VI.Untergebene.
Goethe war sich stets bewußt, daß die Diener an ihrem Platze ebenso vollkommen sein können, wie er an dem seinen. „So göttlich ist die Welt eingerichtet, daß Jeder an seiner Stelle, an seinem Orte, zu seiner Zeit alles Übrige gleichwägt.“ So sagte er 1810 zu Riemer, und „wenn der Größte ins Wasser fällt und nicht schwimmen kann, zieht ihn der ärmste Hallore heraus.“ Gern bedachte er auch die Gleichheit des Menschenloses in den wichtigsten Erlebnissen: „Es ist ganz einerlei, vornehm oder gering sein: das Menschliche muß man immer ausbaden.“
Der Knecht sowie der Herr vom HausZiehen sich täglich an und aus.Sie mögen sich hoch oder niedrig messen,Müssen wachen, schlafen, trinken und essen.[12]Drum treibt’s ein Jeder, wie er’s kann:Ein kleiner Mann ist auch ein Mann!Der Hoh’ stolziert, der Kleine lacht,So hat’s ein Jeder wohl gemacht.[13]
Der Knecht sowie der Herr vom HausZiehen sich täglich an und aus.Sie mögen sich hoch oder niedrig messen,Müssen wachen, schlafen, trinken und essen.[12]Drum treibt’s ein Jeder, wie er’s kann:Ein kleiner Mann ist auch ein Mann!Der Hoh’ stolziert, der Kleine lacht,So hat’s ein Jeder wohl gemacht.[13]
Der Knecht sowie der Herr vom HausZiehen sich täglich an und aus.Sie mögen sich hoch oder niedrig messen,Müssen wachen, schlafen, trinken und essen.[12]
Der Knecht sowie der Herr vom Haus
Ziehen sich täglich an und aus.
Sie mögen sich hoch oder niedrig messen,
Müssen wachen, schlafen, trinken und essen.[12]
Drum treibt’s ein Jeder, wie er’s kann:Ein kleiner Mann ist auch ein Mann!Der Hoh’ stolziert, der Kleine lacht,So hat’s ein Jeder wohl gemacht.[13]
Drum treibt’s ein Jeder, wie er’s kann:
Ein kleiner Mann ist auch ein Mann!
Der Hoh’ stolziert, der Kleine lacht,
So hat’s ein Jeder wohl gemacht.[13]
Manchmal stellte er die „kleinen Leute“ geradezu über die Großen: wenn er erwog, daßsiedie allgemeinenErnährer sind, oder wenn er ihre Hülfsbereitschaft sah. Als es im Juni 1774 in der Frankfurter Judengasse brannte und auch Goethe „seinen Tropfen Wasser geschleppt“ hatte, bekannte er im nächsten Briefe an Schönborn: „Ich habe bei dieser Gelegenheit das gemeine Volk wieder näher kennen gelernt und bin aber- und abermal vergewissert worden, daß Das doch die besten Menschen sind.“
Auch als Weisheitslehrer nahm er Leute „aus dem Volke“ oft an, und dabei meinte er nicht nur den Spruchschatz, den sie von den Vätern her in ihren Reden zum Vorschein bringen, sondern ihre eigenen, erworbenen und bewußten Erfahrungen. 1785 schrieb er seiner Freundin Charlotte v. Stein über einen Buchbinder, der ihm seine Handschrift von ‚Wilhelm Meisters theatralischer Sendung‘ vor seinen Augen zusammenheften mußte: „Unter der Arbeit erzählte er mir seine Geschichte und sprach über sein Leben; jedes Wort, das er sagte, war so schwer wie Gold, und ich verweise Dich auf ein Dutzend Lavaterischer Pleonasmen, um Dir die Ehrfurcht auszudrücken, die ich für den Menschen empfand.“ In späteren Jahren nannte er in einem Aufsatze neben dem hochberühmten Geschichtsschreiber und Philosophen Plutarch den gothaischen Schuhmacher Steube als einen Zeugen für die göttliche Leitung des Menschenlebens. Und von drei andern Kleinen gab er die von ihnen niedergeschriebenen Erinnerungen heraus und leitete sie mit eigenen Betrachtungen ein: von dem Bibliotheksdiener Sachse, dem Gastwirt, früheren Diener, Soldaten und BarbierlehrlingMämpel und einem ungenannten Elsässer, der als Landmann zu Napoleons Truppen gepreßt wurde und in Spanien Mämpels Kriegskamerad war.
Wegen seiner Sammlungen hatte Goethe oft mit schlichten Handwerkern zu tun, die sich durch ihre Kenntnisse auszeichneten. Sehr auffällig war sein Besuch bei Karl Huß in Eger und daß er sogar an dieses Mannes Tische aß, denn Huß war von Beruf Scharfrichter und also nach der Auffassung jener Zeit „unehrlich.“
***
Der Wert der Armen
Den ihm unterstellten Beamten gönnte Goethe ziemlichen Ellbogenraum. „Ich suche jeden Untergebenen frei im gemessenen Kreise sich bewegen zu lassen, damit er auch fühle, daß er ein Mensch sei. Es kommt alles auf denGeistan, den man einem öffentlichen Wesen einhaucht.“ Er wünschte, daß auch jeder Diener seine Besorgung für recht wichtig ansehe. Und wie er selber Tagebuch führte, mußten auch die bei den Bibliotheken in Weimar und Jena Angestellten sauber geschriebene Tagebücher halten, worin Witterung, Besuche, Eingänge und Vorgänge jeder Art sowie das an jedem Tage Geleistete aufgezeichnet wurden. „So wird den Leuten erst lieb, was sie treiben, wenn sie es stets mit einer gewissen Wichtigkeit anzusehen gewohnt werden, stets in gespannter Aufmerksamkeit auch auf das Kleinste bleiben.“ Goethe ließ sich diese Tagebücher aus Jena regelmäßig senden und freute sich herzlich, wenn sie ihm die Überzeugung gaben, „daß die sämtlichen Verfasser bei Fortsetzung derselben sich zu eigener Satisfaktion, zu pflichtmäßiger Beruhigung und Legitimation arbeiten.“
„Das ist ein prächtiger Herr“ urteilte der jenaische Hofgärtner, als man ihn im Frühjahr 1820 nach Goethe fragte. „Den schätz’ ich am höchsten – Das heißt, nächst dem lieben Gott – und wer ihn kennt und ihn nicht schätzt, Das ist kein christlicher Mensch, und Das will ich Jedem in’s Gesicht sagen. Und sehen Sie, er ist so ein christlicher Herr; er läßt mit sich reden, denn er denkt: leben und leben lassen!“
