Chapter 5

"Wie sollte es—" entgegnete Imgjor unbiegsam—"einem Weltmann wie Ihnen nicht gelingen, das Uebergewicht zu behalten, gar dem anderen zu beweisen, daß seine Rede eine Ungeschicklichkeit gewesen sei, Herr Marquis!"

"Sie halten es also nicht für denkbar, daß Sie sich irren, daß das, wasSie als eine Ablenkung meiner Gefühle für Lucile bezeichnen wollen—soist's doch, Komtesse?—lediglich ein Ausbruch meines stark entwickeltenSchönheitssinns war?

Glauben Sie mir das, Komtesse! Ich bitte darum!—Wenn Sie aber trotz alledem doch vermeinen, ich sei eines Tadels benötigt, so haben Sie mich jedenfalls überaus schnell kuriert. Sie haben es verstanden, in mir die Freude an Ihrem inneren Menschen genügend herabzumindern."

Nun sah Imgjor betroffen empor. Und als sie dann dem ernst gemessenen Ausdruck in den Augen ihres künftigen Verwandten begegnete, streckte sie ihm, von einem raschen Impuls getrieben, die Hand entgegen und sagte mit dem schönen, bezwingenden, allen Lavards eigenen Freimut in Blick und Mienen:

"Wohlan! Nach dieser Klärung wollen wir keine mißvergnügten Gegner, sondern wahrhaft gute Freunde sein! That ich Ihnen Unrecht, verzeihen Sie mir!

Also, ich bitte, Herr Marquis, ich bitte, lieber Armand!" schloß sie mit einem noch bezaubernderen Ausdruck.

Und von dieser ehrlichen Liebenswürdigkeit bezwungen, beugte sich Armand de Curbière auf Imgjor Lavards Hand herab, küßte sie ehrerbietig und sagte, obgleich sich ihnen in diesem Augenblick Lucile näherte und schon von fern eifersüchtig hinüberschaute, laut und mit einem tief verinnerlichten Blick auf die Schwester seiner Braut:

"Ich danke Ihnen, teure Imgjor! Ich danke Ihnen aus vollem Herzen! Ich werde Ihnen diesen Augenblick nie vergessen."

Und nun gab auch Frederik endlich das Zeichen zum Tischgang.

Alle Anwesenden setzten sich in Bewegung, und bald saß die glänzendeGesellschaft in dem theegrünen Speisesaal, der sich als Hauptzierde desPalais in einem Flügel des Gebäudes befand, bei köstlich duftendenSpeisen und seltenen Weinen beisammen.

Während des Tafelns warf Lucile, zu ihrem Verlobten gewendet, hin:

"Sieh' einmal, wie Imgjor entzückend ansieht und wie lebhaft sie sich mit dem jungen Grafen Kilde unterhält."

Ach, wenn sie sich doch endlich einmal verliebte und damit auch ihrenMenschenbeglückungskittel abthun würde!"

"Ist's möglich! Imgjor hat sich noch für niemanden interessiert?"

"Doch, einmal! Aber das war nur ein Flämmchen, welches ebenso rasch verglomm, wie's emporgelodert war. Auch spielten andere Dinge mit—"

"Und wer war der Bevorzugte? Wie hieß der Mann, der jedenfalls einen ganz superben Geschmack besaß?"

"Es war irgend einer! Der Name ist gleichgültig. Es war einer, der ihr vormachte, daß er auf nichts Anderes sinne, als die Welt von den Fesseln der Ungleichheit zu befreien. Er verschwand dann und soll sich jetzt in Amerika aufhalten."

"Aber Imgjor ist doch sicherlich von Hunderten umschwärmt worden."

"Ja, fast von allen Männern. Nur einer war ihrer wert. Ein vorzüglicher Mann: Graf Dehn. Aber auch er zog sich aus ihrem Sonnenkreis fort, wenn auch aus anderen Gründen. Er liebte sie über alles und wußte sich nur durch eine Weltreise von seiner Schwermut zu erlösen. Es ist derselbe, der, wie du auf Rankholm hörtest, demnächst von Italien zurückkehrt und uns besuchen will—"

"Ah!? Der Lausitzer Graf! Und wirklich ein so vollendeter Mann?"

"Ja, der liebenswertere, vornehmste Mensch, den ich außer dem Marquis von Curbière kennen gelernt habe."

"Sehr verbunden, Komtesse Lavard! Aber wissen Sie, daß ich leicht eifersüchtig zu werden vermag?" warf Curbière liebenswürdig neckend hin.

Lucile spitzte erst lachend den Mund, dann sagte sie ernst:

"Aber weder in diesem noch in irgend einem anderen Falle wirst du je dazu Ursache haben! Bleibst du mir ein treuer Kamerad, so hast du bei mir auf Felsen gebaut. Wir Lavards—"

In diesem Augenblick wurde Luciles Aufmerksamkeit auf ihre Mutter gelenkt, die so lebhaft mit einem der jungen, zu ihrer Rechten sitzenden Prinzen des Königlichen Hauses sprach, daß die Laute volltönend zu ihnen herüberdrangen.

Sie unterbrach deshalb ihre Rede, und Curbière sagte:

"Wie jung, wie schön ist noch deine Mutter! Lucile. Es ist ein Mirakulum in solchem Alter—"

"Ja, und wie man sie lieben und achten muß!" fiel Lucile ein. "Ich habe erst vor einigen Jahren erfahren, welch' eine große, edle Seele sie besitzt. Sie hatte eine schwere Versuchung zu bestehen, und hat sich unvergleichlich bewährt."

Curbière hörte gespannt zu, dann sagte er unvermittelt:

"Und so fest seid Ihr alle? Auch Imgjor?"

Lucile drehte sich rasch zu ihrem Verlobten um. Ohne daß sie sichRechenschaft zu geben vermochte, berührten sie seine Worte.

"Weshalb fragst du?" stieß sie heraus.

"Nun, wie man eben fragt. Aus keinem besonderen Grunde—"

Und da er sah, daß ihre Wangen eine leichte Blässe überzogen hatte, erhob er das Champagnerglas, stieß mit ihr an und fuhr neckend, mit zärtlichem Ausdruck fort:

"Also auch meine stolze Königin kann eifersüchtig werden!? Dann sind wir also quitt, meine liebe, wunderschöne Lucile Lavard!"

* * * * *

Eine Lavardsche Equipage hatte eben Imgjor—es war halb drei Uhr morgens—vor dem Hause das sie seit ihrem Kopenhagener Aufenthalt bewohnte, abgesetzt. Stumm und ehrerbietig war Robert seiner früheren jungen Herrin beim Aussteigen behilflich gewesen, und nun schleppte sich das junge Mädchen, die Brust voll von den widerstreitendsten Empfindungen, die Treppe hinauf.

Der Prinz und Curbière hatten wiederholt mit ihr getanzt und sich beide außerordentlich eingehend mit ihr beschäftigt.

Der Prinz war ein Mann von Geist und feinen Manieren, aber nicht ohne starken Cynismus, Curbière dagegen ein Kavalier von seltener Gewandtheit, auserwähltem Geschmack und neben scharfem Verstande von einer Unbefangenheit in der Beurteilung menschlicher Dinge, die Imgjor in Erstaunen versetzt und außerordentlich angezogen hatte.

Er war ein ganz anderer als der übrige Schwarm der Männer. Lucile hatte wohl gewußt, was sie gethan hatte! Er ähnelte dem Grafen Dehn, demselben den sie, Imgjor, aus Trotz und Stolz von sich gewiesen.

Ein schwerer Kampf vollzog sich gegenwärtig in Imgjors Innern.

Ein Wesen von Fleisch und Blut, war auch ihr Herz einmal wieder in Bewegung geraten! Und gerade der Mann hatte Eindruck auf sie gemacht, der seine Hand vergeben und den sie—Scham, Reue und Auflehnung gegen sich selbst flogen in heißen Schauern durch ihre Seele—wegen seiner Schwärmerei für eine andere so scharf zu tadeln sich unterfangen hatte.

Was sie an ihm so streng gerügt hatte, war nun ihr eigen Teil geworden.Sie beschäftigte sich in ihren Gedanken mit dem Verlobten ihrerSchwester.

Allerdings gelangte sie zu einem anderen Ergebnis, als sie sich vorstellte, sie hätte Curbières Gattin werden können. Dann schob sich doch die Gewalt des Grafen Dehn in ihre Vorstellungen. Sie erkannte, daß nur die gewaltsam herabgedrückte Leidenschaft für ihn sich geregt, daß sie zu Curbière das mit jenem Uebereinstimmende im Wesen hingezogen, daß ihr Herz unwillkürlich—ihr unbewußt—Nahrung suchend, nach diesem Ersatz gegriffen habe.

Aber diese Probe hatte sie zugleich belehrt, daß sie sich von den Räumen der Paläste fern halten mußte. Die Schmeicheleien, die den Sinnen gebotenen Reize, die parfümierte Atmosphäre wirkten auf sie.

Reine Gedanken, und durch sie die Wiedererlangung der Ruhe ihrer Seele, mußte sie zurückerlangen.

Hatte sie nicht selbst darauf bestanden, daß man ihr eine Freiheit eingeräumt, wie sie jetzt sie besaß? Sie war ihr unter schwersten Kämpfen geworden. Sie hatte geschworen, auf die Liebe eines Mannes zu verzichten, jedenfalls niemals einem Axel Dehn den Triumph zu gönnen, das Eingeständnis ihrer Liebe zu hören.

Würde sie sich nicht dem höhnischen Lächeln der wahrsagenden Besserwisser preisgeben, wenn sie plötzlich ihren Vorfällen wieder untreu wurde, gar von dem Schauplatz ihrer Thätigkeit zurücktrat?

