Chapter 4

"Sind Sie denn noch immer nicht kuriert, Graf Dehn? Ich sollte denken, daß Ihnen nach solchen Erklärungen doch der Geschmack vergehen und—pardon—Ihr Selbstgefühl Sie zurückhalten sollte, um meine Schwester zu werben! Sie wissen, wie ich über Imgjor, die ich auch ferner als mir zugehörig ansehe, denke. Mein Urteil über sie hat sich nicht verändert und kann sich nicht ändern, aber daß Sie beide nach all' diesen Vorgängen nicht für einander passen, daß Sie ebenso unglücklich werden würden, wie sie es mit Prestö sicher wird, erscheint mir ganz zweifellos."

Graf Dehn wurde durch diese Sprache sehr betroffen, so betroffen, daß er nicht einmal zu einem ausgleichenden, seine Empfindungen klarstellenden Gegenwort gelangte.

Was er sich bei früherer Gelegenheit wieder aus dem Sinn geschlagen, war in ihm diesmal zur Gewißheit geworden: Ein eifersüchtiges Interesse für seine Person hatte Lucile sprechen lassen! Aber er sagte sich auch, daß er eine große Thorheit begangen habe, sie abermals in seine Pläne einzuweihen, ja, daß er, da es geschehen, fortan auf Rankholm—ohne Luciles Freundschaft—einen unhaltbaren Stand haben werde.

Unter solchen Gedanken suchte Graf Dehn vergeblich nach einem Ausgleich.

Seiner Neigung und seinen Entschlüssen untreu zu werden, weil ein anderes weibliches Wesen ihn deshalb verurteilte, konnte nicht einmal Gegenstand seiner Ueberlegung sein.

Freilich hatte sich auch inzwischen wieder in Lucile eine Wandlung vollzogen.

Sie, die Stolze, die ihre Hand nur nach einer Fürstenkrone hatte ausstrecken wollen, bereute, sich so vergessen, sich so vor ihm bloßgestellt zu haben. Sie mußte deshalb darauf bedacht sein, ihm so rasch wie möglich die Eindrücke zu nehmen, die sie aus ihrer von ihrem Herzen gedrängten Unvorsicht in ihm hervorgerufen hatte. Niemals sollte er ein Recht haben, zu glauben oder gar zu behaupten, daß sie sich ihm genähert, durch ihre Haltung um ihn geworben habe. Mit diesem Augenblick, den er nicht benutzt hatte, ihr wenigstens einen Brosamen zu gewähren, erstickte sie mit ganzer Kraft ein für allemal ihre Gefühle für ihn, zwang sie sich, ihrer Natur aber auch insofern zu gebieten, als sie ungerechte oder gar feindliche Gesinnungen gegen den Mann, der sie verschmäht hatte, nicht aufkommen lassen wollte.

Infolgedessen sagte sie, sich zu äußerster Sachlichkeit auch im Ton zwingend:

"Mißverstehen Sie mich nicht, Graf Dehn! Wir würden an sich alle sehr glücklich sein, wenn Sie uns durch eine Verbindung mit Imgjor so nahe wie möglich rückten, wenn unseren bereits vorhandenen, warmen Beziehungen noch dieser Stempel aufgedrückt würde. Ich habe Sie nur in ihrem Interesse warnen wollen, nicht einem Phantom nachzujagen. Wenn Imgjor Ihnen dennoch ein Jawort geben würde, Sie vor schweren Enttäuschungen zu behüten. Ich will trotz meiner Ansichten, wenn Sie es wünschen, dennoch Ihre Verbündete sein. Nur stehen Sie davon ab, in solcher Weise den Knoten lösen zu wollen! Das, eben das würde eine Imgjor mit ihrem sein ausgeprägten Gerechtigkeitssinn Ihnen nie verzeihen. Es ziert Sie nicht. Nur einen Weg gäbe es—und daß wir ihn beschritten haben, müßte ein unverbrüchliches Geheimnis zwischen uns bleiben. Wir könnten Imgjor die Briefe zustellen. Sie mag dann thun, was ihr gutdünkt."

Durch diese Worte wurde Graf Dehnaufs angenehmste berührt. Während er sich schon der kummervollen Befürchtung hingegeben hatte, daß sie ihm seine Zurückhaltung mit Feindseligkeit lohnen werde, baute sie Brücken zu ihm, die von neuem von ihrer Klugheit, ihrem Takt, ihrer Erziehung und ihrer vornehmen Gesinnung Zeugnis ablegten.

Aber deshalb ward er auch gedrängt, nichts Unklares mehr zwischen ihnen bestehen zu lassen, auch seinerseits zu festen, guten Freundschaftsbeziehungen durch offene Bekenntnisse beizutragen.

"Ich danke Ihnen, danke Ihnen von ganzem Herzen, Komtesse," hub er an.

"Und gestatten Sie, daß ich auf alles, was Sie berührt haben, eine freimütige Antwort erteile. Unter normalen Verhältnissen würde mir wahrlich niemals auch nur der Gedanke kommen, ein Schriftgeheimnis zu verletzen. Ich betrachte es, gleich Ihnen, als ein Vergehen. Aber wir dürfen, wo es sich um die Wohlfahrt eines uns nahegehenden Menschen handelt, um ein Wesen, daß wir in dem Sinne lieben, daß wir unser eigenes Leben ihm opfern würden, Anschauungen und Bedenken, die sich uns sonst durch unsere Grundsätze aufdrängen, nicht aufkommen lassen. Wie im Kriege niemand die äußerste List verwerflich finden wird, um den Feind zu bezwingen, so giebt's Lebensverhältnisse, wo Gewohnheitsanschauungen zurücktreten müssen.

Ein Mann wird ein junges Mädchen nicht plötzlich umfangen und an sich pressen. Aber wenn es ins Wasser stürzt und die Fluten über ihm zusammenschlagen, hat der Retter das Recht zu einer solchen Berührung.

Also die Umstände entscheiden über die Handlungen. Die Dinge sind eben das, wozu jene sie machen und was wir durch unsere Auffassungen in sie hineinlegen.

Ich sage das alles, weil ich gerade von Ihnen—die meinem Herzen nach Imgjor am nächsten unter den Frauen auf der Welt steht—verzeihen Sie mir diese offene Sprache!—nicht falsch beurteilt werden will.

Und dann noch eins: Mich treiben mein Mitgefühl und meine Pflicht. Sie stehen mir über der Sicherheit, dadurch gerade alles, was ich wünsche, begraben zu müssen.

Mein Herz zittert schon, wenn ich denke, daß dieses schöne, edle, nur falsch beratene Mädchen unglücklich werden, daß sie einst weinen und schluchzen, daß ihre Seele in Nöten liegen könnte, daß ihr wirklich die fürchterliche Enttäuschung würde, die ich fürchte. Ein Mensch, wie Prestö, wird sein Weib, wenn es sich ihm nicht willenlos unterordnet, knechten, gar mißhandeln! Ich stelle mir vor, daß er solches thun könnte, und mein Inneres schwillt unruhvoll auf in grenzenloser Sorge und Mitleid um sie. Ich kann's nicht ändern. Ich liebe sie mit heißer Zärtlichkeit, und eben diese meine Liebe läßt mich handeln. Ich danke Ihnen im übrigen für Ihre Zustimmung. Vielleicht können wir die Briefe in ein Kouvert stecken, es mit verstellter Hand überschreiben und Imgjor zustellen."

Aber Lucile bewegte bei diesem Vorschlag die Schultern und zeigte eine zweifelnde Miene. Er gefiel ihr nicht.

"Nein, ich möchte anders raten, lieber Graf," hub sie an. "Was Sie vorschlagen, kann einen Verdacht auf Personen lenken, die gänzlich unschuldig sind. Das Verfahren kann auch dem Postboten Unannehmlichkeiten bereiten. Ich meine so: Ich gehe zu meiner Schwester, sage ihr, daß Briefe für Prestö mit in unsere Post geraten seien, und überlasse es ihr, durch Oeffnen ihr Schicksal zu entscheiden oder sich zu bescheiden. Freilich ist auch das nicht ganz der Wahrheit entsprechend, aber wir handeln so am ehrlichsten."

"Ja, so ist es gut, so ist's noch besser, Komtesse! Auch dafür danke ich Ihnen!" stieß Graf Dehn belebt und einen Blick ehrerbietiger Bewunderung auf das junge Mädchen richtend, heraus.

"Immer entscheiden Frauen richtig!"

Ungleich beugte sich Graf Dehn auf Luciles Hand herab und drückte einen Kuß darauf. Und Lucile schoß, obschon sie dagegen kämpfte, ein Blutstrom in die Wangen, und sie zitterte heftig.

Sie liebte den Mann, und sie litt, weil er sie verschmähte, schwereQualen.

* * * * *

Wieder saßen sie alle abends im Schlosse Rankholm beisammen, und abermals war von nichts anderem die Rede als von Imgjor.

Und jetzt beschäftigte sie ausschließlich der Inhalt der Unterredung, die zwischen dem Grafen Knut und Prestö stattgefunden hatte. Jetzt eben erhob sich nach sehr lebhaften Erörterungen Graf Lavard und sagte, zugleich diese Gelegenheit zu einem Bekenntnis ergreifend:

"Gewiß! Als ich neulich Imgjor in solcher Weise begegnete, riß mich der Zorn hin, und im Zorn traf noch niemand das Rechte. Aber ich erkläre auch jetzt aufs Entschiedenste nochmals, daß ich auf meinen Bedingungen beharre. Also das, lieber Graf, ist meine, durch nichts zu erschütternde Antwort. Und Herrn Prestö nochmals oder jemals überhaupt wieder zu empfangen, lehne ich definitiv ab! Und nun, liebe Merville, bemühen Sie sich zu Komtesse Imgjor hinauf und bitten Sie sie, zu erscheinen. Sie soll hören, was ich zu erwidern habe, und ich will nun gleich ihr letztes Wort vernehmen—"

Aber jetzt erlaubte sich Graf Dehn auf den Grafen einzusprechen.