***
Die Schauspieler
Zu den ihm Unterstellten gehörten auch die Schauspieler, und dieses Völkchen war zu allen Zeiten schwer zu regieren. „Ich will mit dem Schauspielervolk nichts mehr zu schaffen haben“ schrieb ihm Schiller einmal, „denn durch Vernunft und Gefälligkeit ist nichts auszurichten; es gibt nur ein einziges Verhältnis zu ihnen, den kurzen Imperativ, den ich nicht auszuüben habe.“
Goethes Grundsatz im Theater war: stets die Paragraphen der Hausgesetze entscheiden lassen. „Bei Schauspielern muß man in der Ordnung streng am Buchstaben halten, sie sind Meister in Ausflüchten“ schrieb er 1798 an Kirms. Aber als Jemand einmal bemerkte, es möge wohl schwer sein, ein Theater in gehöriger Ordnung zu halten, sprach er die Worte, die sich jeder Regierende in’s Album schreiben sollte: „Sehr viel ist zu erreichen durch Strenge, mehr durch Liebe, das meiste aber durch Einsicht und eine unparteiische Gerechtigkeit, bei der kein Ansehn der Person gilt.“
Die Liebe, die er zu seinem Schauspieler- und Theatergehülfen-Völkchen hatte, sprach Goethe auchöffentlich mit herzlichen Worten aus. Jeder aus dem noch so vielfach verachteten Stande der „vor Hunger kaum, vor Schande nie bewahrten“ Komödianten mußte mit Lust die Gedichte ‚Auf Miedings Tod‘ und ‚Euphrosyne‘ lesen. Mieding war ein schlichter Tischler, aber kunstfertig, eifrig, anspruchslos und für das fürstliche Liebhabertheater ebenso unentbehrlich wie dessen beste Darstellerin Korona Schröter. Beide verherrlichte Goethe öffentlich, als Mieding an der Schwindsucht gestorben war; aus Koronas Händen läßt er den ehrenden Kranz in Miedings Grab fallen.
Sie tritt herbei. Seht sie gefällig stehn,Nur absichtslos, doch wie mit Absicht schön,Und hoch erstaunt seht Ihr in ihr vereintEin Ideal, das Künstlern nur erscheint.Anständig führt die leis’ erhobne HandDen schönsten Kranz, umknüpft von Trauerband.Der Rose frohes, volles Angesicht,Das treue Veilchen, der Narzisse Licht,Vielfält’ger Nelken, eitler Tulpen Pracht.Von Mädchenhand geschickt hervorgebracht,Durchschlungen von der Myrte sanfter Zier,Vereint die Kunst zum Trauerschmucke hier,Und durch den schwarzen, leichtgeknüpften FlorSieht eine Lorbeerspitze still hervor.Es schweigt das Volk. Mit Augen voller GlanzWirft sie in’s Grab den wohlverdienten Kranz.Sie öffnet ihren Mund, und lieblich fließtDer weiche Ton, der sich um’s Herz ergießt.Sie spricht: Den Dank für Das, was du getan,Geduldet, nimm, du Abgeschiedner an!Der Gute wie der Böse müht sich viel,Und Beide bleiben weit von ihrem Ziel.Dir gab ein Gott in holder steter KraftZu deiner Kunst die ew’ge Leidenschaft.Sie war’s, die dich zur bösen Zeit erhielt,Mit der du krank als wie ein Kind gespielt,Die auf den blassen Mund ein Lächeln rief,In deren Arm dein müdes Haupt entschlief!
Sie tritt herbei. Seht sie gefällig stehn,Nur absichtslos, doch wie mit Absicht schön,Und hoch erstaunt seht Ihr in ihr vereintEin Ideal, das Künstlern nur erscheint.Anständig führt die leis’ erhobne HandDen schönsten Kranz, umknüpft von Trauerband.Der Rose frohes, volles Angesicht,Das treue Veilchen, der Narzisse Licht,Vielfält’ger Nelken, eitler Tulpen Pracht.Von Mädchenhand geschickt hervorgebracht,Durchschlungen von der Myrte sanfter Zier,Vereint die Kunst zum Trauerschmucke hier,Und durch den schwarzen, leichtgeknüpften FlorSieht eine Lorbeerspitze still hervor.Es schweigt das Volk. Mit Augen voller GlanzWirft sie in’s Grab den wohlverdienten Kranz.Sie öffnet ihren Mund, und lieblich fließtDer weiche Ton, der sich um’s Herz ergießt.Sie spricht: Den Dank für Das, was du getan,Geduldet, nimm, du Abgeschiedner an!Der Gute wie der Böse müht sich viel,Und Beide bleiben weit von ihrem Ziel.Dir gab ein Gott in holder steter KraftZu deiner Kunst die ew’ge Leidenschaft.Sie war’s, die dich zur bösen Zeit erhielt,Mit der du krank als wie ein Kind gespielt,Die auf den blassen Mund ein Lächeln rief,In deren Arm dein müdes Haupt entschlief!
Sie tritt herbei. Seht sie gefällig stehn,Nur absichtslos, doch wie mit Absicht schön,Und hoch erstaunt seht Ihr in ihr vereintEin Ideal, das Künstlern nur erscheint.Anständig führt die leis’ erhobne HandDen schönsten Kranz, umknüpft von Trauerband.Der Rose frohes, volles Angesicht,Das treue Veilchen, der Narzisse Licht,Vielfält’ger Nelken, eitler Tulpen Pracht.Von Mädchenhand geschickt hervorgebracht,Durchschlungen von der Myrte sanfter Zier,Vereint die Kunst zum Trauerschmucke hier,Und durch den schwarzen, leichtgeknüpften FlorSieht eine Lorbeerspitze still hervor.Es schweigt das Volk. Mit Augen voller GlanzWirft sie in’s Grab den wohlverdienten Kranz.Sie öffnet ihren Mund, und lieblich fließtDer weiche Ton, der sich um’s Herz ergießt.Sie spricht: Den Dank für Das, was du getan,Geduldet, nimm, du Abgeschiedner an!Der Gute wie der Böse müht sich viel,Und Beide bleiben weit von ihrem Ziel.Dir gab ein Gott in holder steter KraftZu deiner Kunst die ew’ge Leidenschaft.Sie war’s, die dich zur bösen Zeit erhielt,Mit der du krank als wie ein Kind gespielt,Die auf den blassen Mund ein Lächeln rief,In deren Arm dein müdes Haupt entschlief!
