VII.Geselligkeit.

VII.Geselligkeit.

Auch wenn wir von Goethes Geselligkeit reden, müssen wir ihm Eigenschaften zuschreiben, die einander widersprechen: er war gewandt und steif, biegsam-schmiegsam und unbeholfen, Zauberer und Pedant, hingebend und unfühlend.

Wir haben also sehr verschiedenartige Urteile über seinen Umgang mit Menschen. Sobald er als Dichter aufgetreten war, bewunderten seine neuen Bekannten auch den Menschen in ihm und rühmten seine Unterhaltung in höchsten Tönen. Wirklich in höchsten, denn ein Schriftsteller und Hofmeister Clemens Werthes verglich ihn geradezu mit Christus und fragte: „Brannte nicht unser Herz in uns, da er mit uns redete?“ Er war damals aber auch ein recht gutmütiger Gesellschafter, wenigstens wenn er in neue Kreise trat, wie zum Beispiel als Begleiter Lavaters im Sommer 1774. Dieser bezeugte denn auch: „Ich habe ihn neben Basedow und Hasenkamp,[14]bei Herrnhutern und Mystikern, bei Weibchens und Männinnen: allenthalben denselben edeln, Alles durchschauenden, duldenden Mann gesehen.“

Wielands Lobgesang

Acht Wochen nach Goethes Erscheinen in Weimar dichtete Wieland die Verse:

Mit einem schwarzen Augenpaar,Zaubernden Auges voll Götterblicken,Gleich mächtig zu töten und zu entzücken,So trat er unter uns, herrlich und hehr,Ein echter Geisterkönig, daher! – – –So hat sich nie in Gottes WeltEin Menschensohn uns dargestellt,Der alle Güte und alle GewaltDer Menschheit so in sich vereinigt!So feines Gold, ganz innerer Gehalt,Von fremden Schlacken so ganz gereinigt! – – –Das laß mir einen Zauberer sein!Wie wurden mit ihm die Tage zu Stunden!Die Stunden wie augenblicks verschwunden!Und wieder Augenblicke so reich,An innerem Werte Tagen gleich!Was machte er nicht aus unsern Seelen?Wer schmelzt wie er die Lust in Schmerz?Wer kann so lieblich ängsten und quälen?In süßeren Träumen zerschmelzen das Herz?Wer aus der Seelen innersten TiefenMit solch’ entzückendem UngestümGefühle erwecken, die ohne ihnUns selbst verborgen im Dunkeln schliefen?– – – – – – – – – – – – – – – – – –Und wenn wir dachten, wir hätten’s gefunden,Und was er sei, nun ganz empfunden,Wie wurd’ er so schnell uns wieder neu!Entschlüpfte plötzlich dem satten BlickUnd kam in andrer Gestalt zurück.Ließ neue Reize sich uns entfalten,Und jede der tausendfachen GestaltenSo ungezwungen, so völlig sein,Man mußte sie für die wahre halten!Nahm unsre Herzen in jeder ein,Schien immer nichts davon zu sehen,Und wenn er immer glänzend und großRings umher Wärme und Licht ergoß,Sich nur um seine Achse zu drehen.

Mit einem schwarzen Augenpaar,Zaubernden Auges voll Götterblicken,Gleich mächtig zu töten und zu entzücken,So trat er unter uns, herrlich und hehr,Ein echter Geisterkönig, daher! – – –So hat sich nie in Gottes WeltEin Menschensohn uns dargestellt,Der alle Güte und alle GewaltDer Menschheit so in sich vereinigt!So feines Gold, ganz innerer Gehalt,Von fremden Schlacken so ganz gereinigt! – – –Das laß mir einen Zauberer sein!Wie wurden mit ihm die Tage zu Stunden!Die Stunden wie augenblicks verschwunden!Und wieder Augenblicke so reich,An innerem Werte Tagen gleich!Was machte er nicht aus unsern Seelen?Wer schmelzt wie er die Lust in Schmerz?Wer kann so lieblich ängsten und quälen?In süßeren Träumen zerschmelzen das Herz?Wer aus der Seelen innersten TiefenMit solch’ entzückendem UngestümGefühle erwecken, die ohne ihnUns selbst verborgen im Dunkeln schliefen?– – – – – – – – – – – – – – – – – –Und wenn wir dachten, wir hätten’s gefunden,Und was er sei, nun ganz empfunden,Wie wurd’ er so schnell uns wieder neu!Entschlüpfte plötzlich dem satten BlickUnd kam in andrer Gestalt zurück.Ließ neue Reize sich uns entfalten,Und jede der tausendfachen GestaltenSo ungezwungen, so völlig sein,Man mußte sie für die wahre halten!Nahm unsre Herzen in jeder ein,Schien immer nichts davon zu sehen,Und wenn er immer glänzend und großRings umher Wärme und Licht ergoß,Sich nur um seine Achse zu drehen.

Mit einem schwarzen Augenpaar,Zaubernden Auges voll Götterblicken,Gleich mächtig zu töten und zu entzücken,So trat er unter uns, herrlich und hehr,Ein echter Geisterkönig, daher! – – –So hat sich nie in Gottes WeltEin Menschensohn uns dargestellt,Der alle Güte und alle GewaltDer Menschheit so in sich vereinigt!So feines Gold, ganz innerer Gehalt,Von fremden Schlacken so ganz gereinigt! – – –Das laß mir einen Zauberer sein!Wie wurden mit ihm die Tage zu Stunden!Die Stunden wie augenblicks verschwunden!Und wieder Augenblicke so reich,An innerem Werte Tagen gleich!Was machte er nicht aus unsern Seelen?Wer schmelzt wie er die Lust in Schmerz?Wer kann so lieblich ängsten und quälen?In süßeren Träumen zerschmelzen das Herz?Wer aus der Seelen innersten TiefenMit solch’ entzückendem UngestümGefühle erwecken, die ohne ihnUns selbst verborgen im Dunkeln schliefen?– – – – – – – – – – – – – – – – – –Und wenn wir dachten, wir hätten’s gefunden,Und was er sei, nun ganz empfunden,Wie wurd’ er so schnell uns wieder neu!Entschlüpfte plötzlich dem satten BlickUnd kam in andrer Gestalt zurück.Ließ neue Reize sich uns entfalten,Und jede der tausendfachen GestaltenSo ungezwungen, so völlig sein,Man mußte sie für die wahre halten!Nahm unsre Herzen in jeder ein,Schien immer nichts davon zu sehen,Und wenn er immer glänzend und großRings umher Wärme und Licht ergoß,Sich nur um seine Achse zu drehen.

Mit einem schwarzen Augenpaar,

Zaubernden Auges voll Götterblicken,

Gleich mächtig zu töten und zu entzücken,

So trat er unter uns, herrlich und hehr,

Ein echter Geisterkönig, daher! – – –

So hat sich nie in Gottes Welt

Ein Menschensohn uns dargestellt,

Der alle Güte und alle Gewalt

Der Menschheit so in sich vereinigt!

So feines Gold, ganz innerer Gehalt,

Von fremden Schlacken so ganz gereinigt! – – –

Das laß mir einen Zauberer sein!

Wie wurden mit ihm die Tage zu Stunden!

Die Stunden wie augenblicks verschwunden!

Und wieder Augenblicke so reich,

An innerem Werte Tagen gleich!

Was machte er nicht aus unsern Seelen?

Wer schmelzt wie er die Lust in Schmerz?

Wer kann so lieblich ängsten und quälen?

In süßeren Träumen zerschmelzen das Herz?

Wer aus der Seelen innersten Tiefen

Mit solch’ entzückendem Ungestüm

Gefühle erwecken, die ohne ihn

Uns selbst verborgen im Dunkeln schliefen?

– – – – – – – – – – – – – – – – – –

Und wenn wir dachten, wir hätten’s gefunden,

Und was er sei, nun ganz empfunden,

Wie wurd’ er so schnell uns wieder neu!

Entschlüpfte plötzlich dem satten Blick

Und kam in andrer Gestalt zurück.

Ließ neue Reize sich uns entfalten,

Und jede der tausendfachen Gestalten

So ungezwungen, so völlig sein,

Man mußte sie für die wahre halten!

Nahm unsre Herzen in jeder ein,

Schien immer nichts davon zu sehen,

Und wenn er immer glänzend und groß

Rings umher Wärme und Licht ergoß,

Sich nur um seine Achse zu drehen.

Später hätte Wieland dies Gedicht als eine allzu enthusiastische Übertreibung gern aus der Welt geschafft; 1797 meinte er einmal, Goethes Kunst habe von jeher darin bestanden, die Konvenienz mit Füßen zu treten und doch dabei immer klug um sich zu sehen,wie weiter’s gerade wagen durfte. Jenes Gedicht bezog sich auf einen Besuch Goethes und Wielands bei der Familie v. Keller in Stetten; hier in Stetten, erzählte nun Wieland, sei Goethe gegen die alte Dame weit respektvoller gewesen als daheim in Weimar gegen die Herzogin-Mutter, in deren Gegenwart er sich oft auf dem Boden im Zimmer herumgewälzt und durch Verdrehung der Hände und Füße Lachen erregt habe.

