Chapter 3

Nachdem er sich in seinen Gemächern möglichst dunkel gekleidet, benutzte er einen ihm alle Zeit zu Gebote stehenden Schlüssel zur Hauptthür des Schlosses, betrat den Hof und den diesen und die Gärten verbindenden offenen Durchgang, versicherte sich, daß in Imgjors Zimmern noch Licht brannte, und begab sich zunächst zu der hinter den Bosketts befindlichen Turmpforte. Als er jedoch die Hand auf den Drücker legte, gab dieser nicht nach. Er schloß daraus, daß Prestö noch nicht eingetroffen sei und eilte nun vorsichtig zur Rechten auf den Arbeitshof. Er lag in einem gleichsam geisterhaften Dunkel. Eben hatte sich der Mond, der bis dahin ein schwaches Licht verbreitet hatte, hinter schwarze Wolkenmassen geschoben. Aber Graf Dehn wurde dadurch nicht gehindert. Er kannte den Weg und betrat alsbald die Eckgrenze des Hofes und des Fußpfades, der hier in das Thal hinabführte.

Bevor er hinter der großen Scheune Posto faßte, spähte er noch einmal vorsichtig in das Dorf hinab.

Aber vorläufig vernahm und sah er nichts. Auch drunten lag die Welt in einem mystisch unheimlichen Dunkel und in jenem Schweigen, das häufig einer gewaltigen Aufregung in der Natur voranzugehen pflegt.—

* * * * *

Fast eine halbe Stunde stand Graf Dehn auf seinem Beobachtungsposten, ohne daß etwas geschah. Er hörte die Uhr vom Schlosse zehn schlagen, und später dröhnte eintönig auch der einzelne Schlag, der den ferneren Verlauf einer Viertelstunde verkündete, zu ihm herüber.—

Aber dann rührte sich etwas, jedoch nicht von der Dorfgegend her, sondern auf dem Hofe.

Von der Gartenseite her drang das Geräusch von Schritten an sein Ohr. Anfänglich nahm Graf Dehn an, daß es der Wächter sei. Es beunruhigte ihn dessen Kommen insofern, als der ihn begleitende Hund sehr wachsam war. Aber es war nicht der Wächter, der sich dem versteckt Harrenden näherte, sondern die Umrisse einer weiblichen Erscheinung tauchten vor den Augen des mit seinen Blicken die Dunkelheit durchdringenden Mannes auf.

Und keinem Zweifel unterlag's—es war Imgjor, die, sicher beunruhigt durch Prestös langes Fortbleiben, ihre Gemächer verlassen und sich in die Nacht hinausgewagt hatte.

Ein heißes Feuer loderte in dem Manne auf. Er hatte Mühe, sein klopfendes Herz zu bezwingen, als sie nun demselben Orte zuschritt, an dem er sich befand, zuletzt sogar—nur eine Armlänge von ihm entfernt—ihre Bewegungen hemmte und unbeweglich stehen blieb.

Eine Welt, Himmel und Erde, wären sie sein gewesen, hätte er darum gegeben, wenn sie, die da unruhig ins Thal hinab spähte, um seinetwillen sich durch die Nacht geschlichen, um seinetwillen hier verharrt und sehnsüchtig aufgeseufzt hätte.

Einmal schien's, als ob sie sich anschicken wolle, ins Dorf hinabzusteigen. Aber sie besann sich, wanderte hin und her und holte nur mehreremal, von Unruhe übermannt, tief Atem. Aber auch ein Hüsteln, das sie vergeblich zu dämpfen suchte, befiel sie. Offenbar von der Nachtluft unsanft berührt, zog sie das Tuch, das sie um ihre Glieder geschlungen, fester um sich, und rascher wurden ihre Schritte.

Aber nun befiel auch Axel ein Kehlkitzel.

Trotz heftigen Widerstands löste sich ein Laut aus seiner Brust, und Imgjor wich—er sah's von seinem Versteck aus—angstvoll erschrocken zurück. Aber nur für Sekunden. Dann leuchteten ihre funkelnden Augen durch die Nacht und richteten sich furchtlos spähend dahin, woher der Ton zu ihr gedrungen.

Schon glaubte sich Graf Dehn entdeckt und blitzschnell überlegte er, ob er sich ihrem Gesichtskreis durch ein rasches Entfernen entziehen oder sich zu erkennen geben solle, als zu seiner glücklichen Befriedigung fast gleichzeitig ein Geräusch—das Geräusch der Schritte einer eilig den Berg hinaufklimmenden Person—beider Ohr traf, und gleich darauf auch schon Prestö mit hastig gedämpfter Stimme auf die ihm rasch Entgegeneilende einsprach:

"Bist du's, Imgjor? Ah, Gottlob! Schon war ich in großer Sorge. Wie steht's, meine Imgjor? Habe Dank, daß du hergekommen bist! Aber ich vermochte nicht früher zu kommen, bis jetzt war ich bei Kranken und Sterbenden—"

Andere Worte, die er sprach, verschlangen die Nacht und die Entfernung. Einem übereinstimmenden Antrieb folgend, nahmen beide den Weg gegenüber zu den Wirtschaftsgebäuden, und unter dem Schutz ihrer dunklen Mauern und Dächer schritten sie dem Schloßgarten zu. Und Graf Dehn folgte ihnen in angemessenem Abstand, und als sie sich in seiner Laube niederließen, wußte er sich hinzuschleichen, um zu hören, was sie redeten.

Aus ihrer Unterhaltung ging hervor, daß Imgjor einwilligen wollte, Prestö anzugehören, wenn zweierlei Bedingungen sich erfüllten. Er sollte sich ganz in den Dienst der neuen Sache stellen, und er sollte ihr nachweisen, daß seine jetzige Braut selbst die Beziehungen zwischen ihm und ihr lösen wolle.

"Immer wieder muß ich es dir sagen, daß ich trotz meiner Liebe ein anderes Glück nicht zerstören will. Um solchen Preis will ich verzichten, muß ich entsagen! Ich würde nie froh werden können. Aus Schlechtem kann nichts Gutes entstehen.—"

Und immer von neuem Beteuerungen von seiner Seite, daß sie ihm glaubenmöge. Besondere Beweise beizubringen, sei unmöglich, weil seine frühereBraut überhaupt nicht mehr schreibe und frühere Zuschriften von ihrerHand im Zorn von ihm vernichtet seien.

"Ich bin frei, Imgjor! Glaube mir doch! Was willst du mehr? Sie ist meiner Liebe nicht wert. Ich hatte sie schon aufgegeben, bevor wir uns fanden—"

"Lass' mich sie selbst sprechen! Höre ich aus ihrem Munde, daß sie dich frei giebt, gleichviel aus welchem Grunde, gehöre ich dir!—Ich darf, ich kann nicht anders, mein Freund! Es ist gegen meine Natur—"

Und dann wieder er. Er wisse nicht, ob jene sich überhaupt noch inKopenhagen aufhalte. Sie habe die Absicht gehabt, als Erzieherin nachLyon zu gehen. Sie sei sicher schon dort. Er wisse ihre Adresse nichtund könne, da sie keinen Anhang habe, solche nicht ermitteln.

"So lass' mich an sie schreiben. Wir werden ihren Wohnort durch diePolizei feststellen können—"

"Glaubst du mir denn nicht, Imgjor? Du kränkst mich durch deinMißtrauen—"

"Ich glaube, daß du mich liebst und daß du mich mehr liebst als jene. Aber im Beginn unserer Bekanntschaft sprachst du von dem Mädchen in einem anderen Sinne und thatest einer zwischen euch eingetretenen Entfremdung keiner Erwähnung. Diese Thatsache besteht, und daraus leite ich ab, daß du doch vielleicht auf falschem Wege bist, nicht aus verwerflichen Gründen, vielmehr unter dem Einfluß deiner Liebe zu mir, welche dir die Dinge in einem für dich günstigen Lichte erscheinen läßt. Weshalb scheust du die Probe? Willst du mit Unrecht beginnen? Muß dir nicht auch an Klarheit liegen, mein teurer Freund?"

"Dich kann die rechte Liebe zu mir nicht beseelen, wenn du mich einerSchlechtigkeit für fähig hältst, Imgjor! Ich sag' es noch einmal: Ichkann und will jene nicht, und ich habe aus ihren Briefen dieUeberzeugung gewonnen, daß sie auch nur noch Zwang an mich fesselt."

"Siehst du also, mein Freund, du besitzest keine unbedingte Sicherheit! Lasse uns diese erwerben, und wir werden unsern Bund schließen. Will ich denn etwas anderes, als unser volles Glück, erstrebe ich etwas anderes, als daß wir es in unserer Liebe und in der Hingabe an unsere Ziele finden?"

So und ähnlich gingen die Worte zwischen ihnen hin und her, und nachBeendigung dieses Gesprächs, das mit derselben wiederholten ForderungImgjors ausklang, erzählte Prestö von der im Dorf um sich greifendenEpidemie. Er betonte, daß es richtiger sei, den Ort zu meiden. GrößteVorsicht sei erforderlich. Er, der Arzt, habe die Krankheit frühergehabt und sei deshalb immun, aber sie, Imgjor, möge—so edelmütig ihreAbsichten auch seien—sich keiner Gefahr aussetzen.

Auf ein weiteres Horchen verzichtete Graf Dehn. Was er wissen wollte, hatte er soeben vernommen. Zeuge ihrer Zärtlichkeit zu sein, vermochte er nicht. Er litt ohnehin namenlos, als Prestö sie in trunkener Leidenschaft an sich zog und sie sich mit einem stöhnenden, halb hingebenden, halb bangherzigen Laut an ihn schmiegte. Das Innere voll Erregung kehrte er durch den Garten nach dem Schlosse zurück.

