XI.Gesundheitspflege.

XI.Gesundheitspflege.

Die Hypochondrie

Mehr als heute galten zu Goethes Zeit die Angehörigen der gelehrten Stände für unfrohe, mißlaunige Menschen; man sprach gar viel von Hypochondern und Hypochondrie und meinte damit ein körperliches und geistiges Leiden, bald mehr körperlich, bald mehr geistig, das eben bei Männern, die in Studierstuben arbeiteten, sehr häufig war, etwa so wie die Hysterie beim andern Geschlechte. Die körperliche Krankheit hatte ihre Stätte, wie der Name sagt, unter dem Brustknorpel, und wurde als Milzsucht bezeichnet oder anderen Teilen des Unterleibs zugeschrieben; der Hämorrhoidarier war mit dem Hypochonder ofteinePerson. Im geistigen Leben war die Hypochondrie eine in’s Krankhafte gesteigerte Empfindung der Übel und Nöte, entweder des allgemeinen Weltelends (Wertherstimmung, Weltschmerz) oder der besondern Verdrießlichkeiten, die Keinem erspart bleiben, oder der eigenen sittlichen Beschaffenheit (moralische Selbstbeobachtung, Tagebuchführen, Selbstquälerei, Gewissensbisse, Reue, Buße) oder der eigenen Gesundheitszustände, wobei immer neue bedenkliche Zustände des Körpers entdeckt und immer neue Kuren versucht werden.

Goethe sprach 1815 einmal von der „deutschen Hypochondrie.“ Die Deutschen und alle nördlichen Völker neigten im Gegensatz zu den fröhlichen Romanenbesonders zur Milzsucht oder zumspleen; in Deutschland aber ward ihr nicht, wie in England, durch eine frische und lockere Jugenderziehung und viel Bewegung im freien Felde entgegen gearbeitet. „Der dritte Teil der an den Schreibtisch gefesselten Gelehrten und Staatsdiener ist körperlich anbrüchig und dem Dämon der Hypochondrie verfallen“ klagte Goethe 1828.

Er selber war nicht frei von diesem allgemeinen Leiden. „Ich habe viel Humor, bin aber dabei immer Hypochonder“ schreibt er 1780 an Knebel. „Wie stehen Sie mit Ihrem hypochondrischen Freunde?“ fragte er Frau v. Stein im nächsten Jahre. 1792 versichert er seiner Christiane, es fehle ihm nicht das mindeste „und an Hypochondrie ist garnicht zu denken.“ Aber 1803 klagt Christiane einem ärztlichen Freunde insgeheim:

Ich lebe wegen des Geheimrats sehr in Sorge; er ist manchmal ganz Hypochonder, und ich stehe viel aus; weil es aber Krankheit, so tue ich Alles gern.

Ich lebe wegen des Geheimrats sehr in Sorge; er ist manchmal ganz Hypochonder, und ich stehe viel aus; weil es aber Krankheit, so tue ich Alles gern.

Knebel bezeugt 1807, daß Goethe seinen Zustand „eine halbe Hypochondrie“ nannte, und im gleichen Jahre schreibt Frau Schopenhauer ihrem Arthur:

Goethe ist seit einiger Zeit nicht recht wohl; er ist nicht krank, aber er fürchtet, krank zu werden, und schont sich ängstlich ... Er kommt mir zuweilen etwas hypochondrisch vor, denn seine Krankheit verschwindet, wenn er nur ein wenig warm in Gesellschaft wird, und Das geschieht so leicht.

Goethe ist seit einiger Zeit nicht recht wohl; er ist nicht krank, aber er fürchtet, krank zu werden, und schont sich ängstlich ... Er kommt mir zuweilen etwas hypochondrisch vor, denn seine Krankheit verschwindet, wenn er nur ein wenig warm in Gesellschaft wird, und Das geschieht so leicht.

„Ich finde höchst nötig“ schreibt Goethe selber wieder 1810, „mich von gewissen hypochondrischen Einflüssen zu befreien.“

Wir brauchen jedoch nur an seine Lebensarbeit zudenken, so wissen wir, daß er durch solche vorübergehenden Anfälle zwar der allgemeinen Gelehrten- und Zeitkrankheit seinen Tribut zahlte, daß er aber seiner Grundgesinnung nach das Gegenteil vom grämlichen, grilligen, selbstquälerischen Hypochondristen war. „Hypochondrisch sein heißt nichts Andres als: in’s Subjekt versinken“ sagte er selber 1814 zu Riemer; sein ganzes Streben aber ging auf Objektivität.

Er hatte so viel mit den Dingen außer sich zu tun, daß er wenig Zeit fand, sich selber zu beobachten, und er wußte, was bei fleißiger Selbstbeobachtung herauskommt: daß man sich nämlich krank und bedroht findet. Man darf den Dichter mit keinem seiner dramatischen Helden ganz gleich stellen, aber recht nahe kommen seiner Gesinnung Egmonts Worte, „daß Der schon tot ist, der um seiner Sicherheit willen lebt“, und ebenso Egmonts Fragen: „Leb ich nur, um auf’s Leben zu denken? soll ich den gegenwärtigen Augenblick nicht genießen, damit ich des folgenden gewiß sei? und Diesen wieder mit Sorgen und Grillen verzehren?“

***

Allerlei Krankheiten

Nun glauben noch Viele, daß Goethe sehr gesund und kräftig gewesen sei und schon darum sich um Gesundheit nicht viel zu kümmern brauchte. Aber er war durchaus keine robuste, sondern eine weichliche Natur; Leib und Geist waren für schädliche Einflüsse sehr empfindlich, und so ist er denn auch oft krank und kränklich gewesen. Er hat auch im größten Teile seines Lebens älter ausgesehen, als er war.

Goethe um 1774.Stich vonHeinrich Lipsnach einem Gipsmedaillon von einem Schüler Nahls.⇒GRÖSSERES BILD

Goethe um 1774.Stich vonHeinrich Lipsnach einem Gipsmedaillon von einem Schüler Nahls.⇒GRÖSSERES BILD

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Goethe 1774.VonJoh. Peter Melchior.⇒GRÖSSERES BILD

Goethe 1774.VonJoh. Peter Melchior.⇒GRÖSSERES BILD

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Goethe 1779.VonGeorg Oswald May.⇒GRÖSSERES BILD

Goethe 1779.VonGeorg Oswald May.⇒GRÖSSERES BILD

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Als Kind hatte er nicht bloß die gewöhnlichen Kinderkrankheiten, sondern auch die schwarzen Pocken, die Spuren hinterließen. Als achtzehnjähriger Student bekam er im Herbst 1767 einen Blutsturz und schwebte tagelang zwischen Leben und Tod. Als er sich dann ein wenig erholt hatte und in die Heimat zurückgekehrt war, stand er vor seinem Vater als ein Kränkling, der noch mehr an der Seele als am Körper zu leiden schien. Bald erkrankte er wieder so schwer, daß man im Dezember 1768 zwei Tage lang für sein Leben fürchtete. Die Frankfurter Ärzte meinten, seine Krankheit stecke nicht sowohl in der Lunge als in den dazu führenden Teilen, und unser Neunzehnjähriger befand sich im Elternhause nur so gut, „als ein Mensch, der im Zweifel steht, ob er die Lungensucht hat oder nicht, sich befinden kann.“ Mehr als ein Jahr verging, ehe er melden konnte: „Mein Körper ist wieder hergestellt“, und da fügte er hinzu: „aber meine Seele ist noch nicht geheilt.“ Bei der Heimkehr von Straßburg war er körperlich gesünder; „aber in seinem ganzen Wesen zeigte sich doch etwas Überspanntes, welches nicht völlig auf geistige Gesundheit deutete.“ Wenn wir seine Briefe aus jener Zeit lesen, auch noch die 1775 und 1776 an Gräfin Auguste Stolberg gerichteten, haben wir diesen Zustand schwarz auf weiß vor uns.

