VIII.Freundschaft.
Schon das Wohlgefallen an der äußeren Erscheinung eines neuen Bekannten, an seiner Stimme und Sprache, seinen Gebärden, Bewegungen und Sitten, erweckt in uns eine Zuneigung, die der Liebe zwischen Mann und Weib verwandt ist. Solche Anziehung übten auf den jüngeren Goethe z. B. Fritz Jacobi, Lavater und Herder aus, schöne Männer, die höchst liebenswürdig sein konnten. Und in älteren Jahren wirkte mancher Aristokrat ähnlich, mit dem ihn die Geselligkeit am weimarischen Hofe oder in böhmischen Bädern zusammenführte.
Häufiger vermitteln gleiche Beschäftigung, Neigung zu den gleichen Wissenschaften oder Künsten oder auch nur gleicher Zeitvertreib eine Befreundung; da Goethe nicht wenige Steckenpferde hatte, so gewann er gar viele Freunde und Halbfreunde dieser Art.
Ähnliche Gesinnung in den Hauptpunkten ist stets Voraussetzung eines engeren Verhältnisses, namentlich wenn man am selben Orte wohnt oder sonst häufig zusammenkommt. Ein solcher Hauptpunkt ist immer die Religion; seit Beginn der französischen Umwälzung wurde aber auch in Deutschland die politische Parteinahme eine Ursache vieler Vereinigungen und Trennungen. Goethe zog sich damals von den „Neufranken“ und für alle Zukunft von den Demokratisch-gesinntenzurück oder hielt sie sich doch so fern wie möglich, nicht etwa aus Rücksicht auf seine Stellung zum Hofe oder Staate, denn sein Landesfürst verlangte dergleichen Vorsicht keineswegs und übte sie selber nicht, sondern weil ihm selber die auf Umsturz und Massenherrschaft gerichteten Bestrebungen peinlich waren, so daß er nicht ohne Not daran erinnert werden mochte.
Leicht und gleichsam ohne Worte verstehen wir uns mit Denen, die ungefähr denselben Lebensweg wie wir gemacht und daher ähnliche Erfahrungen gesammelt haben. Also mit Landsleuten, Altersgenossen, Berufsgenossen, namentlich aber mit Schicksalsgenossen. Goethe war von seinem 26. Jahre an in den Kreisen, in denen er lebte, einparvenu– er nannte sich selber so – und vielleicht finden wir deshalb auch unter seinen Bekannten und Freunden recht viele Emporkömmlinge. Freilich war ja auch bei ihnen das Aufsteigen ein Beweis ihrer Gaben und Kräfte. Schiller, der Kanzler v. Müller und der französische Diplomat v. Reinhardt waren, wie Goethe, auf Grund ihrer Tüchtigkeit und vornehmen Haltung in den Adelsstand erhoben worden; der ehemalige schwäbische Theologe Reinhardt ward später sogar Graf und Pair von Frankreich. Andere, die nicht ganz so hoch stiegen, hatten ihre Laufbahn auch noch tiefer begonnen. Oeser war der uneheliche Sohn eines Handschuhmachers in Preßburg. Jung-Stilling war Schneider gewesen, Moritz Hutmacherlehrling. Wilhelm Tischbein kam aus dem Hause eines hessischen Dorfdrechslers. Fernow nannte einen uckermärkischen Gutsknecht seinen Vater. Christoph Bodeweidete als Sohn eines braunschweigischen Ziegelarbeiters das Vieh für die Bauern, bis er zu einem Stadtmusikus in die Lehre kam. Zelter mußte als Sohn eines Berliner Maurermeisters das väterliche Handwerk erlernen und ausüben. Und der Hausiererssohn Eckermann aus Winsen an der Luhe half wie andere ärmste Landjungen am Erwerb des Nötigsten mit: durch Schilfschneiden, Ährenlesen, Reisigsammeln und Hüten der Kühe für reichere Leute, denn seine Eltern besaßen nureineKuh. Diese Emporgestiegenen verrieten zuweilen ihre gröbere Erziehung; z. B. Zelter war „ein Kerl, der in die Stube spuckt“; Goethe sah darüber hinweg und freute sich der Kernhaftigkeit solcher selbstgemachten Männer. Er bewunderte ja auch Napoleon unter allen Herrschern am meisten und freute sich, daß gerade Dieser ihn bemerkte und ehrte, als die Kaiser und Könige „von Gottes Gnaden“ sein Dasein noch nicht beachtet hatten.