* * * * *

Der nächste Tag brachte Axel abermals eine große, mit peinlichenEindrücken verbundene Ueberraschung. Als er mittags nach einemSpaziergang sein Zimmer betrat, fand er wiederum einen Brief von ImgjorsHand auf seinem Schreibtisch. Er lautete:

"Noch einmal rufe ich den Kavalier in Ihnen an, Graf Dehn! Ich bitte, verlassen Sie Rankholm oder befreien Sie mich von dem unerträglichen Druck Ihrer zwecklosen und unerbetenen Observationen. Ich wiederhole damit eine schon früher ausgesprochene Bitte!"

Lange wanderte Graf Dehn nach dem Lesen dieses Schriftstückes auf und ab und erging sich sowohl in Vorstellungen über die Umstände, die seine Entdeckung herbeigeführt haben konnten, als auch in Gedanken über dieses ihn täglich mehr fesselnde und doch für ihn verlorene, junge Geschöpf.

Ein Roman spielte sich zwischen ihnen ab, in dem beide Teile ohne mündlichen Austausch und persönlichen Verkehr handelten und einer Lösung zustrebten.

Aber vorläufig stand eine solche noch in weiter Ferne.

Graf Dehn wollte nicht weichen und nicht verzichten. Er wollte dem Mädchen, das mit scharfer Logik den Kern aus den Dingen zu ziehen, und was sie zu sagen hatte, mit solcher lakonischen, von allem überflüssigem Beiwerk befreiten Kürze von sich zu geben wußte, den Beweis liefern, daß der von ihr begehrte Mann nichts anderes sei—jetzt stimmte er Luciles Auffassung bei—als ein kaltherziger Selbstling, ein zugleich so dünkelhafter Mensch, daß er sogar die ihm zu Gebote stehende Verstellungskunst, sofern sie nicht seinen Götzen, Macht und Geld, zu dienen hatte, verschmähte.

Nach längerer, sorgfältiger Ueberlegung schrieb Graf Dehn die nachfolgenden Zeilen an Imgjor:

"Gewähren Sie mir mit Ihrem großen, guten Herzen, das sich nur mir gegenüber so kaltherzig versteckt, dennoch die Erlaubnis, noch einige Zeit in ihrer Nähe weilen zu dürfen! Meine Liebe und meine Bewunderung für Sie erhalten in mir den Drang, Sie vor einem Fehlgriff zu behüten, den Sie zu begehen im Begriff stehen. Ich wage zu sagen: Mißtrauen Sie dem Charakter und den Beweggründen des Mannes, an den Sie, ein so vollendetes Wesen, alle Ihre reichen Schätze verschwenden wollen, aufs äußerste! Rechnen Sie mit der Erfahrung und der Menschenkenntnis dessen, der Ihr wahrhafter Freund ist, der auf seine eigenen Hoffnungen verzichtet, Sie aber wenigstens glücklich wissen möchte! Ziehen Sie, wenn Sie ein Zusammengehen mit mir zu diesem Zwecke ablehnen, wenigstens, ich bitte, Graf Knut zu Rate! A.D."

Dieses Schreiben trug Axel selbst zu Imgjors Gemächern hinauf. Er hoffte, ihre Zimmer offen zu finden. Aber sie waren verschlossen, und der Schlüssel hing nicht mehr auf dem Haken von damals.

Noch im Zögern, wie er es beginnen sollte, ihr das Billet zu übermitteln, hörte er Schritte auf der Treppe, und da es keinen Ausweg gab, nahm er kurz entschlossen seine Zuflucht zu einer Portiere, hinter der er sich verbarg.

Es widerstrebte ihm ein solches Verstecken, aber die Vorstellung, hier angetroffen zu werden, machte ihm das Blut heiß.

Gleich darauf erschien einer der Diener des Schlosses, der sonst nur im Souterrain beschäftigt war, und klopfte, während er einen Brief aus der Tasche zog, an Imgjors Thür. Und noch einmal, da ihm keine Antwort wurde, und nun schon unschlüssig um sich spähend. Zuletzt schob er, rasch überlegend, mit kräftigem Nachdruck das Schreiben durch die Thürspalte, und nachdem das geschehen, stieg er vorsichtig wieder die Treppe hinab. Das war also der Mann, der auch ihm, Axel, die Briefe von Imgjor aufs Zimmer legte! Und das eben von ihm besorgte Schreiben war—Axel zweifelte nicht daran—von Prestö!

Während Graf Dehn noch so überlegte, trat er hinter seinem Versteck hervor, machte es mit seinem Brief wie der Diener und nahm auch, wie der, lautlos den Weg in sein Zimmer zurück. Sehr begierig war er, wie ihm Imgjor bei Tisch begegnen werde. Freilich, er konnte es sich mit Sicherheit vorhersagen. Sie verband es, wenn sie mußte, ihre Gefühle meisterhaft zu verbergen.

Bei Tisch ereignete sich nichts Besonderes. Es wurde vom Grafen über die Scharlachepidemie in Kneedeholm gesprochen. Dann wurde über das bevorstehende Fest geredet und zulegt wurde auch der Reise nach Kopenhagen und zugleich stets in dem Sinne Erwähnung gethan, daß es Lavards als selbstverständlich betrachteten, daß Graf Knut und Graf Dehn sich ihnen anschließen würden.

Imgjor war ernst und für sich wie immer, sie gab aber durch ihr Verhalten keinen Anlaß zu irgend welcher Verstimmung. Graf Dehn begegnete sie—wie er es vorausgesetzt hatte—mit der gewohnten völligen Unpersönlichkeit in Blick und Wesen.

Erst nach Tisch fand Axel Gelegenheit, die Gräfin zu sprechen. Sie ergänzte, selbst damit beginnend, ihren jüngsten Bericht durch die Mitteilung, daß Imgjor auf die Frage ihres Vaters, ob sie Beziehungen zu Prestö unterhalte, erwidert habe, es sei möglich, daß sich ernste Beziehungen zwischen ihnen entwickeln würden. Vorderhand tausche sie mit ihm, dem sie Sympathie, Vertrauen und freundschaftliche Gefühle entgegentrage, nur ihre gemeinsamen Ideen aus.

"Und was erwiderten Sie beide, gnädigste Gräfin?"

"Wir erklärten ihr, daß wir nicht nur niemals einer Verbindung zwischen ihr und dem fatalen Menschen zustimmen, sondern alles thun würden, um ihn—wie es schon gesagt sei—sobald wie möglich aus dem Gutsgebiet zu entfernen."

"Und dann? Was sagte Ihr Fräulein Tochter hierzu?"

"Dann eben forderte sie ihr Erbteil und ihre Freiheit. Sie schlug, da ihre Ansichten mit den unsrigen nicht mehr zusammenstimmten, eine friedliche Trennung vor. Als mein Mann sie fragte, ob sie denn gar kein Zusammenhangsgefühl für die Ihrigen leite, entgegnete sie: Gewiß! Aber ich muß mein großes Ziel verfolgen; ihm gegenüber bin ich gezwungen, diesen Regungen meines Herzens zu gebieten. Ich gehöre der Menschheit im großen an, nicht im einzelnen. Ich bin hier ein nutzloser Esser, der weder befriedigt und erfreut, noch selbst glücklich ist."

"Sie wolle," schaltete ich ein, "aber doch nicht auf eine Verbindung mit Prestö verzichten, mit einem Manne, von dem jeder ihr sage, daß er nichts weniger als ideale, sondern nur selbstsüchtige Gedanken verfolge, der sie sicher, wenn der erste Rausch verflogen, grenzenlos unglücklich machen werde. Dieses Kleben an einer einzelnen unwürdigen Persönlichkeit, zumal auf Kosten der natürlichen Rücksichten gegen die Ihrigen, widerstreite doch den von ihr ausgesprochenen Grundsätzen durchaus."

"Und diese Logik entwaffnete sie nicht, Frau Gräfin?"

"Nein. Sie erklärte, daß kein Widerspruch vorhanden sei, weil sich für sie in Prestö der Träger der neuen Ideen verkörpere. Zu ihm ziehe sie die übereinstimmende Ueberzeugung, aber auch der Wunsch nach einem kräftigen Halt und einer männlichen Unterstützung für ihre Pläne. Ihre Herzensempfindungen kämen erst in zweiter Linie in Betracht. Würde sich herausstellen, daß sie sich nicht angehören könnten, würde sie zu verzichten wissen. Eine Entscheidung darüber erstrebe sie. Wenn sie sich entschlösse, ihn zu heiraten, bäte sie um gutwillige Zustimmung von unserer Seite. Wenn nicht, müsse sie ohne diese handeln. Ihr Gewissen spreche sie von jedem Pflichtmangel frei. Sie sei kein lebloser Gegenstand, kein Ding, über das man ein ganzes oder beschränktes Verfügungsrecht besitze."

* * * * *

Die nächstfolgenden Tage der Woche verliefen ohne besondereZwischenfälle. Das bevorstehende Fest nahm die Gedanken und dieThätigkeit der Gräfin fast ganz und die des Grafen kaum minder inAnspruch. Auch Lucile war wenig zu haben, da sie sich mitUeberraschungen für den Ball trug. Nur abends wurde, wie gewöhnlich,eine Partie Boston, Pikett oder Schach gespielt, auch fanden gemeinsameGesprächsaustausche über die die Gesellschaft berührenden Einzelheitenstatt.

Es trafen Zusagen und Absagen ein, und für letztere mußte noch im letzten Augenblick Ersatz geschaffen werden.

Da ging's ans Ueberlegen, welche Form einer nachträglichen Einladung die schicklichste und zugleich erfolgreichste sein werde. Auch ließen Lieferanten die Küche im Stich. Der Koch hatte seine Not geklagt, und die Damen mußten noch Depeschen und Zuschriften entwerfen, welche reitende Boten zu besorgen hatten.

Als am Vorabend des Balltages eine gemeinsame Beratung wegen der Tischordnung stattfand, stellten sich allerlei Schwierigkeiten heraus. Diesmal saßen alle Anwesenden, auch Imgjor, um den im Wohnzimmer befindlichen runden Sofatisch und hörten dem Grafen zu, der einen mit sämtlichen Plätzen versehenen Entwurf vor sich hatte.