Der Hexenmeister

In jener ersten weimarischen Zeit besuchte einmal der alte Gleim aus Halberstadt seine Freunde Wieland und Bertuch, und ehe er Goethe kannte, nahm er an einer höfischen Gesellschaft teil. Da erbot sich ein feiner Jäger, ihn im Vorlesen aus dem neuesten Musenalmanach abzulösen, und bald las dieser Jäger das tollste, geistvollste, witzigste Zeug, das gar nicht auf den Blättern stand; sogar eine Fabel auf Gleim improvisierte er in Knittelversen. „Das ist entweder Goethe oder der Teufel!“ flüsterte der Halberstädter Gast Wieland zu. „Beides!“ gab Jener zur Antwort.

Dieser Hexenmeister für fröhliche Gesellschaften, dieser liebenswürdigste Kamerad blieb Goethe nichtlange, oder vielmehr: was anfangs die Regel gewesen war, wurde bald zur seltenen Ausnahme. Es erheben sich auch unter den weimarischen Freunden bald Klagen über sein zugeknöpftes, allzu ernstes Wesen. Und als er von der italienischen Reise wiederkam, erschien er vollends als ein Fremder.

Es ist vielen der nähern Freunde und Lebensgenossen Goethes begegnet, daß er ihnen nach seiner italienischen Reise ganz umgewandelt vorkam, ja, daß sie fast irre an ihm wurden, wenn sie jenen freien harmlosen Lebenssinn, jene unbefangene, zutrauliche, hinreißende Lebhaftigkeit, mit der sie ihn früher die verschiedenen Gegenstände ergreifen zu sehen gewohnt waren, nicht mehr an ihm zu gewahren glaubten. So kam er dem Einen erkaltet, dem Andern verschlossen oder selbstsüchtig, rätselhaft den Meisten vor, und noch späterhin haben ähnliche Klagen nachgeklungen.[15]

Es ist vielen der nähern Freunde und Lebensgenossen Goethes begegnet, daß er ihnen nach seiner italienischen Reise ganz umgewandelt vorkam, ja, daß sie fast irre an ihm wurden, wenn sie jenen freien harmlosen Lebenssinn, jene unbefangene, zutrauliche, hinreißende Lebhaftigkeit, mit der sie ihn früher die verschiedenen Gegenstände ergreifen zu sehen gewohnt waren, nicht mehr an ihm zu gewahren glaubten. So kam er dem Einen erkaltet, dem Andern verschlossen oder selbstsüchtig, rätselhaft den Meisten vor, und noch späterhin haben ähnliche Klagen nachgeklungen.[15]

Goethe versuchte zuweilen, die Tage unbefangener Jugendlust mit Gewalt zurückzurufen; man sah z. B. bald nach seiner Heimkehr aus Italien, wie er auf einem Hofballe nur mit solchen Mädchen und Frauen tanzte und schwätzte, die außer der Jugend und einem hübschen Gesicht nichts zu bieten hatten, während er die Älteren und Verständigeren mied; und später umgab er sich gern mit jungem Schauspielervolk, das denn doch besser zu seiner Christiane als zu ihm paßte. Im Herbst 1801 erschien er plötzlich einmal in einer Damengesellschaft bei dem klugen alten Hoffräulein v. Göchhausen und begann vor den überraschten Damen alsbald eine Strafpredigt über die verderbte Geselligkeit, die jetzt herrsche.Mit den grellsten Farben schilderte er die dermalige Geistesleere und Gemütlosigkeit: wieviel gemütlicher sei es doch früher gewesen! Seinen ganzen Zorn ergoß er über den Teufel der Hoffart, der die Genügsamkeit und den Frohsinn aus der Welt verbannt, dagegen aber die unerträglichste Langeweile eingeschmuggelt habe. Dann schlug er einen Reformverein vor und zwar eine –cour d’amour. Sein Vorschlag wurde angenommen; die phantastische Gesellschaft bildete sich aus sieben Damen und sieben Herren. Man kam jeden Mittwoch Abend nach dem Theater in Goethes Haus zusammen; die Damen sorgten für das Essen, die Herren für den Wein. Aber der Liebeshof wurde nicht so unterhaltend, wie man gehofft hatte, und man klagte über Goethes Steifheit, Pedanterie und Tyrannei. Schon nach einem halben Jahre bewirkte die erste Meinungsverschiedenheit, daß die Zusammenkünfte aufhörten.

***

Klagen Goethes und über ihn

Auch Goethe selber hat uns bezeugt, daß er in der Geselligkeit bald frei-spielend, bald unfrei und unbeholfen gewesen sei. „Doch ach! ein Gott versagte mir die Kunst, Die arme Kunst, mich künstlich zu betragen“ so klagt er schon 1783, und: „Mir ist’s nicht gegeben, gegen die Menge und mit der Menge herzlich zu sein“ schreibt er 1785 an Knebel, als er gegen die berühmte Frau v. der Recke so stumm und kalt geblieben war, daß ihre Begleiterin Sophie Becker von ihm niederschrieb: „Er hat etwas entsetzlich Steifes in seinem Betragen und spricht gar wenig; es war mir immer, als ob ihnseine Größe verlegen mache.“ In den ‚Annalen‘ von 1804 fügt Goethe hinzu: auch wenn er sich nicht verstelle, sondern sich gehen lasse, werde er doch immer von den Leuten nicht recht gefaßt. Um so mehr mußte er mit Staunen später bemerken, wie sehr der Stubengelehrte Schiller in jeder Gesellschaft Herr seiner selbst war.

Schiller war ein ganz anderer Geselle als ich und wußte in der Gesellschaft immer bedeutend und anziehend zu sprechen .... Er ist so groß am Teetisch, wie er es im Staatsrat gewesen sein würde. Nichts geniert ihn, Nichts engt ihn ein, Nichts zieht den Flug seiner Gedanken herab. Was in ihm von großen Ansichten lebt, geht immer frei heraus ohne Rücksicht und ohne Bedenken. Das war ein rechter Mensch, und so sollte man auch sein! Wir Andern dagegen fühlen uns immer bedingt; die Personen, die Gegenstände, die uns umgeben, haben auf uns ihren Einfluß .. wir sind die Sklaven der Gegenstände.

Schiller war ein ganz anderer Geselle als ich und wußte in der Gesellschaft immer bedeutend und anziehend zu sprechen .... Er ist so groß am Teetisch, wie er es im Staatsrat gewesen sein würde. Nichts geniert ihn, Nichts engt ihn ein, Nichts zieht den Flug seiner Gedanken herab. Was in ihm von großen Ansichten lebt, geht immer frei heraus ohne Rücksicht und ohne Bedenken. Das war ein rechter Mensch, und so sollte man auch sein! Wir Andern dagegen fühlen uns immer bedingt; die Personen, die Gegenstände, die uns umgeben, haben auf uns ihren Einfluß .. wir sind die Sklaven der Gegenstände.

In Düsseldorf und Münster

Ganz anders klingt dann wieder, was Goethe in der ‚Kampagne in Frankreich‘ über sich und seinen Aufenthalt in Düsseldorf und Münster erzählt. Er beginnt auch hier damit, daß er in Jacobis Hause seine optischen Entdeckungen nur „didaktisch und dogmatisch“ vortragen konnte, denn, sagt er, „eine eigentlich dialektische und konversierende Gabe war mir nicht verliehen.“ Dann aber spricht er von einer „bösen Gewohnheit.“

Da mir das Gespräch, wie es gewöhnlich geführt wird, höchst langweilig war, indem nichts als beschränkte Vorstellungsarten zur Sprache kamen, so pflegte ich den unter Menschen gewöhnlich entspringenden bornierten Streit durch gewaltsame Paradoxen aufzuregen und an’s Äußerste zu führen. Dadurch war die Gesellschaft meist verletzt und inmehr alseinemSinne verdrießlich. Denn oft, um meinen Zweck zu erreichen, mußte ich das Böse Prinzip spielen, und da die Menschen gut sein und auch mich gut haben wollten, so ließen sie es nicht durchgehen. Als Ernst konnte man es nicht gelten lassen, weil es nicht gründlich, als Scherz nicht, weil es zu herb war; zuletzt nannten sie mich einen umgekehrten Heuchler und versöhnten sich bald wieder mit mir. Doch kann ich nicht leugnen, daß ich durch diese böse Manier mir manche Person entfremdet, Andere zu Feinden gemacht habe.

Da mir das Gespräch, wie es gewöhnlich geführt wird, höchst langweilig war, indem nichts als beschränkte Vorstellungsarten zur Sprache kamen, so pflegte ich den unter Menschen gewöhnlich entspringenden bornierten Streit durch gewaltsame Paradoxen aufzuregen und an’s Äußerste zu führen. Dadurch war die Gesellschaft meist verletzt und inmehr alseinemSinne verdrießlich. Denn oft, um meinen Zweck zu erreichen, mußte ich das Böse Prinzip spielen, und da die Menschen gut sein und auch mich gut haben wollten, so ließen sie es nicht durchgehen. Als Ernst konnte man es nicht gelten lassen, weil es nicht gründlich, als Scherz nicht, weil es zu herb war; zuletzt nannten sie mich einen umgekehrten Heuchler und versöhnten sich bald wieder mit mir. Doch kann ich nicht leugnen, daß ich durch diese böse Manier mir manche Person entfremdet, Andere zu Feinden gemacht habe.