Sprach man doch in ganz Dänemark von Grevinde Lavard! Man hatte sie schon mit der heiligen Elisabeth in Deutschland verglichen. Und ihrer armen, verdorbenen Mutter hatte sie einen stummen Schwur geleistet, sich der unglücklichen, den Verfluchungen ausgesetzten Frauen anzunehmen! Sollte sie ihn brechen? Nein, niemals!

Sie preßte gewaltsam alles in sich nieder, was ihre Entschlüsse wankend machen konnte.

Und zu all' diesen Vorstellungen gesellte sich heute wieder auch dieErinnerung an Prestö.

Noch einmal war Imgjor ihm begegnet, damals, als sie zur bleibendenUebersiedelung nach Kopenhagen unterwegs gewesen.

Sie hatte ihn mit einem jungen Mädchen, sicherlich seiner Braut, auf der die beiden dänischen Inseln verbindenden Korsörer Fähre gesehen, und da er sie nicht einmal gegrüßt hatte, waren die Gefühle der Empörung, des Schmerzes und der Gedanke, jedermann vor diesem gefährlichen Menschen zu warnen, wieder in ihr aufgestiegen.

Aber gerade das Mädchen an seinem Arm war als ein Engel zwischen ihn und sie getreten. Ihr Erscheinen hatte alle rachsüchtigen Regungen in Imgjor erstickt. Ingeborg Jensen hatte ihr damals geschrieben, hatte sie beschworen, ihrem Verlobten zu vergeben, und ihren flehenden Worten war Imgjor mit ihrem weichen Herzen erlegen.—

Fast eine Stunde hatte Imgjor schon, in solche Gedanken verloren, dagesessen. Die Geschmeide hatte sie abgethan, das Kleid von ihrem Körper gelöst. Sie glich, als ihr Blick zufällig in den Spiegel fiel, einer marmornen Psyche.

Und bevor sie ihr Lager aufsuchte, ergriff sie ein dänisches Buch, das auf ihrem Tisch lag.

"Was ist Glück?" lautete der Titel.

Was ist Glück? Ja, was war Glück? Pflichtübung führte es zunächst herbei. Aber Pflichterfüllung war auch ein dehnbarer Begriff. Mit Pflichterfüllung verband sich starke Selbstentäußerung—und sie brachte Kämpfe, die aber machten doch nicht glücklich! War sie denn überhaupt glücklich?

Sie schüttelte wehmütig den Kopf.

Nein! Es hatten die Recht behalten, deren Weisheit sie bespöttelt hatte.

Wo herrschte die größte Vernunft? Ihre Erfahrung hatte ihr darauf die Antwort erteilt: Bei denjenigen, welche die Dinge dieser Welt nicht mit Ungestüm anfassen, sondern mit besonnener Vernunft, die, ohne daß sie stumm oder laut darüber philosophieren, wissen und daran festhalten, daß Zeit und Umstände Mitordner der Dinge sind; die den guten Mittelweg einschlagen, ihn stetig beschreiten, wenn auch auf den Nebenwegen noch so viele Harfen mit süßklingenden Tönen locken; die endlich vom Tage und von den Stunden nicht mehr begehren, als sie nach Lage der Dinge herzugeben vermögen und wofür sie, die Fordernden, aufnahmefähig sind.

Sie aber, Imgjor, jagte unruhig einem von allen Vernünftigen als Phantom bezeichneten Ziele nach, erntete keinen Dank, wohl aber meistens das Gegenteil. Die Empfänger ihrer Wohlthaten hatten ihr schon oft erklärt, daß man sie ja nicht gerufen, daß sie sich aufgedrängt habe, daß man ohne sie auch und besser fertig geworden wäre!

Dann hatte sie sich hingesetzt und wie ein Kind—und immer noch ein solches an mangelnder Erfahrung—bitterlich geweint.

Ja, wie anders war die Welt der Vorstellungen und die der Wirklichkeit! Curbière hatte ihr gesagt, und aus jedem Wort hatte sie Axel Dehn sprechen zu hören vermeint:

"Wir leiden an drei Krankheiten: der einst den Frauen nachgesagten, jetzt der Männerwelt anhaftenden Eitelkeit, der Verbesserungs- und gegenseitigen Bevormundungssucht.

Die schlimmsten Verderber unserer heutigen Zustände sind diejenigen, welche, statt der Zeit ein allmähliches Reisen der Dinge anheimzugeben, sich zu Staatsverbesserern aufwerfen, den Eitelkeitsspiegel zur Betrachtung ihrer ungeheuren Weisheit und Bedeutung allezeit in der Tasche tragen, fast ausnahmslos aus diesem Grunde auch nur handeln, selbstgefällig, erhobenen Hauptes, reden, reden und wieder reden, begründen und Resolutionen fassen.

Wir besitzen die Mittel zur Verbesserung unserer Lage in nächster Nähe. Aber wir stecken so sehr im Sumpf unserer Selbstsucht, gepaart mit Verweichlichung und Genußsucht, daß wir durch künstliche Mittel ein Gleichgewicht erzwingen wollen. Zu einer Gesundung unserer Zustände können wir nur gelangen, wenn wir alle zu einfachen, natürlichen Verhältnissen zurückkehren, wenn jeder streng in seinem Wirkungskreise seine Pflicht erfüllt, erst sorgsam sein Haus bestellt und dann auch dem Nachbar hilfreich die Hand bietet, und wieder letzterer dem nächsten, also, daß jeder geduldig, wachsam und treu der Last sich fügt, die schwer oder minder schwer auf seinen Schultern ruht; wenn endlich die sozial Bedrohten von den Gegnern einer ruhigen Entwickelung der Dinge, nämlich den Sozialdemokraten, die Kunst der Einigkeit und Opferfreudigkeit erlernen, fest und unzerreißbar sich zusammenscharen und handeln, sobald Umstürzler die begehende Ordnung untergraben wollen.

Jedem Menschen gab die Natur, wie dem Tiere, die Werkzeuge zum Kampf um seine Existenz mit.

Sie soll er zunächst gebrauchen, nicht nach fremder, künstlicher Hilfe sich umschauen.

Auf Beistand von Seeschiffen rechnen, wenn man auf Auen in Kähnen fährt, ist das Beginnen von Thoren.

Was war es denn, so fragte sich Imgjor, was sich immer wieder in ihrer Seele regte und dennoch Lehren und Erfahrungen beiseite schob? Sie fand keine Antwort darauf.

* * * * *

Als sich Imgjor am nächsten Tage spät erhob und nach Erledigung einiger häuslichen Pflichten an ihren Schreibtisch ging, fand sie zu ihrer Bestürzung, daß sie bestohlen worden war.

Es fehlten mehrere hundert Kronen, die sie beiseite gelegt hatte, um einen beim Zoll angestellten, schwer heimgesuchten Familienvater zu unterstützen.

Der Diebstahl mußte während ihrer Abwesenheit am gestrigen Abend vollführt worden sein, und da nur ihr Aufwartemädchen ihre Zimmer betreten konnte, so mußte sie die Diebin sein.

Dies regte Imgjor abermals außerordentlich auf, besonders deshalb, weil sie diesem Dienstboten und deren Eltern sehr viele Wohlthaten erwiesen und somit Dankbarkeit, wenigstens Treue von ihr erwartet hatte.

Aber sie fand auch in ihrem Briefkasten, den sie gewohnheitsmäßig nach beendetem Frühstück öffnete, einen Brief, dessen Inhalt sie namenlos erregte.

Das Schreiben lautete:

"Nichts anderes trieb dich aus den vergoldeten Zimmern in Rankholm fort, als deine Sucht, dich breit zu machen, die allgemeine Aufmerksamkeit auf dich zu lenken. Und weshalb? Um deinen kleinlichen Ehrgeiz zu befriedigen, damit man von dir spricht, schreibt, kurz—etwas aus dir macht, die du doch selbst nichts bist. Du meinst, man durchschaue dich nicht. Aber die Welt hat scharfe Augen. Die eine Hälfte bespöttelt und belacht deine Narrheiten, die andere, die der Eingeweihten, geht mit dem Gedanken um, dem Grafen Lavard mitzuteilen, wie sein Name durch dich verunehrt wird.

Solche Emanzipierte wie du gehören in eine Korrektionsanstalt. Du die Welt reformieren? Du der Not und dem Elend ein Ende machen? Stille deinen eigenen Jammer! Denn man weiß es, du hast genug mit dir zu thun, und man weiß auch—warum! Also mache ein Ende mit der Komödie und mit den bezahlten Zeitungsartikeln, die auf deine Verherrlichung abgesehen sind!

Kehre dahin zurück, woher du gekommen bist, ehe du notgedrungen dieFlucht ergreifen mußt!"

Imgjor saß während einer längeren Zeit wie gelähmt da. Das war die stärkste Infamie, die ihr bisher geworden. Und wenn's auch vielleicht aus derselben Quelle stammte, aus der ihr die übrigen Kränkungen gekommen waren, so wurden doch durch solche Wahrscheinlichkeit ihre unruhvollen Vorstellungen nicht beseitigt.

Die Augen wurden ihr durch dieses Schriftstück völlig geöffnet. So urteilte also die Masse; solche Motive schob sie ihr unter!

Und das war so entsetzlich, daß sie sich hätte in diesem Augenblick tief in die Erde verkriechen und nie wieder zum Vorschein kommen mögen.