Ursachen der Freundschaft
Die eigentliche Grundlage aller dauerhaften Freundschaft ist aber nicht das Gefallen, Anerkennen, Verstehen, sondern das gegenseitige Nützen und Unterstützen. Der Freund muß uns irgendwie ergänzen und daher uns durch seinen Anschluß bereichern; er muß für sein Geben aber auch von uns empfangen können; das Bündnis muß Beiden förderlich sein. Bei Goethes wichtigsten Freundschaften: mit Karl August, Knebel, Schiller, Zelter und Heinrich Meyer, erkennen wir diesen gegenseitigen Nutzen. Daraus folgt keineswegs, daß solche Bündnisse aus Eigennutz geschlossen wurden; die Liebe Goethes zu Karl August war zuerst eineFürsorge des Älteren für den jüngeren Schutzbedürftigen; ebenso behielt Knebel durch seine seelischen Nöte Macht über den Dichter von ‚Werthers Leiden‘; ebenso Moritz in Rom und mancher Andere. Auch Schiller, Zelter, Heinrich Meyer bedurften seiner Hilfe, als er sie kennen lernte.
***
Schiller
Es ist nicht leicht, Goethes große Liebe für einige dieser Männer zu verstehen;[16]am merkwürdigsten war jedoch sein Verhältnis mit Schiller, ganz abgesehen davon, daß man Nebenbuhler-Gefühle vermuten könnte zwischen zwei Dichtern, von denen bald der Eine, bald der Andere erfolgreicher erschien. Als Schiller nach Weimar kam, hielt sich Goethe noch in Italien auf, und als sich die beiden Männer endlich begegneten, war Goethe zu einem näheren Verhältnis, wie es Schiller wünschte, nicht bereit. Der Dichter des ‚Tasso‘ und der ‚Iphigenie‘ lebte innerlich zu weit entfernt von dem neuen Stürmer und Dränger, der mit den ‚Räubern‘, ‚Fiesco‘ und der ‚Millerin‘ das Publikum erregt hatte. Sechs Jahre wohnten sie nahe beieinander, hatten gemeinsame Freunde und blieben gegeneinander kalt und fremd. Es trennte sie Vieles: Denkart, Dichtart, Lebensweise. Jeder war für den Anderen ein wunderbares Phänomen, ja fast eine Naturwidrigkeit. „Ein solches Wesen sollten dieMenschen um sich herum nicht aufkommen lassen“ schrieb Schiller sogar.
Allmählich näherten sie sich dann doch, zumeist durch eine Wandlung oder ein Fortschreiten Schillers. Im August 1794 bat der Jüngere den Älteren um Mitarbeit an einer neuen Zeitschrift und erwies in dem Briefe, wie gut er Goethes Wesen verstand. Dieser erwiderte herzlich vertrauend:
Zu meinem Geburtstag hätte mir kein angenehmer Geschenk werden können als Ihr Brief, in welchem Sie mit freundschaftlicher Hand die Summe meiner Existenz ziehen und mich durch Ihre Teilnahme zu einem emsigern und lebhaftern Gebrauch meiner Kräfte aufmuntern.
Zu meinem Geburtstag hätte mir kein angenehmer Geschenk werden können als Ihr Brief, in welchem Sie mit freundschaftlicher Hand die Summe meiner Existenz ziehen und mich durch Ihre Teilnahme zu einem emsigern und lebhaftern Gebrauch meiner Kräfte aufmuntern.
Und weiter:
Wie groß der Vorteil Ihrer Teilnehmung für mich sein wird, werden Sie bald selbst sehen, wenn Sie bei näherer Bekanntschaft eine Art Dunkelheit und Zaudern bei mir entdecken werden, über die ich nicht Herr werden kann, wenn ich mich ihrer gleich sehr deutlich bewußt bin.