Kränklichkeit

Auch in Weimar war er oft krank; er wollte Das auf das „infame Klima“ Thüringens schieben, aber wir kennen dieses Klima als sehr gesund, wenn es auch etwas rauh ist. „Es stickt etwas in mir“ hat er manchmal zu Charlotte v. Stein geklagt. Kräftig erscheinter auch nicht, wenn er 1781 der besorgten Mutter schreibt: „Meine Gesundheit ist weit besser, als ich sie in vorigen Zeiten vermuten und hoffen konnte, und da sie hinreicht, um Dasjenige, was mir aufliegt, wenigstens großenteils zu tun, so habe ich Ursache, damit zufrieden zu sein.“ Häufig waren jetzt sowohl die Verdauungsstörungen wie die Erkältungen. Sein Häuschen an der Ilm bot gar zu wenig Schutz gegen das Wetter; übrigens hatte er sein ganzes Leben darunter zu leiden, daß die Wohnhäuser und Gasthäuser und auch die Fürstenschlösser im Winter nicht durchweg warm gehalten wurden, so daß man oft in überheizten, oft in sehr durchkälteten Räumen sich aufzuhalten gezwungen war.

1785 sah er ganz faltig und abgearbeitet aus; Karl August verglich ihn mit einem ausländischen Gewächs, das, in ein rauheres Klima verpflanzt, unter jedem bösen Wetter leide und viel Zeit brauche, sich wieder herzustellen. 1786 suchte er wegen seiner gichtischen Zustände, die ihm große Schmerzen in den Beinen machten, zum ersten Male das Karlsbad auf. Von da ging er heimlich nach Italien. „Die Hauptabsicht meiner Reise war, mich von den physisch-moralischen Übeln zu heilen, die mich in Deutschland quälten und mich zuletzt unbrauchbar machten.“ Auch nach der Heimkehr besuchte er regelmäßig im Sommer Bäder zu seiner Erholung; zwölfmal war er in Karlsbad, dreimal in Marienbad, und ebenso suchte er in Teplitz, Eger, Wiesbaden, Pyrmont, Tennstädt, Lauchstädt und Berka Besserung. Daheim trank er ziemlich regelmäßig die heilsamenWasser, die von diesen Quellen versandt wurden: Pyrmonter, Egerer, Kreuzbrunnen usw. Die Ärzte waren oft mit ihm beschäftigt. Nur diesen Kuren, Reisen und Badezeiten schrieb er es zu, daß er arbeitsfähig blieb.

Auch in älteren Tagen ist er noch einige Male so schwer krank gewesen, daß man alle Hoffnung aufgab oder ihn bereits tot sagte, so im Januar 1801, im März und April 1805 und im Februar 1823. Er ist viele Wochen nicht aus dem Zimmer gekommen. Selbst wenn er nicht darniederlag, traute man ihm gewöhnlich keine lange Lebensdauer mehr zu. Die beste Kennerin seiner Zustände, Christiane, dachte um 1800, man müsse ihn seine letzten Jahre noch recht pflegen und schonen. „Goethe ist schon wieder krank gewesen“ meldete im März 1806 ihr Bruder Vulpius einem Hausfreunde; „monatlich kommt sein Übel zurück und macht ihn sehr mürbe; es sind böse Hämorrhoidalzufälle.“ Und der mißgünstige Friedrich Schlegel sagte 1803 „kalt-grinsend“ zu Öhlenschläger: „Der alte Kerl hat faule Nieren und wird’s nicht lange mehr machen.“

Empfindlichkeit

Zu diesen Krankheiten kam bei ihm eine beständige geistige und leibliche überfeine Empfindlichkeit. Das Wort „sinnlich“ hat er viel gebraucht, weil er selber in der eigentlichen Bedeutung des Wortes sehr sinnlich war; d. h. seine Sinne waren alle feinfühlend, kräftig auf Reize wiederwirkend. Das ist ein physischer Grund seiner genialen poetischen Leistungen; es war ihm aber im Leben oft recht unbequem. Eckermann drückte am 20. Dezember 1829 seine Verwunderung aus, daß manbei ausgezeichneten Talenten, besonders bei Poeten, so häufig eine schwächliche Konstitution finde; Goethe erwiderte:

Das Außerordentliche, was solche Menschen leisten, setzt eine sehr zarte Organisation voraus, damit sie seltener Empfindungen fähig sein und die Stimme der Himmlischen vernehmen mögen. Nun ist eine solche Organisation im Konflikt mit der Welt und den Elementen leicht gestört und verletzt, und wer nicht, wie Voltaire, mit großer Sensibilität eine außerordentliche Zähigkeit verbindet, ist leicht einer fortgesetzten Kränklichkeit unterworfen.

Das Außerordentliche, was solche Menschen leisten, setzt eine sehr zarte Organisation voraus, damit sie seltener Empfindungen fähig sein und die Stimme der Himmlischen vernehmen mögen. Nun ist eine solche Organisation im Konflikt mit der Welt und den Elementen leicht gestört und verletzt, und wer nicht, wie Voltaire, mit großer Sensibilität eine außerordentliche Zähigkeit verbindet, ist leicht einer fortgesetzten Kränklichkeit unterworfen.

Vor allem brauchte er Licht und Wärme; den Winter haßte er. Den Dezember und Januar nannte der junge Voß 1804 „Goethes Faullenzermonate“: „Er kränkelt da fast jedes Jahr, ohne eben krank zu sein.“ Und 1813, Ende Oktober, just nach der Schlacht bei Leipzig, schrieb die Gräfin O’Donell aus Wien an ihren weimarischen Freund, er solle nun schon anfangen, sich in Baumwolle einzuwickeln. Goethe selber fand die stärksten Ausdrücke für seinen Abscheu gegen die kurzen, dunkeln Tage, die niederhängenden Wolken und das Schlackerwetter. Im Dezember 1803, nach Herders Tode, erklärte er, er begreife recht gut, daß Heinrich III. von Frankreich den Herzog von Guise erschießen ließ, bloß weil es fatales Wetter war, und er beneide Herdern, weil er jetzt begraben werde. Der 21. Dezember war ihm ein Festtag, an dem er ausrief: „Heute feiern wir die Wiedergeburt der Sonne!“ Italien liebte er wegen seiner Fülle des Lichts und seiner warmen Luft; es war ihm, als ob er hier geboren und aufgewachsen wäre „undnun von einer Grönlandsfahrt, von einem Walfischfange zurückkäme.“ Nur mit Schaudern dachte er an die norddeutsche Heimat mit ihren grauen, tiefen Wolken und naßkalten Winden, die uns immer wieder in die Stube zwingen.