Fort, fort, nur fort aus Kopenhagen mit seinem Undank, seiner Mißgunst und Niederträchtigkeit! Zurück nach Rankholm, wo die weißen Tauben um die hohen Türme der Einsamkeit flatterten, wo Ruhe, sanfter Friede herrschten, wo es kein widerwärtiges Jagen und Haschen nach Geld und Stellung, wo es noch einfache Verhältnisse gab; wo man ohne erst Anhöhen vor der Stadt zu gewinnen, die Sonne in ihrer unschuldigen, hehren Schönheit aufsteigen und niedersinken sah, wo der Mond die stillen Wege versilberte, auf denen sie, ein glückliches, von den Wirren der Welt unberührtes Kind, einhergewandelt war! Ah! Das Brüllen der Rinder, das Wiehern der Pferde, die reinen Laute des Landes, die anheimelnden Düfte, der kräftige Erdgeruch; ihr Zimmer oben im Turm, mit einer Aussicht in eine Welt, die nicht schöner gedacht werden konnte, in der Menschen wohnten, gute, treuherzige, dankbare, keine schlechten wie hier!—

Aber auch dieser Sturm ihres Innern ging vorüber, und Imgjor gelangte zu anderen, zu den alten Entschlüssen.

Sie wollte fortfahren, in die Häuser der Armen zu gehen, und trotz aller Anfeindungen versuchen, nicht in dem zu erlahmen, was sie sich einmal als Lebensaufgabe gewählt hatte. Am nächsten Tage wollte sie in Sommerlyst einem Vortrage beiwohnen, den ein aus Schweden herübergekommener Reformator Kollund, ein früherer Geistlicher, halten würde. Ja, dazu war sie entschlossen!—

Es war am folgenden Abend. Schon seit einer Stunde hatte Kollund, der einstige Geistliche und jetzt den neuen Ideen mit feurigem Eifer huldigende Wanderprediger seinen Vortrag beendet, hatte der stets nach solchen Verheißungen hungernden Welt erklärt, daß Christus im Grunde nichts anderes gewollt, als was sie selber jetzt in größerer Gemeinschaft anstrebten. Auch er habe gesprochen: "Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid!" und nur durch praktisches Christentum seien die Not und das Elend aus der Welt zu schaffen. Seine Worte hatten Imgjor deshalb noch mehr ergriffen als alle diejenigen seiner Vorgänger, weil sie von dem reinsten Enthusiasmus getragen und weil sie von jener Selbstlosigkeit durchhaucht schienen, die ihr selber eigen war. So sehr hatte sie das bleiche Erlöserangesicht des Redners angezogen, daß sie auch nach Beendigung des Vortrages in Sommerlyst blieb. Sie hatte sich ihm vorgestellt und ihm gesagt, wer sie sei. Und dann war sie mit ihm in eine Laube des Gartens getreten und hatte hier, umfächelt von den sanften Lüften der Frühlingsnacht, ihre Gedanken mit ihm ausgetauscht.

Sie sei im Begriff, zu erlahmen, hatte sie ihm, unter den Eindrücken der letzten acht Tage, mit einer Offenherzigkeit gestanden, als ob sie ihn lange Jahre gekannt, ihm schon immerdar ihr Vertrauen geschenkt habe.

Und der Mann, ein unerschütterlich Ueberzeugter, hatte das Haupt mit einer Miene bewegt, als ob er nicht zu hören brauche, als ob er ohnehin wisse, was in ihrer Seele sich vollziehe.

"Mir ging es wie Ihnen, Komtesse," erklärte er. "Ich habe wohl hundertmal alles wieder beiseitewerfen, habe verzagen wollen.

Ich habe so viel Undank und so viele Nichtswürdigkeiten erfahren, daß ich im Zorn aufgeschrieen und in die Worte ausgebrochen bin:

"So helft euch selbst! Ihr verdient es nicht, daß ein ehrliches Menschenkind auch nur einen einzigen Schritt für euch thut! Ihr seid Riesen im Nehmen, im Empfangen und in der Selbstsucht, und kleiner als Ameisen in der Erkenntnis dessen, was ihr euch selbst schuldig seid, welche Dankpflichten ihr denjenigen zollt, die sich in eure Dienste stellen!

Mit dem Essen wächst euer Appetit bis ins Ungemessene. Ihr fordert zuletzt, wo ihr zu bitten habt.

Vor Monaten blieb eine Frau, der ich täglich Nahrungsmittel gespendet, plötzlich aus. Als ich ihr begegnete und sie fragte, weshalb sie nicht mehr komme, erwiderte sie mir in einem geringschätzenden Ton:

Es sei ihr das Essen bei mir nicht mehr gut genug. Sie verkehre jetzt in dem Hause eines Großkaufmanns und empfange dort andere, sehr viel bessere Speise.

Ich hatte auf der Zunge, ihr zuzurufen:

"Sie soll dirnichtwerden, du Unverschämte! Ich werde jenem melden, welch' eine Unwürdige du bist!"

Aber ich gedachte des Elends, das dann vielleicht wieder eintreten würde, und verwandelte Zorn in Milde. Ich sprach auf sie ein und hielt ihr vor, auf welchem verkehrten Wege sie sei. Denn das ist unsere Aufgabe! Nicht zürnen, gar rächen, vielmehr vergeben, anleiten, durch sittliche Förderung des einzelnen Samen streuen für eine allmählich aufgehende, kräftige Frucht. Und glauben Sie:

So niederträchtig die Welt sich oft durchweg giebt, so ungerecht, so einseitig, sie meist urteilt, so birgt sie doch auch Edeldenkende. Es giebt ein sich an Wahrheit und Wirklichkeit haltendes Urteil, und das und das Eintreten jener Gerechten wird am Ende siegen.

Im allgemeinen hat die Welt einen sehr feinen Orientierungssinn, sie weiß sehr wohl zwischen den Wertvollen und Wertlosen zu unterscheiden.—

Harren Sie also aus! Schon leuchtet der Name der Grevinde Lavard durch die nordischen Lande. Daß sie Anfechtungen zu bestehen hat, daß man sie entweder eine Närrin oder eitle Abenteuerin schilt, das ist ein Los, das sie mit allen teilt, denen ein höherer Geistesflug innewohnt, die sich nicht damit begnügen, blos zu sein."

Imgjor hatte dem Redner mit Begeisterung zugehört. Sie fing jedes Wort, das über seine Lippen ging, wie ein Evangelium auf. So schön, so verklärt waren seine Züge! Ueber der bleichen Stirn hing, gleichsam als Kennzeichen der Gleichgiltigkeit gegen alles Aeußerliche, eine Locke des schwarzen Haares, in seinen dunklen Augen glühte das Feuer der Ueberzeugung, und über ein krankes Hüsteln, das seine Rede unterbrach, sprach er mit jener milden Ergebenheit, die den Märtyrern eigen.

"Ich schaffe, so lange ich es vermag. Will der Schöpfer, daß ich aufhöre, so wird er seine Gründe haben, und einen anderen, Befähigteren, Stärkeren senden."

Jetzt, in seiner Nähe, unter seinem Einfluß lehnte sich Imgjor wieder einmal gegen die nüchterne Ueberlegenheit eines Axel Dehn, eines Marquis von Curbière auf.

Es war sehr bequem, zu sprechen, wie sie es thaten.

Allmählich würde, nach ihren Worten und Ansichten, vom steten Regen der Zeit benetzt, der Felsen der zu großen Ungleichheiten zerbröckeln! Aber eben der Regen sollte wirken, damit auf dem Platze, wo das Gestein ruhte, fruchtbares Land sich aufthue! Selbst wollten sie sich nicht rühren, die Muskeln nicht anstrengen!

In ihm, dem Prediger Kollund, saß das, was einem Christus, einen Mahomed den Stab in die Hand gedrückt. Er war der berufene Vorkämpfer für die neue Lehre. Endlich hatte sie ihn gefunden.

Nachdem Imgjor mit Kollund verabredet hatte, daß sie sich noch einmal wiedertreffen wollten, nahm sie allein den Weg von Sommerlyst zu Fuß zurück. Ihre Wohnung lag in der Nähe des Rosenberger Schlosses in der Kronprinzeßgade.

Als sie nach einer sie stark beschwerenden Wanderung an die Ecke dieser und der Gothergade angelangt war, trat plötzlich ein junger Mensch auf sie zu und redete in sehr zudringlicher Weise auf sie ein. Und als sie ihm durch rasches Forteilen zu entrinnen suchte, war er ebenso schnell nochmals an ihrer Seite, wiederholte, die menschenleere Gegend benutzend, seine Anträge, und umfaßte, trotz Imgjors äußerstem Widerstand, ihren Leib.

"Sie sind doch Grevinde!" flüsterte er, sie fester und fester an sich ziehend. "So gewähren Sie doch einem armen, sehnsüchtigen Menschen auch einmal eine glückliche Stunde. Andere dürfen es! Warum wollen Sie es mir versagen? Ach, wie schön Sie sind! Ich sah Sie mit Kollund sitzen. Der Glückliche!

Ich bitte, mein süßes Kind—komm mit—komm mit auf die Bank! Laß uns plaudern. Höre, wer ich bin, und wisse, ich bin deiner wert!"

Imgjor fehlte der Atem und es versagten ihr die Worte. Sie wollte schreien, Hilfe rufen und vermochte es nicht. Mit ungeheurer Kraft hob er sie empor, trug sie in das Innere des Parkes und verschwand mit der Halbohnmächtigen unter den Bäumen.

* * * * *

Im Rankholmer Palais saß in seinem dreifenstrigen durch den Anstrich sanfter Pfirsichfarben reizvoll gehobenen und mit alten Ovenschen Gemälden und seltenen nordischen Möbeln geschmückten Arbeitsgemach Graf Peder Lavard und rauchte aus einer kostbaren Meerschaumpfeife. Dem silberbeschlagenen Kopf entstiegen in blauen Ringen emporschwebende, einen verführerischen Duft verbreitende Wölkchen, und ein Ausdruck ausnehmender Behaglichkeit haftete in den Zügen des Besitzers des Schlosses.

