* * * * *
Als Graf Dehn am folgenden Vormittag zwischen dem ersten und zweitenFrühstück von einem Spaziergang aus dem Park heimkehrte, hörte er in derGegend des Schlosses ein lautes Wimmern und bemerkte, als ernachforschte, Hektor, den Hund von Imgjor, mit mühsam hinkendenBewegungen dem hinteren Eingang zustreben.
Aber bevor der Hund noch die Thür erreicht hatte, verließen ihn dieKräfte; er blieb, vor Schmerzen wimmernd, liegen und erfüllte mit seinenWehlauten die Luft.
Rasch eilte Graf Dehn herbei, spähte nach, was dem armen Geschöpf fehlte und sah, daß nicht nur die eine Pfote gebrochen, sondern daß dem Tier auch noch das eine Auge derart verletzt war, daß nur noch eine blutige Höhlung unter der Stirn klaffte.
Und während Graf Dehn noch sorgend um das Tier bemüht war, erschien, durch die Klagetöne von oben herbeigelockt, Komtesse Imgjor, erkannte, nach einem Graf Dehn gespendeten, flüchtig höflichen Gruß, was vorgefallen war, und erging sich, ihren Liebling liebevoll streichelnd und tröstend, in aufgeregten Worten über das Geschehene. Aber sie nickte auch erkenntlich, als Dehn sich bereit erklärte, Wasser, Schwamm und Leinewand herbeizuholen, und hob, nachdem dies herbeigeschafft und das Tier verbunden war, solches zur Bettung im Schloß auf ihre eigenen Arme.
"Bitte, begleiten Sie mich und öffnen Sie mir die Thüren!" bat sie. "Ich will ihn in mein eigenes Zimmer bringen, ihn dort selbst pflegen," fügte sie, sich zu dem ihr dankbar die Hand leckenden Hunde liebevoll herabbeugend, hinzu.
Imgjors Gemächer befanden sich in der ersten Etage in einem Vorbau, der in Form eines Turmes die linke, äußerste Zwischenecke des Schlosses flankierte. Man konnte sie vom Hofe aus, aber auch von demselben Korridor erreichen, in dem sich Graf Dehns Zimmer befanden.
Unmittelbar neben dem Eingang zu seinen Gemächern führte eine Treppe zunächst zu einem halbrunden Flur empor, und auf diesen mündete die vom Hofe emporstrebende Wendeltreppe.
Graf Dehn hatte lange schon das lebhaftere Verlangen gespürt, einmal einen Blick in die Räume zu werfen, in denen das seine Gedanken und seine Sinne so ausschließlich beschäftigende junge Mädchen wohnte. Nun sollte ihm das werden, und mit einer gewissen Hast folgte er Imgjor und ihrer Bürde.
Sie ging aber nicht ins Schloß, sondern wählte den Weg, der über den Hof und von dort hinauf zu ihrer Wohnung führte.
"Bitte, hier!" unterwies sie Axel, als sie oben angekommen waren, und zeigte auf einen verborgenen Winkel, in dem an einem verdeckt angebrachten Haken ein Schlüssel hing.
Und Graf Dehn beeilte sich, ihrem Befehl zu entsprechen. Er öffnete dasGemach.
Es war aber erst ein einen Blick auf den inneren Schloßhof gewährendesVorzimmer mit Tapetenthüren und altmodischen Möbeln.
Die eigentlichen beiden Wohnstuben befanden sich nach der Parkseite.Graf Dehn war völlig benommen von der reizvollen Eigenart des erstenGemaches, das Imgjor als ihr Wohnzimmer bezeichnete.
Ein großer Tisch, bedeckt mit Büchern und allerlei kostbaren Gebrauchsgegenständen, stand in der Mitte. Ihn umgaben eine Anzahl kleiner Sofas, die mit rosenroten, blumendurchwirkten Seidenstoffen bezogen waren, und ebensolche Divans standen zwischen den das Zimmer füllenden schneeweiß und goldfarbigen Rokokomöbeln.
Auch eine reiche Bibliothek in kostbaren Einbänden befand sich in der einen Wandseite, und sie ward halb beschützt von einem weißseidenen Vorhang. Blumen und Vogelkäfige standen in den tiefen Fenstern, und prachtvolle, rosaseidene Gardinen fielen, um besser Licht zu lassen, ungerafft von oben bis auf den Fußboden herab.
"Wie feenhaft wohnen Sie hier, Komtesse!" nahm Graf Dehn das Wort, nachdem Imgjor das Tier nebenan in ihrem Schlafgemach gebettet hatte und nun, rasch zurückkehrend, ihm wieder gegenüberstand.
"Ja, viel zu schön!—Wer hat ein Recht, derartig sich einzurichten, wenn in der Welt so viele arme Geschöpfe darben—" entgegnen sie herb im Ton. "Ich lerne den Luxus immer mehr hassen. Wäre nicht der die Seele belebende, schöne Ausblick, könnte ich nicht in mein geliebtes Thal und ins Dorf hinabschauen, wäre ich schon ausgezogen und hätte mir Räume gesucht, die mich an Einfachheit und Entsagung gewöhnen—" Und dann kurz abbrechend, nachdem sie ihm nochmals ihren Dank wiederholt hatte, sagte sie: "Sie können gleich rechts die Treppe hinuntergehen, um Ihre Zimmer zu erreichen. Wir sind sozusagen Nachbarn, das heißt Nachbarn von oben und unten—"
Hierauf neigte sie mit gewohnter, kaum gemilderter Ausdruckslosigkeit den Kopf und begab sich—Axel hörte es, während er die Thür hinter sich schloß—eilends wieder zu dem kranken Tiere in ihr Schlafgemach.
Aber diese Sicherheit, nicht beobachtet zu werden, veranlaßte Graf Dehn,nicht so gleich das Vorzimmer zu verlassen, sondern sich noch einenAugenblick darin umzuschauen, ja, sogar die Klinke einer der beidenTapetenthüren zu berühren.
Da nach seiner Berechnung die Wände des Gemachs zugleich die Außenmauern des Turms bilden mußten, war er sehr neugierig, zu erfahren, wohin die Eingänge führten.
Zu seiner Ueberraschung gab das von ihm geprüfte Schloß nach, und vor ihm lag eine dunkle Treppe.
Das beschäftigte ihn dermaßen, daß er,—unten in seinen Gemächern angelangt,—alle Wände untersuchte. Aber er fand nichts. Wahrscheinlich führte diese in die dicke Mauer eingelassene, geheime Treppe in den Garten hinab, und auffallend war's nur, daß die Thür unverschlossen war, daß sie also noch gebraucht wurde.—
Daß übrigens Imgjor ihre Stellung zu Axel nicht verändern wollte, zeigte sich schon an demselben Tage sowohl bei Tisch, wie beim Abendessen. Sie begegnete Graf Dehn, trotz dieses sie enger verknüpfenden Vorfalles, mit derselben kühlen Gemessenheit wie bisher, und als von dem Hunde die Rede war, erwähnte sie seiner Hilfeleistung mit keiner Silbe.
Die beiden folgenden Tage boten wiederum allerlei Abwechslungen, durch die Graf Dehns Gedanken vorübergehend von Imgjor abgelenkt wurden.
Er machte mit dem Grafen, der Gräfin und Lucile und mit diesen allein, da Imgjor heftige Migräne vorschützte, eine Wagenpartie nach einem der umliegenden Güter, wohin die Herrschaften schon zum Frühstück geladen waren, und am folgenden Tage fuhr er mit dem Grafen Knut und dem Herrn des Hauses in das zwei Meilen entlegene Städtchen Oerebye, woselbst sie an einem Diner bei einem Herrn von Kjärholm teilnehmen sollten.
Am letzten Abend vor der angesetzten Gesellschaft hatten sich der Graf, Lucile und Imgjor früher zurückgezogen. Graf Lavard fühlte sich durch eine Erkältung beschwert, und Lucile und Imgjor hatten sich, über starke Müdigkeit klagend, schon bald nach Aufhebung der Tafel in ihre Gemächer begeben.
Nur Graf Dehn blieb, durch eine Partie Schach gefesselt, neben derGräfin sitzen.
Sie sei noch durchaus nicht schläfrig, sie bitte, ihr Gesellschaft zu leisten, hatte sie erklärt.
Nachdem Graf Dehn als Sieger aus dem Kampfe hervorgegangen war, lehnte sie sich zurück, sah ihn mit dem ihr eigenen forschenden Blick an und warf plötzlich unvermittelt hin:
"Nun, wie sieht's, Graf Dehn? Wer gefällt Ihnen besser, Lucile oderImgjor? Nicht wahr, Lucile ist ungewöhnlich schön?"
Graf Dehn bejahte stumm, dann sagte er:
"Um die Komtesse Lucile zu werben, würde, selbst wenn man meinen möchte, ohne sie nicht leben zu können, zwecklos sein. Sie wird niemals einen Mann meiner Art heiraten."
Die Gräfin schärfte erst das Auge in einer Art, als ob sie in desSprechers Inneres dringen wolle. Dann sagte sie stark betonend:
"Ist Ihrer Antwort zu entnehmen, daß Ihnen auch Lucile gefährlich werden könnte?"
"Ich kann nur jüngst Gesagtes wiederholen, Frau Gräfin. Ich liebe Komtesse Imgjor leidenschaftlich. Noch will ich einige Zeit prüfen, ich will nicht so leichten Kaufes meine Wünsche begraben. Ist's aber entschieden, werde ich Rankholm verlassen. Ich würde mich innerlich verzehren, sollte ich ferner aussichtslos neben ihr hergehen."
"Seltsam!" stieß die Gräfin heraus. "Was die Männer haben können, das verschmähen sie. Nur das Unerreichbare hat Reize für sie—"
"Sie meinen—?" setzte Graf Dehn an;—stockte aber, weil er der GräfinAuge begegnete.