Wie groß der Vorteil Ihrer Teilnehmung für mich sein wird, werden Sie bald selbst sehen, wenn Sie bei näherer Bekanntschaft eine Art Dunkelheit und Zaudern bei mir entdecken werden, über die ich nicht Herr werden kann, wenn ich mich ihrer gleich sehr deutlich bewußt bin.
Und gleichzeitig:
Reiner Genuß und wahrer Nutzen kann nur wechselseitig sein,
Reiner Genuß und wahrer Nutzen kann nur wechselseitig sein,
und
Alles, was an mir ist, werde ich mit Freuden mitteilen.
Alles, was an mir ist, werde ich mit Freuden mitteilen.
Dieser Freundschaftsbund, dem Beide, und mit ihnen ihr Volk, Großes verdanken, wurde also wie eine Verstandesehe geschlossen; mit gutem Grunde sprach Goethe später von dem „großen Kunststück“, „bei völlig auseinanderstrebenden Richtungen“ mit Schiller „eine gemeinsame Bildung fortzusetzen.“
Bei so geringer natürlicher Anziehung können nur zwei sehr kluge Menschen Freundschaft miteinander halten; aber das Verhältnis zwischen Schiller und Goethe wurde mit jedem Jahre herzlicher und brüderlicher: weil gegenseitige Hilfe und Treue auch Liebe erweckt, bewähren sich doch die Verstandesehen nicht schlechter als die Liebesheiraten! Der Gedankenaustausch, die gegenseitige Prüfung und Steigerung durch Briefe und Gespräche über die nächsten Arbeiten, die gemeinschaftliche Einwirkung auf das Publikum durch Zeitschriften, die gemeinschaftliche Verbesserung des weimarischen Theaters, die Abwehr der Gegner: Das blieb die Hauptsache. Aber dabei wurde Schiller in Goethes und Goethe in Schillers Hause heimisch, und die Freunde erlebten alle menschlichen und häuslichen Freuden und Sorgen miteinander. Wie lieb Goethe den spätgefundenen Freund schließlich hatte, lesen wir am schönsten aus den Berichten des jungen Voß vom Mai 1805.
In der letzten Krankheit Schillers war Goethe ungemein niedergeschlagen. Ich habe ihn einmal in seinem Garten weinend gefunden; aber es waren nur einzelne Tränen, die ihm in den Augen blinkten: sein Geist weinte, nicht seine Augen, und in seinen Blicken las ich, daß er etwas Großes, Überirdisches, Unendliches fühlte. Ich erzählte ihm Vieles von Schiller, das er mit unnennbarer Fassung anhörte. „Das Schicksal ist unerbittlich, und der Mensch wenig!“ Das war Alles, was er sagte, und wenige Augenblicke nachher sprach er von heiteren Dingen.Aber als Schiller gestorben war, war eine große Besorgnis, wie man es Goethen beibringen wollte. Niemand hatte den Mut, es ihm zu melden. Meyer war bei Goethen,als draußen die Nachricht eintraf, Schiller sei tot. Meyer wurde hinausgerufen, hatte nicht den Mut, zu Goethen zurückzukehren, sondern ging weg, ohne Abschied zu nehmen. Die Einsamkeit, in der sich Goethe befindet, die Verwirrung, die er überall wahrnimmt, das Bestreben, ihm auszuweichen, das ihm nicht entgehen kann – alles Dieses läßt ihn wenig Tröstliches erwarten. Ich merke es, sagte er endlich, Schiller muß sehr krank sein, und ist die übrige Zeit des Abends in sich gekehrt. Er ahnte, was geschehen war; man hörte ihn in der Nacht weinen. Am Morgen sagte er zu einer Freundin: „Nicht wahr, Schiller war gestern sehr krank?“ Der Nachdruck, den er auf dassehrlegt, wirkt so heftig auf Jene, daß sie sich nicht länger halten kann. Statt ihm zu antworten, fängt sie laut an zu schluchzen.„Er ist tot?“ fragt Goethe mit Festigkeit. – „Sie haben es selbst ausgesprochen,“ antwortete sie. „Er ist tot!“ wiederholte Goethe noch einmal und bedeckte sich die Augen mit den Händen. –Um 10 Uhr sehe ich Goethe im Park gehen; ich hatte aber nicht den Mut, ihm zu begegnen. Drei Tage lang bin ich ihm ausgewichen. – – –Jetzt spricht Goethe sehr selten von Schiller, und wenn er es tut, so sucht er die heiteren Seiten ihres schönen Zusammenlebens auf.