Sie tritt herbei. Seht sie gefällig stehn,
Nur absichtslos, doch wie mit Absicht schön,
Und hoch erstaunt seht Ihr in ihr vereint
Ein Ideal, das Künstlern nur erscheint.
Anständig führt die leis’ erhobne Hand
Den schönsten Kranz, umknüpft von Trauerband.
Der Rose frohes, volles Angesicht,
Das treue Veilchen, der Narzisse Licht,
Vielfält’ger Nelken, eitler Tulpen Pracht.
Von Mädchenhand geschickt hervorgebracht,
Durchschlungen von der Myrte sanfter Zier,
Vereint die Kunst zum Trauerschmucke hier,
Und durch den schwarzen, leichtgeknüpften Flor
Sieht eine Lorbeerspitze still hervor.
Es schweigt das Volk. Mit Augen voller Glanz
Wirft sie in’s Grab den wohlverdienten Kranz.
Sie öffnet ihren Mund, und lieblich fließt
Der weiche Ton, der sich um’s Herz ergießt.
Sie spricht: Den Dank für Das, was du getan,
Geduldet, nimm, du Abgeschiedner an!
Der Gute wie der Böse müht sich viel,
Und Beide bleiben weit von ihrem Ziel.
Dir gab ein Gott in holder steter Kraft
Zu deiner Kunst die ew’ge Leidenschaft.
Sie war’s, die dich zur bösen Zeit erhielt,
Mit der du krank als wie ein Kind gespielt,
Die auf den blassen Mund ein Lächeln rief,
In deren Arm dein müdes Haupt entschlief!
Noch tiefer ergriffen war Goethe, als Christiane Neumann, die er selber zur Schauspielerin herangebildet hatte, die er gern Euphrosyne, die Frohsinnige, nannte – sie führte diesen Namen in einer ihrer Rollen –, als ganz junge Frau starb. In den schweizerischen Bergen erhielt er die Nachricht; ihm war es, als ob die Seele der Gestorbenen ihm nachgeeilt sei, um auch von ihm noch Abschied zu nehmen. Und er hörte ihre Bitte:
Laß nicht ungerühmt mich zu den Schatten hinabgehn!Nur die Muse gewährt einiges Leben dem Tod.Denn gestaltlos schweben umher in PersephoneiasReiche, massenweis’, Schatten vom Namen getrennt;Wen der Dichter aber gerühmt, Der wandelt, gestaltet,Einzeln, gesellet dem Chor aller Heroen sich zu.Freudig tret’ ich einher, von deinem Liede verkündet ...
Laß nicht ungerühmt mich zu den Schatten hinabgehn!Nur die Muse gewährt einiges Leben dem Tod.Denn gestaltlos schweben umher in PersephoneiasReiche, massenweis’, Schatten vom Namen getrennt;Wen der Dichter aber gerühmt, Der wandelt, gestaltet,Einzeln, gesellet dem Chor aller Heroen sich zu.Freudig tret’ ich einher, von deinem Liede verkündet ...
Laß nicht ungerühmt mich zu den Schatten hinabgehn!Nur die Muse gewährt einiges Leben dem Tod.Denn gestaltlos schweben umher in PersephoneiasReiche, massenweis’, Schatten vom Namen getrennt;Wen der Dichter aber gerühmt, Der wandelt, gestaltet,Einzeln, gesellet dem Chor aller Heroen sich zu.Freudig tret’ ich einher, von deinem Liede verkündet ...
Laß nicht ungerühmt mich zu den Schatten hinabgehn!
Nur die Muse gewährt einiges Leben dem Tod.
Denn gestaltlos schweben umher in Persephoneias
Reiche, massenweis’, Schatten vom Namen getrennt;
Wen der Dichter aber gerühmt, Der wandelt, gestaltet,
Einzeln, gesellet dem Chor aller Heroen sich zu.
Freudig tret’ ich einher, von deinem Liede verkündet ...
Günstlinge
Solche Liebe zu den Untergebenen wächst, wenn es angenehme Menschen sind, gar leicht in allzu große Gunst hinein, und nirgends ist die Versuchung zur Günstlingswirtschaft größer als bei der Leitung eines Theaters. Goethe aber wußte und lehrte: „Man muß stets die Gunstverteilen, sonst windet man das Ruder sich selbst aus der Hand.“ Zu Eckermann sagte er, als von den Schwierigkeiten der Theaterleitung die Rede war:
Ich hatte mich vor zwei Feinden zu hüten. Das Eine war meine leidenschaftliche Liebe des Talents, die leicht inden Fall kommen konnte, mich parteiisch zu machen. Das Andere will ich nicht aussprechen, aber Sie werden es erraten. Es fehlte bei unserm Theater nicht an Frauenzimmern, die schön und jung und dabei von großer Anmut der Seele waren. Ich fühlte mich zu Mancher leidenschaftlich hingezogen; auch fehlte es nicht, daß man mir auf halbem Wege entgegenkam. Allein ich faßte mich und sagte:Nicht weiter!Ich kannte meine Stellung und wußte, was ich ihr schuldig war. Ich stand hier nicht als Privatmann, sondern als Chef einer Anstalt, deren Gedeihen mir mehr galt als mein augenblickliches Glück. Hätte ich mich in irgend einen Liebeshandel eingelassen, so würde ich geworden sein wie ein Kompaß, der unmöglich recht zeigen kann, wenn er einen einwirkenden Magnet an seiner Seite hat. Dadurch aber, daß ich mich durchaus rein erhielt und immer Herr meiner selbst blieb, blieb ich auch Herr des Theaters, und es fehlte mir nie die nötige Achtung, ohne welche jede Autorität bald dahin ist.
Ich hatte mich vor zwei Feinden zu hüten. Das Eine war meine leidenschaftliche Liebe des Talents, die leicht inden Fall kommen konnte, mich parteiisch zu machen. Das Andere will ich nicht aussprechen, aber Sie werden es erraten. Es fehlte bei unserm Theater nicht an Frauenzimmern, die schön und jung und dabei von großer Anmut der Seele waren. Ich fühlte mich zu Mancher leidenschaftlich hingezogen; auch fehlte es nicht, daß man mir auf halbem Wege entgegenkam. Allein ich faßte mich und sagte:Nicht weiter!Ich kannte meine Stellung und wußte, was ich ihr schuldig war. Ich stand hier nicht als Privatmann, sondern als Chef einer Anstalt, deren Gedeihen mir mehr galt als mein augenblickliches Glück. Hätte ich mich in irgend einen Liebeshandel eingelassen, so würde ich geworden sein wie ein Kompaß, der unmöglich recht zeigen kann, wenn er einen einwirkenden Magnet an seiner Seite hat. Dadurch aber, daß ich mich durchaus rein erhielt und immer Herr meiner selbst blieb, blieb ich auch Herr des Theaters, und es fehlte mir nie die nötige Achtung, ohne welche jede Autorität bald dahin ist.