Er fährt fort:

Wie mit dem Zauberstäbchen jedoch konnte ich sogleich alle bösen Geister vertreiben, wenn ich von Italien zu erzählen anfing ... Ich konnte beschreiben, als wenn ich’s vor mir sähe; von belebender Staffage wimmelte es durch und durch, und so war Jedermann von den lebhaft vorbeigeführten Bilderzügen zufrieden, manchmal entzückt.

Wie mit dem Zauberstäbchen jedoch konnte ich sogleich alle bösen Geister vertreiben, wenn ich von Italien zu erzählen anfing ... Ich konnte beschreiben, als wenn ich’s vor mir sähe; von belebender Staffage wimmelte es durch und durch, und so war Jedermann von den lebhaft vorbeigeführten Bilderzügen zufrieden, manchmal entzückt.

„Er ist und bleibt der wahre Zauberer“ schrieb damals Helene Jacobi an Gräfin Sophie Stolberg.

Was die Leute Sonderbares von ihm schwatzen und reden, ist, weil sie immer nur die linke Seite sehen, und Dies ist auch das Verkehrteste an ihm, daß er so gern das Verkehrte aus sich herauswendet.

Was die Leute Sonderbares von ihm schwatzen und reden, ist, weil sie immer nur die linke Seite sehen, und Dies ist auch das Verkehrteste an ihm, daß er so gern das Verkehrte aus sich herauswendet.

Wenige Tage danach war Goethe in Münster bei der Fürstin Gallitzin in einem Kreise frommer katholischer Laien und Priester. Er fügte sich vollkommen in diesen Kreis.

Hier wählte ich unaufgefordert die römischen Kirchenfeste, Karwoche und Ostern, Fronleichnam und Peter Paul, sodann zur Erheiterung die Pferdeweihe, woran auch andere Haus- und Hoftiere teilnehmen. Diese Feste waren mir damals nach allen charakteristischen Einzelheiten vollkommen gegenwärtig, denn ich ging darauf aus, ein ‚Römisches Jahr‘zu schreiben, den Verlauf geistlicher und weltlicher Öffentlichkeiten; daher ich denn auch meinen katholischen frommen Zirkel mit meinen vorgeführten Bildern ebenso zufrieden sah, als die Weltkinder mit dem Karneval. Ja, Einer von den Gegenwärtigen, mit den Gesamtverhältnissen nicht genau bekannt, hatte im stillen gefragt, ob ich denn wirklich katholisch sei. Als die Fürstin mir Dieses erzählte, eröffnete sie mir noch ein Anderes; man hatte ihr nämlich vor meiner Ankunft geschrieben, sie solle sich vor mir in acht nehmen; ich wisse mich so fromm zu stellen, daß man mich für religiös, ja für katholisch halten könne. – „Geben Sie mir zu, verehrte Freundin“ rief ich aus, „ich stelle mich nicht fromm: ichbines am rechten Orte! Mir fällt nicht schwer, mit einem klaren, unschuldigen Blick alle Zustände zu beachten und sie wieder auch ebenso rein darzustellen. Jede Art fratzenhafter Verzerrung, wodurch sich dünkelhafte Menschen nach eigener Sinnesweise an dem Gegenstand versündigen, war mir von jeher zuwider. Was mir widersteht, davon wende ich den Blick weg; aber Manches, was ich nicht gerade billige, mag ich gern in seiner Eigentümlichkeit erkennen. Da zeigt sich dann meist, daß die Andern ebenso recht haben, nach ihrer eigentümlichen Art und Weise zu existieren, als ich nach der meinigen.“

Hier wählte ich unaufgefordert die römischen Kirchenfeste, Karwoche und Ostern, Fronleichnam und Peter Paul, sodann zur Erheiterung die Pferdeweihe, woran auch andere Haus- und Hoftiere teilnehmen. Diese Feste waren mir damals nach allen charakteristischen Einzelheiten vollkommen gegenwärtig, denn ich ging darauf aus, ein ‚Römisches Jahr‘zu schreiben, den Verlauf geistlicher und weltlicher Öffentlichkeiten; daher ich denn auch meinen katholischen frommen Zirkel mit meinen vorgeführten Bildern ebenso zufrieden sah, als die Weltkinder mit dem Karneval. Ja, Einer von den Gegenwärtigen, mit den Gesamtverhältnissen nicht genau bekannt, hatte im stillen gefragt, ob ich denn wirklich katholisch sei. Als die Fürstin mir Dieses erzählte, eröffnete sie mir noch ein Anderes; man hatte ihr nämlich vor meiner Ankunft geschrieben, sie solle sich vor mir in acht nehmen; ich wisse mich so fromm zu stellen, daß man mich für religiös, ja für katholisch halten könne. – „Geben Sie mir zu, verehrte Freundin“ rief ich aus, „ich stelle mich nicht fromm: ichbines am rechten Orte! Mir fällt nicht schwer, mit einem klaren, unschuldigen Blick alle Zustände zu beachten und sie wieder auch ebenso rein darzustellen. Jede Art fratzenhafter Verzerrung, wodurch sich dünkelhafte Menschen nach eigener Sinnesweise an dem Gegenstand versündigen, war mir von jeher zuwider. Was mir widersteht, davon wende ich den Blick weg; aber Manches, was ich nicht gerade billige, mag ich gern in seiner Eigentümlichkeit erkennen. Da zeigt sich dann meist, daß die Andern ebenso recht haben, nach ihrer eigentümlichen Art und Weise zu existieren, als ich nach der meinigen.“

Ein junger Schweizer, Horner aus Zürich, durfte im Oktober 1794 als Begleiter seines Landsmanns Heinrich Meyer an einer Gesellschaft bei Herder teilnehmen. Er wunderte sich, wie ungeniert die großen Geister miteinander verkehrten. „Jeder sprach und stand oder setzte sich, zu wem er wollte.“ Herder zeigte sich als der Unterhaltsamste und Überlegenste; Goethe blieb stumm. Da brachte ein gewisser Professor Meyer aus Berlin „auf eine infam-witzige Manier die Heirats- und Sterbensgeschichte“ des armen Karl Philipp Moritz vor.

Dies weckte Goethen so nach und nach aus seiner Kälte auf. Er saß neben mir, und wir schenkten uns wechselseitig um die Wette ein. Nun fing auch er an, von Moritz zu erzählen: was er in Rom für dumme Streiche gemacht hatte, und schlug mit seinem Witz, der viel feiner war, den Professor und bisweilen auch Herdern zu Boden.

Dies weckte Goethen so nach und nach aus seiner Kälte auf. Er saß neben mir, und wir schenkten uns wechselseitig um die Wette ein. Nun fing auch er an, von Moritz zu erzählen: was er in Rom für dumme Streiche gemacht hatte, und schlug mit seinem Witz, der viel feiner war, den Professor und bisweilen auch Herdern zu Boden.

Bei Frau Schopenhauer

Stephan Schütze, der ihn namentlich im geselligen Kreise der Bankierswitwe Johanna Schopenhauer, der Mutter von Adele und Arthur Schopenhauer, beobachtete, schildert ihn uns, wie er in den Notjahren nach dem Oktober 1806 dort erschien.

Das Merkwürdigste war, ihn fast jedesmal in einer anderen Stimmung zu sehen, so daß, wer ihn mit einem Male zu fassen glaubte, sich das nächste Mal gewiß gestehen mußte, daß er ihm wieder entschlüpft sei. Man hatte bald einen sanft-ruhigen, bald einen verdrießlich-abschreckenden – auch Kummer drückte sich bei ihm gewöhnlich durch Verdrießlichkeit aus – bald einen sich absondernden, schweigsamen, bald einen beredten, ja redseligen, bald einen episch-ruhigen, bald, wiewohl seltener, einen feurig-aufgeregten, begeisterten, bald einen ironisch-scherzenden, schalkhaft neckenden, bald einen zornig scheltenden, bald sogar einen übermütigen Goethe vor sich .... Goethe übte gewiß eine Herrschaft über sich, wie leicht Niemand; dennoch drang ein Nachhall der letzten Stunde oder die Laune des Augenblicks oftmals durch die feste Haltung hindurch, und als Gast ohne besondere Verpflichtung ließ er sich hier weit freier gehen als zu Hause, wenn er selbst Gäste empfing.

Das Merkwürdigste war, ihn fast jedesmal in einer anderen Stimmung zu sehen, so daß, wer ihn mit einem Male zu fassen glaubte, sich das nächste Mal gewiß gestehen mußte, daß er ihm wieder entschlüpft sei. Man hatte bald einen sanft-ruhigen, bald einen verdrießlich-abschreckenden – auch Kummer drückte sich bei ihm gewöhnlich durch Verdrießlichkeit aus – bald einen sich absondernden, schweigsamen, bald einen beredten, ja redseligen, bald einen episch-ruhigen, bald, wiewohl seltener, einen feurig-aufgeregten, begeisterten, bald einen ironisch-scherzenden, schalkhaft neckenden, bald einen zornig scheltenden, bald sogar einen übermütigen Goethe vor sich .... Goethe übte gewiß eine Herrschaft über sich, wie leicht Niemand; dennoch drang ein Nachhall der letzten Stunde oder die Laune des Augenblicks oftmals durch die feste Haltung hindurch, und als Gast ohne besondere Verpflichtung ließ er sich hier weit freier gehen als zu Hause, wenn er selbst Gäste empfing.