Es fehlten Herren, und es blieb nichts anderes übrig, als noch einige von den Gutsbeamten nachträglich hinzuzuziehen.

Aber das war dem Grafen durchaus nicht recht, und da ihn geradeKleinigkeiten sehr aufbringen konnten, so ergriff ihn auch an diesemAbend eine Starke Reizbarkeit. Er machte seinem Unmut über die ganzeSache in einem wenig rücksichtsvollen Ton Luft.

"Nichts klappt, und ich sehe schon kommen, daß wir statt Vergnügen überreichlichen Verdruß von der ganzen Fête haben werden!" stieß er heraus. "Gleich war ich gegen diese Ueberhastung. Was eilte denn die Sache so sehr? Solche Affairen kann man nicht über's Knie brechen. Nun haben wir's!"

"Aber, lieber Lavard, die Dinge sind doch mit etwas gutem Willen leichtzu arrangieren!" fiel die Gräfin besänftigend ein. "Wir laden noch denOberverwalter, den Oberförster, den Inspektor und den Gutsförster ein.Dann sind wir in Ordnung."

"Ja, ja. Aber das ist mir höchst fatal! Erst sind sie nicht gut genug. Nun werden sie herbeikommandiert. Die Leute denken doch nach, sie haben ihr Ehrgefühl. Aber du mußt ja immer plötzliche Launen plötzlich befriedigen, Lucile!"

Erst schwieg die Gräfin; sie erblaßte und schob den Kopf wortlos zurück.Dann sagte sie in sanftem Ton:

"Lucile kam doch früher zurück, weil wir diesen Ball geben wollten. Wir waren uns darüber einig, daß wir ihn bei den vielen Verpflichtungen, die wir haben, nicht länger aufschieben könnten. Als du die Reise nach Kopenhagen anregtest, beschlossen wir gemeinsam, rasch noch die Einladungen ergehen zu lassen. Der Vorwurf trifft mich also in keiner Weise, Lavard."

Von der Richtigkeit des Gesagten betroffen, schwieg der Graf. Aber sein Mißmut wurde nicht gehoben, sondern verstärkte sich gerade durch diese Einwände so sehr, daß er nach einem Gegenstande suchte, auf den er seinen Mißmut ablenken konnte. Und da ihn Imgjors zu Tage tretende Gleichgültigkeit während dieser Beratungen schon mit starkem Aerger erfüllt hatte, da er wußte, daß sie all' dergleichen Festlichkeiten mißbilligte und infolgedessen laut oder stumm über ihnen zu Gericht zu sitzen sich herausnahm, so wendete er sich, seiner Gemahlin zugleich indirekt eine Antwort erteilend, an seine Tochter und sagte:

"Na ja, es bleibt ja dann nichts anderes übrig, und du, Imgjor, kannst dann morgen vormittag gleich die Herren ohne ihre Frauen unter passender Erklärung einladen!"

Der zornige Mann verschaffte sich durch diese Worte einerseits die Vorbefriedigung über die Antwort, die Imgjor erteilen und durch die er sie als Partnerin gegen seine Frau gewinnen würde, andererseits fand er Gelegenheit, das Feuer des in ihm glimmenden Vulkans über sie selbst auszuschütten.

Es verlief auch alles, wie er es erwartet hatte.

"Ich halte es für unmöglich, daß wir die Herren ohne ihre Frauen auffordern!" entgegnete sie. "Eine nachträgliche, in guter Form vorgebrachte Einladung an die Familien werden sie nicht übel deuten. Daß aber die Männer bloß als Figursäulen an der Tafel sitzen sollen, werden sie sehr übel vermerken. Bei der ohnehin herrschenden gärenden Stimmung, auch in diesen Kreisen, möchte ich dringend abra—"

"Du hast gar keine Lehren und Anweisungen zu erteilen, sondern zu thun, was ich dir sage!" fuhr's aus des Grafen Munde. "Wenn's richtig gemacht, wenn darauf hingewiesen wird, daß wir keinen Platz haben, daß durch eine gleichzeitige Invitation der Frauen unser Zweck nicht erreicht, sondern die Situation noch verschlimmert wird, werden meine Beamten, denen ich stets mit Güte begegne, die mir Dank schulden und durchaus kein Recht besitzen, sich in einer gärenden Stimmung zu befinden, schon die notwendige Rücksicht üben. Nebenbei wird das wieder eine der zahlreichen thörichten Vorstellungen sein, mit denen du deinen Kopf anfüllst, statt dich der näheren Pflicht zu erinnern, die du gegen deine Eltern und deine Umgebung hast, Pflichten, die in Liebenswürdigkeit, Fügsamkeit, Erleichterung ihrer Bürden, Teilnahme an ihrem Thun und Handeln bestehen sollten! So, das merke dir!"

Imgjor biß die Zähne zusammen, und man sah's, sie hätte am liebsten einmal voll ausgeholt. Aber noch bezwang sie sich. Sie sagte nur:

"Du äußertest doch gegen Mama gerade dieselben Bedenken wie ich, Papa.Ich begreife deshalb nicht, daß ich nun für etwas getad—"

"Zum Weiter, schweige jetzt und füge dich oder verlasse das Zimmer!"—sprühte der Graf. "Ich wünsche nicht von dir im Sprechen kontrolliert zu werden, ich wünsche keine Lehren zu empfangen. Ich wiederhole früher Gesagtes: Ich habe grade genug!

Und es sei dir bei dieser Gelegenheit gleich einmal notifiziert: Wenn du nicht den Beziehungen zu dem Menschen da unten in Kneedeholm nunmehr ein für allemal ein Ende machst, wenn du nicht abläßt von all' dem Unsinn der Volksbeglückung, der zu keinem anderen Resultat führen wird, als daß meine Bauern hier oben in Rankholm tafeln und Champagner trinken, wir aber alle vor den Pflug gespannt werden, so—"

"Deine Bauern sind Menschen, die dieselben Rechte auf Wohlfahrt und Glück besitzen wie wir, Papa," fiel Imgjor unerschrocken ein. "Und wenn du es wünschest, so gehe ich nur zu gern. Es deckt sich ja genau mit dem dir jüngst vorgetragenen Ersuchen—"

"Imgjor—ich warne dich—" rief der Graf, sprang empor und fiel fast über seine Tochter her. Der Jähzorn hatte ihn wieder einmal bis zur Besinnungslosigkeit gepackt, und nur durch ein rasches Dazwischentreten der Gräfin, die Imgjor schützend in ihre Arme nahm, ward Uebles verhütet.

Auch Lucile, wenn schon in heftigstem Gegensatz zu ihrer Schwester, legte ihre Hand auf des Grafen Arm und bat durch Mienen und Worte, daß er sich besänftigen möge.

"Laßt mich!" rief der Mann und löste sich unsanft von seiner Frau. "Wenn ich bedenke, daß dieses Mädchen meinen Namen trägt, daß ich das hinnehmen soll, ohne die Unverschämtheit zu züchtigen!" Und: "Weißt du, wer du bist?" fügte er hinzu, und seine Mienen entstellten sich noch mehr.

Aber in diesem Moment flog die Gräfin abermals auf ihren Mann zu, faßte ihn, der offenbar etwas sprechen wollte, was niemals enthüllt werden durfte, und verschloß ihm mit der Rechten den Mund.

Und nachdem das geschehen, wandte sie sich zu Imgjor, nahm sie in ihre Arme und redete besänftigend mit gedämpfter Stimme, auf sie ein. Man sah's, sie beschwor ihre Tochter, nachzugeben, aber man sah auch, daß es etwas war, wogegen sich ihrer Tochter heiße Seele mit trotziger Gewalt aufbäumte.

"Thu's mir zu Liebe, Imgjor! Küsse ihm die Hand und bitte um Verzeihung, daß du dich vergaßest—" mahnte sie bittend.

Schon wollte Imgjor nachgeben. Ihr gutes Herz, durch diese liebevolle Begegnung bezwungen, schien die Oberhand zu gewinnen, als der Graf, der widerstrebend sich gefügt und zähneknirschend auf und abgegangen war, bei den letzten Worten der Gräfin abermals von seinem Jähzorn erfaßt wurde.

"Nein, nein, Lucile, ich will's nicht in dieser Form! Sie soll kommen und feierliche Zusagen geben für alles, was ich schon erwähnte. Sie soll schwören, sich mit dem aufrührischen Bauernvolk da unten nie wieder abzugeben, die Beschäftigung mit den albernen Phantastereien abzuthun, sich ihrer Familie zu erinnern, sich ihr zu widmen, wieder die Kirche zu besuchen, den einfältigen Glauben ihrer Kinderjahre zurückzugewinnen, ein bescheidenes, fügsames Mädchen zu werden, statt eine Führerin des Aufruhrs, des Unglaubens und der Sittenverachtung!"

"Auch das wird kommen mit der Zeit, Lavard. Nimm heut' fürlieb mit ihrerBuße für die Geschehnisse des Abends. Ich bitte—ich bitte—und,Imgjor, hörst du nicht?—Noch einmal—thu'smirzu Liebe, beuge dichvor deinem Vater, mein liebes Kind!"

Nun schwankte Imgjor abermals. Dann aber sagte sie, sich hoheitsvoll aufrichtend:

"Nein, ich kann's nicht, Mama, und ich thu's nicht. Nur die Form kann ich bedauern, wenn ich in ihr wirklich fehlte. Alles andere entspricht meiner innersten Ueberzeugung und ich bin kein Schilfrohr, das jeder Wind bewegt. Ich bin ich! Ich bin Imgjor Lavard!—"

Aber wenn bisher die Anwesenden bei den Erörterungen nur von unbehaglichen Empfindungen beherrscht worden waren, so stockte ihnen nunmehr das Blut.