Sie sah ihn mit einem Blick an, der ihn befangen machte, und derWiderschein seiner Verwirrung spiegelte sich in seinen Mienen. "Ah—SieKind—Sie gutes Kind!" warf sie überlegen, aber nicht ungütig hin.
Doch gab sie sich unmittelbar darauf wieder mit der sonstigen Geradheit ihres Wesens.
"Lucile will hoch hinaus, gewiß! Aber sie wird doch nie einen Mann heiraten, den sie nicht liebt"—fügte sie, an Axels vordem hingeworfene Aeußerungen anknüpfend, hinzu.—"Und deshalb glaube ich auch, daß sie ihre unfruchtbaren Pläne aufgeben und sicher einen anderen ehrenwerten Mann aus einem weniger bevorzugten Stande heiraten würde.
Daß Lucile sich für Sie interessiert, weiß ich. Aber Sie—Sie—empfinden nichts für sie—?"
Nun erschien ein überaus forschender Ausdruck in ihren Zügen.
"Ja, Frau Gräfin—" entgegnete Graf Dehn halb ernst, halb leicht im Ton, um dem Gespräch einen möglichst unbefangenen Charakter zu verleihen—"ich müßte ein Stein sein, wenn ich nicht ein so vollendetes, junges Mädchen, wenn ich nicht jede Tochter einer Gräfin Lavard anbetete. Aber es steigt ein Wunsch nach ihrem Besitz nicht auf, weil mich, ich wiederhole es, Komtesse Imgjor ganz gefangen nimmt. Komtesse Lucile hat mir überdies rückhaltlos erklärt, sie werde nur einem Manne die Hand reichen, der eine Fürstenkrone im Wappen führt."
"Haben meine Töchter—" stieß die Gräfin, die nachdenklich zugehört, stark betonend heraus, "Ihnen gegenüber ein Urteil über mich gefällt?"
Graf Dehn sah befremdet empor.
"Ich bitte, sprechen Sie, Graf Dehn! Ich bin Ihnen für ein offenes Wort dankbar.—Ich werde dann auch reden, nicht heute, aber ein andermal—"
"Da Sie mich fragen—ja, Frau Gräfin! Es scheint mir bei aller Verehrung eine kleine Einschränkung vorhanden zu sein. Ich habe schon darüber gegrübelt, wie es möglich ist, Sie nicht schwärmerisch zu lieben—"
Die Gräfin sah eine Weile still vor sich hin. Dann sagte sie mit einemSeufzer:
"Glücklich der, welcher im Familienleben das findet, was er erwartet. Wenige sind ganz glücklich! Würden die Eheakten einmal hervorgeholt, statt der Vergessenheit übergeben zu werden, würde man erstaunen, wie oft Frauen gelitten haben, wie groß ihre Seelen waren!"
Graf Dehn richtete einen gespannten Blick auf die Gräfin, die durch diese Worte die Aufdeckung eines Familiengeheimnisses vorbereitete.
Aber heute vernahm er nichts mehr. Mit einem sanften gütigen Ausdruck bot sie ihm zum Abschied die Hand und begab sich, ihm noch einmal freundlich zunickend, in ihre Gemächer.—
* * * * *
Als sich Graf Dehn am folgenden Vormittag nach Imgjor erkundigte, wurde ihm von Frederik gesagt, daß sie schon früh und zwar, wie er zu hören geglaubt habe, nach dem Mönkegjorer Gehölz fortgeritten sei.
Das veranlaßte Axel, sich ebenfalls ein Reitpferd zu bestellen und, des Weges kundig, dieselbe Richtung einzuklagen. Dem schönen Mädchen möglichst oft zu begegnen, sie durch einen häufigen Verkehr allmählich von ihren Vorurteilen zu heilen, endlich ihre Freundschaft zu gewinnen, lag in seinem Plan.
Zwar hatte die Gräfin geäußert, daß man sie gehen lassen müsse, siekomme dann zuletzt ganz von selbst; aber er wollte es doch auf seineWeise versuchen. Wie konnte er warten, bis sie ihm auch nur einigeBeachtung schenkte!
An dem heutigen Morgen beherrschte ihn zudem die Vorstellung, daß sie nicht nur fortgeritten sei, um sich eine Abwechslung zu verschaffen, sondern daß sie irgend etwas vorhabe, das sie zu verbergen wünschte. Vielleicht hing es mit dem Doktor Prestö zusammen.—
Er hielt auch, als er zunächst durch das Dorf trabte, einen Augenblick vor des Arztes Hause still, um sich unter irgend einem Vorwande nach Prestö zu erkundigen.
Eine unbestimmte Ahnung sagte ihm, daß er abwesend sein werde.
Anfänglich war sein Rufen vergeblich. Es erschien niemand, und schon wollte er sich zum Absteigen bequemen.
Dann aber öffnete Prestös Wirtschafterin, eine einfache, alte Frau aus einem der umliegenden Dörfer, die Hausthür und gab auf Graf Dehns Frage Antwort.
"Der Doktor sei vor reichlich einer halben Stunde nach Oerebye geritten. Er kehre wahrscheinlich erst gegen den Spätnachmittag zurück," erklärte sie.
"Nach Oerebye? Besitzt der Herr Doktor dort auch Praxis?"
"Nein—das nicht. Ich hab' etwas von einer Bauernversammlung gehört, wo er dabei sein will. Ich weiß es aber nicht genau. Kann ich etwas bestellen?"
"Nein, ich danke! Es liegt nichts Besonderes vor. Sie brauchen nicht einmal zu sagen, daß ich mich nach ihm erkundigt habe."
Hierauf nickte die Alte zustimmend, und Graf Dehn setzte seinem Tier wieder die Sporen in die Weichen.
Oerebye und der große Forst Mönkegjor lagen in derselben Wegrichtung.
Nachdem Graf Dehn diesen, scharf trabend, nach Verlauf einer halben Stunde erreicht hatte, durcheilte er ihn von einem Ende zum anderen, hielt auch auf einem mitten im Gehölz auf einer Anhöhe befindlichen Pavillon an und sah sich hier nach Imgjor um. Aber es war nichts von ihr zu bemerken, und er nahm daher, rasch entschlossen, die Richtung nach Oerebye.
Freilich konnte er, wenn er seinen Ritt soweit ausdehnte, nicht zum Frühstück in Rankholm zurück sein. Aber das ungeduldige Verlangen, festzustellen, ob wirklich Imgjor und der Doktor beisammen seien, ließ das in ihm aufsteigende Bedenken, ohne Entschuldigung fortzubleiben, rasch zurückdrängen.
Unterwegs, während er dahin galoppierte, bestürmten ihn seine Gedanken.
War's nicht im Grunde eine Thorheit, sich auf ein Mädchen zu kaprizieren, das ihm so entschieden auswich?
Und war's, wenn er wirklich ihre Zuneigung gewann, wünschens- und lohnenswert, ein weibliches Wesen solcher Art an sich zu fesseln? Er hatte sich eine ganz andere Vorstellung von der jungen Dame gemacht, von welcher ihm sein Vater gesprochen.
Er hatte ein mit Schönheit: Sanftmut und Liebenswürdigkeit verbindendes junges Mädchen zu finden erwartet und sah sich einer fanatischen Vertreterin der neuen Ideen gegenüber.
Und dann redeten doch wieder andere Stimmen, und sie flüsterten ihm zu, daß Nummern überall zu finden seien, daß er es hier mit einem charakterstarken und trotz aller Schroffheit warm fühlenden, edeldenkenden Wesen zu thun habe. Von einem solchen bevorzugt, gar auserwählt zu werden, erschien ihm des Ringens wert.
Und diese Vorstellung gab dann seinen Gedanken wieder eine andereRichtung.
In Oerebye angelangt, hielt Graf Dehn vor demselben Gasthofe, in dem er kurz vorher mit Imgjors Vater und dem Grafen Knut eingekehrt war, und schon während des Eintritts in die gemütlichen Vorräume des Gebäudes warf er die Frage hin, ob jemand aus Schloß Rankholm anwesend sei.
Der sorgfältig rasierte, höfliche Oberkellner nickte bejahend.
"Ja wohl, Herr Graf. Komtesse von Luvard ist vor einer halben Stunde angekommen."
"So—so!?" fiel Axel lebhaft ein. "Und—und—ist sie im Hotel?"
"Nein, Herr Graf! Sie ist auch nach dem Landhof gegangen—"
"Nach dem Landhof? Was ist das?"
"Der Landhof ist ein öffentliches Lokal. Um ein Uhr spricht da der Volksredner Jens Uesholm. Sämtliche Einwohner und Bauern der Umgegend sind hingelaufen—"
"In der That? Ist man diesen Lehren hier so zugeneigt? Und die Landarbeiter? Werden sie dabei sein? Die haben doch sicher um diese Zeit keine Erlaubnis von ihren Gutsherren—?"
"Sie haben sie sich genommen, Herr Graf. Die Sache ist schon lange imGange. Das giebt überhaupt gewiß noch ein böses Nachspiel—"
Diese Auskunft bestimmte Axel, nach rasch eingenommenen Imbiß den Weg nach dem Landhof zu nehmen.
Nun war's auch zweifellos:—Prestö und Imgjor—beide würden dort anwesend sein!—
Der Landhof lag mitten in der Stadt, aber nicht unmittelbar an derHauptstraßenlinie. Man mußte eine große Allee durchmessen, um das aufeiner sanft emporsteigenden Anhöhe belegene, eine weite Umschau bietendeVergnügungslokal zu erreichen.
Es war auch ersichtlich, daß die Einwohner etwas Besonderes dahinzog.