Schütze erzählt weiter:

Gewöhnlicherweise warf er weder mit Witz noch mit Ideen um sich; ja, er vermied diese sogar, sondern er gefiel sich meist im Ton einer heitern Ironie, die etwas zu loben schien, dessen Unhaltbarkeit sich so von selbst ergeben mußte.... Schnelle Kreuz- und Querzüge konnte er in der Unterhaltung nicht leiden ... Noch mehr liebte er, etwas ruhig durchzusprechen, wobei Andere oft nur beipflichtend und fragend beförderlich waren, während er eigentlich nur das Gespräch führte und fortsetzte.Höher noch stieg seine Liebenswürdigkeit, wenn er ganz und gar einer epischen Stimmung sich hingab, wenn er z. B. einen römischen Karneval beschrieb oder sonst etwas von Italien erzählte. Hier konnte man stundenlang ihm zuhören und die ganze übrige Gesellschaft darüber vergessen. Die Ruhe, die Klarheit, die Lebendigkeit, der an’s Komische hinstreifende, halb feierliche Ton, womit er schilderte und Alles deutlich vor Augen stellte, flößten mit dem Reize der Unterhaltung zugleich ein großes Behagen, ein großes Wohlgefallen am Leben ein.So angenehm fesselnd indes auch seine Schilderungen waren, die höchste Glorie umleuchtete ihn erst in Augenblicken der Begeisterung, wenn ein lebhaftes Rot die Wangen überflog, deutlicher der Gedanke auf der erhabenen Stirn hervortrat, himmlischer noch die Strahlen seines Auges glänzten, und sein ganzes Antlitz sich zum Ausdruck einer göttlichen Anschauung verklärte. Es war Dies namentlich der Fall, als er eines Abends [1807] Calderons ‚standhaften Prinzen‘ vorlas. Bei der Szene, wo der Prinz als Geist mit der Fackel in der Nacht dem kommenden Heere voranleuchtet, wurde er so von der Schönheit der Dichtung hingerissen, daß er mit Heftigkeit das Buch auf den Tisch warf.

Gewöhnlicherweise warf er weder mit Witz noch mit Ideen um sich; ja, er vermied diese sogar, sondern er gefiel sich meist im Ton einer heitern Ironie, die etwas zu loben schien, dessen Unhaltbarkeit sich so von selbst ergeben mußte.... Schnelle Kreuz- und Querzüge konnte er in der Unterhaltung nicht leiden ... Noch mehr liebte er, etwas ruhig durchzusprechen, wobei Andere oft nur beipflichtend und fragend beförderlich waren, während er eigentlich nur das Gespräch führte und fortsetzte.

Höher noch stieg seine Liebenswürdigkeit, wenn er ganz und gar einer epischen Stimmung sich hingab, wenn er z. B. einen römischen Karneval beschrieb oder sonst etwas von Italien erzählte. Hier konnte man stundenlang ihm zuhören und die ganze übrige Gesellschaft darüber vergessen. Die Ruhe, die Klarheit, die Lebendigkeit, der an’s Komische hinstreifende, halb feierliche Ton, womit er schilderte und Alles deutlich vor Augen stellte, flößten mit dem Reize der Unterhaltung zugleich ein großes Behagen, ein großes Wohlgefallen am Leben ein.

So angenehm fesselnd indes auch seine Schilderungen waren, die höchste Glorie umleuchtete ihn erst in Augenblicken der Begeisterung, wenn ein lebhaftes Rot die Wangen überflog, deutlicher der Gedanke auf der erhabenen Stirn hervortrat, himmlischer noch die Strahlen seines Auges glänzten, und sein ganzes Antlitz sich zum Ausdruck einer göttlichen Anschauung verklärte. Es war Dies namentlich der Fall, als er eines Abends [1807] Calderons ‚standhaften Prinzen‘ vorlas. Bei der Szene, wo der Prinz als Geist mit der Fackel in der Nacht dem kommenden Heere voranleuchtet, wurde er so von der Schönheit der Dichtung hingerissen, daß er mit Heftigkeit das Buch auf den Tisch warf.

***

Ein abwechselndes Vorlesen und ein Lesen mit verteilten Rollen ward auch in Goethes Hause gepflegt, wenigstens eine Zeit lang. Der junge Heinrich Voß, der Sohn des Homer-Übersetzers, erzählt davon im Januar 1801:

Da sitzt die ganze Gesellschaft um einen langen Tisch, Goethe in der Mitte, und liest abwechselnd. Es traf sich,daß beidemal, als ich zugegen war, aus der ‚Luise‘ gelesen wurde. An Goethe kam die Stelle von der Trauung, die er mit dem tiefsten Gefühle las. Aber seine Stimme ward kleinlaut: er weinte und gab das Buch seinem Nachbar. „Eine heilige Stelle!“ rief er aus mit einer Innigkeit, die uns alle erschütterte.Nachher traf ihn die Stelle: „den Gesang, den unser Voß in Eutin uns dichtete.“ Aus dem Pathos, mit welchem er diese Worte vortrug, hätte ich schon seine Liebe zu meinem Vater abnehmen können.

Da sitzt die ganze Gesellschaft um einen langen Tisch, Goethe in der Mitte, und liest abwechselnd. Es traf sich,daß beidemal, als ich zugegen war, aus der ‚Luise‘ gelesen wurde. An Goethe kam die Stelle von der Trauung, die er mit dem tiefsten Gefühle las. Aber seine Stimme ward kleinlaut: er weinte und gab das Buch seinem Nachbar. „Eine heilige Stelle!“ rief er aus mit einer Innigkeit, die uns alle erschütterte.

Nachher traf ihn die Stelle: „den Gesang, den unser Voß in Eutin uns dichtete.“ Aus dem Pathos, mit welchem er diese Worte vortrug, hätte ich schon seine Liebe zu meinem Vater abnehmen können.

Vier Jahre später schilderte Frau Schopenhauer ihrem Sohne einen Abend bei Goethe, „wo es allerliebst war.“

Er hatte einige junge Schauspieler, die er oft bei sich deklamieren läßt, um sie für ihre Kunst zu bilden, eingeladen und las mir mit ihnen einige seiner frühesten Arbeiten, ein Stück von Laune und Humor: ‚Die Mitschuldigen‘, vor. Er hatte selbst die Rolle eines alten Gastwirts darin übernommen ... Ich habe nie was Ähnliches gehört; er ist ganz Feuer und Leben, wenn er deklamiert; Keiner hat das Echtkomische mehr in seiner Gewalt als er.Zwischendurch meisterte er die jungen Leute. Ein paar waren ihm zu kalt. „Seid ihr denn gar nicht verliebt?“ rief er komisch erzürnt, und doch war es ihm halb ein Ernst. „Seid ihr denn gar nicht verliebt, verdammtes junges Volk! Ich bin sechzig Jahre alt und kann’s besser.“Wir blieben bis halb Zwölf zusammen, Ich saß bei ihm, und die Bardua auf der andern Seite.

Er hatte einige junge Schauspieler, die er oft bei sich deklamieren läßt, um sie für ihre Kunst zu bilden, eingeladen und las mir mit ihnen einige seiner frühesten Arbeiten, ein Stück von Laune und Humor: ‚Die Mitschuldigen‘, vor. Er hatte selbst die Rolle eines alten Gastwirts darin übernommen ... Ich habe nie was Ähnliches gehört; er ist ganz Feuer und Leben, wenn er deklamiert; Keiner hat das Echtkomische mehr in seiner Gewalt als er.

Zwischendurch meisterte er die jungen Leute. Ein paar waren ihm zu kalt. „Seid ihr denn gar nicht verliebt?“ rief er komisch erzürnt, und doch war es ihm halb ein Ernst. „Seid ihr denn gar nicht verliebt, verdammtes junges Volk! Ich bin sechzig Jahre alt und kann’s besser.“

Wir blieben bis halb Zwölf zusammen, Ich saß bei ihm, und die Bardua auf der andern Seite.

***

Lesen und Singen

„Wohl perlet im Glase der purpurne Wein“ beginnt Schiller ein Gedicht, „Wohl glänzen die Augen der Gäste: Es zeigt sich derSänger, er tritt herein. Zu dem Guten bringt er das Beste.“ Und ebenso zeichnetuns Goethe den singenden Dichter, den der König herbeirufen läßt, seine Gäste zu erfreuen.

Der Sänger drückt’ die Augen einUnd schlug in vollen Tönen;Die Ritter schauten mutig drein,Und in den Schoß die Schönen.

Der Sänger drückt’ die Augen einUnd schlug in vollen Tönen;Die Ritter schauten mutig drein,Und in den Schoß die Schönen.