In seinen letzten Lebensjahren konnte er zwar recht lange in geschlossener und überheizter Zimmerluft aushalten, aber sonst gehörtereineLuft zu den Bedingungen seines Wohlbefindens. Schiller mußte faule Äpfel in der Schublade seines Arbeitstisches haben; Goethe bekam sogleich eine Übelkeit, als er an diesem Tische saß, ohne dessen eigentümlichen Inhalt zu ahnen. „Eine Luft, die Schillern wohltätig war, wirkte auf mich wie Gift.“ Schiller, Karl August, Knebel und fast alle andern Freunde rauchten; Goethe litt sogleich, wenn er in einem Zimmer sein mußte, wo Tabak und Pfeifen dünsteten. Seine Christiane stellte einmal als sparsame Hausmutter Schweine in einen Stall: sie mußten abgeschafft werden, sobald Goethe den Geruch merkte. Sein Geschmackssinn war ebenso fein, wie sein Geruch. Vom Tee sagte er, daß er wie Gift auf ihn wirke, und ebenso nahm er sich vor dem Kaffee in acht und warnte Andere davor. Knoblauch übte nach seinem eigenen Ausdruck „selbst in der geringsten Dosis höchst gewaltsame Wirkungen“ auf ihn aus. Auch viele Sorten Wein konnte er nicht vertragen oder er lehnte sie von vornherein als Gift ab. Ähnlich ging es ihm mit dem Biere.Dr.Vogel, sein letzter Arzt, hat uns berichtet, daß er ebenso gegen Medizin ungewöhnlich empfänglich und empfindlich war, so daß ihm schwächereDosen verschrieben werden mußten, als sonst üblich waren.

Namentlich aber richtete sich sein Befinden auch nach dem Barometer; bei hohem Barometerstande fühlte er sich am wohlsten; stand es niedrig, so war ihm sehr schwer, anders als mißmutig und untätig zu sein. Körperliche Schmerzen griffen ihn sehr an; er fürchtete sie, während er den Tod gar nicht fürchtete. Gar nicht leiden konnte er es, wenn die Leute nach seinem Befinden fragten oder etwa sagten, er sähe wohler aus als das letztemal; er mochte über seine Gesundheitszustände nicht sprechen, außer zum Arzt.

***

Trotz alledem waren sowohl die leiblichen wie die geistigenLeistungenGoethes bis in’s höchste Alter hinein bewunderungswürdige. Seinen Schwächen müssen also größere Kräfte gegenübergestanden haben; seine Lebensweise muß im Ganzen gut gewesen sein, zumal da er mit den Jahren eher gesünder als kränklicher wurde.

Von Haus aus besaß er zwei große Hülfen zur Gesundheit und Arbeit: einen vortrefflichen Appetit und einen guten Schlaf. Was den Schlaf angeht, so machte es ihm nicht viel aus, ob er dabei lag oder saß, angekleidet oder ausgezogen, im eigenen Bett oder anderwärts war. Auch eine Fülle von Blutleben trug zu seiner Gesundheit viel bei; noch im Alter schienen dem Arzte Aderlässe notwendig; Hufeland, der zehn Jahre lang sein Arzt war, bezeichnete die Produktivität als den Grundcharakter auch seines körperlichen Lebens.

***

Wertung der Gesundheit

Aber auch seine gesundheitlichen Ansichten und Gewohnheiten waren trotz aller Sorglosigkeit besser, als man für jene Zeit voraussetzen darf. Zuerstwerteteer die Gesundheit und Strapazentüchtigkeit höher als andere Geistesarbeiter um ihn herum. Schon als Student wußte er, daß man den Körper um der Seele willen pflegen muß. Als ein junger Freund ihm seine Not klagte und über Heiraten und andere Dinge beraten sein wollte, antwortete Goethe mit der Frage: „Wie steht’s mit Ihrer Gesundheit?“ und fuhr fort: „Ich bitte Sie: sorgen Sie doch für diesen Leib mit anhaltender Treue! Die Seele muß nun einmal durch diese Augen sehen, und wenn sie trüb sind, so ist’s in der ganzen Welt Regenwetter.“ Der Einundzwanzigjährige sprach das schon aus eigener Erfahrung: „Es war eine Zeit, da mir die Welt so voll Dornen schien, als Ihnen jetzo. Der Himmelsarzt hat das Feuer des Lebens wieder in mir gestärkt, und Mut und Freude sind wieder da.“[22]Wieland entschuldigte seine dürren Beine mit dem Scherze, er sei noch aus der Zeit, wo die Genies ihre Kraft im Kopfe hatten; Goethe verlangte auch von Gelehrten und Beamten brauchbare Gliedmaßen und einen gesunden Körper. Daß Schiller so oft aussah, als würde er keine vierzehn Tage mehr leben, und daß er nicht das Rechte gegen seine Kränklichkeit tat, bedrückte ihn oft. Da lobte er sich Napoleon, der „vom brennenden Sande der syrischen Wüste bis zu den Schneefeldern von Moskau eine Unsumme vonMärschen, Schlachten und Biwaks ertrug, der bei wenig Schlaf und wenig Nahrung sich der höchsten geistigen Tätigkeit hingab: wenn man bedenkt, wasDeralles durchgemacht und ausgestanden!“ „Es gab zwar eine Zeit, wo man in Deutschland sich ein Genie als klein, schwach, wohl gar bucklig[23]dachte, allein ich lobe mir ein Genie, das den gehörigen Körper hat.“

Der Wille zur Gesundheit

Goethe hatte namentlich einen kräftigenWillenzur Gesundheit, und er selber schrieb diesem Willen große Wirkungen zu. „Es ist unglaublich,“ sagte er einmal, „wieviel der Geist zur Erhaltung des Körpers vermag.“

Ich leide oft an Beschwerden des Unterleibes, allein der geistige Wille und die Kräfte des oberen Teiles halten mich im Gange. Der Geist muß nur dem Körper nicht nachgeben! So arbeite ich bei hohem Barometerstande leichter als bei tiefem; da ich nun Dieses weiß, so suche ich bei tiefem Barometer durch größere Anstrengungen die nachteiligen Wirkungen aufzuheben, und es gelingt mir.

Ich leide oft an Beschwerden des Unterleibes, allein der geistige Wille und die Kräfte des oberen Teiles halten mich im Gange. Der Geist muß nur dem Körper nicht nachgeben! So arbeite ich bei hohem Barometerstande leichter als bei tiefem; da ich nun Dieses weiß, so suche ich bei tiefem Barometer durch größere Anstrengungen die nachteiligen Wirkungen aufzuheben, und es gelingt mir.

Ein andermal rühmte er an seinem Helden Napoleon, daß er die Pestkranken besucht habe, um ein Beispiel zu geben, daß man die Pest überwinden könne.

Und er hat recht! Ich kann aus meinem eigenen Leben ein Faktum erzählen, wie ich bei einem Faulfieber der Ansteckung unvermeidlich ausgesetzt war und wo ich bloß durch einen entschiedenen Willen die Krankheit von mir abwehrte.Es ist unglaublich, was in solchen Fällen der moralische Wille vermag. Er durchdringt gleichsam den Körper und setzt ihn in einen aktiven Zustand, der alle schädlichen Einflüsse zurückschlägt. Die Furcht dagegen ist ein Zustand träger Schwäche und Empfänglichkeit, wo es jedem Feinde leicht wird, von uns Besitz zu nehmen.

Und er hat recht! Ich kann aus meinem eigenen Leben ein Faktum erzählen, wie ich bei einem Faulfieber der Ansteckung unvermeidlich ausgesetzt war und wo ich bloß durch einen entschiedenen Willen die Krankheit von mir abwehrte.Es ist unglaublich, was in solchen Fällen der moralische Wille vermag. Er durchdringt gleichsam den Körper und setzt ihn in einen aktiven Zustand, der alle schädlichen Einflüsse zurückschlägt. Die Furcht dagegen ist ein Zustand träger Schwäche und Empfänglichkeit, wo es jedem Feinde leicht wird, von uns Besitz zu nehmen.