In der letzten Krankheit Schillers war Goethe ungemein niedergeschlagen. Ich habe ihn einmal in seinem Garten weinend gefunden; aber es waren nur einzelne Tränen, die ihm in den Augen blinkten: sein Geist weinte, nicht seine Augen, und in seinen Blicken las ich, daß er etwas Großes, Überirdisches, Unendliches fühlte. Ich erzählte ihm Vieles von Schiller, das er mit unnennbarer Fassung anhörte. „Das Schicksal ist unerbittlich, und der Mensch wenig!“ Das war Alles, was er sagte, und wenige Augenblicke nachher sprach er von heiteren Dingen.
Aber als Schiller gestorben war, war eine große Besorgnis, wie man es Goethen beibringen wollte. Niemand hatte den Mut, es ihm zu melden. Meyer war bei Goethen,als draußen die Nachricht eintraf, Schiller sei tot. Meyer wurde hinausgerufen, hatte nicht den Mut, zu Goethen zurückzukehren, sondern ging weg, ohne Abschied zu nehmen. Die Einsamkeit, in der sich Goethe befindet, die Verwirrung, die er überall wahrnimmt, das Bestreben, ihm auszuweichen, das ihm nicht entgehen kann – alles Dieses läßt ihn wenig Tröstliches erwarten. Ich merke es, sagte er endlich, Schiller muß sehr krank sein, und ist die übrige Zeit des Abends in sich gekehrt. Er ahnte, was geschehen war; man hörte ihn in der Nacht weinen. Am Morgen sagte er zu einer Freundin: „Nicht wahr, Schiller war gestern sehr krank?“ Der Nachdruck, den er auf dassehrlegt, wirkt so heftig auf Jene, daß sie sich nicht länger halten kann. Statt ihm zu antworten, fängt sie laut an zu schluchzen.
„Er ist tot?“ fragt Goethe mit Festigkeit. – „Sie haben es selbst ausgesprochen,“ antwortete sie. „Er ist tot!“ wiederholte Goethe noch einmal und bedeckte sich die Augen mit den Händen. –
Um 10 Uhr sehe ich Goethe im Park gehen; ich hatte aber nicht den Mut, ihm zu begegnen. Drei Tage lang bin ich ihm ausgewichen. – – –
Jetzt spricht Goethe sehr selten von Schiller, und wenn er es tut, so sucht er die heiteren Seiten ihres schönen Zusammenlebens auf.
***
Bewahrung alter Freundschaften
Goethe war sich bewußt, daß lang andauernde Freundschaften zeitweilig ruhen müssen. Wir dürfen es nicht verübeln, sondern müssen geradezu erwarten, daß der Andre sich zeitweilig von uns entfernt und neue Menschen genießt. Wer eine beständig gleichmäßige Freundschaft fordert, zerstört eben dadurch die Fortdauer des guten Verhältnisses. Wieland und Goethe standen miteinander zeitlebens gut, seitdem sie sich von Angesicht kannten, d. h. von 1775 bis 1813, aber deranfängliche tägliche und brüderliche Verkehr ward bald viel seltener; Goethe mußte sich gefallen lassen, daß sich Wieland mehr an Herder anschloß, und ebenso Wieland, daß sich Goethe und Schiller beinahe gegen alle Welt verbündeten. Dies Abnehmen und Zunehmen der Freundschaft soll man erwarten. „Wer sich nähert, Den stoßt nicht zurück“ riet Goethe seiner Frau und seinem Sohne, „und wer sich entfernt, Den haltet nicht auf, und wer wiederkommt, Den nehmt auf, als wenn er nicht weg gewesen wäre.“
Auch als Goethe und Schiller Freunde waren, gab es Wochen, wo sie einander mieden, weil sie sich nicht einig fühlten. Und ebenso gab es Zeiten, wo Goethe und Karl August miteinander diplomatisch „wie zwei Großmächte“ verkehrten. Sein gutes Verhältnis mit Fritz Jacobi, der in der Weltanschauung zu ganz andern Sätzen kam, konnte Goethe bis zu Jacobis Tode nur dadurch erhalten, daß sie jahrelang die Aussprache unterließen und geduldig die Gelegenheiten abwarteten, wo sie einander wieder Liebes erweisen konnten. Aus solchen Erfahrungen schrieb Goethe 1827 nach einer Meinungsverschiedenheit an seinen Verleger Cotta:
Ich habe, wenn zwischen Freunden, notwendig Verwandten und Verbundenen sich einige Differenz hervortat, immer lieber geschwiegen als erwidert; denn in solchen Fällen bleibt ein Jeder doch einigermaßen auf seinem Sinn, und so entstehen aus gewechselten Äußerungen neue Differenzen, und die Mißverständnisse verwickeln sich, anstatt sich aufzuklären. Dagegen habe ich gefunden: dieZeitsei die eigentlichste Vermittlerin; in derselben entwickeln sich Handlungen, die einzige Sprache, die zwischen Freunden giltig ist, um das wahre Verhältnis auszudrücken.