Indem er sich der vollen Kunst seiner Gewandtheit bediente, bat er ihn inständig, heute noch keine Entscheidung zu treffen, Imgjor noch eine größere Frist zu gewähren. Er wisse, daß erst in diesen Tagen Imgjor Aufklärungen über das Verhältnis Prestös zu seiner bisherigen Braut empfangen werde. Imgjor sei deshalb noch gar nicht in der Lage, eine bejahende oder verneinende Antwort zu erteilen. Und zum Grafen Knut gewendet, den immer noch ein Interesse für Prestö beherrschte, und der solches auch bei dieser Gelegenheit an den Tag gelegt, fragte er:

"Hat Ihnen Prestö nicht auch dergleichen gesagt, Herr Graf? Oder hat er behauptet, daß seine Beziehungen zu seiner Braut völlig gelöst seien?"

"Nein und ja," entgegnete der Graf. "Es war dies der einzige Punkt, der mich etwas stutzig machte. Er entgegnete auf meine Frage, ob er Komtesse Imgjor unter allen Umständen heiraten wolle, daß er darauf heute nicht antworten könne. Ohne Zustimmung der Eltern sie aus dem Hause zu reißen, widerstrebe doch seinem Empfinden—"

"Ah—ah—oder vielmehr seiner habsüchtigen Seele!" fiel Graf Dehn verächtlich ein.

"Also eine Hinterthür läßt er sich doch offen! Wahrlich, Sie handeln lediglich in Komtesse Imgjors Interesse, wenn Sie, ihr jeden Vermögensanspruch verweigern zu wollen, vorgeben, Herr Graf—" hier wandte sich Axel an den Hausherrn. "Ich möchte jetzt beinahe einen Eid darauf ablegen, daß Prestö selbst zurücktritt."

* * * * *

Im Rankholmer Schloß lagen, wie früher erwähnt, die dem täglichenGebrauch dienenden Gesellschaftsgemächer nach der Parkseite hinaus. ImFlügel zur Linken, wo im Zwischenturm Imgjor wohnte, dehnten sich dieFesträume, und im Flügel rechts, ebenfalls mit dem Ausblick nachKneedeholm, befanden sich die Privatzimmer des Grafen.

Als Lucile in der Absicht, Imgjor die Briefe von Prestös Braut einzuhändigen, vor dem Abendessen aus ihrem Zimmer trat, gab ihr der ihr begegnende Frederik auf ihre Frage, ob sich die Komtesse auf ihrem Zimmer befinde, die Antwort, daß sie nach Tisch das Schloß verlassen habe und noch nicht zurückgekehrt sei. Aber während Lucile nach Frederiks Entfernung noch unschlüssig dastand, tauchte gerade Imgjor, welche die Haupttreppe von der Schloßhofseite her emporgestiegen war, auf dem Flur auf. Sie begrüßte Lucile durch eine kurze Verneigung des Kopfes, wandte sich dann aber sogleich, ohne Anrede, dem Korridor zu.

"Ich möchte dich gern sprechen, Imgjor!" hub Lucile, sich Imgjor nähernd, an.

"Wenn's dir genehm ist, treten wir in mein Zimmer—Ich bitte—!"

"Was ist denn?" fiel ihr Imgjor in einem müden Ton in die Rede. "Willst du mich auch belehren, Lucile? Es ist besser, du stehst davon ab! Ich kann dir und euch allen jetzt keine Antwort erteilen. Jedes Sprechen ist nutzlos. Heute werde ich Prestö sehen, und von dem Ausfall seiner Erklärungen ist die abhängig, welche ich euch geben werde."—Und dann in einem veränderten Ton: "Ach—glaube mir, Lucile—ich leide! Ich nehme die Dinge nicht leicht, ich bestehe einen schweren Kampf. Aber ich kann doch nicht anders!"

Und dann brach sie in ein stilles Weinen aus—auch lehnte sie sich plötzlich—des Ortes nicht achtend—an Luciles Brust.

"Komm, Imgjor, meine Imgjor! Nicht hier! Tritt zu mir herein! Wir wollen dort weitem reden. Ah—ah—wie du fassungslos bist! Arme, liebe Seele!"

Unter solchem Zuspruch zog Lucile Imgjor ins Wohngemach, hieß sie dort sich ans Fenster setzen, rückte gleichfalls einen Stuhl herbei, ergriff der noch immer heftig Schluchzenden Hände, hielt sie fest und sah ihr liebevoll in die Augen.

"Ich bitte dich—" redete sie auf sie ein—"sprich dich einmal ordentlich aus! Sieh mich an als deinen besten Freund! Wahrlich, Imgjor, ich denke nichts anderes als dein Glück. Aber sei gerecht! Thust du nicht selbst alles, um es zu verscherzen?"

"Ich muß so handeln, wie meine Natur es verlangt, Lucile! Ja, wenn's etwas Schlechtes wäre! Ich will aber doch nur Gutes. Und daß ich den Doktor liebe, kann ich dafür? Man folgt seinem Trieb und Herzen, und soviel man auch Vernunft zu Hilfe nimmt, man vermag ihrer Gewalt nicht zu widerstehen. Was ich will, sagte ich dir: Ich will Prestö nochmals auffordern, mir die Beweise zu geben, daß er frei ist. Ich will ihn fragen, ob er auch dann zu mir halten will, wenn mich Papa verläßt.—In allen Fällen reise ich, wenn er es erlaubt, mit euch nach Kopenhagen. Wer weiß, ob sich mein Schicksal nicht bereits heute entscheidet. Ich bin—plötzlich—selbst—irre—geworden.—Vielleicht liebt er mich gar nicht—wollte er nur mein Geld—wie all' die anderen—"

Abermals brach die Stimme, abermals kürzten Thränen aus den Augen des schönen Mädchens.

Die Rinde, die sich um ihr Herz gelegt hatte, war geborsten.

Nun, in diesem Augenblick glich sie einem bedrückten Kinde, das ganz Gefühl ist, das nach Trost und Hilfe sehnsüchtig verlangend die Hände ausstreckt. Die Starrheit, der Trotz, der unbeugsame Wille waren gebrochen.

Und da schien denn Lucile der Augenblick gekommen, um mit ihren Plänen hervorzutreten.

Indem sie Imgjor zärtlich in die Arme nahm, sagte sie:

"Höre, Imgjor, was ich dir sagen wollte, und lasse mich dir wiederholen, wie wir alle übereinstimmend denken: Papa wird dir keinerlei Hindernis in den Weg legen, auch in Ankunft dein edles Menschentum zu bethätigen. Er will nur nicht, daß du dich in den Dienst jener Beglückungsideen stellst, die er und die alle Ruhigdenkenden als verderbliche betrachten. Von Prestö haben wir sämtlich, auf unsere Eindrücke gestützt—ich wiederhole dir's—die ungünstigste Meinung. Die Unterredung zwischen ihm und Graf Knut ist resultatlos verlaufen. Papa will sich auf nichts einlassen. Dich nun also zu überzeugen, daß Prestö deiner nicht wert, halten wir für unsere Pflicht und Aufgabe. Unsere Liebe diktiert unsere Schritte. Ich bin zufällig in den Besitz von Zuschriften gelangt, die Prestös Braut an ihren Verlobten gerichtet hat. Sie sind durch den Briefträger zwischen unsere Postsachen geraten. Das junge Mädchen heißt doch Ingeborg Jensen, nicht wahr?"

"Ja—ja—gewiß! Allerdings! Und du hast diese Briefe? Und du hast sie gelesen?"

"Nein, Imgjor, ich habe sie nicht geöffnet. Ich fand sie, wie gesagt, und nahm sie an mich und behielt sie, da ich den Namen Ingeborg Jensen aus Kopenhagen als Absenderin darauf vermerkt fand. Auch das trifft zu, nicht wahr? Sie ist doch in Kopenhagen?"

Imgjor rückte den Oberkörper und nickte. Ihre Hände aber griffen, indem sie die Frage Luciles stumm bestätigte, nach den Schriftstücken.—

"Sieh', Imgjor, wenn du sie öffnet, so wirst du erfahren, wie die Dinge liegen; du wirst wissen, ob Prestö dich täuschte—oder ob er wenigstens in diesem Punkte ehrlich war. Ich rate: Lies sie und darnach entscheide! Mir ahnt es—diese Probe wird dich heilen!"

Zunächst gab Imgjor keine Antwort. Nur Laute der Erregung drangen aus ihrem Munde.

"Also doch—doch—in Kopenhagen, und mir sagte er—" stieß sie gegen ihren Willen heraus. Dann prüfte sie, ihre Thränen trocknend, das Kouvert und den Absendervermerk und sagte nach kurzem Nachdenken fest: "Nein, Lucile, niemals werde ich fremde Briefe öffnen! Wenn ich mich solcher Mittel bediene, bin ich der Freundschaft eines Ehrenmannes nicht wert. Ich halte Prestö auch jetzt noch für einen solchen, wenn er auch vielleicht um seiner Liebe, um der höheren Zwecke willen, mir mehr beschwichtigende, als wahre Erklärungen gegeben hat. Vielleicht wußte er's selbst nicht besser; vielleicht glaubte er, daß seine Braut nicht mehr in Kopenhagen sei.

Aber ich will etwas anderes thun: Ich will ihn auffordern, die Briefe in meiner Gegenwart zu öffnen und mir vorzulesen.

Ist er der, für den ich ihn halte, entspricht ihr Inhalt dem, was ich voraussetze, so wird er keinen Augenblick zögern, meiner Aufforderung zu entsprechen.—Sträubt er sich aber—nun so—" Sie unterbrach sich, richtete den Blick geradeaus und schluchzte:

"O, lieber Gott, erlöse mich doch von diesen fürchterlichen Zweifeln!Zeige mir den rechten Weg!"