Wild, sprungbereit, in einer Wut, die etwas Unmenschliches an sich hatte, stürzte der Mann auf seine Tochter zu, faßte ihre Handgelenke, preßte das todesbleiche Geschöpf auf die Erde herab und hauchte:

"Ja, eine Lavard! Aber—und nun sollst du es wissen—geboren von einer Mutter, die, eine Jungfrau, ihrer Sitte und Ehre vergebend, ihren Körper einem Kunstreiter verkaufte, einem Manne von dunkler Herkunft und niedrigsten Gesinnungen. Aus Mitleid habe ich dich zu dem erhoben, was du bist. Du bist nicht mein Kind. Ich habe dich als solches nur adoptiert. Nicht meines, nicht das edle Blut der Lavards, auf das du trotzest, fließt in deinen Adern, sondern das Zigeunerblut eines unehrlichen Landstreichers! Und so sollst du es haben! Ich stoße dich von mir, da du trotz aller Liebe, Zärtlichkeit und Ermahnung kein Reis sein willst an dem Stamm meines Geschlechts, gar gegen mich, gegen deinen Wohlthäter und Beschützer die Flinte und die Brandfackel ergreifen willst! Geh! Geh! Lauf' in die Welt! Thu', was du willst! Aber rechne nicht mehr auf uns und auf keinerlei Erbe, und wäre es ein Bettel! Ich bin für dich, du bist für mich gestorben!"

Er stieß sie von sich. Imgjor aber erhob sich rasch und eilte hinaus.—

* * * * *

Der Eindruck dieser Vorgänge übte auf die Zurückbleibenden eine beispiellose Wirkung aus. Die Gräfin war erschüttert, verwirrt und bedrängt, daß ihr Gemahl das seit ihrer Ehe bewahrte Geheimnis in solcher Weise und bei solcher Gelegenheit gelüftet hatte, und er selbst erhielt bereits so viel Besinnung zurück, daß ihn ein reuevoller Aerger ergriff, sich und sein Pflegekind mit dieser Rücksichtslosigkeit vor fremden Zeugen preisgegeben zu haben.

Graf Knut und Fräulein Merville empfanden ein Mitleid für Imgjor, und Graf Dehn und Lucile waren vorläufig überhaupt nicht imstande, sich von den Eindrücken der Ueberraschung zu erholen.

Zunächst entfernte sich, taktvoll handelnd, Fräulein Merville.

Nach ihr brach Graf Knut auf, nachdem er den beiden Ehegatten lediglich stumm die Hand gedrückt hatte.

Auch Graf Dehn wollte sich nach des Grafen Fortgang zurückziehen. Schon erhob er sich und richtete einen bescheidenen Abschiedsblick auf die beiden Damen. Aber beide hielten ihn durch den Ausdruck ihrer Mienen zurück.

"Bitte, bleiben Sie, lieber Graf! Wir wollen gemeinsam beraten. Sie gehören zu uns!" stieß dann die Gräfin, warmherzig im Ton heraus.

"Nicht wahr, Lavard?"

Und als er zwar nichts erwiderte, aber, obschon finster vor sich hinstarrend, auch nicht widersprach, fuhr sie fort:

"Nachdem du ruhiger geworden bist, Lavard, wirst du mir erlauben, Imgjor aufzusuchen und ihr mitzuteilen, daß du ihr nochmals Zeit zum Ueberlegen giebst! Ich bitte dich, thu's! Indem du in solcher Art das Geheimnis ihrer Geburt enthülltest, statt ihr in ruhiger Stunde und in völligem Einvernehmen so Wichtiges zu eröffnen, hast du sie, fürchte ich, um so mehr in ihren Plänen bestärkt—"

Und einschmeichelnd, da sie sah, daß der Zeitpunkt, ihm solcheVorhaltungen zu machen, zu früh gewählt:

"Nein, nein, Lavard! Ich wollte dir nichts Unangenehmes sagen. Aber meine Bitte erfülle! Ich darf Imgjor beruhigen?"

Dennoch fiel die Antwort auf diese verständige Rede anders aus, als die Gräfin, die ihres Mannes raschen Zorn kannte, aber auch auf seine ebenso rasche Versöhnlichkeit bauen zu können gehofft, erwartet hatte.

Nachdem er sich wortlos erhoben und zunächst mit langen Schritten dasZimmer durchmessen hatte, sagte er in einem festen Ton:

"Nein, Lucile, ich wünsche Imgjor nicht mehr entgegenzukommen. Ist sie bereit, von dem Menschen da und ihren Thorheiten Valet zu sagen, will ich trotz meiner beleidigten Gefühle vergeben. Sonst bleibt's bei meinen Worten! Es wird mir wahrlich nicht leicht—und die Gründe brauche ich nicht darzulegen—mich von diesem meinem Adoptivkind loszusagen. Ich gedenke auch der Welt, der man nicht unnötig Schauspiele bieten soll. Aber ich kann, darf und will nicht anders handeln. War ich aus falscher Liebe oder an anderen in meinem Naturell begründeten Motiven oft schwach in meinem Leben, in diesem Fall bleibe ich fest!

Sie geht und wird ihres Erbes verlustig, wenn sie sich nicht fügt! Von Dingen, wie sie uns solche in der letzten Unterredung vortrug, ist nicht mehr die Rede!"

"Gut, so werde ich mich also zu ihr begeben und in diesem Sinne mit ihr sprechen."

Unter diesen Worten erhob sich die Gräfin und verließ das Gemach.

"Verzeihen Sie!" hub Graf Lavard nach seiner Gemahlin Entfernung an und streckte Graf Dehn die Hand mit einem freimütigen Ausdruck entgegen. "Ich hätte gewünscht, daß Ihnen andere Eindrücke auf Rankholm geworden wären, und ich beklage, daß Sie mich in meiner Schwäche gesehen. Aber wir Menschen bleiben abhängig von unserm Blut. Jeder hat einen kleineren oder größeren Defekt in seinem Charakter."

Graf Dehn drückte Lavard stumm die Rechte, Lucile aber, durch die Selbstentäußerung ihres Vaters bezwungen, eilte gerührt auf ihn zu, umschlang ihn und küßte ihn zärtlich auf die Wangen.—

Nach Verlauf von zehn Minuten trat die Gräfin bereits wieder ins Zimmer.Sie war bleich und erregt, und ihre Mienen verkündeten nichts Gutes.

"Nun, liebe Mama? Wie ist's geworden?" stieß Lucile heraus und richtete mit besorgter Miene den Blick auf ihre Mutter.

"Ich habe Imgjor garnicht sprechen, wenigstens keine Antwort erhalten können," erklärte die Gräfin und ließ sich, sichtlich erschöpft, in einen Sessel gleiten. "Imgjor hat heftiges Fieber. Ihr Körper brannte förmlich, als ich bei ihr eintrat, und nun eben überkam sie ein sehr starker Schüttelfrost. Sie hatte sich bereits ins Bett gelegt, als Fräulein Merville sie aufsuchte. So habe ich mich denn auf Trost und zweckmäßige Anordnungen beschränken müssen. Fräulein Merville wird die Nacht bei ihr bleiben. Jedenfalls aber muß ein Arzt kommen. Wie soll's nun werden, Lavard?" "Ah—" stieß der Graf, von neuem stark erregt, heraus, und die Adern schwollen ihm in dem roten Gesicht an.—"Da haben wir's! Natürlich ist sie doch im Dorf gewesen, und was wir voraussagten, ist geschehen. Sie hat das Scharlach ins Schloß gebracht! Wahrlich, unverantwortlich, strafwürdig hat sie gehandelt an sich—und an uns! Da ist gleich ein Beweis von dem jüngst Gesagten: Das Beste in einer ungeschickten Hand kann zum Verderben werden. Und ich füge hinzu: Das Ungünstige, weise verwertet, kann zum Segen gereichen. Ja—welcher Doktor? Jedenfalls soll kein Prestö jemals diese Schwelle wieder betreten. Andreas soll sofort nach Oerebye kutschieren. Klingele, Lucile, nach Frederik! Gleich soll er fort. Ich schreibe ein paar Zeilen an den Physikus Mangor in Oerebye."

Und Frederik erschien, empfing ein Billet, das der Graf in dem Kabinett seiner Frau entworfen hatte, und eilte damit fort.

Und nachdem das erledigt war, richteten die Anwesenden ihre Gedanken auf das Kommende. Die Möglichkeit oder Unmöglichkeit unter solchen Umständen den Ball abzuhalten, wurde erörtert. Zuletzt wurde beschlossen, die Entscheidung von der Erklärung des Doktor Mangor abhängig zu machen.

War er dagegen, so sollte in der Frühe alles Personal auf dem Guts- und Arbeitshof entboten werden, um den Eingeladenen abzusagen.—Freilich, ein umständliches vielleicht nicht einmal völlig erfolgreiches Vorhaben.

Es waren nicht nur Gäste vom Lande, sondern auch aus den umliegenden Städten geladen. Im linken Flügel, der an Imgjors Turmgemächer stieß, waren alle Fremdenzimmer bereits in Stand gesetzt, und auch die unteren rechtzeitig—oben befanden sich die Festsäle, in denen getafelt und getanzt werden sollte—waren hergerichtet.

Einhundertfünfzig Personen hatten Einladungen empfangen, und schon wehten von den Türmen die Lavardschen Fahnen in den blutroten Farben, inmitten das Familienwappen: die Faust mit dem Dolch, gezückt gegen einen wild sich auflehnenden Geier!

* * * * *

Diesmal war's noch gut verlaufen. Imgjor war nicht vom Scharlach ergriffen worden. Mangor, der noch in später Stunde erschienen war, hatte erklärt, daß es sich nur um eine starke, aber ungefährliche Verstimmung des Magens handle. Die Komtesse werde bei genügender Ruhe bereits im Laufe des kommenden Tages die Unpäßlichkeit abgeschüttelt haben.

Und wie der Befreiung von einer schweren Sorge allezeit eine um so Stärkere seelische Aufrichtung zu folgen pflegt, so war's auch hier. Dem Grafen verlieh die Sicherheit, daß das Gespenst der Epidemie vom Schlosse abgewendet war, daß er nicht nötig hatte, seinen Gästen abzusagen, und daß somit auch Mühen und Kosten nicht umsonst gewesen, eine gehobene Stimmung, und in dieser gab er den Bitten der Gräfin zu einer Auseinandersetzung mit Imgjor nach.