Ich habe, wenn zwischen Freunden, notwendig Verwandten und Verbundenen sich einige Differenz hervortat, immer lieber geschwiegen als erwidert; denn in solchen Fällen bleibt ein Jeder doch einigermaßen auf seinem Sinn, und so entstehen aus gewechselten Äußerungen neue Differenzen, und die Mißverständnisse verwickeln sich, anstatt sich aufzuklären. Dagegen habe ich gefunden: dieZeitsei die eigentlichste Vermittlerin; in derselben entwickeln sich Handlungen, die einzige Sprache, die zwischen Freunden giltig ist, um das wahre Verhältnis auszudrücken.
Die frühen Jugendfreundschaften kann man wie eine erste Liebe in ihrer Schönheit nur erhalten, wenn man sie gänzlich im Erinnerungsleben beläßt. 1824 war von Goethes Landsmann Klinger die Rede, der in Rußland zu hohem Ansehen gestiegen war; er hatte sich kürzlich als ein guter Freund Goethes bewiesen; trotzdem sagte Dieser:
Alte Freunde muß man nicht wiedersehen. Man versteht sich nicht mehr mit ihnen; Jeder hat eine andere Sprache bekommen. Wem es ernst um seine innere Kultur ist, hüte sich davor! Denn der alsdann hervortretende Mißklang kann nur störend auf uns einwirken, und man trübt sich das reine Bild des früheren Verhältnisses.
Alte Freunde muß man nicht wiedersehen. Man versteht sich nicht mehr mit ihnen; Jeder hat eine andere Sprache bekommen. Wem es ernst um seine innere Kultur ist, hüte sich davor! Denn der alsdann hervortretende Mißklang kann nur störend auf uns einwirken, und man trübt sich das reine Bild des früheren Verhältnisses.
Zerstörte Freundschaften
Von drei Jugendfreunden, die er sehr geliebt hatte, wandte sich Goethe mit stillem Kummer und Zorn allmählich ab: von Merck, Lavater und Herder. Mit Lavater hatte er sich verbrüdert, als er selber zum Pietismus neigte; was bei Goethe nur ein anfänglicher Entwicklungszustand war, blieb Lavaters Natur bis ans Ende. Deswegen hätten sie nun wohl Freunde bleiben können, zumal bei der großen Entfernung zwischen Zürich und Weimar, vertrug und verstand sich doch Goethe auch mit manchem gläubigen Katholiken! Aber Lavater, der sonst von Herzen Gütige, verkündigte seinen Glauben mit solcher Inbrunst, daß er gegen Andersdenkende ungerecht und beleidigend wurde; Goethe warnte ihn schon 1779, als man eine Zusammenkunft plante, in seiner feinen Weise vor dieser Untugend, indem er bat, „daß wir einander unsere Partikular-Religionen ungehudelt lassen; Du bist gut darinne, aberich bin manchmal hart und unhold.“ Lavater hielt jedoch nicht Ruhe und wurde überlästig wie jeder Freund, der einen allein-seligmachenden Glauben zu haben meint und uns nun mit Gewalt in seinen Himmel führen möchte. Schlimm war auch, daß Lavaters Glaubenslust an den Mysterien des Neuen Testaments noch nicht satt wurde, sondern auch alle Wundertaten Gaßners, Kaufmanns, Cagliostros und anderer Schwindler oder Halbschwindler gläubig aufnahm und weiter verkündete. Dadurch kam er schließlich in Verdacht, es selber mit der Wahrheit nicht genau zu nehmen. Jedenfalls mochte Goethe, dem die Wahrhaftigkeit das erste und vornehmste Gebot war, nicht mit Phantasten und Betrügern freundschaftlich verbunden sein.