Als Sachsen-Weimar zum Großherzogtum erhoben war und die Huldigung des nunmehrigen Großherzogs bevorstand, war Goethe bettlägerig. Es schien unmöglich, daß er an jenem Palmsonntag 1816 an seinem Platze sein könne, aber Napoleons Ausspruch kam ihm in’s Gedächtnis: „L’empereur ne connaît autre maladie que la mort“, und er ließ an Hof sagen, wenn er nicht tot wäre, könne man auf ihn rechnen. Die Natur schien sich diesen tyrannischen Spruch zu Gemüte zu ziehen: er stand zur rechten Zeit an seinem Platze, rechts zunächst am Throne; er konnte auch noch bei Tafel allen Schuldigkeiten genug tun; dann zog er sich zurück, legte sich wieder in’s Bett und wartete auf einen neuen kategorischen Imperativ, der krank zu sein nicht gestattete.

Ein andermal schrieb Goethe einem starken Geiste sogar die Kraft zu, den Körper zu einer zweiten Jugend zu zwingen. Er sprach am 11. März 1828 mit Eckermann über einige bekannte alte Herren, denen im hohen Alter die nötige Willenskraft und jugendliche Beweglichkeit im Betriebe der bedeutendsten und mannigfaltigsten Geschäfte nicht zu fehlen schienen.

Solche Männer sind geniale Naturen, mit denen es eine eigene Bewandtnis hat; sie erleben einewiederholte Pubertät, während andere Leute nur einmal jung sind.Jede Entelechie[24]nämlich ist ein Stück Ewigkeit, und die paar Jahre, die sie mit dem irdischen Körper verbunden ist, machen sie nicht alt. Ist diese Entelechie geringer Art, so wird sie während ihrer körperlichen Verdüsterung wenig Herrschaft ausüben; vielmehr wird der Körper vorherrschen, und wie er altert, wird sie ihn nicht halten und hindern. Ist aber die Entelechie mächtiger Art, wie es bei allen genialen Naturen der Fall ist, so wird sie bei ihrer belebenden Durchdringung des Körpers nicht allein auf dessen Organisation kräftigend und veredelnd einwirken, sondern sie wird auch bei ihrer geistigen Übermacht ihr Vorrecht einer ewigen Jugend fortwährend geltend zu machen suchen. Daher kommt es denn, daß wir bei vorzüglich begabten Menschen auch während ihres Alters immer noch frische Epochen besonderer Produktivität wahrnehmen; es scheint bei ihnen immer einmal wieder eine temporäre Verjüngung einzutreten.

Solche Männer sind geniale Naturen, mit denen es eine eigene Bewandtnis hat; sie erleben einewiederholte Pubertät, während andere Leute nur einmal jung sind.Jede Entelechie[24]nämlich ist ein Stück Ewigkeit, und die paar Jahre, die sie mit dem irdischen Körper verbunden ist, machen sie nicht alt. Ist diese Entelechie geringer Art, so wird sie während ihrer körperlichen Verdüsterung wenig Herrschaft ausüben; vielmehr wird der Körper vorherrschen, und wie er altert, wird sie ihn nicht halten und hindern. Ist aber die Entelechie mächtiger Art, wie es bei allen genialen Naturen der Fall ist, so wird sie bei ihrer belebenden Durchdringung des Körpers nicht allein auf dessen Organisation kräftigend und veredelnd einwirken, sondern sie wird auch bei ihrer geistigen Übermacht ihr Vorrecht einer ewigen Jugend fortwährend geltend zu machen suchen. Daher kommt es denn, daß wir bei vorzüglich begabten Menschen auch während ihres Alters immer noch frische Epochen besonderer Produktivität wahrnehmen; es scheint bei ihnen immer einmal wieder eine temporäre Verjüngung einzutreten.

Eine andere Art, wie der Geist auf den Körper einwirkt, berühren wir mit den Worten Leidenschaft und Ruhe, Lebenslust und Verbitterung. Goethe kannte Weltschmerz und Leidenschaftlichkeit an sich selber nur zu gut, aber gegen beide kämpfte er beständig an. Als 1830 Karl Augusts Witwe gestorben war, deren stets sich gleich bleibendes Wesen er oft lobte, kam er gegen Eckermann und Soret auf die berühmte Ninon de l’Enclos zu sprechen und pries ihren Gleichmut und ihre Lebenslust ohne verzehrende Leidenschaftlichkeit;bekanntlich blieb jene Ninon bis in ihr achtzigstes Jahr so jugendlich schön, daß sie Liebhaber anzog und beglückte.

***

Verweichlichung im Elternhause

Goethes Dienst an seiner Gesundheit ging also namentlich aus der von ihm gewollten Herrschaft des Geistes über den Körper hervor; zu diesem Dienst gehörten namentlich: Frühaufstehen, Bewegung und Abhärtung.

Im Hause des Kaiserlichen Rats Goethe wurden die Kinder verweichlicht; ihr Vater dachte fast nur an die geistige und gelehrte Erziehung. Kornelia Goethe verpimpelte, so daß sie als junge Frau vor jedem Winde oder Regen sich ängstlich im Hause hielt und auch bei der Arbeit nie kräftig zuzugreifen wagte. Auch ihr Bruder Wolfgang wurde vor dem abhärtenden Leben der Knaben, das sich auf den Straßen abspielt, behütet und war nie Das, was man unter einem richtigen Jungen versteht. Er wandelte also mit sechzehn Jahren als ein zarter Gelehrter herum. Dann als Student begann er mit der Abhärtung, und zwar unter dem Einfluß Rousseaus und mit arger Übertreibung. Daher rührte zum Teil seine Leipziger Krankheit; kalt Baden, hartes, schlecht bedecktes Lager nennt er selber unter den unvernünftig angewendeten Mitteln, der Natur nahe zu kommen.

In Straßburg fühlte er sich nach den langen Krankheitswochen, die er im Vaterhause eben ertragen hatte, als ein Genesender; aber eine zurückgebliebene übermäßige seelische Reizbarkeit brachte ihn oft aus dem Gleichgewicht.