Nachdem Lucile und Fräulein Merville um die Mittagszeit gemeldet hatten, daß Imgjor bereits wieder aufgestanden sei, begab sich die Gräfin zu ihr aufs Zimmer, und in Axels Gegenwart wiederholte sie dann später diesem und den übrigen die von dem jungen Mädchen erteilte Antwort.

Sie wolle eine Unterredung mit Prestö möglichst bald herbeizuführen suchen und, nachdem diese stattgefunden, ihren Eltern eine Antwort geben. Sie bäte, ihr diese Frist noch zu gewähren, um jenem gegenüber nicht wortbrüchig zu werden.

Werde sie, um nicht das Glück eines anderen Mädchens zu zerstören, aufPrestö verzichten müssen, so würde sie nochmals die Bitte aussprechen,Rankholm verlassen und sich ihren Wirkungskreis suchen zu dürfen. Siewolle sich eine Samariterthätigkeit suchen, sofern ihr ein Werk imGroßen nicht zu gelingen vermöge.

Sie schwöre dem Vater zu, daß sie ihm keine Schande machen werde. Sie bäte, ihr zu verzeihen, wenn sie in der Form gefehlt habe, und auch deshalb daß sie keine andere Antwort zu erteilen vermöge.

Endlich hatte sie auf den dringenden Wunsch ihrer Pflegemutter zugesagt, daß sie heute bei dem Feste erscheinen werde.

Alle Anwesenden befanden sich nun in einer starken Spannung, wie sich der Graf zu dieser Erklärung Imgjors verhalten werde.

Gerechterweise mußte man zugestehen, daß ihre Erklärung verständig und maßvoll war, daß sie, wenn sie sich nicht selbst verleugnen wollte, eine andere garnicht geben konnte.

Nach einer geraumen Frist, in welcher der Graf nachgedacht, sagte er: "Ich gebe jetzt nur die Erlaubnis, daß sie bis zu einer Entscheidung über ihre Beziehungen zu Prestö unter gleichen Verhältnissen wie bisher in Rankholm bleibt, aber es ist selbstverständlich, daß sie sich während dieser Zeit des Verkehrs mit meinen aufsässigen Bauern enthält. Kommt noch etwas vor, dann geht sie sofort!"

Als sich Axel später mit der Gräfin allein befand, teilte sie ihm mit, daß Imgjor ursprünglich keineswegs in einer solchen versöhnlichen Art gesprochen, daß sie, die Gräfin, aus Klugheit vieles verschwiegen und ihrem Gatten nur das gesagt habe, was sie Imgjor teils nach schweren Kämpfen abgerungen, teils noch zu erreichen hoffe.—Nur Auflehnung gegen ihren Pflegevater habe Raum in ihr gehabt, ihr, ihrer Pflegemutter, aber habe sie unter dem Dankgefühl für deren Verhalten in den rührendsten Worten alle Schroffheiten, deren sie sich im Laufe der Jahre schuldig gemacht, abgebeten.

"Der Zufall hat Ihnen, lieber Graf,"—schloß sie ihre Rede—"enthüllt, was ich Ihnen nach einer voranzugehenden, sorgfältigen Prüfung Ihrer Vertrauenswürdigkeit eröffnen wollte, deshalb eröffnen wollte, damit Sie erkennen möchten, in wie weit meine Kinder zu Vorwürfen gegen mich berechtigt waren.—Es ist aber noch nicht alles. Das übrige sollen Sie später aus meinem Munde vernehmen."

Graf Dehn lohnte diese Worte mit lebhaftem Dank, dann sagte er, gedrängt, noch mehr zu hören: "Ich bitte, wie faßt Komtesse Imgjor die Enthüllung ihrer Geburt auf? Darüber äußerten Sie nichts, Frau Gräfin!"

"Sie hat sich darüber nur kurz ausgelassen: Ihre Erregung beziehe sich auf das Unrecht ihres Vaters, solche Dinge in solcher Form vor fremden Zeugen auszusprechen.

Ehe ich meinen Vater oder meine Mutter verdamme—äußerte sie—muß ich wissen, wie ihr Lebensgang war, wer sie zu dem machte, was sie wurden. Meinem Pflegevater bin ich unauslöschlichen Dank schuldig, weil er mich nicht dem Elend und dem Zufall preisgegeben, sondern mich gehalten hat als sein rechtes Kind. Und eben diese Dankbarkeit veranlaßt mich, mich dir zu fügen, fürder ihm gute Worte zu geben. Diese Dankbarkeit hat mich abgehalten, sogleich und für immer Rankholm zu verlassen. Ich wünsche in allen meinen Handlungen möglichst gerecht zu sein, auch mich unterzuordnen, sofern das, was gefordert wird, nicht mit meinen Ueberzeugungen und Grundsätzen in Widerstreit steht."—

Und dann kam der Nachmittag, und mit ihm erfolgte das Anfahren der Gäste im Schloßhof von Rankholm.

War das Gut in Stille und Einsamkeit ein unvergleichlich idyllischerErdenfleck, so hatte es sich nun in ein buntes Zauberbild verwandelt.

Von allen Zinnen wehten die roten Lavardschen Fahnen. Im Hofe vollzog sich ein endlos wechselndes Durcheinander von herbeieilenden Staatskarossen, Fuhrwerken und Landkutschen. Der Treppenaufgang war geschmückt mit Rosenguirlanden, und da der Abend bereits im Nahen war, flimmerten hinter allen Fenstern des mächtigen Baues hunderte und aberhunderte von Lichtern. Und strahlendes Flammenlicht ergoß sich später von den Kandelabern neben der Freitreppe über den ganzen Hof, und in einem Glanzmeer schwammen die Eingänge, die Gesellschaftsgemächer und großen Festsäle im Hauptgebäude und in den Flügeln.

Aber auch unten in den Souterrains, wo auf den großen Herden die Speisen dampften und schmorten, war alles voll eifrigen Lebens. Ein Heer von weißgekleideten Köchen, buntlivrierten Dienern und Lakaien flog hin und her, treppauf, treppab, und mischte sich unter die in ihren kostbaren Toiletten und glänzenden Uniformen erschienenen, in den Empfangsräumen auf und ab wogenden, laut und lebhaft schwatzenden und lachenden Gäste, bis dann der Haushofmeister Frederik das Zeichen zum Tischgang gab und sich sämtliche fünfundsiebzig Paare in Bewegung setzten.

So tafelte und trank man nur in Fürstenhäusern! Ein solcher Glanz und Prunk war entfaltet, daß selbst Axel, der sich bereits an den Ueberfluß von Rankholm gewöhnt hatte, des Erstaunens und der Verwunderung voll war. Tafelgeschirr stand auf den Tischen, das ganze Vermögen gekostet hatte.—Silber, aber auch Gold überall! Selbst die Gabeln und die Griffe der Messer blitzten in solchem edlem Metall.

Massive Vasen und andere kunstreiche, kostbare Schaustücke mit Blumen aus den Treibhäusern gefüllt, waren zahlreich verteilt, und silberne Champagnerkühler, jedesmal für zwei Personen, fanden, das zischende, unruhige Naß in goldumränderten Flaschen bergend, neben dem wundervoll geschliffenen Krystall und Glas, das den Weinen zu dienen hatte, die bei jedem Gang besonders gereicht wurden.

Die Damen Lavard trugen Geschmeide von Diamanten und Perlen, die einen schier unschätzbaren Wert besaßen, und zudem waren sie die Königinnen des Festes.

Die Schönste war Imgjor, die Tochter des Kunstreiters.

Zum erstenmal sah Graf Dehn ihren reizenden Hals. Es konnte keine gleichen Schönheitslinien, keine vollendeteren Farben geben. Sie wetteiferten mit dem Marmorglanz der runden, weißen Arme.

Und dazu das braunrote, sich in ungeduldigem Wachstum aufbäumende Haar, dazu die dunkelbewimperten Augen, dazu der Körper mit seinen schwellenden Formen, die entzückenden Hände, die schneeigen Zähne, die von einem stürmisch pulsierenden Rot durchglühten, kleinen Ohren! Und wenn sie lächelte—dieses hinreißende, eine unbekannte Welt von Klugheit und Güte verheißende Lächeln!

Und neben ihr saß, trotz seiner gegen ihre Eltern erhobenen Einwände,Graf Dehn.

Gleich, als er ihr den Arm geboten, hatte er eine ihrer Enttäuschung begegnende Erklärung gegeben.

"Es war der Wunsch des Herrn Grafen, daß ich Sie führen sollte, Komtesse! Ich bat um Ihretwillen, davon abzusehen. Es geschah, weil ich mein Möglichstes thun wollte, um Ihrem gegen mich geäußerten Wunsch zu entsprechen. Vielleicht bezwingen Sie dieses eine Mal Ihre Abneigung, so lange in meiner Nähe sein zu müssen. Ich verspreche Ihnen, daß ich versuchen werde, Ihr Ohr durch meine Worte in keiner Weise zu verletzen."

Schon während Graf Dehn gesprochen, hatte Imgjor den Oberkörper zusammengeschoben und die Lippen auf einandergepreßt, als ob sie nur so ihrer Empfindungen Herr zu werden vermöge. Aber als er dann mit einem sanft versöhnlichen Ausdruck in ihren Zügen forschte, so eine Antwort zu erheischen suchte, hob sie stolz das Auge zu ihm empor, sah ihn kalt an und senkte dann wieder die Wimpern mit einer Miene wie jemand, der, weil des anderen Gefangener, machtlos sich zu fügen hat.

Zunächst verhielt sich Graf Dehn auf diese stumme Abwehr ebenfalls wortlos. Aber als von der Dienerschaft bereits die Suppe gereicht worden war, und nun Imgjor, ohne sie zu berühren, auch ferner in finsterem Schweigen dasaß, hielt's ihn nicht länger. Zorn und Auflehnung über ihre Kälte übermannten ihn.