Ihm gegenüber, in einen hohen Sessel aus dem sechszehnten Jahrhundert zurückgelehnt, plauderte der Marquis von Curbière, der heute einen schneeweißen Anzug aus einem Pariser Magazin trug, und nun eben eine kleine, dünne Cigarette durch rasche Berührung mit einer brennenden Wachskerze entzündet hatte.

Die Herren unterhielten sich über eine am kommenden Tage bei HofeStattfindende Festivität, zu der, mit Ausnahme von Imgjor, sowohl dieFamilie Lavard, wie auch der Marquis, nach vorangegangener Einzeichnungseines Namens in das in dem königlichen Vorzimmer ausgelegte Meldebuch,Einladungen empfangen hatten.

Und eben, daß man Imgjor ausgeschlossen, daß man, wie stets, von ihr gar keine Notiz genommen hatte, brachte das oft erörterte Thema ihrer Emanzipation von neuem in Fluß, ließ die Herren überlegen, durch welche Mittel man sie endlich von ihren Abenteuerlichkeiten kurieren könne. Umsomehr beschäftigte sich die Familie mit Imgjor, als einige Vorfälle der letzten Zeit auch ihren Namen wieder in sehr unliebsamer Weise in die Oeffentlichkeit gebracht hatten.

Immer stand Graf Lavard unter der Befürchtung, daß seinen guten Beziehungen zum Hofe durch Imgjors Verhalten ein Abbruch geschehen könne. In den Zeitungen war mitgeteilt worden, daß der frühere Geistliche Kollund in Sommerlyst einen von Tausenden besuchten Vortrag gehalten und daß die bekannte Grevinde Lavard demselben nicht nur von Anfang bis zu Ende beigewohnt und ihm sehr lebhaft Beifall gezollt, sondern auch noch mit dem Redner später lange Nachtstunden allein konferiert habe.

Und am nächsten Tage hatten dieselben Zeitungen zu erzählen gewußt, daß ein Anfall auf die Komtesse verübt sei.

Nach jenem Vortragsabend sei sie unvorsichtigerweise allein nach Hause geschritten und, in der Nähe des Rosenborger Parkes angelangt, von einem Strolch, dessen Familie sie viele Wohlthaten erwiesen habe, überfallen und übel zugerichtet worden. Sie liege an einem Nervenfieber darnieder und werde von einer barmherzigen Schwester gepflegt. Auch ihre Angehörigen weilten täglich an ihrem Lager.

Seit dieser Zeit waren drei Wochen vergangen. Imgjor war wieder aufgestanden und hatte sich erholt.

Bei einem Fest beim Premierminister, dem die königliche Familie beigewohnt hatte, war zwar der König dem Grafen und seinen Angehörigen sehr gnädig begegnet, aber es waren doch auch zum erstenmale Worte gefallen, die seine Ansichten über die junge Gräfin Lavard sehr deutlich hatten zu Tage treten lassen.

"Ich bedaure, lieber Graf, daß die Komtesse von einem solchen Unfall betroffen worden ist. Aber ich würde es nicht nur in ihrem, sondern eben so sehr im Interesse der Familie halten, wenn sie sich solchen Extravaganzen nicht aussetzte, überhaupt ihrem Enthusiasmus einige Zügel anlegte. Der Polizeipräfekt meldet mir, daß nun auch sie einen öffentlichen Vortrag zu halten die Absicht hat. Suchen Sie das mit allen Mitteln zu verhindern. Ich rechne darauf. Dergleichen paßt sich nicht für das Mitglied einer dänischen Adelsfamilie. Wo kommen wir hin, wenn von dort schon solche Beispiele ausgehen!"

Während die Anwesenden noch sprachen, meldete Frederik, daß KomtesseImgjor soeben ins Schloß getreten wäre, zudem benachrichtigte er dieHerrschaften, daß das zweite Frühstück serviert sei.

Unmittelbar darauf trat auch schon Imgjor ins Zimmer, schritt mit der Miene sanfter Unterordnung auf ihren Pflegevater zu und reichte dem Marquis mit jenem süßen Blick die Hand, den sie allen denen gönnte, die sie lieb hatte. Aber auch Lucile erschien, und da war's, als ob nun erst die volle Schönheit die Welt erhelle.

Sie glich der Versinnbildlichung des eben eingezogenen blühendenSommers! Ein weißes, seidenes Gewand umschloß ihren Körper, eine gelbeund eine weiße Rose saßen in ihrem nach Empire-Art hochfrisierten Haar.Sonst trug sie keinen Schmuck.

"Ah, wie schön du heute wieder aussiehst, meine Lucile!" flüsterteCurbière, voll Bewunderung seine Braut umarmend.

Und während er sie noch mit anderen schmeichelnden Worten überschüttete, sprach der Graf, seiner Tochter Imgjor mit liebenswürdiger Zuthunlichkeit den Arm reichend, auf diese ein.

"Ich möchte dich nachher sprechen, Imgjor. Nach dem Frühstück, ehe du das Palais wieder verläßt, gehen wir noch einmal zu mir hinüber—"

Die Gräfin warf ihr beim Eintritt in den Speisesaal, wohin sie sich inzwischen begeben, einen von einem vertraulichen Lächeln begleiteten, guten Blick zu, auch umarmte sie Imgjor bevor sie sich an der Tafel niederließ.

Es wurde ein zu unternehmender Wagen- und Reitausflug nach Skodsborg besprochen. Die Herrschaften wollten auf der Rückkehr in Klampenborg speisen. Imgjor wurde von den Ihrigen ebenfalls aufgefordert, wich aber aus.

"Stimmen Sie doch zu, schöne Schwägerin!" ermunterte sie Curbière liebenswürdig. "Lassen Sie einmal die Kittelleute für sich selbst sorgen! Erinnern Sie sich, wie sie Ihnen jüngst begegneten, und vergessen Sie nicht, daß Sie auch Pflichten gegen die Ihrigen haben."

"Ich würde sehr gern teilnehmen"—entgegnete Imgjor, bei der Hitze die Aermel ihres Kleides etwas zurückgreifend und so ihren reizenden Arm freigebend—"aber ich will in diesen Tagen einen öffentlichen Vortrag halten, und da brauche ich alle meine Zeit äußerst notwendig."

"So halten Sie ihn nicht! Das Sternbild des Bären wird nicht vom Himmel herabfallen, wenn die Welt sich dessen entraten muß. Glauben Sie denn wirklich, daß dergleichen einen praktischen Nutzen hat?"

"Ich hoffe es, lieber Armand."

"Und welchen?"

"Daß die Menschen zum Nachdenken gelangen."

"Aber wir haben ja die vielen Orte, die stillen Kämmerlein undlauschigen Plätze in der Einsamkeit der Gottesnatur, wo dieErdenbewohner selbst dergleichen üben können! Wir haben zudem all' dieKirchen und die vielen Prediger—"

Imgjor zog die Schultern.

"Liegt nicht eigentlich eine Vermessenheit darin, fortwährend andere belehren zu wollen, Imgjor?" fuhr er fort. "Wär's nicht besser, jeder verwendete seine Zeit auf sich? Jeder hat's dringend nötig! Ich wiederhole früher Gesagtes."

"Ja, darin liegt etwas! Ueberhaupt haben Sie wohl von ihrem Standpunkt aus auch recht. Ich kann aber nicht anders, als nach meiner Natur handeln. Ist's nicht schon viel wert, wenn es mir gelingt, einige Mißgeleitete umzuwandeln?"

"Das ist—pardon!—die stete Rede aller derer, die es für erforderlich halten, die Menschen fortwährend auf Tod und Sterben und Buße hinzuweisen, anstatt sie das Leben lieben zu lehren, sie zur Lebensfreudigkeit anzuhalten, ihnen ein heiteres, sorgloses Gemüt zu verschaffen, sie dadurch zu stählen, dem Dasein zu begegnen, so dem Schöpfer wohlgefällig zu sein. Nichts Widersinnigeres als das Asketentum, nichts, was Gottes Absichten weniger entspricht! Er schuf die Sonne und die Helle zum Gedeihen der Welt, uns zur Freude und zum fröhlichen Genießen. Und wir? Wir verwandeln seine schöne Erde in ein Jammerthal, durch das wir gezwungen hindurchgehen müssen, in einen Kerker, in dem wir lebenslänglich zu schmachten verurteilt sind. Wie kleinlich machen wir den großen Geist. Wie sehr beweisen wir durch unsere Auffassung von der Gottheit, wie wenig wir jemals über sie nachgedacht, geschweige ihr innerstes, jedes Geschöpf mit grenzenloser Liebe, Güte und Nachsicht umfassendes Wesen ergründet haben. Verdammen wir nicht den Lehrer, der immer nur danach ausschaut, ob die Kinder fehlen, ihnen ihre Bewegungen beschneidet, sie stetig in solche Fesseln spannt, die der Natur des freigeborenen Geschöpfes widerstreben; der fortwährend mit Strafen und Vergeltung droht, der ihnen immer nur zuruft: "Bedenket, daß der Zeugnistag erscheint!" Und so fort und so fort bis zum Abgang? Und nun behängen wir gar das erhabene Wesen mit solchen Eigenschaften! Wahrlich, man weiß nicht, ob man über solche Verblendung weinen, oder ob man sich gegen solche Anmaßung der Auslegung des göttlichen Wesens empören soll!"