Ein starker Schall war mir zuwider; krankhafte Gegenstände erregten mir Ekel und Abscheu; besonders aber ängstigte mich ein Schwindel, der mich jedesmal befiel, wenn ich von einer Höhe herunterblickte. Allen diesen Mängeln suchte ich abzuhelfen, und zwar, weil ich keine Zeit verlieren wollte, auf eine etwas heftige Weise. Abends beim Zapfenstreich ging ich neben der Menge Trommeln her, deren gewaltsame Wirbel und Schläge das Herz im Busen hätte zersprengen mögen. Ich erstieg ganz allein den höchsten Gipfel des Münsterturms und saß in dem sogenannten Hals, unter dem Knopf oder der Krone, wie man’s nennt, wohl eine Viertelstunde lang, bis ich es wagte, wieder heraus in die freie Luft zu treten, wo man auf einer Platte, die kaum eine Elle ins Gevierte haben wird, ohne sich sonderlich anhalten zu können, stehend das unendliche Land vor sich sieht, indessen die nächsten Umgebungen und Zieraten die Kirche und Alles, worauf und worüber man steht, verbergen. Es ist völlig, als wenn man sich auf einer Montgolfière in die Luft erhoben sähe. Dergleichen Angst und Qual wiederholte ich so oft, bis der Eindruck mir ganz gleichgültig ward, und ich habe nachher bei Bergreisen und geologischen Studien, bei großen Bauten, wo ich mit den Zimmerleuten um die Wette über die freiliegenden Balken und über die Gesimse des Gebäudes herlief, ja in Rom, wo man eben dergleichen Wagstücke ausüben muß, um bedeutende Kunstwerke näher zu sehen, von jenen Vorübungen großen Vorteil gezogen. Die Anatomie war mir auch deshalb doppelt wert, weil sie mich den widerwärtigsten Anblick ertragen lehrte, indem sie meine Wißbegierde befriedigte. Und so besuchte ich auch das Klinikum des älternDr.Ehrmann, sowie die Lektionen der Entbindungskunst seines Sohnes in der doppelten Absicht, alle Zustände kennen zu lernen und mich von aller Apprehension gegen widerwärtige Dinge zu befreien. Ich habe es auch wirklich darin so weit gebracht, daß Nichts dergleichen mich jemals aus der Fassung setzen konnte. Aber nicht allein gegen diese sinnlichen Eindrücke, sondern auch gegen die Anfechtungender Einbildungskraft suchte ich mich zu stählen. Die ahnungs- und schauervollen Eindrücke der Finsternis, der Kirchhöfe, einsamer Örter, nächtlicher Kirchen und Kapellen, und was hiermit verwandt sein mag, wußte ich mir ebenfalls gleichgültig zu machen; und auch darin brachte ich es so weit, daß mir Tag und Nacht und jedes Lokal völlig gleich war.

Ein starker Schall war mir zuwider; krankhafte Gegenstände erregten mir Ekel und Abscheu; besonders aber ängstigte mich ein Schwindel, der mich jedesmal befiel, wenn ich von einer Höhe herunterblickte. Allen diesen Mängeln suchte ich abzuhelfen, und zwar, weil ich keine Zeit verlieren wollte, auf eine etwas heftige Weise. Abends beim Zapfenstreich ging ich neben der Menge Trommeln her, deren gewaltsame Wirbel und Schläge das Herz im Busen hätte zersprengen mögen. Ich erstieg ganz allein den höchsten Gipfel des Münsterturms und saß in dem sogenannten Hals, unter dem Knopf oder der Krone, wie man’s nennt, wohl eine Viertelstunde lang, bis ich es wagte, wieder heraus in die freie Luft zu treten, wo man auf einer Platte, die kaum eine Elle ins Gevierte haben wird, ohne sich sonderlich anhalten zu können, stehend das unendliche Land vor sich sieht, indessen die nächsten Umgebungen und Zieraten die Kirche und Alles, worauf und worüber man steht, verbergen. Es ist völlig, als wenn man sich auf einer Montgolfière in die Luft erhoben sähe. Dergleichen Angst und Qual wiederholte ich so oft, bis der Eindruck mir ganz gleichgültig ward, und ich habe nachher bei Bergreisen und geologischen Studien, bei großen Bauten, wo ich mit den Zimmerleuten um die Wette über die freiliegenden Balken und über die Gesimse des Gebäudes herlief, ja in Rom, wo man eben dergleichen Wagstücke ausüben muß, um bedeutende Kunstwerke näher zu sehen, von jenen Vorübungen großen Vorteil gezogen. Die Anatomie war mir auch deshalb doppelt wert, weil sie mich den widerwärtigsten Anblick ertragen lehrte, indem sie meine Wißbegierde befriedigte. Und so besuchte ich auch das Klinikum des älternDr.Ehrmann, sowie die Lektionen der Entbindungskunst seines Sohnes in der doppelten Absicht, alle Zustände kennen zu lernen und mich von aller Apprehension gegen widerwärtige Dinge zu befreien. Ich habe es auch wirklich darin so weit gebracht, daß Nichts dergleichen mich jemals aus der Fassung setzen konnte. Aber nicht allein gegen diese sinnlichen Eindrücke, sondern auch gegen die Anfechtungender Einbildungskraft suchte ich mich zu stählen. Die ahnungs- und schauervollen Eindrücke der Finsternis, der Kirchhöfe, einsamer Örter, nächtlicher Kirchen und Kapellen, und was hiermit verwandt sein mag, wußte ich mir ebenfalls gleichgültig zu machen; und auch darin brachte ich es so weit, daß mir Tag und Nacht und jedes Lokal völlig gleich war.

Schulung des Körpers

In körperlichen Übungen war Goethe mit zwanzig Jahren noch sehr zurückgeblieben, schon weil er das Landleben nicht kennen gelernt hatte. Er konnte nicht schwimmen oder rudern oder ein Boot lenken, auch nicht Schlittschuh laufen. Wir wissen von keiner erheblichen Fußwanderung in seinen drei Leipziger Jahren und nur von einer einzigen kleinen Reise. Ehe er zur Universität gesandt wurde, hat er ein wenig Fechten und ein wenig Reiten gelernt. In Leipzig machte er ein paar Male den Sonntagsreiter. In Straßburg dagegen fing er an, größere Reisen zu Pferde zu machen. Und jetzt schaute er sich auch wirklich in dem Lande um, wohin ihn das Schicksal gesetzt hatte. „Die Straßburger sind leidenschaftliche Spaziergänger“ erzählt Goethe in seinen Erinnerungen; jedenfalls betrieb er selber jetzt das Spazieren, Herumstreifen und weite Wandern in viel höherem Maße als zuvor. Und Das setzte er fort, als er nach Abschluß seiner Studien wieder in der Vaterstadt lebte, jetzt als Rechtsanwalt und Dichter. Die Freunde in Darmstadt und im Rheingau nannten ihn geradezu den Wanderer, weil er in großen Fußmärschen die weitere Umgebung der Vaterstadt durchforschte und seine Geistesverwandten aufsuchte. Nach dem Wetter fragte er wenig; für den Straßenkot fand er die gelehrte Formel„Deukalions Flutschlamm“, und noch freundlicher klingt die andre Umschreibung:

Das ist Wasser, Das ist ErdeUnd der Sohn des Wassers und der Erde,Über den ich wandleGöttergleich!

Das ist Wasser, Das ist ErdeUnd der Sohn des Wassers und der Erde,Über den ich wandleGöttergleich!

Das ist Wasser, Das ist ErdeUnd der Sohn des Wassers und der Erde,Über den ich wandleGöttergleich!

Das ist Wasser, Das ist Erde

Und der Sohn des Wassers und der Erde,

Über den ich wandle

Göttergleich!

Dies ganze Gedicht ‚Wanderers Sturmlied‘ ist ein Gesang der Abhärtung:

Wen du nicht verlässest, Genius,Nicht der Regen, nicht der SturmHaucht ihm Schauer über’s Herz.Wen du nicht verlässest, Genius,Wird dem Regengewölk,Wird dem SchlossensturmEntgegen singen,Wie die Lerche,Du da droben.

Wen du nicht verlässest, Genius,Nicht der Regen, nicht der SturmHaucht ihm Schauer über’s Herz.Wen du nicht verlässest, Genius,Wird dem Regengewölk,Wird dem SchlossensturmEntgegen singen,Wie die Lerche,Du da droben.

Wen du nicht verlässest, Genius,Nicht der Regen, nicht der SturmHaucht ihm Schauer über’s Herz.Wen du nicht verlässest, Genius,Wird dem Regengewölk,Wird dem SchlossensturmEntgegen singen,Wie die Lerche,Du da droben.