Und wieder innehaltend und Lucile mit einem traurigen Blick anschauend, sagte sie:

"Nicht wahr, Lucile, du liebst den Grafen Dehn? Ich bitte dich, schenke mir dein Vertrauen, sei auch du so aufrichtig, wie ich es in dieser Stunde gegen dich gewesen bin!"

"Weshalb befragst du mich darum, Imgjor?"

"Weil ich diesen Mann niemals heiraten werde, ihn aber doch für so wertvoll halte, daß ich ihn dir von ganzem Herzen gönne. Nähere dich ihm, suche sein Herz! Ich will dir dadurch helfen, daß ich entweder Prestös Gattin werde oder mich euch für immer entziehe. Mir bleibt dann ein anderer, herrlicherer Bräutigam. Mein Bräutigam soll—" hier flammte des Mädchens Auge begeistert auf—"auch ferner die leidende Menschheit sein! Kann ich nicht im Großen wirken, so will ich ein Freund, ein Retter, ein Helfer der verschämten Armen, der vielen Elenden und Kranken werden. Ich will zu denen mich begeben, von denen ich ausging. War mein Vater ein Mann aus dem Volke, sank er,—einer von den Tausenden, welche Elend und verkehrte Erziehung auf Abwege führten—, so will ich versuchen, meine gleich bedrängten Mitmenschen vor Gleichem zu bewahren, will als Kind meiner Eltern in solcher Weise ihre Fehler nach Kräften sühnen. Ich weiß, der gerechte und barmherzige Schöpfer wird mir zulächeln, wird meine That mit Erfolg krönen! Und ich bitte dich, Lucile, gieb mir Antwort auf meine Frage: Liebst du Axel Dehn—?"

Einen Augenblick zögerte Lucile noch. Sie schob den Kopf zurück und drängte die Lippen zusammen. Dann sagte sie:

"Nun wohlan, Imgjor: Ja, ich liebte ihn! Aber er hat mich nicht gewollt, mich gar zurückgewiesen. Und das vergißt eine Lavard nie! Verschmähst du ihn—ich habe seit dem heutigen Tage für immer auf ihn verzichtet—"

Imgjor sah Lucile an und forschte in deren verschlossenen Zügen.

Blässe war auf ihre eigenen Wangen getreten. Es blieb unentschieden, was sie dachte, wie die Worte Luciles auf sie gewirkt hatten. Bevor sie sich aber trennten, umarmte sie ihre Schwester in heftiger Bewegung, neigte sich zu ihr und küßte sie wie ein Mensch, den das Uebermaß des Gefühls verhindert, zu reden.

* * * * *

Am nächsten Spätnachmittage empfing Imgjor, im Einverständnis mit ihrerMutter, den Doktor Prestö im Wegwärterhäuschen.

Heute eilte sie ihm nicht entgegen. Sie saß, das Haupt auf die Hand gestützt, am offenen Fenster und starrte hinaus. Einer bemerkte sie, Graf Dehn. Wissend, daß heute die Zusammenkunft mit Prestö stattfinden werde, hatte er sich nach einem vorhergegangenen Spaziergang dahin begeben, und sah Imgjor dort sitzen.—

Prestös Eintritt entriß sie ihren trüben Gedanken. Unruhig ging's durch ihre Glieder, ihr Herz klopfte stürmisch. Sie wußte es, daß jetzt die Entscheidung kommen würde.

Aber in Prestö war bereits alles gefestigt. Das unbedacht geschlosseneBündnis wieder zu lösen, beschäftigte ihn allein.

Graf Knut hatte ihm einen Brief gesandt. Durch dessen Inhalt war er belehrt worden, daß Imgjor nichts zu erwarten habe, daß ihm die Zukunft, hielt er an ihr fest, eine unerträgliche Last aufbürden werde.

In solcher inneren Verfassung hatten beider Mienen etwas äußerst Unfreies. Prestö knüpfte sogleich an die Zeilen des Grafen Knut an. Er erzählte ihr, was sie schon von Lucile wußte, und gab sich sehr bedrückt.

"Was ist uns Geld und Gut, wenn wir einigen Herzens sind, Erik!" fielImgjor ein.

"Gewiß, den großen Zielen, die wir verfolgen wollen, ist ein Hemmschuh angelegt. Aber es bleibt uns das lebendige Wort für die Sache, dadurch für das große Werk zu wirken, es zu fördern!"

"Wirst du aber gegen den Willen der Deinigen dich aufraffen können, Imgjor? Wird dir nicht die Reue kommen? Alle Brücken brichst du hinter dir ab! Hier in Kneedeholm können wir nicht bleiben. Ich muß erst einen neuen Wirkungskreis suchen, wieder einen Erwerb finden. Dann erst können wir an eine Verbindung denken. Was willst du in der Zwischenzeit beginnen? Wir sollen beide leben! Ich bin ohne Mittel! Deshalb betonte ich die Notwendigkeit, deinen Adoptivvater wenigstens zur Herausgabe eines Bruchteils seines Vermögens zu bewegen. Nach des Grafen Knut Bericht wird er sich dazu nicht verstehen. Was aber soll dann werden?"

Imgjor hatte Prestö mit starrem Ausdruck zugehört. So kalt, so nüchtern, so voller Bedenken hatte er gesprochen, so gefühllos das alles vorgebracht! So ganz anders hatte nun, da sie ein armes Geschöpf war, ärmer als irgend eine Bauerstochter in Kneedeholm, seine Rede gelautet! Statt der bisherigen stürmischen Worte, statt des zärtlichen Flehens, statt der Beteuerungen und Bitten, ihm zu folgen, ihm zu glauben und zu vertrauen, alles leicht zu nehmen, nur ihr künftiges Glück und die großen Ziele ins Auge zu fassen—saß nun ein feiger Schwächling ihr gegenüber. Ach, noch weit mehr! Und diese furchtbare Erkenntnis trieb ihr das Blut gegen das ohnehin erregte Herz.

Jedes Wort hatte die Absicht verraten, sie so rasch wie möglich wieder von sich abzuthun, rückgängig zu machen, was er hundertfältig beteuert hatte.

Dennoch beschloß sie, zu ihrer völligen Heilung den Becher auszukosten.

Sie sprach, sich zur Fassung und zu einem freundlichen Gleichmut zwingend:

"Ich denke anders als du, Erik! Liebe kennt keine Berge und Abgründe. Sie überwindet alles. Ich würde jegliches geduldig auf mich nehmen, wüßte ich mir dadurch den Sieg zu erringen. Aber du bist nicht frei, es sei denn, daß der Inhalt dieser Briefe—" hierbei zog sie die Zuschriften seiner Braut hervor—"Klarheit in deine Angelegenheit bringt."

Nachdem sie dies vorausgesandt, auch gleich eine Erklärung hinzugefügt hatte, auf welche Weise sie in den Besitz der Schriftstücke gelangt sei, bat sie ihn, sie zu öffnen und den Inhalt vorzulesen.

Mit Augen, die nur zu deutlich seine ungeheure Verwirrung verrieten, sah Prestö auf die beiden Briefe. Aber ebenso rasch umspielte ein verächtlich überlegener Zug seine Lippen.

"Das ist gar nicht Ingeborgs Handschrift. Sicher hat ein Schuft irgend ein Bubenstück ersonnen, darauf berechnet, deine Meinung über mich irre zu führen! Und ein sehr plumpes ist es zudem, da diese Briefe von Kopenhagen adressiert sind, während meine Braut, wie ich dir sagte, gar nicht mehr dort ist, sondern sich irgendwo in Frankreich befindet."

Im ersten Augenblick wurde Imgjor bei dieser sicheren Sprache stutzig. In ihrem Herzen wollte es noch einmal aufkeimen; der niederschmetternde Eindruck seiner kühlen Sprache von vorhin wich, eine selige Hoffnung bemächtigte sich ihrer. Aber dann sah sie ihm wieder ins Angesicht, und was sie darin erblickte, das belehrte sie ebenso rasch eines anderen.

Er öffnete, da er sich durch ein Erheben unbeobachteter glaubte, mit derselben Unruhe, die sie vorher an ihm wahrgenommen, einen der Briefe, und sie sah in seinen Zügen ein jähes Erschrecken schon beim Lesen der ersten Zeilen.

Und da kam ihr ein Entschluß!

Durch eine zutraulich gelassene Miene von ihm die Erlaubnis zum Studium des Schreibens erzwingend, löste sie das Kouvert, nahm das mehrere Seiten umfassende Schriftstück heraus und durchflog den Inhalt.

Und als sie dann die Lektüre beendet hatte und in demselben AugenblickPrestö, die Komödie fortsetzend, in Worten der Empörung über den GrafenDehn ausbrach, sprang Imgjor, ihrer Empfindungen nicht mehr Herr, emporund richtete einen von Verachtung erfüllten Blick auf den Mann.

"Genug, genug! Nicht noch mehr des fürchterlichen Spiels der Lüge und der Vernichtung meines Herzens!" brach's aus ihrem Munde hervor. "Füge der Schändlichkeit der doppelten Untreue, der Berechnung und unlauteren Gesinnung, füge der Entwürdigung deiner selbst nicht noch eine neue hinzu!—Wisse denn: Diese Briefe sind keine Fälschungen! Den Betrug, die Verworfenheit begingst du, indem du ihre Echtheit leugnetest! Das, was hier geschrieben steht, was durch die Thränen eines fürchterlichen Schmerzes fast verwischt wurde, ist das unverfälschte Produkt der Zuckungen einer verratenen Seele. Dennoch hätte ich dir das vergeben, dennoch wäre ich friedlich von dir geschieden, dennoch wärest du ohne Vergeltung durchs Leben gegangen, wenn du nicht jetzt, in dieser heilig ernsten Stunde, mit solcher Larve mich zu betrügen, auf andere einen Verdacht zu werfen gesucht hättest. Das war die Handlung einer niedrigen, erbärmlichen Natur. Das und deine zögernde, bedenkliche Sprache von vorhin, beweisen mir, daß du nichts anderes warst und bist, als ein berechnender Egoist, ein Komödiant, daß du alles und jegliches, Liebe für mich und Enthusiasmus für die großen Ideen nur heucheltest, um mein Geld an dich zu bringen! So, und nun gehe! Was dir werden soll, werde ich überlegen! Nach deinem Verhalten werde ich das Maß abmessen!"