"Sie sprechen—" entgegnete Imgjor voll Begeisterung, "für eineNeugestaltung unserer religiösen Anschauungen. Der geistig höherStehende gelangt, und sicher mit Recht, zu solchen. Wir haben es abermit der breiten Masse zu thun, die an dem Alten hängt und für welche dieLehre von Himmel und Verdammnis geeigneter ist. Was ich vorhabe, ist jaauch etwas anderes. Ich will reden über die Gleichberechtigung derMenschen zum Zweck eines glücklicheren Erdenlebens, über die Mittel, dasLos der Armen zu verbessern, über die Pflicht der Großen, dazu nachKräften beizutragen! Ich will praktische Religion predigen!"

"Ich möchte, daß du diesen öffentlichen Vortrag nicht hieltest, ja, ich wünsche unter allen Umständen, daß es unterbleibt, Imgjor!" fiel nun der Graf ein. Er that's, nachdem eben die Dienerschaft das Zimmer verlassen hatte.

"Der König sprach mich in diesen Tagen darauf an, daß du dergleichen vorhabest. Er forderte von meiner Loyalität, daß ich es dir verbieten möge."

"Deine Loyalität sollte dich eher bestimmen, mir beizupflichten, lieberPapa!" fiel Imgjor ein. "Ich predige nicht den Umsturz; ich will nur aufGrund des Bestehenden reformieren. Und je eher und besser uns dasgelingt, um so sicherer werden sich gerechte Fürsten ihr angestammtesErbteil bewahren."

"Wir wollen uns gegenseitig keine Kathedervorträge halten, Imgjor. Du kennst meine Ansichten und in diesem speziellen Falle jetzt meinen unbedingten Willen. Da ich dir in so vielem nachgab, darf ich wohl auch auf einen Gegendienst rechnen. Ich erwarte, daß du noch heute die Schritte unternimmst, deinen Vortrag rückgängig zu machen. Ich werde dagegen dafür sorgen, daß die Zeitungen eine berichtigende Notiz bringen."

"Das kann nicht sein," erklärte Imgjor. "Sage dem König, daß ich fürder nicht mehr öffentlich sprechen will. Diese Abrede aber vermag ich nicht mehr rückgängig zu machen—unmöglich!"

"Was heißt: kann—unmöglich, wenn ich es erbitte, wenn ich es wünsche, wenn ich es will?" rief der Graf, dem, wie so oft, jählings die Geduld riß. Er sprang empor und schlug mit einer Heftigkeit auf den Tisch, daß die Gläser zitterten. "Welch' grenzenloser Egoismus, immer nur das Ich sprechen zu lassen, niemals sich erinnern zu wollen, daß es Dankgefühle, daß es Familienrücksichten giebt! Hast du noch nicht genug? Willst du abermals Scenen, wie die im Rosenborger Park, sich wiederholen lassen, deren noch böseres Ende nur ein gnädiger Zufall verhinderte? Findest du gar Lust daran, dich solchen dich entwürdigenden Dingen auszusetzen, da du dich nun abermals öffentlich, wie eine Harfenspielerin, dem allgemeinen Anglotzen preisgeben willst? Wahrlich, es scheint fast so! Eitelkeit, Eitelkeit bisher! Und nun gar die Sucht nach Beifall auf Kosten der weiblichen Würde!"

"O, halt! Halt!" rief das in ihrem Innern tief betroffene junge Geschöpf. Sie flog, ihre Gestalt straff emporreckend, vom Stuhl und richtete herausfordernde Blicke auf den Grafen. "Daß du das sagst—mir—"

Aber wie einst, schnitt er ihr die Worte ab, sprang auf sie zu, packte ihre Handgelenke und rief, während ihm ein heißsprühender Atem aus der Brust quoll: "Ja, das sage ich dir, ich, der Graf Lavard! Willst du dich meinem Willen nun fügen? Willst du erklären, daß du von dem Vortrage abstehst? Noch einmal nein, oder—"

Aber jetzt hielt es auch Curbière, der bisher bleichen Angesichts dagesessen und nur durch seine Mienen an den Tag gelegt hatte, was er bei dieser Scene empfand, nicht länger. Blitzschnell war er an beider Seite, richtete einen bittenden Blick auf den Grafen und suchte ihm Imgjor mit sanfter Bewegung zu entreißen.

Aber auf den bis zur Raserei entflammten Mann übte dieses kavaliermäßigeDazwischentreten gerade den entgegengesetzten Eindruck.

"In meine häuslichen Angelegenheiten erbitte ich keine Einmischungen! Ich muß aufs dringendste bitten!" stieß er in einem schroff entschiedenen Tone heraus, schob auch die Gräfin, die zu vermitteln suchte, kurz und rauh zur Seite und faßte Imgjors Handgelenke nur noch fester.

Aber nun wußte Imgjor selbst das Schauspiel zu beenden. Indem sie sich mit einer plötzlichen Bewegung befreite, sodann an die Thür eilte und hier, um sich einen ungefährdeten Abgang zu sichern, mit der Linken die Klinke faßte, sagte sie:

"Ich kann nicht, Papa! Ich kann nicht, weil ich nicht alleiniger Herr meiner Handlungen bin, weil ich mein Wort gab. Aber ich will mich in anderer Weise dir fügen. Ich verzichte von heute an auf alle Rechte, wie immer sie heißen mögen, auf die Rechte, deinen Namen zu tragen und auf materielle! Ich werde mich fortan nennen, wie mein Vater hieß. So wirst du befreit von der, die dir doch nur Schande macht, so streifst du die Verantwortung für ihre Handlungen von dir ab. Verzeih' mir! Ich bitte dich flehentlich! Nie werde ich vergessen, was du, was ihr alle Gutes an mir gethan! Aber ich kann nicht anders. Jeder hat seine Eigenart und besitzt ein Recht darauf. Auch ich muß meiner Natur folgen—Adieu! Adieu! Nochmals Adieu! Vergebt mir!"

Nach diesen Worten verließ sie mit einem entschlossenen Blick dasGemach.

* * * * *

In einem Hinterzimmer des Wirtshauses in der Nähe des Tivoli saß an demselben Abend der Wanderprediger Kollund mit Imgjor Lavard. Sie hatte ihm geschrieben, daß sie ihn sprechen wolle, und er hatte geantwortet, daß er sich am Abend, nach einem Vortrage in der Umgegend, zu ihrer Verfügung halte.

Nun eben hatte er den Kellner gerufen und Speisen und Getränk gefordert, während sie, nach ihren Wünschen befragt, ihn nur eine Flasche Selterwasser zu bringen ersuchte.

Sie besaß weder Hunger noch Durst. Ihr verlangte lediglich nach Aussprache, nach Förderung ihrer während des Tages zu immer stärkerer Reise gelangten Pläne. Sie wollte, wie er, das Land durchziehen, aber sie wollte sich nicht mit Vorträgen begnügen, sondern mit allen Mitteln dahin wirken, daß in jeder Stadt, in jedem Flecken und jedem Dorfe ein Wohlfahrtsverein begründet werde.

Diese sollten sich als Aufgabe stellen, eben das ins Leben zu rufen, was sie einst mit Prestö geplant hatte.

Da sie sich nun der Fesseln entledigt, da sie keine Rücksichten auf ihre Familie mehr zu nehmen hatte, wollte sie wieder die größeren Ideen zu verwirklichen suchen.

Vielleicht würde Kollund ihr Partner werden, vielleicht fand sie bei diesem, von den reinsten Absichten erfüllten Volksfreunde eine Unterstützung ihrer selbstlosen Bestrebungen.

Er hörte ihr auch, ohne sie zu unterbrechen, zu. Seine Augen hingen an den ihrigen, als ob ihn eine Verzauberung ergriffen habe. Seine mageren Hände griffen immer wieder nach der Flasche. Oft holte er tief Atem. So beschwert schien er, daß sie einigemale besorgt fragte, ob ihn etwas schmerze.

"Nein, nein, nichts, gnädige Komtesse. Ich bitte, fahren Sie fort!"

Bisweilen schien's auch während des Zuhörens, als ob er in eine ArtVerzückung geriete, als ob er sich durch ihre Rede so in die Welt derWirklichkeit hineinversetzt habe, daß ihm schon alles Thatsache gewordensei.

Und das Ende war, daß er ihr begeistert zustimmte, sich bereit erklärte, fortan mit ihr gemeinsam die Lande durchziehen und ihre von ihm gutgeheißenen Pläne ins Werk setzen zu wollen.

"Sehen Sie, Komtesse! Mir fehlten ja nur die Mittel, die Sie besitzen! Ich mußte mich auf meine Ansprachen beschränken. Von dem Entree, das ich erziele, soll ich leben und muß ich meine Reisen bestreiten. Sie haben die vollen Kassen. Sie können sogar noch austeilen. Unter solchen Voraussetzungen und Eindrücken strömen die Menschen herbei. Da rechnet es sich auch die bessere Gesellschaft zur Ehre an, zu erscheinen. Ihr Name, Ihre Stellung und Ihr Reichtum ziehen. Denn Sie müssen es wissen, schließlich kommt's ja doch bei fast allen nur auf zweierlei an, auf Befriedigung der Eitelkeit und auf Erreichung von Vorteilen. Von der Sache selbst Durchdrungene giebt's kaum ein Dutzend auf eine Million!"

"Wie? Das sagen Sie, Herr Kollund?" stieß Imgjor in starker Enttäuschung heraus. "Ach! Das drückt mich tief herab. Und lassen Sie mich es Ihnen gleich sagen, daß Sie sich irren, wenn Sie meinen, ich sei noch reich, ich könne irgend etwas austeilen. Ich besitze nichts, da ich mich mit meiner Familie völlig überworfen habe! Wenn ich meinen Schmuck verkaufe—das meiste gab ich schon hin—bleibt mir höchstens die Möglichkeit, noch einige Zeit zu leben!"