Dicht gedrängte Gruppen von Bürgern, Bauern und Feldarbeitern bewegten sich durch den Baumgang, alle waren in Eile, und aus der Umgegend kam noch fortwährend neuer Zuzug.
Axel beschloß, sich einen Platz drinnen zu suchen, auf dem er möglichst unbeachtet zuschauen konnte. Da er aber der Gelegenheit unkundig war, redete er einen älteren Bürger in dänischer Sprache an und erkundigte sich nach der inneren Einrichtung des Landhofes.
Da war ihm dann die Auskunft sehr erwünscht, daß sich eine große Gallerie rings um den Saal ziehe, und daß man sie durch einen vorhandenen, gesonderten Eingang betreten könne.
Und so machte er es. Unter der Führung seines Begleiters, eines ehrsamen Klempnermeisters, betrat er die Gallerie und fand bald einen Platz, von dem aus er den Redner ins Auge fassen und die Zuhörerschaft genügend übersehen konnte.
Vorläufig wogte unten noch alles durcheinander. Menschen drängten sich, Stühle wurden eingeschoben. Das Geräusch lebhaften Schwatzens erfüllte den Raum; nur der Redner selbst war noch nicht sichtbar.
Aber endlich erschien er, von dem brausenden Zuruf der Versammelten empfangen, und sprach mit einer lauten, wohlklingenden Stimme über das von ihm angekündigte Thema.
Und was er sagte, machte Eindruck, weil er seine Worte geschickt zu wählen wußte, weil er niemals den ruhigen Ton verließ, und weil er mit solcher Ueberzeugung von der Berechtigung der Forderungen und von der zweifellosen endlichen Erreichung des zu erstrebenden Zieles sprach, daß er die Zuhörerschaft völlig in seinen Bann schlug.
Zum Schluß entwickelte er, was zunächst zu geschehen habe, und eben das deckte sich genau mit dem Inhalt des Gespräches, das zwischen Imgjor und Lucile stattgefunden hatte.
Nachdem der Redner, ein Mann mit blondhellem Bart, tiefliegenden, dunklen Augen und blassen Zügen, unter nicht endenwollendem Beifall der Versammelten seine Ansprache beendet hatte, erklärte ein Bauer, der als Präsident der Versammlung vorstand, daß nunmehr die Redefreiheit eröffnet sei und daß zunächst Herr Doktor Prestö aus Kneedeholm das Wort nehmen werde.
Und Prestö bestieg—aus einer Seitenloge tretend, woselbst nunmehr Graf Dehn auch Imgjor entdeckte—so gleich die Rednerbühne und hielt unter dem lautlosen Aufhorchen der Menge ebenfalls einen Vortrag.
Und Imgjor, die Graf Dehn fortdauernd scharf beobachtete, folgte diesem mit funkelnden Augen und mit gespanntester Miene. Sie hing gleichsam an seinem Munde, sie verschlang seine Worte.
Prestö sprach über den Landadel, und sein Vortrag zündete deshalb noch mehr, weil er aus dem Munde eines Mannes kam, der selbst unter ihm lebte.
Nachdem er denselben Vorschlägen, die Jens Uesholm gemacht, das Wortgeredet und die Inscenierung solcher werkthätigen Reformen noch desNäheren beleuchtet hatte, trat er zurück und begab sich unter demJubelruf der Arbeiter und Landbevölkerung auf seinen Platz zurück.
Hatte es schon bisher in Graf Dehn gegärt, hatte er sich förmlich zurückhalten müssen, das Wort zu verlangen und Uesholms Ausführungen entgegenzutreten, durch seine Auslassungen das Erreichbare von dem absolut Unverständigen und deshalb Unerreichbaren zu scheiden, so glühte es ihm jetzt in den Adern, Prestö heimzuführen.
Es hielt ihn auch nicht. Völlig unbekümmert um das teils neugierige, teils feindselige Mustern derjenigen, durch deren Reihen er sich drängte, trat er vor den von ihm vorher ins Auge gefaßten Präsidenten und ersuchte diesen, ihm das Wort erteilen zu wollen.
Des Dänischen war er so gut Herr wie des Deutschen und Französischen. Dennoch leitete er die ihm von dem Leiter der Versammlung gewährte Rede mit einer Entschuldigung ein, wenn er sich etwas unvollkommen ausdrücken werde.
Er wolle, hub er an, sprechen über die Gefahren, einen Himmel zu eröffnen, statt als Mensch beim Irdischen zu bleiben. Bei allem, was der Vernunftbegabte thue, müsse er sich nach seiner Mutter, der Erde, richten. Sie müsse ihm ein Vorbild sein und bleiben. Sie lehre ihn zwar auch täglich und stündlich das Bestreben nach Ausgleich und einer immer höheren Vervollkommnung, aber auch fortwährend das ewige Gesetz des Rechtes des Stärkeren und Begabteren über den von der Natur minder Bevorzugten. Er stelle sich mit den Vorrednern auf denselben Standpunkt, daß werkthätiges Christentum zu üben, nicht nur jedermanns Pflicht, sondern daß es auch weise sei, da alle im Grunde nur einer großen, durch gemeinsame Interessen verbundenen Familie angehörten. Insofern seien die Vorschläge, die gemacht worden, wertvoll und deren teilweise Ausführung durchaus wünschenswert. Aber eben dabei müsse es sein Bewenden haben, und auch dieses Bessere sei in einer ruhigen Weise zu erstreben. Das Geschlecht, das heute lebe, ergehe sich in einem völligen Irrtum, wenn es glaube, daß es zu etwas anderem berufen sei, als zunächst Opfer zu bringen. Die Resultate würden erst, weil sie nur allmählich reifen könnten, den späteren Generationen zu gute kommen können. Und nochmals weise er auf die Natur hin, wenn er vor jeder Ueberstürzung warne. Brauche sie, die große Zauberin, nicht auch für alles Zeit und Vorsicht? Bedürfe nicht jedes Blatt am Baume Licht, Sonne und Regen? Würde es nicht durch Stürme und Kälte, also durch Gewalt, vernichtet? Eine Perspektive zu eröffnen, wie es der erste Redner gethan, sei ein Unrecht. Er verheiße etwas, das eben mit dem Hinblick auf sie, deren Sein und Wesen den Menschen die Gesetze für ihr Thun vorschreibe, unerreichbar sei. Der Staat der völlig Gleichberechtigten werde nach einem Tage zerfließen. Der Adler herrsche in der Natur über den Sperber. Bei den Menschen habe die höhere Intelligenz und das kräftigere Ringen der Vorwärtsstrebenden das Uebergewicht über den Trägen. Wie denn? Solle der Fleißige und Rührige das Ergebnis seiner Anstrengungen den Müßigen in den Schoß werfen? Er werde sich bedanken! Der Fleißige besitze Ehrgeiz und habe den Drang nach Erfolg, Fortkommen und nach gesondertem Besitz.—"Meine Freunde! Wenn ihr heute eine Erbschaft macht, oder wenn ihr durch Erfindung, die euch Jahre lang beschäftigte, ein großes Vermögen erwerben könnt, wollt ihr das ohne weiteres hingeben, wollt ihr euch mit einem Tausendstel begnügen? Nein, das wollt ihr nicht, und niemand wird's euch verdenken, daß ihr euch dessen weigert. Die Zukunft, eine bessere, liegt nur in der Pflege der Vervollkommnung des sittlichen Menschen, in der Hebung der Schulen, in der Ausübung einer Religion, die zu Thaten der Pflicht und Thaten der Liebe und Duldsamkeit gegen die Mitmenschen auffordert. Wo war heute hier von Nächstenliebe die Rede? Nirgend! Selbst die Befürwortung der Förderung des Humanismus und der Wohlfahrt in Gestalt von Arbeitsstätten, Krankenhäusern, Nächtigungsanstalten, öffentlichen Speisehäusern, Unfallentschädigungen und Altersversorgungen ward nur aus dem Gesichtspunkt einer Forderungsberechtigung an den Geldbeutel der Gutsherrn erörtert! Was aus dieser Klasse der Gesellschaft wird, ist Herrn Doktor Prestö gleichgiltig. Sie mag untergehen. Ja, Freunde, seid ihr Heilige? Nehmt ihr nicht auch einmal ein Gläschen mehr? Seid ihr allezeit voll Christentum gegen eure Umgebung? Liegt ihr nicht auch lieber auf einem weichen Bett als auf Steinen? Wird einer von euch das Anerbieten abschlagen, mehr zu werden und mehr zu verdienen, und ist er nicht auch ein Streber in seiner Art, in solcher Art, daß er sich möglichst gut betten will? Sprecht ihr allezeit die Wahrheit? Erfüllt euch niemals der Neid gegen eure Nachbarn? Seid ihr nicht ebenso hochmütig wie die sogenannten Großen? Hand aufs Herz! Haltet ihr euch nicht für besser, als sie? Habt ihr nicht euren Bauernstolz? Ein Unglück für das Volk ist ein Redner wie der Herr Doktor Prestö. Er möchte euch—ich muß es seiner Rede entnehmen—am liebsten anführen, damit alles vernichtet werde, die Güter und die Bauerngehöfte dazu! Ja, was dann? Die Einöde bietet doch nichts als Hunger und Jammer und Elend! Und wie will der Bauer und Feldarbeiter leben, wenn er den Gutsherrn in den Brunnen versenkt? Ihr könnt alles kaufen für Geld. Aber wenn ihr keines habt, und wenn ihr dem Staat die Möglichkeit nehmt, durch den Wechselverkehr zwischen Angebot und Nachfrage die Lebensfrage und somit die Existenzfrage zu regeln—was erblüht euch dann Gutes? Elend—Elend ist euer Loos! Was uns heute der Staat Schützendes und Förderndes bietet, ist ein Ergebnis des Ringens der Jahrhunderte. Allmählich hat sich die Erkenntnis des Zweckmäßigen entwickelt. Wir müssen säen, die Saat behüten, indem wir das Unkraut von der Frucht scheiden, und müssen zur rechten Zeit ernten. Nureineverständige Volkswirtschaftslehre giebt es: Daß jeder durch strenge Pflichterfüllung seinen Teil zum Allgemeinbesten beiträgt, daß wir unsere engeren Aufgaben darin erkennen, unsere Kinder zu tüchtigen Menschen zu erziehen, sie sowohl etwas Ausreichendes lernen lassen, als auch sie anzuweisen suchen, solches fürs Leben praktisch und möglichst günstig zu verwerten, damit sie dadurch und lediglich dadurch befähigt werden, möglichst sichere materielle Vorteile zu erzielen; daß wir uns fühlen als größere und kleinere Glieder eines Ganzen; daß wir endlich stets alle erst vor unserer eigenen Thür fegen und dann erst den Besen in die Hand nehmen, um unseres Nachbars Schwelle zu säubern! Und so schließe ich: Laßt euch nicht bethören durch Hinweise auf Paradiese, die sich nie eröffnen, die sich nie eröffnenkönnen! Bleibt auf der Erde und helfet, daß schon durch gutes Beispiel euern Kindern und Kindeskindern das werde, was zu erstreben möglich ist! Eines schickt sich nicht für alle. Den Sieg, den materiellen und moralischen, trägt allezeit der davon, der einfach, tüchtig und weise ist, der etwas im besten Sinne, im Umfang seiner Kräfte—leistet!"