Aber was Imgjor erwartete, geschah nicht.

Statt Erschütterung oder gar Zorn an den Tag zu legen, bewegte Prestö den Kopf und machte eine Miene, als ob eine arme, kranke Irre soeben geredet habe.

"Wenn Sie glauben, daß Sie sich in mir getäuscht haben, Komtesse Lavard, so bin ich noch weit mehr enttäuscht. Auf bloße Eindrücke hin fällen Sie Urteile und bedienen sich gegen einen Ehrenmann einer Sprache, die, wäre sie aus dem Munde eines Mannes gedrungen, nur hätte durch den Degen die verdiente Zurückweisung erfahren können. Ich hielt Sie für ein edles Wesen. Ihre gelegentlichen Schroffheiten betrachtete ich als das Unvermögen, der Entrüstung über die die Welt erfüllenden Ungerechtigkeiten Herr zu werden, als ein Ergebnis Ihres zielbewußten, von Grundsätzen getragenen Charakters. Was soll mir im ehelichen Zusammenleben werden, wenn Sie jetzt schon eine solche Sprache führen, wenn Sie so wenig Ihr Ich zu beherrschen vermögen? Ich wiederhole, daß diese Briefe nicht von meiner ehemaligen Braut geschrieben wurden. Ich erhebe dafür die Hand zum Schwur. Das sage ich nicht zu meiner Rechtfertigung—ich habe mich nicht zu rechtfertigen—sondern um meinen Entschluß zu begründen, dennoch auf Ihre Hand zu verzichten. Die Stellungnahme des Herrn Grafen macht ohnehin—ich wiederhole früher Gesagtes—vor der Hand eine Verbindung unmöglich. Wenn ich alle Stationen mit Ihnen auch durchmessen wollte, ich sehe, daß wir scheitern müssen, weil die Macht, der Einfluß und das Geld, jene Gewalten, die ich hasse und seit meiner Jugend schon bekämpft habe, zu mächtig sind. Diese Scene aber hat mich belehrt, daß Sie eine andere sind, als ich mir gedacht habe. Ohne Vertrauen, ohne Mäßigung ist ein Bündnis ein Unding. Es war eine Prüfung, es war ein Versuch, der gegen Sie ausschlug.—Leben Sie wohl! Ich trage Ihnen nichts nach. Sollten Sie aber auf Ihren leidenschaftlichen Vergeltungsplänen beharren, so darf ich Ihnen ins Gedächtnis zurückrufen, daß ich kein Knabe bin, daß ich mit einem irregeführten weiblichen Wesen leicht fertig werde!"

Nach diesen Worten wollte sich Prestö entfernen. Aber sie, die ihm zugehört und dagestanden, als ob sich ihr Körper in Stein verwandelt habe, sagte nach tiefem Atemholen:

"Waren diese Briefe nicht von Ihrer Braut, so sind Sie von dem Vergehen dieser Vorspiegelung entlastet! Ich glaube Ihnen aber nicht und werde forschen. Eine andere Hand mag sie geschrieben haben, der Inhalt stammt von ihr. Behalte ich aber recht, spielten Sie auch diese Komödie, die mit Liebesschwüren begann, auf Lüge sich weiter baute, und die Sie nun, weil meine Armut Sie enttäuschte, noch eben wieder in plumpester Art erneuerten, indem Sie sich den Mantel der Unschuld umhängten und die plötzliche Erkenntnis meines Unwertes als Vorwand nahmen—so will ich Gott anflehen, daß Sie Ihre Strafe dafür finden mögen! So, und nun ersuche ich Sie, sich zu entfernen! Dies ist mein Gebiet und mein Heim! Noch heute schließe ich gegen Sie meine Thür und mein Herz. Sie haben alle Rechte an Imgjor, genannt Imgjor Lavard, verloren, aus diesem Spiel davongetragen nur ihre Verachtung und—waren Sie ganz ein Schurke—ihren Haß!"

So endete Imgjor, die Hand ausstreckend; und er, der Mann, der noch vor wenigen Tagen erklärt hatte, daß nie einer ein weibliches Wesen so selbstlos geliebt habe, daß ihm das Leben nichtig und wertlos ohne ihren Besitz sei, verließ, kalt verächtlich auf sie herabblickend, das Gemach.—

* * * * *

Da Imgjor in den letzten Tagen ihrer Familie fern geblieben war, erschien's nicht auffallend, daß sie sich auch an dem dieser aufregenden Scene folgenden Tage zurückhielt.

Sie war erst gegen Morgen in einen durch seelische Erschöpfunggeförderten langen, bleiernen Schlaf gesunken, und als sie um dieMittagsstunde erwachte, war ihr Gemach erfüllt von leuchtendemHerbstsonnenschein.

Aber mit dem Wiedereintritt in die Welt der Wirklichkeit stürmten auch die schweren Gedanken auf sie ein, und von der Erinnerung an das am vergangenen Tage Geschehene überwältigt, starrte sie vor sich hin.

So war denn nun das Band zwischen ihr und jenem Manne dennoch und endgiltig zerrissen; so hatte doch der recht behalten, der sich gegen ihren Willen in ihr Leben gedrängt hatte! Noch mehr: Alle hatten recht behalten, und so rasch hatte sich die Prüfung der Unwürdigkeit Prestös vollzogen, daß zunächst nur der schamvolle Gedanke sie beherrschte, ihrer Umgebung die Thatsache zu verheimlichen.

Plötzlich war alles anders geworden.

Die Enthüllung ihrer Geburt hatte sie belehrt, daß sie geringere Rechtebesaß als Lucile, in der sie eine Schwester zu sehen sich gewöhnt hatte.Plötzlich war sie eine nur Geduldete da, wo sie bisher das LavardscheScepter geschwungen.

Ihrer Pflegemutter hatte sie sich demütig unterzuordnen, statt ihr wie bisher mit stummer oder offener Auflehnung zu begegnen. Da sie sich verdeutlicht hatte, mit welcher Selbstentäußerung diese an ihr, dem Adoptivkinde, gehandelt, verwandelte sich ihre Minderachtung in Hingebung und Bewunderung. Aber gerade aus all diesen Ursachen und weil sie ein heftiges Unmutsgefühl gegen ihren Pflegevater ergriffen, deshalb sich ihrer bemächtigt hatte, weil sie sich sagte, daß er einer Lucile niemals so hart, so grausam begegnet sein würde, daß nurihrdas geworden, weil er sie als eine Halbwürdige betrachtete—verstärkte sich in ihr der Entschluß einer Trennung von den Ihrigen.

Zudem vermochte sie sich durch eine andauernde Entfernung von der Familie der Gefahr zu entziehen, dem Werben des Grafen Dehn dennoch zu unterliegen. Ihr Stolz verbot ihr, ihm je zu zeigen, daß sie etwas für ihn empfand. Sie wollte eine Liebe zu dem nicht aufkommen lassen, der sie sein Uebergewicht in solcher Weise hatte fühlen lassen.

Auch war ihre Begeisterung für die große Sache trotz der gemachten Erfahrungen nicht vermindert. Diese Erfahrungen mußten sie, wie sie sich sagte, nur von neuem belehren, wie sehr den Besitzenden zu mißtrauen sei.

Die Armen und Elenden würden sie niemals enttäuschen, und wenn doch, so verdienten sie lediglich Mitleid, weil ihnen die Erziehung nicht wie jenen geworden, weil ein zarteres Empfinden ihnen erst eingeflößt werden müßte.

Sie wollte in ihren Pflegevater dringen, ihr eine Freiheit zu gewähren, in der sie wenigstens im Kleinen ihre Menschenliebe zu bethätigen vermochte, sie wollte ihn zwingen, sie abzulösen von Verhältnissen, die ihrer Natur zuwiderliefen. Sie wollte nicht in Prunkgemächern wohnen, sie wollte keine Genüsse, keine kostbaren Gewänder und Vergnügungen. Sie wollte überhaupt keinen Ueberfluß, sondern ein auf Arbeit und hilfreiches Menschentum gerichtetes Leben. Sie erstrebte Beschäftigung mit edlen Dingen, mit der Natur und den feineren Regungen des Menschengeistes.

Und Kopenhagen, die Großstadt, erschien ihr als der rechte Ort dafür.

Dort wollte sie wohnen, um es zunächst kennen zu lernen, und dazu war jetzt, wo die Abreise vor der Thür stand, die beste Gelegenheit geboten. Zuvor aber wollte sie noch völlige Klarheit über das zu erlangen suchen, was zwischen der Gegenwart und der für sie dunklen Vergangenheit lag.

Unter solchen Erwägungen wurde geklopft, und Lucile trat zu ihr insWohngemach.

"Nun, meine liebe Imgjor," hub Lucile an und umarmte ihre Schwester sanft, "wie ist's verlaufen? Lasse uns unser Vertrauen fortsetzen! Mache mich glücklich und sage mir, daß du Prestö nach Einsicht in die Briefe den Bescheid erteilst hast, den wir alle herbeisehnen!"

In Imgjor erhob sich bei diesen Worten ein schwerer, innerer Kampf.