"Sie haben mich nicht einmal einer Antwort gewürdigt, Komtesse Lavard," hub er an, nachdem er nach vorangegangener Frage, ob er einschenken dürfe, ihr Glas gefüllt hatte.

"Wahrlich! Wenn ich nicht so vieles von Ihnen gesehen, jetzt wieder sich meine Meinung über Sie so vorteilhaft verstärkt hätte, ich könnte glauben, es sei doch eines wenigstens bei Ihnen Maske—nämlich, daß Sie ein Herz besitzen. Was that ich Ihnen? Wie begegnen Sie mir, der ich doch der Gast Ihres Hauses bin? Wie vergelten Sie mir das, was Sie selbst als vergeltungswert bezeichneten? Es mag Ihnen wenig vornehm erscheinen, daß ich erwähne, wie sehr ich für Sie stets eintrat, wie viel ich beigetragen habe, die vorhandenen Gegensätze zu mildern, auch jetzt den Dingen einen möglichst friedlichen Charakter zu verleihen. Ich thue es aber, weil ich Ihnen beweisen möchte, daß ich Ihr zu Thaten bereiter Freund bin. Gewiß, Sie haben mir deutlich an den Tag gelegt, daß Sie mich verabscheuen, Sie haben mir sogar die Schwelle des Schlosses gewiesen—aber es drängt sich mir die Frage auf, mit welchem Recht nach solchem Verhalten von meiner Seite? Ehrerbietung, Rücksicht und Freundschaft habe ich Ihnen ununterbrochen entgegengetragen! Erlauben Sie mir ein freies Wort: Sie wollen eine ganze Menschheit beglücken und besitzen nicht einmal die Fähigkeit, sich einem einzelnen Menschen in soweit anzubequemen, daß Sie die Gesellschaftssitten zu beobachten vermögen, aus trotziger Voreingenommenheit, aus Zorn, daß ich den Doktor Prestö als das hinstellte, was er ist—"

"Nun, was ist er denn?" fiel Imgjor, deren Büste unter dem freigeschnittenen Ballkleide in eine stürmisch tobende Bewegung geraten war, also, daß sie schier den Saum des Gewandes zu sprengen drohte, mit funkelnden Augen heraus.

"Er ist ein kalter, berechnender Egoist, den nicht Liebe zur Menschheit, sondern nur Rachsucht erfüllt, der einer anderen, der er sein Wort verpfändet, lediglich deshalb einen Absagebrief erteilt, um die reiche und vornehme Erbin heimzuführen. Daß letzteres sich so verhält, klang durch seine Worte, die ich vernahm in jener Nacht. Nur Sie, in Ihrer blinden Liebe, entraten der Fähigkeit, ihn zu durchschauen, ihm, wie sonst den Menschen, ins Herz zu blicken und es auf seinen wahrhaftigen Wert zu prüfen."

"Ich bestreite jede Ihrer Behauptungen, Herr Graf Dehn. Und wenig vornehm ist es in der That—Sie mögen es hören!—zu horchen, und ebenso unkavaliermäßig, auf bloße Eindrücke hin einen Ehrenmann derartig zu verdächtigen. Und da Sie es wissen wollen: Meine Abneigung gegen Sie leitet sich uns der Thatsache her, daß, im Gegensatz zu Ihrem Selbstlobe, mit Ihrem Eintritt in Rankholm sich alles, was mir Freude und Hoffnung war und was mir Erfüllung schien, in Leid verwandelt hat. Sie haben von vorneherein gegen Herrn Doktor Prestö Front gemacht, deshalb gleich ohne Zwang und Not den Gast herabgesetzt, weil er anders geartet als Sie, sich anders gab als Sie, weil er sich Ihrer hochgeborenen Erhabenheit nicht unterordnete, weil er gleich an den Tag legte, daß es für ihn nur Menschen, keine Bauern und keinen Landadel giebt, weil Sie herausfühlten, daß ich ihm gut war, daß ich ihn Ihnen vorzog. Und dann haben sich die Meinungen meiner Familie täglich mehr gegen ihn gekehrt. Früher fand man ihn wohl etwas schroff, aber man lobte sein kräftiges Selbstgefühl! Man schätzte es hoch, weil es Charakter und Männlichkeit verriet. Stets stand er voran, wenn es sich um Einladungen in unser Haus handelte. Als Arzt wußten ihn alle nicht genug zu loben, und man gewährte mir auch ohne Einschränkungen den freien Verkehr mit diesem aufgeklärten und zielbewußten Manne. Heute würde mein Pflegevater ihn am liebsten töten; meine Pflegemutter und Lucile hassen ihn. Ihnen habe ich es zu verdanken, daß ich plötzlich eine Ausgestoßene, Enterbte bin, während ich meinen mir zukommenden Besitz in den Dienst der großen Sache stellen wollte, in den Dienst der Veredelung und Aushilfe der Armen und Elenden. So, nun wissen Sie, weshalb ich den Augenblick verwünsche, in dem Sie über die Schwelle traten, weshalb ich Sie wegen Ihrer unerbetenen Eingriffe in unsere Familienangelegenheiten zu hassen ein Recht habe!—Und daß Sie, mein Herr Graf, heute, nach alledem, noch den Mut und das Wohlgefallen besitzen, an meiner Seite Platz zu nehmen, beweist mir, daß Sie zwar sehr viel Selbstgefühl, aber minder Zartsinn besitzen, wenig von dem, dessen Sie sich selbst so beredt rühmen!"

Graf Dehn war weiß geworden wie das Leinen der Serviette, die er in seiner Hand zerknitterte.

Das war eine Freiheit der Rede, die neben ihrem ungerechten Inhalt, der völlig falschen Auslegung, ja Umkehrung der Dinge, eine Maßlosigkeit enthielt, vor der ein Kavalier einer Dame gegenüber verstummen mußte. Indem Graf Dehn alles zusammenfaßte, was ihm an Kraft und Selbstbeherrschung zu Gebote stand, auch zu einem ruhigen Ton und zu äußerster Sachlichkeit sich zwang, obschon die vor Erregung zitternde Stimme fast versagen wollte, entgegnete er:

"Es wird eine Zeit kommen, Komtesse Lavard, in der sie erkennen werden, wie richtig meine Urteile über die in Betracht kommende Person waren. Sie werden auch, ich weiß es, die unverdiente, ungeheure Kränkung die Sie mir eben zugefügt haben, abbitten. Ihr gerechtes Herz wird Sie dazu drängen!—Doch lassen wir ruhen, was ich nur gezwungen berührte, und nur eine Frage gestatten Sie mir noch an Sie zu richten: Wollen Sie mir eine Unterredung gewähren, wenn sich herausstellt, daß der Mann, dem Sie im Begriff sind, Ihr Lebensglück zu opfern, Sie täuschte?"

"Weshalb—? Welchen Zweck soll das haben?"

"Liegt Ihnen nicht daran, Komtesse, etwaiges Unrecht gegen mich gut zu machen? Ist es nicht doch möglich, daß Sie mich und mein Thun falsch beurteilen? Ist's dann nicht eine natürliche Pflicht, mir eine Genugthuung zu gewähren? Sie wollen eine Priesterin der Wahrheit, der Güte, der Gerechtigkeit, der Menschenliebe sein und wollen schon beim erstenmal stolpern, wo Sie die Probe auf Ihr Ich zu bestehen haben?"

Imgjor biß erst die Zähne zusammen, dann sagte sie: "Wohlan, ich bin bereit, Sie zu hören, wenn sich das vollzieht, was Sie hoffen—was Sie aus dieser Hoffnung sogar zur Gewißheit erheben. Sie wird Ihnen zwar nie werden, und wenn doch, so werde ich, das sei gesagt, nie Ihre Freundin werden, geschweige mehr—"

"Also, wenn Prestö sie betrog, in diesen heilig ernsten Stunden Sie betrog, so bleibt er immer doch ein Gott und ich ein Unwürdiger, Komtesse?"

Imgjor reckte den Oberkörper, und in ihrem in der Erregung sich unwillkürlich öffnenden Munde blitzten die Zähne. Dann sagte sie heftig, und er hörte, wie sie mit ihrem mit dem weißen Seidenschuh bekleideten Fuß ungeduldig den Fußboden berührte:

"Ich wiederhole Ihnen, Herr Graf, daß Prestö mich nicht betrügen wird, daß er ein Ehrenmann, daß er ein anderer Mann ist als die, welche sich anmaßen, über ihn zu Gericht zu sitzen!"

"Wohlan, Komtesse! Wenn Sie so reden, so steht Meinung gegen Meinung! Ich behaupte, daß der Mann innerlich in demselben Augenblick von Ihnen abfallen wird, wo er erfährt, daß Sie nicht die Tochter des Grafen, daß Sie aus Rankholm verbannt und enterbt sind. Und da Sie nun, trotz aller meiner fügsamen Bitten, den Frieden mir abschlagen, so will ich fürder gegen diesen Mann rücksichtslos kämpfen! Ich will Sie kurieren, jetzt kurieren gegen Ihren Willen!"

Diesmal entgegnete Imgjor nichts. Sie vermochte es nicht, weil plötzlich eine Blutwelle ihrem Munde entströmte. Die Serviette, die sie zum Munde führte, wurde von einem unheimlichen Rot gefärbt. Schrecken ergriff die Umsitzenden, und ehe noch Graf Dehn helfen, sich um sie bemühen oder gar am Aufstehen hindern konnte, hatte sie den Saal verlassen.

* * * * *

Lange waren die Klänge der Violinen, der Flöten, und Baßgeigen verklungen. Seit einer Stunde waren sogar die Lichter in dem mächtigen Rankholmer Schloß mit all' seinen zahlreichen Räumen erloschen, und alles lag in einem tiefen, festen Schlaf. Nur zwei Personen wachten noch, sie fanden keinen Schlaf, und er floh sie, weil eine der anderen unruhvoll gedachte. Freilich geschah's mit sehr verschiedenen Empfindungen.