Merck war ein ganz anderer Geist; ihn betrog Niemand; er sah und sagte die verdrießlichen Wahrheiten und öffnete seinem jungen Freunde Goethe mehr als einmal die Augen. Da es ihm selber nicht gut ging, tröstete und erfreute er sich an der Beobachtung der Schwächen seiner Mitmenschen, am Aufdecken ihrer Blößen. Er ward mit der Zeit ein halber Mephistopheles: Gemüt und Gewissen schrumpften ein, weil Verstand, Witz, scharfer Blick, kluge Kenntnis der Welt die Übermacht gewannen. So schrieb er nach Weimar an den Herzog und seine Mutter sehr unterhaltende Briefe, in denen er über alles Närrische, Kranke, Schlimme im Darmstädtischen und in der Nachbarschaft am Rhein und Main berichtete und spottete; die Empfänger lasen Dergleichen mit Vergnügen und sogar mit Belehrung, aber Goethe erinnerte sich, daß der Briefschreiberim Dienst des Landgrafen von Darmstadt stand, daß er also treulos und verräterisch gegen seine Ernährer und Ortsfreunde handelte. Und Goethe war sich bewußt, daß alle menschliche Gesellschaft und Behaglichkeit auf gegenseitiges Wohlwollen, Dulden und Tragen angewiesen ist; der rücksichtslose Fehlerfinder ist ein Feind der Gesellschaft: wer mag ihm nahe bleiben?
Seltsamer Weise trug auch der erste christliche Geistliche in Weimar, Herder, neben dem faustischen einen Mephistopheles-Geist in sich. Er war ein Unzufriedener wie Merck und ergrimmte oft über Diejenigen, die ihm oder seinem Amte nicht so viel Gehör, Macht und Einfluß gewährten, wie er fordern zu dürfen glaubte. Goethe war viele Jahre sein Freund und Bewunderer, wie denn Herder immer Männer und Frauen um sich hatte, die ihn verehrten; Goethe ertrug viele Jahre Herders Fehler und hätte gern die alte Freundschaft dadurch aufrecht erhalten, daß er den Verkehr und die Berührungspunkte verminderte. In diesem Sinne schrieb er einmal an Herders ältesten Sohn, damit es die Eltern bedächten:
Wenn wir immer vorsichtig genug wären und uns mit Freunden nur voneinerSeite verbänden, von der sie wirklich mit uns harmonieren, und ihr übriges Wesen weiter nicht in Anspruch nähmen, so würden die Freundschaften weit dauerhafter und ununterbrochener sein. Gewöhnlich aber ist es ein Jugendfehler, den wir selbst im Alter nicht ablegen, daß wir verlangen, der Freund solle gleichsam ein anderes Ich sein, solle mit uns nur ein Ganzes ausmachen, worüber wir uns dann eine Zeitlang täuschen, das aber nicht lange dauern kann.
Wenn wir immer vorsichtig genug wären und uns mit Freunden nur voneinerSeite verbänden, von der sie wirklich mit uns harmonieren, und ihr übriges Wesen weiter nicht in Anspruch nähmen, so würden die Freundschaften weit dauerhafter und ununterbrochener sein. Gewöhnlich aber ist es ein Jugendfehler, den wir selbst im Alter nicht ablegen, daß wir verlangen, der Freund solle gleichsam ein anderes Ich sein, solle mit uns nur ein Ganzes ausmachen, worüber wir uns dann eine Zeitlang täuschen, das aber nicht lange dauern kann.