Sie sollte von ihrem Thron herabsteigen, sie sollte gestehen, daß ihre Menschenkenntnis nur allzu winzig, daß ihr stolzes Selbstgefühl nur allzu unberechtigt gewesen.

Sich seiner selbst zu entäußern, sich seiner Hoheit um der bloßen Wahrheit, statt um eines Vorteils willen, zu entkleiden, erfordert einen starken, sittlichen Fond, ein besonders stark entwickeltes Rechtsgefühl.

Imgjor fand das, was ihrer zwiefältigen Natur entsprach. Sie gab derWahrheit die Ehre und wahrte ihren Stolz.

Zunächst überwältigte sie allerdings ein machtvolles Gefühl.

Sie warf sich wie jüngst, einem Kinde gleich, an die Brust ihrerHalbschwester und brach in ein anhaltendes Schluchzen aus.

Dann schob sie den Körper zurück und sagte: "Aus irgend einem Grunde habe ich mich für eine Lösung meiner Beziehungen zu Prestö entschieden. Erweise mir darin deine Liebe, Lucile, daß du mich nach den Gründen nicht fragst. Sei eine Fürbitterin bei deinen Eltern, die auch mir Eltern waren, daß auch sie die Angelegenheit nicht ferner mehr berühren. Hilf mir, teure Lucile, daß meine Bitten erhört werden! Ich habe mehr denn je die Sehnsucht, Rankholm zu verlassen und mich irgendwo, fern von hier, nützlich zu machen. Will dein Vater mir zu solchen Zwecken keine Mittel zur Verfügung stellen, so möge er mir wenigstens das gewähren, was er bisher für meine Ausbildung aufwendete. Fräulein Merville hat ohnehin die Absicht, in ihre Heimat zurückzukehren. So möge er mir die für sie verausgabte Summe bewilligen und dieser etwa noch so viel hinzufügen, daß ich auf eigenen Füßen zu stehen vermag!"

Lucile, die mit glücklichen Mienen zugehört hatte, nickte rasch und bereitwillig.

"Ich will alles thun, Imgjor! Ich will schon deshalb und in weit größerem Umfange deine Wünsche befürworten, weil ich hoffe, daß dieser Austritt ins Leben dich gänzlich heilen wird, daß du einsehen wirst, daß es kein undankbareres Geschäft giebt, als seine Nebenmenschen ohne ihre Anforderung glücklich machen zu wollen. Also, das möge dich nicht bekümmern, Imgjor, und wenn du sonst noch—"

"Ja, noch etwas, Lucile: Bitte deinen Vater, daß er mir die Aufklärungen über meine Geburt nicht vorenthält. Ich muß jetzt alles wissen—"

Lucile versprach auch das. Dann warf sie zögernd hin:

"Und Graf Dehn, was wird's mit ihm?"

Imgjor preßte die Lippen zusammen. In ihren Augen erschien ein Ausdruck von Schmerz und Trotz, durch dessen Einwirkung sich die Lider unwillkürlich schlossen. Und dann sprach sie in einem unbeugsam kalten Ton:

"Sage ihm, daß ich auch ferner darauf verzichten muß, in eine engereBerührung mit ihm zu treten und daß eher über Nacht das RankholmerSchloß im Walde von Mönkhorst emporsteigt, als daß ich sein Weib werde!"

* * * * *

Ueber zwei Jahre waren seit diesen Ereignissen verflossen, als an einem kalten, nebligen Märzmorgen eine wie eine barmherzige Schwester gekleidete junge Dame den Weg in die Kopenhagener Vorstadt Oesterbro nahm. In ihren Augen lag jener Verzicht auf irdisches Glück, jene milde Ruhe und sanfte Ergebung, die nur in den Gesichtern derer beobachten, welche sich dem Werke der Barmherzigkeit gewidmet und vielleicht die Hoffnung auf das, was ein Frauenherz bis zu einem gewissen Alter noch erfüllt, zwar nicht völlig aufgegeben haben, deren Erfüllung aber mit den gleichen Augen betrachten, mit denen der Erfahrene irgend einem Zufall vertraut.

Sie können so existieren; sie finden Befriedigung in der Pflichterfüllung, sie sehen die dankbaren Blicke der Kranken auf sich gerichtet, sie finden den köstlichsten Lohn, der einem Menschen durch seine Thätigkeitstreue werden kann, in der Wiedergenesung ihrer Pflegebefohlenen.—

Vor einem alten, großen Dreieckhause mit vielen kümmerlichen Fenstern und schiefen Mauern hemmte sie den Schritt, bog in einen neben diesem befindlichen Gang ein und öffnete die Thür eines hinten auf dem schmutzigen Hofe befindlichen Nebenhäuschens.

Seine Räume bestanden aus einer winzigen Vorder- und Hinterstube, die einem alten Ehepaar als Wohn-, Schlafzimmer und Küche dienten. Vorn in dem Wohnzimmer, das nichts anderes enthielt, als ein paar karge Vorhänge vor den Fenstern, einen Tisch, eine Kommode, einen Ofen und einen alten Lehnstuhl, saß in letzterem eine erblindete, alte, hilflose Frau, und jetzt eben verdunkelte ein solcher erstickender Petroleumdampf das Gemach, daß Imgjor Lavard, wie sie auch ferner noch vor der Welt hieß, unwillkürlich zurückprallte.

"Um's Himmelswillen, Frau Ohlsen, was haben Sie denn gemacht?" stieß Imgjor beunruhigt heraus. Gleichzeitig öffnete sie die Fenster und ließ frische Luft hereindringen.

"Was ist denn? Was ist denn?" tönte der Alten Stimme zurück.

"Merken Sie es nicht? Das Zimmer ist voll Rauch. Sie hätten ja ersticken können!"

"Ich hab' mir was Warmes gemacht. Ich fror so schrecklich. Ich hab' dann die Maschine wohl zu hoch geschraubt—"

Imgjor nickte, obschon die Blinde sie nicht sehen konnte. Sie ließ auch diesen Gesprächsgegenstand fallen und fragte mit gewohnter Milde:

"Nun, wie geht's heute, Frau Ohlsen? Haben Sie besser geschlafen?"

"Ein bischen, Fräulein. Heute morgen hab' ich aber wieder so schreckliche Schmerzen in den Füßen."

"So werde ich sie wieder einmal einreiben, arme Alte! Nachher, wenn ich fertig bin, mache ich mich daran!"

Nach diesen Worten entledigte sie sich ihres Hutes und Umhanges und begab sich gleich einer Dienstmagd an das Reinigen der Wohnung. Sie fegte aus, sie machte im Schlafzimmer die Betten, sie spülte Geschirr in der Küche aus. Das alles mußte täglich eine fremde Hand besorgen. Die blinde Frau konnte nichts thun, da sie, abgesehen von ihrem Sehunvermögen, ihre Glieder nicht zu bewegen vermochte, und der Mann, der früh fortging und spät von der Arbeit zurückkehrte, sank, da ihm die Kräfte für mehr schon fehlten, gleich erschöpft auf sein Lager.

Seit zweiundzwanzig Jahren war die Frau blind. Während dieser Zeit hatte er für sich und sie nur so viel verdient, daß sie sich notdürftig hatten satt essen können. Und zu der Blindheit während dieser Jahre kamen fortdauernd schwere Krankheiten, die Pflege und Aufwartung, die Arzt und Apotheke erforderlich gemacht hatten. Seit zweiundzwanzig Jahren war die Alte kaum je aus dem Häuschen gekommen, hatte nichts anderes gekannt, als Entbehrungen und Schmerzen.

Als Imgjor zum erstenmal in dieses Elend eingegriffen hatte, war die Wohnung durch Schmutz und Unrat förmlich verpestet gewesen. Die Leute hatten auf faulendem Stroh gelegen, fast kein Gegenstand war ganz gewesen. Erst neuerdings hatte Imgjor die alte Frau aus einer Lungenentzündung herausgepflegt, und was diese Krankheit erforderte, aus ihren Mitteln hergegeben.—

Nachdem Imgjor ihr tägliches Werk vollbracht hatte, sagte sie:

"Frau Ohlsen, ich habe jetzt gerade mehr Zeit. Ich will Ihnen nun jedenSpätnachmittag etwas vorlesen. Wollen Sie es hören?"

"O gewiß, mein liebes, gutes Fräulein," entgegnete die alte Frau mit dankbarer Betonung. "Was ist es denn?"

"Etwas Ernsthaftes, Gutes, Frau Ohlsen. Sie werden gewiß Vergnügen daran finden—"

"Ja, danke, danke, liebes Fräulein. Wie gut sind Sie gegen mich! Gott, wenn ich so denke, wie Sie uns geholfen und immer wieder geholfen, mich arme, hilflose Person in meiner Krankheit gewartet und gepflegt haben, dann möchte ich schon glauben—"

"Nun, meine gute Alte?"

"Daß Sie gar kein Mensch, daß Sie ein Engel sind, von Gott in die Welt gesandt, um die Menschen glücklich zu machen."

"Ach nein! Ich bin kein Engel, meine gute Alte," entgegnete Imgjor mit einem trüben Lächeln. "Ich bin ein Mensch wie Sie. Das eben befähigt mich ja, Sie zu verstehen, Ihnen ein wenig zu helfen. Nur wer eigenes Leid erfahren hat, vermag mit seinen leidenden Mitmenschen zu fühlen. Und so, wie Sie, giebt es viele Kranke und Bedürftige in dieser großen Stadt, denen, weil sie noch nicht ganz mittellos, noch nicht ganz elend und verlassen sind, keine öffentliche Unterstützung und keine Krankenpflege zu teil wird. Ich bin immer der Meinung gewesen, daß es die Aufgabe sei, das Traurige durch rechtzeitiges Eingreifen abzuwenden.