Graf Dehn hatte nach Beendigung seiner, von eisigem Schweigen begleiteten Rede große Mühe, den Saal zu verlassen.
Niemand machte ihm bei seinem Versuch, durchzudringen, gutwillig Platz; jeder zeigte vielmehr feindselige Mienen, oder drängte ihn wie zufällig zur Seite, in der Art, daß er zweimal fast gestolpert und hingestürzt wäre. Aber er wußte seine Erregung darüber zu bemeistern, er that, als ob er's nicht bemerke.
Draußen angelangt, stieg er rasch die Anhöhe hinab und begab sich auf direktem Wege ins Wirtshaus. Und hier angekommen, ließ er sogleich satteln, berichtigte seine Rechnung und ritt, rasch trabend, nach Rankholm zurück.
Zartsinn hielt ihn ab, vorher noch eine Begegnung mit Imgjor herbeizuführen, auch wünschte er dem Doktor, der ihm noch widerwärtiger geworden, unter allen Umständen auszuweichen.
Er hatte ihn genau beobachtet. Diesen Menschen verzehrte ein wilder Fanatismus. Die Begierde, sich zu rächen an der Gesellschaftsklasse, von der einst ein Mitglied seine Eltern in die Fesseln der Abhängigkeit geschlagen, durchglühte ihn allein. Und neben dem Rachegefühl verzehrte ihn der Ehrgeiz.
Er wollte herrschen, und daß er als Herrscher einen Stab aus Eisen schwingen, daß er ein weit größerer Tyrann sein würde, als jener, gegen den er schon während seiner Knabenzeit Haß und Verachtung eingesogen, bewies seine schroffe Ueberhebung, seine kaltherzige Art.
Und diesem Menschen wollte sich Imgjor mit ihrer, wenn auch äußerlich rauhen, doch von lauterer Menschenliebe erfüllten Brust zueignen!—
Als Axel ein halbes Stündchen vor Tisch nach Rankholm zurückkehrte, berichtete ihm Frederik, daß die Herrschaften sich wegen seines Fortbleibens bereits beunruhigt hätten. Er würde sogleich melden, daß der Herr Graf eingetroffen sei. Von Imgjor war nicht die Rede. Offenbar hatte man sich bei ihr an solche Unregelmäßigkeiten gewöhnt.
Bei Tisch berichtete Graf Dehn über die Geschehnisse in Oerebye.
Er gab den Inhalt der vermiedenen Reden wieder, verschwieg aber in vornehmer Gesinnung sowohl Imgjors als auch des Doktors Anwesenheit. Es widerstrebte ihm, trotz seiner heftigen Abneigung gegen Prestö, den Angeber zu spielen. Die Herrschaften mochten selbst den Zeitungen einen Bericht über die Vorkommnisse entnehmen; und gar Imgjor ohne Not in ein ungünstiges Licht zu stellen, widersprach vollends seiner Stellung zu ihr.
Während noch Graf Dehn sprach, öffnete sich die Thür, und Imgjor trat mit dem ihr eigenen, sich gleichsam starrköpfig gegen die eigene Schönheit auflehnenden Ausdruck ins Gemach.
Sie sprach eine kurze Entschuldigung aus, sich verspätet zu haben, und suchte den Blicken und den Fragen ihrer Umgebung zunächst dadurch auszuweichen, daß sie dem ihr unmittelbar darauf von der Dienerschaft servierten Vorgericht mit hungrigem Eifer zusprach.
Und nur ganz allgemein hatte sie bei ihrem Eintritt das Haupt zum Gruß geneigt. Nichts deutete in ihrem Verhalten darauf hin, daß sie kurz vorher mit dem Gast des Hauses unter so ungewöhnlichen Umständen an einem fremden Orte zusammengetroffen war.
Aber schöner als je erschien sie dem Manne, dem sie fortgesetzt mit solcher Nichtachtung begegnete.
Dieses Uebermaß von finsterer Verschlossenheit, verbunden mit Reizen, wie verschwenderischer die Natur sie nicht austeilen kann, machte sie für ihn unwiderstehlich; gerade diese Kälte entflammte sein Inneres nur noch mehr.
Er schaute mehrmals verhohlen zu ihr hinüber, während nun das Gespräch einen regelmäßigen Fortgang nahm, oder auch von den Anwesenden eifrig den Speisen zugesprochen wurde.
Heute lag auf ihren Wangen ein zartes Rot, ein fast fieberhaftes, das die Erregung zufolge der heutigen Erlebnisse darauf zurückgelassen hatte. In ihren Augen aber glühte ein stilles, dunkles Feuer, jenes der Begeisterung für die Ideale, welche ihre Brust erfüllten.
Dabei waren ihre Körperlinien so unschuldig, ihre Erscheinung und ihr ganzes Wesen so jungfräulich, so unnahbar, ihr Wuchs so edel, die kleinen Hände trotz der zarten Farben so fest, so energisch gebildet. Mit ihrem schlichten, auf die weiße Stirn fallenden rotblonden Haar glich sie einem mit höchster Schönheitsvollendung geschmückten Weibe.
Und dieser überwältigende Eindruck ihrer gesamten Erscheinung machteAxel nachdenklich und schweigsam, so völlig anders, daß Lucile, diegleich beide argwöhnisch beobachtet hatte, nunmehr wiederholt auf ihreSchwerer einredete.
"Wo warst du, Imgjor? Bist du die ganze Zeit unterwegs gewesen?" warf sie forschend hin.
Imgjor erwiderte mit einem kurzen, tonlosen Ja. Da eben von Frederik eine Pastete herumgereicht wurde, nahm sie die Gelegenheit wahr, sich den Anschein zu geben, als ob sie das Auffüllen dieses Leckerbissens auf ihren Teller zu ausschließlich beschäftige.
"Willst du keinen Fisch vorher?" fiel nun die Gräfin ein, da eben einer der Diener mit diesem Gericht zur nachträglichen Darreichung erschien.
"Nein, ich danke!—Ich habe sehr wenig Hunger—"
Und zu jenem, der sich ihr inzwischen ehrerbietig genähert, mit der ihr eigenen, steten Freundlichkeit gegen Untergebene: "Vielen Dank, Christian!—Ich nehme nicht—"
Nun trat eine Pause ein. Alle waren mit sich beschäftigt, und die Herren tranken auf des Grafen Aufforderung einen von Frederik soeben eingeschenkten alten, besonders vorzüglichen Rotwein.
Dann sagte die Gräfin: "Nun, Imgjor? Wo warst du also den ganzen Morgen?Lucile fragte dich, und du antwortetest nicht."
Wie aus einem Traume erwachend, erhob Imgjor, die kaum von der Pastete gekostet, den Kopf, sammelte sich aber, verfinsterte die Stirn und sagte in einem launenhaft ungeduldigen Ton: "Ich bin doch kein Schulkind mehr, das man fortwährend examinieren muß, Mama! Deshalb gab ich Lucile keine Antwort—"
"Nun ja! Aber wo warst du? Jetzt frage ich dich!"
Imgjor zog mit einer Geberde der Auflehnung die Schultern und spreizte die Lippen, entgegnen aber nichts. Eine Lüge widerstrebte ihr, jedoch zu bekennen, worum es sich handelte,—gewann sie nicht über sich.
"Nun, antworte doch, wenn deine Mutter mit dir spricht!" herrschte jetzt heftig, ungeduldig der Graf. Imgjors zu Tage tretender Trotz nahm alle und auch ihn gegen sie ein, und nur Fräulein Merville—Axel sah's—auf Imgjors Seite.
In ihrem Angesicht erschien ein unruhiger, besorgter Ausdruck.
"Bitte! Rede doch—gieb keinen Anlaß zum Verdruß!" stand in ihrem aufImgjor gerichteten Blick geschrieben, während sich in Luciles MienenUnwille und jene stolze Auflehnung bemerkbar machte, das ihre Schönheitzwar beeinträchtigte, aber die Majestät ihrer Erscheinung jederzeit hob.
Was jedoch die Anwesenden erwarteten, geschah auch jetzt nicht.
Zuerst erschien ein hilfloser Ausdruck in Imgjors Kindergesicht. Dann schob sie den Teller und die Serviette zurück, erhob sich und verließ, während sie durch Zusammenbeißen der Zähne ihre Bewegung und auch die aus ihren Augen strömenden Thränen vergeblich zu bannen suchte, das Zimmer.