Leider wurde oder blieb der „Töpferberg“, wo Herder hinter der Stadtkirche seine Amtswohnung hatte, eine Stätte des Grolls, von wo bald gegen Goethe und Schiller, bald gegen den Herzog und seine Minister, bald gegen den ehemaligen Lehrer Immanuel Kant Blitze geschleudert wurden, die nicht töteten, nicht lähmten, aber doch ärgerten. Goethe und Herder begegneten sich selten; wenn es geschah, fühlten sie sich zuweilen einig wie sonst, bis irgend eine Bemerkung offenbarte, wie fern und feindlich sie jetzt standen. In seinen ‚Annalen‘ von 1803 zeigt Goethe das Gift, das diese Freundschaft mit Herder zerstörte:
Schon drei Jahre vor seinem Tode hatte ich mich von ihm zurückgezogen, denn mit seiner Krankheit vermehrte sich sein mißwollender Widerspruchsgeist und überdüsterte seine unschätzbare einzige Liebensfähigkeit und Liebenswürdigkeit. Man kam nicht zu ihm, ohne sich seiner Milde zu erfreuen; man ging nicht von ihm, ohne verletzt zu sein. Wie leicht ist es, Irgendjemand zu kränken oder zu betrüben, wenn man ihn in heitern, offenen Augenblicken an eigne Mängel, an die Mängel seiner Gattin, seiner Kinder, seiner Zustände, seiner Wohnung mit einem scharfen, treffenden, geistreichen Wort erinnert!
Schon drei Jahre vor seinem Tode hatte ich mich von ihm zurückgezogen, denn mit seiner Krankheit vermehrte sich sein mißwollender Widerspruchsgeist und überdüsterte seine unschätzbare einzige Liebensfähigkeit und Liebenswürdigkeit. Man kam nicht zu ihm, ohne sich seiner Milde zu erfreuen; man ging nicht von ihm, ohne verletzt zu sein. Wie leicht ist es, Irgendjemand zu kränken oder zu betrüben, wenn man ihn in heitern, offenen Augenblicken an eigne Mängel, an die Mängel seiner Gattin, seiner Kinder, seiner Zustände, seiner Wohnung mit einem scharfen, treffenden, geistreichen Wort erinnert!
***
Ungleiche Meinung, gemeinsames Handeln
Goethe war zart und behutsam gegen seine Freunde, schonte ihre empfindlichen Stellen, wie er die seinen geschützt zu sehen wünschte, behinderte ihre Freiheit nicht, weil er selber frei sein wollte. Und er erwartete nicht zu viel von der Freundschaft: sie ist ein köstliches Glas, das uns erhalten bleibt, wenn wir es schonen und behüten. Goethes vorsichtiges Schonen der Freundschaftzeigt uns Riemers Mitteilung, daß Goethe über die Personen, die er liebte, nicht urteilen wollte. „Ich denke nicht über sie“ sagte er, wenn man ihm von ihren Eigenheiten und Fehlern etwas vorreden wollte.
Namentlich aber wußte er, daß wir die Freundschaften erhalten können, wenn wir, statt auf Gleichheit derMeinungenzu drängen, uns gegenseitig in der Arbeit und in der Ausbildung unseres Wesens nützen.
Das sicherste Mittel, ein freundliches Verhältnis zu hegen und zu pflegen, finde ich darin, daß man sich wechselweise mitteile, was man tut; denn die Menschen treffen viel mehr zusammen in Dem, was sie tun, als in Dem, was sie denken.[17]
Das sicherste Mittel, ein freundliches Verhältnis zu hegen und zu pflegen, finde ich darin, daß man sich wechselweise mitteile, was man tut; denn die Menschen treffen viel mehr zusammen in Dem, was sie tun, als in Dem, was sie denken.[17]
Daß sich Freunde zu ein und derselben Arbeit vereinigen können, ist selten; wohl aber können sie einander bei ihren besonderen Arbeiten anregen, anfeuern, belehren, aufklären, aushelfen. Goethe, der über sein Genie wenig Herr war und die Poesie keineswegs „kommandieren“ konnte, bedurfte solcher Freundesdienste in hohem Maße und schätzte sie darum auf das dankbarste. Erst die Freunde klärten ihn über sich selber auf; er bekannte gern, daß er von Personen, denen es gefiel, freundlich über ihn zu reflektieren, Manches gelernt und sie deshalb verehrt habe.[18]
Widersacher kommen nicht in Betracht, denn mein Dasein ist ihnen verhaßt; sie verwerfen die Zwecke, nachwelchen mein Tun gerichtet ist, und die Mittel dazu achten sie für ebenso vieles falsches Bestreben. Ich weise sie daher ab und ignoriere sie, denn sie können mich nicht fördern, und Das ist’s, worauf im Leben Alles ankommt! Von Freunden aber laß’ ich mich ebenso gern bedingen als in’s Unendliche hinweisen; stets merke ich auf sie mit reinem Zutrauen zu wahrhaftiger Erbauung.