Der Sänger drückt’ die Augen einUnd schlug in vollen Tönen;Die Ritter schauten mutig drein,Und in den Schoß die Schönen.

Der Sänger drückt’ die Augen ein

Und schlug in vollen Tönen;

Die Ritter schauten mutig drein,

Und in den Schoß die Schönen.

Diese Erfahrung, daß Dichtung und Musik zum Guten das Beste hinzufügen, hatten beide Dichter oft mit erlebt: bei Hofe, in geselligen Vereinen und im eigenen Hause. Als Fürst Radziwill einmal nach Weimar kam, sein Cello mitbrachte und zum Cello sang, glaubte Goethe einen Troubadour aus alten Zeiten zu sehen. In jüngeren Jahren war Korona Schröter so eine Bringerin der schönsten Freude in Goethes Häuschen an der Ilm; in späteren Zeiten kamen Liedermeister wie Reichardt, Zelter und Methfessel zu ihm und sangen zur Gitarre, zum Klavier oder ohne jedes Instrument. Oder es kamen Sänger und Sängerinnen vom Theater: Ehlers, Strohmeier, Moltke, Ernestine Engels, Henriette Eberwein und von auswärts Henriette Sontag, Wilhelmine Schröder-Devrient. Auch tüchtige Klavierspieler und Geiger erfreuten ihn und seine Gäste nicht selten: Hummel, Organist Schütz aus Berka, Karl Eberwein, Ferdinand Hiller, Felix Mendelssohn, Maria Szymanowska, Klara Wieck, die nachmalige Gattin von Robert Schumann, und Andere mehr.

Hauskapelle

Eine eigene Hauskapelle hatte er sich schon lange gewünscht; im Herbst 1807 glückte es ihm, sie einzurichten; ein paar Sänger und Sängerinnen vom Theater übten sich bei ihm zweimal die Woche; der GeigerKarl Eberwein warf sich zum Dirigenten auf; im Januar 1808 konnte Goethe schon das erste Konzert seines eigenen Singechors vor geladenen Gästen veranstalten. In den nächsten Wintern waren dann seine Hauskonzerte seine liebste Geselligkeit. Sie fanden an den Sonntagmittagen statt; alle Freunde waren geladen, und einige Male zählte man an die fünfzig Zuhörer. Diese Tonfreuden begannen gewöhnlich mit Werken dermusica sacra; dann folgten weltlich-ernste Stücke, und schließlich fehlte auch das Lustige nicht.

Um 1812 und 1813 schlief diese kleine Anstalt ein, besonders infolge von Mißhelligkeiten im Theater. Aber das Ehepaar Eberwein blieb dem alten Dichter treu anhänglich, und wenn nun Goethe in seinem Saale ein Konzert wünschte, so bedurfte es nur einer kurzen Mitteilung: Eberwein brachte die Vortragenden rasch zusammen. Eckermann hat uns solche Abende geschildert, wo Goethe sich mit den Seinen Händels ‚Messias‘ zurückrief oder sich an dem Vortrag seiner eigenen Lieder erfreute, die Henriette Eberwein gar lebendig vortrug, und zwar in Melodien, die teils ihr Mann, teils ihr Schwager, der Rudolstädter Eberwein, gesetzt hatten.

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Zeichentisch

Auch das Zeichnen und Malen wurde im klassischen Weimar zuweilen zum gesellschaftlichen Vergnügen. Wir besitzen ein Bild von Georg Melchior Kraus, wo er im Kreise um die Herzogin Amalie neun Damen und Herren an einem Zeichentische abgebildet hat: Goethe, Einsiedel, Herder usw.; zwei der Damen sticken, Herder macht den Zuschauer, die Übrigen haben alle denStift oder den Pinsel zur Hand. Als im Oktober 1806 die Frau Schopenhauer trotz ihrer Neuheit in Weimar zweimal in der Woche Tee-Abende geben und dazu namentlich den Geheimen Rat Goethe als regelmäßigen Gast gewinnen wollte, gab ihr sein Freund Heinrich Meyer einen guten Rat. „Goethe fühlt sich recht wohl bei mir“ konnte sie dann sehr bald an ihren Arthur schreiben;

ich habe einen eigenen Tisch mit Zeichenmaterialien für ihn in eine Ecke gestellt. Wenn er dann Lust hat, so setzt er sich hin und tuscht aus dem Kopfe kleine Landschaften: leicht hingeworfen, nur skizziert, aber lebend und wahr, wie er selbst und Alles, was er macht.

ich habe einen eigenen Tisch mit Zeichenmaterialien für ihn in eine Ecke gestellt. Wenn er dann Lust hat, so setzt er sich hin und tuscht aus dem Kopfe kleine Landschaften: leicht hingeworfen, nur skizziert, aber lebend und wahr, wie er selbst und Alles, was er macht.

Einmal brachte er der Gastgeberin einen schön aus Papier ausgeschnittenen Blumenstrauß von dem Hamburger Maler Philipp Otto Runge mit; da zeigte ihm Frau Schopenhauer, daß sie diese Kunst auch verstand, und legte ihm einen ebensolchen Kastanienzweig vor.

Er freute sich darüber wie ein Kind zum Weihnachten ... Die Übrigen gingen an’s Klavier im Nebenzimmer; ich blieb allein bei Goethe an seinem Zeichentische ... Nun erzählte er mir von einem Ofenschirme, den ich so machen müßte, machte mir mit ein paar Strichen eine Zeichnung dazu und will mir auch beim Aufkleben helfen.

Er freute sich darüber wie ein Kind zum Weihnachten ... Die Übrigen gingen an’s Klavier im Nebenzimmer; ich blieb allein bei Goethe an seinem Zeichentische ... Nun erzählte er mir von einem Ofenschirme, den ich so machen müßte, machte mir mit ein paar Strichen eine Zeichnung dazu und will mir auch beim Aufkleben helfen.

Beide gingen sogleich mit großem Eifer an diese Aufgabe. Die junge Witwe schnitt ihre Blumen, und der berühmte Dichter war „gewaltig beschäftigt“, sie zur Verzierung des Ofenschirmes zu ordnen. Ende Januar 1807 berichtet Johanna wieder darüber.

Es ist eine herrliche Sache um solche gemeinschaftliche Arbeiten, die man mit Lust und Liebe anfängt; es gibt keinschöneres, festeres Band für’s gesellige Leben. Ich habe immer mit meinen Freunden Etwas vor, und Das gibt ein Zusammenkommen, ein Beraten, ein Überlegen, als hinge das Wohl der Welt daran; am Ende wird es ein Ofenschirm ... Klugen, vernünftigen Leuten muß unser Beginnen fast töricht erscheinen. Wenn so ein Senator oder Bürgermeister sähe, wie ich mit Meyer Papierschnitzel zusammenleime, wie Goethe und die Andern dabei stehen und eifrig Rat geben, er würde ein recht christliches Mitleid mit uns armen kindischen Seelen haben ...Der Ofenschirm ist fertig und die Bewunderung aller Welt; er ist wirklich über Erwarten hübsch! Goethe hat letzt mit dem Lichte in der Hand wohl eine halbe Stunde davor gesessen und ihn besehen, und wer ihm näher kam, Der mußte mit bewundern und besehen.

Es ist eine herrliche Sache um solche gemeinschaftliche Arbeiten, die man mit Lust und Liebe anfängt; es gibt keinschöneres, festeres Band für’s gesellige Leben. Ich habe immer mit meinen Freunden Etwas vor, und Das gibt ein Zusammenkommen, ein Beraten, ein Überlegen, als hinge das Wohl der Welt daran; am Ende wird es ein Ofenschirm ... Klugen, vernünftigen Leuten muß unser Beginnen fast töricht erscheinen. Wenn so ein Senator oder Bürgermeister sähe, wie ich mit Meyer Papierschnitzel zusammenleime, wie Goethe und die Andern dabei stehen und eifrig Rat geben, er würde ein recht christliches Mitleid mit uns armen kindischen Seelen haben ...

Der Ofenschirm ist fertig und die Bewunderung aller Welt; er ist wirklich über Erwarten hübsch! Goethe hat letzt mit dem Lichte in der Hand wohl eine halbe Stunde davor gesessen und ihn besehen, und wer ihm näher kam, Der mußte mit bewundern und besehen.

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Kartenspiel

Zu den väterlichen Warnungen, die Goethe auf die Universität mitnahm, gehörte diejenige vor allem Kartenspiel. In Leipzig aber überzeugte ihn eine mütterliche Freundin, die Hofrätin Böhme, daß nur der Mißbrauch gefährlich und schädlich sei, und sie unterwies ihn in Pikett, L’hombre und anderen in Gesellschaft üblichen Spielen. Ein guter Kartenspieler wurde ihr Zögling jedoch nicht. „Ich hatte wohl den Spielsinn, aber nicht den Spielgeist“ so schilderte sich Goethe später:

Ich lernte alle Spiele leicht und geschwind, aber niemals konnte ich die gehörige Aufmerksamkeit einen ganzen Abend zusammenhalten. Wenn ich also recht gut anfing, so verfehlte ich’s doch immer am Ende und machte mich und Andere verlieren, wodurch ich denn jederzeit verdrießlich entweder zur Abendtafel oder aus der Gesellschaft ging. Kaum war Madame Böhme verschieden, die mich ohnedem während ihrer langwierigen Krankheit nicht mehr zum Spiel angehaltenhatte, so gewann die Lehre meines Vaters Kraft; ich entschuldigte mich erst von den Partien, und weil man nun nichts mehr mit mir anzufangen wußte, so ward ich mir noch mehr als Andern lästig, schlug die Einladungen aus, die denn sparsamer erfolgten und zuletzt ganz aufhörten.