Offenbar erlag sie einer durch die Gewalt der starken Eindrücke des Tages hervorgerufenen, krankhaften Abspannung der Nerven, und nicht Trotz und böser Wille, sondern diese Unfreiheit und die Auflehnung dagegen, daß man ihr in Gegenwart des Gastes und der Dienerschaft so begegnete, ließen sie so handeln.
Wenn Graf Dehn vordem durch Schweigen für sie Partei genommen, so geschah's jetzt mit Worten.
Er wollte als ihr guter Freund handeln, wie sie ihm auch begegnen mochte.
Im Saal des Landhofes hatten sich einmal während seiner Rede ihre Blicke getroffen, und beide hatten sich, wie ertappt, abgewendet. Aber eben diese Beachtung von ihrer Seite hatte Axel belehrt, daß sie ihm gegenüber nicht völlig gefühllos war.
"Komtesse Imgjor ist offenbar nicht wohl—" hub er in einem versöhnlichem Tone an. "Ich sah, während Komtesse Imgjor die Suppe aß, daß sie mehreremals auffallend die Farbe wechselte—"
"So—so—In der That?" fiel der Graf, der offenbar seine Schroffheit bereits bereute, mit gutherziger Unbequemung ein.
Und als Axel den Blick auf die übrigen richtete, begegnete er in demAngesicht des Fräulein Merville einem dankbaren Ausdruck, während in denZügen der Gräfin ein unbiegsamer, in denen Luciles ein solcher vonhöchstem Unwillen haftete.
Freilich wich er in Luciles Antlitz sogleich. Er verwandelte sich, während sie erst einen tiefen, träumerischen Blick auf den Gast richtete, in einen Axel zugewendeten still hingebenden.
Graf Dehn entging das nicht, und er wurde davon so stark berührt, daß sich seine Gedanken eine Weile ganz auf Lucile richteten.
Aber ebenso rasch schüttelte er den Kopf, und ein erneuter Blick auf sie betätigte auch eine von ihm offenbar nur genährte Illusion.
Umsomehr aber beschäftigten sich seine Gedanken mit Imgjor.
Er würde eine Welt darum gegeben haben, sie jetzt sprechen, mit seinenAugen in ihre Seele einmal hinabtauchen zu können.
Die Stunden zwischen dem Essen und dem kleinen Feste nahm sich Graf Dehn vor, allein in seinem Gemächern zuzubringen. Er erklärte, daß er Briefe schreiben müsse, und man erhob auch keinen Widerspruch. Auch die übrigen schienen von demselben Verlangen beherrscht zu werden, sich zu vereinsamen.
Als Axel sein Wohngemach betrat und, bevor er sich niederließ, arglos Umschau hielt, fand er auf seinem Schreibtisch ein kleines, mit goldenen Linien umrändertes Kouvert. Er griff hastig danach, und da ihm ein unbestimmtes Gefühl sagte, daß es mit Imgjor zusammenhänge, öffnete er es in fiebernder Spannung. In der That fand er einige Worte von ihrer Hand.
Aber freilich brachten sie nicht, was er ersehnt, was er fast gehofft hatte.
Auf einer zierlichen Karte standen die Worte: "Ich wiederhole, es giebt keinen Weg, der uns zusammenführen kann. So lassen Sie mich! Ich bitte, ich beschwöre Sie! Für Ihre Diskretion meinen Dank. I."
So war also doch nichts gewonnen! Axel ließ sich entmutigt in seinenSessel sinken und saß lange, abwesend, seinen Gedanken hingegeben.
Stark benommen und nichts weniger als zu einem Zusammensein mit Menschen aufgelegt, nahm er sodann in späterer Stunde die Meldung Frederiks entgegen, daß die Gäste im Anzuge seien.
Soeben hätten sie den Schloßhof überschritten.
"Und Doktor Prestö? Ist er auch dabei, Frederik?"
"Jawohl, Herr Graf, er ist schon im Flur, Cristian ist ihm behilflich—"
"Ich danke Ihnen. Ich werde sogleich erscheinen—" Axel sprach's zerstreut und machte sich, mechanisch handelnd, an seine Toilette.
Da die Anwesenden im Schloß schon eine Anzahl von Personen ausmachten, so war's nicht zu verwundern, daß der Empfangssalon stark gefüllt war.
Es hatten sich alle höheren Beamten mit ihren Damen eingefunden, derOberverwalter, der Verwalter, der Vorwerk-Inspektor, der Oberförster mitseinen zwei Unterbeamten, die Herren aus der Kanzlei und der Kasse, derIntendant und die Schreiber, des Grafen Sekretär und zudem dieHonoratioren aus dem Dorfe.
Es wurde zunächst Thee herumgereicht. Dann musizierten Lucile und die Pastorin, und eine Verwandte des Apothekers aus Kopenhagen sang mit einer gutgeschulten, sympathischen Stimme.
Das nahm, einschließlich der Empfangsgespräche, denen die Gräfin mit vollendetem Geschick einen warmherzigen Charakter zu verleihen wußte, eine kleine Stunde in Anspruch. Dann wurde das Zeichen zum Tischgang gegeben.
Der Pastor, als ältester und würdigster Herr, führte die Gräfin und der Graf die Gemahlin des ersteren. Im übrigen wählte, der hier herrschenden Sitte entsprechend, jeder Herr seine Dame selbst, und allezeit fügten sich, trotz dieser Uneingeschränktheit, die Dinge den Verhältnissen angemessen.
Jeder wußte von selbst, auf welchen Platz er gehörte. Ihn leiteten Gewohnheit und natürliches Taktgefühl. Ein gleiches galt von der Wahl der Damen selbst.
Axel hatte, schnell entschlossen, Lucile den Arm geboten. Sie sah ihn überrascht fragend, aber auch sichtlich angenehm berührt an, und lächelte mit einem feinen, überlegenen Lächeln.
"Wie, Herr Graf? Eine Lucile, wo es eine Imgjor giebt?" neckte sie. Und er, während er an der in Silber und Krystall funkelnden Tafel Platz nahm: "Darauf darf ich entgegnen, Komtesse: es überraschen und beschämen den Grafen Dehn so gütige Worte umsomehr, als so zahlreiche Mitglieder aus Fürstengeschlechtern nach Rankholm hinüberschauen!"
"Ah, das war nicht hübsch! Das war boshaft, Graf Dehn—" entgegnete Lucile. "Sie lohnen mir meine Offenherzigkeit mit Spott! Glauben Sie, daß ich keinen Wert auf die Erstarkung unserer Freundschaft lege?"
"Ja, ich fühle es, und es macht mich überaus stolz und glücklich, Komtesse!" fiel Axel, den leichten Ton verlassend, ein. "Heute namentlich thut mir Güte und Wärme doppelt wohl, da sich—Sie sprachen von Ihrem Fräulein Schwester—bereits mein Schicksal entschieden hat."
"Wie?—Es ist etwas geschehen? Ah—ahnte mir's doch!" Lucile sprach's stark betonend und lehnte mit der ihr eigenen, kurz abweisenden Art eine Schüssel ab, die eben einer der Diener beim Anbieten zwischen sie und ihren Nachbar schieben wollte.
"O ich bitte, erzählen Sie mir!" fuhr sie fort und warf zugleich einen Blick zu ihrer Schwester hinüber, die neben Prestö saß und trotz eifrigen Redens eben mit gespanntem Ausdruck zu ihnen beiden hinüberschaute.
Axel hob die Schultern und lächelte schwermütig.
"Erlassen Sie mir Einzelheiten, Komtesse! Die Sache hat ein Vorspiel, über das ich noch nicht sprechen, worüber ich auch Ihnen gegenüber mich nicht eher auslassen möchte, bis die Geschehnisse von anderer Seite zu Ihnen gedrungen sind. Nur soviel: Komtesse Imgjor hat mir heute die wiederholte Erklärung gegeben, daß uns keinerlei Wege zusammenführen könnten!"
Zuerst blitzte es nach diesen Worten in Luciles Angesicht auf. Dann aber wurden ihre Mienen wieder ernst, und indem sie Graf Dehn mit einem sanft gelassenen Ausdruck ansah, sagte sie:
"Natürlich vermag ich ohne den Zusammenhang der Dinge keine zutreffende Meinung abzugeben. Aber daß solche Erklärungen meiner Schwester oft gerade das Gegenteil bedeuten, kann ich Sie versichern. Jeder hat seine Art. Sie hat die ihrige. Börne, der deutsche Denker, sagt einmal: Ernsthafte Frauen gleichen leeren Koffern mit sieben Schlössern. Ich möchte von meiner Schwester sagen, sie gehört zu jener Gattung von weiblichen Wesen, von denen man behaupten könnte: Hinter den Eisbergen ihrer Mienen lodern tausend heiße Flammen—"
"Wie? Sie glauben—?"
Lucile nickte.
"Einen Fall nehme ich aus. Hat sie bereits die ebenso große Unbesonnenheit wie Geschmacklosigkeit begangen, sich mit dem Plebejer drüben zu verloben, so ist natürlich nichts zu machen."
"Ich möchte das als höchst wahrscheinlich annehmen, Komtesse—"
"Ein mehr als schrecklicher Gedanke, Graf Dehn! Worauf stützen Sie IhreEindrücke, wenn ich bitten darf?"
Graf Dehn zögerte erst, dann kam ihm ein Entschluß, und er sagte:
"Für einen in seinem Geist und Gemüt beschwerten Menschen giebt's kein größeres Labsal, als sich aussprechen zu können, einen Vertrauten zu besitzen, dem er rückhaltlos über alles zu berichten vermag, was ihn beschäftigt.