Schon bei den ersten Worten Imgjors war in die Züge des Mannes ein Ausdruck von Mattigkeit getreten. Beim Schluß ihrer Erklärungen hielt er schon gar nicht mehr mit seinen veränderten Gedanken und Anschauungen zurück, zog die Lippen und schüttelte das Haupt.

"Wenn die Dinge so stehen, Komtesse, ist—ist—garnichts zu machen! Ich ging natürlich von ganz anderen Voraussetzungen aus. Bei solcher Sachlage kann ich Ihnen nicht die geringsten Erfolge Ihrer Vorhaben versprechen. Wir würden uns nur gegenseitig im Wege stehen. Jetzt vermag ich allein zu existieren; in der Folge würden wir nicht das tägliche Brot haben. Ist denn wirklich alles dahin? Ist keine Aussicht, daß Sie sich mit Ihrer Familie wieder einigen?"

"Nein," erwiderte Imgjor kalt, mit einem solchen eisigen Ausdruck, daß der Mann, der sich schon allen möglichen Träumen von Liebesglück und Erdenschätzen hingegeben hatte, nunmehr einer völligen Ernüchterung erlag.

Im Nu verschwand der bestrickende Zauber, den Imgjor auf ihn ausgeübt hatte.

Aber auch Imgjor erlitt entsetzliche Qualen der Enttäuschung, doppelte, da sie sich nicht nur in ihren Hoffnungen auf diesen Mann als Mithelfer ihrer großen Pläne getäuscht fand, sondern auch durch ihn so rücksichtslos belehrt worden war, wie nutzlos alles Mühen ohne materielle Mittel sein werde. Sie hatte sich dem unbestimmten Gefühl hingegeben, daß dieser edle Enthusiast die Herbeischaffung solcher freudig auf seine Schultern nehmen, daß er dazu auch leicht imstande sein werde. Sie, die immer aus dem Vollen geschöpft, die stets die Hand hatte aufthun können, hatte sich trotz des täglichen Einblicks in die Lebensnot der Menschheit auch in dieser Richtung eine Illusionswelt aufgebaut.

Und abermals hatte sie ebenso vorschnell, wie unweise gehandelt! Anstatt vorher zu prüfen, die Folgen ihres Vorhabens zu überlegen, hatte sie ihre Erwartungen ohne weiteres zu Thatsachen erhoben und war nun gleich bei den ersten Schritten, die sie unternommen, bis zum Fallen gestolpert.

Jetzt stand sie—in furchtbarer Klarheit kam's über sie—wirklich dem "Nichts" gegenüber. Und sie hatte sich, wenn sie ehrlich überlegte, während ihrer nun fast zwei und einhalbjährigen Thätigkeit draußen in der Welt kaum einen Freund, sondern nur Feindschaft erworben.

Die Freunde, die einzigen, die sie vorher besessen, hatte sie eben in ihrem stolzen Uebereifer von sich gestoßen. Ihren Widersachern wollte sie sich offenen Auges zugesellen und abermals mit schweren Kränkungen und schnödem Undank verbundene Lasten übernehmen. War darin ein Sinn? Hatte sie noch nicht Erfahrungen genug gesammelt? War's noch nicht genügend erwiesen, daß ihre Umgebung in allem Recht gehabt?

Und eben aus diesen gegen sich selbst gerichteten Ueberlegungen entstand jählings eine um so größere Abneigung gegen denselben Mann, dem sie noch beim Beginn des Gespräches gleichkam ihr ganzes Ich hatte verschreiben wollen, den sie als den plötzlich ihr erstandenen Erlöser betrachtet hatte. Sie konnte es nicht erwarten, die Beziehungen zu ihm abzubrechen, auch ihm die Erklärung zu geben, daß sie keinen öffentlichen Vortrag halten wolle.

Sie nahm deshalb kurz und schroff das Wort und sagte:

"Unser Gespräch hat mich belehrt, daß wir nicht, wie ich hoffte und glaubte, zu einander passen, Herr Kollund. Ich bin infolgedessen auch zu dem Entschluß gelangt, übermorgen nicht zu sprechen. Ich bitte also, die Ankündigung zurückzuziehen. Ich muß es definitiv ablehnen, öffentlich aufzutreten!"

Der Mann nickte beipflichtend, ohne sich im geringsten zu ereifern.

"Ich würde," hub er mit unangenehm wirkender Ruhe an, "dann nur um denErsatz der Kosten bitten, Geldmittel für die Inserate in den Zeitungen,für das Lokal, für die Personen, die ich zu bezahlen habe, und für dieAusfälle an Einnahmen."

"Welche Personen, welche Ausfälle an Einnahmen? Ich bitte!"

"Nun, die Stimmung machen, die mit einem Teller zum Sammeln herumgehen sollten."

"Stimmung machen, sammeln? Für was und für wen?"

"Wie Sie fragen, Gnädige! In solchen Versammlungen braucht man eineClaque, und die muß man bezahlen. Die Sammlung wird für meineBedürfnisse aufgebracht—Ich soll doch leben—ich soll doch etwaszurücklegen—"

"Gewiß, ersteres sicher! Und Sie lassen das erklären, oder Sie sagen es selbst?"

Der Mann schüttelte den Kopf.

"Nein! Das geht nicht. Dann kommt fast nichts ein! Die Beträge müssen als Agitationsausgaben für die große Sache bezeichnet werden."

"Glaubt man Ihnen denn das? Fragt man nicht, wer das Geld verwaltet, wo es bleibt?"

"Nein. Ich bin der Verfechter der großen Idee. So ist auch am besten angelegt."

"Hm—hm—aber das ist doch alles nicht ehrlich, Herr Kollund, das heißt doch nur an sich denken."

"Vielleicht! Aber es geht nicht anders, meine Gnädigste. Mit Sentimentalitäten kann man das Leben nicht anpacken. Man muß, um durchzuringen, zu den Grundsätzen der Heiligung der Mittel greifen."

"O nein, nein! Nie würde ich dazu meine Hand bieten. Verwerflich finde ich solches Ausnützen des Vertrauens, schwindlerisch eine solche Vertuschung der Wahrheit!"

"Sie sind eben noch sehr jung, meine Gnädigste! Sie meinen, daß sich hier die Welt anders bewähren soll, als sonst allezeit. Und deshalb erwarten Sie es, weil Ihre Absichten lauter sind, weil der Gegenstand Ihnen groß und erhaben däucht. Ach, wie bald, wie gründlich werden Sie belehrt werden! Die Kreatur bleibt sich in allen Lebensverhältnissen gleich. Hier, hier erst recht muß man sehr klug sein und klug handeln, um die Zwecke, die man im Auge hat, zu erreichen."

"Nun, so mag es sein! Ich will Ihnen nicht widersprechen," stieß Imgjor, ihre Empörung nur schwer dämpfend, heraus, "aber ich will jedenfalls meinen Geldbeutel dazu nicht öffnen! Ich gebe das, was das Lokal und die Annoncen kosten, ich gebe Ihnen eine Entschädigung dafür, daß Sie Ihre Zeit mir nutzlos geopfert haben. Sie mögen dann verfahren, wie Sie es zu verantworten vermögen. Ich will kein Hehler dieses Verrats und dieser Unehre sein!"

"Ich sehe Ihnen Ihre Worte nach, Komtesse, weil ich Ihrer UnerfahrenheitRechnung trage, und wünsche nun auch meinerseits diesen Teil desGespräches zu beendigen. Ich bitte nun nur fragen zu dürfen, wann ichmir den Betrag holen darf?"

"Wieviel verlangen Sie?"

"Mit fünfhundert Kronen denke ich zu reichen—"

"Fünfhundert Kronen? Unmöglich! Ich habe kaum so viel, wenn ich meinEigentum veräußere!"

"So geben Sie vierhundert. Ich will mich einzurichten, denen, die zu fordern haben, abzudingen suchen. Diese Summe muß ich aber bereits morgen Mittag von Ihrer Güte erbitten, wenn nicht für Sie sehr unliebsame Zeitungserörterungen die Folge dein sollen. Diese würden auch Ihrer Familie wohl wenig angenehm sein!"

"Gut!" hauchte Imgjor, die weißen Zähne zusammenbeißend. "Sie sollen das Geld um zwölf Uhr bei mir finden. Aber schicken Sie darnach. Mit Ihnen möchte ich nicht ferner verhandeln—"

Nach diesen Worten reckte sie sich rasch empor, warf eine halbe Krone für den Kellner auf den Tisch, griff nach Hut und Umhang und war schon mit äußerst gemessener Kopfneigung verschwunden, ehe der Mann auch nur Zeit hatte, ihr beim Anziehen des Mantels behilflich zu sein.—

* * * * *

Nachdem Imgjor ihre Wohnung betreten hatte, schritt sie mit einer gewissen Hast an den Briefkasten. Sie erwartete, einen Brief von ihrer Pflegemutter oder von Lucile zu finden. Sie hoffte es, während sie noch bei ihrem Fortgange überlegt hatte, wie sie sich den Versuchen der Ihrigen, ihren Sinn umzustimmen, zu entziehen vermögen werde.

Sie fand auch ein Schreiben und zwei Karten, aber sie waren nicht von den Lavards geschrieben.