Imgjor haßte nunmehr den Mann, der in ihr Leben und in ihre Pläne einen solchen Eingriff gethan. Sie haßte ihn, obschon ihr vorurteilfreies Ich ihr zuflüsterte, daß sie ein Unrecht begehe. Als er damals in Oerebye die Rede gehalten, hatte sie bei sich gedacht, welch' ein wertvoller Mann er sei. Aber sie wollte ihm schon deshalb keine Gefolgschaft leisten, weil sie—wie sie sich vorredete—nichts Halbes, sondern etwas Ganzes erstreben mußte. Ueberdies lag sie in dem Banne Prestös, der sie mit den stärksten Fäden an sich zog, sie so fesselte, daß sie nicht zu entrinnen vermochte. Der Sohn des Unterdrückten, der, gleich ihr, aufräumen wollte mit dem Unrecht, gehörte zu ihr, und nun, nachdem sie vernommen, daß sie selbst von jenen abstammte, welche die Armut treibt, ihr Brot zu suchen, wo und wie sie es finden, fühlte sie sich zwiefach mit Prestö verknüpft, hundertfältig mit ihm verbunden.

Voll ingrimmiger Auflehnung biß sie die Zähne zusammen, als sie sich in diesen Stunden der Nacht der letzten Worte ihres Gegners erinnerte.

Er würde im Fall Prestö mitteilen, wer sie sei, ihn wissen lassen, daß ihr Erbe in Gefahr stehe, sicher ihr verloren ginge, wenn sie ihm, Prestö folge.

Sie zitterte vor der Wirkung seiner Ausladungen aus denselben Gründen, die sie veranlaßt hatten, an Prestö die Forderung zu stellen, ihr die Beweise zu geben, daß er—ohne Zwang und Unrecht—frei sei.

Ihr Verstand und die Klarheit ihres Geistes fanden auf gleicher Stufe mit der Tiefe und der Güte ihres Herzens, die sie trieben, sich selbstlos in den Dienst der Unterdrückten zu stellen.

Einmal, als sie sich vorstellte, Graf Dehn könnte wirklich Recht behalten, geriet sie in eine solche Aufregung, daß ihr Herz in stürmischer Aufwallung pochte.

Wenn auch Prestö einer der Millionen Durchschnittskreaturen, wenn auch er einer der erbärmlichen Nützlichkeitsmenschen war, wenn wirklich nur ihr Stand, ihre Schönheit und ihr großer Reichtum ihn hatte reden und gar als Schurken gegen seine Braut handeln lassen, dann—dann—!

Sie atmete tief, tief auf, und ihre Rechte ballte sich, als ob sie eineWaffe fasse.

Sie wußte nicht, was geschehen werde—ihr grauste vor sich selbst.

Unter solchen starken seelischen Erregungen und Kämpfen, denen sich dieirrenden Gedanken über ihre Geburt unruhvoll hinzugesellten, tastete derTag mit noch müdem Licht an die Scheiben der Fenster und mahnte sie anZeit, Umstände und die noch zu erfüllenden Aufgaben.

Sich rasch aufraffend, rückte sie sich an den Schreibtisch, stützte, noch einmal ihre Gedanken sammelnd, das Haupt und schrieb sodann mit fester Hand einen langen Brief erregten Inhalts an Prestö, in welchem sie ihn am Schluß ersuchte, nur auf das zu hören, was sie ihm selbst mitteilen werde, legte dieses Schreiben im Flur in eine versteckte Ecke, aus welcher der von ihr insgeheim beauftragte Diener jeden Morgen in der Frühe vorhandene Briefe an sich zu nehmen und sogleich zu besorgen hatte, und schlüpfte alsdann in ihr Bett.

Und als eben gerade das Gesinde sich wieder unten im Hause zu rühren begann, fand sie endlich die Ruhe, nach welcher der erschöpfte Körper verlangte.—

Anders Axel.

Durch sein Gehirn wälzten sich die Vorstellungen über Geschehenes und Künftiges, und lediglich die Ueberlegung, auf welche Weise er das ausführen könne, was er sich nunmehr als fiel vorgesetzt hatte, beschäftigte seine Gedanken.

Er wollte sich vorläufig von der Familie Lavard nicht trennen, Prestö als den entlarven, der er nach den von ihm in jener Nacht gewonnenen, nunmehr mit Luciles Behauptungen übereinstimmenden Ansichten war, und Imgjor nicht nur zu heilen, sondern mit ihrer Familie vollständig auszusöhnen suchen.—Ob ein Preis ihm zufiel, mußte sich finden. Seine Liebe und sein überzeugungsstarker Sinn ließen ihn nicht verzweifeln.

* * * * *

Die kommenden Tage verflossen den Rankholmer Schloßbewohnern unter allerlei Vorbereitungen zu der Kopenhagener Reise. Auch erledigte der Graf dringliche Gutsgeschäfte mit seinen Beamten und wies unter anderem auch Unterstützungen für die von der Epidemie noch immer gleich hart betroffene, ärmere Dorfbevölkerung an. Gegenwärtig gab es kaum ein Haus mehr in Kneedeholm, in dem sich nicht Schwerkranke befanden oder Tote täglich hinausgetragen wurden. Der Pastor kam Tag und Nacht kaum mehr zur Ruhe, da er Sterbende zu trösten, geistliche Handlungen vorzunehmen und nach den Bedrängten zu sehen hatte.

Und nicht minder war Doktor Prestö beschäftigt. Wenn er einen der Betroffenen eben verlassen hatte, rief ihn die Pflicht schon wieder zu gleichem Zwecke ins Nebenhaus, und so fort. Ueberall Sterbende, Schwerkranke oder der Genesung Entgegengehende, die der Aufsicht bedurften.

Aber jegliches, was er that, geschah in einer kurzen, schroffen, gefühllosen Art. So kam es nicht selten vor, daß er die Boten der Erkrankten mit dem barschen Bescheide abfertigte, sie müßten warten, er sei auch nur ein Mensch, der einen Kopf und zwei Arme habe.

Ein engeres Zusammenwirken zwischen ihm und seinem ausgesprochenenGegner, dem Pastor Nielsen, fand nicht statt. Sie bewegten bloß dasHaupt, wenn sie sich begegneten, und bedienten sich derZwischenpersonen, wenn sie sich etwas mitteilen mußten.

Unter den geizigen und körperlichen Anspannungen war Prestö zu einer Förderung seiner Verlobungspläne mit Imgjor, die eine Reise nach Kopenhagen erforderlich machten, gar nicht gelangt, und wenn schon dieser Umstand seine Laune zu der allerschlechtesten gemacht hatte, so war seine Stimmung durch die Vorfälle der letzten Tage seine geradezu feindselige geworden.

Er behandelte in seiner Verstimmung die Kranken sehr rücksichtslos, sie mußten büßen, worunter er litt.

Plötzlich war alles über den Haufen geworfen. Die Mitteilungen, die ihm von Imgjor geworden, hatten einen geradezu niederschmetternden Eindruck auf ihn gemacht. Imgjor war die Tochter irgend eines Abenteurers und keine Lavard; sie war bedroht mit dem Verlust alles dessen, was gerade eine bestrickende Wirkung auf ihn ausgeübt hatte.

So lange Imgjor der Glanz ihres ungeheuren Reichtums umgab, war's demManne nicht schwer geworden, sein Gewissen zu beschwichtigen. Um solchenLohn glaubte er sich berechtigt, jener, die sein Wort hatte, einenendgiltigen Absagebrief zu schreiben.

Um der hohen Ziele willen, die Imgjor im Auge hatte, heiligte der Zweck die Mittel!

Nun aber stoppte er plötzlich wie ein vor ein Hindernis gestellter Reiter. Alle bisherigen Beschwichtigungen verfingen nicht mehr, er sann vielmehr, wie er sich, wenn Graf Lavard seine Drohungen wirklich wahr machte, wieder von Imgjor zurückziehen könne.

Selbst die Schönheit Imgjors, die ihn gereizt und zeitweilig seine Sinne bereits zur höchsten Leidenschaftlichkeit angefacht hatten, sank nunmehr zu einem Nichts herab.

Ihren Enthusiasmus für die große Sache, der er nur aus Selbstsuchtsgründen und rachsüchtigen Trieben Vorschub geleistet, die er in ihrem Sinne als Thorheit bespöttelt hatte, belegte er nunmehr mit der Bezeichnung einer Verrücktheit. Der Gedanke, sie ohne materiellen Einsatz von ihrer Seite zu heiraten, gar ihren Schwärmereien Gefolgschaft zu leisten, statt zu raffen, durch Geld und dadurch gewonnene Macht zu herrschen, schuf eine solche Auflehnung in ihm, daß er bereits überlegt hatte, ob er nicht ohne alle Versuche, den Grafen Lavard umzustimmen, der Sache ein Ende machen und Imgjor erklären solle, er könne nun doch die von ihr geforderten Beweise nicht beibringen.

Freilich bedurfte es jetzt, da sie vor der Enterbung stand, eines klugen Verhaltens. Vorläufig mußte er sich geben, wie bisher, mußte er in Imgjor den Eindruck erhalten, daß seine Gesinnungen in keiner Weise erschüttert seien. Ungleich regten sich neben diesen Erwägungen auch wieder Gefühle eines ingrimmigen Verdrusses, so plötzlich um alle glänzenden Hoffnungen betrogen werden zu sollen. Eine durch den Eintritt wiedergekehrter, grenzenloser Habsucht hervorgerufene Unruhe bemächtigte sich des Mannes, die ihn nach Mitteln suchen ließ, wie er dennoch zum Ziele zu gelangen vermöge.

Unter solchem Schwanken fiel ihm sein Gönner, Graf Knut ein. Vielleicht konnte es möglich sein, wenigstens einen Teil des Vermögens, sofern dessen Höhe der Mühe eines Kampfes wert sein würde, dem Grafen abzuringen.

Und da Prestö diese Pläne schließlich zum Entschluß erhob, so zögerte er auch keinen Augenblick mit deren Ausführung.