Gegen ältere Schauspieler gab Goethe seiner Unzufriedenheit nie strenge Worte; sein Tadel war nie verletzend. Z. B.: „Nun, Das ist ja gar nicht übel, obgleich ich mir den Moment so gedacht habe; überlegen wir uns Das bis zur nächsten Probe, vielleicht stimmen dann unsere Ansichten überein.“ Widerspruch nahm er auch hier gut auf, wo er berechtigt war. Bei einer Theaterprobe las der sonst fleißige Schauspieler Unzelmann seine Worte aus der Rolle ab. Sogleich ertönte Goethes mächtige Baßstimme aus seiner Loge hinter dem Parterre: „Ich bin es nicht gewohnt, daß man seine Aufgaben abliest.“ Unzelmann entschuldigte sich, seine Frau liege seit mehreren Tagen krank darnieder, deshalb hätte er nicht zum Lernen kommen können. „Ei was!“ rief Goethe, „der Tag hat vierundzwanzigStunden, die Nacht mit eingerechnet.“ Unzelmann trat bis in’s Proszenium vor und sagte: „Euere Exzellenz haben vollkommen recht, der Tag hat vierundzwanzig Stunden, die Nacht mit eingerechnet. Aber ebensogut wie der Staatsmann und der Dichter der Nachtruhe bedarf, ebensogut bedarf ihrer der arme Schauspieler, der öfter Possen reißen muß, wenn ihm das Herz blutet. Euere Exzellenz wissen, daß ich stets meiner Pflicht nachkomme, aber in solchem Falle bin ich wohl zu entschuldigen.“
Diese kühne Rede erregte allgemeines Erstaunen, und Jeder stand erwartungsvoll, was nun kommen würde. Nach einer Pause rief Goethe mit kräftiger Stimme: „Die Antwort paßt! Weiter!“
Als der Kanzler v. Müller ein halbes Jahr nach Goethes Tod vor der Erfurter Akademie gemeinnütziger Wissenschaften eine Vorlesung über seinen großen Freund hielt, betonte er auch Goethes gutes Verhältnis zu seinen Schauspielern:
Nirgends vermochte Goethe den Zauber seiner imposanten Persönlichkeit freier zu üben und geltend zu machen als unter seinen dramatischen Jüngern. Streng und ernst in seinen Forderungen, unabwendlich in seinen Beschlüssen, rasch und freudig jedes Gelingen anerkennend, das Kleinste wie das Größte beachtend und eines Jeden verborgenste Kraft hervorrufend, wirkte er im gemessenen Kreise, ja, meist bei geringen Mitteln, oft das Unglaubliche. Schon sein ermunternder Blick war reiche Belohnung, sein wohlwollendes Wort unschätzbare Gabe. Jeder fühlte sich größer und kräftiger an der Stelle, woerihn hingestellt, und der Stempel seines Beifalls schien dem ganzen Leben höhere Weihe zu gewähren. Man muß es selbst gesehen und gehört haben, wie dieVeteranen aus jener Zeit des heitersten Zusammenwirkens von Goethe und Schiller noch jetzt mit heiliger Treue jede Erinnerung an diese ihre Heroen bewahren, mit Entzücken einzelne Züge ihres Waltens wiedergeben und schon bei Nennung ihrer Namen sich leuchtenden Blickes gleichsam verjüngen, wenn man ein vollständiges Bild der liebevollen Anhänglichkeit und des Enthusiasmus gewinnen will, die jene großartigen Naturen einzuflößen vermochten.
Nirgends vermochte Goethe den Zauber seiner imposanten Persönlichkeit freier zu üben und geltend zu machen als unter seinen dramatischen Jüngern. Streng und ernst in seinen Forderungen, unabwendlich in seinen Beschlüssen, rasch und freudig jedes Gelingen anerkennend, das Kleinste wie das Größte beachtend und eines Jeden verborgenste Kraft hervorrufend, wirkte er im gemessenen Kreise, ja, meist bei geringen Mitteln, oft das Unglaubliche. Schon sein ermunternder Blick war reiche Belohnung, sein wohlwollendes Wort unschätzbare Gabe. Jeder fühlte sich größer und kräftiger an der Stelle, woerihn hingestellt, und der Stempel seines Beifalls schien dem ganzen Leben höhere Weihe zu gewähren. Man muß es selbst gesehen und gehört haben, wie dieVeteranen aus jener Zeit des heitersten Zusammenwirkens von Goethe und Schiller noch jetzt mit heiliger Treue jede Erinnerung an diese ihre Heroen bewahren, mit Entzücken einzelne Züge ihres Waltens wiedergeben und schon bei Nennung ihrer Namen sich leuchtenden Blickes gleichsam verjüngen, wenn man ein vollständiges Bild der liebevollen Anhänglichkeit und des Enthusiasmus gewinnen will, die jene großartigen Naturen einzuflößen vermochten.
***
Schauspieler
„WennSiees nicht machen wollen, so mache ich es selber“ war ein Trumpf, den Goethe gegen Untergebene ausspielen konnte. „Und sie wußten, daß ich verrückt genug war, mein Wort zu halten und das Tollste zu tun“ fügte er hinzu, als er von dem Schauspieler Becker erzählte, dem eine Rolle zu unbedeutend für seine hohe Persönlichkeit erschienen war. Als sein Diener Stadelmann immer noch keine Wischtücher zum Abstauben der Kunstmappen besorgt hatte, da schalt er: „Ich erinnere dich heute zum letzten Male! Gehst du nicht noch heute, die oft verlangten Tücher zu kaufen, so gehe ich morgen selbst, und du sollst sehn, daß ich Wort halte.“ Auch aus solchem Schelten hörte man heraus, daß Goethe es gut meinte. Er machte sich viele Gedanken um das gute Fortkommen seiner Diener und Untergebenen. Für den Bibliotheksdiener erbat er 1805 vom Herzog sogar die Erlaubnis, sich von den Personen, die die Bibliothek benützten, ein Neujahrs-Trinkgeld erbitten zu dürfen, denn „zur allgemeinen Bettelei dürfte wohl auch Diese billig hinzukommen;“ die Finanzen des Ländchens mögen in jenen Kriegszeiten ihre Verwalter nicht zu Stolz und Freigebigkeit gestimmt haben. Bei seineneigenen Dienern wünschte er, daß sie das Rasieren, die Gartenarbeit oder dergleichen Leistungen lernten, die ihnen später von Nutzen sein und sie jetzt schon vor Müßiggang bewahren konnten. Als er nach Karl Augusts Tode auf der Dornburg an sein eigenes Ende viel dachte, da fragte er sich auch, was aus seinen Bedienten dann werde, und er sprach darüber mit dem Gärtner und dem Barbier, den er reichlich belohnte.