Wahrhaftig, wenn unseren Vorstandsdamen so zu handeln gelehrt würde, dann würden die Armen- und Krankenhäuser nicht so überfüllt sein, wie sie es sind; es würden weniger Menschen zu Verbrechern und Selbstmördern werden; das allgemeine Elend würde weniger groß sein. Da giebt es ein weites, brach liegendes Feld für eine erfolgreiche Betätigung der Nächstenliebe.

Und dieses Arbeitsfeld habe ich für mich erwählt. Ich suche zu helfen, wo ich kann und so weit es in meinen Kräften steht. Des Elends ist ja so viel auf Erden!"

"Ja, ja, liebes Fräulein. Wenn sie alle so dächten und so handelten, wie Sie! Aber so—Na, es muß aber auch ein schönes Gefühl für Sie sein, so geliebt zu werden und so viel Dank zu ernten."

"Dank?" entgegnete Imgjor bitter im Ton. "Ich habe ihn nie erwartet und kaum gefunden, wohl aber Undank, Neid, Mißgunst und üble Nachrede. So habe ich mich allmählich äußerlich zu einer kühlen Haltung gezwungen, zu einer fast rauhen Art. Ich unterdrücke die Regungen meines Herzens, mein Mitleid, die Rührung und die Thränen über die häufig entsetzliche Not. Ich thue es schon deshalb, weil die Menschen solche Weichheit garnicht verstehen. Wenn ich nur nicht auch noch verunglimpft werde, wenn sich der Undank nur nicht in noch Schlimmeres verwandelt, bin ich schon froh. Eben jetzt ist wieder etwas geschehen, was die gemeine Gesinnung mancher Personen zu Tage treten läßt, etwas, das auch in mir den Entschluß zur Reise gebracht hat, diesmal meiner Empörung Ausdruck zu verleihen."

Nach diesen fast ebensosehr an sich selbst gerichteten Worten und nach Ausführung der von ihr versprochenen Hilfsleistung verabschiedete sich Imgjor von der Alten und nahm den Weg in einen anderen Teil der Vorstadt. Dort wohnte eine Witwe, eine Wäscherin, mit ihrer Tochter, welche letztere unter Imgjors Pflege viele Wochen im Krankenhause gelegen und sich für deren Aufopferung dadurch bedankt hatte, daß sie einen empörende Verleumdungen gegen Imgjor enthaltenden Brief an den Hauptarzt gerichtet hatte.

Nachdem Imgjor zwanzig Minuten gegangen war, gelangte sie an eine unsaubere, von vielen kleinen Kindern bevölkerte und zum teil noch unbebaute Straße. In der Mitte der Gasse—einem zurückliegenden, von einem großen Garten umschlossenen Hause gegenüber—befand sich eine Branntweintaberne, und an diese lehnte sich ein kleines, verfallenes, auch noch aus früherer Zeit stammendes Gebäude, in dem die Witwe Holm mit ihrer Tochter und einer Stieftochter wohnte.

Der Unfriede zwischen Imgjor und Thora Holm, der früheren Kranken, war dadurch entstanden, daß jene auf das herz- und gemütlose Geschöpf, das seiner Stiefschwester sehr roh begegnet war, bessernd einzuwirken gesucht hatte. Auch als Thora das Hospital verlassen, hatte Imgjor sie nochmals eindringlichst vermahnt, ihrer alten Mutter fortan eine bessere Tochter zu sein, zu arbeiten und ordentlich zu werden. Die Leute litten Not, und Imgjor hatte ihren Ermahnungen die Erklärung hinzugefügt, daß sie nur dann materiell etwas für sie thun wolle, wenn Thora für die Erfüllung der gestellten Forderungen Beweise geliefert habe.

"Die Grevinde," wie Imgjor von der gesamten Bevölkerung in Kopenhagen schlichtweg genannt wurde, war wegen ihrer Wohlthätigkeit bekannt, und selten wendete sich jemand an sie, ohne Hilfe zu erhalten.

Der Ingrimm, daß Imgjor ihr die Wahrheit gesagt, der Aerger, in ihrer Erwartung auf eine Unterstützung getäuscht worden zu sein, hatten Thora Holm zu der Denunciation veranlaßt. Daß sie und keine andere das Schriftstück abgefaßt hatte, war erwiesen. Es störte Imgjor, daß sie den Hauptarzt, mit dem sie um diese Zeit hier ein Zusammentreffen verabredet hatte, noch nicht erblickte. In seiner Gegenwart wollte sie die Person zwingen, ihre Perfidien zurückzunehmen und um Verzeihung zu bitten.

Aber während sie noch unschlüssig verharrte, drangen aus dem offenenHause der Witwe jammernde Wehrufe. So markerschütternd trafen die LauteImgjors Ohr, daß sie förmlich zusammenfuhr. Indessen beendete diesesErschrecken auch ihr Zögern. Blitzschnell eilte sie vorwärts, betrat dasHaus und wurde hier Zeuge einer wahrhaft entsetzlichen Scene.

Die Frau, ein starkknochiges, rothaariges Weib, und Thora, in einem schlumpigen Rock, mißhandelten im Flur die Stieftochter der Frau.

Während Thora die Unglückliche mit der einen Hand an den Haaren gepackt hielt und ihr mit der anderen in unbarmherziger Rohheit den Kopf bearbeitete, bediente sich das alte Weib einer ledernen Riemenpeitsche und brachte ihrem Stiefkinde auf diese Weise blutige Striemen auf dem ohnehin verletzten Körper bei.

Im Nu war Imgjor unter ihnen, riß der Alten den Arm herab, stieß Thora zur Seite und stellte sich, nachdem das mit ebenso großer Kraft wie Furchtlosigkeit geschehen war, mit drohend gebieterischer Miene vor den beiden Megären auf.

"Ah, ihr Furien!" entrang es sich ihrer vor Empörung keuchenden Brust.

In demselben Augenblick eilten auch schon von dem Geschrei herbeigezogen, Gäste aus der Taberne herbei, und diese drängten, von Imgjor laut und energisch ermuntert, die sich eben zum Kampfe gegen die Verteidigerin rüstenden, sich wie tobsüchtig geberdenden Weiber hinten in den Flur zurück.

"Die Grevinde! Die Grevinde!" hatten die Hereindrängenden einander zugerufen und sie nahmen auch in der Folge gegen die Holm und ihre Tochter Partei.

Freilich geschah's nicht aus irgend welchem Mitleid für die Mißhandelte, auch nicht aus einer Abneigung gegen die beiden Holms, sondern lediglich unter dem Gesichtspunkt, daß ihnen ihr Eintreten nicht unbelohnt bleiben würde.

Aber es wurde Imgjor auch noch andere Hilfe. Den Knäul teilend, erschien der Arzt, Doktor Stede, und hinter ihm tauchte der in diesem Viertel stationierte Polizeiofficiant auf.

Im Nu erfolgte dann auch eine Verständigung zwischen jenen und Imgjor, und ebenso rasch machte sich letztere zur Herrin der Situation.

"Ich danke euch, Leute, daß ihr mir beigestanden habt. Und hier, hier ist Geld! Teilt es euch—" rief sie, einen dänischen Speciesthaler dem mitanwesenden Wirt übergebend. "Aber nun entfernt euch! Ich habe etwas mit der Familie zu verhandeln, was nicht für eure Ohren ist."

Und das Kind, das sich zitternd neben ihr aufgerichtet, mitleidig an sich ziehend und dann dem Polizeiofficianten zum Schutz übergebend, befahl sie der Wäscherin und ihrer Tochter, ins Wohngemach zu treten.

Trotz ihrer feindseligen Mienen mußten sie sich fügen, und nachdem sie sich aufgestellt, ergriff Imgjor das Wort und hielt der Verleumderin ihre Infamien vor.

"Sie haben die Wahl—" schloß Imgjor—"alles als erfunden zu bezeichnen und mich hier vor diesem Herrn um Verzeihung zu bitten, oder gleich dem Polizisten zu folgen. Auch auf Verhaftung Ihrer Mutter wegen Mißhandlung der Tochter werde ich dringen. Also reden Sie! Daß Sie den Brief geschrieben, hat Ihr früherer Verlobter, der Wärter Vessel, ausgesagt——"

Das Mädchen, eine üppige Blondine, preßte die Lippen zusammen, verzerrte den Mund und antwortete nicht. Auch die Mutter verharrte in trotziger Auflehnung.

"Niemand hat ein Recht, in mein Haus zu dringen und sich in meineAngelegenheiten zu mischen!" erklärte sie. Sie habe Verhöre nur vorRichtern zu bestehen, und deren Untersuchungen würden ergeben, daß ihreTochter den Brief nicht geschrieben, daß sie zur Züchtigung ihrerStieftochter berechtigt gewesen, weil diese sie in frecher Art bestohlenhabe.

Der Schlußsatz wurde allerdings durch Widerspruchsworte unterbrochen, die sich aus dem Munde des weinenden Kindes lösten.

Sie habe nichts genommen. Sie sei unschuldig! Aber Thora, die sie beschuldigt, sei's gewesen. Sie habe gesehen, wie diese die Kommode geöffnet und das Geld herausgenommen habe.

Freilich folgte dieser Rede wiederum ein maßloser Wutausbruch von Seiten der Schwester. Sie flog auf das Kind zu und erhob unter Schimpfworten die Faust gegen deren Angesicht. Nur durch ein Dazwischentreten des Polizisten ward eine abermalige Züchtigung verhindert.

Aber gerade dieser Zwischenfall verschlechterte die Sache der FamilieHolm.

Dem Polizeiofficianten, einem energischen Mann, riß die Geduld. Er befahl Ruhe und sofortigen Frieden und die von der Komtesse geforderte Erklärung.

"Widersprechen Sie nicht, thun Sie, was von Ihnen verlangt wird! Sonst nehme ich Sie und Ihre Mutter sofort mit. Sie stehen schon lange auf dem Kerbholz wegen anderer Sachen!"