Dieser Umstand und die Sicherheit, daß meine Eröffnungen Komtesse Imgjornützlich sein können—ich gestatte mir, später zu sagen, in welcherWeise ich mir das vorstelle—lassen mich unter der Bitte vorläufigerVerschwiegenheit reden!"
Nach dieser Einleitung erzählte Graf Dehn Lucile alles, was geschehen war, und schloß mit den Worten:
"Sie äußerten sich jüngst über die Möglichkeit, daß Ihr Fräulein Schwester Rankholm verließe—dringen Sie gleich—ich bitte—darauf, damit sie von Prestö getrennt wird, und auch darauf, daß man ihn, sobald sie zurückkehrt, nicht mehr hier findet!"
"Ja, ja"—Lucile, die mit größter Spannung zugehört und namentlich bei der Schilderung dessen, was Graf Dehn selbst im Landhof gesprochen, mit lebhaftem Ausdruck ausgehorcht hatte, nun sinnend zurück.
"Wenn es nur nicht zu spät ist! Ich fürchte nach dem, was Sie mir gesagt haben, allerdings, daß sie schon die Thorheit begangen hat. Und ist's der Fall, dann giebt's keine Schlösser und Ketten, keine Länder und Entfernungen, die sie von ihm und ihren Entschlüssen trennen würden. Selbst ein nachträgliches Erkennen seiner Unwürdigkeit würde sie abhalten, ihr einmal gegebenes Wort zu brechen; die allerschwersten, die größten Selbstaufopferungen mit sich führenden Pflichten würde sie auf sich nehmen."
"Eine Hoffnung besteht vielleicht noch, Komtesse!" fiel Axel ein.
"Sie erinnern sich, daß Graf Knut mir erzählte, Prestö sei verlobt. So hat doch vielleicht nur die gemeinsame Sache sie zusammengeführt."
"Ja, sie hat sich ihm ursprünglich wohl nur deshalb genähert,"—betonteLucile—"ihn aber—glauben Sie es—bestimmt ihr Geld und dieBefriedigung seiner maßlosen Eitelkeit. Um derentwillen wird er einbereits eingegangenes Verlöbnis zu Imgjors Gunsten lösen. Ich halte denMenschen zu allem fähig, sofern es sich um die Erlangung von Macht undBesitz handelt—"
"Ich beurteile Prestö ebenfalls ungünstig, er ist mir zugleich namenlos unsympathisch. Aber das möchte ich doch nicht unterschreiben. Für unehrenhaft, für einen Schurken halte ich ihn nicht. Er ist ein krasser Egoist und Fanatiker, aber—"
"Ja, ja, das ist ja eben Ihre rührende Art! Obschon Ihnen die Natur einen so scharfen Verstand verlieh, obschon Sie einen starken Spürsinn besitzen, bewahren Sie sich doch ein vertrauendes Herz und glauben an die Menschen! Und eben solche wie Sie, in solcher Mischung, giebt's wenige. Wo ist die rechte Harmonie zwischen Verstand und Gemüt, zwischen strengen Grundfarben und Koncilianz?"
"Sie beschämen mich, Komtesse—"
"Ich sage, wie ich es meine, Graf Dehn. Und wäre Imgjor nicht krank,—ihre überspannten Ideen sind krankhafter Natur—so wäre sie die Rechte für einen Mann, wie Sie es sind.—Ach, meine Mutter hat viel verschuldet! Sie—sie—hat Imgjor durch eine übergroße Strenge in den Kindheitsjahren in diese Welt des Widerstandes getrieben—"
"Wie? Das sagen Sie, Komtesse? Schon einmal deuteten Sie auf dergleichen hin! Wie schmerzlich ist es mir, daß Sie an einer, in meinen Augen so seltenen Frau, wie Ihre Mama es ist, nicht alles zu loben vermögen, daß Sie sie nicht blindlings lieben—"
Lucile bewegte die Schultern, deren vollendete Formen durch ein tadellos sitzendes Gewand aus zarter grüner Seide noch mehr gehoben wurden. Auch zog sie die ausdrucksvollen Lippen und sagte stark betonend:
"Doch, ich liebe meine Mutter zärtlich. Aber gerade, weil ich sie so sehr liebe, möchte ich sie als höchstes Ideal betrachten können. Es liegt etwas vor, das ich nicht verstehe. Ich spreche nicht allein über Mamas Haltung Imgjor gegenüber—"
In diesem Augenblick schlug Graf Lavard ans Glas, um einen Toast auf die Gäste auszubringen. Dadurch wurde Lucile in ihrer Rede unterbrochen. Ueberdies bemerkten beide, daß man sie beobachtete. Infolge dessen richteten sie ihre Blicke mit unabgewendeter Aufmerksamkeit auf den Sprechenden, und nur einmal warf Graf Dehn das Auge auf seine Umgebung. Und als dies dann auf Imgjor fiel, sah er erst, daß Prestö ihr etwas zuflüsterte, und dann, daß sie ihm rasch mit einem ihrer süßen Blicke antwortete, einem jener Blicke, in denen das ganze bestrickende Wesen ihrer tiefen, anschmiegenden Seele zum Ausdruck gelangte.
Aber eine noch stärkere Bestätigung seiner schwermütigen Vermutungen empfing Graf Dehn, als er kurz vor Schluß des Festes, ohne es zu wollen, Zeuge eines Gespräches zwischen ihr und Prestö wurde.
Als er den von allen und auch von ihm inzwischen betretenen Park auf Augenblicke verließ, um sich eine Cigarre aus dem neben dem Speisegemach befindlichen Rauchzimmer zu holen, sah er in ersterem Imgjor und Prestö einander zärtlich die Hände schütteln und hörte das junge Mädchen deutlich sagen:
"Also, bitte, übermorgen Abend!" zugleich aber traten beide, Axel bemerkend, verwirrt zurück. Imgjor wandte sich der Gartenseite zu und der Doktor, der ohnehin während dieser Stunden Axel fortdauernd hochmütig ausgewichen war, verbeugte sich kurz mit eisiger Förmlichkeit gegen ihn und verließ das Gemach.
"Ja, Herr Doktor Prestö ist soeben zu einem Kranken gerufen. Er begegnete mir hier gerade beim Fortgehen—" erklärte Imgjor, als sich Axel ihr mit kavaliermäßiger Artigkeit anschloß und, um überhaupt etwas zu reden, die Frage aufwarf, ob Prestö die Gesellschaft bereits verlassen wolle.
Aber einer Erörterung über das, was unausgesprochen zwischen ihnen lag und einen so bedeutungsvollen Inhalt besaß, wußte sie dadurch auszuweichen, daß sie, als er eben zu weiteren Worten anheben wollte, von ihrem Hunde zu sprechen begann.
Und das geschah mit einer so unbefangenen Miene, daß Graf Dehn überhaupt die Möglichkeit abgeschnitten wurde, ein anderes Thema zu berühren. Auch neigte sie, nachdem sie die Treppen zum Garten hinabgestiegen waren, kurz verbindlich das Haupt und gesellte sich zu der gerade ihnen entgegenschreitenden Nichte des Pastors.—
* * * * *
Am nächstfolgenden Tage wurden die Bewohner von Rankholm durch die sehr unerfreuliche Botschaft überrascht, daß im Dorfe das Scharlachfieber ausgebrochen und daß bereits zwei Dutzend Personen, Große und Kleine, davon ergriffen seien.
Der Graf erzählte davon beim zweiten Frühstück und ermahnte dieTischgenossen, den Verkehr mit den Dorfbewohnern vorsichtig zu meiden.Es wurde sogar überlegt, ob nicht der sonst stets erfolgendeKirchenbesuch für den bevorstehenden Sonntag ausgesetzt werden solle.
Der Graf befürwortete ein Fortbleiben; die übrigen schlossen sich ihm stillschweigend an, und nur Imgjor gab keine Meinung ab.
"Nun, Kind—hast du gehört? Halte dich also vom Dorf fern!" warf dieGräfin mit einem auf ihre Tochter gerichteten, auffordernden Blick hin.
Imgjor bewegte den Kopf.
"In die Kirche werde ich auch nicht gehen. Aber ins Dorf möchte ich jetzt gleich und möchte mich umsehen, ob ich nicht helfen, vielleicht als Krankenpflegerin mich nützlich machen kann."
"Du wirfst das nicht thun, unter keinen Umständen! Ich wünsche es nicht—" entschied die Gräfin.
"Willst du mich denn hindern, ein gutes Werk zu thun, Mama? Welchen Wert hat alle Religion, wenn sie mit keinen Thaten verbunden ist?"
"Du hast—" entgegnete die Gräfin—"nicht nur auf den Drang, zu helfen, den ich gewiß nicht tadle, Rücksicht zu nehmen, sondern auf die ganze Familie und sämtliche übrigen Mitbewohner von Rankholm.
Scharlach ist so ansteckend, daß es geradezu Leichtsinn wäre, sich unnötig mitten in die Gefahr zu begeben.—"
"Unnötig, Mama? Sollen wir uns nicht der Armen und Notleidenden annehmen?"
"Ja, ja, Imgjor! In solchen Antworten liegen deine Phantastereien. DieBeschäftigung mit dem Idealsten in der Welt kann verderblich stattsegensreich wirken, wenn es eine verkehrte Hand zu ungeeigneter Zeit insPraktische zu übertragen sucht.