Die eine Karte war von dem Marquis de Curbière, die andere von dem Hospitalarzt Doktor Kropp. Das Schreiben aber trug die ihr bekannte Handschrift des Direktors des Krankenhauses, Doktor Stede, der seinem lebhaften Bedauern darüber Ausdruck gab, daß Imgjor nicht mehr in das Hospital zurückkehren wolle. Er teilte ihr überdies mit, daß Doktor Kropp von dort ebenfalls seinen Abschied genommen und sie besuchen werde, um ihr eine Bitte vorzutragen.

Einen Augenblick vertiefte sich Imgjor nach Lesen dieser Zeilen in ein stilles Nachdenken, dann griff sie nochmals nach den beiden Karten.

Und da fand sie beim Umwenden auf der Rückseite der vom Doktor Kropp abgelegten die mit Bleistift geschriebenen Worte:

"Bitte, Ihnen morgen vormittag gegen zwölf Uhr wieder aufwarten zu dürfen—" und auf derjenigen des Marquis de Curbière die Notiz:

"Bedaure außerordentlich, Sie nicht getroffen zu haben! Wann darf ichSie sprechen?"

Da in diesem Augenblick das neue, von Imgjor statt der diebischen Dirne angenommene Mädchen, das Stiefkind der Witwe Holm, Gebine Holm, ins Zimmer trat, und nach ihren Befehlen fragte, wurden Imgjors Gedanken von ihren eigenen Angelegenheiten abgelenkt.

Sie hatte dem Kinde versprochen, für sein Fortkommen zu sorgen, und besaß nun selbst nichts!

Das beschäftigte Imgjor so sehr, daß sie erst Ruhe fand, als sie sich vorstellte, sie könne das junge Ding in Rankholm unterbringen.

Und dadurch wieder in ihren Vorstellungen gehoben, richtete sie einige bisher verschobene Fragen an Gebine.

"War jemand da, während ich fort war, Kind?" warf sie hin.

"Ja, gnädige Komtesse! Ein Mann wollte Sie sprechen—"

"Ein Mann oder ein Herr?—Wie sah er aus?"

"Es war—glaube ich—ein Matrose.—Ich fürchtete mich—"

Imgjor schrak heftig zusammen. Sie dachte an den Ueberfall, und unwillkürlich brachte sie den Besuch mit diesem Geschehnis in Verbindung. Als Imgjor in jener Nacht endlich die Kraft gewonnen, zu schreien, waren zwei zufällig nicht weit vom Parkeingang befindliche Nachtwächter herbeigeeilt und hatten den Strolch verscheucht. Er hatte ihr aber noch zugerufen, daß er sie von neuem zu treffen wissen werde.

"Wie sah er denn aus, Gebine? War's ein großer, starker dunkler Mann?" forschte Imgjor stark erregt.

Gebine nickte.

"Ja! Er hatte ein rotes Tuch um den Hals."

Imgjor fuhr zusammen. So war's also derselbe! Ein rotbraunes Tuch hatte jener in der Nacht getragen.

"Und was sagtest du, Gebine?"

"Ich sagte, Komtesse wären verreist. Sie kämen heut' Abend mit einemHerrn zurück, mit einem Rittmeister."

"Weshalb sagtest du das? Wie kamst du darauf?" Imgjor sprach's verwundert.

Das Kind richtete einen ängstlichen Blick auf ihre Gebieterin. Sie antwortete nicht.

"Nun? Sprich! Weshalb sprachst du von einem Rittmeister?"

"Ja—ich—hatte so schreckliche Angst—Er guckte mich so sonderbar an—und da, da dachte ich, wenn ich das sagte, dann würde er nicht wiederkommen, würde er Komtesse nicht belästigen."

Imgjor sagte zunächst nichts. Sie überlegte, ob sie Gebine schelten oder ihr für ihre Fürsorge ein Lob spenden sollte. Jedenfalls hatte sie es gut gemeint, hatte sie sehr fürsorglich gehandelt.

Endlich glaubte sie, das Rechte gefunden zu haben. Sie sprach: "In diesem Fall war deine Unwahrheit nützlich, Gebine. In der Not mag eine solche einmal erlaubt sein. Sonst aber mußt du dich strengster Wahrheit befleißigen. Nichts ist so verabscheuenswert wie die Lüge! Aus ihr entspringen alle anderen Laster.—Und noch eine Frage: Was äußerte der Mann, als du dies sagtest?"

"Er fragte, wie lange der Rittmeister bliebe, und wer er wäre."

"Und du? du? Was—entgegnetest du, Gebine?"

"Ich sagte—ich sagte—daß es Ihr Bräutigam wäre—"

"Aber das war ja abermals eine Lüge!" stieß Imgjor nun zornig heraus.

"Was sind das alles für Erfindungen—für Phantasien!—Ich bin außer mir, Gebine! Das macht mich sehr betrübt. Hast du mich auch schon belogen? Oft?—Heraus mit der Sprache! Du sagtest gestern, ich hätte dir nur eine halbe Krone gegeben, als du vom Krämer wiederkamst. Ich hätte mich geirrt. Sprich! Und ich warne dich, etwas anderes zu sagen, als die Wahrheit! War's doch eine ganze Krone? Hast du die andere Hälfte in die Tasche gesteckt?"

"O nein—nein—ganz gewiß nicht, Komtesse! Ich habe der Komtesse immer nur die Wahrheit gesagt.—Der Kaufmann schickte mich gleich wieder weg. Ich hatte das Geld in Papier gewickelt—ich hatte es gar nicht nachgesehen—"

"Kann ich dir glauben, Gebine? Sieh', Kind, wenn du mich betrogen hast—ich werde mich erkundigen—mußt du gleich zu deiner Stiefmutter zurück. Und wenn du es später thust, ziehe ich meine Hand unwiderruflich wieder von dir zurück."

Und zurücksinkend, weil von all den Eindrücken überwältigt, flüsterteImgjor: "O welche Einblicke in das Innere der Menschen,—täglich,stündlich! Wo sind die wahrhaft Reinen, Guten?" Und dann rief sie dasKind heran und sprach:

"Gewiß, ein Beispiel, wie du es im Hause hattest, Gebine, macht schlecht und entschuldigt dich eher! Aber da dir das Unterscheidungsvermögen noch nicht abhanden gekommen ist, so sage ich dir und wisse und glaube es: Nur aus dem Guten vermag Gutes zu ersprießen! Eine Weile mag's gehen, aber es kommt die Zeit, wo du dafür schwer büßen mußt, wo dich tiefe Reue ergreift, wo du alles hergeben möchtest, um Geschehenes ungeschehen zu machen! So—und nun gehe zu Bett! Weine nicht mehr! Nein, nein, ich bin dir nicht böse."

Und Gebine ging. Imgjor Lavards Gedanken aber wanderten, während sienoch dasaß, nach Rankholm, und ihr war's abermals jetzt, als ob dort einEden, ein unvergleichliches Paradies sei—in der großen Welt aber—eineHölle—

* * * * *

Am kommenden Tage verließ Imgjor schon ihre Wohnung und ging ihrenObliegenheiten nach.

Sie besuchte einige Kranke und Rekonvalescenten, sprach in dem Hause einer Witwe vor, die eine gelähmte Tochter besaß, welche auf Imgjors Kosten in ein deutsches Kurbad gesandt worden war, empfing Nachrichten über diese, die sie erfreuten, nahm auch die Dankworte der stotternden Frau entgegen und machte sich sodann nach ihrem Bankgeschäft auf den Weg, um daselbst die für Kollund erforderliche Summe zu holen.

Sie hatte augenblicklich dort nicht einmal ein Guthaben mehr, aber sie wußte, daß man ihr eine nicht zu groß bemessene Summe auch ohne ein solches aushändigen werde.

Auf dem Wege dorthin erblickte sie—und das Herz wollte ihr stille stehen—jenen Menschen, welcher sie in der mehrerwähnten Nacht überfallen hatte. Er wandte sich von einem Buchladen, vor dessen Schaufenster er gestanden, gerade wieder der Gasse zu, und nur durch einen Zufall wurde verhindert, daß er Imgjor gewahrte. Seine Aufmerksamkeit ward durch eine Equipage, deren Pferde scheu geworden, abgelenkt.

Diesen Zufall benutzte Imgjor, sich seinen Blicken zu entziehen.

Sie schlüpfte rasch in ein offenstehendes Tabakgeschäft, trat gleich zu einem tiefer im Fond befindlichen Kommis und wollte eben ein Pfund Tabak für den alten Ohlsen, den Mann der Blinden, einhandeln, als nun auch zufällig Doktor Kropp den Laden betrat.

Sehr überrascht, aber mit gewohnter Ehrerbietung sprach er auf Imgjor ein, und als sie beide den Handel erledigt hatten, bat er um die Erlaubnis, sich ihr anschließen zu dürfen.

Und Imgjor nickte bereitwillig, schritt mit ihm bis zur Landmannsbank, woselbst er auf sie wartete, und legte alsdann in seiner Begleitung den Weg nach ihrer Wohnung zurück.

Immer drehte sich das Gespräch um die Vorgänge im Hospital, und Doktor Kropp berichtete über die Gründe seines Rücktritts, die wesentlich auch die ihrigen gewesen.

Zuletzt gelangte er—eben hatten sie die Ecke der Gotersgade erreichtund wandten sich in stillschweigender Uebereinstimmung dem botanischenGarten zu—auf seine eigenen, von Stede bereits berührtenAngelegenheiten.

"Ich möchte," hub er an und richtete einen etwas verlegenen Blick aus den schwarzen Augen seines dunkelgefärbten, schmalen und etwas mageren Gesichtes auf Imgjor, "mich bei Ihnen erkundigen, ob wohl in der Grafschaft Ihres Herrn Vaters eine Landpraxis frei sein würde. Ich sehne mich aus dem hiesigen Wirrwar heraus, und ich komme darauf, weil mir vor Jahren ein früherer Universitätsbekannter, ein Herr Doktor Prestö, mitteilte, daß eine solche in dem von ihm zu verlassenen Dorfe Kneedeholm zu haben sein werde.