Wen du nicht verlässest, Genius,

Nicht der Regen, nicht der Sturm

Haucht ihm Schauer über’s Herz.

Wen du nicht verlässest, Genius,

Wird dem Regengewölk,

Wird dem Schlossensturm

Entgegen singen,

Wie die Lerche,

Du da droben.

Jetzt lernte er auch, ein Schifflein auf dem Flusse zu lenken, und namentlich wurde er ein sehr eifriger Schlittschuhläufer. Dabei spielte Klopstocks Begeisterung für dies gesundeste Vergnügen mit. Dieser angesehenste Dichter der damaligen Zeit ermahnte alle seine Freunde unter den deutschen Gelehrten und Schriftstellern zu einem frischeren Leben in freier Natur und pries ihnen unermüdlich das Baden und Schwimmen, Reiten und Eislaufen an: Dinge, die damals eigentlich gegen die Würde eines gelehrten Mannes gingen.

In Weimar traf Goethe auf einen achtzehnjährigen Fürsten, dessen Leidenschaft das Leben im Freien, das Reisen, Jagen und Hetzen war, der sich in weiten Bergwäldern hundertmal wohler fühlte als in prächtigenZimmern und der als ein von Geburt Schwächlicher und Kränklicher nur durch Abhärtung und Wagemut einlebenswertesLeben gewinnen konnte. Goethe war bereits ruhiger und reifer, aber die gleiche Gesinnung, das gleiche Verlangen trug auch er in der Brust – die Egmont-Gesinnung – und so stärkten sich der Fürst und sein neuer Freund aneinander. Man kannte in Weimar das Schlittschuhlaufen noch nicht; Goethe und der Husaren-Rittmeister Friedrich v. Lichtenberg führten es jetzt ein, unterrichteten darin, und nun verbrachte Goethe viele Winterstunden unter den Eisläufern und Schlittenfahrern. Viel wichtiger aber war, daß ihn draußen im Ilmtal ein zum Verkauf ausgebotener Berggarten, in dem auch ein altes Häuschen stand, anlockte; er kaufte dies verwahrloste Besitztum, richtete es als seine Wohnung ein und hatte noch lange Zeit daran zu verbessern; z. B. baute er an der Südseite einen Altan vor seine Wohnzimmer. So ward er immer wieder veranlaßt, auch wenn ihn der eigene Wunsch nicht antrieb, sich im Freien zu bewegen.

Abhärtung

Er vertraute sich aber auch sonst wie ein Sohn der Mutter Natur an, lebte so viel, als irgend möglich, im Freien und betrieb so viele körperliche Übungen, wie irgend die Zeit erlaubte. In seinem achtundzwanzigsten Jahre erstieg er die Höhe seiner leiblichen Kraft und Gewandtheit. Sein Körper war sehr mager und sehr sehnig; die beständige Übung machte ihn immer geschmeidiger und ausdauernder. Am 23. April 1777 schrieb er als einzige Eintragung in sein Tagebuch: „Körperliche Übungen allerlei Art“, aber das ganzeJahr betrieb er solche körperlichen Übungen fleißig. Das Tanzen, Reiten, Wandern, Fischen, Jagen, Scheibenschießen, Baden, Eislaufen, Schlittenfahren, Fechten, Kegeln, sie wechselten nach der Jahreszeit miteinander ab. Beim Kegeln ist an das Wurfspiel nach derTrou-Madamezu denken, die im ‚Stern‘ stand. Das Wandern war zumeist ein vergnügtes Herumstreifen mit Anderen, zuweilen ein einsames, scharfes Marschieren zu bestimmtem Ziele; z. B. ging er an einem Juli-Abend von halb Sechs bis halb Zehn nach Kochberg. Im Reiten brachte er es zu viel besseren Leistungen als früher: von Leipzig bis Weimar ritt er von früh halb Sieben bis mittags um Drei; von Eisenach bis Weimar von früh Fünf bis halb Zwölf, obwohl er eine starke Stunde in Erfurt beim Statthalter saß; von Kochberg bis Weimar in zwei Stunden fünf Minuten. Das machten ihm bei dem damaligen Zustande der Straßen nicht Viele nach! Auch junge Pferde zuzureiten, betrieb er als Vergnügen. Am 15. Mai begann er das Schwimmen zu erlernen, zunächst mit einem Schwimmwams und nur im Floßgraben.

Im Winter war der Eislauf schon ein allgemeines Vergnügen der Hofgesellschaft geworden. Auch die Herzogin zeigte sich als eine geschickte Schlittschuhläuferin; sonst ließen sich die Damen meist in Stuhlschlitten von den Kavalieren herumfahren. Der Herzog liebte es, auf dem Eise mit einigen Freunden fröhliche Tafel zu halten, und zuweilen wurde die Lust abends bei Fackeln, Laternen und Feuerwerk fortgesetzt, und die Musikanten spielten auf zum Fackeltanz. Unfälle erhöhtenmanchmal die Aufregung; Goethe selber brach am 17. Januar ein, kümmerte sich aber nicht um Schreck und nasse Kleider, ging abends auf die Redoute, am andern Morgen wieder auf’s Eis, aß dort mit dem Hofe, tollte weiter herum, bis er abends an der Tafel der Herzogin-Mutter plötzlich ohnmächtig hinsank. Die nächsten Tage aber war er wieder auf dem Eise. Wieland, der an den schönsten Sommerabenden den Mantel nicht zu Hause ließ, schalt auf solche gewaltsamen Abhärtungsversuche:

Goethe leidet zeither immer an Zahnschmerz comme un damné,

Goethe leidet zeither immer an Zahnschmerz comme un damné,

schrieb er im Oktober an Merck:

aber er macht’s auch danach mordiable. „Man muß die bestialische Natur brutalisieren“ pflegte der alte Mordiable v. Bassenheim zu Mainz zu sagen; Goethe und der Herzog sind auch von diesem Glauben, aber sie befinden sich meist so übel dabei, daß ich keine Versuchung kriege, ihr Proselyt zu werden.

aber er macht’s auch danach mordiable. „Man muß die bestialische Natur brutalisieren“ pflegte der alte Mordiable v. Bassenheim zu Mainz zu sagen; Goethe und der Herzog sind auch von diesem Glauben, aber sie befinden sich meist so übel dabei, daß ich keine Versuchung kriege, ihr Proselyt zu werden.

Erstarkung

Ein neues Mittel der Abhärtung und der gewollten Verbindung mit der Natur war für Goethe der neue Altan: hier konnte er im Freien schlafen. Am 2. Mai war abends ein herrliches Gewitter, das den ganzen südlichen Himmel überleuchtete. Goethe sah vom Altan aus zu, obwohl die Frösche von der Ilm aus gar schrill den kommenden Regen ihm in die Ohren verkündeten. Schließlich wurde er müde, wickelte sich in seinen blauen Mantel, suchte sich ein Fleckchen, das der Regen nicht erreichen konnte, und schlummerte beiBlitz, Donner und Regen ein. Als er später das noch nicht abgekühlte Schlafzimmer aufsuchte, war’s ihm fatal in der Schwüle, und von nun an schlief er öfters entweder im Altanstübchen bei geöffneter Türe oder auf dem Altan selbst; einen Strohsack hatte er unter, seinen Mantel über sich. Und es war ihm die größte Augenlust, wenn er in der Nacht aufwachte und ein neues Stück Sternhimmel über ihm strahlte, oder wenn sich die erste Morgenhelle mit dem Mondschein zu einem seltsamen fahlen Lichte vermischte.[25]