Ich lernte alle Spiele leicht und geschwind, aber niemals konnte ich die gehörige Aufmerksamkeit einen ganzen Abend zusammenhalten. Wenn ich also recht gut anfing, so verfehlte ich’s doch immer am Ende und machte mich und Andere verlieren, wodurch ich denn jederzeit verdrießlich entweder zur Abendtafel oder aus der Gesellschaft ging. Kaum war Madame Böhme verschieden, die mich ohnedem während ihrer langwierigen Krankheit nicht mehr zum Spiel angehaltenhatte, so gewann die Lehre meines Vaters Kraft; ich entschuldigte mich erst von den Partien, und weil man nun nichts mehr mit mir anzufangen wußte, so ward ich mir noch mehr als Andern lästig, schlug die Einladungen aus, die denn sparsamer erfolgten und zuletzt ganz aufhörten.

Diese Erfahrung machte ihn in Straßburg willfährig, als dort ein älterer Freund, Salzmann, die gleiche Forderung an ihn stellte wie einst die Professorin Böhme. Goethe sah ein, daß man sich durch diese kleine Aufopferung – wenn sie ja als solche gelten dürfe – manches Vergnügen und „sogar eine größere Freiheit in der Sozietät verschaffen könne, als man sonst genießen würde“; handelte es sich doch damals, wenn vom Kartenspiel die Rede war, in der Regel nicht um einen Wirtshaus-Zeitvertreib unter Männern, sondern um eine häusliche Unterhaltung zwischen Damen und Herren. Die Gefahr, daß Einzelne von der Spielleidenschaft ergriffen wurden, blieb freilich; nicht Wenige brachten sich bei Kunst- und Glückspielen um Wohlstand, Häuslichkeit und Ehre. Aber Goethe fühlte nie eine übermäßige Anziehung vom Spieltisch aus, und wenn er die Karten in der Hand hielt, blieb ihm das Beisammensein mit den Menschen die Hauptsache.

Das alte eingeschlafene Pikett wurde daher hervorgesucht; ich lernte Whist, richtete mir nach Anleitung meines Mentors einen Spielbeutel ein, welcher unter allen Umständen unantastbar sein sollte, und nun fand ich Gelegenheit, mit meinem Freunde die meisten Abende in den besten Zirkeln zuzubringen.

Das alte eingeschlafene Pikett wurde daher hervorgesucht; ich lernte Whist, richtete mir nach Anleitung meines Mentors einen Spielbeutel ein, welcher unter allen Umständen unantastbar sein sollte, und nun fand ich Gelegenheit, mit meinem Freunde die meisten Abende in den besten Zirkeln zuzubringen.

Er war selber noch ein junger Student, als ein noch jüngerer, Augustin Trapp in Worms, ihn um einen Gewissensratüber das Kartenspielen bat; Goethe neigte damals zur herrnhutischen Frömmigkeit und hatte Verständnis für solche Nöte; seine Antwort war vermittelnd:

Wenn Sie es für eine Sünde halten, so spielen Sie nicht! Warum wollen Sie törig sein und Ihr Gewissen, anderen Leuten zu gefallen, beschweren? Aber ich wünschte nicht, daß Sie eineReligionssache daraus machten undsagten: Ich tu es nicht, weil ich’s für Sünde halte.Und noch weniger wünschte ich, daß Sie Jemanden, der gerne spielt, abhalten und denen Leuten beweisen wollten, es sei Sünde. Wer spielen will, Den lassen Sie spielen! Aber Sie, lassen Sie’s sein! Wenn man Sie nötigt, so sagen Sie: „Ich spiele nicht.“ Wenn man fragt: „warum?“ so sagen Sie: „Weil ich keinen Gefallen dran habe.“ Sagen die Leute: „Das ist Grille,“ so antworten Sie mit einem großen Philosophen: „Gut, es sei Grille: habt Ihr etwan keine?“ Und wenn man Sie fragt: „Was halten Sie von dem Spiel?“, so können Sie sagen: „Ich spiele nicht; was ich davon halte, kann sehr einerlei sein; meine Meinung wird zur Entscheidung des Streits nichts beitragen.“Und so helfen Sie sich durch, wenn Sie können! Denn es ist aus tausend Ursachen gut, gewisse Kleinigkeiten nicht nach den Grundsätzen der Religion, besonders öffentlich, zu beurteilen. –

Wenn Sie es für eine Sünde halten, so spielen Sie nicht! Warum wollen Sie törig sein und Ihr Gewissen, anderen Leuten zu gefallen, beschweren? Aber ich wünschte nicht, daß Sie eineReligionssache daraus machten undsagten: Ich tu es nicht, weil ich’s für Sünde halte.

Und noch weniger wünschte ich, daß Sie Jemanden, der gerne spielt, abhalten und denen Leuten beweisen wollten, es sei Sünde. Wer spielen will, Den lassen Sie spielen! Aber Sie, lassen Sie’s sein! Wenn man Sie nötigt, so sagen Sie: „Ich spiele nicht.“ Wenn man fragt: „warum?“ so sagen Sie: „Weil ich keinen Gefallen dran habe.“ Sagen die Leute: „Das ist Grille,“ so antworten Sie mit einem großen Philosophen: „Gut, es sei Grille: habt Ihr etwan keine?“ Und wenn man Sie fragt: „Was halten Sie von dem Spiel?“, so können Sie sagen: „Ich spiele nicht; was ich davon halte, kann sehr einerlei sein; meine Meinung wird zur Entscheidung des Streits nichts beitragen.“

Und so helfen Sie sich durch, wenn Sie können! Denn es ist aus tausend Ursachen gut, gewisse Kleinigkeiten nicht nach den Grundsätzen der Religion, besonders öffentlich, zu beurteilen. –

Als Goethe nach Weimar kam, fand er, daß an diesem Hofe, wie an allen deutschen Höfen, das Kartenspiel die tägliche Unterhaltung war, ebenso bei allen adligen und bürgerlichen Gesellschaften. Bei den Redouten fehlte auch die Pharaobank nie. Wir wissen nur wenig von großen Geldverlusten; der Zeitverlust aber war ein ungeheurer. Die Wenigen, die sich ausschlossen oder gar gestanden, sie hätten die Spiele nicht gelernt (L’hombre, Tarock, Whist usw.) wurden von den damaligenRegelrechten wie Meerwunder angestaunt. Goethe und Frau v. Stein gehörten zu diesen Ausnahmemenschen: schon diese Besonderheit führte sie in Gesellschaft zueinander.

Goethe hat von diesem Zeitverderb sein ganzes Leben lang keine gute Meinung gehabt, und in Bausch und Bogen könnte man sagen, er habe keine Karten gespielt. Einige Ausnahmen finden sich jedoch; z. B. spielte er in den Jahren 1811, 12 und 13 ziemlich oft nach Tische oder auch abends mit Christiane, August und den Schauspielerinnen Engels und Lortzing eine Partie Whist. Im Januar 1814 schildert er einem alten Freunde, wie er jetzt den Frauen schön tue: „Mit den bejahrten spiele ich Karte und die jüngeren lehre ich Irgendetwas.“

Danach oder mit Christianens Ausscheiden scheint das Kartenspielen für ihn aufgehört zu haben. Aus seinen letzten Jahren bezeugt einer seiner Freunde, Soret, daß Goethe diese Art, sich in größeren Gesellschaften zu unterhalten, abscheulich fand; er spottete darüber, daß die Schönen in all ihrer Huld und Frische mit jungen, fast unbärtigen Männern die gelehrten Regeln des Whist und Boston ernsthaft besprachen. „Doch laßt’s nur gut sein“ meinte er dann wohl, „in unserer Zeit, wo die Throne gestürzt werden, zeigt man seine natürliche Liebe zur Ordnung und Unterordnung wenigstens durch Anerkennung des Karo-Königs.“

***

Tanzen

Das Tanzen war in Goethes Zeit und in den Kreisen, wo er sich bewegte, ein sehr häufiges Vergnügen; die Tanzkunst war bei den Vornehmen geradezueins der ersten und wichtigsten Unterrichtsfächer; es ward noch mehr Zeit darauf verwandt als auf den Katechismus. Unter Goethes Freunden waren denn auch nicht wenige Künstler in diesem Fache; er selber tanzte sehr gern und blieb zeitlebens ein Lobredner dieser Unterhaltung. Auf die Ausschmückung der Redouten hat er sehr viel Zeit verwandt. Zum letzten Male „tanzte“ er am Abend vor seinem 74. Geburtstag; es war in Karlsbad bei einem Tanztee, den Graf Zenigeo gab: „Zu der Schlußpolonaise forderte mich eine polnische Dame zum Tanze auf, den ich mit ihr herumschlich und mir nach und nach beim Damenwechsel die meisten hübschen Kinder in die Hand kamen.“

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Ebenso begünstigte er das gesellschaftliche Theaterspiel zeitlebens, sowohl bei Erwachsenen wie bei Kindern. Als vierjähriger Knabe erlebte Goethe die erste häusliche Schauspiel-Vorstellung durch ein Puppentheater, das er zu Weihnachten bekam; das letzte Theaterstück sah er als zweiundachtzigjähriger Greis, wiederum zu Hause; seine Enkel und ihre jungen Freunde spielten ihm am 6. November 1831 seine eigene ‚Fischerin‘ vor.