Ebenda war es, daß sein Sekretär John und sein Diener Friedrich Krause mit dem Gärtner Sckell sich einen fröhlichen Nachmittag machten, wobei ihnen der Dornburger Wein so sehr zu Kopfe stieg, daß sie nach der Heimkehr sogleich in schweren Schlummer sanken. Goethe rief vergebens nach ihnen, als sie zu ihren gewohnten Diensten nicht kamen. Am andern Morgen erschraken sie sehr, als sie ihre Pflichtvergessenheit bemerkten. Ganz besonders war Friedrich erschrocken; er wollte sich gar nicht beruhigen lassen. Als ihn bald darauf Goethe rief und den Kaffee zu bringen befahl, wurde er totenbleich und wankte mit schlotternden Gliedern die Treppe hinauf. „Neugierig, was Goethe wohl sagen werde, schlich ich mich hinter dem Bedienten her“ – so erzählt Sckell – „und blieb horchend an der Tür stehen. Als der Bediente eingetreten war, sagte Goethe: „Na, na, Friedrich! du zitterst ja wie ein armer Sünder. Setze nur das Kaffeebrett ab, sonst lässest du es noch fallen! Nicht wahr, du glaubst, ich werde dich recht auszanken? Das tue ich nicht; du hast ja deine Strafe wohl so schon bekommen? Wie sieht es denn heute hier aus?“ fuhr er fort, sich mitdem Zeigefinger über die Stirn streichend. „Setz nur ab und gehe! Es ist abgemacht!“ – Hocherfreut, mit diesem kleinen Verweise davongekommen zu sein, verließ der Bediente das Zimmer.
Diener und Köchinnen
An Schärfe fehlte es Goethen gegen seine Diener freilich auch nicht, wenn er mit der Geduld schließlich nicht zum Ziele kam. Und wenn er Jemand entließ, so nahm er es ernst mit der Polizei-Verordnung, die es den Herrschaften zur Pflicht macht, die Dienstboten „nicht bloß mit allgemeinen und unbedeutenden Attesten zu entlassen, sondern darin gewissenhaft ihr Gutes und ihre Mängel auseinanderzusetzen.“ Als er im März 1811 eine Köchin wegschickte, die er als „eine der boshaftesten und inkorrigibelsten Personen“ befunden hatte, schrieb er ihr folgendes aufrichtiges Zeugnis:
Charlotte Hoyer hat zwei Jahre in meinem Hause gedient. Für eine Köchin kann sie gelten, und ist zuzeiten folgsam, höflich, sogar einschmeichelnd. Allein durch die Ungleichheit ihres Betragens hat sie sich zuletzt ganz unerträglich gemacht. Gewöhnlich beliebt es ihr nur nach eigenem Willen zu handeln und zu kochen; sie zeigt sich widerspenstig, zudringlich, grob, und sucht Diejenigen, die ihr zu befehlen haben, auf alle Weise zu ermüden. Unruhig und tückisch, verhetzt sie ihre Mitdienenden und macht ihnen, wenn sie nicht mit ihr halten, das Leben sauer. Außer andern verwandten Untugenden hat sie noch Die, daß sie an den Türen horcht.
Charlotte Hoyer hat zwei Jahre in meinem Hause gedient. Für eine Köchin kann sie gelten, und ist zuzeiten folgsam, höflich, sogar einschmeichelnd. Allein durch die Ungleichheit ihres Betragens hat sie sich zuletzt ganz unerträglich gemacht. Gewöhnlich beliebt es ihr nur nach eigenem Willen zu handeln und zu kochen; sie zeigt sich widerspenstig, zudringlich, grob, und sucht Diejenigen, die ihr zu befehlen haben, auf alle Weise zu ermüden. Unruhig und tückisch, verhetzt sie ihre Mitdienenden und macht ihnen, wenn sie nicht mit ihr halten, das Leben sauer. Außer andern verwandten Untugenden hat sie noch Die, daß sie an den Türen horcht.
Charlotte Hoyer hatte keine Ahnung, welchen Preis ihr von Goethe gezeichnetes Charakterbild bei Liebhabern später haben würde, und riß es auf der Treppe in hundert Stücke. Goethe schickte die Beweise dieser neuen Frechheit der Polizei zu, deren „einsichtsvollemErmessen“ er „die Ahndung einer solchen Verwegenheit“ anheimgab.