Körperliche Tüchtigkeit

Manche Bemerkungen in Goethes Tagebüchern und Briefen zeigen uns, wie bewußt er solche körperlichen Übungen trieb. Kein Wunder also, daß er im Marschieren und Reiten bald Erstaunliches leistete! Einmal ritt er mit Karl August in acht Stunden von Leipzig nach Weimar, was bei dem damaligen Zustandeder Straßen eine große Leistung war. Als es am 3. Mai 1776 in Ilmenau brannte, ritt Goethe hinauf, und am nächsten Tage schrieb er seinem Fürsten: „Ich bin keine sechs Stunden geritten, also wie sich’s gehört. Des Husars Pferd wollte nicht mehr fort gegen das Ende, und hinter Büchenloh auch meins nicht mehr.“ In der ersten weimarischen Zeit wurden alle Reisen zu Pferde gemacht; zumeist war der Herzog sein Gefährte, und Dieser liebte die allerschärfste Gangart. Am deutlichsten bewies Goethe Abhärtung und Wagemut durch seine Winterreisen in die Gebirge, die zu besuchen damals auch im Sommer gar nicht üblich war. Ende November 1777 ritt er von Weimar über den Ettersberg dem Harze zu, den er noch nicht kannte. Mitten im Schloßenwetter überkommt ihn reine Ruhe der Seele. Kein Unwetter, kein böser Weg, keinschlechtes Quartier schreckt ihn zurück. Am 10. Dezember bestieg er den Brocken, damals ein Heldenstück, das Jedermann, selbst der Förster im Torfhause, namentlich des dichten Nebels wegen, für unmöglich erklärte. Noch mehr wagte er 1779 in der Schweiz, als er im November mit Karl August in das Gebiet des Montblanc, der Furca und des Gotthard eindrang. Die Genfer Sofamenschen waren arg entrüstet, als sie von solchem Gott versuchenden Vorhaben hörten. Im Spätjahr 1792, bei der törichten Kampagne der deutschen Fürsten gegen die französischen Revolutionäre, bewies Goethe seine Strapazentüchtigkeit noch einmal mit bestem Humor. „Das Wetter war furchtbarer als je“ erzählt er selber,

die Unbequemlichkeit, ja das Unheil stiegen auf’s höchste; die Zelte durchnäßt, sonst kein Schirm, kein Obdach ... Konnte man sich auch unter einem Zelte bergen, so war doch an keine Ruhestelle zu denken. Wie sehnte man sich nicht nach Stroh, ja nach irgend einem Brettstück, und zuletzt blieb doch nichts übrig, als sich auf den kalten, feuchten Boden niederzulegen! Nun hatte ich aber schon in vorigen gleichen Fällen mir ein praktisches Hülfsmittel ersonnen, wie solche Not zu überdauern sei: ich stand nämlich so lange auf den Füßen, bis die Knie zusammenbrachen; dann setzte ich mich auf einen Feldstuhl, wo ich hartnäckig verweilte, bis ich niederzusinken glaubte, da denn jede Stelle, wo man sich horizontal ausstrecken konnte, höchst willkommen war. Wie also Hunger das beste Gewürz bleibt, so wird Müdigkeit der herrlichste Schlaftrunk sein.

die Unbequemlichkeit, ja das Unheil stiegen auf’s höchste; die Zelte durchnäßt, sonst kein Schirm, kein Obdach ... Konnte man sich auch unter einem Zelte bergen, so war doch an keine Ruhestelle zu denken. Wie sehnte man sich nicht nach Stroh, ja nach irgend einem Brettstück, und zuletzt blieb doch nichts übrig, als sich auf den kalten, feuchten Boden niederzulegen! Nun hatte ich aber schon in vorigen gleichen Fällen mir ein praktisches Hülfsmittel ersonnen, wie solche Not zu überdauern sei: ich stand nämlich so lange auf den Füßen, bis die Knie zusammenbrachen; dann setzte ich mich auf einen Feldstuhl, wo ich hartnäckig verweilte, bis ich niederzusinken glaubte, da denn jede Stelle, wo man sich horizontal ausstrecken konnte, höchst willkommen war. Wie also Hunger das beste Gewürz bleibt, so wird Müdigkeit der herrlichste Schlaftrunk sein.

Wie die Herberge, so war damals auch die Nahrung oft die mangelhafteste.

Mitten im Regen ermangelten wir sogar des Wassers, und einige Teiche waren schon durch eingesunkene Pferdeverunreinigt ... Ich wußte nicht, was es heißen sollte, als ich meinen treuen Zögling, Diener und Gefährten von dem Leder des Reisewagens das zusammengeflossene Regenwasser sehr emsig schöpfen sah; er bekannte, daß es zur Schokolade bestimmt sei, davon er glücklicherweise einen Vorrat mitgebracht hatte. Ja, was mehr ist, ich habe aus den Fußtapfen der Pferde schöpfen sehen, um einen unerträglichen Durst zu stillen.

Mitten im Regen ermangelten wir sogar des Wassers, und einige Teiche waren schon durch eingesunkene Pferdeverunreinigt ... Ich wußte nicht, was es heißen sollte, als ich meinen treuen Zögling, Diener und Gefährten von dem Leder des Reisewagens das zusammengeflossene Regenwasser sehr emsig schöpfen sah; er bekannte, daß es zur Schokolade bestimmt sei, davon er glücklicherweise einen Vorrat mitgebracht hatte. Ja, was mehr ist, ich habe aus den Fußtapfen der Pferde schöpfen sehen, um einen unerträglichen Durst zu stillen.

Als es noch schlimmer kam, als er nur auf einem Krankenwagen vorwärts kommen konnte, half wieder die Macht des Gemütes.

Zwischen ansteckende Kranke gepackt, wußte ich von keiner Apprehension. Der Mensch, wenn er sich getreu bleibt, findet zu jedem Zustande eine heilsame Maxime. Mir stellte sich, sobald die Gefahr groß ward, der blindeste Fatalismus zur Hand, und ich habe bemerkt, daß Menschen, die ein durchaus gefährliches Metier treiben, sich durch denselben Glauben gestählt und gestärkt fühlen.

Zwischen ansteckende Kranke gepackt, wußte ich von keiner Apprehension. Der Mensch, wenn er sich getreu bleibt, findet zu jedem Zustande eine heilsame Maxime. Mir stellte sich, sobald die Gefahr groß ward, der blindeste Fatalismus zur Hand, und ich habe bemerkt, daß Menschen, die ein durchaus gefährliches Metier treiben, sich durch denselben Glauben gestählt und gestärkt fühlen.

Strapazen

Es kamen dann Jahre, wo er es sich bequemer machte; er brauchte dann Anlässe und Verführungen, ehe er seine Zimmer verließ. So bewegte er sich in alten Tagen wenig um der Bewegung willen, aber da das Aufsuchen von seltenen Gesteinen, die Vermehrung seines geologischen und mineralogischen Wissens ihm die größte Freude war, so kam er auch als Greis noch oft zu Fußwanderungen, zum Bergsteigen, zum Klettern, zum Beklopfen und Abschlagen der Steine in künstlichen Stellungen. Was manchem Andern die Jagd ist, eine Gelegenheit zur Erheiterung, Erfrischung, Anstrengung und Abhärtung, war ihm das Steinsuchen.

