wenn der Vatter kam, und wenn er uns anredete, dann waren wir schon glücklich. Nun mochte er es gern, daß eine von uns jungen Mädchen in seinem Zimmer verweilte, wenn er arbeitete; doch durfte Diese keine Handarbeit vornehmen. Auch wurde nur selten gesprochen, er mochte uns nur gern um sich haben. Das war mir aber zu langweilig, und so nahm ich meine Handarbeit mit. Nun gab’s ein Gezwitscher: „Die Ulrike ist zum Vatter gegangen mit Handarbeit.“ Ich kehrte mich nicht daran, und als es dem Vatter gesagt wurde, wie ungehorsam ich sei, lächelte er so ein ganz wenig – er konnte oft so ein ganz wenig lächeln, und es war dann in seinem Gesicht wie heller, warmer Sonnenschein – und sagte: „Beunruhigt nur die Kleine nicht, sie darf es.“
Wir nannten ihn immer den ‚Vatter‘; Das mochte er gern. O, Das war eine Ehrfurcht, wenn der Vatter kam, und wenn er uns anredete, dann waren wir schon glücklich. Nun mochte er es gern, daß eine von uns jungen Mädchen in seinem Zimmer verweilte, wenn er arbeitete; doch durfte Diese keine Handarbeit vornehmen. Auch wurde nur selten gesprochen, er mochte uns nur gern um sich haben. Das war mir aber zu langweilig, und so nahm ich meine Handarbeit mit. Nun gab’s ein Gezwitscher: „Die Ulrike ist zum Vatter gegangen mit Handarbeit.“ Ich kehrte mich nicht daran, und als es dem Vatter gesagt wurde, wie ungehorsam ich sei, lächelte er so ein ganz wenig – er konnte oft so ein ganz wenig lächeln, und es war dann in seinem Gesicht wie heller, warmer Sonnenschein – und sagte: „Beunruhigt nur die Kleine nicht, sie darf es.“
Ebenso durfte der Enkel Wolf im heiligsten Raume des Hauses, in des Dichters Arbeitsstube, eine Schublade des großen Tisches mit seinen Spielsachen vollpacken und sie täglich neu ordnen; Walter durfte mit seinen Bilderbüchern kommen und Erläuterungen verlangen, und Alma, die einzige Enkelin, trug ihre Puppen herbei. In dem Hausrock Goethes, der uns erhalten ist, steckt noch jetzt ein Puppenkopf. Der Großvater fütterte die Enkelkinder heimlich, wenn die Schwiegertochter sie nach der neuesten Lehre der Ärzte karg hielt. Und wenn die in der Mansarde wohnenden Kinder zu lärmend spielten, schickte er Frankfurter Gebäck hinauf; sie sollten um die einzelnen Stücke Lotto spielen: dabei mußten sie stillsitzen! Goethe war einundachtzig Jahrealt, als Eckermann und Gräfin Karoline Egloffstein einmal zusahen, wie der kleine Wolf seinem Großvater recht viel zu schaffen machte. Er kletterte auf ihm herum und saß bald auf der einen Schulter und bald auf der andern. Goethe erduldete Alles mit der größten Zärtlichkeit, so unbequem das Gewicht des zehnjährigen Knaben seinem Alter auch sein mochte. „Aber, lieber Wolf“, sagte die Gräfin, „plage doch deinen guten Großvater nicht so entsetzlich! er muß ja von deiner Last ganz ermüdet werden.“ – „Das hat gar nichts zu sagen“ erwiderte Wolf; „wir gehen bald zu Bette, und da wird der Großvater Zeit haben, sich von dieser Fatigue ganz vollkommen wieder auszuruhen.“ – „Sie sehen“, nahm Goethe das Wort, „daß die Liebe immer ein wenig impertinenter Natur ist.“
[21]Der Gegenstand der letzten Seiten ist gründlicher behandelt in meinem Buche ‚Weib und Sittlichkeit in Goethes Leben und Denken‘. Sein Verhältnis zum Sohne und zur Schwiegertochter in dem Buche ‚Goethes Sohn‘.
[21]Der Gegenstand der letzten Seiten ist gründlicher behandelt in meinem Buche ‚Weib und Sittlichkeit in Goethes Leben und Denken‘. Sein Verhältnis zum Sohne und zur Schwiegertochter in dem Buche ‚Goethes Sohn‘.
[21]Der Gegenstand der letzten Seiten ist gründlicher behandelt in meinem Buche ‚Weib und Sittlichkeit in Goethes Leben und Denken‘. Sein Verhältnis zum Sohne und zur Schwiegertochter in dem Buche ‚Goethes Sohn‘.