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Klatsch

Die allergewöhnlichste Unterhaltung, der Klatsch, beschäftigte auch im klassischen Weimar viele Zungen. Goethe stand von jeher abgesondert und hatte den Kopf voll von höheren Dingen; er erfuhr nur selten, was über ihn und die Seinen gesprochen wurde, und nahm auch an dem allgemeinen Hin und Her der höfischen und städtischen Tagesgeschichte nur selten teil. Zuweilenmerkte er dann, daß seine „fortdauernde reine Entfremdung von den Menschen“ für einen Staatsdiener doch nicht ganz ratsam war. „Ich bin nicht zu dieser Welt gemacht“ schrieb er dann in sein Tagebuch; „wie man aus seinem Haus tritt, geht man auf lauter Kot, und weil ich mich nicht um Lumperei kümmere, nicht klatsche und solche Rapporteurs nicht halte, handle ich oft dumm.“

Nun sind hübsche Geschichten nur um so anschaulicher, wenn sie in unserer Nähe spielen und unsere Bekannten betreffen. Solche Geschichten hat auch Goethe gern angehört und selber erzählt. In seinem Alter ließ er sich von dem trocken-witzigen Heinrich Meyer gern Dergleichen mitteilen; namentlich hörte er von seiner Schwiegertochter Ottilie und ihrer Schwester Ulrike gern „neuerliche frauenzimmerliche Vorkommnisse“ oder Nachrichten von den fürstlichen Personen. „Ottilie, von Belvedere kommend, den Hofzustand schildernd, mit Neigung, wie ich’s liebe“; so lesen wir einmal im Tagebuch von 1831, und ein andermal: „Mittag Ottilie, allen Stadtklatsch durchgearbeitet, wobei denn gar hübsche novellenartige Verhältnisse zum Vorschein kamen.“

Mißreden und Ausfragen

Ganz anders aber stellte er sich, wenn die Erzähler nicht so gutartig waren, wenn sie ihre Neigung zu Witz und Spott oder gar ihren Haß an den gemeinsamen Bekannten ausließen. Als der Kanzler ihm einmal einen bösen Witz Riemers erzählte, fuhr er auf: „Durch solche böswilligen und indiskreten Dichteleien macht man sich nur Feinde und verbittert Laune und Existenz sich selbst! Ich wollte mich doch lieber aufhängen, alsewig negieren, ewig in der Opposition sein, ewig schußfertig auf die Mängel und Gebrechen meiner Mitlebenden, Nächstlebenden lauern. Ihr seid noch gewaltig jung und leichtsinnig, wenn Ihr so etwas billigen könnt!“ Noch deutlicher wurde er einmal, als Jenny v. Pappenheim bei ihm zu Tische war und eine Klatscherei zum Vorschein kam. „Euren Schmutz kehrt bei Euch zusammen, aber bringt ihn nicht mir in’s Haus!“ rief er mit dröhnender Stimme. In größerer Gesellschaft sprach er lieber über Menschen früherer Jahrhunderte und ferner Länder als über die Nachbarn und Freunde.

Wir wissen schon, daß sich Goethe nicht ausforschen ließ. Der Alte hat mit Eckermann absichtlich Ausfrage-Gespräche geführt, aber da war er der Herr und Lenker, und der bescheidene Eckermann stellte nur willkommene Fragen. Kam aber Jemand, der ihn überlisten wollte, so fand er in Goethe seinen Meister. Heinrich Luden wollte, als der ‚Faust‘ erst halb fertig vorlag, über den Fortgang und die Grundgedanken des Werkes gern Offenbarungen haben; Goethe sprach auch recht lange und eingehend mit ihm; das Gespräch füllt vierunddreißig Druckseiten, aber wohl offenbart Luden darin Alles, was er über den ‚Faust‘ weiß und denkt, Goethe jedoch sagt so gut wie nichts. Jean Paul wollte einmal hören, was Goethe über ihn selber denke, wie hoch er seine humoristischen Werke bewerte. Er fragte nicht geradezu, sondern redete über seine Berufsverwandten Sterne, Hippel usw., in der Hoffnung, daß Goethe nun sagen sollte, er, Jean Paul, übertreffe sie doch alle. Aber das Gespräch ward ein Schachspiel, in dem Goetheimmer Züge tat, die sein Gegner nicht erwartete, bis sich Jean Paul endlich schachmatt nach Hause begeben mußte. „Einen durchtriebeneren Schalk gibt es auf Erden nicht wie den Goethe“ schreibt Karoline Schlegel über dies Gespräch an Wilhelm Schlegel.

Für ungut aber nahm es Goethe, wenn ihn Jemand durch das Gespräch in eine gemütliche, offenherzigeStimmungbringen wollte, wie Mancher wohl fleißig Wein einschenkt, damit der Andere sein Herz offenbare. „Todfeindschaft kann daraus entstehen“ sagte Goethe einmal bei Tische, „wenn man es tut und sich gegen mich berühmt, daß man mich auf meine Schnurre gebracht habe, sobald ich mit Gutmütigkeit mich geäußert und gehen gelassen habe. Weil es eine falsche Superiorität des Andern und eine Gemütlosigkeit verrät!“

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Liebste Geselligkeit

Auch insofern verkaufte sich Goethe nicht der Geselligkeit, als er sich seine Arbeitszeit nicht verkürzen ließ. Wohl wissen wir von vergnügten Abenden, die bis in die Nacht reichten; aber es sind für Goethes viele Lebenstage doch nur wenige. Die Regel: „früh zu Bett und früh heraus“ hat er nur selten durchbrochen. Die ihm zusagende Geselligkeit war: nach einem langen, arbeitsreichen Vormittage ein fröhliches Mittagessen mit Gästen, danach Plauderstunden mit Solchen, die sein geistiges Leben teilten oder bereicherten. Der jüngere Voß hat uns die lebendigsten Schilderungen aus jener Zeit um die Jahrhundertwende gegeben, wo die Schauspieler und Schauspielerinnen durch Christiane mehr in’s Haus kamen als früher und später.

Es wurde bei Tisch gescherzt, gelacht, am Ende sogar die bunte Reihe hindurch geküßt, und Goethe war am lustigsten. Ich bat gegen das Ende der Mahlzeit den Hofmeister von Goethes August, mir einen Schlag zu geben mit den Worten: „Schick’s weiter!“ Ich gab ihn meiner Nachbarin Silie, und Diese ihrem Nachbar, und so ging’s weiter bis zur Maaß, die neben Goethe saß. Die Maaß stutzte ein wenig, doch entschloß sie sich endlich, Goethe einen tüchtigen Klaps zu geben. Goethe drehte sich zu ihr und küßte sie und darauf seine andere Nachbarin mit den Worten: „schick’s weiter!“ Die will durchaus nicht, wahrscheinlich, weil ihr der Nachbar nicht anstand. „Nun,“ sagte Goethe, „wenn’s nicht so herum will, muß es retour gehen“, läßt sich wieder küssen, küßt wieder die Maaß und so geht’s fort bis auf die kleine Silie, die mir den letzten Kuß gab. Nun denk Dir den armen Riemer, der neben mir saß und leer ausgehen mußte, weil bei mir die bunte Reihe aufhörte.

Es wurde bei Tisch gescherzt, gelacht, am Ende sogar die bunte Reihe hindurch geküßt, und Goethe war am lustigsten. Ich bat gegen das Ende der Mahlzeit den Hofmeister von Goethes August, mir einen Schlag zu geben mit den Worten: „Schick’s weiter!“ Ich gab ihn meiner Nachbarin Silie, und Diese ihrem Nachbar, und so ging’s weiter bis zur Maaß, die neben Goethe saß. Die Maaß stutzte ein wenig, doch entschloß sie sich endlich, Goethe einen tüchtigen Klaps zu geben. Goethe drehte sich zu ihr und küßte sie und darauf seine andere Nachbarin mit den Worten: „schick’s weiter!“ Die will durchaus nicht, wahrscheinlich, weil ihr der Nachbar nicht anstand. „Nun,“ sagte Goethe, „wenn’s nicht so herum will, muß es retour gehen“, läßt sich wieder küssen, küßt wieder die Maaß und so geht’s fort bis auf die kleine Silie, die mir den letzten Kuß gab. Nun denk Dir den armen Riemer, der neben mir saß und leer ausgehen mußte, weil bei mir die bunte Reihe aufhörte.