Bis in’s hohe Alter hinein zeigte er sichgelegentlichwetterhart und bewegungslustig. Noch mitvierundsechzig Jahren erwähnt er in einem Briefe an Christiane, daß er am Tage vorher sechs Stunden zu Pferde gewesen und daß es ihm gut bekommen sei. Noch als Achtundsiebzigjähriger setzte er sich Ende September an der Straße nach Berka zum Frühstück auf die Ecke eines Steinhaufens, der vom Frühtau noch feucht war. Das mache ihm nichts, antwortete er ruhig dem besorgten Eckermann. Und immer wieder nahm er sich auch in seinen letzten Jahren vor, recht viel im Freien zu sein. Sie wollten jede Woche einen Tag zu einem großen Ausfluge anwenden, meinte er zu dem eben genannten Begleiter, und als er einige Tage später mit ihm an der Hottelstedter Ecke des Ettersberges stand, die wegen ihrer weiten Aussicht von Weimar und Erfurt aus gern aufgesucht wird, meinte er:

Wir wollen künftig öfter hierher kommen. Man verschrumpft in dem engen Hauswesen. Hier fühlt man sich groß und frei wie die Natur, die man vor Augen hat, und wie man eigentlich immer sein sollte.

Wir wollen künftig öfter hierher kommen. Man verschrumpft in dem engen Hauswesen. Hier fühlt man sich groß und frei wie die Natur, die man vor Augen hat, und wie man eigentlich immer sein sollte.

In alten Tagen

Im Greisenalter fuhr er gewöhnlich spazieren, aber so lange es ging, schritt er weite Wege zu Fuß, immer ohne Stock. Beim Gehen durch die Felder schlenderte er die beiden Hände fast überzwerch und berief sich dafür auf die Tiere, die ja auch die Vorderfüße überzwerch setzten.

An seinem Geburtstage 1831, als er zweiundachtzig Jahre vollendete, sehen wir ihn zum letzten Male als den „Wanderer.“ Es hatte ihn noch einmal nach Ilmenau gezogen. Am frühen Morgen fuhr er mit dem Berginspektor Mahr über Gabelbach auf denGickelhahn. Auf dem Rondell erquickte er sich an der weiten Aussicht und gedachte der Gefährten, die einst mit ihm hier gestanden. „Dann“, so erzählte nachher sein Begleiter, „schritt er rüstig durch die auf der Kuppe des Berges ziemlich hochstehenden Heidelbeersträucher hindurch bis zu dem wohlbekannten zweistöckigen Jagdhause, welches aus Zimmerholz und Bretterbeschlag besteht. Eine steile Treppe führt in den oberen Teil; ich erbot mich, ihn zu führen, er aber lehnte es mit jugendlicher Munterkeit ab.“

Was er suchte, war das am 6. September 1780 von ihm auf die südliche Innenwand des Jagdhäuschens geschriebene Gedicht: Über allen Wipfeln ist Ruh. „Er überlas die wenigen Verse, und Tränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Tränen und sprach in sanftem, wehmütigem Ton: »Ja, warte nur, balde ruhest du auch!«“

***

Er war zeitlebens ein Freund des frühen Morgens, in großem Gegensatz zu Schiller; bei der Lampe hat er selten gearbeitet; in der Regel ward seine Arbeit an dem recht langen Vormittage getan. Mit gutem Grunde lauten die ersten Verse in seinen gesammelten Gedichten:

Der Morgen kam: es scheuchten seine TritteDen leisen Schlaf, der mich gelind umfing,Daß ich, erwacht, aus meiner stillen HütteDen Berg hinauf mit frischer Seele ging ...

Der Morgen kam: es scheuchten seine TritteDen leisen Schlaf, der mich gelind umfing,Daß ich, erwacht, aus meiner stillen HütteDen Berg hinauf mit frischer Seele ging ...

Der Morgen kam: es scheuchten seine TritteDen leisen Schlaf, der mich gelind umfing,Daß ich, erwacht, aus meiner stillen HütteDen Berg hinauf mit frischer Seele ging ...

Der Morgen kam: es scheuchten seine Tritte

Den leisen Schlaf, der mich gelind umfing,

Daß ich, erwacht, aus meiner stillen Hütte

Den Berg hinauf mit frischer Seele ging ...

Im Alter begann er den frühen Tag allerdings im Arbeitszimmer, aber in jungen Jahren holte er sich manches Mal zuerst einen Trunk Morgenluft aus der freien Natur:

In der Dämmerung des Morgens den höchsten Gipfel erklimmen.Frühe den Boten des Tages grüßen, dich, freundlicher Stern,Ungeduldig die Blicke der Himmelsfürstin erwarten –Wonne des Jünglings, wie oft locktest du nachts mich heraus![26]

In der Dämmerung des Morgens den höchsten Gipfel erklimmen.Frühe den Boten des Tages grüßen, dich, freundlicher Stern,Ungeduldig die Blicke der Himmelsfürstin erwarten –Wonne des Jünglings, wie oft locktest du nachts mich heraus![26]

In der Dämmerung des Morgens den höchsten Gipfel erklimmen.Frühe den Boten des Tages grüßen, dich, freundlicher Stern,Ungeduldig die Blicke der Himmelsfürstin erwarten –Wonne des Jünglings, wie oft locktest du nachts mich heraus![26]

In der Dämmerung des Morgens den höchsten Gipfel erklimmen.

Frühe den Boten des Tages grüßen, dich, freundlicher Stern,

Ungeduldig die Blicke der Himmelsfürstin erwarten –

Wonne des Jünglings, wie oft locktest du nachts mich heraus![26]

Stehen und gehen

Daß er sich sehr gerade hielt, ist schon gesagt; die Schultern zog er straff zurück; oft empfahl er seine frühzeitig angenommene Gewohnheit, die Hände hinter dem Rücken zu vereinigen. Riemer berichtet, August Goethe habe nach Lehre und Vorbild des Vaters eine solche Haltung und Ausbildung des Körpers und besonders eine solche Breite und Ausbildung der Brust gewonnen, daß er den antiken Musterbildern eines Antonius oder Meleager gleich erschien und daß seine sonore Stimme den größten gefüllten Raum leicht durchdringen konnte.

Es hat kaum einen Geistesarbeiter gegeben, der so weniggesessenhat wie Goethe. Selbst im Zimmer saß er sehr wenig. Auch wenn er Gäste hatte, wußte er es einzurichten, daß sie bald in’s Stehen und Gehen kamen; er ging mit ihnen im Garten auf und ab oder stand mit ihnen in einer Fensternische oder im Zimmer vor seinen Kunstschätzen. Und ebenso brachte er seine poetischen und wissenschaftlichen Arbeiten, seinen Briefwechselusw. im Stehen und Gehen fertig, da ihm das Diktieren so sehr zur Natur geworden war wie uns Andern das Schreiben. Schon 1780 bemerkte er: „Was ich Guts finde an Überlegungen, Gedanken, ja sogar Ausdruck, kommt mir meist im Gehn; sitzend bin ich zu nichts aufgelegt“ und beschloß, „darum das Diktieren weiter zu treiben.“ Auch die Hände konnte er schwer ruhig halten, darin im Alter noch den Knaben gleich. Er zog entweder das zusammengedrehte Taschentuch durch die Hand, oder drehte ein Papierstreifchen, oder knüpfte an Bindfäden, oder hantierte mit der Lichtputzschere. War er bei Frau Schopenhauer oder in Jena bei Frommanns oder Knebels in Gesellschaft geladen, so stellte man ihm einen Tisch mit Zeichengelegenheit hin, und oft begleitete er die Erzählung oder Vorlesung eines Andern mit raschen zugehörigen Bildern.

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