Aber auch von einer wackeren Köchin wissen wir, wie sie zu Goethe als ihrem zeitweiligen Herrn stand. Henriette Hunger war seit 1817 bei dem Verleger Frommann in Jena in Stellung; ihre Erinnerungen erzählt sie am besten in eigener Sprech- und Schreibweise:
Göhte war ein treuer Freund zu Frommanns. Alle Morgen 11 Uhr fuhr Göhte vor Und machten Seinen Morgenbesuch. Wobei ich auch das Unglück hatte, Göhte mit Eine Butte Wasser zu überschitten. Göhte wollte mich die Tür halten aus Bescheidenheit und ich ebenfalls, ich versah das Tembo und war in fallen und Göhte wollte mich halten und bekam die Wasserbutte auf den Halz, ich zum Tode Erschrocken. Madam und Fräulein Frommann Kamen mit Tüchern und beseitigten das nasse Element. Göhte fuhr nach Haus um sich umzukleiden. Deßhalb gab es keine Feindschaft. Den andern Morgen war Göhte wieder da und lachte. Göhte war nachdem in den botanischen Garten gezogen wolte aber nicht lange mehr in Jena bleiben, weil Ihn das Essen aus den Speisehäusern nicht Schmeckte. Frommanns wolten Göhte gerne für sich und Jena Erhalten, der Grund war das Essen wie anfangen, die Madam Fromman Eine sehr kluge Dame sann hin und hehr. Endlich kam sie auf Ihre Köchin, das war ich. Sie ließ mich in Ihr Zimmer kommen und sagte, ich habe ein großes anliegen an Dich was G. betrift und Du die Hauptperson bist (Du die Hauptperson? dachte ich) willst Du für G. Kochen den Mittagstisch übernehmen Meine Speisekammer Steht Dir Ofen, thue es, ich werde Dirs niemals vergessen, nach langes Zureden gab ich mein Wort. An Göhte geschriben das Ihre Köchin für Ihn den Mittags Tisch übernehmen wolte, mit Freuden Nehme ich dis An – war die Rückantwort. So kochte ich ein halbes Jahr für den Großen Mann zu danke.Göhte nahm sich gegen mich nicht als wäre ich Köchin sondern als wäre ich mehr, wenn ich mit meinen Zettel kam, lag Schon was Schönes da, anzusehen für mich, Kurz ich kam mich vor als gehörte ich der gelehrten Welt mit an. – –
Göhte war ein treuer Freund zu Frommanns. Alle Morgen 11 Uhr fuhr Göhte vor Und machten Seinen Morgenbesuch. Wobei ich auch das Unglück hatte, Göhte mit Eine Butte Wasser zu überschitten. Göhte wollte mich die Tür halten aus Bescheidenheit und ich ebenfalls, ich versah das Tembo und war in fallen und Göhte wollte mich halten und bekam die Wasserbutte auf den Halz, ich zum Tode Erschrocken. Madam und Fräulein Frommann Kamen mit Tüchern und beseitigten das nasse Element. Göhte fuhr nach Haus um sich umzukleiden. Deßhalb gab es keine Feindschaft. Den andern Morgen war Göhte wieder da und lachte. Göhte war nachdem in den botanischen Garten gezogen wolte aber nicht lange mehr in Jena bleiben, weil Ihn das Essen aus den Speisehäusern nicht Schmeckte. Frommanns wolten Göhte gerne für sich und Jena Erhalten, der Grund war das Essen wie anfangen, die Madam Fromman Eine sehr kluge Dame sann hin und hehr. Endlich kam sie auf Ihre Köchin, das war ich. Sie ließ mich in Ihr Zimmer kommen und sagte, ich habe ein großes anliegen an Dich was G. betrift und Du die Hauptperson bist (Du die Hauptperson? dachte ich) willst Du für G. Kochen den Mittagstisch übernehmen Meine Speisekammer Steht Dir Ofen, thue es, ich werde Dirs niemals vergessen, nach langes Zureden gab ich mein Wort. An Göhte geschriben das Ihre Köchin für Ihn den Mittags Tisch übernehmen wolte, mit Freuden Nehme ich dis An – war die Rückantwort. So kochte ich ein halbes Jahr für den Großen Mann zu danke.Göhte nahm sich gegen mich nicht als wäre ich Köchin sondern als wäre ich mehr, wenn ich mit meinen Zettel kam, lag Schon was Schönes da, anzusehen für mich, Kurz ich kam mich vor als gehörte ich der gelehrten Welt mit an. – –
Seine männlichen Diener gehörten erst recht „der gelehrten Welt mit an.“
Philipp Seidel
Als Goethe 1775 nach Weimar reiste, brachte er einen um sechs Jahre jüngeren Landsmann aus der Kleinen Eschenheimergasse, Philipp Seidel, als sein Faktotum nach Weimar mit. Philipp war auch Schreiber für seinen Herrn und wurde, als die eigene Wirtschaft eingerichtet wurde, eine Art Haushofmeister und Kassenverwalter. Christoph Sutor und die Köchin Dorothee waren seine ersten Untergebenen; vorher hatte er selber die Eierkuchen für seinen Herrn und sich gebacken. Wir wissen, daß Goethe allein mit diesem Diener in seinem Gartenhause den Abend verbrachte und mit ihm in der gleichen engen Kammer schlief. „Mit meinem Philipp von seiner und meiner Welt geschwätzt“ heißt es in einem Briefe Goethes; Philipp aber berichtete an einen Frankfurter Freund, wie weit diese Gespräche gingen.
Stell’ Dir die erschreckliche Wendung vor: von Liebesgeschichten auf die Insel Korsika, und auf Dieser blieben wir in dem größsten und hitzigsten Handgemenge bis morgens gegen Viere. Die Frage, über die mit so viel Heftigkeit als Gelehrsamkeit gestritten wurde, war Diese: ob ein Volk nicht glücklicher sei, wenn’s frei ist, als wenn’s unter dem Befehl eines souveränen Herrn steht. Denn ich sagte: die Korsen sind wirklich unglücklich. Er sagte: nein, es ist ein Glück für sie und ihre Nachkommen; sie werden nur verfeinert, entwildert, lernen Künste und Wissenschaften, statt sie zuvor rohund wild waren. Herr! – sagte ich – ich hätt’ den Teufel von seinen Verfeinerungen und Veredelungen auf Kosten meiner Freiheit, die eigentlich unser Glück macht.
Stell’ Dir die erschreckliche Wendung vor: von Liebesgeschichten auf die Insel Korsika, und auf Dieser blieben wir in dem größsten und hitzigsten Handgemenge bis morgens gegen Viere. Die Frage, über die mit so viel Heftigkeit als Gelehrsamkeit gestritten wurde, war Diese: ob ein Volk nicht glücklicher sei, wenn’s frei ist, als wenn’s unter dem Befehl eines souveränen Herrn steht. Denn ich sagte: die Korsen sind wirklich unglücklich. Er sagte: nein, es ist ein Glück für sie und ihre Nachkommen; sie werden nur verfeinert, entwildert, lernen Künste und Wissenschaften, statt sie zuvor rohund wild waren. Herr! – sagte ich – ich hätt’ den Teufel von seinen Verfeinerungen und Veredelungen auf Kosten meiner Freiheit, die eigentlich unser Glück macht.
Philipp war ein recht praktisch angelegter Mensch; schon mit dreiundzwanzig Jahren begann er als Nebenverdienst eine Flachsspinnerei und einen Strumpfverlag. Goethe benutzte ihn wegen dieser Talente auch für seine gemeinnützigen Zwecke; als er den Vorsitz der Kriegskommission übernahm und die Garnisonschule nach dem Muster der Frankfurter Stadtschule verbesserte, da gründeten Herr und Diener gemeinsam auch eine Strick-, Näh- und Spinnschule für die Soldatenkinder, und sie verfaßten gemeinsam eine ‚Anweisung zum Spinnen‘.