Wie nun, wenn wir dich gewähren lassen und alle hier von einer Ansteckung befallen werden, wenn gar die Krankheit einen tötlichen Ausgang nimmt? Meinst du, daß die vom Dorfe heraufeilen werden, um uns zu pflegen, selbst wenn wir verkündeten, wir erwarteten, daß sie es thun möchten? Keiner, der Pastor ausgenommen, der stillschweigend mit seinem Amt solche Samariterpflichten gegen die Gemeinde übernommen hat, wird auch nur auf den Gedanken geraten. Und darin steckt's! Fortwährend wird von den Bauern der Anspruch an Opferwilligkeit von unserer Seite erhoben, und nach Kräften wird diesem Anspruch von den besser Gesinnten entsprochen. Aber wer hilft dem Gutsherrn, wenn er der Hilfe bedarf, wenn er etwa gar verarmt? Er wird vergeblich die Hände ausstrecken. Du solltest endlich deine Vernunft gebrauchen, statt solchen Gefühlsideen blindlings Gefolgschaft zu leisten. Stehen wir dir denn näher oder die in Kneedeholm? Ja, wenn's wirklich erforderlich wäre! Aber im Dorf haben sie Menschen und Kräfte genug, sich gegenseitig auszuhelfen!"
"Ich kann ja in Kneedeholm bleiben, bis alles sich gewendet hat, Mama.So bringe ich euch in keine Gefahr—" fiel Imgjor, ohne dem von ihrerMutter allgemein Gesprochenen eine Antwort zu erteilen, mit trotzigerBeharrlichkeit ein.
"Nein!" erklärte nun auch der Graf, bevor die Gräfin zu weiterer Rede anzuheben vermochte. "Auch ich verbiete dir das Betreten des Dorfes für die nächste Zeit, schon deshalb weil ich nicht wünsche, daß du ferner mit Prestö in Berührung gelangst, und das wäre bei solcher Thätigkeit unvermeidlich. Eben lese ich in der 'Orebye Tidende', was der Monsieur dort vorgestern in einer Versammlung meiner Bauern zusammengesprochen hat. Es ist ja die vollkommene Aufreizung gegen den Landadel. Schon heute würde ich ihn zur Rede gestellt haben, wenn nicht unten die Epidemie ausgebrochen wäre. Ist sie aber beseitigt, so mag er gehen. Ich will ihn hier nicht mehr haben!"
"Kannst du ihn gehen heißen, Papa? Er steht doch nicht in deinem Dienst! Er kann doch seine Thätigkeit aufnehmen, wo er will. Höchstens als Arzt fürs Schloß kannst du ihn abschaffen—"
"Die Entscheidung darüber wirst du mir gefälligst überlassen, meine Liebe! Ich habe deine Belehrungen nicht erbeten und erkläre sie für völlig unpassend. Aber da aus ihnen und aus deiner fortwährenden straffen Parteinahme für diesen Herrn sich nur noch mehr erhärtet, welches Gift es für dich ist, mit ihm in Beziehungen zu bleiben—ihm, gerade ihm, haben wir offenbar deine Bauernfreundlichkeit auf Kosten des Wohlergehens deiner eigenen Familie zu verdanken—so erscheint mir der Zeitpunkt gekommen, daß du einmal Rankholm verläßt und in Verhältnisse gelangst, die dich solchen Beeinflussungen gründlich entziehen.—Nicht wahr, du bist auch neulich in Oerebye gewesen?"
Imgjor sah ihren Vater fest und ohne eine Miene zu verziehen an; nur in den Augen zitterte etwas, das auf die Regungen ihres Innern Schlüsse ziehen ließ. Aber sie antwortete nicht.
"Ich las Ihre ausgezeichnete Rede, für die ich Ihnen noch aus vollem Herzen danken wollte, lieber Graf Dehn—" fuhr der Graf, ohne auf einer besonderen Bestätigung der an seine Tochter gerichteten Frage zu beharren, zu Axel gewendet fort: "Sie vermögen Auskunft zu geben, ob meine Tochter dort war—?"
"Nein, Herr Graf! Ich vermag darüber nichts zu sagen. Aber ich dankeIhnen für Ihr gütiges Lob. Ich bin sehr glücklich, daß Ihnen dieAusführungen, zu denen ich infolge der Rede des Doktor Prestö gedrängtwurde, gefallen haben."
In Imgjors Angesicht zuckte es bei Axels Worten auf, aber sie lohnte ihm seine Ritterlichkeit auch nicht einmal durch einen Blick.
Wohl aber reckte sie plötzlich den Oberkörper empor und sagte mit großerEntschiedenheit im Ton: "Ich werde nachher auf dein Zimmer kommen, Papa.Ich bitte, daß du es erlaubst. Dort werde ich dir auf alles Antwortgeben. Jetzt, jetzt gestatte, daß ich mich entferne."
Nach diesen Sätzen richtete sie sich, die Serviette von sich streifend, empor und war bereits an der Thür, bevor der Graf sie zu hindern vermochte. Aber sie hatte nicht mit der Gräfin gerechnet.
"Ich möchte dich jetzt gleich sprechen, Imgjor! Bleibe!" befahl sie.
"Ich wünsche an der Unterredung teilzunehmen. Ohnehin ist es Zeit, aufzustehen. Sie gestatten, lieber Graf Dehn! Und es ist dir recht, Lavard?" fügte die Gräfin biegsam im Ton hinzu und wußte den anfangs etwas zögernden Grafen zur Beipflichtung zu veranlassen.
Infolge dessen erhoben sich alle; und alle richteten jetzt den Blick aufImgjor. Sie aber stand wie ein Marmorbild an der Thür und erst, als ihreMutter eine Bewegung machte, durch die sie ihren Befehl wiederholte,schoß etwas in ihre Augen, das den unheimlichen Glanz eines unbeugsamenWillens besaß.
Alsdann reichten jene, mit Ausnahme von Imgjor, dem Grafen Dehn vertraulich die Hand und verließen das Gemach, und nur Lucile, die begierig nach dem Zeitungsblatt gegriffen hatte, das der Graf, ihr Papa, bei seiner Rede aus der Tasche gezogen, blieb noch im Zimmer.
"Ich kann es kaum erwarten, zu lesen, wie Sie dem widerwärtigen Menschen entgegengetreten sind, Graf Dehn!" begann sie. "Und wie finden Sie Imgjors Benehmen?" fuhr sie fort. "Ist es nicht unerhört, in welcher Weise sie die Rücksichten gegen ihre eigene Familie bei Seite schieben will? Ich muß sagen, ich stehe ganz auf Mamas Seite. Und es geschieht ja auch nun ohne unsere Einwirkung das, was Sie als erforderlich bezeichneten. Imgjor wird—ich hoffe, daß Papa darauf besteht—Rankholm verlassen. Was wird nun aber aus Ihnen, lieber Graf! Werden Sie es allein mit uns aushalten können?"
"Sie wissen, wie ich über Sie alle denke, wie sehr ich Sie alle schätze und verehre, Komtesse. Das ist meine Antwort. Aber etwas anderes drängt sich mir auf. Wohin wird man Ihr Fräulein Schwester schicken? Soll sie Nutzen haben von einer Entfernung, muß sie in keine Umgebung gelangen, wo man ihr schroff entgegentritt. Man muß ihr mit Güte begegnen und versuchen, sie allmählich von dem Unwert ihrer übertriebenen Ideen zu überzeugen."
"Ja, Sie haben Recht, Graf Dehn. Was raten Sie?"
Ich kenne Ihre Beziehungen nicht, Komtesse. Ich wüßte aber ein Haus, wo—"
"Nun?"
"Bei meinen Eltern in Dresden. Sie würden die Komtesse mit Freuden aufnehmen!"
In Luciles Angesicht, die wohl aus besserer Ueberzeugung schroff gegen ihre Schwester auftreten konnte, sie aber trotzdem zärtlich liebte, blitzte es auf.
"Ja, ja! Das wäre eine Idee, eine vortreffliche!" stieß sie heraus."Gleich will ich mit den Eltern darüber sprechen, wenn wirklich denIhrigen ein solcher Plan genehm sein würde."
"Meine Eltern werden sehr glücklich sein—" entgegnete Axel, "wenn Sie ihnen Gelegenheit geben, ihre freundschaftlichen Empfindungen zu bethätigen. Darüber besteht kein Zweifel.—Aber ob Komtesse Imgjor damit einverstanden sein wird, ist mir sehr zweifelhaft, Komtesse. Ich fürchte, sie wird sich weigern, bei der Familie desjenigen Gastfreundschaft entgegenzunehmen, gegen den sie so unzweideutige Beweise ihrer Abneigung an den Tag legt. Ich fürchte sogar, daß sie mich seit den letzten Vorgängen haßt—"
Lucile schüttelte diesmal nur sanft den Kopf und sah Axel mit einemAusdruck an, als ob sie sich über die tiefere Bedeutung des von ihmGesagten unterrichten müsse. Und dann noch einmal, aber sie entgegnetenichts.
* * * * *
Daß Imgjor zu dem Doktor Prestö hielt, hatte die Versammlung in Oerebye und hatten die übrigen früheren und neueren Vorgänge bewiesen. Aber ob ein Liebesverhältnis zwischen ihnen bestand, war noch nicht aufgeklärt. Dieser Umstand ließ Graf Dehn alle seine Gedanken darauf richten, wie er es anstellen könne, sich darüber eine Gewißheit zu verschaffen.
Da er Zeuge der Verabredung zwischen Imgjor und Prestö gewesen, hatte er hin und her überlegt, wo diese Zusammenkunft wohl stattfinden werde, und immer wieder war er zu dem Ergebnis gelangt, daß der von ihm entdeckte Gang im Turm, dessen Aus- und Einmündung er in der Folge nachgespürt, dabei eine Rolle spiele.
In der nach dem Garten gerichteten Seite dieses Zwischenbaues befand sich eine kleine, von Epheu umrankte, offenbar sonst seit Menschengedenken nicht mehr geöffnete Thür. Sie führte sicher zu dem Vorzimmer von Imgjors Räumen; von hier ging die dort mündende, zwischen der dicken, mit Lichtspalten versehene Mauer eingefügte Treppe aus.
Und dieser Teil der Turmseite selbst war hinter dichtem Gebüsch verborgen; niemand achtete auf diesen verdeckten Winkel.