Einerseits richtete er ein Schreiben an Imgjor, in dem er sie um eine abermalige Unterredung ersuchte, und andererseits bat er den Grafen Knut in einem eilig beförderten Briefe, ihm eine solche nachmittags gewähren zu wollen.

Ohne Antwort zu empfangen, nähme er an, daß ihm der Graf dieseVergünstigung gewähren wolle.

Und von dem Eingang dieses Schreibens erzählte Graf Knut, des Grafen und der Gräfin Meinung einholend, in Gegenwart von Axel und Lucile nach dem zweiten Frühstück, und alle Teile wurden darüber einig, daß der Graf diesem Ersuchen Folge leiten müsse. Man wolle hören, was Prestö zu sagen habe.

Alles, was einer Klärung der Angelegenheit dienlich sei, dürfe nicht von der Hand gewiesen werden. Aber während noch dies stetig wieder in den Vordergrund tretende, die Gemüter beschäftigende Thema behandelt ward, regte sich ein neuer Gedanke in Axel, und ihn zur Ausführung zu bringen, dadurch seinen geheimen Plänen Vorschub zu leisten, erfüllte ihn solchergestalt, daß er das Herannahen der nächsten Stunden kaum erwarten konnte.

Sobald sich die Gelegenheit bot, begab er sich in seine Gemächer und dann später, nachdem die dritte Stunde geschlagen, vom Arbeitshofe aus ins Dorf hinab.

Da Graf Dehn als Kind die drunten wütende Krankheit bereits überstanden hatte, beschlichen ihn keine Bedenken. Zudem wollte er ein Haus betreten, an das die Epidemie sich wenigstens bisher nicht herangewagt hatte. Er wollte versuchen, von Prestös Wirtschafterin den Namen der Braut ihres Herrn in Erfahrung zu bringen.

Es war nicht undenkbar, daß ihr, die seine Briefe besorgte, dieser und der Aufenthaltsort der Dame bekannt waren.

Als Graf Dehn durchs Dorf schritt, fiel ihm auf, wie menschenleer es war. Wie ausgestorben schien's. Nirgends ein rauchender Schornstein, nirgends jemand auf der Dorfstraße oder auf den Höfen.

Nur einmal bemerkte er ein tiefgebeugtes, altes Mütterchen, das aus einem Bauernhause heraustrat und ein Gefäß an der Pumpe ausspülte. Und nicht einmal emporschauend, schritt sie sogleich und in einer Art zurück, die ihr beschäftigtes Gemüt verriet.

Und noch ein menschliches Wesen, der Postbote, kam ihm später und gerade dann entgegen, als er die Wohnung des Doktors erreicht hatte.

Den ehrerbietigen Gruß des Mannes erwidernd, entfuhr Axel unwillkürlich die Frage nach Briefen fürs Schloß. Er empfing auch solche für die Herrschaften, sah überdies Posteingänge für Prestö in der Hand des Angestellten und trat, nachdem er solche ebenfalls abzugeben sich erboten, in Prestös Haus ein.

Da war alles still. Er suchte sich bemerkbar zu machen, und als dies erfolglos blieb, wandte er sich dem hinteren Ausgang in der Hoffnung zu, die Alte entweder auf dem Hofe oder im Garten zu finden. Und da er dadurch verhindert wurde, sich weiter ins Innere der Wohnung zu begeben, steckte er, mechanisch handelnd, vorläufig die Postsachen in seine Rocktasche.

Und dann erspähte er hinten im Garten die alte Frau, welche beimKartoffelaufnehmen beschäftigt war, und näherte sich ihr.

Nachdem sie sich bei seinem Anblick aus ihrer gebückten Stellung erhoben, die erdigen Hände an der Arbeitsschürze abgewischt und ihn freundlich begrüßt hatte, sagte Graf Dehn, gleich ohne Einleitung aufs Ziel steuernd:

"Ich komme mit einer Frage, gute Frau Madsen: Können Sie mir vielleicht sagen, wie des Herrn Doktor Prestös Braut heißt? Sie haben gewiß bisweilen Briefe nach dem Postkasten am Wirtshaus unten im Dorf getragen und kennen ihren Namen—"

"Seine Braut? Ja, das weiß ich nicht. Aber er schreibt allerdings ab und zu an ein Fräulein. Sie heißt—sie heißt—Ingeborg Jensen."

"Hm—Danke! Und die Adresse? Es handelt sich um eine kleineUeberraschung vom Schloß, deshalb frage ich bloß—"

"Adresse? Adresse? Ja, da kann ich mich allerdings nicht darauf besinnen. Aber sie wohnt bei einen Etatsrat Estrup in Kopenhagen. Das steht mit drauf."

"So, so, schön! Das genügt, meine gute Frau Madsen. Und sagen Sie dem Doktor gar nicht, daß ich gefragt habe, daß ich hier war! Es ist wegen der Ueberraschung. Sie verstehen?"

Und die Alte nickte, und nachdem ihr Axel ein Geldstück in die Hand gedrückt und sie noch einiges über den Gesundheitszustand im Dorf gefragt hatte, nahm er Abschied.

Als er die Straße hinabschritt, klopfte ihm ungestüm das Herz, und als er wieder in sein Zimmer gelangt war, schrieb er zur Sicherheit sogleich auf, was er erkundet hatte. Bei dieser Beschäftigung kam ihm auch die Erinnerung an die Briefschaften, die er dem Postboten abgenommen, und dabei zugleich, daß er nun doch vergessen hatte, die für Prestö bestimmten Eingänge an die Alte abzuliefern.

Er zog eilig alles aus der Tasche, legte die Briefschaften für Lavards für sich und schob das mit einem Bindfaden verknüpfte Bündel Zeitungen für Prestö bei Seite. Bei dieser Gelegenheit zeigte sich, daß auch Briefe vorhanden waren, und als Graf Dehn solche zur besseren Bergung berührte, sah er, daß auf der Rückseite der Name Ingeborg Jensen als Absenderin vermerkt war.

Und da zitterten des Mannes Hände, und seine Brust hob sich in heftigerErregung.

Wie nun, wenn er sie um des Zweckes willen öffnete und ihren Inhalt las?

Aber ein Briefgeheimnis verletzen, dadurch abermals Imgjor einen Anlaß geben, ihn einer unkavaliermäßigen Handlung zu zeihen?

Und doch war ihm durch diesen Zufall das Mittel in die Hand gegeben, mit einem Schlage völlige Klarheit in die Verhältnisse zu bringen.

Axel hatte die Abrede getroffen, mit Lucile zwischen vier und sechs Uhr eine Spazierfahrt nach einem der südlich gelegenen Vorwerke zu unternehmen.

Er sah nach der Uhr. Die Zeit war gekommen. Er mußte sich hinaufbegeben.

Noch in solchem inneren Zwiespalt befangen, begab er sich, vorher die Briefe in seiner Brusttasche bergend, zu Lucile, bestieg mit ihr das beide bereits erwartende Gefährt und kutschierte, es selbst lenkend, aus dem Schloßhof hinaus.

Und als sie dann jenen Weg erreicht hatten, den Axel damals bei seinerAnkunft beschritten, trat plötzlich Imgjor aus dem Hause desselben Altenheraus, der Axel an jenem Mittag das Gepäck getragen hatte. Ein kalterBlick traf beide, als sie sie freundlich vom Wagen herab grüßten.

Nach dem Ball hatte sich Imgjor nicht mehr unten sehen lassen. Sie nahm die Mahlzeiten in ihrem Zimmer ein, sie war gegenwärtig mit einer im Gewahrsam befindlichen, ihres Schicksals wartenden Persönlichkeit zu vergleichen.

Auch an jenem Abend war sie, zum Verdruß all' der jungen Herren, die sie wie Planeten umkreisten und um ihre Gunst zu werben suchten, nicht wieder zum Vorschein gekommen.

"Wenn ich mir diese ganze Angelegenheit überdenke," hub Lucile an, "will's mir nicht wie Wirklichkeit, sondern wie ein Roman erscheinen. Meine Schwester ist nicht meiner Mutter Kind! Mein Vater führt die Entlarvung ihrer Geburt herbei! Ich sehe die Möglichkeit, Imgjor wirklich zu verlieren, sie hinausgehen zu sehen in die Welt als Predigerin des Umsturzes, zugleich als Frau eines Prestö, eines rachsüchtigen Fanatikers, eines Unwürdigen! Heute zweifeln Sie doch auch nicht mehr daran, daß der Mensch ein solcher ist, Graf Dehn?"

Zunächst wich Axel Luciles Fragen noch aus. Er wünschte einen anderen, ruhigeren Ort zu erreichen, um Lucile Mitteilungen zu machen. Erst als sie das Vorwerk erreicht hatten und sie hier in einen altmodisch bestellten, hinter dem Wirtschaftshaus befindlichen Garten traten, sagte er nach schicklicher Einleitung:

"Ich möchte Ihnen etwas sagen, Komtesse! Ich möchte Sie bitten, mir zu raten—"

Und dann eine von Ulmen eingefaßte Höhe besteigend und Lucile zum Niedersitzen auf einer hier befindlichen Bank auffordernd, berichtete er ihr, nachtragend, nicht nur von dem Gespräch, das zwischen ihm und Imgjor am Ballabend stattgefunden hatte, sondern auch von dem, was heute im Dorf geschehen war.

Seinem Vortrage hörte Lucile mit größter Spannung zu, und währenddessen verrieten ihre Mienen nichts anderes, als ein sachliches Interesse.

Als Graf Dehn aber die Frage aufwarf, ob es zur möglichen Wiedergewinnung und Umkehr Imgjors nicht Pflicht sei, den Inhalt der Briefe zu untersuchen, schüttelte sie den Kopf mit einer Miene, in der ausgedrückt war, daß sie den bloßen Gedanken schon nicht begreifen könne.

Aber noch etwas anderes kam in einem deutlich erregten, Luciles sonstigem ausgeglichenem Wesen nicht entsprechendem Tone zum Vorschein.


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