Am wertvollsten wurde der Diener seinem Herrn, als dieser nach Italien ging und daheim eines sehr zuverlässigen Verwalters und Stellvertreters bedurfte. Philipp besorgte nun alle Haus- und Kassengeschäfte, berichtete die kleinen und großen weimarischen Ereignisse, überbrachte Andern die Sendungen und Bestellungen seines Herrn; ja, er öffnete im Anfang die an Diesen gelangenden Briefe und grüßte Hoch und Niedrig von dem Abwesenden, je nachdem er, Philipp, es für angebracht hielt. Das war dem Dichter recht. Aus Rom schreibt er:
Du gehst zu den Herren Geheimräten und machst von hier aus meine besten Empfehlungen und empfiehlst mich ihrem Andenken. Ein Gleiches kannst Du bei Herrn und Frau v. Wedel und bei den Hofdamen tun. Fällt Dir sonst noch Jemand ein, so tue das Gleiche; ich gebe Dir Vollmacht; wo Du es schicklich und artig hältst, gebe ich Dir Vollmacht. Schreibe mir nur nachher, wen Du gegrüßt hast.
Du gehst zu den Herren Geheimräten und machst von hier aus meine besten Empfehlungen und empfiehlst mich ihrem Andenken. Ein Gleiches kannst Du bei Herrn und Frau v. Wedel und bei den Hofdamen tun. Fällt Dir sonst noch Jemand ein, so tue das Gleiche; ich gebe Dir Vollmacht; wo Du es schicklich und artig hältst, gebe ich Dir Vollmacht. Schreibe mir nur nachher, wen Du gegrüßt hast.
Aus Neapel heißt es dann:
Bleibe ja dabei, und ich fordere Dich dazu auf, mir über Alles, was mich sonst angeht und was Du sonst gut finden magst, Deine Meinung unverhohlen, ja ohne Einleitung und Entschuldigung, zu sagen. Ich habe Dich immer als einen meiner Schutzgeister angesehen; werde nicht müde, dieses Ämtchen auch künftig beiher zu verwalten.
Bleibe ja dabei, und ich fordere Dich dazu auf, mir über Alles, was mich sonst angeht und was Du sonst gut finden magst, Deine Meinung unverhohlen, ja ohne Einleitung und Entschuldigung, zu sagen. Ich habe Dich immer als einen meiner Schutzgeister angesehen; werde nicht müde, dieses Ämtchen auch künftig beiher zu verwalten.
Und Philipp war aufrichtig. Er schrieb z. B., daß ihm die neue, italienische Fassung der ‚Iphigenie‘ nicht so gut gefalle wie die frühere in Prosa. Und Goethe antwortete:
Was Du von meiner ‚Iphigenie‘ sagst, ist im gewissen Sinne leider wahr. Als ich mich um der Kunst und des Handwerkes willen entschließen mußte, das Stück umzuschreiben, sah ich voraus, daß die besten Stellen verlieren mußten, wenn die schlechten und mittlern gewannen. Du hast zwei Szenen genannt, die offenbar verloren haben. Aber wenn es gedruckt ist, dann lies es noch einmal ganz gelassen, und Du wirst fühlen, was es als Ganzes gewonnen hat.
Was Du von meiner ‚Iphigenie‘ sagst, ist im gewissen Sinne leider wahr. Als ich mich um der Kunst und des Handwerkes willen entschließen mußte, das Stück umzuschreiben, sah ich voraus, daß die besten Stellen verlieren mußten, wenn die schlechten und mittlern gewannen. Du hast zwei Szenen genannt, die offenbar verloren haben. Aber wenn es gedruckt ist, dann lies es noch einmal ganz gelassen, und Du wirst fühlen, was es als Ganzes gewonnen hat.
Seidel blieb dabei, daß die alte, prosaische Form die bessere gewesen sei, wie auch die ‚Claudine von Villabella‘ durch die Jamben nicht gewonnen habe. Goethe antwortete wieder geduldig:
Du sollst auch eine ‚Iphigenie‘ in Prosa haben, wenn sie Dir Freude macht. Der Künstler kann nur arbeiten. Beifall läßt sich, wie Gegenliebe, nur wünschen, nicht erzwingen.
Du sollst auch eine ‚Iphigenie‘ in Prosa haben, wenn sie Dir Freude macht. Der Künstler kann nur arbeiten. Beifall läßt sich, wie Gegenliebe, nur wünschen, nicht erzwingen.
Ebenso wie Philipp ihn, so beriet er seinen Diener bei Dessen literarischen Arbeiten. Philipp dichtete, schrieb eine Abhandlung über das Münzwesen (Goethe gab ihm Aufschluß über die Währung in Neapel),schrieb eine Abhandlung über das weibliche Geschlecht, Alles neben seinem Dienst, seinen eigenen Unternehmungen und seinen naturwissenschaftlichen Studien; er war eben Goethes „vidimierte Kopie“, wie man in Weimar sagte. Sein Herr urteilte immer wohlwollend.
Was Deine kleine Schrift über das weibliche Geschlecht betrifft, so möchte ich Dir fast raten, sie geradezu drucken zu lassen, besonders wenn Du unbekannt bleiben könntest. Jene Ausarbeitung über’s Geld kann nicht reif genug werden; moralische Sachen aber lernt ein Unbefangener aus dem Effekt auf’s Publikum erst recht kennen.
Was Deine kleine Schrift über das weibliche Geschlecht betrifft, so möchte ich Dir fast raten, sie geradezu drucken zu lassen, besonders wenn Du unbekannt bleiben könntest. Jene Ausarbeitung über’s Geld kann nicht reif genug werden; moralische Sachen aber lernt ein Unbefangener aus dem Effekt auf’s Publikum erst recht kennen.
Auch die Meinung seines Dieners über Staatsangelegenheiten war ihm wichtig. So bat er im Sommer 1787:
Mache Dir einmal wieder ein Geschäft, mir einen langen Brief zu schreiben und mir mit Deiner gewöhnlichen Freimütigkeit über die gegenwärtige Lage unseres kleinen Staats, insofern Du sie übersiehst, und was das Publikum denkt und sagt, über das neue Kammersystem usw. Deine Gedanken zu eröffnen.
Mache Dir einmal wieder ein Geschäft, mir einen langen Brief zu schreiben und mir mit Deiner gewöhnlichen Freimütigkeit über die gegenwärtige Lage unseres kleinen Staats, insofern Du sie übersiehst, und was das Publikum denkt und sagt, über das neue Kammersystem usw. Deine Gedanken zu eröffnen.