Nun änderte die Alte plötzlich ihre Haltung.

Nach allerlei Redensarten gab sie zu, daß sie wohl etwas zu heftig gewesen sei, und was Thora anbelange, so könne die sich ja nun mal garnicht im Zaum halten. So sei es wohl möglich, daß sie sich habe verleiten lassen, einen solchen Brief zu schreiben, und wenn sie es gethan habe, so solle so etwas nicht wieder vorkommen. Die Komtesse möge Gnade für Recht ergehen lassen—

"So sagen Sie: Ich habe die Komtesse Lavard zu Unrecht beschuldigt. Ich nehme alles zurück, bereue und bitte, mir zu vergeben!" stieß Imgjor, ihre Blicke auf das gemeine Geschöpf richtend, heraus.

Noch kämpfte die Person, dann aber, von ihrer Mutter nunmehr durchBlicke und Worte ermuntert sprach sie eine halblaute Entschuldigung.

In Imgjor aber regte sich das Gefühl der Empörung in vollstem Umfange.

Das war also die Menschheit, der sie sich opferte! Faulheit, rohesteLeidenschaft und Mangel an Dankgefühl und jeder besseren Regung tratenihr nur zu oft entgegen, und hier eben hatte sie wieder ein solchesBeispiel vor Augen.

Waren da nicht erst ganz andere Aufgaben zu lösen? Mußte nicht erst mit einer inneren Erziehung begonnen werden?

Nachdem sie zum Einverständnis, daß sie befriedigt sei, stumm das Haupt bewegt, sagte sie, zu der Alten gewendet:

"Ich werde Ihre Stieftochter mitnehmen! Ich will sie prüfen, und ist sie so viel wert, wie ich hoffe, so will ich künftig für sie sorgen."

Nach diesen Worten erfaßte sie des selig aufhorchen den Kindes Hand und richtete einen auffordernden Blick zum Gehen auf den sich ihr ehrerbietig zur Verfügung stellenden Arzt.

Und im Nu knixte und dienerte das faule, alte Weib. Nun wußte sie nicht genug die Tugenden des Stiefkindes zu rühmen. Sie sagte zu allem ja, machte sich auch noch im letzten Augenblick schmeichelnd an Imgjor heran und bat, ihre fürchterliche Not klagend, um Unterstützung. Sie küßte den Saum des Kleides der Komtesse, als diese unter der Erklärung, sie sage nicht nein, müsse aber Zuwendungen von ihrer und ihrer Tochter künftigen Haltung abhängig machen, mit den übrigen das Haus verließ.

Als der Nachmittag gekommen war, saß Imgjor schon wieder in dem kleinen Zimmer der Blinden, las ihr nach ihrer Zusage zum erstenmal vor und war glücklich, als sie sah, daß jene ihr voll Interesse zuhörte.

* * * * *

Es war am folgenden Vormittag um die elfte Stunde, als Imgjor die Räume des großen Kopenhagener Krankenhauses und zunächst das Gemach des dirigierenden Arztes betrat, um mit ihm Rücksprache wegen einer Kranken zu nehmen.

Nachdem das geschehen, sagte Doktor Stede, ein Mann mit ernsten Zügen und einem milden Ausdruck in den von einer goldenen Brille beschatteten Augen:

"Sie wollen uns, wie ich höre, Ihre wertvolle Hilfe im Krankenhause entziehen, Komtesse? Haben die letzten Vorfälle Anlaß dazu gegeben?"

"Nein! Wie kommen Sie zu dieser Vermutung Herr Doktor?"

"Eine unserer Schwestern, Elise, hatte davon gehört und sprach mir davon—"

"Elise hat schon häufig Gerüchte über mich verbreitet, die erfunden waren, Herr Doktor. Ich muß ihr sehr im Wege stehen. Und doch trete ich ihr nirgends in den Weg—Wahrlich, dieses Treiben—"

Imgjor sprach's mit starker Auflehnung im Ton, fuhr aber, ihre Erregung ebenso rasch wieder abstreifend, gelassen fort:

"In der nächsten Zeit werde ich nicht so häufig kommen können, Herr Doktor. Meine Familie trifft heute ein und wird einige Zeit im Rankholmer Palais Wohnung nehmen. Ich vermag mich ihr nicht ganz zu entziehen. Ueberdies hat sich meine Schwerer verlobt, und es werden einige kleine Feste stattfinden, an denen meine Angehörigen wünschen, daß ich teilnehme—"

"Ich bedaure natürlich außerordentlich, daß wir Sie entbehren müssen, aber ich freue mich, daß Sie sich einmal Ruhe gönnen, Komtesse. Es wird Ihnen eine solche Ablösung sehr gut thun."

Imgjors Lippen umspielte ein trauriges Lächeln.

"Nein, Herr Doktor, für mich wäre es weit besser, wenn ich dort keineAblenkung fände. Vielleicht wäre es sogar das Richtigste, daß ichKopenhagen ganz verließe—"

"Wie? Also Sie tragen sich doch mit solchen Gedanken? Die ganze Stadt würde es als einen unersetzlichen Verlust betrachten, wenn der Engel unter den Menschen, wenn die Komtesse Lavard Kopenhagen verließe.

Haben Sie den Artikel gelesen, der soeben über Sie in einer deutschen Zeitung erschienen ist? Die Berlinske Tidende hat ihn heut' morgen in einer Uebersetzung gebracht."

"Ein Artikel über mich?" fragte Imgjor betroffen. "Was enthält er? Dem Sinne Ihrer Worte nach zu urteilen, nichts Ungünstiges, aber jedenfalls eine Unschicklichkeit. Wie wenig giebt meine Thätigkeit Anlaß, darüber etwas und noch dazu öffentlich zu sagen!"

"Sie sind allzu bescheiden, Komtesse—Die ungewöhnliche Erscheinung, daß sich ein Mitglied der höheren Stände in solcher Weise freiwillig seiner Bequemlichkeit entäußert, ist für die Welt Grund genug, sich damit zu beschäftigen. Darf ich Ihnen den Artikel besorgen?"

"Ich danke, nein, Herr Doktor! Es ist besser, daß ich dergleichen garnicht lese. Es macht mir nur noch mehr Gedanken. Ich habe deren schon so viele und solche, die mich nicht erheben—"

"Sie sind noch so jung, Komtesse, und Sie sind schon so ernst, so trübe in Ihrem Sinn?"

"Ich bin es, aber nur insofern, als ich die ungeheure Schwierigkeit erkenne, mein Vorhaben in Thaten umzusetzen. Ich möchte gern im Großen wirken und sehe, daß ich schon im Kleinen überall stolpere."

"Und was wäre, wenn die Frage gestattet ist, Ihr Ideal? Welche Absichten verfolgen Sie?"

"Ich möchte helfen, die Menge von dem Druck der allgemeinen Not zu befreien und das Los der arbeitenden Klasse gründlich zu verbessern."

"So bekennen Sie sich also auch zu den sogenannten "neuen" Ideen? Sie überraschen mich!"

"Kann ein gerechter, guter Mensch, kann ein wahrhaft christlicher Mensch anders denken, Herr Doktor?"

"Nein und ja, Komtesse. Die Ziele sind zu weit gesteckt.

Man soll nur Mögliches erstreben wollen, nur Dinge, die sich mit denVorgängen in der Natur decken. Wir sind ihre Produkte, sie ist unsereLehrerin, sie bietet uns alle Beispiele für unsere Handlungen."

"Schon einmal hörte ich fast ganz dieselben Worte. Seltsam—" Imgjor ließ das Haupt sinken und starrte träumerisch vor sich hin. Aber da in diesem Augenblick geklopft ward, wurden die Sprechenden unterbrochen.

Der Doktor richtete noch einige verbindliche Worte an Imgjor, und sie selbst lenkte, nachdem sie ihm leicht und unbefangen die Hand gereicht, ihre Schritte in einen der Siechensäle.

In diesem befanden sich Kranke, deren spezielle Sorge Imgjor übernommen hatte. Augenblicklich waren es solche, die sich bereits in der Besserung befanden. Dann schlief Imgjor in ihrer Wohnung, erschien auch nur zwei oder dreimal am Tage.

Nur in schweren Fällen blieb sie ganz im Hospital und übernahm auch dieNachtwache. Ihr Verhältnis zum Krankenhaus war ein durchausfreiwilliges, während die übrigen Schwestern sich streng an dieHausvorschriften zu halten hatten.

Auf dem Korridor begegnete Imgjor der Schwester, die von ihr behauptet hatte, daß sie ihre Thätigkeit hier aufgeben wolle.

Imgjor neigte ernst das Haupt zum Gruße; jene erwiderte die Höflichkeit kalt und wollte ohne Wortaustausch vorüberschreiten.

Nun hielt Imgjor sie auf und redete sie an.

"Ich bitte, Fräulein, einen Augenblick. Ich höre soeben, daß Sie abermals eine Erfindung über mich ausgestreut haben. Ich muß wirklich sehr dringend bitten, daß Sie sich mit Ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigen. Ich schließe aus Ihrer Lästersucht eine Starke Mißgunst. Daß sie in Ihnen emporsteigt, vermögen Sie wohl nicht zu ändern, aber ich sollte meinen, Sie müßten sich äußerlich im Zaum zu halten wissen, und jedenfalls—ich wiederhole meine Worte—wünsche ich von Ihren eifersüchtigen Launen nicht ferner berührt zu werden."