Wahrscheinlich hat sich inzwischen längst dort wieder ein Arzt niedergelassen, aber ich wollte mich doch vergewissern und im Fall um Ihre gütige Unterstützung bitten, Komtesse!"

"Die würde Ihnen auch, soweit meine Kräfte reichen, sehr gern zu Diensten stehen, Herr Doktor. Aber wir haben, wie sie richtig vermuten, in Kneedeholm einen Arzt, und für zwei reicht die Praxis nicht aus.

Wohl aber weiß ich, daß der schon bejahrte Physikus in der nahe gelegenen Stadt Oerebye der Thätigkeit müde ist und sich gern mit einem Nachfolger einigen würde. Vielleicht wäre das etwas für Sie?"

"Gewiß und um so besser! Ich danke Ihnen verbindlichst, Komtesse! Dürfte ich nach dieser Richtung auf Ihren gütigen Beistand rechnen? Würde mich vielleicht Ihr Herr Vater—auf Ihre Empfehlungen gestützt—mit einer solchen an den Physikus zu versehen die Liebenswürdigkeit haben?"

Imgjors Züge veränderten sich. Sie überlegte, ob sie Kropp von den inzwischen eingetretenen Vorfällen in ihrer Familie Mitteilung machen solle.

Sie schwankte aber schon deshalb, weil sie sich vor einer abermaligenEnttäuschung fürchtete.

Die furchtbaren Erfahrungen der letzten Zeit hatten ihr Mißtrauen gegen jedermann eingeflößt.

Sie hielt es nicht für unmöglich, daß auch Kropp seine Haltung ändern werde, wenn sie ihm erklärte, daß sie plötzlich ein armes, des Ansehens, ihres vornehmen Namens und Reichtums beraubtes Wesen sei.

Aber weil doch wieder ein trotziges Verlangen in ihr saß, mit allem aufzuräumen, zu wissen, was Weizen und was Spreu sei, entschloß sie sich schließlich gerade zu einer rückhaltslosen Eröffnung.

"Meine eigene Empfehlung steht Ihnen jederzeit zur Verfügung, Herr Doktor," begann sie. "Eine solche von meinem Vater vermag ich Ihnen aber leider nicht zu verschaffen. Ich bin gänzlich mit ihm auseinander. Ich lege sogar meinen Namen ab und werde fortan einen anderen tragen. Noch einige Wochen, und ich gehe für immer von hier fort! Wohin, weiß ich noch nicht. Es wird sich ein Ort finden, wo ich mir mein Brot werde verdienen können."

"Wie? In der That?" stieß Kropp in höchster Ueberraschung, aber zugleich mit einem Ausdruck heraus, der bewies, daß sich etwas anderes, daß sich eine glückselige Hoffnung in ihm regte.

"Ich bitte, ich bitte, schenken Sie mir Ihr Vertrauen! Erzählen Sie mir, wie das alles gekommen ist!" drängte er, während sie sich auf einer vor dem kleinen See befindlichen Bank niederließen.

Ehrliches Mitgefühl erfüllte ihn, Sorge und Teilnahme ließen ihn sprechen.

Und Imgjor wollte ihm auch Antwort erteilen, aber da es in diesem Augenblick bereits zwölf vom Kirchturm schlug, wurde sie daran erinnert, daß sie um diese Zeit Kollund das Geld einzuhändigen habe. Sie erhob sich deshalb sogleich wieder und gab Kropp die Erklärung, daß sie fort müsse, daß ihr jetzt die Zeit fehle. Auch am Nachmittag vermöge sie ihn, wegen ihrer Verpflichtungen gegen eine erblindete Frau, nicht zu empfangen, aber später am Abend, in ihrer Wohnung, wollte sie ihm gern alles mitteilen.

Bei den letzten Worten kamen ihr zwar Bedenken.

Ihr fiel unruhvoll auf die Seele, daß Kropps Besuch bei ihr falsch ausgelegt werden könnte, daß sich daraus neue Anschuldigungen entwickeln könnten, denen sie unter allen Umständen vorbeugen wollte.

Und als sich dann, während sie dahin schritten, weitere Erörterungen entwickelten, als Kropp erfuhr, welche Bewandtnis es mit Kollund und mit der Blinden habe, als sich herausstellte, daß Imgjor lediglich aus Mitleid der Alten die Wohnung täglich reinige und ihr vorlese, stand er plötzlich still und richtete einen bewundernden Blick auf das junge Mädchen an seiner Seite.

"Ah, welch' ein edles, selbstloses Wesen sind Sie, Komtesse! Wahrlich, man sucht Ihresgleichen vergebens! Aber wie vertrauensvoll sind Sie auch noch! Nicht einen Oer dürfen Sie dem Betrüger Kollund geben. Es ist ja alles erlogen! Die Umstände benutzt er, um Ihnen Geld aus der Tasche zu locken. Ich bitte Sie dringend, geben Sie mir die Sache in die Hand. Ich werde dem Schwindler seinen Standpunkt klar machen, ich werde ihn veranlagen, auf jeden Schilling zu verzichten! Für bessere Zwecke, für nützlichere, für sich selbst, teure, verehrte Komtesse, bewahren Sie Ihr Geld! Nun, was meinen Sie? Darf ich Ihr Anwalt sein?"

"Ich gab mein Wort, Herr Doktor! Selbst wenn Sie Recht haben—es ist vielleicht möglich—darf, kann ich es doch nicht brechen."

"Gewiß! Sie sind sogar dazu verpflichtet, solchen Schwindlern nicht noch die Wege zu ebnen! Wollen Sie glauben, daß derselbe Mensch sich mir verkauft, wenn ich ihm heute im Auftrage eines Konsortiums den Antrag Stelle, an anderen Orten Dänemarks Vorträge im entgegengesetzten Sinn zu halten? Natürlich! Gold muß die Lockspeife sein!"

"O nein, nein, für so erbärmlich, für so niederträchtig halte ich ihn nicht! Sie gehen zu weit!" rief Imgjor. "Von dem, was er lehrt, ist er überzeugt!"

"Es ist mir leider nicht möglich, Ihnen durch eine anzustellende Probe den Beweis der Richtigkeit meiner Behauptungen zu liefern, Komtesse. Es fehlen mir die Mittel. Aber ich bitte nochmals, daß Sie mir Ihre Sache zur Erledigung anvertrauen! Sagen Sie ihm, oder wenn ein Bote kommt, diesem, ein befreundeter Herr werde Herrn Kollund zur Erledigung der Angelegenheit besuchen. Ich bringe Ihnen alles in Ordnung, verlassen Sie sich darauf! Nur das Lokal, wenn solches wirklich bezahlt werden muß, und die Kosten für die Inserate werde ich ihm vergüten, und er wird sich damit zufrieden geben. Aus seiner sicher erfolgenden Verzichtleistung werden Sie schon erkennen, welch' Geisteskind er ist."

"Nun wohlan! Ja—ich will! Ich danke Ihnen! Gelingt es Ihnen, so soll das Geld denen zukommen, von denen ich weiß, daß sie dessen bedürftig sind. Und nun auf Wiedersehen! Gegen sieben Uhr erwarte ich Sie in meiner Wohnung. Wir werden dann alles besprechen, was noch der Erledigung harrt."

Nach diesen Worten nahm Imgjor von ihrem Begleiter—eben waren sie an ihrer Wohnung angelangt—mit einem freundlichen Blick Abschied.

* * * * *

Oben angekommen, sah sie einen fremden Mann im Flur stehen, und Gebine erklärte sogleich, daß er von Kollund komme. Nachdem er verständigt worden war und sich entfernt hatte, begab sich Imgjor in ihr Zimmer, um einige Zeilen an Curbière zu schreiben, und als sie den Brief eben beendigt hatte, erschien Gebine und meldete, daß ein ihr unbekannter Herr sie zu sprechen wünsche.

"Frage erst nach seinem Namen!" entschied Imgjor, von einer angenehmen Ahnung erfaßt. Sie sah forschend empor, als Gebine mit einer Karte in der Hand wieder ins Zimmer trat. Auch griff sie mit hastiger Hand danach, fand den Namen, den sie erwartet hatte, und nickte zum Zeichen ihres Einverständnisses, den Besuch empfangen zu wollen, mit dem Kopfe.

Und dann, wenige Augenblicke später, trat Curbière zu ihr ins Zimmer, küßte ihr ehrerbietig die Hand und erklärte, daß er gekommen sei, um von ihr Abschied zu nehmen. Sein Vater sei plötzlich gestorben, er, Curbière, müsse noch diesen Abend Kopenhagen verlassen, habe aber nicht fortgehen wollen, ohne Imgjor noch einmal gesehen und gesprochen zu haben.

"Lavards verlassen infolge des Trauerfalles morgen abend ebenfallsKopenhagen und kehrten nach Rankholm zurück," schloß der Marquis.

"Bevor sie gehen, möchte Lucile Sie, liebe Imgjor, sprechen, möchte mit Ihnen überlegen, ob nicht doch noch ein Weg zum Frieden zu finden ist. Allerdings—den Vortrag dürfen Sie nicht halten. Treten Sie heut' Abend öffentlich auf, ist der Graf entschlossen, sich unweigerlich von Ihnen loszusagen, und dies auch öffentlich bekannt zu geben! Ich bitte, daß Sie darin nachgeben, ja, ich beschwöre Sie, teure Imgjor, bringen Sie Ihrer Familie zu Liebe dieses Opfer!"


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