Auch Goethes Abende zeichnet uns Heinrich Voß:

Wenn es Sechs schlägt, so versammelt sich ein kleines Häufchen um ihn, außer mir noch Professor Meyer, Fernow und Riemer, und da bleiben wir dann bis Acht, Neun oder auch wohl bis Zehn ...Weil er nie ernstlich des Abends arbeitet und seine Augen das Lesen bei Licht nicht vertragen, so hat er gerne Jemand bei sich, mit dem er sprechen kann. Nie ist der Mann liebenswürdiger als in solchen Abendstunden. Dann sitzt er im tiefsten Negligee, in einem wollenen Jäckchen, ohne Halstuch, mit bloßer Brust, die Strümpfe über die Hosen gezogen, auf seinem Sofa und unterhält sich oder läßt sich vorlesen. Und diese Bequemlichkeit, die Abendstille und die Ruhe nach schwerem Tagesgeschäft machen ihn so überaus heiter und gesprächig ... Wenn er dann recht lebendig ist, so kann er auf dem Sofa nicht aushalten; dann springt er auf und geht hastig im Zimmer auf und nieder, und jede Gestikulation, ihm selbst unbewußt, wird zur lebendigsten Sprache. Ja,dieser Mann spricht nicht bloß mit dem Organ der Zunge, sondern zugleich mit hundert andern, die bei gewöhnlichen Menschen stumm sind; und aus seinen Augen strahlt das seelenvollste Feuer. Dann hat sein manchmal furchterregender Blick auch alles Schreckhafte verloren. Besonders gern erzählt er dann von seinem Leben, nie aber etwas Anderes als heitere Dinge. So hat er, obgleich ich ihn mehrmals darauf lenkte, nie umständlich von seiner Krankheit vor drei Jahren gesprochen, und was er davon erzählte, waren auch nur die heitern Zeiten der Krankheit.

Wenn es Sechs schlägt, so versammelt sich ein kleines Häufchen um ihn, außer mir noch Professor Meyer, Fernow und Riemer, und da bleiben wir dann bis Acht, Neun oder auch wohl bis Zehn ...

Weil er nie ernstlich des Abends arbeitet und seine Augen das Lesen bei Licht nicht vertragen, so hat er gerne Jemand bei sich, mit dem er sprechen kann. Nie ist der Mann liebenswürdiger als in solchen Abendstunden. Dann sitzt er im tiefsten Negligee, in einem wollenen Jäckchen, ohne Halstuch, mit bloßer Brust, die Strümpfe über die Hosen gezogen, auf seinem Sofa und unterhält sich oder läßt sich vorlesen. Und diese Bequemlichkeit, die Abendstille und die Ruhe nach schwerem Tagesgeschäft machen ihn so überaus heiter und gesprächig ... Wenn er dann recht lebendig ist, so kann er auf dem Sofa nicht aushalten; dann springt er auf und geht hastig im Zimmer auf und nieder, und jede Gestikulation, ihm selbst unbewußt, wird zur lebendigsten Sprache. Ja,dieser Mann spricht nicht bloß mit dem Organ der Zunge, sondern zugleich mit hundert andern, die bei gewöhnlichen Menschen stumm sind; und aus seinen Augen strahlt das seelenvollste Feuer. Dann hat sein manchmal furchterregender Blick auch alles Schreckhafte verloren. Besonders gern erzählt er dann von seinem Leben, nie aber etwas Anderes als heitere Dinge. So hat er, obgleich ich ihn mehrmals darauf lenkte, nie umständlich von seiner Krankheit vor drei Jahren gesprochen, und was er davon erzählte, waren auch nur die heitern Zeiten der Krankheit.

Ähnlich erzählt die Malerin Luise Seidler von 1810, wo Frau Christiane und ihre Gesellschafterin, Fräulein Ulrich, noch fröhlich das Leben genossen.

Beim Mittagsessen war Goethe mit Riemer, Meyer und anderen Gästen, deren Zahl jedoch niemals acht überstieg, sehr heiter. Man speiste in einem kleinen Zimmer, dessen Wände mit Handzeichnungen berühmter alter Meister geschmückt waren; das Mahl war stets von gediegener Einfachheit, das Getränk trefflicher Burgunder. Beim Dessert entfernten sich die Damen, „die lustigen Weiber von Weimar“, wie Goethe sie scherzend nannte, um spazieren zu fahren ... Die Herren – denn nur sehr selten wurden Damen zu Tisch geladen – blieben sitzen; auch ich hatte ein für allemal die Erlaubnis zum Dableiben. Sobald wir allein waren, nahm Goethe jederzeit irgend einen bestimmten Gegenstand, an welchen er seine scharfsinnigen Bemerkungen reihte, z. B. einen bronzenen Moses von Michel Angelo ... Unter diesen interessanten Gesprächen kam unmerklich der Abend herbei, der neue Genüsse brachte, da man gewöhnlich in das Theater fuhr. Der Dichter hatte damals eine geschlossene Parterreloge unterhalb der herrschaftlichen. In den Zwischenakten wurde kalte Küche präsentiert; auch der Burgunder fehlte nicht.

Beim Mittagsessen war Goethe mit Riemer, Meyer und anderen Gästen, deren Zahl jedoch niemals acht überstieg, sehr heiter. Man speiste in einem kleinen Zimmer, dessen Wände mit Handzeichnungen berühmter alter Meister geschmückt waren; das Mahl war stets von gediegener Einfachheit, das Getränk trefflicher Burgunder. Beim Dessert entfernten sich die Damen, „die lustigen Weiber von Weimar“, wie Goethe sie scherzend nannte, um spazieren zu fahren ... Die Herren – denn nur sehr selten wurden Damen zu Tisch geladen – blieben sitzen; auch ich hatte ein für allemal die Erlaubnis zum Dableiben. Sobald wir allein waren, nahm Goethe jederzeit irgend einen bestimmten Gegenstand, an welchen er seine scharfsinnigen Bemerkungen reihte, z. B. einen bronzenen Moses von Michel Angelo ... Unter diesen interessanten Gesprächen kam unmerklich der Abend herbei, der neue Genüsse brachte, da man gewöhnlich in das Theater fuhr. Der Dichter hatte damals eine geschlossene Parterreloge unterhalb der herrschaftlichen. In den Zwischenakten wurde kalte Küche präsentiert; auch der Burgunder fehlte nicht.

Alle Besucher, die an Goethes Mahlzeiten teilnehmen durften, rühmten noch lange über die gutenSpeisen die sehr angenehme Unterhaltung; sie empfanden es als ehrende Liebenswürdigkeit, wie Goethe auch um ihr geistiges Genießen bei der Tafel und nach der Tafel besorgt war. „Die Unterhaltung war eine allgemeine, lebendige und nie stockende, Goethe leitete sie meisterhaft“ ist das Zeugnis Zahns (1827), und Ernst Förster berichtet von 1825: „Es schien bei ihm Bedürfnis, dem Besuchenden entweder eine Freude zu machen, oder einen womöglich sichtbaren Stoff der Unterhaltung zu bieten“; in seinem Falle hatte Goethe eine Anzahl sehr kunstreicher Papier-Schattenbilder von der Hand der Adele Schopenhauer bereit gelegt und ging sie einzeln unter Beachtung jeder Kleinigkeit mit ihn durch.

Förster erwähnt auch eine anmutige Tafelsitte, die man an festlichen Tagen der Mitwirkung Eberweins verdankte:

Das Gespräch wurde auf eine überraschende Weise unterbrochen. An dem einen Ende der Tafel wurde es unruhig; man räusperte sich, gab ein leichtes Zeichen am Glas, und ein vierstimmiger Gesang wurde angestimmt. Es gehörte die schöne Sitte, das Mahl mit Gesängen zu würzen, zu Goethes besonderen Tafelfreuden bei festlichen Gelegenheiten, und so folgte auch heute nach jedem Gange ein Gesang ... Nach dem Dessert setzte sich Hummel an’s Instrument und gab dem kleinen Feste mit einer heitern und reichen Phantasie einen glänzenden Schluß.

Das Gespräch wurde auf eine überraschende Weise unterbrochen. An dem einen Ende der Tafel wurde es unruhig; man räusperte sich, gab ein leichtes Zeichen am Glas, und ein vierstimmiger Gesang wurde angestimmt. Es gehörte die schöne Sitte, das Mahl mit Gesängen zu würzen, zu Goethes besonderen Tafelfreuden bei festlichen Gelegenheiten, und so folgte auch heute nach jedem Gange ein Gesang ... Nach dem Dessert setzte sich Hummel an’s Instrument und gab dem kleinen Feste mit einer heitern und reichen Phantasie einen glänzenden Schluß.

[14]Basedow war ein Aufklärer, Hasenkamp ein Pietist.[15]Fr. v. Müller in der Erfurter Gedächtnisrede 1832.

[14]Basedow war ein Aufklärer, Hasenkamp ein Pietist.

[14]Basedow war ein Aufklärer, Hasenkamp ein Pietist.

[15]Fr. v. Müller in der Erfurter Gedächtnisrede 1832.

[15]Fr. v. Müller in der Erfurter Gedächtnisrede 1832.


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