Widersacher kommen nicht in Betracht, denn mein Dasein ist ihnen verhaßt; sie verwerfen die Zwecke, nachwelchen mein Tun gerichtet ist, und die Mittel dazu achten sie für ebenso vieles falsches Bestreben. Ich weise sie daher ab und ignoriere sie, denn sie können mich nicht fördern, und Das ist’s, worauf im Leben Alles ankommt! Von Freunden aber laß’ ich mich ebenso gern bedingen als in’s Unendliche hinweisen; stets merke ich auf sie mit reinem Zutrauen zu wahrhaftiger Erbauung.
Kleine Aufmerksamkeiten
Goethe erwiderte seinen Freunden und Denen, die es gern sein wollten, oft nicht nach Wunsch; sie bedachten nicht, wie viele Menschen Großes und Kleines von ihm begehrten und daß er doch auch für sich selbst, seine Ämter, seine Studien, seine Dichterarbeit leben wollte. Er vermied die Gefühlsergüsse und versäumte die herkömmlichen Freundschaftshandlungen fast regelmäßig, also namentlich die schriftlichen oder mündlichen Teilnahme-Versicherungen bei Familien-Ereignissen. Dagegen verstand er sich auf große und kleine Liebesdienste außer der Regel. So ärgerte sich die alte Frau v. Stein, daß der ehemalige Pflegevater sich zu den Schicksalen ihres Lieblingssohnes Fritz kaum äußerte; aber wenn sie den Schmerz hatte, daß ihr sehr geliebter Kanarienvogel umkam, so erwachte sie am andern Morgen an dem Gesang eines neuen Hänschens, den ihr Goethe heimlich hatte in das Bauer setzen lassen.
Solche kleinen, aber wirklich ihren Namen verdienenden Aufmerksamkeiten nahm er, wenn sie ihm erwiesen wurden, recht dankbar auf. Eine Frau v. Eybenberg, mit der er von den böhmischen Bädern her befreundet war, rühmte er deswegen:
Sie haben unter so vielen liebenswürdigen Eigenschaften die besondere, daß Sie die kleinen grillenhaften Wünsche Ihrer Freunde für Etwas halten und, um sie zu befriedigen, sich eine gefällige Mühe geben mögen. Sie wissen vielleicht selbst nicht, daß diese Eigenschaft so selten ist. Man liebt seine Freunde, man schätzt sie, man mag ihnen gern einmal einen derben Dienst, auch mit einiger Aufopferung, erzeigen; aber einem flüchtigen Geschmacke, einem launigen Einfalle, irgend einer Grille genugzutun, sind wir, ich weiß nicht: zu bequem, zu nachlässig, zu trocken, zu falsch-vornehm, und bedenken nicht, daß eben diese wunderlich scheinenden Gelüste, befriedigt, den angenehmsten Genuß geben.
[16]Diejenige mit Zelter glaube ich in meinem Werke ‚Die Tonkunst in Goethes Leben‘ hinreichend begründet zu haben.[17]1798 an August Herder.[18]An Schubarth, 2. April 1818.
[16]Diejenige mit Zelter glaube ich in meinem Werke ‚Die Tonkunst in Goethes Leben‘ hinreichend begründet zu haben.
[16]Diejenige mit Zelter glaube ich in meinem Werke ‚Die Tonkunst in Goethes Leben‘ hinreichend begründet zu haben.
[17]1798 an August Herder.
[17]1798 an August Herder.
[18]An Schubarth, 2. April 1818.
[18]An Schubarth, 2. April 1818.