Auch Axel würde schwerlich jemals dorthin einen Blick geworfen haben, wenn er nicht von solchen Voraussetzungen ausgegangen wäre.
Vom Dorf zweigte sich außer dem Fahrwege ein Pfad über die Wiese nach dem Gutsgebiet ab. Ihn benutzten die Fußgänger von Kneedeholm und die von Rankholm vorzugsweise. Er führte direkt auf den neben dem Schloß zur Rechten liegenden Arbeitsgutshof. Hier befanden sich die Wohnhäuser der Beamten, und ihn umkränzten in weitem Umfange die Gebäude der Meierei, die Kuh-, Pferde- und Schafställe, die Brauerei, das Dampfmaschinenhaus, die Remisen für die Herrschafts- und Arbeitswagen und die Häuser für die zahlreichen Arbeiterschaften.
Auf diesem Hof, hinter einer gleich den Eingang flankierenden Scheune, beschloß Graf Dehn abends zunächst Posto zu fassen, um Prestös Ankunft zu beobachten und dessen Schritte zu verfolgen.
Es gab nur diesen einen, direkt zum Park führenden Weg, und falls Prestö überhaupt kam, mußte er ihn einschlagen.
Zwischen dem Frühstück und dem Tischgang machte Graf Dehn mit dem Grafen einen längeren Spazierritt. Letzterer sprach bei dieser Gelegenheit wohl auch über Imgjor, aber er äußerte nichts über Inhalt und Verlauf der Unterredung mit ihr. Es machte Axel den Eindruck, als ob Imgjor ein Schweigen über ihre Angelegenheiten gefordert habe.
"Wir sprechen noch näher darüber!" hatte der Graf geschlossen. "Ich komme mit Ihrer Erlaubnis auch noch auf das von Ihnen meiner Tochter Lucile gemachte gütige Anerbieten zurück. Ich möchte vor entscheidenden Schritten erst einmal die Klarheit besitzen, die ich bisher nicht gewonnen habe.
Auf dem Plan steht auch, daß wir alle Rankholm verlassen und einige Zeit, etwa vier bis sechs Wochen, nach Kopenhagen übersiedeln. Sie wissen, daß wir dort ein eigenes Palais besitzen.
Natürlich—Sie begleiten uns! Sie bleiben unser Gast! Nur unter derBedingung verlassen wir Rankholm."
Später kam der Graf auf die Versammlung in Oerebye zu sprechen.
"Jeder Gutsherr—" erklärte er—"muß seinen Herd und sein Eigentum schützen. Thun das alle, halten sie eben so fest zusammen, wie diejenigen, die übertriebene Forderungen erheben, so wird die gegenwärtige Bauernbewegung auf ein verständiges Maß herabgedrückt werden. Den Schutz erkenne ich in der rücksichtslosen Entfernung aller Ruhestörer, der Erhaltung geordneter Zustände, in einem möglichsten Entgegenkommen gegen diejenigen, die uns mit verständigen Vorschlägen zur Verbesserung der Lage der Bauern und Landarbeiter gegenübertreten—"
Diese Worte bewiesen, daß Graf Knut in seinem gelegentlich gefällten Urteil über den Grafen recht hatte. Nur dessen ungemessene, in besinnungslosen Jähzorn ausartende Heftigkeit hatte er getadelt.
"Die Lavards sind alle besonders. Sie besitzen eine Starke Eigenart!" hatte er geäußert. "Bei den meisten überwiegt Genialität und Energie, bei anderen neben hoher Intelligenz starke Erregbarkeit und Hang zum luxuriösen Wohlleben. Den hat der Graf lange abgestreift, aber das leicht erregte Blut wird ihm bleiben bis zum Tode, und das hat ihm und anderen schon viel Herzeleid gebracht."
Imgjor erschien nicht bei Tisch. Dagegen hatte sich Graf Knut eingestellt und wegen der immer stärker um sich greifenden Epidemie im Dorfe eine länger andauernde Gastfreundschaft erbeten.
Er regte, wie immer, durch seine gute Laune und seine frische Lebendigkeit die Gesellschaft an, und da auch Graf Dehn gewohnheitsmäßig einen lebhaften Geist entfaltete, verflossen die Stunden bis zur Schlafzeit in der angenehmsten Weise. Nach Tisch, nach einer längeren Promenade im Park, setzte sich die Gräfin mit dem Grafen Dehn an den Schachtisch, und die beiden Herren spielten eine Partie Pikett. Bei dieser Gelegenheit brach jene das von ihr bis dahin beobachtete Schweigen und erzählte Axel, daß Imgjor die Forderung gestellt habe, daß ihr ihr Erbteil ausgezahlt und völlige Bewegungsfreiheit eingeräumt werde.
"Sie sollen morgen alles und noch anderes erfahren—" sagte sie. "Mein Mann könnte hören, was ich spreche. Er wünscht, daß die Dinge einstweilen nicht berührt werden—" schloß sie mit gedämpfter Stimme.
Zu einer Gegenrede, namentlich zu einer Frage, ob Imgjor engere Beziehungen zu Prestö eingeräumt habe, vermochte Graf Dehn nicht zu gelangen.
Zum Thee erschien Imgjor, und auch an dem heutigen Abend trug sie—Axel schob's diesmal auf die bevorstehende Zusammenkunft mit Prestö, für welche helle Gewänder nicht geeignet waren,—ein dunkles Kleid. Sie sah wieder anbetungswert schön aus und kehrte gegen den Grafen Knut ein neckisch anschmiegendes Wesen heraus.
Zum erstenmal sang sie auf Graf Knuts wiederholte, dringende Bitte einige Lieder. Graf Dehn befand sich, während er ihren Vorträgen lauschte, in einer Art von Verzauberung. Sein Ich lag in ihren Banden. Etwas Aehnliches, die Seele Bewegendes, Ergreifenderes konnte man nicht hören.
Alle Register, das Gemüt zu rühren und dem Ohr die höchsten, einschmeichelndsten Wohllaute darzubieten, standen ihr zur Verfügung. Man jauchzte und weinte mit ihr.
Und wie niemals in ihrem Thun und Wesen das Bestreben zum Ausdruck gelangte, sich irgendwie besonders zur Geltung zu bringen, durch die ihr von der Natur zuerteilten Gaben Beifall oder gar Bewunderung einzuernten, so war's auch heute. Sie war frei von jeder Eitelkeit. Jedem Spiegel ging sie vorüber. Sich besonders zu schmücken, mußte sie jedesmal aufgefordert werden, und doch besaß sie, wie Lucile geäußert hatte, Gewänder, die Königinnen tragen konnten. Sie war mit ihrem blendenden Hals, ihren schneeigen Armen, ihrer Psychebüste, ihrem vollendeten Wuchs und ihrer vornehmen Haltung ein Wunderwerk der Natur.
Und sie so zu sehen, stand Axel in den nächsten Tagen auf Rankholm bevor.
Die Gräfin hatte darauf bestanden, daß der von ihr geplante Ball noch vor der Abreise nach Kopenhagen Stattfinde. Schon am nächsten Morgen sollten die Einladungen erfolgen und die Antworten durch abzusendende Stafetten gleich eingeholt werden.
"Noch eins! Ich bitte recht sehr, Komtesse!" drängte Graf Knut, nachdem Imgjor zwei Lieder gesungen hatte. "Singen Sie gütigst zum Schluß noch mein Lieblingslied!"—
"Ihr Lieblingslied? Ich weiß nicht—Welches ist's, Herr Graf?" gab Imgjor erst zögernd, dann, durch seine Blicke willfährig gemacht, zurück. Und "Ach ja—gewiß—ich weiß jetzt!" fügte sie dann äußerst bereitwillig hinzu, bat Lucile, sie zu begleiten, und sang nun ein kleines, in meinem ungestümen Tempo sich bewegendes andalusisches Lied:
"Einmal möcht', daß die TraumgedankenSich verwandelten in Wirklichkeit!Einmal möcht' ich aus den SchrankenEingeh'n in die Seligkeit!
Seligkeit sind deine Lippen!Seligkeit ist deine Brust!Schenk, o Gott, der durst'gen Seele,Einmaldiese trunk'ne Lust!"
Imgjor trug diese Verse mit einer solchen Verve des Ausdrucks vor, in ihren Augen erschien ein solch' überirdisches Feuer und ihr geöffneter Mund atmete eine solche verzehrende Sehnsucht, daß Graf Dehn, dem heiße Ströme durch die Glieder jagten, dabei an Luciles Worte erinnert ward. Sie hatte gesagt, daß hinter Imgjors kalt gemessenem Wesen heiße Flammen verborgen seien. Aber als sie dann wieder mit ihrem stumm verschlossenen Wesen vom Piano zurücktrat und gleich darauf gute Nacht sagte, Graf Knuts lautem Lob mit einer sanft bescheidenen Miene und von Graf Dehns stummer Bewunderung keine Notiz nahm, ergriffen ihn doch wieder Zweifel, ob sie bei diesem Vortrage wirklich Gleiches auch empfunden habe. Sie stellte sich offenbar nur in den Dienst ihrer Aufgabe. Ihre Gedanken und Sinne richteten sich sicher auf etwas ganz anderes. Ihr Inneres durchrieselte keine Leidenschaft für Prestö, sondern sie erfüllte jene Märtyrerliebe zur Menschheit, die sich selbst ans Kreuz schlägt. Alles, wenn's auch vielleicht einmal in ihr aufflammte, dämmte sie, diesem Dienst geweiht, zurück. Aber um so mehr verzehrte Graf Dehn das Verlangen, nun endlich Gewißheit zu erlangen. Sobald es irgend schicklich erschien, schützte er Kopfschmerzen und Müdigkeit vor und empfahl sich.