"Ich eifersüchtig auf Sie?! Nun, da wären Sie wirklich die letzte, Fräulein von Lavard! Und was liegt denn vor? Mir ist erzählt, daß Sie hier keine Schwesterdienste mehr versehen wollen! Ich wüßte nicht, daß darin etwas Ehrenrühriges liegt. Sie nehmen einen Ton an, als ob ich Ihnen wunder was angethan hätte und ich muß Sie meinerseits noch dringender ersuchen, daß Sie ihn ändern. Sie sind nicht meine Vorgesetzte—"

"Sie wissen sehr gut, daß ich mit meinen Vorwürfen recht habe. Ihre Heuchelei verschlimmert nur noch das Geschehene. Sie haben mich schon wiederholt verleumdet, man hat es mir unaufgefordert, voll Empörung mitgeteilt. Schwieg' ich trotzdem, so war's die Verachtung über solches Geschwätz. Jetzt will ich aber ein Ende haben! Man könnte wirklich glauben, es sei eine Spur von Wahrheit darin. Auch gestern habe ich ein Exempel statuiert, und ich werde damit fortfahren!"

Die Züge der Schwester Elise verzogen sich hämisch.

"Sie sprechen, als ob Sie ein Oberstaatsanwalt seien. Ich sage Ihnen nochmals, daß Sie sich mit Ihrem Eifer an eine falsche Adresse wenden.

Ich habe auch besseres zu thun, als mich mit Ihnen zu beschäftigen. Ich habe andere Gegenstände für meine Gedanken, als die Komödiantin Fräulein Lavard!"

"Ah! Wie niedrig! Und Sie wollen eine Dame sein. Sie gehören zum Adel des Landes und würdigen Ihre eigene Standesgenossin herab, indem Sie ihr solche Dinge sagen, indem Sie geflissentlich sogar ihren Namen entstellen? Ich bin weder Fräulein Lavard, noch Fräulein von Lavard, sondern für Sie und jedermann Komtesse Lavard!"

"Nun dann sind Sie auch nichts Besonderes, umsoweniger, als die Spatzen von den Dächern pfeifen, daß Ihre Mutter nichts anderes war, als eine Dir—"

Aber die Schwester Elise kam nicht weiter. Blitzschnell erhob Imgjor, von Schmerz und Entrüstung übermannt, die Hand, sie zitterte für Sekunden in der Luft. Und dann standen die beiden Gegnerinnen einander gegenüber, als ob nur der Tod über das Schicksal des einen oder anderen entscheiden könne. In demselben Augenblicke aber erschien zufällig die Oberin, und die Schwester Elise stürzte so gleich auf diese zu und goß einen Schwall von Verleumdungen und lügnerischen Anschuldigungen über Imgjor und deren Benehmen aus.

Und wiederum gab Imgjor mit stolzer Ruhe Antwort und forderte nachErörterung des Vorgefallenen die Entfernung der Schwerer Elise.Anderfalls werde sie gehen!

"Ich darf Sie ersuchen, ins Konferenzzimmer zu treten. Wir werden dort weiter und in Ruhe reden! Ich muß erst klarer in der Sache sehen, ehe ich meine Entscheidung treffe, Komtesse Lavard!" entgegnete die Oberin, die nichts lieber wünschte, als daß die ihr sehr unbequeme Imgjor, die keinerlei Mängel durchgehen ließ, vielmehr stets Unregelmäßigkeiten und Pflichtversäumnisse zur Anzeige brachte, das Krankenhaus verließ.

"Warum noch reden!" betonte Imgjor kalt. "Es unterliegt doch keinemZweifel, wer ein Recht hat, sich zu beklagen!

Ich muß darauf bestehen, daß endlich die Sumpfquellen verstopft werden, aus denen die Verleumdungen gegen mich fließen.—Klagen über Fräulein Elise erheben sich von allen Seiten und auch in anderer Richtung.—

Anfangs der Woche hat sie der Witwe Romö, aus bloßer persönlicherAntipathie, die Hilfe verweigert. Es wäre wohl nicht so schlimm, hat siegesagt! Die arme Person hat einen bedenklichen Rückfall davon bekommen!Sind solche Vorkommnisse in einem Krankenhaus erhört?"

"Nun ja, nun ja—es soll alles untersucht werden. Im übrigen will ich niemanden hindern, seinen Weg zu gehen—" stieß, statt auf diese Rede einzulenken, die Oberin äußerst gereizt heraus. "Ich darf Sie also nicht erwarten, Komtesse?"

"Nein! Ich muß darauf verzichten, Frau Oberin—" entgegnete Imgjor, verbeugte sich gemessen, und ging, ohne die giftsprühende Schwester Elise eines Blickes zu würdigen, von dannen.—

* * * * *

Das Rankholmer Palais lag, von einem auf Marmorpostamenten ruhenden, vergoldeten Gitter umschlossen, mitten in der Adelstraße. Ein prachtvoller, weißschimmernder Bau mit hoher Aufgangstreppe tauchte hinter einem großen Vorplatz mit grünem Rasen auf. Zwischen ihnen befanden sich gepflasterte Fahrwege, und zu Seiten befanden sich die Stallungen und eine Reitbahn.

Am Abend des nächstfolgenden Tages, an dem sich die vorstehend geschilderten Scenen abgespielt hatten, war das Palais von oben bis unten hell erleuchtet. Es schwamm gleichsam in einem Lichtmeer. Von den mächtigen Treppenkandelabern floß das Licht auf den Vorgarten herab, und ein zahlreiches Publikum hatte sich auf der Straße aufgestellt, um der Einfahrt der zahlreichen Equipagen mit ihren livrierten Kutschern und Dienern beizuwohnen.

An achtzig Personen aus den vornehmsten Kreisen waren Einladungen von dem Grafen Lavard und seiner Gemahlin ergangen. Es galt, den Bräutigam von Lucile, den Marquis Armand de Curbière de Ramillon der Gesellschaft vorzustellen. In Berlin hatte Lucile ihn als Attaché der französischen Gesandtschaft in einer Hofgesellschaft kennen gelernt, und bei einem Besuch, den der Marquis der Familie in Rankholm abgestattet, war die Verlobung zwischen ihnen erfolgt.

Es fehlten noch zehn Minuten vor dem Tischgang, Schon hatte Frederik wiederholt forschend die Zahl der Gäste gemustert.

Es ließen noch warten der Stadtkommandant, General Baron von Berling, und—Komtesse Imgjor, die auf das dringende Ersuchen des Grafen ihr Erscheinen zugesagt hatte.

In verschiedene Gruppen verteilt, standen die Gäste schwatzend umher.Neben Lucile und neben dem Marquis von Curbière, dem Musterbilde einesvornehmen, ritterlichen Mannes, stand der Premierminister Graf Niels vonRosenberg.

Er war klein und korpulent, hatte eine schiefe Schulter und einen buckligen Rücken, besaß aber einen so ungewöhnlichen Verstand, und aus seinen grünen Augen sprühte es so streng und gebieterisch, daß sich unwillkürlich Hoch und Niedrig vor ihm bückten.

Ein leises und lautes "Ah!" der Bewunderung entrang sich dem Munde derGäste, als dann endlich auch Imgjor, gefolgt von dem General vonBerling, einem Mann, der einem spanischen Granden glich und dessenBrust die Orden kaum fassen konnte, in den Hauptsaal trat.

Sie trug ein tief ausgeschnittenes Kleid, dessen eine Hälfte, die linke, aus zartgefärbter rosenroter, die andere aus schneeweißer Seide bestand.

Um den Hals, dessen schwanenweiße Farbe das Auge entzückte, lag ein Reif von Diamanten, aus dessen Mitte ein Opal seine roten, blauen und grünen Blitze schoß; ein ebensolcher Schmuck umschloß die Arme. Das braunrötliche Haar war empireartig frisiert, und eine durchsichtige, zarte Randspitze umgab da, wo ihre schneeige Brust sich hob und senkte, den Saum des ihren vollendet gewachsenen Körper fest und schlank umfließenden Seidenleibchens.

Als sich Imgjor nach Begrüßung ihrer Eltern und der sich zu ihr drängenden Gäste nach Lucile und dem Marquis umsah—der Zufall hatte es gefügt, daß sie den Bräutigam ihrer Schwerer bisher verfehlt hatte—löste sich gerade Curbière aus der vorhin beschriebenen Gruppe und eilte mit lebhaften Mienen auf Imgjor zu.

Er stutzte. Ersichtlich ging etwas Ungewöhnliches in dem Innern des Mannes vor, als er dieses schier unnahbar schöne Geschöpf vor sich sah, und als sie ihm mit ihrem süßen, zuvorkommenden Blick die Hand entgegenstreckte.

"Ah! Wie schön Sie sind—Psyche und Juno streiten um den Preis!" sprang's in höchster Ueberraschung, in französischer Sprache, aus des gewandten Mannes Munde.

Er war völlig benommen und wurde enttäuscht, als Imgjor in der gewohnten Auflehnung gegen ihre Schönheit und gegen Artigkeiten einen gleichgültig verdrossenen Ausdruck in ihren Zügen erscheinen ließ.

"Ah! Sie machen mir solche Komplimente und nennen das größte Juwel IhrEigentum, das Dänemark besitzt?" sprach sie dann, den Ausdruck desMißfallens in ihren Zügen absichtlich noch verstärkend.

Jählings kam's über sie, daß sich der Mann für sie interessiere, sich ihr zuwendete, sich verlor, obschon er Lucile angehörte. Es war etwas in seinen Augen aufgeblitzt, das sie ängstigte und dessen Wiederholung sie durch schroffe Begegnung verhindern wollte. Aber Curbière war ihr gewachsen. Er fand sich rasch wieder.

Während seinen Mund ein überlegenes Lächeln umspielte, sagte er mit rascher, kavaliermäßiger Gewandtheit:

"Wie? Sie spielen den Lehrmeister gegen mich aus, Komtesse! Sie vermuten wohl einen jener Bekehrungsbedürftigen, mit denen Sie sich draußen beschäftigen. Ich sollte meinen, ich hätte am ehesten da ein Recht zur Aeußerung der Bewunderung und glaubte am wenigsten da mißverstanden zu werden, wo es sich um die Schwester meiner Braut handelt!"


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