Philipp wird nicht wenig kritisiert haben, und Goethe antwortete: „Alle Briefe, die an mich kommen, sind voll Klagen und Trauer über die Veränderungen, die sich bei uns zugetragen haben.“ Das heißt, in’s Offene übersetzt: Es ist ein großer Jammer, daß unser guter Herzog sich hat einfallen lassen, preußischer Soldat zu werden; er wird damit sich selber und seinem Lande schaden.
Philipp war mit seinem Herrn Naturforscher geworden und setzte nun das Mikroskopieren auf eigeneHand fort; er teilte seine Entdeckungen freudig mit. Goethe antwortete:
Du tust sehr wohl, mein Lieber, Dich mit Betrachtung der Natur zu beschäftigen. Wie der natürliche Genuß der beste ist, so ist auch die natürliche Betrachtung die beste. Deine Beobachtungen sind recht gut ... Schreibe mir Alles, was Du auf diesem Wege triffst. Mich interessiert’s sehr, und ich lerne immer.
Du tust sehr wohl, mein Lieber, Dich mit Betrachtung der Natur zu beschäftigen. Wie der natürliche Genuß der beste ist, so ist auch die natürliche Betrachtung die beste. Deine Beobachtungen sind recht gut ... Schreibe mir Alles, was Du auf diesem Wege triffst. Mich interessiert’s sehr, und ich lerne immer.
Oft schreibt Goethe seinem Diener Lob und Zustimmung; muß er aber einmal tadeln, so findet er die feinste Form:
Noch ein Wort! Ich kann nicht billigen, daß Du der Frau v. Stein nicht nähere Auskunft wegen des Kastens gabst. Ich bin dadurch auf einige Zeit in Sorge geraten. Wo man aufklären, auch in Kleinigkeiten, kann, soll man es ja und bald tun. Ich gebe diese Lehre und Ermahnung Dir und mir, indem ich Dies schreibe.
Noch ein Wort! Ich kann nicht billigen, daß Du der Frau v. Stein nicht nähere Auskunft wegen des Kastens gabst. Ich bin dadurch auf einige Zeit in Sorge geraten. Wo man aufklären, auch in Kleinigkeiten, kann, soll man es ja und bald tun. Ich gebe diese Lehre und Ermahnung Dir und mir, indem ich Dies schreibe.
Auch für das Fortkommen Philipps sorgt Goethe auf’s beste. Er ließ ihn zuerst Kammerkalkulator, dann Rentkommissär werden; 1789 rückte Seidel zum Rentamtmann auf, und Goethe stellte die dabei nötige Kaution von 1000 Talern. Seidel war bis zu seinem 1820 erfolgten Tode ein tüchtiger Beamter. – –
Stadelmann
Unter Philipps Nachfolger war Karl Stadelmann aus Jena einer der wichtigsten; er trat am 1. Februar 1817 seine Stelle als Kammerdiener an, und schon im April läßt er von Jena aus an den jüngeren Herrn v. Goethe bestellen, daß er bei seinen mineralogischen Wanderungen in der Gegend glücklich sei und auch schon den Befehl erhalten habe, den Ettersberg auf seine Art zu untersuchen. Und schon vorher, am 30. März, stehtin Goethes Tagebuche: „Wunderbarer Fund von Versteinerungen an der alten Löbstädter Straße durch Stadelmann und Barth“ – Barth war der Kutscher. Nicht lange danach berichtete Stadelmann an den Bibliotheks-Sekretär Kräuter, daß er wegen all des gelehrten Betriebes nicht zum Briefschreiben gekommen sei. „Sehen Sie, hier in Jena, da laufen Unsereinem die Professoren immer vor den Füßen herum: da kommt ein Bergrat, dort ein Chemiker, da wieder ein Künstler, ein Technolog und weiß Gott was alles; ich muß mich den ganzen Tag mit den Leuten so herumbalgen, und da hab’ ich denn Jedem so etwas abgemerkt.“
Stadelmann und Krause
Sieben Jahre bewährte sich Stadelmann als gelehrter Kammerdiener. Er suchte in Thüringen und Böhmen die Berge ab nach seltenen Steinen für die Sammlungen seines Herrn und eignete sich auch auf anderen Gebieten viele Kenntnisse an. Soret erzählt, wie Karl einmal mit triumphierender Miene das Gespräch unterbrochen und um die Erlaubnis gebeten habe, Goethen eine neue Entdeckung vorzutragen. Es handelte sich um die geliebte Farbenlehre.
„Ich habe ein Weinglas auf ein weißes Blatt Papier gestellt – so – ferner eine Kerze“ begann Karl. „Man sieht, daß das durch die Flüssigkeit dringende Licht auf dem Papier drei Sonnen mit einem Regenbogen hervorbringt, wie wir ihn neulich am Himmel beobachteten. Dreht man esso, so sieht maneineSonne;sowerden eszweiundso drei. Und hier ist der Regenbogen, hier der helle Kreis und hier der dunkle Kreis.“
Goethe hörte andächtig zu, obwohl er sogleich sah, daß hier wieder einmal der Laie aus richtiger Beobachtung voreilige Schlüsse zog. Und Stadelmann war glücklich. „Jawohl!“ rief er aus, „es ist doch sonderbar, es ist merkwürdig! Ich habe nur eine halbe Stunde zu diesem Experimente gebraucht und würde wohl noch Anderes entdecken, wenn ich nur Zeit hätte!“
Noch in der Nacht vor seinem eigenen Tode zeigte sich Goethes gutes Herz gegen seine Diener. Er sah, daß Friedrich vom vielen Nachtwachen der letzten Wochen sehr müde war; und er mußte ihn doch in seiner Nähe haben. Da ließ er ihn auf seinem eigenen Bett schlafen, während er im Lehnstuhl, wo er leichter Atem bekommen konnte, daneben saß; der Kopist mußte in dieser letzten Nacht aufpassen, daß der Kranke nicht beim Einschlafen vornüber fiel.
[12]So heißt es in einer Variante zur dritten Bearbeitung des ‚Götz‘.[13]Prolog zum moral.-pol. Puppenspiel 1774.
[12]So heißt es in einer Variante zur dritten Bearbeitung des ‚Götz‘.
[12]So heißt es in einer Variante zur dritten Bearbeitung des ‚Götz‘.
[13]Prolog zum moral.-pol. Puppenspiel 1774.
[13]Prolog zum moral.-pol. Puppenspiel 1774.